Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Verbform (abbandonai = 1. Pers. Sg. passato remoto von abbandonare), Abkehr/Preisgabe, Ursache der Verirrung, räumliche und moralische Abwendung („verace via“), Ereignisform des Bruchs, Dante, Divina Commedia
Abbandonai
Abbandonai heißt: „ich verließ“, „ich gab auf“, „ich ließ im Stich“. In Dantes Anfang ist es das Verb, das die ganze Reise motiviert. Nicht ein Zufall hat den Wanderer in die selva oscura geführt, sondern ein Bruch: „dass ich den wahrhaften Weg verließ“. Abbandonai markiert Abkehr als Ursache der Verirrung. Es verbindet Raum und Moral: Den Weg verlassen heißt, Ordnung verlassen. Und als passato remoto setzt es diesen Bruch als abgeschlossenes Ereignis: einmal geschehen, nicht wegzudiskutieren – nur noch zu durchwandern, um die Ordnung wiederzufinden.
1. Grammatikalische Erklärung
Abbandonai ist die 1. Person Singular im passato remoto von abbandonare. Der passato remoto ist die Erzählzeit des gesetzten Ereignisses: Er markiert einen Vorgang als einmalig, abgeschlossen, in die Vergangenheit gestellt, aber für die Erzählgegenwart kausal wirksam.
Das Verb abbandonare kann im Italienischen sowohl konkret-räumlich („verlassen“) als auch moralisch-sozial („im Stich lassen“, „preisgeben“, „aufgeben“) funktionieren. Diese Doppelung ist für Dante entscheidend, weil seine Reise von Anfang an Außen und Innen verschaltet: ein Ortswechsel ist zugleich ein Zustandswechsel.
Im Vers steht abbandonai als Prädikat zu „ich“ und wird direkt an ein Objekt gebunden: die verace via. Grammatisch ist das schlicht, semantisch maximal: Ein einziges Verb setzt die Kausalität der Verirrung.
2. Bedeutungsfelder: Verlassen, Aufgeben, Preisgeben, Ursache
Das erste Bedeutungsfeld ist Verlassen im räumlichen Sinn. Der Weg ist eine Linie der Orientierung, und ihn zu verlassen heißt: aus der Linie herausfallen. In der Logik der Commedia ist das bereits moralisch, weil der „rechte Weg“ nicht nur ein Pfad im Wald, sondern ein Maß des Lebens ist.
Das zweite Feld ist Aufgeben. Abbandonai kann heißen: nicht nur weggehen, sondern die Bindung an die Ordnung lösen, das Maß nicht mehr halten, die Führung nicht mehr akzeptieren. Damit wird die Verirrung als Willensereignis lesbar: Abkehr ist nicht bloß Irrtum, sondern Preisgabe.
Das dritte Feld ist Preisgeben/Im-Stich-Lassen. Wer „abbandona“, lässt etwas ohne Schutz zurück. Dass das Objekt hier die verace via ist, verschiebt das Motiv: Nicht eine Person wird verlassen, sondern der Weg selbst – also die Instanz, die schützt, führt und ordnet. Verlassen wird zur Selbstentblößung: Wer den wahren Weg preisgibt, setzt sich dem Ungeordneten aus.
Das vierte Feld ist Ursache. In Inferno I ist das Verb nicht atmosphärisch, sondern kausal: es erklärt, warum die Reise nötig ist. Das Gedicht beginnt als Wiederherstellung dessen, was durch abbandonai verloren ging.
3. Abbandonai als Erzähltechnik: Ursprungssatz und Ordnungslogik
Dantes Anfang arbeitet mit zwei Bewegungen: Verlust und Rekonstruktion. Der Verlust wird mit wenigen, schneidenden Verben gesetzt (verloren, verlassen). Abbandonai ist dabei besonders stark, weil es nicht bloß ein „Verirren“ benennt, sondern eine Abwendung. Der Text lässt damit erkennen: Die Reise ist nicht Tourismus, sondern Therapie der Ordnung.
Als passato remoto trägt abbandonai den Ton des Unumkehrbaren: Das Ereignis steht fest, aber es ist erzählbar. Damit entsteht eine Ethik des Rückblicks: Der Sprecher kann den Bruch nennen, und gerade dadurch kann er die Arbeit des Wiederanschlusses beginnen.
Zugleich bindet das Verb an das Adjektiv verace. Es ist nicht irgendein Weg, der verlassen wurde, sondern der wahrhafte. Dadurch wird Abkehr nicht relativierbar: Sie ist Abkehr von Wahrheit. So wird abbandonai zum Negativschlüssel, an dem sich später die Positivbewegung (Führung, Läuterung, Licht) ausrichtet.
Fazit
Abbandonai („ich verließ/ich gab auf“) ist bei Dante das Verb des Ursprungsbruchs. Als 1. Person Singular passato remoto von abbandonare setzt es die Abkehr als abgeschlossenes Ereignis, das die Verirrung verursacht. Semantisch verbindet es räumliche Abwendung (den Weg verlassen) mit moralischer Preisgabe (Ordnung und Maß aufgeben). In der Formel „la verace via abbandonai“ wird die Reise als Wiederherstellung lesbar: Der ganze Weg der Commedia ist die Arbeit, das Verlassene wiederzufinden.
4. Fundstellen in der Divina Commedia
che la verace via abbandonai
dass ich den wahrhaften Weg verließ.
Inferno, Canto 1, Vers 12
en] that I abandoned the true path.
fr] que j’abandonnai la voie véridique.
es] que abandoné el camino verdadero.
Diese einzige, aber grundlegende Fundstelle zeigt die ganze Tragweite von abbandonai. Das Verb ist nicht Ornament, sondern Ursache: Weil der Sprecher den „verace“ Weg verließ, ist er in Unordnung geraten. Das Gedicht beginnt damit als Rückgewinnung der verlorenen Ordnung. Abbandonai ist der kleine Vergangenheitsakt, aus dem die große Reise folgt.