Friedrich von Logau – Porträt
Friedrich von Logau in einer historischen Darstellung.

Friedrich von Logau (1605–1655), der vielfach unter dem Pseudonym Salomon von Golaw publizierte, zählt zu den bedeutendsten Epigrammatikern des deutschen Barock. Seine Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend bündeln in knappen, oft scharf zugespitzten Sprüchen das moralische, politische und religiöse Konfliktklima der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Logau beobachtet Hof, Adel, Kirche, Bürger- und Gelehrtenwelt mit einem skeptischen, bisweilen bitteren, zugleich aber tief um sittliche Integrität bemühten Blick.

Als schlesischer Adliger, Hofbeamter und Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft steht Logau mitten in den barocken Repräsentations- und Bildungszusammenhängen. Zugleich führt die Verwüstung Schlesiens, die ökonomische Unsicherheit und seine eigene Krankheitsgeschichte zu einer Dichtung, in der Spott und Ernst, Sprachlust und Resignationswissen unauflöslich ineinandergreifen. Die Epigramme werden so zu „Sinngedichten“, in denen der Moralist, Satiriker und Theologe in eigener Sache spricht.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Logau im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Logau entstammt einem schlesischen Adelsgeschlecht und wird auf dem Familiengut Brockut bei Nimptsch geboren. Frühe Bildung erhält er am Gymnasium in Brieg, später studiert er Rechtswissenschaft in Altdorf bei Nürnberg. Die klassische humanistische Schulung, juristische Studien und der Umgang mit lateinischer und deutscher Gelehrtentradition prägen sein Bewusstsein für Sprache, Normen und Rechtsverhältnisse.

Zurück in Schlesien übernimmt Logau das verschuldete Gut, tritt zugleich in fürstliche Dienste und macht Karriere als Hof- und Regierungsrat. Das geschieht vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Kriegs, der Schlesien schwer verwüstet: Truppendurchzüge, Kontributionen, Seuchen und wirtschaftlicher Niedergang bilden den Horizont seines Lebens. Als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft, in die er 1648 aufgenommen wird, ist er zugleich in die frühneuzeitliche Sprach- und Kulturreformbewegung eingebunden – das Bewusstsein für „guten deutschen Stil“ und die Kritik an Fremdwortschwemme und modischer „Ausländerei“ ist Teil seines dichterischen Programms.

2. Literarisch-historische Einordnung

Logau gehört zur barocken Gelegenheits- und Spruchdichtung, hebt sich innerhalb dieser jedoch durch Umfang, Schärfe und moralische Dichte seines Epigrammwerks deutlich hervor. Die Sammlungen Zwey Hundert Teutscher Reimen-Sprüche (1638) und Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend (1654) sind zentrale Dokumente der deutschsprachigen Epigrammatik. In ihnen treffen Stränge humanistischer Spruchtradition, biblischer Weisheitsliteratur, satirischer Moralkritik und politischer Beobachtung aufeinander.

Im literarischen Feld seiner Zeit steht Logau neben anderen schlesischen Barockdichtern, zugleich aber in einem weiteren Netzwerk, das von der Fruchtbringenden Gesellschaft und höfischen Akademien getragen wird. Seine Epigramme richten sich an Adel, Hofgesellschaft, Geistlichkeit und städtische Milieus und sind damit zugleich Teil der politischen Kommunikation der Epoche. Die barocke Neigung zur „Weltbeschreibung“ verdichtet sich bei ihm zur knappen, pointierten Formel.

3. Themen und Motive

  • Moral und Lebensführung: Viele Sinn-Getichte sind Lebensregeln, Warnungen oder knappe Ethikentwürfe. Tugend, Maß, Aufrichtigkeit, Beständigkeit und „Herzensfrömmigkeit“ erscheinen als Gegenbilder zu Heuchelei, Ehrsucht und Geltungssucht.
  • Satire auf Hof, Adel und Stadt: Logau attackiert Putzsucht, Verschwendung, Intrigen, juristische Spitzfindigkeit und modische Torheiten. Adel und Bürgertum werden gleichermaßen ironisch-spöttisch betrachtet.
  • Dreißigjähriger Krieg und Landesnot: Krieg, Verheerung, Unsicherheit, Verwüstung des Landes und moralischer Verfall bilden einen durchgehenden Resonanzraum. Die Epigramme registrieren politische und soziale Zerrüttung in konzentrierten Formeln.
  • Religion und Konfession: Logau kritisiert konfessionellen Streitgeist und fordert eine innere Frömmigkeit, die weniger in dogmatischer Schärfe als in gelebter Verantwortung besteht. Irenische Motive treten deutlich zutage.
  • Sprache und „Ausländerei“: Wiederkehrend sind Spott und Kritik an fremdsprachiger Mode, Sprachverwilderung und Nachahmung fremder Sitten. Dahinter steht das Programm einer selbstbewussten deutschen Literatursprache.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Das Epigramm ist bei Logau eine überraschend flexible Form. Er hält sich nicht strikt an klassische Forderungen nach radikaler Kürze oder konsequent satirischer Haltung; neben bissigen Spottgedichten stehen gnomische, meditative, geistliche und spielerisch-unterhaltende Stücke. Typisch ist allerdings die pointierte Schlusswendung, in der Bild, Wortspiel oder paradoxe Formel den Gedankengang überraschend bündeln.

Sprachlich arbeitet Logau mit einer hohen Dichte: Wegfall von Artikeln und Pronomen, Eindeutschungen von Fremdwörtern, Neologismen und schlesische Färbungen gehören zu seinen Kennzeichen. Abstrakta erscheinen häufig als substantivierte Adjektivstämme („das Frei“, „das Wahr“), was den Duktus gnomenhaft verdichtet. Die Formen reichen von knappen Zweizeilern bis zu längeren Strophengedichten; Metrik und Reim sind variabel, bleiben aber stets klar gebaut und lesbar. Barocke Bildlichkeit, biblische Anspielungen und Alltagssprache werden in kleinstem Format miteinander verschränkt.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Zu Lebzeiten genießt Logau Anerkennung in höfischen und gelehrten Kreisen, bleibt aber kein „großer Name“ der europäischen Barockpoesie. Im 18. Jahrhundert droht sein Werk zu verblassen, bevor Gotthold Ephraim Lessing und Herausgeber wie C. W. Ramler die Sinngedichte neu entdecken und editorisch sichern. Von hier aus beginnt eine Rezeptionsgeschichte, in der Logau als Moralist, Satiriker und Sprachkünstler gewürdigt wird.

Im 19. Jahrhundert greift etwa Gottfried Keller einen seiner Sinnsprüche als Leitmotiv für den Novellenzyklus Das Sinngedicht auf; die moderne Forschung hebt die intellektuelle Schärfe, sprachliche Innovationskraft und historische Beobachtungsgabe des Epigrammatikers hervor. Logau gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen barocker Spruchdichtung im deutschen Sprachraum – ein Autor, an dem sich barocke Moralpoetik, politischer Kommentar und Sprachreflexion exemplarisch zeigen lassen.

6. Logau im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas steht Friedrich von Logau für die barocke Epigramm- und Spruchdichtung als eigene Form lyrischer Verdichtung. Seine Sinn-Getichte markieren einen Gegenpol zu späteren, subjektiv ausgreifenden Lyrikformen: knappe, eng gefaßte Texte, in denen sich Zeitdiagnose, Moralreflexion und Sprachkunst bündeln. Von Logau führen Linien zu späteren Aphoristikern und Moralisten ebenso wie zu moderner politischer Lyrik und satirischer Kurzform.

Innerhalb des Autorengefüges verankert Logau die Barocksektion: Schlesien, Dreißigjähriger Krieg, höfische Gesellschaft und Sprachgesellschaften werden an seinem Beispiel exemplarisch sichtbar. Seine Sinn-Getichte bieten damit zahlreiche Anknüpfungspunkte für thematische und motivische Querverbindungen, etwa zu Fragen von Kriegserfahrung, politischer Öffentlichkeit, Religionskonflikt und Sprachbewusstsein.