Wolfgang Schmeltzl
Schulmeister, Dramatiker, Liederdichter und Pfarrer der Reformationszeit (1500–1561)
Wolfgang Schmeltzl (1500–1561; in den Quellen auch als Schmältzl bzw. Schmelzl begegnet) ist eine charakteristische Figur der deutschsprachigen Kultur im 16. Jahrhundert: Er verbindet pädagogische Praxis, städtische Öffentlichkeit und konfessionelle Neuordnungen mit literarischer Produktivität. Seine Bedeutung liegt weniger in einem einzelnen „Hauptwerk“ als in einem Werkprofil, das biblische Schuldramen, Lied- und Sammeldrucke sowie stadt- und zeitbezogene Gelegenheitsdichtung umfasst.
Für den Lyrik Atlas ist Schmeltzl besonders interessant, weil an ihm sichtbar wird, wie Literatur im Übergang von Humanismus, Reformation und katholischer Reform als Bildungsinstrument, als religiös-moralische Anleitung und als Medium urbaner Selbstbeschreibung fungiert. Wien spielt dabei eine zentrale Rolle: Schmeltzl ist als Lehrer am Wiener Schottenstift belegt, und sein Name ist mit den frühen Formen des deutschsprachigen Schuldramas in Österreich eng verbunden.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Werkprofil (Auswahl) und Gattungen
- 4. Themen und Motive
- 5. Sprachliche und formale Eigenart
- 6. Bedeutung und Nachwirkung
- 7. Wolfgang Schmeltzl im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Schmeltzl stammt aus Kemnath in der Oberpfalz; über seine frühen Jahre sind nur wenige gesicherte Nachrichten greifbar. Belegt ist eine Immatrikulation an der Universität Wien (1523), außerdem Tätigkeiten als Kantor in der Oberpfalz sowie später eine Phase in Wien, in der er als Schulmeister am Schottenstift wirkte. In der zweiten Lebenshälfte ist Schmeltzl als katholischer Pfarrer in St. Lorenzen am Steinfeld (heute zu Ternitz, Niederösterreich) bezeugt. Die Datierungen schwanken in der Forschung teilweise; in der Praxis wird sein Todesjahr häufig um 1561 angesetzt.
Kulturgeschichtlich bewegt sich Schmeltzl in einem Spannungsfeld aus städtischer Bildung, konfessioneller Auseinandersetzung und höfisch-kaiserlicher Repräsentation. Seine Texte stehen damit an einer Schnittstelle: Sie sind zugleich didaktisch und unterhaltend, religiös gerahmt und dennoch aufmerksam für das konkrete soziale Leben einer Stadt.
2. Literarisch-historische Einordnung
Literaturgeschichtlich ist Schmeltzl im Horizont der frühneuzeitlichen Gebrauchsliteratur und der Bildungsinstitutionen zu lesen. Die von ihm gepflegten Formen – Schuldrama, Lieddruck, Stadtlob, Chronistik und Gelegenheitsdichtung – gehören in jene Epoche, in der Druckmedien, Schule und Predigtkultur zunehmend ineinandergreifen. In Wien wird die Bühne der Schule zu einem Ort konfessionell und moralisch ausgerichteter Öffentlichkeit: Das Drama dient nicht primär ästhetischer Autonomie, sondern der Einübung von Rollen, Normen und biblisch fundierten Erzählmustern.
Gleichzeitig ist Schmeltzl musik- und literaturhistorisch als Sammler und Herausgeber relevant. Sein Liederbuchdruck von 1544 wird in der Forschung als wichtige Quelle zur Geschichte des Quodlibets und zur deutschsprachigen Mehrstimmigkeit im städtischen Milieu wahrgenommen. Damit rückt Schmeltzl in die Nähe jener Autoren, die zwischen literarischem Text, musikalischer Praxis und performativer Kultur vermitteln.
3. Werkprofil (Auswahl) und Gattungen
Schmeltzls Werk lässt sich sinnvoll nach Gattungen gliedern. Die folgenden Beispiele markieren Schwerpunkte, ohne eine vollständige Bibliographie ersetzen zu wollen:
- Schul- und Bibeldramen: Mehrere Komödien und Spiele zu biblischen Stoffen, die im Kontext schulischer Aufführungen stehen.
- Lied- und Sammeldruck: Guter, seltzamer, vnd kuenstreicher teutscher Gesang (Nürnberg 1544) als musik- und kulturhistorisch besonders bedeutsamer Druck.
- Stadtlob und Wien-Texturen: Ein ausführlicher Lobspruch auf Wien (1547) als Beispiel frühneuzeitlicher urbaner Selbstbeschreibung.
- Zeit- und Herrscherbezug: Gelegenheits- und Ereignisdichtung im Umfeld habsburgischer Politik (u. a. Texte mit Bezug auf Feldzüge und Reichsereignisse).
4. Themen und Motive
- Biblische Exempel und Moral: Die dramatischen Stoffe dienen der Veranschaulichung von Schuld, Umkehr, Bewährung und Gnade.
- Bildung als Praxis: Literatur erscheint als Lehr- und Übungsfeld, in dem Sprache, Gedächtnis, Rollenverhalten und Normen eintrainiert werden.
- Stadt als Lebensraum: In Wien-Texten wird die Stadt als Wirtschafts-, Markt- und Kommunikationsraum beschrieben und zugleich normativ gedeutet.
- Konfession und Ordnung: Die Texte stehen im Zeichen religiöser Identitätsbildung und institutioneller Stabilisierung.
- Performativität: Gesang, Mehrstimmigkeit, Spielszenen und szenische Rede verknüpfen Text mit Aufführung und sozialer Praxis.
5. Sprachliche und formale Eigenart
Schmeltzls Sprache ist funktional und publikumsbezogen. In dramatischen Texten steht die Verständlichkeit im Vordergrund: Szenen werden so gebaut, dass sie auf der Bühne tragfähig sind und moralische Pointe, Handlungsklarheit und Rollenunterscheidung stützen. Typisch ist eine Mischung aus erzählender Verdichtung und dialogischer Ausführung, wobei Redefiguren und Reimformen die Memorierbarkeit erhöhen können.
In Lied- und Sammelkontexten kommt eine andere Qualität hinzu: Der Text ist nicht nur lesbar, sondern singbar und damit an Rhythmus, Stimmführung und Wiederholungsstruktur gekoppelt. Gerade dort wird sichtbar, wie frühneuzeitliche „Literatur“ häufig nicht als stiller Lesetext, sondern als sozialer Vollzug gedacht ist.
6. Bedeutung und Nachwirkung
Schmeltzls Nachwirkung ist weniger die eines kanonisierten „Autors“ als die eines kulturhistorisch aufschlussreichen Knotenpunkts. Seine Dramen gehören in die Vorgeschichte des deutschsprachigen Schultheaters in Österreich, und sein Liederbuch ist für Musik- und Literaturgeschichte als Quelle relevant. Darüber hinaus liefern seine Wien-Texte Material für die Frage, wie sich eine frühneuzeitliche Großstadt in Sprache, Lob und sozialer Detailbeobachtung selbst entwirft.
Auch die Uneinheitlichkeit der biographischen Daten in Nachschlagewerken ist hier aufschlussreich: Sie verweist auf eine Überlieferungslage, in der Institutionen (Schule, Kloster, Pfarre, Druck) mehr Spuren hinterlassen als individuelle Selbstzeugnisse. Schmeltzl steht damit exemplarisch für viele Autoren der Epoche, deren Werk aus Funktionszusammenhängen heraus zu rekonstruieren ist.
7. Wolfgang Schmeltzl im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas lässt sich Schmeltzl als Autor an der Grenze von Literatur, Musik und Pädagogik profilieren. Seine Texte eignen sich, um den Zusammenhang von Dichtung und Institution zu zeigen: Wie Schule und Bühne, Lied und Druck, Stadtöffentlichkeit und Konfession literarische Formen prägen. Zugleich eröffnet Schmeltzl die Möglichkeit, „Lyrik“ und „Drama“ im frühneuzeitlichen Sinne nicht als getrennte Sphären zu behandeln, sondern als miteinander verschränkte Praktiken einer performativen Kultur.