August Stramm – Fotoporträt (um 1914)
August Stramm: Sprach- und Formexperiment des Expressionismus, eng verbunden mit der Zeitschrift »Der Sturm«.

August Stramm (1874–1915) gehört zu den kompromisslosesten Erneuerern der deutschen Lyrik im frühen 20. Jahrhundert. Seine Texte arbeiten mit äußerster Verdichtung, mit abrupten syntaktischen Brüchen und mit einer Wortbildung, die Handlung, Affekt und Wahrnehmung in wenige Silben presst. Diese Ästhetik steht im Zentrum des Expressionismus, sie ist aber zugleich so eigenwillig, dass Stramm in der literaturhistorischen Perspektive oft als Grenzfall und Maßstab der sprachlichen Radikalität gelesen wird.

Bedeutend ist außerdem die doppelte Existenzform seines Werks. Stramm ist einerseits Postbeamter und Verwaltungsfachmann, andererseits Dramatiker und Lyriker, der im Netzwerk von Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm publiziert. Mit dem Ersten Weltkrieg verschärft sich die Ausdrucksform nochmals: Kriegserfahrung und Sprachzerlegung verschränken sich, und die Gedichte gewinnen eine Aggressivität, die nicht nur „Thema“ ist, sondern im Satzbau selbst geschieht.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Werkprofil (Auswahl) und Publikationskontexte
  4. 4. Themen und Motive
  5. 5. Sprachliche und formale Eigenart
  6. 6. Bedeutung und Nachwirkung
  7. 7. August Stramm im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Stramm wird 1874 in Münster geboren und schlägt zunächst eine Laufbahn im Postdienst ein. Er arbeitet im In- und Auslandskontext der Kaiserzeit (unter anderem im Seepostdienst), studiert parallel und promoviert 1909 in Halle; auch diese Verwaltungs- und Wissensbiographie ist für sein Schreiben nicht nebensächlich, weil sie Präzision, Terminologie und Verfahrenserfahrung als kulturellen Hintergrund mitführt. Ab 1905 lebt die Familie in Berlin-Karlshorst, was ihn räumlich in die Nähe jener Avantgarde-Konstellationen rückt, die sich um Zeitschriften, Salons und Verlage organisieren.

1914 wird Stramm als Hauptmann der Reserve eingezogen. Er kämpft zunächst an der Westfront, später an der Ostfront und fällt am 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn (heute Belarus). Damit ist seine Werkentwicklung in einer Phase höchster Produktivität abgebrochen; ein großer Teil der Wirkungsgeschichte entsteht daher postum, getragen durch editorische Arbeit und durch die weiterlaufende Avantgarde-Rezeption.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich gehört Stramm in den Kern des deutschen Expressionismus, allerdings mit einer Sonderstellung. Während ein Teil der expressionistischen Lyrik über Bildüberfülle, Vision und rhetorische Ekstase arbeitet, radikalisiert Stramm die Sprache von innen heraus: Er verkürzt, zerbricht, verknappt, verschiebt Wortarten und macht aus der Grammatik ein Feld von Kollisionen. Die Gedichte stehen damit nahe an einem „telegrammatischen“ Sprechen, ohne auf suggestive Intensität zu verzichten.

Seine Publikationsgeschichte ist eng an Der Sturm gebunden. In dieser Zeitschrift und ihrem Verlagsumfeld werden Gedichte platziert, diskutiert und nach dem Tod des Autors gerahmt; Stramm wird so zu einer Figur, an der sich die Selbstbeschreibung der Avantgarde als sprachrevolutionäres Projekt besonders scharf profilieren lässt.

3. Werkprofil (Auswahl) und Publikationskontexte

  • Du. Liebesgedichte (1915): der einzige zu Lebzeiten erschienene Gedichtband; Liebeslyrik als Experimentierfeld maximaler Verdichtung und Affekt-Ökonomie.
  • Kriegslyrik (1914/15): Gedichte wie Patrouille verdichten Wahrnehmung, Gefahr und Gewalt in eine Syntax aus Stößen und Splittern.
  • Tropfblut (1919, postum): postume Sammlung, die den Rang Stramms als Kriegs- und Sprachinnovator im Nachkriegsdiskurs zusätzlich stabilisiert.
  • Dramen: u. a. Die Bauern, Der Gatte, Rudimentär, Erwachen, Kräfte sowie Sancta Susanna (als Stoffgrundlage späterer musiktheatralischer Bearbeitungen).
  • Prosa/Essays: einzelne Prosastücke und fachlich-administrative Publikationen, die die ungewöhnliche Spannweite zwischen Amtssprache und Sprachavantgarde sichtbar machen.

4. Themen und Motive

  • Krieg als Wahrnehmungszerfall: nicht „Erzählung“ des Krieges, sondern Zerstäubung von Blick, Geräusch und Körpergefühl.
  • Liebe als Intensität: Liebesgedichte, die Nähe, Begehren, Angst und Überwältigung in minimalen Satzpartikeln führen.
  • Körper und Impuls: Gesten, Atem, Schlag, Blick, Bewegung; der Körper erscheint als Ort von Zwang und Energie.
  • Welt als Aktion: Dinge handeln (Steine „feinden“, Fenster „grinsen“), und die Grenze zwischen Subjekt und Objekt wird instabil.
  • Modernität und Entfremdung: Beschleunigung, Druck, mechanische Rhythmen; die Welt wirkt wie ein System von Stößen.

5. Sprachliche und formale Eigenart

Stramms Sprache arbeitet mit einem extremen Verbalstil: Substantive und Adjektive werden zu Tätigkeiten, und dadurch wird Wirklichkeit nicht beschrieben, sondern als Ereignis gesetzt. Die Syntax ist häufig parataktisch, elliptisch und ohne die beruhigenden Übergänge traditioneller Satzperioden; Zeilen stehen wie einzelne Impulse im Raum. Gerade dieses Verfahren erzeugt eine besondere Gegenwärtigkeit, weil das Gedicht nicht „erzählt“, sondern „stößt“.

Ein emblematisches Beispiel ist das Kriegsgedicht Patrouille, das bereits im ersten Satz eine Umwertung von Weltbezug und Grammatik vollzieht („Die Steine feinden.“). Solche Formulierungen sind nicht dekorative Metaphern, sondern strukturelle Eingriffe: Sie zwingen den Leser, Wahrnehmung als feindliche, aktiv agierende Umgebung zu lesen, und sie verschieben die Logik von Beobachtung hin zu Bedrohung.

6. Bedeutung und Nachwirkung

Stramms Bedeutung liegt in der Konsequenz, mit der er das Gedicht als Ort sprachlicher Grenzerfahrung behandelt. Seine Lyrik ist für die Rezeptionsgeschichte des Expressionismus deshalb zentral, weil sie zeigt, dass Avantgarde nicht nur neue Themen (Krieg, Großstadt, Krise) bringt, sondern vor allem neue grammatische und rhythmische Operationen. Die postume Edition und die Avantgarde-Öffentlichkeit um Der Sturm tragen wesentlich dazu bei, dass Stramm über das schmale Lebenswerk hinaus als Maßfigur des radikalen Ausdrucks präsent bleibt.

7. August Stramm im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas ist Stramm ein Schlüsselautor für die Frage, wie sich poetische Bedeutung durch Wortartenwechsel, Ellipsen und syntaktische Stöße organisiert. Für die Analyse bieten sich Mikro-Lektüren an, die einzelne Zeilen als Operationsketten lesen: Welche Verben werden neu gebildet, welche Dinge erhalten Handlungsmacht, welche Auslassungen erzeugen Druck, und wie wird aus der Form ein Wahrnehmungsmodell? In Verbindung mit den Kriegsgedichten lässt sich zudem zeigen, wie Ästhetik und Zeitgeschichte nicht addiert, sondern im sprachlichen Verfahren selbst verschränkt werden.