Abu l-Ghazi Bahadur Khan
Überblick
Abu l-Ghazi Bahadur Khan gehört zu den seltenen Gestalten der vormodernen islamischen Welt, bei denen politische Herrschaft, dynastische Erinnerung und literarisch-historiographische Produktion unmittelbar zusammenfallen. Er war nicht nur Gegenstand der Geschichte, sondern schrieb selbst Geschichte. Als Khan von Khiva regierte er über einen Teil des alten Choresm, eines Raumes, der seit der Antike und dem Mittelalter zwischen iranischer, türkischer, mongolischer und islamischer Kulturvermittlung stand. Als Autor griff er auf Genealogie, Stammeserinnerung, Herrschertradition und schriftliche Quellen zurück, um die Geschichte der Turkvölker, der Turkmenen, der Mongolen und der eigenen scheibanidischen Linie in eine zusammenhängende Ordnung zu bringen.
Sein kulturelles Schaffen ist deshalb nicht vom politischen Leben zu trennen. Die beiden Hauptwerke, Shajara-i Tarakima und Shajara-i Turk, sind keine neutralen modernen Geschichtsdarstellungen. Sie sind genealogische Weltentwürfe. Sie zeigen, wie Herkunft, Legitimität, Erinnerung und Herrschaft im 17. Jahrhundert miteinander verbunden waren. Die Geschichte beginnt nicht einfach mit archivalisch belegbaren Ereignissen, sondern mit mythischen, biblisch-koranischen und genealogischen Ursprüngen. Ausgehend von Adam, Noah, Japhet, Oghuz Khan, den turkischen Stämmen, Dschingis Khan und den Nachfahren des Hauses Jochi entsteht eine großräumige Genealogie, die Herrschaft als Abstammung, Erinnerung als Ordnung und politische Gegenwart als Fortsetzung heiliger und heroischer Vergangenheit deutet.
Für die Kulturgeschichte Mittelasiens ist Abu l-Ghazi besonders wichtig, weil er nicht ausschließlich im gelehrten Persisch schrieb, sondern eine zentralasiatische türkische Schreibsprache verwendete. Seine Werke gehören zur tschagataisch-türkischen beziehungsweise turkischen Literaturtradition, wobei er selbst auf Verständlichkeit und sprachliche Zugänglichkeit Wert legte. Damit steht er in einer Linie mit der Herausbildung einer schriftlichen türkischen Geschichtskultur in Zentralasien. Er macht sichtbar, dass Historiographie nicht nur in persischen Hofchroniken und arabischen Universalgeschichten, sondern auch in turksprachiger Form betrieben wurde.
Sein Werk bleibt zugleich quellenkritisch ambivalent. Moderne Forschung hebt hervor, dass seine Darstellung besonders dort problematisch sein kann, wo sie weit zurückliegende mongolische und turkische Frühgeschichte behandelt oder aus der Erinnerung geschrieben wurde. Dennoch ist sie für die Geschichte der Scheibaniden, für das Selbstbild der Khane von Khiva, für turkmenische und turkische Genealogien, für die Rezeption der Oghuz-Tradition und für die europäische Wahrnehmung zentralasiatischer Geschichte von außerordentlicher Bedeutung.
Kurzdaten
| Name | Abu l-Ghazi Bahadur Khan |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Abu'l-Ghazi Bahadur Khan; Abū al-Ghāzī Bahādur; Abū'l-Ḡāzī Bahādor Khan; Abulghazi Bahadur Khan; Ebulgazi Bahadir Han; Abulgazi Bahodirxon |
| Geburt | 24. August 1603 in Urgench beziehungsweise Organj im Khanat Khiva; der Datensatz nennt abweichend den 12. August 1603 |
| Tod | 1663 oder 1664, nach dem vorliegenden Datensatz im März 1664; in der Forschung begegnet auch Khiva 1663 |
| Historischer Raum | Choresm, Khanat Khiva, Zentralasien; heute vor allem Usbekistan / Turkmenistan zuzuordnender Kulturraum |
| Dynastischer Kontext | Arabshahidisch-scheibanidische Linie; Abstammungs- und Legitimationsbezug auf das dschingisidische Erbe |
| Ämter und Funktionen | Khan von Khiva, militärischer Herrscher, Dynast, Historiograph und Genealoge |
| Zentrale Werke | Shajara-i Tarakima und Shajara-i Turk |
| Sprache | zentralasiatisches Türkisch / Tschagataisch in einer bewusst zugänglichen, weniger ornamental angelegten Form |
Datierung, Namensformen und historische Einordnung
Die Namensform Abu l-Ghazi Bahadur Khan ist in der Forschung in mehreren Transkriptionsvarianten verbreitet. Je nach wissenschaftlicher Tradition erscheinen Formen wie Abū al-Ghāzī Bahādur, Abū'l-Ḡāzī Bahādor Khan, Abulghazi Bahadur Khan, Ebulgazi Bahadir Han oder usbekisch Abulgazi Bahodirxon. Diese Varianten ergeben sich aus unterschiedlichen Umschriften arabischer, persischer, türkischer, russischer und westlicher Namensformen. Der Ehrentitel Bahadur verweist auf kriegerische und herrscherliche Tapferkeit; Khan bezeichnet die dynastische Herrscherstellung.
Die Datierung ist mit Vorsicht zu behandeln. Zuverlässige Nachschlagewerke nennen als Geburtsdatum den 24. August 1603 beziehungsweise die islamische Datierung 16. Rabīʿ I 1012. Der hier zugrunde liegende Datensatz nennt den 12. August 1603. Diese Angabe kann als ältere oder abweichende Normform vermerkt werden, sollte aber nicht ohne Hinweis gegen die in der Fachliteratur verbreitete Datierung gestellt werden. Für das Todesjahr schwanken die Angaben zwischen 1663 und 1664; in vielen Darstellungen erscheint 1663, während andere Quellen 1663/64 oder 1664 nennen. Die Seite verwendet deshalb im Fließtext die Doppelansetzung 1663/1664 und führt im JSON-LD das vom Datensatz nahegelegte Datum 1664-03 als maschinenlesbare Normform.
Die Landesangabe „Usbekistan“ ist modern und darf nicht als zeitgenössische Staatszugehörigkeit verstanden werden. Abu l-Ghazi lebte im Khanat Khiva und im alten Kulturraum Choresm. Dieser Raum ist historisch mehrsprachig, mehrdynastisch und kulturell vielschichtig. Er gehört in die Geschichte Mittelasiens, des turkisch-mongolischen Herrschaftserbes, des Islam, der Oghuz- und Turkmenentradition sowie der persisch-arabisch-türkischen Schriftkultur. In einem modernen Kulturlexikon ist daher die Zuordnung zu Usbekistan sinnvoll, solange zugleich deutlich bleibt, dass sie eine heutige geografische Einordnung und keine historische Nationalität bezeichnet.
Lebensweg zwischen Urgench, Exil und Khiva
Abu l-Ghazi wurde in Urgench, auch Organj geschrieben, als Sohn des Khivaner Herrschers Arab Muhammad Khan geboren. Seine Jugend verbrachte er am Hof seines Vaters und in einem Milieu, in dem dynastische Erziehung, Stammespolitik, militärische Erfahrung und historische Überlieferung ineinandergriffen. Früh wurde er in Regierungsaufgaben einbezogen. Bereits um 1619 trat er als Stellvertreter seines Vaters in Kat hervor. Diese frühe politische Prägung erklärt, weshalb seine späteren historischen Werke nicht aus einer distanzierten Gelehrtenposition heraus geschrieben wurden. Er kannte die Welt der Herrschaft, der Stammesbindungen und der dynastischen Konflikte aus eigener Erfahrung.
Nach der Ermordung seines Vaters geriet Abu l-Ghazi in den Machtkampf seiner Brüder. Solche dynastischen Auseinandersetzungen waren im zentralasiatischen Khanatswesen nicht ungewöhnlich. Die Herrschaft beruhte nicht nur auf klarer Erbfolge, sondern auf militärischer Unterstützung, Stammesbündnissen, persönlichem Ansehen und dschingisidischer Legitimation. Abu l-Ghazi musste zunächst nach Samarqand fliehen, später erhielt er von seinem Bruder Isfandiyar erneut eine Position in Urgench, doch die Spannungen innerhalb der Familie und des Herrschaftssystems rissen nicht ab.
Besonders wichtig war sein Exil im safawidischen Iran. Um 1629 floh er nach Isfahan und blieb dort etwa zehn Jahre. Diese Zeit ist für sein kulturelles Profil entscheidend. In Isfahan kam er mit persischer und arabischer Geschichtsliteratur in Berührung. Er konnte schriftliche Quellen studieren und seine aus der Heimat mitgebrachten mündlichen Traditionen mit gelehrter Historiographie vergleichen. Das Exil bedeutete für ihn also nicht nur politischen Verlust, sondern auch intellektuelle Erweiterung. Der spätere Herrscherautor verbindet gerade diese beiden Wissensformen: schriftlich-gelehrte Überlieferung und lebendige turkisch-mongolische Stammeserinnerung.
| Zeit | Station | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1603 | Urgench / Organj | Geburt im Herrscherhaus des Khanats Khiva und Eintritt in eine dschingisidisch legitimierte Dynastietradition. |
| ab 1619 | Kat | Frühe Regierungs- und Stellvertreterfunktion im Auftrag seines Vaters. |
| nach 1623 | Samarqand, Urgench, Tashkent | Flucht, Rückkehrversuche und dynastische Konflikte im Umfeld der Brüderkämpfe. |
| 1629–1639 | Isfahan | Safawidisches Exil, Studium persischer und arabischer Quellen, Erweiterung des historiographischen Horizonts. |
| 1644/45–1663/64 | Khiva | Herrschaft als Khan von Khiva, militärische Konsolidierung und Förderung historischer Schriftproduktion. |
| kurz vor dem Tod | Khiva | Abdankung zugunsten seines Sohnes Anusha Muhammad Bahadur. |
Herrschaft, Politik und Kriegsführung
Abu l-Ghazi gelangte nach langen innerdynastischen Kämpfen Mitte der 1640er Jahre auf den Thron von Khiva. Seine Herrschaft war durch militärische Auseinandersetzungen, Stammespolitik und regionale Rivalitäten geprägt. Er führte Feldzüge gegen turkmenische Gruppen, gegen Kalmyken und gegen Buchara. Das zeigt, dass das Khanat Khiva im 17. Jahrhundert keineswegs ein isolierter Wüstenstaat war, sondern ein umkämpfter politischer Raum zwischen Steppe, Oase, Handelswegen, Stammesverbänden und konkurrierenden Khanaten.
Die Feldzüge gegen Turkmenen sind besonders wichtig für das Verständnis seiner genealogischen Werke. Abu l-Ghazi schrieb über Turkmenen nicht als außenstehender Ethnograph, sondern als Herrscher, der mit turkmenischen Gruppen politisch und militärisch verhandelte, kämpfte und ihre Überlieferungen zugleich in eine umfassende Ursprungserzählung einordnete. Dadurch besitzen seine Werke eine doppelte Perspektive: Sie bewahren Überlieferungen und ordnen sie zugleich in eine Herrschaftslogik ein.
Auch die Konflikte mit Buchara und den Kalmyken gehören in ein größeres zentralasiatisches Kräftefeld. Die Khane von Khiva mussten ihre Macht zwischen sesshaften Oasenbevölkerungen, nomadischen und halbnomadischen Gruppen, Nachbarkhanaten und äußeren Mächten sichern. Abu l-Ghazis kulturelle Leistung lässt sich daher auch als Reaktion auf politische Unsicherheit verstehen. Genealogie und Geschichte bieten in solchen Verhältnissen eine Ordnung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Legitimität stiftet.
Kulturelles Profil eines Herrscherautors
Das besondere kulturelle Profil Abu l-Ghazis ergibt sich aus seiner Doppelrolle als Khan und Autor. Er schrieb nicht aus der Position eines Hofschreibers, sondern als Herrscher, der seine eigene Dynastie, seine politische Welt und die größere Geschichte der Turkvölker ordnen wollte. Diese Autorschaft ist ungewöhnlich, weil sie praktische Herrschaftserfahrung mit genealogischem und historiographischem Anspruch verbindet. Er wusste, wie Macht funktioniert, und er wusste zugleich, dass Macht Erinnerung braucht.
Seine Werke zeigen ein starkes Bewusstsein für Abstammung. Genealogie ist bei ihm nicht bloß Familienkunde, sondern eine Form politischer und kultureller Welterklärung. Wer von wem abstammt, welche Stämme aus welchen Linien hervorgehen, welche Namen welche Bedeutung haben und wie die eigene Dynastie in die große Ordnung von Adam, Noah, Oghuz Khan und Dschingis Khan eingefügt werden kann, sind für Abu l-Ghazi Grundfragen der historischen Identität.
Gleichzeitig ist sein Schreiben von einem auffälligen Bemühen um Verständlichkeit geprägt. Er wendet sich nicht an einen eng begrenzten Kreis hochgelehrter Persisch-Leser, sondern an eine turksprachige Öffentlichkeit. Seine Sprache ist weniger ornamental als viele höfisch-persische oder hochtschagataische Texte. Dieses Stilideal ist kulturgeschichtlich wichtig, weil es die Funktion des Werks verändert. Geschichte soll nicht nur Autorität besitzen, sondern verstanden werden. In dieser Verbindung von Herrschaft, Genealogie und sprachlicher Zugänglichkeit liegt die nachhaltige Bedeutung Abu l-Ghazis.
Shajara-i Tarakima
Shajara-i Tarakima, die Genealogie der Turkmenen, wurde um 1659/1660 verfasst. Das Werk behandelt die Herkunft der Turkmenen und ordnet ihre Stammesgeschichte in die größere Oghuz-Tradition ein. Es greift auf ältere Stoffe zurück, besonders auf die Überlieferung um Oghuz Khan, auf genealogische Modelle, auf Rashid al-Dins Geschichtswerk und auf mündliche turkmenische Traditionen. Der Text ist damit nicht nur historische Darstellung, sondern auch ein Dokument der kulturellen Selbstverständigung.
Abu l-Ghazi schreibt über die Turkmenen in einer Situation, in der ihre politische Rolle für Khiva unmittelbar relevant war. Die Genealogie der Turkmenen ist daher keine abstrakte Stammeskunde. Sie ordnet Gruppen, Namen, Herkunftsmythen und Erinnerungen in eine verbindliche Form. Sie kann als Versuch gelesen werden, konkurrierende oder uneinheitliche Oghuz-Überlieferungen zu glätten, zu korrigieren und unter einer herrscherlich autorisierten Perspektive zusammenzufassen.
Kulturgeschichtlich ist Shajara-i Tarakima besonders wertvoll, weil es die Verbindung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit zeigt. Abu l-Ghazi übernimmt nicht nur Gelehrtenwissen, sondern bewahrt auch Erzählungen, Stammesnamen, Deutungen, Sprichwörter und genealogische Erinnerungsfiguren. Das Werk steht deshalb zwischen Chronik, Ethnogonie, Stammesbuch und politischer Ordnungsschrift.
Shajara-i Turk
Shajara-i Turk, die Genealogie der Türken, ist Abu l-Ghazis bekanntestes Werk. Es blieb bei seinem Tod unvollendet und wurde von seinem Sohn Abu al-Muzaffar Anusha Muhammad Bahadur beziehungsweise in dessen Auftrag weitergeführt. Das Werk ist in mehreren Büchern angelegt und bietet eine großräumige Abstammungs- und Herrschaftsgeschichte, die von den mythischen und religiösen Ursprüngen bis zur Geschichte der Scheibaniden reicht.
Der Text ist aus moderner quellenkritischer Sicht nicht in allen Teilen zuverlässig. Besonders die frühe mongolisch-türkische Geschichte und die Darstellung Dschingis Khans und seiner Nachfolger sind mit Vorsicht zu lesen. Dennoch besitzt das Werk hohen Wert, weil es die Selbstwahrnehmung eines dschingisidisch legitimierten Herrscherhauses sichtbar macht. Seine eigentliche Stärke liegt weniger in der modernen Faktengenauigkeit als in der Überlieferung von genealogischen Denkformen, dynastischen Erzählmustern und zentralasiatischer Geschichtskultur.
Für die europäische Wahrnehmung Mittelasiens wurde Shajara-i Turk außergewöhnlich wichtig. Das Werk gelangte früh nach Europa, unter anderem vermittelt durch schwedische Kriegsgefangene im russischen Raum. Im 18. Jahrhundert erschienen europäische Übersetzungen und Bearbeitungen, die lange das Wissen über Mongolen, Tataren, Türken und Zentralasien mitprägten. Damit wurde Abu l-Ghazi nicht nur zu einem Autor der zentralasiatischen Historiographie, sondern auch zu einer Quelle europäischer Orientalistik und Frühmoderne.
Sprache, Stil und historiographische Methode
Abu l-Ghazis Sprache ist ein zentraler Teil seiner kulturellen Bedeutung. Er schrieb in einer zentralasiatischen turkischen Schreibsprache, die häufig mit dem weiteren Bereich des Tschagataischen verbunden wird. Zugleich betont die Forschung, dass er eine bewusst verständliche Form wählte und die übermäßige Ornamentik einer schwer zugänglichen Gelehrtensprache vermied. Diese Entscheidung ist programmatisch. Sie zeigt, dass Geschichte für ihn nicht nur höfischer Schmuck oder gelehrte Spezialdisziplin ist, sondern ein Medium der breiteren kulturellen Erinnerung.
Seine Methode verbindet verschiedene Wissensformen. Aus dem persisch-arabischen Schriftgut übernimmt er universalhistorische, dynastische und genealogische Modelle. Aus der turkisch-mongolischen Tradition übernimmt er Stammeserinnerungen, Oghuz-Stoffe und mündlich tradierte Namenserklärungen. Aus der eigenen politischen Erfahrung gewinnt er Kenntnis der Scheibaniden, der Khivaner Verhältnisse und der regionalen Machtkämpfe. Diese Mischung erklärt sowohl den Reichtum als auch die Grenzen seines Werks.
Moderne Historikerinnen und Historiker lesen Abu l-Ghazi daher nicht als einfachen Chronisten, der Ereignisse nüchtern registriert. Sie lesen ihn als Autor einer genealogischen Geschichtskultur. Seine Texte zeigen, wie im frühneuzeitlichen Zentralasien Ursprung, Stamm, Dynastie, Religion, Mythos und Politik ineinandergriffen. Der Wert seiner Werke liegt nicht nur in einzelnen Fakten, sondern in der Struktur des historischen Denkens, das sie sichtbar machen.
Überlieferung, europäische Rezeption und Wirkung
Die Wirkung Abu l-Ghazis setzte schon früh über Zentralasien hinaus ein. Besonders Shajara-i Turk wurde im 18. Jahrhundert in Europa bekannt. Handschriften gelangten über russische und schwedische Vermittlungswege in europäische Bibliotheken. Übersetzungen ins Französische, Deutsche, Russische, Lateinische und Englische machten das Werk zu einer wichtigen Quelle für die frühe europäische Beschäftigung mit der Geschichte der Tataren, Mongolen und Türken Zentralasiens.
Diese Wirkungsgeschichte ist selbst kulturhistorisch aufschlussreich. Europäische Leserinnen und Leser interpretierten Abu l-Ghazis Werk oft unter Begriffen wie „Tatarengeschichte“ oder „mongolisch-türkische Genealogie“. Dabei wurden zentraleasiatische Selbstbeschreibungen in europäische Klassifikationssysteme übersetzt. Abu l-Ghazi wurde so zu einem Autor, dessen Werk nicht nur die Erinnerung der Turkvölker, sondern auch das europäische Wissen über Innerasien prägte.
In der heutigen Forschung bleibt Abu l-Ghazi wichtig für mehrere Bereiche: die Geschichte des Khanats Khiva, die Scheibaniden- und Dschingisidenforschung, die Geschichte der turkmenischen und turkischen Genealogien, die Oghuz-Tradition, die tschagataisch-türkische Literaturgeschichte, die Entwicklung turksprachiger Historiographie und die Rezeptionsgeschichte zentralasiatischer Handschriften in Europa.
Werkverzeichnis
Das erhaltene und sicher mit Abu l-Ghazi verbundene Werk ist überschaubar, aber kulturgeschichtlich sehr einflussreich. Im Zentrum stehen zwei genealogisch-historische Prosawerke, die eng miteinander verwandt, aber unterschiedlich ausgerichtet sind.
| Werk | Datierung | Gattung und Inhalt | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Shajara-i Tarakima | 1659/1660 | Genealogie der Turkmenen; Darstellung von Oghuz Khan, Stammesherkünften, turkmenischer Überlieferung und genealogischer Ordnung. | Zentrale Quelle für turkmenische Herkunftstraditionen, Oghuz-Stoffe und die Verbindung von mündlicher Erinnerung mit schriftlicher Historiographie. |
| Shajara-i Turk | unvollendet; um 1665 von beziehungsweise unter Abu l-Ghazis Sohn Anusha Muhammad Bahadur abgeschlossen | Genealogie der Türken; umfassende Abstammungs- und Dynastiegeschichte von mythischen Ursprüngen bis zu den Scheibaniden. | Wichtiges Werk zentralasiatischer turkischer Historiographie; früh in Europa rezipiert und in mehrere europäische Sprachen übertragen. |
Sekundärliteratur und Recherchewege
Die Forschung zu Abu l-Ghazi bewegt sich zwischen Orientalistik, Turkologie, Zentralasiengeschichte, Handschriftenkunde, Genealogieforschung und Literaturgeschichte. Für den Einstieg sind die Artikel der Encyclopaedia Iranica und der Encyclopaedia Britannica besonders nützlich, weil sie Lebensweg, Herrschaft, Exil, Hauptwerke und Wirkung knapp bündeln. Für vertiefte Arbeit sind ältere Editionen und Übersetzungen weiterhin bedeutsam, zugleich aber quellenkritisch zu prüfen, da sie häufig mit älteren Begriffen wie „Tartaren“ operieren.
| Autorin/Autor | Titel | Nutzen für die Recherche |
|---|---|---|
| Bertold Spuler | „ABU'L-ḠĀZĪ BAHĀDOR KHAN“, in: Encyclopaedia Iranica, Bd. I, Fasc. 3, S. 292–293 | Grundlegender Forschungsartikel zu Leben, Herrschaft, Exil, Werken, europäischen Übersetzungen und bibliografischen Anschlüssen. |
| Encyclopaedia Britannica | „Abū al-Ghāzī Bahādur“ | Kompakter Überblick zu Geburt, Herrschaft, Isfahan-Exil, Kriegen, Hauptwerken und europäischer Rezeption. |
| J. J. P. Baron Desmaisons, Hrsg. und Übers. | Histoire des Mongols et des Tatares, St. Petersburg 1871–1874 | Wichtige ältere Ausgabe und französische Übersetzung des tschagataischen Texts; für Editions- und Rezeptionsgeschichte weiterhin relevant. |
| A. N. Kononov | Studien und Editionen zu Abu l-Ghazi und zur Shajara-i Tarakima | Für turkologische Textarbeit, Sprachgeschichte und die Einordnung der turkmenischen Genealogie bedeutsam. |
| S. I. Ivanov | Rodoslovnoe drevo tyurok Abu-l-Gazi-Khana, Taschkent 1969 | Grammatische und sprachliche Untersuchung zu Abu l-Ghazis turkischem Geschichtswerk. |
| Nurlan Kabdylkhak | „Shajara-i Turk: A 17th-century Turko-Chinggisid Genealogy from Central Asia“, OpenITI, 2023 | Nützlicher moderner Einstieg in Handschriften, Überlieferung, Sprache und die Bedeutung von Shajara-i Turk. |
| Zühal Ölmez | „Šaǧara-i Turk and Mongol History“, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 2022 | Neuere fachwissenschaftliche Perspektive auf Shajara-i Turk und seine mongolisch-turkische Geschichtsdeutung. |
Für weitere Recherchen empfiehlt sich eine kombinierte Suche nach den Namensformen Abu al-Ghazi Bahadur, Abū'l-Ḡāzī Bahādor Khan, Abulghazi Bahadur Khan, Shajara-i Turk, Shajara-i Tarakima, Şecere-i Terakime und Histoire généalogique des Tartars. Besonders ergiebig sind Bibliothekskataloge mit Handschriftenbeständen, turkologische Fachbibliografien, Arbeiten zur Chagatai-Literatur, zur Geschichte Khivas und zur europäischen Orientalistik des 18. und 19. Jahrhunderts.
Weiterführende Einträge
- Arabshahiden dschingisidisch-scheibanidische Herrscherlinie, zu der die Khane von Khiva gehörten.
- Bahadur Ehrentitel für Tapferkeit und Herrscherprestige im turkisch-mongolischen Raum.
- Buchara zentralasiatisches Macht- und Kulturzentrum, politischer Gegenspieler Khivas im 17. Jahrhundert.
- Chagatai Bezeichnung für Sprach-, Literatur- und Herrschaftstraditionen im zentralasiatischen turkischen Raum.
- Choresm historischer Kulturraum am unteren Amudarja mit langer iranischer, turkischer und islamischer Prägung.
- Dschingis Khan Gründer des mongolischen Weltreichs und zentrale Legitimationsfigur dschingisidischer Herrschaft.
- Dschingisiden Nachkommen Dschingis Khans, deren Abstammung in vielen zentralasiatischen Khanaten Herrschaft legitimierte.
- Genealogie Form der Abstammungsordnung, die in vormodernen Herrschaftskulturen politische Legitimität stiften konnte.
- Geschichtsschreibung schriftliche Ordnung von Vergangenheit zwischen Chronik, Dynastiegeschichte, Universalgeschichte und Erinnerungskultur.
- Hamasa arabische Anthologietradition als Vergleichsfall vormoderner Auswahl-, Erinnerungs- und Kanonbildung.
- Handschrift materielle Überlieferungsform vormoderner Texte vor und neben dem Buchdruck.
- Historiographie theoretische und praktische Form historischer Darstellung in verschiedenen Kulturkreisen.
- Isfahan safawidische Residenzstadt und wichtiger Ort von Abu l-Ghazis Exil und Quellenstudium.
- Japhet biblisch-koranische Herkunftsfigur, die in genealogischen Weltgeschichten zur Ordnung von Völkern verwendet wurde.
- Jochiden Nachkommen Jochis, des Sohnes Dschingis Khans, mit zentraler Bedeutung für die Goldene Horde und die Khanate Zentralasiens.
- Kalmyken westmongolische Gruppen, die in Abu l-Ghazis politischem Umfeld als militärische Gegner erscheinen.
- Khan Herrschertitel des turkisch-mongolischen Raums mit dynastischer und politischer Bedeutung.
- Khanat Khiva zentralasiatisches Khanat in Choresm und wichtigster Herrschaftsraum Abu l-Ghazis.
- Khiva Oasenstadt und politisches Zentrum des Khanats im frühneuzeitlichen Zentralasien.
- Mittelasiatische Literatur vielsprachiger Literaturraum zwischen Persisch, Arabisch, Turkisch, Mongolisch und lokalen Traditionen.
- Mongolen historische und genealogische Bezugsgröße in Abu l-Ghazis Darstellung von Herrschaft und Abstammung.
- Oghusen turkische Stammes- und Herkunftstradition, zentral für die Genealogie der Turkmenen.
- Oghuz Khan legendärer Ahnherr vieler turkischer Herkunftserzählungen und Schlüsselgestalt der Shajara-i Tarakima.
- Oralität mündliche Überlieferungsform, die in Abu l-Ghazis Werk mit schriftlicher Historiographie zusammentrifft.
- Orientalistik europäische Forschungs- und Übersetzungstradition, durch die Abu l-Ghazis Werk seit dem 18. Jahrhundert rezipiert wurde.
- Rashid ad-Din persischer Universalhistoriker, dessen Werke für spätere genealogische Darstellungen der Mongolen und Turkvölker wichtig wurden.
- Safawiden iranische Dynastie, an deren Hof in Isfahan Abu l-Ghazi während seines Exils lebte.
- Scheibaniden usbekisch-dschingisidische Dynastie, deren Geschichte in Shajara-i Turk eine zentrale Rolle spielt.
- Shajara-i Tarakima Genealogie der Turkmenen und eines der beiden Hauptwerke Abu l-Ghazis.
- Shajara-i Turk Genealogie der Türken, wichtiges Werk zentralasiatischer turkischer Geschichtsschreibung.
- Timuriden zentralasiatische Dynastie, deren Erbe für die politische Kultur der Region vor den Scheibaniden wichtig war.
- Tschagataische Literatur zentralasiatische turkische Schrifttradition, in der Abu l-Ghazis Geschichtswerke stehen.
- Turkische Genealogie Abstammungs- und Herkunftsmodelle, die turkische Stämme, Herrscherhäuser und Ursprungsmythen ordnen.
- Turkmenen turkische Gruppen, deren Herkunft und Stammesordnung Abu l-Ghazi in Shajara-i Tarakima behandelt.
- Urgench Geburts- und Wirkungsort Abu l-Ghazis im historischen Choresm.
- Zentralasien Großraum von Oasen, Steppen, Khanaten, Handelswegen und vielsprachigen Schriftkulturen.