Autor: Clemens Brentano
Gedicht: »Säusle liebe Mirte«
Erstdruck: In: Iris. Unterhaltungsblatt für Freunde des Schönen und Nützlichen, Frankfurt a.M. 1826, im Märchen »Das Märchen von dem Myrtenfräulein« (später erneut in: Die Märchen des Clemens Brentano. Zum Besten der Armen nach dem letzten Willen des Verfassers, Bd. 2, Stuttgart/Tübingen 1847).
Zyklus / Sammlung: Lied aus dem Märchen »Das Märchen von dem Myrtenfräulein« (Zyklus der »Italienischen Märchen«); als Einzelgedicht u.a. in: Gesammelte Schriften, Bd. 2: Weltliche Gedichte, Frankfurt a.M. 1852.
Edition: Zitierte Textfassung nach: Clemens Brentano, Gesammelte Schriften, Bd. 2: Weltliche Gedichte, hg. von Christian Brentano, Frankfurt a.M.: J. D. Sauerländer 1852, S. 441–442.

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

1. In welcher äußeren Gestalt tritt das Gedicht auf: Wie viele Verse und Strophen liegen vor, und welcher Gedichttyp deutet sich an?

Das Gedicht gliedert sich in zwei Strophen zu je acht Versen, insgesamt also sechzehn Verse. Beide Strophen sind formal weitgehend parallel gebaut: Die Verse 1–4 bzw. 9–12 entfalten jeweils die nächtliche Bildszene (Myrte, stille Welt, Mond, Wolkenschafe, Turteltaube), die Verse 5–8 bzw. 13–16 bilden einen wiederkehrenden Abschlussblock, der nur in einzelnen Formulierungen leicht variiert ist („Treibt schon die Wolkenschafe …“ / „Still ziehn die Wolkenschafe …“; kleinere Interpunktions- und Lautvarianten). Dadurch entsteht eine deutlich liedhafte, refrainartige Struktur, die an Volkslied, Schlaflied oder Wiegenlied erinnert: der immer wiederkehrende Ruf „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ funktioniert wie eine Kehrreimformel, die den Text in einen weichen, kreisenden Bewegungsrhythmus bringt. In ihrer Kürze, der klaren Zweiteiligkeit (Bildblock + Refrainblock) und der starken musikalischen Prägung lässt sich die äußere Gestalt am treffendsten als volksliednahes Nacht- und Liebeslied mit Wiegenlied-Charakter beschreiben.

2. Welches Versmaß dominiert, wie regelmäßig wird es durchgeführt, und an welchen Stellen bricht der Text das erwartbare metrische Schema sichtbar auf?

Die Verse sind durchweg kurz, rhythmisch gleichförmig und sehr sangbar gebaut. Das dominierende Bewegungsmuster ist ein dreihebiger, überwiegend trochäischer Liedvers: In Zeilen wie „Säusle liebe Mirte“, „Der Mond, der Sternenhirte“, „Treibt schon die Wolkenschafe“ oder „Schlaf, mein Freund, o schlafe“ lassen sich jeweils etwa drei deutliche Hebungen in fallender (trochäischer) Tendenz erkennen, mit wechselnden Senkungszahlen dazwischen. Hinzu kommt eine Mischung aus männlichen und weiblichen Kadenzen: teils enden die Verse auf eine betonte Silbe („… in der Welt“, „… Born des Lichtes hin“, „… bei Dir bin“), teils auf eine unbetonte Ausklangsilbe („… liebe Mirte“, „… Wolkenschafe“, „… o schlafe“). Dieses Spiel der Kadenzen trägt zur wiegenden, leicht schaukelnden Tonlage bei, die für Schlaf- und Nachtlieder charakteristisch ist.

Die metrische Durchführung ist im Ganzen relativ regelmäßig, ohne streng schematisch zu sein. Einige Verse sind etwas dichter gefüllt (z.B. „Bis ich wieder bei Dir bin“ mit tendenziell vier Hebungen), andere halten die dreihebige Liedzeile relativ knapp. Diese geringfügigen Unregelmäßigkeiten bleiben im Rahmen eines „natürlichen“ Volksliedtons: Sie erzeugen den Eindruck eines frei und mündlich gesungenen Liedes, das zwar einem Grundtakt folgt, sich diesen aber nicht mechanisch aufzwingt. Besonders der Schlussvers jeder Strophe („Bis ich wieder bei Dir bin“) wirkt durch seine leicht geweitete Hebungszahl wie eine metrische Dehnung des Versprechens, die die Vergewisserung der Wiederkehr auch rhythmisch hervorhebt.

3. Welches Reimschema lässt sich erkennen, wie konsequent wird es durchgehalten, und gibt es auffällige Unreinheiten, Assonanzen oder Reimlosigkeit, die eine besondere Funktion nahelegen?

Beide Strophen folgen einem klaren Kreuzreimschema abab cdcd. In der ersten Strophe reimen sich „Mirt(e)“ und „Sternenhirte“ (1/3) sowie „Welt“ und „Himmelsfeld“ (2/4), in der zweiten Strophe „Mirte“ und „girrte“ (9/11) sowie „Sternenschein“ und „ein“ (10/12). Die Verse 5/7 bzw. 13/15 („Wolkenschafe“ / „schlafe“) und 6/8 bzw. 14/16 („hin“ / „bin“) bilden jeweils die zweite Kreuzreimgruppe. Damit wird die Strophe in zwei Quartette gegliedert, die sich formal entsprechen: ein beschreibendes Bildquartett (Natur- und Himmelsbilder) und ein Refrainquartett (Wolkenschafe – Born des Lichtes – Schlafaufforderung – Wiederkehrversprechen).

Auffällig ist, dass Brentano bewusst mit Halbreimen und Lautähnlichkeiten arbeitet: „Mirte“ / „Hirte“ sowie „Welt“ / „Himmelsfeld“ sind klanglich eng verwandt, aber keine ganz reinen Reime; sie bewegen sich im Bereich des Halbreims bzw. der Assonanz. Demgegenüber stehen in den Refrainteilen die Reime „Wolkenschafe“ / „schlafe“ und „hin“ / „bin“ fast formelhaft klar und rein. Diese Konstellation legt eine funktionale Verteilung nahe: Die leicht „offenen“ Reime des Bildquartetts unterstreichen die Schwebe und Beweglichkeit der nächtlichen Szenerie, während die reinen, einfachen Reime des Refrains die beruhigende, kinnere, fast kinderliedhafte Eindringlichkeit der Schlaf- und Trostformel stützen. Insgesamt wird das Reimschema durchgängig eingehalten; kleinere Unreinheiten sind keine Störung, sondern gehören zur volksliedhaften Natürlichkeit und zur weich fließenden Klangstruktur des Gedichts.

4. Wie verhalten sich Satzbau und Zeilenbau zueinander: Wo entstehen Enjambements, harte Zeilensprünge oder syntaktische Klüfte, und welche Wirkung haben sie auf Tempo und Lesebewegung?

Der Satzbau ist insgesamt schlicht, überwiegend parataktisch und bleibt eng an der liedhaften Gestalt orientiert. Viele Verse bilden zugleich eine syntaktische Einheit oder zumindest eine klar abgeschlossene Sprechbewegung: „Säusle liebe Mirte,“ (V. 1), „Wie still ist's in der Welt,“ (V. 2), „Schlaf, mein Freund, o schlafe,“ (V. 7/15) oder „Bis ich wieder bei Dir bin.“ (V. 8/16) stehen jeweils als eigenständige Sinneinheiten. Daneben finden sich aber einige charakteristische Enjambements, vor allem in den Bildblöcken: Die Beschreibung des Mondes zieht sich in Strophe 1 über vier Verse hinweg – „Der Mond, der Sternenhirte / Auf klarem Himmelsfeld, / Treibt schon die Wolkenschafe / Zum Born des Lichtes hin:“ (V. 3–6) –, wobei Subjekt, Apposition, Ortsangabe und Verb-Ergänzungsgefüge jeweils auf neue Zeilen verteilt werden. Ähnlich in Strophe 2: „Die Turteltaube girrte / Auch ihre Brut schon ein.“ (V. 11–12) und „Still ziehn die Wolkenschafe / Zum Born des Lichtes hin,“ (V. 13–14). Diese stufenartig gebauten Satzgefüge lassen das Bild langsam „aufgehen“ und verleihen der Lesebewegung eine weiche, gleitende Dynamik, die der Vorstellung des schwebenden, ziehenden, säuselnden Naturgeschehens entspricht.

Harte syntaktische Klüfte oder überraschende, brüskierende Zeilensprünge gibt es kaum; vielmehr arbeitet das Gedicht mit milden, fließenden Übergängen. Ein markanter Einschnitt entsteht durch den Doppelpunkt am Ende von Vers 6: Nach der ausführlichen, über mehrere Zeilen gedehnten Schilderung des Mondes und der Wolkenschafe folgt mit „Schlaf, mein Freund, o schlafe“ eine intonatorische Zäsur, die von der Naturbeschreibung in den direkten, affektiven Anruf des Freundes umschlägt. Zwischen den Strophen liegt eine ebenfalls klare, aber nicht schroffe Pause: Die zweite Strophe setzt mit der Wiederaufnahme des Anfangs („Säusle liebe Mirte“) ein, was weniger als Bruch, denn als neuer, leicht variierter Umlauf derselben Einschlafbewegung wirkt. Insgesamt unterstützt das Verhältnis von Satz- und Zeilenbau die ruhige, wiegende Langsamkeit des Gedichts; es gibt keine syntaktischen Sprünge, die Unruhe oder innere Zerrissenheit markieren würden, sondern ein behutsam fließendes Fortschreiten der Bilder hin zum stets gleichbleibenden Refrain.

5. Welche wiederkehrenden formalen Muster strukturieren das Gedicht, und wie tragen sie zur thematischen Kohärenz bei?

Das Gedicht ist stark von Wiederholung und Variation geprägt, wie es für Liedform und Wiegenlied typisch ist. Zunächst fallen die wörtlichen Wiederholungen auf: Der Ruf „Säusle liebe Mirte“ eröffnet beide Strophen (V. 1 und 9) und rahmt damit die gesamte Szene als von der Myrte (als Symbolpflanze der Liebe) umspieltes, geschütztes Einschlafritual. Noch deutlicher wirkt der Refrainblock, der in beiden Strophen nahezu identisch wiederkehrt: „Wolkenschafe“ (V. 5/13), „Born des Lichtes hin“ (V. 6/14) und die Abschlussformel „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin.“ (V. 7–8 bzw. 15–16). Zwischen erster und zweiter Strophe wird dieses Muster fein variiert: Aus „Treibt schon die Wolkenschafe“ (V. 5) wird „Still ziehn die Wolkenschafe“ (V. 13); aus dem eher aktiv-pastoralen Bild des treibenden Mondes wird das ruhig-nachwirkende Bild des lautlosen Ziehens. So entsteht der Eindruck eines zweiten, vertieften Umlaufs desselben Motivkreises, in dem die Bewegung von einem leichten, noch „arbeitsamen“ Treiben in ein vollkommen stilles Gleiten übergeht.

Hinzu kommen wiederkehrende syntaktische und motivische Muster: die Imperativformeln („Säusle“, „Schlaf, mein Freund, o schlafe“), die Tier- und Hirtensymbole (Mond als „Sternenhirte“, Wolkenschafe, Turteltaube mit Brut) und das Leitmotiv „Born des Lichtes“, das beide Strophen innerlich zusammenbindet. Die erste Strophe ist stärker auf die kosmische Dimension fokussiert (Mond, Sterne, Wolkenschafe), die zweite führt mit der Turteltaube ein weiteres, intim-familiäres Ruhebild ein, bleibt aber am gleichen Motivfeld von Schutz, Geborgenheit, Einschluss und Heimkehr. Die wiederkehrenden Muster erzeugen so eine geschlossene, kreisende Struktur, in der sich die zentrale Bewegung – Trennung auf Zeit, Schlaf als geschützter Zwischenraum, verlässliches Wiedersehen – beständig bestätigt und besänftigt. Formale Wiederholung wird zum Träger von Trost und Verlässlichkeit.

6. In welchem Verhältnis stehen Form und Gattung: Bestätigt die äußere Gestalt ein gattungstypisches Erwartungsschema oder wird dieses bewusst unterlaufen?

Form und Gattung stehen in einem sehr engen, bestätigenden Verhältnis. Die zweistrophige, symmetrisch gebaute Liedform, der einfache Kreuzreim, das von Trochäen geprägte, schaukelnde Versmaß, die starken Wiederholungen und der klar ausgeprägte Refrain verweisen deutlich auf das Gattungsspektrum von Volkslied, Nachtlied und Wiegenlied. Inhaltlich korrespondiert dies mit der Situation: Jemand spricht beruhigend auf einen Schlafenden (oder Einschlafenden) ein, bettet ihn in ein Ensemble aus Natur- und Himmelsbildern und versichert ihm die eigene Wiederkehr. Die äußere Gestalt erfüllt damit genau das Erwartungsschema, das an ein lyrisches Wiegen- oder Nachtlied gestellt wird: Kürze, Einfachheit, Wiederholung, sangbare Rhythmik.

Bewusste Unterlaufungen des Gattungsschemas zeigen sich eher im Ton und in der Bildsymbolik, nicht in der formalen Oberfläche. Während Form und Klang den Eindruck eines naiven, volksliedhaften Schlaflieds bestärken, sind die Bilder – der Mond als „Sternenhirte“, die „Wolkenschafe“ am „Born des Lichtes“, die Turteltaube mit ihrer Brut – von einer symbolischen Tiefendimension durchzogen, die sich in Richtung romantischer Liebes- und möglicherweise auch religiös-esoterischer Deutung öffnen lässt. Insofern wird das gattungstypische Schema nicht zerstört, sondern eher poetisch überhöht: Die äußere Einfachheit bleibt intakt, dient aber als Träger eines dichten Bedeutungsraums. Gerade diese Spannung – formale Volkstümlichkeit bei zugleich hochartifizieller Bild- und Symbolgestaltung – ist charakteristisch für Brentanos romantische Liedkunst.

2. Sprechsituation

1. Wer spricht im Gedicht: Lässt sich eine bestimmte Sprecherfigur, ein lyrisches Ich oder eine Rollenstimme erkennen, und wie stark wird diese Stimme individualisiert?

Im Gedicht ist deutlich eine sprechende Instanz in der Ich-Rolle erkennbar, auch wenn das Personalpronomen „ich“ nur im Schlussvers jeder Strophe („Bis ich wieder bei Dir bin“) explizit erscheint. Diese Stimme ist nicht biographisch-individuell ausdifferenziert, sie bleibt namenlos und ohne konkrete Lebensumstände, erhält aber durch ihre Funktion und Tonlage ein bestimmtes Rollenprofil: Es handelt sich um eine sorgende, tröstende Figur, die den Schlaf eines „Freundes“ behütet und zugleich eine Art „magische“ Vermittlung zwischen Mensch und Natur/Himmel übernimmt. Sie spricht die Myrte direkt an, beschreibt das Tun des Mondes, der Wolkenschafe und der Turteltaube und fügt sich damit als Regie führende Stimme in eine märchenhaft-symbolische Welt ein. In vielen Kontextdeutungen wird diese Stimme – im Anschluss an den Myrtenbezug und die romantische Liebessemantik – eher als weibliche Sprecherfigur wahrgenommen; der Text selbst markiert das Geschlecht allerdings nicht ausdrücklich, sodass vor allem die Rolle (liebende, schützende, tröstende Sprecherin) erkennbar, nicht aber eine individuell gezeichnete Person.

2. An wen richtet sich der Text?

Der Text hat eine doppelte Adressierung. Zum einen richtet sich die Stimme an die Natur, genauer: an die „liebe Mirte“, die im Imperativ angeredet wird („Säusle liebe Mirte“), und indirekt auch an die vom Sprecher beschriebenen Natur- und Himmelswesen (Mond als Sternenhirte, Wolkenschafe, Turteltaube). Diese Anrufungen haben den Charakter einer Beschwörung oder Bitte: Die Natur soll mithelfen, den Schlaf zu hüten und eine Atmosphäre der Ruhe zu schaffen. Zum anderen – und das ist die innere Zielrichtung des gesamten Textes – wendet sich das Gedicht an den „Freund“, der schlafen soll: „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Die Imperative sind zwar grammatisch direkt an ihn gerichtet, die Situation legt aber nahe, dass er selbst schon im Übergang zum Schlaf steht oder bereits schläft, sodass die Rede eher über ihm und um ihn herum als dialogisch mit ihm geführt wird. Primärer Adressat der unmittelbaren Rede ist also der „Freund“ als Geliebter; sekundäre Adressaten sind Myrte und Naturkräfte, die gleichsam als Helfer in dieses Einschlafritual hineingerufen werden.

3. In welcher Sprechhaltung äußert sich die Stimme?

Die Sprechhaltung ist durchgehend zärtlich, beruhigend und beschwörend. Der Ton ist sanft und leise, frei von jeder Schärfe oder Dringlichkeit, eher wie ein Wiegenlied oder ein leises Gebet. Die häufigen Imperative („Säusle …“, „Schlaf …“) tragen dabei nicht den Charakter eines Befehls, sondern eines zuwendenden, fürsorglichen Zuredens. Die Sprecherstimme scheint die Aufgabe übernommen zu haben, die Realität so zu „arrangieren“, dass der Schlafende sich geborgen fühlen kann: Sie malt ihm – und dem Leser – die still gewordene Welt, den sorgenden Mond, die ziehenden Wolkenschafe und die brütende Turteltaube vor Augen und bindet diese Bilder in eine tröstende Wiederkehrformel („Bis ich wieder bei Dir bin“). Insgesamt überwiegt eine Haltung des Vertrauens, der Liebe und des Trostes; unterschwellig ist in der Wiederkehrformel auch eine leise, doch nicht dramatisierte Traurigkeit der Trennung präsent, die aber durch den beruhigenden Ton aufgefangen und besänftigt wird.

4. Welche zeitliche und räumliche Situation wird implizit oder explizit gesetzt?

Zeitlich ist das Gedicht klar in einer Nacht- oder späten Abendstunde situiert: „Wie still ist's in der Welt,“ der „Mond, der Sternenhirte“, der „Sternenschein“ und die „Wolkenschafe“ am „Born des Lichtes“ markieren eine späte, bereits zur Ruhe gekommene Tageszeit. Die Welt ist „still“, das Taggeschehen abgeklungen; auch die Turteltaube hat „ihre Brut schon ein“ gegirrt – ein Bild für das abgeschlossene Tagewerk und den beginnenden Schlaf. Räumlich bleibt der Ort bewusst unkonkret: Es ist kein bestimmtes Zimmer, keine Stadt, kein Haus genannt. Gleichwohl legt die Kombination aus Myrte (häufig als Topfpflanze oder Gartenpflanze gedacht), schlafendem Freund und Blick in den Sternenhimmel nahe, dass wir uns in einem Innenraum mit Nähe zur äußeren Natur befinden – etwa einem Zimmer mit Pflanze und freiem Blick nach draußen, oder einem Garten, in dem der Schlafende ruht. Die Szenerie wirkt märchenhaft entrückt: Der genaue Ort verschwimmt, während die Grenzen zwischen Innenraum (Schlafplatz des Freundes, Myrte) und Außenraum (Himmelsfeld, Wolkenschafe, Turteltaube) durchlässig werden. Die Welt wirkt wie ein einziger umhüllender Schutzraum, in dem kosmische und häusliche Sphäre ineinander greifen.

5. Aus welcher Perspektive wird gesprochen, und wie verschiebt sich diese Perspektive eventuell im Verlauf?

Die Perspektive ist die eines wachen, sorgenden Ich, das dicht neben dem schlafenden oder einschlafenden Freund steht und zugleich einen weiten Blick in die Natur und an den Himmel richtet. Die Sprecherfigur nimmt gewissermaßen eine Zwischenposition ein: Sie ist dem „Freund“ unmittelbar nah (Anrede „mein Freund“, Versprechen „Bis ich wieder bei Dir bin“) und zugleich in der Lage, die großen Zusammenhänge der nächtlichen Welt zu überblicken (der Mond als Hirte der Sterne, Wolkenschafe am Born des Lichtes, Turteltaube mit Brut). Die Perspektive wechselt dabei behutsam zwischen direkter Anrede, beschreibendem Blick auf die Natur und einer Selbstvergewisserung („Bis ich wieder bei Dir bin“).

Im Verlauf des Gedichts verschiebt sich die Perspektive nur graduell, nicht sprunghaft: Die erste Strophe ist stärker auf den kosmischen Horizont ausgerichtet (Mond, Himmelsfeld, Wolkenschafe), während die zweite Strophe die Perspektive etwas stärker auf häuslich-intime Bilder lenkt (Turteltaube und ihre Brut), ohne die kosmische Achse (Wolkenschafe, Born des Lichtes) zu verlassen. Die Sprecherstimme bleibt dieselbe; was sich verändert, ist eher die Tiefe und Konkretion der Bilder, die denselben Grundakt – das Behüten des Schlafs – von verschiedenen Seiten her ausleuchten.

6. Wie ist das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber charakterisiert?

Das Verhältnis ist durch eine intime, liebevolle und asymmetrische Nähe gekennzeichnet. Die Sprecherfigur steht wach und sorgend über dem „Freund“, der schlafen soll; sie übernimmt für den Moment eine schützende, fast elterlich wirkende Rolle, zugleich aber in einem Liebeskontext, der das Wort „Freund“ romantisch auflädt und eher im Sinne von Geliebter, vertrauter Partner zu verstehen gibt. Die wiederkehrende Formel „mein Freund“ markiert Zugehörigkeit und Zuneigung, ohne Distanz, ohne Ironie. Dass der Schlafende nicht selbst spricht, sondern nur angesprochen wird, vertieft die Asymmetrie von Wachen und Schlafen: Die eine Seite sorgt, spricht, ordnet die Welt; die andere vertraut sich dieser Sorge an und ruht.

Zugleich ist das Verhältnis von einer starken Treue- und Wiederkehrzusage geprägt: „Bis ich wieder bei Dir bin“ bindet die gegenwärtige Trennung an die feste Zusage einer zukünftigen Nähe. Das Ich legt gleichsam einen Vertrauenspfand ab, den der Schlafende in seinem Schlaf „mitnehmen“ kann. Zwischen beiden herrscht kein erkennbarer Konflikt, keine Distanz oder Fremdheit, sondern ein harmonisch gedeutetes Band, das sich in der Bildwelt von Hirtendienst, Herdenführung und Nestschutz spiegelt. Die Naturbilder fungieren als Allegorie dieses Verhältnisses: Wie der Sternenhirte die Wolkenschafe und die Turteltaube ihre Brut, so hütet die Sprecherin den Freund, bis sie wieder bei ihm sein kann.

3. Aufbau und innere Bewegung

1. Welche Ausgangssituation wird am Anfang des Gedichts gesetzt, und in welchem Zustand findet sich das Sprecher-Ich zu Beginn?

Am Anfang des Gedichts wird eine bereits in die Nacht eingesunkene Welt gesetzt: „Wie still ist's in der Welt“ (V. 2) lässt keinen Übergang vom Tag mehr erkennen, sondern beschreibt einen Zustand vollendeter Ruhe. Der „Mond, der Sternenhirte / Auf klarem Himmelsfeld“ (V. 3–4) ist bereits aufgegangen und im „Dienst“; die Tageshektik ist verschwunden, an ihre Stelle tritt eine großräumige, stille Ordnung des Himmels. Zugleich erscheint ein kleiner, fast häuslicher Ausschnitt dieser Welt: die „liebe Mirte“, an die sich der erste Imperativ richtet („Säusle liebe Mirte“, V. 1). Sie markiert den Ort der Szene – einen Raum der Nähe, vielleicht ein Zimmer oder eine Garten- bzw. Fenstersituation –, ohne ihn konkret auszumalen. Die Ausgangssituation ist damit die einer Nacht, in der alles schon zur Ruhe gekommen ist, aber noch eine letzte Bewegung nötig scheint: das Einbetten des „Freundes“ in diesen Zustand der Ruhe.

Das Sprecher-Ich ist zu Beginn wach, aufmerksam und leicht besorgt-sorgend. Es nimmt die Stille wahr, registriert den Mond als Hirten und die Ordnung der Sterne und greift aktiv in diese Szenerie ein, indem es die Myrte anspricht und die kosmische Szene als Argument oder Hintergrund für das Einschlafen des Freundes entfaltet. Emotional befindet sich das Ich in einem Zwischenzustand: Es ist selbst nicht zur Ruhe gekommen, sondern übernimmt noch eine Aufgabe – den Freund schlafen zu legen und ihn zugleich auf eine bevorstehende Abwesenheit vorzubereiten („Bis ich wieder bei Dir bin“, V. 8). Die Ausgangslage ist also keine Krisensituation, aber auch keine bereits harmonisch abgeschlossene Ruhe: Das Ich steht am Beginn eines beruhigenden Rituals, das die noch vorhandene kleine Unruhe der Trennung in verlässliche Ruhe überführen soll.

2. Welche größeren Sinnabschnitte lassen sich im Verlauf erkennen, und nach welchen inhaltlichen oder formalen Kriterien lassen sie sich voneinander abgrenzen?

Formal gliedert sich das Gedicht zunächst in die zwei achtversigen Strophen, die jeweils in sich noch einmal in zwei Teilblöcke zerfallen. In der ersten Strophe bilden die Verse 1–4 den ersten Sinnabschnitt: Anrede der Myrte und Beschreibung der still gewordenen Welt mit dem Mond als Sternenhirten. Die Verse 5–6 erweitern diesen Abschnitt um eine Bewegung: Die „Wolkenschafe“ werden zum „Born des Lichtes“ getrieben. In den Versen 7–8 erfolgt dann ein klarer Umschlag in die direkte, persönliche Anrede des Freundes („Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin.“). Inhaltlich lässt sich somit in Strophe 1 eine Dreiteilung erkennen: (a) Anruf und Weltbild, (b) kosmische Bewegung, (c) direkte Schlaf- und Trostformel.

Die zweite Strophe spiegelt diese Struktur, führt aber ein neues Motiv ein. Wieder eröffnen Vers 9–10 mit der Anrede der Myrte und dem Hinweis auf den „Sternenschein“ die Szene; Vers 11–12 bringen mit der „Turteltaube“, die ihre „Brut schon ein“ girrt, ein zusätzliches, häuslich-intimes Ruhebild ein; Vers 13–16 wiederholen in leicht veränderter Form den kosmischen Bewegungs- und Trostblock der ersten Strophe („Still ziehn die Wolkenschafe / Zum Born des Lichtes hin, / Schlaf', mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin.“). Hier ergibt sich also eine analoge Dreiteilung: (a) Wiederaufnahme des Anfangs mit vertieftem Nachtlicht, (b) Ergänzung durch das Nest- und Brutmotiv, (c) Wiederkehr des Refrains in ruhigerer, „stilleren“ Variante. Die größeren Sinnabschnitte lassen sich somit sowohl formal (Strophenbau, Wiederkehr des Refrains) als auch inhaltlich (Kosmos – Naturbild – Trostformel) klar voneinander abgrenzen.

3. Wo liegen deutliche Wendepunkte, Umschläge oder Kulminationen?

Das Gedicht kennt keine dramatischen, konfliktgeladenen Wendepunkte, aber es arbeitet mit deutlichen, weichen Umschlägen, die den inneren Verlauf strukturieren. Der wichtigste Umschlagpunkt in der ersten Strophe liegt am Ende von Vers 6, markiert durch den Doppelpunkt: Nach der ausführlichen Beschreibung des Mondes und der Wolkenschafe („Treibt schon die Wolkenschafe / Zum Born des Lichtes hin:“ V. 5–6) schwenkt der Text in Vers 7 zu der direkten, affektiv aufgeladenen Ansprache „Schlaf, mein Freund, o schlafe“ über. Hier kippt die Perspektive vom kosmischen Schaubild in die unmittelbare Beziehung zwischen Sprecher und Freund; zugleich wird die emotionale Intention des Gedichts – den Freund zum Schlaf zu führen und ihm die Wiederkehr zuzusagen – zum ersten Mal vollständig ausgesprochen („Bis ich wieder bei Dir bin“, V. 8). Diese Stelle lässt sich als die erste Kulmination der inneren Bewegung lesen.

In der zweiten Strophe liegt ein vergleichbarer, etwas anders gestufter Kulminationspunkt in der Verbindung von Vers 11–12 mit dem erneut einsetzenden Refrainblock (V. 13–16). Die Einführung der „Turteltaube“, die ihre „Brut schon ein“ girrt, bündelt die Motive von Nest, Schutz und familiärer Geborgenheit und bereitet damit eine noch dichtere Atmosphäre der Ruhe vor, die dann im Refrain „Still ziehn die Wolkenschafe … Schlaf', mein Freund, o schlafe“ zur Gänze ausgeschöpft wird. Während die erste Strophe die Kulmination eher im Umschlag von Weltbild zu Trostwort hat, könnte man in der zweiten Strophe von einer Steigerung hin zu vollkommen stiller, eingehegter Ruhe sprechen: Die Bewegung der Wolkenschafe wird nun ausdrücklich als „still“ bezeichnet, und der Refrain erscheint als bestätigter, vertiefter Trost. In beiden Fällen sind die Kulminationen nicht als Spitzen eines dramatischen Spannungsbogens, sondern als Verdichtungen eines sanften, kreisenden Bewegungsablaufs zu verstehen.

4. Lässt sich eine Bewegung von einem Ausgangspol zu einem Gegenpol beschreiben, und wie wird dieser Weg sprachlich und bildlich vollzogen?

Die Bewegung des Gedichts vollzieht sich weniger zwischen scharf kontrastierten Polen als zwischen Nuancen von Unruhe und Ruhe innerhalb einer insgesamt stillen Nacht. Dennoch lässt sich eine verhaltene Polarität ausmachen: Am Anfang steht ein waches Ich, das eine noch nicht ganz abgeschlossene Situation erlebt – der Freund muss schlafen, die Sprecherfigur wird sich von ihm entfernen („bis ich wieder bei Dir bin“), es besteht also eine leise, doch spürbare Spannung von Abwesenheit und Nähe, Sorge und Vertrauen. Am Ende steht ein Zustand, in dem diese Spannung zwar nicht aufgehoben, aber vollständig in eine ruhige, verlässliche Ordnung eingebettet ist: Die kosmischen Bilder sind zu einem geschlossenen, stillen Kreislauf geworden, der Freund ist in diese Ordnung hineingestellt, und das Versprechen der Wiederkehr steht ungebrochen im Raum.

Diese Bewegung wird vor allem sprachlich und bildlich vollzogen. Das Verb „treibt“ in Vers 5 („Treibt schon die Wolkenschafe“) deutet noch auf eine leichte Aktivität, auf die Notwendigkeit eines lenkenden Handelns (Hirtendienst); in der zweiten Strophe gleitet diese Bewegung in das „Still ziehn die Wolkenschafe“ (V. 13) über – die Führung ist nicht mehr sichtbar, die Ordnung ist gewissermaßen selbstverständlich geworden. Zugleich verschiebt sich der Bildakzent: vom Sternenhirten, der noch im „Tun“ begriffen ist, zur Turteltaube, die ihre Brut bereits „eingirrte“ (also zur Ruhe gebracht hat). Metaphorisch wird damit der Weg von einer noch herzustellenden Ruhe (der Hirte treibt noch) zu einer bereits vollendeten Ruhe (die Brut ist „eingegirrt“, die Wolkenschafe ziehen still) markiert. Der Refrainsatz „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ rahmt diese Bewegung: Er steht am Ende beider Strophen, aber in der zweiten wirkt er, getragen von der vertieften Bildlage, noch einmal gestärkt und eingelöst. Der Ausgangspol eines zarten, leicht besorgten Zuredens verschiebt sich hin zu einem Zustand vollständig beruhigter, in kosmische Ordnung eingebetteter Zuwendung.

5. Gibt es Rückgriffe, Spiegelungen oder Rahmenbildungen, die eine Kreisbewegung oder eine bewusst offene, fragmentarische Struktur erkennen lassen?

Das Gedicht ist durchzogen von Rückgriffen, Spiegelungen und Refrainbildungen, die eine deutliche Kreisbewegung nahelegen. Bereits die Wiederholung des Anfangsverses „Säusle liebe Mirte“ in Vers 9 markiert eine bewusste Spiegelung: Die zweite Strophe beginnt wie die erste, als würde das Lied einen zweiten Umlauf derselben beruhigenden Geste vollziehen. Hinzu kommt die exakte Wiederholung des Schlussverses „Bis ich wieder bei Dir bin“ (V. 8 und 16), der die Situation rahmt: Die gesamte Bewegung von Naturbeschwörung und Schlafzusage ist in die Wiederkehrformel eingespannt. Die beiden Strophen bilden somit einen Ring, in dem Anfang und Ende eng verkoppelt sind.

Auch die Motivgestaltung arbeitet mit Spiegelungen: Die Konstellation „Wolkenschafe – Born des Lichtes“ erscheint in beiden Strophen (V. 5–6 und 13–14), leicht variiert durch den Wechsel von „treibt“ zu „still ziehn“. Das Grundmuster bleibt gleich, die Nuancierung verschiebt sich – ein typischer Effekt kreisender Liedbewegung, in der Wiederholung und kleinste Veränderung ineinander greifen. Ebenso stehen die Hirtengestalt (Mond als Sternenhirte) und das Taubenbild (Turteltaube mit Brut) in einem spiegelnden Verhältnis: Beide sind Figuren des Hütens und Beschützens, beide strukturieren die Bildwelt, ohne dass der Text zwischen ihnen einen dramatischen Gegensatz aufbaut. Insgesamt ist die Struktur nicht fragmentarisch offen, sondern stark geschlossen: Die Wiederkehr der Anfangsformel, die genaue Refrainwiederholung und die motivischen Spiegelungen erzeugen den Eindruck eines ritualisierten, kreisenden Gesangs, in dem es weniger um Entwicklung als um Bestätigung geht.

6. Wie verhalten sich äußere Gliederung und innere Gedanken- oder Gefühlskurve zueinander: Stützen sie sich, laufen sie gegeneinander oder erzeugen sie Spannungen, die für die Deutung wichtig sind?

Äußere Gliederung und innere Gefühlskurve stützen sich weitgehend und verstärken gegenseitig den Eindruck einer beruhigenden, zyklischen Bewegung. Die an sich schon sehr symmetrische Strophenform mit wiederkehrenden Refrainversen entspricht der inneren Dynamik eines Wiegenlieds, in dem Trost und Zuspruch gerade durch Wiederholung wirksam werden. Die klaren Einschnitte – der Doppelpunkt nach Vers 6, der Übergang von Bildblock zu Refrain, die fast identische Reprise in der zweiten Strophe – markieren äußerlich genau jene Momente, an denen auch innerlich etwas geschieht: die Zuwendung zum Freund, die Zusage der Wiederkehr, die Steigerung zur vollkommenen Stille in Strophe 2. Die äußere Form zeichnet gewissermaßen die Gefühlskurve der Sprecherfigur nach: vom ordnenden Blick auf die still gewordene Welt hin zum immer wiederholten, beschwörenden Trostwort.

Gleichwohl entsteht eine subtile, für die Deutung wichtige Spannung: Während die äußere Form durch Refrainbildung, Parallelstrophen und wiederkehrende Motive eine vollkommene Geschlossenheit und Gleichförmigkeit suggeriert, erinnert der Inhalt der Schlussformel („Bis ich wieder bei Dir bin“) unentwegt daran, dass die Situation selbst von einer noch nicht aufgehobenen Trennung geprägt ist. Die Form sagt: „Alles wiederkehrt, alles schließt sich zum Kreis“, der Inhalt sagt: „Noch bin ich nicht bei dir, erst die Zukunft wird die Trennung aufheben.“ Diese Spannung wird nicht ausagiert, sondern in der Wiederholung beruhigt; sie bleibt aber als leise, melancholische Grundschwingung präsent. So entsteht ein feines Gegenlaufen von Form und Inhalt, das den scheinbar einfachen Wiegenliedcharakter mit einer romantisch-gebrochenen Note versieht: Die Form feiert die Wiederkehr des Immergleichen, die Gefühlsebene weiß um die Zerbrechlichkeit dieser Zusage und hält sie gerade deshalb in beständigem, beschwörendem Sprechen wach.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

1. Welche Grundstimmung herrscht im Gedicht vor?

Die Grundstimmung des Gedichts ist eine zarte, beruhigende Nacht- und Troststimmung, in der Ruhe, Sanftheit und leise Melancholie ineinander greifen. Nichts ist laut, grell oder dramatisch; die Welt ist „still“, der Mond tut seinen Dienst als „Sternenhirte“, die Wolkenschafe ziehen gemessenen Schrittes zum „Born des Lichtes“, die Turteltaube hat ihre Brut schon „eingegirrt“. Alles ist auf Beruhigung, Schutz und Geborgenheit hin komponiert. Zugleich mischt sich in diese friedliche Ruhe ein kaum artikulierter Zug von Wehmut: Der Satz „Bis ich wieder bei Dir bin“ verweist auf eine bestehende oder unmittelbar bevorstehende Trennung, die zwar nicht tragisch ausgestellt, aber als leises Grundschattenmotiv stets präsent bleibt. Die Grundstimmung ließe sich daher als sanftes, liebevolles Trostklima mit einem Hauch von sehnsüchtiger Traurigkeit charakterisieren.

2. Wie stabil ist diese Stimmung?

Die Stimmung ist außerordentlich stabil. Das Gedicht kennt weder abrupte Tonwechsel noch Momente offener Unruhe oder innerer Zerrissenheit. Die gleichen affektiven Farben – Zärtlichkeit, Ruhe, leise Sehnsucht – werden in beiden Strophen in nahezu identischer Weise ausgemalt, ja durch die Wiederholung von Versen und Motiven geradezu ritualisiert. Die „Stille“ der Welt, die freundliche Ordnung des Himmels, die behütenden Tierbilder und die immer gleiche Trostformel „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ sorgen dafür, dass die Stimmung eher vertieft als verändert wird. Was sich im Verlauf verschiebt, sind Nuancen innerhalb dieser Grundstimmung: Die zweite Strophe führt mit der Turteltaube ein noch innigeres, nestnahes Bild der Geborgenheit ein und verwandelt die anfänglich beschriebene Stille in eine noch stärkere Verdichtung von Ruhe und Schutz. Doch auch diese Steigerung bleibt im Spektrum derselben affektiven Tonlage.

3. Welche Gefühle und affektiven Haltungen prägen das Ich und sein Verhältnis zu sich selbst?

Das Ich ist von liebevoller Fürsorge, zärtlicher Verantwortlichkeit und vertrauender Hingabe geprägt. Es nimmt sich selbst offenbar weniger als leidendes oder dramatisch betroffenes Subjekt wahr, sondern primär als Hüterin bzw. Hüter des Schlafes des anderen. Das Ich organisiert die Szene: Es ruft die Myrte an, es stellt den ruhigen Kosmos vor Augen, es zeigt die Turteltaube und ihre Brut – und fügt alles zu einem Schutzraum um den Schlafenden zusammen. Darin zeigt sich ein Grundzug von selbstvergessener Dienstbereitschaft: Das Ich steht in der Nacht wach, um dem Freund Ruhe zu ermöglichen, und trägt zugleich die Last der Trennung, indem es die Wiederkehr zusagt.

Zum Selbstverhältnis gehört außerdem eine feine Mischung aus Vertrauen und Melancholie. Die Formel „Bis ich wieder bei Dir bin“ verrät, dass das Ich seine eigene Abwesenheit als schmerzlich empfindet, diesen Schmerz aber nicht ausstellt, sondern in die Sprache des Zuspruchs verwandelt. Es scheint seine Rolle zu akzeptieren: Wach sein, nennen, ordnen, trösten, versprechen. Das Ich ist also innerlich nicht zerrissen, aber auch nicht naiv sorglos; es besitzt eine reife, sanft melancholische Bewusstheit der Situation und beantwortet diese nicht mit Klage, sondern mit trostvoller Gestaltung.

4. Wie gestaltet sich die affektive Beziehung zum Gegenüber?

Die affektive Beziehung zum „Freund“ ist von inniger Liebe, Vertrauen und asymmetrischer Fürsorge getragen. Der Schlafende – oder Einschlafende – ist als verletzlicher, schutzbedürftiger Mensch gedacht, dem von Seiten des Ichs Aufmerksamkeit und Geborgenheit geschenkt werden sollen. Die Anrede „mein Freund“ ist zugleich liebevoll und vertraut, sie markiert Nähe, nicht Distanz. Der Imperativ „Schlaf, mein Freund, o schlafe“ trägt in diesem Kontext keinen Befehlston, sondern den Charakter eines zärtlichen Zusprechens, wie man es an ein Kind, einen Geliebten oder einen Kranken richtet – eine Sprache, die trägt, hält und beruhigt.

Zugleich ist die Beziehung von einer starken Treue- und Wiederkehrdimension geprägt. Der andere soll schlafen, während das Ich abwesend ist oder wird; der Schlaf ist also auch ein Mittel, die Zeit der Trennung zu überbrücken. Insofern ist die Beziehung nicht konfliktfrei im Sinne völliger Einheit – die Trennung bleibt ein Faktum –, aber sie ist konfliktfrei im Sinne von gegenseitigem Vertrauen: Das Ich geht offenbar davon aus, dass seine Zusage „Bis ich wieder bei Dir bin“ für den anderen genügt, um ruhig schlafen zu können. Affektiv entsteht so ein Band, in dem Liebe als beschützende, treue Gegenwart auch in der Abwesenheit erscheint.

5. Gibt es ironische, humorvolle oder selbstrelativierende Momente, die die Oberfläche der Stimmung brechen und auf eine zweite, reflektierende Ebene verweisen?

Ironische oder humorvolle Momente fehlen vollständig. Das Gedicht kennt keine Brechung, kein Augenzwinkern, keine Distanzierung von der eigenen Bildwelt. Die Rede ist in ihrer zärtlichen Ernsthaftigkeit ungebrochen. Auch eine Selbstrelativierung des Ichs kommt nicht vor; die Sprecherfigur stellt sich nicht in Frage, kommentiert nicht reflektierend ihr eigenes Tun, sondern bleibt ganz in der Rolle der Liebenden/des Liebenden, die bzw. der den Schlafenden tröstet.

Wenn es überhaupt eine „zweite Ebene“ gibt, dann nicht als ironische Brechung, sondern als symbolische Vertiefung: Die Bilder von Sternenhirte, Wolkenschafen, Born des Lichtes und Turteltaube lassen sich religiös, kosmologisch oder anthropologisch deuten, ohne dass der Text diesen Interpretationshorizont kommentierend markiert. Die Oberfläche bleibt ernst, schlicht, märchenhaft; die mögliche Tiefe entsteht aus der Dichte der Symbolik, nicht aus einer reflexiven Ironieschicht.

6. Wie korrespondieren Ton und Bildwelt?

Ton und Bildwelt stehen in einer engen, fast perfekten Entsprechung. Der sanfte, beruhigende Ton findet in den Natur- und Himmelsbildern seine unmittelbare Entsprechung: Das „Säuseln“ der Myrte, die Stille der Welt, der Mond als fürsorglicher „Sternenhirte“, die gemächlich ziehenden „Wolkenschafe“, der „Born des Lichtes“ und die Turteltaube, die ihre Brut „eingirrte“, sind allesamt Bilder, die Schutz, Ruhe, milde Führung und umhüllendes Licht evozieren. Kein Bild stört diese Grundhaltung; es gibt weder Bedrohliches noch Dunkles, keine stürmische Natur, kein aggressives Tier, kein dissonantes Element.

Gleichzeitig ermöglicht die Bildwelt dem Ton eine über das rein Psychologische hinausgehende Vertiefung. Die affektive Konstellation – eine Liebende/ein Liebender sorgt für den Schlafenden – wird durch kosmische und zoologische Metaphern so erweitert, dass das Geschehen in eine größere Ordnung eingebettet erscheint: Wie der Sternenhirte die Wolkenschafe führt und die Turteltaube ihre Brut, so hütet das Ich den Freund. Der Ton der zärtlichen Fürsorge erhält so einen symbolischen Resonanzraum, in dem Liebe und Schlaf nicht nur individuelle, sondern fast kosmische Vorgänge werden. In dieser eng gefügten Entsprechung von Ton und Bildwelt liegt ein wesentlicher Teil der besonderen, leise schwebenden Wirkung des Gedichts.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

1. Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Unter der sanften Oberfläche des Wiegenlieds treten deutlich elementare Grundtriebe hervor: der Trieb nach Bindung, nach Geborgenheit in einem verlässlichen Du sowie der Wunsch, bedrohte Ruhe zu schützen und zu erhalten. Die wiederholte Formel „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ legt als Tiefenmotiv eine Trennungserfahrung offen: Jemand muss gehen oder ist schon im Begriff, sich zu entfernen; das Bewusstsein, von jemandem getrennt zu sein, der einem existentiell wichtig ist, gehört zu den still latenten Grundängsten, die hier aber nicht dramatisch, sondern zärtlich abgefedert auftreten. Der Schlaf fungiert als Zwischenraum, der diese Angst überbrückt: Der Freund soll in einen Zustand geführt werden, in dem die Zeit der Trennung nicht schmerzlich, sondern behütet erlebt wird.

Damit ist zugleich eine grundlegende Spannung zwischen Nähe und Abwesenheit angesprochen. Die Tiefenerfahrung, die sich andeutet, ist die Einsicht, dass selbst die innigste Liebe den anderen nicht permanent halten kann; es gibt notwendige Distanzen, Wege, Nachtseiten. Die Formel „bis ich wieder bei dir bin“ trägt den Schatten von Verlust und Alleinsein in sich, ohne ihn laut auszusprechen. In der Bildwelt klingt darüber hinaus eine leise, weiter reichende Tiefendimension an: Schlaf und das Ziehen der Wolkenschafe „zum Born des Lichtes hin“ können als zarte Chiffren für eine Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, Bewusstsein und Entrückung gelesen werden. Ohne explizit von Sterben oder Endgültigkeit zu sprechen, berührt das Gedicht die große Frage, ob der Mensch im Übergang – sei es Schlaf, sei es Tod – getragen bleibt. Die Antwort des lyrischen Ichs besteht darin, die Angst vor diesem Übergang in ein Netz aus Liebe, kosmischer Ordnung und Wiederkehrzusage einzubetten.

2. Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht von Beginn an als durch und durch affektgesteuertes und affektbedürftiges Wesen. Die Sprecherfigur nimmt die Welt nicht „neutral“ wahr, sondern ausschließlich durch die Brille der eigenen Zuwendung: Mond, Sterne, Wolken, Lichtquelle und Turteltaube werden in eine emotional aufgeladene Symbolordnung übersetzt, die den Geliebten schützen und beruhigen soll. Dass der Mond zum „Sternenhirten“ wird und die Wolken zu „Wolkenschafen“, zeigt, wie stark das Wahrnehmen von Natur vom Bedürfnis nach Ordnung, Führung und Behütung geprägt ist. Die Welt ist nicht einfach „da“, sondern wird so gelesen, wie es die affektive Lage verlangt: als großer Schutzraum.

Auch der Freund erscheint ganz im Horizont seiner Affektgebundenheit: Er ist diejenige Gestalt, die schlafen, sich vertrauensvoll überlassen, die Trennung ertragen soll. Die Bitte „Schlaf, mein Freund, o schlafe“ geht davon aus, dass der Mensch in seiner Verletzlichkeit des Schlafs – ähnlich einem Kind – ausgeliefert und angewiesen ist auf eine hütende Instanz. Die affektive Struktur – Liebe, Sorge, Treue – greift so tief, dass sie die gesamte Wahrnehmung formt: Der Mensch ist nicht primär Vernunftwesen, sondern jemand, der begehren, sich fürchten, sich anvertrauen, hoffen und sich bergen lassen will. Genau diese affektive Konstitution wird als anthropologische Konstante ernst genommen, nicht unterschlagen.

3. Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Das Ich wirkt auf den ersten Blick erstaunlich harmonisch: zärtlich, ruhig, fürsorglich. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch eine feine, existentiell bedeutsame Ambivalenz sichtbar. Einerseits tritt das Ich als starke, tragende Instanz auf: Es ordnet die Bilder, ruft die Myrte an, benennt den Sternenhirten, deutet die Wolkenschafe, ruft die Turteltaube auf – es übernimmt die Rolle einer souveränen, fast priesterlich anmutenden Stimme, die Welt und Seele des Freundes „einstimmt“. Andererseits ist dieses Ich selbst verletzlich und bedroht, weil es sich dem Freund entziehen muss oder bereits entzogen ist. Das Versprechen „Bis ich wieder bei Dir bin“ verrät nicht nur Treue, sondern auch das eigene Leid an der Trennung.

In dieser Doppelrolle – Hüter/in und zugleich Verlassene/r – liegt die zentrale Ambivalenz: Das Ich versucht, für den anderen stark zu sein, während es selbst unter derselben Situation leidet. Es stellt sich nicht als klagendes Subjekt ins Zentrum, sondern übersetzt seine eigene Verletzlichkeit in Trost für den anderen. Die zärtliche Ruhe ist also nicht naiv, sondern das Resultat eines inneren Umformungsprozesses: Schmerz wird in Zuspruch verwandelt, Angst in Kosmosbilder, Unsicherheit in die Zusage einer Rückkehr. Das Ich lebt in der Spannung zwischen ungebrochener Liebeszuwendung und dem Bewusstsein der eigenen Begrenztheit – und bewältigt diese Spannung, indem es sie poetisch-symbolisch gestaltet, statt sie direkt auszusprechen.

4. Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenüber?

Die affektive Bewegung des Gedichts – die Mischung aus Sorge, Liebe, Trost und leiser Melancholie – formt die Wahrnehmung des Freundes sehr deutlich. Er erscheint nicht als handelndes Subjekt mit eigenem inneren Diskurs, sondern als Schlafender, als jemand, für den gesorgt werden muss. Das Ich „sieht“ den Freund vor allem unter dem Aspekt seiner Schutzbedürftigkeit: Er soll schlafen, er soll der Trennung nicht ausgeliefert sein, er soll unter dem Dach von Myrte, Sternenhirte, Wolkenschafen und Turteltaube geborgen sein. Affektiv wird er zugleich idealisiert: Er ist „mein Freund“, Mittelpunkt der Beschwörung, Zielpunkt aller Schutzbilder, Anlass dafür, dass die gesamte Welt sich als bergende Ordnung zeigt.

Zugleich zeigt die Art, wie der Freund adressiert wird, etwas von der Ambivalenz des Liebesblicks: Er ist einerseits in seiner Bedürftigkeit ernst genommen, anderseits auch leicht infantilisiert, in eine Rolle versetzt, die an das Kind im Wiegenlied erinnert. Dass er nicht selbst zu Wort kommt, verstärkt diese Asymmetrie: Die affektive Bewegung des Ichs richtet sich auf ihn wie auf einen schweigenden, passiven Pol, dessen Inneres nur imaginativ erschlossen wird. Die Liebe nimmt ihm gewissermaßen die Schwere der Situation ab, indem sie ihm ermöglicht, einfach zu schlafen, während sie selbst die Last des Wissens um Trennung, Kosmos und Wiederkehr trägt. So entsteht ein Bild des Gegenübers, das ganz von der bedingungslosen Zuwendung her gezeichnet ist: Der Geliebte wird gesehen und gehalten in dem Maß, in dem das Ich ihn liebt, sorgt und ihm einbettende Bilder schafft – ein zutiefst affektgeprägtes Wahrnehmungsverhältnis.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

1. Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Obwohl das Gedicht auf der Oberfläche keinerlei explizite religiöse Vokabeln (»Gott«, »Gebet«, »Seele« etc.) verwendet, ist seine Bildwelt dicht von religiös-metaphysischen Konnotationen durchzogen. Am auffälligsten ist die Wendung vom „Born des Lichtes“: In einer streng wörtlichen Lesart ist dies zunächst nur eine poetische Umschreibung für den Ursprung des Himmelslichts, die Quelle, zu der die „Wolkenschafe“ getrieben bzw. still hinziehen. Im Hintergrund resonieren jedoch traditionelle Lichtmetaphern für das Göttliche: das göttliche Licht als Ursprung allen Seins (platonische, neuplatonische, christliche Tradition), der Weg „zum Licht“ als Chiffre für Heimkehr, Erlösung, Übertritt in eine höhere Sphäre. Dass ausgerechnet der nächtliche Himmel als Ort einer geordneten Herdenführung beschrieben wird, verschiebt den Blick: Die Dunkelheit ist nicht Chaos, sondern von einem Lichtzentrum her strukturierte Ordnung.

Der „Mond, der Sternenhirte“ ist in diesem Zusammenhang mehr als eine hübsche Personifikation. Die Metapher des Hirten ist in der biblisch-christlichen Tradition zentral; sie evoziert – ob bewusst oder nicht – Bilder vom guten Hirten, der seine Herde führt und behütet. Dass hier ein himmlischer Hirte erscheint, der „Wolkenschafe“ lenkt, öffnet eine kosmologische Parallele zur Seelenführung: Wie die Herde der Wolken, so der schlafende Freund – beide sind auf schützende Führung angewiesen. Die „Wolkenschafe“, die zum Born des Lichtes ziehen, lassen sich so als transponierte Seelenbilder lesen, die in einem milden, nicht bedrohlichen Übergang in eine Lichtnähe geführt werden. Auch die Turteltaube, die ihre Brut „ein“ girrt, trägt konnotativ Züge einer geistlichen Liebes- und Brautsymbolik (Hohelied-Tradition, mystische Sprache), diesmal näher am Nest, am Schutzraum, am »inneren Heiligtum«.

Insgesamt lässt sich sagen: Die Nachtlandschaft des Gedichts ist sakralisiert, ohne explizit fromm zu sprechen. Sie zeigt eine Welt, in der eine verborgene, liebevolle Ordnung wirksam ist, die die verletzliche Kreatur (hier: den schlafenden Freund) schützt und trägt. Die Wiederkehrformel „Bis ich wieder bei Dir bin“ kann in dieser Perspektive auch eine eschatologische Schattenbedeutung erhalten: nicht nur das Wiedersehen der Liebenden, sondern – im weiteren Horizont – die Hoffnung auf ein endgültiges Wieder-bei-dir-Sein, das der Tod nicht zerstört. Die religiöse Dimension bleibt andeutungsweise, aber sie bildet die Tiefenstimmung der kosmischen Bildordnung: Natur ist transparenter Träger von Trost, nicht bloße Kulisse.

2. Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Offene moralische Konflikte – Schuld, Verfehlung, Verbotenes, Entscheidungsdruck – treten im Gedicht nicht auf; die Beziehung ist nicht von Verbot, sondern von Treue, Zärtlichkeit und Verantwortung geprägt. Dennoch lassen sich im Hintergrund gewisse ethische Konstellationen erkennen. Das Versprechen „Bis ich wieder bei Dir bin“ hat den Charakter einer moralischen Selbstbindung: Das Ich verpflichtet sich, zurückzukehren, seine Abwesenheit nicht als endgültigen Verlust, sondern als Zwischenzustand zu verstehen. In einer Welt, in der Bindungen zerbrechen können, wird hier eine Position der verlässlichen Treue behauptet – ohne dass das Gedicht diese Option kritisch reflektiert, aber eben auch ohne jede ironische Distanz.

Eine subtilere moralische Spannung liegt in der Asymmetrie der Rollen. Das wachende, wissende Ich nimmt für sich in Anspruch, die Situation (Trennung, Nacht, kosmische Ordnung) zu überblicken und für den Freund zu interpretieren; dieser soll „nur“ schlafen, sich anvertrauen, nicht selbst reflektieren. Man könnte dies als mild paternalistische Konstellation lesen: Das Ich übernimmt Verantwortung, enthebt den anderen der Last des Wissens und Entscheids. Im Horizont einer modernen Ethik gegenseitiger Autonomie könnte man darin einen leichten Schiefstand sehen; im romantischen Kontext ist es eher Ausdruck einer idealisierten Fürsorgeethik, in der Liebe gerade darin besteht, dem anderen die Schwerarbeit der Angst und des Wissens abzunehmen.

Einen zweiten, stilleren Konflikt berührt das Gedicht, ohne ihn auszutragen: Die Fragilität des Versprechens. Kein irdisches Ich kann garantieren, „wieder bei dir“ zu sein; Krankheit, Tod, Schicksal könnten dem entgegenstehen. Moralisch steht hier die Spannung zwischen Wahrhaftigkeit und Trost im Raum: Darf ich etwas versprechen, dessen Erfüllung nicht in meiner Macht liegt, wenn es den anderen tröstet? Brentanos Text entscheidet sich eindeutig für die Seite des Trostes; die Frage nach der Letztverlässlichkeit des Versprechens wird in die symbolische Tiefenschicht (kosmische Ordnung, Born des Lichtes) ausgelagert. Man könnte sagen: Das Gedicht löst die ethische Spannung nicht argumentativ, sondern durch eine Transfiguration in poetische und quasi-metaphysische Bilder.

3. Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis erscheint im Gedicht weder als nüchterne Vernunftreflexion noch als skeptischer Zweifel, sondern als affektiv gelenkte, symbolisch-analogische Welterfahrung. Die Sprecherfigur „weiß“ nicht im begrifflichen Sinn, was der Mond »wirklich« ist; sie deutet ihn als „Sternenhirte“. Die Wolken werden zu „Wolkenschafen“, der Himmelsraum zu einem Feld, das einen „Born des Lichtes“ besitzt. Diese Art von Erkenntnis ist zutiefst romantisch: Die Welt wird nicht als neutraler Gegenstand, sondern als Zeichen- und Bildgefüge gelesen, in dem sich höhere Bedeutungen abzeichnen. Wissen heißt hier: die richtigen Analogien finden, die passenden Metaphern wählen, die Natur als Spiegel innerer und überinnerer Wirklichkeit verstehen.

Vers 6/14 („Zum Born des Lichtes hin“) markiert besonders deutlich eine Grenze der Erkenntnis: Der „Born des Lichtes“ wird nicht beschrieben, erklärt, analysiert – er bleibt ein rätselhafter, nur im Bild aufscheinender Ursprungshorizont. Die Bewegung „hin“ zu diesem Born lässt sich nicht empirisch ausbuchstabieren; sie ist Glaubens- oder Hoffnungswissen, das in die Sprache des Bildes ausweicht. Menschliche Erkenntnis stößt hier an ihre Grenze: Was hinter dem Bild liegt, entzieht sich der Kontrolle. Das Gedicht akzeptiert diese Grenze, es verschärft sie nicht zum intellektuellen Problem, sondern beantwortet sie mit Vertrauen: Die Bilder mögen unvollkommen sein, aber sie tragen emotional und existentiell.

Auch in der Beziehung zwischen Ich und Freund wird eine bestimmte erkenntnistheoretische Haltung sichtbar. Der Schlafende „weiß“ im Augenblick nichts, er liegt gleichsam jenseits des Bewusstseins; das wache Ich kennt die Lage, übersieht den Kosmos, nimmt die Trennung wahr. Aber statt seine Wissensüberlegenheit auszuspielen, übersetzt das Ich sein Wissen in poetische Trostrede. Erkenntnis hat hier nicht den Status von beherrschendem Wissen, sondern den einer dienenden, fürsorglichen Erkenntnis, die im Angesicht der Begrenztheit des Menschen (Schlaf, Trennung, mögliche Endlichkeit) Bilder, Worte, Rituale bereitstellt. Man könnte sagen: Das Gedicht privilegiert eine intuitive, affektiv grundierte Erkenntnisweise, in der Liebe und Imagination zu eigentlichen Medien des „Wissens“ werden – wissend darum, dass das Entscheidende (der „Born des Lichtes“) letztlich nur geschaut, erhofft, symbolisch angetastet, aber nicht begrifflich fixiert werden kann.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

1. Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Die Bildsprache des Gedichts ist nicht bloßer Schmuck, sondern ein tragendes Ordnungsprinzip der gesamten Szene. Die Metaphern und Symbolworte leisten vor allem drei Funktionen: Sie verwandeln die nächtliche Welt in eine behütende Ordnung, sie verkleinern das Kosmische in eine vertraute, häusliche Dimension und sie übersetzen die innere Situation von Trennung und Trost in anschauliche Figuren.

Der „Mond, der Sternenhirte“ ist eine Schlüsselmetapher: Der Himmelskörper wird nicht physikalisch, sondern pastoral gelesen. Die Sterne sind Herde, der Himmel ein Feld, der Mond der Hirt. Damit wird die unüberschaubare kosmische Weite in ein vertrautes ländliches Szenario übersetzt. Der Himmel ist keine leere „oben“-Zone, sondern ein durch sorgende Führung gegliederter Raum. Die „Wolkenschafe“ setzen dieses Bild fort: Die amorphen, formlosen Wolken werden in eine gezählte, gezähmte, ungefährliche Herde verwandelt. Zugleich entsteht so eine Analogie zum schlafenden Freund: Wie die Schafe durch den Hirten behütet werden, so soll der Freund durch die Liebe der Sprecherfigur und die Ordnung des Kosmos behütet sein.

Der „Born des Lichtes“ fungiert als metaphysische Verdichtung: Er bezeichnet ein Ziel, einen Ursprung, eine Quelle, die nicht genauer bestimmt werden kann. Die Bewegung „zum Born des Lichtes hin“ ist mehr als eine meteorologische Beschreibung, sie spielt auf eine Richtung des Daseins an – hin zu etwas Hellem, Ursprünglichem, Letztem. Hier berühren sich erotische, existentielle und möglicherweise religiöse Bedeutungsschichten. Ähnlich symbolisch ist die „Turteltaube“ mit ihrer „Brut“: Im kulturellen Gedächtnis steht die Taube sowohl für Treue, zarte Liebe und Klageton als auch im weiteren Sinne für Geistigkeit und Friedfertigkeit. Dass sie ihre Brut „ein girrt“, ins Nest hineinsingt, macht sie zur Bildfigur eines inneren Heilraumes, in den alle Unruhe eingesammelt wird.

Schließlich fungieren zentrale Worte wie „Freund“, „Schlaf“, „Licht“, „Welt“, „Nacht“ als latente Symbolworte: Sie bezeichnen konkrete Gegebenheiten, öffnen sich aber zugleich in größere Bedeutungshorizonte. Besonders der „Schlaf“ ist nicht nur biologischer Zustand, sondern Chiffre für Hingabe, Anvertrauen, Zwischenraum zwischen Bewusstsein und Entrückung. Die Metaphern und Symbole schaffen so ein dichtes Bedeutungsgewebe, in dem die konkrete Szene (jemand soll einschlafen) eine existentiell vertiefte Lesbarkeit gewinnt, ohne ihre einfache Unmittelbarkeit zu verlieren.

2. Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Die Imperative sind im Gedicht die Träger der Handlung. Alles, was geschieht, vollzieht sich im Modus des Zuspruchs: „Säusle liebe Mirte“, „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Sie wirken nicht befehlend, sondern wie liturgische oder magische Sprechakte: Durch das Aussprechen soll eine Wirklichkeit „gesetzt“ werden (die Myrte soll säuseln, der Freund soll schlafen). Die Anrede der Myrte verschiebt die Handlung auf die Seite der Natur; das Ich handelt vor allem sprachlich, indem es die Welt aufruft. Damit wird Sprache selbst zu einem Instrument der Beruhigung – Imperativ als sanftes Ritual, nicht als autoritäre Geste.

Die Wiederholungen – auf Vers-, Wort- und Motiv-Ebene – sind das zentrale Mittel der Affektstabilisierung. Die doppelte Strophenstruktur mit nahezu identischem Schlussblock, die zweimalige Anrede „Säusle liebe Mirte“ und insbesondere die Refrainformel „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ erzeugen eine wiegende, kreisende Bewegung. Wiederholung stellt hier nicht Monotonie her, sondern Verlässlichkeit: Was wiederkehrt, kann tragen. Die wenige Variation („Treibt schon die Wolkenschafe“ / „Still ziehn die Wolkenschafe“) wirkt wie eine behutsame Vertiefung: Das „schon Treiben“ deutet auf ein noch stattfindendes Ordnen hin, das „stille Ziehen“ auf eine bereits erreichte Ruhe.

Lautfiguren – vor allem die weichen Frikative und Liquide – verstärken diese Wirkung. Im „Säusle liebe Mirte“, „Schlaf, mein Freund, o schlafe“, „Still ziehn die Wolkenschafe“ dominieren s-, sch-, l-, m-, n-Laute. Sie erzeugen einen akustischen Eindruck von Weichheit, Fließen, Einhüllen. Die Imperative werden so klanglich abgefedert; sie wirken wie Aufrufe im Flüsterton. Harte Konsonanten und perkussive Rhythmen fehlen weitgehend.

Syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen sind im Gedicht kaum angelegt; wo es Enjambements gibt („Der Mond, der Sternenhirte / Auf klarem Himmelsfeld, / Treibt schon die Wolkenschafe / Zum Born des Lichtes hin:“), dienen sie nicht der Zuspitzung, sondern dem weichen Ausrollen des Bildes. Man „steigt“ gewissermaßen stufenweise in das Bild hinein. Der Doppelpunkt nach Vers 6 markiert einen klaren Einschnitt – der Umschlag von Naturbeschreibung zum Refrain –, aber selbst dieser Schnitt führt nicht zu einem Bruch im Ton, sondern zu einer weichen Überblendung: aus dem kosmischen Szenario wächst unmittelbar die an den Freund gerichtete Schlafformel hervor.

3. Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Klang ist in diesem Gedicht nicht Beiwerk, sondern Konstitutionsprinzip des Grundtons. Die für das Ohr zentrale Erfahrung ist eine Folge aus weichen, fließenden Klangfarben. Vokalseitig herrschen helle, offene Vokale (a, e, i) und warme Mischungen vor: „Säusle liebe Mirte“, „Wie still ist's in der Welt“, „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Diese Häufungen erzeugen eine Art akustische Helligkeit inmitten der Nacht-Szene: Die Sprache ist dunkel im Inhalt (Nacht, Schlaf), hell im Klang (Lichtvokale). Das unterstützt die Vorstellung, dass die Nacht durch ein „Born des Lichtes“ innerlich erhellt ist.

Alliterationen und lautliche Korrespondenzen prägen einzelne Kernbilder: „Sternenhirte“ / „Himmelsfeld“, „Wolkenschafe“, „Turteltaube träumte“ (im Hintergrund), „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Diese klanglichen Paarungen und Wiederholungen verleihen den Bildern eine formelhafte, leicht einprägsame Qualität, wie man sie aus Volksliedern kennt. Sie machen das Gedicht hörbar „memorierbar“ und stützen damit seinen Charakter als singbares Nachtlied.

Assonanzen und Halbreime („Mirte“ – „Hirte“, „Welt“ – „Himmelsfeld“, „Mirte“ – „girrte“) erzeugen einen Schwebeklang zwischen ganzem Reim und bloßer Lautnachbarschaft. Nichts wirkt hart „zugeschnappt“; die Reime schließen, aber sie tun es mit einem gewissen Spielraum. Auch das entspricht dem wiegenden Grundcharakter: Die Sprache schwingt, statt sich kantig zu schließen. Die Binnenrhythmen – kleine Betonungswellen innerhalb der Zeile – folgen dem Trochäus-Grundmuster, erlauben aber elastische Abweichungen. Dadurch entsteht das Gefühl eines natürlichen Sprechsingens, nicht eines streng durchgeprügelten metrischen Takts.

Zusammengenommen lassen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen und Binnenrhythmen eine akustische Atmosphäre der Geborgenheit entstehen: Die Sprache klingt so, wie der Inhalt wirken soll – schützend, weich, gleichmäßig, ohne schroffe Kanten. Die Klanggestaltung ist damit integraler Bestandteil der emotionalen und symbolischen Wirkung.

4. Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Das Gedicht zielt fast ausschließlich auf die Erzeugung von Ruhe und Weite, nicht auf Druck oder Ekstase. Weite entsteht durch die wiederholte Öffnung in den Himmelsraum: „auf klarem Himmelsfeld“, „Born des Lichtes“, „Sternenschein“. Diese Ausdrücke schaffen ein räumliches Empfinden von oben, offen, fern – allerdings nicht als bedrohliche Leere, sondern als freundlich geordnete Sphäre. Dass der Himmel als Feld, die Sterne als Herde und der Mond als Hirte erscheinen, verhindert jede Erfahrung von anonymer Unendlichkeit und verwandelt die Weite in eine persönlich strukturierte, begehbare Landschaft.

Gleichzeitig erzeugt die Sprache eine sanfte Enge im Sinne von Geborgenheit: Die Myrte, die Turteltaube mit ihrer Brut und der Schlafplatz des Freundes markieren umschlossene, intime Räume. Das Bild der Taube, die ihre Brut „ein“ girrt, ist ein fast archetypisches Symbol für das Nest, das Innere, das Zelt der Sicherheit. So entsteht ein Spannungsfeld aus Weite (Kosmos) und Enge (Nest), das aber nicht konflikthaft ist: Die Weite öffnet, die Enge birgt – zusammen ergeben sie den vollständigen Schutzraum, in dem der Freund ruhen kann.

Druck oder Ekstase kennt das Gedicht nicht; es vermeidet jede sprachliche Zuspitzung, jede Steigerungsformel, jede Überwältigungsfigur. Keine Ausrufung außer den sanften Imperativen, keine Frage, kein Aufschrei. Selbst der Doppelpunkt vor dem Refrain markiert keinen „dramatischen“ Höhepunkt, sondern eher einen ruhigen Übergang von Bild zu Trostformel. Die Syntax bleibt weich, die Perioden kurz, das Tempo gleichmäßig. Die Sprache entschärft potenzielle Unruhe – die Trennung, die Nacht, die Ungewissheit – indem sie sie in ritualisierte Wiederholung, gleichmäßigen Klang und bildhafte Ordnung aufnimmt.

So entsteht eine bemerkenswerte Konstellation: Im Hintergrund steht eine existentiell ernste Situation (Trennung, Verletzlichkeit, Schlaf als Übergang), im Vordergrund aber ein Sprachmodus, der alles auf Beruhigung, Einhegung, Einbettung hin ordnet. Ruhe ist hier nicht die Abwesenheit von Tiefe, sondern das Ergebnis einer poetischen Arbeit an der Sprache, die die Affekte so formt, dass der Schlaf – als Bild des vertrauenden Sich-Überlassens – überhaupt möglich wird.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

1. Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht fundamental als verletzliches, schutzbedürftiges und zugleich beziehungsfähiges Wesen. Er ist nicht als autonomer, souveräner Einzelner gezeichnet, sondern von Anfang an in Beziehungen eingebettet: in die Liebesbeziehung (Ich – „Freund“), in ein Geflecht von Natur und kosmischer Ordnung (Myrte, Mond, Sterne, Wolkenschafe, Turteltaube) und in den Übergangsraum des Schlafs. Besonders der „Freund“ verkörpert diese anthropologische Grundsituation: Er soll schlafen, ist im Moment der Rede passiv, nicht sprechend, auf Zuwendung und Schutz angewiesen. Er wird damit zum Bild des Menschen als empfangendes, sich anvertrauendes Wesen, das Ruhe und Sicherheit nicht aus sich selbst hervorbringt, sondern empfängt.

Das Ich selbst ist zwar wach und ordnend, aber ebenso wenig unverwundbar. Seine Existenz ist von der Erfahrung der Trennung gezeichnet („Bis ich wieder bei Dir bin“), es lebt aus dem Wissen um die eigene Begrenztheit und um die Gefährdung von Nähe. In beiden Figuren – dem Schlafenden und der Wache – wird deutlich: Der Mensch ist kein in sich geschlossenes System, sondern lebt von Zuwendung, Treue, Verlässlichkeit und einer ihn übersteigenden Ordnung. Anthropologisch steht nicht der selbstgenügsame, souveräne Einzelne im Zentrum, sondern der Mensch als Beziehungsgestalt, angewiesen auf den anderen und auf einen sinnvollen Zusammenhang der Welt.

2. Welche Rolle spielt das Gegenüber für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber – der „Freund“ – ist für die Selbstdeutung des Ich konstitutiv. Das Ich erfährt und definiert sich nicht isoliert, sondern aus der Rolle, die es im Verhältnis zu diesem Du einnimmt: Es ist die Stimme, die hütet, schützt, tröstet, die Welt ordnet, Bilder wählt, Versprechen gibt. Ohne den Freund wäre die gesamte Bildordnung – Mond als Sternenhirte, Wolkenschafe, Born des Lichtes, Turteltaube mit Brut – in gewissem Sinne gegenstandslos; sie wird nur deshalb aufgerufen, weil es diesen einen gibt, der schlafen und gehalten sein soll. Das Ich „braucht“ den Freund, um seine eigene Funktion zu realisieren: die Funktion einer liebenden Hüterfigur.

Umgekehrt erkennt sich das Ich im Verhältnis zum Freund als zugleich stark und verletzlich. Stark, weil es das Ritual des Trostes trägt, weil es Worte findet, Bilder erzeugt und die Nacht bewältigt; verletzlich, weil es zugleich in der Trennung steht, die es zu überbrücken versucht. Das Gegenüber wirkt wie ein Spiegel, in dem das Ich seinen eigenen inneren Kern erkennt: Es ist wesentlich für andere da, es kann sich selbst nur in der Bewegung der Zuwendung verstehen. In dieser Hinsicht zeichnet das Gedicht ein deutlich dialogisches Menschenbild: Identität entsteht nicht als Selbstbespiegelung, sondern im Blick auf und in der Sorge um das Du.

3. Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Mehrere Leitfiguren verdichten das Menschenbild des Gedichts. Zentral ist die Figur des Wachenden und Schlafenden: Der eine schläft, der andere wacht. Diese Konstellation steht exemplarisch für den Menschen als Wesen, das Phasen der Bewusstlosigkeit, des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht durchläuft – und darauf angewiesen ist, dass jemand (oder etwas) über ihm wacht. Der wachende Mensch wird zur Hüterfigur, die schützende Verantwortung übernimmt; der schlafende Mensch zur Grundfigur der anthropologischen Bedürftigkeit.

Hinzu kommt die Leitfigur des Hirten und der Herde, die sich im Bild des „Sternenhirten“ und der „Wolkenschafe“ spiegelt. Anthropologisch lässt sie sich als Chiffre für das Bedürfnis nach Führung, Orientierung und Einbettung in eine größere Ordnung lesen: Der Mensch ist Herdenwesen, nicht nur Einzelkämpfer, und braucht eine Form der Leitung, die nicht tyrannisch, sondern sorgend und ordnend wirkt. Die Turteltaube mit ihrer „Brut“ bringt eine zweite Leitfigur ins Spiel: die des Nests, der Mutter- oder Elternfigur, die durch Stimme („girrte“) beruhigt und einhüllt. Sie steht für das Bedürfnis des Menschen nach einem inneren, geschützten Raum, in dem er aufgehoben ist.

Schließlich tritt der Mensch als liebendes und versprechendes Wesen hervor. In der Formel „Bis ich wieder bei Dir bin“ bündelt sich eine anthropologische Figur der Treue: Der Mensch ist fähig, sich über den Augenblick hinaus zu binden, Zusagen in die Zukunft hinein zu geben und damit eine Art Zeitbrücke zu schlagen. Anthropologisch entsteht so eine Leitfigur, die man – in moderner Sprache – als „homo fidelis“ bezeichnen könnte: ein Wesen, das sich durch seine Fähigkeit auszeichnet, auf die Zukunft hin zu lieben und zu versprechen, obwohl es seine eigene Endlichkeit kennt.

4. Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Das Gedicht stellt den Menschen deutlich in das Spannungsfeld von Grenze und Begehren. Die Grenze erscheint zunächst in Gestalt der Nacht, des Schlafs, der Trennung: Es gibt Zeiten, in denen Bewusstsein, unmittelbare Nähe, Kommunikation unterbrochen sind. Die Formulierung „Bis ich wieder bei Dir bin“ markiert eine Erfahrung, dass Nähe eben nicht selbstverständlich, sondern unterbrochen, gefährdet, nur auf Zeit gegeben ist. Schlaf wiederum ist eine anthropologische Grenze: Moment der Preisgabe, in dem der Mensch nicht mehr über sich verfügt.

Dem steht ein starkes Begehren nach Nähe, Einheit, dauerhafter Verbundenheit gegenüber. Der Wunsch des Ichs, wieder beim Freund zu sein, und der Wunsch, dass der Freund diese Zwischenzeit ohne Leid, im Schlaf überbrücken möge, sind Ausdruck einer Grundbewegung des menschlichen Begehrens: bei dem geliebten Du zu sein – womöglich jenseits aller Störungen. Das Gedicht arbeitet diese Spannung nicht als Konflikt aus, sondern zeigt, wie das Begehren sich in Bilder, Rituale, Trostreden kleidet, um die Grenze auszuhalten, ohne sie zu verleugnen.

Im Hinblick auf Sinnsuche wird der Mensch als Wesen sichtbar, das die Welt nicht einfach hinnimmt, sondern deutend bearbeitet. Mond, Sterne, Wolken, Lichtquelle und Taube werden symbolisch gelesen; die äußeren Phänomene werden als Hinweise auf eine verborgene Sinnordnung verstanden, die das Einzelne trägt. Die Sinnsuche geschieht nicht abstrakt-philosophisch, sondern poetisch-symbolisch: Indem das Ich den Himmel als Weidefeld, den Mond als Hirten, die Wolken als Schafe, das Licht als Born, die Taube als Schutzfigur beschreibt, beantwortet es unausgesprochen die Frage: „Ist die Welt ein Ort des sinnlosen Dunkels oder ein Raum, in dem ich – und der, den ich liebe – geborgen sein können?“ Die Antwort fällt auf der Ebene der Bilder aus und lautet: Es gibt eine Form von Sinn, die den Menschen trägt – nicht als garantierte Sicherheit, aber als Erfahrungsraum von Ordnung, Trost und Beziehung.

So zeigt sich der Mensch in diesem Gedicht als Wesen, das an Grenzen stößt, das begehrt und liebt, das leidet an Trennung und Endlichkeit – und das seine Antwort auf diese Situation nicht in Beherrschung, sondern in Vertrauen, Treue und sinnstiftender Deutung der Welt findet.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

1. Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Im Hintergrund des Gedichts steht ein dichtes Geflecht aus volksliedhafter Liedtradition, romantischer Märchendichtung und christlich geprägter Symbolpoetik. Der liedhafte Aufbau (zwei regelmäßig gebaute Strophen, Kreuzreim, einfacher, sangbarer Versmaß-Typus, Refrainbildung) knüpft unmittelbar an die Tradition des Volkslieds und Wiegenlieds an, die im frühen 19. Jahrhundert – nicht zuletzt durch die Sammlung Des Knaben Wunderhorn, an der Brentano maßgeblich beteiligt war – bewusst gepflegt und poetisch stilisiert wurde. Die Kombination von scheinbar „naiver“ Schlichtheit, starker Wiederholung und symbolisch aufgeladenen Naturbildern gehört zur Grundsignatur dieser Tradition.

Zugleich ist das Gedicht als Lied-Einlage im Märchen »Das Märchen von dem Myrtenfräulein« eingebettet und steht damit in der romantischen Praxis, lyrische Lieder in erzählerische Texte einzuschieben. Diese Technik – man kennt sie auch von Eichendorff oder Tieck – lässt das Lied gleichsam aus der inneren Seelenlandschaft der Figuren heraus entstehen und verleiht ihm eine doppelte Funktion: es ist zugleich eigenständiges Gedicht und Teil einer größeren erzählerischen Sinnstruktur. Die Märchenkonstellation verstärkt die Entrücktheit, Symboldichte und „magische“ Qualität des Liedes.

Schließlich ist die ganze Bildwelt tief in der romantischen Natur- und Nachttradition verankert: Nacht als privilegierter Raum der Innerlichkeit, des Traums, der Überschreitung rationaler Begrenztheit; Natur als chiffrierte Offenbarung eines verborgenen Sinnes; Lichtmetaphorik als Trägerin von Transzendenz. In dieser Hinsicht schließt das Gedicht an eine breite romantische Bewegung an, in der Naturbilder nicht bloß dekorativ, sondern symbolisch-transparente Zeichen eines „mehr als bloß Natürlichen“ sind. Brentano verbindet diese Linie mit seiner spezifisch katholisch eingefärbten Sensibilität für Hirtensymbolik, Lichtquellen und Schutzfiguren, die in der Tradition geistlicher Liedkunst (Marienhymnen, geistliche Wiegenlieder) mitklingt.

2. Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

Intertextuell sind mehrere Motive anschlussfähig, die tief in der europäischen und speziell der christlich geprägten Literaturtradition verwurzelt sind. Das auffälligste ist das Hirtenmotiv: Der „Mond, der Sternenhirte“ steht in einer langen Reihe von Texten, in denen Hirte und Herde metaphorisch für göttliche Führung und menschliche Geschöpflichkeit stehen (biblisch: Psalm 23, »Der Herr ist mein Hirte«; johanneische Tradition vom guten Hirten). Brentano verschiebt dieses Motiv in den Kosmos, lässt nicht einen personalen Gott, sondern den Mond den Hirtendienst versehen – doch die Struktur bleibt erkennbar: Es gibt eine führende Instanz, eine geführte „Herde“ (Wolkenschafe), einen geordneten Weg zu einem Ziel (Born des Lichtes).

Das Motiv der Taube ist ebenfalls tief intertextuell aufgeladen: In biblischen und mystischen Kontexten steht sie für Liebe, Treue, den Heiligen Geist, die Seele; im Hohelied ist die geliebte Braut „meine Taube“, in der christlichen Ikonographie erscheint die Taube als Symbol des Geistes. Brentanos „Turteltaube“, die ihre „Brut schon ein“ girrt, verbindet diese Tradition mit einem häuslich-intimen Bild von Nest und Schutz. Man kann hier an geistliche Liebeslyrik und Marienlieder denken, in denen die Mutterfigur den Schutzraum der Seelen darstellt.

Das Motiv des Lichtquells („Born des Lichtes“) knüpft an metaphysische und mystische Lichttraditionen an: vom platonischen „Guten“ als Lichtquelle über mittelalterliche Lichtmystik bis hin zu barocken und pietistischen Sonntagsliedern, in denen Gott als „Lichtquell“, „Lichtborn“ angerufen wird. Auch romantische Texte (etwa bei Novalis) spielen mit Lichtquellen als Chiffren einer letzten, rettenden Instanz. Die Metaphorik von „Schlaf“ und „Licht“ wiederum ist intertextuell anschlussfähig an die ältere Tradition des Schlaf-Tod-Gleichnisses – zahllose geistliche Lieder sprechen von „Schlaf“ als Vorform oder Bild des Sterbens und vom Aufwachen im Licht als Bild der Erlösung.

Schließlich steht das Motiv des Nachtlieds für einen Geliebten in einem literarischen Kontinuum mit anderen romantischen Nacht- und Wiegenliedern, in denen Liebes- oder Gottesbeziehung im Modus beruhigender Rede, sanfter Bildlichkeit und trostvoller Wiederkehrformeln gestaltet wird. Innerhalb von Brentanos eigenem Werk ist auch an die Vielzahl anderer liedhafter Texte zu denken, in denen Volksliedton, Liebes- und Religionsmotive eng ineinander greifen und sich intertextuell mit dem von ihm mitherausgegebenen Volksliedcorpus verschränken.

3. Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Das Gedicht öffnet sich, ohne ausdrückliche Verweise, für mehrere biblische, mythische und philosophische Deutungslinien. Biblisch sind die bereits genannten Hirten- und Taubenmotive naheliegend: Der Sternenhirte lässt sich als entfernte Spiegelung des guten Hirten lesen, der seine Herde durch die Nacht führt; die Turteltaube mit Brut erinnert an die Verbindung von Liebes-, Geist- und Schutzsymbolik. Auch die Rede vom „Born des Lichtes“ hat biblische und liturgische Resonanzen: Lichtquelle, Lichtquell als Metapher für Gott oder Christus ist in Kirchenliedern und Predigtsprache ein vertrauter Topos; der Weg der Wolkenschafe „zum Born des Lichtes hin“ kann in diesem Horizont als Bild einer eschatologischen Bewegung gedeutet werden, in der alle Geschöpfe auf eine letzte Lichtmitte hin unterwegs sind.

Mythisch ließe sich an die große Tradition des Nacht- und Unterweltsgangs denken, ohne dass Brentano explizit darauf rekurriert. Der Schlaf des Freundes, die Führung durch kosmische Hirtenfiguren, der Weg zum Lichtborn können als mildes Gegenbild zu dunklen Unterweltmythen gelesen werden: Hier ist die Nacht nicht bedrohliche Tiefe, sondern ein von Licht her erhellter Übergangsraum. Philosophisch nähert sich das Gedicht – in poetischer Form – Fragen der Romantischen Naturphilosophie: Welt ist nicht bloß Natur, sondern „Weltseele“, durchzogen von Sinn und Tendenz; der Mensch steht nicht fremd gegenüber, sondern ist Teil eines lebendigen Ganzen. Die Deutung des Kosmos als Hirtenszene ist eine Weise, diese Einheit zu denken.

Zudem berührt das Gedicht implizit die philosophische Frage nach Endlichkeit, Zeit und Trost. Die Formel „Bis ich wieder bei Dir bin“ weist in eine Zukunft, die keineswegs garantiert ist; die Sprache der Treue und Zuversicht setzt sich über das Wissen um Endlichkeit hinweg. Im Horizont philosophischer Reflexion könnte man sagen: Brentano inszeniert eine romantische Antwort auf die Erfahrung, dass rationale Gewissheit über Zukunft und Heil nicht zu haben ist. Die Antwort lautet: poetische, symbolisch gestützte Hoffnung, die sich der Bilder von Licht, Führung und Nest bedient. Insofern berührt das Gedicht Fragen, die bei zeitgenössischen Denkern (Schelling, frühromantische Philosophie) in abstrakter Form verhandelt werden, hier aber in eine liedhafte, existentiell anschauliche Gestalt gebracht sind.

4. Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Horizont der Romantik wirkt das Gedicht wie eine Kondensation zentraler romantischer Motive: Nacht, Natur, Liebe, symbolische Lichtmetaphorik, Volksliedton, Märchenhaftigkeit, Nähe von Welt und Transzendenz. Es führt exemplarisch vor, wie die Romantik das Schlichte und „Naive“ des Volkslieds mit hochartifizieller Symbolarbeit verbindet. Form und Tonlage scheinen „einfach“, doch im Untergrund wirken komplexe Traditionsschichten und Deutungskontexte. Das entspricht einem typischen romantischen Programm: Das Hohe zeigt sich im Niedrigen, das Geheimnis im scheinbar Alltäglichen, das Göttliche in der Natur und im Zwischenraum von Schlaf und Traum.

Im Gesamtwerk Brentanos fügt sich „Säusle, liebe Mirte“ in jene Linie ein, in der er als Sammeler und Gestalter des Volksliedtons hervortritt. Viele seiner Gedichte – und sein Engagement für Des Knaben Wunderhorn – zeigen das gleiche Doppelgesicht: einerseits Nähe zur „Volkspoesie“, zur mündlichen Liedkultur, andererseits eine sehr bewusste, kunstvolle Durchdringung dieser Formen mit religiösen und symbolischen Bedeutungen. Das Gedicht steht darüber hinaus an einem Knotenpunkt zwischen Brentanos Märchendichtung und seiner späteren, stark katholisch-mystischen Phase: Die Märcheneinbettung bringt die phantastische, spielerische Seite zur Geltung, während Licht-, Hirten- und Taubenmotive ahnen lassen, wie sehr seine Bildwelt von spirituellen Tiefenschichten her gespeist ist.

Innerhalb der Epoche wirkt das Gedicht zugleich repräsentativ und eigentümlich profilbildend. Repräsentativ, weil es zentrale romantische Praktiken aufgreift (Lied im Märchen, Natur als Symbol, Volksliedton, Nachtmotiv); profilbildend, weil Brentano mit seiner spezifischen Mischung aus kindlich-unschuldiger Tonlage, tiefer Symbolfrömmigkeit und märchenhafter Imagination eine besondere Variante der Romantik ausbildet, die sich etwa von der eher reflektiert-ironischen Spätromantik eines Heine deutlich unterscheidet. „Säusle, liebe Mirte“ kann deshalb als eine Art pars pro toto für einen wichtigen Strang von Brentanos Werk und für eine bestimmte Variante frühromantischer Lyrik gelesen werden: Volksliednah, aber theologisch-metaphysisch aufgeladen; schlicht im Ton, aber reich an Intertexten und Tiefenresonanzen.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

1. Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Hinter der Gestaltung des Gedichts steht die ästhetische Idee, dass höchste existenzielle und religiöse Fragen in die Form äußerster Schlichtheit und Kindnähe übersetzt werden können. Brentano realisiert hier ein Programm, das man als romantische Poetik des „erhöhten Einfachen“ beschreiben kann: Die Oberfläche ist die eines kleinen, beinahe unscheinbaren Nacht- oder Wiegenliedes; in dieser bewusst gewählten Bescheidenheit der Form verdichtet sich jedoch ein komplexer Symbolraum aus Liebe, Trennung, kosmischer Ordnung und metaphysischer Hoffnung. Die ästhetische Pointe liegt gerade darin, dass keine pathetische Großform (Ode, Hymne) gewählt wird, sondern ein Volksliedton, in dem sich das Bedeutende unauffällig, fast nebenbei ausspricht.

Zugleich verfolgt das Gedicht eine ästhetische Vermittlungsstrategie: Die Welt soll nicht abstrakt „erklärt“ werden, sondern als gebildete, geordnete, sinnvolle Gestalt erfahrbar werden. Die Verbindung von kreisender Liedform, weicher Klanggestaltung und archetypischen Bildern (Hirte, Schaf, Lichtborn, Taube, Nest) schafft eine Atmosphärik, in der sich das existentiell Bedrohliche – Trennung, Nacht, Ungewissheit – in eine geborgene, zart umhüllte Erfahrung verwandelt. Ästhetik ist hier nicht Selbstzweck, sondern eine Weise, wie die Welt so gestaltet wird, dass sie für den Menschen bewohnbar, erträglich, tröstlich erscheint.

Damit formuliert das Gedicht implizit eine ästhetische Idee von Dichtung als Schutzraum: Poetik heißt, die Form zu finden, in der das Unausweichliche des Menschseins – Endlichkeit, Trennung, Übergänge – nicht verleugnet, aber in eine freundliche, symbolisch durchlichtete Gestalt gehoben wird. Das kleine Lied wird so zum Beispiel einer Kunst, die das Große im Kleinen, das Metaphysische im Kindlich-Einfachen sichtbar machen will.

2. Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache erfüllt im Gedicht deutlich nicht nur eine abbildende, sondern vor allem eine vollziehende, schöpferische Funktion. Sie „beschreibt“ nicht einfach eine vorgegebene Nachtlandschaft, sondern erschafft die Ordnung, in der diese Nacht als tröstlicher Raum erfahrbar wird. Dass der Mond zum „Sternenhirte“, die Wolken zu „Wolkenschafen“, der Himmel zum „Himmelsfeld“ und das Licht zum „Born des Lichtes“ werden, ist Ergebnis einer poetischen Taufe: Die Dinge erhalten ihren Sinncharakter erst durch die Art, wie die Sprache sie benennt. In diesem Sinn ist Sprache im Gedicht eine sakramentale Kraft: Sie verwandelt Sichtbares in bedeutungstragende Zeichen, und genau in dieser Verwandlung geschieht Trost.

Besonders deutlich wird der Vollzugscharakter der Sprache in den Imperativen: „Säusle liebe Mirte“, „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Das sind performative Sätze: Sie tun, was sie sagen wollen. Die Sprache schafft die Situation, die sie benennt – sie ruft die Myrte ins Säuseln, sie ruft den Schlaf herbei, sie stiftet den Schutzkreis aus Bildern, in dem der Freund ruhen kann. Die wiederholte Schlussformel „Bis ich wieder bei Dir bin“ ist ebenfalls mehr als Information; sie ist ein sprechendes Versprechen, das die unsichere Zukunft im Akt des Sagens auf Hoffnung hin festlegt. Sprache wird so zu einer Tätigkeit, die Wirklichkeit formt, nicht bloß registriert.

In poetologisch-theologischer Perspektive zeigt das Gedicht, wie dicht Dichtung und Gebet beieinander liegen können: Auch das Gebet benennt, ruft, ordnet und vertraut; es spricht die Welt im Modus der Beziehung an. Brentanos Lied agiert ähnlich: Es richtet sich an Natur, an den Geliebten, an eine unausgesprochene Lichtmitte – und formt dabei eine Ordnung, die das nackte Faktum der Trennung in eine von Sinn und Liebe durchdrungene Konstellation verwandelt. Die Sprache ist damit teilnehmende, verwandelnde Kraft; sie vollzieht die Deutung, die sie ausspricht.

3. Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Aus der Analyse des Gedichts lässt sich als Schlussreflexion eine doppelte Aussage gewinnen: über die Spannweite von Sprache und über den Auftrag von Dichtung. Zunächst wird deutlich, dass Sprache – in ihrer poetischen Gestalt – fähig ist, Gefühl und Sinn in eine gemeinsame Form zu bringen. Sie ist weder bloßes Ausdrucksventil subjektiver Emotion, noch bloßes Instrument rationaler Welterklärung. In „Säusle, liebe Mirte“ wird Sprache zu einem Medium, in dem affektive Wahrheit (Liebe, Sorge, Sehnsucht) und symbolische Wahrheit (Hirtenszenen, Lichtquelle, Nest) einander durchdringen. Das Gedicht behauptet damit: Was der Mensch existentiell braucht – Trost, Bindung, Hoffnung –, ist nur dort wirklich einzulösen, wo Sprache sich in dieser doppelten Dimension bewegt.

Bezüglich des Gefühls zeigt das Gedicht, dass wahre Empfindung nicht im rohen Ausbruch liegt, sondern im geformten, verantworteten Ausdruck. Das lyrische Ich klagt nicht, schreit nicht; es gestaltet. Es nimmt seine eigenen Ängste und seine Sehnsucht ernst, aber es verwandelt sie in Bild, Rhythmus, Lied. Darin liegt eine poetologische wie ethische Aussage: Gefühl soll nicht unterdrückt, aber auch nicht ungefiltert ausgeschüttet werden; es soll durch die Form hindurchgehen, um für sich und den anderen heilend, bergend, tragend zu werden. Dichtung wird so zu einem Ort, an dem Gefühl eine Form findet, die ihm Tiefe verleiht, statt es zu verflachen.

Theologisch-poetologisch schließlich legt das Gedicht nahe, dass Dichtung eine Zwischenstellung zwischen Alltagssprache und Offenbarung einnehmen kann. Die poetische Rede vermag, ohne dogmatisch zu werden, eine Welt anzudeuten, in der Lichtquell, Hirtendienst und Schutzraum mehr sind als bloße Metaphern – nämlich Gleichnisse für ein getragenes Sein im Ganzen. Dichtung wird so verstanden als eine Praxis, in der die Welt in ihrer Endlichkeit (Nacht, Schlaf, Trennung) so gesprochen wird, dass sie sich auf ein „Mehr“ hin öffnet, ohne dieses Mehr didaktisch zu benennen.

Als finale Aussage könnte man formulieren: Dieses Gedicht versteht Dichtung als Akt der liebevollen Welt- und Seelenordnung. Sprache ist hier nicht nur Spiegel der Wirklichkeit, sondern ein Werkzeug, das – getragen von Gefühl und Symbolkraft – Räume von Sinn, Trost und Hoffnung erzeugt. In der einfachen Liedform vollzieht sich so eine hochkomplexe, aber stille Behauptung: Dass der Mensch nicht dem stummen Dunkel ausgeliefert ist, sondern in der Sprache, die liebt und deutet, einen Ort findet, an dem er – wenigstens im Modus des Gesangs – sagen darf: Ich bin gehalten, und du bist gehalten, bis wir wieder bei einander sind.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Strophe 1

Vers 1: „Säusle liebe Mirte,“

Beschreibung: Die erste Verszeile eröffnet das Gedicht mit einem Imperativ: Das lyrische Ich wendet sich direkt an die „Mirt(e)“ und fordert sie auf zu „säuseln“. Es handelt sich um einen kurzen, in sich geschlossenen Satz, dessen Tonfall zart, leise und innig wirkt; das Adjektiv „liebe“ markiert eine affektive Nähe zur angeredeten Pflanze.

Analyse: Die Myrte wird hier personifiziert und in eine quasi-dialogische Beziehung zum Sprecher gesetzt. Der Imperativ „Säusle“ eröffnet sofort eine Atmosphäre des Lautleisen, Windigen, Hauchartigen und evoziert zugleich ein auditives Setting: Das Säuseln der Blätter oder Zweige wird zur Grundmusik der Szene. Durch die Anrede „liebe Mirte“ erscheint die Pflanze nicht als neutrales Naturding, sondern als vertraute Partnerin, fast wie eine Verbündete, der das Ich eine bestimmte Funktion zuspricht – sie soll den Schlaf des Freundes begleiten. Poetologisch fungiert der Vers als „Aufruf“ an die Natur, aktiv am Geschehen mitzuwirken.

Interpretation: Symbolisch steht die Myrte traditionell für Liebe, Ehe, Zärtlichkeit und vielfach auch für eine von Gott gesegnete Liebesverbindung. Indem das Ich die Myrte bittet zu säuseln, ruft es gewissermaßen die Liebe selbst als schützende, umhüllende Kraft herbei. Die Natur wird zur Mit-Hüterin des Schlafenden, die physische Pflanze zur Chiffre eines atmosphärischen Liebesraums. Der Vers etabliert so bereits im Auftakt die Grundbewegung des Gedichts: Liebe nimmt die Form einer milden, nicht aufdringlichen, aber präsenten Umhüllung an und bindet den Schlaf des Freundes an eine symbolisch aufgeladene, liebevolle Umgebung.

Vers 2: „Wie still ist's in der Welt,“

Beschreibung: Die zweite Verszeile beschreibt die übergeordnete Situation: Es ist still „in der Welt“. Die Konstruktion „Wie still ist's …“ ist ausrufend und drückt eine Wahrnehmung der umfassenden Ruhe aus. Die Perspektive schwenkt vom kleinen Detail (Myrte) auf die große Gesamtheit der „Welt“.

Analyse: Mit diesem Vers weitet sich der Blick vom unmittelbaren Nahbereich auf eine kosmisch gedachte Totalität. Die Welt wird nicht genauer lokalisiert, sondern als Ganzes in ihrer Stille angesprochen. Der Ausruf „Wie still“ hat keine fragende, sondern eine emphatisch bestätigende Funktion: Er markiert den Ton eines erstaunten, bewundernden Wahrnehmens. Die Stille stelle den Grundzustand der Szene dar und bildet den akustischen Hintergrund für alles Folgende. Rhetorisch entsteht dadurch eine starke Kontrastfolie zu allem denkbaren Lärm, Unfrieden, Unruhe – all dies ist hier abwesend.

Interpretation: Existentiell tritt in diesem Vers eine Erfahrung zutage, die über eine rein meteorologische Beobachtung hinausgeht: Das Ich erlebt die Welt nicht nur als ruhig, sondern als stillgestellt, in einem Zustand, in dem das übliche Getriebe verstummt ist. Diese Stille kann als freundliche Ruhe gelesen werden, aber auch als etwas leicht Unheimliches; im Kontext des Gedichts wird sie jedoch ganz in Richtung Geborgenheit und Sammlung gedeutet. Die „Welt“ erscheint als Raum, der für den Schlaf des Freundes vorbereitet ist – das nächtliche Verstummen der Außenwelt spiegelt den Wunsch nach innerer Ruhe. Zugleich klingt eine metaphysische Dimension an: In der Stille der Welt wird ein möglicher Resonanzraum für eine tiefere, vielleicht göttliche Ordnung eröffnet.

Vers 3: „Der Mond, der Sternenhirte“

Beschreibung: Die dritte Zeile führt eine neue Bildfigur ein: den Mond, der mit der Apposition „der Sternenhirte“ näher bestimmt wird. Grammatisch steht der Vers als halber Satz im Nominativ und bereitet die anschließende Prädikation vor.

Analyse: Der Mond wird durch die Metapher „Sternenhirte“ personifiziert und in eine pastorale, ländliche Bildwelt übersetzt. Sterne werden implizit als Herde gedacht, die es zu hüten gilt; der Mond steht über ihnen als leitende, wachsame Instanz. Damit entsteht eine dichte Bildverschiebung: aus astraler Konstellation wird eine Hirten-Szenerie, aus kalter Himmelsmechanik wird ein vertrautes, beinahe biblisches Motivfeld. Der Vers markiert den Einstieg in eine kosmische, aber zugleich stark anthropomorph geprägte Symbolik.

Interpretation: In religiös-symbolischer Lesart rückt der Mond als „Sternenhirte“ in die Nähe bekannter Hirtenbilder (Psalm 23, Christus als guter Hirte). Auch wenn Gott oder Christus nicht genannt werden, schwingt die Figur eines sorgenden, führenden Prinzips mit. Der Mond ist hier nicht bloß Lichtspender, sondern „Hirt“ einer nächtlichen Ordnung, die den Schlaf des Freundes mitträgt. Die Einsamkeit der Nacht wird dadurch entschärft: Über dem Dunkel steht eine wachsame, liebevolle Instanz, die nicht nur die Sterne, sondern mittelbar auch den Menschen in seine Obhut nimmt. So vertieft der Vers die Erfahrung der Stille zur Erfahrung einer liebevoll strukturierten, nicht chaotischen Nacht.

Vers 4: „Auf klarem Himmelsfeld,“

Beschreibung: Vers 4 ergänzt das Bild aus Vers 3 durch eine Ortsangabe: Der Sternenhirte befindet sich „auf klarem Himmelsfeld“. Der Himmel wird als „Feld“ vorgestellt, das „klar“ ist, also wolkenlos, durchsichtig, rein.

Analyse: Die Metapher „Himmelsfeld“ setzt die pastorale Bildwelt fort: Der Himmel wird zur Weidefläche, auf der die „Sternenherde“ weidet. Das Attribut „klar“ betont optisch die Durchsichtigkeit und Reinheit der Szene; meteorologisch verweist es auf einen klaren Nachthimmel, poetologisch auf eine durchlichtete, geordnete Sphäre. Der Vers ist syntaktisch mit Vers 3 verbunden und baut die Bildanlage weiter aus. Der Mensch blickt nach oben und erkennt im Sternenhimmel ein strukturiertes Feld, keine diffuse, unheimliche Tiefe.

Interpretation: Der „klare Himmelsfeld“ steht für eine transparente, vertrauenswürdige Ordnung über dem Menschen. Das Gedicht antwortet damit auf eine mögliche Angst vor der Nacht (Dunkelheit, Unübersichtlichkeit), indem es diese Nacht in ein Bild „klarer“ Struktur fasst. Der Mensch, der in die Höhe schaut, sieht nicht Chaos, sondern eine freundliche, weite, aber geordnete Fläche. Im Kontext des Schlafliedes bedeutet dies: Der Schlafende ist nicht in einen unberechenbaren Raum hineingegeben, sondern liegt unter einem Himmel, der als klar, geordnet, bewohnt – durch Hirt und Herde – gedacht wird. Die Transzendenz erscheint so nicht als bedrohlich, sondern als durchsichtig-heller Schutzraum.

Vers 5: „Treibt schon die Wolkenschafe“

Beschreibung: Nun wird die Handlung des Mondes konkretisiert: Er „treibt schon die Wolkenschafe“. Der Vers setzt die Hirtenmetaphorik fort und verleiht der Szene eine dynamische Komponente – der Hirt ist tätig, er führt seine Herde.

Analyse: Die Wolken werden erneut personifiziert und in „Schafe“ verwandelt; es entsteht ein Mischwesen aus meteorologischem und pastoralen Bildbereich. Das Adverb „schon“ legt nahe, dass der Vorgang im Gang ist, vielleicht fast vollendet. Die Wolken sind in Bewegung, der Hirt ist nicht untätig. Die Verwandlung amorpher Wolken in „Schafe“ hat eine ordnende Funktion: Schafe können gezählt, zusammengehalten, geführt werden. Damit wird das Unsichere, Formlose der Wolken in eine gezähmte, kontrollierbare Form überführt.

Interpretation: Man kann diesen Vers auch als Bild für den Zustand der Seelen deuten: Wie die Wolkenschafe vom Hirten zusammengetrieben werden, so sollen die zerstreuten Gedanken, Ängste, Bilder des Tages gesammelt und zur Ruhe geführt werden. Die kosmische Bewegung spiegelt eine seelische Bewegung – vom Zerstreuten zum Geordneten, vom Unruhigen zum Geleiteten. In der Perspektive des Schlafliedes ist dies ein Bild dafür, dass der Übergang in den Schlaf nicht zufällig oder bedrohlich ist, sondern von einer milden, leitenden Kraft begleitet wird. Das „schon“ unterstreicht zusätzlich die Verlässlichkeit: Die Ordnung ist bereits im Werden, der Schlafraum ist vorbereitet.

Vers 6: „Zum Born des Lichtes hin:“

Beschreibung: Vers 6 bestimmt die Richtung, in die die Wolkenschafe getrieben werden: „Zum Born des Lichtes hin“. Ein „Born“ ist eine Quelle, ein Ursprung von Wasser – hier übertragen auf „Licht“. Am Ende steht ein Doppelpunkt, der eine rhetorische Zäsur markiert und die anschließende Wendung zum Freund vorbereitet.

Analyse: Der Vers bündelt die Bewegung aus Vers 5 in einem starken Symbolwort: „Born des Lichtes“. In der konkreten Bildlogik könnte damit der Bereich des Horizonts, des Mondes oder einer nicht genauer benannten Lichtquelle gemeint sein. Poetisch wird ein mythischer Ort etabliert, ein Ursprung des Hellen, das alles Dunkel durchdringt. Die Wolkenschafe bewegen sich auf diese Quelle zu – sie sind nicht ziellos unterwegs. Der Doppelpunkt am Schluss schließt den beschreibenden Bildteil und leitet zum Refrain über, der die bildhafte Welt mit der persönlichen Anrede des Freundes verschaltet.

Interpretation: Symbolisch gerät der „Born des Lichtes“ zu einer Chiffre für letzten Sinn, Ursprung, göttliche Mitte. Die Bewegung des Kosmos ist teleologisch: Sie zielt auf Licht, nicht auf Abgrund. Damit legt das Gedicht eine Deutung der Wirklichkeit nahe, in der alles Geschehen – selbst die Nacht – auf eine Lichtquelle hin orientiert ist. Für die Situation des Schlafliedes heißt das: Der Schlaf des Freundes findet statt in einer Welt, die auf Licht hingeordnet ist; seine Ruhe steht unter der Verheißung eines letzten Hellen, nicht eines endgültigen Dunkels. Die Zäsur am Ende des Verses hebt dieses Zielbild so hervor, dass die anschließende Aufforderung zum Schlafen wie eine Konsequenz daraus wirkt: Weil die Welt zum Lichtborn hin geordnet ist, kann der Freund sich getrost dem Schlaf überlassen.

Vers 7: „Schlaf, mein Freund, o schlafe,“

Beschreibung: Mit Vers 7 wendet sich das lyrische Ich direkt an den „Freund“. Der Vers besteht aus einem Imperativ, einem Anredeausdruck und einer Wiederholung des Imperativs: „Schlaf, mein Freund, o schlafe“. Die Tonlage ist eindringlich, zugleich sanft; das eingeschobene „o“ verleiht der Bitte eine gesteigerte Emotionalität.

Analyse: Formal markiert dieser Vers den Umschlag von der objektivierenden Naturbeschreibung zur unmittelbaren Zuwendung. Die doppelte Imperativform („Schlaf … schlafe“) hat einen wiegenden, mantraartigen Charakter und erinnert deutlich an den Tonfall von Wiegenliedern. Das Possessivpronomen „mein“ betont die innige Beziehung, das „o“ fungiert als affektive Einschaltung, die den Ton dem Gebet oder der Anrufung anverwandelt. Rhetorisch ist der Vers ein performativer Sprechakt: Er will nicht nur informieren, sondern den Schlaf tatsächlich herbeiführen, den Freund in die Ruhe hineinreden.

Interpretation: In dieser Verszeile tritt die existenzielle Grundsituation des Gedichts ungeschminkt hervor: Da ist ein Du, das schlafen soll, und ein Ich, das es mit Liebe, Zuwendung, Beschwörung in den Schlaf zu führen versucht. Die gesamte vorherige Kosmos-Beschreibung wird hier auf ihren Zweck hin sichtbar – sie sollte die Bühne bereiten für diesen Trostruf. Der Freund erscheint als verletzliches, zugleich geliebtes Wesen, das sich auf die Stimme des Ich verlassen darf. Der Vers bringt die anthropologische Tiefenfigur des Gedichts auf den Punkt: Mensch sein heißt, vertrauensvoll schlafen zu können, weil ein Anderer schaut und spricht. Im Hintergrund klingt mit, dass nicht nur das Ich, sondern auch die kosmische Ordnung (Hirte, Wolkenschafe, Lichtborn) an dieser Hüterfunktion beteiligt ist.

Vers 8: „Bis ich wieder bei Dir bin.“

Beschreibung: Der Schlussvers formuliert eine temporale Bedingung oder Grenze: Der Freund soll schlafen „bis“ zu dem Zeitpunkt, an dem das lyrische Ich „wieder bei“ ihm ist. Das Personalpronomen „ich“ tritt hier zum ersten Mal explizit auf; damit wird die Sprecherfigur als Subjekt ihrer eigenen Zukunftsaussage sichtbar.

Analyse: Der Vers fügt der bisher räumlich-kosmischen Ordnung eine explizite Zeitdimension hinzu. Das „bis“ markiert einen Zeitraum, in dem das Ich abwesend ist oder sein wird; „wieder“ impliziert, dass es schon einmal beim Freund war und dass eine Trennung eingetreten ist. „Bei Dir“ betont Nähe, körperliche oder existenzielle Gegenwart. Metrisch wirkt der Vers leicht erweitert, was ihm den Charakter eines abschließenden, dehnenden Versprechens verleiht. In der Struktur der Strophe fungiert er als Ruhepunkt, der die Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft ordnet: Der Schlaf deckt die Zeit der Trennung ab.

Interpretation: Der letzte Vers stellt die tiefste anthropologische und theologische Spannung des Gedichts in eine tröstliche Perspektive: Trennung ist Realität, aber nicht Endzustand. Das Ich gibt ein Versprechen ab, das über den Moment hinausreicht. Für den Freund bedeutet das: Er darf schlafen im Vertrauen darauf, dass das Ich wiederkommen wird; die Zeit des Schlafes ist keine verlassene, sondern eine von einem Wort des anderen getragene Zwischenzeit. In weitergehender Deutung lässt sich der Vers auch als eschatologische Chiffre lesen: Das „wieder bei Dir sein“ könnte über die horizontale Liebesbeziehung hinaus auf eine letzte, nicht mehr von Trennung bedrohte Vereinigung deuten – sei es im religiösen, sei es im allgemein metaphysischen Sinn. Damit weitet sich das Liebesversprechen in eine Hoffnungsgeste, die den ganzen Menschen in seiner Endlichkeit betrifft.


Gesamtdeutung der ersten Strophe (Verse 1–8)

Die erste Strophe entfaltet in acht Versen eine in sich geschlossene kleine Welt, in der sich kosmische Ordnung und intime Liebesszene auf engstem Raum durchdringen. Der Aufbau folgt einer klaren inneren Bewegung: Zunächst ruft das Ich eine vertraute Naturinstanz an („Säusle liebe Mirte“) und konstatiert die umfassende Stille der Welt; dann öffnet sich der Blick in den Himmel, wo der Mond als „Sternenhirte“ auf einem „klaren Himmelsfeld“ tätig ist; daraufhin setzt eine dynamische Szene ein, in der die „Wolkenschafe“ „schon“ zum „Born des Lichtes hin“ getrieben werden; schließlich kippt die Perspektive vom Kosmos auf das Du, wenn das lyrische Ich den Freund zum Schlaf auffordert und ihm die Wiederkehr zusagt.

In dieser Abfolge zeichnet sich eine dreifache Verschiebung ab. Erstens eine räumliche Verschiebung: von der Myrte im Nahbereich über die Welt und den Himmel bis hin zum Lichtborn; zweitens eine perspektivische Verschiebung: vom beobachtenden, beschreibenden Blick zur direkten Zuwendung an den Freund; drittens eine zeitliche Verschiebung: von der Gegenwart der Nacht zu einer Zukunft, in der das Ich „wieder bei“ dem Du sein wird. Die Strophe hält diese drei Achsen (Raum, Beziehung, Zeit) in einer poetischen Balance, sodass sich die konkrete Situation – jemand soll einschlafen, während der andere fort muss – in einem größeren Sinnraum verankert.

Die Bildwelt ist dabei so komponiert, dass sie jede mögliche Bedrohlichkeit der Nacht in eine freundliche Ordnung übersetzt. Die Stille der Welt ist kein stummes, kaltes Verstummen, sondern die Voraussetzung eines gesammelten, konzentrierten Raums; der Himmel ist nicht finster und leer, sondern ein „Himmelsfeld“, bewohnt von Sternen, geführt von einem Hirten; die Wolken sind nicht formlos, sondern als Schafe identifizierbar und auf einen Lichtborn hin unterwegs. Mit jeder Metapher wird die Angst vor der Nacht – vor Dunkel, Unordnung, Verlorensein – poetisch umgedeutet in eine Szene des Behütet-Seins. Der Schlaf des Freundes ist damit nicht ein Ausgeliefertsein an eine dunkle Macht, sondern ein Hineingelegtwerden in eine liebevoll arrangierte, von Licht her strukturierte Wirklichkeit.

Zentrum und Endpunkt der Strophe ist jedoch nicht das kosmische Bild, sondern die Beziehung zwischen Ich und Du. Alle Natur- und Himmelsbilder dienen letztlich dazu, dem Freund sagen zu können: Du darfst schlafen, weil ich dich liebe, dich sehe, dir wiederkomme. Der Refrain „Schlaf, mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ bündelt die existentiellen Dimensionen des Textes: die Erfahrung von Trennung, das Bedürfnis nach Nähe, die Notwendigkeit des Schlafs als Übergangsraum, das Vertrauen in ein Wort, das die Zukunft verheißt. Die Strophe macht deutlich, dass der Mensch seine Endlichkeit – hier: seine Müdigkeit, seine Unfähigkeit wach zu bleiben, die Abwesenheit des Geliebten – nur dann ertragen kann, wenn diese in eine Deutung der Welt als geordnete, lichtorientierte, von Liebe durchzogene Ganzheit eingebettet ist.

Dichtung erfüllt in dieser Strophe die Funktion, diese Einbettung zu leisten. Sie benennt nicht nur die Nacht, sondern gestaltet sie so, dass sie bewohnbar, ja tröstlich wird. Die Bilder von Myrte, Sternenhirte, Wolkenschafen und Lichtborn sind nicht bloß Dekoration eines Liebesversprechens, sondern das Medium, in dem dieses Versprechen überhaupt glaubwürdig und „fühlbar“ wird. In der ersten Strophe entwickelt Brentano damit ein poetisches Modell von Welt, in dem Liebesbindung, kosmische Ordnung und metaphysische Lichtorientierung ineinander greifen und dem Schlaf des Freundes – und damit der menschlichen Verletzlichkeit – einen gehaltenen Ort zuweisen.

Strophe 2

Vers 9: „Säusle liebe Mirte“

Beschreibung: Der zweite Strophenblock setzt – nahezu wörtlich – mit dem Versanfang der ersten Strophe ein: „Säusle liebe Mirte“. Wie in Vers 1 wird die Myrte direkt im Imperativ angesprochen; diesmal fehlt lediglich das abschließende Komma. Inhaltlich und syntaktisch steht der Vers zunächst für sich und ruft erneut die Myrte als handelnde Instanz auf.

Analyse: Die Wiederaufnahme der Anrufung „Säusle liebe Mirte“ erzeugt eine starke formale und motivische Spiegelung zur ersten Strophe. Die Myrte bleibt die erste Adressatin, die Natur wird abermals zur Mitakteurin des Einschlafrituals erklärt. Erneut personifiziert der Vers die Pflanze und bindet sie durch das Adjektiv „liebe“ in ein emotionales Nahverhältnis zum Sprecher-Ich ein. Die Wiederkehr dieses Anfangsverses markiert zugleich eine Kreisbewegung: Die zweite Strophe setzt im selben Grundgestus ein wie die erste, als würde die Handlung des Säuselns andauern, weitergehen, sich vertiefen. Die minimale Abweichung in der Zeichensetzung ändert am Grundton nichts, kann aber als Andeutung gelesen werden, dass der Satzfluss nun stärker auf den folgenden Vers hin geöffnet ist.

Interpretation: Indem das Gedicht mit derselben Bitte an die Myrte erneut beginnt, wird deutlich, dass das Liebes- und Schutzgeschehen nicht einmalig, sondern ritualisiert ist: Die Liebe braucht Wiederholung, um zu wirken. Die Myrte als Symbol der Liebe und der geborgenen, vielleicht sogar sakral gedeuteten Liebesbindung wird ein zweites Mal angerufen; das unterstreicht, dass die Liebe die konstante, tragende Instanz dieses Gedichts ist. Im Kontext der zweiten Strophe bahnt sich an, dass die Natur nun nicht nur säuseln, sondern gleichsam in einen Traumzustand hineingenommen wird – ein Übergang von der äußeren Weltbeschreibung (Strophe 1) zu einer stärker innerlich getönten, traumbezogenen Szene.

Vers 10: „Und träum' im Sternenschein“

Beschreibung: Der Vers fügt der Imperativfolge ein weiteres Verb hinzu: „träum'“. Grammatisch scheint der Imperativ an dieselbe Adressatin – die Myrte – gerichtet zu sein; semantisch wird ein Traumzustand „im Sternenschein“ angesprochen. Der Vers beginnt mit „Und“, knüpft also direkt an Vers 9 an und erweitert den Auftrag an die Myrte.

Analyse: In der ersten Strophe war nach „Säusle liebe Mirte“ die Feststellung „Wie still ist's in der Welt“ gefolgt, eine beobachtende Aussage. In der zweiten Strophe tritt an diese Stelle ein weiterer Imperativ: „Und träum' im Sternenschein“. Damit verschiebt sich die Akzentsetzung von der nüchternen Wahrnehmung der Welt zu einem expliziten Traum-Motiv. Die Myrte wird – bildlich gesprochen – nicht nur zum Instrument des Säuselns, sondern zugleich in den Bereich des Träumens versetzt; der Sternenschein liefert das Lichtmilieu, in dem dieser Traum stattfindet. Die Konjunktion „Und“ bindet beide Imperative zusammen, wodurch ein kleiner Katalog von „Aufgaben“ der Natur entsteht: säuseln, träumen – beides im Dienst des Schlafenden.

Interpretation: Der Vers deutet an, dass die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, Außenwelt und Innenwelt durchlässig geworden ist. Die Myrte träumt „im Sternenschein“ – das heißt: die Natur selbst nimmt am Traumzustand teil, wird gleichsam selbst träumende Kreatur. Dadurch wird der Traum des Freundes vorbereitet und gespiegelt: Die Welt um ihn herum ist bereits in einen Traumzustand übergetreten; der Sternenschein ist nicht bloß Beleuchtung, sondern ein Medium, in dem Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen. In weitergehender Deutung kann darin eine romantische Vorstellung anklingen: Dass die Welt eine „träumende“ ist, in der sich das Göttliche, das Unendliche andeutet. Für das Gedicht aber steht im Vordergrund, dass der Schlaf des Freundes in einem Raum stattfindet, in dem schon alles – Myrte, Sterne, Licht – auf Traum und Ruhe eingestimmt ist.

Vers 11: „Die Turteltaube girrte“

Beschreibung: Der dritte Vers der Strophe führt eine neue Figur ein: die „Turteltaube“. Der Satz steht im Präteritum („girrte“) und berichtet eine Handlung der Taube, genauer: ihren Laut, den typischen Girr-Laut. Vers 11 bleibt grammatisch unvollständig und zielt auf die Fortsetzung in Vers 12.

Analyse: Mit der Turteltaube wechselt die Bildebene von der kosmischen Sphäre (Mond, Sterne) hin zu einem stärker häuslich-intimen Naturbild. Die Turteltaube ist ein traditionelles Symboltier für zarte Liebe, Treue und Klage. Dass sie „girrte“, verweist nicht nur auf einen Laut, sondern auf ihr typisches „Singen“ – ein Ton, der oft mit Wehmut, Innigkeit und leiser Melancholie assoziiert wird. Syntaktisch steht der Vers im Rahmen einer elliptischen Konstruktion, die in Vers 12 ihre Ergänzung findet; inhaltlich bereitet er eine zweite, näher an der Erde sitzende Hüterfigur vor: neben dem Sternenhirten gibt es eine Taube, die durch ihren Gesang wirkt.

Interpretation: Die Einführung der Turteltaube verschiebt den Fokus noch einmal von der abstrakteren Hirtensymbolik zu einem Bild, das Nest, Heim, Nähe und „häusliche“ Geborgenheit ins Spiel bringt. Die Taube ist zugleich Liebestier und Symbol behütender Fürsorge – sie „singt“ nicht ins Leere, sondern für ihre Brut. Damit wird das Motiv des Beschütztseins in die Nähe familiärer, sogar mütterlicher Konstellationen gerückt. In deutungstheoretischer Perspektive lässt sich hier ein Echo geistlicher, marianischer Bildtraditionen hören, in denen die Mutter oder die Brautfigur die Seelen „einsingt“. Im Kontext des Gedichts macht der Vers deutlich, dass der Schlaf des Freundes nicht nur kosmisch, sondern auch auf der Ebene des „Nestes“ – des Innersten, Heimischen – abgesichert ist.

Vers 12: „Auch ihre Brut schon ein.“

Beschreibung: Vers 12 ergänzt und schließt den in Vers 11 begonnenen Satz: Die Turteltaube hat „auch ihre Brut schon ein“ gegirrt. „Ein girren“ meint hier: zur Ruhe, ins Nest, in den Schlaf hineinsingen. Das Adverb „auch“ verknüpft diese Szene mit dem zuvor Beschriebenen, das „schon“ markiert die Vorzeitigkeit der Handlung.

Analyse: Das Wörtchen „auch“ signalisiert eine Parallelisierung: So wie die Myrte säuselt und der Mond die Wolkenschafe führt, so hat „auch“ die Turteltaube ihre Brut „schon ein“ gegirrt. Die Nacht ist weit fortgeschritten; die Schutzhandlungen sind nicht erst im Werden, sondern bereits vollzogen. Die Brut – die jungen Vögel – sind bereits im Nest, beruhigt, schlafend. Die Szene erhält dadurch eine stark geborgene, intime Qualität: Der Laut der Taube fungiert wie ein eigenes Wiegenlied für die Kleinen. Die Vorzeitigkeit („schon“) verstärkt den Eindruck, dass die Ordnung der Nacht längst hergestellt ist, bevor das Ich den Freund anspricht.

Interpretation: Anthropologisch wird hier ein archetypisches Bild aufgerufen: das Bild der Mutter, die ihre Kinder durch Stimme, Lied, Zuwendung in den Schlaf geleitet. Die Turteltaube mit Brut wird zur allegorischen Figur für eine ursprüngliche Geborgenheit, in die alle Kreatur hineingenommen ist. Indem das Gedicht sagt, die Brut sei „schon“ eingegirrt, legt es nahe: Die Welt ist in ihrem Innersten bereits „heimgeholt“; der Freund, der noch schlafen soll, reiht sich ein in einen großen Zusammenhang von Geschöpfen, die im Schutzraum der Nacht ruhen. Das Ich kann daraus Kraft für seine eigene Trostrede schöpfen: Es steht nicht allein mit seinem Liebesdienst, sondern bewegt sich in einem Geflecht paralleler Schutzgesten (Hirte – Taube – Myrte). In theologischer Tiefenperspektive kann man darin ein Bild für eine umfassende, liebende Providenz sehen, die alles Lebendige in ein „Nest“ des Sinns hineinnimmt.

Vers 13: „Still ziehn die Wolkenschafe“

Beschreibung: Vers 13 nimmt das Motiv der „Wolkenschafe“ aus Strophe 1 wieder auf, verändert jedoch das Verb: Statt „Treibt schon die Wolkenschafe“ heißt es nun „Still ziehn die Wolkenschafe“. Die Bewegung ist weiterhin da, wird aber ausdrücklich als „still“ bezeichnet.

Analyse: Die Wiederholung des Wolkenschaf-Motivs schafft eine direkte Verbindung zur ersten Strophe und macht den Refraincharakter des Bildblocks deutlich. Die zentrale Änderung liegt im Verb: „treibt“ (aktiv, lenkend, dynamisch) wird ersetzt durch „ziehn“ (gleiten, sich sanft bewegen). Das Adverb „still“ legt fest, wie diese Bewegung zu denken ist: lautlos, friedlich, sanft. Während in Strophe 1 der Hirtendienst des Mondes noch in seinem Vollzug stand („Treibt schon …“), scheint hier das Ziel einer vollkommen eingehegten, beruhigten Bewegung erreicht: Die Schafe ziehen, ohne dass die Tätigkeit des Hirten noch exponiert werden müsste. Die Ordnung ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

Interpretation: Der Vers markiert innerhalb der inneren Dynamik des Gedichts eine feine, aber bedeutsame Verschiebung: Die Nacht befindet sich nun in einem Zustand perfekter Ruhe. Die kosmische Ordnung, in Strophe 1 noch im Werden („treibt schon“), ist in Strophe 2 zur stillen Selbstverständlichkeit geworden („still ziehn“). Symbolisch heißt das: Was zuvor als noch herzustellende Ruhe erschien, ist nun realisiert. Für den Schlaf des Freundes bedeutet dies: Er bettet sich in eine Welt, die nicht mehr in Unruhe, sondern in vollkommen ausgeglichener Bewegung steht. Die Wolkenschafe wirken jetzt wie ein sichtbares Zeichen für ein innerlich zur Ruhe gekommenes Universum, in dem alles Geschehen leise, gleichmäßig und ohne Störung verläuft.

Vers 14: „Zum Born des Lichtes hin,“

Beschreibung: Wie in Vers 6 der ersten Strophe wird auch hier die Bewegungsrichtung der Wolkenschafe benannt: „Zum Born des Lichtes hin“. Die Formulierung ist fast identisch, diesmal ohne abschließenden Doppelpunkt, aber wiederum mit Komma, das den Übergang zum nächsten Vers vorbereitet.

Analyse: Die Wiederholung des Ausdrucks „Born des Lichtes“ zeigt, dass dieses Symbolwort ein Leitmotiv des Gedichts ist. Die Richtung der Bewegung hat sich nicht geändert: Wie zuvor zieht alles auf den Lichtquell hin. Der Weg ist derselbe, doch die Art der Bewegung ist anders: Das aktive „Treibt“ ist zum „Still ziehn“ geworden. Damit wird die Teleologie der Szene – Ausrichtung auf das Licht – bestätigt, zugleich aber in einen Zustand differenzloser Ruhe überführt. Die Wegbeschreibung hat nichts Drängendes; sie stellt eher eine stille, vertrauensvolle Gegebenheit dar.

Interpretation: Der „Born des Lichtes“ erscheint in der zweiten Strophe weniger als etwas, zu dessen Erreichen noch aktiv gearbeitet werden muss, sondern als selbstverständlicher Zielhorizont, in dessen Richtung sich alles in innerer Ruhe bewegt. Metaphysisch gesprochen: Die Welt ist auf Licht hin geordnet; diese Ordnung ist nicht mehr nur Hoffnung oder Aufgabe, sondern bereits im Modus einer leisen Gewissheit präsent. Für die Situation des Schlafliedes heißt das: Die Zeit, in der der Freund schlafen soll, ist nicht nur überbrückt durch ein Versprechen, sondern eingebettet in eine große Bewegung hin zu einer lichtvollen Mitte, die nicht in Frage gestellt wird. Der Schlaf wird so Teil einer kosmischen „pilgernden Ruhe“ – eine paradoxe, aber treffende Formulierung: Es gibt Bewegung (hin), aber sie ist vollkommen friedlich.

Vers 15: „Schlaf', mein Freund, o schlafe,“

Beschreibung: Wie in Vers 7 der ersten Strophe richtet sich das lyrische Ich nun direkt an den „Freund“ und wiederholt fast wörtlich die Schlafformel: „Schlaf', mein Freund, o schlafe“. Der Imperativ wird diesmal mit Apostroph („Schlaf'“) geschrieben, die Struktur bleibt aber gleich.

Analyse: Der Vers fungiert eindeutig als Refrain. Seine Wiederholung verstärkt die mantraartige, beruhigende Qualität des Gedichts: Der gleiche Satz erklingt erneut, in derselben Abfolge von Imperativ, Anrede, Imperativ. Syntaktisch und klanglich erzeugt er eine Art musikalischer Rückkehr, die die Strophe rahmt und die Grundabsicht des Textes – den Freund in den Schlaf zu sprechen – unverändert bekräftigt. Dass der Vers nun auf eine noch stärker beruhigte Bildlage („Still ziehn die Wolkenschafe“) folgt, verleiht ihm eine leicht veränderte Färbung: Er wirkt weniger wie der erste, initiale Zuspruch als vielmehr wie eine Bestätigung, ein sanftes Nachlegen desselben Trostes.

Interpretation: Die Wiederholung des Refrains sagt: Die existenzielle Situation hat sich im Kern nicht verändert – der Freund soll schlafen, das Ich bleibt sorgend, die Trennung dauert an. Aber ihre seelische Verarbeitung ist vertieft: Der zweite Ruf zum Schlafen steht auf einem reicheren Untergrund von Geborgenheitsbildern (Myre, Taube, Brut, stille Wolkenschafe). Man kann sagen: Der Imperativ, der in Strophe 1 noch den Übergang zur Ruhe einleitet, steht in Strophe 2 auf der Seite der bereits gefundenen Ruhe. Der Freund soll nicht mehr erst in den Schlaf geführt werden, sondern in ihm gehalten bleiben. Spirituell gelesen ist dies der Moment, in dem Vertrauen nicht mehr nur zugesprochen, sondern schon eingeübt ist: Der Schlaf ist zu einem Raum des Gehaltenseins geworden.

Vers 16: „Bis ich wieder bei Dir bin.“

Beschreibung: Der Schlussvers der zweiten Strophe wiederholt wörtlich den Schlussvers der ersten: „Bis ich wieder bei Dir bin.“ Das Ich tritt erneut explizit auf, bekräftigt sein Versprechen der Wiederkehr und markiert so das Ende der Strophe.

Analyse: Die exakte Verswiederholung schafft ein starkes rahmendes Element: Beide Strophen enden in derselben Zukunftszusage. Formal betont dies die kreisende, refrainhafte Anlage des Gedichts; inhaltlich unterstreicht es, dass das Thema der Trennung und der Wiederkehr das unverrückbare Zentrum der Szene bleibt. Die Doppelung lässt den Satz wie eine Formel erscheinen, die sich das Ich selbst ebenso sagt wie dem Freund. Die rekursive Wiederkehr desselben Verses hat etwas Beschwörendes: Was man nicht garantieren kann, wird umso nachdrücklicher gesagt.

Interpretation: In der zweiten Strophe erhält die Wiederkehrformel einen noch intensiveren Trostcharakter. Sie steht nun am Ende einer Strophe, in der die Welt bereits vollständig in Geborgenheitsbildern organisiert ist: Myrte träumt im Sternenschein, die Turteltaube hat ihre Brut „schon ein“ gegirrt, die Wolkenschafe ziehen still zum Lichtborn. In diesem Kontext erscheint das Versprechen „Bis ich wieder bei Dir bin“ weniger als kühne Behauptung gegen die Angst, sondern als Einfügen in einen größeren Rhythmus von Abwesenheit und Wiederkehr, der in Natur und Kosmos vorgebildet ist. Die Liebe des Ichs wird Teil eines umfassenden Musters, in dem Nähe und Distanz, Schlaf und Wachen, Dunkel und Licht in einem größeren Sinnzusammenhang stehen. Der Vers klingt deshalb nicht nur als persönliches Liebeswort, sondern als leise eschatologische Hoffnung: dass keine Trennung endgültig sein muss.


Gesamtdeutung der zweiten Strophe (Verse 9–16)

Die zweite Strophe setzt formal beim Anfang der ersten ein, führt die Bewegung aber inhaltlich von der äußeren Weltwahrnehmung in eine gesteigerte Innerlichkeit und Geborgenheit. Wo in Strophe 1 nach „Säusle liebe Mirte“ noch die nüchterne Feststellung „Wie still ist's in der Welt“ folgte, heißt es nun: „Und träum' im Sternenschein“. Die Welt wird nicht nur als still erlebt, sondern als bereits in einen Traumzustand übergegangen. Natur ist nicht bloß Kulisse, sondern selbst am Schwebezustand zwischen Wachen und Schlaf beteiligt. Der Sternenschein wird zum Medium eines kollektiven Träumens, das Myrte, Nacht und Figur des Freundes umfasst.

Mit der Turteltaube und ihrer „Brut“ tritt ein neues, stark verdichtetes Bild von Nest, Heimat und mütterlicher Fürsorge hinzu. In Strophe 1 überwiegt der kosmische Horizont (Sternenhirte, Wolkenschafe, Lichtborn); in Strophe 2 wird dieser Horizont ergänzt durch ein Bild ganz in der Nähe des Bodens: Ein Tier, das sine Jungen im Nest einsingt. Dieses Bild konkretisiert und „erdet“ das Motiv der Geborgenheit. Was der Sternenhirte für die Himmelsherde ist, ist die Turteltaube für ihre Brut – und, im übertragenen Sinne, das lyrische Ich für den schlafenden Freund. Die Taube fungiert als vermittelnde Figur zwischen kosmischer und häuslicher Geborgenheit: Sie verbindet den weiten Himmelsraum mit dem inneren, umhegten Raum des Nestes.

Der zweite Teil der Strophe (Verse 13–16) wiederholt den Bewegungs- und Refrainblock der ersten Strophe, aber in veränderter Tonlage. Statt „Treibt schon die Wolkenschafe“ heißt es nun „Still ziehn die Wolkenschafe“. Die Dynamik des Hirtendienstes ist in eine reine, lautlose Bewegung übergegangen; die Ordnung ist nicht mehr im Werden, sondern hat sich beruhigt. Dennoch bleibt die Richtung dieselbe: „Zum Born des Lichtes hin“. Kosmos und Kreatur – Wolkenschafe, Taubennest, Myrte, schlafender Freund – sind gemeinsam auf diese Lichtquelle hin unterwegs. Es ist eine Bewegung ohne Hast, ohne Druck, in der Ruhe und Zielgerichtetheit paradox vereint sind.

Im Refrain „Schlaf', mein Freund, o schlafe, / Bis ich wieder bei Dir bin“ wiederholt sich das zentrale Liebesversprechen der ersten Strophe. Doch nun steht es auf einem vertieften, verdichteten Hintergrund: Die Welt ist nicht bloß geordnet, sondern durch und durch „eingenestet“. Die Turteltaube hat ihre Brut „schon ein“ gegirrt; die Myrte träumt; die Wolkenschafe ziehen still. Alles ist bereits dort, wohin es gehört. Der Schlaf des Freundes erscheint nicht mehr nur als Ziel, das noch zu erreichen wäre, sondern als Teilnahme an einem umfassenden Zustand von Ruhe, in den die gesamte Schöpfung eingetreten ist. Die Liebe des Ichs reiht sich ein in diese größere Ordnung – sie ist nicht einzig und allein verantwortlich, sondern steht in Resonanz mit der Liebe, die die Welt selbst strukturiert.

So lässt sich die zweite Strophe als Innenstufe der ersten lesen. Strophe 1 entfaltet das Grundmodell: Kosmische Ordnung, Liebe, Versprechen, Schlaf. Strophe 2 führt dieses Modell in eine Art inneres Heiligtum: Nun rückt die Nest-Metaphorik in den Vordergrund, der Traum wird ausdrücklich thematisiert, die Bewegung der Welt ist ganz still geworden. Die Wiederkehrformel am Ende bindet beide Strophen zusammen und zeigt, dass trotz der vertieften Geborgenheit das Grundproblem – die Trennung – bestehen bleibt. Doch die Art, wie sie erlebt wird, hat sich gewandelt: Sie steht jetzt inmitten einer es umspielenden, tröstenden Symbolwelt, die von Sternenhirte und Lichtborn bis zur Taube mit ihrer Brut reicht.

Insgesamt macht die zweite Strophe erfahrbar, dass der Trost, den das Gedicht spenden will, nicht aus einem einmaligen Zuspruch besteht, sondern aus einer bewegten, kreisenden Vertiefung. Dichtung zeigt sich hier als ein Prozess, der die gleiche existenzielle Konstellation – Liebe, Trennung, Schlaf – immer wieder neu umkreist, dabei Bilder nachführt, vertieft, innerlicher macht und so nach und nach ein Gewebe schafft, in dem der Mensch sich gehalten weiß. Während die erste Strophe die kosmische Bühne eröffnet, lässt die zweite den Leser in das „Nest“ der Symbole eintreten – an jenen Ort, wo sich Liebesversprechen und Weltordnung zu einem gemeinsamen Raum von Geborgenheit verschränken: dem Raum, in dem der Freund schlafen darf, „bis“ – in all seiner Endlichkeit und Hoffnung – „ich wieder bei dir bin“.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Das Gedicht „Säusle liebe Mirte“ lässt sich in seiner Grundbewegung als romantisches Nacht- und Liebeslied deuten, das die fragile Situation einer zeitweiligen Trennung in eine umfassende Ordnung von Liebe, Natur und metaphysischem Licht eingebettet. Ein waches Ich spricht einen schlafenden „Freund“ an, den es für eine Phase der Abwesenheit in den Schlaf hinübergeleiten will; dieser Schlaf wird jedoch nicht als bloßes Aussetzen des Bewusstseins verstanden, sondern als geschützter Zwischenraum, in dem die Trennung von einem liebevollen Kosmos aufgefangen wird. Die Bilder von Myrte, Sternenhirte, Wolkenschafen, Lichtborn und Turteltaube machen deutlich, dass die Nacht nicht Chaos, sondern behüteter Raum ist. Die Grundthese der Deutung wäre daher: Das Gedicht gestaltet in der schlichten Form eines Wiegenliedes das existentielle Grundthema von Trennung und Wiederkehr so, dass die menschliche Verletzlichkeit (Schlaf, Abwesenheit, mögliche Angst vor Verlorensein) in einer liebenden und lichtbezogenen Weltordnung aufgehoben erscheint, ohne dass der Ernst dieser Situation geleugnet würde.

2. Verzahnung der Ebenen

Die verschiedenen Deutungsstränge – die existentiell-psychologische, die theologisch-metaphysische, die formale, die anthropologische und die intertextuelle Dimension – greifen im Gedicht eng ineinander. Auf der existentiell-affektiven Ebene (Block A) steht die Konstellation eines Ich, das sich sorgend und tröstend über einen schlafenden Freund beugt und eine reale oder bevorstehende Trennung im Modus der Liebe zu bewältigen sucht. Diese Grundspannung von Nähe und Abwesenheit wird auf der theologischen und metaphysischen Ebene (Block B) von einer Bildwelt aufgefangen, in der der Mond als „Sternenhirte“, die Wolkenschafe und der „Born des Lichtes“ auf eine verborgene Ordnung und eine lichtvolle Zielrichtung allen Geschehens verweisen: Die Welt ist nicht dunkel und sinnlos, sondern von einer kaum ausgeschöpften Lichtmitte her strukturiert, der alles zustrebt.

Die Form- und Sprachgestalt (Block C) – liedhafte Zweistrophigkeit, Kreuzreim, Refrain, weiche Klangführung, wiederkehrende Imperative – ist nicht bloß Trägermedium, sondern funktionale Verstärkung dieser Bewegung: Wiederholung, sanfter Rhythmus und die wiegende Klangstruktur machen erfahrbar, was inhaltlich behauptet wird – Ruhe, Geborgenheit, verlässliche Wiederkehr. Die anthropologische Dimension (Block D) zeigt den Menschen als schutzbedürftiges, beziehungsgebundenes Wesen, das sein Dasein nur im Modus von Bindung, Treue und Deutung bestehen kann. Der Freund ist angewiesen auf die Stimme des Ich, das Ich seinerseits auf den geliebten Anderen und auf eine sinnvolle Kosmosstruktur.

Schließlich öffnen die Kontexte und Intertexte (Block E) den Blick darauf, dass diese Konstellation im Horizont der Romantik, der biblischen Hirten- und Taubenbilder und der Lichtmetaphorik eine größere Tiefenschicht gewinnt: Das kleine Lied im Märchen wird zur Verdichtung romantischer Welt- und Dichtungsauffassung, in der Volksliedton, Symbolpoetik und religiös grundierte Weltsicht ineinander spielen. Die Verzahnung der Deutungsstränge lässt das Gedicht damit als ein Gefüge erkennen, in dem keine Ebene isoliert bleibt: Das affektive Geschehen, die religiösen Konnotationen, die formale Machart und die anthropologische Figur des Menschen bestätigen und interpretieren sich gegenseitig.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch formuliert zeichnet das Gedicht das Bild eines Menschen, der seine Endlichkeit, seine Ausgesetztheit an Schlaf, Trennung und Ungewissheit nicht allein erträgt, sondern nur in einem Netz von Beziehungen und Deutungen: in der Liebe eines Anderen, in der symbolisch erfahrenen Ordnung der Natur, in der Hoffnung auf ein „Wieder-bei-dir“. Der Mensch erscheint nicht als souveränes, sich selbst genügendes Subjekt, sondern als Wesen, das geborgen sein will – in einem Du, in einer Welt, die mehr ist als ein stummer Apparat, und in einer Perspektive, die über den reinen Augenblick hinausreicht. Schlaf ist in dieser Sicht nicht bloß biologische Notwendigkeit, sondern Bild für eine Grundkonstellation: dass der Mensch Phasen des Nicht-Wissens, der Ohnmacht, der Auslieferung durchlebt und darauf angewiesen ist, dass andere – Menschen oder eine größere Ordnung – für ihn wachen.

Poetologisch lässt sich daraus eine Auffassung von Dichtung ableiten, die weit über das bloße „Abbilden“ hinausgeht. Die Sprache des Gedichts beschreibt die Nacht nicht neutral, sie formt sie: Sie benennt den Mond als Hirten, die Wolken als Schafe, die Quelle als Lichtborn, die Taube als Hüterin ihrer Brut. In dieser Benennung verwandelt sich die Welt; sie erhält Kontur, Sinn und Trostkraft. Dichtung erscheint damit als eine Praxis, in der die Wirklichkeit so gesprochen wird, dass sie bewohnbar und tragfähig wird – ein Vorgang, der in seiner Struktur religiösen Sprachakten (Gebet, Segen, Zuspruch) nahekommt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Sprache wird zur schöpferischen Kraft, die das Unheimliche der Nacht in einen Raum der Verlässlichkeit übersetzt.

Die poetologisch-theologische Schlussaussage des Gedichts könnte entsprechend lauten: Wahre Dichtung nimmt die existentiellen Grenzerfahrungen des Menschen – Trennung, Nacht, Endlichkeit – ernst, aber sie lässt sie nicht im bloßen Befund stehen. Sie antwortet darauf mit einer Sprache, die bindet, verspricht, deutet und tröstet. Indem Brentano die hochkomplexen Themen von Liebe, Tod, Transzendenz und Sinn in die Form eines einfachen Nachtliedes kleidet, zeigt er, dass das „Erhabene“ dort am wirksamsten sein kann, wo es sich in der Demut des Einfachen zur Sprache bringt. Die letzte Botschaft des Gedichts wäre dann: Der Mensch ist ein Wesen, das nur im Zusammenspiel von Liebe und Sprache, von Gefühl und Symbol, von persönlicher Treue und „kosmischer“ Hoffnung wirklich leben kann – und Dichtung ist der Ort, an dem dieses Zusammenspiel sichtbar, hörbar und erfahrbar wird.

V. Editorische Angaben

Erstdruck: Entstanden wohl um 1811 im Zusammenhang mit den »Italienischen Märchen«; der Erstdruck des Märchens »Das Märchen von dem Myrtenfräulein« (mit dem Lied »Säusle liebe Mirte« als Einschub) erfolgte in der Zeitschrift Iris. Unterhaltungsblatt für Freunde des Schönen und Nützlichen, Frankfurt a. M., 1826. Eine erste Buchausgabe des Märchens und des Liedes innerhalb der Märchensammlung erschien in: Die Märchen des Clemens Brentano. Zum Besten der Armen nach dem letzten Willen des Verfassers, hg. von Guido Görres, Bd. 2, Stuttgart/Tübingen (Cotta) 1847. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Zyklus / Sammlung: Lied-Einlage im »Märchen von dem Myrtenfräulein«, das zu den »Italienischen Märchen« Brentanos gehört. In den neueren Werkausgaben wird das Gedicht zudem als selbständiges Gedicht unter den »Ausgewählten Gedichten« geführt und damit in den lyrischen Werkzusammenhang eingegliedert (»Clemens Brentano: Werke«, Bd. 1). :contentReference[oaicite:1]{index=1}

Maßgebliche Ausgabe / Textgrundlage: Für die vorliegende Analyse wird der Text nach der von Friedhelm Kemp herausgegebenen Hanser-Werkausgabe zitiert: Clemens Brentano: Werke, Bd. 1: Gedichte, München: Hanser 1963–1968, hier S. 251 f. – kontrolliert nach der digitalen Wiedergabe in der TextGrid-Digitalen Bibliothek und der Online-Ausgabe bei Zeno.org (»Ausgewählte Gedichte«). :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Orthographie und Interpunktion: Die Schreibweise folgt im Wesentlichen der Hanser-Ausgabe (und damit der Zeno-Transkription): u. a. »Mirte« statt der in der Sekundärtradition häufig anzutreffenden Varianten »Myrte« bzw. »Myrthe«. Geringfügige Anpassungen betreffen nur die Angleichung einzelner Satzzeichen an moderne Lesegewohnheiten (z. B. Kommasetzung, Apostrophe bei Elisionen wie »träum'«), ohne in den Wortlaut oder die Versgestalt einzugreifen. Orthographische Schwankungen der Überlieferung (»Säusle, liebe Myrte!«, »Säus'le, liebe Myrthe!«) werden hier einheitlich in der Form »Säusle liebe Mirte« wiedergegeben. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Überlieferung und Varianten: Die Überlieferungslage ist im Kern stabil: Das Gedicht ist fest in das Märchenkonzept eingebunden und liegt seit dem 19. Jahrhundert in zahlreichen Abdrucken vor (Märchenausgaben, Gedichtsammlungen, Liederbücher). Die bekannten Textzeugen unterscheiden sich vor allem in der Zeichensetzung (Komma/Ausrufezeichen am Strophenbeginn), in der Schreibung der Myrte und in kleineren Details der Interpunktion; sinnverändernde Varianten der Wortfolge oder des Versbestands sind nicht belegt. Für die Arbeit im »Lyrik Atlas« werden solche bloß graphischen Differenzen nicht eigens dokumentiert, sondern in einer kohärenten, auf der Hanser-Ausgabe beruhenden Normalform zusammengeführt. :contentReference[oaicite:4]{index=4}

Rezeptionshinweis: Das Gedicht hat eine ausgeprägte Wirkungsgeschichte in der Musik: Es wurde u. a. von Richard Strauss in den Sechs Liedern nach Gedichten von Clemens Brentano, op. 68, als Nr. 3 »Säusle, liebe Myrthe!« (1918/19) vertont und ist seither in der Liedtradition des 19. und 20. Jahrhunderts fest verankert. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

VI. Gedichttext

Säusle liebe Mirte

Säusle liebe Mirte, 1
Wie still ist's in der Welt, 2
Der Mond, der Sternenhirte 3
Auf klarem Himmelsfeld, 4
Treibt schon die Wolkenschafe 5
Zum Born des Lichtes hin: 6
Schlaf, mein Freund, o schlafe, 7
Bis ich wieder bei Dir bin. 8

Säusle liebe Mirte 9
Und träum' im Sternenschein 10
Die Turteltaube girrte 11
Auch ihre Brut schon ein. 12
Still ziehn die Wolkenschafe 13
Zum Born des Lichtes hin, 14
Schlaf', mein Freund, o schlafe, 15
Bis ich wieder bei Dir bin. 16