Justus Friedrich Wilhelm Zachariä
Aufklärungsdichter, Satiriker und Professor in Braunschweig (1726–1777)
Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726–1777) ist ein Autor der deutschen Aufklärung, der besonders durch seine satirisch-komischen Versepen und seine pointierte Beobachtung gesellschaftlicher Rollen bekannt wurde. Sein berühmtestes Werk, das scherzhaft-heroische Epos Der Renommist (1744), gilt als literarisch zugespitztes „Sittengemälde“ des Studentenlebens und macht sichtbar, wie stark Aufklärungsliteratur nicht nur argumentiert, sondern soziale Praxis beschreibt, typisiert und durch Ironie prüft.
Zachariäs Profil ist zugleich institutionell geprägt: In Braunschweig wirkt er über Jahrzehnte am Collegium Carolinum, zuletzt als ordentlicher Professor der Dichtkunst. Damit verbindet sich bei ihm eine doppelte Rolle, die für das 18. Jahrhundert exemplarisch ist: der Autor als Produzent literarischer Formen und der Gelehrte als kultureller „Geschmacksbildner“, der Literatur in Lehre, Publikation und Öffentlichkeit vermittelt.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen
- 4. Themen und Motive
- 5. Sprachliche und formale Eigenart
- 6. Bedeutung und Nachwirkung
- 7. Justus Friedrich Wilhelm Zachariä im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Zachariä wird am 1. Mai 1726 in Frankenhausen am Kyffhäuser (heute Bad Frankenhausen) geboren und stirbt am 30. Januar 1777 in Braunschweig. Er besucht die fürstliche Landesschule in Frankenhausen und studiert ab 1743 Rechtswissenschaften in Leipzig; früh gerät er in literarische Kreise und steht zunächst im Umfeld Gottscheds, bevor er sich ab 1744 den „Bremer Beiträgern“ anschließt, die eine freiere, weniger regelpoetische Literaturpraxis vertreten. Nach weiteren Studien- und Lebensstationen gelangt er nach Braunschweig und ist am Collegium Carolinum in unterschiedlichen Funktionen tätig, schließlich als Professor der Dichtkunst.
2. Literarisch-historische Einordnung
Literaturgeschichtlich steht Zachariä in der Spätphase der deutschen Frühaufklärung. Er verbindet das Interesse an Regel- und Formbewusstsein mit einer Praxis, die stärker auf Witz, Ironie und soziale Beobachtung setzt als auf poetologische Doktrin. Seine komischen Epen greifen das Muster des „heroischen“ Erzählens auf, wenden es jedoch ins Satirische: Das Erhabene wird zum Maskenspiel, an dem sich Eitelkeit, Aggression, Rang- und Gruppenkultur ablesen lassen.
3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen
- Der Renommist (1744): scherzhaftes Heldengedicht über studentische Typen- und Konfliktkultur, besonders zwischen den Universitätsmilieus Leipzig und Jena.
- Satirisch-komische Versepen: weitere Klein- und Großepeinheiten, die moralische Diagnose und komische Typisierung verbinden.
- Fabeln, Lieder, Oden, Kantaten: breit gestreute Gattungsarbeit, die Zachariäs Rolle als „Vielschreiber“ der Aufklärung sichtbar macht.
- Herausgabe und Übersetzung: Mitarbeit an Publikationsprojekten und Vermittlungsarbeit im literarischen Feld.
4. Themen und Motive
- Rollen und Habitus: Selbstdarstellung, „Renommieren“, Rangspiele und Gruppendruck als Motor sozialer Komik.
- Studentische Kultur: Universitätsmilieus als Schauplatz von Ritualen, Aggression, Eitelkeit und Selbsttäuschung.
- Satire als Aufklärung: Kritik durch Lächerlichmachen, ohne den Anspruch auf moralische Diagnose preiszugeben.
- Geschmacksbildung: Literatur als Mittel, Wahrnehmung zu schärfen und Maßstäbe zu setzen, nicht zuletzt in der Lehre.
5. Sprachliche und formale Eigenart
Zachariäs Komik arbeitet mit Überhöhung und abruptem Umschlag. Das Epos liefert die große Form, in der „Helden“ auftreten könnten, aber die Handlung produziert gerade das Gegenteil: Es werden keine heroischen Tugenden, sondern peinliche Übertreibungen und lächerliche Selbstbilder sichtbar. Formal ist dabei wichtig, dass die Verskunst nicht bloß dekorativ bleibt, sondern die Pointe organisiert: Die Zeile führt hin, die Schlusswendung setzt den Stich. So entsteht eine Satire, die zugleich rhythmisch trägt und argumentativ wirkt.
6. Bedeutung und Nachwirkung
Zachariäs Wirkung ist besonders an Der Renommist festzumachen, der als eine der prägnantesten literarischen Darstellungen studentischer Kultur im 18. Jahrhundert gilt und noch im 19. Jahrhundert ein bekanntes Referenzstück bleibt. Darüber hinaus markiert sein Werk eine wichtige Phase der Aufklärungsliteratur, in der sich die Kritik nicht nur in Traktaten, sondern in komischen Erzählformen, Typenbildern und satirischen Miniaturen artikuliert. Als Professor am Collegium Carolinum gehört Zachariä außerdem zu jenen Autoren, die literarische Produktion und institutionelle Kulturvermittlung eng miteinander verbinden.
7. Justus Friedrich Wilhelm Zachariä im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas ist Zachariä vor allem als Autor eines satirischen Formenexperiments produktiv: An Der Renommist lässt sich präzise untersuchen, wie die Großform des Epos zur Bühne sozialer Typisierung wird, wie Redeweisen und Habitus im Vers „hörbar“ werden und wie Pointe, Rhythmus und Erzählinstanz zusammenarbeiten. Ergänzend lohnt der Blick auf die Kleinformen (Fabel, Lied, Epigrammatik), weil sich dort die aufklärerische Diagnose in konzentrierter Gestalt zeigt: kurz, scharf, moralisch kontrolliert und zugleich auf Wirkung im Publikum hin entworfen.