Martin Abendroth (1883–1977)
Martin Abendroth war ein deutscher Opernsänger im Bass- und Bassbaritonfach, Kammersänger und Gesangspädagoge. Seine Laufbahn führte ihn von Königsberg über Krefeld, Breslau und Wiesbaden an die Berliner Staatsoper und an die Berliner Krolloper. Er ist heute vor allem durch seine Mitwirkung an zentralen Aufführungen der musikalischen Moderne greifbar: als Doktor in der Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck, als Sänger im Umfeld der Krolloper und als Mitwirkender an der Uraufführung von Kurt Weills und Bertolt Brechts Der Lindberghflug.
Überblick
Martin Abendroth wurde am 4. Oktober 1883 in Berlin geboren und starb am 14. Dezember 1977 in Neuenhagen bei Berlin. Er war ein deutscher Opernsänger im Bass- beziehungsweise Bassbaritonfach. Seine Karriere ist besonders eng mit dem Berliner Musikleben der Weimarer Republik verbunden. Dort sang er an der Staatsoper Unter den Linden und an der Krolloper, zwei Häusern, die in den 1920er Jahren unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Rollen in der Opernkultur spielten.
Abendroth war kein Sänger, dessen heutiger Nachruhm vor allem auf einer großen internationalen Solokarriere beruht. Seine Bedeutung liegt vielmehr in seiner Stellung als zuverlässiger Ensemble- und Charakterbass an wichtigen Bühnen. Er übernahm kleinere Partien, aber auch tragende Rollen. Gerade im modernen Musiktheater wurden solche Sänger besonders wichtig, weil neue Werke oft präzise rhythmische, sprachliche und charakterdarstellerische Anforderungen stellten.
Besonders hervorzuheben ist seine Mitwirkung an der Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper. Abendroth sang den Doktor, eine grotesk-autoritäre Basspartie, die nicht nur vokale Tiefe, sondern auch scharfe Charakterisierung und genaue rhythmische Gestaltung verlangt. Damit gehört er zur Erstbesetzung eines der wichtigsten Opernwerke des 20. Jahrhunderts.
Ebenso bedeutsam ist seine Zugehörigkeit zur Krolloper. Dieses Haus wurde unter Otto Klemperer zu einem Zentrum experimenteller Opernpraxis. Abendroth wirkte dort unter anderem bei Strawinskys Oedipus Rex und bei Weills/Brechts Der Lindberghflug mit. Seine Karriere berührt dadurch Operntradition, Neue Musik, Rundfunknähe, modernes Musiktheater und frühe Tonaufzeichnung.
Name, Einordnung und Stimmfach
Die maßgebliche Namensform lautet Martin Abendroth. In Normdaten und digitalen Nachweisen erscheint er als deutscher Sänger, Bassist beziehungsweise Bassbariton, Musiker und Kammersänger. Diese Bezeichnungen sind nicht widersprüchlich, sondern zeigen die Breite seiner vokalen Einordnung. In Opernrollen konnte er sowohl im Bassfach als auch in einem tiefen Bariton- beziehungsweise Bassbaritonbereich eingesetzt werden.
Der Bassbariton steht zwischen Bass und Bariton. Er besitzt die Tiefe und Autorität des Bassfachs, kann aber auch eine beweglichere, stärker textbezogene und manchmal charakterlich zugespitzte Mittellage einsetzen. Für Abendroths Repertoire war diese Flexibilität wichtig. Partien wie der Doktor in Wozzeck, Rocco in Fidelio, Sarastro in der Zauberflöte oder Pogner in den Meistersingern verlangen jeweils andere Mischungen aus Tiefe, Würde, Charakter und Sprachdeutlichkeit.
Als Sänger ist Abendroth besonders im Kontext der deutschen Opern- und Konzertkultur des frühen 20. Jahrhunderts einzuordnen. Er gehört zu jener Generation, die ihre Ausbildung noch in der spätkaiserzeitlichen Theatertradition erhielt, aber in der Weimarer Republik mit radikal neuen musikalischen Sprachen konfrontiert wurde.
Ausbildung und frühe Laufbahn
Martin Abendroth wurde in Berlin ausgebildet. Über einzelne Lehrer, Studienorte und Ausbildungsdetails sind die öffentlich leicht zugänglichen Nachweise knapper als bei vielen bekannteren Opernstars. Sicher ist jedoch, dass seine Ausbildung ihn auf eine praktische Bühnenlaufbahn vorbereitete, die 1906 mit dem Debüt am Stadttheater Königsberg begann.
Das Debüt in Königsberg entsprach einem typischen Weg deutscher Opernsänger jener Zeit. Viele Sänger begannen nicht sofort an den großen Hauptstadthäusern, sondern sammelten zunächst Erfahrung an mittleren Stadt- und Provinztheatern. Dort mussten sie rasch ein breites Repertoire erarbeiten, Ensemblepflichten erfüllen und verschiedenartige Rollen übernehmen.
Diese frühe Praxis war für Abendroth entscheidend. Seine spätere Verwendbarkeit an der Berliner Staatsoper und der Krolloper beruhte nicht auf einem einzigen Glanzfach, sondern auf einem soliden Bühnenhandwerk. Er konnte rollenflexibel arbeiten, sich in Ensembles einfügen und auch in neuen Werken präzise Aufgaben übernehmen.
Königsberg, Krefeld, Breslau und Wiesbaden
Nach seinem Debüt 1906 am Stadttheater Königsberg führte Abendroths Laufbahn über das Stadttheater Krefeld, das Opernhaus Breslau und das Staatstheater Wiesbaden. Diese Stationen bildeten eine breite berufliche Grundlage. Königsberg, Krefeld, Breslau und Wiesbaden standen für ein deutsches Theaternetz, in dem Sängerinnen und Sänger kontinuierlich Repertoire, Stil und Bühnenroutine entwickelten.
Breslau war ein besonders bedeutendes Opernhaus im östlichen Mitteleuropa. Es bot ein anspruchsvolles Repertoire und war ein wichtiger Durchgangspunkt für Sängerkarrieren. Wiesbaden wiederum besaß als Hoftheater beziehungsweise späteres Staatstheater einen repräsentativen Rang. Abendroths Weg über diese Häuser zeigt, dass er sich schrittweise für größere Aufgaben qualifizierte.
In dieser Phase dürfte er sowohl klassische Basspartien als auch Charakterrollen gesungen haben. Die genaue Rollenchronologie ist ohne Archivarbeit nicht vollständig zu rekonstruieren. Dennoch ist klar, dass diese Jahre die Voraussetzung für seinen Wechsel nach Berlin bildeten.
Berliner Staatsoper
Ab 1925 war Martin Abendroth an der Berliner Staatsoper tätig. Die Staatsoper Unter den Linden gehörte zu den führenden Opernhäusern Europas und war in der Weimarer Republik ein Ort bedeutender Premieren, großer Dirigenten und anspruchsvoller Ensembles. Für einen Sänger bedeutete die Zugehörigkeit zu diesem Haus eine hohe professionelle Anerkennung.
Abendroth sang dort überwiegend kleinere Rollen, wurde aber auch mit größeren, tragenden Aufgaben betraut. Gerade solche Ensemblemitglieder waren für ein Haus wie die Staatsoper unverzichtbar. Sie hielten das Repertoire zusammen, übernahmen Nebenrollen in großen Werken, sangen moderne Partien und ermöglichten eine kontinuierliche Aufführungspraxis.
Seine wichtigste Berliner Staatsopernrolle im historischen Gedächtnis ist der Doktor in Wozzeck. Diese Partie verbindet Abendroth mit Erich Kleiber, Alban Berg und der Opernmoderne der 1920er Jahre. Dadurch ist sein Name auch dort präsent, wo er nicht als Star, sondern als Teil einer epochalen Erstbesetzung erscheint.
Wozzeck und die musikalische Moderne
Alban Bergs Wozzeck wurde am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber uraufgeführt. Martin Abendroth sang den Doktor. Diese Partie ist eine der schärfsten Charakterrollen des Werks. Der Doktor ist eine groteske Autoritätsfigur, halb Wissenschaftler, halb Menschenexperimentator, dessen Sprache und Musik von Zwang, Pedanterie und Entmenschlichung geprägt sind.
Für einen Bass oder Bassbariton stellt diese Rolle besondere Anforderungen. Sie verlangt nicht nur tiefe Töne und stimmliche Präsenz, sondern vor allem rhythmische Präzision, Textartikulation, groteske Zuspitzung und die Fähigkeit, eine unmenschliche Figur ohne bloße Übertreibung hörbar zu machen. Abendroths Beteiligung an dieser Uraufführung weist auf seine stilistische Zuverlässigkeit im modernen Repertoire hin.
Wozzeck wurde nach der Uraufführung zu einem Schlüsselwerk der Operngeschichte des 20. Jahrhunderts. Abendroths Name bleibt dadurch mit einem Moment verbunden, in dem die Operntradition eine neue Ausdrucksform gewann: sozial scharf, psychologisch zerrissen, formal streng und musikalisch radikal.
Krolloper, Klemperer und experimentelles Musiktheater
Von 1927 bis 1931 war Abendroth auch Mitglied der Berliner Krolloper. Dieses Haus wurde unter Otto Klemperer zu einem der wichtigsten Experimente des modernen Musiktheaters in Deutschland. Die Krolloper suchte neue Inszenierungsformen, neue Repertoiremischungen und eine straffere, zeitgemäßere Opernästhetik. Sie wurde zu einem Gegenmodell zur traditionelleren Hof- und Staatsopernkultur.
Zur Eröffnung des Hauses am 19. November 1927 sang Abendroth den Rocco in Beethovens Fidelio. Diese Rolle ist im Bassfach von besonderer Bedeutung, weil sie Menschlichkeit, Bürgerlichkeit, praktische Vernunft und väterliche Wärme verbindet. Dass Abendroth in dieser Eröffnungsvorstellung eingesetzt wurde, zeigt sein Ansehen innerhalb des Ensembles.
An der Krolloper wirkte er außerdem bei Strawinskys Oedipus Rex mit. Die Verbindung von klassischem Stoff, neoklassizistischer Strenge, lateinischer Sprache und moderner musikalischer Form stellte andere Anforderungen als das romantische Opernrepertoire. Abendroths Zugehörigkeit zu dieser Bühne zeigt daher seine Beweglichkeit zwischen Tradition und Moderne.
Der Lindberghflug
Am 5. Dezember 1929 wirkte Martin Abendroth an der Berliner Krolloper in der Uraufführung von Kurt Weills und Bertolt Brechts Der Lindberghflug mit. Die Aufführung stand unter Otto Klemperer. Das Werk gehört in den Zusammenhang moderner Medien-, Rundfunk- und Lehrstückkultur der späten Weimarer Republik.
Der Lindberghflug, später auch unter dem Titel Der Ozeanflug überliefert, ist kein traditionelles Opernwerk. Es verbindet Musik, Bericht, Chor, Solostimmen, Technikbegeisterung und moderne Kommunikationsformen. Für Sänger bedeutete dies eine andere Art der Darstellung: weniger psychologische Rollenverkörperung, stärker funktionale, klare und textbezogene Mitwirkung.
Abendroths Beteiligung an diesem Werk erweitert sein Profil. Er war nicht nur ein Sänger des traditionellen Opernbetriebs, sondern stand auch in der Nähe jener Experimente, die Oper, Konzert, Rundfunk und politisch-pädagogische Musikform neu miteinander verbanden.
Zoppoter Festspiele und Wagner-Repertoire
1929 nahm Martin Abendroth an den Zoppoter Festspielen teil. Die Waldoper Zoppot wurde wegen ihrer Wagner-Aufführungen auch als „Bayreuth des Nordens“ bezeichnet. Abendroth trat dort als Pogner in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg auf. Diese Partie gehört zu den würdigen Bassrollen des Wagner-Repertoires und verlangt stimmliche Autorität, Ruhe und kantable Linienführung.
Pogner steht in den Meistersingern für bürgerliche Würde, Tradition und gesellschaftliche Ordnung. Für einen Sänger wie Abendroth, der zwischen Charakterbass und seriösem Bassfach stand, war diese Rolle besonders geeignet. Sie verlangte keine dämonische Wirkung, sondern Gewicht, Noblesse und textliche Klarheit.
Der Zoppoter Zusammenhang zeigt auch, dass Abendroth nicht ausschließlich als moderner Spezialist zu verstehen ist. Er bewegte sich ebenso sicher im traditionellen deutschen Opernrepertoire. Gerade diese Verbindung von Wagner, Beethoven, Mozart, Berg, Strawinsky und Weill macht seine Laufbahn charakteristisch für die Übergangszeit der Weimarer Opernkultur.
Konzert, Lied und Ballade
Neben der Oper trat Abendroth auch als Konzert- und Liedsänger auf. Besonders gut greifbar sind seine Aufnahmen von Balladen Carl Loewes. Loewe-Balladen verlangen eine Verbindung von Erzählkraft, dramatischer Zuspitzung, Textverständlichkeit und musikalischer Formkontrolle. Sie eignen sich besonders für tiefere Männerstimmen, die Erzählung und Charakterzeichnung verbinden können.
Die nachgewiesenen Titel Odins Meeresritt, Heinrich der Vogler, Tom der Reimer und weitere Balladen weisen Abendroth als Sänger aus, der nicht nur auf der Opernbühne, sondern auch im deklamatorischen, erzählenden Konzertfach wirkte. Dieses Fach war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch wesentlich präsenter als heute.
Auch die Aufnahme von Sarastro-Arien aus Mozarts Die Zauberflöte zeigt die Verbindung von Opern- und Konzertrepertoire. Sarastro ist eine Prüfsteinrolle des Bassfachs: Sie verlangt Ruhe, Tiefe, Legato, Würde und geistige Autorität. Abendroths erhaltene beziehungsweise nachgewiesene Aufnahmen machen diese Seite seines Singens besonders anschaulich.
Historische Tonaufnahmen
Von Martin Abendroth sind mehrere historische Tonaufnahmen nachgewiesen. Dazu gehören Aufnahmen für Homocord aus den späten 1920er Jahren. Besonders wichtig sind seine Aufnahmen von Carl Loewes Balladen Odins Meeresritt und Heinrich der Vogler, begleitet von Felix Günther am Klavier, sowie Sarastro-Arien aus Mozarts Die Zauberflöte mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Felix Günther.
Die Deutsche Digitale Bibliothek nennt unter anderem Tonträger beziehungsweise Objekte mit den Titeln Die Zauberflöte: O Isis und Osiris, Die Zauberflöte: In diesen heil’gen Hallen, Tom der Reimer und Odin’s Meeres-Ritt. Diese Tonspuren sind für die historische Sängerforschung wertvoll, weil Abendroth sonst vor allem durch Besetzungslisten, Lexikonartikel und Aufführungszusammenhänge greifbar bleibt.
Bei der Bewertung dieser Aufnahmen ist die technische Lage der späten 1920er Jahre zu berücksichtigen. Klangfarbe, Dynamik und Orchesterbalance werden durch die Aufnahmetechnik begrenzt. Dennoch dokumentieren die Aufnahmen Stimmtyp, Artikulation, Tempoauffassung und Stilhaltung eines Sängers, der im Berliner Opernleben der Weimarer Zeit aktiv war.
Gesangspädagogik und spätere Jahre
Martin Abendroth war in Berlin auch als Gesangspädagoge tätig. Diese pädagogische Arbeit ist in der öffentlich greifbaren Literatur weniger detailliert dokumentiert als seine Bühnenstationen, gehört aber zu seinem Berufsprofil. Viele Opernsänger der älteren Generation gaben nach oder neben ihrer aktiven Bühnenlaufbahn Unterricht und übertrugen auf diese Weise technische und stilistische Erfahrung an jüngere Stimmen.
Nach dem Ende seiner großen Bühnenzeit blieb Abendroth im Berliner beziehungsweise ostdeutschen Raum präsent. Er starb am 14. Dezember 1977 in Neuenhagen bei Berlin. Sein langes Leben überspannte fast ein Jahrhundert deutscher Musikgeschichte: vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit bis in die DDR.
Gerade diese lange Lebensspanne bedeutet jedoch nicht, dass seine künstlerische Hauptwirkung gleichmäßig über alle Jahrzehnte verteilt war. Sein historisch wichtigster Zeitraum liegt in den 1920er Jahren, besonders im Berliner Opernleben zwischen Staatsoper und Krolloper.
Rollen- und Werkverzeichnis in Auswahl
Doktor in Alban Bergs Wozzeck. Abendroth sang diese Partie in der Uraufführung am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber. Die Rolle ist seine wichtigste Verbindung zur Operngeschichte des 20. Jahrhunderts.
Rocco in Ludwig van Beethovens Fidelio. Abendroth sang Rocco zur Eröffnung der Krolloper am 19. November 1927. Die Partie gehört zu den zentralen Bassrollen des deutschen Opernrepertoires.
Mitwirkung in Igor Strawinskys Oedipus Rex. An der Krolloper war Abendroth an der deutschen beziehungsweise Berliner Aufführungsgeschichte dieses neoklassizistischen Werks beteiligt.
Mitwirkung in Kurt Weills und Bertolt Brechts Der Lindberghflug. Abendroth war am 5. Dezember 1929 an der Uraufführung an der Berliner Krolloper beteiligt.
Pogner in Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg. Abendroth trat 1929 bei den Zoppoter Festspielen in dieser Rolle auf.
Sarastro in Mozarts Die Zauberflöte. Abendroth nahm die Arien O Isis und Osiris und In diesen heil’gen Hallen auf; diese Aufnahmen dokumentieren seine Wirkung im seriösen Bassfach.
Carl-Loewe-Balladen. Zu den nachgewiesenen Aufnahmen gehören Odins Meeresritt, Heinrich der Vogler und Tom der Reimer. Sie zeigen Abendroth als Konzert- und Balladensänger.
Verdi-Repertoire. Nachweise zu historischen Tonträgern nennen außerdem Ausschnitte beziehungsweise Verbindungen zu Il trovatore und Un ballo in maschera. Diese Angaben sind für die Erweiterung seines Repertoires über das deutsche Fach hinaus relevant.
Bedeutung und Nachwirkung
Martin Abendroths Bedeutung liegt nicht in einer heute allgemein bekannten Starbiographie, sondern in seiner Stellung als professioneller Bassbariton an zentralen Bühnen der Weimarer Republik. Sänger wie er bildeten das Rückgrat großer Opernhäuser. Sie übernahmen Nebenpartien, Charakterrollen, seriöse Bassrollen, moderne Aufgaben und Konzertverpflichtungen. Ohne solche Ensemblekräfte wären die großen Operninstitutionen nicht funktionsfähig gewesen.
Sein Name bleibt besonders durch Wozzeck präsent. Die Uraufführungsbesetzung eines epochalen Werks konserviert auch jene Sänger, die nicht im Zentrum der späteren Sängerlegende stehen. Abendroth war Teil eines Aufführungsereignisses, das die Operngeschichte veränderte. Der Doktor in Wozzeck ist zudem eine Rolle, die exemplarisch zeigt, wie moderne Opernfigur und stimmliche Charakterisierung zusammenfallen.
Ebenso wichtig ist seine Verbindung zur Krolloper. Die Krolloper war ein Labor moderner Opernpraxis. Dass Abendroth dort sang, zeigt seine Fähigkeit, nicht nur im traditionellen Repertoire, sondern auch in neuen, experimentellen musikalischen Formen mitzuwirken. Seine Nachwirkung beruht daher auf drei Säulen: Berliner Ensemblepraxis, musikalische Moderne und historische Tonaufnahmen.
Sekundärliteratur
Karl-Josef Kutsch und Leo Riemens: Großes Sängerlexikon, 4., erweiterte und aktualisierte Auflage, München: K. G. Saur, 2003/2004. Das Sängerlexikon ist die wichtigste biographische Referenz für Martin Abendroth und verzeichnet Lebensdaten, Stimmfach, Bühnenstationen, Rollen und familiengeschichtliche Angaben.
Hans Curjel, Hrsg.: Experiment Krolloper 1927–1931, München: Prestel, 1975. Diese grundlegende Studie zur Berliner Krolloper ist für Abendroths Tätigkeit an diesem Haus besonders wichtig. Sie behandelt die experimentelle Opernpraxis der Krolloper, die Ensemblearbeit, die Aufführungspolitik und die modernistischen Projekte unter Otto Klemperer.
Opern- und Aufführungsliteratur zu Alban Bergs Wozzeck. Für Abendroth ist die Uraufführungsbesetzung zentral, besonders seine Partie als Doktor. Einschlägige Arbeiten zu Berg, Erich Kleiber, der Berliner Staatsoper und der frühen Rezeption von Wozzeck sind daher immer auch indirekt relevant.
Literatur zur Berliner Staatsoper in der Weimarer Republik. Diese Forschung erschließt das institutionelle Umfeld, in dem Abendroth ab 1925 wirkte. Sie ist besonders wichtig, um seine Tätigkeit nicht nur als Einzelbiographie, sondern als Teil eines hochrangigen Ensembles zu verstehen.
Forschung zur Berliner Krolloper und zu Otto Klemperer. Abendroths Mitwirkung bei Fidelio, Oedipus Rex und Der Lindberghflug gehört in diesen Zusammenhang. Die Krolloper-Forschung macht deutlich, welche Anforderungen moderne Regie-, Repertoire- und Ensemblearbeit an Sänger stellte.
Diskographische Nachweise zu Homocord, Carl-Loewe-Aufnahmen und Mozart-Aufnahmen der späten 1920er Jahre. Für Abendroths stimmliche Rekonstruktion sind solche Tonträgerverzeichnisse und digitale Sammlungen besonders wichtig, weil sie seine Stimme in Ausschnitten dokumentieren.
Deutsche Digitale Bibliothek und lobid/GND: Normdaten und Objektverweise zu Martin Abendroth. Diese digitalen Nachweise sind für Lebensdaten, Berufsbezeichnungen, GND-Identifikation und erhaltene Tonträger beziehungsweise Digitalisate nützlich.
Quellen zur Waldoper Zoppot und zu den Zoppoter Festspielen. Sie sind für Abendroths Wagner-Auftritte, besonders als Pogner in Die Meistersinger von Nürnberg, relevant und ordnen ihn in die Festspielkultur des deutschsprachigen Opernlebens ein.
Quellenlage und editorischer Hinweis
Die Quellenlage zu Martin Abendroth ist deutlich schmaler als bei prominenteren Opernstars derselben Zeit. Normdaten, Sängerlexika, Besetzungslisten, digitale Tonträgernachweise und Spezialliteratur zur Krolloper bilden die wichtigsten Grundlagen. Eine vollständige Rekonstruktion seiner Karriere müsste Archivmaterial der Theater in Königsberg, Krefeld, Breslau, Wiesbaden, Berlin und Zoppot auswerten.
Bei seinem Stimmfach begegnen unterschiedliche Bezeichnungen: Bass, Bassbariton, Bassist und Sänger. Diese Varianten erklären sich aus der historischen Rollenpraxis und aus unterschiedlichen Katalogsystemen. Für diese Seite wird die kombinierte Einordnung als Bassbariton beziehungsweise Bass verwendet, weil sie Abendroths nachgewiesenes Rollen- und Aufnahmespektrum am besten beschreibt.
Bei der Datierung seines Todes ist darauf zu achten, dass vereinzelte Antiquariats- oder Nebenquellen falsche Jahreszahlen nennen. Maßgeblich sind hier die Normdaten mit dem Todesdatum 14. Dezember 1977. Der häufigere Fehler „1972“ sollte für den Kulturlexikon-Eintrag nicht übernommen werden.
Von einer bebilderten Einbindung wird hier abgesehen, solange kein eindeutig verlässliches, gemeinfreies Porträt des Opernsängers Martin Abendroth vorliegt. Online-Bildsuchen liefern leicht Treffer zu anderen gleichnamigen Musikern, insbesondere zu einem später geborenen Klarinettisten, und sind für diesen historischen Eintrag daher nicht ohne Prüfung verwendbar.
Fazit
Martin Abendroth war ein deutscher Opernsänger, Bassbariton, Bassist, Kammersänger und Gesangspädagoge, dessen wichtigste Wirkungszeit im Berliner Musikleben der 1920er Jahre liegt. Er sang an der Staatsoper Unter den Linden und an der Krolloper, bewegte sich zwischen traditionellem Repertoire und musikalischer Moderne und war Teil bedeutender Aufführungsereignisse.
Seine besondere historische Bedeutung beruht auf der Verbindung mit Alban Bergs Wozzeck, der Krolloper unter Otto Klemperer und den frühen Aufführungen moderner Werke von Strawinsky, Weill und Brecht. Zugleich dokumentieren seine Mozart- und Loewe-Aufnahmen einen Sänger, der auch im seriösen Bassfach und in der deutschen Balladentradition wirkte. Martin Abendroth steht damit exemplarisch für den gut ausgebildeten, vielseitigen Ensemblebass der Weimarer Opernkultur.
Weiterführende Einträge
- Alban Berg Komponist von Wozzeck, dessen Uraufführung Martin Abendroth als Doktor mitgestaltete
- Bassbariton Stimmfach zwischen Bass und Bariton, geeignet für Charakter-, Würde- und Autoritätsrollen
- Berliner Staatsoper Zentrale Wirkungsstätte Martin Abendroths ab 1925
- Carl Loewe Komponist großer Balladen, von denen Martin Abendroth mehrere aufnahm
- Der Lindberghflug Weill-Brecht-Werk, an dessen Uraufführung Abendroth 1929 an der Krolloper beteiligt war
- Die Zauberflöte Mozart-Oper, aus der Abendroth Sarastro-Arien aufnahm
- Doktor in Wozzeck Groteske Basspartie, die Martin Abendroth in der Uraufführung von Bergs Oper sang
- Erich Kleiber Dirigent der Berliner Wozzeck-Uraufführung von 1925
- Fidelio Beethoven-Oper, in der Abendroth zur Eröffnung der Krolloper den Rocco sang
- Gesangspädagogik Vermittlung von Stimmtechnik, Repertoire, Rollenverständnis und musikalischer Artikulation
- Historische Tonaufnahme Frühe Aufzeichnungspraxis, durch die einzelne Aufnahmen Martin Abendroths erhalten sind
- Krolloper Experimentelles Berliner Opernhaus, an dem Abendroth zwischen 1927 und 1931 sang
- Kurt Weill Komponist von Der Lindberghflug, bei dessen Uraufführung Abendroth beteiligt war
- Otto Klemperer Dirigent und Leiter der Krolloper, unter dem Abendroth an modernen Aufführungen mitwirkte
- Rocco Bassrolle aus Beethovens Fidelio, die Abendroth bei der Krolloper-Eröffnung sang
- Sarastro Mozart-Bassrolle, deren Arien Abendroth historisch einspielte
- Staatsoper Unter den Linden Berliner Opernhaus, an dem Abendroth ab 1925 als Sänger beschäftigt war
- Oedipus Rex Neoklassizistisches Bühnenwerk Strawinskys, bei dessen Krolloper-Aufführung Abendroth mitwirkte
- Weimarer Opernkultur Opernlandschaft der Weimarer Republik zwischen Tradition, Staatsoper, Krolloper und musikalischer Moderne
- Wozzeck Oper Alban Bergs, deren Berliner Uraufführung von 1925 Abendroths Namen dauerhaft überliefert
- Zoppoter Festspiele Wagner-Festspielort, an dem Abendroth 1929 als Pogner auftrat