Autor: Clemens Brentano
Gedicht: »Über eine Skizze: Verzweiflung an der Liebe in der Liebe«
Erstdruck: 1933 in der Pariser Ausgabe „Clemens Brentano avec un Choix de Variantes“ (entstanden 1808).
Zyklus / Sammlung: Nicht zyklisch gebunden; in den Ausgaben der Gedichte in der Abteilung „Ausgewählte Gedichte“ bzw. im chronologischen Kontext der Gedichte von 1808.
Edition: Für die Textgrundlage bieten sich Zeno.org bzw. die TextGrid-Edition der „Ausgewählten Gedichte“ an; für eine philologisch maßgebliche Lektüre die historisch-kritische „Frankfurter Brentano-Ausgabe“, Bd. 2,2: Gedichte 1807–1813. Text, Lesarten und Erläuterungen (Stuttgart, Kohlhammer 2019).

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

1. In welcher äußeren Gestalt tritt das Gedicht auf: Wie viele Verse und Strophen liegen vor, und welcher Gedichttyp deutet sich an?

Das Gedicht liegt in einer kompakten Form von 14 Versen vor und evoziert damit unmittelbar den Eindruck eines Sonetts. In vielen Drucken erscheint es als durchlaufender Block, innerlich aber ist eine Zweiteilung von Oktett (V. 1–8) und Sextett (V. 9–14) klar erkennbar: Die ersten acht Verse bestehen fast ausschließlich aus Frageformen, die die rätselhafte Szene ausloten, während die letzten sechs Verse in knappen Feststellungen und Imperativen zu einer Art Urteil und Beschwörung übergehen. Der vom Editor vermerkte Hinweis auf „4 Strophen“ verweist eher auf inhaltliche Mikrosequenzen als auf streng markierte Strophen. Insgesamt deutet sich ein sonettartiges Bildgedicht an, das eine Skizze (vermutlich ein gemaltes oder gezeichnetes Bild) lyrisch-exegetisch betrachtet und in dramatischer Zuspitzung deutet.

2. Welches Versmaß dominiert, wie regelmäßig wird es durchgeführt, und an welchen Stellen bricht der Text das erwartbare metrische Schema sichtbar auf?

Metrisch nähert sich das Gedicht einem fünfhebigen, tendenziell jambischen Grundvers, wie er für Sonette der europäischen Tradition typisch ist. Verse wie „Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?“ oder „Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?“ lassen sich gut als fünfhebige Akzentreihen lesen; auch die Schlussterzette bewegen sich mehrheitlich in diesem Rhythmus. Allerdings handelt es sich um ein flexibel gehandhabtes Akzentmaß, das durch die Häufung von Interjektionen, Fragepartikeln und kurzen Einsprengseln („In Liebeskampf?“, „In Todeskampf?“, „Nein Mantelsfalten“) immer wieder aufgebrochen wird.

Gerade im eröffnenden Vers „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ überlagern sich mehrere Hebungen mit einsilbigen Zwischenpartikeln, so dass der reguläre Takt in eine abgerissene, stakkatoartige Redeweise umschlägt. Auch in Vers 10 („Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.“) wird der metrische Fluss zugunsten einer harten Zäsur unterbrochen. Insgesamt ist der Grundrhythmus sonettnah, aber bewusst dramatisch zerrissen: Das metrische Ideal wird so behandelt, wie die dargestellte Szene ist – aus dem Gleichgewicht geraten, von eruptiven Kippmomenten durchzogen.

3. Welches Reimschema lässt sich erkennen, wie konsequent wird es durchgehalten, und gibt es auffällige Unreinheiten, Assonanzen oder Reimlosigkeit, die eine besondere Funktion nahelegen?

Klanglich orientiert sich das Gedicht sehr deutlich an der klassischen Sonettform mit umarmenden Reimen im Oktett. Für die Verse 1–4 und 5–8 ergibt sich jeweils das Schema abba:

  • V. 1 gesunken – V. 4 Funken (a)
  • V. 2 fließt – V. 3 verschließt (b)
  • V. 5 trunken – V. 8 getrunken (a)
  • V. 6 genießt – V. 7 gießt (b)

Damit wird das Sonett-Erwartungsmuster im ersten Teil sehr konsequent eingelöst. Im Sextett weicht das Reimschema dann leicht von der klassischen cde cde-Struktur ab und nähert sich einem cdefde:

  • V. 9 werden (c)
  • V. 10 Falten (d)
  • V. 11 Haare (e)
  • V. 12 Erde (f)
  • V. 13 Gewalten (d)
  • V. 14 Bahre (e)

Auffällig sind zwei Punkte: Zum einen bleibt „werden“ in Vers 9 als Einzelreim isoliert und steht metrisch wie semantisch zwischen Oktett und Schlussteil, wodurch der Übergang in die Szene der Enthüllung/Enthüllungs-Entscheidung markiert wird. Zum anderen steht „Erde“ (V. 12) als bewusster Fremdkörper ohne Reimpartner im Raum. Diese leichte Verletzung des sonettüblichen Reimplans trägt zur inneren Spannung bei: In der Klangstruktur spiegelt sich die Unruhe und Unentscheidbarkeit der dargestellten Situation. Krasse unreine Reime gelangen nicht zum Einsatz; die Reimführung bleibt grundsätzlich sauber, doch werden Sonett-Erwartungen im Sextett subtil destabilisiert – formal ein Echo der inhaltlichen Verunsicherung.

4. Wie verhalten sich Satzbau und Zeilenbau zueinander: Wo entstehen Enjambements, harte Zeilensprünge oder syntaktische Klüfte, und welche Wirkung haben sie auf Tempo und Lesebewegung?

Satzbau und Zeilenbau stehen in einem angespannt-dynamischen Verhältnis. Im Oktett dominieren kurze, meist auf einen Vers konzentrierte Fragesätze oder Satzfragmente: „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“, „Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?“, „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“. Die Häufung von Fragepartikeln („Ob…?“, „Kein…? oder…?“) und Interpunktion innerhalb der Verse führt zu einer zerrissenen, stakkatoartigen Lesebewegung, die die Atemlosigkeit und Ratlosigkeit der Betrachterstimme unmittelbar spürbar macht.

Enjambements im engeren Sinne treten nur sparsam auf; viele Verse schließen syntaktisch mit dem Zeilenende ab. Auffällig ist das Zwischenfeld von Vers 9–11, in dem elliptische Nominalgruppen und Korrekturen über die Zeilen gestaffelt werden: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten. / Um sie strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare.“ Hier zerreißen Gedankenstriche und Einschübe jede glatte Satzstruktur. Der Leser „stolpert“ über die Selbstkorrektur („Engelsflügel – Nein Mantelsfalten“), was den Effekt einer optischen Neu-Fokussierung im Akt des Betrachtens erzeugt.

Im Schlussdreiklang (V. 12–14) bilden die Imperativreihen „Strahl'… flamm'…“, „Brich…“, „Enthüll' – verhüll'…“ wiederum relativ eigenständige Verssätze, die jedoch semantisch eng verschränkt sind. Die Kürze und Schlagkraft der Imperative verleiht dem Schlussteil den Charakter einer Beschwörung oder eines Gerichtspruchs. Insgesamt erzeugt das spannungsvolle Verhältnis von Satz- und Zeilenstruktur ein hohes Tempo, das durch abrupte Bremsungen (Gedankenstriche, harte Korrekturen) immer wieder ins Stocken gebracht wird – ganz entsprechend dem nervös tastenden Verstehenwollen der sprechenden Instanz.

5. Welche wiederkehrenden formalen Muster strukturieren das Gedicht, und wie tragen sie zur thematischen Kohärenz bei?

Mehrere formale Muster durchziehen das Gedicht und stabilisieren die innere Bewegung:

  • Fragekaskade: Die ersten sieben Verse (teils bis Vers 8) bestehen fast ausschließlich aus Fragen oder Fragefragmenten („In Liebeskampf? In Todeskampf…?“, „Ob…?“, „Was ist’s…?“). Diese Kette von Fragen strukturiert das Oktett als diagnostische Befragung der Skizze und bringt die Grundunsicherheit der Situation zum Ausdruck.
  • Ob-/Kein-/Hat-Anfänge: Wiederkehrende Einleitungen mit „Ob…“, „Kein… oder…“, „Hat… hat… hat…“ bilden rhythmische Klammern und treiben das interpretierende Suchen in immer neue Richtungen: Liebe? Tod? Gift? Wein? Balsam?
  • Gegenüberstellungs- und Korrekturschemata: Die Figuren „Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten“ und „Heil'genschein – zerraufte Haare“ arbeiten mit hartem Nebeneinander und Selbstwiderruf. Die Form der Selbstkorrektur (Engel – nein, Leichentuch) spiegelt das Schwanken zwischen idealisierender und fataler Deutung.
  • Antithetische Doppelungen: Am Ende stehen polare Bildpaare: Himmelslicht / Hölle, Enthüllung / Verhüllung, Freudenbett / Bahre. Diese parallel gebauten Antithesen bündeln die zuvor verteilten Gegensätze und machen die innere Ambivalenz von Eros und Tod formal sichtbar.

Diese Muster tragen zur thematischen Kohärenz bei, indem sie zeigen, dass die Szene der Skizze strukturell von Unentschiedenheit und Überlagerung geprägt ist: Liebe oder Tod, Heilung oder Vergiftung, Engel oder Leichentuch, Brautbett oder Totenbahre. Die formalen Wiederholungs- und Kippfiguren machen diese Doppelbödigkeit als poetische Grundstruktur erfahrbar.

6. In welchem Verhältnis stehen Form und Gattung: Bestätigt die äußere Gestalt ein gattungstypisches Erwartungsschema oder wird dieses bewusst unterlaufen?

Mit seinen 14 Versen, den umarmenden Reimen im Oktett und der Zweigliedrigkeit von 8+6 Versen steht das Gedicht klar in der Sonetttradition – und zugleich wird diese Tradition gezielt irritiert. Erwartbar wäre in einem romantischen Sonett zur Liebe eine klarere Ordnung der Gefühle und eine stärkere Trennung von Betrachtung und „Auflösung“ (These im Oktett, Antithese/Synthese im Sextett). Stattdessen nutzt Brentano die Sonettform, um gerade das Nicht-Auflösbare, die Verzweiflung an der Liebe in der Liebe, sichtbar zu machen:

Im Oktett wird kein harmonisches Liebesbild aufgebaut, sondern eine Szene voller Unklarheit und Bedrohung; im Sextett kommt es nicht zu einer beruhigenden Synthese, sondern zur Zuspitzung der Antithesen (Heiligenschein – zerraufte Haare, Himmelslicht – Hölle, Freudenbett – Bahre). Das klassische Erwartungsschema des Liebessonetts – Verklärung des erotischen Objekts, Petrarkismus, idealisierende Kontur – wird somit als dunkle, zerstörerische Variante inszeniert. Form und Gattung stehen in einem spannungsvollen Verhältnis: Die Sonettform bietet den Rahmen für eine konzentrierte, pointierte Darstellung, wird aber in ihrem versöhnenden Potenzial bewusst unterlaufen. Gerade diese Spannung macht das Gedicht zu einer „Bildmeditation“ über eine Liebe, die an sich selbst zerbricht – und die Sonettform zum Gefäß einer verunsicherten, tastenden, letztlich unbeantworteten Deutung.

2. Sprechsituation

1. Wer spricht im Gedicht: Lässt sich eine bestimmte Sprecherfigur, ein lyrisches Ich oder eine Rollenstimme erkennen, und wie stark wird diese Stimme individualisiert?

Ein explizit auftretendes lyrisches Ich wird im Gedicht nicht genannt; dennoch ist eine deutlich erkennbare Sprecherinstanz vorhanden: eine Betrachterstimme, die eine Bildszene („Skizze“) kommentierend und fragend umkreist. Diese Stimme ist weniger biographisch-individuell als funktional bestimmt: Sie erscheint als erregter, religiös sensibilisierter und moralisch alarmierter Bildbetrachter, der versucht, die dargestellte Situation zu deuten. Die Vielzahl an Fragen („In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“, „Ob Atem noch…?“, „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.“) verrät einen innerlich hochgespannten, unsicheren, fast forensisch forschenden Blick. Individualisiert wird die Stimme vor allem durch ihre affektive und theologisch gefärbte Wahrnehmung, weniger durch persönliche Lebensdaten. Man kann von einer Rollenstimme sprechen: einem betrachtenden, deutenden, in seiner Verzweiflung exemplarischen romantischen Beobachter der Liebe, nicht von einer autobiographisch lesbaren Ich-Figur.

2. An wen richtet sich der Text?

Über weite Strecken wirkt das Gedicht wie ein innerer Monolog, der sich primär an die Sprecherinstanz selbst richtet: Die Fragen werden nicht anderen gestellt, sondern scheinen dem eigenen Denken und Deuten zu entstammen. Der Leser wird zum Zuhörer dieses inneren Fragens. Gleichzeitig lassen sich in den Schlussversen (V. 12–14) deutlich adressierte Imperative erkennen: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde / Brich der Verzweiflung rasende Gewalten, / Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Hier wendet sich die Stimme an transzendente Mächte: an das Himmelslicht, an die Hölle, vielleicht an Gott selbst als Richter über diese von Liebe und Tod gezeichnete Szene. Zugleich können diese Imperative als an das Bild, an die Skizze selbst gerichtete Beschwörung gelesen werden: Sie soll sich enthüllen oder verhüllen, zeigen, ob sie Freudenbett oder Bahre darstellt. Der Text bewegt sich also zwischen selbstgesprächiger Betrachtung, impliziter Hinwendung an den Leser und einer dringenden Anrufung einer Instanz „über“ dem Bild.

3. In welcher Sprechhaltung äußert sich die Stimme?

Die Sprechhaltung ist von Beginn an erregt, tastend, von ratloser Dringlichkeit geprägt. Die Kette kurzer, bohrender Fragen („In Liebeskampf? In Todeskampf…?“, „Ob Atem noch…?“, „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“) vermittelt eine nervöse, beinahe panische Versuchung, die Situation sofort und eindeutig festzulegen – Liebesakt oder Todeskampf, Heil oder Verderben, Leben oder schon Tod. Der Ton ist nicht ruhig kontemplativ, sondern von Verunsicherung, Affektspannung und moralisch-theologischer Beunruhigung getragen.

Im zweiten Teil verschiebt sich die Sprechhaltung von fragend-deutend hin zu visionärer, beschwörender Rede. Die Selbstkorrekturen („Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten“) klingen wie spontan ausbrechende Ausrufe eines Betrachters, der sich fortwährend revidiert. In den Imperativen am Schluss erhält die Stimme den Charakter eines bittenden, fast exorzistischen Rufs, der über die Szene hinaus eine Entscheidung fordert: Himmelslicht oder Hölle, Enthüllung oder Verhüllung, Freudenbett oder Bahre. Die Haltung ist am Ende nicht mehr nur fragend, sondern verzweifelt fordernd; sie will, dass die unheimliche Unentschiedenheit der Liebe nicht einfach schweigend stehen bleibt.

4. Welche zeitliche und räumliche Situation wird implizit oder explizit gesetzt?

Explizit setzt das Gedicht nur die Situation des Betrachtens einer „Skizze“, die im Titel genannt ist. Wir befinden uns in einem imaginären Bildraum: Ein Liebespaar – Jungfrau und Jüngling – ist in einer extremen Situation dargestellt, deren zeitlicher Ablauf nicht sichtbar, sondern nur im Bewusstsein des Betrachters rekonstruiert wird. Die Zeit des Gedichts ist das Jetzt der Betrachtung: In diesem Moment stellt sich die Stimme die Fragen, ob Atem noch fließt, ob der Mund vom Krampf verschlossen ist, ob Gift, Wein oder Balsam im Spiel sind. Innerhalb des Bildes liegt eine kritische Gegenwartssituation: eine Liebesszene am Rand oder im Inneren eines Todesfalls, der sich vielleicht gerade vollzieht.

Der Raum der Szene bleibt vage – möglicherweise ein Zimmer, ein Lager, ein freier, aber durch „Freudenbett – die Bahre“ suggeriert innerer Raum. Entscheidend ist, dass es keinen realistischen Ortsrahmen gibt, sondern einen symbolischen, verdichteten Raum zwischen Himmel und Hölle: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde.“ Das Bild wird in eine vertikale Ordnung eingespannt: oben Himmel, unten Erde, dazwischen die Liebesszene, von möglicher Verdammnis und möglichem Heil überhöht. Die räumliche Situation ist damit weniger topographisch als theologisch-dramatisch definiert.

5. Aus welcher Perspektive wird gesprochen, und wie verschiebt sich diese Perspektive eventuell im Verlauf?

Die Perspektive ist die eines externen, aber innerlich stark involvierten Betrachters. Die Stimme steht nicht innerhalb der geschilderten Szene; sie ist weder der Jüngling noch die Jungfrau, sondern kommentiert „von außen“: „Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken? / Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?“ Die Figuren werden in der dritten Person bezeichnet, der Blick bleibt von ihnen geschieden. Doch je weiter der Text fortschreitet, desto stärker zeigt sich, dass dieser Beobachter emotional und religiös beteiligt ist. Er ist nicht distanzierter Kunsthistoriker, sondern persönlich von der Deutungsfrage getroffen.

Die Perspektive verschiebt sich im Verlauf vom rein beschreibenden Deuten („Ob Atem noch…“, „Was ist’s, das der gefallne Becher gießt?“) hin zu einem theologisch-existentiellen Standpunkt, von dem aus Himmel, Hölle und Verzweiflung direkt angesprochen werden. Der Blick verengt sich nicht, sondern öffnet sich vertikal: Aus dem reinen Sehen („Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden…“) wird ein Sprechen „nach oben“: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle… Brich der Verzweiflung… Enthüll' – verhüll'…“. Die Sprecherfigur gleitet damit in eine quasi-prophetische Perspektive hinein, die nicht nur Bilddeutung betreibt, sondern um ein Urteil über Liebe und Tod ringt.

6. Wie ist das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber charakterisiert?

Der Sprecher steht in einem mehrfach verschränkten Verhältnis zu seinen Gegenübern. Sein primäres Gegenüber ist die dargestellte Szene: die Jungfrau, der Jüngling, der Becher, die Lampe. Ihm gegenüber ist er neugierig, fasziniert, erschrocken – ein Grenzfall zwischen empathischer Teilnahme, voyeuristischem Blick und moralisch-theologischer Prüfung. Er will wissen, ob hier Liebe im höchsten Sinn erfüllt ist („höchste Gunst“) oder ob der Tod – vielleicht durch Gift – bereits eingetreten ist. Die Szene ist ihm Rätsel und Anklage zugleich.

Zugleich richtet er sich an transzendente Gegenüber: an das „Himmelslicht“, an die „Hölle“, an eine Macht, die „der Verzweiflung rasende Gewalten“ brechen kann. Ihnen gegenüber ist die Haltung bittend und beschwörend. Er verlangt von ihnen eine Enthüllung der Wahrheit („Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“), ja vielleicht ein Gericht über diese Liebe, die zwischen Heiligenschein und zerrauftem Haar, zwischen Engelsflügeln und Leichentuch oszilliert.

Im Hintergrund steht schließlich der Leser als stilles Gegenüber: Er ist Mithörer eines inneren Dialogs zwischen Sprecher, Bild und Transzendenz. Das Verhältnis des Sprechers zum Leser ist nicht belehrend, sondern mitreißend; er zieht ihn in seine eigene Unsicherheit hinein. Insgesamt ist das Verhältnis von Sprecher und Gegenüber durch eine doppelte Spannung geprägt: Faszination und Schrecken gegenüber der Liebesszene, Vertrauen und Angst gegenüber Himmel und Hölle. Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ zeigt sich genau in dieser zerrissenen Beziehung – der Sprecher ist in seinem Deuten so radikal verunsichert, dass er am Ende nur noch die transzendente Instanz anrufen kann, die entscheiden soll, ob hier Freudenbett oder Bahre, Segen oder Verderben vorliegt.

3. Aufbau und innere Bewegung

1. Welche Ausgangssituation wird am Anfang des Gedichts gesetzt, und in welchem Zustand findet sich das Sprecher-Ich zu Beginn?

Am Anfang steht eine höchst zugespitzte, zugleich unklare Bildsituation: Ein Liebespaar ist dargestellt, aber der Betrachter weiß nicht, ob er einen „Liebeskampf“ oder einen „Todeskampf“ vor sich sieht (V. 1). Die Jungfrau scheint gesunken, vielleicht ohnmächtig oder bereits tot; der Jüngling ist über sie gebeugt oder an sie geschmiegt. Von dieser Ausgangslage her stellt die Sprecherinstanz eine Folge drängender Fragen: „Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?“ (V. 2), „Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?“ (V. 3), „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ (V. 4). Der Anfang setzt also eine radikale Deutungsunsicherheit an: Leben oder Tod, Lust oder Sterben, Heilung oder Erlöschen?

Das Sprecher-Ich – genauer: die sprechende Betrachterstimme – befindet sich zu Beginn in einem Zustand nervöser Bestürzung und interpretativer Ratlosigkeit. Es ist nicht ruhig betrachtend, sondern erregt, fast panisch fragend. Die Szene trifft den Sprecher offenbar existentiell; er muss sofort klären, was hier geschieht. Das Gedicht setzt also nicht mit einer geordneten Beschreibung ein, sondern mit einem inneren Schock, der sich in Fragekaskaden entlädt: Die Skizze ist ein Rätsel, das den Betrachter zwingt, sich selbst über Liebe, Schuld und Tod Rechenschaft abzulegen.

2. Welche größeren Sinnabschnitte lassen sich im Verlauf erkennen, und nach welchen inhaltlichen oder formalen Kriterien lassen sie sich voneinander abgrenzen?

Trotz der Einzeilenform lassen sich im Gedicht klar unterscheidbare Sinnabschnitte ausmachen, die sich sowohl inhaltlich als auch formal (Frageform / Feststellung / Imperativ) voneinander unterscheiden:

(1) Verse 1–4: Erste Diagnose der Jungfrau – Die Stimme fokussiert zunächst die weibliche Figur. In vier Frageversen werden mögliche Deutungen abgeklopft: Liebeskampf oder Todeskampf? Lebt sie noch oder nicht? Ist die Lampe ohne Öl, die Seele ohne Lebensfunken? Inhaltlich stehen hier Vitalzeichen und Todeszeichen der Jungfrau im Zentrum. Formal dominiert die Frageform mit „In…?“, „Ob…?“, „Kein…? oder…?“; das schafft einen tastenden, suchenden Ton.

(2) Verse 5–8: Einbezug des Jünglings und der Substanzen – Nun rückt der Jüngling, sein Zustand und sein Verhältnis zur Jungfrau in den Blick: „Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?“ (V. 5), „Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?“ (V. 6). Dazu kommt das Rätsel des gefallenen Bechers, der etwas „gießt“ (V. 7), und der dreifache Fragevers über Gift, Wein, Balsam (V. 8). Der Sinnabschnitt verknüpft also Erotik, Religiosität und mögliche Vergiftung. Formal bleibt der Frageton dominant, aber die Motivpalette wird breiter: neben Körperzeichen treten rituell-symbolische Signale (Becher, Flüssigkeit).

(3) Verse 9–11: Bilddeutung und Korrektur – Jetzt versucht der Sprecher, die Szene nicht nur zu fragen, sondern benennend zu fassen. Doch diese Benennung ist instabil: Die Arme des Jünglings werden „Engelsflügel“ (V. 9), dann sofort widerrufen – „Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten“ (V. 10). Um die Jungfrau „strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare“ (V. 11). Dieser Abschnitt bringt die Kippfiguren auf den Punkt: Engel oder Leichentuch, Heil oder Verzweiflung. Formal springen hier kurze Nominalsätze, Selbstkorrekturen und Gedankenstriche ins Auge.

(4) Verse 12–14: Beschwörung und Entscheidungsgestus – Am Ende wendet sich die Stimme von der reinen Bilddeutung zu imperativischer Anrufung: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde“ (V. 12), „Brich der Verzweiflung rasende Gewalten“ (V. 13), „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“ (V. 14). Inhaltlich ist dies die höchste Zuspitzung: Die Szene steht zwischen Himmel und Hölle, zwischen Freudenbett und Bahre, die Verzweiflung droht. Formal tritt an die Stelle der Frage der Befehl; die Stimme fordert eine Entscheidung, auch wenn diese am Ende offen bleibt.

3. Wo liegen deutliche Wendepunkte, Umschläge oder Kulminationen?

Der erste deutliche Umschlag liegt zwischen Vers 4 und Vers 5. Die Fragen der ersten vier Verse gelten ausschließlich der Jungfrau und ihrer Lebens- bzw. Todesnähe. Mit Vers 5 („Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?“) tritt der Jüngling als zweite Figur in die innere Szene, und der Fokus verschiebt sich von der reinen Todesdiagnostik hin zu Beziehungs- und Schuldfragen: Ist er nur Liebender, ist er Betender, ist er Täter, Opfer oder Mittler?

Ein zweiter, noch stärkerer Wendepunkt findet sich in Vers 9/10. Hier bricht der Versuch, den Jüngling als Engel zu deuten, in sich zusammen: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.“ Diese Selbstkorrektur ist der dramatische Kern des Gedichts: Der Wunsch, den Mann als rettenden Engel zu sehen, kollidiert mit der Wahrnehmung, dass seine Arme wie ein Leichentuch über der Frau liegen. Dieser Umschlag vom Engels- zum Todesbild ist formaler und inhaltlicher Kulminationspunkt: Eros und Thanatos, Heil und Verderben fallen in einer Figur zusammen.

Ein dritter markanter Umschlag liegt am Übergang zu Vers 12. Mit „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde“ wechselt der Text von der diagnostischen Beschreibung zur kosmisch-theologischen Beschwörung. Der Blick geht nun nicht mehr nur auf die Szene, sondern nach oben (Himmelslicht) und nach unten (Hölle). Das ist die Kulmination auf der Deutungsebene: Die Liebe der Szene wird zum Gegenstand eines quasi-jüngsten Gerichts – hier entscheidet sich, ob diese Liebe heilig oder höllisch, rettend oder verdammend ist.

4. Lässt sich eine Bewegung von einem Ausgangspol zu einem Gegenpol beschreiben, und wie wird dieser Weg sprachlich und bildlich vollzogen?

Die innere Bewegung des Gedichts führt von einem Pol der fragenden, tastenden Bildwahrnehmung zu einem Pol der radikal polarisierten, aber unaufgelösten Entscheidungssituation. Am Beginn steht das Doppel „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“: Die Liebe wird schon auf der ersten Zeile hin in eine Spannung zu Gewalt und Sterben gestellt. In den folgenden Fragen bleibt alles „ob“ – ob Atem fließt, ob Krampf den Mund verschließt, ob Lampe Öl hat, ob Funken da sind. Der Anfangspol ist eine Unsicherheit im Modus körperlicher Symptomfrage.

Im Mittelteil verschiebt sich diese Unbestimmtheit zunehmend in polar gespannte Bilder: Englisch / tödlich (Engelsflügel vs. Leichentuch), heilig / verwüstet (Heil'genschein vs. zerraufte Haare), heilend / tötend (Gift, Wein, Balsam). Die Szene wird so zu einem Knotenpunkt widersprüchlicher Zeichen. Sprachlich zeigt sich das in der Häufung von Gegensatzpaaren, Selbstkorrekturen („Nein…“) und Aufschichtungen („Heil'genschein – zerraufte Haare“).

Am Ende gelangt die Bewegung an einen Gegenpol: Die Stimme ruft nicht mehr „ob“, sondern fordert: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle“, „Brich der Verzweiflung rasende Gewalten“, „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Der Weg führt also von unruhiger Frage zu drängender, aber unentscheidbarer Alternative. Der Gegenpol ist nicht Beruhigung, sondern Zuspitzung: Die Liebe, an der verzweifelt wird, ist zugleich Ort möglicher höchster Freude und möglicher tiefster Vernichtung. Sprachlich vollzieht sich dieser Weg durch den Übergang von Fragepartikeln zu Imperativen, von offenen „Ob“-Sätzen zu geschlagenen Antithesen, von körperlich-konkreten Symptomen zu großformatigen Eschatologie-Bildern (Himmelslicht, Hölle, Freudenbett, Bahre).

5. Gibt es Rückgriffe, Spiegelungen oder Rahmenbildungen, die eine Kreisbewegung oder eine bewusst offene, fragmentarische Struktur erkennen lassen?

Das Gedicht arbeitet weniger mit einer Kreisbewegung als mit einer Spiegelstruktur von Anfang und Ende, die die existentielle Spannung steigert, ohne sie zu schließen. Gleich zu Beginn steht das Gegensatzpaar „Liebeskampf“ / „Todeskampf“ (V. 1) – eine sehr knappe Formel für das Ineinander von Eros und Sterben. Am Schluss kehrt diese Grundspannung auf einer anderen Bildhöhe wieder: „Freudenbett – die Bahre“ (V. 14). Was am Anfang in der Frageform auftaucht, erscheint am Ende als polares Begriffspaar in der Imperativkette: Liebeslager oder Totenlager. Diese Rahmung zeigt: Die Grundalternative hat sich nicht aufgelöst, sie ist nur deutlicher benannt und auf die Spitze getrieben worden.

Ähnlich spiegelt sich das Lampenmotiv (V. 4: „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“) in der Anrufung des „Himmelslichts“ und der „Hölle“ (V. 12). Anfangs geht es um einen rein diesseitigen Lichtträger (Lampe, Öl, Funken), am Ende um kosmische Lichtträger (Himmelslicht / Höllenflammen). Die Frage nach dem „Funken“ wird damit zur Frage nach dem übergeordneten Licht, das über diese Liebe und diesen Tod entscheidet.

Eine bewusste Offenheitsstruktur zeigt sich darin, dass der Text keine Antwort gibt, ob die Jungfrau lebt, ob Gift im Spiel ist, ob der Jüngling Täter oder Opfer ist. Die Imperative („Enthüll' – verhüll'…“) enden in einem paradoxen Doppelbefehl: Enthülle – verhülle. Die Bewegung geht also nicht zu einem geschlossenen Kreis, sondern zu einer zunehmend bewussten Unabgeschlossenheit. Gerade diese fragmentarische Offenheit ist Programm: Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ besteht darin, dass das Bild der Liebe sich nicht eindeutig als heil oder verderblich identifizieren lässt.

6. Wie verhalten sich äußere Gliederung und innere Gedanken- oder Gefühlskurve zueinander: Stützen sie sich, laufen sie gegeneinander oder erzeugen sie Spannungen, die für die Deutung wichtig sind?

Äußerlich präsentiert sich das Gedicht als abgeschlossene, kompakte Sonettgestalt mit 14 Versen und relativ regelmäßiger Reimstruktur – ein traditionell „geordnetes“, in sich rundes Formmodell. Innerlich aber verläuft eine hochgradig unruhige, gebrochene Gedanken- und Gefühlskurve: von stakkatohaften Fragen über abrupt widerrufene Bilddeutungen bis zu verzweifelter Beschwörung.

In gewisser Weise stützt die äußere Gliederung – Oktett aus Fragen, Sextett aus Bildern und Imperativen – die innere Entwicklung: Die Fragephase im ersten Teil, die Kippfiguren im mittleren Bereich und die Beschwörungsphase im Schluss sind klar gegliedert. Zugleich erzeugt die klassische Form einen Kontrast zur inneren Unruhe: Die Sonettgestalt suggeriert Geschlossenheit, während der Inhalt jede klare Lösung verweigert. Diese Spannung ist für die Deutung zentral: Die Form zeigt, dass das Gedicht als „über eine Skizze“ reflektiertes, kunstvoll gebautes Stück verstanden sein will, während die innere Bewegung diese Kunst intentionally überfordert – die Ordnung des Sonetts muss eine radikale existenzielle Ambivalenz tragen, die sich nicht harmonisieren lässt.

Damit wird das formale Gefäß selbst zum Teil der Aussage: Die klassische Liebesform (Sonett) ist nicht mehr der Ort eines idealisierten, geklärten Eros, sondern der Schauplatz einer Verzweiflung an der Liebe in der Liebe, die sich formal zwar bündeln, aber nicht befrieden lässt. Außere Form und innere Kurve stützen sich insofern, als sie gemeinsam die Bewegung von Frage zu Beschwörung, von Bilddeutung zu theologischer Zuspitzung abbilden; sie laufen aber gegeneinander, indem die formale Geschlossenheit und die inhaltliche Offenheit scharf auseinander klaffen – ein Spannungsfeld, das das Gedicht bewusst offen hält.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

1. Welche Grundstimmung herrscht im Gedicht vor?

Durchgehend herrscht eine angespannte, unheimlich-düstere und von religiös aufgeladener Ungewissheit bestimmte Grundstimmung. Nichts ist entschieden, alles steht unter dem Vorzeichen eines potenziellen Unglücks: Die Szene könnte Liebesrausch, könnte aber auch Giftmord, Todeskampf oder Sakrileg sein. Schon der Auftakt „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ setzt Liebe und Tod in unmittelbare Nachbarschaft und unterminiert jede sichere Zuordnung. Die Stimmung ist daher nicht einfach „tragisch“ oder „traurig“, sondern von einem bohrenden, beklemmenden Nicht-Wissen geprägt, das sich in immer neuen Fragen und Kippbildern entlädt. Hinzu tritt eine unterschwellige Bedrohung durch Hölle, Verzweiflung und Gericht, die der Szene eine dunkle Eschatologie-Schwere gibt.

2. Wie stabil ist diese Stimmung?

Die Grundspannung bleibt durch das gesamte Gedicht hindurch außerordentlich stabil, doch wird sie in verschiedenen Schattierungen moduliert. Am Anfang dominiert eine nervöse, fast forensische Unruhe: „Ob Atem noch…?“, „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ – die Stimmung ist hier von hektischer Diagnostik geprägt. Im Mittelteil tritt eine noch bedrückendere Färbung hinzu, wenn vermeintliche Engelsflügel zu „Leichentuches Falten“ und Heiligenschein zu „zerraufte[n] Haare[n]“ werden; die Stimmung kippt in Richtung katastrophischer Einsicht. Im Schluss schließlich wird die Grundspannung in Beschwörung und Verzweiflungsruf überführt („Brich der Verzweiflung rasende Gewalten“): Die Stimmung bleibt dunkel, gewinnt aber einen gesteigerten, beinahe apokalyptischen Ernst. Es gibt keinen wirklich hellen Entlastungsmoment – die zunächst suchende Unruhe steigert sich zu einer offenen, eschatologischen Not.

3. Welche Gefühle und affektiven Haltungen prägen das Ich und sein Verhältnis zu sich selbst?

Die Sprecherinstanz ist vor allem von Angst, Ratlosigkeit, Misstrauen und einer übersteigerten Wahrnehmungsbereitschaft geprägt. Sie traut der Szene nicht, sie traut der Liebe nicht, sie traut den eigenen ersten Eindrücken nicht. Das Selbstverhältnis ist darum ein zutiefst verunsichertes: Der Betrachter revidiert seine Wahrnehmung („Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten“), korrigiert und unterbricht sich, wird von der eigenen raschen Idealisierung (Engel) in den Verdacht einer tödlichen Realität (Leichentuch) zurückgeworfen.

Affektiv ist das Ich nicht souverän, sondern überfordert und überreizt. Es gerät so stark in Mitleid, Schrecken oder moralische Alarmbereitschaft, dass es am Ende auf transzendente Hilfe angewiesen ist („Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle… Brich der Verzweiflung…“). Das eigene Urteilsvermögen scheint nicht zu genügen; das Ich erlebt sich selbst als nicht mehr Herr der Deutung. Diese Selbstverunsicherung ist Teil jener „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“, die der Titel benennt: Die Gefühle sind so stark, dass sie das Selbst nicht mehr klar urteilsfähig lassen.

4. Wie gestaltet sich die affektive Beziehung zum Gegenüber?

Das primäre Gegenüber ist die dargestellte Liebesszene: Jungfrau, Jüngling, Becher, Lampe. Die affektive Beziehung zu diesem Bild ist eine Mischung aus Faszination, Entsetzen und moralisch-theologischer Sorge. Faszination: Es gibt deutliche Anzeichen einer erotischen, intim-intensiven Situation („höchste Gunst“, „in Liebe trunken“), die den Blick anzieht. Entsetzen: dieselben Merkmale können als Zeichen eines Verbrechens oder eines Todesfalls gelesen werden. Sorge: der Sprecher, religiös sensibilisiert, fragt nach Gift, nach Balsam, nach Heil oder Verderben und moralisch-geistlicher Konsequenz.

Zu den transzendenten Gegenübern (Himmelslicht, Hölle, Mächte, die Verzweiflung brechen können) ist das Verhältnis von flehentlicher Abhängigkeit geprägt. Der Sprecher bittet nicht nüchtern, sondern aus der Affektlage heraus: Die „rasende“ Verzweiflung soll gebrochen werden. Diese Verzweiflung bezieht sich sowohl auf die dargestellte Liebe als auch auf die eigene Unfähigkeit, sie zu deuten. Damit ist das Gegenüber der Szene zugleich Spiegel und Prüfstein für den Sprecher: Im Ringen um ihr Verstehen ringt er um sein eigenes Verhältnis zu Liebe, Schuld, Gericht und Gnade.

5. Gibt es ironische, humorvolle oder selbstrelativierende Momente, die die Oberfläche der Stimmung brechen und auf eine zweite, reflektierende Ebene verweisen?

Explizit ironische oder humorvolle Momente bietet das Gedicht nicht; die Situation ist zu konzentriert, zu bedrohlich. Auch die Selbstkorrektur „Engelsflügel – Nein Mantelsfalten“ trägt keinen satirischen oder witzigen Ton, sondern wirkt wie ein erschrockener Widerruf, der den eigenen Wunsch nach Verklärung entlarvt. Wenn überhaupt, lässt sich ein Hauch von indirekter Selbstrelativierung darin erkennen, dass die Stimme sich ihrer eigenen interpretativen Unzuverlässigkeit bewusst wird: Sie ertappt sich dabei, vorschnell zum Heiligen (Engel, Heiligenschein) zu greifen, und korrigiert sich in Richtung Realismus (Leichentuch, zerraufte Haare).

Diese Korrektur ist aber weniger ironische Distanz als Vertiefung der Verzweiflung: Sie zeigt, wie wenig sich die Liebe romantisch rein darstellen lässt, wie sehr sie von Schuld, Gewalt, Todsschatten überschattet ist. Eine reflektierende Ebene gibt es durchaus – die Bewusstheit über mögliche Fehl-Deutungen –, aber sie bleibt innerhalb derselben ernsten Grundstimmung. Das Gedicht kommentiert seine eigene romantische Bilderlust, indem es sie zurücknimmt, doch ohne in spielerische Ironie umzuschlagen.

6. Wie korrespondieren Ton und Bildwelt?

Ton und Bildwelt korrespondieren sehr eng und verstärken sich gegenseitig. Der brennend-unruhige, ratlose Ton spiegelt sich in einer Bildwelt, die konsequent Zwischenzustände, Kippfiguren und Ambivalenzen zeigt: „Liebeskampf“/„Todeskampf“, Atem oder Krampf, Lampe ohne Öl oder ohne Funken, Gift/Wein/Balsam im Becher. Die Bildwelt ist nicht klar konturiert, sondern stellt Optionen vor, die einander widersprechen – genau wie der Ton zwischen Hoffnung und Angst hin- und hergerissen ist.

Im mittleren Teil konkretisiert sich der Ton der Verunsicherung in den ikonischen Bildern: „Engelsflügel“ – „Leichentuches Falten“, „Heil'genschein“ – „zerraufte Haare“. Diese Bilder sind so gebaut, dass sie gleichzeitig Heiligkeit und Desaster aufrufen. Tonal entsteht daraus eine bedrängende Erfahrung von Doppelgesichtigkeit: Was heilig aussieht, kann tödlich sein; was nach Liebe aussieht, kann Verbrechen sein.

Im Schluss verschärft sich die Bildwelt zu kosmischen Gegensätzen: Himmelslicht und Höllenflamme, Freudenbett und Bahre. Der beschwörende, pathetische Ton („Strahl'“, „flamm'“, „Brich“, „Enthüll' – verhüll'“) passt zu diesen großformatigen Bildern: Die Sprache hebt in einen quasi-apokalyptischen Ernst ab, in dem über eine einzelne Liebesszene Himmel und Hölle, Heil und Verdammnis, Freude und Tod mitentschieden scheinen. Die affektive Grundschwingung – Verzweiflung angesichts einer Liebe, die zugleich erfüllend und zerstörerisch sein kann – wird durch die Bildwelt nicht nur illustriert, sondern mitgetragen und gesteigert: Die Bilder sind selbst Träger und Verdichter dieser radikalen Ambivalenz.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

1. Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Im Zentrum des Gedichts stehen existentiell zugespitzte Erfahrungen von Eros, Todesangst und Schuldverdacht. Alles kreist um die Frage, ob eine Liebesszene oder ein Todesfall – oder beides zugleich – vorliegt: „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ (V. 1) komprimiert das Grunddrama. Der Trieb zur Vereinigung, zur „höchsten Gunst“ (V. 6), ist deutlich präsent: Der Jüngling könnte „in Liebe trunken“ (V. 5) sein, die Jungfrau im Freudenbett liegen. Gleichzeitig steht im Raum, ob nicht Gift im Becher war, ob der Mund vom „Krampf“ (V. 3) verschlossen ist, ob der Atem versiegt ist – also die Tiefenerfahrung des Sterbens und möglicher Gewalt.

Diese Konstellation ruft eine spezifische Angst frei: die Angst vor der zerstörerischen Seite der Liebe. Die Liebe könnte nicht nur erfüllend, sondern tödlich sein; der Eros könnte in Todeskampf und Verzweiflung umschlagen. Hinzu kommt die Angst vor Verfehlung und Schuld: Hat die Frau Gift, Wein oder Balsam getrunken (V. 8)? Ist der Jüngling Täter, Opfer oder Zeuge? Die existentiell tiefste Erfahrung, die durch die Stimme hindurch sichtbar wird, ist die Verzweiflung an der Liebe mitten in der Liebe: Die Kräfte, die eigentlich auf Leben, Lust und Verbundenheit zielen, erscheinen zugleich als Kräfte von Zerstörung, Übermaß, Sünde und vielleicht Verdammnis.

2. Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch – hier in der Figur des sprechenden Betrachters wie in den umrissenen Figuren Jungfrau/Jüngling – erscheint durchgehend als affektiv überdeterminiert. Die Sprecherinstanz reagiert nicht nüchtern, sondern mit einer Kette spontaner, nervöser Fragen und Korrekturen. Sie lässt sich von Angst, Entsetzen, Faszination und Misstrauen treiben. Dass der Jüngling „in Liebe trunken“ (V. 5) sein könnte, verweist auf den Zustand, in dem Affekt den klaren Blick überlagert; „Trunkenheit“ ist das Paradigma eines affektbestimmten Daseins, das sich selbst nicht mehr durchschaut. Auch die Verzweiflung („rasende Gewalten“, V. 13) ist als affektive Übermacht gedacht, die gebrochen werden muss.

Der Betrachter selbst scheint dem, was er sieht, emotional nicht gewachsen: Er idealisiert (Engelsflügel), erschrickt und widerruft (Leichentuches Falten), schwankt zwischen Hoffnung auf Heil und Verdacht auf Höllenfall. Seine Wahrnehmung ist durch und durch emotional eingefärbt. Er braucht eine höhere Instanz („Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle“), weil seine eigenen Gefühle ihn in eine Deutungskrise treiben. So zeigt das Gedicht den Menschen als ein Wesen, dessen Wahrnehmung und Urteil in Grenzsituationen von Affekten dominiert werden – bis hin zur „rasenden“ Verzweiflung, die das Ich nicht mehr selbst in der Hand hat.

3. Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Die Sprecherinstanz ist radikal von Ambivalenzen durchzogen. Sie schwankt zwischen:

  • Liebe und Tod: „Liebeskampf“ oder „Todeskampf“, Freudenbett oder Bahre – beides bleibt zugleich möglich, ohne dass sich die Stimme festlegen kann.
  • Idealisation und Entlarvung: Die Arme des Jünglings erscheinen zunächst als „Engelsflügel“, dann als „Mantelsfalten – Leichentuches Falten“; um die Frau strahlt „Heil'genschein“, gleichzeitig aber „zerraufte Haare“. Das Ich will heiligen, muss aber zerstörte Realität anerkennen.
  • Hoffnung und Verdammnis: „Himmelslicht“ und „Hölle“ werden im selben Atemzug angerufen; das Ich kann beides nicht auseinanderbringen und weiß nicht, wohin diese Liebe letztlich gehört.

Diese Ambivalenzen sind nicht äußerliche Alternativen, sondern innerer Zustand des Ich: Es ist gleichzeitig angezogen und abgestoßen, hoffend und erschrocken, moralisch streng und sehnsüchtig. Der Titel („Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“) beschreibt genau diese innere Lage: Man verzweifelt nicht an einem kalten Gegenstand, sondern an etwas, das man zugleich bejaht und begehrt. Das Ich bleibt in seiner Ambivalenz gefangen; gerade daraus speist sich der hohe affektive Druck des Gedichts.

4. Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenüber?

Die affektive Bewegung der Sprecherinstanz formt die Wahrnehmung der Szene bis ins Detail. Weil Angst, Verdacht und Faszination zugleich am Werk sind, erscheinen die Figuren und Dinge nicht eindeutig, sondern doppelgesichtig. Der Jüngling ist vielleicht betend, vielleicht tot, vielleicht in Liebe trunken; die Jungfrau ist vielleicht selig, vielleicht krampfend, vielleicht vergiftet. Dasselbe Bild – die Arme über der Frau – kann als Engelsflügel oder als Leichentuch gelesen werden, derselbe Glorienschein als Heiligkeit oder als Zeichen manischer Verwirrung („zerraufte Haare“).

Die affektive Übererregung lässt das Gegenüber ständig kippen: aus Zärtlichkeit wird Bedrohung, aus Schutz Umschlingen, aus Freudenbett Bahre. Der Sprecher sieht nicht einfach, er projiziert seine Angst- und Schuldphantasien in die Skizze hinein. Darum muss er am Ende Himmel und Hölle anrufen: Seine eigenen Gefühle verzerren und steigern die Szene derart, dass er sie ohne transzendente Instanz nicht mehr zu ordnen vermag. So ist die Wahrnehmung des Gegenübers – der Liebenden im Bild – ein Spiegel der inneren Zerrissenheit des Betrachters: In ihren Gesten und Zeichen materialisiert sich seine Verzweiflung an der liebevollen, aber gefährlichen Macht des Eros.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

1. Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Der Text ist durchzogen von einer dichten religiös-metaphysischen Bildschicht, in der die Liebesszene von Anfang an in einen Horizont von Heil, Verhängnis und Gericht gestellt wird. Schon die erste Alternative „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ hebt den Vorgang aus bloßer Psychologie heraus: Liebe und Tod erscheinen als grundmächtige, fast schicksalhafte Kräfte, die über den Einzelnen hinausreichen. Die späteren Bilder konkretisieren diese Dimension: Der Jüngling erhält im Blick des Betrachters „Engelsflügel“ (V. 9), um die Jungfrau „strahlt Heil'genschein“ (V. 11) – Chiffren einer möglichen Heiligkeit, einer Nähe zum Sakralen. Gleichzeitig kippen diese Bilder sofort: Aus den „Engelsflügeln“ werden „Leichentuches Falten“, aus dem Heiligenschein tritt „zerraufte Haare“ hervor. Die Szene oszilliert so zwischen Heiligung und Entheiligung, zwischen Märtyrer- oder Heiligenikonographie und dem Bild einer zerstörten, „verbrauchten“ Gestalt.

Stark theologisch konnotiert sind auch Lampe, Öl, Funken und Becher. Die Frage „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ (V. 4) erinnert an die biblischen Gleichnisse von den klugen und törichten Jungfrauen: Fehlt der „Vorrat“ an Geist, Gnade, innerem Licht? Die Lampe wird zur Metapher für Lebens- und Seelenlicht. Der „gefallne Becher“ (V. 7) mit seiner dreifachen Deutungsalternative „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken“ (V. 8) evoziert eine ambivalente Sakralsymbolik: Der Becher kann Kelch des Heils (Wein, Balsam), aber ebenso Kelch des Gerichts (Gift) sein. In romantischer Manier werden hier Sakrament und Vergiftung, Heil und Vernichtung eng nebeneinander gestellt.

Am deutlichsten tritt die metaphysische Dimension in den Schlussversen hervor: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde“ (V. 12). Die Szene wird in eine vertikale Heilsgeschichte eingespannt: Oben das „Himmelslicht“, unten die „Hölle“, dazwischen die Erde mit ihrer Liebesverzweiflung. Dazu kommt die Anrufung, die „rasende[n] Gewalten“ der Verzweiflung zu brechen (V. 13) – Verzweiflung ist im christlichen Kontext nicht nur ein Gefühl, sondern eine Grenzsünde gegen Vertrauen und Hoffnung. Die letzte Zeile „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“ (V. 14) bündelt schließlich das Ganze eschatologisch: Über dieser Liebe steht das Urteil, ob sie Freudenbett (Ort legitimer, vielleicht sakramental geheiligter Liebe) oder Bahre (Ort des Todes, der Schuld, vielleicht des Gerichts) ist. Die Liebesszene wird damit zu einem Ort, an dem sich Heil und Verdammnis, Gnade und Sünde im Zeichen von Eros und Tod entscheiden könnten – oder verstörend unentscheidbar bleiben.

2. Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Moralisch und ethisch ist das Gedicht ein einziges Spannungsfeld. Die Szene ist bewusst so angelegt, dass sie mehrere, zum Teil gegensätzliche Lesarten zulässt, die moralisch höchst unterschiedlich zu bewerten wären. Der Jüngling könnte „betend“ (V. 5), also in einer Haltung der Fürbitte, Reue oder Anbetung über der Jungfrau knien; er könnte „tot“ sein – Opfer eines gemeinsamen Geschehens; oder er könnte „in Liebe trunken“ sein, also in einem Zustand erotischer Ekstase, der ihn blind macht. Ebenso bleibt unklar, ob er der Jungfrau „höchste Gunst genießt“ (V. 6) im Sinne einer erwiderten, legitimen Liebe – oder ob diese „Gunst“ bereits in den Bereich des Missbrauchs, der Übergriffigkeit, der Verbrüderung von Eros und Gewalt hineinspielt. Die moralische Wertung der Szene ist damit prinzipiell instabil.

Zusätzliche Konfliktzonen öffnen sich durch den Becher und seine möglichen Inhalte: „Gift, Wein, Balsam“. Hier stehen Lebenssteigerung, Heilung und Zerstörung ununterscheidbar nebeneinander. Hat sie Wein getrunken – Zeichen geselliger Lust oder liturgischer Feier? Hat sie Balsam zu sich genommen – Heilmittel, Trost? Oder Gift – Hinweis auf Mord, Selbstmord oder eine tödliche Mischung aus Leidenschaft und Vernichtung? Moralisch schwingt die ganze Spannungsbreite zwischen erlaubter, gesegneter Liebe und schuldhaft übersteigertem, zerstörerischem Eros mit. Die Skizze könnte eine legitime Liebesszene, eine tragische Unglücksszene oder eine Art „Tatort“ zeigen.

Hinzu kommt die moralisch-spirituelle Bewertung der Verzweiflung. Verzweiflung gilt im christlichen Denken klassisch als eine Form der Sünde gegen das Vertrauen auf Gott. Dass der Sprecher „der Verzweiflung rasende Gewalten“ (V. 13) gebrochen wissen will, zeigt, wie gefährlich er diesen Affekt einschätzt: Hier geht es nicht nur um Liebeskummer, sondern um eine Grenzerfahrung an der Schwelle zu Glaubensverlust, Sinnlosigkeit und Selbstvernichtung. Moralisch ist das Gedicht somit kein klarer Lehrtext, sondern eine Studie extremer Ambivalenz: Es zeigt, wie in der Liebe höchste Gunst und tiefste Schuld, zärtliche Hingabe und tödliche Gefahr, Heiligkeit und Verderben in einander hineinstürzen können – und wie jeder Versuch eindeutiger moralischer Einordnung scheitert oder in Beschwörung umschlägt.

3. Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis erscheint im Gedicht als radikal begrenzt, affektiv überformt und hermeneutisch prekär. Der Sprecher weiß im Grunde nichts Sicheres: ob sie noch atmet, ob der Mund vom Krampf verschlossen ist, ob die Lampe kein Öl oder keinen Funken hat, ob der Jüngling betet, tot oder trunken ist, ob der Becher Gift, Wein oder Balsam enthält. Diese Unwissenheit wird nicht versteckt, sondern im Modus der Frage offen ausgestellt. Erkenntnis beginnt hier nicht mit Gewissheiten, sondern mit einem Stakkato des Nichtwissens. Das Gedicht zeigt, wie schwer – vielleicht unmöglich – es ist, in einer Grenzsituation (zwischen Liebe und Tod) „objektiv“ zu urteilen.

Die Versuche, Erkenntnis zu gewinnen, schlagen in Fehldeutungen und Korrekturen um. Besonders deutlich wird dies in den Zeilen 9–10: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.“ Hier korrigiert sich der Blick im selben Atemzug: Was eben noch als Engelgeste (rettend, schützend, heilig) gesehen wurde, erweist sich als Mantel, als Leichentuch – als Geste des Todes. Erkenntnis ist keine klare Linie, sondern eine Folge von Projektionen, Rücknahmen und Neusichtungen. Das Gedicht reflektiert damit die Fehleranfälligkeit unserer Wahrnehmung, vor allem dort, wo starke Affekte im Spiel sind und Bildzeichen mehrdeutig sind.

Entscheidend ist, dass die Sprecherinstanz ihre eigene Erkenntnisinsuffizienz am Schluss anerkennt und sich an transzendente Instanzen als letzte Wahrheitszeuginnen wendet: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde / Brich der Verzweiflung rasende Gewalten, / Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Menschliche Erkenntnis bleibt im Modus des Fragens, Verdächtigens, Korrigierens stecken; die endgültige „Enthüllung“ der Wahrheit (war es Freudenbett oder Bahre?) wird als göttliche Aufgabe gesehen – zugespitzt in der paradoxen Doppelbitte „Enthüll' – verhüll'“, die erkennen lässt, wie gefährlich diese Wahrheit sein könnte.

Erkenntnistheoretisch lässt sich also sagen: Der Text inszeniert ein epistemisches Drama. Was ein Bild zeigt – und was „wirklich“ geschieht –, entzieht sich sicherer menschlicher Feststellung. Die Liebe wird hier zum Prüfstein von Erkenntnisfähigkeit: Je extremer sie wird, desto unsicherer werden unsere Deutungen. Wahre Erkenntnis liegt – wenn überhaupt – bei Gott, im „Himmelslicht“ oder in der Entscheidung des „Jüngsten Gerichts“, nicht im flackernden, affektgeladenen Blick des Menschen. Das Gedicht macht diese Begrenztheit nicht theoretisch, sondern poetisch erfahrbar: als rasende, unruhige Bewegung zwischen Ahnungen, Projektionen und der verzweifelten Bitte um eine letzte, göttliche Klärung.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

1. Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Die Bildsprache des Gedichts arbeitet mit einer kleinen Gruppe von Symbolwörtern und Metaphern, die den Konflikt von Eros und Tod, Heil und Verderben in immer neuen Konstellationen durchspielen. Schon das Eingangspaar „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ ist weniger Beschreibung als Verdichtung zweier Grundmetaphern: Liebe erscheint als Kampf, der entweder erotisch-erregten Körperkontakt, Überwältigung, Leidenschaft meinen kann – oder als tödliche Auseinandersetzung, als Untergang. In einem einzigen Vers werden so die oppositionellen Grundchiffren des Gedichts bereitgestellt; sie wirken wie ein semantischer Rahmen, innerhalb dessen alle weiteren Bilder gelesen werden müssen.

Stark symbolisch sind die Lampen- und Bechermotive. „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ (V. 4) deutet über das rein gegenständliche Bild hinaus: Die Lampe ist Symbol für Lebens- und Seelenlicht, Öl und Funken stehen für Kraft, Geist, Gnade. Eine Lampe ohne Öl oder Funken ist mehr als ein technisches Problem – sie ist Chiffre für erlöschendes Leben, für eine Seele, der der Geist ausgeht. Der „gefallne Becher“ (V. 7), aus dem etwas „gießt“, verbindet sich mit der triadischen Alternative „Gift, Wein, Balsam“ (V. 8). Der Becher ist hier polyvalent: Wein kann Lebensfreude, Dionysisches, aber auch Eucharistie symbolisieren; Balsam steht für Heilung, Trost; Gift für zerstörerische Leidenschaft, Schuld, Mord oder Selbstmord. Diese Metaphern sind bewusst so angelegt, dass sie keine Eindeutigkeit erzeugen, sondern den Interpretationsraum maximal öffnen: dieselbe Handlung (Trinken) kann Heilung, Rausch oder Vernichtung bedeuten.

In der Bilddeutung des Jünglings verdichten sich Metapher und Selbstkorrektur: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – / Nein MantelsfaltenLeichentuches Falten“ (V. 9–10). „Engelsflügel“ ist ein hoch aufgeladenes Symbolwort: Es steht für Schutz, Gnade, rettende Liebe, vielleicht sogar für Christusikonographie. Dass dieses Bild im selben Moment zurückgenommen wird zugunsten von „Mantelsfalten“ und „Leichentuches Falten“, zeigt die Funktion der Metapher: Sie ist hier Probe-Bild, eine Versuchsanordnung des Deutens, die sofort wieder negiert wird. Die Arme des Liebenden sind damit semantische Kippfigur: Sie können als umarmende Engelsgeste oder als zudeckendes Totentuch gelesen werden. Die Metaphern legen diese Doppelbödigkeit nicht fest, sondern machen sie sichtbar.

Ähnlich verhält es sich mit „Heil'genschein“ und „zerraufte Haare“ (V. 11). Der Heiligenschein ist klassisches Symbol des Heiligen, der göttlichen Zustimmung; zerraufte Haare markieren Leid, Verzweiflung, erotische Enthemmung, psychische Zerrüttung. Dass beide Bilder durch einen Gedankenstrich nebeneinanderstehen, zeigt: Die Szene kippt ununterbrochen zwischen Heiligungsbild und Katastrophenbild. Im Schlussvers schließlich treten „Freudenbett“ und „Bahre“ als letzte, extrem kondensierte Symbolwörter auf. Das Bett ist Ort legitimer, vielleicht sakramental geheiligter Sexualität; die Bahre ist Ort des Todes, der Ausgesetztheit, des Gerichts. Die Metaphern und Symbolwörter des Gedichts haben durchgängig die Funktion, die Szene als Chiffre einer unentscheidbaren Grenzsituation zu markieren: Liebe, Sakrament, Gewalt, Tod und Gericht liegen so dicht übereinander, dass keine stabile, eindeutige Lesart mehr möglich ist – genau daraus gewinnt der Text seine existentielle Schärfe.

2. Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Die Redeweise im Gedicht gliedert sich deutlich in zwei Modi: fragen-tastend im Oktett und imperativisch-beschwörend im Schlussbereich. In den ersten acht Versen herrschen Fragen und halbsatzartige Fügungen vor: „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“, „Ob Atem noch…?“, „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“, „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam…“. Diese Abfolge wirkt wie eine Beschleunigungsmaschine: Ein Frageimpuls jagt den nächsten, Konjunktionen werden knapp gehalten oder ganz weggelassen, der Sprecher springt assoziativ von Symptom zu Symptom. Die syntaktische Struktur verstärkt so die affektive Übererregung; der Leser kommt kaum „zum Atem holen“ – wie der Betrachter im Gedicht, der einem Schockbild ausgeliefert ist.

Die Reihe „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken“ (V. 8) illustriert zugleich die Wirkung von Wiederholung und Parallelbau: Das dreifache „hat“ treibt die Frage in eine rhythmische Steigerung, die drei Substantive entfalten die ganze Spannweite von Verderben, Lust und Heil. Ähnlich arbeitet der Text mit rhythmisierten Doppelungen im Schluss: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde / Brich der Verzweiflung rasende Gewalten, / Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“. Hier bilden die Imperative eine akustische Kette von Schlagworten, in der die Gegensätze aufeinanderprallen. Wiederholung (Enthüll' – verhüll') wird zur paradoxen Figur: Die Sprache fordert dasselbe Objekt zugleich zu Offenbarung und Verbergung auf – ein stilistisches Mittel, um die Ambivalenz des Wunsches (wissen wollen und nicht wissen können) sichtbar zu machen.

Die syntaktischen Brechungen sind vor allem in den Versen 9–11 auffällig. Gedankenstriche zerreißen hier jede glatte Satzfügung: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten. / Um sie strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare.“ Dieses Abbrechen, Neuansetzen, das „Nein“ als quasi lautlicher Widerruf, lässt den Leser den Moment des inneren Kippens beim Betrachter mitvollziehen. Die Sprache protokolliert nicht nur eine einmal gefundene Deutung, sondern den Prozess, wie eine erste Sicht (Engel, Heiligkeit) durch einen zweiten Blick (Tuch, Haare) korrigiert wird. Dadurch wird die Erkenntniskrise rhetorisch erfahrbar gemacht.

Die Imperative am Schluss („Strahl'“, „flamm'“, „Brich“, „Enthüll' – verhüll'“) markieren den Übergang vom Beschreiben zum Vollzug. Die Stimme will nicht mehr nur sehen und verstehen, sondern ins Geschehen eingreifen – allerdings nicht als Handelnder, sondern als Anrufender einer höheren Macht. Die Imperative verleihen dem Schluss eine quasi-liturgische oder exorzistische Färbung: Es wird etwas „beschworen“, das jenseits menschlicher Kontrolle liegt. Damit wird die Szene endgültig aus dem Bereich bloßer Wahrnehmung in den Bereich des Gerichtlichen und Sakramentalen gehoben.

3. Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Der Klang des Gedichts trägt wesentlich zur Spannung und Verdichtung bei. Es finden sich zahlreiche Alliterationen und lautliche Parallelbildungen, die semantische Kopplungen verstärken. Gleich im ersten Vers erzeugt die Paarung „Liebeskampf – Todeskampf“ durch die Wiederholung von „-kampf“ eine rhythmische Klammer, die die beiden antagonistischen Kräfte akustisch zusammenbindet. In „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ (V. 4) verbinden sich die kurzen, harten Konsonanten („k“, „t“, „p“, „k“) mit den offenen Vokalen; das stakkatoartige Klangbild unterstützt den Eindruck eines hektisch prüfenden, stockenden Sprechens.

„Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?“ (V. 5) zeigt mit der Wiederkehr von „t“ („tot“, „trunken“) und den gedehnten Vokalen eine fast singbare Binnenrhythmik, die den Zustand des Jünglings zwischen Ekstase und Tod akustisch nachzeichnet. Die Folge „Mantelsfalten – Leichentuches Falten“ (V. 10) lebt von der Wiederholung des „Falten“-Wortes; der Klangteppich der „f“- und „l“-Laute trägt zur Eindringlichkeit des Bildes bei und macht die Verwandlung vom Mantel zum Leichentuch fast körperlich spürbar. Ähnlich das Paar „Heil'genschein – zerraufte Haare“: Die aspirierenden „h“-Laute („Heil'genschein“, „zerraufte Haare“, „Himmelslicht“, „Hölle“) schaffen eine raue, fast keuchende Klangfarbe, die zur inneren Erregung passt.

Auch die Schlussverse sind klanglich sorgfältig gebaut. „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle“ bündelt mit den wiederholten „h“- und „l“-Lauten eine Spannung aus Hauch (Himmel, Hölle) und Flammenlaut („flamm'“). „Brich der Verzweiflung rasende Gewalten“ verbindet die schweren Konsonanten „br“, „z“, „v“, „g“ zu einem Klangfeld, das Wucht und Härte transportiert; die Binnenrhythmen („Ver-zwei-fel-ung“, „ra-sen-de Ge-wal-ten“) lassen die Zeile wie einen gewaltigen Schlag wirken. Der Schlussvers „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“ arbeitet durch Paare und binäre Opposition: „Enthüll' / verhüll'“, „Freudenbett / Bahre“. Die kurzen Imperative mit den ähnlichen Vokalfolgen (en–, ver–) und die Betonung von „Freuden–“ und „Bahre“ geben dem Vers einen hochverdichteten, fast szenischen Schlagcharakter.

Insgesamt fungiert der Klang nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Verdichtungsmedium: Durch Laut- und Rhythmusfiguren werden Zusammengehörigkeiten (Liebe/ Tod, Engel/Leichentuch, Himmel/Hölle) hörbar gemacht, bevor sie begrifflich voll erfasst sind. Der Leser spürt im Ohr, dass hier Kräfte aufeinanderprallen, die nicht harmonisch zusammenpassen – der Klang macht den inneren Riss sinnlich erfahrbar.

4. Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Druck entsteht im Gedicht vor allem durch die Dichte der Fragen, die Kürze der Sätze und die schnelle Abfolge unvereinbarer Deutungsangebote. In den ersten acht Versen jagt ein „Ob“ das andere, kaum ein Vers bietet eine Atempause in Form eines abgeschlossenen, beruhigenden Aussagesatzes. Die Sprache drängt vorwärts, als müsse sie in kürzester Zeit etwas Entscheidendes klären: Leben oder Tod, Schuld oder Unschuld, Gift oder Balsam. Diese Beschleunigung erzeugt beim Lesen einen unmittelbaren psychischen Druck – man steht unter demselben Interpretationszwang wie der Betrachter.

Enge stellt sich dort ein, wo die Syntax bricht und die Korrekturen sich ballen: „Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.“ Der Gedankenstrich, das isolierte „Nein“, die gestauchten Nominalgruppen lassen den Vers „zusammenziehen“. Der Leser wird in einen eng geführten Innenraum gedrängt, in dem die Sicht sich dauernd widerspricht. Auch die Schlusszeile mit ihren kurzen, harten Imperativen („Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“) wirkt wie ein Engpass: Alle Deutungswege werden in einem Moment maximaler Verdichtung aufeinandergepresst.

Weite entsteht demgegenüber vor allem im Schlussbereich, wo die Sprache kosmische Bilder aufruft: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde“. Hier öffnet sich die Szene vertikal – nach oben zum Himmel, nach unten zur Hölle, dazwischen die Erde. Die Liebesszene wird in einen Raum eingespannt, der nicht mehr nur das Zimmer oder Bett umfasst, sondern einen Welt- und Heilsraum. Diese semantische Weitung steht jedoch im Kontrast zur formalen Enge, sodass keine entlastende Ruhe entsteht; die weit ausgreifenden Bilder steigern vielmehr die Tragweite des Konflikts.

Ekstase ist vor allem in der Formulierung „in Liebe trunken“ (V. 5) angesprochen. Die Trunkenheit ist ein klassisches Bild für ekstatische Zustände, in denen das Subjekt sich selbst übersteigt oder verliert. Im Kontext des Gedichts bleibt diese Ekstase allerdings unheimlich gebrochen: Sie steht neben „betend“ und „tot“; Ekstase, Frömmigkeit und Tod werden in einer Reihe genannt. Die Sprache lässt die Möglichkeit erotischer oder mystischer Ekstase aufscheinen, zieht sie aber sofort in das Feld von Sterben und Verzweiflung hinein. Echte Ruhe oder Versöhnung tritt nicht ein.

Von Ruhe kann man allenfalls in einem sehr begrenzten, negativen Sinn sprechen: im Moment, in dem sich die Stimme nicht mehr fragt, sondern die transzendente Instanz ruft. Doch auch dieser Moment ist rhetorisch hochgradig aufgeladen, voller Imperative und Antithesen. Eine ruhige, ausgeglichene Tonlage gibt es nicht; selbst die „Ruhe“ wäre hier die Ruhe des Urteils, der Entscheidung – und genau diese wird nicht erreicht. So bleibt die Sprache durchgehend ein Medium von erhöhtem Druck und angespannter Weite: Sie erweitert den Horizont der Szene ins Kosmische, ohne den inneren Konflikt zu lösen. Das Ergebnis ist eine dauerhafte Spannung zwischen Enge (im Erleben) und Weite (im Bildraum), zwischen Ekstase (Liebe, Trunkenheit) und Verzweiflung – eine Spannung, die das Gedicht nicht beruhigt, sondern bewusst offenhält.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

1. Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint im Gedicht vor allem als Extremwesen: als einer, der in der Liebe an seine existentiellen Grenzen gerät und gerade darin sichtbar wird. In den Figuren von Jungfrau und Jüngling verdichtet sich der Mensch zum Knoten von Eros und Tod: „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ – schon der eröffnende Vers beschreibt ihn als einen, der im Kampf steht, dessen Intensität nicht mehr eindeutig als Leben oder Sterben zu markieren ist. Der Jüngling ist „betend? tot? in Liebe trunken“ – also zugleich religiös gerichtet, existentiell bedroht und erotisch überwältigt. Die Jungfrau ist entweder Günstige, Liebende, Selige – oder Opfer, Krampfende, Tote. In dieser Schwebe zeigt sich der Mensch als gefährdetes, ambivalentes Liebeswesen.

Gleichzeitig ist der Mensch in der Sprecherfigur der Betrachtung präsent: als einer, der das, was er sieht, nicht mehr souverän beherrscht. Der Betrachter ist nervös, übererregt, von Affekten und religiösen Deutungsschemata durchdrungen. Er versucht zu ordnen und rutscht doch immer wieder in widersprüchliche Zuschreibungen: „Engelsflügel“ – „Nein… Leichentuches Falten“, „Heil'genschein – zerraufte Haare“. Der Mensch ist also nicht autonomer Deuter seiner Welt, sondern ein von der Szene, von der Liebe und von der Möglichkeit des Verbrechens zutiefst affektiv und spirituell erschüttertes Subjekt. Er ist, kurz gesagt, ein Wesen, das in der Liebe nicht nur Erfüllung findet, sondern sich gerade in ihrer Abgründigkeit selbst nicht mehr versteht.

2. Welche Rolle spielt das Gegenüber für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber – die dargestellte Liebesszene der „Skizze“ – ist für die Sprecherinstanz nicht bloß Objekt ästhetischer Betrachtung, sondern Spiegel und Prüfstein der eigenen Existenz. Indem der Sprecher das Bild zu deuten versucht, deutet er unausweichlich auch sich selbst: sein Verständnis von Liebe, von Schuld, von Heil und Verdammnis. Die Unsicherheit über den Status der Jungfrau (lebt sie noch, ist sie vergiftet, ist sie im Liebesrausch?) und des Jünglings (Liebender, Betender oder Täter) ist zugleich die Unsicherheit über den eigenen Standort in der Welt der Liebe. Die Szene zwingt ihn, sich zu fragen: Was ist Liebe überhaupt – höchste Gunst oder tödliche Gefahr, ehelich-geweihte Intimität oder zerstörerischer Exzess?

Noch deutlicher wird die Selbstdeutung in der Hinwendung zu den transzendenten Gegenübern: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde, / Brich der Verzweiflung rasende Gewalten, / Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Indem der Sprecher Himmel und Hölle anruft, gesteht er ein, dass seine eigene Erkenntnis nicht ausreicht, um diese Liebe zu beurteilen. Das Gegenüber der Skizze drängt ihn in eine metaphysische und moralische Selbstauslegung: Er muss Position beziehen – ob er will oder nicht – zur Frage, ob und wie Liebe gerechtfertigt, geheiligt oder verdammt werden kann. Darin liegt die besondere Funktion des Gegenübers: Es wirkt wie ein Spiegel, in dem die innere Zerrissenheit des Ich als hermeneutische und spirituelle Krise sichtbar wird.

3. Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Mehrere Leitfiguren lassen sich aus dem Text herauskristallisieren:

Erstens der homo amans, der liebende Mensch, dessen Dasein im Zeichen des Eros steht. Der Jüngling, „in Liebe trunken“, und die Jungfrau, deren „höchste Gunst“ im Raum steht, repräsentieren den Menschen als Wesen der begehrenden, körperlichen, seelischen Hingabe. Diese Liebe ist keineswegs nur sentimental; sie ist Kampf, Rausch, Grenzerfahrung, mit der Möglichkeit extremer Erfüllung wie extremer Zerstörung.

Zweitens der homo religiosus, der religiöse Mensch. Die Bildsprache von Heiligenschein, Engel, Himmelslicht, Hölle, Verzweiflung und Gericht zeigt, dass der Mensch sich selbst nur in einem vertikalen Bezugssystem vollständig versteht. Die Liebe ist nicht bloß privat, sondern immer schon vor Gott, vor Himmel und Hölle situiert. Der Betrachter betet gewissermaßen über der Szene, indem er kosmische Mächte anruft, damit sie sie beurteilen und die „rasenden Gewalten“ der Verzweiflung brechen.

Drittens tritt der homo hermeneuticus hervor – der Mensch als interpretierendes, deutendes, aber fehleranfälliges Wesen. Die Stimme probiert Bilder aus (Engel, Leichentuch; Gift, Wein, Balsam), verwirft sie wieder, bleibt im Fragen stecken. Der Mensch ist hier nicht vor allem Handelnder, sondern Lesender der Zeichen der Welt, und gerade in der Liebe stößt er an die Grenzen seiner Deutungsmöglichkeiten. Aus dieser Figur entwickelt sich viertens der homo desperans, der verzweifelnde Mensch: Einer, der an der Liebe verzweifelt, weil sie ihm gleichzeitig heilig und verhängnisvoll, rettend und tödlich erscheint – und damit sein Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Reinheit, moralischer Klarheit zerstört.

4. Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Das Gedicht inszeniert den Menschen an einer existentiellen Grenzlinie: der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen legitimer Liebe und schuldhaftem Exzess, zwischen Heil und Verdammnis. Diese Grenze ist nicht äußerlich markiert, sondern verläuft mitten durch die Szene – und damit durch das Verständnis des Menschen von sich selbst. Schon in Vers 1 steht der Mensch „in Liebeskampf? in Todeskampf“; die Grenze zwischen beiden ist nicht klar zu ziehen. Die Jungfrau könnte im ekstatischen Liebesrausch oder im Krampf des Sterbens sein; der Jüngling könnte in innigster Hingabe oder in tödlicher Verstrickung handeln. Der Mensch lebt hier als Wesen der Grenzverwirrung: Seine Erfahrung überschreitet die klaren Kategorien, mit denen er sich sonst Orientierung verschafft.

Das Begehren selbst erscheint als ambivalent und gefährlich. „In Liebe trunken“ ist einerseits Chiffre höchster intensiver Verbundenheit, andererseits Zustand des Kontrollverlusts. Das Trinken aus dem Becher kann Lebenssteigerung (Wein), Heilung (Balsam) oder Vernichtung (Gift) bedeuten – und das Gedicht verweigert uns zu sagen, was es „wirklich“ ist. Das anthropologische Bild der Liebe ist damit alles andere als harmlos: Begehren ist Kräftefeld, in dem Gnade und Schuld, Lust und Todesnähe untrennbar ineinander übergehen können. Der Mensch ist ein begehrendes Wesen, das seine eigene Lust nie völlig von der Möglichkeit des Verderbens abkoppeln kann.

Die Sinnsuche des Menschen zeigt sich in der rasenden hermeneutischen Bewegung des Sprechers. Er will verstehen, was hier geschieht, und diese Verstehensbewegung ist selbst schon eine Sinnsuche: Danach, ob Liebe letztlich gut genannt werden kann, ob sie heiligt oder verdirbt, ob sie vor Gott Bestand hat. Diese Suche stößt aber rasch an ihre Grenzen. Die Kette der Fragen und Korrekturen mündet in die Anrufung von Himmel und Hölle und in die paradoxe Bitte „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Darin wird deutlich: Der Mensch sucht Sinn, aber er weiß zugleich, dass eine vollständige, unbarmherzige Enthüllung unerträglich sein könnte; vielleicht braucht der Mensch auch das „Verhülltsein“ des Geheimnisses, um nicht an der Wahrheit zu zerbrechen.

So zeigt das Gedicht den Menschen als ein Wesen, das in der Liebe an seine Grenzen kommt, dessen Begehren sich als zweischneidige Macht erweist und dessen Sinnsuche notwendig in eine metaphysische Offenheit mündet: Der letzte Sinn, so wird angedeutet, liegt nicht in menschlicher Deutungsmacht, sondern im Urteil eines „Himmelslichts“ oder im Dunkel einer „Hölle“, die unser Tun und Lieben in einem größeren Zusammenhang sieht. Der Mensch bleibt – in Brentanos Formulierung – als einer zurück, der „an der Liebe in der Liebe“ verzweifeln kann, gerade weil er sie als Ort höchster Erfüllung und äußerster Gefährdung zugleich erfährt.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

1. Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Im Hintergrund des Gedichts stehen mehrere sich überlagernde Traditionsstränge. Zum einen ist deutlich die Sonetttradition der Liebes- und Bildgedichte präsent: die 14 Verse, die klare Zweiteilung in „Oktett“ (Fragen, diagnostische Betrachtung) und „Sextett“ (Kippbilder, Beschwörung), der dichte Reimverband – all das knüpft an die europäische Sonettkultur an, in der Liebeserfahrung häufig an der Grenze zu Schmerz, Sünde und Transzendenz verhandelt wird (Petrarkismus, barocke Liebessonette). Anders als in klassischen Idealisierungen wird die Geliebte hier jedoch nicht verklärt, sondern in eine ambivalente Szene zwischen Freudenbett und Bahre gestellt. Brentano führt die Form in ein romantisch-dunkles Gegen-Sonett: Das, was die Tradition ordnend zu fassen sucht, wird bei ihm als unauflösbare Spannung exponiert.

Ein zweiter Traditionsstrang ist der barocke Vanitas- und Passionstopos. Die Motive von Lampe und Öl, Becher und Gift/Wein/Balsam, Heiligenschein und Leichentuch erinnern an barocke Frömmigkeits- und Todesbilder, in denen Liebes- und Leidensikonographie ineinander greifen. Besonders die Transformation des möglichen „Engelsflügels“ in „Leichentuches Falten“ und die Konstellation „Freudenbett – Bahre“ verweisen auf eine barocke Wahrnehmung von Liebe als grundsätzlich vergänglich und gefährdet, immer im Schatten der Sterblichkeit. Brentano aktualisiert diese Tradition in der radikal ambivalenten Liebesszene, die zugleich Lust, Schuld und Gericht ahnen lässt.

Hinzu tritt der Kontext der frühen bzw. Heidelberger Romantik: Die romantische Literatur zeichnet sich durch eine stark reflektierte Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachtung aus (Ekphrasis, Bildgedicht, „Dichtung über eine Skizze“), durch die Neigung zu Grenzsituationen (Wahnsinn, Verbrechen, Todesnähe) und durch das ständige Spiel mit religiösen Symbolen in säkularen oder erotisch aufgeladenen Zusammenhängen. Brentanos Gedicht steht genau in dieser Linie: Es ist ein ekphrastisches Fragment über ein Bild, das seinerseits Fragment eines Liebesdramas ist; es verbindet katholisch geprägte Bildsprache mit romantischer Skepsis gegenüber der Eindeutigkeit von Heil und Sünde. Die Szene wirkt wie ein romantischer Gegenentwurf zur klassisch-harmonischen Liebesdarstellung – näher bei den dunklen, gebrochenen Liebesvisionen etwa bei Novalis oder den späteren Nacht- und Todesbildern der Romantik als bei der höfischen oder empfindsamen Tradition.

2. Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

Intertextuell lassen sich mehrere Motivkomplexe identifizieren. Zentral ist der Liebestod-Topos, den die europäische Literatur seit der Antike kennt: Liebende, deren Leidenschaft in den Tod führt oder sich an dessen Grenze vollzieht (Hero und Leander, „Romeo und Julia“, später „Tristan und Isolde“ etc.). Im Gedicht verschränkt sich dieser Topos mit der Frage nach Gift und Becher, was an tragische Szenen des Gifttranks erinnert – von antiken Dramen bis zu modernen Liebestragödien. Die Gleichzeitigkeit von „Freudenbett“ und „Bahre“ ist eine knappe Formel für die Figur des Liebestods: das Bett als Ort der Vereinigung und zugleich als Lager der Leiche.

Stark intertextuell aufgeladen ist das Lampenmotiv. „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“ erinnert an das biblische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, deren Lampen Öl haben oder nicht; im Hintergrund steht die Frage, ob die Seele „bereit“ ist, ob der geistige Vorrat reicht, wenn der Bräutigam (Christus) kommt. In der Verbindung mit der sterbenden oder ekstatischen Jungfrau im Gedicht entsteht ein Echo zu solchen Braut-Christus-Bildern – hier jedoch drastisch verdunkelt und verunsichert.

Der „Becher“, aus dem Gift, Wein oder Balsam stammen könnten, ruft intertextuelle Linien zu biblischen Kelchmotiven auf: „Kelch des Heils“, „Kelch des Zorns“, der Leidenskelch im Garten Gethsemane. Dass in einem Liebesgedicht diese triadische Alternative explizit genannt wird, verschränkt Eros, Sakrament (Wein), Heilung (Balsam) und Gericht (Gift) in einer einzigen Szene. Das Gedicht lässt sich so als dunkles Gegenstück zu der mystischen Überblendung von Liebes- und Gottesmetaphorik lesen, wie man sie etwa im „Hohenlied“ oder in barocken Brautmystik-Texten findet – nur dass hier Liebeslust, Sakralität und Verdammungsangst noch unentschiedener ineinander greifen.

3. Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Biblisch-theologisch bietet der Text gleich mehrere Ansatzpunkte. Das bereits erwähnte Lampenmotiv mit Öl und Funken (V. 4) lässt sich wie gesagt mit dem Gleichnis von den Jungfrauen verknüpfen: Steht die dargestellte Jungfrau in einer Situation, in der sich erweist, ob ihre Liebe „ölreich“ ist, ob geistliche Wachheit oder geistliche Leere herrscht? Die Gegenüberstellung von Himmelslicht und Hölle (V. 12) positioniert die Szene explizit im Horizont des Gerichts: Die Liebe dieser beiden Menschen steht vor einem Gerichtshof, der über Heil oder Verdammnis entscheidet. Die „rasende Verzweiflung“ (V. 13) ist im christlichen Denken mehr als ein psychischer Zustand; sie grenzt an die Todsünde der Verzweiflung (Glaubenslosigkeit, Hoffnungslosigkeit), wodurch das Geschehen in eine soteriologisch heikle Zone gerückt wird.

Mythisch bietet sich die Verbindung zu Eros- und Thanatosfiguren an: Die ununterscheidbare Nähe von Liebesakt und Todeskampf erinnert an die uralte, archetypische Verquickung von Liebestrieb und Todestrieb, wie sie später psychoanalytisch mit „Eros“ und „Thanatos“ benannt wird. Schon lange vor Freud kennt die Literatur Bilder extremer Liebe, die im Tod endet; Brentano schließt hier an eine mythische Tiefenschicht an, in der Liebe nicht nur Leben stiftet, sondern auch zerstören kann. Das „Freudenbett – die Bahre“ ist eine extrem verdichtete Chiffre genau dieses mythischen Doppelgesichts.

Philosophisch ließe sich das Gedicht im Kontext der romantischen Oppositionstheorie betrachten. Die Frühromantik (Schlegel, Novalis) arbeitet gern mit der Idee, dass sich Gegensätze wie endlich/unendlich, human/divin, Vernunft/Wahnsinn, Liebe/Tod in einer höheren Einheit oder zumindest in einer produktiven Spannung begegnen. Bei Brentano in diesem Text sind die Gegensätze zwar in einer Szene präsent, aber sie finden gerade keine versöhnte Synthese. „In Liebeskampf? In Todeskampf?“ – „Himmelslicht“/„Hölle“ – „Freudenbett“/„Bahre“: Die Sprache stellt die Kontraste radikal nebeneinander und belässt sie in einer Art aporetischem Spannungsfeld. Philosophisch deutet sich hier eine frühe romantische Skepsis an, ob eine klare, spekulativ gewonnene Einheit der Gegensätze überhaupt möglich ist – oder ob das menschliche Erkennen nicht strukturell auf der Schwelle der Unentscheidbarkeit stehen bleibt, besonders in Fragen der Liebe.

4. Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Horizont der Romantik wirkt „Über eine Skizze: Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ wie eine konzentrierte Mikro-Studie des romantischen Liebesabsolutismus und seiner Destruktionsgefahr. Die Epoche neigt dazu, Liebe als absoluten Wert, als Zugang zum Unendlichen, ja als Gotteserfahrung zu deuten – man denke an Novalis’ und Tiecks Liebes- und Todesphantasien. Gleichzeitig wächst im frühen 19. Jahrhundert das Bewusstsein dafür, wie sehr diese gesteigerte Liebesidee in Selbstzerstörung, Wahnsinn, Verbrechen umschlagen kann. Brentanos Gedicht gibt dieser Ambivalenz eine extrem dichte, formal gezähmte, inhaltlich jedoch radikal offene Gestalt. Es steht damit auch in der Nähe zu den späteren romantischen „Schreckensbildern“ (E.T.A. Hoffmann u. a.), in denen Liebe, Wahn und Schuld untrennbar verwoben sind.

Innerhalb von Brentanos eigenem Werk fügt sich der Text in eine Reihe von Gedichten und Prosapassagen, in denen Liebe, Schuld, Religion und Tod aufeinanderstoßen. Auch in anderen Texten wird die Liebe nicht nur als selige Einheit, sondern als gefährliche, doppeldeutige Macht gezeigt (man denke an Brentanos „Lore Lay“-Stoff oder an die „Nachklänge Beethovenscher Musik“, wo musikalische Erhebung und Gewaltgeschichte ineinandergreifen). Charakteristisch ist Brentanos katholisch geprägte Bildwelt: Heiligenschein, Engel, Himmelslicht und Hölle sind bei ihm keine bloßen Ziermotive, sondern ernstgemeinte Chiffren eines Glaubenshorizonts, in dem Liebesentscheidungen Heil oder Unheil nach sich ziehen können.

Das Gedicht zeigt damit einen „Brentano in nuce“: die Spannung zwischen romantischer Bild- und Klanglust und moralisch-theologischer Sorge, zwischen der Faszination am Eros und der Angst vor seiner destruktiven Potenz, zwischen kunstvoller Form und existentieller Unruhe. Im Epochenhorizont ist es ein markantes Beispiel dafür, wie die Romantik die traditionelle Liebeslyrik nicht einfach fortführt, sondern unter das Vorzeichen der inneren Zerrissenheit und der metaphysischen Krisenerfahrung stellt. Im Gesamtwerk Brentanos markiert der Text eine Zone, in der sich seine dichterische Imagination mit seiner später immer stärker werdenden religiösen Ernsthaftigkeit kreuzt – ein Knotenpunkt, an dem „Liebe“ nur noch im Licht von Himmelslicht und Hölle, Freudenbett und Bahre gedacht werden kann.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

1. Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Hinter der Gestaltung des Gedichts steht eine ästhetische Idee, die man als poetische Inszenierung der Unentscheidbarkeit beschreiben kann. Das Gedicht will gerade nicht eine Bildszene klären, ordnen, beruhigt entschlüsseln, sondern die innere Zerrissenheit, die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“, in einer extrem verdichteten Form erfahrbar machen. Ästhetik bedeutet hier: einen Raum zu schaffen, in dem widersprüchliche Deutungen – Liebeskampf und Todeskampf, Engel und Leichentuch, Freudenbett und Bahre, Himmelslicht und Hölle – gleichzeitig präsent und gleichberechtigt nebeneinanderstehen, ohne dass ein harmonisierendes Urteil sie auflöst.

Die Wahl der sonettartigen Form ist dafür entscheidend. Sie bietet ein klassisch geschlossenes Gefäß, das normalerweise auf Pointe, Einsicht, manchmal sogar Versöhnung hin gebaut ist. Brentano benutzt diese Form aber, um das Gegenteil zu tun: Er füllt sie mit offenen Fragen, Selbstkorrekturen und antithetischen Schlussformeln. Die „Schönheit“ des Gedichts besteht nicht in glatt proportionierter Harmonie, sondern in einer ästhetischen Spannung, die die innere Zerspaltenheit der dargestellten Liebe sichtbar macht. Die Bildlichkeit arbeitet konsequent mit Kippfiguren: Jedes Motiv (Lampe, Becher, Armhaltung, Glorienschein) ist so gebaut, dass es mindestens zwei gegensätzliche Lesarten erlaubt. Die ästhetische Idee ist also, das romantische Thema – Liebe als Zugang zum Absoluten – nicht idealisierend, sondern in seiner Gefährlichkeit, in seiner Nähe zu Schuld, Wahn, Tod und Verdammnis in Szene zu setzen.

Zugleich ist die Gestaltung von einem dezidiert ekphrastischen Ansatz getragen: Dichtung als Deutung einer Skizze. Die ästhetische Idee besteht nicht darin, ein „fertiges Bild“ zu präsentieren, sondern den Prozess des Sehens und Deutens selbst poetisch darzustellen. Fragen, Unterbrechungen, „Nein“-Widerrufe gehören daher zum Programm. Das Gedicht zeigt das Mißtrauen gegenüber allen glatten Bildern von Liebe – auch den eigenen dichterischen Bildern –, indem es sie im Moment ihres Entstehens wieder einklappt. Der ästhetische Kern lässt sich so formulieren: Dichtung soll nicht beruhigen, sondern das Unheimliche der Liebe sichtbar machen; sie soll die Leser in denselben Schwebezustand versetzen, in dem sich der sprechende Betrachter befindet, und ihnen eine Erfahrung der Ambivalenz zumuten, die rational und moralisch nicht einfach auflösbar ist.

2. Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache hat im Gedicht eine doppelte, aber klar performative Funktion: Sie bildet die Skizze nicht nur ab, sie vollzieht den Deutungsprozess, den die Skizze beim Betrachter auslöst. Die Redeweise der ersten Verse mit ihren bohrenden Fragen ist nicht bloß Beschreibung einer ratlosen Wahrnehmung; sie ist selbst die ratlose Wahrnehmung im Vollzug. „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ ist keine neutrale Benennung, sondern die sprachliche Form eines Schocks. Das Gedicht macht erlebbar, wie der Betrachter in seiner Sprache ringt, stottert, wieder ansetzt. In den Versen 9–11 ist die schöpferische Kraft der Sprache besonders sichtbar: „Engelsflügel werden – / Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten. / Um sie strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare.“ Hier schafft die Sprache Bilder, verwirft sie im selben Moment, setzt neue daneben. Was in einem Pinselstrich vielleicht nur vage angelegt ist, wird im Wort zu konkurrierenden Bildfeldern, die um die Wahrheit der Szene ringen.

Das Gedicht ist damit keine stille Nachzeichnung eines schon fertigen Sinns, sondern ein Sprachlabor der Ambivalenz. Die triadischen Alternativen („betend? tot? in Liebe trunken?“, „Gift, Wein, Balsam“) sind nicht bloß Aufzählungen: Sie produzieren einen Möglichkeitsraum, in dem der Leser das Umkippen der Bedeutungen unmittelbar mitvollzieht. Sprache wird zur Instanz, die Möglichkeiten erzeugt, statt sie zu ordnen. Erst im Schluss, in den Imperativen, tritt die schöpferische Kraft der Sprache als Beschwörung hervor: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle… Brich der Verzweiflung… Enthüll' – verhüll'…“. Hier ist Sprache Gebet, Ruf, fast liturgischer Akt. Sie sucht, durch Benennung und Anrufung, Wirklichkeit zu beeinflussen – nicht nur kognitiv, sondern ontologisch: Himmelslicht soll wirklich strahlen, Höllenflammen wirklich lodern, Verzweiflung wirklich gebrochen werden.

In diesem Sinn vollzieht die Sprache das, worum es inhaltlich geht: Sie bringt die Verzweiflung an der Liebe selbst hervor, indem sie alle Versuche, die Szene eindeutig zu fixieren, unterläuft, und sie versucht zugleich, diese Verzweiflung zu überwinden, indem sie eine Entscheidung von oben her erbetet. Die schöpferische Kraft der Sprache liegt gerade in ihrer Fähigkeit, das Offene, Gefährliche, Unentschiedene nicht zu glätten, sondern als solches zu artikulieren – und im gleichen Atemzug eine Instanz anzurufen, die über diese sprachliche Unruhe hinausführen könnte. Das Gedicht reflektiert damit implizit sein eigenes Tun: Es weiß, dass Sprache nicht in der Lage ist, ein letztes Urteil zu fällen; aber es setzt Sprache als Medium ein, um diese Unmöglichkeit sichtbar zu machen und vor Gott zu bringen.

3. Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Über Sprache lässt sich als Schlussresultat sagen: Sie erscheint im Gedicht zugleich als machtvoll und ohnmächtig. Machtvoll, weil sie die Ambivalenz von Liebe und Tod in einer zuvor nicht bewusst verfügbaren Schärfe sichtbar macht, weil sie Bilder hervorbringt, die den Leser nachhaltig prägen (Freudenbett – Bahre, Engelsflügel – Leichentuches Falten). Ohnmächtig, weil sie trotz aller Schärfe keine endgültige Entscheidung herbeiführen kann; sie bleibt auf Fragen, Alternativen, antithetische Paare angewiesen. Die paradoxe Schlussformel „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“ spricht diese Ohnmacht aus: Die Sprache selbst pendelt zwischen dem Wunsch nach Wahrheit (Enthüllung) und dem Bedürfnis nach Schonung oder Geheimnis (Verhüllung). Dichtung kann die Abgründigkeit der Liebe zeigen, aber sie kann sie nicht „lösen“.

Bezogen auf das Gefühl zeigt das Gedicht, dass romantisches Fühlen nicht als reine Idylle gedacht werden kann, sondern als gefährlicher Extremzustand. Gefühl – Liebe, Rausch, Verzweiflung – ist hier weder bloß zu feiern noch zu verdammen; es wird als Kraft sichtbar, die den Menschen an seine Grenzen führt und ihn in eine Zone bringt, in der er sich selbst und seine Deutungshoheit verliert. Das Gedicht ist keine Verherrlichung der Verzweiflung, aber auch keine moralistische Warnung; es zeigt, dass die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ ein anthropologischer Ernstfall ist, an dem sich entscheidet, ob der Mensch ins Himmelslicht oder in die Hölle seiner selbst gerät. Gefühl ist damit Prüfstein, nicht bloß Ausschmückung des Lebens.

Über die Dichtung legt der Text eine poetologisch-theologische Spur: Dichtung wird implizit als ein Ort verstanden, an dem solche Grenzerfahrungen verantwortlich durchgespielt werden können. Sie ist kein harmloses ästhetisches Spiel, sondern ein Medium, in dem die Ambiguität von Liebe, Schuld und Gericht so ernst genommen wird, dass sie keiner vorschnellen Auflösung zugeführt wird. Gleichzeitig wird Dichtung nicht absolut gesetzt: Am Ende ruft sie über sich hinaus („Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle…“). Insofern ist Brentanos Gedicht auch eine leise Korrektur romantischer Selbstüberschätzung der Kunst: Die Sprache kann die Verzweiflung gestalten, sichtbar machen, betend vor Gott tragen – aber sie kann sie nicht aus eigener Kraft erlösen.

Zusammengefasst: Die finale Aussage lässt sich so zuspitzen: Dichtung ist der Ort, an dem die unaufhebbare Ambivalenz der Liebe sprachlich zur Erscheinung kommt – im Wissen darum, dass ihre letzte Deutung und Heilung nicht in der Macht der Sprache, sondern in der Instanz liegen, die als „Himmelslicht“ angerufen wird. Sprache ist nicht die Lösung des Problems, aber sie ist das präziseste Instrument, um die Tiefe des Problems vor Augen zu stellen – und als Gebet, als Beschwörung, als Ruf gibt sie diese Tiefe weiter an das Gegenüber, das sie selbst nicht mehr beherrschen kann.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Strophe 1

Vers 1: „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“

Beschreibung: Der Vers besteht aus zwei kurzen, jeweils durch Fragezeichen abgetrennten Wortgruppen: „In Liebeskampf?“ und „In Todeskampf gesunken?“. Es wird eine Szene benannt, in der eine Figur oder ein Paar offenbar „gesunken“ ist, doch bleibt unklar, ob es sich um einen Liebeskampf oder um einen Todeskampf handelt. Die grammatische Subjektstelle ist ausgelassen; die Aufmerksamkeit gilt allein der polaren Bestimmung der Situation.

Analyse: Bereits im ersten Vers wird die Grundsituation des Gedichts als Frage markiert. Die doppelte, parallel gebaute Frageform („In Liebeskampf? In Todeskampf…?“) stellt zwei extreme Deutungsvarianten nebeneinander und verbindet sie klanglich durch das wiederholte „-kampf“. Das Verb „gesunken“ (nur im zweiten Segment genannt, aber auf beide lesbar) evoziert ein Absinken in eine tiefe, unkontrollierbare Lage – sei es in Leidenschaft, sei es im Sterben. Formal wirkt der Vers wie ein abruptes Aufblitzen des interpretierenden Blicks: Der Sprecher benennt nicht, was er „sieht“, sondern das, was ihm in den Sinn kommt, und setzt es direkt in Frage. Die Auslassung des Subjekts und der Kontextinformation verstärkt die Unmittelbarkeit: Der Leser wird in eine Szene geworfen, in der nur die Deutungsalternativen – Liebe oder Tod – präsent sind.

Interpretation: Der Vers schlägt den Grundakkord des ganzen Gedichts an: Liebe und Tod sind nicht sauber zu trennen, sondern erscheinen in einer unheimlich engen Nähe. Der Ausdruck „Liebeskampf“ ist bereits ambivalent: Er kann spielerisch-erotische Rauferei, leidenschaftliche Hingabe, aber auch konfliktreiche Liebe meinen; „Todeskampf“ wiederum bezeichnet die äußerste Grenze des Lebens. Die Tatsache, dass beide Begriffe mit identischem Suffix („-kampf“) formgleich gestaltet werden, deutet darauf hin, dass im Erleben des Betrachters die Grenze zwischen erotischem Ringen und Sterben nicht mehr klar gezogen werden kann. Das „gesunken“ unterstreicht die Passivität und Hilflosigkeit der Dargestellten: Sie sind in etwas hineingeraten, das sie nicht mehr steuern können. Der Vers exponiert damit sofort die zentrale Frage: Ist diese Liebe Erfüllung oder Vernichtung, Heil oder Untergang? – eine Frage, die das Gedicht nicht auflöst, sondern umkreist.

Vers 2: „Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?“

Beschreibung: Der zweite Vers formuliert eine konkrete, auf den Körper der Frau gerichtete Frage: Es geht darum, ob „Atem“ noch von „ihren Lippen“ ausgeht. Der Blick des Betrachters nähert sich der Gestalt an und prüft, ob sie noch lebt. Die Aussage ist als indirekte Entscheidungsfrage aufgebaut („Ob…?“), ohne Antwort.

Analyse: Mit diesem Vers verlagert sich der Fokus von der abstrakten Alternative „Liebeskampf/Todeskampf“ hin zu einem konkreten Lebenszeichen: dem Atem. Die Formulierung „fließt“ für den Atem besitzt eine gewisse Zartheit; der Atem ist nicht nur funktionales Zeichen von Leben, sondern fast wie ein fluides, unsichtbares Medium vorgestellt, das die Lippen verlässt. Die Verwendung des Possessivpronomens „ihren“ zeigt, dass die weibliche Figur als „Jungfrau“ bereits im Horizont des Sprechers präsent ist, auch wenn sie noch nicht ausdrücklich genannt wird. Formal bleibt der Vers im Frage-Modus, aber er wird grammatisch etwas vollständiger und konkreter als Vers 1: Wir haben jetzt ein Subjekt (Atem), ein Prädikat (fließt) und einen räumlichen Bezug (von ihren Lippen). Erkenntnisinteresse und emotionale Spannung werden in die kleinste körperliche Geste hineingezogen.

Interpretation: Der Vers zeigt den ersten Versuch, das Rätsel des Anfangs empirisch zu klären: Lebt sie noch? Die Liebe, um die es geht, ist nicht mehr rein symbolisch, sondern mit der elementaren Vitalfunktion des Atmens verknüpft. Gleichzeitig ist der Ton nicht der eines Arztes, sondern eines innerlich aufgewühlten Betrachters, der sich an der Grenze von Hoffnung und Angst bewegt: Vielleicht fließt noch Atem, vielleicht nicht. In der Perspektive des Gedichts wird der Atem zu einem metaphysischen Indikator: Wo Atem ist, ist noch Möglichkeit von Leben, von Umkehr, von Gnade; wo er versiegt, kippt die Szene endgültig in den „Todeskampf“. Die Frage nach dem Atem wird so zum ersten, tastenden Versuch, die Unentscheidbarkeit des ersten Verses zugunsten des Lebens aufzulösen – ein Versuch, der unbeantwortet bleibt.

Vers 3: „Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?“

Beschreibung: Erneut wird eine „Ob“-Frage gestellt, jetzt mit Blick auf einen möglichen „Krampf“, der der Frau den „kleinen Mund“ verschließen könnte. Der Vers beschreibt eine potenzielle Verkrampfung, die den Atemfluss blockiert. Die Diminutivform „kleinen Mund“ verleiht der Gestalt Zartheit und Verletzlichkeit.

Analyse: Semantisch steht dieser Vers in direkter Fortsetzung zu Vers 2, jedoch mit veränderten Vorzeichen: Statt des fließenden Atems tritt nun der „Krampf“ als problematisches, bedrohliches Gegenprinzip auf. Wo der Atem noch Leben signalisierte, markiert der Krampf Unfreiheit, Schmerz, eventuelle Todesnähe. Das Wort „verschließt“ knüpft an das Bild der Lampe ohne Öl/ohne Funken im nächsten Vers an: Hier wird die „Öffnung“ der Lebensquelle (Mund, Atem) als bedroht gezeigt. Die Diminutivform „kleinen Mund“ intensiviert die Empfindung: Die Frau erscheint zugleich liebenswert, schutzbedürftig und ausgeliefert; dadurch wird der mögliche Krampf umso grausamer. Formal bleibt der Fragecharakter bestehen: Es handelt sich nicht um eine Feststellung, sondern um eine ängstliche Vermutung. Der Sprecher tastet sich von der Hoffnung (Atem fließt) zur Befürchtung (Krampf verschließt) vor.

Interpretation: Der Vers vertieft die existenzielle Bedrohung: Die Liebesszene könnte nicht nur von Atem, sondern von Krampf bestimmt sein, der das Leben abschnürt. Der „kleine Mund“ ist auch ein erotischer Bezugspunkt (Kuss, Liebeswort), sodass der Krampf hier doppelt wirkt: Er nimmt der Frau sowohl die Möglichkeit zu atmen als auch die Möglichkeit zu sprechen, zu antworten, zu bekennen. Eros und Thanatos verschränken sich: Das Organ der Zärtlichkeit und des Begehrens wird zum Schauplatz des Sterbens. Die Frage „Ob…?“ hält diese schreckliche Möglichkeit in der Schwebe, ohne sie zu bestätigen. Damit verschiebt sich die Stimmung weiter ins Bedrohliche, während die Zärtlichkeit des Ausdrucks („kleinen Mund“) zugleich das Mitgefühl des Betrachters anspornt. Psychologisch wird deutlich: Der Sprecher kann die destruktive Seite der Liebe nicht ausblenden – selbst das Liebesorgan selbst kann zum Ort des Schmerzes und der Erstarrung werden.

Vers 4: „Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?“

Beschreibung: Der vierte Vers wechselt auf ein bildhaft-symbolisches Niveau: Es ist von einer „Lampe“ die Rede, der entweder das „Öl“ oder der „Funken“ fehlt. Wieder erscheint der Vers als Doppel-Frage („Kein Öl…? oder keinen Funken?“). Die konkrete Szene tritt zurück zugunsten eines Metaphersfeldes, ohne dass klar gesagt wird, ob eine reale Lampe im Bild zu sehen ist oder das Bild rein symbolisch gemeint ist.

Analyse: Mit diesem Vers weitet sich der Blick von der körperlichen Diagnose (Atem, Krampf) auf eine symbolische Deutung. Die „Lampe“ ist ein hochkonnotiertes Bild – in religiösen, allegorischen und bildlichen Traditionen steht sie für Leben, Bewusstsein, Glaube, geistige Wachheit. „Öl“ ist im biblischen Kontext das Medium, das das Licht nährt, „Funken“ ist der initiale Impuls, der das Licht entzündet. In der syntaktischen Kürze („Kein Öl die Lampe?“) spiegelt sich die gedrängte Atemlosigkeit des Sprechers; die Normalstellung wäre „Hat die Lampe kein Öl?“, doch Brentano stellt das Negationselement „Kein“ und das Symbol „Öl“ voran. Die Alternative „oder keinen Funken?“ verstärkt das Bild einer bedrohten oder erloschenen Lichtquelle. Formal bildet der Vers einen Übergang: Er knüpft noch an die Lebensdiagnostik der Verse 2–3 an, führt aber schon in die allegorische Tiefe des Gedichts.

Interpretation: Der Vers kann auf mehreren Ebenen gelesen werden. Einerseits konkret: Im Bild könnte tatsächlich eine Lampe dargestellt sein, deren schwacher oder erloschener Schein auf die Bedrohung von Leben und Sicherheit hinweist. Andererseits symbolisch: Die Lampe steht für das „Licht des Lebens“ oder das „Licht der Seele“. „Kein Öl“ hieße: Kein Vorrat an Kraft, Gnade, geistiger Nahrung mehr – die Ressourcen sind aufgebraucht; „kein Funken“ hieße: Keine zündende Lebenskraft, keine göttliche Inspiration, kein innerer Geist, der das Öl entzündet. Im Kontext der Verse 1–3 bedeutet das: Die Frage nach Atem und Krampf wird auf die Frage zugespitzt, ob in dieser Liebe noch geistliche, vitale, vielleicht göttliche Energie vorhanden ist oder ob sie in eine tödliche Erlahmung, eine geistige und physische Finsternis umgeschlagen ist. Theologisch schwingt das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen mit, deren Lampen Öl oder eben keines haben. Indem Brentano diesen Vers an das Ende der ersten Mini-Sequenz setzt, markiert er die Szene als heils- und unheilsgeschichtlich relevant: Hier entscheidet sich, ob eine Liebe von innen her „brennt“ – im Sinne legitimer, von Gnade gestützter Glut – oder ob sie nur noch leere Form, dunkler Rest, erloschene Hülle ist. Die Wahrnehmung des Betrachters weitet sich so von der körperlichen Sorge zur geistlichen Frage nach dem Status dieser Liebe vor Gott.


Gesamtdeutung der Strophe 1 (Verse 1–4)

Die erste Strophe (Verse 1–4) stellt die Grundkonstellation des Gedichts in extrem komprimierter Form vor: eine Liebesszene, die von Anfang an im Zeichen radikaler Ungewissheit steht. Formal wie inhaltlich erleben wir den Beginn als eine Abfolge kurzer, drängender Fragen, in denen der Sprecher versucht, eine visuell vor ihm liegende „Skizze“ zu deuten. Die Szene selbst wird nicht narrativ entfaltet; stattdessen werden ihre möglichen Bedeutungen wie in einem schnellen inneren Monolog abgetastet: „Liebeskampf“ oder „Todeskampf“ (V. 1), Atem oder Krampf (V. 2–3), Lampe mit oder ohne Öl bzw. Funken (V. 4). Dieses Abtasten zeigt, wie der Betrachter in einem existentiellen Schockzustand steht: Er weiß nicht, ob das, was er sieht, die Erfüllung einer Liebe oder deren Katastrophe, eine intime Nähe oder ein Sterben ist.

Die vier Verse bilden eine innere Steigerung: Vom abstrakten Gegensatzpaar (Liebe/Tod) geht die Bewegung zur körperlichen Lebensdiagnose (Atem/kein Atem, Krampf), um schließlich in einem symbolischen Bild (Lampe, Öl, Funken) zu münden. Man könnte sagen: Die Frage „Liebeskampf oder Todeskampf?“ wird zunächst physiologisch, dann theologisch-allegorisch durchgespielt. Zuerst geht es um das sichtbare Zeichen des Lebens (Atem), dann um das Zeichen seines drohenden Erlöschens (Krampf), schließlich um das Bild des „Lichts“, das den Lebens- und Glaubenszustand anzeigt. Unter der Oberfläche steht damit nicht nur die Frage nach einem individuellen Schicksal, sondern nach dem geistlichen und moralischen Status einer intensiven Liebe: Ist sie noch lebendig im Sinn von wahrer, von Gott getragener Liebe – oder ist sie bereits in eine tödlich-krampfhafte, vielleicht schuldhafte Konstellation übergegangen, deren „Lampe“ kein Öl mehr hat?

Die Strophe zeigt zugleich die Grundstruktur des Gedichts: Der Blick des Menschen ist in Situationen höchster Leidenschaft und größter Grenznähe zutiefst unsicher. Er springt zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Erotisierung und Todesverdacht, zwischen konkreter Beobachtung und symbolischer Überhöhung hin und her. Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ ist hier bereits vollständig angelegt: Man verzweifelt weniger an einem abstrakten Begriff, als daran, dass genau diese Liebe – so intensiv, so zart, so gefährdet – nicht eindeutig als gut oder schlecht, heilbringend oder zerstörerisch eingestuft werden kann. Strophe 1 wirft den Leser damit hinein in einen Schwebezustand, der sich im weiteren Gedicht nicht beruhigt, sondern vertieft: Die Szene ist von Beginn an so doppeldeutig, dass jede Deutung zugleich gegen sich selbst gerichtet ist. Genau dies macht die existentiell-theologische Brisanz der folgenden Verse verständlich: Was hier entschieden wird, ist nicht nur eine Bildfrage, sondern eine Frage nach Leben, Tod und dem Recht der Liebe vor dem Licht der Lampe, die vielleicht schon zu flackern begonnen hat.

Strophe 2

Vers 5: „Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?“

Beschreibung: Der Vers wendet den Blick vom Körper der Jungfrau zum Jüngling. Nach der Nennung des Subjekts „Der Jüngling“ folgen, durch Gedankenstrich abgesetzt, drei kurze Fragefragmente: „betend? tot? in Liebe trunken?“. Der Vers schildert keine gesicherte Situation, sondern reiht drei mögliche Zustände des Jünglings aneinander: er könnte beten, tot sein oder in Liebe trunken sein.

Analyse: Formal liegt eine asyndetische Triade vor: drei Deutungsoptionen, ohne verbindende Konjunktion, lediglich durch Fragezeichen getrennt. Der Gedankenstrich nach „Der Jüngling“ markiert eine Zäsur: Das Subjekt steht wie „aufgerufen“ im Raum, dann überschlagen sich die Interpretamente. Die Reihe ist auffällig heterogen: „betend“ (religiös, geistig gerichtet), „tot“ (biologische Grenzsituation), „in Liebe trunken“ (affektiv-erotische Ekstase). Die Reihenfolge ist nicht zufällig: Von der relativ „harmlosen“ Deutung (betend) geht es zur äußersten (tot), schließlich zur Leidenschaft (in Liebe trunken) – oder umgekehrt: Die Liebe könnte ihn in einen quasi-toten Rausch geführt haben. Klanglich prägt die Häufung kurzer, schwerer Einsilber („betend? tot?“) den Eindruck von Stakkato-Gedanken, die „trunken“ am Ende mit einer weicheren, offenen Vokalfolge brechen.

Interpretation: Der Vers macht die Gestalt des Jünglings zum Brennpunkt der Ambivalenz: Er kann Heilsvermittler (betend), Opfer (tot) oder ekstatischer Liebender (in Liebe trunken) sein – oder alles zugleich. In ihm konzentrieren sich Eros, Religion und Tod; seine Haltung ist unlesbar. Existentiell wird hier sichtbar: Der Andere (der Geliebte) entzieht sich eindeutiger Festlegung, und gerade in der Intensität der Liebe ist nicht mehr klar, ob sie rettet, tötet oder in einen Zustand des selbstvergessenen Rausches versetzt. Der Betrachter projiziert diese Unsicherheit in drei extreme Bilder; das „?“ hinter jedem Partizip hält jeden Versuch, den Jüngling zu definieren, im Status der Hypothese. Der Vers zeigt damit paradigmatisch, wie „Verzweiflung an der Liebe“ sich an der Undurchschaubarkeit des geliebten Anderen entzündet.

Vers 6: „Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?“

Beschreibung: Der Vers knüpft syntaktisch an Vers 5 an und formuliert wieder eine „Ob“-Frage, diesmal jedoch mit klarem Fokus auf die Beziehung zwischen Jüngling und Jungfrau. Es wird gefragt, ob der Jüngling „der Jungfrau höchste Gunst“ genießt – also ob sie ihm ihre Liebe, vielleicht ihre körperliche oder seelische Hingabe im höchsten Maß gewährt.

Analyse: Sprachlich bewegt sich der Vers in einer eher höfisch-konventionellen Liebessemantik: „höchste Gunst“ erinnert an die Sprache der Minne und der galanten Lyrik, in der die Gunst der Dame die höchste Auszeichnung ist. „Genießt“ unterstreicht die Dimension des Wohlgeschmacks, der Freude, des Genusses – die Liebe erscheint als etwas, woran man sich labt. Zugleich kontrastiert dieser feine, beinahe formelhafte Ausdruck scharf mit den brutalen Alternativen „betend? tot?“ im vorangehenden Vers. Formal bleibt die Erkenntnisstruktur dieselbe: Es ist eine Frage, keine Feststellung; der Sprecher weiß nicht, ob diese höchste Gunst tatsächlich gegeben ist oder nur ersehnt wird.

Interpretation: Der Vers bringt das erotische Zentrum der Szene ins Spiel: Es geht um die Frage, ob zwischen Jungfrau und Jüngling eine Vollendung der Liebe stattfindet. „Höchste Gunst“ kann dezent auf sexuelle Vereinigung anspielen, zugleich aber auch eine seelische, religiös überhöhte Nähe meinen. In jedem Fall wird klar: Diese Liebe steht im Raum als Möglichkeit höchster Erfüllung. Gleichzeitig bleibt der moralisch-theologische Unterton präsent: Genießt er diese Gunst rechtmäßig, in einer „guten“ Ordnung, oder ist das, was als höchste Gunst erscheint, Teil eines sündhaften, zerstörerischen Geschehens? Die Frageform verhindert jede romantische Verklärung: Noch während der Ausdruck „höchste Gunst“ gefällt, legt sich der Schatten von Verzweiflung und Tod über ihn. Damit verschärft der Vers die Grundspannung: Die Liebe könnte hier ihre höchste Form erreicht haben – oder eben gerade in dieser Höhe in den Abgrund kippen.

Vers 7: „Was ist's, das der gefallne Becher gießt?“

Beschreibung: Nun rückt ein Gegenstand in den Mittelpunkt: ein „gefallner Becher“, aus dem etwas „gießt“. Der Vers stellt als direkte Frage formuliert: „Was ist’s…?“ im Blick auf den Inhalt, der aus dem Becher austritt. Die Szene erweitert sich um einen symbolträchtigen Gegenstand, ohne dass sein Inhalt benannt wird.

Analyse: Mit dem „gefallnen Becher“ wird ein starkes Symbol eingeführt. „Gefallen“ kann schlicht die physische Situation beschreiben (ein umgestürzter Becher), weckt aber auch Assoziationen an den „Fall“ im moralisch-biblischen Sinn (Sündenfall, Fallen aus der Ordnung). Der Becher selbst ist ein traditionell aufgeladenes Objekt: Trinkgefäß, Festzeichen, sakramentales Gefäß (Kelch). Das Verb „gießt“ deutet darauf hin, dass sein Inhalt ausfließt – etwas wird verschüttet, vergeudet oder ausgeschüttet. Formal besteht der Vers aus einem Fragepronomen („Was ist’s“), einer Relativkonstruktion („das der gefallne Becher gießt“) und verzichtet bewusst darauf, den Inhalt zu bestimmen: Genau dies bleibt Gegenstand der Frage. Der Vers bereitet damit den triadischen Inhalt von Vers 8 vor, hält ihn aber noch im Unbestimmten.

Interpretation: Der Becher ist ein Schlüsselsymbol des Gedichts. Er repräsentiert die Substanz, die in diese Liebesszene eingegangen ist: Ist es etwas, das belebt, berauscht oder tötet? Der „Fall“ des Bechers könnte ein Unfall sein, ein Symptom der Trunkenheit, ein Zeichen von Gewalt oder ein Bild für das aus der Ordnung Geratene. In religiöser Perspektive drängt sich der Kelch als Bild des Heils oder des Zorns auf: Der „Kelch des Heils“ im eucharistischen Kontext, der „Kelch des Zornes“ im Gericht. Die Frage „Was ist’s…?“ markiert, dass die Szene nicht nur körperlich und psychologisch, sondern auch sacramental nicht eindeutig ist: Wir wissen nicht, ob hier ein Liebeskelch, ein Giftbecher oder ein Heilmittel im Spiel ist. Damit verschiebt sich die „Verzweiflung an der Liebe“ in einen noch tieferen Bereich: Nicht einmal die Substanz, die diese Liebe nährt oder zerstört, ist klar identifizierbar.

Vers 8: „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.“

Beschreibung: Dieser Vers beantwortet die Frage des vorangehenden nicht, sondern entfaltet sie als dreifache Möglichkeit: „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.“ Drei Substanzen werden genannt – Gift, Wein, Balsam –, jeweils eingeleitet durch das wiederholte „Hat“. Der Vers endet – bemerkenswert – mit einem Punkt, nicht mit einem Fragezeichen, obwohl der Inhalt noch immer hypothetisch bleibt.

Analyse: Formell liegt ein dreigliedriger Parallelbau vor (Trikolon): „Hat Gift, hat Wein, hat Balsam…“. Die Anapher „hat“ gibt dem Vers einen eindringlichen, treibenden Rhythmus; die asyndetische Aufzählung ohne „und“ verstärkt den Eindruck einer schnellen, aufgeregten Aufschichtung. Semantisch stehen die drei Substanzen für drei extrem verschiedene, aber durchaus miteinander verknüpfte Dimensionen: Gift als Symbol des Zerstörerischen, des Tödlichen, des Schuldhaften; Wein als Chiffre für Lust, Rausch, Fest, aber auch Sakrament (Abendmahl); Balsam als Bild für Heilung, Linderung, Trost. Dass der Vers mit Punkt endet, schafft eine eigentümliche Schieflage: Grammatisch wird eine Aussageform gewählt („Hat… getrunken.“), aber logisch bleiben alle drei Inhalte Möglichkeiten; die Aussage ist mehr eine festgehaltene Ungewissheit als eine Feststellung.

Interpretation: Der Vers bündelt die Ambivalenz der gesamten Szene in einem Bildfeld: Die Jungfrau – das ist der implizite Bezug von „sie“ – hat etwas in sich aufgenommen, und dieses „Etwas“ könnte Gift, Wein oder Balsam sein. Übertragen auf die Liebe heißt das: Die Erfahrung, die sie macht, könnte sie töten, berauschen oder heilen. Eros erscheint hier als dreifache Möglichkeit: als tödliche Passion, als berauschende Lust, als heilender Balsam. Zugleich schwingen religiöse Konnotationen: Wein und Balsam erinnern an sakramentale, salbungsartige Handlungen, Gift an den „Kelch des Gerichts“. Die Liebe hat damit sakramentalen Charakter, aber es bleibt unklar, ob sie Sakrament des Heils oder des Unheils ist. Dass der Vers keinen Fragepunkt, sondern einen Punkt setzt, kann man so lesen, dass das Gedicht an diesem Punkt die Unentscheidbarkeit als Faktum akzeptiert: Die Liebe trägt diese drei Qualitäten potentiell in sich, und keine Interpretation kann sie sauber trennen. Die „Verzweiflung an der Liebe“ ist also nicht nur, dass sie töten kann, sondern auch, dass sie zugleich Gift, Wein und Balsam ist – und wir nicht wissen, welche Mischung hier zur Wirkung kommt.


Gesamtdeutung der Strophe 2 (Verse 5–8)

Die zweite Strophe (Verse 5–8) verschiebt den Fokus der ersten: Nachdem zunächst die Jungfrau als möglicherweise Sterbende oder noch Lebende betrachtet wurde, rückt jetzt der Jüngling und das, was die beiden verbindet, in den Mittelpunkt. Vers 5 stellt den Jüngling als Figur radikaler Unbestimmtheit vor: betend, tot oder in Liebe trunken. In dieser dreifachen Möglichkeit wird die Grundstruktur des Gedichts sichtbar: Dieselbe Haltung kann als Gebet, als Todesstarre oder als Liebesrausch gelesen werden – Eros, Religion und Thanatos sind bei Brentano keine sauber getrennten Sphären, sondern verschränken sich in einer einzigen Körperhaltung. Der Betrachter ist nicht in der Lage, zu entscheiden, ob er hier eine fromme, eine tragische oder eine erotische Szene sieht; diese Unfähigkeit ist nicht bloß kognitiv, sondern existentiell schmerzhaft.

Vers 6 vertieft diese Perspektive, indem er die Frage nach der Beziehungslage stellt: Genießt der Jüngling „der Jungfrau höchste Gunst“? Die Szene wird damit explizit als Liebesszene lesbar, mit einem Vokabular, das an höfische und pietistische Liebesrede anknüpft. „Höchste Gunst“ kann auf erfüllte Liebe, auf legitime, erwiderte Hingabe deuten – und zugleich schwingt die Möglichkeit mit, dass gerade in dieser „höchsten Gunst“ ein Übermaß liegt, das zur Katastrophe führt. Die Frageform bleibt erhalten; die Gunst ist nicht versichert, sondern unsicher, womöglich erzwungen oder in einer fatalen Konstellation gewährte Gunst, die zu weit gegangen ist. So verschiebt sich der Akzent: Es geht nicht nur darum, ob sie lebt, sondern ob diese Liebe selbst „richtig“ ist.

Die Verse 7 und 8 führen dann das zentrale Symbol ein: den „gefallnen Becher“ und seinen unbekannten Inhalt. Mit diesem Becher tritt eine dritte Ebene ins Geschehen: die der Substanz, des „Stoffes“, der diese Liebe nährt oder zerstört. Der Becher ist gefallen – ob durch Unfall, Rausch oder Gewalt, bleibt offen –, und was aus ihm gießt, könnte Gift, Wein oder Balsam sein. Damit wird die Szene symbolisch aufgeladen: Der Inhalt des Bechers steht für das, was die Jungfrau „in sich aufgenommen“ hat – physisch (Trank), seelisch (Erfahrung), geistlich (Sakrament oder Verfluchung). Gift, Wein und Balsam sind nicht nur chemische oder kulinarische Größen, sondern verdichten die möglichen Qualitäten der Liebe: Gift als tödliche, schuldhafte, zerstörerische Liebe; Wein als rauschhafte, vielleicht auch kultisch erhöhte Liebe; Balsam als heilende, tröstende, rettende Liebe.

Bemerkenswert ist, dass das Gedicht diese drei Optionen nebeneinanderstellt, ohne eine auszuwählen. Der periodische Punkt am Versende macht deutlich: Dies ist kein offenes Fragezeichen mehr, sondern das Faktum der Unentscheidbarkeit – oder besser: die Einsicht, dass die Liebe als existentielles Geschehen stets diese drei Dimensionen in sich trägt. Die Strophe zeigt somit nicht nur die faktische Rätselhaftigkeit der konkreten Szene, sondern formuliert eine anthropologische und theologische Grunderkenntnis: Wer liebt, bewegt sich in einem Feld, in dem Gift, Wein und Balsam nie vollständig auseinanderzuhalten sind.

In der Gesamtbewegung des Gedichts markiert Strophe 2 also eine Vertiefung der Ausgangsfrage. Die erste Strophe fragte: Liebeskampf oder Todeskampf, Atem oder Krampf, erloschene Lampe oder noch Funken? Die zweite zeigt: Selbst wenn wir wüssten, dass es sich um eine Liebesszene handelt, bliebe die Frage offen, welcher Art diese Liebe ist – heilbringend, berauschend, tödlich. Der Jüngling ist zugleich möglicher Beter, möglicher Toter, möglicher Liebestrunkener; die Jungfrau ist zugleich Begünstigende, Beglückte, Vergiftete oder Geheilte. Der Becher, der zwischen ihnen liegt, ist Symbol dieser unentschiedenen Mischung. Damit verschiebt sich die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ von der Ebene physiologischer Lebenszeichen auf die Ebene der Substanz des Liebesgeschehens: Was ist es, das hier „in die Seelen gegossen“ wurde? Und können wir überhaupt sicher wissen, ob es Gift, Wein oder Balsam war – oder ob die Liebe immer auch in einer unberechenbaren Mischung aus allen dreien besteht? Genau diese Ungewissheit bereitet den Boden für die folgenden Verse, in denen Engel- und Leichentuchbilder, Heiligenschein und zerraufte Haare, Himmelslicht und Hölle aufeinanderprallen.

Strophe 3

Vers 9: „Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden –“

Beschreibung: Der Vers beschreibt die Arme des Jünglings, die – im Blick des Betrachters – zu „Engelsflügeln“ werden. Grammatisch liegt eine verkürzte Konstruktion vor: „Des Jünglings Arme“ als Genitivgruppe, gefolgt von dem Prädikat „Engelsflügel werden“. Der Vers endet mit einem Gedankenstrich, der den Satz und die Wahrnehmung bewusst offen abbricht.

Analyse: Inhaltlich setzt der Vers beim bereits etablierten Bildpaar von Jüngling und Jungfrau an, zoomt nun aber auf eine einzelne Geste: die Arme des Jünglings, vermutlich um die Jungfrau gelegt. Im Akt des Betrachtens verwandeln sich diese Arme zu „Engelsflügeln“ – allerdings nicht objektiv, sondern in der Form eines Wahrnehmungsurteils: „werden“ deutet auf eine Deutung, eine Überblendung hin. Der Betrachter legt also eine Heilsikonographie über das Bild: Der Jüngling erscheint wie ein Engel, der die Jungfrau umschließt, schützt, trägt. Die Bildwelt der christlichen Kunst – Engel mit ausgebreiteten Flügeln über einem Menschen – steht deutlich im Hintergrund. Der Gedankenstrich am Ende signalisiert, dass diese Deutung nicht abgeschlossen ist; der Satz bleibt in der Luft, als sei der Betrachter schon im nächsten Moment unsicher geworden, ob diese Sicht trägt.

Interpretation: Der Vers zeigt den spontanen Wunsch oder Reflex des Betrachters, die Szene im Licht des Heils zu sehen. Wenn die Arme des Jünglings Engelsflügel sind, ist die ganze Liebesszene in eine Heilsdramaturgie eingebettet: Er wäre dann nicht Täter oder Komplize eines tödlichen Vorgangs, sondern ein Engel, der die Geliebte schützt oder in eine andere Sphäre hinüberträgt. Man könnte an einen tröstenden Todesengel denken, der eine Seele aus ihrem Leiden erlöst. Gleichzeitig macht das „werden“ deutlich, dass es sich um eine Projektion des Blicks handelt: Die Arme sind nicht per se Flügel; sie „werden“ es nur in der Wahrnehmung des Betrachters. Der Vers lässt so erkennen, wie stark das Bedürfnis ist, die Liebe – trotz aller Gift-, Todes- und Verzweiflungsmotive – als etwas Engelhaftes, Rettendes zu sehen. Die Theologie des Betrachters drängt in Richtung einer Heilsgeschichte: Diese Liebe, so hofft er offenbar, könnte von Engelshand begleitet sein.

Vers 10: „Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.“

Beschreibung: Auf Vers 9 folgt eine abrupte Korrektur: Der Vers beginnt mit einem isolierten „Nein“, das die vorherige Deutung zurückweist. Statt „Engelsflügel“ werden nun „Mantelsfalten“ genannt, die im zweiten Halbsatz nochmals präzisiert werden: „Leichentuches Falten“. Zwei Substantivgruppen („Mantelsfalten“, „Leichentuches Falten“) stehen parataktisch nebeneinander; Gedankenstrich und Punkt strukturieren die starke Zäsur.

Analyse: Formal arbeitet der Vers mit einer drastischen Selbstwiderrufsfigur. Das einsilbige „Nein“ steht als eigener Schlag im Vers, gefolgt von der neuen Deutung. Die syntaktische Struktur ist elliptisch; Verbformen werden ausgelassen, als liefen die Gedanken schneller als der Satzbau. Semantisch vollzieht sich eine doppelte Korrektur: Zuerst werden die Engelsflügel in das Profane zurückgenommen („Mantelsfalten“), dann werden selbst diese Mantelsfalten in eine noch dunklere Deutung überführt („Leichentuches Falten“). Dadurch ergibt sich eine Abstufung: Engel (rein, rettend) → Mantel (irdisch, alltäglich, noch neutral) → Leichentuch (Tod, Endgültigkeit). Die Wiederholung des Wortes „Falten“ verstärkt das Bild von Stoff, der sich um einen Körper legt, und bindet Mantel und Leichentuch auf der Laut- und Bildebene eng zusammen. Der Punkt am Satzende schließt diese Korrektur ab; anders als der offene Gedankenstrich in Vers 9 markiert er eine vorläufig endgültige Einsicht.

Interpretation: Der Vers entlarvt die vorherige Engelsdeutung als Wunschbild. Das isolierte „Nein“ klingt wie ein innerer Ruck des Betrachters: Er „ertappt“ sich bei seiner eigenen Verklärung und zwingt sich, nüchterner hinzusehen. Was aus der Ferne wie Engelsflügel aussah, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Mantel, der sich um die Jungfrau legt – und noch genauer: als Falten eines Leichentuchs. Damit kippt die Szene radikal vom Heils- ins Todesbild. Die Liebe, die eben noch vielleicht als engelhafte Umschlingung gesehen wurde, erscheint jetzt als mortale, vielleicht schon endgültige Umhüllung des Körpers. Theologisch und existentiell ist dies ein Moment erschreckender Ernüchterung: Der romantische, religiös verklärende Blick wird durch ein „Nein“ gleichsam exorzisiert, und es bleibt die nackte Tatsache der Sterblichkeit. In der Dynamik des Gedichts markiert dieser Vers einen zentralen Knotenpunkt: Er zeigt, dass die Sprache des Heils (Engel, Heiligkeit) die Realität der Zerstörung nicht einfach übertönen darf. Die „Verzweiflung an der Liebe“ ist damit auch eine Verzweiflung an den eigenen idealisierenden Bildern, die vor der Möglichkeit des Todes nicht standhalten.

Vers 11: „Um sie strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare.“

Beschreibung: Der Vers beschreibt die Erscheinung „um sie“, also um die Jungfrau, und stellt zwei Elemente nebeneinander: „Heil'genschein“ und „zerraufte Haare“. Zwischen beiden steht ein Gedankenstrich. Der Vers enthält kein Verb im zweiten Teil; das „strahlt“ bezieht sich primär auf den Heiligenschein, die zerraufte Haare stehen als scharf kontrastierende Ergänzung im Raum.

Analyse: Auch hier wird ein klassisches Heiligenmotiv aufgenommen: der Heiligenschein, der Kopf und Körper einer als heilig verehrten Person umgibt. „Um sie strahlt Heil'genschein“ legt nahe, dass die Jungfrau wie eine Heilige, Märtyrerin oder selige Braut erscheint. Der Gedankenstrich anschließend wird zum Scharnier einer erneuten Kippfigur: „zerraufte Haare“ stehen für Unordnung, Verzweiflung, emotionale oder physische Gewalt, sexuelle Entgrenzung, Wahnsinn. Die Kombination von „Heil'genschein“ und „zerraufte Haare“ in einem Vers schafft eine extreme Spannung: Heiligkeit und Verwüstung, sakrale Aura und äußerste Unruhe werden unversöhnt nebeneinandergestellt. Grammatisch und rhythmisch wird die Zeile von der harten Pause des Gedankenstrichs geprägt; er wirkt wie ein Riss durch das Bild, der verhindert, dass der Heiligenschein sich als eindeutige Deutung durchsetzt.

Interpretation: Der Vers zeigt in kondensierter Form, dass selbst eine scheinbar „heilige“ Liebe nicht frei ist von Zeichen der Zerrüttung. Der Heiligenschein könnte andeuten, dass die Frau als unschuldig, als leidende Heilige oder als von Gott in besonderer Weise Gezeichnete gesehen wird. Ihre zerraufte Haare hingegen erzählen von Schmerz, Kampf, Affekt, vielleicht auch von einem Akt der Gewalt oder eines eskalierten erotischen Geschehens. Die Heiligenikonographie wird damit in eine extreme Ambivalenz getrieben: Ist hier eine Märtyrerin dargestellt, deren Leid heilig ist? Oder eine Figur, die unter dem Zusammenbruch ihrer Liebe, unter Schuld, Wahn, Übergriff zerbrochen ist? Die Bildsprache weigert sich, eine Seite auszuklammern. Der Vers macht deutlich: Heiligkeit und Zerbrochenheit sind nicht sauber getrennt; sie erscheinen im selben Antlitz. Für die Deutung des Gedichts bedeutet dies, dass „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ auch heißt: selbst die heiligste, idealste Liebesvorstellung muss sich von den Zeichen des Chaos und der Zerstörung her befragen lassen. Der Betrachter kann weder den Heiligenschein noch die zerraufte Haare ausblenden; beide gehören zu einem Bild, das ihn überfordert.


Gesamtdeutung der Strophe 3 (Verse 9–11)

Die dritte Strophe bildet den zentralen Kippmoment des Gedichts. Während die ersten beiden Strophen vor allem Fragen stellen und Möglichkeiten abtasten – Liebes- oder Todeskampf, Atem oder Krampf, Gift, Wein oder Balsam –, zeigt Strophe 3 den Moment, in dem der Betrachter im eigenen Sehen „umkippt“. Aus der Distanz heraus konnte er die Szene vielleicht als intimes, engelhaft beschütztes Liebesbild lesen; nun zwingt ihn die Nähe zur Bildstruktur, seine Deutung radikal zu korrigieren. Das geschieht in drei Schritten, die in den drei Versen markiert sind.

Zunächst projiziert der Betrachter eine Heilsikonographie auf den Jüngling: Seine Arme „werden“ Engelsflügel. Der Jüngling wird zum Engel, die Szene erscheint als Schutz- und Tröstungsgeste. In dieser Sicht bündelt sich das Bedürfnis, Liebe als Ort einer höheren, göttlich sanktionierten Wirklichkeit zu sehen: Die Liebenden wären dann nicht in einem bloß psychologischen Drama, sondern in einem heilsgeschichtlichen Geschehen aufgehoben. Doch schon in derselben Atembewegung bricht der Betrachter diese Deutung ab: Das isolierte „Nein“ in Vers 10 ist wie ein schockierter Selbstwiderspruch. Der Blick schärft sich, und aus den Engelsflügeln werden „Mantelsfalten – Leichentuches Falten“. Das, was eben noch tröstlich-überirdisch schien, erweist sich bei genauerem Hinsehen als todnahe Umhüllung des Körpers. Der Mantel, der zunächst nur das Alltägliche, Neutrale markieren könnte, wird im zweiten Halbsatz zum Leichentuch. Damit wird klar: Der Jüngling ist nicht Engel, sondern Teil einer Szene, in der der Tod bereits anwesend ist – sei es als tatsächlicher Todesfall, sei es als drohende Realität.

Vers 11 führt diese Doppelbewegung auf der Ebene der Jungfrau fort. Um sie „strahlt Heil'genschein“ – wieder greift der Betrachter nach der Bildwelt der Heiligen, der seligen Braut, der Märtyrerin. Doch unmittelbar daneben stehen „zerraufte Haare“, die von leidvollem Affekt, von Ausgeliefertsein, von innerer oder äußerer Gewalt sprechen. Auch hier: keine Auflösung, sondern Nebeneinander. Heiligenschein und zerraufte Haare bilden zusammen eine Figur, die weder als „rein heilige“ noch als „rein verwüstete“ gefasst werden kann. Es ist die Figur einer Liebe, die in sich zerrissene, heilige und zerstörerische Züge trägt.

In dieser Strophe wird also nicht nur eine Bildkorrektur vorgenommen, sondern ein poetisch-theologischer Grundsatz formuliert: Die romantische Tendenz, Liebe und ihre Gestalten sofort mit Heiligkeit zu umgeben, steht im Verdacht, die destruktiven, tödlichen, verzweifelten Dimensionen auszublenden. Brentano lässt die Stimme diesen Versuch machen und zwingt sie dann, ihn zu widerrufen. Die Ästhetik des Engels- und Heiligenscheins wird durch das „Nein“ und durch die „Leichentuches Falten“ konterkariert. Gleichzeitig werden die chaotischen, „zerraufte[n]“ Zeichen des Leidens nicht einfach isoliert, sondern neben den Heiligenschein gestellt – ein Hinweis darauf, dass Heiligkeit in einer gebrochenen, leidvollen Welt nicht ohne die Spuren dieses Leidens zu denken ist.

Anthropologisch bedeutet dies: Der Mensch – in den Figuren von Jüngling und Jungfrau – ist zugleich Liebender, Leidender, potenziell Heiliger und potenziell Schuldiger. Theologisch heißt es: Liebe ist nicht von vornherein heilig, nur weil sie intensiv ist; sie muss sich an der Grenze von Leben und Tod, von Gift und Balsam, von Heiligenschein und zerrauftem Haar bewähren – und bleibt doch für den menschlichen Betrachter radikal unentscheidbar. Poetologisch schließlich zeigt die Strophe: Dichtung darf sich nicht mit einer einzigen, tröstlichen Deutung begnügen. Sie muss die Bewegung von Projektion und Widerruf, von Engelsbild und Leichentuchbild, von Heiligenschein und zerrauftem Haar sprachlich vollziehen und dem Leser zumuten.

Strophe 3 ist damit das Herzstück des Gedichts: Hier wird exemplarisch sichtbar, wie jede idealisierende Liebesikonographie (Engel, Heiligenschein) von der Realität der Sterblichkeit und Zerrüttung her korrigiert werden muss – und wie der Versuch, diese Realität sprachlich zu fassen, den Betrachter in eine existentiell-theologische Krise stürzt. Aus dieser Krise heraus wendet sich der Text im folgenden Schlussbereich an Himmel und Hölle, bittet um das Brechen der Verzweiflung und um Enthüllung oder Verhüllung von „Freudenbett“ und „Bahre“. Ohne die in Strophe 3 vollzogene Kippbewegung wäre dieser verzweifelte Ruf nicht verständlich; umgekehrt wird an ihr deutlich, wie tief die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ in die Struktur des Sehens und Deutens eingreift.

Strophe 4

Vers 12: „Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde“

Beschreibung: Der Vers besteht aus zwei Imperativkonstruktionen, die in Parallelstellung auftreten: „Strahl' Himmelslicht“ und „flamm' Hölle zu der Erde“. Beide Imperative richten sich an personifizierte, kosmische Mächte: das „Himmelslicht“ und die „Hölle“. Die Bewegung geht jeweils von oben nach unten („zu der Erde“): Das Licht des Himmels und die Flammen der Hölle sollen sich zur Erde hin ausbreiten.

Analyse: Formal markiert der Vers einen klaren Bruch mit den vorangegangenen Frage- und Deutungsformen. Statt „Ob?“ und „Was ist's?“ hören wir nun direkte Anrufungen im Imperativ. Der Sprecher wendet sich aus der Ebene der Bilddeutung an eine transzendente Instanz: Himmelslicht und Hölle werden angerufen, als hätten sie die Macht, die Szene zu erhellen und zu richten. Die parallele Struktur („Strahl'… flamm'…“) und die Binnenrhythmen (beide Einsilber „Strahl' / flamm'“ mit anschließenden Schwergewichten „Himmelslicht / Hölle“) verstärken die Dramatik. Semantisch werden absolute Gegensätze dicht zusammengerückt: Licht und Feuer, Himmel und Hölle. Der Zusatz „zu der Erde“ macht deutlich, dass es um ein Herabkommen, ein Sich-Zuwenden dieser Kräfte zur irdischen Situation geht – also zur Liebesszene, die das Gedicht beschreibt.

Interpretation: Der Vers hebt das Geschehen endgültig in einen eschatologischen Horizont. Die Frage, ob hier Liebes- oder Todeskampf, Gift, Wein oder Balsam vorliegt, wird vor den „Gerichtshof“ von Himmel und Hölle gestellt. Das Himmelslicht steht für Erkenntnis, Gnade, Prüfung im Licht Gottes; die Hölle für Verdammung, zerstörerische Glut, Gericht. Indem beide zugleich angerufen werden, wird deutlich: Der Sprecher weiß nicht, welche dieser Mächte über dieser Liebe das letzte Wort hat. Er ruft nicht nur das Licht, sondern auch die Flammen; er fordert gleichsam ein unverstelltes, doppeltes Gericht: Wenn diese Liebe heil ist, soll das Himmelslicht sie verklären; wenn sie verderblich ist, soll die Hölle ihre zerstörerische Wahrheit freilegen. Damit radikalisiert sich die „Verzweiflung an der Liebe“: Sie ist nicht nur psychischer Schmerz, sondern Sorge darum, ob diese Liebe vor Gott bestehen kann. Der Imperativ zeigt zugleich das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht: Der Betrachter kann nicht länger selbst deuten; er übergibt die Deutung an eine Instanz, die jenseits seiner menschlichen Erkenntniskraft liegt.

Vers 13: „Brich der Verzweiflung rasende Gewalten,“

Beschreibung: Der Vers setzt die Imperativreihe fort: „Brich“ fungiert als Befehl an eine nicht näher bezeichnete Macht (naheliegend: an dieselben kosmischen Kräfte wie in Vers 12 – Himmel/Gott). Gegenstand des Imperativs ist „der Verzweiflung rasende Gewalten“ – also die mächtigen, rasenden Kräfte der Verzweiflung. Der Vers endet mit einem Komma und ist syntaktisch mit dem folgenden Vers 14 verbunden.

Analyse: Sprachlich wird die Verzweiflung substantiviert und als Trägerin von „rasenden Gewalten“ beschrieben. Das ist mehr als eine innere Stimmung: Verzweiflung erscheint als objektivierte Macht, die ihrerseits „Gewalten“ (also Kräfte, Mächte) in sich trägt. Das Adjektiv „rasende“ charakterisiert diese Gewalten als außer Kontrolle geraten, stürmisch, zerstörerisch. Der Imperativ „Brich“ impliziert, dass diese Gewalten von außen her überwunden, zerbrochen werden müssen; sie sind nicht durch eigenes Nachdenken oder eigene Willensanstrengung zu bewältigen. Formal schließt der Vers an Vers 12 an und verstärkt den Eindruck einer liturgisch anmutenden Beschwörung: Nach dem Ruf an Himmel und Hölle folgt eine Bitte um Intervention in die innere Psyche, in den affektiven Zustand der Verzweiflung.

Interpretation: Der Vers bündelt das existentiell-psychische Zentrum des Gedichts in einer theologischen Bitte: Die Verzweiflung, die sich aus der Unentscheidbarkeit dieser Liebe speist, wird als so mächtig erlebt, dass sie als „rasende Gewalten“ benannt werden muss. Diese Gewalten können den Menschen im Innersten zerstören – geistig, seelisch, religiös. Der Imperativ macht deutlich: Der Sprecher erlebt die Verzweiflung nicht mehr nur als Zustand, sondern als feindliche Macht, die gebrochen werden muss. Wer soll sie brechen? Implizit das „Himmelslicht“, Gott, die göttliche Wahrheit, die imstande ist, Licht in diese Dunkelheit zu bringen. Damit tritt ein weiterer Aspekt der „Verzweiflung an der Liebe“ hervor: Sie ist nicht nur Sorge um die geliebte Person, sondern Gefahr für das eigene Heil. In der christlichen Tradition gilt Verzweiflung an Gott als schwere Sünde; hier verschiebt sich diese Verzweiflung an Gott in eine Verzweiflung an der Liebe – und soll gerade deswegen gebrochen werden, damit der Mensch nicht vollständig in diese rasenden Gewalten gerät.

Vers 14: „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“

Beschreibung: Der letzte Vers des Gedichts besteht aus einer Reihe von vier Substantiven/Verben, jeweils paarweise durch Gedankenstriche verbunden: „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre.“ Zwei Imperative (Enthüll', verhüll') stehen zwei Substantiven gegenüber (Freudenbett, Bahre). Die Struktur wirkt fragmentiert, stakkatoartig; Verben und Hauptwörter sind durch den Rhythmus und die Zeichensetzung zu einer kompakten Schlussformel verschmolzen.

Analyse: Formal ist dieser Vers eine Verdichtung der gesamten Konfliktstruktur des Gedichts. Die beiden Imperative „Enthüll'“ und „verhüll'“ sind paradoxe Gegenbefehle: Einerseits soll etwas sichtbar gemacht, ans Licht gezogen werden; andererseits soll es bedeckt, verhüllt, verborgen bleiben. Beide Imperative stehen ohne grammatische Ergänzung da, sie beziehen sich zugleich auf „Freudenbett“ und „Bahre“ sowie auf die Szene insgesamt. Das antithetische Substantivpaar „Freudenbett – die Bahre“ bringt die Grundpolarität des Gedichts auf den Punkt: Freudenbett als Ort der Liebe, der Lust, der ehelichen oder erotischen Vereinigung; Bahre als Ort des Todes, des Abschieds, der Ausgesetztheit. Die Gedankenstriche zerhacken den Vers in kurze, harte Segmente und machen den inneren Riss hörbar: zwischen dem Wunsch zu wissen und dem Wunsch, nicht alles wissen zu müssen; zwischen Eros und Thanatos, Lust und Sterben.

Interpretation: In diesem Schlussvers kulminiert die poetische und theologische Bewegung des Gedichts. Das „Freudenbett“ verweist auf die höchste Erfüllung der Liebe, vielleicht auf eine ehelich legitimierte, vielleicht auf eine ekstatische, grenzenlose Vereinigung. Die „Bahre“ hingegen markiert den radikalen Ernst der Sterblichkeit und des Gerichts. Dass beide in einem Atemzug genannt werden, zeigt, wie eng im Gedicht Liebe und Tod zusammenrücken. Der doppelte Imperativ „Enthüll' – verhüll'“ lässt sich auf zweierlei Weise verstehen. Einerseits als Ausdruck der gespaltenen Sehnsucht des Betrachters: Er will wissen, was diese Szene „wirklich“ ist (Freudenbett oder Bahre), gleichzeitig ahnt er, dass eine vollständige Enthüllung zerstörerisch sein könnte – für sein Bild von Liebe, für seinen Glauben, für seine innere Stabilität. Andererseits lässt sich die paradoxale Doppelbitte als Anerkenntnis lesen, dass das letzte Urteil über Liebe und Tod nicht in menschlicher Hand liegt: Gott möge enthüllen, was enthüllt werden muss, und verhüllen, was dem Menschen in seiner Begrenztheit nicht zumutbar ist.

Damit wird am Ende deutlich: Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ findet keinen rationalen Ausweg. Sie mündet in einen Ruf, der zugleich nach Wahrheit und nach Schonung verlangt. Das Gedicht gesteht ein, dass die Liebe zu intensiv, zu gefährlich, zu heilig wie zu verhängnisvoll ist, um sie vollständig durchsichtig zu machen. In der Sprachfigur des paradoxen Imperativpaares legt Brentano eine tiefe Einsicht offen: Dass es womöglich ein Gnadenakt ist, wenn nicht alles „Freudenbett“ restlos enthüllt und nicht jede „Bahre“ restlos verhüllt bleibt, sondern beide im Halbdunkel einer von Gott verantworteten Wahrheit stehen dürfen.


Gesamtdeutung der Strophe 4 (Verse 12–14)

Die vierte Strophe bildet den Schlussbogen des Gedichts und führt die zuvor aufgebaute Spannung in eine theologisch-poetische Beschwörungsform über. Während die ersten Strophen vor allem die Szene analysieren – in immer neuen Fragen, Vermutungen, Korrekturen – und Strophe 3 die inneren Kippfiguren des Sehens exponiert, verlässt Strophe 4 das Feld der reinen Betrachtung. Die Sprecherinstanz verzichtet auf weitere Interpretationsversuche und richtet ihre Rede nun nach oben: an Himmelslicht, Hölle und eine ungenannt bleibende göttliche Macht, die die Verzweiflung brechen und das Geheimnis von Freudenbett und Bahre verantworten soll.

Vers 12 spannt die Szene auf zwischen zwei absoluten Polen: Himmelslicht und Höllenflammen. Damit ist klar, dass die Liebesszene nicht nur psychologisch, sondern kosmologisch relevant ist. Die Liebe wird zum Ort, an dem sich Heil oder Verdammnis entscheidet – oder zumindest als Ort, an dem beide Kräfte zugleich anwesend sind. Der Ruf an beide Instanzen ist Ausdruck maximaler Unsicherheit und maximalen Ernstes: Der Sprecher will nicht nur trösten, er will, dass die Wahrheit in ihrer ganzen Konsequenz zutage tritt, selbst wenn sie vernichtend wäre.

Vers 13 vertieft diesen Ernst, indem er die Verzweiflung selbst als Macht benennt, deren „rasende Gewalten“ gebrochen werden müssen. Hier tritt die psychologische Dimension in den theologischen Horizont ein: Die innere Zerrissenheit angesichts der Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Gewaltenstruktur, die das Subjekt bedroht. Der Mensch droht, an der Liebe und an der Unentscheidbarkeit ihrer moralisch-theologischen Qualität zu zerbrechen. Die Bitte „Brich der Verzweiflung rasende Gewalten“ ist darum nicht bloß seelischer Hilferuf, sondern Sünden- und Heilsfrage: Wenn Verzweiflung an der Liebe in Verzweiflung an Gott umzuschlagen droht, muss sie durch göttliches Eingreifen gebrochen werden, damit der Mensch nicht verloren geht.

In Vers 14 schließlich verknüpft Brentano in der knappen Formulierung „Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre“ alles, was zuvor an Motiven aufgebaut wurde: Eros und Thanatos, Lust und Sterben, Heil und Unheil, Licht und Dunkel, Wissen und Nichtwissen. Das Freudenbett steht für die höchste Intensität der Liebe; die Bahre für die endgültige Realität des Todes. Beide werden nicht aufgelöst, sondern nebeneinandergestellt, ohne dass das Gedicht eine Zuordnung vornimmt („Es ist Freudenbett“ oder „Es ist Bahre“). Stattdessen bringt es mit den Imperativen „Enthüll' – verhüll'“ die doppelte Bewegung der menschlichen Seele zum Ausdruck: das Bedürfnis nach Wahrheit und das Bedürfnis nach Geheimnis, nach Schonung, nach einem Schleier über dem, was zu viel sein könnte.

Die Strophe macht damit deutlich, dass die Dichtung an einen Punkt kommt, an dem sie ihr eigenes Vermögen überschreitet. Sie kann die Ambivalenz der Szene benennen, in Bilder fassen, in Klang und Rhythmus erfahrbar machen; sie kann Himmel und Hölle, Verzweiflung und Liebe, Freudenbett und Bahre auf eine Bühne stellen. Aber sie kann das Urteil nicht selbst sprechen. Poetologisch-theologisch ist dies der entscheidende Schritt: Dichtung ist hier Gebet und Beschwörung, nicht Entscheidungsträgerin. Die Sprache trägt die Ungewissheit und die Verzweiflung vor eine höhere Instanz und anerkennt, dass die endgültige Enthüllung – oder Verhüllung – der Wahrheit über diese Liebe nicht in ihrer Macht liegt.

In der Gesamtbewegung des Gedichts schließt die vierte Strophe somit den Kreis, ohne ihn zu „lösen“. Was mit der Frage „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ begann, endet mit der polarsten Formulierung „Freudenbett – die Bahre“ und der paradoxen Bitte „Enthüll' – verhüll'“. Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ wird nicht aufgehoben, sondern überführt in einen Akt des Anvertrauens, in dem die Sprache ihre Ohnmacht bekennt und zugleich ihren höchsten Ernst zeigt. Gerade darin liegt die spezifisch romantisch-brentanische Pointe: Die Liebe ist so tief, dass sie nur im Spannungsfeld von Himmelslicht und Hölle, von Offenbarung und Verhüllung, von Freudenbett und Bahre gedacht werden kann – und die Dichtung ist der Ort, an dem diese Spannung ohne billige Lösung zur Sprache kommt.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Das Gedicht inszeniert in sonettartiger Verdichtung eine existentiell-theologische Krisensituation der Liebe: An einer einzigen, nicht eindeutig lesbaren Bildszene („Skizze“) wird exemplarisch sichtbar, wie Liebe, Tod, Schuld und Heil ineinander greifen und sich auf der Wahrnehmungsebene nicht mehr trennen lassen. Die Ausgangsfrage „In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken?“ durchzieht das ganze Gedicht: Jede weitere Beobachtung – Atem oder Krampf, Lampe mit oder ohne Öl, betender, toter oder trunken-liebender Jüngling, Gift/Wein/Balsam, Engelsflügel oder Leichentuch, Heiligenschein oder zerraufte Haare – verschärft diese Unentscheidbarkeit, statt sie aufzulösen.

Die Grundthese lässt sich so fassen: Brentano zeigt eine Liebe, an der man gerade in der Liebe verzweifeln kann, weil sie zugleich als Ort höchster Erfüllung (Freudenbett, höchste Gunst, Balsam, Himmelslicht) und als Ort größter Gefährdung (Todeskampf, Krampf, Gift, Leichentuch, Hölle) erfahrbar wird. Auch die religiöse Bildwelt steht unter diesem Vorzeichen: Engel und Heiligenschein erscheinen, werden aber sofort von Leichentuches Falten und zerraufter Haare her gebrochen. Das Gedicht verweigert sich jeder einfachen Zuordnung – „unschuldige Liebesszene“, „reiner Liebestod“, „bloßes Verbrechen“ –, und exponiert stattdessen die Unmöglichkeit einer abschließenden menschlichen Deutung.

Im Schluss wendet sich der Text deshalb vom analytischen Blick zur anrufenden, betenden Rede: Himmelslicht und Hölle werden beschworen, die „rasende“ Verzweiflung soll gebrochen, das Geheimnis von „Freudenbett – die Bahre“ enthüllt und zugleich verhüllt werden. Die Grundbewegung des Gedichts läuft darauf hinaus, dass Liebe in Grenzsituationen nur noch im Horizont eines göttlichen Gerichts und einer göttlichen Schonung gedacht werden kann. Die „Verzweiflung an der Liebe in der Liebe“ ist damit nicht bloß psychologischer Schmerz, sondern Ausdruck einer fundamental-theologischen Verunsicherung: Ob und wie Liebe vor Gott Bestand hat, ist nicht mehr in der Macht des Menschen zu entscheiden.

2. Verzahnung der Ebenen

Auf der existentiell-psychologischen Ebene zeigt das Gedicht einen Betrachter, der von der Szene affektiv überfordert ist. Seine Wahrnehmung springt zwischen Hoffnung und Angst, zwischen idealisierenden und ernüchternden Deutungen. Die Kette der Fragen („Ob Atem noch…?“, „Ob ihr der Krampf…?“, „Was ist’s, das der gefallne Becher gießt?“) und die Selbstkorrektur („Engelsflügel werden – / Nein … Leichentuches Falten“) machen die innere Zerrissenheit sichtbar. Der Mensch erscheint als affektbestimmtes, von seinen Projektionen überrolltes Wesen, das die Zeichen der Liebe nicht mehr souverän lesen kann. Diese psychische Dynamik prägt die gesamte Bildwahrnehmung: Dasselbe Motiv kippt ständig von Heil zu Unheil, von Schutz zu Bedrohung, von Heiligkeit zu Zerrüttung.

Die theologisch-moralische Ebene verschränkt sich eng damit: Lampe, Öl, Funken, Becher, Wein, Balsam, Engel, Heiligenschein, Himmelslicht, Hölle – all diese Motive stammen aus einem religiösen Bildreservoir und werden in die Liebesszene hineinprojiziert. Die Frage ist nie nur: Lebt sie oder ist sie tot? Sondern immer auch: Ist diese Liebe Segen oder Sünde, Sakrament oder Verhängnis? Der Becher kann Eucharistiekelch oder Giftbecher sein, der Heiligenschein kann echte Heiligkeit oder nur Projektion des Betrachters anzeigen. Am Ende stehen Himmel und Hölle gleichrangig nebeneinander; sie sollen zur Erde herabstrahlen bzw. -flammen. Damit wird die Liebesszene zur Prüfungsfigur vor einem unsichtbaren Gericht.

Die formale und sprachliche Ebene trägt diese Spannung: Die sonettartige Form verspricht auf den ersten Blick Geschlossenheit, Klarheit und Pointe, ist aber mit Fragen, Fragmenten, Ellipsen und Paradoxien gefüllt. Die ersten acht Verse arbeiten mit „Ob“-Fragen und offenen, halb abgebrochenen Sätzen; die Verse 9–11 inszenieren mit „Nein“, Gedankenstrichen und Kippbildern einen sichtbaren Widerruf der eigenen Deutung; die Schlussverse 12–14 wechseln zu Imperativen und paradoxen Doppelbefehlen („Enthüll' – verhüll'“). Die Ästhetik verstärkt die inneren Spannungen, statt sie zu glätten: Das Sonett wird zum Gefäß, in dem Unruhe, Ambivalenz und Deutungsunfähigkeit bewusst ausgestellt werden.

Schließlich verschränkt der Text auf einer intertextuellen und epochenbezogenen Ebene barocke Vanitas- und Passionsbilder (Lampe, Öl, Leichentuch, Bahre, Gift/Wein/Balsam, Heiligenschein) mit romantischer Ekphrasis und Liebesmetaphysik. Die „Skizze“ ist ein Kunstwerk, das Dichtung wiederum in Sprache übersetzt; der Prozess dieser Übersetzung wird selbst zum Thema. Die romantische Idee, in der Liebe eine Spur des Unendlichen, ja des Göttlichen zu finden, wird zugleich ernst genommen und radikal problematisiert: Gerade da, wo Liebe nach Heiligkeit und Absolutheit verlangt, erscheint sie als zweischneidige Macht, die Gift und Balsam, Freudenbett und Bahre ineinander verschränkt. Der Text wirkt so als Knotenpunkt der Deutungsstränge: existentiell-psychologisch, theologisch, formal-poetisch und intertextuell – alle Ebenen greifen ineinander und stützen die Grundthese der unaufhebbaren Ambivalenz.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch zeichnet das Gedicht das Bild eines Menschen, der zugleich homo amans, homo desperans und homo hermeneuticus ist: ein Liebender, der an der Liebe verzweifeln kann; ein Verzweifelnder, der an der Ungewissheit seiner Liebe zerbricht; und ein Deuter, der die Zeichen des Lebens und der Liebe lesen will, aber an ihre Undurchsichtigkeit stößt. Der Mensch ist in dieser Perspektive ein Grenzwesen: Sein Begehren überschreitet sichere Ordnungen, seine Erfahrungen reichen bis an die Schwelle von Tod und Schuld, seine Erkenntnis ist im Entscheidenden strukturell überfordert. Er kann nicht eindeutig sagen, ob seine Liebe Gift, Wein oder Balsam ist – und muss zugleich mit den Folgen leben.

Poetologisch versteht das Gedicht die Dichtung als Ort der Darstellung, nicht der Auflösung dieser Ambivalenz. Die Sprache bildet die Szene nicht „neutral“ ab, sondern vollzieht die Deutungsbewegung – samt ihren Irrtümern, Sprüngen, Widerrufen. Indem sie Engel- und Heiligenscheinbilder entwirft und sofort wieder in Leichentuches Falten und zerraufte Haare zurücknimmt, macht sie sichtbar, wie gefährlich jede vorschnelle Verklärung der Liebe ist. Im Schluss wandelt sich die Dichtung zur Gebetsrede: Die Imperative an Himmelslicht und Hölle zeigen, dass die Sprache sich ihrer eigenen Grenze bewusst wird. Sie kann den Konflikt benennen, aber nicht entscheiden; sie kann Verzweiflung artikulieren, aber nicht aus sich selbst heraus brechen. Dichtung wird so zu einer Zwischeninstanz zwischen Wahrnehmung und Gebet: Sie hält die Ambivalenz aus und trägt sie vor eine Instanz, die jenseits der Sprache steht.

Als Schlussaussage lässt sich zugespitzt formulieren: Die Liebe ist im Horizont dieses Gedichts ein radikal ambivalentes Geschehen, das den Menschen an die Grenze seiner Erkenntnis, seiner Moral und seines Glaubens führt; Dichtung ist das Medium, in dem diese Ambivalenz in aller Schärfe sichtbar wird, ohne durch falsche Harmonie beruhigt zu werden. Die poetische Sprache nimmt ihre eigene Ohnmacht ernst, indem sie Himmel und Hölle, Freudenbett und Bahre, Enthüllung und Verhüllung nebeneinanderstehen lässt. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie bewahrt die Tiefe der Erfahrung und verweigert sich jeder billigen, glättenden Antwort – in der Hoffnung, dass im „Himmelslicht“ ein anderes, nicht-menschliches Urteil über Liebe und Verzweiflung gefällt wird, dem sie sich letztlich anvertraut.

V. Editorische Angaben

Entstehungszeit und Überlieferung: Das Sonett Über eine Skizze: Verzweiflung an der Liebe in der Liebe gehört in den Komplex der frühen Liebeslyrik Brentanos und wird nach dem Befund der Forschung auf das Jahr 1808 datiert; Harsch wie auch die historisch-kritische Ausgabe verzeichnen das Gedicht unter den Dichtungen „vor Mai 1808“. Eine erste, eng verwandte Vorstufe findet sich bereits in einem Brief Brentanos an Friedrich Karl von Savigny (Anfang November 1800), wo der Text in leicht abweichender, 16-versiger Gestalt überliefert ist und noch ohne den späteren Titel erscheint.

Erstdruck: Trotz der frühen Entstehung blieb das Gedicht zu Lebzeiten Brentanos ungedruckt. Die maßgeblichen Datenbanken (Zeno.org, TextGrid) verzeichnen übereinstimmend: „Entstanden 1808. Erstdruck 1933“. Der Erstdruck erfolgt somit erst im 20. Jahrhundert im Rahmen der editorischen Erschließung des lyrischen Nachlasses.

Spätere Editionen und kritische Ausgabe: Für die neuere Brentano-Philologie ist die Ausgabe Clemens Brentano: Werke. Band 1: Gedichte. Romanzen und Rosenkranz, hg. von Wolfgang Frühwald, Bernhard Gajek und Friedhelm Kemp (München: Hanser 1963–1968), maßgeblich, die den Text unter den „Ausgewählten Gedichten“ bietet und ihn zugleich erstmals systematisch in den dichterischen Kontext einordnet. Auf dieser Edition beruht auch der von TextGrid bereitgestellte Volltext, der ebenfalls die Entstehungs- und Druckangaben „1808 / Erstdruck 1933“ übernimmt.

Fassungen und Varianten: Die historisch-kritische Forschung unterscheidet mindestens drei einschlägige Textgestalten: (1) die frühere Fassung im Savigny-Brief von 1800, die u. a. die Verse „O deute die undeutlichen Geberden, / O lös’ des Zweifels schmerzliche Gewalten“ enthält, (2) die hier zugrunde gelegte II. Fassung von 1808 mit dem Titel Über eine Skizze. Verzweiflung an der Liebe in der Liebe (Sonettform, 14 Verse) und (3) ein späteres, deutlich erweitertes Fragment von 1834 im Zusammenhang einer geplanten Fortsetzung von Hölderlins „Brod und Wein“, das die Motivik (Liebes-/Todeskampf, Becher, Gift/Wein/Balsam, Engelsflügel/Leichentuch, Freudenbett/Bahre) erneut aufnimmt und variiert.

Textgrundlage der vorliegenden Analyse: Der Kommentar orientiert sich in Orthographie, Interpunktion und Versgliederung an der II. Fassung von 1808 in Clemens Brentano: Werke. Bd. 1: Gedichte. Romanzen und Rosenkranz, Hanser-Ausgabe (Frühwald/Gajek/Kemp) sowie an deren digitalen Abdrucken (Zeno.org, TextGrid). Abweichungen in der Zeichensetzung (z. B. Gedankenstriche, Fragezeichen) werden nur dort stillschweigend geglättet, wo sie für das Verständnis des Satzbaus unerheblich sind; inhaltlich bedeutsame Interpunktions- und Fassungsschwankungen sind in der Analyse berücksichtigt und zum Teil explizit reflektiert.

VI. Gedichttext

Über eine Skizze: Verzweiflung an der Liebe in der Liebe

In Liebeskampf? In Todeskampf gesunken? 1
Ob Atem noch von ihren Lippen fließt? 2
Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt? 3
Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken? 4

Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken? 5
Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt? 6
Was ist's, das der gefallne Becher gießt? 7
Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken. 8

Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden – 9
Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten. 10
Um sie strahlt Heil'genschein – zerraufte Haare. 11

Strahl' Himmelslicht, flamm' Hölle zu der Erde 12
Brich der Verzweiflung rasende Gewalten, 13
Enthüll' – verhüll' – das Freudenbett – die Bahre. 14