Autor: Dante Alighieri
Werk: Divina Commedia, Teil I: Inferno
Gesang: Inferno XVIII (1–136)
Form: Terzinen (terza rima), narrative Ich-Dichtung, allegorisch-theologisches Epos
Datierung: frühes 14. Jahrhundert (Entstehungsphase der Commedia)
Italienischer Text: nach einer gemeinfreien Überlieferung der Divina Commedia
Textvergleich und Referenzedition: La Commedia secondo l’antica vulgata, a cura di Giorgio Petrocchi, Casa Editrice Le Lettere, Firenze 1994
Deutsche Fassungen:
  1. wörtliche Übersetzung ohne Versmaß und Reimschema
  2. poetisch verdichtete Prosaerzählung
Seite: Stand 2026-01-13

I. Situierung und Struktur des Gesangs

Der achtzehnte Gesang des Inferno markiert innerhalb der Gesamtarchitektur der Commedia den Eintritt in den achten Kreis, also in den Bereich der Malizia bewusster Täuschung. Nach den Kreisen der ungezügelten Leidenschaft und der offenen Gewalt wird der Weg des Ich-Erzählers hier in eine Zone gelenkt, in der Schuld nicht mehr primär affektiv oder impulsiv, sondern kalkuliert, sozial wirksam und strukturell organisiert erscheint. Die Funktion des Gesangs im größeren Weg besteht darin, den Leser mit einer neuen Form infernalischer Ordnung vertraut zu machen: Nicht mehr der einzelne Sünder im isolierten Strafbild steht im Zentrum, sondern ein komplexes, architektonisch gegliedertes System von Räumen, in denen Täuschung systematisch differenziert und verteilt wird. Für den Pilger bedeutet dies einen Erkenntnisschritt von der Betrachtung einzelner Verfehlungen hin zum Verständnis eines moralischen Systems, das auf Wiederholung, Regelmäßigkeit und institutioneller Durchformung beruht.

Diese neue Ordnung wird gleich zu Beginn durch eine ausführliche topographische Beschreibung etabliert. Der Gesang setzt nicht mit einer Begegnung, sondern mit der Kartierung von Malebolge ein: dem steinernen Gürtel mit dem zentralen Brunnen und den zehn konzentrisch angeordneten Gräben. Diese Beschreibung hat eine orientierende und zugleich programmatische Funktion, denn sie stellt die infernalische Landschaft als rational strukturierten Raum dar, der mit militärischen und städtischen Bildern – Burgen, Gräben, Brücken – operiert. Erst auf dieser Grundlage entfalten sich die einzelnen Szenen. Die interne Gliederung des Gesangs folgt dabei einer klaren Abfolge: Auf die architektonische Exposition folgt die Bewegung entlang der ersten Bolgia mit der Begegnung der Kuppler und Verführer, sodann die Identifikation einzelner historischer und mythologischer Figuren wie Venedico Caccianemico und Jason, anschließend der Übergang zur zweiten Bolgia mit den Schmeichlern, deren Strafe in der Exkrementenflut kulminiert, und schließlich die exemplarische Vorführung von Alessio Interminei und Thaïs. Jede dieser Etappen ist durch kurze Reden, Kommentare Virgils und gezielte Namensnennungen markiert, die das Gesehene moralisch und historisch fixieren.

Die Bewegung des Gesangs ist dabei vorwiegend horizontal und fortschreitend, nicht abstürzend. Dante und Virgil steigen von Gerions Rücken herab, halten sich links und schreiten entlang der Ränder der Bolgien, überschreiten Brücken und Schwellen, ohne tief in die Gräben hinabzusteigen. Diese Form der Bewegung erzeugt den Eindruck eines systematischen Abschreitens, fast eines inspezierenden Rundgangs. Der Pilger verweilt kurz, um einzelne Gestalten zu erkennen, bleibt stehen, richtet den Blick, geht dann weiter. Es handelt sich weniger um eine dramatische Wegkrise als um eine kontrollierte, lehrhafte Durchquerung, die dem neuen Charakter des Kreises entspricht: Täuschung wird nicht als eruptive Katastrophe, sondern als geordnetes, wiederholbares Vergehen gezeigt.

Der Gesang beginnt mit einer sachlich-nüchternen Vermessung des Ortes und endet mit einer gezielten Begrenzung der Schau. Nachdem Thaïs als paradigmatische Figur der Schmeichelei vorgestellt worden ist, erklärt Virgil die Betrachtung für ausreichend und lenkt den Blick des Pilgers weiter. Diese Rahmung erzeugt eine doppelte Wirkung. Am Anfang schafft die architektonische Übersicht Distanz und intellektuelle Kontrolle; der Leser wird eingeladen, das Inferno als strukturierten Raum zu verstehen. Am Ende wird diese Schau bewusst abgebrochen, als müsse der Blick vor der völligen Durchdringung der Niedrigkeit geschützt oder zumindest diszipliniert werden. Der Gesang schließt somit nicht mit einer Lösung oder einem Höhepunkt, sondern mit einer didaktischen Geste der Begrenzung.

Insgesamt fungiert Canto XVIII als programmatischer Auftakt zu Malebolge. Er etabliert die räumliche, moralische und narrative Logik des achten Kreises und zeigt, wie Schuld hier in Serien, Typen und Funktionsrollen zerlegt wird. Für den Weg des Pilgers bedeutet dies eine Verlagerung von der emotionalen Erschütterung zur analytischen Erkenntnis. Die Hölle erscheint nicht länger nur als Ort des Leidens, sondern als Spiegel einer gesellschaftlichen Ordnung, in der Täuschung, Manipulation und sprachlicher Missbrauch strukturelle Macht besitzen. Der Gesang ist damit ein struktureller Einschnitt, der den Leser darauf vorbereitet, dass das tiefere Inferno weniger von unmittelbarem Schrecken als von der kalten Präzision moralischer Diagnose geprägt sein wird.

II. Erzählinstanz und Perspektive

Der erzählende Dante befindet sich in diesem Gesang in einer Haltung kontrollierter Aufmerksamkeit, die zwischen Staunen, prüfender Neugier und moralischer Wachsamkeit oszilliert. Angst im existenziellen Sinn, wie sie in früheren Teilen des Inferno noch deutlich spürbar ist, tritt hier stark zurück. Stattdessen zeigt sich der Pilger als jemand, der den Raum aufmerksam liest, Bewegungen verfolgt, Gesichter identifiziert und gezielt nach Bedeutung sucht. Seine Haltung ist nicht belehrend im Sinne souveräner Autorität, sondern lernend und beobachtend, zugleich aber zunehmend sicher im Umgang mit dem Gesehenen. Diese Sicherheit äußert sich darin, dass er stehen bleibt, den Blick fixiert, Personen anspricht und ihre Identität selbstständig erschließt, ohne dass Virgil stets initiierend eingreifen müsste.

Zwischen dem erlebenden Ich, das sich durch Malebolge bewegt, und dem erzählenden Ich, das rückblickend berichtet, besteht eine subtile, aber wirkungsvolle Spannung. Das erlebende Ich reagiert situativ: es erkennt Venedico erst allmählich, hält inne, wird durch den Dämon unterbrochen, folgt den Blicklenkungen Virgils. Das erzählende Ich hingegen ordnet diese Abfolge bereits in eine klare, fast architektonische Struktur ein. Diese Spannung zeigt sich besonders in der präzisen Beschreibung des Raumes zu Beginn: Die Übersicht über Malebolge ist dem erlebenden Ich eigentlich erst durch den Gang möglich, wird aber erzählerisch vorangestellt, als läge sie bereits vollständig vor. Damit signalisiert der Text, dass das erzählende Ich über ein Wissen verfügt, das die unmittelbare Erfahrung des Pilgers übersteigt, ohne diese jedoch zu entwerten.

Der Erzähler greift kommentierend und wertend durchaus ein, jedoch weniger durch explizite moralische Urteile als durch Auswahl, Fokussierung und sprachliche Rahmung. Die Benennung der Sünder, die Hervorhebung bestimmter Figuren und die knappe, oft schneidend klare Wiedergabe ihrer Schuld fungieren als implizite Wertungen. Besonders deutlich wird dies im Umgang mit den Schmeichlern: Die drastische Beschreibung des Ortes und der Körper wird nicht durch ein ausdrückliches Verdammungsurteil begleitet, sondern spricht durch ihre Bildlichkeit für sich. Der Erzähler lässt die Abscheulichkeit der Strafe mit der moralischen Niedrigkeit des Vergehens korrespondieren und erzeugt so eine Wertung, die im Medium der Darstellung selbst liegt.

Erinnerung spielt im Gesang eine zentrale Rolle, sowohl auf der Ebene des Erzählers als auch innerhalb der Figurenrede. Der Pilger erkennt Venedico aus der Welt der Lebenden wieder, und diese Wiedererkennung aktiviert den Rückblick auf konkrete historische und soziale Konstellationen. Auch Alessio Interminei wird ausdrücklich über die Erinnerung an sein früheres Erscheinungsbild identifiziert, wodurch die Diskrepanz zwischen einstiger sozialer Existenz und jetziger infernalischer Realität scharf hervorgehoben wird. Vorgriffe hingegen sind zurückhaltend eingesetzt; der Gesang ist stärker retrospektiv als prospektiv orientiert. Dennoch deutet die systematische Einführung der Bolgien bereits an, dass das Gesehene nur der Anfang einer längeren, noch weiter zu differenzierenden Reihe von Täuschungsformen ist. Die Erinnerung bindet die Hölle an die Geschichte der Welt zurück, während der implizite Vorgriff die Bewegung des Weges offenhält und den Leser auf eine Fortsetzung der moralischen Analyse vorbereitet.

Insgesamt erscheint der Erzähler in Canto XVIII als eine Instanz, die zwischen Erfahrung und Reflexion vermittelt. Er ist nicht mehr überwältigt, aber auch noch nicht distanziert souverän. Seine Perspektive ist die eines zunehmend geschulten Blicks, der gelernt hat, infernalische Ordnung zu lesen und zu benennen, ohne sich vollständig von der Eindringlichkeit der Bilder zu lösen. Gerade in dieser Balance zwischen Anschauung und Einordnung liegt die erzählerische Kraft des Gesangs.

III. Raum, Ort und Ordnung

Dante befindet sich in diesem Gesang im achten Kreis der Hölle, genauer gesagt in Malebolge, dem Bereich der betrügerischen Malizia. Der Ort ist nicht mehr ein einzelner Kreis oder ein amorpher Strafraum, sondern ein komplexes System innerhalb des Infernos, das aus einem steinernen Ring mit zehn einzelnen Gräben besteht, die um einen zentralen Schacht angeordnet sind. Die konkrete Position des Pilgers ist zunächst der obere Rand dieses Systems, nachdem er von Gerions Rücken abgestiegen ist. Er bewegt sich entlang der Ränder der ersten beiden Bolgien, überschreitet Brücken und hält sich stets an den erhöhten Zonen, von denen aus er die Verdammten in den Gräben beobachten kann. Damit befindet er sich zugleich innerhalb des achten Kreises und doch in einer Beobachterposition, die Distanz wahrt und Übersicht ermöglicht.

Die symbolische Bedeutung dieses Ortes liegt in seiner ausgeprägten Ordnungshaftigkeit. Malebolge ist nicht nur ein Ort der Strafe, sondern eine räumliche Darstellung der Struktur der Täuschung selbst. Betrug erscheint hier als etwas Systematisches, Wiederholbares und in sich gegliedertes. Die zehn Gräben stehen für eine Aufsplitterung der Malizia in unterschiedliche Funktionsformen, wodurch deutlich wird, dass Täuschung nicht ein einzelnes Laster ist, sondern ein ganzes Netzwerk sozialer Praktiken. Der zentrale Brunnen, der alle Gräben sammelt, verweist auf eine Verdichtung und Vertiefung des Bösen, die auf die noch tieferen Regionen der Hölle vorausweist. Innerhalb der jenseitigen Ordnung markiert dieser Ort somit den Übergang von grober Verfehlung zu kalkulierter, verstandesgeleiteter Schuld.

Der Raum wird überwiegend statisch und massiv beschrieben, zugleich jedoch von ständiger Bewegung durchzogen. Die Architektur aus eisenfarbigem Stein, Gräben, Dämmen und Brücken vermittelt einen Eindruck von Härte, Dauerhaftigkeit und Unentrinnbarkeit. Demgegenüber stehen die dynamischen Bewegungen der Verdammten, die in entgegengesetzten Richtungen laufen, geschlagen, gejagt und gezwungen, den Rhythmus der Strafe fortzusetzen. Diese Spannung zwischen unbeweglicher Architektur und erzwungener Bewegung erzeugt eine bedrohliche Atmosphäre, die nicht chaotisch, sondern streng geregelt ist. Harmonie im ästhetischen Sinn fehlt; stattdessen herrscht eine kalte, funktionale Ordnung, in der jeder Körper einem festgelegten Platz und Ablauf unterworfen ist.

Der Gesang ist reich an markierten Grenzen und Übergängen. Bereits der Abstieg von Gerion stellt eine Schwelle dar, an der der Pilger aus einem Kreis in einen neuen Ordnungsbereich gelangt. Innerhalb Malebolges strukturieren die Dämme und Brücken die Bewegung und trennen die einzelnen Strafräume voneinander. Besonders wichtig ist die Grenze zwischen Beobachtungsraum und Strafraum: Dante bleibt auf den Stegen und Rändern, während die Sünder in den Gräben gefangen sind. Auch der Übergang von der ersten zur zweiten Bolgia wird bewusst inszeniert, indem der Blick erst von oben gelenkt und dann auf den widerwärtigen Inhalt des nächsten Grabens fokussiert wird. Diese Schwellen machen den Weg nicht nur zu einer physischen Bewegung, sondern zu einer Abfolge moralischer Übergänge, in denen jede neue Zone eine weitere Präzisierung der Schuld darstellt.

Der Raum von Malebolge erscheint damit als eine infernalische Stadtlandschaft, deren Ordnung nicht erlöst, sondern fixiert. Grenzen dienen hier nicht dem Schutz oder der Orientierung im positiven Sinn, sondern der exakten Zuweisung von Schuld. Für den Pilger bedeutet das Durchschreiten dieser Räume ein Lesen von Architektur als Moral, bei dem jeder Stein, jeder Graben und jede Brücke Teil einer umfassenden, unerbittlichen Ordnung ist.

IV. Figuren und Begegnungen

In diesem Gesang treten mehrere klar voneinander unterschiedene Figurengruppen auf, die jeweils in einem spezifischen Verhältnis zum Pilger Dante stehen. An erster Stelle steht weiterhin Virgil, der als Führer präsent ist, jedoch weniger als ausführlich erklärende Lehrinstanz auftritt, sondern vor allem durch Blicklenkung, kurze Kommentare und autoritative Identifikationen wirkt. Ihm gegenüber stehen die dämonischen Peiniger, die anonym bleiben und allein durch ihre Funktion und Gewalt präsent sind; sie treten nicht in ein dialogisches Verhältnis zu Dante, sondern markieren die Unverfügbarkeit des Ortes. Die eigentlichen Begegnungen des Gesangs vollziehen sich mit den Verdammten selbst, die aus den beiden ersten Bolgien hervortreten und durch ihre Stimmen, Körper und Namen individuell konturiert werden.

Bei diesen Verdammten handelt es sich um eine Mischung aus historischen, zeitgenössischen und mythologischen Gestalten. Venedico Caccianemico ist eine historische Figur aus Bologna und für Dante zugleich zeitgeschichtlich greifbar; seine Präsenz verankert den Gesang unmittelbar in der politischen Realität der Gegenwart des Dichters. Jason hingegen entstammt der antiken Mythologie und bringt eine überzeitliche Dimension ins Spiel, indem seine Schuld als paradigmatisches Beispiel verführerischer Täuschung gelesen wird. Alessio Interminei aus Lucca ist ebenfalls eine zeitgenössische Gestalt, deren Wiedererkennung ausdrücklich über die Erinnerung an das frühere Leben funktioniert. Thaïs schließlich, die antike Hetäre aus der Komödie des Terenz, erscheint weniger als historische Person denn als literarisch-allegorisches Exempel der Schmeichelei. Diese Mischung erzeugt ein Geflecht von Referenzen, in dem Gegenwart, Antike und Literaturgeschichte gleichrangig in die moralische Ordnung des Infernos eingebunden sind.

Die Verteilung der Rede ist dabei stark hierarchisiert. Die Dämonen sprechen kaum, und wenn, dann nur in kurzen, groben Zurufen, die ihre Funktion als Vollstrecker unterstreichen. Venedico erhält eine vergleichsweise ausführliche Rede, in der er seine Schuld benennt und zugleich versucht, sie durch Verweis auf die Vielzahl der Mitverurteilten zu relativieren. Jason spricht hingegen überhaupt nicht; seine Geschichte wird vollständig von Virgil erzählt. Auch Thaïs bleibt stumm und wird ausschließlich durch die Beschreibung ihres Körpers und Virgils knappe Identifikation charakterisiert. Alessio Interminei äußert sich nur kurz und in einer selbstanklagenden Form. Diese Abstufung der Sprachanteile ist bedeutsam: Je exemplarischer und typisierender eine Figur ist, desto weniger eigene Stimme erhält sie.

Die Funktion der Figuren ist entsprechend differenziert. Venedico und Alessio fungieren als warnende Beispiele, die zeigen, wie konkrete soziale Praktiken der Täuschung in der jenseitigen Ordnung bewertet werden. Ihre Wiedererkennbarkeit verstärkt die moralische Schärfe des Gesangs, weil sie die Hölle eng an die Welt der Lebenden rückbindet. Jason erfüllt eine paradigmatische Funktion: Er steht als mythisches Muster für verführerische List und instrumentelle Liebesrhetorik und erweitert den Blick vom lokalen Vergehen zur archetypischen Struktur. Thaïs schließlich wirkt wie eine zugespitzte Allegorie der Schmeichelei selbst, ein fast entindividualisiertes Bild sprachlicher Verderbnis, das weniger zur Identifikation als zur Abstoßung bestimmt ist. Virgil bleibt der ordnende Vermittler, der die Bedeutung dieser Gestalten bündelt und ihre Stellung im System sichert.

In ihrer Gesamtheit fungieren die Figuren weniger als psychologisch ausgearbeitete Individuen denn als Spiegel moralischer Funktionen. Sie dienen dem Pilger nicht zur emotionalen Bindung, sondern zur Schulung seines Urteils. Indem Dante lernt, sie zu erkennen, einzuordnen und schließlich hinter sich zu lassen, schreitet er in seiner Fähigkeit voran, die jenseitige Ordnung nicht nur zu erdulden, sondern zu lesen und zu verstehen.

V. Dialoge und Redeformen

Im achtzehnten Gesang dominiert eine Redeform, die sich zwischen Anklage, erzwungenem Geständnis und knapper Belehrung bewegt. Klage im emphatischen Sinn tritt nur am Rand auf und bleibt meist implizit, während Lob vollständig fehlt. Die Verdammten sprechen nicht, um Mitleid zu erregen, sondern weil sie angesprochen, erkannt oder durch die Situation dazu gezwungen werden. Dantes Rede ist häufig fragend, jedoch nicht offen-naiv, sondern zielgerichtet: Seine Fragen zielen auf Identifikation und Schuldzuweisung. Virgils Rede hingegen ist belehrend und ordnend, ohne ausführliche moralische Erörterung; sie fixiert Bedeutungen, benennt Namen und schließt die Schau ab, wenn sie als ausreichend gilt. Die Dämonen schließlich bedienen sich einer rohen, imperativen Sprache, die keine Kommunikation im eigentlichen Sinn darstellt, sondern reine Machtausübung.

Das Macht- und Wissensgefälle zwischen Dante und seinem Gegenüber ist deutlich, aber asymmetrisch verteilt. Gegenüber den Verdammten besitzt Dante einen Wissens- und Statusvorteil, da er lebt, erkennt und benennt, während diese festgelegt, geschlagen und auf ihre Funktion reduziert sind. Er kann stehen bleiben, schauen, fragen und weitergehen, während sie im Rhythmus ihrer Strafe gefangen bleiben. Zugleich bleibt Dante Virgil untergeordnet, der über das umfassendere Wissen verfügt und entscheidet, was gesehen, erklärt oder übersprungen wird. Das Machtgefälle verläuft somit zweifach: vertikal zwischen Lebendem und Verdammten und horizontal zwischen dem lernenden Pilger und dem wissenden Führer.

Gesagt werden darf vor allem das, was die Schuld präzisiert und in das infernalische Ordnungssystem einpasst. Die Verdammten können ihre Verfehlung benennen, wie Venedico es tut, sie können ihre Lage beklagen oder erklären, aber sie können sie nicht rechtfertigen oder relativieren, ohne dass dies sofort entwertet würde. Vieles bleibt unausgesprochen, insbesondere emotionale Tiefe, Reue oder ein ausführlicher innerer Monolog. Die Sprache der Hölle ist funktional reduziert: Sie dient der Identifikation, nicht der Selbstentfaltung. Auch Dante selbst äußert kaum persönliche Gefühle; seine Reaktionen sind in Fragen und kurzen Feststellungen gebunden.

Wahrheit spielt eine zentrale, aber paradoxe Rolle. Geständnis ist möglich und wird sogar erzwungen, doch es hat keine befreiende Wirkung. Die Wahrheit, die hier ausgesprochen wird, ist nicht heilend, sondern bestätigend; sie fixiert die Schuld, statt sie zu öffnen. Venedicos Zögern und sein „mal volontier lo dico“ zeigen, dass selbst im Inferno noch ein Widerstand gegen die vollständige Offenlegung besteht, der jedoch durch Dantes Anrede und die Situation gebrochen wird. Verweigerung von Auskunft ist nur begrenzt möglich und wird entweder durch Gewalt der Dämonen oder durch Virgils autoritative Benennung umgangen. Wahrheit ist hier nicht Ergebnis eines Dialogs auf Augenhöhe, sondern Bestandteil der Strafe selbst.

Insgesamt erscheinen Dialoge und Redeformen in diesem Gesang als Instrumente der Ordnung. Sie erzeugen keine Entwicklung im Inneren der Figuren, sondern sichern die Zuordnung von Namen, Schuld und Strafplatz. Sprache ist nicht mehr Medium der Verständigung, sondern Teil des infernalischen Mechanismus, der Täuschung entlarvt, indem er sie zwingt, sich selbst zu benennen.

VI. Moralische und ethische Dimension

Im Zentrum des Gesangs steht die Sünde der bewussten Täuschung, genauer die Formen der Verführung, der Kuppelei und der Schmeichelei. Es handelt sich nicht um eine ungeordnete Leidenschaft, sondern um eine kalkulierte, sprachlich und sozial vermittelte Praxis, die auf den Vorteil des Täters und den Schaden anderer zielt. Läuterung oder Tugend erscheinen hier nicht als reale Gegenpole, sondern nur negativ, als das, was durch diese Sünden pervertiert worden ist: Sprache, Beziehung und Vertrauen. Der Gesang entfaltet damit eine Ethik, in der nicht das Begehren an sich verurteilt wird, sondern dessen instrumentelle Nutzung zur Manipulation anderer Menschen.

Schuld wird zugleich individuell und strukturell dargestellt. Individuell ist sie, insofern konkrete Namen, Biographien und Entscheidungen benannt werden. Venedico, Alessio oder Jason haben jeweils gehandelt, entschieden und Verantwortung getragen. Zugleich erscheint Schuld strukturell, weil diese Handlungen nicht isoliert bleiben, sondern als Teil eines wiederholbaren sozialen Musters sichtbar werden. Die Architektur von Malebolge mit ihren systematisch angeordneten Gräben macht deutlich, dass Täuschung eine gesellschaftliche Praxis ist, die Rollen, Funktionen und sogar eigene Sprachformen ausbildet. Schuld ist daher weder schicksalhaft noch bloß persönlich, sondern eingebettet in soziale Konstellationen, die sie begünstigen, ohne sie zu entschuldigen.

Ambivalenzen in der moralischen Bewertung sind vorhanden, aber kontrolliert. Besonders deutlich wird dies bei Jason, der einerseits als heroische Gestalt der Antike bekannt ist, andererseits hier auf seine Täuschungen reduziert wird. Die heroische Aura wird nicht ausdrücklich negiert, aber vollständig funktionslos gemacht. Auch Venedicos Hinweis auf die Vielzahl der bolognesischen Sünder deutet eine mögliche Relativierung an, die der Text jedoch nicht übernimmt. Solche Momente eröffnen kurz einen Raum der Ambivalenz, werden aber sofort durch die infernalische Ordnung geschlossen. Die Moral ist streng, aber nicht blind; sie erkennt die Komplexität der Figuren, lässt ihr jedoch kein entlastendes Gewicht.

Die menschliche Freiheit wird im Gesang deutlich betont. Alle dargestellten Sünder haben bewusst gehandelt, geplant, gesprochen und manipuliert. Ihre Strafe entspricht nicht einem unvermeidlichen Schicksal, sondern einer Folge ihrer Entscheidungen. Zugleich wird diese Freiheit im Rückblick relativiert, insofern die Sünder nun vollständig in der Ordnung ihrer eigenen Taten gefangen sind. Was im Leben frei gewählt war, ist im Jenseits fixiert. Die Hölle erscheint damit als Raum der endgültigen Konsequenz, nicht als Ort neuer Entscheidungen. Freiheit ist Voraussetzung der Schuld, nicht mehr Möglichkeit der Veränderung.

Insgesamt entfaltet der Gesang eine Ethik der Verantwortung, in der Sprache und Beziehung als moralisch hochsensible Bereiche ausgewiesen werden. Wer sie gezielt zur Täuschung missbraucht, zerstört nicht nur andere, sondern verformt sich selbst so tiefgreifend, dass die infernalische Ordnung diese Verformung nur noch sichtbar macht und festschreibt.

VII. Theologische Ordnung

Im achtzehnten Gesang wird eine Form göttlicher Gerechtigkeit sichtbar, die sich durch Maß, Differenzierung und strenge Entsprechung auszeichnet. Die Strafen sind nicht willkürlich, sondern präzise auf die jeweilige Form der Täuschung abgestimmt. Die unaufhörliche Bewegung der Verführer unter den Peitschen spiegelt ihre rastlose Aktivität im Leben wider, während die Schmeichler im Unrat versinken, der das moralische Resultat ihrer süßlichen, in Wahrheit verunreinigenden Sprache sichtbar macht. Göttliche Gerechtigkeit erscheint hier nicht als strafender Affekt, sondern als ordnende Instanz, die das innere Wesen der Sünde in eine äußere, dauerhafte Form überführt. Sie ist rational, systematisch und in ihrer Logik nachvollziehbar.

Das Verhältnis zwischen göttlichem Gesetz und menschlichem Urteil ist dabei eindeutig hierarchisch. Menschliche Urteile, seien sie sozial akzeptiert oder politisch wirksam gewesen, verlieren im Jenseits ihre Geltung. Figuren, die im Leben Macht, Ansehen oder sogar heroischen Ruhm besaßen, werden hier ausschließlich nach dem Maß des göttlichen Gesetzes beurteilt. Zugleich wird menschliches Urteil nicht vollständig negiert, sondern in das göttliche integriert: Dante erkennt, benennt und versteht die Schuld, doch er richtet nicht selbst. Sein Urteil ist erkenntnishaft, nicht exekutiv. Die letztgültige Entscheidung liegt jenseits aller menschlichen Instanzen, wird aber durch sie lesbar gemacht.

Gnade, Buße und Hoffnung spielen in diesem Gesang keine aktive Rolle. Die dargestellten Seelen befinden sich in einem Zustand endgültiger Verdammnis, der keine Öffnung mehr zulässt. Buße ist nicht mehr möglich, weil die Zeit der Entscheidung abgeschlossen ist. Hoffnung erscheint höchstens negativ, als das, was fehlt und auch nicht mehr erwartet wird. Gerade diese Abwesenheit verleiht der Szene ihre theologische Schärfe: Die Hölle ist der Ort, an dem Gnade nicht wirkt, nicht weil sie verweigert würde, sondern weil sie nicht mehr angenommen werden kann. Verdammnis ist hier kein emotionales Urteil, sondern ein ontologischer Zustand.

Gott selbst wird im Gesang nicht direkt genannt oder handelnd eingeführt. Seine Präsenz ist indirekt und strukturell. Sie zeigt sich in der Ordnung des Raumes, in der Angemessenheit der Strafen und in der Unanfechtbarkeit des Systems. Die Dämonen agieren nicht als autonome Mächte, sondern als Vollstrecker einer höheren Ordnung, auch wenn sie selbst grob und gewalttätig auftreten. Gott bleibt damit im Hintergrund, aber gerade diese Abwesenheit verstärkt den Eindruck seiner absoluten Souveränität: Es bedarf keiner sichtbaren Intervention, weil die Ordnung selbst Ausdruck des göttlichen Willens ist.

Der Gesang entfaltet somit eine Theologie der Distanz. Gott ist nicht der dialogische Gegenüber der Verdammten, sondern der Grund der Ordnung, in der sie stehen. Seine Gerechtigkeit ist nicht verhandelbar, nicht emotional, nicht situativ, sondern als Struktur wirksam. Für den Pilger bedeutet dies, dass Erkenntnis nicht durch unmittelbare Gottesbegegnung geschieht, sondern durch das Lesen der Welt als theologisch geordneten Raum.

VIII. Allegorie und Symbolik

Der Gesang ist reich an allegorisch aufgeladenen Bildern, die sowohl auf der Ebene der Architektur als auch in der Dynamik der Strafe wirken. Besonders zentral ist die Zahl Zehn, die in den zehn Bolgien Malebolges erscheint und auf Vollständigkeit, Systematik und rationale Durchgliederung verweist. Sie signalisiert, dass Täuschung nicht zufällig, sondern vollständig erfasst und in all ihren Varianten geordnet ist. Ebenso bedeutsam ist die kreisförmige Struktur um den zentralen Brunnen, die eine Bewegung nach innen und unten vorbereitet und allegorisch auf die zunehmende Verdichtung des Bösen hindeutet. Die ständige Bewegung der Sünder, ihr gegenläufiges Laufen und Gejagtwerden, fungiert als Bild einer rastlosen, nie zur Ruhe kommenden Täuschung, die im Leben stets auf Wirkung aus war und nun in endloser Wiederholung gefangen ist.

Auch die verwendeten Materialien und Sinneseindrücke tragen allegorisches Gewicht. Der eisenfarbene Stein evoziert Härte, Kälte und Unnachgiebigkeit und steht für die Verfestigung moralischer Entscheidungen. Die Peitschen der Dämonen sind nicht nur Strafwerkzeuge, sondern Symbole äußerer Zwangslenkung, die der inneren Manipulation entspricht, welche die Sünder selbst ausgeübt haben. In der zweiten Bolgia erreicht die Allegorie eine drastische Verdichtung: Der Unrat, in dem die Schmeichler versinken, ist ein sinnlich-extremes Bild für die moralische Verunreinigung ihrer Sprache. Das, was im Leben süß und gefällig klang, erscheint hier als Exkrement, als Abfallprodukt menschlicher Beziehungen.

Die Allegorien sind dabei überwiegend eindeutig, aber nicht platt. Ihre Grundrichtung ist klar lesbar, doch sie erschöpfen sich nicht in einer einzigen Zuordnung. Der Unrat ist nicht nur Bild der Lüge, sondern auch der Entwertung von Sprache überhaupt; die Bewegung ist nicht nur Strafe, sondern auch Erinnerung an die soziale Dynamik der Täuschung. Gerade diese Mehrschichtigkeit verhindert eine rein schematische Lektüre. Die Bilder sind so konkret, dass sie sinnlich überwältigen, und zugleich so strukturiert, dass sie auf abstrakte Zusammenhänge verweisen.

Das Verhältnis zwischen sinnlicher Darstellung und abstrakter Bedeutung ist dabei von wechselseitiger Durchdringung geprägt. Die abstrakte Kategorie der Täuschung wird nicht erklärt, sondern verkörpert. Körper, Raum, Geruch und Bewegung übernehmen die Funktion begrifflicher Definition. Umgekehrt gewinnt die sinnliche Darstellung ihre Intensität erst dadurch, dass sie als bedeutungstragend gelesen werden kann. Die Ekelhaftigkeit der Szene ist kein Selbstzweck, sondern zwingt zur Deutung.

Wiederkehrende Symbole aus früheren Gesängen werden hier neu akzentuiert. Der Weg, der Rand, die Schwelle und die gerichtete Bewegung tauchen erneut auf, erhalten aber eine andere Färbung: Nicht mehr das tastende Voranschreiten des verängstigten Pilgers steht im Vordergrund, sondern das systematische Abschreiten eines geordneten Raumes. Auch Sprache als zentrales Motiv der Commedia wird neu gefasst. In den Schmeichlern erscheint sie nicht als Medium der Wahrheit oder der Dichtung, sondern als Werkzeug der Korruption. Der Gesang zeigt damit, wie bekannte Symbole innerhalb der allegorischen Gesamtarchitektur des Werkes ihre Bedeutung verschieben und vertiefen, sobald der Weg in die Zonen bewusster Verfehlung führt.

IX. Emotionen und Affekte

Im achtzehnten Gesang dominieren nicht mehr die elementaren Affekte der Furcht oder des überwältigenden Schreckens, sondern eine Mischung aus Abscheu, distanzierter Aufmerksamkeit und kontrolliertem Staunen. Mitleid, das in früheren Gesängen noch eine starke Rolle spielte, ist hier nahezu vollständig suspendiert. Stattdessen tritt ein Gefühl moralischer Kälte hervor, das der Struktur des Ortes entspricht. Der Ekel angesichts der körperlichen Zustände der Verdammten, insbesondere in der zweiten Bolgia, ist deutlich präsent, wird aber nicht emotional ausagiert, sondern in beobachtende Beschreibung überführt. Zorn erscheint eher objektiviert, ausgelagert auf die Dämonen, während Dante selbst emotional beherrscht bleibt.

Im Verlauf des Gesangs verändern sich Dantes Emotionen von anfänglicher Neugier und räumlicher Orientierung hin zu einer gesteigerten moralischen Abgrenzung. Zu Beginn ist der Blick noch kartierend und staunend, fast sachlich. Mit der Identifikation Venedicos tritt eine schärfere Haltung ein, die Nähe zwischen irdischer Erinnerung und infernalischer Realität erzeugt Unbehagen und moralische Klarheit. In der zweiten Bolgia erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt: Der Anblick der Schmeichler im Unrat erzeugt eine Form des Ekels, die nicht nur körperlich, sondern auch ethisch motiviert ist. Dennoch verliert Dante nicht die Kontrolle; die Emotion wird sofort durch Virgils Eingreifen begrenzt und kanalisiert.

Emotionen werden im Gesang weder völlig unterdrückt noch ungebrochen bestätigt, sondern gezielt korrigiert und eingeordnet. Das fehlende Mitleid ist keine emotionale Verarmung, sondern ein Lernprozess. Der Pilger lernt, dass bestimmte Formen der Schuld keine empathische Reaktion mehr verlangen, sondern moralische Distanz. Der Ekel wird nicht überwunden, aber er wird funktionalisiert: Er dient der Einsicht, nicht der Selbstbetroffenheit. Wo Emotionen auftreten, werden sie durch die Führung Virgils reguliert und in den Erkenntnisprozess integriert.

Für Leser und Erzähler besitzen diese Affekte eine klare pädagogische Funktion. Der Text zwingt zur Auseinandersetzung mit unangenehmen Bildern, um die moralische Verwerflichkeit der Sünden sinnlich erfahrbar zu machen. Gleichzeitig verhindert die kontrollierte Perspektive des Erzählers eine bloß voyeuristische Rezeption. Die Affekte sollen nicht überwältigen, sondern schulen. Sie lehren, zwischen falschem Mitleid und gerechtem Urteil zu unterscheiden und zeigen, dass moralische Erkenntnis nicht nur im Denken, sondern auch im affektiven Reagieren erlernt wird. Der Gesang erzieht damit sowohl den Pilger als auch den Leser zu einer Haltung, in der Emotionen nicht verdrängt, sondern in den Dienst der Wahrheit gestellt werden.

X. Sprache und Stil

Der achtzehnte Gesang arbeitet mit einer auffälligen Spannbreite sprachlicher Register, die bewusst gegeneinander gesetzt werden. Zu Beginn dominiert ein gehobenes, fast technisch wirkendes Beschreibungsregister, das der Vermessung von Malebolge dient. Die Sprache ist hier präzise, sachlich und von architektonischen Termini geprägt, was dem Raum eine objektive, beinahe kartographische Qualität verleiht. Sobald jedoch die Verdammten in den Blick treten, verschiebt sich das Register deutlich. Derbheit, Körperlichkeit und grobe Ausdrücke treten in den Vordergrund, insbesondere in der Darstellung der Strafen und in der Rede der Dämonen. Diese Registerwechsel sind nicht zufällig, sondern markieren den moralischen Abstand zwischen ordnender Beschreibung und sittlichem Verfall.

Auffällige Metaphern und Vergleiche strukturieren den Gesang stark. Die gesamte Anlage von Malebolge wird über den Vergleich mit befestigten Städten und Burgen verständlich gemacht, wodurch das Inferno als rational organisierter Raum erscheint. Besonders prägnant sind die sinnlich drastischen Metaphern in der zweiten Bolgia, in der Schmeichelei über den Unrat allegorisiert wird. Wiederholungen finden sich vor allem in der Bewegungsbeschreibung der Sünder, die ständig gehen, laufen, gewendet werden und geschlagen werden. Diese repetitiven Verben erzeugen den Eindruck endloser Zirkulation und verankern die Vorstellung einer Strafe ohne Ausweg.

Rhythmus und Klang tragen wesentlich zur Bedeutungsbildung bei, auch jenseits des Terzinenreims. In den beschreibenden Passagen ist der Rhythmus ruhig, gleichmäßig und fließend, was die Stabilität und Unverrückbarkeit der Architektur spiegelt. In den Szenen der Gewalt und der körperlichen Erniedrigung verdichtet sich der Klang: harte Konsonanten, kurze Satzstrukturen und abrupte Einschnitte erzeugen akustische Härte. Der Klang der Sprache wird so zum Echo der geschilderten Peitschenhiebe und des widerwärtigen Milieus, ohne dass dies explizit benannt werden müsste.

Besonders dicht ist der Stil in den Passagen, in denen Raum und Strafe unmittelbar miteinander verschränkt werden, etwa bei der Beschreibung der Schmeichler im Unrat oder bei der Identifikation einzelner Figuren. Hier trägt jedes Wort Bedeutung, und die Bildlichkeit ist maximal verdichtet. Nüchterner wird der Stil dort, wo Orientierung und Übergang beschrieben werden: beim Gehen über Brücken, beim Wechsel der Bolgien oder bei Virgils ordnenden Anweisungen. Diese stilistische Abkühlung verhindert Überwältigung und strukturiert den Gesang, sodass zwischen intensiver Anschauung und reflektierter Bewegung ein rhythmisches Gleichgewicht entsteht.

XI. Intertextualität und Tradition

Der Gesang ist intertextuell in mehrere Traditionslinien eingebettet, die sich im Raum von Malebolge kreuzen. Der stärkste Bezug zur Antike liegt in der Figur Jasons und im gesamten Argonautenkomplex, der den Mythos nicht als heroische Erfolgsgeschichte, sondern als moralisch relevante Erzählung von Verführung, Treuebruch und instrumenteller Rhetorik liest. Auch Thaïs als literarische Figur aus der antiken Komödie zeigt, wie Dante nicht nur „Geschichte“ im engeren Sinn, sondern auch überlieferte Rollenbilder und Sprachformen der Tradition in das jenseitige Gericht überführt. Zeitgenössische Politik und Sozialgeschichte treten vor allem durch die namentlich genannten italienischen Figuren hervor. Venedico Caccianemico verankert das Geschehen in den Konfliktlandschaften der Kommunen und Adelsnetzwerke, und die Hinweise auf regionale Sprachgewohnheiten zwischen Sàvena und Reno machen den Gesang zu einer Art politisch-soziolinguistischem Zeitbild. Der biblische Bezug ist weniger direkt in Form expliziter Zitate, aber indirekt in der gesamten Gerichtslogik präsent: Das Prinzip der Enthüllung, der endgültigen Festlegung und der Ausrichtung auf Wahrheit steht im Hintergrund als theologischer Rahmen, auch wenn die Oberfläche von antiken und kommunalen Referenzen dominiert wird.

Frühere Gesänge werden vor allem strukturell aufgegriffen und gespiegelt. Der Eintritt in Malebolge setzt die Logik der infernalischen Topographie fort, zugleich verändert sich ihre Semantik: Wo zuvor Kreise oft durch ein dominantes Affektfeld oder eine elementare Landschaft bestimmt waren, erscheint hier eine „Stadt“ aus Stein, Gräben und Brücken, also ein rationaler Ordnungsraum. Damit spiegelt der Gesang frühere Schwellenmomente, etwa Übergänge in neue Kreisbereiche, akzentuiert sie aber anders: Nicht Angst und Überwältigung, sondern Übersicht und Systematik stehen im Vordergrund. Auch das Motiv der Wiedererkennung, das schon zuvor eine Rolle spielte, wird hier in eine neue Funktion überführt. Es dient nicht mehr primär der emotionalen Erschütterung, sondern der moralischen Fixierung: Das Erkennen eines bekannten Namens ist gleichbedeutend mit der eindeutigen Einordnung in eine Kategorie der Täuschung.

Bestätigt werden im Gesang vor allem Autoritäten der Ordnung und des Wissens, allerdings in differenzierter Form. Virgil bleibt als Führer die entscheidende Vermittlungsinstanz; seine Autorität wird nicht grundsätzlich infrage gestellt, sondern erweist sich in der Fähigkeit, Figuren zu identifizieren, Geschichten zu bündeln und den Blick des Pilgers zu steuern. Zugleich wird eine andere Autorität subtil relativiert: die kulturelle Autorität der antiken Heroen. Jason wird als „real“ wirkende Gestalt mit königlichem Habitus beschrieben, doch gerade diese Aura wird nicht zur Beglaubigung, sondern zur Verschärfung der Schuld genutzt. Infrage gestellt werden damit nicht die antiken Texte selbst, sondern ihre naiv-heroische Rezeption. Autorität gilt nur, soweit sie im Maß der göttlichen Gerechtigkeit standhält.

Dante positioniert sich innerhalb der literarischen Tradition als Synthesizer und Richter über die Traditionen, die er übernimmt. Er erzählt antike Stoffe nicht als bloße Wiederholung, sondern als Neuinterpretation unter dem Vorzeichen christlicher Moralordnung. Zugleich stellt er die zeitgenössische Welt neben die antike, als seien beide gleichermaßen verfügbar für das jenseitige Urteil. Darin liegt ein starkes Selbstbewusstsein: Der Dichter macht sein Werk zur Instanz, die die Autorität antiker Mythologie, römischer Literatur und kommunaler Gegenwart in einem einzigen, systematisch geordneten Kosmos zusammenführt. Indem er architektonische Präzision, historische Namensnennung und literarische Exempla kombiniert, behauptet er eine Dichtung, die nicht nur ästhetisch, sondern epistemisch und normativ ist: Sie beansprucht, Wirklichkeit zu ordnen, Traditionen zu bewerten und den Leser in eine höhere Lesart der Geschichte hineinzuziehen.

XII. Erkenntnis und Entwicklung Dantes

Dante lernt in diesem Gesang vor allem, Malizia als eine eigene, qualitativ neue Kategorie von Schuld zu lesen und nicht bloß als Steigerung früherer Verfehlungen. Konkret erfährt er, dass Täuschung nicht primär im Inneren des Täters verbleibt, sondern als soziale Technik wirkt: Sie instrumentalisiert Körper, Beziehungen und Sprache, um andere zu lenken. Die beiden ersten Bolgien führen ihm diese Logik exemplarisch vor. Bei den Verführern und Kupplern sieht er Täuschung als zielgerichtete Mobilisierung des Begehrens; bei den Schmeichlern erfährt er Täuschung als Korruption der Rede selbst, als Missbrauch des sprachlichen Vertrauens, das soziale Wirklichkeit überhaupt erst ermöglicht. In beiden Fällen wird dem Pilger eine Art Grammatik der Sünde vor Augen gestellt: Täuschung ist nicht nur Handlung, sondern Methode, und ihre Strafe bildet diese Methode in einer präzisen, wiederholbaren Ordnung ab.

Damit verändert sich auch Dantes Selbstverständnis. Er tritt weniger als erschütterter Zeuge auf, sondern zunehmend als jemand, der erkennt, benennt und moralisch unterscheidet. Besonders deutlich wird dies daran, dass er Personen aus der Welt der Lebenden wiedererkennt und anspricht. Diese Wiedererkennung ist nicht nur biographisches Detail, sondern Ausdruck einer neuen Haltung: Der Pilger versteht, dass das Jenseits nicht fern von der Geschichte der Welt ist, sondern deren Wahrheit offenlegt. Seine Perspektive verschiebt sich somit von der bloßen Erfahrung des Ungeheuren hin zu einer aktiven, urteilsfähigen Lektüre von Realität. Die Hölle wird für ihn nicht nur Schauplatz, sondern Interpretationsraum, in dem seine Erinnerung an die Welt der Lebenden eine entscheidende hermeneutische Rolle spielt.

Ein klassischer Irrtum wird im Gesang nicht dramatisch korrigiert, doch eine Einsicht wird deutlich vertieft: Sprache ist moralisch nicht neutral. In der zweiten Bolgia wird dem Pilger, und mit ihm dem Leser, gezeigt, dass Rede nicht nur Ausdruck, sondern Handlung ist, die verunreinigen, verführen und zerstören kann. Die drastische Bildlichkeit der Schmeichler zwingt dazu, den scheinbar harmlosen gesellschaftlichen Mechanismus der gefälligen Worte als ethisch schwerwiegend zu begreifen. Wenn Virgil schließlich die Betrachtung beendet, wirkt dies wie eine Disziplinierung des Blicks, die zugleich eine Disziplinierung des Urteils bedeutet: Es geht nicht um endlose Anschauung, sondern um das Verstehen der Struktur. In diesem Sinn wird eine mögliche Neigung, sich im Spektakel der Strafe zu verlieren, implizit korrigiert.

Der Gesang bereitet den nächsten Schritt vor, indem er Malebolge als System eröffnet und zugleich nur die ersten beiden „Fächer“ dieses Systems zeigt. Die detaillierte Topographie am Anfang ist eine Art Programm: Sie kündigt an, dass weitere Formen der Täuschung folgen werden, die ebenso präzise unterschieden sind wie diese ersten Beispiele. Damit wird die Leserwartung auf eine fortschreitende Spezialisierung gelenkt. Zugleich verschiebt der Gesang das Erkenntnisverfahren: Der Weg wird fortan stärker durch Benennung, Kategorienbildung und exemplarische Fallanalyse geprägt sein. Indem Dante lernt, Täuschung in ihren sozialen Funktionen zu erkennen, wird er für die tieferen, komplexeren Betrugsformen vorbereitet, die weniger körperlich sichtbar und stärker intellektuell, politisch und institutionell codiert sein werden. Malebolge erscheint als Schule der Unterscheidung, und Canto XVIII ist ihre Eingangsstunde.

XIII. Zeitdimension

Im achtzehnten Gesang dominiert eindeutig die erzählte Gegenwart der jenseitigen Erfahrung. Der Text entfaltet sich als unmittelbares Sehen, Gehen und Beobachten im Jetzt der Hölle. Diese Präsensnähe verleiht der Darstellung eine große Anschaulichkeit und bindet den Leser eng an die Wahrnehmung des Pilgers. Die Vergangenheit tritt punktuell hinzu, vor allem in den Selbstäußerungen der Verdammten und in den identifizierenden Kommentaren Dantes und Virgils. Prophetische Zeitformen oder Zukunftsaussagen spielen in diesem Gesang hingegen kaum eine Rolle; der Blick ist nicht nach vorne gerichtet, sondern auf das gegenwärtige Resultat früherer Entscheidungen fixiert.

Die irdische Zeit wird zur jenseitigen Zeit in ein Verhältnis der Enthüllung und Festschreibung gesetzt. Ereignisse, die in der Welt der Lebenden in der Vergangenheit lagen, erscheinen hier als dauerhaft wirksame Ursachen der gegenwärtigen Strafe. Die Erinnerung an das frühere Leben – etwa an gesellschaftliche Stellung, Sprache oder äußeres Erscheinungsbild – dient nicht der Nostalgie, sondern der Kontrastbildung. Zeit ist nicht ausgelöscht, sondern umcodiert: Was einmal geschehen ist, wird nicht mehr vergangen, sondern dauerhaft präsent. Die Hölle fungiert damit als Raum, in dem Geschichte nicht vergeht, sondern in ihrem moralischen Kern konserviert wird.

Hinweise auf Zukunft, Gericht oder Erlösung fehlen nahezu vollständig. Das Gericht ist bereits vollzogen, Erlösung nicht mehr möglich. Anders als in manchen früheren oder späteren Gesängen gibt es hier keine Andeutungen eines kommenden Eingreifens oder einer noch offenen Entscheidung. Diese Abwesenheit verstärkt den Eindruck endgültiger Zeitlichkeit: Die Verdammten befinden sich nicht in einem Übergang, sondern in einem Zustand. Die Zukunft ist für sie nicht leer, sondern identisch mit der ewigen Wiederholung des Gegenwärtigen.

Entsprechend wird Zeit im Gesang nicht als linearer Fortschritt dargestellt, sondern als zyklische, zugleich erstarrte Bewegung. Die Sünder laufen unaufhörlich im Kreis, wechseln Richtungen, kehren zurück und beginnen von Neuem, ohne dass dies zu einer Entwicklung führte. Diese zyklische Bewegung ist jedoch nicht dynamisch im Sinne von Veränderung, sondern repetitiv und geschlossen. Zeit scheint aufgehoben im Sinn von Entwicklung, nicht im Sinn von Dauer. Sie vergeht nicht, sondern kehrt immer wieder zu sich selbst zurück. Der Gesang macht so erfahrbar, dass die eigentliche Strafe der Täuschung nicht nur im Leiden besteht, sondern in der Unfähigkeit, jemals über den eigenen Zustand hinauszugelangen.

XIV. Leserlenkung und Wirkung

Der Gesang legt beim Leser vor allem eine Haltung der Distanzierung und der zustimmenden Einsicht nahe, weniger Erschrecken oder Mitleid. Zwar erzeugen einzelne Bilder, insbesondere in der zweiten Bolgia, Ekel und Abwehr, doch diese Affekte sollen nicht in emotionaler Erschütterung kulminieren. Stattdessen wird der Leser dazu geführt, die dargestellten Strafen als angemessen und logisch zu akzeptieren. Zustimmung entsteht nicht aus Sympathie, sondern aus dem Nachvollzug der Ordnung. Der Text lenkt damit bewusst weg von einer spontanen empathischen Reaktion hin zu einer reflektierten, urteilsfähigen Haltung.

Moralische und intellektuelle Stellungnahme wird vor allem dort eingefordert, wo bekannte historische oder literarische Figuren in radikal neuer Perspektive erscheinen. Die Wiedererkennung Venedicos oder Alessios zwingt den Leser, das Verhältnis zwischen sozialer Normalität und moralischer Schuld neu zu bewerten. Noch deutlicher ist diese Forderung bei Jason, dessen heroische Tradition mit der infernalischen Verurteilung kollidiert. Der Text verlangt hier eine aktive Umwertung: Ruhm, Macht und rhetorische Geschicklichkeit müssen gegen das Kriterium der Wahrheit und Verantwortung gelesen werden. Der Leser kann sich dieser Bewertung nicht entziehen, weil der Gesang keine alternative Deutung anbietet.

Bewusste Überforderung und Provokation liegen vor allem in der sinnlichen Zuspitzung der zweiten Bolgia. Die drastische Darstellung der Schmeichler im Unrat überschreitet bewusst die Grenze des Angenehmen und des literarisch Erträglichen. Diese Provokation richtet sich nicht nur gegen den Leser, sondern auch gegen kulturelle Konventionen, die gefällige Rede und soziale Höflichkeit als harmlos betrachten. Der Text zwingt dazu, eine alltäglich unterschätzte Praxis als moralisch extrem zu denken. Überforderung entsteht dabei nicht durch Komplexität, sondern durch die Konfrontation mit einer Bedeutung, die dem gewohnten moralischen Maß widerspricht.

Autorität wird im Gesang vor allem durch Ordnung, Wiederholung und klare Hierarchien erzeugt. Die präzise Architektur von Malebolge, die systematische Einteilung der Sünden und die souveräne Vermittlungsrolle Virgils schaffen ein starkes Gefühl von Unhintergehbarkeit. Diese Autorität wird nicht argumentativ begründet, sondern performativ hergestellt: Sie zeigt sich darin, dass alles seinen Platz hat und jeder Versuch der Relativierung sofort ins Leere läuft. Infrage gestellt wird Autorität nur dort, wo weltliche Maßstäbe versagen. Politische Macht, rhetorische Brillanz oder literarischer Ruhm besitzen hier keine Geltung mehr. Der Gesang lenkt den Leser somit dazu, seine eigenen Autoritäten zu überprüfen und sie an einer höheren, nicht verhandelbaren Ordnung zu messen.

In seiner Wirkung ist der Gesang weniger emotional überwältigend als intellektuell bindend. Er zwingt nicht zur Identifikation, sondern zur Positionierung. Der Leser soll nicht mitleiden, sondern verstehen, nicht erschchaudern, sondern zustimmen. Gerade in dieser kontrollierten Leserlenkung liegt seine nachhaltige Wirkung: Er formt ein Urteil, das nicht aus Affekt entsteht, sondern aus der Einsicht in eine Ordnung, die als notwendig und gerecht präsentiert wird.

XV. Gesamtfunktion des Gesangs

Der achtzehnte Gesang erfüllt im Gesamtwerk eine unersetzbare Scharnierfunktion, weil er den Eintritt in Malebolge nicht nur narrativ, sondern epistemisch vollzieht. Er ist der Gesang, in dem das Inferno seine innere Logik sichtbar umstellt: von affektiv bestimmten Verfehlungen und eruptiver Gewalt hin zu einer rational gegliederten Ordnung bewusster Täuschung. Ohne diesen Gesang würde der Übergang in den achten Kreis abrupt und in seiner Bedeutung unterbelichtet erscheinen. Canto XVIII leistet die notwendige Grundlegung, indem er Raum, Methode und Erkenntnishaltung einführt, die für alle folgenden Gesänge Malebolges konstitutiv sind. Er ist weniger ein einzelnes Strafbild als ein Programmtext, der die Regeln des neuen Abschnitts expliziert.

In diesem Sinne könnte der Gesang nicht fehlen, ohne dass die innere Logik des Werkes Schaden nähme. Würde er ausgelassen, fehlte die systematische Einführung in die Differenzierung der Malizia, und der Leser würde mit einzelnen Betrugsformen konfrontiert, ohne deren gemeinsame Struktur verstanden zu haben. Die detaillierte topographische Beschreibung, die Ordnung der Bolgien und die exemplarische Auswahl zweier paradigmatischer Sünden schaffen ein Raster, das die folgenden Gesänge erst lesbar macht. Der Gesang fungiert somit als Orientierungs- und Kalibrierungspunkt, an dem sich die Wahrnehmung und das Urteil des Lesers neu einstellen.

Besonders klar treten hier mehrere Leitmotive der Commedia hervor. Zentral ist das Motiv der Ordnung: Schuld ist nicht chaotisch, sondern strukturiert; Gerechtigkeit ist nicht willkürlich, sondern proportioniert. Eng damit verbunden ist das Motiv der Sprache, das im gesamten Werk eine Schlüsselrolle spielt. In Canto XVIII wird Sprache erstmals explizit als moralisch hochriskantes Instrument thematisiert, dessen Missbrauch nicht weniger gravierend ist als körperliche Gewalt. Hinzu tritt das Leitmotiv der Erkenntnis als Weg: Der Pilger lernt, nicht nur zu sehen, sondern zu unterscheiden, zu klassifizieren und zu begrenzen. Schließlich wird auch das Verhältnis von Geschichte und Jenseits deutlich akzentuiert: Die Welt der Lebenden kehrt nicht als vergangene Kulisse zurück, sondern als enthüllte Wahrheit.

Für die Einheit von Inferno, Purgatorio und Paradiso ist der Gesang insofern bedeutsam, als er einen Extrempunkt der Fixierung markiert, von dem aus die Bewegung der gesamten Commedia verständlich wird. In Malebolge ist alles endgültig geordnet, Sprache korrumpiert, Freiheit abgeschlossen. Gerade diese Radikalität bildet den notwendigen Kontrast zu den späteren Reichen. Das Purgatorio wird als Ort der Umformung, der zeitlichen Offenheit und der gereinigten Sprache umso klarer, je schärfer zuvor ihre infernalische Pervertierung gezeigt wurde. Das Paradiso wiederum erscheint als Raum vollkommener Wahrheit und lauteren Sprechens, dessen Möglichkeit sich erst vor dem Hintergrund der hier dargestellten Sprachverderbnis voll erschließt.

Canto XVIII trägt somit entscheidend zur Einheit des Werkes bei, indem er die Negativfolie bereitstellt, an der Läuterung und Vollendung sichtbar werden. Er zeigt, was geschieht, wenn Vernunft, Sprache und soziale Kompetenz nicht auf Wahrheit, sondern auf Manipulation ausgerichtet sind. In dieser Zuspitzung wird der Gesang zu einem Schlüsseltext der Commedia, weil er die ethische Achse des gesamten Weges freilegt: Erkenntnis ohne Wahrheit führt in die Ordnung der Hölle, Wahrheit ohne Erkenntnis bleibt unzugänglich, und erst ihre Einheit eröffnet den Weg nach oben.

XVI. Wiederholbarkeit und Vergleich

Der achtzehnte Gesang ähnelt anderen Gesängen des Inferno strukturell insofern, als er dem bewährten Muster von Ortsbestimmung, Bewegung, Begegnung und Deutung folgt. Wie in vielen vorhergehenden Gesängen wird der Raum zunächst etabliert, dann durchschritten und schließlich durch exemplarische Figuren moralisch ausgelegt. Auch die Kombination aus Anschauung und kommentierender Führung durch Virgil ist vertraut. Thematisch knüpft der Gesang an frühere Darstellungen von Schuld an, insofern auch hier konkrete Individuen für klar identifizierbare Verfehlungen stehen. Diese Wiedererkennbarkeit verleiht dem Text eine Kontinuität, die den Leser im infernalischen Kosmos orientiert hält.

Zugleich setzt der Gesang bewusste Kontraste, die ihn deutlich von vielen Vorgängern abheben. Der auffälligste Kontrast liegt in der Ordnungshaftigkeit des Raumes. Während frühere Gesänge oft von elementaren Landschaften wie Sturm, Schlamm, Feuer oder Finsternis geprägt sind, tritt hier eine fast urbane, technische Architektur in den Vordergrund. Auch emotional unterscheidet sich der Gesang: Die affektive Überwältigung wird zurückgenommen zugunsten analytischer Klarheit. Der Leser wird weniger durch existenziellen Schrecken als durch moralische Eindeutigkeit geführt. Dieser Kontrast markiert den Eintritt in eine neue Phase des Weges, in der Erkenntnis stärker kategorial als affektiv vermittelt wird.

Über mehrere Gesänge hinweg lassen sich klare Entwicklungslinien verfolgen, die in Canto XVIII einen neuen Abschnitt erreichen. Eine zentrale Linie ist die Schulung des Blicks des Pilgers. Vom anfänglichen Erschrecken und Mitleiden entwickelt sich seine Wahrnehmung hin zu Unterscheidungsfähigkeit und Urteilsstärke. Parallel dazu verläuft die zunehmende Differenzierung der Sünde selbst: von allgemeinen Lastern zu spezifischen sozialen Praktiken. Eine weitere Linie betrifft die Rolle der Sprache. Während sie in früheren Gesängen vor allem als Ausdruck von Klage oder Trotz erscheint, wird sie hier erstmals systematisch als moralisches Problemfeld thematisiert, was in den folgenden Bolgien weiter ausgearbeitet wird.

Wiederholung spielt dabei eine zentrale didaktische Rolle. Die ständige Wiederkehr ähnlicher Bewegungen, Strafen und Begegnungsschemata erzeugt beim Leser ein Mustererkennen, das moralische Einsicht erleichtert. Gleichzeitig verhindert die Variation innerhalb der Wiederholung Monotonie. Jede neue Bolgia greift das Grundschema auf, modifiziert es jedoch in Bezug auf Schuldform, Bildlichkeit und Affekt. Diese Wiederholung mit Differenz zwingt den Leser, aktiv zu vergleichen und zu unterscheiden. Der Gesang macht deutlich, dass Erkenntnis in der Commedia nicht durch einmalige Einsicht entsteht, sondern durch wiederholte Konfrontation, in der sich das Urteil schärft und stabilisiert.

Insgesamt zeigt Canto XVIII, wie Wiederholbarkeit und Variation zusammenspielen, um ein komplexes moralisches System verständlich zu machen. Der Gesang ist zugleich vertraut und neu: vertraut in seiner Struktur, neu in seiner Ordnung und Perspektive. Gerade diese Balance macht ihn zu einem zentralen Baustein innerhalb der fortlaufenden didaktischen Bewegung des Werkes.

XVII. Philosophische Dimension

Im achtzehnten Gesang tritt ein Menschenbild hervor, das den Menschen primär als vernunftbegabtes, sprachfähiges und sozial wirksames Wesen versteht. Der Mensch ist hier nicht vor allem Träger ungeordneter Leidenschaften, sondern Akteur bewusster Strategien. Wille und Vernunft erscheinen eng verschränkt: Die dargestellten Sünder haben nicht aus momentaner Schwäche gehandelt, sondern ihre Einsicht gezielt eingesetzt, um andere zu lenken, zu verführen oder zu manipulieren. Glück wird implizit als etwas verstanden, das an Wahrheit, Maß und Integrität der Beziehungen gebunden ist. Dort, wo Vernunft vom Wahrheitsbezug gelöst und ausschließlich instrumentell verwendet wird, kippt sie ins Zerstörerische und führt nicht zu Erfüllung, sondern zu Selbstverfehlung.

Verantwortung wird entsprechend streng begründet. Sie ergibt sich aus der Fähigkeit zur Einsicht und aus der Freiheit der Entscheidung. Gerade weil die Sünder wussten, was sie taten, und weil sie ihre intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten bewusst eingesetzt haben, sind sie voll verantwortlich für ihr Handeln. Der Gesang lässt keinen Raum für Entlastung durch Unwissenheit, Affekt oder äußeren Zwang. Verantwortung ist hier nicht nur eine juristische Kategorie, sondern eine ontologische: Der Mensch wird zu dem, was er willentlich tut. Die infernalische Strafe macht diese Selbstformung sichtbar, indem sie das innere Prinzip des Handelns nach außen kehrt.

Daraus ergibt sich eine implizite Anthropologie, in der der Mensch als relationales Wesen gedacht ist, dessen Handlungen stets andere betreffen. Täuschung ist nicht bloß ein innerer Defekt, sondern eine Störung des sozialen Gefüges. Erkenntnistheoretisch liegt dem Gesang die Annahme zugrunde, dass Wahrheit erkennbar ist und dass der Mensch über die Vernunft verfügt, sie zu achten oder zu missachten. Irrtum ist hier weniger ein Erkenntnisproblem als ein Willensproblem: Die Täuschung besteht nicht darin, die Wahrheit nicht zu sehen, sondern darin, sie bewusst zu verdecken oder zu verkehren. Wissen wird damit moralisch qualifiziert.

Das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ist dabei zentral. Dante gewinnt sein Wissen nicht abstrakt, sondern durch konkrete Anschauung, Bewegung und Begegnung. Erfahrung ist der Ausgangspunkt der Erkenntnis, reicht aber für sich genommen nicht aus. Erst durch Ordnung, Benennung und Einordnung – meist vermittelt durch Virgil – wird Erfahrung zu Wissen. Der Gesang zeigt somit ein erkenntnistheoretisches Modell, in dem sinnliche Wahrnehmung notwendig, aber erst durch vernünftige Strukturierung fruchtbar wird. Erfahrung ohne Deutung bliebe bloßes Spektakel; Wissen ohne Erfahrung wäre leer.

Philosophisch lässt sich Canto XVIII daher als Reflexion über den Missbrauch der Vernunft lesen. Vernunft ist nicht automatisch gut, sondern bedarf einer Ausrichtung auf Wahrheit und Gemeinwohl. Wird sie davon gelöst, verkehrt sie sich in List, Manipulation und instrumentelle Klugheit. Der Gesang markiert damit einen entscheidenden Punkt der Commedia: Nicht Unvernunft führt am tiefsten ins Verderben, sondern eine Vernunft, die sich selbst absolut setzt und ihren ethischen Maßstab verliert.

XVIII. Politische und historische Ebene

Im achtzehnten Gesang wird Zeitgeschichte nicht als breit ausgeführte Chronik sichtbar, sondern in konzentrierten Signalen, die auf die Konfliktstruktur der italienischen Kommunalwelt verweisen. Die Nennung Venedico Caccianemicos, die Anspielung auf Bologna, die geographische Markierung zwischen Sàvena und Reno sowie der Hinweis auf eine „sconcia novella“ lassen ein Milieu erkennen, in dem Politik, Familieninteressen und Patronage eng ineinandergreifen. Der konkrete „marchese“, dessen Begehr durch Vermittlung erfüllt wird, verweist auf die Funktionsweise adlig-kommunaler Herrschaft: Einfluss operiert nicht nur über Ämter und Gewalt, sondern über private Kanäle, Abhängigkeiten und soziale Vermittler. Sichtbar wird damit eine Zeit, in der Ordnung häufig weniger durch transparente Institutionen als durch Netzwerke von Loyalität und Nutzen geregelt wird.

Dantes Urteil über Macht, Herrschaft und Ordnung ist dabei doppelt codiert. Einerseits zeigt der Gesang eine starke Affinität zu Ordnung als Prinzip: Malebolge ist eine Architektur der Differenzierung und Zuweisung, die auf strenger, rationaler Struktur beruht. Ordnung erscheint also grundsätzlich als etwas Positives im Sinne von Klarheit und Maß. Andererseits entlarvt Dante, wie Macht in der irdischen Welt oft gerade durch die Unterwanderung legitimer Ordnung funktioniert. Kupplerei, Verführung und Schmeichelei sind in diesem Sinn politische Techniken, weil sie über Sprache und Beziehungen Zugriff auf Entscheidungen gewinnen. Dantes Kritik richtet sich weniger gegen Herrschaft als solche als gegen jene Formen von Machtausübung, die auf Manipulation statt auf Recht und Wahrheit beruhen.

Zeitgenössische Personen werden exemplarisch verwendet, und zwar in einer Weise, die ihre individuelle Biographie mit einer typologischen Funktion verbindet. Venedico ist nicht nur ein einzelner Sünder, sondern ein Paradigma dafür, wie private Vermittlung, sexuelle Instrumentalisierung und die Logik des Vorteils soziale Räume korrumpieren. Alessio Interminei fungiert ähnlich, indem er Schmeichelei als gesellschaftliche Praxis verkörpert, die sich in den Alltag einschreibt und dennoch theologisch schwer wiegt. Durch diese exemplarische Verwendung gewinnt der Gesang eine politische Schärfe: Die Hölle wird zum Ort der Wahrheit über die Stadt, und die Namen sind nicht dekorativ, sondern Urteilssignaturen.

Politik, Moral und Theologie verbinden sich dadurch, dass politische Wirklichkeit als moralisch interpretierbarer Raum erscheint und moralische Kategorien als theologisch sanktionierte Maßstäbe politischer Ordnung wirken. Die Hölle ist nicht politisch im Sinne eines Parteikommentars, sondern politisch in ihrer Diagnose sozialer Mechanismen. Täuschung erscheint als Sünde, weil sie Wahrheit verletzt, aber zugleich als politische Praxis, weil sie Vertrauen, Sprache und Entscheidungsprozesse zersetzt. Theologisch wird dies durch die jenseitige Ordnung garantiert: Was in der Stadt als Klugheit, Diplomatie oder raffinierte Vermittlung gelten kann, erscheint im Maß des göttlichen Gesetzes als Korruption. Der Gesang macht so sichtbar, dass Dante Politik nicht als autonomen Bereich versteht, sondern als einen Teil des moralischen und letztlich heilsgeschichtlichen Zusammenhangs. Ordnung ist nur dann legitim, wenn sie wahrheitsfähig ist; wo sie durch Täuschung erzeugt wird, wird sie in der infernalischen Perspektive zur Unordnung, auch wenn sie äußerlich stabil erscheint.

XIX. Bild des Jenseits

Das im achtzehnten Gesang dargestellte Jenseits ist von hoher Konkretheit, ohne dabei seine abstrakte Ordnung zu verlieren. Dante entwirft keinen vagen, symbolisch entrückten Raum, sondern eine bis ins Detail ausgearbeitete Landschaft aus Stein, Gräben, Brücken, Bewegungsrichtungen und Körpern. Diese Konkretheit ist jedoch nie bloß realistisch, sondern stets bedeutungstragend. Das Jenseits ist anschaulich, weil es als Erkenntnisraum fungiert: Abstrakte moralische Kategorien werden nur insofern gezeigt, als sie in räumliche, körperliche und zeitliche Formen übersetzt sind. Das Jenseits ist damit weder rein sinnlich noch rein begrifflich, sondern eine präzise Verbindung beider Ebenen.

Die Gesetzmäßigkeiten, die dort herrschen, sind streng kausal und proportional. Jede Strafe entspricht der Struktur der begangenen Sünde und folgt einem klaren Prinzip der Entsprechung. Darüber hinaus gilt eine umfassende Ordnungshaftigkeit: Jeder Ort hat seine Funktion, jede Bewegung ihren Zwang, jede Figur ihren zugewiesenen Platz. Willkür ist ausgeschlossen, ebenso jede Form von Zufall. Diese Gesetzmäßigkeit verleiht dem Jenseits den Charakter eines Systems, das nicht nur straft, sondern Bedeutung produziert. Die Hölle ist kein Chaos, sondern eine negative Ordnung, in der alles lesbar gemacht wird.

Das Jenseits erscheint zugleich statisch und dynamisch. Statisch ist es in seiner Grundstruktur: Die Architektur, die Zuordnung der Sünden und die endgültige Festlegung der Seelen verändern sich nicht. Dynamisch ist es in der Ausführung der Strafe: Die Verdammten bewegen sich unaufhörlich, werden geschlagen, wenden sich, sinken ein und tauchen wieder auf. Diese Bewegung führt jedoch zu keiner Entwicklung, sondern ist reine Wiederholung. Dynamik existiert ohne Zeit im fortschreitenden Sinn. Bewegung ersetzt Veränderung.

Gerechtigkeit wird sinnlich erfahrbar gemacht, indem sie in körperliche Empfindung, Raumordnung und Affekt übersetzt wird. Der Leser sieht nicht nur, dass gestraft wird, sondern wie und warum. Die Peitschenhiebe, der Gestank, die Anstrengung der Bewegung und die Scham der Entblößung lassen die moralische Angemessenheit der Strafe körperlich nachvollziehbar werden. Sinnlichkeit dient hier nicht der Erregung, sondern der Evidenz. Gerechtigkeit wird nicht erklärt, sondern gezeigt, indem sie als erfahrbare Ordnung erscheint, die sich dem Verstand durch die Sinne aufdrängt.

Insgesamt zeichnet der Gesang ein Jenseits, das als absolute Gegenwelt zur irdischen Unklarheit fungiert. Wo auf Erden Schuld verborgen, relativiert oder umgedeutet werden kann, ist sie hier vollständig exponiert. Das Jenseits ist der Ort, an dem Wahrheit und Ordnung deckungsgleich werden und in ihrer sinnlichen Präsenz keinen Zweifel mehr zulassen.

XX. Schlussreflexion

Dem achtzehnten Gesang lässt sich als zentrale Aussage zuschreiben, dass bewusste Täuschung eine der tiefgreifendsten Formen menschlicher Selbstverfehlung darstellt, weil sie Vernunft, Sprache und soziale Beziehung zugleich korrumpiert. Der Gesang zeigt, dass Schuld nicht erst dort beginnt, wo Gewalt ausgeübt wird, sondern dort, wo Einsicht und sprachliche Kompetenz gezielt zur Manipulation anderer eingesetzt werden. In dieser Perspektive erscheint die Hölle nicht als Ort der bloßen Bestrafung, sondern als Raum der Wahrheit, in dem sichtbar wird, was menschliches Handeln im Kern gewesen ist. Täuschung entlarvt sich als eine Praxis, die nicht nur andere schädigt, sondern den Täter selbst in eine Ordnung der Wiederholung und Leere einschließt.

Bewusst offen bleiben dabei mehrere Fragen. Der Gesang fragt nicht, wie weit soziale Strukturen und Machtverhältnisse menschliches Handeln bedingen, noch wie Schuld graduell zu gewichten wäre, wenn Täuschung in einer Welt allgegenwärtiger politischer und rhetorischer Strategien stattfindet. Ebenso bleibt offen, wie scharf die Grenze zwischen legitimer Klugheit, diplomatischem Geschick und moralisch verwerflicher Manipulation verläuft. Dante legt diese Fragen nicht aus, sondern überlässt sie der Spannung zwischen irdischer Praxis und jenseitiger Ordnung. Gerade diese Nichtauflösung verhindert eine triviale Moral und hält den Text interpretativ offen.

Der Gesang fordert den Leser ausdrücklich zur Selbstprüfung heraus, ohne dies explizit zu formulieren. Die dargestellten Sünden sind keine exotischen Verbrechen, sondern Praktiken des Alltags: schmeicheln, vermitteln, beeinflussen, überreden. Indem sie in der Hölle in radikal verdichteter Form erscheinen, zwingt der Text den Leser, die eigene Verwendung von Sprache, Vernunft und sozialer Kompetenz zu reflektieren. Die Frage, ob und wann man selbst Worte benutzt, um Wahrheit zu verdecken oder Vorteile zu erlangen, stellt sich unausweichlich. Die Distanz, die der Gesang zunächst nahelegt, schlägt so in eine indirekte Nähe um.

Für das Verständnis des menschlichen Weges insgesamt besitzt der Gesang grundlegende Bedeutung, weil er einen Wendepunkt markiert: Der Mensch wird nicht mehr primär als leidendes oder begehrendes Wesen gezeigt, sondern als verantwortlicher Gestalter sozialer Wirklichkeit. Der Weg durch die Commedia erscheint damit als Lernprozess, in dem der Mensch erkennt, dass Freiheit und Vernunft nicht nur Möglichkeiten, sondern Verpflichtungen sind. Canto XVIII macht deutlich, dass der Weg nach oben nur dort offen bleibt, wo Erkenntnis an Wahrheit gebunden ist. Wo der Mensch diese Bindung löst, ordnet er sich selbst einer Gegenbewegung zu, die nicht durch äußeren Zwang, sondern durch die innere Logik seines Handelns bestimmt ist. In dieser Einsicht liegt die bleibende Bedeutung des Gesangs für die Gesamtbewegung der Commedia und für die Frage, was es heißt, den eigenen Weg verantwortlich zu gehen.

XXI. Vers-für-Vers-Analyse

Terzina 1 (V. 1–3)

Vers 1: Luogo è in inferno detto Malebolge,

„Ein Ort ist in der Hölle, Malebolge genannt,“

Der erste Vers eröffnet den Gesang mit einer scheinbar nüchternen Feststellung. Dante benennt den Ort, an dem er sich befindet, und tut dies in einer sachlichen, beinahe lexikalischen Form. Es handelt sich nicht um eine emotionale Reaktion oder eine unmittelbare Wahrnehmung, sondern um eine definierende Aussage: Ein bestimmter Bereich der Hölle trägt einen Namen. Der Vers wirkt wie der Beginn einer topographischen Beschreibung oder eines Eintrags in eine Karte.

Analytisch fällt auf, dass der Gesang nicht mit Bewegung, Affekt oder Begegnung einsetzt, sondern mit Benennung. Das Prädikat „detto“ verweist auf sprachliche Konvention und Ordnung: Dieser Ort ist nicht zufällig, sondern bereits benannt, bekannt und begrifflich fixiert. Der Name „Malebolge“ selbst ist semantisch aufgeladen, da er „böse Gräben“ oder „schlimme Schlünde“ evoziert. Damit wird der moralische Charakter des Ortes bereits im Namen eingeschrieben, noch bevor er beschrieben wird.

Interpretatorisch markiert dieser Vers einen entscheidenden Übergang innerhalb des Inferno. Mit der expliziten Namensnennung beginnt eine neue Phase, in der die Hölle nicht mehr nur erfahren, sondern systematisch gelesen wird. Der Ort wird nicht erschlossen, sondern eingeführt. Der Vers signalisiert, dass der Leser nun in einen Raum eintritt, der als strukturierte Einheit gedacht ist und dessen Bedeutung bereits vor der sinnlichen Anschauung feststeht. Erkenntnis beginnt hier mit Begriffsbildung.

Vers 2: tutto di pietra di color ferrigno,

„ganz aus Stein von eisenfarbener Tönung,“

Der zweite Vers ergänzt die Benennung des Ortes durch eine erste materielle Bestimmung. Malebolge wird als vollständig steinern beschrieben, wobei der Farbton „ferrigno“ den Eindruck von Eisen, Härte und Kälte hervorruft. Die Beschreibung ist kompakt, konzentriert und verzichtet auf jede emotionale Ausschmückung.

Analytisch verbindet der Vers Materialität und Farbe zu einer symbolischen Einheit. Stein steht für Dauer, Unbeweglichkeit und Unnachgiebigkeit; die eisenartige Färbung verstärkt diese Assoziationen und verweist zugleich auf Gewalt, Werkzeughaftigkeit und technische Härte. Der Raum wirkt nicht natürlich, sondern künstlich, fast wie eine geschmiedete Konstruktion. Die Totalität („tutto“) unterstreicht, dass es keinen Ausweg, keine Abweichung von dieser Beschaffenheit gibt.

Interpretatorisch lässt sich dieser Vers als sinnliche Vorwegnahme der moralischen Struktur lesen. Die Härte des Materials spiegelt die Härte der Schuldformen, die hier bestraft werden: bewusste, kalkulierte Täuschung. Der Raum ist nicht weich, nicht chaotisch, nicht fließend, sondern starr und kalt. Damit wird die Hölle der Malizia als Ort einer verfestigten, endgültigen Entscheidung kenntlich gemacht, in dem Beweglichkeit nur noch als Zwang existiert.

Vers 3: come la cerchia che dintorno il volge.

„wie der Ring, der ihn ringsum umschließt.“

Der dritte Vers stellt einen Vergleich her und bindet Malebolge in die größere Architektur des Infernos ein. Die Beschaffenheit des Ortes wird derjenigen des umgebenden Kreisrings angeglichen. Malebolge ist nicht isoliert, sondern Teil einer konzentrischen Struktur, die den gesamten achten Kreis prägt.

Analytisch fungiert der Vergleich als Integrationsgeste. Durch das „come“ wird der neue Raum an einen bereits bekannten architektonischen Typus angeschlossen. Der Vers betont die Kontinuität der Höllenstruktur und verhindert den Eindruck eines Bruchs. Gleichzeitig verweist die kreisförmige Bewegung („volge“) auf Geschlossenheit, Wiederkehr und Einschluss. Der Raum ist nicht offen, sondern umfangen.

Interpretatorisch unterstreicht der Vers die Idee einer totalen Ordnung. Malebolge ist kein fremder Körper innerhalb der Hölle, sondern deren konsequente Weiterführung. Die gleiche steinerne Härte, die den Kreis umschließt, prägt auch sein Inneres. Damit wird deutlich, dass die tiefere Differenzierung der Schuld nicht zu einer Auflösung der Ordnung führt, sondern zu ihrer Verschärfung. Je genauer unterschieden wird, desto geschlossener und unerbittlicher erscheint der Raum.

Gesamtdeutung der Terzina

Die erste Terzina des Gesangs erfüllt eine klar orientierende und programmatische Funktion. Sie führt Malebolge nicht durch Erfahrung oder Affekt ein, sondern durch Benennung, Materialbeschreibung und strukturelle Einordnung. Der Leser wird nicht überrascht, sondern positioniert. Diese Nüchternheit ist bedeutungsvoll: Sie signalisiert den Übergang in einen Bereich, in dem moralische Analyse und systematische Ordnung im Vordergrund stehen. Die Sprache ist sachlich, fast technisch, und spiegelt damit den Charakter der hier bestraften Sünden wider, die ebenfalls von Berechnung und Rationalität geprägt sind.

In ihrer Kürze und Klarheit etabliert die Terzina einen neuen Ton. Sie kündigt an, dass das folgende Geschehen weniger von eruptiven Szenen als von geordnetem Durchgang, Unterscheidung und Erkenntnis bestimmt sein wird. Malebolge erscheint von Beginn an als konstruierter Raum, in dem Schuld architektonisch fixiert ist. Damit legt diese Terzina das Fundament für den gesamten weiteren Gesang: Die Hölle der Täuschung ist ein Ort, der sich zuerst denken lässt, bevor er erschreckt.

Terzina 2 (V. 4–6)

Vers 4: Nel dritto mezzo del campo maligno

„In der rechten Mitte des bösen Feldes“

Der Vers lokalisiert den Blick nun präziser innerhalb des zuvor benannten Raumes. Dante bestimmt nicht nur einen Ort, sondern dessen exakte Position: die „rechte Mitte“. Der Ausdruck „campo maligno“ fasst Malebolge metaphorisch als ein Feld, als eine zusammenhängende Fläche, die in sich gegliedert ist. Der Vers wirkt wie eine weitere Vermessung, die den Raum geometrisch ordnet.

Analytisch ist auffällig, dass Dante mit Ausdrücken der Genauigkeit arbeitet. „Dritto mezzo“ verbindet räumliche Zentralität mit einer Konnotation von Geradheit und Achse. Das Zentrum wird nicht zufällig gewählt, sondern als struktureller Bezugspunkt markiert. Gleichzeitig steht „maligno“ als moralische Qualifikation dem nüchternen Vermessungsgestus gegenüber. Das Böse wird hier nicht chaotisch, sondern als exakt lokalisierbar vorgestellt.

Interpretatorisch verweist dieser Vers auf das Prinzip, dass das Böse in Malebolge nicht randständig, sondern zentral organisiert ist. Täuschung ist kein Auswuchs am Rand der moralischen Welt, sondern ein Kernproblem. Die Mitte des Feldes fungiert als ideeller Fokus, von dem aus sich die gesamte Ordnung der Gräben bestimmt. Der Vers bereitet damit die Vorstellung eines Zentrums vor, das nicht erlöst, sondern verdichtet.

Vers 5: vaneggia un pozzo assai largo e profondo,

„gähnt ein sehr weiter und tiefer Schacht,“

Der zweite Vers der Terzina führt das zentrale Element dieses Raumes ein: einen Brunnen oder Schacht, der durch Größe und Tiefe gekennzeichnet ist. Das Verb „vaneggia“ verleiht dem Objekt eine dynamische, beinahe lebendige Qualität; der Schacht „gähnt“ oder öffnet sich ins Leere. Die Beschreibung bleibt visuell und körperlich fassbar.

Analytisch verbindet der Vers Bewegung und Abgrund. „Vaneggia“ evoziert Offenheit, Leere und Sog, während „assai largo e profondo“ die Dimensionen des Raumes übersteigert. Der Schacht ist nicht nur tief, sondern auch weit, was ihn zu einem Sammel- und Übergangspunkt macht. Sprachlich entsteht ein Kontrast zwischen der festen, steinernen Umgebung und diesem offenen, verschlingenden Zentrum.

Interpretatorisch fungiert der Schacht als Symbol der weiteren Vertiefung des Bösen. Er ist kein Endpunkt, sondern ein Durchgang nach unten, ein Hinweis darauf, dass Malebolge nicht der tiefste Bereich der Hölle ist. Das „Gähnen“ des Schachtes macht die Bedrohung der Tiefe sinnlich erfahrbar und verweist zugleich auf eine Ordnung, die nach unten hin immer konzentrierter wird. Das Zentrum ist hier nicht stabil, sondern offen ins Noch-Schlimmere.

Vers 6: di cui suo loco dicerò l’ordigno.

„dessen Bau und Stelle ich später beschreiben werde.“

Der dritte Vers unterbricht die unmittelbare Beschreibung durch eine metatextuelle Ankündigung. Dante erklärt, dass er auf die genauere Darstellung des Schachtes noch zurückkommen wird. Damit wird der Blick bewusst zurückgehalten und die vollständige Erkenntnis aufgeschoben.

Analytisch markiert dieser Vers eine erzählerische Kontrolle über den Erkenntnisprozess. Der Erzähler verfügt über Wissen, das er dosiert freigibt. Das Wort „ordigno“ bezeichnet nicht nur die Bauart, sondern auch die innere Struktur oder Funktionsweise des Schachtes. Die Beschreibung wird damit in die Zukunft des Textes verlagert und als erklärungsbedürftig ausgewiesen.

Interpretatorisch schafft dieser Aufschub Spannung und verweist zugleich auf die gestufte Erkenntnislogik der Commedia. Nicht alles darf sofort gesehen oder verstanden werden. Der Schacht steht für eine tiefere Wahrheit, die erst zu einem späteren Zeitpunkt zugänglich wird. Der Vers signalisiert, dass Erkenntnis im Inferno nicht durch Überwältigung, sondern durch Ordnung, Zeit und Führung erfolgt.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zweite Terzina vertieft die topographische Einführung von Malebolge, indem sie ein zentrales, strukturierendes Element in den Blick rückt. Nach der äußeren Bestimmung des Raumes wird nun sein innerer Fokus benannt. Der Schacht im Zentrum fungiert als Achse der Vertiefung und als Hinweis auf die hierarchische Ordnung der Hölle. Gleichzeitig zeigt die Terzina, dass Erkenntnis kontrolliert und gestuft vermittelt wird: Das Zentrum wird markiert, aber noch nicht erschlossen.

Insgesamt etabliert die Terzina ein Spannungsverhältnis zwischen Übersicht und Vorenthaltung. Der Leser erhält Orientierung, aber keine vollständige Einsicht. Diese Struktur spiegelt den Weg des Pilgers selbst, der zwar geführt wird, jedoch nicht alles auf einmal erfassen darf. Malebolge erscheint hier als Raum, der nicht nur geordnet ist, sondern dessen Ordnung sich erst schrittweise erschließt. Die Terzina bereitet damit sowohl räumlich als auch epistemisch die weitere Bewegung des Gesangs vor.

Terzina 3 (V. 7–9)

Vers 7: Quel cinghio che rimane adunque è tondo

„Der Gürtel nun, der noch verbleibt, ist rund“

Der Vers setzt die zuvor begonnene topographische Beschreibung fort und richtet den Blick auf den Raum zwischen dem zentralen Schacht und dem äußeren Rand. Dante bezeichnet diesen Bereich als „cinghio“, also als Gürtel oder Ring, der als eigener Abschnitt innerhalb Malebolges existiert. Der Zusatz „adunque“ signalisiert eine logische Folgerung aus dem zuvor Gesagten: Nachdem Zentrum und Außenrand bestimmt sind, bleibt ein definierter Zwischenraum.

Analytisch ist der Vers von ordnender Klarheit geprägt. Die Form „tondo“ unterstreicht die geometrische Geschlossenheit dieses Bereichs und bindet ihn an das Grundprinzip der kreisförmigen Höllenarchitektur. Der Raum wird nicht als amorph oder zufällig vorgestellt, sondern als sauber abgegrenzte Zone mit klarer Gestalt. Die Sprache ist sachlich, fast diagrammatisch, und vermeidet jede affektive Aufladung.

Interpretatorisch verweist der „Gürtel“ auf eine vermittelnde Zone zwischen Zentrum und Rand, zwischen äußerer Begrenzung und innerer Tiefe. Er ist der eigentliche Handlungsraum von Malebolge, der Ort, an dem die verschiedenen Formen der Täuschung angesiedelt sind. Die Rundung signalisiert Geschlossenheit und Wiederkehr: Wer sich in diesem Bereich befindet, ist in eine Ordnung eingeschlossen, aus der es kein Entkommen gibt. Der Vers macht deutlich, dass Täuschung nicht punktuell, sondern ringförmig, also allumfassend organisiert ist.

Vers 8: tra ’l pozzo e ’l piè de l’alta ripa dura,

„zwischen dem Schacht und dem Fuß der hohen, harten Böschung,“

Dieser Vers präzisiert die Lage des zuvor genannten Gürtels. Er wird räumlich exakt zwischen zwei markanten Elementen verortet: dem zentralen Schacht und der steilen, festen Außenwand. Die Beschreibung ist relational und definiert den Raum über seine Grenzen.

Analytisch arbeitet der Vers mit Gegensätzen. Der offene, gähnende Schacht steht der „alta ripa dura“, der hohen und harten Böschung, gegenüber. Offenheit und Abgrund auf der einen Seite, Härte und Sperre auf der anderen rahmen den Gürtel ein. Diese Spannung erzeugt einen Eindruck von Eingeschlossenheit. Der Raum ist nach innen hin gefährlich offen und nach außen hin unüberwindlich abgeschlossen.

Interpretatorisch lässt sich dieser Vers als Bild für die Situation der hier bestraften Seelen lesen. Sie befinden sich zwischen zwei Extremen: der Tiefe des endgültigen Verderbens und der unübersteigbaren Grenze nach außen. Der Gürtel ist ein Zwischenraum ohne Übergangsfunktion, ein Bereich permanenter Fixierung. Die „ripa dura“ unterstreicht, dass es kein Zurück gibt, während der Schacht die ständige Drohung weiterer Vertiefung präsent hält.

Vers 9: e ha distinto in dieci valli il fondo.

„und er hat den Grund in zehn Täler gegliedert.“

Der dritte Vers der Terzina führt das entscheidende Strukturprinzip von Malebolge ein: die Unterteilung des Bodens in zehn einzelne Gräben oder Täler. Mit diesem Satz wird die innere Organisation des Raumes explizit benannt.

Analytisch markiert dieser Vers den Übergang von allgemeiner Raumform zu spezifischer Differenzierung. Das Verb „distinto“ betont Trennung, Ordnung und Systematik. Der Boden ist nicht einheitlich, sondern bewusst gegliedert. Die Zahl Zehn ist dabei von besonderem Gewicht, da sie traditionell für Vollständigkeit und Totalität steht. Die Täler sind nicht zufällig verteilt, sondern Teil eines umfassenden Plans.

Interpretatorisch wird hier die moralische Logik des achten Kreises sichtbar. Täuschung erscheint nicht als einheitliche Sünde, sondern als Ensemble unterschiedlicher, klar unterscheidbarer Praktiken. Jede „valle“ wird einen eigenen Typus aufnehmen und bestrafen. Der Vers macht damit deutlich, dass göttliche Gerechtigkeit nicht pauschal, sondern differenzierend verfährt. Die Vielgestaltigkeit der Schuld wird architektonisch fixiert und damit der Erkenntnis zugänglich gemacht.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dritte Terzina vollzieht einen entscheidenden Schritt in der Einführung von Malebolge. Sie definiert den zentralen Handlungsraum zwischen äußerer Grenze und innerem Abgrund und offenbart zugleich dessen innere Gliederung. Der Raum erscheint nun nicht mehr nur als Ring, sondern als systematisch unterteiltes Feld, in dem jede Form der Täuschung ihren eigenen Ort hat.

In dieser Terzina verdichtet sich das Programm des gesamten folgenden Abschnitts des Inferno. Ordnung, Differenzierung und geometrische Klarheit treten an die Stelle diffuser Straflandschaften. Der Leser erkennt, dass er einen Bereich betritt, in dem moralische Analyse zur leitenden Kategorie wird. Malebolge erscheint als architektonische Entsprechung eines ethischen Systems, in dem nichts verschwimmt und nichts vermischt bleibt. Diese Terzina legt damit das strukturelle Fundament für alle kommenden Begegnungen und macht deutlich, dass Erkenntnis hier über Unterscheidung gewonnen wird.

Terzina 4 (V. 10–12)

Vers 10: Quale, dove per guardia de le mura

„Wie dort, wo zum Schutz der Mauern“

Der Vers leitet einen ausführlichen Vergleich ein, der die bislang abstrakt-topographische Beschreibung von Malebolge mit einer aus der Erfahrungswelt des Lesers vertrauten Szenerie verbindet. Mit dem einleitenden „Quale“ kündigt Dante ein Gleichnis an, dessen Bezugspunkt zunächst noch offen bleibt. Der Vers evoziert das Bild befestigter Städte oder Burgen, deren Mauern durch zusätzliche Verteidigungsmaßnahmen gesichert sind.

Analytisch fungiert dieser Vers als Übergang von geometrischer Beschreibung zu anschaulicher Verbildlichung. Der Schutz der Mauern („per guardia de le mura“) verweist auf militärische Rationalität und strategische Planung. Sprache und Bildwelt verlagern sich von abstrakter Raumordnung zu sozialer und politischer Architektur. Der Leser wird eingeladen, das Unbekannte über das Bekannte zu erschließen.

Interpretatorisch ist der Vergleich bedeutsam, weil er Malebolge als eine Art infernalische Festung charakterisiert. Der Raum der Täuschung ist nicht offen oder zufällig, sondern verteidigt, gesichert und schwer zugänglich. Dies deutet darauf hin, dass die hier bestraften Sünden nicht bloß moralische Fehler sind, sondern Machttechniken, die selbst auf Sicherung, Abschottung und Kontrolle zielen. Die Hölle spiegelt diese Logik in ihrer Architektur.

Vers 11: più e più fossi cingon li castelli,

„mehr und mehr Gräben die Burgen umgeben,“

Der zweite Vers konkretisiert das Bild der Befestigungsanlage. Dante beschreibt Burgen, die nicht nur durch eine Mauer, sondern durch mehrere konzentrische Gräben geschützt sind. Die Wiederholung „più e più“ verstärkt den Eindruck von Schichtung und Übermaß.

Analytisch erzeugt dieser Vers ein Bild zunehmender Sicherung. Jeder zusätzliche Graben erhöht die Distanz und die Schwierigkeit des Zugangs. Diese Mehrfachstruktur entspricht der zuvor beschriebenen Gliederung Malebolges in mehrere Täler. Sprachlich wird die Idee der Wiederholung und Staffelung betont, was die Systematik des Raumes unterstreicht.

Interpretatorisch lässt sich dieser Vers als Kommentar zur Natur der Täuschung lesen. Wie eine stark befestigte Burg schützt sie sich selbst, verbirgt ihr Inneres und erschwert den Zugang zur Wahrheit. Die vielen Gräben stehen für die vielen Formen der Irreführung, die den Kern umgeben. Malebolge erscheint so als Raum, der nicht nur straft, sondern die Struktur der Sünde selbst nachbildet.

Vers 12: la parte dove son rende figura,

„den Teil, wo sie rundlich gestaltet sind,“

Der dritte Vers schließt den Vergleich ab, indem er auf die Form der Gräben verweist. „Rende figura“ bezeichnet eine runde, geschlossene Gestalt. Damit wird das Bild der konzentrischen Verteidigungsanlagen vollendet.

Analytisch verbindet dieser Vers Form und Funktion. Die Rundung ist nicht dekorativ, sondern Ausdruck strategischer Zweckmäßigkeit. Sie verhindert Angriffsflächen und maximiert Kontrolle. Gleichzeitig spiegelt sie die kreisförmige Grundstruktur der Hölle insgesamt. Der Vergleich schließt damit nahtlos an die zuvor beschriebene Geometrie Malebolges an.

Interpretatorisch verstärkt der Vers die Vorstellung einer vollkommen abgeschlossenen Ordnung. Die runde Form steht für Wiederkehr, Einschluss und Unentrinnbarkeit. Malebolge wird nicht nur als analog zu einer Festung vorgestellt, sondern als deren infernalische Vollendung. Wo irdische Burgen Schutz versprechen, bietet diese Struktur keinen Schutz, sondern fixiert Schuld. Die Verteidigungsarchitektur wird zur Gefängnisarchitektur.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierte Terzina übersetzt die abstrakte Topographie Malebolges in ein anschauliches, politisch und militärisch konnotiertes Bild. Durch den Vergleich mit befestigten Burgen wird der Raum der Täuschung als strategisch durchorganisiertes System verständlich gemacht. Der Leser erkennt, dass diese Hölle nicht chaotisch, sondern geplant ist, und dass ihre Ordnung der Logik der Sünde selbst entspricht.

Gleichzeitig vertieft die Terzina das Motiv der Abschließung. Die vielen Gräben und ihre runde Form erzeugen ein Bild maximaler Distanzierung und Sicherung. Malebolge erscheint als Ort, der nicht nur schwer zugänglich ist, sondern aus sich heraus keinen Ausgang bietet. Diese Bildsprache bereitet die folgenden Beschreibungen der einzelnen Bolgien vor, indem sie den Leser auf eine Welt einstimmt, in der jede Bewegung kontrolliert und jede Schuld präzise verortet ist.

Terzina 5 (V. 13–15)

Vers 13: tale imagine quivi facean quelli;

„ein solches Bild erzeugten hier jene,“

Der Vers schließt den zuvor begonnenen Vergleich explizit ab und überträgt ihn auf die infernalische Landschaft. Das zuvor beschriebene Bild der mehrfach umgrabenen Burgen wird nun direkt auf Malebolge bezogen. Das Demonstrativpronomen „quivi“ verankert die Analogie fest im aktuellen Ort des Geschehens.

Analytisch fungiert dieser Vers als verbindendes Scharnier zwischen Vergleich und Wirklichkeit. Das „tale imagine“ macht deutlich, dass es nicht um eine bloße Ähnlichkeit, sondern um eine strukturelle Entsprechung geht. Die infernalische Architektur ist dem Modell der Festung nicht äußerlich nachgebildet, sondern in ihrem inneren Prinzip identisch organisiert. Der Vers vollzieht damit die argumentative Übertragung vom Bild zur Sache.

Interpretatorisch hebt dieser Vers hervor, dass Malebolge nicht nur mit einer Festung verglichen wird, sondern selbst als solche gedacht ist. Die Hölle der Täuschung ist ein Ort strategischer Abschließung und kontrollierter Zuweisung. Die Schuldformen, die hier bestraft werden, sind nicht ungeordnet, sondern folgen einer Logik der Sicherung und Verstellung. Das Bild der Festung wird so zum Symbol eines moralischen Systems, das sich selbst abschottet und stabilisiert.

Vers 14: e come a tai fortezze da’ lor sogli

„und wie bei solchen Festungen von ihren Schwellen aus“

Mit diesem Vers wird ein neues Element des Vergleichs eingeführt. Dante lenkt den Blick auf die Übergänge innerhalb der Festungsarchitektur, genauer auf die Verbindungspunkte zwischen Innerem und Äußerem. Der Begriff „sogli“ verweist auf Schwellen, also auf Orte des Übergangs und der Kontrolle.

Analytisch markiert der Vers eine Verschiebung vom statischen Bild der Gräben zur Dynamik der Bewegung. Schwellen sind funktionale Orte, an denen entschieden wird, wer passieren darf und wie Bewegung geregelt ist. Der Vers bereitet damit die Einführung der Brücken vor, die in der infernalischen Topographie eine zentrale Rolle spielen werden.

Interpretatorisch gewinnt hier das Motiv der Vermittlung besondere Bedeutung. Täuschung operiert nicht nur durch Abschottung, sondern auch durch gelenkte Übergänge. Die Schwelle ist der Ort, an dem Macht ausgeübt wird, indem Zugang gewährt oder verweigert wird. Indem Dante dieses Element hervorhebt, deutet er an, dass Malebolge nicht nur ein Raum der Einschließung ist, sondern auch einer kontrollierten Zirkulation.

Vers 15: a la ripa di fuor son ponticelli,

„kleine Brücken zur äußeren Böschung führen,“

Der dritte Vers benennt schließlich das konkrete architektonische Element: die kleinen Brücken, die von den Schwellen der Festungen zur äußeren Böschung führen. Diese Brücken ermöglichen Bewegung über die Gräben hinweg, ohne deren Struktur aufzuheben.

Analytisch verbinden die „ponticelli“ Trennung und Verbindung. Sie sind schmal, begrenzt und funktional, keine offenen Wege. Ihre Kleinheit unterstreicht die kontrollierte Natur der Bewegung. In der infernalischen Ordnung dienen sie nicht der Freiheit, sondern der Lenkung. Sprachlich wirkt der Diminutiv präzise und nüchtern, ohne jede Verharmlosung.

Interpretatorisch stehen die Brücken für das Prinzip der geregelten Passage. In Malebolge ist Bewegung erlaubt, aber nur entlang vorgegebener Linien. Diese Struktur spiegelt die Logik der Täuschung wider, die ebenfalls Wege öffnet, um sie zugleich zu manipulieren. Die Brücken sind Mittel der Ordnung, nicht der Befreiung. Sie erlauben Überblick und Kontrolle, nicht Ausbruch.

Gesamtdeutung der Terzina

Die fünfte Terzina vollendet den Festungsvergleich, indem sie neben Abschottung und Struktur auch das Prinzip der kontrollierten Verbindung einführt. Malebolge erscheint nun nicht nur als ringförmig gegliederter Raum, sondern als komplexes System aus Trennung und Übergang. Gräben isolieren, Brücken verbinden, doch beides geschieht innerhalb einer strikt geregelten Ordnung.

Diese Terzina ist programmatisch für den weiteren Verlauf des Gesangs und des gesamten achten Kreises. Die Brücken werden zu den Wegen, auf denen Dante und Virgil Malebolge erschreiten, während die Sünder in den Gräben gefangen bleiben. Damit wird räumlich sichtbar, was moralisch gilt: Erkenntnis und Durchgang sind möglich, aber nur unter Führung und entlang vorgegebener Strukturen. Täuschung ist nicht das Fehlen von Wegen, sondern deren manipulative Gestaltung. Malebolge ist die Architektur dieser Manipulation, und diese Terzina macht ihre Funktionsweise erstmals vollständig anschaulich.

Terzina 6 (V. 16–18)

Vers 16: così da imo de la roccia scogli

„so ziehen sich vom Grund des Felsens her Felsrücken,“

Der Vers nimmt den zuvor eingeführten Vergleich auf und überführt ihn endgültig in die konkrete Beschreibung der infernalischen Architektur. Dante beschreibt nun die tatsächlichen Strukturelemente Malebolges: steinerne Rücken oder Felssporne, die aus dem Grund der Felswand hervorgehen. Der Ausdruck „da imo“ betont den Ursprung aus der Tiefe und verleiht der Konstruktion ein massives, schweres Gepräge.

Analytisch ist der Vers durch die Verbindung von Bewegung und Statik gekennzeichnet. „Movien“ wird zwar erst im nächsten Vers explizit, doch schon hier liegt eine implizite Dynamik vor: Die Felsrücken „ziehen sich“, sie setzen sich fort. Zugleich sind sie Teil der „roccia“, also des festen, unbeweglichen Gesteins. Diese Spannung zwischen Bewegung und Starrheit prägt die gesamte Raumwahrnehmung Malebolges.

Interpretatorisch lassen sich die Felsrücken als materielle Verkörperung einer ordnenden Gewalt lesen. Sie entstehen nicht an der Oberfläche, sondern aus dem Innersten des Gesteins, was darauf hindeutet, dass die Ordnung dieses Ortes nicht aufgesetzt, sondern im Wesen der Hölle selbst begründet ist. Täuschung wird hier nicht zufällig kanalisiert, sondern durch Strukturen, die aus dem „Grund“ der infernalischen Wirklichkeit hervorgehen.

Vers 17: movien che ricidien li argini e ’ fossi

„die sich erstrecken und die Dämme und Gräben durchschneiden,“

Dieser Vers beschreibt die Funktion der genannten Felsrücken. Sie bewegen sich durch den Raum und schneiden die Dämme und Gräben, gliedern sie also weiter. Der Vers ist von einer starken räumlichen Aktivität geprägt, obwohl es sich um unbelebte Materie handelt.

Analytisch ist das Verb „ricidien“ zentral. Es bezeichnet ein erneutes Schneiden oder Unterteilen und verstärkt damit das Motiv der Differenzierung. Die Felsrücken sind nicht bloß Grenzen, sondern aktive Strukturierungselemente. Sie zerlegen den Raum in klar definierte Segmente. Sprachlich wird hier eine fast technische Präzision erreicht, die an Ingenieur- oder Festungsbau erinnert.

Interpretatorisch spiegelt diese Zerschneidung die moralische Logik Malebolges. Täuschung wird nicht nur als einheitliches Phänomen verstanden, sondern in immer feinere Kategorien zerlegt. Die Felsrücken fungieren als Instrumente einer göttlichen Analyse, die nichts vermischt und nichts verschwimmen lässt. Jede Form der Schuld erhält ihren eigenen, klar abgetrennten Raum.

Vers 18: infino al pozzo che i tronca e raccogli.

„bis hin zum Schacht, der sie abschneidet und sammelt.“

Der dritte Vers führt die Bewegung der Felsrücken zu ihrem Ziel. Sie reichen bis zum zentralen Schacht, der ihre Ausdehnung beendet und sie zugleich aufnimmt. Der Schacht erscheint hier nicht nur als Abgrund, sondern als ordnendes Zentrum.

Analytisch verbindet der Vers zwei gegensätzliche Funktionen im Schacht: Er „tronca“, schneidet ab, setzt Grenzen, und er „raccoglie“, sammelt und bündelt. Der Schacht ist damit sowohl Endpunkt als auch Sammelbecken der gesamten Struktur. Diese Doppelbewegung verleiht ihm eine besondere architektonische und semantische Dichte.

Interpretatorisch wird der zentrale Abgrund hier als Ort der letzten Konzentration des Bösen sichtbar. Alles, was zuvor differenziert und getrennt wurde, läuft letztlich auf diesen Punkt zu. Die Ordnung Malebolges ist also nicht nur horizontal gegliedert, sondern vertikal ausgerichtet. Der Schacht steht für die innere Konsequenz der Täuschung: Sie verzweigt sich in viele Formen, aber ihr Endpunkt ist Einheit im Verderben.

Gesamtdeutung der Terzina

Die sechste Terzina vollendet die architektonische Beschreibung von Malebolge, indem sie das Zusammenspiel von Trennung und Sammlung sichtbar macht. Die Felsrücken, die vom Grund der Felswand ausgehen, schneiden und ordnen den Raum, während der zentrale Schacht diese Ordnung abschließt und bündelt. Malebolge erscheint hier als hochkomplexes System, das Differenzierung nicht als Selbstzweck betreibt, sondern auf eine innere Verdichtung hin organisiert ist.

In dieser Terzina wird besonders deutlich, dass die infernalische Ordnung nicht nur strafend, sondern analytisch ist. Sie zerlegt, unterscheidet und führt zugleich zusammen. Für das Verständnis des Gesangs ist dies zentral: Täuschung ist vielfältig, aber nicht beliebig; sie ist gegliedert, aber nicht offen. Alles bleibt auf einen Mittelpunkt bezogen, der die innere Wahrheit der Sünde repräsentiert. Die Terzina macht damit sichtbar, dass Erkenntnis im Inferno durch räumliche Struktur geschieht und dass diese Struktur selbst Ausdruck einer unerbittlichen, aber konsequenten Gerechtigkeit ist.

Terzina 7 (V. 19–21)

Vers 19: In questo luogo, de la schiena scossi

„An diesem Ort, von dem Rücken herabgeschüttelt“

Der Vers markiert den Übergang von der reinen Raum- und Strukturbeschreibung zur erzählten Bewegung der Figuren. Dante verortet sich nun ausdrücklich selbst im Geschehen und erinnert an die Art des Ankommens: Er und Virgil sind von Gerions Rücken abgestiegen. Der Ort wird nicht neu beschrieben, sondern als bereits eingeführt vorausgesetzt, wodurch der Fokus auf die Handlung gelenkt wird.

Analytisch verbindet der Vers Erinnerung und Gegenwart. Das Partizip „scossi“ verweist auf eine vorangegangene Bewegung, auf das Abgesetztwerden nach dem Flug mit Gerion. Damit wird die bedrohliche, außergewöhnliche Art des Übergangs in diesen Bereich noch einmal aufgerufen, ohne sie erneut auszumalen. Der Vers fungiert als narrative Nahtstelle zwischen dem vorherigen Gesang und der nun beginnenden Wegbewegung.

Interpretatorisch erinnert dieser Vers daran, dass der Eintritt in Malebolge nicht freiwillig oder sanft geschieht, sondern durch ein gewaltsames, erschütterndes Transportmittel. Die Täuschungssphäre wird durch Gerion, das personifizierte Bild des Betrugs, betreten. Dass Dante „abgeschüttelt“ wird, unterstreicht die Passivität des Menschen gegenüber den Mächten, die ihn an diesen Ort bringen, und markiert Malebolge als Raum, der nicht aus eigener Kraft erreicht werden kann.

Vers 20: di Gerïon, trovammoci; e ’l poeta

„von Gerion, dort fanden wir uns; und der Dichter“

Der zweite Vers nennt Gerion ausdrücklich und schließt damit die Erinnerung an den vorangegangenen Gesang ab. Gleichzeitig beginnt mit der Erwähnung Virgils als „’l poeta“ eine neue Phase des Geschehens, in der Führung und Orientierung im Vordergrund stehen.

Analytisch ist bemerkenswert, dass Virgil hier nicht als Führer oder Meister bezeichnet wird, sondern als Dichter. Diese Benennung rückt seine Funktion als ordnende, sprachmächtige Instanz in den Vordergrund. Nach dem irrationalen, monströsen Transport durch Gerion übernimmt nun wieder die vernunftgeleitete Führung die Kontrolle über den Weg.

Interpretatorisch markiert der Vers den Übergang von dämonischer Bewegung zu rationaler Orientierung. Gerion steht für die List, die den Eintritt ermöglicht, Virgil für die Vernunft, die den Weg innerhalb des Systems lesbar macht. Der Wechsel der Instanzen macht deutlich, dass Täuschung zwar den Abstieg bewirkt, Erkenntnis aber nur durch Führung und Ordnung möglich ist.

Vers 21: tenne a sinistra, e io dietro mi mossi.

„hielt sich zur Linken, und ich folgte ihm.“

Der dritte Vers beschreibt eine einfache, klare Bewegung: Virgil wählt die Richtung, Dante folgt. Die Szene ist ruhig, kontrolliert und frei von dramatischer Zuspitzung. Die Ordnung des Weges setzt ein.

Analytisch ist die Richtungsangabe „a sinistra“ bedeutsam. In der Commedia ist die linke Seite häufig mit dem Abstieg und der infernalischen Bewegung verbunden. Gleichzeitig unterstreicht die knappe Syntax das Hierarchiegefälle: Virgil handelt, Dante folgt. Der Weg ist nicht Ergebnis einer Entscheidung des Pilgers, sondern Ausdruck geführter Erkenntnis.

Interpretatorisch zeigt dieser Vers, dass der Eintritt in Malebolge nun in einen geregelten Gang übergeht. Nach der Erschütterung des Fluges beginnt ein methodisches Abschreiten des Raumes. Dantes Haltung ist die des Nachgehens, nicht des Vorausgehens. Erkenntnis in diesem Bereich entsteht nicht durch Initiative, sondern durch Gehorsam gegenüber einer ordnenden Instanz. Der Vers macht deutlich, dass die Analyse der Täuschung nur unter Führung möglich ist.

Gesamtdeutung der Terzina

Die siebte Terzina markiert den Übergang von architektonischer Beschreibung zu erzählter Bewegung und stellt zugleich die narrative Ordnung des Gesangs her. Nachdem Malebolge als Raum eingeführt und strukturell erschlossen wurde, treten nun die Figuren wieder in den Vordergrund. Die Erinnerung an Gerion verankert den Ort in der Logik der Täuschung, während Virgils Führung den Beginn einer systematischen Durchquerung signalisiert.

Diese Terzina ist von besonderer Bedeutung für das Verständnis des weiteren Gesangs, weil sie die Rollen klar verteilt. Der Pilger ist angekommen, aber noch nicht orientiert; der Führer übernimmt die Richtung. Der Weg durch Malebolge beginnt nicht mit Konfrontation, sondern mit Ordnung und Gehorsam. Damit macht die Terzina deutlich, dass Erkenntnis im achten Kreis nicht aus spontaner Reaktion entsteht, sondern aus dem disziplinierten Nachvollzug einer vorgegebenen Struktur. Sie bildet damit die narrative Schwelle zwischen der Einführung des Ortes und der Begegnung mit den ersten Verdammten.

Terzina 8 (V. 22–24)

Vers 22: A la man destra vidi nova pieta,

„Zu meiner rechten Hand sah ich neues Leid,“

Der Vers markiert den ersten eigentlichen Blickkontakt mit der Strafwirklichkeit von Malebolge. Nachdem der Weg geordnet begonnen hat, richtet Dante nun seinen Blick zur rechten Seite und nimmt dort erstmals das konkrete Leiden der Verdammten wahr. Der Ausdruck „nova pieta“ hebt die Neuheit des Gesehenen hervor: Es handelt sich um eine Form des Leidens, die sich von allem bisher Erlebten unterscheidet.

Analytisch ist der Vers durch eine bewusste Blicklenkung strukturiert. Die räumliche Angabe „a la man destra“ schafft Orientierung und eröffnet zugleich den Raum der Anschauung. Das Adjektiv „nova“ signalisiert einen Bruch mit der bisherigen Erfahrung des Pilgers. „Pieta“ bezeichnet hier nicht Mitleid, sondern das Leid selbst, wodurch eine semantische Spannung entsteht: Das Wort, das Mitleid hervorrufen könnte, benennt nun den Gegenstand der Betrachtung.

Interpretatorisch macht der Vers deutlich, dass Malebolge eine neue Qualität des Strafens einführt. Das Leid ist nicht mehr primär elementar oder affektiv, sondern funktional organisiert. Der Blick zur rechten Seite eröffnet die erste Bolgia und damit den Beginn einer systematischen Konfrontation mit differenzierten Schuldformen. Das Neue des Leids verweist zugleich auf eine neue Erkenntnisstufe: Der Pilger lernt, Leid als Ausdruck moralischer Analyse zu lesen.

Vers 23: novo tormento e novi frustatori,

„neue Qual und neue Peiniger,“

Der zweite Vers steigert die Wahrnehmung, indem er das Leid weiter ausfaltet. Neben der abstrakten Benennung der „pieta“ treten nun konkrete Elemente der Strafe: das „tormento“ und die „frustatori“, die Ausführenden der Gewalt. Die Wiederholung von „novo“ verstärkt den Eindruck radikaler Andersartigkeit.

Analytisch ist die Dreigliederung zentral. Leid, Strafe und Peiniger bilden eine funktionale Einheit. Die Dämonen werden nicht individualisiert, sondern über ihre Tätigkeit definiert. Das Adjektiv „novi“ verweist weniger auf zeitliche Neuheit als auf kategoriale Differenz: Diese Form der Strafe folgt einer anderen Logik als alles zuvor Gesehene. Sprachlich erzeugt die Reihung eine Verdichtung, die das Geschehen unmittelbar präsent macht.

Interpretatorisch zeigt der Vers, dass in Malebolge Gewalt institutionalisiert ist. Die Peiniger sind keine chaotischen Monster, sondern funktionale Instanzen eines Systems. Das Leid ist nicht zufällig, sondern organisiert. Damit wird deutlich, dass Täuschung nicht nur moralisch verurteilt, sondern mit gezielter, kontrollierter Gewalt beantwortet wird. Die neue Qualität der Strafe entspricht der bewussten Rationalität der Sünde.

Vers 24: di che la prima bolgia era repleta.

„womit die erste Bolgia erfüllt war.“

Der dritte Vers ordnet das zuvor Gesehene klar ein. Dante benennt den Raum, in dem sich dieses Leid vollzieht: die erste Bolgia. Zugleich wird durch „repleta“ die Totalität der Erscheinung betont.

Analytisch fungiert dieser Vers als klassifizierende Feststellung. Das Wahrgenommene wird nicht isoliert beschrieben, sondern sofort einer bestimmten Zone zugewiesen. Der Raum ist vollständig von dieser Form der Strafe ausgefüllt; es gibt keine Abweichung, keinen Zwischenbereich. Die Ordnung Malebolges erweist sich als lückenlos.

Interpretatorisch markiert der Vers den Beginn der exemplarischen Durchmusterung der Täuschungssünden. Die erste Bolgia ist kein Einzelfall, sondern der Auftakt einer Serie. Dass sie „erfüllt“ ist, unterstreicht die systematische Verbreitung dieser Schuldform. Täuschung erscheint nicht als Randphänomen, sondern als massenhaftes, strukturelles Übel. Der Vers macht deutlich, dass der Pilger nun endgültig in den analytischen Kern von Malebolge eingetreten ist.

Gesamtdeutung der Terzina

Die achte Terzina bildet den Übergang von der geordneten Bewegung zur konkreten Anschauung der Strafe. Zum ersten Mal richtet Dante seinen Blick auf das Leiden selbst und erkennt zugleich dessen systematische Organisation. Neuheit ist dabei das leitende Motiv: neues Leid, neue Qual, neue Peiniger. Diese Neuheit verweist nicht auf Überraschung um ihrer selbst willen, sondern auf eine qualitative Verschiebung im Verständnis der Hölle.

Malebolge zeigt sich hier erstmals als Raum institutionalisierter Gewalt, in dem Schuldformen nicht nur bestraft, sondern methodisch abgearbeitet werden. Die erste Bolgia fungiert als Einstieg in eine Reihe von moralischen Fallstudien. Für den Leser wie für den Pilger markiert diese Terzina den Punkt, an dem die abstrakte Ordnung in konkrete Erfahrung umschlägt. Erkenntnis beginnt nun nicht mehr nur im Denken des Raumes, sondern im Sehen der Strafe, die diesen Raum erfüllt.

Terzina 9 (V. 25–27)

Vers 25: Nel fondo erano ignudi i peccatori;

„Unten im Grund waren die Sünder nackt,“

Der Vers richtet den Blick erstmals direkt in den Boden der ersten Bolgia. Dante beschreibt die dort befindlichen Verdammten in einem einzigen, prägnanten Bild: Sie sind nackt. Die Beschreibung ist knapp, ohne Ausschmückung, und konzentriert sich auf einen Zustand, nicht auf eine Handlung.

Analytisch ist die Kombination von Ortsangabe und Zustand entscheidend. „Nel fondo“ lokalisiert die Sünder klar unterhalb der Beobachterposition, während „ignudi“ ihre vollständige Entblößung bezeichnet. Nacktheit fungiert hier nicht als natürliche Gegebenheit, sondern als Zeichen der Entblößung vor dem Gericht. Alle sozialen, rechtlichen oder rhetorischen Hüllen sind entfernt. Die Sünder erscheinen reduziert auf ihre Körper.

Interpretatorisch steht die Nacktheit für radikale Bloßstellung. Gerade für die hier Bestraften – Kuppler und Verführer – ist dies von besonderer Bedeutung. Ihre Schuld bestand darin, andere über Körper, Begehren und soziale Rollen zu manipulieren. Nun sind sie selbst jeder schützenden Form beraubt. Der Vers markiert damit den Beginn einer Strafe, die auf Umkehrung basiert: Wer andere ausstellt, wird selbst ausgestellt.

Vers 26: dal mezzo in qua ci venien verso ’l volto,

„von der Mitte her kamen sie uns entgegen,“

Der zweite Vers beschreibt die Bewegungsrichtung eines Teils der Sünder. Sie bewegen sich von der Mitte des Grabens auf Dante und Virgil zu, also entgegen dem Blick und dem Weg der Beobachter.

Analytisch ist die räumliche Staffelung zentral. Die „Mitte“ fungiert als Wendepunkt, von dem aus die Bewegungen in entgegengesetzte Richtungen verlaufen. Die Sünder kommen den Pilgern „verso ’l volto“ entgegen, was Nähe und Konfrontation erzeugt. Bewegung wird hier nicht als frei, sondern als vorgegebenes Muster dargestellt.

Interpretatorisch erzeugt diese Gegenbewegung eine Form erzwungener Begegnung. Die Sünder können dem Blick nicht ausweichen; sie werden den Beobachtern regelrecht zugeführt. Damit wird die Strafe auch zu einer Strafe der Sichtbarkeit. Täuschung, die im Leben oft verdeckt operierte, wird hier in eine zwangsläufige Offenheit überführt.

Vers 27: di là con noi, ma con passi maggiori,

„von dort weg gingen sie mit uns, doch mit schnelleren Schritten.“

Der dritte Vers ergänzt das Bewegungsbild durch die Beschreibung der Gegenrichtung. Ein anderer Teil der Sünder bewegt sich parallel zu Dante und Virgil, jedoch mit größerer Geschwindigkeit. Die Bewegung ist gleichgerichtet, aber nicht gleichrangig.

Analytisch wird hier ein rhythmisches System sichtbar. Die Sünder sind in zwei Ströme geteilt, die sich spiegelbildlich bewegen. Die schnelleren Schritte sind keine freiwillige Beschleunigung, sondern Ausdruck des Zwangs, der durch die Peiniger ausgeübt wird. Bewegung ist hier Strafe, nicht Fortkommen.

Interpretatorisch spiegelt diese doppelte Bewegungsordnung die Logik der Sünde selbst. Kuppler und Verführer haben im Leben andere in Bewegung gesetzt, Wege eröffnet, Begegnungen arrangiert. Nun sind sie selbst in ein endloses Bewegungsmuster eingespannt, das sie nicht kontrollieren. Die unterschiedliche Geschwindigkeit verstärkt die Asymmetrie zwischen Beobachter und Bestraften: Dante geht, um zu erkennen; die Sünder laufen, um zu leiden.

Gesamtdeutung der Terzina

Die neunte Terzina führt mit großer Klarheit das Grundschema der ersten Bolgia ein. Nacktheit, erzwungene Bewegung und rhythmische Ordnung verbinden sich zu einem Strafbild, das zugleich körperlich und symbolisch ist. Die Sünder sind entblößt, sichtbar und unaufhörlich in Bewegung, ohne Ziel und ohne Möglichkeit der Selbstbestimmung.

Für das Verständnis des Gesangs ist diese Terzina zentral, weil sie zeigt, wie die infernalische Ordnung funktioniert: Strafe ist nicht bloß Schmerz, sondern strukturierte Dynamik. Bewegung ersetzt Stillstand, Sichtbarkeit ersetzt Verstellung. Der Leser erkennt hier erstmals, dass Malebolge nicht nur ein Ort des Leidens ist, sondern ein präzise choreographierter Raum, in dem Schuld in Handlungsmuster übersetzt wird. Die Terzina legt damit das Fundament für die folgenden Szenen der ersten Bolgia, in denen Gewalt, Rhythmus und soziale Entlarvung untrennbar ineinandergreifen.

Terzina 10 (V. 28–30)

Vers 28: come i Roman per l’essercito molto,

„wie die Römer wegen der großen Menschenmenge,“

Der Vers leitet einen neuen Vergleich ein, der das zuvor beschriebene Bewegungsmuster der Sünder mit einer konkreten historischen Praxis verknüpft. Dante verlässt hier kurz den rein infernalischen Raum und greift auf eine Szene aus der römischen Gegenwart zurück. Der Blick richtet sich auf Rom als Zentrum von Macht, Ordnung und Masse.

Analytisch fungiert dieser Vers als Übergang von abstrakter Choreographie zu sozialer Erfahrung. Die „essercito molto“ bezeichnet keine Armee im militärischen Sinn, sondern eine große, dicht gedrängte Menschenmenge. Der Begriff evoziert dennoch Disziplin, Organisation und potenzielle Unordnung, die kontrolliert werden muss. Der Vergleich bereitet eine Analogie zwischen infernalischer Zwangsbewegung und irdischer Massenlenkung vor.

Interpretatorisch wird hier erstmals deutlich, dass die Höllenordnung nicht völlig fremd ist, sondern Strukturen der irdischen Welt spiegelt. Die Bewegung der Sünder ist nicht chaotisch, sondern ähnelt bekannten Formen regulierter Menschenführung. Dante deutet damit an, dass Mechanismen der Kontrolle und Lenkung, wie sie im Jenseits herrschen, ihre Vorbilder bereits im politischen und religiösen Leben der Menschen haben.

Vers 29: l’anno del giubileo, su per lo ponte

„im Jahr des Jubeljahres, auf der Brücke“

Der zweite Vers präzisiert die historische Szene. Dante bezieht sich auf das Jubeljahr 1300, ein zentrales Ereignis seiner eigenen Lebenszeit, bei dem große Pilgermassen nach Rom strömten. Der Ort der Bewegung ist eine Brücke, ein enger, symbolisch aufgeladener Übergangsraum.

Analytisch verbindet dieser Vers Zeit, Ort und Bewegung. Das Jubeljahr steht für religiöse Ordnung, Buße und Hoffnung auf Erlass der Sünden. Die Brücke ist ein Ort der Passage, der Verdichtung und der Kontrolle. Die Kombination beider Elemente verstärkt den Eindruck, dass Bewegung hier nicht frei, sondern geregelt erfolgen muss. Die Erinnerung an ein konkretes historisches Ereignis verleiht dem Vergleich hohe Anschaulichkeit und Autorität.

Interpretatorisch entsteht eine starke Spannung zwischen dem Heilsversprechen des Jubeljahres und der infernalischen Szene, die damit verglichen wird. Während die Pilger in Rom auf Vergebung hoffen, sind die Sünder in Malebolge bereits endgültig verurteilt. Die gleiche Struktur der Bewegung – gelenkt, kanalisiert, kontrolliert – dient hier gegensätzlichen Zielen. Dante legt damit eine kritische Reflexion über äußere religiöse Ordnung nahe, die zwar Disziplin erzeugt, aber nicht automatisch Erlösung garantiert.

Vers 30: hanno a passar la gente modo colto,

„die Menschen geordnet vorbeigehen lassen,“

Der dritte Vers beschreibt die konkrete Maßnahme: Die Römer haben eine Regelung eingeführt, um den Durchgang der Menschenmenge zu ordnen. Der Ausdruck „modo colto“ bezeichnet eine kluge, überlegte Ordnung der Bewegung.

Analytisch wird hier das Prinzip der Rationalisierung sichtbar. Bewegung wird nicht dem Zufall überlassen, sondern technisch geregelt. Der Vers betont nicht das Ziel der Bewegung, sondern ihre Form. Ordnung erscheint als Antwort auf Überfüllung. Diese Ordnung ist funktional, nicht moralisch bewertet.

Interpretatorisch verstärkt der Vers die Parallele zur Hölle. Auch dort ist Bewegung streng organisiert, jedoch nicht zum Schutz oder Nutzen der Menschen, sondern zu ihrer Strafe. Die infernalische Ordnung erscheint als radikalisierte Form derselben Logik, die in der Welt der Lebenden zur Verwaltung von Massen eingesetzt wird. Dante deutet an, dass Ordnung als solche ambivalent ist: Sie kann Heil strukturieren oder Verdammnis vollziehen, je nachdem, welchem Zweck sie dient.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zehnte Terzina ist von zentraler Bedeutung, weil sie die infernalische Szene erstmals explizit mit der historischen Gegenwart Dantes verknüpft. Durch den Vergleich mit der Massenlenkung im Jubeljahr wird die Bewegung der Sünder in einen vertrauten sozialen Kontext gestellt. Die Hölle erscheint nicht als völlig fremde Welt, sondern als Spiegel und Zuspitzung irdischer Ordnungsmechanismen.

Gleichzeitig erzeugt der Vergleich eine scharfe Ironie. Die geordnete Bewegung der Pilger im Jubeljahr dient der Hoffnung auf Erlösung, während die ebenso geordnete Bewegung der Sünder der Manifestation ihrer Schuld dient. Ordnung selbst ist wertneutral; sie erhält ihre moralische Bedeutung erst durch ihren Zweck. Die Terzina zwingt den Leser, über das Verhältnis von äußerer Ordnung, religiöser Praxis und innerer Wahrheit nachzudenken. Sie vertieft damit die kritische Dimension des Gesangs und zeigt, dass Malebolge nicht nur ein Raum der Strafe, sondern auch ein Kommentar zur Welt der Lebenden ist.

Terzina 11 (V. 31–33)

Vers 31: che da l’un lato tutti hanno la fronte

„so dass auf der einen Seite alle das Gesicht gewandt haben“

Der Vers setzt den zuvor begonnenen Vergleich fort und konkretisiert nun die Ordnung der Bewegung. Dante beschreibt nicht mehr nur das Faktum der Regelung, sondern deren genaue Ausrichtung. Die Menschenmenge wird durch eine einheitliche Blick- und Bewegungsrichtung charakterisiert.

Analytisch ist die Formulierung bemerkenswert, weil sie den Körper in den Mittelpunkt stellt. Die „fronte“, das Gesicht, ist Träger von Blick, Aufmerksamkeit und intentioneller Ausrichtung. Die Ordnung betrifft also nicht nur die Füße, sondern den ganzen Menschen. Bewegung wird als bewusste, ausgerichtete Handlung vorgestellt, nicht als bloßes Voranschieben.

Interpretatorisch erhält der Vers dadurch eine symbolische Tiefenschicht. Die Ausrichtung des Gesichts steht für Zielorientierung und Sinngebung. Wer das Gesicht wendet, richtet sein Begehren und seine Hoffnung aus. Damit wird der Vergleich vorbereitet zwischen einer geordneten Bewegung mit Heilsziel und der infernalischen Bewegung ohne Sinnperspektive.

Vers 32: verso ’l castello e vanno a Santo Pietro,

„zum Kastell hin und sie gehen zu Sankt Peter,“

Dieser Vers benennt das Ziel der einen Bewegungsrichtung eindeutig. Das „castello“ verweist auf die Engelsburg, während „Santo Pietro“ das spirituelle Zentrum der Christenheit bezeichnet. Die Bewegung ist hier klar teleologisch bestimmt.

Analytisch verbindet der Vers politische und religiöse Topographie. Das Kastell steht für weltliche Ordnung und Schutz, Sankt Peter für geistliche Autorität und Erlösung. Die Pilgerbewegung vereint beide Ebenen. Der Weg ist nicht nur organisiert, sondern sinnvoll gerichtet. Die Ordnung der Bewegung dient einem höheren Zweck.

Interpretatorisch verstärkt dieser Vers den Kontrast zur Hölle. Die Pilger gehen auf einen Ort der Vergebung und der Gnade zu. Ihre geordnete Bewegung ist Ausdruck einer Hoffnung, die über die bloße Disziplin hinausweist. Dante stellt damit eine implizite Frage nach dem Verhältnis von äußerer Ordnung und innerem Ziel: Ordnung allein genügt nicht, entscheidend ist die Richtung, in die sie führt.

Vers 33: da l’altra sponda vanno verso ’l monte.

„auf der anderen Seite gehen sie zum Berg hin.“

Der dritte Vers ergänzt das Bewegungsbild durch die Beschreibung der Gegenrichtung. Auch diese ist geregelt und zielgerichtet, jedoch anders orientiert. Die Menschen bewegen sich auf den Hügel jenseits der Brücke zu.

Analytisch wird hier die Symmetrie des Systems sichtbar. Die Ordnung funktioniert in beide Richtungen, ohne sich zu vermischen. Jede Seite hat ihre klare Ausrichtung. Der Berg fungiert als topographischer Gegenpol zu Sankt Peter und vollendet das Bild einer zweigeteilten, aber kohärenten Bewegungsstruktur.

Interpretatorisch verstärkt der Vers das Motiv der Dualität. Zwei Richtungen, zwei Ziele, ein gemeinsames Ordnungssystem. Im Vergleich zur Hölle wird dadurch deutlich, dass Bewegung an sich neutral ist. Entscheidend ist, ob sie auf Erlösung oder auf endlose Wiederholung zuläuft. Während die Pilger auf Erhebung und Heil hoffen, laufen die Sünder in Malebolge ohne Ziel und ohne Möglichkeit der Veränderung.

Gesamtdeutung der Terzina

Die elfte Terzina vollendet den Vergleich mit der römischen Massenordnung, indem sie die innere Logik dieser Ordnung offenlegt. Bewegung ist hier nicht nur geregelt, sondern sinnvoll ausgerichtet. Blickrichtung, Ziel und Struktur greifen ineinander und verleihen der Bewegung Bedeutung. Ordnung dient der Orientierung auf Heil hin.

Gerade dadurch wird der infernalische Kontrast verschärft. Die Sünder der ersten Bolgia bewegen sich ebenso geordnet, doch ohne Ziel, ohne Hoffnung und ohne Veränderung. Ihre Bewegung ist reine Funktion der Strafe. Die Terzina macht damit einen zentralen Gedanken des Gesangs explizit: Ordnung ist kein Garant für Gerechtigkeit oder Erlösung. Erst die Ausrichtung auf Wahrheit und Ziel verleiht ihr Sinn. In Malebolge ist diese Ausrichtung verloren, und gerade deshalb wird Bewegung zur Qual. Diese Einsicht vertieft das Verständnis der ersten Bolgia und bindet sie zugleich kritisch an die Welt der Lebenden zurück.

Terzina 12 (V. 34–36)

Vers 34: Di qua, di là, su per lo sasso tetro

„Hierhin und dorthin, auf dem düsteren Felsen,“

Der Vers weitet den Blick über die gesamte Szenerie der ersten Bolgia und beschreibt die räumliche Verteilung der Peiniger. Die doppelte Richtungsangabe „di qua, di là“ erzeugt ein Bild allgegenwärtiger Präsenz. Der Ort der Handlung ist nun nicht mehr nur der Grund des Grabens, sondern auch die felsigen Ränder, von denen aus die Gewalt ausgeübt wird.

Analytisch wirkt der Vers durch seine rhythmische Zweigliedrigkeit. „Di qua, di là“ suggeriert Unruhe, Streuung und lückenlose Kontrolle. Der „sasso tetro“ verleiht der Szene eine dunkle, bedrückende Materialität. Der Fels ist nicht neutraler Untergrund, sondern Teil der Strafarchitektur, erhöht, hart und feindlich.

Interpretatorisch markiert dieser Vers die Totalität der Überwachung. Es gibt keinen unbeobachteten Raum, keinen toten Winkel. Die Sünder sind von allen Seiten der Gewalt ausgesetzt. Der düstere Fels fungiert als Podest der Macht, von dem aus die Ordnung durchgesetzt wird. Täuschung, die im Leben oft im Verborgenen wirkte, ist hier einer allseitigen Kontrolle ausgeliefert.

Vers 35: vidi demon cornuti con gran ferze,

„sah ich gehörnte Dämonen mit großen Peitschen,“

Der zweite Vers führt die Akteure der Gewalt explizit ein. Die Dämonen werden durch zwei Merkmale charakterisiert: ihre Hörner und ihre Peitschen. Individuelle Züge fehlen vollständig; entscheidend sind Funktion und Erscheinung.

Analytisch ist die Beschreibung auf archetypische Zeichen reduziert. Die Hörner markieren die Dämonen als eindeutig infernalische Wesen, während die „gran ferze“ ihre Rolle als Vollstrecker anzeigen. Die Peitsche ist ein Instrument der Lenkung und des Antreibens, nicht der Tötung. Gewalt dient hier der Bewegungserzwingung, nicht der Vernichtung.

Interpretatorisch erscheinen die Dämonen als personifizierte Zwangsordnung. Sie handeln nicht aus Zorn oder Lust, sondern als Werkzeuge eines Systems. Ihre Grobheit kontrastiert mit der rationalen Struktur des Raumes: Die Ordnung ist präzise, ihre Durchsetzung brutal. Damit wird deutlich, dass die Hölle der Täuschung nicht auf Chaos, sondern auf disziplinierende Gewalt setzt.

Vers 36: che li battien crudelmente di retro.

„die sie grausam von hinten schlugen.“

Der dritte Vers beschreibt die konkrete Art der Gewaltanwendung. Die Sünder werden von hinten geschlagen, also in Bewegungsrichtung gezwungen. Die Grausamkeit wird ausdrücklich benannt, ohne im Detail ausgeführt zu werden.

Analytisch ist die Richtungsangabe „di retro“ zentral. Die Gewalt kommt von hinten, aus einem toten Winkel, dem Blick entzogen. Die Sünder können ihr weder ausweichen noch ihr begegnen. Die Peitschenhiebe fungieren als Mechanismus der Steuerung. Grausamkeit ist hier funktionalisiert.

Interpretatorisch wird die Umkehrung der Lebenspraxis sichtbar. Kuppler und Verführer haben andere gelenkt, gedrängt, manipuliert, oft ohne dass diese den Zwang offen wahrnahmen. Nun werden sie selbst von einer unsichtbaren, unerbittlichen Macht angetrieben. Die Gewalt von hinten symbolisiert den Verlust jeder Autonomie. Bewegung geschieht nicht aus Wille, sondern aus Angst und Schmerz.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zwölfte Terzina macht die Strafmechanik der ersten Bolgia vollständig sichtbar. Nach der Beschreibung der Bewegung der Sünder tritt nun die Instanz hervor, die diese Bewegung erzwingt. Dämonen, strategisch verteilt auf den düsteren Felsen, sichern die Ordnung durch permanente, gezielte Gewalt. Die Szene ist nicht chaotisch, sondern choreographiert.

Diese Terzina ist für das Verständnis der ersten Bolgia zentral, weil sie zeigt, dass Bewegung selbst Teil der Strafe ist und Gewalt ihr notwendiges Instrument. Die Peitschen dienen nicht der Bestrafung im engeren Sinn, sondern der Aufrechterhaltung eines endlosen Zwangslaufs. Damit wird die moralische Logik der Szene klar: Wer im Leben andere durch versteckte Mittel gelenkt hat, wird im Jenseits offen, brutal und unentrinnbar gelenkt. Ordnung, Bewegung und Gewalt verschmelzen zu einem Strafbild, das Täuschung nicht nur ahndet, sondern in ihr genaues Gegenteil verkehrt.

Terzina 13 (V. 37–39)

Vers 37: Ahi come facean lor levar le berze

„Ach, wie ließen sie sie die Rücken heben“

Der Vers bringt erstmals einen unmittelbaren emotionalen Ausruf des Erzählers ein. Mit dem Interjektionsruf „Ahi“ reagiert Dante spontan auf das gesehene Geschehen. Beschrieben wird die körperliche Reaktion der Sünder auf die Peitschenhiebe: Sie reißen die Rücken hoch, schrecken zusammen, spannen sich reflexhaft an.

Analytisch markiert dieser Vers einen Wechsel vom nüchtern beschreibenden zum affektiv kommentierenden Ton. Das Verbgefüge „facean lor levar“ legt den Fokus nicht auf die Dämonen, sondern auf die Wirkung der Gewalt auf die Körper der Sünder. Die „berze“, die Rücken, werden zum zentralen Bildträger. Der Körper reagiert mechanisch, ohne Willensbeteiligung, rein reflexhaft.

Interpretatorisch steht das Hochreißen der Rücken für die totale Unterwerfung unter den Zwang. Die Sünder sind nicht nur in Bewegung gesetzt, sondern körperlich dressiert. Der Ausruf „Ahi“ signalisiert, dass Dante hier nicht mehr bloß ordnet und erkennt, sondern das Maß der Gewalt unmittelbar registriert. Gleichzeitig bleibt die Reaktion kontrolliert: Sie ist Beobachtung, nicht Mitleid. Das Leiden wird festgestellt, nicht beklagt.

Vers 38: a le prime percosse! già nessuno

„schon bei den ersten Schlägen! bereits keiner“

Der zweite Vers verstärkt die Beobachtung zeitlich. Schon der erste Hieb genügt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Der Vers unterstreicht die Effizienz und Brutalität des Strafsystems.

Analytisch liegt der Akzent auf der Sofortigkeit. „A le prime percosse“ macht deutlich, dass kein Lernprozess, keine Gewöhnung nötig ist. Die Gewalt wirkt unmittelbar. Das „già“ verstärkt den Eindruck von Vorweggenommensein: Noch bevor weitere Schläge folgen könnten, ist die Reaktion bereits ausgelöst.

Interpretatorisch verweist diese Unmittelbarkeit auf den inneren Zustand der Sünder. Sie wissen, was folgt, und antizipieren die Gewalt. Die Strafe wirkt nicht nur durch den aktuellen Schmerz, sondern durch die Erwartung des Schmerzes. Täuschung, die im Leben auf Kalkül und Vorauswissen beruhte, kehrt sich hier in eine antizipierte Angst um, die jede eigene Entscheidung ersetzt.

Vers 39: le seconde aspettava né le terze.

„wartete auf den zweiten noch den dritten.“

Der dritte Vers schließt die Beobachtung ab, indem er das vollständige Funktionieren des Zwangssystems feststellt. Kein Sünder wartet einen weiteren Schlag ab; alle reagieren sofort.

Analytisch vollendet der Vers die Darstellung einer perfekt eingespielten Mechanik. Die Verneinung („né“) in doppelter Form betont die Totalität: Es gibt keine Ausnahme. Die Gewalt muss nicht eskalieren, weil ihre bloße Möglichkeit genügt. Das System arbeitet mit minimalem Aufwand maximal wirksam.

Interpretatorisch wird hier ein zentraler Gedanke des Gesangs sichtbar. Die Strafe besteht nicht nur im physischen Schmerz, sondern in der vollständigen Internalisierung des Zwangs. Die Sünder bewegen sich nicht mehr, weil sie geschlagen werden, sondern weil sie wissen, dass sie geschlagen würden. Damit erreicht die Ordnung der Hölle eine perfide Vollkommenheit: Sie braucht kaum noch aktive Gewalt, weil die Schuld selbst den Gehorsam erzeugt.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dreizehnte Terzina verdichtet die Strafszene der ersten Bolgia auf ihren innersten Mechanismus. Mit dem Ausruf „Ahi“ tritt erstmals eine unmittelbare emotionale Reaktion des Erzählers hervor, doch diese Emotion dient der Erkenntnis, nicht der Identifikation. Der Fokus liegt auf der Effizienz des Zwangs: Ein einziger Schlag genügt, um Bewegung, Gehorsam und Angst vollständig zu etablieren.

In dieser Terzina zeigt sich die infernalische Ordnung in ihrer reifsten Form. Gewalt ist nicht mehr eskalierend, sondern kalkuliert; sie muss nicht wiederholt werden, weil sie antizipiert wird. Damit spiegelt die Strafe exakt die Logik der Sünde. Die Kuppler und Verführer haben im Leben mit Andeutungen, Erwartungen und indirektem Druck gearbeitet. Im Jenseits werden sie durch ein System beherrscht, das nach demselben Prinzip funktioniert. Die Terzina macht so deutlich, dass die Hölle nicht nur straft, sondern die innere Struktur der Schuld perfektioniert und gegen den Täter selbst wendet.

Terzina 14 (V. 40–42)

Vers 40: Mentr’ io andava, li occhi miei in uno

„Während ich weiterging, trafen meine Augen auf einen,“

Der Vers leitet eine neue Phase der Szene ein, indem er die kontinuierliche Bewegung des Pilgers mit einem plötzlichen Wahrnehmungsereignis verbindet. Dante geht weiter, folgt also der vorgegebenen Ordnung des Weges, doch innerhalb dieser Bewegung ereignet sich ein Moment der Fixierung: Sein Blick bleibt an einer einzelnen Gestalt hängen.

Analytisch ist die Gleichzeitigkeit von Gehen und Sehen entscheidend. Das „mentr’ io andava“ signalisiert, dass Erkenntnis hier nicht im Stillstand entsteht, sondern im Vollzug des Weges. Zugleich hebt „li occhi miei in uno“ eine Konzentration hervor: Aus der Vielzahl der Verdammten tritt eine einzelne Figur heraus. Wahrnehmung wird selektiv und personalisiert.

Interpretatorisch markiert dieser Vers den Übergang von der typologischen zur individuellen Betrachtung. Bislang wurde die erste Bolgia als System beschrieben, nun beginnt die Begegnung mit konkreten Personen. Dass der Blick „sich trifft“, deutet auf eine wechselseitige Beziehung hin: Erkennen ist hier nicht einseitige Beobachtung, sondern ein Moment der Konfrontation zwischen dem Lebenden und dem Verdammten.

Vers 41: furo scontrati; e io sì tosto dissi:

„sie begegneten einander; und ich sagte sogleich:“

Der zweite Vers verstärkt den Eindruck der unmittelbaren Begegnung. Das Verb „scontrati“ bezeichnet ein Zusammenstoßen oder Aufeinandertreffen, nicht ein beiläufiges Sehen. Der Blickkontakt hat eine fast physische Qualität.

Analytisch zeigt sich hier die Aktivität des Erzählers. Dante bleibt nicht passiv, sondern reagiert sofort mit Sprache. Die Wahrnehmung führt unmittelbar zur Artikulation. Der Doppelpunkt am Ende des Verses kündigt direkte Rede an und markiert den Übergang vom inneren Erkennen zur äußeren Benennung.

Interpretatorisch wird deutlich, dass Erkenntnis in Malebolge über Identifikation erfolgt. Der Pilger sieht nicht nur Leid, sondern erkennt Personen. Diese Erkenntnis drängt zur Sprache. Dass Dante sofort spricht, zeigt seine zunehmende Sicherheit im Umgang mit der infernalischen Welt. Er ist nicht mehr sprachlos oder überwältigt, sondern bereit, das Erkannte zu benennen.

Vers 42: «Già di veder costui non son digiuno».

„Schon bin ich nicht unerfahren darin, diesen hier zu sehen.“

Der dritte Vers enthält Dantes erste direkte Reaktion auf die erkannte Gestalt. In indirekter, fast beiläufiger Form gibt er zu erkennen, dass ihm dieser Mensch aus dem Leben bekannt ist. Die Metapher des Nicht-hungrig-Seins („non son digiuno“) deutet auf eine bereits gemachte Erfahrung hin.

Analytisch ist die Formulierung bemerkenswert zurückhaltend. Dante nennt den Namen noch nicht, sondern spricht in einer Umschreibung. Diese Verzögerung steigert die Spannung und zeigt zugleich, dass Wiedererkennung ein Prozess ist. Die Metapher des Essens und Sattseins verleiht der Erkenntnis eine körperliche Dimension: Wissen ist etwas, das man „gekostet“ hat.

Interpretatorisch markiert dieser Vers einen Wendepunkt im Gesang. Die Hölle wird nun ausdrücklich mit der Welt der Lebenden verbunden. Schuld erhält ein Gesicht, eine Geschichte, eine soziale Identität. Dass Dante sich an den Mann erinnert, macht deutlich, dass die infernalische Ordnung nicht abstrakt ist, sondern direkt in die Erfahrungswelt des Pilgers hineinragt. Die Wiedererkennung zwingt zur moralischen Einordnung dessen, was einst bekannt und vielleicht vertraut war.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierzehnte Terzina eröffnet den Übergang von der systematischen Beschreibung der ersten Bolgia zur individuellen Begegnung. Während zuvor Strukturen, Bewegungen und Mechanismen im Vordergrund standen, tritt nun das personale Moment in den Mittelpunkt. Dante erkennt einen Einzelnen aus der Masse und macht damit deutlich, dass die Hölle nicht nur Typen, sondern konkrete Menschen enthält.

Diese Terzina ist entscheidend für die Dramaturgie des Gesangs. Sie verbindet den anonymen Strafraum mit der biographischen Erinnerung des Pilgers und schafft so eine Brücke zwischen Jenseits und Diesseits. Erkenntnis gewinnt hier eine neue Qualität: Sie ist nicht mehr nur analytisch, sondern erinnernd. Der Leser wird darauf vorbereitet, dass die folgende Szene nicht nur moralisch exemplarisch, sondern auch sozial und historisch konkret sein wird. Die Terzina markiert damit den Eintritt in eine Phase des Gesangs, in der die Ordnung der Täuschung am einzelnen Schicksal überprüft und verdichtet wird.

Terzina 15 (V. 43–45)

Vers 43: Per ch’ïo a figurarlo i piedi affissi;

„Darum hielt ich die Füße an, um ihn genau zu betrachten;“

Der Vers beschreibt eine bewusste Unterbrechung der Bewegung. Dante bleibt stehen, fixiert seinen Körper und richtet seine Aufmerksamkeit gezielt auf die erkannte Gestalt. Das Gehen, das bislang den Rhythmus des Gesangs bestimmte, wird angehalten.

Analytisch ist die Verbindung von körperlicher und geistiger Fixierung zentral. „I piedi affissi“ bezeichnet nicht nur ein Innehalten, sondern ein regelrechtes Festsetzen. Der Körper wird zum Instrument der Erkenntnis. „Figurarlo“ verweist auf das genaue Erfassen der Gestalt, auf ein identifizierendes Sehen, das über flüchtige Wahrnehmung hinausgeht.

Interpretatorisch markiert der Vers den Übergang von passiver Beobachtung zu aktiver Erkenntnis. Dante entscheidet sich, die Ordnung des bloßen Weitergehens zu unterbrechen, um der individuellen Schuld ins Gesicht zu sehen. Das Anhalten ist kein Widerstand gegen die Ordnung, sondern ein Schritt zu tieferem Verstehen. Erkenntnis verlangt hier Stillstand und Konzentration.

Vers 44: e ’l dolce duca meco si ristette,

„und der sanfte Führer blieb bei mir stehen,“

Der zweite Vers beschreibt Virgils Reaktion auf Dantes Innehalten. Der Führer bleibt nicht nur stehen, sondern tut es gemeinsam mit dem Pilger. Die Bewegung wird nicht nur individuell, sondern gemeinsam ausgesetzt.

Analytisch ist die Bezeichnung „’l dolce duca“ von besonderem Gewicht. Virgil wird hier nicht als Autorität oder Lenker hervorgehoben, sondern in seiner milden, zustimmenden Haltung. Er unterbricht den Weg nicht widerwillig, sondern solidarisch. Führung erweist sich als begleitend, nicht als zwingend.

Interpretatorisch zeigt sich in diesem Vers ein Reifungsschritt Dantes. Der Pilger handelt eigenständig, ohne Zurechtweisung zu erfahren. Virgil erkennt die Legitimität dieses Innehaltens an. Die Vernunft autorisiert die Aufmerksamkeit für das Individuelle. Erkenntnis darf vertieft werden, wenn sie der Wahrheit dient.

Vers 45: e assentio ch’alquanto in dietro gissi.

„und er erlaubte, dass ich ein wenig zurückging.“

Der dritte Vers vollendet die Szene der Zustimmung. Dante bleibt nicht nur stehen, sondern darf sogar einen Schritt zurückgehen, um die Gestalt besser zu sehen. Die Bewegung wird bewusst gegen die bisherige Laufrichtung umgekehrt.

Analytisch ist diese Rückwärtsbewegung bemerkenswert. Sie zeigt, dass der Weg durch Malebolge nicht strikt linear ist. Erkenntnis kann es erfordern, den eigenen Standort zu korrigieren. Das „assentio“ unterstreicht, dass diese Abweichung vom Voranschreiten legitimiert ist. Ordnung ist flexibel, sofern sie dem Erkennen dient.

Interpretatorisch erhält die Rückwärtsbewegung eine symbolische Bedeutung. Um Schuld zu erkennen, muss Dante sich der Vergangenheit zuwenden, muss zurückblicken. Die Hölle wird hier explizit als Raum der Erinnerung und Wiedererkennung erfahrbar. Der Weg nach unten verlangt nicht nur Fortschreiten, sondern auch Rückschau. Virgil erlaubt diese Bewegung, weil sie Teil des Erkenntnisprozesses ist.

Gesamtdeutung der Terzina

Die fünfzehnte Terzina markiert einen entscheidenden Moment der Verlangsamung und Vertiefung. Der kontinuierliche Gang durch Malebolge wird unterbrochen, damit individuelle Erkenntnis möglich wird. Stillstand und sogar Rückwärtsbewegung werden nicht als Störung, sondern als notwendige Elemente des Weges legitimiert.

In dieser Terzina zeigt sich ein wichtiges Strukturprinzip der Commedia: Der Weg ist kein mechanisches Fortschreiten, sondern ein Erkenntnisprozess, der Aufmerksamkeit, Erinnerung und Korrektur verlangt. Virgil bestätigt diese Bewegung durch seine Zustimmung und macht deutlich, dass Führung nicht darin besteht, Tempo zu erzwingen, sondern Erkenntnis zu ermöglichen. Die Terzina bereitet damit unmittelbar die folgende direkte Begegnung vor und zeigt, dass das Sehen einzelner Schicksale ein zentraler Bestandteil des moralischen Lernens ist.

Terzina 16 (V. 46–48)

Vers 46: E quel frustato celar si credette

„Und jener Gepeitschte glaubte, sich verbergen zu können“

Der Vers richtet den Fokus erstmals ausdrücklich auf die Reaktion des einzelnen Verdammten. Er wird nicht mehr nur als Teil der Masse oder als Objekt der Strafe beschrieben, sondern als handelndes Subjekt, das einen – wenn auch vergeblichen – Versuch unternimmt, sich dem Blick zu entziehen.

Analytisch ist das Verb „si credette“ entscheidend. Es markiert eine Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit. Der Sünder glaubt, er könne sich verbergen, doch diese Annahme wird bereits im Vers als Illusion kenntlich gemacht. Die Bezeichnung „quel frustato“ reduziert ihn zugleich auf seine Strafe: Seine Identität ist bereits von der Peitsche bestimmt.

Interpretatorisch zeigt sich hier ein zentrales Motiv der ersten Bolgia: die Unmöglichkeit der Verstellung. Gerade jener, dessen Sünde im Verbergen, Vermitteln und Manipulieren bestand, versucht erneut, sich zu entziehen. Doch im Raum absoluter Sichtbarkeit ist jede solche Strategie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Vers entlarvt Täuschung als reflexhafte, aber wirkungslose Geste.

Vers 47: bassando ’l viso; ma poco li valse,

„indem er den Blick senkte; doch es half ihm wenig,“

Der zweite Vers konkretisiert den Verbergungsversuch. Der Sünder senkt den Kopf und entzieht so sein Gesicht dem Blick des Pilgers. Die Bewegung ist klein, fast schamhaft, und steht in scharfem Kontrast zur zuvor beschriebenen Zwangsbewegung.

Analytisch ist die körperliche Geste von großer Bedeutung. Das Senken des Gesichts ist ein klassisches Zeichen von Scham, Schuld oder Unterwerfung. Zugleich ist es ein letztes Mittel der Kontrolle über die eigene Erscheinung. Die einschränkende Wendung „ma poco li valse“ hebt jedoch sofort die Wirkungslosigkeit dieser Geste hervor.

Interpretatorisch wird hier die völlige Ohnmacht des Verdammten sichtbar. Scham kann im Jenseits nichts mehr verdecken. Wo im Leben das Abwenden des Blicks soziale Situationen entschärfen konnte, verliert diese Geste nun jede Schutzfunktion. Der Vers zeigt, dass selbst innere Regungen wie Scham oder Reue keine rettende Wirkung mehr entfalten, wenn sie nicht zu Lebzeiten fruchtbar geworden sind.

Vers 48: ch’io dissi: «O tu che l’occhio a terra gette,

„denn ich sagte: ‚O du, der du den Blick zur Erde senkst,‘“

Der dritte Vers markiert den Übergang zur direkten Ansprache. Dante durchbricht die Beobachterrolle und richtet das Wort unmittelbar an den Sünder. Die Rede setzt genau bei der beschriebenen Geste an.

Analytisch ist diese Anrede hochpräzise. Dante identifiziert den Verdammten nicht durch Namen oder Tat, sondern durch seine aktuelle Körperhaltung. Sprache greift das Sichtbare auf und fixiert es. Die direkte Rede etabliert ein asymmetrisches Machtverhältnis: Der Lebende benennt, der Tote wird angesprochen.

Interpretatorisch bedeutet dieser Vers den endgültigen Zusammenbruch jeder Verbergungsstrategie. Der gesenkte Blick wird nicht respektiert, sondern sprachlich aufgehoben. Dante zwingt den Sünder, gesehen und angesprochen zu werden. Damit vollzieht sich eine zentrale Umkehr: Der Kuppler, der andere exponiert und arrangiert hat, wird nun selbst exponiert und adressiert. Sprache wird zum Instrument der Wahrheit, nicht der Täuschung.

Gesamtdeutung der Terzina

Die sechzehnte Terzina führt das Motiv der Sichtbarkeit und Entlarvung auf eine neue Stufe. Nachdem die Strafmechanik etabliert wurde, richtet sich der Blick nun auf die psychische Reaktion des Einzelnen. Der Versuch, sich durch Scham oder Abwendung zu entziehen, erweist sich als wirkungslos. Malebolge ist ein Raum, in dem jede Form der Selbstverdeckung scheitert.

Gleichzeitig markiert die Terzina einen Wendepunkt in der Interaktion zwischen Pilger und Verdammtem. Dante übernimmt nun aktiv die Rolle des Ansprechenden. Erkenntnis wird dialogisch. Die direkte Rede kündigt eine Enthüllung an, in der Biographie, Schuld und Erinnerung explizit werden. Die Terzina bereitet damit den Übergang von der bloßen Beobachtung zur moralischen Konfrontation vor und zeigt, dass im Inferno nicht nur Körper, sondern auch Identitäten bloßgelegt werden.

Terzina 17 (V. 49–51)

Vers 49: se le fazion che porti non son false,

„wenn die Gesichtszüge, die du trägst, nicht trügen,“

Der Vers eröffnet Dantes direkte Ansprache mit einer vorsichtigen, beinahe rhetorisch abgesicherten Identifikation. Er formuliert keine sofortige Gewissheit, sondern stellt seine Wiedererkennung unter eine Bedingung. Die Aufmerksamkeit gilt den „fazioni“, den Gesichtszügen, also den sichtbaren Zeichen individueller Identität.

Analytisch ist diese Bedingung von großer Bedeutung. Dante knüpft Identität an Erscheinung, doch er problematisiert diese zugleich, indem er die Möglichkeit der Täuschung ausdrücklich benennt. Gerade im Raum der Täuschung wird Wahrnehmung nicht als selbstverständlich zuverlässig gesetzt. Die Formulierung reflektiert somit die epistemische Vorsicht des Pilgers.

Interpretatorisch zeigt sich hier eine doppelte Bewegung. Einerseits beansprucht Dante das Recht zur Identifikation, andererseits bleibt er sich der Unzuverlässigkeit äußerer Zeichen bewusst. Diese Spannung ist zentral für Malebolge: Der Ort zwingt zur Erkenntnis, aber er macht zugleich misstrauisch gegenüber dem Sichtbaren. Dass Dante diese Vorsicht ausspricht, markiert seine gewachsene Urteilskraft.

Vers 50: Venedico se’ tu Caccianemico.

„so bist du Venedico Caccianemico.“

Der zweite Vers vollzieht die Identifikation endgültig. Der Name wird ausgesprochen, ohne Umschweife und ohne Ehrentitel. Der Verdammte wird eindeutig benannt.

Analytisch ist die Namensnennung ein Akt höchster Festlegung. Im Inferno ist der Name nicht bloß Bezeichnung, sondern Urteil. Mit ihm wird die biographische Identität in die jenseitige Ordnung eingeschrieben. Der Vers ist syntaktisch schlicht und dadurch umso wirkungsvoller. Keine Umschreibung, kein Kommentar begleitet den Namen.

Interpretatorisch bedeutet die Namensnennung den vollständigen Zusammenbruch der Verbergung. Der Kuppler, der im Leben mit anonymen Arrangements, verdeckten Rollen und indirekten Beziehungen arbeitete, wird hier direkt angesprochen und festgelegt. Der Name bindet ihn unwiderruflich an seine Schuld. Zugleich schlägt hier die Brücke zwischen privater Erinnerung und öffentlichem Urteil: Ein bekannter Zeitgenosse Dantes wird exemplarisch in die Hölle eingeordnet.

Vers 51: Ma che ti mena a sì pungenti salse?

„Doch was führt dich in so stechende Strafen?“

Der dritte Vers formuliert eine Frage, die auf den ersten Blick naiv wirkt, tatsächlich aber hochgradig ironisch und moralisch zugespitzt ist. Dante fragt nach dem Grund der Strafe, obwohl er ihn kennt oder zumindest ahnt.

Analytisch ist der Ausdruck „pungenti salse“ bemerkenswert. Er verbindet Schmerz („pungenti“) mit dem Bild einer scharfen, beißenden Würze („salse“). Die Strafe wird nicht nur als Gewalt, sondern als geschmacklich scharfe Zumutung beschrieben. Die Frage ist rhetorisch offen, aber strukturell auf ein Geständnis hin angelegt.

Interpretatorisch zwingt diese Frage den Verdammten zur Selbstdeutung. Dante überlässt es nicht der infernalischen Ordnung allein, die Schuld sichtbar zu machen, sondern fordert die verbale Bestätigung durch den Täter selbst. Damit wird Sprache, das zentrale Instrument der Täuschung, nun zum Medium der Wahrheit. Der Kuppler soll aussprechen, was er im Leben verdeckt hat. Die Frage eröffnet den Raum für das folgende Geständnis und markiert den Übergang von äußerer Entlarvung zu innerer Selbstanklage.

Gesamtdeutung der Terzina

Die siebzehnte Terzina ist ein Kulminationspunkt der bisherigen Szene. In ihr verdichten sich Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache und moralisches Urteil. Dante erkennt den Verdammten, benennt ihn und fordert ihn zur Erklärung seiner Situation auf. Damit wird die Ordnung Malebolges auf der Ebene des Dialogs wirksam.

Diese Terzina ist von zentraler Bedeutung für den Gesang, weil sie zeigt, wie Erkenntnis im Inferno vollzogen wird. Sie beginnt mit vorsichtiger Wahrnehmung, geht über zur eindeutigen Benennung und endet in der Aufforderung zur Selbstdeutung. Der Kuppler wird nicht nur bestraft, sondern gezwungen, sich selbst als Ursache seines Leidens zu erkennen. Für den Leser wird deutlich, dass die Hölle nicht nur ein Raum der Gewalt, sondern auch ein Raum der sprachlichen Wahrheit ist. Wo Täuschung herrschte, muss nun gesprochen werden, und dieses Sprechen ist selbst Teil der Strafe.

Terzina 18 (V. 52–54)

Vers 52: Ed elli a me: «Mal volontier lo dico;

„Und er zu mir: ‚Ungern sage ich es;‘“

Der Vers eröffnet die Antwort des Verdammten und markiert damit den Eintritt in das Geständnis. Venedico spricht nun selbst und reagiert unmittelbar auf Dantes Frage. Der Ton ist defensiv und widerstrebend; das Sprechen erscheint nicht als freiwillige Mitteilung, sondern als erzwungene Handlung.

Analytisch ist die Betonung der Unwilligkeit zentral. „Mal volontier“ verweist auf einen inneren Widerstand gegen die Sprache. Der Sünder erkennt, dass das Aussprechen seiner Schuld Teil seiner Qual ist. Sprache, die ihm im Leben als Instrument der Vermittlung und Manipulation diente, wird nun zur Last. Die direkte Rede macht diesen inneren Konflikt hörbar.

Interpretatorisch zeigt sich hier ein wesentliches Moment der infernalischen Wahrheit. Im Jenseits kann Schweigen nicht mehr schützen. Der Verdammte weiß, dass das Sprechen ihn bloßstellt, und genau deshalb ist es unausweichlich. Die Unwilligkeit markiert den Bruch zwischen früherer sprachlicher Souveränität und gegenwärtiger sprachlicher Ohnmacht.

Vers 53: ma sforzami la tua chiara favella,

„doch deine klare Rede zwingt mich,“

Der zweite Vers benennt die Ursache des Sprechens. Nicht die Peitsche, nicht der Dämon, sondern Dantes „chiara favella“ zwingt den Sünder zur Antwort. Die Gewalt ist hier sprachlich, nicht körperlich.

Analytisch ist der Ausdruck „chiara“ von besonderem Gewicht. Dantes Sprache wird als klar, eindeutig, wahrheitsfähig charakterisiert. Sie steht im scharfen Gegensatz zur verschleiernden, indirekten Sprache der Täuschung. Dass diese Klarheit zwingt, zeigt, dass Wahrheit im Inferno eine Form von Macht besitzt.

Interpretatorisch kehrt sich hier das Machtverhältnis endgültig um. Der Kuppler, der im Leben durch Worte andere lenkte, wird nun selbst durch Worte gezwungen. Nicht Lautstärke oder Drohung wirken, sondern Klarheit. Dantes Sprache ist wirksam, weil sie benennt, erkennt und nicht ausweicht. Sprache wird zum Instrument der Gerechtigkeit.

Vers 54: che mi fa sovvenir del mondo antico.

„die mich an die frühere Welt erinnern lässt.“

Der dritte Vers führt eine neue Dimension ein: die Erinnerung. Das Sprechen zwingt den Sünder, sich an sein vergangenes Leben zu erinnern. Die Strafe wird dadurch zeitlich vertieft.

Analytisch verbindet der Vers Sprache und Gedächtnis. „Sovvenir“ bezeichnet kein neutrales Erinnern, sondern ein Wieder-Heraufkommen von Vergangenem, das innerlich bewegt. Der Ausdruck „mondo antico“ markiert eine klare Trennung zwischen der Welt der Lebenden und der jenseitigen Gegenwart. Erinnerung wird hier nicht tröstlich, sondern schmerzlich.

Interpretatorisch ist dies ein zentraler Moment der infernalischen Qual. Der Sünder leidet nicht nur körperlich, sondern wird gezwungen, sein früheres Leben erneut zu durchleben – nun jedoch ohne Ausflucht, ohne Selbstrechtfertigung. Die Erinnerung wird zur moralischen Instanz. Das, was im Leben verdrängt, beschönigt oder instrumentalisiert wurde, tritt nun als unentrinnbare Wahrheit zurück.

Gesamtdeutung der Terzina

Die achtzehnte Terzina markiert den Beginn des eigentlichen Geständnisses und macht deutlich, dass Sprache im Inferno eine doppelte Funktion besitzt: Sie offenbart und sie quält. Venedico spricht nicht, weil er bekennen will, sondern weil er gezwungen ist, sich der Wahrheit zu stellen, die Dantes klare Rede hervorruft.

Diese Terzina ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der ersten Bolgia. Sie zeigt, dass die Strafe der Täuschung nicht allein im äußeren Zwang besteht, sondern in der erzwungenen Transparenz des eigenen Lebens. Erinnerung wird zur Fortsetzung der Strafe mit inneren Mitteln. Der Sünder muss nicht nur laufen und leiden, sondern auch erinnern und benennen. Damit wird deutlich, dass die infernalische Gerechtigkeit Körper, Sprache und Gedächtnis gleichermaßen erfasst und die Mittel der Sünde selbst gegen den Täter wendet.

Terzina 19 (V. 55–57)

Vers 55: I’ fui colui che la Ghisolabella

„Ich war derjenige, der Ghisolabella“

Der Vers markiert den eigentlichen Beginn des Geständnisses. Venedico spricht nun nicht mehr allgemein, sondern in der ersten Person und übernimmt explizit die Verantwortung für eine konkrete Tat. Mit „I’ fui colui“ stellt er sich selbst in den Mittelpunkt der Aussage und bindet die folgende Handlung unmittelbar an seine Person.

Analytisch ist die Selbstbezeichnung entscheidend. Der Sünder spricht nicht passiv oder ausweichend, sondern verwendet eine klare Identitätsformel. Zugleich nennt er den Namen der Frau, Ghisolabella, und individualisiert damit das Geschehen. Die Schuld wird nicht abstrakt gehalten, sondern an reale Personen gebunden. Sprache fixiert hier biographische Realität.

Interpretatorisch bedeutet dieser Vers den Übergang von erzwungener Rede zu expliziter Selbstanklage. Der Kuppler benennt sich selbst als Handelnden und macht damit deutlich, dass seine Verdammnis nicht auf Gerüchten oder Zuschreibungen beruht, sondern auf konkretem Tun. Die Nennung des Namens hebt die Tat aus der Anonymität und verleiht ihr moralisches Gewicht.

Vers 56: condussi a far la voglia del marchese,

„die ich dazu brachte, den Willen des Markgrafen zu erfüllen,“

Der zweite Vers beschreibt die Tat selbst. Venedico stellt sich als vermittelnde Instanz dar, als jemand, der andere „führt“ oder lenkt, um das Begehren eines Mächtigen zu befriedigen. Die Handlung ist indirekt, aber gezielt.

Analytisch ist das Verb „condussi“ zentral. Es bezeichnet kein gewaltsames Zwingen, sondern ein Lenken, Hinführen, Arrangieren. Genau darin liegt die moralische Problematik: Die Schuld besteht nicht in offener Gewalt, sondern in strategischer Vermittlung. Der „marchese“ erscheint als Machtfigur, deren Wille durch soziale Manipulation umgesetzt wird.

Interpretatorisch wird hier das Wesen der Kupplerei präzise sichtbar. Venedico nutzt soziale Beziehungen und sprachliche Einflussnahme, um Begehren zu organisieren. Die Tat ist politisch, sozial und moralisch zugleich. Der Vers zeigt, dass Täuschung und Vermittlung in Machtkontexte eingebettet sind und dass Schuld oft dort entsteht, wo Menschen zu Mitteln fremder Wünsche gemacht werden.

Vers 57: come che suoni la sconcia novella.

„so unerquicklich die schändliche Geschichte auch klingen mag.“

Der dritte Vers fügt eine wertende Reflexion hinzu. Venedico kommentiert seine eigene Aussage und erkennt deren Schändlichkeit an. Die Tat wird nicht mehr neutral beschrieben, sondern moralisch qualifiziert.

Analytisch ist bemerkenswert, dass die Wertung aus dem Mund des Sünders selbst kommt. „Sconcia novella“ bezeichnet sowohl die Tat als auch ihre Erzählung. Das Gesagte ist beschämend, nicht nur das Getane. Sprache wird hier erneut Teil der Strafe, weil sie das Schändliche hörbar macht.

Interpretatorisch zeigt sich hier eine minimale, aber bedeutsame Form von Einsicht. Venedico relativiert seine Tat nicht, sondern erkennt ihre Schamhaftigkeit an. Diese Einsicht führt jedoch nicht zur Erlösung, sondern vertieft die Qual. Im Inferno bedeutet Erkennen nicht Befreiung, sondern Verschärfung des Leidens, weil es ohne Hoffnung bleibt.

Gesamtdeutung der Terzina

Die neunzehnte Terzina stellt den Kern des individuellen Geständnisses dar. Venedico benennt sich selbst als Täter, beschreibt seine konkrete Handlung und bewertet sie als schändlich. Damit wird die abstrakte Schuldform der Kupplerei in eine konkrete, historische Szene übersetzt.

Für den Gesang ist diese Terzina zentral, weil sie zeigt, wie infernalische Gerechtigkeit funktioniert: nicht durch bloße Zuschreibung, sondern durch erzwungene Selbstbenennung. Der Sünder spricht die Wahrheit über sich selbst aus und macht dadurch seine Schuld unwiderruflich sichtbar. Die Ordnung Malebolges erweist sich hier als eine Ordnung der Erinnerung und der Sprache, in der das, was im Leben arrangiert, verdeckt oder verharmlost wurde, nun offen ausgesprochen werden muss. Die Terzina macht deutlich, dass die tiefste Strafe der Täuschung darin besteht, dass sie sich selbst erzählen muss – ohne Ausflucht, ohne Beschönigung, ohne Ende.

Terzina 20 (V. 58–60)

Vers 58: E non pur io qui piango bolognese;

„Und nicht nur ich beweine hier als Bologneser;“

Der Vers erweitert den Blick von der individuellen Schuld auf eine kollektive Dimension. Venedico spricht nicht mehr ausschließlich von sich selbst, sondern ordnet sein Leiden in einen größeren Zusammenhang ein. Mit der Selbstbezeichnung als „bolognese“ verankert er die Szene klar in einem konkreten städtischen und historischen Milieu.

Analytisch ist der Übergang vom Singular zum Plural zentral. Das „non pur io“ signalisiert eine Relativierung der eigenen Einzigartigkeit: Das Leiden ist nicht exklusiv, sondern geteilt. Zugleich bleibt die erste Person präsent, wodurch individuelle Verantwortung nicht aufgehoben, sondern eingebettet wird. Die Stadtbezeichnung fungiert als soziale Markierung.

Interpretatorisch erhält die Hölle hier eine politische und soziale Tiefenschicht. Die Schuldform der Kupplerei erscheint nicht als individuelle Verirrung, sondern als verbreitete Praxis innerhalb einer städtischen Kultur. Venedico weitet sein Geständnis zu einer impliziten Anklage seines sozialen Umfelds aus. Die Hölle wird zum Spiegel einer Gesellschaft, nicht nur eines Einzelnen.

Vers 59: anzi n’è questo loco tanto pieno,

„vielmehr ist dieser Ort so übervoll,“

Der zweite Vers steigert die kollektive Perspektive. Der Ort der ersten Bolgia wird als dicht gefüllt beschrieben. Die Masse der Verdammten rückt erneut in den Vordergrund.

Analytisch wirkt das Adverb „anzi“ korrigierend und verstärkend. Es geht nicht nur um mehrere Einzelne, sondern um eine Überfülle. Der Raum erscheint nahezu gesättigt von dieser Schuldform. Die Aussage ist quantitativ, nicht bildhaft, und gerade dadurch eindringlich.

Interpretatorisch unterstreicht der Vers die strukturelle Dimension der Sünde. Täuschung und Vermittlung sind nicht Randerscheinungen, sondern systemisch verbreitet. Die erste Bolgia ist voll, weil die Praxis, die sie bestraft, gesellschaftlich akzeptiert oder zumindest geduldet war. Die Hölle entlarvt diese Normalisierung als moralische Katastrophe.

Vers 60: che tante lingue non son ora apprese

„dass so viele Sprachen jetzt nicht mehr gelernt werden,“

Der dritte Vers formuliert eine hyperbolische Zuspitzung. Venedico behauptet, dass selbst die Vielzahl der Sprachen nicht ausreiche, um die Herkunft aller Verdammten zu benennen oder zu beschreiben.

Analytisch verbindet der Vers Quantität mit Sprache. „Lingue“ bezeichnet sowohl Sprachen als auch Zungen, also Organe des Sprechens. Die Aussage spielt auf die Unzulänglichkeit sprachlicher Erfassung angesichts der Masse an Schuldigen an. Sprache stößt an ihre Grenzen.

Interpretatorisch ist dies eine bittere Ironie. Gerade in einem Raum, in dem Sprache zur Strafe wird, erklärt der Sünder ihre Unzulänglichkeit. Die Vielfalt der Täuschung übersteigt jede vollständige Benennung. Damit wird deutlich, dass die Schuld nicht nur individuell und lokal, sondern nahezu universal ist. Die Hölle ist überfüllt, weil Täuschung eine grundlegende menschliche Versuchung darstellt.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zwanzigste Terzina verschiebt den Fokus endgültig vom individuellen Geständnis zur kollektiven Anklage. Venedico bleibt verantwortlich für seine Tat, doch er präsentiert sie als Teil eines weit verbreiteten sozialen Phänomens. Die erste Bolgia erscheint als überfüllter Raum, der eine ganze Kultur der Vermittlung, der Einflussnahme und der moralischen Grenzüberschreitung aufnimmt.

Für den Gesang ist diese Terzina entscheidend, weil sie die Verbindung zwischen persönlicher Schuld und gesellschaftlicher Struktur explizit macht. Die Hölle richtet nicht nur über Einzelne, sondern über Praktiken, die in Städten, Höfen und Machtgefügen alltäglich waren. Die Überfülle des Ortes und die Überforderung der Sprache machen deutlich, dass Täuschung nicht Ausnahme, sondern Regel war. Damit fordert die Terzina den Leser implizit heraus, nicht nur einzelne Sünder zu verurteilen, sondern die eigenen sozialen Kontexte zu prüfen, in denen ähnliche Mechanismen wirksam sind.

Terzina 21 (V. 61–63)

Vers 61: a dicer ‘sipa’ tra Sàvena e Reno;

„um ‚sipa‘ zu sagen zwischen Savena und Reno;“

Der Vers setzt die hyperbolische Klage des Venedico fort und konkretisiert sie geografisch. Er nennt zwei Flüsse, die das Gebiet von Bologna umgrenzen, und bindet die Aussage damit eindeutig an einen realen, lokal bestimmbaren Raum. Das Wort „sipa“ fungiert als sprachliches Beispiel für die Vielzahl der Dialekte oder Sprachformen.

Analytisch verbindet der Vers Sprache, Raum und Quantität. Die Flüsse Savena und Reno markieren nicht nur eine Landschaft, sondern auch eine kulturelle Einheit. Dass selbst für ein einfaches Wort wie „sipa“ – im Dialekt ein alltäglicher Ausdruck – so viele Varianten existieren, dass sie nicht mehr erlernbar seien, steigert die zuvor behauptete Überfülle ins Konkrete. Sprache wird zum Maß der moralischen Verkommenheit.

Interpretatorisch wirkt dieser Vers wie eine bittere Lokalkritik. Venedico zeichnet seine Heimatregion als moralisch überladenen Raum, in dem die Praxis der Kupplerei so verbreitet ist, dass sie jede Differenzierung sprengt. Die Vielzahl der „Zungen“ verweist nicht auf kulturellen Reichtum, sondern auf sittlichen Verfall. Die Hölle erscheint hier als exakte Spiegelung einer konkreten Stadtlandschaft.

Vers 62: e se di ciò vuoi fede o testimonio,

„und wenn du dafür Glauben oder Zeugnis willst,“

Der zweite Vers wendet sich wieder direkt an Dante und nimmt die Form einer argumentativen Absicherung an. Venedico bietet einen Beweis für seine Behauptung an und verwendet dabei juristisch anmutende Begriffe wie „fede“ und „testimonio“.

Analytisch ist diese Wendung bemerkenswert, weil sie die Sprache der Rechtfertigung und Beweisführung aufruft. Der Sünder argumentiert, als befände er sich noch in einem irdischen Diskurs, in dem Aussagen gestützt und belegt werden müssen. Die infernalische Situation hebt diese Denkweise jedoch nicht auf, sondern entlarvt sie.

Interpretatorisch zeigt sich hier die Persistenz irdischer Argumentationsmuster. Venedico versucht, seine Aussage durch externe Bestätigung zu stützen, obwohl im Inferno Wahrheit keiner Beglaubigung mehr bedarf. Dieser Reflex offenbart, wie tief die Logik der Rechtfertigung und Verschiebung von Verantwortung in seiner Persönlichkeit verankert ist.

Vers 63: rècati a mente il nostro avaro seno».

„so rufe dir unser habgieriges Land ins Gedächtnis.“

Der dritte Vers liefert den angekündigten „Beweis“. Venedico verweist nicht auf einzelne Personen, sondern auf das „avaro seno“, den gierigen Schoß oder das habsüchtige Herz seiner Heimat.

Analytisch ist die Metapher des „seno“ vielschichtig. Sie bezeichnet sowohl einen geographischen Raum als auch einen inneren, seelischen Zustand. Die Zuschreibung „avaro“ verleiht diesem Raum eine moralische Qualität. Gier erscheint hier als kollektive Grunddisposition, aus der die einzelnen Sünden hervorgehen.

Interpretatorisch wird die individuelle Schuld endgültig in einen gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet. Venedico benennt nicht nur eine Tat oder eine Gruppe, sondern eine Grundhaltung. Die Kupplerei erscheint als Ausfluss einer Kultur der Habgier, in der Menschen zu Mitteln werden. Damit verschiebt sich der Fokus von der einzelnen Handlung zur moralischen Verfassung einer ganzen Gemeinschaft.

Gesamtdeutung der Terzina

Die einundzwanzigste Terzina schließt das Geständnis Venedicos ab, indem sie dessen Schuld in eine umfassende soziale und moralische Diagnose einbettet. Der Blick weitet sich von der individuellen Tat über die städtische Praxis bis hin zu einer grundlegenden Charakterisierung des Landes selbst. Sprache, Raum und Moral werden untrennbar miteinander verknüpft.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie deutlich macht, dass Malebolge nicht nur individuelle Vergehen ahndet, sondern strukturelle Verfehlungen sichtbar macht. Die Hölle erscheint als Ort, an dem gesellschaftliche Grundhaltungen – hier die Habgier – in ihrer ganzen Konsequenz offenbar werden. Der Verweis auf Erinnerung („rècati a mente“) bindet Dante und den Leser direkt ein: Wer die Welt kennt, weiß, dass dieses Urteil nicht übertrieben ist. Die Terzina beendet die erste Begegnung mit einer Mischung aus Geständnis, Anklage und bitterer Selbstentlarvung und bereitet damit den abrupten Abbruch des Dialogs im nächsten Abschnitt vor.

Terzina 22 (V. 64–66)

Vers 64: Così parlando il percosse un demonio

„Während er so sprach, schlug ihn ein Dämon“

Der Vers setzt abrupt einen physischen Eingriff in den zuvor geführten Dialog. Noch während Venedico spricht, wird er von einem Dämon geschlagen. Die Rede wird nicht beendet, sondern gewaltsam unterbrochen. Sprache und Körper geraten unmittelbar in Konflikt.

Analytisch ist die Gleichzeitigkeit von Sprechen und Schlagen zentral. „Così parlando“ macht deutlich, dass der Akt der Rede selbst den Anlass für die Gewalt bildet. Der Dämon erscheint nicht als Reaktion auf Widerstand, sondern als Instanz der Zeit- und Ordnungsdisziplin. Die Strafe duldet keine Ausdehnung über das zugelassene Maß hinaus.

Interpretatorisch zeigt der Vers, dass Sprache im Inferno streng reguliert ist. Das Geständnis darf erfolgen, aber nur innerhalb der Grenzen, die die infernalische Ordnung setzt. Sobald die Rede in Rechtfertigung, Verallgemeinerung oder moralische Ausflucht umzuschlagen droht, greift die Gewalt ein. Die Peitsche fungiert hier als Korrektiv der Sprache.

Vers 65: de la sua scurïada, e disse: «Via,

„mit seinem Peitschenhieb, und sprach: ‚Fort,‘“

Der zweite Vers verbindet körperliche Gewalt und verbale Anweisung. Der Dämon schlägt nicht nur, sondern spricht zugleich. Die Peitsche und das Wort wirken gemeinsam.

Analytisch ist diese Kopplung bedeutsam. Die Dämonen sind nicht stummes Strafwerkzeug, sondern sprachfähige Vollstrecker. Ihr Wort ist knapp, befehlend und funktional. „Via“ ist kein Kommentar, sondern ein Imperativ, der Bewegung erzwingt und jede weitere Kommunikation abbricht.

Interpretatorisch zeigt sich hier die radikale Verkürzung der Sprache im infernalischen System. Während der Sünder ausführlich sprechen musste, ist die Sprache der Macht auf ein einziges Wort reduziert. Wahrheit verlangt Ausführlichkeit, Zwang genügt sich selbst. Der Dämon steht außerhalb des moralischen Diskurses und setzt ihn mit Gewalt außer Kraft.

Vers 66: ruffian! qui non son femmine da conio».

„Kuppler! hier gibt es keine Frauen zum Feilbieten.“

Der dritte Vers enthält die eigentliche Beschimpfung und die ironische Pointe der Szene. Der Dämon benennt Venedico mit seiner Sünde und verknüpft sie mit einer bitteren Zurückweisung.

Analytisch ist die direkte Anrede „ruffian“ eine endgültige Identitätsfestlegung. Der Sünder wird nicht bei seinem Namen genannt, sondern bei seiner moralischen Rolle. Die Wendung „femmine da conio“ greift die Logik der Kupplerei auf: Frauen als Ware, als Münze, als Tauschmittel. Der Dämon verweigert dieses System explizit.

Interpretatorisch vollzieht sich hier eine scharfe ironische Umkehr. Der Ort der Strafe ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass das Geschäft der Kupplerei unmöglich geworden ist. Es gibt nichts mehr zu vermitteln, nichts mehr zu arrangieren. Die Sünde ist funktionslos geworden und existiert nur noch als Schuld. Die Beschimpfung ist Teil der Strafe, weil sie den Sünder auf das reduziert, was er war, ohne ihm noch irgendeine Handlungsmacht zu lassen.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zweiundzwanzigste Terzina bildet den gewaltsamen Abschluss der Begegnung mit Venedico Caccianemico. Der Dialog wird nicht durch Einsicht oder Abschluss beendet, sondern durch körperliche Unterbrechung. Damit macht der Text deutlich, dass Erkenntnis im Inferno zwar zugelassen, aber streng begrenzt ist. Sie darf nicht in Selbstrechtfertigung oder gesellschaftliche Entlastung ausufern.

Diese Terzina ist für den Gesang zentral, weil sie die letzte Umkehrung der Machtverhältnisse vollzieht. Der Sünder hat gesprochen, sich erinnert, sich selbst entlarvt – nun wird er wieder in den anonymen Zwangslauf der Strafe zurückgestoßen. Die Dämonen fungieren als Wächter der Ordnung, die sicherstellen, dass Wahrheit ausgesprochen, aber nicht instrumentalisiert wird. Die ironische Zurückweisung am Ende bringt die Logik der ersten Bolgia auf den Punkt: Die Sünde wird nicht mehr praktiziert, sondern bloßgestellt, benannt und brutal funktionslos gemacht. Damit schließt sich der Kreis von Täuschung, Sprache und Gewalt, der diesen Abschnitt des Gesangs bestimmt.

Terzina 23 (V. 67–69)

Vers 67: I’ mi raggiunsi con la scorta mia;

„Ich schloss mich wieder meiner Begleitung an;“

Der Vers markiert das Ende der individuellen Begegnung und die Rückkehr in die geordnete Weggemeinschaft mit Virgil. Dante löst sich von der fixierten Aufmerksamkeit auf den einzelnen Verdammten und nimmt wieder seinen Platz im gemeinsamen Gang ein.

Analytisch ist das Verb „mi raggiunsi“ von besonderer Bedeutung. Es bezeichnet kein bloßes Weitergehen, sondern ein Wieder-Anschließen, ein Zurückfinden in die vorgegebene Ordnung. Die „scorta“ verweist explizit auf Führung und Schutz. Dante handelt hier nicht autonom, sondern innerhalb eines geleiteten Weges.

Interpretatorisch bedeutet dieser Vers eine bewusste Distanzierung vom eben Erlebten. Die Begegnung mit Venedico war notwendig für die Erkenntnis, darf aber nicht zum Verweilen führen. Der Pilger muss weitergehen. Erkenntnis ist hier episodisch und eingebettet in einen größeren Weg. Die Rückkehr zur Führung signalisiert, dass das Urteil gesprochen und die Lektion gelernt ist.

Vers 68: poscia con pochi passi divenimmo

„darauf gelangten wir mit wenigen Schritten“

Der zweite Vers beschreibt eine kurze, zielgerichtete Bewegung. Die Distanz ist gering, der Übergang erfolgt rasch. Der Fokus liegt nicht auf dem Weg selbst, sondern auf dem Erreichen eines neuen Ortes.

Analytisch unterstreicht die Kürze der Bewegung den strukturierten Charakter von Malebolge. Die einzelnen Stationen liegen nahe beieinander und sind klar verbunden. „Con pochi passi“ suggeriert Effizienz und Ordnung, nicht Mühsal oder Verirrung.

Interpretatorisch wird deutlich, dass der Weg durch Malebolge nicht durch lange Übergänge, sondern durch schnelle, präzise Ortswechsel gekennzeichnet ist. Erkenntnis folgt auf Erkenntnis, ohne Zeit zur Verarbeitung. Die Hölle lässt kein Innehalten zu; sie zwingt zur fortlaufenden Konfrontation.

Vers 69: là ’v’ uno scoglio de la ripa uscia.

„dorthin, wo ein Felsvorsprung aus dem Ufer herausragte.“

Der dritte Vers benennt den neuen Orientierungspunkt: einen vorspringenden Felsen an der Böschung. Dieser markiert einen Übergang innerhalb der Topographie Malebolges.

Analytisch ist der „scoglio“ ein strukturelles Element der infernalischen Architektur. Er ist kein zufälliger Naturgegenstand, sondern Teil des Systems aus Wegen, Brücken und Aussichtspunkten. Der Felsvorsprung dient als Schwelle zum nächsten Abschnitt.

Interpretatorisch kündigt dieser Vers einen Perspektivwechsel an. Der Felsvorsprung wird es erlauben, den Blick auf einen neuen Raum zu richten. Nach der Begegnung mit der ersten Bolgia bereitet der Text den Übergang zur nächsten Strafzone vor. Der Weg ist nicht nur räumlich, sondern auch erkenntnishaft gestuft.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dreiundzwanzigste Terzina fungiert als Übergangs- und Scharnierszene. Sie schließt die Episode um Venedico Caccianemico ab und führt den Pilger zurück in die kontinuierliche Bewegung durch Malebolge. Die individuelle Konfrontation wird beendet, ohne nachzuwirken oder kommentiert zu werden. Die Ordnung des Weges setzt sich durch.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie zeigt, dass Erkenntnis im Inferno stets fragmentarisch bleibt. Einzelne Gestalten treten hervor, sprechen, werden entlarvt – und verschwinden wieder in der Masse. Der Pilger darf sehen, hören und erkennen, aber er darf nicht verweilen. Der vorspringende Fels kündigt bereits die nächste Perspektive an und macht deutlich, dass jede Einsicht nur Vorbereitung für die nächste ist. Damit unterstreicht die Terzina den didaktischen Rhythmus des Gesangs: Begegnung, Erkenntnis, Weitergang.

Terzina 24 (V. 70–72)

Vers 70: Assai leggeramente quel salimmo;

„Sehr leicht bestiegen wir jenen,“

Der Vers beschreibt den tatsächlichen Aufstieg auf den zuvor genannten Felsvorsprung. Die Bewegung ist ruhig, mühelos und ohne Widerstand. Nach den Szenen der Gewalt und des Zwangs wirkt dieser Moment beinahe sachlich-entlastet.

Analytisch ist das Adverb „assai leggeramente“ zentral. Es betont nicht Geschwindigkeit, sondern Leichtigkeit. Der Aufstieg stellt kein Hindernis dar, sondern ist problemlos möglich. Diese Leichtigkeit kontrastiert scharf mit der gequälten, erzwungenen Bewegung der Verdammten in der Bolgia.

Interpretatorisch markiert der Vers einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Weg der Erkenntnis und dem Weg der Strafe. Für den Pilger und seinen Führer ist Bewegung möglich, ja leicht, weil sie nicht Teil der Strafordnung sind. Der Aufstieg ist kein moralischer Fortschritt im Sinne der Erlösung, aber ein struktureller Hinweis darauf, dass Erkenntnis nicht durch Zwang, sondern durch Führung und Einsicht erfolgt.

Vers 71: e vòlti a destra su per la sua scheggia,

„und nach rechts gewandt, an seiner Kante hinauf,“

Der zweite Vers präzisiert die Richtung und Art der Bewegung. Dante und Virgil wenden sich nach rechts und gehen entlang der schmalen Kante des Felsens. Die Bewegung ist kontrolliert und gezielt.

Analytisch ist die Richtungsänderung bedeutsam. Während zuvor mehrfach die linke Seite mit dem infernalischen Weg verbunden war, markiert die Wendung nach rechts einen neuen Abschnitt. Die „scheggia“, die scharfe Kante, verweist auf einen schmalen, klar begrenzten Pfad. Der Weg ist nicht breit oder offen, sondern präzise geführt.

Interpretatorisch deutet diese Wendung eine Perspektivverlagerung an. Der Pilger verlässt die unmittelbare Nähe der ersten Bolgia und nimmt eine neue Position ein, von der aus weiteres erkannt werden kann. Der schmale Pfad symbolisiert die Konzentration des Blicks: Erkenntnis erfordert klare Linien und kontrollierte Bewegung.

Vers 72: da quelle cerchie etterne ci partimmo.

„und von jenen ewigen Kreisen entfernten wir uns.“

Der dritte Vers formuliert explizit das Verlassen des bisherigen Raumes. Dante und Virgil lösen sich von den „cerchie etterne“, den ewigen Ringen der ersten Bolgia.

Analytisch ist das Verb „ci partimmo“ entscheidend. Es bezeichnet eine bewusste Trennung, keinen bloßen Ortswechsel. Der Ausdruck „etterne“ unterstreicht die Unveränderlichkeit der Strafe, von der sich die Reisenden entfernen, ohne sie aufzuheben oder zu beeinflussen.

Interpretatorisch markiert dieser Vers das Ende der ersten exemplarischen Strafszene. Die Ewigkeit der Kreise bleibt bestehen, aber der Pilger darf sie verlassen. Damit wird ein fundamentales Prinzip der Commedia sichtbar: Der Mensch auf dem Weg der Erkenntnis ist nicht an die ewige Wiederholung gebunden. Er darf weitergehen, sehen, vergleichen. Die Strafe bleibt, der Lernende geht.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierundzwanzigste Terzina schließt den Abschnitt der ersten Bolgia endgültig ab und vollzieht den Übergang zu einem neuen Erkenntnisraum. Die Bewegung ist leicht, gerichtet und klar geführt. Nach Zwang, Gewalt und entwürdigender Wiederholung erscheint der Weg des Pilgers als Gegenbild: ruhig, kontrolliert und frei innerhalb der gegebenen Ordnung.

Diese Terzina ist von zentraler struktureller Bedeutung. Sie trennt Beobachtung von Weitergang, Strafe von Erkenntnis, Stillstand von Bewegung. Die „ewigen Kreise“ bleiben zurück als abgeschlossener Erfahrungsraum, aus dem eine Lehre gezogen wurde. Der Aufstieg und die Wendung nach rechts signalisieren, dass jede einzelne Szene der Hölle zwar vollständig ist, aber nicht absolut. Sie dient der Erkenntnis des Pilgers, nicht seiner Fixierung. Damit bereitet die Terzina den Eintritt in die nächste Bolgia vor und hält zugleich die Dynamik des gesamten Gesangs aufrecht: sehen, verstehen, weitergehen.

Terzina 25 (V. 73–75)

Vers 73: Quando noi fummo là dov’ el vaneggia

„Als wir dort waren, wo es unten offen gähnt“

Der Vers situiert Dante und Virgil an einem neuen, präzise bestimmten Ort innerhalb Malebolges. Er greift das bereits eingeführte Motiv des „vaneggiare“ auf und verweist auf eine Öffnung oder einen Durchlass unterhalb ihres Standpunkts. Die Bewegung ist abgeschlossen; nun beginnt eine Phase der Beobachtung von oben.

Analytisch verbindet der Vers Zeit („Quando noi fummo“) und Raum („là dov’ el vaneggia“) zu einer klaren Positionsbestimmung. Das Verb „vaneggia“ evoziert erneut Offenheit, Leere und Abgrund, jedoch diesmal nicht als zentrales Element, sondern als Durchgang. Die Reisenden befinden sich an einer Schwelle, an der der Raum unter ihnen sichtbar und zugänglich wird.

Interpretatorisch markiert der Vers einen Perspektivwechsel. Der Blick richtet sich nun nicht mehr horizontal entlang des Weges, sondern vertikal nach unten. Erkenntnis verschiebt sich von Teilnahme und Nähe zu Übersicht und Distanz. Der Ort erlaubt es, das Geschehen der Bolgia in seiner Gesamtheit zu überblicken.

Vers 74: di sotto per dar passo a li sferzati,

„unten, um den Gepeitschten Durchgang zu gewähren,“

Der zweite Vers erklärt die Funktion der Öffnung. Sie dient nicht den Beobachtern, sondern den Verdammten. Die Öffnung ermöglicht den Fortgang der Gepeitschten innerhalb ihres endlosen Laufs.

Analytisch wird hier die Zweckmäßigkeit der infernalischen Architektur betont. Nichts ist zufällig oder ornamental. Selbst Öffnungen und Durchlässe existieren ausschließlich im Dienst der Strafe. Der Ausdruck „li sferzati“ reduziert die Sünder erneut auf ihre Strafpraxis und ihre Rolle im System.

Interpretatorisch zeigt sich hier die radikale Instrumentalisierung des Raumes. Architektur ist kein neutraler Hintergrund, sondern aktiver Bestandteil der Qual. Die Öffnung gewährt keinen Ausweg, sondern stellt die Kontinuität der Strafe sicher. Bewegung bleibt Zwang, auch dort, wo der Raum scheinbar offen ist.

Vers 75: lo duca disse: «Attienti, e fa che feggia

„da sagte der Führer: ‚Gib acht, und sorge dafür, dass sich richtet‘“

Der dritte Vers führt Virgils Stimme wieder explizit ein. Er unterbricht die stille Beobachtung mit einer mahnenden Aufforderung an Dante. Aufmerksamkeit wird eingefordert.

Analytisch ist die Imperativform zentral. „Attienti“ verlangt Konzentration und Wachsamkeit. „Fa che feggia“ kündigt eine gezielte Lenkung des Blicks an. Virgil übernimmt erneut die Rolle des didaktischen Führers, der bestimmt, was und wie gesehen werden soll.

Interpretatorisch zeigt dieser Vers, dass Sehen im Inferno nicht beliebig ist. Nicht alles darf zugleich oder ungerichtet wahrgenommen werden. Erkenntnis erfordert Fokussierung. Virgil lenkt Dantes Wahrnehmung, um ihn auf eine neue, bislang ungesehene Gruppe von Verdammten vorzubereiten. Die Terzina endet bewusst offen, gespannt auf das, was nun sichtbar werden soll.

Gesamtdeutung der Terzina

Die fünfundzwanzigste Terzina fungiert als erneute Schwelle innerhalb der Bewegung durch Malebolge. Nach dem Abschluss der ersten Bolgia wird ein neuer Beobachtungspunkt erreicht, der einen Blick von oben in den Raum der Strafe ermöglicht. Der Ort ist funktional, die Öffnung dient allein der Aufrechterhaltung des Zwangslaufs der Verdammten.

Zugleich kehrt mit Virgils Anweisung die didaktische Struktur des Gesangs deutlich zurück. Erkenntnis wird vorbereitet, nicht dem Zufall überlassen. Der Pilger soll nicht nur sehen, sondern richtig sehen. Diese Terzina markiert damit den Übergang von der ersten zur zweiten Beobachtungsphase innerhalb der ersten Bolgia und bereitet eine neue Differenzierung der Schuld vor. Der Weg setzt sich fort, aber nicht als bloße Bewegung, sondern als gesteuerte Wahrnehmung innerhalb einer streng geordneten infernalischen Architektur.

Terzina 26 (V. 76–78)

Vers 76: lo viso in te di quest’ altri mal nati,

„richte deinen Blick auf diese anderen Übelgeborenen,“

Der Vers setzt Virgils Aufforderung fort und präzisiert ihr Ziel. Dante soll seinen Blick gezielt auf eine neue Gruppe von Verdammten richten. Die Formulierung ist kategorisierend und abwertend, ohne individuelle Merkmale zu nennen.

Analytisch ist der Ausdruck „mal nati“ von besonderer Schärfe. Er bezeichnet die Verdammten nicht durch ihre Taten, sondern durch eine negative Wesenszuschreibung. Diese sprachliche Reduktion entspricht der infernalischen Perspektive, in der moralische Qualität das ganze Sein bestimmt. Der Imperativ strukturiert Wahrnehmung als gelenkte Handlung.

Interpretatorisch zeigt sich hier die didaktische Logik des Gesangs. Die erste Gruppe der Kuppler wurde aus unmittelbarer Nähe betrachtet, mit individueller Identifikation und Dialog. Nun soll eine andere Gruppe zunächst aus der Distanz wahrgenommen werden. Virgil entscheidet, wann Individualisierung angebracht ist und wann typologische Betrachtung genügt.

Vers 77: ai quali ancor non vedesti la faccia

„deren Gesichter du noch nicht gesehen hast,“

Der zweite Vers begründet die Aufforderung. Dante hat diese Verdammten bislang nur von hinten gesehen. Ihre Gesichter blieben verborgen.

Analytisch greift der Vers ein zentrales Motiv des Gesangs auf: Sichtbarkeit und Identität. Das Gesicht ist Träger von Individualität und Wiedererkennung. Dass es bisher ungesehen blieb, markiert eine epistemische Grenze, die nun überschritten werden soll.

Interpretatorisch kündigt dieser Vers eine neue Form der Erkenntnis an. Das Sehen der Gesichter ermöglicht Identifikation, Erinnerung und moralische Einordnung. Der Übergang von Rücken zu Gesicht bedeutet den Übergang von bloßer Beobachtung der Strafe zur Erkenntnis der Personen.

Vers 78: però che son con noi insieme andati».

„weil sie mit uns zusammen gegangen sind.“

Der dritte Vers erklärt den Grund für das bisherige Nicht-Sehen. Die Verdammten bewegten sich in derselben Richtung wie Dante und Virgil, sodass ihre Gesichter dem Blick entzogen blieben.

Analytisch verbindet der Vers Bewegung und Wahrnehmung. Die gemeinsame Richtung erzeugt eine scheinbare Nähe, die jedoch Erkenntnis verhindert. Nähe ohne Gegenüber bleibt anonym. Erst der Perspektivwechsel erlaubt Einsicht.

Interpretatorisch enthält der Vers eine feine moralische Andeutung. Dass Sünder und Pilger zeitweise „zusammen gehen“, bedeutet keine Gemeinschaft, sondern eine zufällige Parallelität der Bewegung. Moralische Differenz bleibt bestehen, auch wenn der äußere Weg kurzzeitig gleich erscheint. Erkenntnis erfordert den bewussten Bruch dieser Parallelität durch Hinwendung und Blickwechsel.

Gesamtdeutung der Terzina

Die sechsundzwanzigste Terzina vollendet Virgils didaktische Anweisung und bereitet eine neue Beobachtungsphase innerhalb der ersten Bolgia vor. Wahrnehmung wird ausdrücklich gelenkt: Der Pilger soll seinen Blick richten, differenzieren und eine neue Gruppe von Verdammten erkennen.

Diese Terzina ist zentral für das Verständnis der Erkenntnislogik der Commedia. Sehen ist kein passiver Vorgang, sondern eine moralisch strukturierte Tätigkeit. Erst wenn der Blick bewusst gewendet wird, werden Gesichter sichtbar, Identitäten erkennbar und Schuld differenzierbar. Die gemeinsame Bewegung von Pilger und Sünder darf nicht über diese Differenz hinwegtäuschen. Virgil sorgt dafür, dass Dante nicht im bloßen Mitgehen verharrt, sondern lernt, zu unterscheiden. Damit ist die Terzina ein präziser Übergang zur nächsten Szene, in der die zweite Gruppe der Verdammten der ersten Bolgia in den Fokus tritt.

Terzina 27 (V. 79–81)

Vers 79: Del vecchio ponte guardavam la traccia

„Vom alten Brückenbau betrachteten wir die Spur,“

Der Vers beschreibt den neuen Beobachtungsgegenstand: Dante und Virgil richten ihren Blick auf den Verlauf eines alten, bereits zuvor eingeführten Übergangs. Der Fokus liegt nicht auf der Brücke selbst, sondern auf der „traccia“, der Linie oder Bahn, die sich auf ihr abzeichnet.

Analytisch ist die Wortwahl präzise. „Vecchio ponte“ verweist auf die dauerhafte, festgefügte Architektur Malebolges, während „traccia“ Bewegung impliziert. Die Spur entsteht durch wiederholtes Gehen, durch die regelmäßige Passage der Verdammten. Raum wird hier durch Bewegung lesbar gemacht.

Interpretatorisch fungiert die Brücke als Ort der Ordnung und der Wiederholung. Sie ist kein Übergang zur Befreiung, sondern Teil der Strafchoreographie. Dass Dante nicht die Brücke, sondern ihre Spur betrachtet, zeigt seinen geschulten Blick: Er erkennt nicht nur die Struktur, sondern die Praxis, die sie hervorbringt.

Vers 80: che venìa verso noi da l’altra banda,

„die von der anderen Seite her auf uns zukam,“

Der zweite Vers konkretisiert die Bewegungsrichtung. Die Verdammten kommen Dante und Virgil entgegen. Der Blick richtet sich auf eine Gegenbewegung zur eigenen Laufrichtung.

Analytisch ist diese Gegenläufigkeit entscheidend. Während Dante zuvor mit einer Gruppe „zusammen ging“, entsteht nun eine frontale Begegnung. Die Bewegung aus der entgegengesetzten Richtung ermöglicht erstmals das Sehen der Gesichter, wie Virgil angekündigt hatte.

Interpretatorisch markiert dieser Vers den Übergang zur direkten Konfrontation. Die Sünder kommen dem Pilger entgegen; Erkenntnis wird unausweichlich. Die Ordnung der Bolgia zwingt zur Begegnung, nicht zum Ausweichen. Wahrheit erscheint hier nicht als Suche, sondern als Herankommen.

Vers 81: e che la ferza similmente scaccia.

„und die die Peitsche auf gleiche Weise vorantreibt.“

Der dritte Vers stellt die Symmetrie der Strafe heraus. Auch diese Gruppe wird durch dieselbe Gewalt angetrieben wie die zuvor gesehene. Die Mechanik der Peitsche wirkt identisch, unabhängig von Richtung oder Gruppe.

Analytisch betont das Adverb „similmente“ die Gleichförmigkeit des Strafsystems. Unterschiede der Bewegung ändern nichts an der Art der Gewalt. Die Peitsche ist das konstante Prinzip, das Ordnung und Rhythmus erzwingt.

Interpretatorisch wird hier die Gleichheit der Schuldformen innerhalb der ersten Bolgia sichtbar. Ob Kuppler oder Verführer, die Strafe folgt derselben Logik. Bewegung, Zwang und Wiederholung gelten universell. Damit wird verhindert, dass der Leser zwischen den Gruppen moralische Hierarchien konstruiert, wo die Ordnung sie nicht vorsieht.

Gesamtdeutung der Terzina

Die siebenundzwanzigste Terzina etabliert den neuen Blickwinkel auf die erste Bolgia und bereitet die nächste individuelle Begegnung vor. Die Beobachtung der Brückenspur, der entgegenkommenden Bewegung und der identischen Gewalt macht die Strafordnung in ihrer Symmetrie und Geschlossenheit sichtbar.

Diese Terzina ist strukturell bedeutsam, weil sie die Perspektive endgültig wechselt: vom Mitgehen zum Gegenüberstehen, vom Rücken zum Gesicht, von distanzierter Beobachtung zur bevorstehenden Konfrontation. Die Ordnung der Hölle erscheint als streng rhythmisiertes System, das Begegnungen erzwingt und Wahrheit sichtbar macht. Der Pilger wird nicht mehr zufällig sehen, sondern gezielt konfrontiert. Damit bereitet die Terzina die nächste Enthüllung vor und hält die didaktische Spannung des Gesangs aufrecht.

Terzina 28 (V. 82–84)

Vers 82: E ’l buon maestro, sanza mia dimanda,

„Und der gute Meister, ohne dass ich fragte,“

Der Vers leitet eine neue didaktische Intervention Virgils ein. Noch bevor Dante selbst eine Frage stellt oder seine Wahrnehmung artikuliert, ergreift der Führer das Wort. Die Initiative zur Erkenntnis liegt erneut nicht beim Pilger, sondern bei der leitenden Instanz.

Analytisch ist die Wendung „sanza mia dimanda“ zentral. Sie betont, dass Virgils Führung antizipierend ist. Er reagiert nicht auf Unsicherheit, sondern erkennt selbst den erkenntnisrelevanten Moment. Der Titel „’l buon maestro“ unterstreicht dabei nicht Autorität im strengen Sinn, sondern wohlwollende, pädagogische Fürsorge.

Interpretatorisch zeigt sich hier ein wichtiges Prinzip der Commedia: Erkenntnis muss nicht immer erfragt werden, sondern wird dort angeboten, wo der Blick des Pilgers allein nicht ausreicht. Virgil fungiert als Garant dafür, dass Dante nicht nur sieht, sondern das Wesentliche sieht. Führung bedeutet hier Vorauswissen und Lenkung der Aufmerksamkeit.

Vers 83: mi disse: «Guarda quel grande che vene,

„sagte zu mir: ‚Sieh jenen Großen, der herankommt,‘“

Der zweite Vers konkretisiert die Anweisung. Virgils Sprache ist einfach und imperativisch. Der Blick soll auf eine bestimmte Gestalt gelenkt werden, die sich aus der Masse heraushebt.

Analytisch ist das Attribut „quel grande“ entscheidend. Es verweist nicht nur auf körperliche Größe, sondern auf eine besondere Erscheinung, möglicherweise auf Rang, Ansehen oder frühere Bedeutung. Die Bewegung „che vene“ macht die Begegnung unausweichlich: Die Gestalt kommt Dante entgegen.

Interpretatorisch kündigt der Vers eine exemplarische Figur an. Innerhalb der anonymen Menge der Gepeitschten hebt sich jemand hervor, der trotz der Strafe eine besondere Präsenz bewahrt. Virgil bereitet den Pilger darauf vor, nicht nur Elend, sondern auch eine paradoxe Form von Würde oder Größe wahrzunehmen. Erkenntnis soll hier differenziert erfolgen, nicht nivellierend.

Vers 84: e per dolor non par lagrime spanda:

„und der trotz des Schmerzes nicht scheint, Tränen zu vergießen.“

Der dritte Vers fügt eine überraschende Charakterisierung hinzu. Die hervorgehobene Gestalt leidet sichtbar, zeigt jedoch keine Tränen. Schmerz ist präsent, aber emotionaler Ausdruck bleibt aus.

Analytisch ist diese Beobachtung vielschichtig. Tränen sind im Inferno häufige Zeichen von Reue, Selbstmitleid oder Verzweiflung. Dass dieser Verdammte keine Tränen zeigt, markiert ihn als Ausnahme. Die Negation („non par“) hält die Beobachtung bewusst offen und vermeidet eine eindeutige psychologische Zuschreibung.

Interpretatorisch deutet dieser Vers auf eine komplexe Gestalt hin. Die Abwesenheit von Tränen kann auf Stolz, innere Härte oder heroische Selbstbeherrschung verweisen. Zugleich kann sie eine tiefere Verstocktheit anzeigen. Virgil lenkt Dantes Aufmerksamkeit genau auf diese Ambivalenz: Größe und Schuld, Würde und Verdammnis fallen hier zusammen. Der Leser wird darauf vorbereitet, eine Figur zu sehen, die nicht einfach in das Schema des gebrochenen Sünders passt.

Gesamtdeutung der Terzina

Die achtundzwanzigste Terzina fungiert als gezielte Vorbereitung auf eine besonders bedeutsame Begegnung. Virgil greift aktiv in die Wahrnehmung ein und lenkt Dantes Blick auf eine einzelne Gestalt, die sich durch Größe und emotionale Zurückhaltung auszeichnet. Die Szene ist bewusst spannungsreich angelegt.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler Bedeutung, weil sie zeigt, dass die infernalische Ordnung nicht alle Verdammten nivelliert. Auch innerhalb der Strafe bleiben Unterschiede sichtbar, die Erkenntnis herausfordern. Größe verschwindet nicht automatisch mit Schuld, und Leid äußert sich nicht immer gleichförmig. Virgil lehrt Dante hier eine feinere Wahrnehmung: nicht nur zu sehen, wer leidet, sondern wie er leidet. Damit wird die Bühne für die folgende Identifikation Jasons bereitet und zugleich das moralische Denken des Pilgers weiter differenziert.

Terzina 29 (V. 85–87)

Vers 85: quanto aspetto reale ancor ritene!

„Wie viel königliches Gepräge er noch bewahrt!“

Der Vers ist als ausrufende Feststellung gestaltet und vertieft die zuvor angedeutete Besonderheit der Gestalt. Trotz der infernalischen Strafe haftet dem Verdammten weiterhin ein Eindruck von Würde und Hoheit an. Der Blick verweilt nicht beim Leiden, sondern bei der Erscheinung.

Analytisch ist der Ausdruck „aspetto reale“ vielschichtig. Er bezeichnet nicht nur äußere Haltung oder Gestalt, sondern ein Ensemble aus Auftreten, Selbstkontrolle und sozialem Rang. Das Adverb „ancor“ hebt die Persistenz dieser Qualität hervor: Sie ist nicht ausgelöscht, sondern überdauert selbst die Hölle.

Interpretatorisch wird hier eine zentrale Spannung des Gesangs sichtbar. Größe und Schuld schließen sich nicht aus. Die Hölle tilgt nicht alle Merkmale früherer Exzellenz, sondern stellt sie in einen paradoxen Zusammenhang mit der Strafe. Die fortbestehende Würde wird nicht rehabilitierend, sondern problematisierend gezeigt: Sie verstärkt den Kontrast zwischen dem, was jemand war, und dem, wofür er verurteilt ist.

Vers 86: Quelli è Iasón, che per cuore e per senno

„Das ist Jason, der durch Mut und Verstand“

Der zweite Vers vollzieht die Identifikation der Gestalt. Jason wird namentlich genannt und zugleich durch seine klassischen Tugenden charakterisiert: Mut („cuore“) und Klugheit („senno“). Die Benennung erfolgt sachlich und ohne moralische Einordnung.

Analytisch ist die Paarung der Tugenden bemerkenswert. Sie sind genau jene Eigenschaften, die Jason in der antiken Überlieferung zum Helden machen. Dante negiert diese Qualitäten nicht, sondern bestätigt sie explizit. Der Vers trennt Leistung von moralischem Urteil.

Interpretatorisch wird hier Dantes Umgang mit der antiken Tradition sichtbar. Heroische Größe wird anerkannt, aber nicht absolut gesetzt. Jason bleibt der große Held der Argonautensage, doch diese Größe schützt ihn nicht vor moralischer Verurteilung. Die Hölle ist kein Ort der Vergessenheit, sondern der präzisen Erinnerung an das, was jemand konnte und wie er es gebraucht hat.

Vers 87: li Colchi del monton privati féne.

„die Kolcher des Widders beraubte.“

Der dritte Vers benennt Jasons berühmteste Tat: den Raub des Goldenen Vlieses. Die Handlung wird nüchtern, fast lakonisch formuliert und auf ihr Ergebnis reduziert.

Analytisch ist die Wortwahl entscheidend. Jason „beraubt“ („privati féne“) die Kolcher. Der heroische Raub erscheint semantisch als Entzug, nicht als Ruhmestat. Der Vers verschiebt die Perspektive von der Leistung des Helden zur Konsequenz für die Betroffenen.

Interpretatorisch wird hier die moralische Neubewertung des Mythos vorbereitet. Was in der Antike als glorreicher Erfolg galt, erscheint im Kontext Malebolges als Akt der Täuschung und Ausnutzung. Jason wird nicht für Tapferkeit bestraft, sondern für die manipulative Anwendung seiner Fähigkeiten. Der Mythos wird nicht verworfen, sondern ethisch umgedeutet.

Gesamtdeutung der Terzina

Die neunundzwanzigste Terzina identifiziert Jason als zentrale Gestalt der zweiten Gruppe der ersten Bolgia und entfaltet die grundlegende Spannung seiner Figur. Heroische Größe, königliches Auftreten und außergewöhnliche Fähigkeiten bleiben sichtbar, selbst im Zustand der Verdammnis. Dante löscht die antike Tradition nicht aus, sondern integriert sie kritisch in seine moralische Ordnung.

Für den Gesang ist diese Terzina von besonderer Bedeutung, weil sie zeigt, dass Täuschung nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke hervorgehen kann. Jason ist kein kleiner Betrüger, sondern ein großer Held, dessen Vernunft und Mut zur Manipulation anderer eingesetzt wurden. Die Hölle entwertet diese Fähigkeiten nicht, sondern stellt sie in ein neues Licht: Größe ohne moralische Bindung wird zur Quelle besonders schwerer Schuld. Damit vertieft die Terzina das zentrale Thema Malebolges und macht deutlich, dass Verantwortung mit Fähigkeit wächst.

Terzina 30 (V. 88–90)

Vers 88: Ello passò per l’isola di Lenno

„Er kam auf die Insel Lemnos,“

Der Vers setzt Virgils Darstellung der Biographie Jasons fort und führt eine neue Station seines Lebens ein. Die Bewegung „passò“ verweist auf ein Durchqueren oder Vorübergehen und stellt Lemnos als Zwischenstation dar, nicht als Ziel.

Analytisch ist diese Bewegungsform bedeutsam. Jason erscheint erneut als jemand, der Räume betritt und verlässt, ohne Bindung einzugehen. Die Insel Lemnos wird nicht beschrieben, sondern lediglich benannt, was ihre Funktion als Schauplatz eines moralisch relevanten Ereignisses vorbereitet.

Interpretatorisch markiert der Vers den Übergang von heroischer Tat zu moralisch ambivalenter Episode. Lemnos ist kein Ort des Ruhms, sondern der Krise und des Ausnahmezustands. Dass Jason hier „vorübergeht“, deutet bereits an, dass er diese Situation nicht zur Ordnung, sondern zur eigenen Vorteilnahme nutzt.

Vers 89: poi che l’ardite femmine spietate

„nachdem die kühnen, grausamen Frauen“

Der zweite Vers liefert den historischen und mythischen Kontext. Die Frauen von Lemnos werden als aktiv, kühn und zugleich grausam beschrieben. Sie sind die handelnden Subjekte eines kollektiven Verbrechens.

Analytisch ist die Wortwahl ambivalent. „Ardite“ bezeichnet Mut oder Kühnheit, „spietate“ Grausamkeit. Die Kombination dieser Attribute verweigert eine einfache moralische Einordnung. Die Frauen handeln entschlossen, aber ohne Mitleid.

Interpretatorisch bereitet dieser Vers eine Spiegelung vor. Jason tritt in eine Welt ein, in der Gewalt und Grenzüberschreitung bereits stattgefunden haben. Die moralische Ordnung ist hier schon zerstört. Gerade in dieser Situation zeigt sich jedoch Jasons eigene Schuld nicht als Reaktion, sondern als Ausnutzung der Lage.

Vers 90: tutti li maschi loro a morte dienno.

„alle ihre Männer dem Tod preisgegeben hatten.“

Der dritte Vers benennt die Tat der Lemnierinnen klar und ohne Umschweife. Es handelt sich um einen vollständigen, kollektiven Mord an den Männern der Insel.

Analytisch ist die Totalität der Handlung entscheidend. „Tutti“ lässt keine Ausnahme zu. Die Gewalt ist umfassend und endgültig. Der Vers stellt einen radikalen Bruch der natürlichen und sozialen Ordnung dar.

Interpretatorisch dient diese Information als moralischer Hintergrund für Jasons Verhalten. Er trifft auf eine Gesellschaft ohne männliche Ordnung und nutzt diese Situation nicht zur Heilung oder Distanzierung, sondern zur eigenen Verführungspraxis. Die vorausgegangene Schuld der Frauen entschuldigt seine eigene nicht, sondern bildet den Resonanzraum, in dem sie sich entfaltet.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dreißigste Terzina erweitert das Bild Jasons um eine weitere entscheidende Episode und vertieft die moralische Analyse seiner Schuld. Lemnos erscheint als Ort des radikalen Ausnahmezustands, geprägt von Gewalt, Verlust und sozialer Entgrenzung. Jason betritt diesen Raum nicht als Ordnungsstifter, sondern als Nutznießer.

Für den Gesang ist diese Terzina wichtig, weil sie zeigt, dass Jasons Täuschung nicht isoliert geschieht, sondern sich in bereits gestörte Verhältnisse einschreibt und diese weiter pervertiert. Die Episode macht deutlich, dass Schuld nicht relativiert wird, nur weil sie auf Schuld trifft. Vielmehr verschärft sich die moralische Verantwortung dort, wo jemand mit Vernunft und Stärke in einen zerstörten Raum eintritt und ihn nicht heilt, sondern für eigene Zwecke ausnutzt. Damit bereitet die Terzina unmittelbar die folgende Darstellung von Jasons Verhalten gegenüber Hypsipyle vor und führt die Linie von Größe, Möglichkeit und Missbrauch konsequent fort.

Terzina 31 (V. 91–93)

Vers 91: Ivi con segni e con parole ornate

„Dort mit Zeichen und mit geschmückten Worten“

Der Vers eröffnet die Beschreibung von Jasons konkreter Täuschungshandlung auf Lemnos. Der Ort „ivi“ bindet die Handlung unmittelbar an die zuvor geschilderte Ausnahmesituation der Insel. Die Mittel der Täuschung werden klar benannt: Zeichen und kunstvoll ausgestaltete Rede.

Analytisch ist die Doppelung „segni“ und „parole ornate“ zentral. Täuschung erfolgt nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Gesten, Symbole und performative Signale. Die „ornate“ Rede verweist auf Rhetorik, Schmuck, Überformung – Sprache wird nicht zur Wahrheit, sondern zur Verführung eingesetzt.

Interpretatorisch wird hier das Wesen der Sünde präzise gefasst. Jason lügt nicht grob oder offen, sondern arbeitet mit Attraktivität, Anspielung und rhetorischer Kunst. Gerade diese Verfeinerung macht seine Schuld schwerwiegend. Vernunft und Ausdrucksfähigkeit, eigentlich Werkzeuge der Erkenntnis, werden in Instrumente der Täuschung verwandelt.

Vers 92: Isifile ingannò, la giovinetta

„täuschte er Hypsipyle, das junge Mädchen,“

Der zweite Vers benennt das Opfer der Täuschung. Hypsipyle wird namentlich genannt und zugleich durch ihr Alter charakterisiert. Sie erscheint als junge, unerfahrene Gestalt.

Analytisch ist die Kombination von Name und Attribut bedeutsam. Der Eigenname individualisiert, das Beiwort „la giovinetta“ betont Verletzlichkeit. Die Täuschung richtet sich nicht gegen eine anonyme Menge, sondern gegen eine konkrete, schutzbedürftige Person.

Interpretatorisch erhält Jasons Schuld hier eine besondere Schärfe. Er täuscht nicht nur allgemein, sondern nutzt gezielt die Unerfahrenheit und emotionale Offenheit eines jungen Menschen. Täuschung wird zur moralischen Ausbeutung. Die Szene rückt Jason eindeutig in die Reihe der Verführer, nicht nur der listigen Helden.

Vers 93: che prima avea tutte l’altre ingannate.

„die zuvor alle anderen getäuscht hatte.“

Der dritte Vers fügt eine überraschende Wendung hinzu. Hypsipyle war selbst zuvor eine Täuscherin. Sie hatte die anderen Frauen von Lemnos betrogen, indem sie ihren Vater verschonte und dies verbarg.

Analytisch erzeugt dieser Vers eine Spiegelstruktur. Täuschung trifft auf Täuschung. Die Opferrolle ist nicht moralisch ungebrochen. Der Vers verhindert eine einfache Täter-Opfer-Dichotomie.

Interpretatorisch verschärft diese Information jedoch nicht die Relativierung, sondern die Tragik. Hypsipyle wird nicht entschuldigt, aber ihre frühere Täuschung macht sie besonders anfällig für Jasons Manipulation. Die Sünde zieht Sünde nach sich. Täuschung erzeugt eine Welt, in der Täuschung plausibel und wirksam wird. Jason nutzt genau diese moralische Vorbelastung aus.

Gesamtdeutung der Terzina

Die einunddreißigste Terzina bildet den Kern der moralischen Anklage gegen Jason. Sie zeigt, wie Täuschung konkret funktioniert: durch rhetorische Kunst, durch Zeichen, durch das Ausnutzen von Situation und Person. Die Sünde wird nicht abstrakt, sondern in ihrer psychologischen und sozialen Dynamik sichtbar.

Für den Gesang ist diese Terzina zentral, weil sie die Logik Malebolges exemplarisch bestätigt. Täuschung ist nicht nur eine Tat, sondern ein System von Zeichen, Sprache und Macht. Dass Hypsipyle selbst zuvor getäuscht hat, zeigt die selbstverstärkende Struktur dieser Sünde. Malebolge erscheint hier als Raum, in dem sich diese Ketten offenbaren und in ewiger Wiederholung festschreiben. Die Terzina macht deutlich, dass rhetorische Brillanz ohne moralische Bindung nicht Größe, sondern Verderben erzeugt.

Terzina 32 (V. 94–96)

Vers 94: Lasciolla quivi, gravida, soletta;

„Dort ließ er sie zurück, schwanger, allein;“

Der Vers schildert die Konsequenz von Jasons Täuschung in einer knappen, aber eindringlichen Aufzählung. Drei Zustände werden nebeneinandergestellt: das Verlassenwerden, die Schwangerschaft und die Einsamkeit. Die Sprache ist nüchtern, fast protokollarisch, und gerade dadurch besonders hart.

Analytisch ist die parataktische Struktur entscheidend. „Quivi, gravida, soletta“ reiht Ortsangabe, körperlichen Zustand und existenzielle Lage ohne verbindende Elemente aneinander. Diese Verdichtung zwingt den Leser, die Tragweite der Handlung ohne rhetorische Abschwächung wahrzunehmen. Die Tat wird nicht psychologisch erklärt, sondern in ihren Folgen fixiert.

Interpretatorisch zeigt der Vers den tiefsten Punkt von Jasons Schuld. Täuschung endet nicht im Moment der Verführung, sondern in der verantwortungslosen Preisgabe des anderen. Die Schwangerschaft steht für Zukunft, Bindung und Verantwortung; das Alleinlassen negiert all dies radikal. Jason zerstört nicht nur Vertrauen, sondern entzieht sich bewusst den Konsequenzen seines Handelns.

Vers 95: tal colpa a tal martiro lui condanna;

„eine solche Schuld verurteilt ihn zu solcher Qual;“

Der zweite Vers formuliert explizit den Zusammenhang zwischen Tat und Strafe. Schuld und Martyrium werden einander spiegelbildlich zugeordnet. Die Strafe erscheint nicht als willkürliche Sanktion, sondern als notwendige Entsprechung.

Analytisch ist die Parallelstruktur „tal colpa – tal martiro“ zentral. Sie stellt eine proportionale Gerechtigkeit her, die auf Ähnlichkeit beruht. Der Vers ist generalisierend formuliert und hebt sich damit über den Einzelfall hinaus zu einer moralischen Regel.

Interpretatorisch wird hier das Prinzip des contrapasso deutlich ausgesprochen. Jason wird nicht trotz, sondern wegen seiner Größe und seiner spezifischen Schuld so bestraft. Die ewige Getriebenheit in der Bolgia entspricht seiner Lebenspraxis: Er ließ andere zurück und entzieht sich nun selbst jeder Ruhe. Die Hölle erscheint als Ort, an dem Handlungen ihre eigene Form von Ewigkeit annehmen.

Vers 96: e anche di Medea si fa vendetta.

„und auch an Medea wird Vergeltung geübt.“

Der dritte Vers erweitert den Horizont der Schuld erneut. Neben Hypsipyle tritt Medea als weiteres Opfer Jasons in den Blick. Die Strafe Jasons erhält dadurch eine zusätzliche, überindividuelle Dimension.

Analytisch ist der Ausdruck „si fa vendetta“ bemerkenswert unpersönlich. Es ist nicht Gott, nicht ein Dämon, nicht eine konkrete Instanz, die rächt. Die Vergeltung geschieht gleichsam im System selbst. Medeas Leid wird nicht erzählt, sondern vorausgesetzt.

Interpretatorisch verbindet der Vers Mythos und Moral. Medea steht für die extremste Konsequenz von Jasons Täuschung: Verrat, Verlassenwerden, zerstörte Ordnung. Dass an Jason nun „auch“ Medea gerächt wird, macht deutlich, dass Schuld sich nicht auf ein einzelnes Opfer begrenzen lässt. Die Hölle bündelt die ungesühnten Folgen eines Lebens zu einer einzigen, dauerhaften Antwort.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zweiunddreißigste Terzina bildet den moralischen Kulminationspunkt der Jason-Episode. Sie führt die abstrakte Schuld der Täuschung auf ihre existenziellen Konsequenzen zurück: Verlassenheit, Verantwortungslosigkeit und zerstörte Zukunft. Gleichzeitig formuliert sie ausdrücklich den Zusammenhang zwischen Tat und Strafe.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler Bedeutung, weil sie zeigt, dass Malebolge kein Raum isolierter Einzelvergehen ist. Jasons Strafe bündelt mehrere Biographien, mehrere Verletzungen, mehrere ungesühnte Beziehungen. Die Hölle erscheint hier als Ort der Zusammenfassung: Was im Leben fragmentiert, verdrängt oder nacheinander geschah, wird im Jenseits in einer einzigen, unentrinnbaren Ordnung zusammengeführt. Täuschung zeigt sich damit nicht nur als moralischer Fehler, sondern als zerstörerische Kraft über Zeit, Beziehung und Zukunft hinweg.

Terzina 33 (V. 97–99)

Vers 97: Con lui sen va chi da tal parte inganna;

„Mit ihm gehen all jene, die auf solche Weise täuschen;“

Der Vers löst die zuvor auf Jason konzentrierte Darstellung wieder in eine allgemeine Perspektive auf. Jason wird zum exemplarischen Zentrum einer größeren Gruppe, die sich durch dieselbe Art von Schuld auszeichnet. Die Bewegung setzt sich fort; der Blick bleibt nicht beim Einzelnen stehen.

Analytisch ist die Wendung „con lui“ entscheidend. Sie bindet die Vielzahl der Sünder an die exemplarische Figur, ohne sie zu nivellieren. Jason fungiert als Referenzpunkt, nicht als Ausnahme. Das Relativpronomen „chi“ öffnet den Kreis ausdrücklich und macht die Kategorie der Schuld entscheidender als individuelle Biographie.

Interpretatorisch markiert dieser Vers die didaktische Funktion Jasons. Er ist nicht nur eine historische oder mythologische Figur, sondern ein Maßstab, an dem eine ganze Gruppe von Täuschern erkennbar wird. Täuschung erscheint hier als strukturelle Praxis mit wiederholbaren Mustern, nicht als singuläres Verbrechen.

Vers 98: e questo basti de la prima valle

„und dies möge über das erste Tal genügen“

Der zweite Vers markiert einen expliziten Einschnitt im Erkenntnisgang. Virgil beendet die Darstellung der ersten Bolgia und signalisiert, dass das Gesehene und Gesagte ausreichend ist.

Analytisch ist die Formulierung „questo basti“ normativ. Sie setzt ein Maß für Erkenntnis und verweigert weitere Ausdehnung. Wissen wird nicht durch Vollständigkeit, sondern durch Angemessenheit bestimmt. Die „prima valle“ wird als abgeschlossene Einheit behandelt.

Interpretatorisch zeigt sich hier eine wichtige Grenze der Erkenntnis. Der Pilger soll nicht alles sehen, nicht alles hören, nicht alles auskosten. Moralische Einsicht entsteht durch exemplarische Verdichtung, nicht durch exhaustive Sammlung. Virgil schützt Dante vor Übermaß und hält den Weg offen für weiteres Lernen.

Vers 99: sapere e di color che ’n sé assanna».

„zu wissen, auch über jene, die sich selbst verzehren.“

Der dritte Vers fügt eine zusammenfassende moralische Charakterisierung hinzu. Die Sünder werden als solche bezeichnet, die sich „in sich selbst verbeißen“ oder „sich selbst zerfleischen“.

Analytisch ist das Bild stark metaphorisch. „Assannare“ evoziert ein tierisches, zerstörerisches Beißen, das nach innen gerichtet ist. Täuschung erscheint hier nicht nur als Schaden für andere, sondern als selbstzerstörerische Praxis. Die Metapher schließt den Kreis von Bewegung, Gewalt und innerer Zerrüttung.

Interpretatorisch wird die tiefste Wahrheit der ersten Bolgia formuliert. Wer andere täuscht, zerstört letztlich sich selbst. Die Hölle macht diese innere Logik sichtbar, indem sie sie äußerlich vollzieht. Die Sünder laufen, werden gepeitscht, werden bloßgestellt – und sie sind doch vor allem Opfer ihrer eigenen inneren Zerrissenheit.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dreiunddreißigste Terzina schließt die Darstellung der ersten Bolgia ausdrücklich ab und fasst ihre moralische Logik zusammen. Jason wird vom individuellen Fall zur exemplarischen Figur, an die sich eine ganze Gruppe von Täuschern anschließt. Erkenntnis wird bewusst begrenzt und zugleich verdichtet.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler struktureller Bedeutung. Sie markiert das Ende eines Erkenntnisraums und bereitet den Übergang zum nächsten vor. Zugleich formuliert sie die innere Wahrheit der hier bestraften Sünde: Täuschung ist letztlich Selbstzerstörung. Malebolge erscheint damit nicht nur als Ort äußerer Gewalt, sondern als Raum, in dem die innere Dynamik der Schuld sichtbar, beweglich und unausweichlich wird. Der Weg kann weitergehen, weil das Wesentliche erkannt ist.

Terzina 34 (V. 100–102)

Vers 100: Già eravam là ’ve lo stretto calle

„Schon waren wir dort, wo der schmale Pfad“

Der Vers markiert einen neuen räumlichen Zustand, der zugleich als Ergebnis der vorausgehenden Bewegung formuliert ist. Mit „già eravam“ wird angezeigt, dass der Übergang vollzogen ist; die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf das Gehen, sondern auf das Angekommensein an einer strukturell bedeutsamen Stelle.

Analytisch verbindet der Vers Zeitlichkeit und Topographie. Das „già“ signalisiert einen kaum wahrgenommenen, fließenden Übergang. Der „stretto calle“, der schmale Weg, evoziert Enge, Konzentration und gerichtete Bewegung. Der Raum wird enger, präziser, stärker geführt.

Interpretatorisch deutet der schmale Pfad auf eine zunehmende Differenzierung der infernalischen Ordnung hin. Nach der abgeschlossenen Erkenntnis der ersten Bolgia wird der Weg nicht weiter, sondern enger. Erkenntnis schreitet nicht durch Ausweitung, sondern durch Zuspitzung voran. Der Pilger betritt einen Raum, der weniger Überblick, dafür mehr strukturelle Komplexität verlangt.

Vers 101: con l’argine secondo s’incrocicchia,

„sich mit dem zweiten Damm kreuzt,“

Der zweite Vers präzisiert die räumliche Situation weiter. Der schmale Weg trifft auf den zweiten Randdamm der Malebolge. Zwei strukturierende Elemente schneiden sich.

Analytisch ist das Verb „s’incrocicchia“ entscheidend. Es bezeichnet kein bloßes Aneinanderstoßen, sondern ein Kreuzungs- oder Verschlingungsmoment. Die Architektur der Hölle wird zunehmend komplex. Wege, Dämme und Übergänge überlagern sich.

Interpretatorisch markiert diese Kreuzung einen Übergangspunkt zwischen zwei Erkenntnisräumen. Die erste Bolgia ist abgeschlossen, die zweite kündigt sich an. Der Schnittpunkt der Wege ist ein Schwellenort, an dem Orientierung neu gewonnen werden muss. Die Hölle erscheint hier nicht linear, sondern verschachtelt und systematisch gegliedert.

Vers 102: e fa di quello ad un altr’ arco spalle.

„und bildet daraus den Rücken eines weiteren Bogens.“

Der dritte Vers beschreibt die architektonische Konsequenz dieser Kreuzung. Aus der Verbindung von Pfad und Damm entsteht ein neuer Bogen, eine tragende Struktur für den weiteren Weg.

Analytisch ist das Bild des „arco“ zentral. Der Bogen ist ein Übergangselement, das Überbrückung und Trennung zugleich leistet. „Spalle“ deutet auf tragende Funktion hin. Architektur wird hier als aktiv strukturierendes Prinzip sichtbar.

Interpretatorisch zeigt dieser Vers, dass jede abgeschlossene Erkenntnis zugleich Grundlage für die nächste ist. Die erste Bolgia trägt gewissermaßen den Übergang zur zweiten. Der Weg ist kumulativ: Was erkannt wurde, wird Teil der tragenden Struktur des weiteren Abstiegs. Die Hölle ist kein loses Nebeneinander von Strafen, sondern ein aufeinander aufbauendes System.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierunddreißigste Terzina markiert den architektonischen und erkenntnishaften Übergang von der ersten zur zweiten Bolgia. Der Weg wird enger, die Struktur komplexer, die Orientierung anspruchsvoller. Bewegung ist weiterhin möglich, aber nur innerhalb klar geführter Bahnen.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler Bedeutung, weil sie den Abschluss der ersten Talzone nicht nur narrativ, sondern räumlich fixiert. Die Kreuzung der Wege und die Entstehung eines neuen Bogens machen deutlich, dass Erkenntnisräume nicht isoliert sind, sondern aufeinander aufbauen. Der Pilger schreitet weiter, getragen von dem, was er gesehen und verstanden hat. Damit bereitet die Terzina den Eintritt in die zweite Bolgia vor und signalisiert zugleich eine Vertiefung der moralischen und strukturellen Ordnung Malebolges.

Terzina 35 (V. 103–105)

Vers 103: Quindi sentimmo gente che si nicchia

„Von dort hörten wir Leute, die sich krümmen,“

Der Vers markiert den ersten sinnlichen Kontakt mit der zweiten Bolgia, noch bevor sie sichtbar wird. Wahrnehmung erfolgt hier zunächst auditiv. Dante und Virgil hören menschliche Laute, die auf körperliche Qual und innere Unruhe schließen lassen.

Analytisch ist das Verb „sentimmo“ entscheidend. Der Übergang in die neue Strafzone beginnt nicht mit dem Sehen, sondern mit dem Hören. „Si nicchia“ bezeichnet ein Sich-Krümmen, Sich-Zusammenziehen, eine reflexhafte Körperhaltung des Unbehagens. Die Körper reagieren unmittelbar auf ihre Umgebung.

Interpretatorisch zeigt dieser Vers, dass die zweite Bolgia nicht primär durch Bewegung, sondern durch innere und körperliche Reaktion charakterisiert ist. Während in der ersten Bolgia Zwangslauf und äußere Gewalt dominierten, kündigt sich hier eine Strafe an, die stärker nach innen wirkt. Das Hören vor dem Sehen verstärkt den Eindruck von Abscheu und Erwartung.

Vers 104: ne l’altra bolgia e che col muso scuffa,

„in der anderen Bolgia, und die mit dem Gesicht schnauben,“

Der zweite Vers lokalisiert die Geräusche eindeutig in der zweiten Bolgia und konkretisiert die körperlichen Gesten der Verdammten. Das „muso scuffare“ evoziert animalisches Schnauben, Schnaufen oder Prusten.

Analytisch ist die Wortwahl bewusst derb. „Muso“ bezeichnet nicht das menschliche Gesicht, sondern eine Schnauze. Die Sprache entmenschlicht die Gestalten. Die Verdammten werden nicht nur gequält, sondern in ihrer Ausdrucksweise auf eine tierhafte Ebene reduziert.

Interpretatorisch wird hier eine neue Qualität der Strafe sichtbar. Täuschung durch Schmeichelei, die Sünde der zweiten Bolgia, entwertete Sprache. Nun wird Sprache selbst zerstört und in unartikulierte Laute verwandelt. Das Schnauben ersetzt das Wort. Die Verdammten verlieren genau das Medium, das sie im Leben missbraucht haben.

Vers 105: e sé medesma con le palme picchia.

„und sich selbst mit den Handflächen schlagen.“

Der dritte Vers ergänzt das Bild um eine selbstgerichtete Gewalt. Die Verdammten schlagen sich selbst, nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Antrieb.

Analytisch ist diese Selbstaggression zentral. Anders als in der ersten Bolgia tritt hier keine dämonische Instanz als unmittelbarer Peiniger auf. Die Gewalt wird von den Verdammten selbst vollzogen. Der Körper wird zugleich Täter und Opfer.

Interpretatorisch macht dieser Vers die innere Logik der zweiten Bolgia sichtbar. Die Schmeichler haben im Leben durch süße Worte andere manipuliert und sich selbst erniedrigt. Nun richtet sich die Erniedrigung vollständig nach innen. Die Selbstschläge sind Ausdruck einer ewigen Selbstverachtung, die keine äußere Peitsche mehr benötigt. Die Sünde wirkt autonom weiter.

Gesamtdeutung der Terzina

Die fünfunddreißigste Terzina markiert den Eintritt in die zweite Bolgia auf eine neue, deutlich verschärfte Weise. Wahrnehmung beginnt mit Geräuschen, mit unartikulierten Lauten und körperlichen Reflexen, nicht mit klaren Bildern. Die Verdammten erscheinen entmenschlicht, sprachlos und in sich selbst gefangen.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie einen klaren Kontrast zur ersten Bolgia setzt. Dort dominierten äußere Gewalt, Bewegung und Ordnung; hier treten innere Zerrüttung, Selbstaggression und sprachlicher Zerfall in den Vordergrund. Die Hölle differenziert nicht nur die Sünden, sondern auch die Art ihrer Erfahrung. Täuschung durch Schmeichelei führt nicht zur Peitsche von außen, sondern zur Selbstpeinigung von innen. Damit wird die moralische Präzision der infernalischen Ordnung weiter vertieft und der Leser auf eine noch abstoßendere Form der Strafe vorbereitet.

Terzina 36 (V. 106–108)

Vers 106: Le ripe eran grommate d’una muffa,

„Die Ufer waren von einem Schimmel verkrustet,“

Der Vers beschreibt erstmals das materielle Erscheinungsbild der zweiten Bolgia. Die Böschungen sind nicht bloß schmutzig, sondern von einer dichten, festhaftenden Schicht überzogen. Der Raum wirkt organisch verdorben.

Analytisch ist das Verb „grommate“ entscheidend. Es bezeichnet kein oberflächliches Bedecken, sondern ein Verkrusten, ein dauerhaftes Überziehen. Die Muffa erscheint als Ergebnis eines langen, fortdauernden Prozesses. Der Raum selbst ist infiziert.

Interpretatorisch wird hier die Umwelt als Spiegel der Sünde lesbar. Die Schmeichelei hat im Leben eine Atmosphäre falscher Süße und Verwesung erzeugt. Nun ist diese moralische Fäulnis in die Materie übergegangen. Die Hölle zeigt nicht nur leidende Körper, sondern eine durch Schuld geformte Landschaft.

Vers 107: per l’alito di giù che vi s’appasta,

„durch den Atem von unten, der sich dort ansetzt,“

Der zweite Vers erklärt die Ursache der Muffbildung. Ein Atem oder Dunst steigt aus der Tiefe auf und setzt sich an den Ufern fest. Der Raum ist von unten her kontaminiert.

Analytisch ist „alito“ ein starkes Bild. Atem ist normalerweise Zeichen von Leben. Hier wird er zur Quelle von Verwesung. Das Verb „s’appasta“ verstärkt den Eindruck einer klebrigen, zähen Substanz, die sich anlagert und nicht mehr löst.

Interpretatorisch zeigt dieser Vers, dass die Strafe der Schmeichler nicht lokal begrenzt ist, sondern atmosphärisch wirkt. Die falschen Worte, die im Leben wie süßer Atem wirkten, verwandeln sich in einen erstickenden Dunst. Die Sünde vergiftet nicht nur einzelne Akte, sondern das gesamte Umfeld.

Vers 108: che con li occhi e col naso facea zuffa.

„der mit Augen und Nase in Streit geriet.“

Der dritte Vers beschreibt die sinnliche Wirkung dieser Atmosphäre. Sehen und Riechen werden angegriffen. Wahrnehmung selbst wird zur Qual.

Analytisch ist die Wendung „facea zuffa“ bemerkenswert. Sie personifiziert den Dunst als aggressiven Gegner der Sinne. Die Wahrnehmung ist nicht mehr neutral, sondern konflikthaft. Sinneserfahrung wird verzerrt und schmerzhaft.

Interpretatorisch wird hier die umfassende Dimension der Strafe sichtbar. Die Schmeichler haben im Leben die Wahrnehmung anderer getäuscht, ihre Sinne mit süßen Worten manipuliert. Nun wird ihre eigene Wahrnehmung dauerhaft attackiert. Die Hölle stellt eine radikale Umkehrung her: Täuschung der Sinne wird Bestrafung der Sinne.

Gesamtdeutung der Terzina

Die sechsunddreißigste Terzina entfaltet die zweite Bolgia als Raum totaler sensorischer Verwesung. Die Landschaft selbst ist von der Sünde durchdrungen. Schimmel, Dunst und Gestank bilden eine Atmosphäre, in der Wahrnehmung nicht mehr verlässlich, sondern schmerzhaft ist.

Für den Gesang ist diese Terzina zentral, weil sie den qualitativen Unterschied zwischen erster und zweiter Bolgia klar herausstellt. Während dort äußere Ordnung und Gewalt dominierten, herrscht hier eine allumfassende, innerlich wie äußerlich wirkende Zersetzung. Die Sünde der Schmeichelei hat Sprache und Wahrnehmung korrumpiert; die Strafe korrumpiert nun den Raum selbst. Der Leser wird in eine Umgebung geführt, in der nichts mehr rein, klar oder neutral ist. Damit bereitet die Terzina die unmittelbare Konfrontation mit den im Kot versunkenen Schmeichlern vor und vertieft die ethische Logik Malebolges in ihrer sinnlich abstoßendsten Form.

Terzina 37 (V. 109–111)

Vers 109: Lo fondo è cupo sì, che non ci basta

„Der Grund ist so düster, dass es uns nicht genügt,“

Der Vers beschreibt die extreme Dunkelheit des Bodens der zweiten Bolgia. Die Finsternis ist nicht bloß atmosphärisch, sondern funktional wirksam: Sie verhindert unmittelbare Wahrnehmung. Der Raum entzieht sich dem Blick.

Analytisch ist die Steigerung „sì, che“ entscheidend. Dunkelheit wird nicht als Eigenschaft genannt, sondern als Ursache einer Wahrnehmungsgrenze. Sehen ist hier nicht selbstverständlich möglich. Der Raum widersetzt sich der Erkenntnis.

Interpretatorisch markiert dieser Vers eine neue epistemische Situation. In der zweiten Bolgia reicht unmittelbare Anschauung nicht mehr aus. Die Sünde der Schmeichelei, die mit Verdeckung, Verschleierung und falschem Glanz arbeitet, erzeugt einen Raum, in dem Wahrheit nicht auf Augenhöhe sichtbar ist. Erkenntnis verlangt einen Ortswechsel.

Vers 110: loco a veder sanza montare al dosso

„an Raum zum Sehen, ohne auf den Rücken hinaufzusteigen“

Der zweite Vers präzisiert die Konsequenz der Dunkelheit. Um sehen zu können, müssen Dante und Virgil ihre Position verändern. Der Blick von unten ist unzureichend.

Analytisch ist das Verb „montare“ zentral. Erkenntnis erfordert Anstrengung und Perspektivwechsel. Das „dosso“, der Rücken oder Kamm des Bogens, wird als notwendiger Aussichtspunkt eingeführt. Sehen wird zu einer aktiven Handlung.

Interpretatorisch wird hier ein zentrales Motiv der Commedia erneut variiert: Wahrheit erschließt sich nicht im unmittelbaren Verweilen im Schlamm der Sünde, sondern durch Distanz und Übersicht. Gerade dort, wo Täuschung herrscht, muss der Blick erhöht werden. Erkenntnis ist hier an Höhe gebunden.

Vers 111: de l’arco, ove lo scoglio più sovrasta.

„des Bogens, wo der Fels am höchsten aufragt.“

Der dritte Vers benennt den konkreten Ort, von dem aus Sehen möglich wird. Der Bogen, Teil der infernalischen Architektur, bietet den höchsten Punkt und damit den notwendigen Überblick.

Analytisch ist die Architektur erneut erkenntnisleitend. Der „arco“ ist nicht nur bauliches Element, sondern epistemisches Instrument. Höhe schafft Sicht. Der Fels „sovrasta“, überragt, und ermöglicht Distanz zum dunklen Grund.

Interpretatorisch wird hier die didaktische Logik des Raumes vollendet. Die zweite Bolgia zwingt den Pilger, sich über das Niveau der Verdammten zu erheben, um sie erkennen zu können. Nähe würde blenden, Distanz klärt. Die Hölle verlangt hier nicht Mitleiden, sondern Urteil aus erhöhter Position.

Gesamtdeutung der Terzina

Die siebenunddreißigste Terzina beschreibt die radikale Einschränkung unmittelbarer Wahrnehmung in der zweiten Bolgia und formuliert zugleich die notwendige Bedingung für Erkenntnis. Dunkelheit und Gestank verhindern das Sehen von unten; nur der Aufstieg zu einem erhöhten Standpunkt ermöglicht Einsicht.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie die Erkenntnisbedingungen explizit macht. Täuschung erzeugt nicht nur moralische Verwirrung, sondern auch visuelle und räumliche Undurchsichtigkeit. Wer verstehen will, muss Abstand gewinnen. Der Bogen wird zum Symbol einer reflektierten, übergeordneten Perspektive, die es erlaubt, das Niedrige als Niedriges zu erkennen. Damit bereitet die Terzina unmittelbar die Enthüllung der im Unrat versunkenen Schmeichler vor und schärft zugleich das methodische Selbstverständnis des Pilgers: Erkenntnis ist hier nur aus der Höhe möglich.

Terzina 38 (V. 112–114)

Vers 112: Quivi venimmo; e quindi giù nel fosso

„Dort kamen wir an; und von dort hinab in den Graben“

Der Vers markiert den erreichten Standort auf dem Bogen und zugleich den Übergang vom vorbereitenden Sehen zur eigentlichen Enthüllung. Die Bewegung ist abgeschlossen, der Blick richtet sich nun entschieden nach unten.

Analytisch ist die Zweiteilung des Verses wichtig. „Quivi venimmo“ schließt die Aufstiegsbewegung ab, während „e quindi giù“ den Richtungswechsel der Wahrnehmung anzeigt. Die räumliche Orientierung wird präzise gesteuert: Erkenntnis erfolgt von oben nach unten.

Interpretatorisch wird hier die methodische Haltung des Pilgers bestätigt. Erst nachdem der richtige Standpunkt erreicht ist, darf der Blick in den „fosso“ fallen. Die Hölle erlaubt Einsicht nur unter bestimmten Bedingungen. Das Hinabsehen ist kein neugieriger Akt, sondern Teil einer kontrollierten Erkenntnisbewegung.

Vers 113: vidi gente attuffata in uno sterco

„sah ich Menschen in einen Kot eingetaucht“

Der zweite Vers enthält die schockierende Enthüllung der Strafe. Die Schmeichler sind vollständig in Unrat versenkt. Die Beschreibung ist direkt, ohne Abschwächung oder metaphorische Verschleierung.

Analytisch ist das Verb „attuffata“ entscheidend. Es bezeichnet ein vollständiges Eintauchen, nicht bloßes Bedecktsein. Die Menschen sind nicht am Rand, sondern mitten im Kot. Der Begriff „gente“ bewahrt dabei einen Rest von Menschlichkeit, der im scharfen Kontrast zur entwürdigenden Umgebung steht.

Interpretatorisch wird hier das contrapasso in seiner drastischsten Form sichtbar. Die Schmeichler haben im Leben mit süßen Worten moralischen Unrat überdeckt. Nun sind sie selbst vollständig in das Abfallprodukt menschlicher Existenz versenkt. Die Sünde, die auf Verschleierung zielte, wird durch radikale Bloßstellung bestraft.

Vers 114: che da li uman privadi parea mosso.

„der aus menschlichen Aborten zu stammen schien.“

Der dritte Vers präzisiert die Herkunft des Unrats. Es handelt sich nicht um symbolischen Schmutz, sondern ausdrücklich um menschliche Exkremente. Die Strafe wird auf die niedrigste Stufe körperlicher Realität geführt.

Analytisch ist die scheinbare Einschränkung „parea“ wirkungsvoll. Sie mildert den Realismus nicht, sondern verstärkt ihn, indem sie den Eindruck unmittelbarer Sinneswahrnehmung wiedergibt. Die Verbindung von „uman“ und „privadi“ bindet den Kot direkt an menschliche Körperlichkeit.

Interpretatorisch liegt hier der tiefste moralische Punkt der zweiten Bolgia. Schmeichelei verwandelt das Niedrige in scheinbar Edles. Die Strafe kehrt diesen Prozess radikal um: Alles Verdeckte wird sichtbar, alles Beschönigte wird als Exkrement kenntlich gemacht. Der Mensch, der andere mit falschem Lob erniedrigte, wird nun selbst auf das Erniedrigendste reduziert.

Gesamtdeutung der Terzina

Die achtunddreißigste Terzina bildet den visuellen Kulminationspunkt der zweiten Bolgia. Nach auditiver Vorahnung, atmosphärischer Beschreibung und notwendigem Perspektivwechsel wird die Strafe nun vollständig enthüllt. Die Schmeichler sind nicht nur bestraft, sondern radikal entwürdigt.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler Bedeutung, weil sie die moralische Logik der Schmeichelei in eine extreme sinnliche Form übersetzt. Falsche Worte, die im Leben als angenehm, süß oder ehrend erschienen, entpuppen sich als moralischer Abfall. Die Hölle zwingt zur Erkenntnis dieser Wahrheit, indem sie jede ästhetische Distanz aufhebt. Der Leser wird nicht eingeladen zu interpretieren, sondern gezwungen zu sehen. Damit erreicht der Gesang einen Punkt maximaler Abstoßung, der zugleich maximale Klarheit erzeugt.

Terzina 39 (V. 115–117)

Vers 115: E mentre ch’io là giù con l’occhio cerco,

„Und während ich dort unten mit dem Blick suchte,“

Der Vers beschreibt einen aktiven Akt der Wahrnehmung. Dante blickt nicht nur hinab, sondern sucht gezielt mit den Augen. Die Wahrnehmung ist forschend, tastend, nicht sofort eindeutig.

Analytisch ist das Verb „cerco“ zentral. Es bezeichnet ein absichtsvolles, prüfendes Sehen. Trotz der extremen Sichtbedingungen versucht Dante, Einzelnes zu unterscheiden. Erkenntnis wird hier als mühsamer Vorgang dargestellt, der Anstrengung und Aufmerksamkeit erfordert.

Interpretatorisch zeigt sich hier Dantes Erkenntnishaltung in der zweiten Bolgia. Auch angesichts maximaler Abscheu gibt er den Versuch der Identifikation nicht auf. Die Hölle soll nicht nur als Schreckensraum erfahren, sondern als moralisch lesbarer Ort verstanden werden. Der Blick sucht Ordnung im Abstoßenden.

Vers 116: vidi un col capo sì di merda lordo,

„sah ich einen, dessen Kopf so sehr von Kot beschmutzt war,“

Der zweite Vers isoliert eine einzelne Gestalt aus der Masse der im Unrat Versunkenen. Die Identifikation beginnt mit einem Extrem: Der Kopf, Träger von Identität und Würde, ist vollständig beschmutzt.

Analytisch ist die Fokussierung auf den Kopf entscheidend. Der Kot bedeckt nicht nur den Körper, sondern gerade das Gesicht, den Ort der Individualität. „Sì … lordo“ verstärkt die Totalität der Entstellung. Die Schändung ist nicht partiell, sondern umfassend.

Interpretatorisch wird hier eine radikale Umkehrung sichtbar. Die Schmeichler arbeiteten im Leben mit dem Mund, mit Worten, mit dem Gesicht als Medium der Beziehung. Nun ist gerade dieser Bereich unkenntlich gemacht. Sprache, Gesicht und Identität sind im Unrat versunken. Die Strafe trifft den Kern der Sünde.

Vers 117: che non parëa s’era laico o cherco.

„so dass man nicht erkennen konnte, ob er Laie oder Kleriker war.“

Der dritte Vers fügt eine soziale Dimension hinzu. Der Kot verwischt nicht nur individuelle Züge, sondern auch gesellschaftliche und institutionelle Unterschiede. Stand und Rolle sind ausgelöscht.

Analytisch ist die Gegenüberstellung „laico o cherco“ bedeutsam. Sie umfasst die grundlegende Unterscheidung zwischen weltlicher und geistlicher Ordnung. Dass diese Differenz nicht mehr erkennbar ist, zeigt die radikale Nivellierung durch die Strafe.

Interpretatorisch wird hier eine scharfe Kritik formuliert. Schmeichelei ist keine rein weltliche Sünde; sie durchdringt auch geistliche Kontexte. Der Kot macht keinen Unterschied zwischen sakralem und profanem Amt. Die Hölle entzieht jeder institutionellen Maske ihre Bedeutung und legt die moralische Realität bloß. Würde wird nicht durch Stand garantiert, sondern durch Wahrheit.

Gesamtdeutung der Terzina

Die neununddreißigste Terzina führt die Enthüllung der zweiten Bolgia von der kollektiven Szene zur individuellen Identifikationskrise. Dante sucht, unterscheidet und erkennt – und stößt dabei auf die Unmöglichkeit, soziale und geistliche Identität unter der Schicht der Sünde noch zu erkennen.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie die Entwertung äußerer Rollen sichtbar macht. Schmeichelei hat im Leben oft bestehende Hierarchien bedient und verstärkt. Im Jenseits werden diese Hierarchien ausgelöscht. Kot ersetzt Rang. Die Terzina bereitet damit unmittelbar die folgende direkte Anrede vor, in der Dante trotz dieser Unkenntlichkeit eine konkrete Person erkennt und anspricht. Erkenntnis muss tiefer gehen als äußere Zeichen, gerade dort, wo diese vollständig zerstört sind.

Terzina 40 (V. 118–120)

Vers 118: Quei mi sgridò: «Perché se’ tu sì gordo

„Der da schalt mich an: ‚Warum bist du so begierig‘“

Der Vers markiert einen abrupten Rollenwechsel innerhalb der Szene. Der zuvor stumme, kaum identifizierbare Verdammte ergreift selbst das Wort und richtet es aggressiv an Dante. Die Initiative zur Rede geht nun vom Sünder aus.

Analytisch ist das Verb „mi sgridò“ entscheidend. Es bezeichnet kein neutrales Sprechen, sondern ein Schelten, ein Vorwurf aus verletzter Selbstwahrnehmung heraus. Der Ausdruck „sì gordo“ ist semantisch vielschichtig: Er bedeutet gierig, unmäßig, übermäßig interessiert. Der Sünder unterstellt Dante eine unziemliche Neugier.

Interpretatorisch zeigt sich hier ein paradoxes Restmoment von Stolz und Abwehr. Obwohl der Sünder vollständig entwürdigt ist, empfindet er den gezielten Blick als Angriff. Die Reaktion offenbart, dass selbst im tiefsten Unrat noch ein Bewusstsein für Scham und Rang existiert. Der Schmeichler, der im Leben Aufmerksamkeit suchte, empfindet sie nun als Bedrohung.

Vers 119: di riguardar più me che li altri brutti?».

„‚mich mehr anzustarren als die anderen Hässlichen?‘“

Der zweite Vers präzisiert den Vorwurf. Der Sünder erkennt, dass Dantes Blick selektiv ist. Er fühlt sich herausgehoben – und zwar negativ.

Analytisch ist die Gegenüberstellung „me“ versus „li altri brutti“ zentral. Der Sünder ordnet sich selbst ausdrücklich in die Masse der Hässlichen ein, empfindet aber dennoch die besondere Aufmerksamkeit als ungerecht. Die Hässlichkeit wird als kollektiver Zustand anerkannt, Individualisierung jedoch abgelehnt.

Interpretatorisch wird hier eine zentrale Spannung sichtbar. Die Hölle zwingt zur Individualisierung, während die Sünder sich in der Masse auflösen möchten. Sichtbarwerden bedeutet Verantwortung. Der Vorwurf richtet sich nicht gegen die Strafe, sondern gegen das Herausgehobenwerden aus der anonymen Gleichförmigkeit des Unrats.

Vers 120: E io a lui: «Perché, se ben ricordo,

„Und ich zu ihm: ‚Weil, wenn ich mich recht erinnere,‘“

Der dritte Vers leitet Dantes Antwort ein und verschiebt den Ton erneut. Dante reagiert ruhig, begründend und erinnernd. Er übernimmt die dialogische Kontrolle.

Analytisch ist der Rückgriff auf Erinnerung zentral. „Se ben ricordo“ verweist auf die biographische Vergangenheit des Sünders und kündigt eine Identifikation an. Dante antwortet nicht emotional, sondern argumentativ. Die Begegnung wird von der sinnlichen Ebene auf die Ebene der Erinnerung und Geschichte gehoben.

Interpretatorisch markiert dieser Vers den Übergang zur Entlarvung. Dante rechtfertigt seinen Blick nicht mit Neugier, sondern mit Erkenntnis. Die Erinnerung wird zur moralischen Instanz. Was im Unrat äußerlich unkenntlich ist, wird durch das Gedächtnis wieder sichtbar gemacht. Der Pilger zeigt damit, dass wahre Identität tiefer liegt als äußere Erscheinung – selbst tiefer als die totale Entstellung der Hölle.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierzigste Terzina eröffnet den direkten Dialog mit einem Schmeichler der zweiten Bolgia und verschiebt die Szene von reiner Anschauung zu persönlicher Konfrontation. Der Sünder widersetzt sich dem Blick, empfindet Individualisierung als Verletzung und versucht, sich in der anonymen Masse zu verbergen.

Für den Gesang ist diese Terzina von zentraler Bedeutung, weil sie zeigt, dass selbst im Zustand maximaler Entwürdigung das Bedürfnis nach Verbergung fortbesteht. Täuschung lebt weiter als Abwehr der Wahrheit. Dantes Antwort kündigt jedoch an, dass Erinnerung und Erkenntnis stärker sind als jede äußere Verdeckung. Die Terzina bereitet damit die folgende Namensnennung vor und führt die zentrale Logik Malebolges fort: Was im Leben verborgen, beschönigt oder manipuliert wurde, wird im Jenseits nicht nur sichtbar gemacht, sondern ausdrücklich benannt.

Terzina 41 (V. 121–123)

Vers 121: già t’ho veduto coi capelli asciutti,

„schon habe ich dich mit trockenen Haaren gesehen,“

Der Vers setzt Dantes Antwort fort und konkretisiert die angekündigte Erinnerung. Mit dem Bild der „trockenen Haare“ evoziert er unmittelbar die Welt der Lebenden und stellt ihr den gegenwärtigen Zustand radikaler Beschmutzung entgegen.

Analytisch ist die Bildwahl äußerst präzise. Haare sind ein äußerliches, alltägliches Detail, das Nähe und Vertrautheit signalisiert. „Asciutti“ steht im scharfen Gegensatz zur gegenwärtigen Versenkung im Unrat. Der Vers arbeitet mit einem Vorher–Nachher-Kontrast, der ohne moralischen Kommentar auskommt und gerade dadurch umso härter wirkt.

Interpretatorisch fungiert das Bild als Akt der Rückholung aus der anonymen Hölle in die konkrete Biographie. Dante erinnert den Sünder daran, dass er einmal Teil der normalen sozialen Welt war, sauber, sichtbar, anerkennbar. Die Strafe wird dadurch nicht relativiert, sondern verschärft: Der Verlust von Würde wird erst durch die Erinnerung an ihren früheren Besitz vollständig erfahrbar.

Vers 122: e se’ Alessio Interminei da Lucca:

„und du bist Alessio Interminei aus Lucca:“

Der zweite Vers vollzieht die endgültige Identifikation. Der Name und die Herkunft werden klar und ohne Umschweife ausgesprochen. Der Sünder wird eindeutig festgelegt.

Analytisch ist die Namensnennung ein Akt maximaler Präzision. Wie zuvor bei Venedico wird Identität nicht mehr über Erscheinung, sondern über biographische Wahrheit hergestellt. Die Herkunftsangabe „da Lucca“ verankert die Schuld zusätzlich sozial und politisch. Die Hölle bleibt konkret und historisch.

Interpretatorisch bedeutet diese Benennung den völligen Zusammenbruch jeder Verbergungsmöglichkeit. Weder Kot noch Entstellung können verhindern, dass die Person als solche erkannt wird. Der Name ist stärker als jede Maskierung. Für den Leser wird deutlich, dass die Hölle keine abstrakte Allegorie ist, sondern ein Gericht über reale Menschen in realen Städten.

Vers 123: però t’adocchio più che li altri tutti».

„darum schaue ich dich mehr an als alle anderen.“

Der dritte Vers schließt Dantes Antwort mit einer klaren Begründung. Sein Blick ist kein Ausdruck von Neugier oder Grausamkeit, sondern von Wiedererkennung.

Analytisch ist das Verb „adocchio“ zentral. Es bezeichnet ein bewusstes, prüfendes Ansehen. Dante rechtfertigt seine Aufmerksamkeit rational und transparent. Der Blick ist Teil des Erkenntnisprozesses, nicht des Voyeurismus.

Interpretatorisch wird hier ein fundamentales Prinzip der Commedia sichtbar. Erkenntnis ist persönlich. Der Pilger schaut genauer hin, wo Erinnerung, Verantwortung und konkrete Geschichte ins Spiel kommen. Gerade weil Alessio Interminei kein mythischer Held, sondern ein zeitgenössischer Bürger ist, wird seine Schuld besonders scharf konturiert. Die Nähe zwischen Dante und dem Sünder macht die Szene moralisch unbequem und zwingt zur Selbstprüfung.

Gesamtdeutung der Terzina

Die einundvierzigste Terzina vollzieht die vollständige Entlarvung eines Schmeichlers der zweiten Bolgia. Aus einem anonymen, im Kot versunkenen Körper wird durch Erinnerung und Benennung wieder eine konkrete Person mit Name, Herkunft und Vergangenheit. Der Kontrast zwischen früherer Normalität und gegenwärtiger Erniedrigung bildet den Kern der Szene.

Für den Gesang ist diese Terzina von großer Bedeutung, weil sie die soziale Reichweite der Hölle radikal verdeutlicht. Nicht nur mythische Figuren oder ferne Gestalten sind hier verurteilt, sondern Menschen aus realen Städten, die Dante kannte oder kennen konnte. Die Hölle rückt damit gefährlich nahe an die Welt des Lesers. Die Terzina zeigt, dass Täuschung durch Schmeichelei keine harmlose soziale Technik ist, sondern eine Schuld, die Identität, Würde und Erinnerung selbst zerstört. Indem Dante genauer hinsieht, zwingt er auch den Leser, genauer hinzusehen.

Terzina 42 (V. 124–126)

Vers 124: Ed elli allor, battendosi la zucca:

„Und er darauf, sich an den Kopf schlagend:“

Der Vers beschreibt die körperliche Reaktion des entlarvten Sünders auf Dantes Identifikation. Noch bevor er spricht, vollzieht er eine Geste der Selbstaggression, die den inneren Zustand nach außen trägt.

Analytisch ist die Wendung „battendosi la zucca“ von großer Bedeutung. „Zucca“ ist ein umgangssprachlicher, fast derber Ausdruck für den Kopf. Die Geste wirkt weniger feierlich als verzweifelt, weniger reumütig als reflexhaft. Körper und Sprache sind hier eng miteinander verschränkt: Die Selbstschläge begleiten die Selbstanklage.

Interpretatorisch zeigt sich darin die innere Zerrissenheit des Schmeichlers. Er erkennt die Wahrheit der Anrede an, kann ihr aber nicht mit ruhiger Einsicht begegnen. Die Selbstbestrafung ist keine Buße, sondern Ausdruck einer internalisierten Gewalt. Die Hölle braucht keine Dämonen mehr; der Sünder vollzieht die Erniedrigung selbst.

Vers 125: «Qua giù m’hanno sommerso le lusinghe

„‚Hier unten haben mich die Schmeicheleien versenkt‘“

Der zweite Vers enthält das explizite Schuldbekenntnis. Alessio benennt selbst die Ursache seiner Strafe: die lusinghe, die Schmeicheleien.

Analytisch ist die Konstruktion bemerkenswert. Nicht „ich habe geschmeichelt“, sondern „die Schmeicheleien haben mich versenkt“. Die Schuld wird in eine beinahe objektive Kraft verwandelt, die den Sünder hinabgezogen hat. Das Verb „sommerso“ knüpft direkt an die konkrete Strafe an und verbindet Tat und Zustand sprachlich.

Interpretatorisch wird hier eine zentrale Wahrheit der zweiten Bolgia ausgesprochen. Schmeichelei erscheint nicht nur als bewusste Handlung, sondern als selbstverstärkende Praxis, die den Handelnden selbst verschlingt. Was im Leben Mittel des Aufstiegs war, wird im Jenseits zur Ursache des Untergangs.

Vers 126: ond’ io non ebbi mai la lingua stucca».

„‚weshalb meine Zunge niemals müde wurde.‘“

Der dritte Vers präzisiert die innere Logik der Schuld. Die Schmeichelei war nicht gelegentlich, sondern dauerhaft. Die Zunge kam nie zur Ruhe.

Analytisch ist das Bild der „lingua“ zentral. Die Zunge ist das Werkzeug der Sünde, das Organ der Rede. „Non ebbi mai la lingua stucca“ bedeutet, dass kein Maß, keine Grenze, kein Innehalten existierte. Die Sünde ist habituell, nicht situativ.

Interpretatorisch wird hier die eigentliche Verurteilung vollzogen. Nicht das einzelne Lob ist schuldhaft, sondern die Unfähigkeit, mit dem Reden aufzuhören. Sprache wurde zum Selbstzweck und zur Ware. Die Strafe, die den Sünder sprachlos macht und in Unrat taucht, antwortet exakt auf diese Maßlosigkeit. Die Zunge, die nie ruhte, ist nun bedeutungslos geworden.

Gesamtdeutung der Terzina

Die zweiundvierzigste Terzina bildet den inneren Kulminationspunkt der Begegnung mit Alessio Interminei. Zum ersten Mal artikuliert ein Sünder der zweiten Bolgia selbst klar und ohne Ausflucht die Ursache seiner Verdammnis. Gestik, Sprache und Strafe fallen zusammen.

Für den Gesang ist diese Terzina von besonderer Bedeutung, weil sie die moralische Logik der Schmeichelei von innen her bestätigt. Die Schuld wird nicht von außen diagnostiziert, sondern vom Sünder selbst anerkannt. Zugleich bleibt dieses Bekenntnis unerlösend: Es führt nicht zur Befreiung, sondern ist Teil der ewigen Wiederholung. Die Zunge, die nie ruhte, spricht nun nur noch Wahrheit über ihre eigene Verderbnis. Damit schließt sich der Kreis der zweiten Bolgia: Sprache, die im Leben täuschte, dient im Jenseits nur noch der schonungslosen Selbstauskunft.

Terzina 43 (V. 127–129)

Vers 127: Appresso ciò lo duca «Fa che pinghe»,

„Daraufhin sagte der Führer: ‚Sorge dafür, dass sich einprägt‘“

Der Vers markiert einen klaren Übergang im Erkenntnisprozess. Nach dem abgeschlossenen Dialog mit Alessio Interminei greift Virgil erneut ordnend ein. Die Begegnung wird nicht emotional ausgewertet, sondern didaktisch weitergeführt.

Analytisch ist das Temporaladverb „appresso ciò“ entscheidend. Es signalisiert, dass das zuvor Geschehene abgeschlossen und verarbeitet ist. Das Imperativische „Fa che pinghe“ lenkt die Aufmerksamkeit auf einen bewussten Akt der Wahrnehmung. Sehen soll nicht flüchtig bleiben, sondern sich einprägen.

Interpretatorisch zeigt sich hier Virgils Rolle als Erkenntnislenker. Der Führer entscheidet, wann eine Szene beendet ist und wann der Blick weiterzugehen hat. Erinnerung wird nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt gesteuert. Die Hölle ist nicht nur Schauplatz, sondern Lehrraum.

Vers 128: mi disse, «il viso un poco più avante,

„sagte er zu mir: ‚richte den Blick ein wenig weiter nach vorn,‘“

Der zweite Vers konkretisiert die Anweisung. Der Blick soll nicht länger beim bereits Erkannten verweilen, sondern nach vorne gerichtet werden. Erkenntnis ist hier Bewegung.

Analytisch ist die Wendung „un poco più avante“ bedeutsam. Sie verlangt weder einen radikalen Perspektivwechsel noch Distanzierung, sondern eine maßvolle Erweiterung des Blickfeldes. Virgil reguliert das Maß der Aufmerksamkeit.

Interpretatorisch wird deutlich, dass Erkenntnis nicht im Verharren bei einzelnen Schicksalen erschöpft ist. Der Pilger darf mitleiden und erkennen, muss aber weitergehen. Das Lernen im Inferno folgt einer kontrollierten Progression, nicht einer emotionalen Verstrickung.

Vers 129: sì che la faccia ben con l’occhio attinghe

„damit du das Gesicht mit dem Auge gut erfassest.“

Der dritte Vers schließt die Anweisung mit einer präzisen Zielbestimmung. Es geht um das klare Erkennen eines weiteren Gesichts, einer weiteren Person.

Analytisch ist die Betonung auf „faccia“ entscheidend. Das Gesicht ist der Ort der Identität. Trotz Unrat, Entstellung und Dunkelheit soll erneut eine konkrete Person erkannt werden. Wahrnehmung bleibt personal.

Interpretatorisch zeigt sich hier ein zentrales Prinzip der Commedia. Auch im extremsten Raum der Entwürdigung besteht die Pflicht zur genauen Unterscheidung. Virgil fordert Dante auf, nicht nur abstrakt über Sünde nachzudenken, sondern konkrete Gesichter zu sehen. Erkenntnis ist immer an das Individuum gebunden.

Gesamtdeutung der Terzina

Die dreiundvierzigste Terzina fungiert als didaktische Scharnierstelle innerhalb der zweiten Bolgia. Nach dem exemplarischen Schuldbekenntnis Alessios lenkt Virgil den Blick des Pilgers bewusst weiter und verhindert ein Verharren im bereits Erkannten.

Für den Gesang ist diese Terzina zentral, weil sie die Struktur des Lernens im Inferno offenlegt. Erkenntnis entsteht durch eine Abfolge gezielter Anschauungen, nicht durch emotionale Erschöpfung oder moralische Selbstzufriedenheit. Der Führer reguliert Blick, Maß und Fortschritt. Die Aufforderung, ein weiteres Gesicht genau zu erfassen, bereitet unmittelbar die Begegnung mit Thais vor und zeigt zugleich: Jede Sünde hat ihr eigenes Gesicht, und jedes Gesicht verlangt genaue, nüchterne Betrachtung.

Terzina 44 (V. 130–132)

Vers 130: di quella sozza e scapigliata fante

„von jener schmutzigen und verwahrlosten Dirne“

Der Vers konkretisiert die von Virgil angekündigte Gestalt. Die Figur wird mit zwei stark wertenden Attributen eingeführt: „sozza“ und „scapigliata“. Noch bevor eine Handlung beschrieben wird, ist der Eindruck moralischer und körperlicher Verwahrlosung gesetzt.

Analytisch ist die Kombination der Adjektive entscheidend. „Sozza“ bezeichnet nicht nur Schmutz, sondern sittliche Unreinheit; „scapigliata“ evoziert Unordnung, Verlust von Maß und Selbstkontrolle. Das Substantiv „fante“ verweist auf eine weibliche Person niedrigen sozialen Status. Sprache, Körper und Rang fallen hier zusammen.

Interpretatorisch wird die vollständige Umkehrung sozialer und sprachlicher Rollen sichtbar. Die Schmeichlerin, die im Leben durch gefällige Worte Nähe, Anerkennung und soziale Aufwertung simulierte, erscheint nun äußerlich wie innerlich entstellt. Ihr Körper trägt sichtbar die Spuren der moralischen Zersetzung, die ihre Sprache einst verdeckte.

Vers 131: che là si graffia con l’unghie merdose,

„die sich dort mit kotbeschmierten Nägeln zerkratzt,“

Der zweite Vers beschreibt eine fortgesetzte, selbstgerichtete Handlung. Die Figur fügt sich selbst Verletzungen zu, und dies mit Händen, die selbst vom Unrat bedeckt sind.

Analytisch ist das Verb „si graffia“ zentral. Es bezeichnet kein einmaliges Handeln, sondern eine wiederholte, nervöse Bewegung. Die „unghie merdose“ verbinden Körper, Handlung und Umgebung zu einer Einheit der Verunreinigung. Die Selbstverletzung ist untrennbar mit dem Kot verbunden.

Interpretatorisch zeigt sich hier die innere Logik der Strafe. Die Schmeichlerin, die andere mit süßen Berührungen der Sprache manipulierte, berührt nun nur noch sich selbst – und verletzt sich dabei. Die Nägel, Werkzeuge des Kontakts, sind nun Träger des Ekels. Nähe wird unmöglich, Selbstbezug wird destruktiv.

Vers 132: e or s’accoscia e ora è in piedi stante.

„und bald kauert sie, bald steht sie aufrecht.“

Der dritte Vers ergänzt das Bild durch eine unstete, unruhige Körperhaltung. Die Figur findet keine stabile Position, weder im Liegen noch im Stehen.

Analytisch ist die rhythmische Wiederholung „or … e ora …“ bedeutsam. Sie erzeugt den Eindruck endloser, zielloser Bewegung. Die Strafe kennt keinen Ruhepunkt. Körperhaltung wird zum Ausdruck innerer Unruhe.

Interpretatorisch wird hier die seelische Zerrüttung der Schmeichlerin sichtbar. Im Leben passte sie sich ständig an, wechselte Haltung und Ton je nach Gegenüber. Nun ist diese Anpassungsfähigkeit entleert und sinnlos geworden. Bewegung existiert ohne Zweck, Veränderung ohne Fortschritt. Die ewige Unruhe ist die Wahrheit ihres Lebensstils.

Gesamtdeutung der Terzina

Die vierundvierzigste Terzina entfaltet das Bild der zweiten exemplarischen Gestalt der zweiten Bolgia in voller sinnlicher Härte. Körper, Handlung und Raum bilden eine geschlossene Einheit der Entwürdigung. Die Schmeichlerin ist nicht nur bestraft, sondern vollständig auf die Konsequenzen ihrer Sünde reduziert.

Für den Gesang ist diese Terzina von besonderer Bedeutung, weil sie den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Ausprägung derselben Sünde nicht moralisch, sondern darstellerisch akzentuiert. Während Alessio durch Sprache reflektiert, ist diese Figur ganz in Körperlichkeit aufgelöst. Schmeichelei erscheint hier nicht mehr als soziales Spiel, sondern als existentielle Selbstauflösung. Die Terzina bereitet damit die abschließende Identifikation der Figur vor und führt die zweite Bolgia zu einem Punkt maximaler Entstellung, an dem Sprache, Körper und Identität ununterscheidbar im Unrat versunken sind.

Terzina 45 und Schlussvers (V. 133–136)

Vers 133: Taïde è, la puttana che rispuose

„Das ist Thais, die Dirne, die antwortete“

Der Vers vollzieht die abschließende Identifikation der zuvor beschriebenen Gestalt. Der Name „Taïde“ wird ohne Umschweife genannt und unmittelbar mit der sozialen und moralischen Bezeichnung „la puttana“ verbunden. Die Figur wird nicht vorbereitet oder relativiert, sondern eindeutig festgelegt.

Analytisch ist die knappe Syntax auffällig. Der Name steht am Versanfang, gefolgt von der reduktiven Apposition. Die Identität der Figur wird vollständig auf ihre Rolle als Prostituierte und Schmeichlerin zugespitzt. Der Relativsatz leitet direkt zur exemplarischen Szene ihrer Schuld über.

Interpretatorisch ist diese Benennung programmatisch. Thais ist eine literarisch bekannte Figur aus der antiken Komödie, berühmt für ihre übertriebene, berechnende Schmeichelei. Dante greift diese Tradition auf und integriert sie in die moralische Ordnung des Infernos. Die Identifikation zeigt, dass selbst scheinbar spielerische, rhetorische Übertreibung als moralisch schwerwiegende Täuschung verstanden wird.

Vers 134: al drudo suo quando disse “Ho io grazie

„zu ihrem Liebhaber, als er sagte: ‚Habe ich Dank‘“

Der zweite Vers führt die konkrete Szene ein, auf die Virgils Urteil zielt. Die Beziehung wird als intime, private Situation markiert. Der Liebhaber fragt nach Anerkennung, nach dem Maß seiner Verdienste.

Analytisch ist die Redeform entscheidend. Die direkte Rede wird eingeführt, ohne Kontext oder Erklärung. Die Frage des Liebhabers ist offen und unsicher; sie sucht Bestätigung. Genau diese Situation bildet den Ansatzpunkt der Schmeichelei.

Interpretatorisch wird hier die anthropologische Dimension der Sünde sichtbar. Schmeichelei lebt von der Bedürftigkeit des Gegenübers nach Anerkennung. Thais’ Schuld liegt nicht in Sexualität, sondern im bewussten Missbrauch dieser menschlichen Schwäche durch Sprache.

Vers 135: grandi apo te?”: “Anzi maravigliose!”.

„‚großen bei dir?‘ – ‚Nein, wundervolle!‘“

Der dritte Vers enthält die eigentliche schuldig machende Antwort. Die Steigerung von „groß“ zu „wunderbar“ ist maßlos, überzogen und offensichtlich unehrlich.

Analytisch ist die rhetorische Eskalation zentral. Die Schmeichelei überschreitet bewusst jedes angemessene Maß. Die Antwort ist nicht differenziert, nicht prüfend, sondern maximal bestätigend. Sprache wird hier zur reinen Affirmationsmaschine.

Interpretatorisch liegt hierin der Kern der Verurteilung. Die Antwort Thais’ ist ein Musterbeispiel für die völlige Entleerung der Sprache von Wahrheit. Worte dienen nicht mehr der Mitteilung, sondern ausschließlich der Manipulation. Die scheinbare Harmlosigkeit der Szene wird im Kontext der Hölle radikal entlarvt.

Vers 136: E quinci sian le nostre viste sazie».

„Und damit seien unsere Blicke gesättigt.“

Der Schlussvers beendet den Gesang mit einer expliziten Setzung durch Virgil. Das Sehen wird für ausreichend erklärt. Weitere Betrachtung ist weder nötig noch sinnvoll.

Analytisch ist das Wort „sazie“ bedeutsam. Sehen wird wie Nahrung behandelt: Es gibt ein Zuviel. Erkenntnis hat ein Maß, das erreicht werden kann und soll. Der Vers setzt eine klare Grenze.

Interpretatorisch markiert dieser Satz den didaktischen Abschluss der zweiten Bolgia. Der Pilger hat genug gesehen, genug erkannt. Die Szene soll nicht aus Neugier verlängert werden. Die Hölle ist Lehrraum, kein Spektakel. Der Blick wird gezielt geschlossen, um den Weg fortzusetzen.

Gesamtdeutung der Terzina und des Schlussverses

Die fünfundvierzigste Terzina mit dem abschließenden Vers bildet den formalen und inhaltlichen Abschluss von Inferno XVIII. Mit der Identifikation Thais’ wird die zweite Bolgia exemplarisch zugespitzt: Schmeichelei erscheint als radikale Entleerung von Sprache, als bewusste Übersteigerung des Lobes bis zur Unwahrheit.

Der Gesang endet nicht mit Bewegung, sondern mit einem Erkenntnisstopp. Virgil erklärt das Gesehene für ausreichend und setzt dem Blick eine Grenze. Damit wird deutlich, dass das Ziel des Infernos nicht Schock oder Abscheu um ihrer selbst willen ist, sondern moralische Klarheit. Sprache, die im Leben verführte, wird im Jenseits bloßgestellt; Sehen, das im Leben leichtgläubig war, wird hier geschult und begrenzt. Der Gesang schließt in strenger Konsequenz: Die erste große Region des Betrugs ist durchschritten, ihre Logik verstanden, der Weg nach unten kann weitergehen.

XXII. Textgrundlage: Dantes Original

Luogo è in inferno detto Malebolge, 1
tutto di pietra di color ferrigno, 2
come la cerchia che dintorno il volge. 3

Nel dritto mezzo del campo maligno 4
vaneggia un pozzo assai largo e profondo, 5
di cui suo loco dicerò l’ordigno. 6

Quel cinghio che rimane adunque è tondo 7
tra ’l pozzo e ’l piè de l’alta ripa dura, 8
e ha distinto in dieci valli il fondo. 9

Quale, dove per guardia de le mura 10
più e più fossi cingon li castelli, 11
la parte dove son rende figura, 12

tale imagine quivi facean quelli; 13
e come a tai fortezze da’ lor sogli 14
a la ripa di fuor son ponticelli, 15

così da imo de la roccia scogli 16
movien che ricidien li argini e ’ fossi 17
infino al pozzo che i tronca e raccogli. 18

In questo luogo, de la schiena scossi 19
di Gerïon, trovammoci; e ’l poeta 20
tenne a sinistra, e io dietro mi mossi. 21

A la man destra vidi nova pieta, 22
novo tormento e novi frustatori, 23
di che la prima bolgia era repleta. 24

Nel fondo erano ignudi i peccatori; 25
dal mezzo in qua ci venien verso ’l volto, 26
di là con noi, ma con passi maggiori, 27

come i Roman per l’essercito molto, 28
l’anno del giubileo, su per lo ponte 29
hanno a passar la gente modo colto, 30

che da l’un lato tutti hanno la fronte 31
verso ’l castello e vanno a Santo Pietro, 32
da l’altra sponda vanno verso ’l monte. 33

Di qua, di là, su per lo sasso tetro 34
vidi demon cornuti con gran ferze, 35
che li battien crudelmente di retro. 36

Ahi come facean lor levar le berze 37
a le prime percosse! già nessuno 38
le seconde aspettava né le terze. 39

Mentr’ io andava, li occhi miei in uno 40
furo scontrati; e io sì tosto dissi: 41
«Già di veder costui non son digiuno». 42

Per ch’ïo a figurarlo i piedi affissi; 43
e ’l dolce duca meco si ristette, 44
e assentio ch’alquanto in dietro gissi. 45

E quel frustato celar si credette 46
bassando ’l viso; ma poco li valse, 47
ch’io dissi: «O tu che l’occhio a terra gette, 48

se le fazion che porti non son false, 49
Venedico se’ tu Caccianemico. 50
Ma che ti mena a sì pungenti salse?». 51

Ed elli a me: «Mal volontier lo dico; 52
ma sforzami la tua chiara favella, 53
che mi fa sovvenir del mondo antico. 54

I’ fui colui che la Ghisolabella 55
condussi a far la voglia del marchese, 56
come che suoni la sconcia novella. 57

E non pur io qui piango bolognese; 58
anzi n’è questo loco tanto pieno, 59
che tante lingue non son ora apprese 60

a dicer ‘sipa’ tra Sàvena e Reno; 61
e se di ciò vuoi fede o testimonio, 62
rècati a mente il nostro avaro seno». 63

Così parlando il percosse un demonio 64
de la sua scurïada, e disse: «Via, 65
ruffian! qui non son femmine da conio». 66

I’ mi raggiunsi con la scorta mia; 67
poscia con pochi passi divenimmo 68
là ’v’ uno scoglio de la ripa uscia. 69

Assai leggeramente quel salimmo; 70
e vòlti a destra su per la sua scheggia, 71
da quelle cerchie etterne ci partimmo. 72

Quando noi fummo là dov’ el vaneggia 73
di sotto per dar passo a li sferzati, 74
lo duca disse: «Attienti, e fa che feggia 75

lo viso in te di quest’ altri mal nati, 76
ai quali ancor non vedesti la faccia 77
però che son con noi insieme andati». 78

Del vecchio ponte guardavam la traccia 79
che venìa verso noi da l’altra banda, 80
e che la ferza similmente scaccia. 81

E ’l buon maestro, sanza mia dimanda, 82
mi disse: «Guarda quel grande che vene, 83
e per dolor non par lagrime spanda: 84

quanto aspetto reale ancor ritene! 85
Quelli è Iasón, che per cuore e per senno 86
li Colchi del monton privati féne. 87

Ello passò per l’isola di Lenno 88
poi che l’ardite femmine spietate 89
tutti li maschi loro a morte dienno. 90

Ivi con segni e con parole ornate 91
Isifile ingannò, la giovinetta 92
che prima avea tutte l’altre ingannate. 93

Lasciolla quivi, gravida, soletta; 94
tal colpa a tal martiro lui condanna; 95
e anche di Medea si fa vendetta. 96

Con lui sen va chi da tal parte inganna; 97
e questo basti de la prima valle 98
sapere e di color che ’n sé assanna». 99

Già eravam là ’ve lo stretto calle 100
con l’argine secondo s’incrocicchia, 101
e fa di quello ad un altr’ arco spalle. 102

Quindi sentimmo gente che si nicchia 103
ne l’altra bolgia e che col muso scuffa, 104
e sé medesma con le palme picchia. 105

Le ripe eran grommate d’una muffa, 106
per l’alito di giù che vi s’appasta, 107
che con li occhi e col naso facea zuffa. 108

Lo fondo è cupo sì, che non ci basta 109
loco a veder sanza montare al dosso 110
de l’arco, ove lo scoglio più sovrasta. 111

Quivi venimmo; e quindi giù nel fosso 112
vidi gente attuffata in uno sterco 113
che da li uman privadi parea mosso. 114

E mentre ch’io là giù con l’occhio cerco, 115
vidi un col capo sì di merda lordo, 116
che non parëa s’era laico o cherco. 117

Quei mi sgridò: «Perché se’ tu sì gordo 118
di riguardar più me che li altri brutti?». 119
E io a lui: «Perché, se ben ricordo, 120

già t’ho veduto coi capelli asciutti, 121
e se’ Alessio Interminei da Lucca: 122
però t’adocchio più che li altri tutti». 123

Ed elli allor, battendosi la zucca: 124
«Qua giù m’hanno sommerso le lusinghe 125
ond’ io non ebbi mai la lingua stucca». 126

Appresso ciò lo duca «Fa che pinghe», 127
mi disse, «il viso un poco più avante, 128
sì che la faccia ben con l’occhio attinghe 129

di quella sozza e scapigliata fante 130
che là si graffia con l’unghie merdose, 131
e or s’accoscia e ora è in piedi stante. 132

Taïde è, la puttana che rispuose 133
al drudo suo quando disse “Ho io grazie 134
grandi apo te?”: “Anzi maravigliose!”. 135

E quinci sian le nostre viste sazie». 136

XXIII. Wörtliche deutsche Übersetzung

Es gibt in der Hölle einen Ort, der Malebolge genannt wird,1
ganz aus Stein von eisenfarbener Tönung,2
wie der Ring, der ihn ringsum umschließt.3

In der genauen Mitte dieses unheilvollen Feldes4
gähnt ein sehr weiter und tiefer Schacht,5
dessen Bauart ich an seinem Ort beschreiben werde.6

Der Gürtel also, der übrigbleibt, ist rund7
zwischen dem Schacht und dem Fuß der hohen harten Böschung,8
und hat den Grund in zehn Täler eingeteilt.9

Wie dort, wo zum Schutz der Mauern10
mehrere Gräben die Burgen umgeben,11
den Teil, wo sie ein solches Bild ergeben,12

ein solches Bild boten hier jene;13
und wie bei solchen Festungen von ihren Schwellen aus14
kleine Brücken zur äußeren Böschung führen,15

so ragten vom Grund des Felsens Stege hervor,16
die die Dämme und Gräben durchschnitten17
bis hin zum Schacht, der sie unterbricht und sammelt.18

An diesem Ort, vom Rücken herabgeschüttelt19
von Gerion, fanden wir uns; und der Dichter20
hielt sich links, und ich folgte ihm.21

Zur rechten Hand sah ich neues Elend,22
neue Qual und neue Peiniger,23
womit die erste Bolgia angefüllt war.24

Auf dem Grund waren die Sünder nackt;25
von der Mitte her kamen sie uns entgegen,26
von dort gingen sie mit uns, aber mit größeren Schritten,27

wie die Römer wegen der großen Menschenmenge28
im Jubeljahr auf der Brücke29
die Leute geordnet passieren lassen,30

sodass auf der einen Seite alle das Gesicht31
zur Burg wenden und zu Sankt Peter gehen,32
auf der anderen Seite aber zum Berg hin gehen.33

Hier und dort, auf dem düsteren Felsen,34
sah ich gehörnte Dämonen mit großen Peitschen,35
die sie grausam von hinten schlugen.36

Ach, wie ließen sie ihre Gesäße hochfahren37
bei den ersten Hieben! schon keiner38
wartete auf die zweiten oder die dritten.39

Während ich ging, trafen meine Augen auf einen,40
und sogleich sagte ich:41
„Ich bin nicht hungrig danach, diesen hier zu sehen.“42

Darum blieb ich stehen, um ihn zu betrachten;43
und der sanfte Führer blieb bei mir stehen,44
und erlaubte mir, ein wenig zurückzugehen.45

Und der Gepeitschte glaubte, sich verbergen zu können,46
indem er das Gesicht senkte; doch wenig nützte es ihm,47
denn ich sagte: „O du, der du das Auge zur Erde senkst,48

wenn die Züge, die du trägst, nicht trügerisch sind,49
so bist du Venedico Caccianemico.50
Doch was führt dich zu so stechenden Saucen?“51

Und er zu mir: „Nur ungern sage ich es;52
doch zwingt mich deine klare Rede,53
die mich an die alte Welt erinnern lässt.54

Ich war der, der Ghisolabella55
dazu brachte, den Willen des Markgrafen zu erfüllen,56
wie auch immer die schmutzige Kunde davon klingen mag.57

Und nicht nur ich beweine hier als Bologneser;58
vielmehr ist dieser Ort so übervoll,59
dass so viele Sprachen jetzt nicht mehr gelernt werden,60

um „sipa“ zu sagen zwischen Savena und Reno;61
und wenn du dafür Glauben oder Zeugnis willst,62
so rufe dir unser habgieriges Land ins Gedächtnis.“63

Während er so sprach, schlug ihn ein Dämon64
mit seinem Peitschenhieb und sagte: „Fort,65
Kuppler! hier gibt es keine Frauen zum Feilbieten.“66

Ich schloss mich wieder meiner Begleitung an;67
darauf gelangten wir mit wenigen Schritten68
dorthin, wo ein Felsvorsprung aus dem Ufer herausragte.69

Sehr leicht bestiegen wir jenen;70
und nach rechts gewandt, an seiner Kante hinauf,71
entfernten wir uns von jenen ewigen Kreisen.72

Als wir dort waren, wo es unten offen gähnt73
unten, um den Gepeitschten Durchgang zu gewähren,74
sagte der Führer: „Gib acht, und sorge dafür, dass sich richtet75

der Blick in dir auf diese anderen Übelgeborenen,76
deren Gesicht du noch nicht gesehen hast,77
weil sie mit uns zusammen gegangen sind.“78

Vom alten Brückenbau betrachteten wir die Spur,79
die von der anderen Seite her auf uns zukam,80
und die die Peitsche auf gleiche Weise vorantreibt.81

Und der gute Meister, ohne dass ich fragte,82
sagte zu mir: „Sieh jenen Großen, der herankommt,83
und der trotz des Schmerzes nicht scheint, Tränen zu vergießen;84

wie viel königliches Gepräge er noch bewahrt!85
Das ist Jason, der durch Mut und durch Verstand86
die Kolcher des Widders beraubte.87

Er kam auf die Insel Lemnos,88
nachdem die kühnen, grausamen Frauen89
alle ihre Männer dem Tod preisgegeben hatten.90

Dort mit Zeichen und mit geschmückten Worten91
täuschte er Hypsipyle, das junge Mädchen,92
die zuvor alle anderen getäuscht hatte.93

Dort ließ er sie zurück, schwanger, allein;94
eine solche Schuld verurteilt ihn zu solcher Qual;95
und auch an Medea wird Vergeltung geübt.96

Mit ihm gehen all jene, die auf solche Weise täuschen;97
und dies möge über das erste Tal genügen,98
zu wissen, auch über jene, die sich selbst verzehren.“99

Schon waren wir dort, wo der schmale Pfad100
sich mit dem zweiten Damm kreuzt,101
und daraus den Rücken eines weiteren Bogens bildet.102

Von dort hörten wir Leute, die sich krümmen,103
in der anderen Bolgia, und die mit dem Gesicht schnauben,104
und sich selbst mit den Handflächen schlagen.105

Die Ufer waren von einem Schimmel verkrustet,106
durch den Atem von unten, der sich dort ansetzt,107
der mit Augen und Nase in Streit geriet.108

Der Grund ist so düster, dass es uns nicht genügt,109
an Raum zum Sehen, ohne auf den Rücken hinaufzusteigen110
des Bogens, wo der Fels am höchsten aufragt.111

Dort kamen wir an; und von dort hinab in den Graben112
sah ich Menschen in einen Kot eingetaucht,113
der aus menschlichen Aborten zu stammen schien.114

Und während ich dort unten mit dem Blick suchte,115
sah ich einen, dessen Kopf so sehr von Kot beschmutzt war,116
so dass man nicht erkennen konnte, ob er Laie oder Kleriker war.117

Der da schalt mich an: „Warum bist du so begierig118
mich mehr anzustarren als die anderen Hässlichen?“119
Und ich zu ihm: „Weil, wenn ich mich recht erinnere,120

schon habe ich dich mit trockenen Haaren gesehen,121
und du bist Alessio Interminei aus Lucca:122
darum schaue ich dich mehr an als alle anderen.“123

Und er darauf, sich an den Kopf schlagend:124
„Hier unten haben mich die Schmeicheleien versenkt,125
weshalb meine Zunge niemals müde wurde.“126

Daraufhin sagte der Führer: „Sorge dafür, dass sich einprägt“,127
sagte er zu mir, „den Blick ein wenig weiter nach vorn,128
damit du das Gesicht mit dem Auge gut erfassest,129

von jener schmutzigen und verwahrlosten Dirne,130
die sich dort mit kotbeschmierten Nägeln zerkratzt,131
und bald kauert sie, bald steht sie aufrecht.132

Das ist Thais, die Dirne, die antwortete133
ihrem Liebhaber, als er sagte: „Habe ich Dank134
großen bei dir?“: „Nein, wundervolle!“135

Und damit seien unsere Blicke gesättigt.136

XXIV. Poetische deutsche Prosaerzählung

Nachdem wir von Gerions Rücken herabgekommen waren, fanden wir uns in einem Ort, den man Malebolge nennt, einem ungeheuren steinernen Raum von düsterer, eisenfarbener Härte. Ringsum zog sich ein gewaltiger Kreis, und in seiner Mitte gähnte ein tiefer, weiter Schacht, der alles in sich sammelte. Zwischen diesem Abgrund und dem steilen Rand des Felsens lag ein breiter Gürtel, in zehn Täler gegliedert wie die konzentrischen Gräben einer belagerten Festung. Brücken spannten sich von der äußeren Höhe hinab, schnitten die Gräben und führten alle auf den einen Mittelpunkt zu, als wären sie eigens dazu geschaffen, Schuld und Strafe zusammenzutragen.

Virgil wandte sich nach links, und ich folgte ihm. Zu unserer Rechten eröffnete sich die erste der Schluchten, erfüllt von neuem Elend, neuen Qualen und neuen Peinigern. Dort liefen nackte Sünder unablässig im Kreis, in zwei entgegengesetzten Strömen, wie Menschenmengen auf einer Brücke im Jubeljahr, die man aus Ordnung und Notwendigkeit in getrennten Bahnen lenkt. Auf den düsteren Felsen standen gehörnte Dämonen mit schweren Peitschen und trieben sie von hinten an. Schon beim ersten Schlag sprangen die Körper hoch, niemand wartete auf einen zweiten.

Während ich weiterging, erkannte ich unter den Gepeitschten einen Mann, dessen Gesicht mir vertraut war. Ich blieb stehen, und auch mein Führer hielt an. Der Mann versuchte, den Blick zu senken, doch vergeblich: Ich rief ihn beim Namen und fragte ihn, was ihn in diese brennende Salzlauge geführt habe. Widerwillig bekannte er, dass er andere zur Schande verführt habe, und nannte die Tat, die ihm diesen Ort eingebracht hatte. Kaum hatte er gesprochen, traf ihn der Hieb eines Dämons, der ihn als Kuppler verhöhnte und weitertrieb. Wir aber setzten unseren Weg fort, stiegen leicht einen Felsvorsprung hinauf und verließen diese erste Schlucht.

Von der Brücke aus sahen wir die zweite. Noch ehe wir sie ganz erblickten, hörten wir schon das Stöhnen, das Schnauben und das verzweifelte Schlagen der Hände. Die Ufer waren von schmutzigem Schimmel überzogen, genährt vom fauligen Dunst aus der Tiefe, der Augen und Nase angriff. Der Grund lag so dunkel, dass wir erst auf den höchsten Punkt des Bogens steigen mussten, um hinabsehen zu können. Von dort aus zeigte sich ein Bild, das alles zuvor Gesehene an Abscheu übertraf: Menschen waren bis über den Kopf in Kot versenkt, als stammte er aus menschlichen Aborten, und nur mit Mühe ließ sich eine Gestalt von der anderen unterscheiden.

Während ich suchend hinabsah, schalt mich einer von ihnen und fragte, warum ich ihn länger anblicke als die anderen. Ich antwortete ruhig, dass ich ihn wiedererkenne, dass ich ihn einst mit trockenem Haar gesehen habe, und nannte seinen Namen und seine Stadt. Darauf begann er sich verzweifelt an den Kopf zu schlagen und gestand, dass ihn die Schmeichelei hierher versenkt habe, weil seine Zunge niemals Maß gehalten habe.

Virgil forderte mich auf, den Blick weiter nach vorn zu richten, damit ich noch ein anderes Gesicht erkenne. Dort sah ich eine schmutzige, verwahrloste Frau, die sich mit kotbeschmierten Nägeln zerkratzte, bald kauernd, bald aufgerichtet, ohne Ruhe, ohne Halt. Es war Thais, berüchtigt für ihre übertriebenen Worte, die einst selbst die kleinste Bitte mit maßlosem Lob beantwortet hatte. Damit, sagte mein Führer, sei unser Sehen gesättigt. Und so ließen wir diese Schluchten hinter uns, bereichert an Erkenntnis und erschüttert von der Klarheit, mit der jede Lüge hier ihre eigene Gestalt gefunden hatte.