Ernst Moritz Arndt – historisches Porträt
Ernst Moritz Arndt, Publizist und politisch engagierter Dichter des 19. Jahrhunderts.

Ernst Moritz Arndt (1769–1860) zählt zu den bekanntesten patriotischen Schriftstellern im deutschsprachigen Raum des frühen 19. Jahrhunderts. Seine Lieder, Gedichte und politischen Schriften sind eng mit den Befreiungskriegen, der frühen Nationalbewegung und der Politisierung der Romantik verbunden. Seine Texte stehen damit exemplarisch für jene Verbindung von Literatur und Nationenbildung, die das 19. Jahrhundert nachhaltig prägt – zugleich aber auch problematische Traditionslinien begründet.

Arndt versteht Dichtung und Publizistik als moralischen und politischen Auftrag: Er will zur Erneuerung des „deutschen Volksgeistes“ beitragen, kämpft publizistisch gegen Leibeigenschaft, französische Hegemonialpolitik und feudale Privilegien und fordert eine freiheitlich geeinte deutsche Nation. Seine Sprache ist pathetisch, appellativ, religiös grundiert – und immer wieder auch von nationalistischen, teils fremdenfeindlichen und antisemitischen Tönen durchzogen, die seine Rezeption bis heute belasten.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Ernst Moritz Arndt im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Arndt wird 1769 auf Rügen geboren und wächst in einfachen Verhältnissen auf; der Vater ist ein ehemaliger Leibeigener. Diese Herkunft prägt sein politisches Bewusstsein nachhaltig: Die Erfahrung feudaler Abhängigkeit bildet den Hintergrund seiner frühen Kampfschriften gegen die Leibeigenschaft in Schwedisch-Pommern. Studien in Greifswald und Jena führen ihn an die Universitäten der Spätaufklärung und Frühromantik; philosophische, theologische und historische Lektüren bestimmen sein intellektuelles Profil.

Mit der napoleonischen Expansion radikalisiert sich Arndts politisches Engagement: Er flieht zeitweise ins Exil, arbeitet für die preußische Staatsverwaltung und publiziert flammende Aufrufe zum nationalen Widerstand. Nach 1815 wird er Professor in Bonn und tritt für liberale Reformen ein; zugleich gerät er wegen politischer Aktivitäten in Konflikt mit obrigkeitlichen Stellen. Sein langes Leben umfasst damit nahezu das gesamte „lange“ 19. Jahrhundert von der Revolutionszeit bis zur geplanten Reichsgründung – ein Zeitraum, in dem sich seine poetischen und politischen Anliegen immer wieder neu situieren.

2. Literarisch-historische Einordnung

Arndt steht an der Schnittstelle von Spätaufklärung, Frühromantik und vormärzlicher Publizistik. Er gehört zum Kreis um Fichte, Jahn und andere Nationaltheoretiker und teilt mit ihnen die Überzeugung, dass Literatur und Sprache Träger nationaler Identität sind. Seine Dichtung verbindet religiöses Pathos, naturbezogene Romantik und aufrührerischen Bürgergeist in einer Weise, die für die Zeit um 1813 paradigmatisch wird.

Gleichzeitig entzieht er sich einer rein literarischen Kategorisierung: Viele seiner Gedichte sind politische Gebrauchstexte – Kampflieder, Aufrufe, Volksgesänge. Ihre Wirkung entfalten sie im kollektiven Singen, auf Plätzen, in Vereinen und militärischen Formationen, nicht nur im stillen Lesen. Damit verschiebt sich die Funktion der Lyrik: Sie wird zum Medium politischer Mobilisierung und identitätsstiftender Selbstversicherung.

3. Themen und Motive

Im Zentrum von Arndts Werk steht die deutsche Nation – als religiös, kulturell und moralisch verstandene Gemeinschaft. Gott, Geschichte und „Volkstum“ erscheinen in seinen Texten häufig als untrennbare Einheit. Die Liebe zur Heimat, die Verherrlichung der Natur und die Verklärung historischer Traditionen bilden weitere wiederkehrende Motive, die seine Lyrik emotional aufladen.

Gleichzeitig durchziehen seine Schriften polemische und feindselige Motive gegenüber „dem Fremden“ – vor allem gegenüber Frankreich, später auch gegenüber Juden und anderen Minderheiten. Diese Seite seines Werks steht im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischem Nationaldiskurs und problematischen, bis in den 20. Jahrhundert hinein wirksamen Exklusionsmustern. Eine verantwortliche Rezeption muss beide Seiten zugleich zur Kenntnis nehmen: das moralisch-freiheitliche Pathos wie auch die aus heutiger Sicht inakzeptablen Feindbilder.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Arndts Sprache ist direkt, appellativ, rhythmisch stark und auf Wirkung hin zugespitzt. Viele Gedichte greifen auf liedhafte Strophenformen zurück; Refrains, Anaphern und Alliterationen verstärken den eindringlichen Charakter. Pathos, religiöse Emphase und völkische Bildlichkeit verschmelzen zu einer Rhetorik, die gleichermaßen begeistert und befremden kann.

Formal ist er wenig experimentell – das Neue liegt in der politischen Funktionalisierung und der expliziten Verbindung von lyrischem Ich und nationaler Wir-Gemeinschaft. Arndts Lyrik ist selten introspektiv; sie spricht, ruft, fordert – und richtet sich immer an eine denkbare Gemeinschaft der Hörenden.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Arndt wird schon früh als „Nationaldichter“ wahrgenommen. Seine Lieder kursieren in den Befreiungskriegen, werden in Schulen, Vereinen und im Militär gesungen und gehen in das Repertoire patriotischer Gesangskultur ein. Im Kaiserreich erfährt sein Werk eine starke nationalkonservative Vereinnahmung; im 20. Jahrhundert wird es unterschiedlich ideologisch interpretiert und instrumentalisiert.

In der neueren Forschung wird Arndt ambivalent gesehen: als wichtiger Akteur der frühen Demokratiebewegung, als Gegner feudaler Privilegien – aber auch als Stimme eines exklusiven Nationalismus mit problematischen, teils offen diskriminierenden Positionen. Gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einer Schlüsselfigur, anhand derer sich Chancen und Gefahren nationaler Literatur exemplarisch studieren lassen.

6. Ernst Moritz Arndt im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas wird Ernst Moritz Arndt mit Blick auf die politische Funktion seiner Lyrik erschlossen. Untersucht werden die rhetorischen Mittel patriotischer Mobilisierung, die Verbindung von religiöser Sprache und nationaler Idee sowie die Ambivalenzen zwischen Freiheitsappell und Ausgrenzungsdiskurs. Dabei wird seine Dichtung sowohl historisch situiert als auch kritisch kontextualisiert.

Analysen auf wilgoe.de:

  • Analysen zu ausgewählten patriotischen Gedichten und Liedern Ernst Moritz Arndts sind in Vorbereitung.

Auswahl zentraler Werkfelder (orientierend):

  • Patriotische Lyrik und Lieder der Befreiungskriege.
  • Politische Publizistik: Flugschriften, Traktate und Aufrufe.
  • Historisch-politische Essays und Darstellungen.
  • Autobiographische und religiöse Schriften.
  • Reise- und Länderbeschreibungen (z. B. über Skandinavien).