Girolamo Abos (1715–1760)

Person · maltesischer Komponist · Neapolitanische Schule · Oper · Opera seria · Opera buffa · Kirchenmusik · Stabat Mater · Cembalo · Musiklehrer · Valletta · Neapel · London · Werkverzeichnis · Sekundärliteratur

Girolamo Abos war ein in Malta geborener Komponist, der den größten Teil seines Lebens in Neapel verbrachte und dort zu den Vertretern der Neapolitanischen Schule gehörte. Er schrieb Opern, Oratorien, Arien, Duette und umfangreiche Kirchenmusik. Seine Laufbahn verbindet die maltesische Herkunft mit der neapolitanischen Konservatoriums- und Opernkultur des 18. Jahrhunderts. Abos steht damit exemplarisch für jene mediterrane Musiklandschaft, in der Talente aus Malta, Süditalien und anderen Regionen in den Ausbildungs- und Theaterzentren Neapels zusammenkamen.

Überblick

Girolamo Abos wurde am 16. November 1715 in Valletta auf Malta geboren. Er starb 1760 in Neapel. In den Quellen begegnen unterschiedliche Schreibweisen seines Namens, darunter Avos, Avossa, Abossa und Avosso; als Taufname wird auch Geronimo genannt. Diese Varianten spiegeln die Mehrsprachigkeit und Mobilität des 18. Jahrhunderts wider, in dem italienische, maltesische, spanische, französische und neapolitanische Namensformen nebeneinander auftreten konnten.

Abos wurde als Kind oder Jugendlicher nach Neapel geschickt und dort musikalisch ausgebildet. Neapel war im 18. Jahrhundert eines der wichtigsten europäischen Zentren der Oper und der Kirchenmusik. Die dortigen Konservatorien bildeten Sänger, Instrumentalisten, Komponisten und Kapellmeister aus und prägten eine Schule, deren melodische Eleganz, vokale Beweglichkeit, kontrapunktische Bildung und dramatische Praxis in ganz Europa geschätzt wurden.

Seine erste bekannte Oper Le due zingare simili wurde 1742 am Teatro Nuovo in Neapel aufgeführt. Es folgten Opern für Neapel, Florenz, Venedig, Rom, Ancona, Turin und London. Besonders Tito Manlio wurde erfolgreich und gelangte auch an das Italienische Theater in London. Abos war damit kein lokaler Komponist, sondern Teil eines europaweit zirkulierenden Opernsystems.

Neben der Oper spielte die Kirchenmusik eine große Rolle. Abos wirkte als Kapellmeister und Organist an kirchlichen Institutionen Neapels, schrieb Messen, Psalmen, Litaneien, ein Magnificat, ein Dixit Dominus, ein Stabat Mater und weitere geistliche Werke. Gerade diese Verbindung von Theater und Kirche ist für die Neapolitanische Schule charakteristisch: Operndramatik, Gesangskunst, galanter Stil und kontrapunktische Satzkunst beeinflussten einander wechselseitig.

Name, Namensformen und Einordnung

Die heute gebräuchliche Form lautet Girolamo Abos. In italienischen und älteren bibliographischen Quellen erscheinen außerdem Avos, Avossa, Abossa und Avosso. Die Taufform Geronimo Abos begegnet ebenfalls. Für ein deutsches Kulturlexikon ist die Lemmaform Girolamo Abos sinnvoll, weil sie in der internationalen Musikliteratur und in modernen Nachweisen am häufigsten verwendet wird.

National und kulturell ist Abos als maltesisch-neapolitanischer Komponist einzuordnen. Er wurde in Valletta geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung aber in Neapel, wirkte fast sein ganzes Berufsleben dort und wurde stilistisch Teil der Neapolitanischen Schule. Die Bezeichnung maltesischer Komponist ist deshalb richtig, sollte aber durch den neapolitanischen Wirkungszusammenhang ergänzt werden.

Sein Berufsprofil umfasst mehrere Rollen: Komponist, Kirchenmusiker, Opernkomponist, Cembalist, Kapellmeister, Organist und Lehrer. Gerade die Verbindung dieser Aufgaben war für das 18. Jahrhundert typisch. Ein erfolgreicher Komponist konnte für Theater schreiben, an Kirchen wirken, am Cembalo leiten, in Konservatorien unterrichten und für adelige oder öffentliche Auftraggeber arbeiten.

Malta, Neapel und der musikalische Ausbildungsweg

Abos wurde in Valletta geboren, einer Stadt, die seit dem 16. Jahrhundert als befestigte Residenz der Johanniter eine besondere politische und kulturelle Stellung im Mittelmeerraum hatte. Malta lag zwischen Sizilien, Nordafrika, Italien und dem östlichen Mittelmeer und war kulturell stärker mit Italien und insbesondere mit Süditalien verbunden, als es eine rein nationale Betrachtung nahelegen würde.

Um 1725 kam Abos nach Neapel. Dort begann er eine Ausbildung an den neapolitanischen Konservatorien, vor allem im Umfeld von Sant’Onofrio und der Poveri di Gesù Cristo. Zu seinen Lehrern werden Ignazio Prota, Francesco Feo, Francesco Durante, Leonardo Leo, Gaetano Greco und weitere Musiker des neapolitanischen Umfelds gezählt. Diese Namen zeigen, dass Abos in eine der einflussreichsten Kompositionsschulen des 18. Jahrhunderts eintrat.

Die neapolitanische Ausbildung war stark praxisorientiert. Sie verband Kontrapunkt, Partimento, Generalbass, Gesang, Kirchenmusik und Theaterpraxis. Wer dort ausgebildet wurde, konnte sowohl Opern als auch Kirchenmusik schreiben und war auf eine Berufswelt vorbereitet, die zwischen Bühne, Kapelle, Unterricht und Patronage vermittelte.

Neapolitanische Konservatorien und Lehrtätigkeit

Abos war bereits seit den 1740er Jahren in der Lehre tätig. Im Oktober 1742 wurde er als maestro aggiunto, also als stellvertretender Lehrer, Ignazio Prota am Conservatorio di Sant’Onofrio a Porta Capuana beigeordnet. Nach Protas Tod 1748 blieb Abos dort als Gesangslehrer tätig. Zeitweise wirkte er außerdem am Conservatorio dei Poveri di Gesù Cristo und später an der Pietà dei Turchini.

Diese Lehrtätigkeit ist für sein Profil besonders wichtig. Abos war nicht nur ein Komponist einzelner Werke, sondern Teil des Ausbildungssystems, aus dem die neapolitanische Musik europaweit ihre Wirkung gewann. Konservatorien waren damals keine modernen Hochschulen im heutigen Sinn, sondern zugleich Ausbildungs-, Wohn-, Arbeits- und Produktionsstätten. Sie formten Sänger, Instrumentalisten und Komponisten für Kirche, Theater und Hof.

Zu den Schülern, die mit Abos in Verbindung gebracht werden, gehören bedeutende Namen wie Giovanni Paisiello, Niccolò Piccinni, Benigno Zerafa, Nicola Sala und Giuseppe Aprile. Damit reicht sein Einfluss über das eigene Werk hinaus. Als Lehrer vermittelte er Stil, Gesangskultur und kompositorisches Handwerk an die nächste Generation.

Opernkarriere in Neapel, Rom, Venedig, Turin und London

Abos begann seine Opernkarriere 1742 mit Le due zingare simili am Teatro Nuovo in Neapel. Schon diese erste Aufführung zeigt seine Einbindung in die neapolitanische Theaterpraxis. Das Teatro Nuovo war ein wichtiger Ort für komische und volkstümlichere Opernformen; zugleich konnte ein Komponist dort seine Fähigkeit beweisen, Bühnenhandlung, Gesang und publikumswirksame Form miteinander zu verbinden.

In den folgenden Jahren schrieb Abos sowohl komische Opern als auch drammi per musica. Die Reihe seiner Opern führt von Neapel nach Florenz, Venedig, Rom, Ancona und Turin. Er vertonte Libretti von Antonio Palomba, Pietro Metastasio, Gaetano Roccaforte, Pietro Pariati, Giovanni Battista Neri, Apostolo Zeno und Carlo Innocenzo Frugoni. Diese Librettisten stehen für den breiten literarisch-theatralischen Fundus der italienischen Oper des 18. Jahrhunderts.

Besonders wichtig wurde Tito Manlio, das 1751 in Neapel aufgeführt wurde und 1756 in London erschien. Mit diesem Werk erreichte Abos eine internationale Bühne. Die Oper belegt, dass seine Musik im europäischen Opernmarkt zirkulierte, in dem Partituren, Arien, Sänger, Impresari und Theaterorte ständig miteinander verbunden waren.

London und das Italienische Theater

1756 reiste Abos nach London und wirkte dort als maestro al cembalo am Italienischen Theater. Diese Funktion war im 18. Jahrhundert zentral. Der Maestro am Cembalo leitete Aufführungen, begleitete Rezitative, koordinierte Sänger und Orchester und stand an einer Schnittstelle zwischen Komposition, Einstudierung und Aufführung.

London war ein wichtiger Markt für italienische Oper. Das Publikum war an Virtuosen, Kastraten, Primadonnen, Opernimporten und musikalischen Neuheiten interessiert. Viele italienische und italienisch ausgebildete Komponisten fanden dort zeitweise Beschäftigung oder wurden durch Aufführungen bekannt. Abos’ Londoner Zeit zeigt, dass sein Wirken über Neapel und Italien hinausreichte.

Im Londoner Zusammenhang ist auch die Pasticcio-Praxis zu beachten. Opern und Arien wurden häufig neu zusammengestellt, ausgetauscht und an Sänger angepasst. Ein Komponist konnte dadurch auch über einzelne Arien und Nummern präsent sein, selbst wenn nicht immer eine vollständige eigene Oper in ursprünglicher Gestalt aufgeführt wurde.

Kirchenmusik, Kapellmeisteramt und geistliche Werke

Abos war nicht nur Opernkomponist. Seit 1749 wirkte er als Kapellmeister und Organist an der Metropolitankirche in Neapel. Außerdem arbeitete er für weitere kirchliche Institutionen und leitete Kapellen an Klöstern und Kirchen. Diese Aufgaben gehörten zum Kern seiner beruflichen Stellung.

Seine Kirchenmusik umfasst Messen, Psalmen, Litaneien, ein Magnificat, ein Dixit Dominus, ein Benedictus Dominus Deus Israel, das Stabat Mater und weitere geistliche Werke. Einige dieser Werke sind heute durch moderne Editionen, Aufnahmen und Festivalprogramme wieder zugänglich. Sie zeigen eine Verbindung von kirchlicher Satztechnik, galanter Melodik, vokaler Eleganz und dramatischem Ausdruck.

In der neapolitanischen Musik des 18. Jahrhunderts ist die Grenze zwischen Oper und Kirche nicht als strenger Gegensatz zu verstehen. Die gleichen Sänger konnten in beiden Bereichen auftreten, ähnliche melodische Gesten konnten geistlich und weltlich verwendet werden, und die Affektsprache der Oper prägte auch die geistliche Musik. Abos’ geistliche Werke sind deshalb ein wichtiger Schlüssel zu seinem Gesamtstil.

Das Stabat Mater

Das Stabat Mater gehört zu den bekanntesten geistlichen Werken von Girolamo Abos. Es entstand um 1750 und ist für drei Solostimmen, Streicher und Basso continuo überliefert. Der Text des Stabat Mater war im 18. Jahrhundert besonders beliebt und wurde von zahlreichen Komponisten vertont. In Neapel stand er zudem im Umfeld berühmter Vertonungen wie derjenigen Pergolesis.

Abos’ Vertonung verbindet empfindsame Melodik, klare vokale Linien und kontrapunktische Arbeit. Der Schluss mit einem fugierten Amen zeigt seine Ausbildung in strenger Satztechnik, während die einzelnen Abschnitte zugleich von opernnaher Ausdruckskraft geprägt sind. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Werks: Schmerz, Andacht und musikalische Eleganz werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einer neapolitanisch-galanten Klangsprache verbunden.

Die moderne Wiederaufführung des Stabat Mater hat wesentlich dazu beigetragen, Abos außerhalb enger Spezialforschung wieder bekannter zu machen. In Malta besitzt das Werk außerdem eine kulturelle Bedeutung, weil es die Erinnerung an einen Komponisten stärkt, der die Insel früh verließ, aber in der Geschichte maltesischer Musik eine wichtige Gestalt blieb.

Stil, Schule und ästhetisches Profil

Abos gehört zur Neapolitanischen Schule des 18. Jahrhunderts. Diese Bezeichnung meint keinen einheitlichen Stil im engen Sinn, sondern ein Ausbildungs-, Kompositions- und Aufführungssystem, das von den Konservatorien, Theatern und Kirchen Neapels geprägt war. Typisch sind die Bedeutung des Gesangs, die Fähigkeit zur schnellen Bühnenproduktion, eine klare harmonische Sprache, melodische Anmut und die Verbindung von kontrapunktischer Ausbildung mit galanter Fasslichkeit.

In Abos’ Opern begegnen sowohl komische als auch ernste Formen. Die frühen Werke zeigen die Nähe zur opera buffa und zur commedia per musica, während die späteren drammi per musica stärker im Umfeld der Opera seria stehen. Die Verwendung von Metastasio-Libretti zeigt seinen Anschluss an den europäischen Standard der ernsten Oper.

Seine Kirchenmusik steht stilistisch zwischen alter kirchlicher Satztradition und neuer melodischer Beweglichkeit. Zeitgenössische und spätere Beurteilungen hoben weniger radikale Originalität als vielmehr melodische Eleganz, harmonische Reinheit und unterrichtliche Autorität hervor. Abos ist deshalb weniger als revolutionärer Neuerer denn als tüchtiger, europaweit anschlussfähiger Meister einer hochentwickelten Schule zu verstehen.

Abos als Lehrer

Als Lehrer hatte Abos eine Wirkung, die über sein eigenes Werk hinausging. Die neapolitanischen Konservatorien waren zentrale Orte der europäischen Musikausbildung. Wer dort unterrichtete, prägte Sänger, Komponisten und Kapellmeister, die später in Italien, Malta, Frankreich, Spanien, Portugal, England und anderen Regionen wirkten.

Unter seinen Schülern werden Giovanni Paisiello, Niccolò Piccinni, Benigno Zerafa, Nicola Sala und Giuseppe Aprile genannt. Diese Namen zeigen die Spannweite seines Einflusses: Paisiello und Piccinni wurden international bedeutende Opernkomponisten, Zerafa wurde eine zentrale Figur der maltesischen Kirchenmusik, Sala wurde als Lehrer und Theoretiker wichtig, und Aprile gehörte zu den bekannten Sängern seiner Zeit.

Abos’ Bedeutung als Lehrer erklärt auch, warum er in historischen Lexika nicht nur als Komponist, sondern als Teil einer Schule erscheint. Seine Laufbahn ist ein Beispiel dafür, dass Musikgeschichte nicht allein aus Werken besteht, sondern auch aus Weitergabe, Unterricht, Institution und musikalischem Handwerk.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis ist als kulturlexikalische Übersicht angelegt. Es nennt die wichtigsten bekannten Opern, Oratorien, Kirchenwerke, Arien und Vokalstücke. Die Überlieferung von Abos’ Musik ist verstreut; einzelne Werke sind nur handschriftlich, in Librettodrucken, in späteren Abschriften oder durch moderne Editionen greifbar. Deshalb ersetzt diese Übersicht kein vollständiges kritisches Werkverzeichnis, sondern bietet eine geordnete Orientierung.

Opern und Bühnenwerke

Le due zingare simili, Opera buffa beziehungsweise commedia giocosa, Libretto von Antonio Palomba, Uraufführung 1742 am Teatro Nuovo in Neapel. Das Werk steht am Beginn von Abos’ Opernkarriere.

Il geloso, Commedia, Libretto von Antonio Palomba, Uraufführung im Frühjahr 1743 am Teatro dei Fiorentini in Neapel. Die Oper gehört in den Bereich der neapolitanischen komischen Theaterpraxis.

Le furberie di Spilletto, Commedia per musica in drei Akten, Uraufführung im Karneval 1744 am Teatro del Cocomero in Florenz. Das Werk zeigt Abos’ frühe Ausweitung über Neapel hinaus.

La serva padrona, Opera buffa, Libretto nach Gennaro Antonio Federico, Uraufführung im Karneval 1744 in Neapel. Der Titel ist wegen Pergolesis berühmter gleichnamiger Intermezzo-Tradition besonders sorgfältig zu unterscheiden.

La moglie gelosa, Commedia, Libretto von Antonio Palomba, Uraufführung 1745 am Teatro dei Fiorentini in Neapel. Auch dieses Werk gehört zu Abos’ früher komischer Opernproduktion.

Adriano in Siria, Dramma per musica, Libretto von Pietro Metastasio, Uraufführung im Karneval 1746 am Teatro alla Pergola in Florenz. Die Metastasio-Vorlage zeigt Abos’ Eintritt in das international verbreitete Repertoire der Opera seria.

Artaserse, Dramma per musica in drei Akten, Libretto von Pietro Metastasio, Uraufführung im Karneval 1746 am Teatro San Giovanni Crisostomo in Venedig. Das Werk steht in einer der meistvertonten Libretto-Traditionen des 18. Jahrhunderts.

Pelopida, Dramma per musica in drei Akten, Libretto von Gaetano Roccaforte, Uraufführung im Karneval 1747 am Teatro Argentina in Rom. Dieses Werk gehört zu den wichtigen ernsten Opern Abos’ und wurde in jüngerer Zeit editorisch wieder beachtet.

Alessandro nelle Indie, Dramma per musica in drei Akten, Libretto von Pietro Metastasio, Uraufführung 1747 in Ancona am Teatro La Fenice; weitere Aufführung 1750 in Lucca. Die Oper steht im Umfeld der europaweiten Alexander-Stoffe der Opera seria.

Arianna e Teseo, Dramma per musica, Libretto von Pietro Pariati, Uraufführung 1748 am Teatro delle Dame in Rom; später auch in Venedig. Das Werk verarbeitet einen mythologischen Stoff der italienischen Operntradition.

Adriano, Oper beziehungsweise Dramma per musica, Aufführung 1750 am Teatro Argentina in Rom. Die genaue Beziehung zu Adriano in Siria und den Libretto-Fassungen ist bei einer kritischen Werkdarstellung gesondert zu prüfen.

Andromeda liberata, Bühnenwerk beziehungsweise Opernpasticcio-Kontext, Wien 1750. Die Zuschreibung und Stellung innerhalb der Pasticcio-Praxis bedarf quellenkritischer Prüfung.

Tito Manlio, Dramma per musica, Libretto von Gaetano Roccaforte beziehungsweise nach älterer Stofftradition, Uraufführung am 30. Mai 1751 am Teatro San Carlo in Neapel; Aufführung 1756 am Italienischen Theater in London. Dieses Werk war eines der erfolgreichsten Bühnenwerke Abos’.

Erifile, Dramma per musica in drei Akten, Libretto von Giovanni Battista Neri, Uraufführung 1752 am Teatro delle Dame in Rom. Die Oper gehört zu Abos’ reifer Opera-seria-Produktion.

Lucio Vero, o sia Il Vologeso, Opera seria, Libretto nach Apostolo Zeno, Uraufführung am 18. Dezember 1752 am Teatro San Carlo in Neapel. Das Werk wurde nach zeitgenössischer Überlieferung erfolgreich aufgenommen und später andernorts wieder aufgeführt.

Il Medo, Dramma per musica, Libretto von Carlo Innocenzo Frugoni, Uraufführung 1753 am Teatro Regio in Turin. Das Werk gehört zu Abos’ späteren italienischen Bühnenwerken.

Creso, Opernpasticcio beziehungsweise Gemeinschaftswerk mit Ferdinando Bertoni und Gioacchino Cocchi, Librettoaufführung am 1. April 1758 in London. Das Werk gehört in den Kontext der Londoner italienischen Oper und der dort häufigen Pasticcio-Praxis.

Oratorien und geistliche Bühnenformen

La morte d’Abel, Oratorium nach einem Libretto von Pietro Metastasio, Palermo 1754. Das Werk steht im Bereich der geistlichen dramatischen Musik und verbindet biblischen Stoff mit der literarischen Form der italienischen Oratorientradition.

Cantata per la traslazione del sangue di San Gennaro, 1745. Diese Kantate entstand im Zusammenhang mit der Verehrung des heiligen Januarius und der neapolitanischen Stadtreligion. Sie zeigt die Nähe von Musik, Liturgie, öffentlicher Frömmigkeit und städtischer Repräsentation.

Weitere geistliche dramatische Werke. In älteren und modernen Nachweisen erscheinen weitere Hinweise auf oratorische oder geistlich-dramatische Arbeiten Abos’. Für eine vollständige Erfassung sind Spezialkataloge, Bibliotheksbestände und Librettodrucke heranzuziehen.

Kirchenmusik

Stabat Mater, um 1750, für drei Solostimmen, Streicher und Basso continuo. Dieses Werk gehört heute zu den bekanntesten geistlichen Kompositionen Abos’ und ist durch moderne Edition und Aufnahmen wieder stärker präsent.

Dixit Dominus, Psalmvertonung für Soli, Chor, Orchester und Orgel beziehungsweise Basso continuo. Moderne Nachweise nennen Besetzungen mit Oboen, Hörnern, Streichern, Chor und Orgel. Das Werk gehört zu den repräsentativen Psalmvertonungen Abos’.

Benedictus Dominus Deus Israel, geistliches Werk in G-Dur für Vokalsolisten, Chor beziehungsweise Ensemble und Instrumente. Die Besetzung mit mehreren Solostimmen, Oboen, Hörnern, Streichern und Bass verweist auf eine festliche neapolitanische Kirchenmusikpraxis.

Magnificat anima mea, Magnificat in B-Dur für Vokalstimmen, Hörner, Streicher und Basso continuo. Das Werk gehört in den Bereich der lateinischen Vesper- und Festmusik.

Messa a due chori, Messe für zwei Chöre beziehungsweise doppelchörige Anlage. In älteren Beurteilungen wurde besonders eine a-cappella-Messe Abos’ geschätzt; die genaue Werkidentifikation ist nach den Quellen zu prüfen.

Missa in G, Messe für Trompeten, Pauken, Streicher, Chor und Orgel beziehungsweise Continuo. Die Besetzung zeigt den repräsentativen Charakter festlicher Kirchenmusik.

Kyrie und Gloria, einzeln überlieferte Messsätze beziehungsweise Auszüge, die in älteren Sammlungen und späteren Drucken begegnen. Solche Einzelüberlieferungen sind für die Rekonstruktion des geistlichen Werkbestands wichtig.

Litaniae della Beata Vergine, Litanei in g-Moll für Sopran, Alt, Streicher und Basso continuo. Das Werk ist durch moderne editorische Nachweise fassbar und zeigt Abos’ Beitrag zur Marienlitanei-Tradition.

Weitere Messen, Psalmen, Litaneien und Motetten. Nach älteren und modernen Nachweisen schrieb Abos eine größere Zahl geistlicher Werke, deren vollständige Ordnung weiterhin quellenkritische Arbeit verlangt.

Arien, Duette und einzelne Vokalstücke

Ancor che scorge e vede, Arie für Sopran, Streicher und Bass. Das Werk ist ein Beispiel für die getrennte Überlieferung einzelner Opern- oder Konzertarien.

Belle luci che accendete, Arie für Sopran, Streicher und Bass. Der Titel begegnet in modernen Programmen mit Abos-Opernauszügen.

Chi a giorni suoi nemica, Arie für Sopran, Streicher und Bass. Das Stück gehört zu den einzeln nachweisbaren Vokalnummern.

Non pensar bell’idol mio, Duett für zwei Soprane, Streicher und Bass. Das Werk zeigt die dialogische Seite von Abos’ vokalem Schreiben.

Pensa ben mio chi sei, pensa che fido io t’amo, Arie für Sopran, Streicher und Bass. Der Titel ist in modernen Abos-Programmen und Aufnahmen greifbar.

Tortorella innamorata, Arie für Sopran, Streicher und Bass. Der Titel verweist auf die empfindsame und naturbildhafte Sprache der italienischen Arienkultur des 18. Jahrhunderts.

Se m’accende, Arie in D-Dur für Sopran, Oboen, Hörner, Streicher und Bass. Die reichere Besetzung zeigt die festlichere Seite der Arienproduktion.

Si meste di luci, Arie für Sopran, Violine und Basso continuo. Die kammermusikalische Besetzung hebt die intime Seite von Abos’ Vokalschreiben hervor.

Va’ fuggi infido ingrato, Arie für Sopran, Oboen, Streicher und Bass. Das Werk gehört zu den nachweisbaren einzelnen Vokalnummern, die für die Aufführungspraxis und Pasticcio-Kultur des 18. Jahrhunderts besonders wichtig sind.

Überlieferung, Editionen und moderne Wiederentdeckung

Die Überlieferung von Abos’ Musik ist über verschiedene europäische Sammlungen verstreut. Wichtige Quellen liegen in Neapel, besonders im Umfeld des Conservatorio di Musica San Pietro a Majella, aber auch in anderen Bibliotheken und historischen Sammlungen. Librettodrucke, Handschriften, einzelne Arien, geistliche Partituren und spätere Abschriften bilden die Grundlage der modernen Forschung.

Mehrere Werke wurden in neuerer Zeit ediert oder aufgeführt. Das Stabat Mater erschien in einer modernen Ausgabe von Joseph Vella Bondin. Weitere geistliche Werke wurden von Thomas J. Martino und anderen Herausgebern bearbeitet. Richard Divall machte sich um Editionen von Opern, Oratorien und geistlichen Werken Abos’ verdient. Solche Arbeiten sind wichtig, weil viele Kompositionen sonst nur Spezialisten in Handschriften zugänglich wären.

In Malta wurde Abos in den letzten Jahrzehnten stärker als Teil des eigenen musikalischen Erbes wiederentdeckt. Festivals, Konzertprogramme und historische Projekte bemühen sich darum, seine Musik wieder hörbar zu machen. Diese Wiederentdeckung ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil Abos zwar die Insel früh verließ, aber als einer der wichtigen in Malta geborenen Komponisten des 18. Jahrhunderts gelten kann.

Sekundärliteratur und Nachweise

Domenico Antonio D’Alessandro: „Abos, Girolamo“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Ausgabe, Personenteil, Band 1, Kassel u. a. 1999, Sp. 54–56. Dieser Artikel gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Fachnachweisen.

Hanns-Bertold Dietz und Joseph Vella Bondin: „Abos, Girolamo“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, zweite Ausgabe, London 2001. Der Grove-Artikel bietet die zentrale englischsprachige musikwissenschaftliche Einordnung.

Dizionario Biografico degli Italiani, Band 1, Rom 1960, Artikel „Abos, Girolamo“. Der Treccani-Artikel ist für Lebensdaten, Ausbildung, Opernfolge, Neapel- und London-Bezug sowie ältere Quellen besonders wichtig.

Joseph Vella Bondin, Hrsg.: Girolamo Abos: Stabat Mater, Recent Researches in the Music of the Classical Era, Band 68, Middleton, Wisconsin: A-R Editions, 2003. Diese Ausgabe ist für die moderne Erschließung des Stabat Mater grundlegend.

Frederick Aquilina: Benigno Zerafa (1726–1804) and the Neapolitan Galant Style, Woodbridge: Boydell & Brewer, 2016. Das Werk ist für den maltesisch-neapolitanischen Zusammenhang, die Lehrer-Schüler-Tradition und das Umfeld Abos’ wichtig.

Charles Burney: A General History of Music from the Earliest Ages to the Present Period, Band 4, London 1789. Burneys Werk gehört zu den frühen musikgeschichtlichen Quellen des 18. Jahrhunderts und wird in der älteren Abos-Literatur herangezogen.

Carlo de Nicola Villarosa: Memorie dei compositori di musica del Regno di Napoli, Neapel 1840. Ältere Quelle zur neapolitanischen Komponistengeschichte, quellenkritisch zu verwenden.

Francesco Florimo: La scuola musicale di Napoli e i suoi Conservatori, Neapel 1881/1882. Florimos Darstellung ist für die Geschichte der neapolitanischen Konservatorien wichtig, muss aber wegen ihrer historischen Perspektive und gelegentlichen Ungenauigkeiten kritisch gelesen werden.

Benedetto Croce: I teatri di Napoli dal Rinascimento alla fine del secolo decimottavo, Neapel 1891. Das Werk ist für die Theatergeschichte Neapels und die Aufführungsumgebung von Abos’ Opern einschlägig.

Ulisse Rolandi: Musica e musicisti in Malta, Livorno 1932. Diese Schrift gehört zu den älteren Darstellungen der maltesischen Musikgeschichte und ist für Abos als maltesischen Komponisten relevant.

RISM, Bibliothekskataloge, WorldCat, IMSLP und Spezialkataloge der Musikbibliotheken in Neapel, London, Rom, Münster und anderen Orten sind für Handschriften, Librettodrucke, moderne Editionen und Werkidentifikationen unverzichtbar.

Rezeption und Bedeutung

Girolamo Abos war zu Lebzeiten ein erfolgreicher und gut vernetzter Komponist der neapolitanischen Opernwelt. Seine Werke wurden in mehreren wichtigen Theaterstädten aufgeführt, und mit Tito Manlio erreichte er auch London. Zugleich war er als Lehrer und Kirchenmusiker fest in Neapel verankert. Seine Laufbahn zeigt, wie ein aus Malta stammender Musiker in der neapolitanischen Schule Karriere machen und europaweit wirken konnte.

Später trat Abos hinter bekanntere Namen der neapolitanischen und italienischen Musikgeschichte zurück. Komponisten wie Pergolesi, Jommelli, Piccinni, Paisiello oder Cimarosa bestimmten stärker den Kanon. Diese nachträgliche Verdrängung bedeutet jedoch nicht, dass Abos für seine Zeit unbedeutend war. Vielmehr gehört er zu jener breiten Schicht professioneller Komponisten, die das reale Opern- und Kirchenmusikleben des 18. Jahrhunderts trugen.

Heute ist seine Bedeutung in drei Bereichen besonders sichtbar. Erstens steht er für Maltas Beitrag zur europäischen Musikgeschichte. Zweitens zeigt er die Funktionsweise der Neapolitanischen Schule als internationaler Ausbildungs- und Stilraum. Drittens bietet seine Kirchenmusik, besonders das Stabat Mater, einen Zugang zu einer geistlichen Klangwelt, in der Opernstil, galante Melodik und liturgische Tradition miteinander verbunden sind.

Quellenlage und editorischer Hinweis

Die Quellenlage zu Girolamo Abos ist insgesamt gut, aber in Einzelheiten nicht immer einheitlich. Der Geburtstag 16. November 1715 in Valletta ist zuverlässig überliefert. Beim Sterbedatum nennen die Nachweise einheitlich das Jahr 1760 und Neapel als Sterbeort; der Monat wird jedoch unterschiedlich angegeben. Treccani und deutschsprachige Nachweise nennen Oktober 1760, während einzelne englische Nachweise Mai 1760 angeben. Für diese Seite wird deshalb im Titel nur das Jahr verwendet.

Bei der Namensform ist besondere Sorgfalt nötig. Girolamo Abos ist die Hauptform; Geronimo Abos, Avos, Avossa, Abossa und Avosso müssen als Varianten berücksichtigt werden. In älteren Lexika kann es außerdem zu Verwechslungen mit ähnlich geschriebenen Namen kommen.

Das Werkverzeichnis ist als strukturierte Auswahl angelegt. Die vollständige Werküberlieferung verlangt den Abgleich von Opernlibretti, Handschriften, RISM-Nachweisen, modernen Editionen, neapolitanischen Archivbeständen und älteren Musiklexika. Besonders bei Pasticcio-Werken und einzelnen Arien ist die Zuschreibung häufig komplex.

Ein eindeutig belegtes, gemeinfreies Porträt Abos’ ist nicht zuverlässig nachweisbar. Mehrere Bildtreffer im Internet zeigen andere Komponisten, insbesondere Girolamo Frescobaldi, und dürfen nicht für Abos verwendet werden. Deshalb wird in dieser Datei bewusst kein Bild eingebunden.

Fazit

Girolamo Abos war ein maltesisch-neapolitanischer Komponist des 18. Jahrhunderts, der die musikalische Verbindung zwischen Valletta und Neapel besonders deutlich verkörpert. In Neapel erhielt er seine Ausbildung, wirkte als Lehrer, Kapellmeister, Organist und Opernkomponist und schrieb Werke für Theater und Kirche. Seine Opern wurden in mehreren italienischen Städten und in London aufgeführt.

Sein Werk zeigt die charakteristischen Stärken der Neapolitanischen Schule: vokale Beweglichkeit, melodische Eleganz, sichere Theaterpraxis, kirchenmusikalische Satztechnik und pädagogische Wirkung. Auch wenn Abos heute weniger bekannt ist als einige seiner Zeitgenossen, gehört er zu den wichtigen maltesischen Komponisten der europäischen Musikgeschichte. Seine Wiederentdeckung macht eine Musiklandschaft sichtbar, in der Malta, Neapel, Rom, Venedig, Turin und London eng miteinander verbunden waren.

Weiterführende Einträge

  • Girolamo Abos: Werkverzeichnis Systematische Übersicht über Opern, Oratorien, Kirchenmusik, Arien, Duette, Editionen und Quellen
  • Adriano in Siria Metastasio-Opernstoff, den Abos 1746 für Florenz vertonte
  • Alessandro nelle Indie Opera-seria-Stoff von Pietro Metastasio in Abos’ Vertonung von 1747
  • Artaserse Metastasio-Libretto, das Abos 1746 in Venedig auf die Bühne brachte
  • Benigno Zerafa Maltesischer Komponist und Schüler beziehungsweise Nachfolger im maltesisch-neapolitanischen Musikzusammenhang
  • Francesco Durante Neapolitanischer Komponist und Lehrer, zu dessen Umfeld Abos gehörte
  • Francesco Feo Komponist der Neapolitanischen Schule und wichtiger Lehrer beziehungsweise Kollege im Ausbildungsumfeld Abos’
  • Giovanni Paisiello Bedeutender Opernkomponist und einer der bekanntesten Schüler Abos’
  • Italienisches Theater London Londoner Operninstitution, an der Abos als Maestro al Cembalo wirkte
  • Le due zingare simili Erste bekannte Oper Abos’, 1742 am Teatro Nuovo in Neapel aufgeführt
  • Leonardo Leo Komponist und Lehrer der Neapolitanischen Schule, in deren Umfeld Abos ausgebildet wurde
  • Maltesische Musikgeschichte Musikgeschichtlicher Kontext, in dem Abos als einer der bedeutenden in Malta geborenen Komponisten steht
  • Neapel Zentrum der Oper, Kirchenmusik und Konservatoriumsausbildung im 18. Jahrhundert
  • Neapolitanische Schule Kompositions- und Ausbildungstradition, die Abos’ Stil und Laufbahn prägte
  • Niccolò Piccinni Opernkomponist der Neapolitanischen Schule und Schülerkreis Abos’
  • Opera buffa Komische italienische Opernform, in der Abos mit frühen Werken hervortrat
  • Opera seria Ernste italienische Opernform, in der Abos mehrere drammi per musica komponierte
  • Pietro Metastasio Librettist, dessen Texte Abos mehrfach vertonte
  • Stabat Mater Lateinischer geistlicher Text, den Abos um 1750 in einer bedeutenden Vertonung komponierte
  • Teatro San Carlo Neapolitanisches Opernhaus, an dem Abos unter anderem Tito Manlio und Lucio Vero aufführen ließ
  • Tito Manlio Erfolgreiche Oper Abos’, 1751 in Neapel und 1756 in London aufgeführt
  • Valletta Geburtsstadt Abos’ und wichtiger Ort der maltesischen Musikgeschichte