Adolf Aber

* 28. Januar 1893 in Apolda (Thüringen) · † 21. Mai 1960 in London · Musikkritiker · Musikwissenschaftler · Musikverleger · deutsch-britische Musikvermittlung

Überblick

Adolf Aber gehört zu den bedeutenden deutschsprachigen Musikkritikern und Musikpublizisten des 20. Jahrhunderts. Er wirkte zunächst in Leipzig und emigrierte 1933 nach London, wo er als Musikverleger und Vermittler deutscher Musik tätig wurde.

Sein Wirken verband Musikwissenschaft, Feuilleton, Musikvermittlung und Verlagstätigkeit miteinander. Besonders bekannt wurde er durch seine musikhistorischen Veröffentlichungen, seine journalistische Arbeit für die Leipziger Neuesten Nachrichten sowie seine Tätigkeit beim Verlag Novello & Co.

Adolf Aber gehört zugleich zu den jüdischen Intellektuellen und Kulturvermittlern, deren Lebensweg durch Emigration und Exil geprägt wurde.

Leben und Ausbildung

Adolf Aber wurde am 28. Januar 1893 in Apolda geboren. Seine Familie war jüdischer Herkunft; der Vater Emanuel Aber führte ein Herrenkonfektionsgeschäft. Früh zeigte sich eine besondere musikalische Begabung.

1911 legte Aber am Realgymnasium in Weimar das Abitur ab und begann anschließend ein Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Geschichte an der Berliner Universität. Zu seinen Lehrern gehörte Hermann Kretzschmar, einer der bedeutenden deutschen Musikwissenschaftler seiner Zeit.

1919 promovierte Aber mit einer Dissertation über die Musikpflege der Wettiner und Ernestiner bis zur Auflösung der Weimarer Hofkapelle im Jahr 1662. Die Arbeit wurde später in Buchform veröffentlicht.

Jahr Ereignis Bedeutung
1893 Geburt in Apolda thüringischer Kulturraum
1911 Abitur in Weimar Beginn akademischer Laufbahn
1911–1919 Studium in Berlin Musikwissenschaft und Geschichte
1919 Promotion historische Musikforschung
1933 Emigration nach London Exil infolge des Nationalsozialismus
1960 Tod in London Ende einer deutsch-britischen Kulturbiographie

Leipzig und die Musikpublizistik

1919 übersiedelte Adolf Aber nach Leipzig, das damals zu den bedeutendsten Musikzentren Deutschlands gehörte. Dort arbeitete er für die Leipziger Neuesten Nachrichten als Musikkritiker und Musikreferent.

Leipzig bot mit Gewandhausorchester, Oper und Thomanerchor ein außergewöhnlich reiches musikalisches Umfeld. Diese Institutionen lieferten Aber umfangreiches Material für seine Rezensionen und musikpublizistischen Arbeiten.

Er pflegte Kontakte zu zahlreichen Musikern und Komponisten, darunter Richard Strauss. Seine journalistische Tätigkeit verband analytische Musikkritik mit allgemeinverständlicher Vermittlung.

Musikkritik und journalistische Arbeit

Als Musikkritiker gehörte Adolf Aber zur Tradition des deutschsprachigen Feuilletons, das Musik nicht nur beschrieb, sondern kulturhistorisch und ästhetisch deutete.

Seine Kritiken zeichneten sich durch Sachkenntnis, historische Orientierung und stilistische Klarheit aus. Dabei verband er wissenschaftliche Präzision mit journalistischer Verständlichkeit.

Im Umfeld der Leipziger Musiklandschaft entwickelte Aber eine Position zwischen Musikwissenschaft und öffentlicher Kulturkritik.

Musikwissenschaftliche Arbeiten

Neben seiner journalistischen Tätigkeit veröffentlichte Adolf Aber zahlreiche musikwissenschaftliche Werke. Besonders bekannt wurde das Handbuch der Musikliteratur in systematisch-chronologischer Anordnung von 1922.

Weitere Veröffentlichungen behandelten Musikgeschichte, Instrumentenkunde und Theatermusik. Seine Arbeiten dienten sowohl wissenschaftlichen als auch pädagogischen Zwecken.

Werk Jahr Thema
Die Pflege der Musik unter den Wettinern 1921 historische Musikforschung
Handbuch der Musikliteratur 1922 Bibliographie und Musikforschung
Die deutsche Musik 1923 Musikgeschichte
Die Musikinstrumente und ihre Sprache 1924 Instrumentenkunde
Die Musik im Schauspiel 1926 Theater- und Bühnenmusik

Emigration nach England

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Adolf Aber 1933 gemeinsam mit seiner Frau Mignon Aber nach London.

Die Emigration bedeutete einen tiefen Einschnitt in seine berufliche und persönliche Existenz. Wie viele jüdische Intellektuelle musste Aber Deutschland verlassen und sich im Exil eine neue Existenz aufbauen.

Sein weiterer Lebensweg steht exemplarisch für die Vertreibung zahlreicher Musikforscher, Kritiker und Künstler aus dem deutschsprachigen Kulturraum während der NS-Zeit.

Novello & Co. und Musikverlagsarbeit

In London arbeitete Adolf Aber beim traditionsreichen Musikverlag Novello & Co., später auch als Verlagsdirektor.

Er betreute dort Editionen deutscher Komponisten und setzte sich für die Vermittlung deutscher Musik in Großbritannien ein. Dies war angesichts der politischen Spannungen der Zeit keineswegs selbstverständlich.

Besonders förderte Aber die Musik von Franz Schubert, Robert Schumann und Johannes Brahms sowie die Wiederentdeckung älterer Leipziger Thomaskantoren wie Johann Hermann Schein und Johann Kuhnau.

Werk- und Kulturüberblick

Das publizistische Werk Adolf Abers umfasst musikwissenschaftliche Studien, Lexika, musikpädagogische Veröffentlichungen und journalistische Arbeiten. Seine Schriften verbinden historische Forschung mit musikvermittelnder Absicht.

Bereich Charakteristik Bedeutung
Musikgeschichte historische Studien wissenschaftliche Forschung
Musikkritik Zeitungsfeuilleton öffentliche Musikvermittlung
Bibliographie Musikliteratur Forschungserschließung
Musikpädagogik Einführungen und Kurzbiographien allgemeine Bildung
Verlagsarbeit Editionen deutscher Musik internationale Vermittlung

Bach-Pflege und deutsche Musiktradition

Ein wichtiger Schwerpunkt von Abers Tätigkeit lag in der Pflege deutscher Musiktraditionen, insbesondere der Musik Johann Sebastian Bachs und der Leipziger Thomaskantoren.

Seine Editionen und Veröffentlichungen unterstützten die internationale Verbreitung deutscher Kirchen- und Chormusik.

Dadurch wirkte Aber auch als kultureller Vermittler zwischen deutscher Musikgeschichte und englischem Musikleben.

Deutsch-britische Musikvermittlung

Adolf Aber spielte eine bedeutende Rolle bei der Vermittlung deutscher Musik in Großbritannien nach 1933. Trotz der politischen Spannungen setzte er sich weiterhin für deutschsprachige Musiktraditionen ein.

Zugleich machte er moderne Komponisten wie Fritz Jöde und Cesar Bresgen in England bekannt.

Damit gehört Aber zu jenen Emigranten, die kulturelle Brücken zwischen Deutschland und Großbritannien schufen.

Stil und musikpublizistische Bedeutung

Adolf Aber schrieb in einem klaren, analytischen und zugleich allgemeinverständlichen Stil. Seine Texte verbanden musikwissenschaftliche Präzision mit journalistischer Lesbarkeit.

Innerhalb der deutschen Musikpublizistik des frühen 20. Jahrhunderts repräsentiert er den Typus des wissenschaftlich gebildeten Feuilletonkritikers.

Seine Arbeiten zeigen zugleich die Nähe zwischen Musikwissenschaft, Kritik und kultureller Öffentlichkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kulturhistorische Bedeutung

Adolf Aber besitzt kulturhistorische Bedeutung als Musikkritiker, Wissenschaftler und Emigrant des 20. Jahrhunderts.

Sein Lebensweg dokumentiert die Verbindung von deutscher Musikkultur, jüdischer Intellektuellengeschichte und Exilerfahrung.

Darüber hinaus gehört er zu den wichtigen Vermittlern deutscher Musik im englischsprachigen Raum nach 1933.

Rezeption und Erinnerungskultur

Heute wird Adolf Aber vor allem in musikgeschichtlichen und exilhistorischen Zusammenhängen erinnert. Seine Arbeiten bleiben für die Musikbibliographie und die Geschichte der Musikpublizistik bedeutsam.

Die Stadt Apolda ehrte ihn durch die Benennung der Adolf-Aber-Straße.

Zudem wird er in Forschungen zur Exilmusik, zur jüdischen Kulturgeschichte und zur Musikpublizistik des 20. Jahrhunderts regelmäßig erwähnt.

Sekundärliteratur

  • Dieter Ullmann: Adolf Aber – ein bedeutender Musikwissenschaftler aus Apolda. In: Apoldaer Heimat 10 (1992).
  • Maria Stolarzewicz: „Apolda“. In: Helen Geyer / Maria Stolarzewicz (Hrsg.): Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Wien/Köln/Weimar 2020.
  • MGG – Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Artikel „Aber, Adolf“.
  • Werner Röder / Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. München 1983.
  • Karl-Josef Kutsch / Leo Riemens: Studien zur deutschsprachigen Musikpublizistik des 20. Jahrhunderts.

Ausgewählte Onlinequellen

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