Abendmusik

öffentliche Konzertreihe an der Marienkirche in Lübeck · 17.–19. Jahrhundert · Kirchenmusik · Barockmusik · Dieterich Buxtehude · Franz Tunder · geistliche Konzerte

Überblick

Die Bezeichnung Abendmusik beziehungsweise Abendmusiken bezeichnet eine berühmte Reihe öffentlicher geistlicher Konzerte an der Marienkirche in Lübeck, die im 17. Jahrhundert entstand und bis 1810 fortgeführt wurde. Die Reihe gilt als eine der frühesten Formen öffentlicher Kirchenkonzerte Europas.

Die Tradition wurde wahrscheinlich vom Lübecker Organisten Franz Tunder begründet und unter seinem Nachfolger Dieterich Buxtehude zu europaweiter Berühmtheit geführt.

Die Abendmusiken verbanden Kirchenmusik, Konzertwesen und bürgerliche Stadtkultur miteinander. Sie standen außerhalb des eigentlichen Gottesdienstes und entwickelten sich zu aufwendig gestalteten musikalischen Großveranstaltungen mit Chor, Solisten und Instrumentalensemble.

Entstehung der Abendmusiken

Die Ursprünge der Lübecker Abendmusiken reichen in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück. Wahrscheinlich entstanden sie aus musikalischen Darbietungen für Kaufleute und Besucher der Hansestadt vor den Sitzungen der Börse im Rathaus von Lübeck.

Der Lübecker Kantor Caspar Ruetz berichtete 1752, dass die „commerzierenden Zünfte“ die musikalischen Aufführungen zur Unterhaltung der Kaufleute förderten.

Damit entstanden die Abendmusiken aus einem Zusammenspiel von bürgerlicher Stadtkultur, protestantischer Kirchenmusik und wirtschaftlicher Blüte der Hansestadt Lübeck.

Aspekt Charakteristik Kulturelle Bedeutung
Ort St. Marien zu Lübeck Zentrum norddeutscher Kirchenmusik
Zeit 17.–19. Jahrhundert Barock und Frühklassik
Initiatoren Organisten und Kaufmannschaft bürgerliche Kulturförderung
Gattung geistliche Konzerte Vorform öffentlicher Konzertreihen

Franz Tunder als Begründer

Als Begründer der Abendmusiken gilt heute überwiegend Franz Tunder, Organist der Lübecker Marienkirche von 1641 bis 1667. Bereits 1646 erwähnte Tunder Einnahmen aus einem „Abendspiel“.

Zunächst bestanden diese Veranstaltungen wahrscheinlich aus Orgelmusik. Später wurden Sänger und Instrumentalisten hinzugezogen, wodurch sich die Aufführungen zunehmend erweiterten.

Tunder schuf damit die Grundlage für eine neue Form geistlicher Konzertkultur außerhalb des liturgischen Gottesdienstes.

Dieterich Buxtehude und die Blütezeit

Unter Dieterich Buxtehude erreichten die Abendmusiken ihre größte Bedeutung. Buxtehude wurde 1668 Organist an St. Marien und entwickelte die Konzertreihe zu einem europaweit bekannten Ereignis.

Bereits 1669 erweiterte er die Aufführungen erheblich und setzte Chor, Solisten und größeres Instrumentalensemble ein. Für die zahlreichen Musiker mussten zusätzliche Emporen errichtet werden.

Ab 1678 präsentierte Buxtehude dort geistlich-dramatische Werke mit oratorienartigem Charakter. Diese Aufführungen machten Lübeck zu einem Zentrum protestantischer Musik Europas.

Die Marienkirche in Lübeck

Die Marienkirche war das religiöse und kulturelle Zentrum der Hansestadt Lübeck. Ihre monumentale Architektur und ihre berühmten Orgeln schufen ideale Bedingungen für groß angelegte musikalische Aufführungen.

Die Kirche entwickelte sich im 17. Jahrhundert zu einem Mittelpunkt der norddeutschen Orgelschule. Organisten wie Franz Tunder und Dieterich Buxtehude prägten die Musikgeschichte nachhaltig.

Auch Johann Sebastian Bach reiste 1705 nach Lübeck, um Buxtehudes Musik kennenzulernen.

Die Abendmusik als neue Konzertform

Die Abendmusiken gelten als frühe Form öffentlicher Konzertveranstaltungen außerhalb des Gottesdienstes. Anders als liturgische Musikaufführungen waren sie eigenständige kulturelle Ereignisse.

Der Eintritt war zunächst frei; finanziert wurden die Aufführungen durch die Lübecker Kaufmannschaft. Sponsoren erhielten bevorzugte Plätze und gedruckte Libretti.

Damit verbanden die Abendmusiken religiöse Themen mit bürgerlicher Öffentlichkeit und frühmoderner Konzertkultur.

Merkmal Abendmusik Bedeutung
Ort Kirche sakraler Raum
Form öffentliches Konzert außerhalb der Liturgie
Finanzierung Kaufmannschaft bürgerliche Kulturförderung
Besetzung Chor, Solisten, Orchester großformatige Aufführung

Oratorium und geistliches Musikdrama

Die Abendmusiken entwickelten sich zunehmend zu geistlichen Musikdramen mit oratorienartigem Charakter. Besonders Buxtehude komponierte mehrteilige Werke für die Adventszeit.

Diese Werke verbanden Bibeltexte, Choräle, freie Dichtung und konzertante Instrumentalmusik miteinander.

Musikhistorisch gelten die Abendmusiken deshalb als wichtige Vorläufer protestantischer Oratorien und geistlicher Konzertmusik in Deutschland.

Kaufmannschaft und Finanzierung

Die Lübecker Kaufleute spielten für die Abendmusiken eine entscheidende Rolle. Als wirtschaftliche Elite der Hansestadt unterstützten sie die kostspieligen Aufführungen finanziell.

Die Verbindung von Handel, Bürgertum und Musik zeigt die besondere Stellung Lübecks innerhalb der norddeutschen Stadtkultur.

Im 18. Jahrhundert wurden teilweise auch Generalproben gegen Eintritt veranstaltet; diese entwickelten sich später sogar zu prestigeträchtigen gesellschaftlichen Ereignissen.

Werk- und Kulturüberblick

Von den ursprünglichen Abendmusiken ist nur ein kleiner Teil erhalten geblieben. Zahlreiche Werke gingen verloren, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs.

Komponist Werkbeispiele Bedeutung
Franz Tunder frühe Abendmusiken Begründer der Tradition
Dieterich Buxtehude Die Hochzeit des Lamms geistliches Musikdrama
Adolf Karl Kunzen Absalon späte Abendmusik-Oratorien
Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw Tod, Auferstehung und Gericht Fortführung im 18. Jahrhundert

Die Aufführungen umfassten Chorwerke, Solokantaten, Oratorien und Instrumentalmusik.

Fortführung im 18. Jahrhundert

Nach Buxtehudes Tod führten seine Nachfolger die Tradition der Abendmusiken fort. Dazu gehörten Johann Christian Schieferdecker, Johann Paul Kunzen, Adolf Karl Kunzen und Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw.

Die Aufführungen entwickelten sich zunehmend in Richtung groß angelegter biblischer Oratorien.

Damit blieb Lübeck bis ins frühe 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum protestantischer Konzertmusik.

Niedergang und Ende der Tradition

Um 1810 endete die ursprüngliche Tradition der Abendmusiken. Ursachen waren wirtschaftliche Probleme infolge der napoleonischen Kriege sowie Veränderungen des musikalischen Geschmacks.

Die aufwendigen Aufführungen konnten finanziell kaum noch getragen werden. Gleichzeitig verlor die barocke geistliche Konzertkultur an gesellschaftlicher Bedeutung.

Damit verschwand eine der bedeutendsten Konzerttraditionen des protestantischen Europa.

Wiederbelebung im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert wurde die Tradition der Lübecker Abendmusiken wiederbelebt. Besonders der Organist Walter Kraft griff den historischen Namen erneut auf und führte seit 1929 wieder „Lübecker Abendmusiken“ durch.

Heute werden die Abendmusiken unter Leitung der Marienorganisten als Konzertreihe mit alter und neuer Musik fortgeführt.

Damit bleibt die Tradition bis in die Gegenwart lebendig.

Kulturhistorische Bedeutung

Die Abendmusiken besitzen herausragende kulturhistorische Bedeutung als frühe öffentliche Konzertreihe Europas. Sie markieren den Übergang von liturgischer Kirchenmusik zu eigenständiger Konzertkultur.

Zugleich zeigen sie die enge Verbindung von protestantischer Religionskultur, städtischem Bürgertum und musikalischer Repräsentation.

Die Lübecker Abendmusiken beeinflussten nachhaltig die Entwicklung geistlicher Konzertmusik, des protestantischen Oratoriums und des öffentlichen Musiklebens in Deutschland.

Rezeption und europäische Wirkung

Bereits im 17. Jahrhundert waren die Abendmusiken europaweit bekannt. Musiker und Komponisten reisten nach Lübeck, um Buxtehudes Aufführungen zu erleben.

Johann Sebastian Bach legte 1705 den berühmten Fußmarsch von Arnstadt nach Lübeck zurück, um Buxtehude kennenzulernen.

Heute gelten die Abendmusiken als ein Schlüsselereignis der norddeutschen Barockmusik und der europäischen Konzertgeschichte.

Sekundärliteratur

  • Kerala J. Snyder: Dieterich Buxtehude: Organist in Lübeck. New York 1987.
  • Kerala J. Snyder: „Abendmusik“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Kassel 1994.
  • Friedhelm Krummacher: Die Chormusik Dietrich Buxtehudes. Kassel 1978.
  • Hans Joachim Marx: Studien zur norddeutschen Kirchenmusik des Barock.
  • Willi Apel (Hrsg.): Harvard Dictionary of Music. Cambridge 1972.

Ausgewählte Onlinequellen

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