Johann Martin Miller – zeitgenössisches Porträt
Johann Martin Miller in einer zeitgenössischen Darstellung.

Johann Martin Miller (1750–1814) ist eine der markanten Figuren der Empfindsamkeit: evangelischer Theologe, Seelsorger und zugleich Autor des Bestsellers Siegwart. Eine Klostergeschichte (1776), der zu den einflussreichsten sentimentalen Romanen des 18. Jahrhunderts zählt. In Lyrik, Romanen und Erbauungsschriften verbindet er religiöse Innerlichkeit mit der Sprache des Gefühls und verleiht der protestantisch geprägten Empfindsamkeit eine eigene Stimme.

Millers Werk entsteht im Umfeld pietistischer Frömmigkeit, aufklärerischer Moral und literarischer Sensibilisierung. Der enge Kontakt zu Freunden und Schriftstellerkollegen sowie die Erfahrungen aus seiner seelsorgerlichen Tätigkeit prägen sowohl Themen als auch Tonlage seiner Gedichte und Prosatexte.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Miller im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Miller studiert Theologie in Tübingen, wirkt danach in verschiedenen württembergischen Gemeinden als Vikar und Pfarrer und ist über mehrere Jahre in das kirchliche und schulische Leben seines Landes eingebunden. Reisen, Predigttätigkeit und die Auseinandersetzung mit pietistischer und aufklärerischer Theologie bilden den geistigen Hintergrund.

Die Erfahrungen der Seelsorge – Gespräche, Lebensgeschichten, Trauer- und Glaubenserfahrungen – fließen direkt in seine literarische Arbeit ein. Freundschaften im literarischen Feld der Empfindsamkeit, unter anderem mit Christian Friedrich Daniel Schubart und anderen Zeitgenossen, sichern Miller einen festen Platz in der Publikations- und Lesekultur der 1770er und 1780er Jahre.

2. Literarisch-historische Einordnung

Mit Siegwart. Eine Klostergeschichte schreibt Miller einen der einflussreichsten deutschen Romane der Empfindsamkeit. In Form eines sentimentalen Liebes- und Glaubensromans verbindet er religiöse Innerlichkeit, moralische Konflikte und eine von Kummer und Verzicht geprägte Liebesgeschichte. Die durch Briefe, Tagebuchnotizen und Dialoge vermittelte Innenschau verleiht dem Text eine intensive Subjektivität.

Neben dem Roman steht eine Fülle von geistlicher und weltlicher Lyrik, die Themen wie Liebe, Freundschaft, Trost, Andacht und Vergänglichkeit aufgreift. Miller bewegt sich damit zwischen rationaler Aufklärung, pietistischer Innerlichkeit und der Pathosformel des empfindsamen Gefühls – eine charakteristische Mischung der 1770er Jahre.

3. Themen und Motive

  • Gefühl und Innerlichkeit: Liebe, Freundschaft, Schmerz, Andacht und fromme Erhebung stehen im Zentrum.
  • Religion und Trost: Christlicher Glaube erscheint als Stütze in Not und Zweifel, häufig in stark persönlicher Färbung.
  • Vergänglichkeit und Tod: Vanitas- und Trostmotive verbinden sich mit einer ästhetisch stilisierten Trauer.
  • Kloster und Rückzug: Der Roman Siegwart nutzt das Klostermotiv als symbolischen Raum zwischen Weltflucht und Sehnsucht.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Millers Sprache ist von der empfindsamen Diktion geprägt: sanfte, melodische Satzbewegungen, eine Vorliebe für Gefühlsadjektive und eine starke Emotionalisierung des Erzählens. In der Lyrik dominiert eine klare Strophenorganisation; Reim und Rhythmus bleiben an traditionellen Formen orientiert.

Charakteristisch ist die Verbindung von religiöser Terminologie und empfindsamer Innerlichkeit. Die Texte zielen auf Mit- und Nachempfinden, wollen das Herz bewegen und das moralische Gefühl schärfen – ein Kernanliegen der Empfindsamkeit.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Siegwart wird zu einem Kultbuch seiner Zeit: zahllose Leserinnen und Leser identifizieren sich mit der leidenschaftlichen, doch scheiternden Liebe der Hauptfiguren. Der Roman beeinflusst sowohl den sentimentalen Stil als auch die spätere Romantik und trägt wesentlich zur Popularität empfindsamer Formeln bei.

Millers kirchlicher und literarischer Doppelstatus prägt sein Bild bis in die Gegenwart: Ein protestantischer Theologe, der zugleich die Poetik des Gefühls zur Geltung bringt. In der Forschung gilt er als wichtiger Vertreter der Empfindsamkeit, obwohl sein Ruhm hinter jenen Goethes oder Jean Pauls zurücktrat.

6. Miller im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas steht Johann Martin Miller für die empfindsame Religions- und Gefühlsliteratur der 1770er Jahre. Seine Lyrik und insbesondere der Roman Siegwart markieren eine Phase, in der Subjektivität, Frommheit und ästhetische Stilisierung eng ineinandergreifen. Von hier aus lassen sich Linien zu pietistischer Erbauungsliteratur, zur empfindsamen Lyrik und zur frühen Romantik ziehen.