Friedrich von Matthisson
Lyriker, Reise- und Erinnerungsautor zwischen Empfindsamkeit und Frühromantik (1761–1831)
Friedrich von Matthisson (1761–1831) gehört zu jenen Autoren um 1800, die zwischen Empfindsamkeit, klassischer Formkultur und frühromantischer Landschafts- und Gefühlslyrik vermitteln. Bekannt geworden ist er vor allem durch Gedichte wie Adelaide, Elysium oder Der Genfersee, die eine idealisierte Natur- und Erlebniswelt entwerfen und zugleich für die Musik – etwa in Beethoven- und Schubert-Vertonungen – besonders anschlussfähig wurden. Neben der Lyrik spielt sein umfangreiches Memoirenwerk eine wichtige Rolle, in dem er seine Reisen und sozialen Netzwerke in der europäischen Bildungswelt nachzeichnet.
Matthissons Werk ist eng mit dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich, mit Schweizer Landschaftserfahrungen und mit einem dichten Geflecht freundschaftlicher und freimaurerischer Beziehungen verbunden. Landschaft erscheint bei ihm als Resonanzraum für Empfindungen, Erinnerung und ästhetische Selbstbeschreibung einer gebildeten Reisenden-Existenz um 1800.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Themen und Motive
- 4. Sprachliche und formale Eigenart
- 5. Bedeutung und Nachwirkung
- 6. Matthisson im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Geboren im Pfarrhaus von Hohendodeleben bei Magdeburg als Sohn eines lutherischen Dorfpfarrers, erhält Matthisson eine humanistische Schulbildung (u. a. im Kloster Berge) und studiert anschließend in Halle Theologie, Philologie und Literatur. Schon früh bewegt er sich in literarischen Kreisen, etwa in Magdeburger Lesegesellschaften, und schreibt eigene Gedichte, bevor er 1781 eine Stelle als Lehrer am Philantropin in Dessau annimmt.
Die weitere Biographie ist durch Mobilität und Reisen gekennzeichnet: Als Hauslehrer und Reisebegleiter des jungen Grafen Carl Gustav von Sievers besucht er Städte und Literaten in Nord- und Süddeutschland, lernt Klopstock, Voß und Claudius kennen und verbringt mehrere Jahre beim Freund Karl Viktor von Bonstetten in Nyon am Genfersee – eine Schweizer Erfahrung, die sich in Gedichten wie Der Genfersee und anderen Alpen- und Seenbildern spiegelt. Später wird er Vorleser und Reisebegleiter der Fürstin Luise von Anhalt-Dessau, mit der er Italien, die Schweiz und Tirol bereist, und übernimmt diplomatische und repräsentative Aufgaben.
1809 wird Matthisson in den württembergischen Adelsstand erhoben; seit 1812 wirkt er in Stuttgart als Theaterintendant und Oberbibliothekar. Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst zieht er sich nach Wörlitz zurück, wo er 1831 stirbt. Die Jahre in Dessau und Wörlitz verbinden ihn dauerhaft mit dem Gartenreich, in dem Landschaft, Kunst und Geselligkeit programmatisch ineinandergreifen – ein zentraler Resonanzraum seiner Dichtung.
2. Literarisch-historische Einordnung
Literaturgeschichtlich steht Matthisson an einer Schnittstelle: Ausgangspunkt ist die empfindsame und vor-romantische Lyrik des späten 18. Jahrhunderts, in der Naturerlebnis, Freundschafts- und Herzenskommunikation zentrale Kategorien bilden. Gleichzeitig orientiert er sich an klassischer Formkultur und antiken wie modernen Vorbildern, ohne jedoch in die strengere Klassik Goethes und Schillers einzutreten. Die frühe Romantik nimmt seine Naturszenen und Stimmungslandschaften wahr, grenzt sich später aber kritisch von der als „gefällig“ empfundenen Ästhetik ab.
Matthissons Gedichte erscheinen in mehreren, von ihm autorisierten Ausgaben, werden breit rezipiert und vertont. Die berühmte Beethoven-Vertonung von Adelaide macht ihn auch im musikalischen Kanon präsent; zahlreiche weitere Komponisten greifen seine Texte auf. Die lyrischen Landschaften und Reisebilder stehen zugleich in engem Kontakt zu seiner Prosa, den mehrbändigen Erinnerungen, in denen er eine europäische Bildungs- und Reisewelt zwischen Dessau, Schweiz, Frankreich und verschiedenen Höfen entwirft.
3. Themen und Motive
- Landschaft und Reise: Seen, Alpen, Flusstäler und Gartenlandschaften bilden den Kern seiner Bildwelt. Natur ist nie nur Kulisse, sondern Ausdrucksraum von Stimmung, Erinnerung und Selbstvergewisserung des empfindsamen Subjekts.
- Melancholie und Sehnsucht: Viele Gedichte sind von elegischem Ton geprägt: Abschied, Ferne, Vergänglichkeit und unerfüllbares Verlangen strukturieren die empfindsame Erlebnispoetik.
- Freundschaft und Geselligkeit: Matthissons Stammbuch, seine Reisebekanntschaften und die dichte Korrespondenz spiegeln sich in einer Poetik der Freundschaft. Widmungsgedichte, poetische Grüße und Erinnerungsstücke verbinden privates Netzwerk und literarische Öffentlichkeit.
- Erinnerung und Lebensrückblick: Die Erinnerungen entfalten ein autobiographisches Erzählen, in dem Landschaften, Begegnungen, Lektüren und Gespräche zur Matrix einer Selbstbeschreibung werden. Das Gedicht ist häufig verdichteter Moment eines größeren biographischen Kontextes.
- Ästhetisierte Natur und „Elysium“: Ideale, harmonische Naturbilder, Insel- und Gartenmotive, Vorstellungen eines „Elysiums“ als Gegenraum zur realen Welt gehören zu seiner Signatur – zugleich bezaubernd und aus Sicht späterer Kritik anfällig für den Vorwurf der Weltferne.
4. Sprachliche und formale Eigenart
Matthissons Lyrik ist von einer ausgeprägt melodischen, fließenden Sprache geprägt. Regelmäßige Strophen, klare Reime und eine zum Gesang hin offene Rhythmik erleichtern Vertonungen und tragen zur Wirkung seiner Gedichte im Kunstlied bei. Bildlichkeit und Syntax sind harmonisch geglättet; scharfe Brüche oder experimentelle Formen, wie sie die spätere Romantik und Moderne suchen, liegen ihm fern.
Charakteristisch ist das Ineinander von Beschreibung und Reflexion: Landschaft wird in fein abgestuften Adjektivreihen und anschaulichen Einzelbeobachtungen entfaltet, die zugleich eine innere Stimmung transportieren. Die Wortwahl verbindet klassische und zeitgenössische Diktion, gelegentlich noch mit frühneuhochdeutscher Färbung. In der Prosa der Erinnerungen setzt sich dieser Stil in einer geschmeidigen, erzählenden Periodik fort, die Gespräch, Anekdote und Selbstkommentar integriert.
5. Bedeutung und Nachwirkung
Zeitgenössisch genießt Matthisson hohes Ansehen. Schiller, Wieland und andere Autoren nehmen seine Gedichte ernst, Musikverlage verbreiten Vertonungen, und sein Name ist im literarischen Feld präsent. Die Reise- und Erinnerungsprosa macht ihn zu einem wichtigen Zeugen der europäischen Bildungs- und Geselligkeitskultur zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verblasst sein Ruhm zunehmend: Romantiker und spätere Kritiker werfen seiner Dichtung Gefälligkeit, rhetorische Glätte und mangelnde existenzielle Schärfe vor. Zugleich bleiben einzelne Gedichte – nicht zuletzt durch die musikalische Rezeption – im kulturellen Gedächtnis. Neuere Forschungs- und Ausstellungsprojekte, etwa im Dessau-Wörlitzer Gartenreich, haben Matthisson wieder stärker als Dichter einer europäisch vernetzten Freundschafts- und Reisekultur in den Blick genommen.
6. Matthisson im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas steht Friedrich von Matthisson für eine Landschafts- und Empfindungsdichtung, in der Reise, Naturerfahrung und Bildungsweg nahezu untrennbar sind. Seine Gedichte zu Schweizer Seen, Alpen, Dessau-Wörlitzer Szenerien und anderen Orten markieren Knotenpunkte einer „Geographie der Empfindsamkeit“ um 1800, in der Landschaft immer auch Speicher von Erinnerung und Projektion ist.
Von Matthisson aus lassen sich Linien zu anderen Autoren der Empfindsamkeit, der Weimarer Klassik und der frühen Romantik ziehen, ebenso wie zur Musikgeschichte des Kunstlieds. Seine Texte ermöglichen es, im Gefüge des Lyrik Atlas jene Zone genauer zu markieren, in der klassische Form, empfindsame Innerlichkeit und frühromantische Landschaftssemantik ineinander übergehen.