Karl Wilhelm Ramler – historisches Porträt
Karl Wilhelm Ramler, Dichter, Übersetzer und Theoretiker der Berliner Aufklärung.

Karl Wilhelm Ramler (1725–1798), von Zeitgenossen als „deutscher Horaz“ gefeiert, gehört zu den prägenden Gestalten der Berliner Aufklärung. Als Dichter, Übersetzer, Literaturkritiker, Herausgeber und Theaterdirektor arbeitet er an einem ambitionierten Projekt: der Formierung einer konkurrenzfähigen deutschen Nationalliteratur und der Geschmacksbildung eines bürgerlichen Publikums, das sich gegenüber der französisch dominierten Hofkultur behaupten kann. Seine Oden und Kantaten, seine Übersetzungen antiker Lyrik, seine ästhetischen Schriften und seine Tätigkeit an der Berliner Kadettenanstalt und an den königlichen Schauspielen verbinden sich zu einer Lebensleistung, in der Poetik, Politik und Kulturadministration eng ineinandergreifen. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Ramler bewegt sich im Kernkreis der Berliner Aufklärer um Sulzer, Mendelssohn, Gleim, Lessing und Nicolai. Er ist nicht nur Autor eigener Gedichte, sondern auch ein produktiver Herausgeber und Bearbeiter fremder Texte, der mit einer ausgeprägten „Verbesserungsästhetik“ arbeitet: Dichtung soll durch sorgfältige Revision, kritische Auswahl und textnahe Redaktion zu größtmöglicher Klarheit und klassischer Formvollendung gebracht werden. :contentReference[oaicite:1]{index=1}

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Ramler im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Ramler wird am 25. Februar 1725 in Kolberg als Sohn eines Steuerinspektors geboren. Nach der Stadtschule und dem Besuch des Schinmeyerschen Waisenhauses in Stettin kommt er 1738 an die lateinische Schule der Franckeschen Stiftungen in Halle, ein wichtiges Zentrum pietistisch geprägter Schul- und Universitätskultur. 1742 beginnt er in Halle ein Theologiestudium, bricht es jedoch ab und kehrt zunächst nach Kolberg zurück. :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Ein geplanter Wechsel zum Medizinstudium führt ihn 1745 nach Berlin, wo sich seine Lebensperspektive grundlegend verschiebt: Der Begegnung mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim verdankt Ramler nicht nur erste literarische Förderung, sondern auch die Einsicht, dass seine Begabung eher auf dem Feld der Dichtung und der schönen Wissenschaften liegt. Gleim verschafft ihm Hauslehrerstellen, u. a. auf der Domäne Löhme, und macht ihn im Berliner Gelehrtenmilieu bekannt. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

1747 lässt sich Ramler dauerhaft in Berlin nieder. Er lebt zunächst im Haushalt des Philosophen Johann Georg Sulzer, arbeitet als Vorleser und Hauslehrer und wird 1748 als „Maître“ für Philosophie an die Berliner Kadettenanstalt berufen, wo er 1763 den Professorentitel erhält und bis 1789 lehrt. Parallel dazu wird er Mitglied des Montagsclubs, des litera­rischen Zirkels der Berliner Aufklärung, und pflegt einen dichten Briefwechsel mit Gleim, Kleist, Weiße, Mendelssohn und Lessing. :contentReference[oaicite:4]{index=4}

Mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II. 1786 verbessern sich Ramlers äußere Bedingungen: Er erhält eine königliche Pension, wird Ehrenmitglied der Akademie der Künste und ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. 1787 wird er – gemeinsam mit Johann Jakob Engel und anderen – in die Direktion der königlichen Schausspiele berufen und übt dieses Amt bis 1796 aus. Er stirbt am 11. April 1798 in Berlin; begraben wird er auf dem alten Sophienkirchhof, an dessen Kirche eine Gedenktafel an ihn erinnert. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

2. Literarisch-historische Einordnung

Ramler ist ein Kernautor der sogenannten Berliner Aufklärung. Im Gegenüber zu Friedrichs II. frankophiler Hofkultur setzt er auf deutschsprachige Lyrik, auf Übersetzungen antiker Dichter und auf eine systematische Ästhetik, die das Deutsche als Sprache der Poesie profilieren soll. Seine Einleitung in die Schönen Wissenschaften (1756–1758), eine Adaptation des französischen Ästhetikers Charles Batteux, wird zu einem Schlüsseltext des mittleren 18. Jahrhunderts und prägt über Jahrzehnte die Diskussion um „schöne Wissenschaften“, Geschmack und Kunsturteil. :contentReference[oaicite:6]{index=6}

Als Lyriker schließt Ramler an die Anakreontik und an die neoklassische Odenproduktion an – seine Oden gelten als wichtige Leistungen der deutschen anakreontischen und horazischen Dichtung. Gleichzeitig arbeitet er als Librettist und Kantatendichter: Besonders seine Passionskantate Der Tod Jesu, im Auftrag der Prinzessin Anna Amalia entstanden und u. a. von Carl Heinrich Graun und Telemann vertont, macht ihn zu einem prominenten Autor geistlicher Textvorlagen im Umfeld der Empfindsamkeit. :contentReference[oaicite:7]{index=7}

Seine Rolle als Herausgeber, Lektor und Nachlassbetreuer (u. a. für Götz, Kleist, Nicolay, Weiße und andere) macht ihn zugleich zu einer Schlüsselfigur der literarischen Infrastruktur: Ramler organisiert, korrigiert, ergänzt und „verbessert“ Texte, stellt Sammlungen zusammen und prägt so, was als kanonische Fassung zirkuliert. In der Editionsgeschichte des 18. Jahrhunderts steht er als Vertreter einer „Verbesserungspoetik“, die ästhetische Qualität über handschriftentreue stellt. :contentReference[oaicite:8]{index=8}

3. Themen und Motive

  • Lob, Freundschaft, Hof und Öffentlichkeit: Viele Oden und Gelegenheitsgedichte entfalten eine doppelte Adressierung: Sie preisen Herrscher, Mäzene und militärische oder politische Ereignisse und sind zugleich auf ein städtisch-bürgerliches Publikum hin komponiert, das sich im Spiegel der Dichtung als aufgeklärte Öffentlichkeit erkennen soll.
  • Patriotismus und Nationalliteratur: Ramlers poetische und theoretische Texte kreisen darum, die Würde der deutschen Sprache im Wettstreit mit der französischen Kultur zu behaupten. Nationalliteratur erscheint bei ihm als Projekt gezielter Geschmacksbildung und institutioneller Förderung.
  • Religion und Empfindsamkeit: In Kantaten und geistlichen Oden – etwa im Tod Jesu – verbindet sich lutherische Frömmigkeit mit empfindsamem Ausdruck von Rührung, Mitleid und tröstender Hoffnung. Die Affekte des Hörers stehen im Zentrum; Musik und Text sollen Herz und Verstand zugleich bewegen.
  • Antike, Mythologie und Allegorie: Ramlers Oden greifen intensiv auf antike Gottheiten, Musen und mythische Szenen zurück. In der Schrift Allegorische Personen zum Gebrauch der bildenden Künstler entwickelt er Bildprogramme, die in Medaillen, Festdekorationen und Monumenten realisiert werden – Poesie, Ikonographie und Politik greifen ineinander. :contentReference[oaicite:9]{index=9}
  • Krieg, Ruhm und Moral: Gelegenheitsgedichte zu Siegen und Feldzügen thematisieren Krieg aus der Perspektive eines aufgeklärten Panegyrikers: Ruhm und Tapferkeit werden beschworen, zugleich aber Maß, Menschlichkeit und politische Klugheit eingefordert.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Ramler ist ein ausgeprägt formbewusster Lyriker. Seine Oden folgen strengen metrischen und strophischen Schemata und orientieren sich an Horaz, Pindar und der französischen Klassik. Die Sprache ist klar, abgewogen, rhetorisch fein austariert; Überlänge, barocke Überornamentierung und gedankliche Abschweifung werden bewusst vermieden. Die Nähe zum Horaz zeigt sich in der Vorliebe für sentenzenhafte, allgemein formulierbare Einsichten, die konkrete Anlässe übersteigen.

Die Bildsprache der Oden ist vom antiken Mythos, von Natur- und Lichtmetaphorik, von allegorischen Figuren geprägt. Gerade in den allegorischen Entwürfen für Kunst, Medaillen und Bauprogramme zeigt sich eine hohe Kontrolle der Semantik: Jede Figur, jedes Attribut, jede Anordnung ist Träger einer kodierten Aussage. In den Kantatentexten dagegen tritt zu dieser klassizistischen Strenge eine starke affektive Dimension: adressierter Schmerz, tröstende Anrede, dialogische Struktur mit dem Chor der Gläubigen oder der „Seele“.

Als Übersetzer antiker Lyrik (u. a. Anakreon, Horaz, Catull, Sappho, Martial) bewegt sich Ramler zwischen Treue und freier Nachbildung: Ziel ist nicht eine philologische, sondern eine poetisch wirksame Übertragung, die antike Formen in das Regelsystem und den Geschmackshorizont des 18. Jahrhunderts einbindet. Seine Prosa – vor allem in der Einleitung in die Schönen Wissenschaften und in kritischen Aufsätzen – ist nüchtern, systematisch und auf Begriffsschärfe hin angelegt, ohne trockene Scholastik zu werden.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Zu Lebzeiten ist Ramler in Berlin und darüber hinaus äußerst präsent: als Kadettenprofessor, als Dichter und Librettist, als Rezensent, Anthologienherausgeber, als Mitglied der Akademien und als Mitdirektor der königlichen Schauspiele. Die Bezeichnung „deutscher Horaz“ verweist auf seine Zeitgenossenwahrnehmung als Muster klassizistischer Lyrik und als Instanz des guten Geschmacks. Seine Texte werden vielfach nachgedruckt, seine Kantaten vertont und im Berlin Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms II. regelmäßig aufgeführt. :contentReference[oaicite:10]{index=10}

Im 19. Jahrhundert verschiebt sich die Kanonlage: Gegenüber den großen Namen der Weimarer Klassik und Romantik tritt Ramler in den Hintergrund, seine Oden erscheinen vielen Lesern zu sehr an Anlass und Hofkultur gebunden. Die Musikwissenschaft bewahrt das Interesse an seinen Kantatentexten, besonders am Tod Jesu; die literaturwissenschaftliche Forschung des 20. und 21. Jahrhunderts hat ihn als Schlüsselfigur der Berliner Aufklärung, der Anakreontik und der Editions- und Verbesserungspoetik neu profiliert. Aktuelle Studien betonen seine Rolle im Netzwerk von Aufklärung, Stadtkultur und Kunstpolitik. :contentReference[oaicite:11]{index=11}

6. Ramler im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas steht Karl Wilhelm Ramler für eine aufklärerisch klassizistische Oden- und Kantatendichtung, in der ästhetische Formstrenge, antike Normen und die Ansprüche einer modernen Stadtöffentlichkeit zusammenkommen. Seine Texte markieren Knotenpunkte, an denen sich Lyrik, Musik, Theater, Hof- und Stadtkultur kreuzen: Oden als Medium von Lob und Reflexion, Kantaten als Schnittstelle von Empfindsamkeit, Frömmigkeit und höfischer Repräsentation, Übersetzungen als Labor der Nationalliteratur.

Von Ramler aus führen Linien zu Gleim, Kleist und der Anakreontik, zu Lessings Berliner Umfeld, zur Geschichte der Ästhetik (Batteux-Rezeption), zur Libretto- und Kantatendichtung, zu ikonographischen Programmen der Berliner Kunst- und Gedenkkultur („Allegorische Personen“, Brandenburger Tor) und zur Frühgeschichte des preußischen Nationaltheaters. Innerhalb der Autorengalerie des Lyrik Atlas macht Ramler sichtbar, wie sehr Dichtung um 1750 nicht nur Textproduktion, sondern auch Kultur- und Institutionenarbeit ist: Poesie, Kritik, Herausgebertätigkeit und Theaterleitung erscheinen als verschiedene, aber miteinander kommunizierende Formen eines aufklärerischen Engagements für Sprache, Kunst und Öffentlichkeit.