Autor: Clemens Brentano
Gedicht: »Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen«
Erstdruck: in: Clemens Brentano’s Gesammelte Schriften, hrsg. von Christian Brentano, Frankfurt a. M.: J. D. Sauerländer 1852 (postume Gesamtausgabe; Bd. der Gedichte).
Zyklus / Sammlung: Spätgedicht aus dem an Emilie Linder („Cäcilie“) gerichteten Kreis von Liebes- und Andachtsgedichten; Umarbeitung des Gedichts „Einsam will ich untergehn“ vom 25. August 1817 zur Jahreswende 1834.
Edition: Zitierte Textgrundlage: Clemens Brentano: Werke, Bd. 1: Gedichte, hrsg. von Friedhelm Kemp, München: Hanser 1963 (unter anderem zugänglich über die digitale Edition TextGrid / Zeno.org).

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

1. In welcher äußeren Gestalt tritt das Gedicht auf: Wie viele Verse und Strophen liegen vor, und welcher Gedichttyp deutet sich an?

Das Gedicht erscheint in der hier zugrunde gelegten Fassung als umfangreiches, streng strophisch gegliedertes Liebes- und Klagegedicht: Es umfasst 23 deutlich abgesetzte Strophen mit insgesamt 158 Versen. Die Strophen sind überwiegend sechzeilig gebaut und durch eine starke Wiederholungstechnik geprägt, die den Eingang und das Binnengefüge jeder Strophe formt. Besonders auffällig ist der immer wiederkehrende Anfangsvers „Einsam will ich untergehen“, der wie ein Refrain wirkt und den strophischen Bau nach außen hin rahmt und zusammenhält.

Durch diese konsequente Refrainbildung, die Kettenstruktur der Bilder (jede Strophe variiert das „Untergehen“ durch neue Vergleichsbilder) und den fortlaufenden Bezug auf den „Stern“, der das Ich leitet oder ihm entzogen wird, deutet sich ein liedhafter Gedichttyp an: ein Kettenlied bzw. Kettengedicht mit litaneiartigem, gebetsnahem Ton. Zugleich nimmt die äußere Form Züge eines spätromantischen Liebesliedes und Jahreswendliedes an, das in einer langen, refraingetragenen Folge von Strophen die existenzielle Bindung des Ichs an den Liebesstern thematisiert.

2. Welches Versmaß dominiert, wie regelmäßig wird es durchgeführt, und an welchen Stellen bricht der Text das erwartbare metrische Schema sichtbar auf?

Das Gedicht bewegt sich insgesamt sehr deutlich im Bereich des deutschen Akzentverses mit vier Hebungen. Die meisten Verse sind acht- bis neunsilbig gebaut und zeigen eine überwiegend trochäische Bewegung: Auf eine betonte Silbe folgt in der Regel eine unbetonte, mit wechselnden männlichen und weiblichen Kadenzen. Man kann etwa den Grundvers „Einsam will ich untergehen“ (V. 1 u. ö.) als vierhebigen, trochäisch gefärbten Vers lesen, dessen Senkungen relativ frei gefüllt sind („Éinsam | WÍll ich | Únter- | Géhen“), ebenso Zeilen wie „Keiner soll mein Ende wissen“ (V. 2) oder „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6). Die zahlreichen Vergleichsverse, die mit „Wie …“ einsetzen, lassen häufig einen kleinen Auftakt zu, bleiben aber im Rahmen dieses vierhebigen Grundschemas. Durch diese gleichmäßige, wiegend-liedhafte Rhythmik wird der Charakter des Gedichts als Kettenlied und potentiell singbarer Text sehr stark hörbar.

Dieses Grundschema wird über weite Strecken erstaunlich konsequent durchgehalten. Die immer wiederkehrende Formel „Einsam will ich untergehen“ (bzw. in der späteren Wende „Einsam muß ich heim nun gehen“, V. 115) wirkt wie ein metrischer Anker, an dem die übrigen, bildreichen Zeilen sich ausrichten. Auch die variierenden Stern-Verse („Wird der Stern, den ich gesehen“, V. 3, 39; „Kehrt der Stern, den ich gesehen“, V. 51; „Geht der Stern, den ich gesehen“, V. 99 u. a.) folgen im Wesentlichen demselben vierhebigen Bewegungsprinzip, so dass das Gedicht trotz seiner Länge und der Vielzahl an Bildern im Takt kaum „ausfranst“, sondern einen sehr dichten, litaneiartigen Rhythmus entfaltet.

Auffällige metrische Aufbrüche zeigen sich dort, wo der Text semantisch kulminiert oder das Sprechen ins Drängen und Stammeln gerät. Die Zeilen mit der Anrufung der „Cäcilie“ (V. 102, 104) dehnen durch den mehrsilbigen Eigennamen die letzte Takteinheit leicht aus und erzeugen eine Art hypermetrische Spannung; Ähnliches gilt für „Wie allein, allein, alleine“ (V. 110), wo die dreifache Wiederholung von „allein“ das regelmäßige Trochäenraster hörbar übersteigert und in eine fast stolpernde Beschwörung überführt. Auch „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ (V. 114) und „Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 116) verdichten durch die doppelte Bitte und die eigentümliche Namensform („Lind“, „Lindis“) die Hebungen, so dass die Linie an den Betonungen „arm“, „Lind“, „bitte“ rhythmisch gepresst wirkt. Im Schlussabschnitt mit den stark emotionalisierten Formulierungen („Wund' an Wunde – o süß Liebchen!“, V. 133; „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“, V. 156) bleibt zwar der vierhebige Puls grundsätzlich gewahrt, wird aber durch Einschübe, Ausrufe und Enjambements so aufgeladen, dass die Strenge des Versmaßes an den inhaltlichen Kulminationspunkten hörbar ins Vibrieren gerät.

3. Welches Reimschema lässt sich erkennen, wie konsequent wird es durchgehalten, und gibt es auffällige Unreinheiten, Assonanzen oder Reimlosigkeit, die eine besondere Funktion nahelegen?

Im Ganzen liegt ein durchgehend gereimter Text vor, der allerdings nicht einem einfachen, symmetrischen Schema (wie etwa Kreuz- oder umarmender Reim) folgt, sondern die Reime in eine eigentliche Kettenstruktur einbaut. In den frühen, sechzeiligen Strophen lässt sich schematisch etwa ein Muster wie a b a b a c beobachten, wobei das a meist der wiederkehrende Untergangs-Vers („Einsam will ich untergehen“) und der Stern-Vers („… den ich gesehen“) ist, während Vers 2 und 4 jeweils einen Paarreim bilden: „Keiner soll mein Ende wissen / Von dem Himmel mir gerissen“ (V. 2f.), „Wie die Träne dir im Busen / Mir nicht lächelnd mehr die Musen“ (V. 74f.) usw. Der sechste Vers führt fast immer ein neues Bild und damit eine neue Reimzone ein: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6), „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12), „Wie der Trost in stummen Schmerzen“ (V. 42) usw. Das Besondere ist nun, dass dieses Schlusswort der Strophe in der folgenden Strophe wieder aufgegriffen und reimlich weitergeführt wird: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6) – „Wie ein Pilger in der Wüste / … zum letzten Male grüßte“ (V. 8–10); „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12) – „Wie ein Bettler auf der Heide / Gibt der Stern … das Geleite“ (V. 14–16). Die Reimstruktur ist also selbst als „Kette“ organisiert: Der Schlussreim einer Strophe liefert das Material für den nächsten Vergleich und die nächste Reimgruppe.

Diese Kettenbildung wird in der langen Mittelpartie des Gedichts erstaunlich konsequent durchgehalten. Immer wieder bilden das substantivische Bildwort und seine Ableitungen eine ganze Reimfamilie: „Schmerzen – verscherzen – Herzen“ (V. 42, 46, 48), „Lippen – Klippen“ (V. 60, 64), „Wangen – Verlangen“ (V. 68, 70), „Busen – Musen“ (V. 72, 76), „Füßen – versüßen“ (V. 78, 82), „Sonne – Wonne“ (V. 86, 88), „Munde – Wunde“ (V. 90, 94), „geboren – verloren“ (V. 96, 100), „Cäcilie – Lilie“ (V. 102, 106), „alleine – weine – bitte“ (V. 108–114). Hinzu kommt als identischer Refrainreim immer wieder das „untergehen“ und das „gesehen“, die zwar streng genommen keine perfekten Reimpaare bilden, aber als Klangfeld von -eh(e)n-Endungen einen starken assonantischen Zusammenhalt stiften. Dieses Nebeneinander von Identreim („untergehen“ – „untergehen“), assonantem Gleichklang („untergehen“ – „gesehen“) und traditionellen Endreimen erzeugt eine Art reimlicher Überfülle, die den litaneiartigen, beschwörenden Charakter des Kettenliedes sehr stark unterstützt.

Auffällige Unreinheiten und Auflockerungen häufen sich vor allem dort, wo der Text aus der streng seriellen Bedingungsform („Wird der Stern… / Will ich einsam untergehen“) in eine direktere, personalisierte Rede übergeht. So ist etwa das kleine Reimfeld um „alleine – weine – bitte“ (V. 110–114) klanglich eher locker zusammengebunden als klassisch „rein“; die ungewöhnliche Namensform „arm Lind / Lindis“ fügt sich nur halbtransparent in die Reimgruppe ein und betont gerade dadurch das Stotternde, bittende Moment des Sprechens. Ab Vers 115 („Einsam muß ich heim nun gehen“) löst sich das starre Sechszeilenraster zunehmend, die Reime ordnen sich eher in Paaren und Gruppen („gehen – flehen – zugesehen“, „bitte – bitte – Mitte“) als in klaren Strophenschemata; im Schlussbereich dominieren dichte Paar- und Binnenreime („Liebchen – Grübchen“, „eindrücket – zücket“, „schießet – schließet“, später „Kissen – müssen“, „Lilie – Cäcilie“, „spreissen – umschließen“, „Schmerzen – Herzen – Tränen – Sehnen“). Diese Verdichtung und gleichzeitige Lockerung der ursprünglichen Kettenordnung hat eine deutliche Funktion: Sie markiert den Übergang vom formal gebundenen Schwur- und Bedingungslied zur unmittelbaren, übervollen Liebesrede und zum Jahresend-Schlussbild, in dem die starre Reimkette zugunsten einer beinahe überbordenden Klangfülle und eines emotionalen Ausbruchs aufgesprengt wird.

4. Wie verhalten sich Satzbau und Zeilenbau zueinander: Wo entstehen Enjambements, harte Zeilensprünge oder syntaktische Klüfte, und welche Wirkung haben sie auf Tempo und Lesebewegung?

Im ersten, großen Teil des Gedichts gehen Satzbau und Zeilenbau vergleichsweise geordnet ineinander über. Die Strophen sind meist in zwei größere Satzperioden gegliedert: Zunächst steht der eigenständige Vorsatz „Einsam will ich untergehen“ mit einem nachgestellten, ebenfalls abgeschlossenen Satz („Keiner soll mein Ende wissen“, V. 1–2), dann folgt eine längere Bedingungskonstruktion: „Wird der Stern, den ich gesehen, / Von dem Himmel mir gerissen, / Will ich einsam untergehen / Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 3–6). Der Satz läuft hier über vier Verse hinweg; die Zeilenbrüche fallen in der Regel in syntaktisch weiche Fugen: nach Relativklausel („den ich gesehen, / Von dem Himmel mir gerissen“) oder vor einer Vergleichspartikel („untergehen / Wie ein Pilger …“). Solche Enjambements verlangsamen die Lesebewegung leicht und geben den bedingten und wiederholten Formeln etwas Beschwörendes, ohne dass es zu harten syntaktischen Brüchen käme.

Über viele Strophen hinweg wiederholt sich dieses Muster: ein kurzer, selbständiger Vorsatz („Einsam will ich untergehen“ bzw. später „Einsam muß ich heim nun gehen“) steht vor einer mehrzeiligen Wenn- oder Wird-Konstruktion, an die sich der Hauptsatz mit dem „untergehen“-Refrain anschließt. Die typischen Stern-Zeilen – „Wird der Stern, den ich gesehen“ (V. 3, 39), „Sollt’ den Stern, den ich gesehen“ (V. 45), „Kehrt der Stern, den ich gesehen“ (V. 51), „Geht der Stern, den ich gesehen“ (V. 99) – laufen meist über zwei Verse („… den ich gesehen / Nicht mehr auf mein Dornenbette“, V. 27–28), so dass der Leser über den Zeilenbruch hinweg auf die entscheidende Bedingung („nicht mehr“, „nie mehr“, „je verloren“) hingezogen wird. Die Enjambements sind hier fast immer „sanft“: Sie dienen der Kettenbildung und dem liedhaften Fluss, indem sie die Sätze strecken und das erwartbare „Will ich einsam untergehen“ hinauszögern. Die Lesebewegung bleibt ruhig und gleichmäßig, eher wie ein sich wiederholendes Gebet, als dass sie stockt oder hart bräche.

Markanter werden Sprünge und syntaktische Klüfte dort, wo das Gedicht aus der strengen Bedingungsform in einen direkteren, personalisierten Sprechgestus umkippt. Bereits „Wie allein, allein, alleine“ (V. 110) steht als fast isolierter, stark repetitiver Vers im Raum; er wirkt wie ein syntaktischer Einschub, der den gewohnten Bau der Wenn-/Dann-Perioden kurz durchbricht und das Gefühl nackter Vereinzelung hörbar macht. Noch deutlicher ist der Wechsel in den Versen mit „arm Lind“: „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ (V. 114) und „Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 116) verteilen eine einzige, in sich schon abgebrochene Bitten-Formel auf mehrere Zeilen. Der Name („Lind“, „Lindis“), die Wiederholung „bitte, bitte“ und die Stellung im Vers erzeugen eine leicht stolpernde, gepresste Syntax, in der der Satzbau nicht mehr so glatt über den Zeilenfluss gelegt ist. Dadurch gewinnt der Text an Unmittelbarkeit: Er klingt weniger wie eine von außen geordnete Litanei, mehr wie ein im Sprechen ins Stammeln geratener Hilferuf.

Im Schlussabschnitt ab Vers 127 verdichtet sich diese Tendenz. Die Sätze werden länger und verschachtelter („Stern willst du jetzt schlafen gehen? / Tauch’ zu meines Herzens Grunde, / Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen, / Es ist dein und Wund’ an Wunde“, V. 129–132), gleichzeitig werden sie durch Gedankenstriche, Ausrufe und Parenthesen innerlich zerstückelt: „Wund’ an Wunde – o süß Liebchen! / Neue Wunde ist das Grübchen“ (V. 133–134). Die Zeilenbrüche fallen hier öfter mitten in betonte, semantisch dichte Einheiten („Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen“, V. 148–150), so dass wirkliche syntaktische Klüfte entstehen: Der Leser wird über einen Bruch hinweg weitergetrieben, der Inhalt wirkt zugleich drängend und unsicher gehalten. Auch die Schlussbewegung „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen, / Selig starb die letzte Rose / Still entblättert ihr im Schoße!“ (V. 156–158) springt in drei kurzen Versen vom abstrakten Jahresadressat zur konkreten Rose im Schoß der Geliebten; die Syntagmen sind knapp, aber semantisch weit auseinanderliegend, was die letzte Bildwendung als plötzlichen, intensiven Abschluss erscheinen lässt. Insgesamt lässt sich sagen: Während der erste Teil des Gedichts durch relativ glatte, über die Zeilen gestreckte Satzperioden mit eher weichen Enjambements geprägt ist, bricht der zweite Teil diese Ordnung zunehmend auf; die Lesebewegung wird unruhiger, beschleunigt und emotional verdichtet, was der inneren Steigerung von litaneiartiger Klage zur unmittelbaren Liebesrede entspricht.

5. Welche wiederkehrenden formalen Muster strukturieren das Gedicht, und wie tragen sie zur thematischen Kohärenz bei?

Mehrere auffällige Wiederholungs- und Kettenmuster durchziehen das Gedicht und halten den sehr langen Text formal zusammen. Das auffallendste ist die Refrainformel „Einsam will ich untergehen“, die in den frühen Strophen immer wieder als eröffnender oder antwortender Vers erscheint (V. 1, 5, 7, 11, 13 usw.) und später in Varianten wiederkehrt („Einsam muß ich heim nun gehen“, V. 115, 121). Dazu tritt als zweites Leitmotiv die Sternformel: „Wird der Stern, den ich gesehen“ (V. 3), „Wenn der Stern, den ich gesehen“ (V. 9), „Gibt der Stern den ich gesehen“ (V. 15), „Sollt’ den Stern, den ich gesehen“ (V. 45), „Kehrt der Stern, den ich gesehen“ (V. 51), „Geht der Stern, den ich gesehen“ (V. 99) und andere Varianten. Diese Sternverse erscheinen fast ausnahmslos im Konditional- oder Bedingungsmodus und führen regelmäßig zum Refrain „Will ich einsam untergehen“. Drittens steht das immer wiederkehrende „Wie …“-Schema: Fast jede Strophe schließt oder kulminiert in einem Vergleichsbild („Wie ein Pilger in der Wüste“, V. 6; „Wie ein Bettler auf der Heide“, V. 12; „Wie ein Sklave an der Kette“, V. 24; „Wie ein Schwanenlied im Tode“, V. 30 usw.). In der Mitte des Gedichts verschiebt sich dieses Vergleichsfeld zunehmend vom Äußeren ins Innere: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48), „Wie mein Blick in deinen Blicken“ (V. 54), „Wie die Blume deiner Lippen“ (V. 60), „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ (V. 66), „Wie die Träne dir im Busen“ (V. 72), „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ (V. 78), „Wie mein Licht in deiner Sonne“ (V. 84), „Wie dein Nam’ in Todes Munde“ (V. 90), „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ (V. 96). Damit entsteht ein engmaschiges Geflecht von Wiederholungen: Untergangsformel, Sternformel und Vergleichsformel greifen beständig ineinander. Thematisch stiftet dies Kohärenz, indem alle Veränderungen – verschiedene Bilder, gesteigerte Gefährdungen, neue seelische Zustände – an denselben beiden Achsen aufgehängt bleiben: die Einsamkeit des Untergehens und die Bindung an den Stern als Liebes- und Schicksalszentrum.

Ein zweites, sehr charakteristisches Muster ist die eigentliche Kettenbildung zwischen den Strophen. Der Schlussvers einer Strophe liefert nahezu immer das Bildwort oder Reimwort, das die nächste Strophe aufgreift und fortführt: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6) – „Einsam will ich untergehen / Wie ein Pilger in der Wüste / Wenn der Stern den ich gesehen / Mich zum letzten Male grüßte“ (V. 7–10); „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12) – „Einsam will ich untergehen / Wie ein Bettler auf der Heide / Gibt der Stern den ich gesehen / Mir nicht ferner das Geleite“ (V. 13–16); ähnlich „Schmerzen – verscherzen – Herzen“ oder „Busen – Musen“ usw. Das Gedicht organisiert sich damit als fortlaufende, formal gestaltete Kette von Bildern, wobei jeder neue Abschnitt an den vorangegangenen anklinkt. Diese Technik bewirkt, dass der Text trotz seiner Länge nicht in lose Einzelstrophen zerfällt: Jeder Vergleich, jedes Reimwort hat eine Vorgeschichte und wird noch einmal wiederaufgenommen. Die thematische Wirkung besteht darin, dass die Abhängigkeit des Ichs vom Stern, seine Fesselung und die Unentrinnbarkeit seiner Lage nicht nur erzählt, sondern in der Struktur nachgebildet wird: Wie der „Sklave an der Kette“ (V. 24) ist auch das Gedicht an seine eigenen Refrains, Reimfamilien und Bildwiederholungen gekettet; es kann sich nur in immer neuen, doch formgleich geführten Varianten derselben Grundbewegung drehen.

Schließlich prägt die Gliederung in zwei große Abschnitte die Gesamtform: Der erste, sehr regelmäßige Teil (bis etwa Vers 114) entfaltet streng das Bedingungs- und Kettenliedschema („Wenn der Stern … / Will ich einsam untergehen …“). Ab Vers 115 kommt es zu einer sichtbaren Verschiebung: „Einsam muß ich heim nun gehen“ (V. 115) formuliert keinen hypothetischen Schwur mehr, sondern eine tatsächliche Bewegung des lyrischen Ichs. Der Stern wird direkter angeredet („Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“, V. 128), die Vergleichsformel bleibt, wird aber stärker in bildreiche Liebesrede und Jahreswend-Symbolik eingebettet („Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen, / Selig starb die letzte Rose / Still entblättert ihr im Schoße!“, V. 156–158). Wiederholungsmuster wie „Wund’ an Wunde“, „Rose“, „Dornen“, „Kranz von Schmerzen“ fassen hier die vielfältigen Motive des Gedichts zusammen und führen sie in ein Schlussbild: der Kranz von Schmerzen im Herzen des Ich, der Rosenzaun um Cäcilie, die letzte Rose im Schoß der Geliebten. So arbeiten die formalen Ketten und Refrains darauf hin, die thematische Klammer zwischen Liebesfessel, Sklaverei, Buße und Jahresende sichtbar zu machen und dem langen Text eine klare innere Achse zu geben.

6. In welchem Verhältnis stehen Form und Gattung: Bestätigt die äußere Gestalt ein gattungstypisches Erwartungsschema oder wird dieses bewusst unterlaufen?

Die äußere Gestalt bestätigt zunächst sehr deutlich ein gattungstypisches Erwartungsschema: Das Gedicht tritt als streng strophisch gegliedertes, stark refrains- und motivgebundenes Lied auf, das an Volkslied, Kettenlied und klagendes Liebeslied erinnert. Die ständig wiederkehrende Formel „Einsam will ich untergehen“ (später: „Einsam muß ich heim nun gehen“), die konditionalen Sternverse („Wird / Wenn / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern, den ich gesehen“) und die serielle „Wie …“-Vergleichsstruktur sind typische Bausteine eines liedhaften, potenziell singbaren Textes. Die lange Reihe von sechszeiligen Strophen, die Wiederholung gleicher syntaktischer Muster und das Kettenprinzip der Reime rücken das Gedicht deutlich in die Nähe des Kettenlieds und der litaneiartigen Klage: formal scheint es damit ein Liebes- und Klagegedicht in einer volkstümlich anmutenden, leicht merkbaren Form zu sein, wie man sie aus der romantischen Liedtradition (bis hin zum Wunderhorn-Ton) kennt.

Gerade im Vollzug dieses Kettenlied-Schemas beginnt das Gedicht jedoch, gattungstypische Erwartungen zu übersteigen und zu unterlaufen. Zum einen sprengt die extreme Länge mit 23 Strophen und 158 Versen das übliche Maß eines Liedes: Die Liedform wird nicht als knappes Gebilde, sondern als ausgreifende, zunehmend überladene Kettenstruktur verwendet, in der die Motive sich immer dichter umeinander legen. Zum anderen verschiebt sich die Gattungsprägung im Verlauf: Was wie ein bedingtes Liebesklagelied beginnt („Wenn der Stern …, will ich untergehen“), gleitet zunehmend in eine gebetsähnliche, ja liturgisch gefärbte Rede über, in der der Stern Züge eines Heils- und Gnadensterns annimmt, und im Schlussabschnitt in eine hochkonzentrierte Jahresend-Szene mit Rosenkranz-, Dornen- und Bußsymbolik überführt wird. Damit mischt das Gedicht Töne des Liebesgedichts, des Buß- und Andachtsliedes und des Jahreswendlieds. Auch der Titel „Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde“ führt ein gattungstypisches Bild – die Klage des Geknechteten – ein, das dann überraschend innerlich gewendet wird: Der „Sklave“ ist kein sozialer, sondern ein in Liebe und Buße Gefesselter, die Kette ist zugleich Liebesband und Bußkranz. In dieser Spannung von bestätigter Lied- und Klageform einerseits und bewusster Übersteigerung und religiöser Umcodierung andererseits entsteht eine eigentümliche Hybridgestalt, in der die formale Strenge des Kettenliedes die existenzielle und theologisch aufgeladene Bindung des Ichs performativ miterzeugt und zugleich das gängige Liebesliedschema bewusst überbietet.

2. Sprechsituation

1. Wer spricht im Gedicht: Lässt sich eine bestimmte Sprecherfigur, ein lyrisches Ich oder eine Rollenstimme erkennen, und wie stark wird diese Stimme individualisiert?

Im Gedicht spricht ein deutlich markiertes lyrisches Ich, das sich selbst in der ersten Person als radikal gebundenes, liebendes und leidendes Subjekt inszeniert. Schon die ständig wiederholte Grundformel „Einsam will ich untergehen“ macht hörbar, dass hier nicht eine neutrale Erzählinstanz oder ein kommentierender Beobachter spricht, sondern ein Ich, das sein eigenes Schicksal in bedingungsreichen Selbstzuschreibungen entwirft: Ich werde untergehen, wenn der Stern mich verläßt, wenn er nicht mehr grüßt, nicht mehr leitet, nicht mehr tröstet. Dieses Ich ist zugleich Rollenfigur: Im Titel nennt es sich „Sklave“, der an die „Fesselnde“ gekettet ist, und in den Vergleichsbildern dehnt es seine Selbstbeschreibung aus zu Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Sklave an der Kette, Schwanenlied im Tode, Trost in stummen Schmerzen, Kind, das stirbt, eh’ geboren. Die Sprecherstimme ist damit sowohl ein einheitliches Subjekt als auch eine Folge von Rollenmasken, in denen sich seine Lage spiegeln und steigern soll.

Diese Stimme wird im Verlauf des Gedichts zunehmend individualisiert. Zunächst scheint das Ich relativ allgemein als leidender Liebender konturiert, der an einen mythisch-poetischen „Stern“ gebunden ist. Doch dieser Stern erhält im Laufe der Strophen deutliche Konturen: Er ist „Stern der Lieb’“ (V. 128), er ist mit der Gestalt „Cäcilie“ verknüpft (V. 102, 104), die als „Lilie“ angesprochen wird (V. 106, 142), und er verbindet sich mit einem sehr konkreten Jahresmoment („zur letzten Stunde des Jahres 1834“, Titel; „wie dies Jahr zur zwölften Stunde“, V. 126). Die Formen „arm Lind“ und „Lindis“ (V. 114, 116) deuten zusätzlich auf eine eigentümlich intime, fast privatisierte Sphäre von Anrede und Kosenamen hin und lassen erkennen, dass hinter dem Sternbild eine historisch greifbare Person steht. So verschiebt sich die Sprecherfigur vom abstrakten Liebes-Ich hin zu einer deutlich erkennbaren, biographisch gefärbten Stimme, deren Rede mehr ist als bloßes Rollenklischee: Sie ist emotional aufgeladen, in ihrer Situation genau datiert und in ihren Beziehungskonstellationen konkretisiert.

Gleichzeitig wahrt das Gedicht trotz dieser Individualisierung einen deutlichen Rollencharakter. Das Ich spricht als „Sklave an der Kette“, als Büßer, als in Dornen stehende Liebe, und dramatisiert sich im Bildkreis von Sklaverei, Kranz, Dornen und Rosen zu einer exemplarischen Figur des in Liebe Gefesselten. Das „Ich“ ist somit beides: eine starke, in Namen, Bildern und Datierungen konkret profilierte Person und eine poetische Verdichtung des existentiell gebundenen Menschen, dessen Freiheit im Bann einer einzigen Liebesbeziehung steht. Die Kettenform des Gedichts selbst – die immer gleichen Formeln, die sich festkrallen: „Will ich einsam untergehen“, „den Stern, den ich gesehen“ – bildet diese Gefesseltheit der Sprecherstimme formal nach: Die Stimme kann gar nicht anders sprechen, als in der Wiederholung derselben Bindung und derselben Drohung. Darin gewinnt sie eine hohe psychologische Prägnanz, die über eine bloße Rollenstimme hinausgeht und das lyrische Ich als tief affektiv bestimmte, in sich gespannte und zugleich religiös aufgeladene Bewusstseinsmitte erfahrbar macht.

2. An wen richtet sich der Text?

Im Vordergrund steht eindeutig eine adressierte Du-Figur, die sich im Laufe des Gedichts immer stärker konkretisiert. Zunächst spricht das Ich allerdings nur scheinbar „ins Offene“: Es redet von „dem Stern, den ich gesehen“, also in der dritten Person, als ob es sein Schicksal eher vor sich selbst oder vor einem unbestimmten Schicksalsstern ausbreitet. In dieser frühen Phase wirkt der Text monologisch: Das Ich legt in litaneiartigen Bedingungssätzen Gelöbnisse ab („Wird der Stern … / Will ich einsam untergehen“), ohne ein explizites Du anzusprechen. Der Stern fungiert dabei noch als Bildträger für eine Macht, die das Leben leitet, tröstet, verläßt – aber nicht als unmittelbar adressierte Person.

Im Verlauf der mittleren Strophen kippt dieser Monolog immer deutlicher in eine direkte Anrede. Zunächst schleichen sich einzelne Du-Signale ein: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48), „Wie mein Blick in deinen Blicken“ (V. 54), „Wie die Blume deiner Lippen“ (V. 60), „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ (V. 66), „Wie die Träne dir im Busen“ (V. 72), „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ (V. 78), „Wie mein Licht in deiner Sonne“ (V. 84), „Wie dein Nam’ in Todes Munde“ (V. 90). Später wird die Adressatin namentlich gefaßt: „Wie mein Herz vor dir Cäcilie“ (V. 102), „O mein Stern, dein süßes Flehen“ (V. 117), „Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ (V. 128), „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie“ (V. 141–142). Das Du verdichtet sich also in einer konkreten, weiblichen Gestalt („Lilie“, „Liebchen“, „Cäcilie“), die zugleich mit dem Sternbild verschmilzt. Wenn von „arm Lind“ und „Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 114, 116) die Rede ist, wird diese Adressatin sogar in eine Art halb-intimen Kosenamenraum hineingenommen, dessen eigentliche Intimität sich nur indirekt über das Zitieren des „bitte, bitte“ erschließt.

Daneben gibt es Nebenadressaten, die den Grundgestus der Liebesrede jedoch nicht überlagern, sondern akzentuieren. Wenn das Ich sagt: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“ (V. 156), wird das Jahr 1834 als Person angesprochen, der Text richtet sich momentweise an die Zeit selbst – als wäre der Jahreswechsel Gesprächspartner der inneren Krise. In den wiederholten Schwüren „Einsam will ich untergehen“ scheint außerdem ein verdecktes, „stilles“ Gegenüber mitzuschwingen: Man kann diese Formel auch als Gelöbnis vor Gott oder vor einer höheren Instanz hören, ohne dass das Gedicht dies explizit ausführt. Doch auf der unmittelbaren Ebene der Rede bleibt klar: Der Text richtet sich primär an die „Fesselnde“, an den Liebesstern in der Gestalt der Cäcilie; alle anderen Adressierungen – an das Jahr, an den Stern in dritter Person, an ein mögliches göttliches Du – sind Umwege und Spiegelungen dieser einen zentralen Du-Figur, von der das Ich sich existenziell abhängig weiß.

3. In welcher Sprechhaltung äußert sich die Stimme?

Die Stimme spricht insgesamt in einer stark affektiv aufgeladenen, zugleich aber formal gebändigten Sprechhaltung, die sich zwischen Schwur, Klage, Beschwörung und Gebet bewegt. Schon die immer wiederholte Formel „Einsam will ich untergehen“ ist kein bloßer Bericht, sondern ein performativer Akt: Das Ich legt einen Schwur ab, ja fast eine Selbstverfluchung – „wenn der Stern …, dann will ich untergehen“. Die Sprechhaltung ist damit von Anfang an extrem: Sie entwirft die eigene Existenz ausschließlich im Horizont einer Bedingung, nämlich der Treue oder Untreue des Sterns. Zugleich trägt der Ton etwas Litaneihaftes: Die Kettenform, die Wiederholungen, die ruhige Bewegung der Konditionalsätze verleihen der Rede etwas Beschwörendes, als würde das Ich seine eigene Fesselung in einer Art monotoner, aber innerlich hochgespannter Gebetsformel immer wieder vor sich hersagen, um sie zu bestätigen und zu verfestigen.

Im mittleren Teil des Gedichts verschiebt sich die Sprechhaltung zunehmend von der distanzierteren, bedingenden Selbstzuschreibung hin zu einer direkten, zärtlich-intimen Liebesrede. Die Vergleiche werden körpernäher und innerlicher („Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie die Blume deiner Lippen“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“), und mit der Namensnennung „Cäcilie“ sowie den Kosenamen („Lilie“, „Liebchen“, „arm Lind“, „Lindis ›bitte, bitte‹“) kippt der formerly fast formelhafte Schwur in eine sehr persönliche Bitte, ja in eine kindlich gefärbte, flehende Sprechhaltung. Wenn das Ich „bitte, bitte“ zitiert, spricht es nicht mehr nur im großen Pathos der Sklaverei und des Untergangs, sondern erinnert und beschwört ein ganz kleines, intimes Flehen, das zwischen den Liebenden stattgefunden hat. Die Stimme schwankt hier zwischen Selbsterniedrigung („Sklave an der Kette“) und zärtlicher Hingabe; sie ist demütig, bittend, bisweilen fast kindlich – und gerade dadurch psychologisch besonders exponiert.

Zum Schluss verdichtet sich diese Sprechhaltung zu einer Mischung aus ekstatischer Liebesrede und bußhafter Andachtsform. Der Stern wird ausdrücklich als „Stern der Lieb’“ angerufen, das Jahresende tritt als symbolischer Rahmen hinzu („Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“), und die Bilder von Dornen, Rosen, Kranz von Schmerzen, Wund an Wunde erinnern stark an geistliche, passionale Bildwelten. Die Stimme spricht nun nicht mehr nur im Modus eines hypothetischen Schwurs, sondern als einer, der bereits gelitten, gebüßt, gefesselt wurde und sich in dieser Lage zugleich findet und heiligt. Sprechhaltung und Geste verbinden hier eine äußerste Verletzlichkeit („Wund’ an Wunde – o süß Liebchen!“) mit einem fast mystischen Pathos der Liebeshingabe: Das Ich stellt sich selbst bewusst in den Schmerz hinein („Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, / Soll mein Lieben dich umschließen / Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“), spricht dabei aber nicht in heroischer Pose, sondern in einer leisen, tränengetönten, demütigen Rede.

Insgesamt lässt sich sagen: Die Sprechhaltung ist hochgradig existentiell und dabei erstaunlich unironisch, ohne Abstand und Schutzmechanismen. Sie oszilliert zwischen klagender Selbstverfluchung, bittender Liebeshingabe, liturgischer Beschwörung und stiller Bußgebärde; eben diese Mischung macht den Ton so charakteristisch: Das Ich spricht so, als sei die Liebe zu Cäcilie zugleich sein Gerichtsort, sein Altar und sein letzter Zufluchtsort.

4. Welche zeitliche und räumliche Situation wird implizit oder explizit gesetzt?

Im Gedicht ist die zeitliche Situation ungewöhnlich klar markiert und zugleich vielschichtig überblendet. Explizit setzt schon der Titel den Rahmen: Das „Kettenlied“ ist „zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen“ – der Sprechakt wird also an einen ganz bestimmten, einmaligen Zeitpunkt gebunden: die Schwelle zwischen dem 31. Dezember 1834 und dem neuen Jahr. Diese Setzung wird im Text selbst wieder aufgenommen und innerlich zugespitzt: „Mußt doch einsam untergehen / Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“ (V. 125–126) verknüpft das Schicksal des Ichs mit dem „Untergehen“ des Jahres zur Mitternacht. Wenn wenig später heißt: „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ (V. 127–128), verdichtet sich der Moment zur Kairos-Sekunde: „jetzt“ ist nicht irgendein Jetzt, sondern die exakt gesetzte Schwelle, an der Jahr, Liebe und Sternschicksal sich kreuzen.

Diese punktuelle Zeitmarke ist jedoch in eine längere, rückblickende Dauer eingebettet. Immer wieder blickt das Ich auf eine ausgedehnte Leidenszeit zurück: Das ganze Jahr erscheint als Zeit der Buße und der inneren Arbeit an der Liebe – „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen, / All erbaut in bangem Sehnen, / All betaut von heißen Tränen“ (V. 148–152). Hier wird das vergangene Jahr als Prozess des „Erblühens“ eines Schmerzenskranzes im Herzen erzählt; die Gegenwart der letzten Stunde ist damit eine Bilanzzeit: Der Augenblick der Rede sammelt und verdichtet ein ganzes Jahr der Tränen, der Sehnsucht und des Bußhandelns. Zugleich ist die Zeitstruktur zirkulär: Durch die litaneiartige Wiederholung („Wenn der Stern … / will ich untergehen“) und die Kettenform der Strophen erhält der Text den Charakter eines immer wiederkehrenden inneren Rituals. Linearer Jahreslauf (es geht auf ein Ende zu) und kreisförmige, fast liturgische Wiederkehr (immer dieselben Formeln, dieselben Drohungen) überlagern sich.

Räumlich bleibt das Gedicht auffällig unbestimmt, es benennt keinen konkreten Ort (Stadt, Zimmer, Landschaft) im realistischen Sinn, sondern arbeitet fast ausschließlich mit Bildräumen und Innenräumen. Die frühen Strophen spannen eine Reihe extrem zugespitzter, oft lebensgefährdeter Räume auf: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6, 8), „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12, 14), „Wie der Mond in wüsten Meeren“ (V. 36, 38), „Wie der Tag im Abendgrauen“ (V. 18, 20). Wüste, Heide, wüste Meere, Abendgrauen sind keine kartographisch bestimmbaren Orte, sondern Zustandsräume: Sie markieren Verlassenheit, Orientierungslosigkeit, Randzonen von Leben und Tod. Dazu kommen kosmische Räume: „Wird der Stern, den ich gesehen, / Von dem Himmel mir gerissen“ (V. 3–4), „Wie der Mond in wüsten Meeren“, „Wie mein Licht in deiner Sonne“ (V. 85) – der Stern hängt „am Himmel“, der Mond steht über den Meeren, die Sonne bildet einen zweiten, noch größeren Lichtraum. Zeit und Raum sind hier über den Stern vermittelt: Zwischen dem „Himmel“ und dem „Herzen“ spannt sich eine vertikale Achse, an der sich das Schicksal des Ichs entscheidet.

Parallel dazu verdichtet das Gedicht die räumliche Situation zunehmend ins Intime und Innere. Die Vergleiche rücken immer näher an den Körper des Du und des Ich: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48), „Wie mein Blick in deinen Blicken“ (V. 54), „Wie die Blume deiner Lippen“ (V. 62), „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ (V. 66), „Wie die Träne dir im Busen“ (V. 74), „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ (V. 80), „Wie dein Nam’ in Todes Munde“ (V. 92). Der primäre Raum ist nun nicht mehr Wüste oder Heide, sondern der unmittelbare Kontakt zwischen Herzen, Blicken, Lippen, Wangen, Busen, Füßen. Noch deutlicher wird das im Schlussabschnitt: „Ruh’ fein still am kleinen Kissen – / Ach ich hab’ dran weinen müssen!“ (V. 139–140) evoziert ein Schlafzimmer, ein Bett, ein Kopfkissen – der Schauplatz der letzten Stunde ist offenbar ein Innenraum, in dem die Geliebte ruht und das Ich, vielleicht getrennt von ihr, geweint hat. Der Bildkomplex „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie“ (V. 141–142) und der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen (V. 148ff.) machen deutlich, dass sich der entscheidende Raum noch einmal enger schließt: Er ist das eigene Herz, das um die Geliebte wie ein Dornen-Rosen-Zaun gelegt ist.

Schließlich treten auch kleine Bewegungsangaben hinzu, die die räumliche Situation in Andeutungen verorten: „Einsam muß ich heim nun gehen / Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 115–116) verrät, dass das Ich sich in Bewegung befindet, den Weg „heim“ antritt, offenbar von einer Begegnung oder einem Gespräch her, in dem das „bitte, bitte“ gefallen ist. Die Rede vollzieht sich also zeitlich in der Nacht des Jahreswechsels, räumlich in einer Mischung aus innerem Weg nach Hause, Schlafzimmernähe und innerem Herzraum, in den der Stern einzutauchen aufgefordert wird: „Tauch’ zu meines Herzens Grunde, / Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen, / Es ist dein und Wund’ an Wunde“ (V. 130–132). Die reale Außenwelt bleibt dagegen bewusst schemenhaft und unbestimmt; das Gedicht interessiert sich weniger für einen konkreten topographischen Schauplatz als für den existentiellen, symbolisch aufgeladenen Raum zwischen Himmel und Herz, zwischen Nacht, Kissen und Jahrenschwelle, in dem sich alles entscheidet.

5. Aus welcher Perspektive wird gesprochen, und wie verschiebt sich diese Perspektive eventuell im Verlauf?

Die Rede ist durchgehend in einer Ich-Perspektive geführt, doch diese Ich-Perspektive verändert im Verlauf deutlich ihren Fokus und ihren Horizont. Zu Beginn dominiert eine stark subjektive, zugleich aber erstaunlich „von außen“ formulierte Perspektive: Das Ich spricht von sich, als entwerfe es in einer Art innerem Vertrag die Bedingungen seines Schicksals. Die Grundformel „Einsam will ich untergehen“ ist zwar eindeutig subjektiv („ich will“), greift aber kaum in eine gegenwärtige Szene ein, sondern skizziert mögliche Zukünfte: Was geschieht, wenn der Stern sich abwendet, wenn er nicht mehr grüßt, nicht mehr leitet, nicht mehr tröstet. Die Perspektive richtet sich in diesen frühen Strophen weniger auf innere Zustände im Augenblick, sondern auf denkbare Konstellationen: „Wird der Stern …, / Will ich …“. Man könnte sagen: Das Ich spricht aus einer hypothetischen, antizipierenden Zukunftsperspektive, in der es sich selbst beim Untergehen vorweg imaginiert. Zugleich schaut dieses Ich „zum Stern“ hinauf – die Blickrichtung geht vom Innen nach oben, von der Erde zum Himmel, und bleibt dabei noch relativ distanziert: Es ist der Stern „den ich gesehen“, über den gesprochen wird, nicht zunächst das Du, das jetzt anwesend wäre.

Je weiter das Gedicht voranschreitet, desto stärker verengt sich diese Perspektive auf die unmittelbare Beziehung zwischen Ich und Du. Die Vergleichsformeln „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“ markieren eine Perspektivverschiebung ins Innere und Ins-Nächste: Das Ich schaut nicht mehr nur von außen auf einen Stern am Himmel, sondern von innen auf Bewegungen zwischen zwei Körpern, zwei Herzen, zwei Blicken. Die Perspektive wird damit intimer, mehr auf die Relation gerichtet als auf den Ablauf von Bedingungen. An die Stelle des hypothetischen „wenn – dann“ tritt eine immer stärkere Selbstvergegenwärtigung: Das Ich erinnert, wie es geschaut, geküßt, geweint, gedankt hat, und es entwirft zugleich, wie es künftig leiden und untergehen wird. Im Bereich der Verse um „arm Lind“ und „Lindis ›bitte, bitte‹“ schiebt sich eine fast protokollhafte Erinnerungs-Perspektive ein: Das Ich zitiert eine konkrete Bitte, evoziert einen kleinen Dialogausschnitt und spricht damit aus der Rückschau auf ein erlebtes Du-Wort.

Im letzten Drittel verschiebt sich die Perspektive weiter, indem sie sich stärker auf den Augenblick und auf eine Art inneres „Jetzt“ konzentriert. Die Sätze „Einsam muß ich heim nun gehen“ oder „Und mein Herz brach in der Mitte“ sind keine hypothetischen Entwürfe mehr, sondern rückblickende oder gegenwartsnahe Feststellungen: Das ist geschehen, das geschieht jetzt. Gleichzeitig öffnet sich die Perspektive in eine größere, fast kosmische Dimension: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“, „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ – hier spricht das Ich gewissermaßen aus einer Schwellenperspektive, in der sein persönliches Schicksal mit dem Gang von Jahr und Zeit, von Untergang und Auferstehung verschränkt wird. Die Blickrichtung ist doppelt: nach innen (zum „Herzens Grunde“, der dem Stern geöffnet wird) und nach außen (zum Jahr, das angesprochen und entlassen wird).

Insgesamt zeichnet sich damit ein deutliches Bewegungsschema ab: Aus einer anfänglich eher distanzierten, vertraglich-bedingenden und in die Zukunft projizierten Ich-Perspektive („wenn der Stern… dann will ich…“) wächst eine immer dichtere, rückblickend-erinnernde, intim zugewandte Sicht auf die Liebesbeziehung; diese wiederum mündet in eine gegenwartsbezogene Schwellenperspektive, in der das Ich seinen eigenen Schmerz im Licht des Jahreswechsels und eines größeren Heilshorizonts betrachtet. Die Perspektive wird also nicht einfach linear „subjektiver“, sondern durchläuft verschiedene Stufen – vom entwerfenden Schwur über die erinnernde Nähe bis zur existentiellen Gegenwartsbilanz, in der Innenwelt, Du-Beziehung und kosmische Zeitachse ineinanderfallen.

6. Wie ist das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber charakterisiert?

Das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber ist von Anfang an radikal asymmetrisch und zugleich von einer extremen Innerlichkeit geprägt. Der Sprecher inszeniert sich als „Sklave an der Kette“, die Adressatin als „Fesselnde“: Sie ist der Stern, der über ihm steht, sein Leben leitet, sein Leiden lindern oder verschärfen kann, während er selbst nur reagieren, bitten, büßen, schwören kann. Schon die Grundstruktur der Bedingungssätze macht dieses Machtgefälle sichtbar: „Wird / geht / kehrt / lacht der Stern, den ich gesehen …, will ich einsam untergehen.“ Die Bewegung geht immer vom Du aus, das Ich hängt daran, es bindet sein eigenes Schicksal ohne Vorbehalt an jede Regung des Sterns. Die Geliebte erscheint als Lichtquelle, Wegweiserin, Friedensbote, Lindrung der Wunde; ihr Blick, ihr Lächeln, sogar ihr bloßes Weiterleuchten entscheiden darüber, ob das Ich leben oder untergehen kann. Dabei wird sie zugleich vergöttlicht und entlastet: Wo Schuld im Spiel ist, sieht der Sprecher sie nicht beim Du, sondern bei sich: „Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“ – die größte Angst besteht darin, den Stern durch eigene Unwürdigkeit zu verlieren. Das Du steht damit auf einer Art moralisch-unantastbarem Höhepunkt, während das Ich sich als Büßer und Knecht unterordnet.

Gleichzeitig wird dieses Verhältnis nicht nur als hierarchische Unterwerfungsfigur, sondern als gesteigerte Liebesbindung ausgestaltet. Je weiter das Gedicht voranschreitet, desto näher rücken die Bilder an den Körper und das Innere der Geliebten heran: „mein Herz in deinem Herzen“, „mein Blick in deinen Blicken“, „die Blume deiner Lippen“, „mein Kuß an deinen Wangen“, „die Träne dir im Busen“. Das Verhältnis ist nicht die distanzierte Verehrung eines fernen Gestirns, sondern eine bis ins Körperlichste hinein empfundene Nähe. Gerade in dieser Nähe bleibt das Machtgefälle jedoch bestehen, ja es verschärft sich: Das Ich kann sich nicht aus der Bindung lösen, es ist „gefesselt“ – „Stern, du hast mich angesehen, / Hast gefesselt meine Schritte“ –, und es will diese Fesselung zugleich. Wenn der Sprecher später sagt „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, / Soll mein Lieben dich umschließen / Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“, zeigt sich eine paradoxe Konstellation: Er schützt sie, umgibt sie mit Liebe wie mit einem Zaun aus Rosen, nimmt alle Dornen, allen Schmerz auf sich, um sie unversehrt zu lassen. Das Verhältnis ist damit zugleich kniend-dienend und aktiv-schützend: Er macht sich klein und schwach, um der Geliebten eine umso größere, reine Unversehrtheit zuzuschreiben.

Eine besondere Spannung entsteht daraus, dass die Adressatin im Text fast völlig stumm bleibt. Wir hören nur ein einziges zitiertes Wort von ihr, das doppelte „bitte, bitte“ („Wie arm Lind fleht bitte, bitte. / Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“), und noch dieses kommt nur durch das erinnernde Ich in den Text. Alles andere ist Monolog, Gelöbnis, Beschwörung; die Geliebte ist anwesend, aber nicht als sprechendes Gegenüber, sondern als Angeredete, als Bild, als Stern, der angeschaut und angerufen wird. Das Verhältnis ist damit aus der Sicht des Ich vollständig dialogisch gedacht, tatsächlich aber einseitig gesprochen. Diese Einseitigkeit verstärkt die Abhängigkeit: Wenn das Du sich abwendet, schweigt, nicht mehr leuchtet, bricht für das Ich die Welt zusammen. Gleichzeitig schwingt darin ein feiner Zug zärtlicher Überlegenheit: Nur der Sprecher weiß wirklich, „was ich bitte“, nur er durchmisst in Worten die Tiefe dieser Beziehung, während das Du – so legt es der Vers nahe – gar nicht ahnt, welche existentiellen Konsequenzen seine kleinen Gesten haben könnten. Insgesamt lässt sich sagen: Das Verhältnis ist eine Mischung aus abgrundtiefer Unterwerfung, bedingungsloser Liebeshingabe und stiller Selbstüberhöhung des Liebenden, der sich als leidenden Mittelpunkt einer Beziehung erlebt, in der die Geliebte zugleich ferne Sternmacht, zärtlich-intime Person und unbewusste Ursache seines ganzen Buß- und Schmerzkranzes ist.

3. Aufbau und innere Bewegung

1. Welche Ausgangssituation wird am Anfang des Gedichts gesetzt, und in welchem Zustand findet sich das Sprecher-Ich zu Beginn?

Zu Beginn des Gedichts ist die Ausgangssituation zugleich erstaunlich klar und zugleich noch stark verallgemeinert: Ein Ich spricht aus einem Zustand radikaler Vereinzelung und setzt gleich im ersten Vers programmatisch den Satz: „Einsam will ich untergehen“ (V. 1). Diese Formel ist keine bloße Stimmungsnotiz, sondern eine Art Grundsatzbeschluss: Das Ich kündigt an, dass sein Weg in den Untergang – in Tod, Verstummen, Verschwinden – einsam vollzogen werden soll, ohne Zeugen, ohne Öffentlichkeit („Keiner soll mein Ende wissen“, V. 2). Der Einstieg stellt das lyrische Subjekt also als jemanden vor, der sich innerlich bereits aus der Gemeinschaft der Menschen zurückgezogen hat und sein Schicksal als etwas versteht, das sich im Verborgenen, nur unter dem Blick des Sterns vollzieht. Das Ich ist damit von Anfang an auf eine einzige Instanz bezogen – den „Stern, den ich gesehen“ (V. 3) –, während alle anderen potenziellen Gegenüber ausdrücklich ausgeschlossen sind.

Zugleich ist der existenzielle Kernkonflikt schon in der ersten Strophe vollständig angelegt. Das Ich lebt gewissermaßen im Vorfeld eines drohenden Verlustes: „Wird der Stern, den ich gesehen, / Von dem Himmel mir gerissen“ (V. 3–4), dann will es „einsam untergehen / Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 5–6). Der Stern ist im Moment der Rede noch nicht notwendig verloren – die Bedingung ist in die Zukunft gerichtet –, aber die Möglichkeit seines Entzugs bestimmt schon jetzt den inneren Zustand. Das Ich befindet sich also in einer Schwellenlage: Es spricht aus einer Gegenwart, in der der Stern noch als Erinnerung und vielleicht als aktuelles Licht vorhanden ist, imaginiert aber mit brutalem Konsequenzdenken die Situation, in der dieses Licht verschwände. Die ersten Verse sind damit eine Mischung aus Selbstverfluchung, Drohung und bedingungslosem Liebesschwur: Wer immer dieser Stern ist, sein Entzug soll sofort den Untergang des Ichs nach sich ziehen. Seelisch steht der Sprecher am Anfang des Gedichts in einem hochgespannten Zustand zwischen Angst und Entschlossenheit: er ist innerlich bereits auf Opfer, Einsamkeit und Untergang festgelegt, obwohl der äußerlich entscheidende Verlust (noch) nicht eingetreten ist.

Charakteristisch ist außerdem, dass die Ausgangssituation nicht als konkrete Szene, sondern über Vergleichsbilder entfaltet wird: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6). Schon im ersten Durchgang ist der Sprecher nicht einfach „einsam“, sondern imaginiert sich wie ein Mensch am äußersten Rand der Lebensmöglichkeiten, in Ödnis und Gefährdung. Die Grundlage der inneren Bewegung ist damit markiert: Ein Ich, das sich selbst als existentiell isoliert und ausgeliefert erfährt, bindet sein ganzes Geschick an einen Stern, dessen Leuchten zugleich letzte Orientierung und drohender Verlustort ist. Der spätere Titelzusatz („eines Sklaven an die Fesselnde zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen“) konkretisiert, was in den Anfangsversen noch implizit ist: Dieses Ich steht am Beginn bereits in einem Verhältnis der Versklavung an die Liebe und hält in der äußersten Zeitschwelle – der letzten Stunde des Jahres – Gericht über sich selbst. Die erste Strophe setzt also nicht eine ruhige Ausgangslage, die sich erst später dramatisiert, sondern bereits eine existentiell zugespitzte, hoch belastete Innerlichkeit, in der Einsamkeit, drohender Verlust und absolute Bindung von Beginn an ineinander verschränkt sind.

2. Welche größeren Sinnabschnitte lassen sich im Verlauf erkennen, und nach welchen inhaltlichen oder formalen Kriterien lassen sie sich voneinander abgrenzen?

Im Verlauf lassen sich auf zwei Ebenen größere Sinnabschnitte unterscheiden: sehr grob eine Zweiteilung des Gedichts und innerhalb dieser Zweiteilung eine weitere innere Staffelung.

Zunächst drängt sich eine klare formale und inhaltliche Zäsur zwischen Vers 114 und 115 auf. Der erste Großabschnitt (V. 1–114) ist strikt als Kettenlied gebaut: fast durchgängig sechzeilige Strophen, die festen Wiederholungsformeln „Einsam will ich untergehen“ und „den Stern, den ich gesehen“, die serielle Bedingungsstruktur („Wird / Wenn / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern … / Will ich einsam untergehen“) und die Kettenreime, die von Strophe zu Strophe fortgeführt werden. Inhaltlich bleibt dieser Teil ganz im Modus des hypothetischen Schwurs: Das Ich legt in immer neuen Bildern fest, unter welchen Umständen es „einsam untergehen“ will. Mit Vers 115 („Einsam muß ich heim nun gehen“) kippt das: Statt „will ich untergehen“ steht „muß ich heim nun gehen“, also nicht mehr ein bedingter Selbstentwurf, sondern eine reale Bewegung in der Gegenwart. Gleichzeitig löst sich das starre Sechszeilenraster, die Refrain- und Kettenformeln treten zurück, die Syntax wird freier und erzählerischer. Der zweite Großabschnitt (V. 115–158) ist daher formal weniger schematisch und inhaltlich als erzählende, bilanzierende und betende Schlusssequenz markiert: Er erzählt vom „Heimgehen“, vom bereits gebrochenen Herzen und vom Jahresende („wie dies Jahr zur zwölften Stunde“, V. 126) und fasst die vorherige Leidensbewegung in einer dichten Schlussbildergruppe zusammen.

Innerhalb des ersten Großabschnitts lassen sich wiederum mehrere Sinnfelder unterscheiden, die sich sowohl durch die Bildtypen als auch durch die Nähe zum Du abgrenzen lassen. Die Verse 1–42 bilden eine erste Bildreihe vor allem mit äußeren, existentiellen Vergleichsräumen: Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Tag im Abendgrauen, Sklave an der Kette, Schwanenlied im Tode, Mond in wüsten Meeren, Trost in stummen Schmerzen. Der Stern erscheint hier primär als kosmischer Orientierungspunkt am Himmel, das Du bleibt noch unkonturiert, und die Bilder entwerfen vor allem Zustände äußerster Verlassenheit und Gefährdung. Ab Vers 43 verschiebt sich das Vergleichsfeld deutlich nach innen: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48), „Wie mein Blick in deinen Blicken“ (V. 54), „Wie die Blume deiner Lippen“ (V. 60), „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ (V. 66), „Wie die Träne dir im Busen“ (V. 72), „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ (V. 78), „Wie mein Licht in deiner Sonne“ (V. 84), „Wie dein Nam’ in Todes Munde“ (V. 90), „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ (V. 96). In dieser mittleren großen Reihe (ungefähr V. 43–96) wird das Verhältnis zum Du körperlich und seelisch viel näher, die Vergleiche rücken an Herz, Blick, Lippen, Busen, Füße, Mund; der Stern verschmilzt immer deutlicher mit der Person der Geliebten. Inhaltlich ist dies die Intensivierungsphase des Gedichts: Die gleiche Bedingungsform wird beibehalten, aber ihre „Bilder“ wandern vom äußeren Rand in den innersten Nahbereich.

Ein weiterer Unterabschnitt innerhalb des Kettenlied-Teils beginnt mit der Namensnennung „Cäcilie“ (V. 102) und der auffälligen Figur „arm Lind / Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 114, 116). In den Versen 97–114 wird das bisherige Schema gleichsam personalisiert und zugespitzt: „Geht dein Stern mir je verloren, / Will ich einsam untergehen / Wie mein Herz vor dir Cäcilie“ – hier wird der Stern ausdrücklich als „dein Stern“ bezeichnet, und die Geliebte erhält ihren Eigennamen. Mit „Wie allein, allein, alleine“ wird die Kettenform kurz aus dem Takt gebracht, und „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ sprengt durch das zitierte „bitte, bitte“ das bisherige Bildprogramm zugunsten eines sehr konkreten Erinnerungsdetails. Formale Auffälligkeiten (Repetitionen, leichte metrische Überdehnung, stärkeres Stolpern des Verses) und die biographisch eingefärbten Namensformen markieren diesen Abschnitt als letzte Steigerungsstufe des Kettenliedes vor dem Umschlag.

Der zweite Großabschnitt (V. 115–158) lässt sich seinerseits in mehrere Bewegungsphasen gliedern, die eng mit der inneren Dynamik verknüpft sind. Zunächst (V. 115–126) steht die Heimwegs- und Herzbruchszene im Zentrum: „Einsam muß ich heim nun gehen / Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ verbindet die Rückkehr des Ichs mit der erinnerten Bitte der Geliebten; dazu tritt die Feststellung „Und mein Herz brach in der Mitte“ und die Koppelung an das Jahresende („wie dies Jahr zur zwölften Stunde“). Es folgt ein kurzer Block (V. 127–132), der das Motiv des Untergehens in einen explizit heilsbezogenen Horizont hebt: „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ – das Kettenlied kippt ins Gebet, der Stern soll „zu meines Herzens Grunde“ tauchen. Der darauf folgende Abschnitt (V. 133–146) entfaltet den Passions- und Rosenzaun-Komplex: „Wund’ an Wunde – o süß Liebchen!“, „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie“; hier werden Liebes- und Leidensbilder eng ineinander geschoben, das Ich nimmt alle Dornen auf sich, um die Geliebte mit Rosen zu umgeben. Schließlich bündelt der Schlussblock (V. 147–158) die Jahresbilanz und die Liebessymbolik: Das Jahr war „mit Büßen“ gefüllt, der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen ist „all erblüht“, „all betaut von heißen Tränen“ und lag „demütig zu Füßen“ der Geliebten; der letzte Akt ist die Anrede an das sterbende Jahr („Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“) und das Bild der „letzten Rose“, die „still entblättert“ im Schoß der Geliebten stirbt. Inhaltlich ist dieser Schlussabschnitt also Bilanz, Hingabe und symbolische Versiegelung der vorherigen Bewegung; formal ist er durch den Wegfall des strengen Refrains, die größere syntaktische Freiheit und die Häufung dichter Bild- und Reimnetze als eigene Sinnzone markiert.

Die größeren Sinnabschnitte ergeben sich damit aus einem Zusammenwirken von formalen Kriterien (Strophenform, Refraingebrauch, Reim- und Kettentechnik, Umschlag von Konditional- zu Indikativform, Auflösung des Rasters) und inhaltlichen Bewegungen (vom abstrakten Verlustschwur über die immer innigere Liebesbindung zur personifizierten Cäcilie und von dort zur konkreten Heimkehr-, Gebets- und Jahresendszene). Form und Inhalt verschränken sich so, dass die äußerlich erkennbare Gliederung jeweils eine innere Bewegung des Ichs – von der entwerfenden Drohung zur gelebten Bilanz – spiegelt und verstärkt.

3. Wo liegen deutliche Wendepunkte, Umschläge oder Kulminationen?

Im großen Ganzen entfaltet sich das Gedicht nicht in einzelnen Szenen, sondern in einer kontinuierlichen Steigerungsbewegung, in der immer neue Bilder denselben Grundkonflikt umlaufen. Gerade deshalb fallen die wenigen Punkte umso stärker auf, an denen Form oder Inhalt die gewohnte Bahn sichtbar verlassen und eine innere Umschaltung markieren.

Ein erster, eher leiser, aber doch deutlich wahrnehmbarer Wendepunkt liegt dort, wo die Vergleichsbilder vom äußeren Existenzrand ins unmittelbare Innenverhältnis von Ich und Du wandern. In den frühen Strophen bewegen wir uns in extremen Randzonen des Lebens: „Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6), „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12), „Wie der Mond in wüsten Meeren“ (V. 36). Das Ich beschreibt sein drohendes Untergehen in Bildern der äußeren Verlassenheit. Ab etwa Vers 48 kippt dies: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48), „Wie mein Blick in deinen Blicken“ (V. 54), „Wie die Blume deiner Lippen“ (V. 62), „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ (V. 66). Die Kette der Bilder rückt nun in die Zone des Körperlichen und Innerlichen, der Stern verschmilzt zunehmend mit der konkreten Person der Geliebten. Formal bleibt zwar das Kettenlied-Schema völlig intakt, inhaltlich aber verschiebt sich der Schwerpunkt: Aus Welt- und Kosmosfiguren wird eine dichte Intimitätsfiguration; der Untergang des Ichs ist nicht mehr nur Verlust eines Leitsterns, sondern Zerreißung einer innigsten Symbiose.

Eine deutlichere Kulmination, die zugleich einen inneren Umschlag markiert, liegt in der Namensnennung „Cäcilie“ und den unmittelbar anschließenden Versen. Bis Vers 96 bleibt das Du zwar körperlich nah, aber namenlos. Mit „Geht der Stern, den ich gesehen, / Geht dein Stern mir je verloren, / Will ich einsam untergehen / Wie mein Herz vor dir Cäcilie“ (V. 99–102) wird die Bewegung zuspitzt: Der Stern wird ausdrücklich als „dein Stern“ bezeichnet, die Geliebte erhält ihren Eigennamen, und das Herz „vor dir Cäcilie“ wird explizit in die Szene gestellt. Noch einmal steigert sich dies in „Lacht der Stern, den ich gesehen, / Mir nicht mehr auf dir du Lilie“ (V. 105–106): Stern, Du und zärtliche Metapher („Lilie“) fallen in eins. Hier kulminiert der lange, vorher eher symbolisch gehaltene Stern-Diskurs in einer höchst privaten, biographisch gefärbten Konstellation. Dass kurz darauf der Vers „Wie allein, allein, alleine“ (V. 110) die gewohnte Syntax und Metrik kurz überdehnt, wirkt wie ein kleines eruptives Zentrum: Die ganze vorher langsam gesteigerte Einsamkeitsdrohung bricht für einen Moment in nackter, fast stammelnder Wiederholung hervor. Das anschließende „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ und „Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 114, 116) holen dann ein einziges, konkretes Wort der Geliebten in den Text und bilden damit einen zweiten inneren Höhepunkt: Die Beziehung kippt von der abstrakten Sternsymbolik in die Erinnerung an eine reale, kleine, sprachliche Geste.

Der deutlichste strukturelle Umschlag liegt bei Vers 115: „Einsam muß ich heim nun gehen“. Bis Vers 114 war das ganze Gedicht streng im Modus des Konditionalschwurs gehalten: „Wird / sollt’ / kehrt / geht der Stern …, will ich einsam untergehen.“ Mit dem Wechsel von „will ich untergehen“ zu „muß ich heim nun gehen“ ändert sich die Redeweise fundamental. Das Ich entwirft nicht mehr nur fiktive Bedingungen, sondern beschreibt eine reale, gegenwärtige Bewegung. Zugleich beginnt eine kleine erzählende Sequenz: das Heimgehen „auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ (V. 115–116), der Blick des Sterns, das „gebrochene“ Herz („Und mein Herz brach in der Mitte“, V. 122) und die Kopplung des eigenen Untergehens an das Sterben des Jahres („Mußt doch einsam untergehen / Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“, V. 125–126). Formal lockert sich hier die bis dahin sehr starre Strophen- und Kettenstruktur; inhaltlich verschiebt sich die Perspektive von hypothetischer Drohung auf Bilanz und Vollzug. Dieser Übergang bildet den großen inneren Wendepunkt zwischen Kettenlied und Schlussgebet.

Eine weitere Kulmination liegt in den Versen 127–132: „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde! / Stern willst du jetzt schlafen gehen? / Tauch’ zu meines Herzens Grunde, / Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen, / Es ist dein und Wund’ an Wunde.“ Hier wird das bislang vor allem als Liebesuntergang beschriebene Schicksal ausdrücklich in eine heilsdramatische Chiffre gehoben: „Untergehen, auferstehen“ knüpft an christliche Sprachgestalten von Tod und Auferstehung an, der Stern wird zum „Stern der Lieb’“, die „Stunde“ wird Kairos. Der Stern soll nicht mehr nur „leuchten“ oder „grüßen“, sondern „tauchen“ – hinab in den Herzensgrund, der bereits von „Wund’ an Wunde“ gezeichnet ist. Diese Stelle bündelt mehrere Motive (Untergang, Liebesstern, Wunde, Stunde) zu einem geistlich überhöhten Kulminationsknoten und markiert den Übergang vom bloßen Erleiden des Untergangs zu einer paradoxen Hoffnung: gerade im Untergehen des Jahres und des Ich könnte eine Art Auferstehungshorizont aufscheinen.

Der Schluss schließlich bringt eine letzte, stille Kulmination, in der die gesamte Bewegungsenergie auf ein Bild hin konzentriert wird: „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen, / All erbaut in bangem Sehnen, / All betaut von heißen Tränen, / Ihr demütig lag zu Füßen, / Ach die ihn nicht von sich stießen, / Die ich durfte treu umschlingen, / Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen, / Selig starb die letzte Rose / Still entblättert ihr im Schoße!“ (V. 148–158). Hier kulminiert die ganze Kettenbewegung in der Metapher des „Kranzes von Schmerzen“ im Herzen des Ich und in der „letzten Rose“, die im Schoß der Geliebten „still entblättert“ stirbt. Das Bild bündelt Liebesband, Bußarbeit, Jahresende und Sterben in einer einzigen, ruhigen Szene. Nach der langen Reihe bedrohter Untergänge und lauter Schwüre wirkt dieser Schluss wie eine leise, aber höchste Verdichtung: Das, was zuvor als drohender Untergang beschworen wurde, ist nun als vollzogener, still angenommener Verlust und Hingabe sichtbar – im sterbenden Jahr, im erblühten und verwelkenden Schmerzkranz, in der letzten Rose. In dieser Doppelbewegung von äußerem Verlöschen und innerer Versiegelung erreicht das Gedicht seine endgültige Kulmination.

4. Lässt sich eine Bewegung von einem Ausgangspol zu einem Gegenpol beschreiben, und wie wird dieser Weg sprachlich und bildlich vollzogen?

Die große innere Bewegung des Gedichts lässt sich als Weg von einem extrem zugespitzten Einsamkeits- und Untergangsbeschluss hin zu einer paradox stilleren, zugleich inniger gebundenen Schlusslage beschreiben, in der Untergang, Hingabe und ein heilsartig gefärbter Hoffnungshorizont ineinander verschränkt sind. Am Ausgangspol steht das Ich, das sich selbst mit der Formel „Einsam will ich untergehen“ eine gnadenlose Bedingung auferlegt: Sollte der Stern sich jemals abwenden, soll sein eigenes Dasein enden, „Keiner soll mein Ende wissen“. Sprachlich dominiert hier der Futur- und Konditionalton: „Wird der Stern… / Will ich…“. Die Liebe ist noch als drohendes Entzugsereignis imaginiert, der Untergang als Konsequenz einer Verletzung, und die Sprache bewegt sich in scharfen, fast juristischen Wenn-dann-Sätzen. Der Stern steht hoch am Himmel, das Ich unten in Wüste, Heide, wüsten Meeren – der Abstand ist maximal, die Beziehung erscheint als ein von oben abhängiger Bann, der jederzeit zur Vernichtung führen kann.

Diese Bewegung vom abstrakten, fast programmierten Untergangsbeschluss hin zur Verdichtung in ein inniges Liebesverhältnis wird zuerst auf der Bildebene vollzogen. Zunächst beschreibt das Ich seinen möglichen Untergang mit Bildern äußerer Extremräume: Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Tag im Abendgrauen, Mond in wüsten Meeren, Sklave an der Kette. Das sind Grenzräume des Daseins, in denen Einsamkeit, Kälte und Verlorenheit regieren, und der Stern bleibt der ferne Orientierungspunkt am Himmel. Im weiteren Verlauf rutschen die Vergleichsbilder immer näher an den Körper und das Innenleben: „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie die Blume deiner Lippen“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“, „Wie mein Dank zu deinen Füßen“, „Wie dein Nam’ in Todes Munde“. Der Weg führt also vom kosmischen und landschaftlichen Randraum hinein ins Mikrokosmosfeld von Herz, Blick, Lippen, Busen und Füßen. Das Gegenpolige besteht darin, dass der Untergang, der zunächst als Verlorengehen im Außenraum beschrieben wurde, nun als Verlöschen innerhalb der intimsten Nähe gedacht wird: zu sterben heißt jetzt, aus einem Herz-in-Herz-Verhältnis herausgerissen zu werden oder darin „einsam unterzugehen“. Der Sprachweg bildet das nach, indem er die Kette der „Wie…“-Bilder aus der Fremde zurück in die Nähe zieht.

Parallel dazu verschiebt sich die innere Stellung des Ich zur Geliebten. Ausgangsweise herrscht ein fast drohend-selbstzerstörerischer Ton vor: Das Ich knüpft sein Überleben an die Treue des Sterns, droht sich selbst mit Untergang, wenn „meine Schuld“ den Stern verscherzen sollte, und reduziert sich so auf den Status des Sklaven, dessen Existenz ganz vom Willen der Herrin abhängt. Zum Gegenpol hin wird diese Unterwerfungsfigur nicht aufgehoben, aber umcodiert: In den späteren Versen wird das Ich nicht nur als gefesselter Knecht, sondern als aktiv Liebender sichtbar, der seinen Schmerz bewusst übernimmt, um die Geliebte zu schonen. Die Verse „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, / Soll mein Lieben dich umschließen / Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“ bringen diesen Umschlag auf den Punkt: Die Asymmetrie bleibt – er trägt alle Dornen –, aber sie erhält den Charakter einer freiwillig übernommenen Passion. In der Perspektive des Ausgangspols war das Ich Objekt eines übermächtigen Sterns; im Gegenpol wird es zum Subjekt einer selbstgewählten, sich opfernden Liebe, die ihre Sklaverei gleichsam bejaht und zur Form der Hingabe umdeutet.

Auch die Zeitstruktur folgt dieser Bewegung vom abstrakt drohenden „Dann“ hin zum ganz konkreten „Jetzt“. Am Anfang entwirft das Gedicht lauter mögliche, in die Zukunft projizierte Katastrophen: „Wird der Stern…“, „Wenn der Stern…“, „Sollt’ den Stern…“. Die Zukunft ist eine offene Drohzone, die vom Ich mit Untergangsschwüren besetzt wird. Nach und nach schiebt sich jedoch die Erinnerung hinein („Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“) und schließlich die Gegenwartsdiagnose: „Einsam muß ich heim nun gehen“, „Und mein Herz brach in der Mitte“. Der Weg führt von der hypothetischen Untergangsfantasie zur Erfahrung eines bereits gebrochenen Herzens. Am Ende mündet dies in die genau datierte Schwelle: „Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“, „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“. Die Sprache wechselt hier vom Wenn-Modus in einen Bilanz- und Imperativton; das „Jetzt“ der letzten Stunde des Jahres wird ausdrücklich benannt. Im Gegenpol ist der Untergang kein bloß gedachter mehr, sondern in Herzbruch, Bußjahr und sterbender „letzter Rose“ schon vollzogen – und gerade dadurch in eine paradoxe Ruhe geführt.

Schließlich lässt sich eine geistig-spirituelle Bewegung vom bloßen Untergangspessimismus hin zu einem gebrochenen, aber deutlich aufscheinenden Auferstehungshorizont erkennen. Der Ausgangspol lautet: Wenn der Stern mich verläßt, bin ich verloren, soll mein Dasein enden. Die gesamte Kette der Schwüre ist von dieser Endlichkeit umstellt. In der Schlusszone jedoch taucht die Formel „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ auf. Die Bewegung zum Gegenpol zeigt sich darin, dass das Untergehen nicht mehr nur Vernichtung bedeutet, sondern die Voraussetzung für eine andere, noch uneingelöste Form von Aufstehen und Innerwerdung des Sterns: Er soll „zu meines Herzens Grunde“ tauchen, sich nicht mehr am Himmel als äußerer Leitstern halten, sondern das Innere vollständig erfüllen. Das letzte Bild, die „selig“ sterbende letzte Rose im Schoß der Geliebten, steht genau in dieser Doppelspannung: äußerlich ist etwas irreversibel vergangen, innerlich ist die Hingabe „demütig zu Füßen“ vollzogen und in der Rose versiegelt. Der Weg des Gedichts führt somit sprachlich und bildlich von einem rigorosen, laut beschworenen Vernichtungsbeschluss hin zu einer stillen, symbolisch verdichteten Szene, in der Untergang, Liebe, Buße und ein verborgener Auferstehungsglaube nicht mehr auseinanderzuhalten sind, sondern in einem komplexen Gegenpol zusammenfallen.

5. Gibt es Rückgriffe, Spiegelungen oder Rahmenbildungen, die eine Kreisbewegung oder eine bewusst offene, fragmentarische Struktur erkennen lassen?

Es lässt sich sehr deutlich erkennen, dass das Gedicht nicht einfach linear „von A nach B“ verläuft, sondern von Anfang an durch Rückgriffe, Spiegelungen und Rahmenbildungen strukturiert ist. Zugleich bleibt das Ganze nicht als geschlossene Kreisform stehen, sondern gewinnt eher den Charakter einer spiralförmigen Bewegung: Bestimmte Formeln kehren wieder, werden gesteigert, gebrochen oder innerlich umcodiert, so dass das Gedicht am Ende zwar auf seinen Ausgang zurückverweist, ohne die anfängliche Konstellation schlicht zu wiederholen.

Der offensichtlichste Rahmen ist die Untergangsformel. Das Gedicht beginnt mit dem programmatischen Satz „Einsam will ich untergehen“ und variiert ihn in den ersten zwei Dritteln nahezu litaneiartig. Diese Formel ist zugleich Anfangsvers, Selbstcharakteristik und Grundton des Liedes. Sie wird in den Strophen immer wieder aufgenommen, teilweise doppelt gesetzt, teilweise leicht verschoben; sie bildet den festen Pol, um den alle Bedingungssätze und Bilder kreisen. In der zweiten Großbewegung kehrt die Struktur wieder, aber verändert: „Einsam muß ich heim nun gehen“ übernimmt den Kern („Einsam … gehen“), ersetzt das „will untergehen“ durch ein „muß heim nun gehen“ und stellt so eine fast wörtliche, aber existentiell verrückte Selbstspiegelung her. Das Ich befindet sich nun tatsächlich im Vollzug des Weges, den es zuvor nur hypothetisch besprochen hatte. Auch der Vers „Mußt doch einsam untergehen / Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“ knüpft an den anfänglichen Untergangsschwur an, allerdings nicht mehr nur als Selbstentschluss, sondern als Einsicht in ein Schicksal, das sich am Jahresende vollzieht. Die Wiederkehr der Untergangsformel in modifizierter Gestalt rahmt den Text, macht aus der bloßen Drohung Zu-Beginn eine Art Vollzugsdiagnose und zugleich ein stilleres Einverständnis: Der Rahmen schließt sich, aber mit verschobenem innerem Ton.

Auf der formalen Ebene des Kettenliedes liegt eine zweite, sehr prägnante Kreisbildung: Die berühmte Kettentechnik, nach der der Schlussvers einer Strophe oder ein Schlüsselreim in die nächste Strophe hinübergezogen wird, erzeugt eine permanente Rückbindung. Jedes neue Bild – Pilger, Bettler, Sklave, Schwanenlied, Mond, Trost, Herz, Blick, Lippen, Busen, Füße – trägt den Klang oder das zentrale Wort der vorangegangenen Strophe weiter. Die Reimfamilien „Wüste – grüßte“, „Heide – Geleite“, „Schmerzen – verscherzen – Herzen“, „Busen – Musen“, „Füßen – versüßen“, „Sonne – Wonne“, „Munde – Wunde“, „geboren – verloren“ usw. sind nicht nur Schmuck, sondern eigentliche Gelenke, an denen der Text sich festhakt. So entsteht eine Art fortlaufender Kreis in kleinen Segmenten: Jeder Abschnitt beginnt dort, wo der vorige aufhört, und kehrt klanglich zu einem bereits gesetzten Element zurück. Die formale Kette bildet thematisch genau das nach, was der Titel behauptet: Das Lied eines „Sklaven an die Fesselnde“ ist selbst gekettet, es kann die vorangegangene Wendung nicht hinter sich lassen, sondern muss sie im nächsten Durchgang wieder aufrufen und weiterführen. In dieser strengen Kettenlogik steckt bereits eine kreisende Struktur, die jedoch nicht statisch ist – jeder Rückgriff verschiebt das Gewicht ein wenig, steigert oder vertieft den Grundkonflikt.

Auch auf der Bildebene lassen sich deutliche Spiegelungen und Rahmen beobachten. Am Beginn dominieren die Rand- und Grenzräume: Wüste, Heide, Abendgrauen, wüste Meere, der ferne Stern am Himmel. Am Ende kehrt das Motiv des Untergehens wieder, nun aber in hochkonzentrierten Innenbildern: Der Stern soll „zu meines Herzens Grunde“ tauchen, die Liebe bildet einen „Rosenzaun“, der Kranz von Schmerzen „erblüht“ im Herzen, und die „letzte Rose“ stirbt „still entblättert“ im Schoß der Geliebten. Der Weg führt vom äußersten Rand (Pilger in der Wüste) zur innersten Mitte (Herzensgrund, Schoß der Geliebten). Die Anfangsbilder und Schlussbilder stehen sich dabei wie Spiegel gegenüber: Was zuerst nur als Verlorenheit in der Leere imaginiert wurde, erscheint am Ende als Verlöschung im Schoß einer äußersten Nähe. Der Untergangsraum hat sich von der offenen Landschaft in einen intimen Innenraum verlagert; und doch bleibt er Untergangsraum. Das „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“ spiegelt indirekt den ersten Beschluss „Keiner soll mein Ende wissen“: Am Ende wird zwar nicht groß offenbart, das Ich bleibt in einer eigentümlich leisen, fast privaten Sphäre, aber das Sterben – des Jahres, der Rose, der Hoffnung – ist im Bild präsent, nicht mehr nur als Bedrohung.

Eine besondere Form von Rückgriff liegt auch in der Selbstzitation und Verstärkung bestimmter Zeilen. Die Kombination „bis mein Herz brach in der Mitte“ erscheint im Bedingungssatz zunächst als hypothetische Grenzfigur („wenn du gewußt hättest, was ich bitte, / hätte mir noch zugesehen, / bis mein Herz brach in der Mitte“) und kehrt dann in der Indikativform zurück: „Und mein Herz brach in der Mitte“. Hier spiegelt der Text explizit seinen eigenen Entwurf: Was zunächst als Möglichkeit formuliert wurde, wird als eingetretene Tatsache wiederaufgenommen. Der Vers „Einsam muß ich heim nun gehen“ erscheint ebenfalls doppelt und fasst in seiner Wiederholung den Übergang vom Kettenlied zur erzählenden Schlussbewegung zusammen. Solche inneren Echo-Stellen – kein streng symmetrischer Rahmen, aber deutliche Selbstwiederholung in veränderter grammatischer Form – erzeugen das Gefühl, dass der Text seine eigene Geschichte einholt, gleichsam in die eingeholten Worte zurückkehrt, um ihren Ernst zu beglaubigen.

Hinzu kommt eine symbolische Rahmenbildung über das Zeitmotiv. Der Titel setzt die letzte Stunde des Jahres 1834, und der Text schließt mit der direkten Anrede an das Jahr: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“. Zwischen Anfang und Ende spannt sich also der Jahresbogen; die kreisförmige Zeit (das sich jährlich wiederholende Neujahr) wird in der Struktur des Gedichts einmal durchlaufen – aber so, dass für dieses Jahr kein erneuter Ausgangspunkt mehr bleibt: Es „stirbt“, die „letzte Rose“ ist „selig“ gestorben. Der Kreis der kalendarischen Zeit wird poetisch einmal geschlossen und zugleich als einzigartig markiert. Auch hier entsteht der Eindruck einer Spirale, nicht eines einfachen Reifens: Die wiederkehrende Stunde des Jahreswechsels ist diesmal gefüllt mit einem ganz bestimmten Liebes- und Bußschicksal, das sich nicht wiederholen lässt.

Trotz all dieser Rückgriffe bleibt die Struktur nicht streng symmetrisch und schon gar nicht zirkulär im Sinne einer perfekten Rückkehr zum Anfang. Entscheidende Elemente des Beginns werden am Ende gerade nicht mehr wiederholt: Die Formel „Keiner soll mein Ende wissen“ hat keine exakte Entsprechung, vielmehr wird das Ende – in den Bildern des gebrochenen Herzens, des sterbenden Jahres, der entblätterten Rose – doch in eine leise mitteilbare Form gebracht. Auch das starre Refrainschema des Kettenliedes löst sich auf; die letzten Verse verzichten auf den Zwang, jede Bewegung wieder in „Will ich einsam untergehen“ zurückzubiegen. Gerade darin zeigt sich eine bewusst offene Komponente der Struktur: Das Gedicht kehrt zwar in Motiven, Bildern und Formeln zu sich selbst zurück, schließt seinen semantischen Raum, lässt aber dennoch eine Restungewissheit stehen – über die Zukunft des Ich, über die tatsächliche Antwort des Sterns, über die endgültige Bedeutung des „Auferstehens“. Die Kreisbewegung ist also nicht die eines abgeschlossenen Ornamentes, sondern die einer spiralförmigen, in Rückgriffen sich verdichtenden, im Letzten aber in der Schwebe bleibenden inneren Geschichte.

6. Wie verhalten sich äußere Gliederung und innere Gedanken- oder Gefühlskurve zueinander: Stützen sie sich, laufen sie gegeneinander oder erzeugen sie Spannungen, die für die Deutung wichtig sind?

Äußere Gliederung und innere Gefühlskurve stützen sich im Großen deutlich, geraten im Kleinen aber bewusst gegeneinander und erzeugen genau jene Spannungen, die das Gedicht existentiell aufladen. Zunächst folgt die äußere Form einer sehr klaren, beinahe starren Ordnung: Der lange erste Teil ist als Kettenlied aus lauter weitgehend gleich gebauten Sechszeilern organisiert, mit den immer gleichen Formeln („Einsam will ich untergehen“, „den Stern, den ich gesehen“) und der strengen Kettentechnik der Reime. Alles scheint geordnet, rhythmisch gefaßt, in ein wiederholbares Schema gebracht. Diese formale Gleichmäßigkeit trägt die große Gedankenbewegung insofern, als sie das zentrale Motiv – die Bindung des Ich an den Stern und seine Bereitschaft zum Untergang – unablässig kreisen lässt: Die äußere Kette hält die innere Fixierung fest. Doch zugleich liegt hier schon eine Spannung: Während der Bau nach außen monoton und beruhigend wirkt, steigert sich innen die affektive Temperatur von Strophe zu Strophe. Die Gefühle werden intensiver, persönlicher, körpernäher, der innere Ernst wächst, während die Form demonstrativ „gleich bleibt“. Das Lied tut, als wäre alles beherrschbar und gleichförmig sagbar, zugleich spürt man immer deutlicher, dass diese Form die eruptiven Bewegungen des Herzens kaum noch fassen kann.

Diese Spannungen werden besonders sichtbar, wenn man innerhalb des ersten Großteils die innere Kurve betrachtet. Formale Unterabschnitte – zunächst die Reihe äußerer Grenzräume (Pilger, Bettler, Tag, Mond, Trost), dann die Reihe innerer Nähebilder (Herz in Herz, Blick in Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füße), schließlich die Zuspitzung mit Namensnennung „Cäcilie“ und der zitierten Bitte „bitte, bitte“ – laufen parallel zu einer psychischen Verdichtung: vom allgemein leidenden Liebenden hin zur klar individualisierten, biographisch gefärbten Konstellation. Die Form markiert diese Schritte nur sehr zurückhaltend: Ein und dasselbe Kettenlied-Schema wird mit immer neuen Inhalten gefüllt. Die größte innere Annäherung an das Du (Herz-zu-Herz, Kuß- und Tränenbilder, Name „Cäcilie“) vollzieht sich also zunächst noch innerhalb der gleichen, fast mechanischen Refrainordnung. Gerade das macht den inneren Druck spürbar: Das Ich bleibt an die Formel „will ich einsam untergehen“ gekettet, selbst dort, wo die Sprache eigentlich nach einer freieren, direkteren, weniger rituellen Rede verlangt. Kleine Risse im Versbau – „Wie allein, allein, alleine“, der verschleifende Rhythmus bei „arm Lind fleht bitte, bitte“ – zeigen, wie die Gefühlskurve kurz aus der vorgegebenen Bahn herausschlägt; die äußere Gliederung hält den Rahmen, wird aber punktuell von der inneren Erregung überfahren.

Mit Vers 115 kommt es dann zu einem offenen Auseinanderlaufen von äußerer Gliederung und innerer Lage, das zugleich eine neue, zweite Ordnung stiftet. Formal ist dies der Moment, in dem die starre Kettenstruktur sichtbar aufgeweicht wird: Der Refrain „will ich untergehen“ verschwindet, aus der strengen Wiederholung wird eine freiere Strophik, syntaktisch längere Perioden, dichter ineinander verschränkte Bildergruppen. Inhaltlich entspricht dem ein Umschlag von der hypothetisch entwerfenden in eine bilanzierende, gegenwartsnahe Rede: „Einsam muß ich heim nun gehen“ beschreibt einen tatsächlichen Weg, „Und mein Herz brach in der Mitte“ konstatiert ein bereits eingetretenes Ereignis, der Jahreswechsel wird konkret benannt. Hier stützen äußere Gliederung und innere Kurve einander deutlich: Der Übergang von der formelhaften Kette zur freieren, dichten Schlussgruppe begleitet die Bewegung vom drohenden Untergang zum tatsächlich erlittenen Herzbruch und zur heilsbezogenen Deutung („Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“). Wo das innere Geschehen nicht mehr als bloßer Schwur zu fassen ist, löst auch die äußere Form die Schwurform auf.

Gerade im Schlussbereich wird jedoch noch einmal klar, dass Form und Gefühlskurve nicht einfach parallel laufen, sondern sich in einer komplexen Weise überkreuzen. Einerseits wirkt der Verzicht auf den wiederkehrenden Refrain wie eine Entlastung: Das Ich muß nicht länger „ritualisieren“, sondern darf in einem einzigen langen, dichten Bildstrom sprechen – Kranz von Schmerzen, Rosenzaun, Dornen, Tränen, letzte Rose. Die äußere Gliederung unterstützt so die innere Tendenz zur Sammlung und Bilanz. Andererseits setzt das Gedicht gerade am Ende noch einmal starke Reim- und Klangverdichtungen, die an die Kettenform erinnern: „Wund’ an Wunde – o süß Liebchen! / Neue Wunde ist das Grübchen“, „einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen“, „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen / Selig starb die letzte Rose / Still entblättert ihr im Schoße“. Die Form treibt die Bilder in eine fast überreiche Klangfülle, während die innere Bewegung auf eine sehr stille, beinah kontemplative Endlage zielt. Hier entsteht eine doppelte Spannung: Die formale Fülle kontrastiert mit der inhaltlichen Entleerung (das Jahr ist „fertig“, die „letzte Rose“ ist gestorben), die Nähe zu Lied und Gebet kontrastiert mit der Einsamkeit des Ich, das letztlich weiterhin allein bleibt mit seinem Kranz von Schmerzen.

Für die Deutung ist dieses Zusammenspiel entscheidend. Das Gedicht zeigt ein Ich, das sich in einer extremen Gefühlslage gerade nicht in formloser Klage verliert, sondern sich in eine strenge, selbstgewählte Form einkettet. Die äußere Gliederung – Kettenlied, Wiederholungszwang, Refrain – erscheint als poetische Entsprechung der inneren Fesselung an das Du: Der Sprecher ist „Sklave an der Kette“, und das Gedicht ist Kette seiner Formel. Wo die innere Kurve sich steigert, beginnt die Form zu knirschen; wo die Form sich löst, ist die innere Bewegung an ihrem Punkt höchster Verdichtung oder bereits in die stille Bilanz übergetreten. Man kann sagen: Äußere Gliederung und innere Gefühlskurve laufen im Großen parallel (vom Kettenlied zum Schlussgebet), im Detail aber gegeneinander – und genau diese Reibung macht erfahrbar, wie sehr der Sprecher versucht, sein chaotisches, schmerzliches Inneres durch eine litaneiartige, beinahe liturgische Form zu bändigen, und wie sehr diese Form ihrerseits die Gefangenschaft seines Herzens noch einmal bekräftigt.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

1. Welche Grundstimmung herrscht im Gedicht vor?

Die Grundstimmung des Gedichts ist von Anfang an von einer schweren, existentiell zugespitzten Melancholie geprägt, die sich bis in den Schluss hinein hält, aber verschiedene Schattierungen annimmt. Das dominante Grundgefühl ist eine Mischung aus Einsamkeit, Todesernst und schmerzhafter Liebesabhängigkeit: Das Ich spricht sich selbst gleich im ersten Vers in eine radikale Vereinzelung hinein („Einsam will ich untergehen“), und diese Einsamkeit bleibt als Grundton permanent präsent. Die Bedingungssätze („Wird / Wenn / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern, den ich gesehen…“) legen das ganze Gefühlsklima in einen strengen Entweder-oder-Rahmen: Entweder leuchtet der Stern, dann gibt es Trost und Führung, oder er wendet sich ab – dann bleibt nur der Untergang. Die Stimmung ist daher nicht einfach traurig oder wehmütig, sondern fundamental precarious: Alles hängt an einer einzigen, gefährdeten Liebesbindung, und das Ich hält sich selbst im Modus eines dauernden, beschwörenden Schwurs.

Zugleich ist diese Schwermut von einem starken, oft pathetischen Liebesaffekt durchzogen, der die dunkle Grundstimmung immer wieder aufhellt oder wenigstens verfeinert. Schon in den frühen Strophen, die von Pilger, Bettler, Sklave, Schwanenlied, Mond, Trost sprechen, mischt sich in die Klage über drohenden Verlust ein hohes Maß an Verehrung und Zärtlichkeit: Der Stern ist Friedensbote, Lindrung der Wunde, Wegweiser durch die Klippen. In den mittleren Strophen, in denen Herz, Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füße ins Spiel kommen, gewinnt die Stimmung eine eigentümliche Süße: Die Bilder sind von Nähe, Intimität, ja zartem erotischem Glanz durchzogen, auch wenn sie immer im Horizont des drohenden Verlusts stehen. Die Grundstimmung bleibt darum paradox: Es ist eine Liebesmelancholie, in der Schmerz und Seligkeit ununterscheidbar ineinander übergehen; der Liebesschmerz ist nicht bloß negativ, sondern wird als höchste Intensität des Erlebens auch gewollt und bejaht.

Im Schlussabschnitt verdichtet sich die Stimmung zu einer Mischung aus schwerem Buß- und Leidenspathos und leiser, fast kontemplativer Seligkeit. Die Verse vom „dichten Kranz von Schmerzen“, der im Herzen „erblüht“ ist, „all betaut von heißen Tränen“, tragen unverkennbar den Ton eines Bußjahres, das in Tränen und Sehnen verbracht wurde. Gleichzeitig ist darin kein nackter Verzweiflungsschrei, sondern eine eigentümliche Demut: Der Kranz liegt „demütig“ zu Füßen der Geliebten, die Dornen werden bereitwillig auf sich genommen, der Stern der Liebe wird gebeten, in den Herzensgrund zu tauchen. Das Schlussbild der „selig“ sterbenden letzten Rose im Schoß der Geliebten fasst diese ambivalente Grundstimmung: Tod, Vergehen und Verlust sind unübersehbar, aber sie sind in eine Atmosphäre stiller, hingegebener Seligkeit gestellt. So herrscht insgesamt eine durchgängig ernste, von Einsamkeit, Klage und Todesnähe geprägte Stimmung vor, die aber immer zugleich von zarter, exaltierter Liebeshingabe, demütigem Büßen und einem verborgenen, heilsartig gefärbten Hoffnungsschimmer durchzogen ist – eine schwermütige Ekstase, die Schmerz und Seligkeit nicht trennt, sondern ineinander verschränkt.

2. Wie stabil ist diese Stimmung?

Die Grundstimmung des Gedichts ist in ihrem Kern erstaunlich stabil, zugleich aber innerlich stark bewegt und nuanciert. Das emotionale Gravitationszentrum – eine Mischung aus Einsamkeit, Todesernst, Liebesabhängigkeit und demütiger Hingabe – wird von der ersten bis zur letzten Zeile nicht verlassen. Es gibt keinen Abschnitt, in dem das Gedicht etwa in heitere, gelöste, ironische oder auch nur nüchterne Tonlagen ausbricht. Selbst dort, wo Zärtlichkeit, Süße und fast spielerische Bilder („Blume deiner Lippen“, „mein Kuß an deinen Wangen“, „Lilie“, das „Grübchen“) auftreten, stehen sie immer unter dem Vorzeichen des drohenden oder erinnerten Verlusts und der Einsamkeit des „Untergehens“. In diesem Sinn bleibt die Stimmung durchgängig in einem dunklen, von Schmerz und Liebesfessel bestimmten Spektrum, das sich eher vertieft und verdichtet, als dass es sich wirklich wandeln würde.

Innerhalb dieses stabilen Grundfeldes vollzieht das Gedicht jedoch eine deutliche innere Dynamik, die man weniger als Stimmungswechsel denn als Modulation und Steigerung beschreiben kann. In den frühen Strophen dominiert eine kalte, abstrakte, fast programmatische Schwermut: Das Ich entwirft in bedingten Sätzen mögliche Katastrophen („Wird der Stern… / Will ich einsam untergehen“) und legt seine Bereitschaft zum Untergang fest. Die Stimmung ist hier weniger flackernd, sondern schwer, starr, unerbittlich. Je weiter der Text voranschreitet und die Bilder vom äußeren Rand ins Intime rücken, mischen sich in diese Schwermut immer stärkere Züge zarter, bisweilen ekstatischer Liebesnähe. Wenn von Herz in Herz, Blick in Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füßen die Rede ist, wird der Schmerz nicht geringer, aber er erscheint in einer „wärmeren“ Atmosphäre: Die Stimmung gleitet von einer eher kargen, wüstenartigen Verlassenheit in eine bittersüße, von Nähe und Körperlichkeit getränkte Leidenslust. Die Grundmelancholie bleibt, wird aber von einem zunehmenden Ton zärtlicher Verzückung durchzogen.

An einzelnen Punkten, etwa bei „Wie allein, allein, alleine“ oder „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“, schießt die Stimmung kurz über das vorherige Niveau hinaus: Hier wirkt sie fast nervös, stammelnd, von der eigenen Einsamkeit überwältigt. Das sind Momente höherer affektiver Instabilität, in denen der gleichmäßige Ton der litaneiartigen Klage ins Zittern gerät. Aber auch diese Ausbrüche verändern das Grundklima nicht, sie sind eher Spitzen innerhalb derselben Stimmungslage. Ähnlich verhält es sich im Schlussabschnitt: Der Ton verdichtet sich zu starkem Buß- und Passionspathos („Kranz von Schmerzen“, „Wund’ an Wunde“, Dornen, Tränen), zugleich tritt mit Formeln wie „Untergehen, auferstehen“ und „selig starb die letzte Rose“ eine leise, fast kontemplative Helligkeit hinzu. Der Grundschmerz bleibt, doch er ist nun von einem Zug der Annahme, ja einer paradoxen Seligkeit überzogen. Statt dass die Stimmung umschlüge – etwa von Verzweiflung zu Freude –, wird sie gleichsam von innen her transponiert: Das Leiden bleibt, aber es wird durch Hingabe, Demut und einen verborgenen Hoffnungshorizont gebrochen.

Man kann deshalb sagen: Die Stimmung ist makroskopisch sehr stabil – das Gedicht kennt im Grunde nur die Tonlage der einsamen, todesnahen, liebend-büßenden Intensität –, mikroskopisch aber hoch beweglich. Sie schwankt nicht in gegensätzliche Extreme, sondern oszilliert innerhalb ihres eigenen Spektrums zwischen starrer Schwermut und weicher Süße, zwischen drohender Vernichtung und zarter Verzückung, zwischen schmerzendem Pathos und stiller, „seliger“ Annahme. Gerade diese Kombination aus Stabilität des Grundtons und innerer Modulation macht für die Deutung entscheidend sichtbar, dass es sich nicht um eine einfache Klage handelt, die von Trauer zu Trost „fortschreitet“, sondern um eine Leidens- und Liebesstimmung, die sich in sich selbst verschärft, verfeinert und am Ende spirituell überhöht, ohne je ihren dunklen Kern aufzugeben.

3. Welche Gefühle und affektiven Haltungen prägen das Ich und sein Verhältnis zu sich selbst?

Das Verhältnis des Ich zu sich selbst ist von einer auffallend ambivalenten Mischung aus Selbsterniedrigung, Schuldgefühl, Todessehnsucht und zugleich stolzer, fast heroischer Opferbereitschaft geprägt. Von Anfang an spricht das Ich mit einer Strenge über sich selbst, die kaum Spielraum für Schonung lässt. Wenn es in immer neuen Formeln sagt: „Einsam will ich untergehen“, so ist das nicht nur Klage, sondern eine harte Selbstverpflichtung. Das Ich setzt sich selbst unter den Bann eines Gelöbnisses, das den eigenen Untergang als angemessene Konsequenz eines möglichen Sternverlusts begreift. Die innere Haltung ist damit zugleich extrem abhängig und zugleich gnadenlos gegen das eigene Dasein: Es akzeptiert das eigene Leben nur unter einer Bedingung – der Unversehrtheit der Liebesbindung –, und es droht sich selbst mit Vernichtung, wenn diese Bedingung verletzt wird.

Dieses Selbstverhältnis ist stark von Schuldsemantik durchzogen. In den Versen „Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“ legt das Ich den Ernst der Lage ganz auf die eigene Verfehlbarkeit. Nicht der Stern könnte versagen, sondern „meine Schuld“ könnte ihn vertreiben. Der affektive Grundzug ist hier Selbstanklage und Bußbereitschaft: Das Ich rechnet mit sich, nicht mit dem Du. Später spricht es davon, „dies Jahr mit Büßen“ zuzubringen und einen „dichten Kranz von Schmerzen“ im eigenen Herzen „all erbaut in bangem Sehnen, / all betaut von heißen Tränen“. Es betrachtet den eigenen Schmerz nicht nur als passiv erlitten, sondern als etwas „erbautes“, bewusst Getragenes; der Kranz von Schmerzen ist zumindest halb auch Werk des Ich. Die Haltung ist die eines Bußenden, der die Last seines Leidens als notwendige, ja angemessene Antwort auf seine eigene Schuld annimmt.

Neben dieser demütigen Selbsterniedrigung zeigt sich zugleich ein auffälliger Zug selbstbewusster Opfererhöhung. Das Ich versteht sich als derjenige Ort, an dem das ganze Drama der Liebe, des Jahres und der Zeit sich bündelt. Wenn es sagt, der Stern habe „meine Schritte“ gefesselt, „mein Herz brach in der Mitte“, wenn es sich in Bildern wie „Sklave an der Kette“, „Troste in stummen Schmerzen“, „Kind, das stirbt, eh’ geboren“ beschreibt, dann lädt es die eigene Person mit einer hohen symbolischen Dichte auf. Die Selbstdeutung ist nicht nur kleinmachend, sondern auch überhöhend: Das Ich sieht sich als exemplarischen Träger von Leid, als Zentrum eines Passionsgeschehens. Im Bildfeld von Dornen, Rose, Kranz und Wunde gewinnt das eigene Herz Züge eines inneren Altars – der „Kranz von Schmerzen“ ist wie ein selbstgetragener Leidenskranz. Affektiv mischt sich in die Demut ein leiser, aber spürbarer Stolz auf die Tiefe des eigenen Leidens und der eigenen Treue.

Hinzu kommt eine ausgeprägte Haltung der Selbstentäußerung und Selbstentgrenzung. In Formulierungen wie „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie mein Licht in deiner Sonne“ verwischt das Ich bewusst die Grenze zwischen sich und dem Du. Sein Idealzustand ist nicht Autonomie, sondern totale Durchdringung: Das eigene Herz geht im Herzen der Geliebten auf, der eigene Blick verschwindet in ihrem Blick, das eigene Licht verglimmt in ihr als Sonne. Das Ich wünscht sich kein starkes Selbst, sondern ein absorbiertes, eingelöstes Selbst, das in der Geliebten aufgegangen ist. Affektiv ist das eine Haltung radikalster Hingabe, die zugleich eine Form von Selbstverlust in Kauf nimmt oder sogar anstrebt. Dass der mögliche Verlust dieses Verschmelzungszustands sofort mit „Untergehen“ beantwortet wird, zeigt, wie wenig das Ich sich unabhängig denken kann: Ohne jene Innigkeit ist es für sich selbst wertlos.

Diese Konstellation wird im Schlussbereich noch einmal verantwortungsvoll zugespitzt. In den Versen „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, / Soll mein Lieben dich umschließen / Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“ tritt ein affektives Selbstbild hervor, das man als bewußte Selbstopferbereitschaft bezeichnen kann. Das Ich will alle Schmerzen, alle Dornen an sich ziehen, um der Geliebten nur „Rosen“ zu lassen. Es geht nicht mehr nur um passiv erlittene Qual, sondern um aktiv übernommene Passion. Im Verhältnis zu sich selbst nimmt sich das Ich damit als legitimes Opfer wahr, das „verbluten“ darf, ja soll, um dem Du uneingeschadete Schönheit und Ruhe zu sichern. Diese Haltung verbindet höchste Selbstabwertung – der eigene Schmerz gilt nichts, wenn nur sie bewahrt bleibt – mit einer inneren Größe: Nur weil ich leide, kann sie in Rosen stehen. Das Ich definiert sich affektiv als Ort der Stellvertretung.

Zusammengefasst: Das Selbstverhältnis des Ich ist eine komplexe Mischung aus strenger Selbstverurteilung, absoluter Selbsthingabe, kultivierter Leidensbereitschaft und einer leise stolzen Opferidentität. Es sieht sich selbst nicht als zu schützenden Kern, sondern als Subjekt, das leben darf, solange der Stern leuchtet, und untergehen muß, wenn diese Liebe sich entzieht. Indem es seinen Schmerz bußwillig annimmt und zum „Kranz von Schmerzen“ gestaltet, macht es das Leiden zur eigenen Würdeform. Die affektive Grundhaltung dem eigenen Selbst gegenüber ist daher nicht Selbstbehauptung, sondern Selbsthingabe bis zur Selbstzerstörung – jedoch in einer Weise, die sich innerlich als höchste Treue und als geistig aufgeladene, fast passionale Berufung versteht.

4. Wie gestaltet sich die affektive Beziehung zum Gegenüber?

Die affektive Beziehung des Ich zum Gegenüber ist von einer extrem verdichteten Mischung aus Verehrung, Abhängigkeit, Angst und zärtlich-ekstatischer Hingabe geprägt. Das Du ist von Anfang an nicht einfach „Geliebte“, sondern der einzige Fixpunkt der Existenz: als „Stern, den ich gesehen“, der das Leben leitet, tröstet, Schuld lindert oder – im schlimmsten Fall – entzieht. Affektiv ist dieses Du zugleich Heilsinstanz und Drohfigur: Nicht im Sinn einer böswilligen Macht, sondern als eine so absolut geliebte Person, dass schon die bloße Möglichkeit ihrer Abwendung das Ich in Todesnähe versetzt. Die immer wiederkehrenden Bedingungssätze („Wird / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern, den ich gesehen…“) zeigen, wie die Gefühle des Ich fest um diese eine Figur kreisen: Hoffnung, Trost, Angst und Selbstgericht sind vollständig auf das Verhalten des Sterns zugespitzt.

In den frühen Strophen dominiert eine affektive Konstellation, die man als verschärfte Verehrung unter dem Vorzeichen der Angst bezeichnen kann. Der Stern ist Friedensbote, Wegweiser, Lindrung der Wunde, er „versüßt“ das Leid und begleitet den Pilger durch Wüste und Klippen. Das Du erscheint hier als uneingeschränkt positiv gesetzte Instanz: alles Gute, jeder Trost, jede Orientierung kommt von ihm. Affektiv begegnet das Ich dieser Figur mit grenzenloser Dankbarkeit, Bewunderung und Demut – es schreibt ihr gleichsam alles Licht in seinem Leben zu. Zugleich aber ist diese Verehrung von panischer Verlustangst durchzogen. Jede Variation der Formeln („wird… gerissen“, „kehrt… kalt sich ab“, „bricht… nicht mein Herz mehr mit Verlangen“) imaginiert die Möglichkeit, dass diese Liebesquelle versiegen könnte. Das Verhältnis ist also von Beginn an nicht ruhig, sondern hochgradig ängstlich übersteigert: Das Ich liebt so absolut, dass die geliebte Person unwillkürlich zur Drohfigur werden muss, einfach weil ihre Freiheit, sich abzuwenden, als tödlich empfunden wird.

Mit der zunehmenden Intimisierung der Bilder verschiebt sich der affektive Ton stärker in Richtung zärtlicher, bisweilen erotisch getönter Nähe, ohne dass die Abhängigkeit geringer würde. Wenn das Ich sagt „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie die Blume deiner Lippen“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“, dann tritt ein sehr weicher, körpernaher Liebesaffekt hervor: Das Du ist nicht mehr nur ferne Gestirnsinstanz, sondern unmittelbarer Leib- und Seelenraum. Die Gefühle oszillieren hier zwischen zarter Bewunderung („Lilie“, „Blume“, „Wonne“) und einer tiefen Sehnsucht nach völliger Verschmelzung. Dass das Ich sich ausdrücklich als „mein Herz vor dir Cäcilie“ beschreibt, macht sichtbar, wie nackt und exponiert es sich im Angesicht der Geliebten empfindet. Affektiv nimmt das Du den Rang eines absolut liebenswerten, zugleich unendlich verletzlichen Zentrums ein: es soll behütet, bewundert, umschlungen werden; alles Anklagende wird sorgfältig von ihm ferngehalten, jede Schärfe der Situation wird ins eigene Innere zurückgenommen. Die kurzen Einsprengsel „arm Lind“, „Lindis ›bitte, bitte‹“ verstärken diesen Ton noch: Sie holen eine intime, fast kindlich zarte Szene ins Gedicht hinein, in der das Ich auf eine kleine Bitte, eine Geste des Du zurückblickt – affektiv ist das Verhältnis hier von Innigkeit, Rührung und einer beinahe kindlichen Bedürftigkeit bestimmt.

Im Schlussbereich gewinnt die affektive Beziehung schließlich deutlich passionale und quasi-religiöse Züge. Die Geliebte erscheint als „Lilie“ im Dorn, als von einem „Rosenzaun“ umschlossene Figur, deren Unversehrtheit zum zentralen Ziel des Ich wird: „Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“. Die Liebe ist hier nicht mehr nur süße Nähe, sondern wird zur ausdrücklich stellvertretenden Passion: Das Ich will alles Leid, alle Dornen auf sich nehmen, damit das Du in einem Raum reiner Schönheit leben kann. Affektiv schlägt die Verehrung damit in eine Form von Selbstopferung um, in der die Geliebte nicht nur Geliebte, sondern fast Heilige ist – „Stern der Lieb’“, dessen Licht in den Herzensgrund tauchen soll. Die Beziehung ist von einer doppelten Bewegung geprägt: äußerste Demut („demütig lag zu Füßen“) und äußerste Exaltation („Wund’ an Wunde – o süß Liebchen!“). Der „Kranz von Schmerzen“, den das Ich im eigenen Herzen trägt, ist zugleich Huldigungskranz: Die Gefühle sind so geordnet, dass alles Harte, Bittere, Blutige auf Seiten des Ich, alles Sanfte, Blühende („Rosen“, „letzte Rose im Schoß“) auf Seiten des Du liegt.

Insgesamt ist die affektive Beziehung zum Gegenüber radikal asymmetrisch, aber innerlich nicht kalt, sondern von höchster Zärtlichkeit und Hingabe durchzogen. Das Du wird idealisiert, vergöttlicht, von Schuld freigehalten; jede Bedrohung, jedes Versagen wird in die eigene Person zurückgenommen („meine Schuld verscherzt den Stern“). Das Ich liebt in einer Weise, die zugleich selbstvernichtend und selbstvergewissernd ist: Es definiert sich als Sklave, Büßer, Träger des Schmerzenskranzes – und erlebt gerade darin die höchste Intensität, die ihm denkbar ist. Die affektive Beziehung ist somit ein paradoxes Gemisch aus Anbetung und Angst, zarter Nähe und existentieller Furcht, kindlichem Bitten und passionierter Opferbereitschaft; sie bildet die eigentliche energetische Mitte des Gedichts, an der sowohl die Melancholie wie auch der verborgene Heils- und Hoffnungshorizont befestigt sind.

5. Gibt es ironische, humorvolle oder selbstrelativierende Momente, die die Oberfläche der Stimmung brechen und auf eine zweite, reflektierende Ebene verweisen?

Im eigentlichen Wortsinn kennt das Gedicht keine ironischen, humorvollen oder selbstrelativierenden Momente. Die Rede des Ich bleibt von Anfang bis Ende vollkommen ernst, pathetisch und ungebrochen affektiv. Es gibt keine Stelle, an der das Ich seine eigene Pose kommentiert, übertreibt und dann „zurücknimmt“ oder auch nur mit einem Halblächeln auf sich selbst oder auf die Konventionen des Liebeslieds zurückschaut. Die Formeln „Einsam will ich untergehen“, „Sklave an der Kette“, „Kranz von Schmerzen“, „Wund’ an Wunde“ sind ohne jede Distanz gesetzt; sie sind nicht als Zitat eines bekannten Musters markiert, sondern als ungebrochene Selbstaussage. Gerade für die Deutung ist dies wichtig: Das Gedicht bietet seinem Sprecher keinen rettenden ironischen Ausweg aus der Übersteigerung – der Affekt steht „ohne Geländer“.

Die wenigen Stellen, an denen man zunächst eine leichte Brechung vermuten könnte, bestätigen bei genauerem Hinsehen eher diese Ernsthaftigkeit. Die fast kindlich anmutenden Formeln „Wie allein, allein, alleine“ oder „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ besitzen zwar eine gewisse Naivität und Einfachheit, die theoretisch auch ins Komische kippen könnte. Im Kontext sind sie aber deutlich als Verdichtung des Schmerzes und der Hilflosigkeit gemeint: Das dreifache „allein“ wirkt wie ein stammelnder Ausruf, nicht wie ein spielerischer Effekt; das zitierte „bitte, bitte“ holt einen intimen Moment der Bitte in die Rede hinein und ist von Rührung, nicht von Witz getragen. Ähnliches gilt für das „Grübchen“, das „Neue Wunde“ der Liebe – es ist zart, sinnlich, aber nicht augenzwinkernd erotisch, sondern in die Passionsterminologie („Wund’ an Wunde“) hineingenommen.

Wenn es eine „zweite Ebene“ gibt, dann entsteht sie weniger durch Ironie als durch die Diskrepanz zwischen äußerer Form und innerem Ernst. Die fast mechanische, liedhaft einfache Kettenstruktur, die unermüdlichen Wiederholungen, die fast überreiche Reimfülle könnten theoretisch als Überzeichnung des romantischen Klagelieds gelesen werden. Doch das Gedicht selbst signalisiert nirgends, dass es diese Überfülle „durchschaut“ und humorvoll kommentiert. Stattdessen wird gerade die Übertreibung ernst genommen: Das überreiche Sprechen von Schmerz, Wunde, Dornen, Tränen und Rose wird zur eigentlichen Wahrheit der Liebesbindung stilisiert. Wenn hier eine Reflexionsschicht erkennbar ist, dann eher in dem Sinn, dass die Kettenform selbst die Versklavung des Ich an seinen Affekt sichtbar macht – aber nicht als kritische Distanz, sondern als ernste Selbstbeschreibung.

Gerade die Abwesenheit von Ironie oder Selbstrelativierung ist deshalb interpretatorisch bedeutsam. Sie zeigt, dass Brentano in diesem späten, religiös grundierten Liebesgedicht keine romantische Koketterie mit Leid, keinen „Rollenspiel“-Gestus entfaltet, sondern eine existentiell gemeinte Passion: Die gesteigerte Klage wird nicht gebrochen, sondern durchgehalten bis zum Schlussbild der „selig“ sterbenden letzten Rose. Wer das Gedicht liest, stößt also nicht auf eine humorvolle Metaebene, sondern auf eine durch und durch unironische, bewusst übersteigerte Darstellung eines Liebesverhältnisses, das gerade darin seinen Ernst gewinnt, dass es auf jede entlastende Selbstreflexion verzichtet.

6. Wie korrespondieren Ton und Bildwelt?

Ton und Bildwelt greifen in diesem Gedicht so eng ineinander, dass man den affektiven Grundton fast als direkten Niederschlag der Bilder bezeichnen kann – und umgekehrt die Bildwahl als „Gestalt“ der Stimmung.

Der dominante Ton ist eine schwere, litaneiartige Liebesmelancholie mit Buß- und Passionseinschlag. Genau dazu passen die frühen Bildfelder von Wüste, Heide, Abendgrauen, wüsten Meeren und dem fernen Stern am Himmel. „Pilger in der Wüste“, „Bettler auf der Heide“, „Mond in wüsten Meeren“, „Tag im Abendgrauen“ sind keine neutralen Landschaftsmetaphern, sondern Stimmungsträger: Sie transportieren Einsamkeit, Ausgesetztheit, Kälte, Orientierungslosigkeit. Der Ton der Verse – langsam, beschwörend, refrainhaft – sitzt diesen Bildern gleichsam auf: Die litaneiartige Wiederkehr „Einsam will ich untergehen“ klingt, als gehöre sie genau in diese weiten, leeren Räume. Ton und Bildwelt verstärken einander: Die kargen, extremen Außenbilder machen den Pathos des „Untergehens“ plausibel, und der ernste, rezitierende Ton lädt die Bilder mit existentiellem Gewicht auf.

Wenn das Gedicht später in den Bereich der Intimität übergeht, moduliert sich auch die Bildwelt in Richtung Zärtlichkeit und Süße – ohne dass der Grundton seine Schwere verliert. „Herz in deinem Herzen“, „Blick in deinen Blicken“, „Blume deiner Lippen“, „Kuß an deinen Wangen“, „Träne dir im Busen“, „Dank zu deinen Füßen“ sind Bilder der Nähe, des Vertrauens, der körperlichen und seelischen Berührung. Sie tragen einen weicheren, wärmeren Affekt – und der Ton zieht mit: Die Sprache wird zärtlicher, weniger von äußerer Not als von inniger Sehnsucht bestimmt. Gleichzeitig bleibt der Satzmodus derselbe: Immer noch heißt es „Wird / Geht / Kehrt der Stern … / will ich einsam untergehen.“ Das heißt: Die Bilder werden süßer, der Ton bleibt ernst und bedrohlich. Gerade in dieser Diskrepanz liegt eine wichtige Korrespondenz: Die zarten Körper- und Herzensbilder werden nicht „romantisierend“ verklärt, sondern mit einem Ton gesprochen, der sie von Beginn an in den Schatten des möglichen Verlusts stellt. Die Süße der Bildwelt hebt die Schwermut nicht auf, sie verfeinert sie.

Im Schlussbereich verschränken sich Ton und Bildwelt dann am deutlichsten im Passions- und Bußregister. Formulierungen wie „Wund’ an Wunde“, „Kranz von Schmerzen“, „Sei in Dornen, meine Lilie!“, „Rosenzaun“, „Stirb Jahr“, „letzte Rose … still entblättert ihr im Schoße“ stammen aus einem Bildvorrat, der deutlich an religiöse Passion, Rosenkranz, Dornenkrone erinnert und zugleich die Liebesmetaphorik Brentanos aufnimmt. Der Ton hebt sich hier auf eine quasi-andächtige, pathetisch verdichtete Stufe: „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ bringt in der Klanggestalt denselben Ernst und dieselbe Steigerung zum Ausdruck, die die Bildwelt zeigt. Die Sprache ist dicht gereimt, spannungsvoll rhythmisiert, von Ausrufen und Anrufungen durchsetzt – genau so, wie es zu einem Bildfeld von Dornen, Wunden und Seligkeit passt. Ton und Bilder führen in dieselbe Richtung: einer innerlichen Passion, die zugleich leidvoll und „selig“ ist.

Bedeutend ist auch, wo Ton und Bildwelt gerade nicht auseinanderfallen. Die wenigen vermeintlich harmlosen, fast spielerischen Bilder – das „Grübchen“ als „neue Wunde“, das kindlich anmutende „bitte, bitte“ – werden nicht mit einem ironischen, leichten Ton begleitet, sondern sofort in den ernsten Affekt hineingezogen: Das Grübchen wird zur „Wunde“, das „bitte, bitte“ zur erinnerungsbeladenen Szene, auf die das Ich mit Tränen reagiert. Dass der Ton hier nicht kippt, sondern denselben ernsten Klang behält, macht deutlich, dass auch diese „helleren“ Bilder in die leidvolle Grundstimmung integriert werden. Was äußerlich süß oder lieblich wirkt, wird in der Bildlogik des Gedichts sofort in Schmerz- und Bußsemantik überführt – und der Ton bestätigt diese Überführung.

Insgesamt könnte man sagen: Die Bildwelt ist der Raum, in dem der Ton sich konkretisiert. Außenbilder (Wüste, Heide, Meer, Stern) tragen den pathetisch-einsamen, todesnahen Grundton; Innen- und Körperbilder (Herz, Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füße) geben ihm eine bittersüße, intime Färbung; Passionsbilder (Dornen, Kranz, Wunden, letzte Rose) heben ihn in eine religiös-andächtige Dimension. Der litaneiartige, ernste, nie ironische Ton ist seinerseits das Medium, das verhindert, dass diese Bilder ins bloß Dekorative oder ins bloß Weltliche abrutschen: Er verschweißt Liebes-, Leidens- und Heilsbilder zu einer einheitlichen affektiven Atmosphäre. Ton und Bildwelt stehen so in einem engen, sich gegenseitig bestätigenden Verhältnis – gerade diese Geschlossenheit wird für die Deutung wichtig, weil sie zeigt, dass das Gedicht seine übersteigerte Liebes- und Leidenssprache nicht als Spiel, sondern als ernst gemeinte, beinahe kultische Selbstdeutung versteht.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

1. Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Im Zentrum des Gedichts steht ein bis ins Extreme gesteigerter Liebes- und Bindungstrieb, der das ganze Dasein des Ich auf eine einzige Figur hin bündelt. Alles in ihm drängt darauf, sich diesem Stern, dieser „Fesselnden“, restlos hinzugeben: Sein Herz soll im Herzen der Geliebten aufgehen, sein Blick in ihren Blicken verschwinden, sein Licht in ihrer Sonne verglimmen. Der Grundtrieb ist nicht Selbstbehauptung, sondern Verschmelzung: Das Ich will nicht bei sich bleiben, sondern in der Geliebten „aufgehoben“ sein, und zwar so radikal, dass es das eigene Weiterleben nur unter der Bedingung dieser Bindung akzeptiert. Damit verknüpft ist der existenzielle Wunsch nach Orientierung und Sinn: Der Stern ist nicht bloß Liebesobjekt, sondern Lebens- und Schicksalsstern; ohne ihn gibt es keinen Weg, keine Deutung des eigenen Leidens, keine Zukunft.

Dem steht eine ebenso radikale Todessehnsucht gegenüber, die eng mit dieser Liebesbindung verschmolzen ist. Die Formel „Einsam will ich untergehen“ wiederholt sich nicht als abstrakte Todesfantasie, sondern als strukturierte Selbstverpflichtung: Wenn der Stern sich entzieht, wenn er nicht mehr grüßt, nicht mehr leitet, nicht mehr „Lindrung meiner Wunde“ ist, dann soll das Ich verschwinden. Eros und Thanatos liegen hier fast ununterscheidbar übereinander: Die Liebe erzeugt eine Intensität, die das Leben nur noch unter maximaler Erfüllung erträgt; anything less wird als Grund zum Untergang empfunden. Die Tiefenerfahrung, die sich dahinter abzeichnet, ist die eines Menschen, der sein Selbst nicht mehr unabhängig von einer einzigen Beziehung denken kann – und der darum den Tod nicht als äußerliche Grenze, sondern als innerstes Korrelat der Liebesradikalität in sich trägt.

Eine weitere Grundschicht bildet die Erfahrung von Schuld, Unwürdigkeit und Bußnotwendigkeit. Immer wieder taucht die Angst auf, „meine Schuld“ könne den Stern verscherzen; das ganze Jahr wird „mit Büßen“ verbracht, im Herzen wächst ein „Kranz von Schmerzen“, „erbaut in bangem Sehnen, all betaut von heißen Tränen“. Das Ich erlebt sich nicht nur als Opfer der Umstände, sondern als jemand, der vor einer höheren Instanz – personifiziert im Stern, im Du – nicht genügt und der seinen Schmerz als angemessene, ja notwendige Gegenbewegung annimmt. Darin steckt eine Tiefenerfahrung religiöser Prägung: Leiden ist nicht bloß passiv erlittenes Unglück, sondern wird zum Medium von Läuterung, Hingabe, innerer „Arbeit“ am eigenen Herzen.

Zwischen all diesen Polen verlaufen starke Spannungen, die das Gedicht nicht auflöst, sondern aushält. Das Ich schwankt zwischen totaler Selbsterniedrigung („Sklave an der Kette“, Träger der Dornen, Blutender am Zaun) und einem fast stolzen Bewusstsein seines Leidens: Sein Herz, sein Kranz von Schmerzen, seine Bereitschaft, alle Dornen auf sich zu nehmen, werden zu einer Art innerer Würdeform. Zugleich prallen der Wunsch nach absoluter Nähe und die dauernde Erfahrung von Abstand aufeinander: Der Stern ist zugleich „dein Stern“, ganz nah an Cäcilie gebunden, und doch jederzeit im Begriff, sich „kalt“ abzuwenden. Die Tiefenerfahrung ist die eines existentiell zerrissenen Bewusstseins, das nur in der maximalen Bindung an ein Du leben kann und genau darin seine höchste Verletzlichkeit entdeckt – und das diese Verletzlichkeit nicht abmildert, sondern in eine bewußt angenommene, passionale Selbsthingabe überführt.

2. Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht von Anfang an als radikal affektbestimmtes Wesen, dessen Selbstbild, Entscheidungen und Zukunftsentwürfe fast vollständig aus seinen Gefühlen, nicht aus einer nüchtern reflektierten Vernunft hervorgehen. Schon die Grundformel „Einsam will ich untergehen“ ist kein gedanklich abgewogener Entschluss, sondern Ausdruck eines affektiven Überdrucks: Ein Ich, das emotional ganz an einen Stern, an eine geliebte Person gebunden ist, reagiert auf die bloße Vorstellung ihrer Abwendung mit der extremsten denkbaren Konsequenz. Die langen Reihen der Konditionalsätze – „Wird der Stern…“, „Wenn der Stern…“, „Sollt’ den Stern…“, „Geht der Stern…“ – sind grammatisch betrachtet rationale Wenn-dann-Konstruktionen, psychologisch aber nichts anderes als ritualisierte Ausbrüche eines Gefühls, das sich in bedingungslose Selbstaufgabe gesteigert hat. Das zukünftige Handeln des Ich („will ich untergehen“) wird nicht aus Überlegung, sondern aus dem jetzigen Affekt der Angst, der Sehnsucht und der totalen Abhängigkeit modelliert.

Diese Affektdominanz zeigt sich besonders darin, wie vollständig das Ich seine eigene Lebenswürdigkeit von der emotionalen Beziehung abhängig macht. Es denkt sich selbst nicht als eigenständigen Wert, sondern nur als Funktion der Liebe: Leuchtet der Stern, besteht Hoffnung, Trost, Orientierung; wendet sich der Stern ab, verliert das eigene Dasein seinen Sinn. Die Bilderfolge – Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Sklave an der Kette, Schwanenlied im Tode – sind Projektionen des inneren Gefühlszustands nach außen: Der Mensch „ist“ nicht zuerst Pilger oder Sklave, er „fühlt“ sich so und macht diese Affektlage zur Definition seines Seins. Die Kettenform des Gedichts, das ständige Wiederholen derselben Schwurformel, wirkt wie ein Zwang, der aus dem Inneren des Ich kommt: Es kann seine Lage nur im Modus des immer selben, affektiv aufgeladenen Satzes aussprechen, als wäre es psychisch an diese Formel gefesselt.

Je weiter der Text fortschreitet, desto deutlicher wird, wie sehr Wahrnehmung und Denken des Ich durch seine Gefühle geformt sind. Liebe, Angst, Sehnsucht und Schuld bestimmen, was es überhaupt sieht und erinnert: Es fokussiert sich auf Herz, Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füße der Geliebten, nicht als neutrale Körperteile, sondern als affektiv übercodierte Zonen maximaler Nähe und Verletzlichkeit. „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“: Hier wird deutlich, dass das Ich sein eigenes Inneres nur noch im Spiegel der Gefühle zum Du wahrzunehmen vermag. Selbst die Erinnerung arbeitet affektiv selektiv: Das kleine „bitte, bitte“ der Geliebten brennt sich tiefer ein als jede sachliche Information; das Grübchen im Gesicht wird zur „neuen Wunde“, weil es im affektiven System des Ich sofort in das Schema von Schmerz und Leidenschaft hineinrutscht. Der Mensch erscheint so als Wesen, dessen Gedächtnis, Bildwahl und Sprache von einer übermächtigen Gefühlshierarchie regiert werden.

Hinzu kommt, dass das Ich nicht nur von Affekten getrieben wird, sondern seine Affektlage aktiv verstärkt und kultiviert. Es sucht nicht nach Entlastung, sondern nach Steigerung des Gefühls: Die Bilder eskalieren von der äußeren Ödnis (Wüste, Heide, wüste Meere) über die innige Nähe (Herz in Herz, Blick in Blick) bis hin zu den Passionsbildern (Wund an Wunde, Kranz von Schmerzen, Dornen, letzte Rose). Diese Steigerung ist Ausdruck eines inneren Drangs, das Erleben nicht zu relativieren, sondern bis an den Rand des Erträglichen zu treiben. Wenn das Ich sagt, es habe „dies Jahr mit Büßen“ verbracht und einen „dichten Kranz von Schmerzen“ im Herzen „erbaut“, dann ließe sich das als Reflexion einer Leidensgeschichte lesen; psychologisch zeigt sich aber, dass es seine affektive Lage als Aufgabe und Berufung annimmt. Der Mensch ist hier einer, der seinen Schmerz nicht nur erleidet, sondern in einem letzten Schritt auch will und gestaltet – und zwar getrieben von der Vorstellung, dass gerade darin seine Treue und seine Liebe sich erweist.

Besonders deutlich wird die affektbestimmte Verfassung des Ich an den Stellen, an denen Sprache und Metrum selbst ins Stolpern geraten: „Wie allein, allein, alleine“ sprengt den gleichmäßigen Versfluss und klingt wie ein Lautwerden nackter Emotion; „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ und „Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ tragen in ihrer Wiederholung und der merkwürdigen Namensform („Lind“, „Lindis“) etwas Stotterndes, Kindliches. Hier rutscht die Stimme in eine Zone vor- oder unterhalb reflektierter Kontrolle: Sie ist nicht mehr souveräne Sprecherinstanz, sondern unmittelbarer Ausdruck von Hilflosigkeit und Bedürftigkeit. Der Mensch erscheint dort gerade nicht als Herr seiner Gefühle, sondern als von ihnen überwältigt, bis in die Sprachstruktur hinein.

Schließlich zeigt sich die Affektbestimmtheit auch in der Art, wie das Ich seine eigene Opferrolle deutet. Dass es bereit ist, alle Dornen auf sich zu nehmen, „mirwärts nur die scharfen Dornen“, und der Geliebten nur „Rosen“ zu lassen, ist rational schwer zu begründen; affektiv jedoch folgt es einer inneren Logik: Die Größe der Liebe erweist sich daran, wie viel Leid sie auf sich zieht. Der Mensch ist hier ein Wesen, das sein Selbstwertgefühl nicht aus Erfolg, Autonomie oder Harmonie gewinnt, sondern aus der Intensität seines Liebesschmerzes. Gerade darin, dass es „verblutet“, findet das Ich seine höchste Bestätigung. Das Gedicht macht so in dichter Form eine existentielle Erfahrung sichtbar, die sich kaum in nüchterne Begriffe fassen lässt: Der Mensch kann so sehr Affektwesen sein, dass er sein Leben, seine moralischen Urteile, seine Selbstauslegung und seine Zukunft ausschließlich aus der Logik eines einzigen, alles überragenden Gefühls – hier: der verzweifelten, büßenden Liebe – herleitet.

3. Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Das Ich ist im ganzen Gedicht von tiefen Ambivalenzen durchzogen; es gibt keinen Gefühlszustand, der nicht zugleich sein Gegenbild in sich trägt. Gerade diese innere Gespaltenheit macht die psychologische Spannung des Textes aus.

Eine erste große Ambivalenz liegt im Verhältnis von radikaler Selbsterniedrigung und zugleich verdeckter Selbstüberhöhung. Das Ich spricht von sich als „Sklave an der Kette“, als einer, dessen Schritte vom Stern gefesselt sind, dessen Herz „in der Mitte“ bricht und der einen „dichten Kranz von Schmerzen“ im eigenen Inneren trägt. Es nennt sich schuldig, bußbedürftig, unwürdig und akzeptiert, dass „meine Schuld“ den Stern verscherzen könnte. Alles scheint auf kleinmachende Selbstauslieferung hinauszulaufen. Und doch erhebt es sich gerade in dieser Selbstabwertung: Es stilisiert sein Leiden zur besonderen Würdeform, sein Herz zum Träger eines Schmerzenskranzes, seine Rolle zum exemplarischen Ort von Passion. Wer alle Dornen auf sich nimmt, wer bereit ist zu „verbluten“, um der Geliebten nur Rosen zu lassen, der nimmt sich innerlich nicht als Nichts, sondern als entscheidenden Träger des ganzen Dramas wahr. In dieser Spannung von Demut und Opferstolz liegt eine der zentralen Ambivalenzen des Ich.

Eng damit verbunden ist die Ambivalenz zwischen Todessehnsucht und Lebenssehnsucht. Nach außen hin dominiert der Entschluss: „Einsam will ich untergehen“ – wieder und wieder erklärt das Ich, sein Dasein sei an die Bedingung der ungebrochenen Liebe geknüpft, und im Fall des Verlustes sei der Tod die einzig konsequente Antwort. Die Sprache scheint den Untergang zu wollen. Gleichzeitig ist dieser Todeswunsch strikt konditional: Untergehen will das Ich nur, wenn der Stern sich abwendet, wenn die Liebe nicht mehr trägt. Implizit steckt darin eine hartnäckige Lebenssehnsucht: Es will leben – aber nur als von diesem einen Stern Gehaltenes. Noch deutlicher wird die Ambivalenz in der Schlussformel „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“; der Untergang wird mit dem Wort „Auferstehen“ gekoppelt, der Tod mit einer Möglichkeit von innerer Verwandlung. Auch die „selig“ sterbende letzte Rose im Schoß der Geliebten ist ambivalent: Sie ist unwiderruflich vergangen und doch in einem Wortfeld der Seligkeit aufgehoben. Die Seele des Ich bewegt sich damit beständig zwischen radikalem Vernichtungswunsch und einem verborgenen, nicht aufgegebenen Verlangen nach Sinn, Fortdauer, Verwandlung.

Eine weitere, sehr markante Ambivalenz betrifft Nähe und Distanz im Verhältnis zum Du. In den frühen Strophen steht der Stern hoch am Himmel, das Ich am Boden der Wüste, der Heide, der wüsten Meere: Der Abstand ist maximal, das Du erscheint als unerreichbare, kosmische Instanz. Im Verlauf rücken die Bilder immer näher an Herz, Blick, Lippen, Wangen, Busen, Füße der Geliebten; am Ende soll der Stern „zu meines Herzens Grunde“ tauchen. Die Beziehung schwingt also zwischen absoluter Überhöhung und radikalster Intimität. Diese Ambivalenz spiegelt sich im Affekt: Die Geliebte ist zugleich Lichtquelle und Lebenszentrum, aber auch eine Macht, deren Abwendung tödlich wäre; sie ist unendlich fern und unendlich nah. Das Ich kann sie nie als „Gleiche“ sehen, sondern schwankt zwischen anbetender Distanz und sterbensnaher Verschmelzungssehnsucht.

Ebenso doppelt ist die Haltung zur eigenen Rolle: Das Ich erlebt sich einerseits als passives Opfer, als „Sklave an der Kette“, der von Blicken und Entscheidungen des Sterns abhängig ist, als ein Getriebener, dem „geschieht“. Andererseits agiert es hochgradig aktiv: Es „erbaut“ den Kranz von Schmerzen im eigenen Herzen, es „büßt“ bewusst, es beschließt, alle Dornen an sich zu ziehen und die Geliebte mit einem Rosenzaun zu umschließen. Es legt Gelöbnisse ab, formuliert Bedingungen, entwirft Szenarien. Das Subjekt ist damit zugleich überwältigt von seinen Gefühlen und doch auch derjenige, der diese Gefühlslage kultiviert und steigert. Die Ambivalenz zwischen Ausgeliefertsein und Selbstinszenierung prägt sein ganzes Handeln.

Schließlich zeigt sich eine tiefe Ambivalenz im Verhältnis von Einsamkeit und Bindung. Auf der Oberfläche klingt unablässig die Formel „Einsam will ich untergehen“; das Ich definiert sich selbst als radikal vereinzeltes Wesen, das sein Ende „keiner“ wissen lassen will. Gleichzeitig ist es inhaltlich von einer nahezu totalen Bezogenheit durchzogen: „mein Herz in deinem Herzen“, „mein Blick in deinen Blicken“, „mein Kuß an deinen Wangen“, „meine Träne dir im Busen“, „mein Dank zu deinen Füßen“, „mein Licht in deiner Sonne“. Kaum ein Vers, der nicht auf eine Bindung, ein Ineinander, ein Vor-dir-sein hinausliefe. Die Einsamkeit, von der das Ich spricht, ist darum keine nüchterne Faktizität, sondern eine radikal übersteigerte Vorstellung: Es fühlt sich allein gerade dort, wo es am stärksten gebunden ist, und es will allein sterben, obwohl sein ganzer Schmerz auf das Du ausgerichtet bleibt. Diese Ambivalenz – zugleich absolut gebunden und absolut einsam sein zu wollen – macht das innere Drama des Gedichts aus: Das Ich findet seine Identität in einer Bindung, die es so radikal setzt, dass sie im Bewusstsein zur Erfahrung äußerster Vereinsamung wird.

4. Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenübers?

Die Wahrnehmung des Gegenübers ist im Gedicht nahezu vollständig ein Produkt der affektiven Bewegung des Ich; das Du erscheint nicht als „neutrale“ Person, sondern als Spiegel und Verdichtungszentrum der inneren Erregung. Je nachdem, wie sich Angst, Sehnsucht, Schuldgefühl und Hingabebereitschaft im Ich verschieben, verändert sich auch, was der Sprecher am Gegenüber sieht – und wie er es bewertet. Am Anfang ist der Stern vor allem Projektionsfläche eines existentiell gespannten Grundaffekts: In der Angst, ihn zu verlieren, nimmt das Ich ihn als absolute Lebensmacht wahr. Der Stern ist Wegweiser, Friedensbote, Tröster, Lindrung der Wunde, einer, der durch Wüste, Heide und Meere führt. Diese Zuweisungen sagen weniger über eine „objektive“ Gestalt des Du, als über das Bedürfnis des Ich: Weil es sich orientierungslos, schuldig und bedroht erlebt, „muß“ das Du als allmächtiger, heilender Stern erscheinen. Die affektive Übersteigerung – alles hängt an diesem einen – macht aus einem Menschen eine fast kosmische Instanz.

Zugleich sorgt die Angst, den Stern zu verlieren, dafür, dass das Gegenüber als prinzipiell gefährdet und gefährlich wahrgenommen wird. Gefährdet insofern, als es jederzeit „gerissen“, „fortgekehrt“, „kalt abgewandt“ werden könnte; gefährlich insofern, als sein Sichabwenden für das Ich den Tod bedeutet. Der Stern selbst tut in den Versen nichts Grausames, aber die affektive Logik des Ich macht aus jeder denkbaren Distanz eine Todesdrohung. So werden an sich neutrale Möglichkeiten – der Stern grüßt nicht, leitet nicht, „versüßt“ nicht mehr – in maximal negative Szenarien verwandelt. Das Du wird wahrgenommen durch ein Prisma der Angst: Es ist zugleich alles Gute und die potenziell tödliche Quelle allen Leids. Die affektive Bewegung der Furcht presst es in eine Rolle zwischen Heilsstern und Schicksalsrichter, ohne dass es je als alltäglicher, ambivalenter Mensch erscheinen dürfte.

Mit der zunehmenden Liebes- und Sehnsuchtsbewegung des Ich verschiebt sich auch die Wahrnehmung: Das Gegenüber tritt aus der weiten Stern-Distanz immer näher an den Körper, an den innersten seelischen Raum heran. „Deine Lippen“, „deine Wangen“, „dein Busen“, „deine Füße“, „dein Nam’ in Todes Munde“ – das Du wird nicht mehr als abstrahierter Stern wahrgenommen, sondern als Körperlandschaft, in der das Ich sich verstrickt und spiegelt. Dass das Ich sein eigenes Herz in ihrem Herzen, seinen Blick in ihren Blicken, sein Licht in ihrer Sonne sieht, zeigt, wie sehr das Gegenüber nur noch als Raum für die eigenen Affekte registriert wird: Es ist der Ort, in dem seine Liebe wohnen, sein Dank liegen, seine Träne ruhen, sein Name und sein Tod sich treffen können. Je stärker die Liebesbewegung anschwillt, desto weniger sieht das Ich eine eigenständige Person; es nimmt das Du vor allem als Innenraum der eigenen Gefühle wahr, als Gefäß, in das Herz, Blick, Kuß, Träne, Licht sich hineingeben. Die Wahrnehmung wird also mit wachsender Zärtlichkeit zugleich „ego-zentrischer“: Alles am Du ist Signatur dessen, was im Ich vorgeht.

Die Schuld- und Bußbewegung führt zusätzlich dazu, dass das Gegenüber moralisch idealisiert und von jeder Schattenseite freigehalten wird. Weil das Ich seine eigene „Schuld“ als Gefahr für den Stern empfindet, kann es sich den Gedanken, das Du könnte falsch handeln, kaum leisten. Die Geliebte erscheint als reine Lilie, als Stern der Liebe, als jene, der die Rosen zukommen sollen, während alle Dornen „mirwärts“ stehen. Das affektiv überhöhte Bedürfnis, selbst Schuld zu tragen und die Geliebte zu schonen, verformt die Wahrnehmung: Sie wird zur makellosen, beinahe heiligen Figur, deren Unversehrtheit Voraussetzung der ganzen inneren Ökonomie ist. Kleinste Gesten – das „bitte, bitte“, das Grübchen, der Namensklang „Cäcilie“ – laden sich in dieser Optik mit übergroßer Bedeutung auf. Die affektive Bewegung bewirkt, dass das Ich solche Details nicht mehr als beiläufige Züge einer Person sieht, sondern als Wunden, Zeichen, Sakramente ihrer Liebe: Das Grübchen ist „neue Wunde“, das „bitte, bitte“ eine Szene, an der das ganze Herz hängt.

Im letzten Teil, wo sich die affektive Kurve zum Passions- und Bußpathos steigert, wird die Wahrnehmung endgültig sakralisierend. Die Geliebte ist „Lilie in Dornen“, von einem Rosenzaun umgeben, in dessen Schoß die „letzte Rose“ selig stirbt; sie erscheint wie eine Figur in einem inneren Andachtsbild. Der Stern der Liebe soll „zu meines Herzens Grunde“ tauchen – das Du wird als Licht wahrgenommen, das in einen Wundengrund hinabsteigt. Hier ist die Wahrnehmung des Gegenübers vollständig von der religiös gefärbten Affektbewegung gezeichnet: Die Geliebte ist Liebesobjekt, Heilszeichen, quasi eucharistische Mitte (Rose im Schoß), während das Ich sich zum leidenden Träger des Kranzes von Schmerzen macht. Das Gedicht zeigt so, wie der Mensch, affektbestimmt wie er ist, kaum mehr „nüchtern“ sehen kann: Liebe, Angst, Schuld, Bußbereitschaft und Opferwille formen das Gegenüber zur absolut reinen, heilsbringenden, aber auch unheimlich mächtigen Figur, die es vielleicht in der Realität nie war, aber im inneren Erleben des Ich unbedingt sein muß.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

1. Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Der Text ist zwar formal ein Liebesgedicht, arbeitet aber so stark mit religiösen und metaphysischen Bildschichten, dass die Liebesbeziehung kaum von einem geistlich-theologischen Horizont zu trennen ist.

Schon die Grundfigur des „Sterns“ trägt weit mehr als nur romantische Liebessymbolik. Der Stern ist Wegweiser durch Wüste und Klippen, „Friedensbote“, „Lindrung meiner Wunde“, „Stern der Lieb’“, der „zu meines Herzens Grunde“ tauchen soll. In dieser Sprache schwingen deutlich Konnotationen des biblischen Sterns (Weihnachtsstern, „Stella maris“, Leitstern der Seele) mit: Der Geliebtenstern ist nicht bloß schönes Bild, sondern erhält Züge einer heilenden, richtungsgebenden, fast gnadenhaften Instanz, an der das Schicksal des Ich hängt. Wenn am Ende „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ gesagt wird, nimmt die Sternsymbolik unmittelbar an der christlichen Passions- und Auferstehungssprache teil: Untergang und Auferstehen bilden ein Paar, das nicht mehr nur Liebespathos, sondern eine religiös gefärbte Grunderfahrung von Tod und neuer Existenz anspricht.

Dazu tritt die dichte Passionsterminologie. Das Gedicht kennt „Wund’ an Wunde“, „Lindrung meiner Wunde“, einen „Kranz von Schmerzen“ im Herzen, Dornen, Rosen und die deutlich formulaartige Wendung „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen…“. Die Liebe zur Cäcilie wird in einem Vokabular erzählt, das unüberhörbar an Christuspassion und Bußfrömmigkeit erinnert: der Schmerzenskranz im Herzen als Entsprechung zur Dornenkrone, die heißen Tränen, das Büßen des Jahres, die Dornen, die „mirwärts“ stehen, während „dirwärts nur die Rosen sprießen“. Die Geliebte erscheint damit in einer Art marianisch-heiligem Licht (Lilie, Rosen, Schoß, „selig“ sterbende Rose), während das Ich sich als leidender Träger der Schmerzen andient. Liebesverhältnis und heilsgeschichtliche Figuration verschränken sich: Innerweltliche Liebe wird mit den Formen religiöser Passion erzählt.

Auch die Zeitstruktur ist theologisch konnotiert. Das Gedicht spielt in der „letzten Stunde des Jahres 1834“, die im Text als „zwölfte Stunde“ explizit benannt wird – ein Moment, der nicht nur kalendarisch, sondern als Gerichts- und Schwellenzeit gelesen werden kann. „Jetzt schlägt die Stunde!“ – das ist Kairos-Sprache, wie sie in Predigt und Frömmigkeit vorkommt: eine Stunde der Entscheidung, des Untergangs und (möglichen) inneren Auferstehens. Das sterbende Jahr, das angesprochen wird („Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“), wird zu einer Art kleiner Apokalypse, in der das eigene Herzgericht vollzogen wird: Die Bilanz des Bußjahres („mit Büßen“, „Kranz von Schmerzen“) liegt zu Füßen der Geliebten / Fesselnden, wie eine Opfergabe oder ein Gelübde vor einem Altar.

Schließlich besitzt auch die Form des Kettenliedes religiöse Konnotationen. Die litaneiartigen Wiederholungen („Einsam will ich untergehen“, „den Stern, den ich gesehen“), die Kettenform der Reime und die gleichmäßig fortschreitenden Strophen erinnern an Gebetsformen, an Litaneien, an den Rosenkranz: Perlen (Strophen) werden nacheinander „abgebetet“, immer wieder kehren gleiche Formeln zurück, die die innere Haltung festigen. Der „Kranz von Schmerzen“, den das Ich „erbaut“ und „betaut von heißen Tränen“ zu Füßen legt, korrespondiert strukturell mit dieser repetitiven Form: Das Gedicht selbst wirkt wie ein Rosenkranzgebet der Liebes- und Bußpassion.

In der Summe entsteht ein stark metaphysisch aufgeladener Raum: Die Liebe zur Cäcilie ist nicht bloß psychologisch-privat, sondern erscheint als Ort, an dem Schuld, Buße, Gericht, Gnade, Untergang und Auferstehung verhandelt werden. Das Du übernimmt Züge eines Heils- und Gerichtssterns, das Ich inszeniert sich als leidender Büßer. So verschränkt der Text romantische Liebesrede mit einem geistlich-mystischen Deutungshorizont, ohne je explizit zu predigen – aber die religiösen Konnotationen tragen die gesamte Bildwelt und den Ton.

2. Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Im Text zeigen sich mehrere moralische Spannungsfelder, die nicht als „Probleme“ ausformuliert, aber im Gefüge von Bildern, Schwurformeln und Selbstdeutung deutlich spürbar werden.

Zum einen liegt eine grundlegende ethische Schieflage in der radikalen Selbstentwertung des Ich. Es erklärt sein eigenes Leben ausdrücklich nur unter einer einzigen Bedingung für sinnvoll: Solange der Stern leuchtet, darf es bestehen; wendet sich der Stern ab, „will ich einsam untergehen“. Damit knüpft es seine Lebensberechtigung nicht an ein umfassenderes Gut (Gott, Wahrheit, Verantwortung für andere), sondern allein an die Stimmung und Zuwendung eines einzigen Du. In moderner Perspektive liegt hier ein moralischer Konflikt: Die eigene Existenz wird auf das Niveau einer disponiblen Größe herabgesetzt, über die letztlich das Gegenüber verfügt. Zugleich wird der Selbstuntergang als „konsequente“ und beinahe heroische Lösung inszeniert – eine ästhetisch überhöhte Selbstvernichtungsbereitschaft, die ethisch ambivalent bleibt, weil sie jede Pflicht zur Selbstsorge und zur Bewahrung des eigenen Lebens ignoriert.

Eng damit verbunden ist eine zweite Spannung: die vollständige Verschiebung von Schuld. Wenn „meine Schuld den Stern verscherzen“ könnte, dann liegt jede moralische Last einseitig auf der Seite des Ich. Die Geliebte erscheint als reine, quasi unangreifbare Lichtgestalt, der Stern als moralisch unangetastete Instanz. Damit blendet der Text jede Möglichkeit aus, dass auch das Du verletzen, schuldig werden, Versprechen brechen könnte. Das Ich übernimmt nicht nur die gesamte Leidenslast, sondern auch die gesamte Schuldlast, und versucht sie durch „Büßen“ und den „Kranz von Schmerzen“ zu kompensieren. Moralisch entsteht dadurch eine problematische Konstellation: Das Gegenüber wird idealisiert und entschuldet, das Ich überidentifiziert sich mit der Rolle des Schuldners und Büßers, der seine Beziehung durch Schmerz „erarbeitet“. Die Grenze zwischen authentischer Reue und einer fast magisch verstandenen „Verdienstlogik“ (mehr Tränen, mehr Kranz, mehr Buße = mehr Recht auf Liebe) wird unscharf.

Hinzu kommt die Spannung zwischen Freiheit und freiwillig bejahter Unfreiheit. Der Titel spricht vom „Sklaven an die Fesselnde“, und das Ich übernimmt dieses Bild ohne Distanz: Es will gefesselt sein, nennt sich Sklave, spricht von „gefesselten Schritten“ und von der Kette, an der es hängt. Die ethische Ambivalenz liegt darin, dass eine reale Unfreiheit – Sklaverei – hier als Metapher für eine innere Liebessituation eingesetzt und zugleich verherrlicht wird. Die völlige Heteronomie, die Aufgabe der eigenen Willensfreiheit, wird nicht kritisch reflektiert, sondern als höchste Form der Treue und Hingabe gezeichnet. In einem theologischen Horizont wäre aber gerade die völlige Bindung an ein geschaffenes Du (statt an Gott) selbst problematisch: Das Ich lässt seinen letzten Maßstab nicht mehr in einem transzendenten, frei machenden Gegenüber, sondern in der Abhängigkeit von einem Menschen liegen. Damit rückt die Liebesbindung in die Nähe einer Vergötzung des Anderen, bei der sich ethische und religiöse Ordnung verschieben.

Eine weitere Konfliktzone berührt das Verhältnis von Liebe, Leid und moralischer „Größe“. Das Ich macht sein eigenes Leiden zum Ausweis der Qualität seiner Liebe: Je dichter der „Kranz von Schmerzen“, je mehr „Wunden“, je schärfer die Dornen, desto wahrer und würdiger erscheint die Beziehung. „Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“ – darin steckt einerseits eine edle Geste: Liebe will das Du schonen, sich selbst nicht. Andererseits aber auch eine problematische Überhöhung des Leidens: Schmerz wird selbst zum Ideal und zur Legitimation. Wer liebt, so der implizite Maßstab, muss bereit sein, sich zu verzehren, zu verbluten, still zu sterben wie die „letzte Rose“ im Schoß der Geliebten. Der Text thematisiert nicht, ob diese Selbstaufopferung Grenzen haben sollte, sondern führt sie als letzte Konsequenz vor. Ethnisch stellt sich hier die Frage, ob ein solches Ideal der Selbstvernichtung im Namen der Liebe noch als Tugend oder bereits als zerstörerische Überforderung zu deuten ist.

Schließlich gibt es eine diskrete, aber wirksame Spannung zwischen der Privatabsolutheit dieser Liebe und jeder weiteren moralischen Beziehung zur Welt. Schon im Anfangsvers „Keiner soll mein Ende wissen“ schwingt eine demonstrative Abkehr von allen anderen Menschen mit. Das Ich sieht sich nur noch in Relation zum Stern/ zur Geliebten und zum sterbenden Jahr, nicht mehr in Relation zu Mitmenschen, Aufgaben oder Verantwortungen. Dass es „einsam“ untergehen will, ohne dass irgend jemand davon erfährt, hat einen stolzen, fast trotzig-unsozialen Zug: Die ganze moralische Welt reduziert sich auf das Du und das eigene Innerste. Auch das ist strukturell bedenklich: In dem Maß, in dem die affektiv überhöhte Liebe alle anderen Bindungen verdrängt, gerät das Ich in eine ethische Isolation, in der es sich für niemanden mehr verantwortlich weiß – außer für die Geliebte, deren Wohlergehen es um den Preis des eigenen Untergangs sichern möchte.

Zusammengenommen zeichnen diese Spannungen ein Ich, das seine moralische Existenz radikal an eine einzige Liebesbindung delegiert. Der Text verurteilt dieses Modell nicht explizit – er inszeniert es mit großer Ernsthaftigkeit und Schönheit –, aber gerade diese Schönheit lässt die Konfliktzonen umso deutlicher hervortreten: Selbstvernichtung als Treueideal, einseitige Schuldübernahme, Verherrlichung der Unfreiheit und ein Liebesabsolutismus, der den Blick für andere moralische Bezüge weitgehend ausblendet.

3. Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis erscheint im Gedicht durchgehend als begrenzt, affektiv gefiltert und symbolisch vermittelt – nie als nüchterne, souveräne Einsicht in sich selbst, in das Du oder in die Zukunft.

Schon der Einstieg deutet das an: „Keiner soll mein Ende wissen“ (V. 2) setzt das Ende des Ich ausdrücklich in den Bereich des Unwissbaren, Verborgenen. Erkenntnis über das eigene Schicksal soll gerade nicht öffentlich, nicht kommunizierbar sein; das Ich plant einen Untergang, der dem Wissen der anderen entzogen bleibt. Darin steckt ein paradoxer Zug: Das Ich „weiß“ zwar, was es will (untergehen), aber es verweigert seinem Ende grundsätzlich die Teilhabe am gemeinsamen Wissen. Existentielles Geschehen vollzieht sich im Nicht-Gewußt-Werden.

Wo das Gedicht von Erkenntnis im engeren Sinn spricht, geschieht das auffällig oft in Wahrnehmungs- und Blickkategorien: Der Stern ist „den ich gesehen“ (immer wieder: V. 3, 9, 15, 27 usw.), er „grüßt“, „blickt“, „taut“, „bricht“, „lacht“, „blitzt“. Wissen ist hier primär Schauen und Deuten von Zeichen: der Blick des Sterns, sein Leuchten oder Verstummen, sein „mildes“ Versüßen des Leids. Das Ich besitzt keine objektive Sicherheit über den inneren Willen des Sterns; es liest seine Lage aus Wahrnehmungsspuren ab – aus freundlichem oder kaltem Licht, aus Nähe oder Distanz. Erkenntnis ist also Zeichenlektüre, nicht unmittelbare Einsicht in ein transparentes Gegenüber.

Dementsprechend sind die großen Schwurformeln in Konditionalsätzen gebaut: „Wird der Stern…“, „Wenn der Stern…“, „Sollt’ den Stern…“, „Geht der Stern…“, „Kehrt der Stern…“. Das Ich entwirft Szenarien, es „weiß“ nicht, was eintreten wird, sondern stellt hypothetische Zusammenhänge her: Falls dieses geschieht, dann will ich untergehen. Diese Wenn-dann-Struktur hat auf den ersten Blick einen rationalen Zug, ist aber psychologisch reine Projektion: Die Erkenntnisleistung besteht weniger darin, die Wirklichkeit zu erfassen, als darin, eine innere Logik der Liebe und des Schmerzes zu formulieren. Erkenntnis ist hier Entwurf, nicht Beschreibung.

Sehr deutlich wird die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis in der kleinen Szene um „bitte, bitte“: „O mein Stern, dein süßes Flehen, / Wenn du wüßtest, was ich bitte“ (V. 117–119). Hier markiert der Text explizit eine Wissensdifferenz zwischen Du und Ich. Die Geliebte fleht „bitte, bitte“, doch nach Auffassung des Ich weiß sie gar nicht, was in seinem Innersten wirklich „gebeten“ wird. Sie ahnt nicht, welche existentiellen Konsequenzen ihre kleine Bitte und sein eigenes Liebesgelöbnis für ihn haben. Erkenntnis ist asymmetrisch verteilt: Das Ich glaubt, tiefer zu wissen, „was hier eigentlich geschieht“, während das Du im Halbdunkel seiner inneren Absicht bleibt. Gleichzeitig zeigt gerade dieser Vers, dass auch das Ich nicht wirklich weiß, was im Gegenüber vorgeht – es kann nur vermuten, „wenn du wüßtest…“. Die Beziehung ist ein Ort der Nicht-Deckung von Wissen: Beide handeln und sprechen, ohne sich gegenseitig ganz zu durchschauen.

Die Selbsterkenntnis des Ich ist stark rückblickend und affektiv gefärbt. Sätze wie „Und mein Herz brach in der Mitte“ (V. 122) oder „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen…“ (V. 148–150) formulieren kein analytisches Wissen über die eigene Psyche, sondern eine innere Bilanz im Bild: Das Herz „bricht“, der „Kranz von Schmerzen“ „erblüht“ im Herzen. Das Ich versteht sich selbst in Metaphern; seine Erkenntnis ist Symboldeutung der eigenen Gefühlslage. Was es über sich „weiß“, ist untrennbar an seine Bildwelt gebunden. Eine nüchterne, distanzierte Selbstanalyse gibt es nicht; stattdessen eine poetische, zugleich fromm getönte Lesart des eigenen Leidens.

Auch in der Zeitperspektive bleibt Erkenntnis vorläufig und fragmentarisch. Im ersten langen Teil herrscht der Blick nach vorn: Was wäre, wenn…? Der Sprecher erarbeitet sich kein sicheres Wissen über sein Schicksal, sondern durchwandert Möglichkeiten, die alle im Zeichen des drohenden Sternverlusts stehen. Später kippt die Perspektive in den Rückblick („dies Jahr mit Büßen“), aber auch hier ist die Erkenntnis bilanzierend und deutend, nicht überprüfend: Das Jahr erscheint unter einem einzigen Interpretationsschema – Buße und Schmerzkranz. Andere Aspekte des gelebten Jahres tauchen nicht auf. Erkenntnis ist selektiv, von einem dominanten Deutungsaffekt (Schuld und Liebe) her strukturiert.

In der theologisch-metaphysischen Tiefenschicht schließlich erscheint menschliche Erkenntnis als prinzipiell begrenzt und auf ein mögliches „Mehr“ verwiesen. Die antithetische Formel „Untergehen, auferstehen“ deutet an, dass das eigentliche Verstehen des eigenen Schicksals jenseits dessen liegt, was jetzt sichtbar ist. Das Ich kann die Stunde („jetzt schlägt die Stunde!“) als Kairos ahnen, aber nicht ausbuchstabieren, was „Auferstehen“ in dieser Liebes- und Leidenskonstellation konkret heißen wird. So bleibt Erkenntnis in einem Zwischenzustand: Sie ist mehr als bloßes blindes Leiden (das Ich deutet, liest, bilanziert), aber weniger als klare, versöhnte Einsicht. Sie ist ein tastendes, hoch affektiv geladenes Wissen im Modus des Symbols – fest überzeugt im eigenen Schmerz, doch wissend blind gegenüber der letzten Wahrheit von Stern, Liebe und Heil.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

1. Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Metaphern, Vergleichsbilder und Symbolworte sind in diesem Gedicht nicht Beiwerk, sondern das eigentliche Trägergerüst von Inhalt, Form und innerer Bewegung. Das Gedicht denkt und spricht seine Situation fast ausschließlich in Bildern; was das Ich „ist“ und erlebt, erscheint immer zuerst in einem „Wie…“-Vergleich oder in einem dicht aufgeladenen Symbolwort.

Erstens übernehmen die Bilder eine strukturelle Funktion: Sie sind die Gelenke der Kettenform. Fast jede Strophe schließt mit einem markanten Bildwort – „Wüste“, „Heide“, „Kette“, „Schwanenlied“, „Mond“, „Schmerzen“, „Herz“, „Blicken“, „Lippen“, „Wangen“, „Busen“, „Füßen“, „Sonne“, „Munde“, „geboren“, „Cäcilie“, „Lilie“, „alleine“, „bitte, bitte“, „Jahr“, „Wunde“, „Rosenzaun“, „Kranz von Schmerzen“, „letzte Rose im Schoße“. Dieses Schlusswort wird dann in der folgenden Strophe wieder aufgenommen und weitergeführt. Die Metapher ist also nicht nur Deutungshilfe, sondern Schaltstelle: Sie verschaltet Strophen miteinander, macht aus dem Gedicht eine wirkliche „Kette“, in der jedes Bild das nächste auslöst. So wird die Versklavung des Sprechers an die Liebe in der Technik der Bildverkettung performativ nachgebildet: Das Gedicht kann gar nicht anders, als am letzten Bild hängen zu bleiben und es zur nächsten Einheit hinüberzuziehen.

Zweitens organisieren die Metaphern eine innere Bewegung vom Außen ins Innen und schließlich in eine passionale Symbolik. Die frühe Bildreihe – Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Tag im Abendgrauen, Mond in wüsten Meeren, Sklave an der Kette – verortet das Ich an den Randzonen der Welt: Ödnis, Kälte, Verlorenheit, kosmische Leere. Diese Bilder übersetzen eine existentielle Grundlage (Verlassenheit, Ausgesetztheit) in Landschafts- und Weltmetaphern. Dann kippt die Bildwelt nach innen: „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie die Blume deiner Lippen“, „Wie mein Kuß an deinen Wangen“, „Wie die Träne dir im Busen“, „Wie mein Dank zu deinen Füßen“. Jetzt sind Herz, Blick, Leib der Geliebten die eigentlichen Schauplätze; die Metaphern markieren eine Bewegung vom äußeren Rand in den engsten Nahraum der Beziehung. Im Schlussabschnitt werden diese Nähebilder noch einmal symbolisch überhöht: Dornen, Rosen, „Rosenzaun“, „Kranz von Schmerzen“, „Wund’ an Wunde“, „letzte Rose im Schoße“. Die Vergleichsbilder werden zu Symbolen eines Leidens- und Bußgeschehens. Metaphern sind damit Stationen einer Innerungsbewegung: vom kosmischen Außenraum über die intime Zweierbeziehung zur innersten Schmerz- und Heilszone des Herzens.

Drittens verdichten bestimmte Symbolworte einen theologischen und metaphysischen Horizont. Der „Stern“ ist das zentrale Symbolwort: Er ist Liebesstern, Leitstern, „Friedensbote“, „Lindrung meiner Wunde“, am Ende „Stern der Lieb’“, der „untergehen, auferstehen“ lässt und in den „Herzensgrund“ tauchen soll. In ihm bündelt sich Liebesbezug, Schicksalsmacht und Heilsfunktion. Ähnlich funktionieren „Herz“, „Wunde“, „Kranz“, „Dornen“, „Rose“, „Jahr“ und „Stunde“: Das Herz ist nicht nur Sitz des Gefühls, sondern Ort des Schmerzenskranzes; die „Wunden“ sind Liebeswunden und haben doch passionale Tiefe; der „Kranz von Schmerzen“ erinnert an Passionsfrömmigkeit; Dornen und Rosen bilden die klassische Doppelmetapher von Leid und Schönheit; das „Jahr“ und die „zwölfte Stunde“ geben dem Ganzen den Charakter einer kleinen Gerichtsszene. Diese Symbolworte ziehen die Liebesgeschichte aus dem rein Psychologischen heraus und stellen sie in eine größere, religiös gedeutete Ordnung.

Viertens erlauben Metaphern und Vergleiche es dem Ich, seine affektiv extremen Impulse indirekt, aber verschärft auszusprechen. Statt einfach zu sagen: „Ich halte das Leben ohne dich nicht aus“, sagt das Gedicht: „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“, „Wie dein Nam’ in Todes Munde“, „Wie ein Schwanenlied im Tode“. Die Bilder verschleiern nichts, sie steigern: Sie machen den Todeswunsch, die Ohnmacht, die Selbstvernichtungsbereitschaft anschaulich, ohne platt zu formulieren. Ebenso bündelt das Bild vom „Rosenzaun“ mit Dornen innen und Rosen außen in einem Schlag die ganze Logik der stellvertretenden Liebe: Sie soll die Blüte haben, er nimmt die Dornen. Metaphern sind hier nicht Schmuck, sondern Kurzformeln für komplexe psychische und moralische Konstellationen (Selbstopfer, Sklaverei, Vergötzung des Du), die sich wörtlich kaum so dicht sagen ließen.

Fünftens tragen die Bilder wesentlich zum Ton und zur rhetorischen Gestalt bei. Die permanenten „wie“-Vergleiche erzeugen den fließenden, litaneiartigen Rhythmus: Jeder neue Vers setzt an: „Wie ein Pilger…“, „Wie ein Bettler…“, „Wie der Tag…“, „Wie der Mond…“, später „Wie mein Herz…“, „Wie mein Blick…“, „Wie dein Nam’…“. Diese Seriellstruktur hat etwas Beschwörendes und Gebetsähnliches; die Metapher ist hier zugleich Klangformel. Charakteristische Wortfelder („Schmerzen – verscherzen – Herzen“, „Busen – Musen“, „Füßen – versüßen“, „Sonne – Wonne“, „Munde – Wunde“) verbinden Bild und Reim zu dichten Klangfeldern. Das Symbolwort „Schmerz“ etwa ist nicht nur semantischer Träger, sondern Knotenpunkt von Reim, Rhythmus und innerem Sinn – es „zieht“ andere Worte (verscherzen, Herzen) in seine Bahn. So konstituieren Metaphern und Symbolworte einen eigenen semantisch-klanglichen Kosmos, in dem das Ich sich bewegt.

In der Summe lässt sich sagen: Metaphern, Vergleichsbilder und Symbolworte strukturieren den Text horizontal (als Kette), vertikal (vom Außenraum zur innersten Passion), affektiv (als Verdichtung der Extremgefühle) und theologisch (als Anschlüsse an Passion und Heilsmetaphorik). Sie sind nicht nur Hilfen zum Verstehen, sondern das eigentliche Medium, in dem Verstehen, Fühlen und Formwerden überhaupt erst stattfinden.

2. Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Imperative, Wiederholung, Lautfiguren und syntaktische Brüche greifen im Gedicht sehr eng ineinander und verstärken jeweils den Eindruck einer zugleich beschwörenden, litaneiartigen und innerlich immer wieder „aus dem Takt“ geratenen Rede.

Die Imperative treten insgesamt sparsam, dafür aber an besonders markierten Stellen auf. In der ersten großen Kettenlied-Partie dominiert der Konditionalton („wird / wenn / sollt’ / kehrt / geht der Stern …, will ich untergehen“); die Stimme entwirft Bedingungen, statt direkt zu befehlen oder zu bitten. Erst im zweiten Teil kippt der Modus stärker in den Imperativ: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“ spricht das Jahr wie eine Person an und setzt ihm aktiv ein Ende; „Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde! / Stern willst du jetzt schlafen gehen?“ ruft den Stern an und bindet ihn an die Stunde; „Tauch’ zu meines Herzens Grunde, / Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen“ fordert den Stern auf, in den Herzensgrund einzutauchen; „Ruh’ fein still am kleinen Kissen“ richtet sich an die Schlafende; „Sei in Dornen, meine Lilie!“ setzt die Geliebte geradezu in eine Passion hinein. Diese Imperative wirken wie kleine Aufgipfelungen im Strom der Schwüre: Die Stimme verlässt für Momente den hypothetischen Selbstmonolog und tritt in die direkte, beschwörende Ansprache von Jahr, Stern und Geliebter ein. Der Gebets- und Liturgiecharakter, der vorher eher in Wiederholung und Kettenform lag, wird jetzt ausdrücklich: Die Imperative verleihen der Rede den Ton eines inneren Ritus, in dem das Ich die Mächte, von denen es abhängt, anredet, fixiert, zugleich aber auch bittend bedrängt.

Die Wiederholungen bilden das eigentliche Rückgrat des Gedichts und haben eine doppelte Funktionsweise: Sie stiften formale Kohärenz und bilden zugleich psychischen Zwang ab. Die formelhaft wiederkehrende Zeile „Einsam will ich untergehen“ (später: „Einsam muß ich heim nun gehen“) ist nicht nur Strukturanker, sondern auch Selbsthypnose: In der Wiederholung verhärtet sich ein Entschluss, den das Ich sich immer neu vorsagt, als müsse es sich gegen jede mögliche Relativierung immunisieren. Ähnlich wirken die variierenden Stern-Formeln („Wird / Wenn / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern, den ich gesehen“): Sie halten den einen Fixpunkt permanent im Bewusstsein und drehen die immer gleiche Angst – Verlust des Sterns – in verschiedenen grammatischen Varianten durch. Die „Wie …“-Vergleiche („Wie ein Pilger …“, „Wie ein Bettler …“, später „Wie mein Herz …“, „Wie mein Blick …“) bauen auf dieser Wiederholung eine zweite Schicht auf: Sie lassen die Rede wie einen Rosenkranz von Bildern erscheinen, bei dem jede Perle an die vorige anschließt. Psychologisch machen diese Wiederholungen den Zwangscharakter der Bindung sichtbar: Das Ich ist gebunden an wenige Worte, Bilder und Formeln, die es nicht mehr verlassen kann. Dort, wo die Wiederholung sich noch einmal verdichtet – etwa in „Wie allein, allein, alleine“ oder im „bitte, bitte“ –, kippt die monotone Litanei hörbar in einen fast stammelnden Ausruf: Die Rede verrät, dass hinter der kontrollierten Wiederholung eine Überlastung steht, die die Sprache für einen Moment aus dem Rhythmus bringt.

Lautfiguren – Alliterationen, Assonanzen, Binnenreime, Klangecho – tragen wesentlich dazu bei, die Kettenstruktur emotional zu unterfüttern. Schon das zentrale Klangfeld „untergehen – gesehen“ bildet eine Art permanenten Identreim: Streng genommen sind es keine „reinen“ Reime, aber sie erzeugen in der Wiederkehr der -ehen-Endung ein drängendes Echo. Reimfamilien wie „Schmerzen – verscherzen – Herzen“, „Busen – Musen“, „Füßen – versüßen“, „Sonne – Wonne“, „Munde – Wunde“, „geboren – verloren“ bündeln jeweils semantische Felder in klanglichen Netzen; der Lautzusammenhang zwingt Wörter wie „verscherzen“ und „Herzen“ aneinander, so dass Schuld, Schmerz und Herzschicksal untrennbar ineinanderfallen. Kurzformeln wie „Wund’ an Wunde“, „Kranz von Schmerzen“, „Still entblättert ihr im Schoße“, „Ruh’ fein still“, „bitte, bitte“ arbeiten mit Klangverdichtung: Alliterationen (Wund’/Wunde), Binnenrhythmen (Kranz–Schmerz), fließenden s- und l-Lauten („Still entblättert ihr im Schoße“) und reduplizierten Silben („bitte, bitte“). Sie verleihen bestimmten Motiven – Schmerz, Wunde, Bitte, Ruhe – ein eigenes akustisches Profil und machen sie im Textinneren unverwechselbar. Die Klangfülle am Schluss, wenn „Kranz von Schmerzen“, „bangem Sehnen“, „heißen Tränen“, „demütig lag zu Füßen“, „Stirb Jahr“, „letzte Rose“, „still entblättert“ dicht aufeinander folgen, erzeugt eine fast überwältigende musikalische Intensität, in der sich Leidens- und Liebespathos verdichten.

Syntaktische Beschleunigung und Brechung markieren im Gedicht die Punkte, an denen die innere Bewegung des Ich die starre Liedform überholt. Über weite Strecken sind die Sätze ruhig gebaut: Ein kurzer Hauptsatz („Einsam will ich untergehen“) steht neben einer mehrzeiligen Wenn-/Wird-Konstruktion, die sauber in das „Will ich einsam untergehen“ zurückgeführt wird. Der Zeilenbau folgt diesen Perioden häufig in relativ „weichen“ Enjambements. Doch dort, wo der Affekt kippt, beginnt die Syntax zu stolpern. „Wie allein, allein, alleine“ ist eine fast satzlose Zeile; sie unterbricht das übliche Wenn–Dann-Gefüge mit einem nackten Ausruf. Das „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“ und „Auf arm Lindis ›bitte, bitte‹“ wirken durch die Einschübe und das zitierte Wort wie verschachtelte, schwer auszubalancierende Konstruktionen; der Vers wirkt gepresst, die Betonungen häufen sich. Im Schlussabschnitt häufen sich Partizipialreihen und Nachstellungen: „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen, / All erbaut in bangem Sehnen, / All betaut von heißen Tränen“ – hier jagt eine Qualifikation die andere, ohne dass der Satz einen Ruhepunkt fände. Die Syntax beschleunigt, häuft auf, schichtet; man spürt eine innere Dringlichkeit, die alles noch sagen will, bevor das Jahr „stirbt“ und das Gedicht endet.

Parallel dazu stehen syntaktische Brechungen, die durch Gedankenstriche und Exklamationen markiert sind. „Wund’ an Wunde – o süß Liebchen!“ sprengt den Fluss, indem es zwischen das doppelte Wundenwort einen affektiven Ausruf schiebt; der Gedanke ist nicht mehr glatt, sondern zerrissen zwischen Schmerzbenennung und Liebesruf. „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ arbeitet mit einer abrupteren Parataxe: zwei Infinitive, dann der Anruf, dann der Zeitruf – die Satzstruktur spiegelt eine geistige Schocksituation, in der Untergang und Auferstehen nur noch als Schlagworte nebeneinanderstehen, ohne syntaktisch beruhigt zu werden. Solche Brechungen zeigen, wie sehr die massive formale Ordnung (Kette, Reim, Refrain) im Inneren von einem Bewusstsein genutzt wird, das an bestimmten Stellen nicht mehr „geordnet“ sprechen kann, sondern in Ausrufen, Verdichtungen, Satzabbrüchen reagiert.

Insgesamt lässt sich sagen: Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren und syntaktische Brüche sind die zentralen Werkzeuge, mit denen das Gedicht die Spannung zwischen strenger Form und übervollem Affekt austrägt. Die Wiederholungen und Klangnetze bauen den litaneiartigen, fast kultischen Sprechgestus auf; die Imperative markieren die Momente der direkten Beschwörung; Beschleunigungen und Brechungen verraten, wo die Gefühlsbewegung die Form überfordert und in Stottern, Häufung, Ausruf übergeht. Gerade in diesem Zusammenspiel entsteht der Eindruck eines Ich, das sich in einer selbstgewählten Gebets- und Kettenform hält und doch an ihren Rändern immer wieder „überläuft“ – die poetische Gestalt des affektbestimmten, an seine Liebe gefesselten Menschen.

3. Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen und Binnenrhythmen sind in diesem Gedicht keine Nebeneffekte, sondern ein zentrales Mittel, um die litaneiartige Form, den affektiven Druck und die theologisch gefärbte Liebesstimmung sinnlich hörbar zu machen. Man kann fast sagen: Die innere Kettenstruktur ist akustisch komponiert.

Erstens strukturieren Assonanzen und wiederkehrende Lautfelder das ganze Gedicht wie ein Klangteppich. Besonders auffällig ist der permanente Vokalrefrain auf der hellen, gedehnten -e/-ee/-ehn-Zone: „untergehen“, „gesehen“, „grüßte“, „geleite“, „verscherzen“, „Herzen“, „versüßen“, „Sonne“, „Wonne“, „Munde“, „Wunde“, „geboren“, „verloren“. Das fast identische Klangfeld von „untergehen“ und „gesehen“ – streng genommen kein reiner Endreim – schafft ein eigenes Echo: Untergang und Sehen, Sterben und Sternwahrnehmung verschmelzen akustisch. Diese assonantischen Ketten verstärken den Eindruck, dass das Ich sich in einem immer gleichen Klangraum bewegt, in dem jede neue Wendung des Schmerzes in dieselbe Vokalfarbe zurückfällt. Die weichen, langen Vokale tragen den klagenden, weit ausschwingenden Ton des Kettenliedes.

Zweitens bündeln Alliterationen und kurze Klangballungen semantische Knoten. Formeln wie „Wund’ an Wunde“ (V. 133), „Kranz von Schmerzen“ (V. 149), „bitte, bitte“ (V. 114, 116), „Ruh’ fein still“ (V. 139), „Stirb Jahr“ (V. 156) wirken gerade durch ihre Lautform: Das doppelte W in „Wund’ an Wunde“ schlägt wie zwei Schläge, die das Leid verdoppeln; der Kranz von Schmerzen kommt mit den schweren Konsonanten kr-/sch-/rz- und den dumpfen Vokalen fast körperlich „hart“ daher; das helle, kindliche „bitte, bitte“ mit seinen offenen i-Lauten und der Verdopplung der Silbe verkörpert die zarte, hilflose Bitte der Geliebten; „Ruh’ fein still“ gleitet mit den weichen r–f–s-Lauten in eine lullende, beruhigende Klangfarbe. Solche Mini-Formeln sind nicht nur hübsch, sondern markieren Verdichtungspunkte: Wo die Lautgestalt sich so stark zusammenzieht, liegt inhaltlich ein Zentrum des Geschehens.

Drittens arbeiten die Reimpaare und Binnenklänge mit bewusst gestalteten Klangfamilien, die Bedeutungsfelder zusammenschließen. „Schmerzen – verscherzen – Herzen“ legt Schmerz, Schuld („verscherzen“) und Herz in einen gemeinsamen Lautraum; „Busen – Musen“ verbindet körperliche Innigkeit (Busen) mit dem poetischen, inspirierenden Prinzip (Musen); „Füßen – versüßen“ koppelt Demutsgeste („zu deinen Füßen“) und Süßungsmotiv; „Sonne – Wonne“ legt das Du als Sphäre der Wonne und des Lichts fest; „Munde – Wunde“ macht aus dem Ort des Namens und Kusses zugleich eine Leidensstelle. Die Klangverwandtschaft zwingt die Wörter in einen Verbund, der semantisch ein dichtes Netz von Liebes-, Schuld- und Heilsmotiven bildet. Klangfarben sind hier nicht bloß Zierde, sondern Instrument, um Begriffe affektiv ineinander zu verschränken.

Viertens ist der Binnenrhythmus der einzelnen Verse so angelegt, dass das langsame, wiegende, aber innerlich drängende Sprechen unterstützt wird. Der dominante vierhebige, meist trochäische Rhythmus („Éinsam | wíll ich | únter- | géhen“) gibt dem Text einen ruhigen, schrittweisen Gang – wie ein Pilger, der Strophe um Strophe weitergeht. Gleichzeitig entstehen innerhalb der Verse kleine rhythmische Verdichtungen, wo affektive Spitzen liegen: „Wíe al|LÉIN, a|LÉIN, a|LÉINE“ übersteigert durch die dreifache Betonung den Trochäentakt, so dass der Vers wie eine Welle anschwillt und fast kippt. Ähnlich drängt „Wíe arm | LÍND fleh|t BÍtte, | BÍtte“ die Hebungen auf „Lind“ und „bitte“ zusammen; man hört das Gestockte, Gedrängte der Erinnerung. Im Schlussabschnitt schieben die Partizipialreihen („All erbLÜHT in / MEI-nem HER-zen, / All erBAUT in / BAN-gem SEH-nen, / All beTAUT von / HEI-ßen TRÄ-nen“) die Hebungen dichter aneinander und erzeugen eine innere Beschleunigung – ein Klangbild für das Übervollsein des Herzens.

Fünftens erzeugen bestimmte Konsonanten- und Vokalfarben eigene Atmosphären. Die vielen s- und sch-Lautfolgen („Still entblättert ihr im Schoße“, „Ruh’ fein still am kleinen Kissen“, „Rosenzaun“, „Sehnsucht“, „Kranz von Schmerzen“) geben dem Text eine weiche, gleitende, manchmal auch zischende Oberfläche, die sowohl die Zartheit („Rosen“, „Kissen“, „Schoß“) als auch das feine Zerren der Schmerzen transportiert. Dagegen stehen harte Verschlusslaute (k, t, p, b) an Stellen, an denen etwas „bricht“ oder entschieden wird: „Keiner soll mein Ende wissen“, „brach in der Mitte“, „Stirb Jahr“, „Letzte Rose“, „Kette“. Die Klangfarbe wechselt dort hörbar ins Kantige. Die Spannung zwischen weicher, fließender Klangfläche und einzelnen „harten“ Einschlägen unterstützt die innere Konstellation: ein Grundstrom zarter, süßer, klagender Liebe, durchzogen von Schlagpunkten der Entscheidung und des Bruchs.

Schließlich tragen Klangfarben und Rhythmus wesentlich dazu bei, den Gebets- und Litanei-Charakter zu erzeugen. Die Reihung ähnlich gebauter Verse, die Wiederkehr der gleichen Endungen, das leis wiegende Versmaß – all das lässt den Text wie ein gesprochenes, vielleicht mitgesprochenes Kettengebet wirken. Klang und Rhythmus machen die Bindung des Ich an seine Form erfahrbar: Es „betet“ sich an denselben Lautkombinationen fest, wie es sich innerlich an Stern und Geliebte fesselt. In dieser Weise sind Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen und Binnenrhythmen nicht nur schmückende Elemente, sondern das akustische Abbild der inneren Gefangenschaft und Hingabe, die das Gedicht beschreibt.

4. Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Die Sprache des Gedichts arbeitet permanent mit Spannungen zwischen Enge und Weite, Druck und Ruhe, die sich an Form, Syntax, Bildwahl und Klangführung ablesen lassen – und die innere Bewegung des Ich geradezu körperlich erfahrbar machen.

Schon die Grundanlage als Kettenlied erzeugt einen eigentümlichen Druck. Die permanenten Wiederholungen („Einsam will ich untergehen“, „den Stern, den ich gesehen“), die strengen Wenn-dann-Formeln („Wird / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern … / Will ich einsam untergehen“) und die Kettentechnik der Reime schnüren das Sprechen in ein enges, fast zwanghaftes Schema. Die Sprache hat hier etwas Rituelles, Unentrinnbares: Vers für Vers, Strophe für Strophe muss das Ich die gleiche Drohung, die gleiche Bindung neu durchspielen. Dadurch entsteht ein innerer Druck, der nicht aus lautem Schreien, sondern aus der unerbittlichen Wiederholung derselben Formel wächst. Der Sprecher „kommt nicht heraus“ – die Sprache lässt ihm formal keinen Ausweg. Gleichzeitig erzeugt die weite, ruhige Bewegung des vierhebigen Liedverses und die gleichmäßig anschwellende Folge der „Wie …“-Vergleiche ein Gefühl von Weite: Man hört ein schreitendes, atmendes, nicht überhastetes Sprechen, das sich durch Wüste, Heide, Abendgrauen, wüste Meere bewegt. Weite und Druck fallen hier zusammen: Ein weiter, langsamer Gang, in dem sich die innere Fixierung immer enger zieht.

Enge entsteht, wo die Sprache ihre Wiederholungen verdichtet, die Bilder ins Intime zieht und die Syntax ins Stolpern bringt. In den frühen Landschafts- und Kosmosbildern liegt noch eine gewisse Distanz: Pilger, Bettler, Mond, wüste Meere – das sind große, offene Räume, die trotz aller Verlorenheit etwas Atem lassen. Sobald die Vergleiche jedoch ins Körperinnere und in die Nahzone rücken („mein Herz in deinem Herzen“, „mein Blick in deinen Blicken“, „Blume deiner Lippen“, „Träne dir im Busen“, „Dank zu deinen Füßen“), wirkt die Sprache enger, dichter, beinahe überfüllt. Es gibt kaum noch „Außen“; alles spielt sich zwischen zwei Leibern, zwei Herzen, einem Busen, einem Schoß ab. Verstärkt wird diese Enge durch syntaktische Verdichtungen: in den Schlussversen etwa, wo eine ganze Kette von Partizipial- und Adverbialgliedern auf engstem Raum gehäuft wird („Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen, / All erbaut in bangem Sehnen, / All betaut von heißen Tränen“). Die Sprache presst hier Schmerz auf Schmerz, Bestimmung auf Bestimmung, ohne Entspannungsstelle – das Gefühl inneren Eingekesseltseins wird grammatisch nachgebaut.

Ekstase entsteht an den Punkten, an denen der gleichmäßige Fluss der Kettenrede in Ausruf, Übersteigerung oder rhythmische Überlastung umschlägt. „Wie allein, allein, alleine“ sprengt für einen Moment das geordnete Versmaß und die syntaktische Ruhe: Drei Mal dasselbe Wort, drei Betonungen, ein fast kindlich-hilfloser Ruf – hier kippt die bis dahin kontrollierte Klage in eine sprachliche Überhitzung. Ähnlich wirken „Wund’ an Wunde – o süß Liebchen!“ oder die Anrufung „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“: Infinitivreihen, Zwischenruf, abrupt gesetzter Zeitruf, der Gedankenstrich – das alles erzeugt einen Moment des Über-sich-Hinaus, in dem das Ich nicht mehr ruhig „durchdekliniert“, sondern nur noch signalhaft ausstößt, was es erfasst. Auch die Fülle der Klangfiguren im Schlussbereich – „Kranz von Schmerzen“, „heißen Tränen“, „letzte Rose“, „still entblättert ihr im Schoße“ – hat etwas Ekstatisches in der Häufung: Die Sprache schichtet Rosen-, Dornen-, Wunden-, Tränenbilder übereinander, als müsse alles zugleich gesagt werden, bevor die Stunde schlägt. Ekstase bedeutet hier nicht Jubel, sondern Überfüllung: ein Zuviel an Schmerz, Zärtlichkeit, religiöser Spannung, das den Vers an seine Belastungsgrenze bringt.

Ruhe hingegen entsteht, wo der Kettenrhythmus gleichmäßig trägt und die Sprache fast wie ein Wiegenlied über die Bilder läuft. Der vierhebige, meist trochäische Vers mit seinen wiederkehrenden Einsätzen („Einsam will ich untergehen“, „Wie ein…“) und die weichen Assonanzen geben vielen Strophen etwas tranceartig Beruhigendes – besonders in der langen Mittelzone, in der ein „Wie“-Bild nach dem anderen in gleichmäßiger Bewegung auftritt. Auch im Schlussabschnitt, mitten in aller Bildfülle, kehren Momente der Ruhe ein: „Ruh’ fein still am kleinen Kissen“ ist nicht nur semantisch, sondern auch klanglich eine Beruhigungsformel; „Still entblättert ihr im Schoße“ zeichnet in der Lautführung das leise Fallen der Blätter nach. In solchen Versen kommt die Sprache in eine gelöste, fast kontemplative Haltung: Der Druck bleibt im Hintergrund spürbar, aber er scheint für Augenblicke in eine stille Annahme verwandelt. Diese Ruhe ist nie naiv oder konfliktfrei, sondern die Ruhe eines Bewusstseins, das seine Lage – Buße, Schmerz, Untergang – akzeptiert und in Bildern von Kissen, Schoß, Rose, Seligkeit fasst.

Der Wechsel von Weite und Enge, Druck und Ruhe ist schließlich auch ein Deutungssignal: Die Sprache öffnet sich zu Beginn in weiten Räumen, um die Größe der inneren Not zu zeigen; sie schließt sich später um das Du und den Herzensgrund, um die Intensität der Beziehung zu markieren; sie beschleunigt und bricht, wo das Ich aus der Form zu springen droht; sie beruhigt und verlangsamt, wo Untergang und Schmerz in Hingabe und „seligen“ Tod überführt werden. So wird die gesamte affektive Kurve – Angst, Sehnsucht, Selbstverstrickung, Passion, bilanzierende Hingabe – weniger begrifflich als rhythmisch und klanglich vermittelt: Sprache selbst wird zur Bewegung von Druck und Entlastung, von Überfülle und Stillwerden, in der sich das innere Schicksal des Ich vollzieht.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

1. Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht in einer extrem zugespitzten, aber deutlich erkennbaren Grundfigur: als radikal relationales, affektbestimmtes und leidensfähiges Wesen, dessen Identität sich nicht aus Autonomie oder Selbstgenügsamkeit speist, sondern aus der Bindung an ein einziges Du – den „Stern“, die Fesselnde, Cäcilie. Von Anfang an ist der Sprecher-Mensch kein souveränes Subjekt, das sein Leben selbsttätig entwirft, sondern ein von Liebe, Angst und Schuld durchdrungenes Wesen, das sein Dasein an die Zuwendung und das Leuchten eines anderen knüpft. „Einsam will ich untergehen“ ist nicht nur eine persönliche Stimmung, sondern eine anthropologische Setzung: Menschsein heißt hier, im Extremfall zu sagen, dass das eigene Leben ohne das Du nicht mehr bejaht werden kann.

Damit wird der Mensch vor allem als affektgetragenes, verletzliches und in tiefster Schicht abhängiges Wesen gezeichnet. Er ist Pilger in der Wüste, Bettler auf der Heide, Sklave an der Kette, Kind, das stirbt, ehe es geboren ist. In all diesen Bildern erscheint der Mensch als jemand, der nicht „fest im Leben steht“, sondern an den Rändern der Existenz lebt – ausgesetzt, angewiesen, gefährdet. Diese Randfiguren sind keine sozialen Rollen, sondern Verdichtungen einer anthropologischen Erfahrung: Der Mensch ist in seinem Innersten nicht Herr seiner Lage, sondern angewiesen auf Führung, Trost, Licht. Dass diese Funktionen in der Gestalt des Sterns und der Geliebten gebündelt werden, zeigt, wie sehr sich das menschliche Bedürfnis nach Sinn, Orientierung und Heil an ein personifiziertes Gegenüber heftet. Anthropologisch gesehen ist der Mensch hier der, der seine tiefste Sicherheit nicht in sich selbst findet, sondern in der Liebe des Anderen.

Zugleich wird der Mensch als leidensfähiges und leidensbereites Wesen dargestellt, das Schmerz nicht nur erleidet, sondern aktiv in seine Selbstgestalt einbaut. Der „Kranz von Schmerzen“, der „erzblüht in meinem Herzen“, „erbaut in bangem Sehnen, all betaut von heißen Tränen“, ist nicht bloß passives Schicksal, sondern Ergebnis einer inneren Arbeit: der Mensch „baut“ sich seinen Schmerzenskranz, er „büßt“ ein Jahr lang, er formt sein Leiden zu etwas, das Sinn trägt und dargebracht werden kann. In dieser Perspektive ist der Mensch nicht in erster Linie ein Genusswesen oder ein vernünftiger Planer, sondern ein Wesen, das aus Schuld, Leid und Sehnsucht eine Art Sinnfigur macht. Er kann sich selbst als Büßer verstehen, als Träger von Wunden, als einer, der Dornen auf sich nimmt, damit „dirwärts nur die Rosen sprießen“. Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft sind keine Randphänomene, sondern zentrale Bestimmungen dieser Anthropologie.

Sehr markant ist die Spannung von Freiheit und Unfreiheit, die den Menschen prägt. Der Sprecher nennt sich „Sklave an der Kette“, seine Schritte sind vom Stern „gefesselt“, und doch ist diese Unfreiheit nicht einfach aufgezwungen, sondern zugleich gewollt. Der Mensch erscheint als Wesen, das seine höchste Freiheit gerade darin sieht, sich absolut zu binden: freiwillig Sklave der Liebe zu werden, die eigene Selbstbestimmung aus der Hand zu geben und sich im Verhältnis zum Du zu definieren. Anthropologisch heißt das: Freiheit ist nicht primär Unabhängigkeit, sondern die Fähigkeit, sich endgültig zu verschenken. Diese Figur ist ambivalent: Sie zeigt den Menschen als überaus gefährdet (weil diese Bindung zerstörbar ist), aber zugleich als zur äußersten Hingabe fähig. Der Mensch erscheint nicht als souveräner Besitzer seiner selbst, sondern als einer, der sich gerade dadurch erfüllt, dass er sich ausliefert.

Hinzu kommt, dass der Mensch konsequent als Zwischenwesen gezeichnet wird: zwischen Himmel und Erde, zwischen Stern und Herz, zwischen Zeit und Ewigkeit. Die Bildachse des Gedichts verläuft vom Stern am Himmel bis in den Herzensgrund, vom sterbenden Jahr bis zur „selig“ sterbenden letzten Rose im Schoß der Geliebten. Der Mensch steht mitten in dieser Achse: Er spürt die Zeit („letzte Stunde des Jahres“, „zwölfte Stunde“), er erfährt Untergang und Abschied, und zugleich schimmern Begriffe wie „untergehen, auferstehen“, „Stern der Lieb’“ durch, die über das bloß Endliche hinausweisen. Anthropologisch ist er hier der Träger eines Spannungfeldes: Er ist sterblich und zeitlich, aber seine Liebe, seine Buß- und Opferbewegung richten sich auf etwas, das größer ist als bloßes Diesseits. Er ist Geschöpf der Zeit, das in seinen Affekten nach einer Art überzeitlicher Sinn-Erfüllung greift – auch wenn diese in der Figur der Geliebten gebündelt und nicht ausdrücklich theologisch entfaltet wird.

Schließlich zeigt das Gedicht den Menschen als wesentlich auf das Du hin geschaffenes Wesen – allerdings in gefährlicher Einseitigkeit. Es gibt im Bildraum kaum andere Beziehungen als die zu Stern/Geliebter und zum sterbenden Jahr. Kein Freund, keine Gemeinschaft, keine soziale Aufgabe tritt neben diese eine Bindung. Menschsein erscheint als radikale Bezogenheit auf ein einziges Du, auf dessen Leuchten oder Verstummen alles gesetzt wird. Das ist einerseits ein tiefes anthropologisches Wahrheitsmoment: Der Mensch lebt aus Beziehung, nicht aus bloßer Selbstgenügsamkeit. Andererseits führt die Einseitigkeit dieser Liebesabsolutsetzung an einen Abgrund: Das Ich ist in seiner verzweifelten Treue exemplarisch – und zugleich exemplarisch gefährdet, weil es sich ohne Reserve in den Schatten eines Menschensterns stellt. In dieser Figur eines liebenden, leidenden, in Freiheit gebundenen und an der Grenze von Zeit und Transzendenz stehenden Menschen verdichtet Brentano eine Anthropologie, in der Affekt, Beziehung und Leid nicht Störungen, sondern der zentrale Ort sind, an dem sich Menschsein entscheidet.

2. Welche Rolle spielt das Gegenüber für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber ist für die Selbstdeutung des Ich nicht bloß wichtig, sondern konstitutiv: Ohne den Stern, ohne die „Fesselnde“, ohne Cäcilie hätte das Ich im Horizont dieses Gedichts praktisch keine Identität. Es versteht sich selbst durchweg relational – und zwar so radikal, dass jede Selbstbeschreibung nur als Abzweigung aus der Wahrnehmung des Du möglich ist. Schon formal zeigt sich das: Die zentrale Formel „den Stern, den ich gesehen“ steht wie eine Folie hinter fast allen Selbstbestimmungen. Was das Ich ist, leitet es aus der Art und Weise ab, wie der Stern sich verhält: grüßt er, leitet er, lindert er, versüßt er – oder tut er das nicht mehr. Das eigene Sein erscheint nicht als Eigenschaft, sondern als Reaktion. In den Bedingungssätzen („Wird / Wenn / Kehrt / Geht der Stern …, will ich einsam untergehen“) ist das Gegenüber die unabhängige Variable, das Ich die abhängige: Es ist das, was geschieht, wenn der Stern dies oder jenes tut. Anthropologisch bedeutet das: Das Ich deutet sich nicht von innen her, sondern aus der Bewegung eines anderen.

Zugleich übernimmt das Gegenüber die Rolle eines Spiegels, in dem das Ich seine innersten Wünsche, Ängste und Ideale wiedererkennt. Die Formeln „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie mein Licht in deiner Sonne“ machen deutlich, dass das Ich sein eigenes Inneres nur noch im Medium des Du zu denken vermag. Es sieht sein Herz, indem es es in ihrem Herzen verortet; es empfindet seinen Blick, indem es ihn in ihren Blicken gespiegelt weiß; sein Licht ist nur als Reflex in ihrer Sonne vorstellbar. In dieser Konstellation ist das Gegenüber die Bühne, auf der das Ich sich selbst aufführt – aber so, dass es dabei zugleich verschwindet. Je stärker es sich in ihr wiederfindet, desto mehr löst es sich als eigenständige Größe auf. Die Selbstdeutung lautet nicht: Ich bin X, sondern: Ich bin, soweit ich in dir bin. Die Geliebte wird damit zum inneren Ort des Ich – und genau dadurch zur Instanz, die definiert, was dieses Ich überhaupt ist.

Noch schärfer wird diese Abhängigkeit dort, wo das Gegenüber zur moralischen und metaphysischen Instanz aufrückt. In der Angstformel „Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“ zeigt sich, dass das Ich seine eigene Schuld nicht abstrakt vor Gott oder vor einem allgemeinen Maßstab bedenkt, sondern konkret an der Gefahr misst, den Stern zu verlieren. Der Maßstab für Gut und Böse liegt implizit in der Frage: Hält die Geliebte mich aus oder nicht? Wird der Stern bleiben oder sich abwenden? So wird das Du zum inoffiziellen Gerichtsort, vor dem die eigene Lebensführung bewertet wird. Die Jahresbilanz „dies Jahr mit Büßen“ mündet in den „Kranz von Schmerzen“, der „demütig lag zu Füßen“ der Geliebten: Das Gegenüber ist nicht nur Liebesobjekt, sondern auch Empfänger der dargebrachten Buße, gleichsam Altarfigur für die Selbstinterpretation des Ich. Das Selbst versteht seine Vergangenheit, seine Wunden, sein Büßen im Licht einer Instanz, der es seinen Schmerz „hinlegt“.

Auch zeitlich ist die Selbstdeutung des Ich ganz an das Gegenüber gekoppelt. Der Verlauf des Jahres 1834 gewinnt Bedeutung nicht durch äußere Ereignisse, sondern durch die innere Arbeit am Verhältnis zum Stern. Das Jahr ist „mit Büßen“ verbracht, der „Kranz von Schmerzen“ ist „all erbaut in bangem Sehnen, all betaut von heißen Tränen“ – und all dies ist auf die Geliebte hin orientiert, denn der Kranz liegt ihr „zu Füßen“. Der Jahreswechsel, die „zwölfte Stunde“, die Stunde des „Untergehen, auferstehen“ – all das wird zur Chiffre eines Liebes- und Sternverhältnisses. Die Biographie des Ich ist nicht im modernen Sinne eine Geschichte seiner individuellen Entwicklung, sondern eine Geschichte, die von der Beziehung her gelesen wird. Das Gegenüber ist die Achse, an der entlang das Ich seine Zeit interpretiert.

Schließlich prägt das Du auch die Weise, wie das Ich sein eigenes Leiden deutet. Dass es sich einen „Kranz von Schmerzen“ ins Herz „erbaut“ hat, dass es alle „Dornen“ „mirwärts“ nimmt, während „dirwärts nur die Rosen sprießen“, zeigt: Schmerz ist nicht einfach dunkle Erfahrung, sondern wird als Dienst am Du verstanden. Der Sinn des Leidens besteht darin, der Geliebten die Rosen zu sichern, während man selbst im Dornengestrüpp steht. Ohne dieses Gegenüber wäre das Leiden bloßes Unglück; mit ihm wird es zum Zeichen von Treue, zur Form der Liebe. Das Ich liest sich selbst als Märtyrer einer Beziehung, und diese Märtyrologie ist ohne das Du nicht denkbar. Das Gegenüber ist damit der hermeneutische Schlüssel, ohne den das Ich sein eigenes Leiden nicht „versteht“.

Zusammengefasst: Das Gegenüber ist nicht nur Anlass für Gefühle, sondern das eigentliche Deutungszentrum der Existenz. Es liefert den Referenzrahmen für Wert, Sinn, Schuld, Zeit und Leiden des Ich. Dieses Ich ist nicht ein fertiges Selbst, das danach liebt, sondern eines, das sich überhaupt erst im Modus der Liebe – genauer: im Blick eines bestimmten Du – begreift. Dadurch erhält die Geliebte einen quasitranszendenten Status: sie ist Stern, Spiegel, Richterin, Adressatin der Buße, Ziel des Opfers. Die Selbstdeutung des Ich ist so vollständig an sie delegiert, dass es sich im wörtlichen Sinn keinen „Selbst“-Bezug mehr außerhalb dieses Gegenübers bewahrt.

3. Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Mehrere anthropologische Leitfiguren überlagern sich im Gedicht und erzeugen zusammen ein vielschichtiges Bild vom Menschen. Sie sind nicht bloß wechselnde Rollenbilder, sondern Verdichtungen dessen, was „Menschsein“ im innersten Kern bedeuten kann – als Beziehungsgestalt, als Leidenswesen, als Büßer, als Liebender an der Grenze von Freiheit und Unfreiheit.
1. Der Pilger / Bettler – der Mensch als existentiell Bedürftiger

Gleich zu Beginn tritt der Mensch in den Figuren des Pilgers und Bettlers auf:

„Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 6, 8), „Wie ein Bettler auf der Heide“ (V. 12, 14).

Pilger und Bettler sind klassische Leitbilder für den Menschen als Durchwanderer und Bedürftigen. In beiden steckt:
• Heimatlosigkeit und Unterwegssein: Der Mensch ist nicht ansässig, nicht gesichert, sondern durchzieht eine lebensfeindliche Welt (Wüste, Heide).
• Abhängigkeit: Der Pilger ist angewiesen auf Führung, der Bettler auf Almosen. Er lebt davon, dass ihm gegeben wird – im Gedicht: vom Licht und der Zuwendung des Sterns.

Anthropologisch bedeutet das: Der Mensch ist nicht Selbstversorger, sondern radikal angelegt auf ein „Mehr“ außerhalb seiner selbst – hier konzentriert in der Figur des Sterns. Er ist ein eingeschränktes, gefährdetes, dauerhaft suchendes Wesen.

2. ••r Sklave an der Kette – der Mensch als gebundene Liebes- und Willensgestalt

Mit der Formel „Wie ein Sklave an der Kette“ (V. 24, 26) tritt eine zweite, zentrale Leitfigur auf: der Sklave. Sie prägt ja schon den Titel: „Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde“.

Diese Figur erzählt vom Menschen als einem,
• der nicht nur faktisch abhängig ist,
• sondern dessen Wille sich freiwillig binden lässt.

Der Mensch ist hier nicht mehr nur Bedürftiger (Bettler), sondern einer, der seine Freiheit aus der Bindung bezieht: Er will an diese Liebe gefesselt sein, akzeptiert und bejaht die Kette. Die anthropologische Leitfigur lautet: Der Mensch ist ein Wesen, dessen tiefste Identität nicht in Autonomie, sondern in Bindung besteht – und das gerade in der absoluten Bindung („Sklave“) seine höchste Wahrheit wittert.

Das ist zugleich gefährlich und groß: gefährlich, weil das Ich sich selbst aufgibt; groß, weil sich darin die Fähigkeit zeigt, sich vollständig hinzugeben.

3. Der Büßer – der Mensch als Schuldträger und Leidensarbeiter

In den Bildern von „Schuld“, „Büßen“ und „Kranz von Schmerzen“ tritt klar eine Büßer-Figur hervor.

„Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“ (V. 45–46)
„Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen“ (V. 148–150).
Der Mensch erscheint als einer, der:
• sich selbst als schuldig begreift,
• sein Leid nicht nur erleidet, sondern als Bußarbeit annimmt,
• den Schmerz zu einem „Kranz“ formt, der Sinn trägt und dargebracht werden kann.

Diese Büßer-Figur ist eine Leitgestalt, weil sie zeigt: Menschsein ist hier verstanden als Leben unter einem inneren Gericht, als Existenz vor einer Instanz (dem Stern / der Geliebten), vor der man sich verantwortet und vor der man seine Tränen als „Antwort“ auf eigene Schuld liest. Leid wird zur Form, in der sich der Mensch moralisch und spirituell deutet.

4. Der Liebende / Märtyrer der Liebe – der Mensch als stellvertretend Leidender

Eng mit der Büßerfigur verbunden ist die Leitfigur des liebenden Märtyrers oder Stellvertreters. Sie verdichtet sich besonders in den Versen:

„Sei in Dornen, meine Lilie!
Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,
Soll mein Lieben dich umschließen
Dirwärts nur die Rosen sprießen
Mirwärts nur die scharfen Dornen“ (V. 141–145).
Hier wird der Mensch als Liebender gezeichnet, der:
• bereit ist, alle Dornen an sich zu ziehen,
• die eigene Verletzung als Schutzraum für das Du versteht,
• sein Verbluten als „richtige“ Konsequenz seiner Liebe annimmt.

Anthropologisch gesehen tritt hier die Figur des Menschen als stellvertretend Leidenden hervor: Er definiert sich nicht durch Selbstbehauptung, sondern durch Übernahme von Last für das Du. Das Leid gewinnt den Charakter eines Liebesdienstes.

Damit verbindet sich das Bild des Märtyrers: Der Mensch ist bereit, für seine Liebe zu sterben – nicht abstrakt heroisch, sondern im Modus des stillen, inneren „Verblutens“. Der Schluss mit der „selig“ sterbenden „letzten Rose“ im Schoß der Geliebten spiegelt diese Leitfigur: Der Mensch-als-Rose, der stirbt, wird im Schoß des Du „aufgehoben“.

5. Das Kind – der Mensch als radikal verletzliches und nicht zu sich gekommene Gestalt

Mit „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ (V. 96, 98) tritt ein weiteres Leitbild auf: der Mensch als Kind, das vor der Geburt stirbt.

Diese Figur steht für:
• radikale Unfertigkeit, Nicht-Vollendung,
• Ohnmacht: ein Leben, das keine eigene Gestalt gewinnt, bevor es endet,
• eine Existenz, die ganz im Potential, im Noch-nicht, im Abgebrochenen steht.

Anthropologisch modelliert das: Der Mensch kann an seinen inneren Konstellationen (hier: Verlust des Sterns) so zerbrechen, dass sein Leben gar nicht „zur Welt“ kommt. Diese Figur radikalisiert den Gedanken, dass der Mensch sich nicht aus sich selbst heraus vollendet, sondern nur „zur Welt kommt“, wenn er in der Liebe zur Fülle gelangt. Ohne diese Fülle bleibt er wie ein abgestorbener Ansatz.

6. Der Zwischen-Mensch – Wesen zwischen Stern und Herz, Zeit und Ewigkeit

In den kosmischen Bildern (Stern, Mond, wüste Meere), der Zeitfigur des Jahres und der inneren Topographie des Herzens tritt eine weitere Leitfigur hervor: der Mensch als Zwischenwesen.

• Er steht zwischen Himmel (Stern, Mond, Sonne) und Erde (Wüste, Heide, Klippen),
• zwischen Zeit („letzte Stunde des Jahres“, „zwölfte Stunde“) und einem Horizont von „Untergehen, auferstehen“,
• zwischen äußerem Licht und innerem Herzensgrund.

Diese Leitfigur zeigt: Der Mensch ist weder rein „weltlich“ noch schon erlöst, sondern lebt in einer Zwischenzeit, in einem Zwischenraum. Sein Leben entscheidet sich an einer Achse, die vom Stern über sein Herz bis in die tiefste Wunde reicht.

Menschsein bedeutet in diesem Gedicht: sich im Übergang zwischen Untergang und möglicher „Auferstehung“ zu bewegen – ohne klare Sicherheit, aber mit einem enormen Deutungsbedarf.

7. Der Einsame in der Bindung – paradoxale Leitfigur des modernen Ich

Schließlich ist eine Leitfigur besonders auffällig: der „Einsame“, der gerade in absoluter Bindung lebt.

„Einsam will ich untergehen“; „Wie allein, allein, alleine“; zugleich „mein Herz in deinem Herzen“, „mein Blick in deinen Blicken“, „mein Licht in deiner Sonne“.

Das Ich ist:
• maximal gebunden (an Stern, an Cäcilie)
• und zugleich maximal einsam (will „keiner“ solle sein Ende wissen, beschwört das Alleinsein).

Diese paradoxale Figur – radikal bezogen und radikal einsam – ist anthropologisch hoch aufschlußreich: Der Mensch wird als ein Wesen dargestellt, das seine tiefste Identität nur in einer einzigen Beziehung findet – und gerade dadurch die Erfahrung äußerster Einsamkeit macht, weil alles andere verschwindet.

Die Leitfigur ist also nicht einfach „der Liebende“, sondern: der Liebende, der seine ganze Existenz an einem Du festmacht und dadurch aller anderen Bezüge beraubt ist. Das Gedicht führt diese Figur nicht kritisch vor, sondern ernsthaft durch – gerade darin wird sie zur Schlüsselfigur einer „modernen“ Anthropologie: Der Mensch, der sich absolut an einem Menschenstern orientiert und daran fast zerbricht.

In der Summe entsteht keine einzige, glatte Grundfigur, sondern ein Bündel von Leitfiguren: Pilger/Bettler, Sklave, Büßer, Märtyrer der Liebe, ungeborenes Kind, Zwischenwesen, einsamer Liebender. Sie verdichten sich zu einem Bild des Menschen als eines Wesens, das von Grund auf auf das Du angewiesen, verletzlich, leidensfähig und zur Selbstopferung bereit ist – und dessen Würde paradoxerweise gerade im angenommenen Schmerz und in der gebundenen Freiheit seiner Liebe sichtbar wird.

4. Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Der Mensch zeigt sich in diesem Gedicht als ein Wesen, das an Grenzen stößt, sie leidvoll erfährt, sie zugleich überschreiten möchte und aus dieser Spannung heraus überhaupt erst nach Sinn sucht. Grenzen, Begehren und Sinnsuche greifen dabei so ineinander, dass man kaum einen dieser Bereiche isoliert betrachten kann.

Zunächst ist der Mensch radikal durch Grenzen bestimmt – biologisch, zeitlich, räumlich, seelisch. Die Formulierung „Einsam will ich untergehen“ setzt von Anfang an die Grenze des Lebens ins Zentrum: Der Tod ist nicht fernes Abstraktum, sondern innerer Horizont der Rede. Der Rahmen „zur letzten Stunde des Jahres 1834“ markiert eine scharf gezogene Zeitgrenze: Die „zwölfte Stunde“ ist nicht nur kalendarischer Moment, sondern Erfahrungsformel für Endgültigkeit. Bilder wie „Wie ein Pilger in der Wüste“, „Wie ein Bettler auf der Heide“, „Wie der Mond in wüsten Meeren“, „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ inszenieren Grenzräume des Menschlichen: Ödnis, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Nicht-zur-Welt-kommen. Der Mensch steht an Rändern: am Rand der Wüste, am Rand der Gesellschaft (Bettler), am Rand der Existenz (ungeborenes Kind), am Rand des Jahres. Er ist kein Wesen der satten Mitte, sondern eines, das seine Grenzen als ständige Grundsituation erlebt.

Genau an diesen Grenzen entzündet sich sein Begehren. Das Ich begehrt nichts Halb- oder Maßvolles, sondern eine bis zur Selbstauflösung gehende Erfüllung: „Wie mein Herz in deinem Herzen“, „Wie mein Blick in deinen Blicken“, „Wie mein Licht in deiner Sonne“ – das Begehren zielt auf vollkommene Verschmelzung, auf ein Ineinander, das die Grenze zwischen Ich und Du praktisch aufhebt. Zugleich drängt dieses Begehren über die Lebensgrenze hinaus: Wenn die Liebe nicht in dieser Radikalität gelingt, soll das Leben nicht bleiben. Der Todeswunsch ist keine Kälte dem Leben gegenüber, sondern die Kehrseite eines maßlosen Begehrens: Das Ich kann sich nur entweder als ganz gehalten oder gar nicht denken. In der Formel „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ wird sichtbar, dass selbst der Tod noch in die Logik dieses Begehrens hineingezogen wird: Untergang soll Übergang sein, Schwelle zu einer anderen, tieferen Form von Vereinigung, in der der Stern „zu meines Herzens Grunde“ taucht. Der Mensch will nicht nur diesseitige Nähe, sondern eine Liebesgestalt, die Grenzen von Zeit, Leib und sichtbarer Gegenwart überschreitet.

Die Grenzen erscheinen aber nicht nur als äußere Schranken, sondern auch als innere Zumutungen, auf die der Mensch mit einer eigentümlichen Kombination aus Rebellion und Annahme reagiert. „Keiner soll mein Ende wissen“ ist zunächst eine Trotzreaktion: Wenn ich schon sterben muss, dann wenigstens so, dass niemand darüber verfügt; der Tod soll mir gehören, er soll sich dem Blick der anderen entziehen. Gleichzeitig nimmt das Ich die Grenze auf sich, indem es sie in Gelöbnisform integriert: „Einsam will ich untergehen“ wiederholt sich wie eine freiwillig akzeptierte Sentenz. Die Grenze des Lebens wird zum Inhalt eines Schwurs; der Mensch eignet sich seine Endlichkeit an, indem er sie aus Liebe an eine Bedingung knüpft. Ähnlich verhält es sich mit der Schuldgrenze: „Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“ – der Mensch erkennt sich als moralisch begrenzt, gefährdet, unzureichend, und antwortet darauf nicht mit Selbstentschuldigung, sondern mit Bußbereitschaft. Die Grenze der eigenen sittlichen Integrität wird nicht verleugnet, sondern durch „Büßen“, „Kranz von Schmerzen“, „heiße Tränen“ in eine innere Arbeit verwandelt.

In dieser Verarbeitung der Grenzen zeigt sich die Sinnsuche des Menschen. Er will nicht einfach hinnehmen, dass er sterblich, schuldig, verletzlich ist; er versucht, dem Ganzen eine Gestalt zu geben. Das geschieht vor allem über zwei Strategien: mythologisch-symbolische Deutung und passionale Selbstfigurierung. Mythologisch-symbolisch, indem das eigene Leben in Stern-, Rosen-, Dornen-, Jahres- und Stundenbilder übersetzt wird; passionale Selbstfigurierung, indem das Ich sich als Pilger, Sklave, Büßer, Märtyrer, ungeborenes Kind, „letzte Rose“ entwirft. Der Mensch sucht Sinn, indem er sein bloßes „So-Sein“ in eine Geschichte überführt: in die Geschichte eines Liebenden, der das Jahr „mit Büßen“ verbracht hat, im Herzen einen „Kranz von Schmerzen“ trägt und diesen „demütig zu Füßen“ der Geliebten niederlegt. Die Grenze des Jahres, des Lebens, des eigenen Vermögens wird nicht erklärt, aber erzählbar gemacht – und in dieser Erzählbarkeit liegt der erste Ansatz von Sinn.

Die Beziehung zum Du ist dabei der entscheidende Ort, an dem Grenzen und Begehren überhaupt verhandelbar werden. Die Grenze des Ich zum Anderen wird vom Begehren vorgreifend überschritten („Herz in deinem Herzen“), faktisch aber nie ganz aufgehoben. Gerade aus dieser Spannung – radikaler Verschmelzungswunsch bei realer Getrenntheit – entsteht der größte innere Druck: „Wie allein, allein, alleine“ sagt ein Ich, das faktisch in tiefster Beziehung steht und zugleich seine Einsamkeit maximal empfindet. Der Mensch zeigt sich als Wesen, das seine Grenzen am allerstärksten dort erfährt, wo sein Begehren am größten ist. Dass die Geliebte eigentlich schweigend bleibt, nur ein „bitte, bitte“ von ihr hörbar ist, verstärkt das: Die Grenze zwischen den Bewusstseinen, zwischen dem, „was ich bitte“ und dem, „was du weißt“, bleibt unaufhebbar. Erkenntnis, Nähe, Verschmelzung – überall bleibt ein Rest, eine Differenz. Aus dieser nicht überbrückten Differenz zieht das Ich sein ganzes Buß- und Opferprogramm: Wenn die Grenze nicht verschwindet, soll sie wenigstens in eine Form sinnvoll angenommenen Leidens verwandelt werden.

Die Sinnsuche vollendet sich – in der Logik des Gedichts – im Bildkreis von Dornen, Rosen und der „selig“ sterbenden letzten Rose. Hier sind Grenzen, Begehren und Sinn wie in einem Brennpunkt gebündelt. Die Grenze: Das Jahr ist zu Ende, die Liebe hat eine leidvolle Geschichte, die Rose stirbt. Das Begehren: Die Geliebte soll unberührt bleiben, „dirwärts nur die Rosen sprießen“, während „mirwärts nur die scharfen Dornen“ stehen; der Liebende will bis zum Letzten für sie einstehen. Die Sinnsuche: Indem der Kranz von Schmerzen im Herzen erblüht und als Kranz zu Füßen der Geliebten liegt, erhält das Leiden Gestalt; indem die letzte Rose im Schoß „selig“ stirbt, wird das Sterben selbst in einen Sinnhorizont gestellt. Der Mensch ist hier einer, der seine Grenzen nicht überwindet, aber sie in eine symbolische Ordnung hineinlegt, in der sie getragen, gedeutet, geopfert werden können.

So erscheint der Mensch in diesem Gedicht als Grenzwesen, dessen Begehren bewusst über die ihm gesteckten Schranken hinausgreift und der gerade aus der Erfahrung des Scheiterns und der Unaufhebbarkeit dieser Schranken seine Sinnarbeit gewinnt. Er sucht Sinn nicht jenseits der Grenzen, sondern in ihrer inneren Durcharbeitung: im Schwur, in der Buße, im Bild, im Opfer, im Rosen- und Schmerzenskranz. Dass er dabei an den Rand der Selbstvernichtung gerät, gehört zur Ambivalenz dieser Anthropologie: Das gleiche Begehren, das dem Leben höchste Intensität und Deutung gibt, führt es bis an den Punkt, an dem es ohne das geliebte Du nicht mehr sein will.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

1. Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Im Hintergrund des „Kettenliedes“ bündeln sich mehrere literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Traditionen, die Brentano hier in einer späten, sehr eigenen Mischform aufruft und zugleich übersteigert.

1. Romantische Liebeslyrik und spätromantischer Klage-Ton

Das Gedicht steht zunächst deutlich in der Tradition der deutschen Romantik, deren einer Hauptzug gerade die Verbindung von Liebespathos, Todesnähe und religiöser Bildsprache ist. Das Ich ist ein radikal subjektives, leidendes, sich bis zur Selbstvernichtung an ein Du hingebendes Bewusstsein – eine Grundfigur, die sich von den frühen romantischen Bruchstücken bis zu den späten, religiös saturierten Texten ziehen lässt. Das Motiv, sich an einem „Stern“ in existentieller Weise zu orientieren, knüpft an die romantische „Himmelsmetaphorik“ der Liebe an; zugleich ist die Übersteigerung („Einsam will ich untergehen“) typisch für den späten, innerlich zugespitzten romantischen Ton, in dem Liebe, Todessehnsucht und religiöse Umcodierungen unauflöslich ineinanderfließen.

2. Volkslied, geistliches Lied, Litanei

Formal greift das Gedicht sehr stark auf Ton- und Bauformen des Volksliedes und des geistlichen Liedes zurück. Der vierhebige, liedhafte Vers, der refrainartige Satz „Einsam will ich untergehen“, die einfache, klare Syntax in weiten Strecken, der Wechsel von erzählender Zeile und „Wie…“-Vergleich, die Kettenreimtechnik: all das erinnert an volkstümliche Liedformen, Balladen und geistliche Gesänge, die in wiederkehrenden Formeln und einfachen, memorierbaren Bildern arbeiten. Gleichzeitig ist der Text in seiner Wiederholungsstruktur deutlich an Litaneiformen angelehnt: immer neue Anrufungen desselben „Sterns“, immer neue Varianten derselben Bitte und desselben Schwurs. In dieser Perspektive gehört das Gedicht in eine Tradition, die zwischen Volkslied, Kirchenlied und litaneihafter Bittform oszilliert und in der das Sprechen selbst rituellen Charakter bekommt.

3. Barocke Passion, Mystik und Frömmigkeitssprache

Die Bilder von „Wund’ an Wunde“, „Kranz von Schmerzen“, Dornen, Rosen, „Büßen“, „heißen Tränen“, die Mischung aus Klageton und „seliger“ Todesannahme verweisen deutlich auf barocke Passions- und Bußtraditionen. Die Idee, den eigenen Schmerz als „Kranz“ im Herzen zu tragen, ihn demütig zu Füßen der Geliebten / Heilsfigur niederzulegen, und darin eine paradoxe Seligkeit zu finden, erinnert an barocke Frömmigkeitstexte, in denen der leidende Mensch Christus nachfolgt, seine Wunden betrachtet, seinen eigenen Schmerz als Teilnahme am göttlichen Leiden deutet. Brentano transponiert diese Tradition nicht als dogmatisches Lehrstück, sondern in eine Liebesszene – aber die Bildreservate und der Gestus des „Büßers“, der seinen Schmerz aktiv „erbaut“, stammen deutlich aus dieser älteren geistlichen Sprachschule.

4. Marien- und Heiligenverehrung (Lilie, Rose, Schoß)

Die Geliebte erscheint als „Lilie“, umgeben vom „Rosenzaun“, im Bild des Schoßes, in dem „die letzte Rose“ selig stirbt. Das sind klassische Motive der Marien- und Heiligenverehrung: Lilie und Rose als Reinheits- und Liebessymbole, der Schoß als Ort der Gnade und Geborgenheit, das „selige“ Sterben im Schoß der Geliebten als Umcodierung des Sterbens „in Mariens Armen“ oder „in Gottes Hand“. Brentano, der im 19. Jahrhundert eine deutliche Rückwendung zur katholischen Frömmigkeit vollzieht, knüpft hier an diese Bilder an, ohne das Gedicht zur Andacht zu machen. Die Geliebte wird in die Nähe einer individuellen, biographischen Heiligenfigur gerückt; das Liebesverhältnis bedient sich der Sprache eines privaten Kultes. Diese intertextuelle Nähe zu Marienliedern und Heiligenlegenden ist eine der Quellen der eigentümlich „heiligen“ Aura des Textes.

5. Minnesang und frühneuzeitliche Liebesmetaphorik

Die Asymmetrie zwischen Sprechendem und Geliebter, die ideale Überhöhung des Du, die Ausrichtung auf „Dienen“, „Zu-Füßen-Liegen“, „Kranz schenken“, die Bildlichkeit von Herz, Blick, Mund, Träne, Busen, Füßen – all dies steht in einer langen Tradition höfischer und nachhöfischer Liebeslyrik. Das Ich ist der dienende, sich erniedrigende Liebende; die Frau ist „Lilie“, Stern, Sonne, Ort der Wonne. Elemente aus Minnesang, Barocksonett, empfindsamer Liebeslyrik werden aufgenommen und in den spätromantischen, religiös aufgeladenen Ton überführt. Die altvertraute Gestik des „Knechts der Dame“ wird im 19. Jahrhundert zum „Sklaven an die Fesselnde“ gesteigert und mit religiöser Bußsemantik unterfüttert.

6. Kettenlied, Kettenreim, „Rosenkranzpoetik“

Die spezielle Form des Kettenliedes (jeder letzte Vers führt in die nächste Strophe hinüber) hat ihrerseits Tradition – von volkstümlichen Kettenliedern bis zu kunstvoll komponierten Kettenreimen (terza rima u. Ä.). Brentano nutzt diese Technik, um eine Art poetischen Rosenkranz zu bilden: Jede neue Strophe greift ein Wort, ein Bild, einen Reim des vorangehenden Abschnitts auf, wie eine nächste Gebetsperle, die an der vorherigen hängt. Damit steht der Text auch formal in einer Tradition, die zwischen volkstümlicher Spielerei und geistlicher Meditationsform pendelt. Literarhistorisch kann man ihn als späte, romantische Ausprägung dieser Ketten- und Kreisformen verstehen, die es ermöglichen, einen Zustand (hier: die extreme Liebesbindung) nicht erzählerisch fortzuspinnen, sondern kreisend zu meditieren.

7. Romantische Innerlichkeit und katholische Erneuerungsbewegung

Schließlich ist das Gedicht in den weiteren Kontext der romantischen Innerlichkeits- und Wiedererkatholisierungsbewegung des 19. Jahrhunderts einzuordnen. Die Tendenz, das individuelle Seelenleben, Liebesleid, Schuldempfinden und Bußbereitschaft in dichten, symbolischen Bildern zu erzählen, steht im Dialog mit der mystischen Tradition (Herzensgrund, Wundensprache, Kranz, Dornen) ebenso wie mit einer romantischen Psychologisierung der Religion. Das Private (Cäcilie, „arm Lind“, „bitte, bitte“) und das Heilsgeschichtliche (Untergehen/Auferstehen, Stern der Liebe, Bußjahr) werden ineinander geschoben – ein Verfahren, das sich bei anderen romantischen Autoren, freilich in anderen Tonlagen, ebenso beobachten lässt.

Zusammengefasst: Im Hintergrund des „Kettenliedes“ stehen die romantische Liebes- und Klagedichtung, Volks- und Kirchenlied, barocke Passions- und Bußfrömmigkeit, Marien- und Heiligenmetaphorik, höfische Liebestraditionen und formale Ketten- und Litaneistrukturen. Brentano verbindet sie zu einem späten, hoch verdichteten Liebes-Passionsgedicht, in dem diese Traditionen nicht nur zitiert, sondern existentiell „durchgefühlt“ und auf eine einzelne biographische Beziehung hin zugespitzt werden.

2. Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

Es lassen sich eine ganze Reihe von Motiven identifizieren, die das Gedicht in ein dichtes intertextuelles Feld stellen, ohne dass Brentano je bloß „zitiert“. Die Motive tragen jeweils lange Traditionsstränge mit sich, die im Kettenlied in eine spezifisch romantisch-katholische, zugleich zutiefst persönliche Konstellation hinein gezogen werden.

Zentral ist zunächst das Sternmotiv. Der „Stern, den ich gesehen“ ist Liebesstern, Schicksalsstern, Friedensbote, Leitstern durch Wüste und Klippen und schließlich „Stern der Lieb’“. Damit verschaltet Brentano gleich mehrere Traditionslinien: die biblische Sternsymbolik (Weihnachtsstern, Leitstern der Weisen, Stern als Zeichen göttlicher Führung), die marianische „Stella maris“-Tradition (Maria als Stern, der das Schiff der Seele leitet) und die romantische Stern- und Himmelsmetaphorik, in der Geliebte und Transzendenz vielfach ineinander gespiegelt werden. Man kann an Novalis’ „Hymnen an die Nacht“ denken, wo Stern- und Nachtbilder zum Durchgang in ein „anderes“ Leben werden, oder an Eichendorffs Stern- und Mondmotive, die Liebessehnsucht und Gottesnähe überblenden. Auch Dante schwingt im Hintergrund, insofern das „Stella“-Motiv dort zum Schlusswort jeder Cantica wird und das Liebesprinzip mit der Bewegung der Sterne verknüpft ist; Brentano holt diese kosmische Wertung des Sterns nun in eine biographisch konkrete Liebesszene herab. Intertextuell betrachtet steht der Stern also an einem Knotenpunkt zwischen Liebesmetaphorik, Heilsleitbild und romantischer Kosmossymbolik.

Eng damit verbunden ist der große Rosen-, Dornen-, Kranzkomplex. „Sei in Dornen, meine Lilie! / Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, / Soll mein Lieben dich umschließen / Dirwärts nur die Rosen sprießen / Mirwärts nur die scharfen Dornen“ und die spätere Rede vom „dichten Kranz von Schmerzen“, der im Herzen erblüht, führen direkt hinein in die Tradition der christlichen Passions- und Marienbilder: Dornenkrone, Rosenkranz, Rose und Lilie als Symbole von Liebe, Reinheit und Gnade. Schon im Hohenlied gehören Rose, Garten, Schoß, Duft zur erotisch-theologischen Grundmetaphorik; in der Barockfrömmigkeit und der marianischen Dichtung werden sie zu Bildreservaten der mystischen Liebe Gottes und Mariens. Brentanos Bild von der „selig“ sterbenden „letzten Rose“ im Schoß der Geliebten steht erkennbar im Resonanzraum von Marienikonographie („Rosa mystica“) und Rosenkranzfrömmigkeit, aber zugleich auch im Feld der romantischen Blumenmetaphorik (bis hin zu Eichendorff und Mörike). Dass der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen „erbaut“ und „betaut von heißen Tränen“ ist und der Geliebten zu Füßen gelegt wird, verbindet den Rosenkranz (Gebetsperlen) mit dem Schmerzenskranz (Dornenkrone) zu einer Art poetischer „Rosenkranzpoetik“, die zahlreiche geistliche und volkstümliche Vorläufer hat.

Ein weiteres dichtes Motivbündel ist das Herz-Wunde-Motiv. „Lindrung meiner Wunde“, „Wund’ an Wunde“, das „Herz, das in der Mitte brach“, der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen – all das stellt das Gedicht in die große Tradition der Herz- und Wundenmystik: Herzensfrömmigkeit, Herz-Jesu-Verehrung, mystische Rede vom „Herzensgrund“, wie sie von der mittelalterlichen Mystik über Angelus Silesius bis in die katholische Erneuerungsbewegung des 19. Jahrhunderts reicht. Dass der Stern „zu meines Herzens Grunde“ tauchen soll, greift explizit mystische Formeln auf, in denen Gott oder Christus das Innerste der Seele aufsucht. Gleichzeitig bleibt diese Herzsymbolik in Brentanos Text doppelt kodiert: Sie gehört sowohl zur religiösen Traditionsschicht als auch zur bürgerlich-romantischen Liebesrede („Herz in deinem Herzen“). Intertextuell verbinden sich hier die Herzmetaphorik der Liebesgedichte (bis zurück zur Minne) mit der Sprache mystischer Selbstinnerung.

Die anthropologischen Leitfiguren Pilger, Bettler, Sklave, Kind und Märtyrer stehen ebenfalls auf langen Traditionslinien. Der „Pilger in der Wüste“ und der „Bettler auf der Heide“ gehören zum Motivfeld des „homo viator“, des Menschen als Wanderer und Gast auf Erden, wie er in geistlichen Liedern („Ich bin ein Gast auf Erden“), bei Augustinus und in der barocken Vanitas-Lyrik immer wieder erscheint. Der „Sklave an der Kette“ übersteigert das Motiv des dienenden Liebenden aus Minnesang und höfischer Tradition; der mittelalterliche „dienst“ an der Dame, der Ritter als „Knecht“ der Herrin, wird bei Brentano zum ausdrücklich versklavten, „gefesselten“ Ich, was zugleich an paulinische Rede von „Knechtschaft“ und „Sklave Christi“ anschließt, nun aber erotisch umcodiert wird. „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ erinnert an barocke und mystische Motive des verfehlten, abgebrochenen oder „ungeborenen“ Lebens, das nie zur Vollendung gelangt; zugleich klingt der intellektuelle Topos der „Geburt des wahren Menschen“ an, die hier verfehlt zu werden droht. Der liebende Leidensträger, der alle Dornen auf sich zieht, um dem Du die Rosen zu lassen, nimmt schließlich die Gestalt eines Liebes-Märtyrers an – eine Figur, die ihren literarischen Höhepunkt später etwa im „Liebestod“ der romantischen Oper (Tristan, Senta, Agathe usw.) findet, aber schon davor in der Verbindung von Liebespathos und Passionsterminologie angelegt ist.

Das Motiv der Jahreswende und der „zwölften Stunde“ schaltet das Gedicht zudem an die Tradition der Neujahrslieder und der Zeitdichtung an. Hymnen wie „Das alte Jahr vergangen ist“, Betrachtungen zur „letzten Stunde“, Kalendersprüche und Predigten um Silvester herum bilden einen Hintergrund, in dem die Konstellation „Jahresende – Bußbilanz – Kranz – Tränen“ verankert ist. Die Formulierung „jetzt schlägt die Stunde“ trägt deutlich die Färbung der Kairos-Rede, wie sie in Predigten, Erbauungsschriften und Barocksonetten auftaucht: In einer bestimmten Stunde entscheidet sich etwas für Zeit und Ewigkeit. Brentano zieht diese Tradition in seine Liebeskonstellation hinein, so dass das Neujahrs- und Gerichtsmotiv mit der Bilanz eines Liebesjahres verschmilzt.

Auch der Name „Cäcilie“ ist intertextuell aufgeladen. Er verweist auf die heilige Cäcilia, Patronin der Musik und der Kirchenmusik, die in unzähligen Texten, Bildern und Liedern des 18. und 19. Jahrhunderts präsent ist. Dass Brentano einer Geliebten diesen Namen gibt und sie als Stern, Lilie, Rosenfigur ins Zentrum eines hoch musikalisch komponierten Kettenliedes stellt, verschränkt persönliche Liebesgeschichte mit der Traditionsfigur der heiligen Musikerin. Die Erinnerung an „arm Lindis ›bitte, bitte‹“ und die musische Umgebung des Namens Cäcilia legen eine Verbindung zur musikalischen, gesungenen, vielleicht „liturgischen“ Liebeserfahrung nahe, wie sie in Cäcilienliedern, Oratorien und Festmusiken zum Kirchenjahr gesteigert vorkommt.

Nicht zuletzt lassen sich die Motive von Einsamkeit und Untergang in einen weiten romantischen und vormodernen Intertext eintragen. „Einsam will ich untergehen“, „Wie allein, allein, alleine“, das Motiv des einsamen, ungekannten Todes („Keiner soll mein Ende wissen“) erinnern an romantische Todesfantasien, in denen das Individuum seinen Untergang als letzten, unteilbaren Besitz begreift; zugleich klingen biblische und barocke Klageformen an, in denen Einsamkeit zur Chiffre der Gottesferne wird. Im Hintergrund stehen Lieder und Gedichte, in denen Liebesleid und Tod in eine unverlösliche Nähe rücken, von Volksliedern („Es waren zwei Königskinder“) bis zu romantischen Balladen und späteren Opern (Liebestod-Tradition). Brentanos Kettenlied greift diese Motive auf, aber überformt sie durch die dichte Passions-, Rosen- und Sternsymbolik zu einem spezifischen, späten Mischbild: Liebesuntergang, mystische Wundensprache, Neujahrsgericht und Marian-/Cäcilienverehrung fallen in einem Motivraum zusammen.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass das Gedicht in einem Netz von Motiven steht, die auf Liebeslyrik, Volkslied, barocke Passion und Mystik, marianische und cäcilianische Frömmigkeit, Neujahrstraditionen und romantische Innerlichkeitsdichtung zurückverweisen. „Stern“, „Rose/Dorn“, „Herz/Wunde/Kranz“, „Pilger/Bettler/Sklave/Kinderfigur“, „Stunde/Jahresende“ und der heilig aufgeladene Eigenname „Cäcilie“ sind die wichtigsten Knotenpunkte dieses Netzes; an ihnen bündelt Brentano sehr verschiedene Traditionsstränge zu einer einzigen, extrem subjektiven, biographisch zugespitzten Liebes-Passionsfigur.

3. Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Es gibt in diesem Gedicht zahlreiche Anschlussstellen zu biblischen, mythischen und philosophischen Deutungsebenen; Brentano bietet gleichsam eine extrem subjektive Liebesszene dar, die aber ständig in größere, quasi-theologische und archetypische Horizonte geöffnet ist.

Auf der biblisch-theologischen Ebene drängen sich vor allem vier Motivkomplexe auf: der Stern, die Passion, das Herz und die marianische Bildwelt. Der „Stern, den ich gesehen“ ist zunächst Liebesstern und biographischer Fixpunkt, zugleich aber deutlich in der Nähe biblischer Leitsterne: Er führt durch „Wüste“ und „Klippen“, ist „Friedensbote“ und „Lindrung meiner Wunde“, am Ende „Stern der Lieb’“, der in den „Herzensgrund“ tauchen soll. Diese Motivik lässt sich ohne Mühe mit dem Stern von Bethlehem, mit Christus als „Licht der Welt“ und mit marianischen Titeln wie „Stella maris“ verschalten: Die Geliebte erscheint wie eine individualisierte, ins Private gezogene Heilsfigur. Dass an der Schwelle des Jahres dann von „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ die Rede ist, rückt das Geschehen in die Nähe einer Karfreitag/Ostern-Chiffre; „Stunde“ ist zudem ein Kernwort der johanneischen Theologie, in der „die Stunde“ der Passion die Zeit der Entscheidung markiert. Dazu kommt der ausgebaute Passionskomplex: „Wund’ an Wunde“, „Lindrung meiner Wunde“, der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen, die Dornen, die „mirwärts“ stehen, während „dirwärts nur die Rosen sprießen“ – das alles erinnert an Dornenkrone, Schmerzensmystik, Herz-Jesu-Frömmigkeit. Das Herz des Liebenden wird zum Ort einer kleinen Kreuzigung, und der Stern soll in diesen „Herzensgrund“ eintauchen, wie Christus in die tiefste Innerlichkeit der Seele.

Mit der Bildwelt von Lilie, Rose und Schoß öffnen sich weitere biblisch-marianische Anschlussstellen. Die Geliebte ist „meine Lilie“, von einem „Rosenzaun“ umschlossen; die „letzte Rose“ stirbt „selig“ in ihrem Schoß. Lilie und Rose sind klassische Marienmetaphern (Reinheit, Liebe, „Rosa mystica“), der Schoß verweist nicht nur erotisch, sondern auch auf die Ikonographie von Inkarnation und Pietà: Leid und Segen, Geburt und Sterben bündeln sich im Schoß einer Frau. Hinzu kommt der Name „Cäcilie“, der unmittelbar an die heilige Cäcilia erinnert, Patronin der Kirchenmusik. Ein Liebesgedicht, das in dieser Musen- und Heiligenfigur kulminiert, und in dem das Ich seinen „Kranz von Schmerzen“ „demütig“ zu ihren Füßen niederlegt, ist leicht in einen quasi-liturgischen Kontext zu stellen: Die Geliebte ist zugleich die private Heilige des Sprechers; seine Liebe hat die Form eines kultischen Opferdienstes. In dieser Perspektive lassen sich viele Formelemente (Refrain, Kettenform, Wiederholung) als Anknüpfung an Litanei, Rosenkranzgebet und geistliches Lied lesen.

Mythische Anschlussstellen ergeben sich vor allem aus der Stern-, Rosen- und Jahresmotivik. Der persönliche „Stern“ der Geliebten („Geht dein Stern mir je verloren“) steht nicht nur im biblischen, sondern auch im mythisch-astrologischen Feld: Seit der Antike werden Menschen mit einem „Schicksalsstern“ verbunden; der Verlust dieses Sterns bedeutet Unglück, Untergang, „Verlust der Fortuna“. Brentano bindet dieses Schicksalsstern-Motiv an seine Liebesgeschichte: Das Ich hat buchstäblich seinen „Stern“ gesehen, orientiert sein Leben daran, und fürchtet, dass dieser Stern sich „weg von mir“ kehren könnte. Ähnlich lässt sich der Rosen- und Dornenkomplex nicht nur christlich, sondern auch im Umkreis antiker Vegetationsmythen lesen: Die sterbende „letzte Rose“, die im Schoß der Geliebten entblättert, erinnert entfernt an die sterbenden und wiederkehrenden Liebesgötter (Adonis, Attis), deren Tod im Blühen und Vergehen der Natur symbolisiert wird. Brentano christianisiert diesen Komplex stark, aber die archetypische Struktur – Liebe, Blut, Blume, Sterben und eine Form von „Seligkeit“ im Vergehen – bleibt erkennbar. Das „Schwanenlied im Tode“ knüpft zudem an den alten Mythos vom Schwan an, der vor seinem Sterben besonders schön singt; das Lied des Liebenden wird so als letztes, schönstes „Schwanenlied“ seiner Seele kenntlich.

Auch der Jahresendrahmen besitzt mythische Konnotationen. „Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“, „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen“ – das ist nicht nur bürgerliche Silvesterszene, sondern knüpft an die uralten Neujahrsriten und Mythen vom sterbenden und neu erstehenden Jahr an. In vielen Kulturen gilt die Stunde des Jahreswechsels als Schwellenzeit, in der Schicksal, Segen, Gericht und Neuanfang verdichtet sind. Dass hier das persönliche Buß- und Liebesgeschehen genau in diese Stunde gestellt wird, verweist das Gedicht in einen rituellen Zusammenhang: Das alte Jahr (mit Sünde und Schmerz) muss „sterben“, damit etwas anderes – nicht klar benannt, aber in „Auferstehen“ angedeutet – möglich wird. Religiös wie mythisch sind solche Jahr-Sterben-Szenen Orte der kosmischen Sinnsuche; Brentano integriert sein Liebesdrama in diesen größeren Rhythmus.

Philosophisch lassen sich vor allem drei Anschlussachsen markieren: eine anthropologische, eine erkenntnistheoretische und eine existenzial-ethische. Anthropologisch gesehen zeichnet das Gedicht den Menschen als radikal relationales Wesen, dessen Identität nicht aus autonomen Vernunftakten, sondern aus einem absoluten „Für-ein-Du“ hervorgeht. Das Ich ist „Sklave an der Kette“, Pilger, Bettler, Kind, Büßer – es definiert sich ausschließlich in Bezug auf den Stern / die Geliebte. Philosophische Anthropologien, die den Menschen als „Beziehungswesen“ fassen (etwa in der Tradition Augustins, der von der Unruhe des Herzens spricht, bis es in der Liebe Gottes Ruhe findet), finden hier einen poetischen Extremfall: Das Herz des Ich findet keinen eigenen Ruhepunkt, außer im Herzen des Du. Dass diese Transzendenz nicht in Gott, sondern in einem Menschenstern lokalisiert wird, kann als romantische Verschiebung einer klassischen religiösen Grundstruktur gelesen werden.

Erkenntnistheoretisch zeigt das Gedicht, wie „Erkenntnis“ unter dem Vorzeichen von Liebe und Schuld notwendig symbolisch, indirekt, tastend bleibt. Das Ich „weiß“ nichts Sicheres über Zukunft, Gnade oder Sinn; es entwirft Konditionalsätze („wird der Stern…“, „sollt’ den Stern…“), liest Zeichen (Blick, Tau, Lächeln, Sternenglanz) und deutet sie in seiner inneren Logik von Liebe und Buße. Philosophisch lässt sich das an eine Symbol- und Sprachphilosophie anschließen, die betont, dass der Mensch die letzten Dinge nur im Modus von Bildern, Gleichnissen und Mythen denken kann. Der „Herzensgrund“, in den der Stern tauchen soll, erinnert an die mystische und philosophische Rede vom innersten „Grund“ der Seele (Meister Eckhart u. a.), in dem Wahrheit sich ereignet, ohne begrifflich vollständig gefasst werden zu können. Das Gedicht zeigt den Menschen als ein Wesen, das seine äußersten Grenzerfahrungen – Liebe, Schuld, Tod, Hoffnung – nicht im Modus des diskursiven Wissens, sondern in dichter Bild- und Klangrede bearbeitet.

Ethik- und existenzphilosophisch schließlich stellt der Text Fragen nach Freiheit, Selbstaufgabe und Sinn des Leidens, die sich mit späteren Existenzdeutungen berühren lassen. Das Ich inszeniert sich als frei „gewählter Sklave“ der Liebe: Es bindet sich in Gelöbnissen an den Stern, erklärt, nur unter bestimmten Bedingungen leben zu wollen, und macht sein Leiden zum Ort von Sinnstiftung. Die Formeln „Sei in Dornen, meine Lilie!“, „mirwärts nur die scharfen Dornen“ und der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen stellen die Frage, ob Freiheit im Äußersten nicht darin besteht, das Unverfügbare (Leiden, Grenze, Sterblichkeit) als Ort der Selbsthingabe anzunehmen. Gleichzeitig wird sichtbar, wie gefährlich diese Selbstaufgabe ist: Der Mensch kann sich in einer Beziehung so absolut verlieren, dass sein eigenes Leben für ihn nur noch bedingt bejahbar ist. In diesem Spannungsfeld von radikalem Begehren, freiwilliger Unfreiheit und Sinnsuche im Leiden berührt das Gedicht Grundfragen, die spätere philosophische Existenzanalysen – etwa zu Schuld, „Grenzerfahrung“, „Sein zum Tode“, Liebe als absoluter Anspruch – in anderer Sprache verhandeln werden.

Insgesamt lässt sich sagen: Das Kettenlied ist zwar konkret an eine Frau, eine bestimmte Liebesgeschichte und ein bestimmten Jahreswechsel gebunden, es öffnet sich aber an vielen Stellen auf biblische, mythische und philosophische Deutungsebenen hin. Stern, Herz, Wunde, Rose, Dornen, Jahr und Stunde sind Schnittpunkte, an denen persönliche Liebesrede mit religiösen und existentiellen Grunderzählungen verschaltet wird.

4. Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Horizont der Epoche wirkt das Gedicht wie eine späte, stark zugespitzte Ausprägung romantischer Innerlichkeit, die bereits deutlich in die religiös-katholische Erneuerungsbewegung der 1820er und 1830er Jahre hinüberragt. Datierung und Überlieferung (1834 gedichtet, 1838 im Umfeld der späteren Ausgaben greifbar) verorten den Text in Brentanos Spätphase, also in einer Zeit, in der seine Hinwendung zur katholischen Frömmigkeit und die jahrelange Beschäftigung mit den Visionen Anna Katharina Emmericks längst vollzogen sind.([metricalizer.de][1]) Die Kettenliedform, die Leidens- und Bußsemantik, die dichte Wunden- und Rosenkranzsymbolik stehen damit nicht am Anfang seiner Entwicklung, sondern auf einer späten Stufe der Verdichtung: Romantische Liebesrede, barocke Passionssprache und katholische Innerlichkeitsfrömmigkeit fallen in einem Text zusammen, der stilistisch an Volks- und Kirchenlied anschließt und inhaltlich eine extrem subjektive Liebespassion durchspielt.

Im Gesamtwerk erscheint das „Kettenlied“ wie ein Scharnier zwischen den weltlichen Gedichten und den geistlichen Liedern und Prosawerken der späten Jahre. Die großen Motive, die den Text tragen – Stern, Herz, Wunde, Kranz, Rose, Dornen, Pilger, Bettler, Kind – sind in Brentanos Lyrik nicht neu, sondern kehren in vielfältigen Varianten wieder, von frühen Liebesgedichten über volksliedhafte Stücke (Des Knaben Wunderhorn-Konstellation) bis hin zu den „Romanzen vom Rosenkranz“ und den ausdrücklich geistlichen Liedern.([Internet Archive][2]) Im „Kettenlied“ stehen sie jedoch auf einem Kulminationspunkt: Das Sternmotiv ist nicht mehr nur romantische Himmelsmetapher, sondern trägt die ganze Last einer Liebes- und Heilsinstanz; der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen ist direkt in die Passions- und Rosenkranztradition hineingeschrieben; die Geliebte wird über Lilien- und Rosenbilder und den Namen Cäcilie in die Nähe einer privaten Heiligenfigur gerückt, die zugleich weltliche Geliebte und quasi-marianische Patronin des Ich ist. Der Text wirkt so, rückblickend auf das Werk, wie eine späte Selbstüberbietung von Brentanos lebenslangen Themen: Liebe, Schuld, Vision, Musik und katholische Symbolik werden in einer einzigen, formal streng gefügten Liedkomposition zusammengezogen.

Auffällig ist außerdem, wie das Gedicht innerhalb des Werks eine rückbezügliche Selbstzitation und Steigerung erzeugt. Schon früher hat Brentano Schwanenlied-, Rosen- und Sternmotive lyrisch verarbeitet; in der Werksübersicht stehen etwa ein eigenständiges „Schwanenlied“ (1811) und zahlreiche andere Stern- und Rosenstücke.([metricalizer.de][1]) Im „Kettenlied“ tauchen diese Motive nun nicht nur isoliert, sondern explizit als Vergleichsbilder auf („Wie ein Schwanenlied im Tode“), so dass der Text die eigene frühere Bildwelt gleichsam mitreflektiert und unter das Leitmotiv des Untergangs stellt. Im Horizont des Gesamtwerks wirkt er daher wie eine späte, fast resümierende Selbstkommentar-Lyrik: Die früheren, oft spielerischeren romantischen Motive werden noch einmal aufgerufen, aber in einen strengen Buß- und Hingabeduktus hineingezwungen.

Epochenmäßig reagiert das Gedicht sehr deutlich auf die Spannungen zwischen frühromantischer Subjektentfaltung und restaurationszeitlicher katholischer Erneuerung. Auf der einen Seite steht ein radikal subjektives Ich, das sein eigenes Schicksal in extremen Bildern von Einsamkeit, Liebesabhängigkeit und Todesbereitschaft ausspricht – ganz im Geist einer Romantik, die das Individuum mit seinen innersten Affekten zum eigentlichen Schauplatz der Wahrheit macht. Auf der anderen Seite wird dieses Ich in eine Frömmigkeitssprache eingebunden, die es an Buße, Gelöbnis, Unterwerfung und stellvertretendes Leiden bindet. Gerade die Kettenform, die litaneiartigen Wiederholungen und der Rosenkranz-Charakter der Bildfolge machen deutlich, wie stark der Text im katholischen Ritusdenken des 19. Jahrhunderts steht: Er wirkt wie ein persönliches, radikal subjektiviertes Andachtsstück, das die Form von Volks- und Kirchenlied aufgreift und zugleich übersteigert.([Internet Archive][2])

In der Wirkungsgeschichte des Gesamtwerks nimmt das Gedicht damit die Stellung eines extremen Beispiels für Brentanos späte „Passionsästhetik“ ein. Es zeigt, wie weit sein Schreiben sich von den eher spielerisch-phantastischen, humorvollen und gesellig-romantischen Anfangsformen entfernt hat und in eine Zone der innerlich durchlittenen, zugleich aber poetisch hochartifizielle Frömmigkeit vorgedrungen ist. Dass diese Frömmigkeit sich an eine konkrete Frauengestalt bindet, die biographisch und namentlich greifbar ist, verstärkt den Eindruck einer eigentümlichen Verschmelzung von Privatem und Überpersönlichem: Das Gedicht wirkt im Horizont von Epoche und Werk wie eine späte, fast beunruhigende Grenzfigur – ein Liebeslied, das sich wie ein geistliches Kettengebet spricht, und eine geistliche Andacht, die an der Zerreißgrenze romantischer Ich-Subjektivität geführt wird.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

1. Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Hinter der Gestaltung des Gedichts steht eine ästhetische Idee, die man – in zugespitzter Kurzform – als poetische „Ketten- und Rosenkranzästhetik der Leidenschaft“ beschreiben könnte: Die Form soll nicht bloß ein Gefäß für Gefühle sein, sondern den inneren Zustand des Ich – seine Fesselung an das Du, seine kreisende Buß- und Liebesbewegung, seine anhaltende Grenzerfahrung – selbst in Rhythmus, Struktur und Bildführung vollziehen. Das Gedicht will nicht über Bindung und Schmerz reden, sondern Bindung und Schmerz formal nachbilden.

Ein erster Kern dieser ästhetischen Idee ist die Verbindung von äußerster Einfachheit der Oberfläche mit extremer innerer Verdichtung. Die liedhafte, scheinbar volkstümliche Form – kurze, vierhebige Verse, klare Syntax, eingängige Refrainformeln, Kettenbau der Strophen – wirkt auf den ersten Blick schlicht, beinahe naiv. Man könnte das Gedicht ohne Weiteres singen, man könnte es sich als Volkslied vorstellen. Diese Schlichtheit ist aber bewusst gewählt, um emporzutragen, was im Inneren höchst komplex, überladen, kaum noch zu fassen ist: ein existentiell aufgeladener Liebes-, Schuld- und Bußzustand. Ästhetisch liegt hier die Idee zugrunde, dass große, schwer zu fassende Innerlichkeit sich am überzeugendsten zeigt, wenn sie sich in eine einfache, „arm“ wirkende Form einschreibt. Die radikale Innerlichkeit des romantischen Ich wird nicht in komplizierte Kunstformen gesteckt, sondern in eine bewusst dem Volkslied angenäherte, litaneiartige Struktur, die gerade dadurch den Ernst des Gesagten „erdet“.

Damit hängt unmittelbar der zweite Kern zusammen: Die Form als performative Kette. Das Gedicht heißt nicht zufällig „Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde“. Die Kette ist nicht nur Thema (Sklave an der Kette), sondern Prinzip der Gestaltung. Jeder Refrain, jede Wiederaufnahme einer Reim- oder Bildformel ist eine neue Gliedung der Kette. Die ästhetische Idee lautet: Was innerlich als Fesselung an das Du, als Unentrinnbarkeit der Liebe erlebt wird, soll formal als Unentrinnbarkeit von Refrain, Reimfamilie, Kettenvers, Wiederholung spürbar werden. Deshalb bleibt der Text so lange an den Formeln „Einsam will ich untergehen“ und „den Stern, den ich gesehen“ hängen; deshalb muss das letzte Wort einer Strophe immer wieder den Anfang der nächsten bilden. Das Gedicht bindet sich selbst an seine Worte wie der Sprecher an die Geliebte. Ästhetisch entsteht so eine Art Selbstbindung des Textes: Er darf nicht frei ausschweifen, sondern muss beständig an der eigenen Kette entlanglaufen.

Drittens zielt die Gestaltung auf eine rosengekrönte Passionseinheit von Erotik und Frömmigkeit. Die Bildwahl – Herz, Wunde, Kranz von Schmerzen, Dornen, Rose, Lilie, Schoß, Stern, Herzensgrund – ist offensichtlich nicht zufällig angehäuft, sondern einem Programm verpflichtet: Die Grenzen zwischen Liebesmetaphorik, Passionssprache und marianischer Bildwelt sollen bewusst verschwimmen. Die gleiche Rose ist Liebesblume und Passionssymbol, der gleiche Kranz ist Kranz von Schmerzen und Rosenkranz, die gleiche Lilie ist Geliebte und Heiligenfigur. Ästhetisch heißt das: Das Gedicht will eine Bildzone schaffen, in der erotisches Begehren und religiöse Buß- und Heilssehnsucht nicht auseinanderfallen, sondern ineinander übergehen, ohne dass eines als „bloßes Bild“ entwertet wird. Die Idee ist eine Art „Doppelcodierung“ der Bilder: alles Weltliche ist zugleich geistlich, jede körperliche Nähe zugleich seelisch-mystisch. Der Text gestaltet damit eine Ästhetik der Überblendung – nicht des nüchternen Allegorisierens, sondern des dichten Ineinander von Eros, Passion und Kult.

Viertens ist die sprachliche Gestaltung deutlich von der Idee getragen, affektive Extremität nicht durch Schreien, sondern durch Ritualisierung darzustellen. Die unaufhörlichen Wiederholungen, die Reihung der „Wie…“-Vergleiche, die ausgedehnten Klangfelder und Reimfamilien lassen das Gedicht wie eine Litanei, einen Rosenkranz, ein Kettengebet erscheinen. Ästhetisch ist das keine bloße Formspielerei, sondern Antwort auf einen inneren Befund: Ein Bewusstsein, das von Affekt überflutet ist, kann seine Lage nur noch im Modus des ritualisierten Sprechens bewältigen. Das Gedicht inszeniert sich als solches Selbstritual: Durch Wiederholung beruhigt sich der Affekt und steigert sich zugleich. Die ästhetische Idee besteht darin, die Bewegung des Gebets – kreisend, repetitiv, gleichförmig und doch innerlich wachsend – auf ein Liebesdrama anzuwenden. Statt eines dramatischen, sich entwickelnden Plots gibt es ein meditierendes, beständig kreisendes Sprechen: Ästhetik als Gebets- und Bußbewegung.

Fünftens steht hinter der Gestaltung die Idee einer „Übersteigerungs-Ästhetik“, die bewusst auf jede ironische Entlastung verzichtet. Die Metaphern sind oft extrem (Sklave an der Kette, Kind, das stirbt ehe geboren, Herz, das „in der Mitte“ bricht, letzte sterbende Rose), die Formeln absolut („Einsam will ich untergehen“), die Passionsterminologie dicht. Ein anderes Gedicht könnte dieselben Motive ironisch brechen, sich der eigenen Pathetik bewusst erzählen. Brentano verzichtet hier darauf. Ästhetisch ist das eine bewusste Entscheidung: die gesteigerte Liebes- und Leidensrede soll ernst genommen, nicht relativiert werden. Das Gedicht setzt darauf, dass die Überfülle der Bilder, Klänge und Wiederholungen nicht in Kitsch kippt, sondern in eine eigene, ernsthafte Intensität umschlägt. Die Gestaltung will einen Punkt erreichen, an dem die Häufung der Motive nicht mehr bloß „viel“ ist, sondern als Totalität eines inneren Zustandes wirkt – eine Ästhetik des „Durchhaltens“ des Pathos, statt seines Abbaus.

Sechstens ist in der Konstruktion des Schlusses eine ästhetische Idee erkennbar, die man als Bewegung von der mechanischen Kette zur frei fließenden Passionsrede beschreiben kann. Im langen ersten Teil hält sich der Text streng an die Form des Kettenliedes; gegen Ende hin löst er diese Struktur auf, die Refrainformel verschwindet, die Bilder staunen sich dichter, die Syntax wird freier, die Anrufungen direkter, der Imperativ häufiger. Ästhetisch liegt hier der Gedanke zugrunde, dass eine existentiell zugespitzte Erfahrung (Jahresbilanz, Herzbruch, Aufscheinen von „Untergehen, auferstehen“) eine andere Sprachform verlangt: Die mechanische Kette wird in eine Art freies, gleichwohl hochritualisiertes Schlussgebet überführt. Die Form „erzählt“: Was zunächst Zwangsform war, wird am Ende durch den Ernst der Stunde ins Freiere, Dichteste hinübergetrieben. Die ästhetische Idee ist also dynamisch: Form ist nicht starr, sondern bewegt sich mit – von der starren Kette zum freien, aber noch immer rhythmisierte Schlussstrom.

Schließlich lässt sich hinter alledem eine poetologisch-theologische Grundidee erkennen: Sprache soll Ort innerer Buße und zugleich Ort eines vorweggenommenen Heils sein. Das Gedicht ist nicht nur Darstellung, sondern Praxis: Im Sprechen – in der Kette der Bilder, im Kranz der Reime, im anhaltenden Refrain – vollzieht sich das, wovon geredet wird: Buße, Hingabe, Fesselung, Loslassen. Die Ästhetik ist nicht neutral, sondern partizipierend: Der Leser wird in diesen monoton-klingenden, sich steigernden Sprachstrom hineingezogen wie in eine Gebetsform, die den inneren Zustand mitvollziehen lässt. Poetisch und theologisch gedacht: Kunst ist hier eine Weise, das Leiden so zu formen, dass es tragbar und deutbar wird, ohne verharmlost zu werden. Die Gestaltung will, dass im ästhetischen Vollzug – im Mitgehen der Form – bereits etwas von jener inneren „Seligkeit im Sterben“ erfahrbar wird, die im Bild der letzten Rose im Schoß der Geliebten symbolisch steht.

Zusammengefasst: Die ästhetische Idee ist, eine extrem subjektive Liebes- und Bußerfahrung in eine Form zu bannen, die zugleich einfach, gebetsartig, kettenhaft zwingend und symbolisch übervoll ist. Das Gedicht versteht seine eigene Gestaltung als Entsprechung zu dem, was es thematisiert: an die Liebe gefesselt sein, heißt in einer Kette von Worten sprechen; im Modus von Rosenkranz, Litanei und Kettenlied wird die Passion des Ich poetisch vollzogen.

2. Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache fungiert in diesem Gedicht nicht primär als neutrales Abbild-Instrument, sondern vor allem als Vollzug: Sie gestaltet, bindet, steigert und ordnet die innere Wirklichkeit des Ich – und macht sie überhaupt erst in der Form sichtbar, die das Gedicht zeigt. Abbildhaft ist sie nur auf einer vordersten Ebene, insofern sie Zustände benennt („einsam“, „untergehen“, „Kranz von Schmerzen“) und Bilder entwirft; entscheidend ist aber, dass diese Benennungen performativen Charakter haben: Was gesagt wird, geschieht im Sagen, wird im Sagen befestigt oder erst hervorgebracht.

Das zeigt sich besonders deutlich an den wiederkehrenden Gelöbnisformeln: „Einsam will ich untergehen“ ist nicht nur Beschreibung einer Stimmung, sondern eine sich ständig erneuernde Selbstverpflichtung. Das Ich „macht“ sich in der Sprache zumjenigen, der untergehen will, wenn der Stern sich abwendet. Die bedingten Satzgefüge („Wird / Wenn / Sollt’ / Kehrt / Geht der Stern, den ich gesehen, … will ich einsam untergehen“) arbeiten wie eine innere Gelübdestruktur: Die Sprache entwirft nicht einfach ein Gedankenexperiment, sie knüpft im Modus des Versprechens und Schwörens das eigene Schicksal an ein bestimmtes Verhalten des Sterns. In diesem Sinn schafft die Sprache eine Realität, die es vorher so nicht gab: Erst dadurch, dass das Ich sich wieder und wieder auf diese Formeln festlegt, „existiert“ die radikale Bedingtheit seines Lebens wirklich als bindende Ordnung seines Selbstverständnisses.

Ähnliches gilt für die Bildwelt. Die Vergleiche („wie ein Pilger in der Wüste“, „wie ein Bettler auf der Heide“, „wie ein Sklave an der Kette“, später „wie mein Herz in deinem Herzen“, „wie die Träne dir im Busen“, „wie ein Kind stirbt, eh geboren“) sind nicht bloß Illustrationen eines schon fertigen Innenzustands, sondern Schritte einer fortschreitenden Selbstfiguration. Indem das Ich sich mit Pilger, Bettler, Sklave, Kind, Märtyrer der Liebe identifiziert, konstruiert es sich selbst in diesen Figuren. Die Sprache erfindet eine mythologisch und theologisch gesättigte Gestalt, in der das Ich sein Erleben „unterbringt“ – und diese Gestalt wird durch die Kettenstruktur immer fester: Das letzte Bild trägt das nächste, der Kranz von Metaphern „erbaut“, ähnlich wie der „Kranz von Schmerzen“ im Herzen, eine neue, symbolisch dichte Realität. Sprache bildet das Leiden nicht nur ab, sie verbaut es zu einem Sinngebilde, das dann als Kranz, Rosenzaun, Wundengefüge wirklich „da ist“.

Auf der zeitlichen Ebene wirkt Sprache ebenfalls schöpferisch. „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen / Einen dichten Kranz von Schmerzen / All erblüht in meinem Herzen“ – hier wird das vergangene Jahr durch die sprachliche Bilanz überhaupt erst als „Bußjahr“ definiert. Unzählige Einzelereignisse, diffuse Affekte, nicht benannte Erlebnisse werden in ein einziges Deutungsbild gegossen. Dasselbe geschieht mit der „zwölften Stunde“: Erst dadurch, dass sie im Ruf „Untergehen, auferstehen / Stern der Lieb’ – jetzt schlägt die Stunde!“ sprachlich markiert wird, erhält sie den Charakter eines Kairos, einer Entscheidungs- und Gerichtsstunde. Sprache ordnet die Zeit retrospektiv und prospektiv und erschafft dadurch eine existentielle Dramaturgie, in der das Subjekt sich verortet. Das Gedicht zeigt nicht nur, was ohnehin geschah, sondern schafft im Akt des Sprechens eine bestimmte, hoch aufgeladene Zeitgestalt.

Eine besonders starke Vollzugsdimension liegt in der litaneiartigen Form selbst. Die Wiederholungen, Klangfelder und Kettenreime machen aus der Rede ein sprachliches Ritual: Wer das Gedicht spricht oder innerlich mitvollzieht, „betet“ gewissermaßen mit. In dieser Ritualform wird der innerste Zustand nicht nur erzählt, sondern immer neu eingeübt, befestigt, durchlitten. Die Sprache ist hier Praxis – Bußpraxis, Liebespraxis –, nicht bloß Beschreibung einer Praxis. Wenn das Ich sagt, es habe einen „Kranz von Schmerzen“ im Herzen „erbaut“ und „betaut von heißen Tränen“, dann ist genau dieses „Erbauen“ im breiten, repetitiven Sprechen schon enthalten: Der Kranz ist nicht nur innerer, wortloser Schmerz, sondern ein Sprachgewebe, das sich nach und nach um das Herz legt. Die dichterische Sprache ist das Instrument, mit dem dieser Kranz geknüpft wird.

Schließlich wirkt die Sprache auch in theologischer Hinsicht schöpferisch. Indem sie Liebes-, Buß- und Passionsbilder überblendet, erzeugt sie einen geistlichen Horizont, der nicht einfach „dahinter“ liegt, sondern im Gestus des Sprechens entsteht. „Stern der Lieb’“, „Herzensgrund“, „Wund’ an Wunde“, „selig starb die letzte Rose“ – das sind keine neutralen Bezeichnungen, sondern Verdichtungen, in denen sich das persönliche Liebesdrama mit einer Heilssemantik verbindet. Die Sprache „macht“ aus der Geliebten eine quasi-heilige Figur, aus dem eigenen Leiden einen stellvertretenden Liebesdienst, aus der Jahreswende eine kleine Passion- und Auferstehungsszene. Poetologisch-theologisch gesehen ist Sprache hier nicht nur Medium der Mitteilung, sondern Ort eines vorgreifenden, innerlich inszenierten Heils: Sie vollzieht das, was sie sagt, im Modus eines inneren Ritus. Abbildend ist sie nur insofern, als sie diesen Vollzug rückwirkend sichtbar macht.

3. Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Das Gedicht legt am Ende eine sehr zugespitzte Aussage darüber nahe, was Sprache im Verhältnis zu Gefühl und Dichtung sein kann: Nicht Spiegel eines schon fertigen Inneren, sondern jener Ort, an dem Gefühl sich überhaupt erst in eine tragbare, deutbare und „heilbare“ Gestalt bringt. Die litaneiartige Kettenform, die unermüdliche Wiederholung derselben Schwurformeln und Symbolworte, der „Kranz“ von Metaphern und Reimen – all das zeigt: Das rohe, chaotische Affektgeschehen des Ich wird nicht einfach erzählt, sondern in Sprache hineingezwungen, ja hineingearbeitet. Die Sprache ist das Werkzeug, mit dem aus unbestimmtem Liebesschmerz eine bestimmte Figur entsteht: der Sklave der Liebe, der Büßer mit dem Schmerzenskranz, der liebende Märtyrer, die „letzte Rose“ im Schoß der Geliebten. Sprache bildet Gefühl nicht ab, sie modelliert es, indem sie es an Formen, Bilder, Klangfelder bindet.

Damit verbindet das Gedicht eine doppelte, fast paradoxe Einsicht in das Verhältnis von Gefühl und Form. Einerseits erscheint das Gefühl als unbedingte, nicht relativierte Instanz: Es wird in keiner Zeile ironisiert, gebrochen, „vernünftig“ heruntergekühlt. Die Dichtung arbeitet nicht daran, den Affekt zu entschärfen, sondern ihn in seiner Extremität zu halten. Andererseits zeigt sich genau in dieser radikal ernst genommenen Form, dass Gefühl ohne Form zerstörerisch wäre: Das Ich droht an seiner Liebespassion zu zerfallen – und doch gewinnt es in der Kettenform, im Bildkranz, in der litaneiartigen Rede eine Art inneren Halt. Dichtung ist hier die Kunst, ein Gefühl nicht zu zähmen, sondern so zu fassen, dass es nicht einfach zerreißt, sondern eine Gestalt erhält, an der es sich selbst erkennen kann. Der Preis ist hoch: Die Form fixiert auch den Zwang, die Obsession, die Selbstvernichtungsbereitschaft. Aber ohne diese Form wäre der Affekt namenloser, stummer Druck. Das Gedicht legt damit nahe: Gefühl braucht Form – nicht um harmloser zu werden, sondern um überhaupt als menschliche Erfahrung erkennbar und ausdeutbar zu sein.

Poetologisch und theologisch zugespitzt lässt sich sagen: Dichtung erscheint hier als eine Art innerer Kult, als ein sprachlicher Rosenkranz der Leidenschaft, in dem Sprache zugleich Buße, Opfer und Deutung vollzieht. Indem sie Liebesbilder, Passionsmotive und marianisch-heilige Symbolik überblendet, zeigt sie, dass die tiefsten Affekte des Menschen (Liebe, Schuld, Todesangst, Sehnsucht nach Aufgehobensein) nur angemessen zur Sprache kommen, wenn sie an große, überpersönliche Bildräume anschließen: Stern, Herz, Wunde, Rose, Dornen, Jahr und Stunde. Dichtung wird damit zum Ort, an dem individuelle Gefühlsgeschichte und große Heilsgeschichte ineinander gespiegelt werden – nicht, indem das Gedicht predigt, sondern indem es das eigene Liebesdrama so erzählt, als sei es eine kleine Passion. Die letzte Geste – der „Kranz von Schmerzen“, „demütig“ zu Füßen der Geliebten gelegt, die „selig“ sterbende „letzte Rose“ im Schoß – macht deutlich: Sprache kann Leid nicht aufheben, aber sie kann es so gestalten, dass es Sinnkontur gewinnt. Die finale Aussage des Gedichts lautet darum nicht: Sprache tröstet einfach – sondern: Sprache ist die einzige „Liturgie“, in der ein radikal affektbestimmtes Ich seine Liebe, seine Schuld, seinen Untergang und seinen möglichen „Auferstehungs“-Horizont so vollziehen kann, dass aus bloß erlittenem Schmerz eine gestalthafte Wahrheit wird. Dichtung ist in dieser Perspektive die extremste, aber auch menschlich notwendigste Form, Gefühl zu tragen.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Strophe 1

Vers 1: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: Der Sprecher erklärt im einfachen, aber eindringlichen Futursatz „Einsam will ich untergehen“ seinen Entschluss, eines Tages allein zugrunde zu gehen. Die Aussage steht ohne nähere Begründung oder Bedingung zunächst absolut im Raum und betont in der Stellung am Versanfang das Wort „Einsam“ als Schlüsselbegriff.

Analyse: Die Wortstellung mit dem vorangestellten Adverb „Einsam“ gibt dem Vers den Charakter eines Programmsatzes: Zuerst wird der Modus des Untergangs festgelegt, erst dann folgt das Verb und das Ich. Das Futur „will ich“ ist weniger nüchterne Zukunft, als vielmehr Willens- und Gelöbnisform; der Sprecher bindet sich an ein vorgestelltes Ende. Zugleich legt der Vers den zentralen Refrainkern des Gedichts frei: „einsam“ und „untergehen“ bilden ein Klang- und Motivpaar, das sich strophenübergreifend wiederholen wird.

Interpretation: Der Vers formuliert das Grundgelöbnis der ganzen Dichtung: Das Ich definiert sein eigenes Ende als bewusst gewählte Einsamkeit. Es zieht sich aus jeder Form von gemeinschaftlicher Trauer, Öffentlichkeit oder Zeugenhaftigkeit zurück und erklärt den Untergang zu einer radikal individuellen, ja intimen Angelegenheit. Damit ist bereits angezeigt, dass hier ein Mensch spricht, der sich in seinem Schmerz und seiner Liebe so vereinzelt erlebt, dass er im letzten Moment niemanden mehr an seinem Schicksal teilhaben lassen will – eine erste, schroffe Setzung maximaler Innerlichkeit.

Vers 2: Keiner soll mein Ende wissen

Beschreibung: „Keiner soll mein Ende wissen“ ergänzt die erste Aussage um eine zweite Bestimmung: Nicht nur will der Sprecher einsam untergehen, niemand soll außerdem von seinem Ende erfahren. Das Ich entzieht sein Sterben bewusst dem Wissen anderer.

Analyse: Der indefinite Pronomen „Keiner“ radikalisiert die Einsamkeit: Es bleibt nicht unbestimmt „wenige“ oder „nur du“, sondern ausdrücklich niemand. Das Modalverb „soll“ gibt dem Satz normativen Charakter; es handelt sich nicht um eine Prognose, sondern um einen inneren Befehl. Semantisch verknüpft sich die Einsamkeit des Untergangs aus Vers 1 nun mit der Verweigerung von Öffentlichkeit: Ende und Wissen werden auseinandergezogen, das Wissen wird als etwas Gefährdendes, Eindringliches empfunden.

Interpretation: Das Ich beansprucht sein Ende als unteilbaren Besitz: Sterben ist hier etwas, das niemandem „gehört“ außer ihm selbst. Darin liegt ein eigentümlicher Stolz und eine Art trotziges Sich-Entziehen: Die Welt, die das innere Drama des Ich offenbar nicht versteht oder nicht tragen kann, soll auch den letzten Akt nicht „mitbekommen“. Zugleich deutet der Vers an, dass das, was das Ich bewegt, in keiner kommunikativen Form wirklich aufgehoben werden kann; das Ende bleibt ein Geheimnis, das sich auch dem nächsten Menschen und der Gemeinschaft entzieht.

Vers 3: Wird der Stern, den ich gesehen,

Beschreibung: Mit „Wird der Stern, den ich gesehen,“ setzt der Sprecher eine Bedingung: Er ruft einen „Stern“ ins Spiel, den er selbst gesehen hat, und eröffnet damit einen Konditionalsatz, dessen Konsequenz noch aussteht. Der Stern wird als konkrete, erinnerte Erscheinung markiert („den ich gesehen“).

Analyse: Grammatisch eröffnet der Vers einen protaktischen Wenn-Satz, der in Vers 4 weitergeführt wird. Wichtig ist der Relativsatz „den ich gesehen“, der den Stern als persönliche Erfahrung trägt: Es handelt sich nicht um einen abstrakten Stern, sondern um denjenigen, der in der Lebensgeschichte des Ich „gesehen“ wurde. Mit der Zukunftsform „Wird der Stern …“ entsteht eine hypothetische Spannung: Die Möglichkeit einer bevorstehenden Veränderung (oder Katastrophe) wird in den Raum gestellt. Der Stern bekommt damit schon hier die Funktion eines Schicksalsträgers.

Interpretation: Der Stern ist im Kontext des Gedichts die chiffrierte Gestalt der Geliebten, der Lebens- und Liebesinstanz, an die das Ich sein Schicksal bindet. Dass er „gesehen“ wurde, verweist auf eine prägende, vielleicht visionäre Begegnung: Dieser Stern ist zur innersten Referenz des Lebens geworden. Mit dem „Wird“ deutet das Ich an, dass dieses Zentrum nicht selbstverständlich gesichert ist; sein ganzes weiteres Schicksal wird von dem abhängen, was mit diesem Stern geschieht. Damit treten Liebe und Schicksal bereits in eine enge Koppelung.

Vers 4: Von dem Himmel mir gerissen,

Beschreibung: „Von dem Himmel mir gerissen,“ führt die begonnene Bedingung aus: Der Stern könnte dem Sprecher „vom Himmel“ weggerissen werden. Der Vers beschreibt eine gewaltsame Trennung des Sterns von seinem Ort und implizit vom Ich, das darin betroffen ist.

Analyse: Der Passivausdruck „vom Himmel mir gerissen“ unterstreicht den Charakter eines Eingriffs von außen: Der Sprecher selbst handelt nicht, sondern erlebt, dass etwas ihm Widerfahrendes geschieht. Der Dativ „mir“ markiert das Ich als Leidtragenden dieses Vorgangs: Es ist nicht nur objektiv ein Stern weniger am Himmel, sondern subjektiv ein Verlust, der „mir“ geschieht. „Himmel“ ist semantisch doppelt codiert: als physischer Sternenhimmel und als Ort des Höheren, Heiligen, Übergeordneten. Die Kombination von Himmel und „gerissen“ erzeugt ein hartes Bild von Sakrileg und gewaltsamer Entziehung.

Interpretation: Hier wird die existenzielle Bedrohung konkret: Das Ich stellt sich vor, dass die Geliebte, der Stern, aus der Sphäre, in der es sie aufgehoben glaubt, herausgerissen werden könnte. Das kann biographisch Verlust, Trennung oder Tod meinen, symbolisch aber auch das Ende der heilsamen, orientierenden Funktion dieses Sterns. Der Eingriff ist radikal: Was am Himmel leuchtet, wird heruntergerissen – die Ordnung der Welt wird verletzt. Für das Ich bedeutet dies: Die eine Instanz, an der es sein Leben aufgehängt hat, könnte ihm ohne eigenes Zutun entzogen werden. Damit ist der Anlass seiner Untergangsbereitschaft benannt.

Vers 5: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt, leicht variiert im Satzbau, den Ausgangsvers. Auf die bedingte Entziehung des Sterns folgt nun als Konsequenz erneut der Entschluss zum einsamen Untergang.

Analyse: Die Wiederaufnahme des fast identischen Verses erzeugt die Ketten- und Refrainwirkung, die das ganze Gedicht prägt. Diesmal steht nicht „Einsam will ich untergehen“, sondern „Will ich einsam untergehen“; die geringfügige Umstellung verschiebt die Betonung vom Adverb zum Willensakt, ohne den Sinn zu verändern. Formal schließt der Vers die Bedingung aus Vers 3–4 ab: Die hypothetische Katastrophe (Sternverlust) findet im wiederholten Untergangsgelöbnis ihre sprachliche Antwort. Inhaltlich verschweißt sich so der Verlust des Sterns mit der einsamen Vernichtung des Ich.

Interpretation: Die Wiederholung macht klar, dass der Untergangswille des Ich nicht bloße Stimmung ist, sondern an eine ganz bestimmte Bedingung geknüpft ist: den Verlust des Sterns. Damit gewinnt der zuvor „absolute“ Satz aus Vers 1 seine konkrete Motivierung: Das Ich ist nur bereit, weiterzuleben, solange der Stern am Himmel bleibt; wird er ihm entzogen, so soll sein eigener Untergang folgen. Das Gelöbnis erhält eine innere Logik: Liebesverlust = Lebensverlust. Die Sprache bindet so Gefühl und Schicksal in einer radikal konditionalen Struktur aneinander.

Vers 6: Wie ein Pilger in der Wüste.

Beschreibung: „Wie ein Pilger in der Wüste.“ ergänzt das Untergangsbild um einen Vergleich: Der Sprecher bestimmt sein einsames Untergehen durch das Bild eines Pilgers, der sich in der Wüste befindet. Die Wüste steht als karger, lebensfeindlicher Raum, der Pilger als einsamer Wanderer.

Analyse: Der Vergleich führt eine erste große Bildwelt ein, die in den folgenden Strophen weitergeführt wird: Die „Wie“-Formel macht aus dem abstrakten „Untergehen“ ein sinnlich-konkretes Szenario. „Pilger“ und „Wüste“ sind doppelt kodiert: religiös (Pilger als frommer Wanderer zur heiligen Stätte, Wüste als Ort der Prüfung, Gottesnähe, Versuchung) und existentiell (Heimatlosigkeit, Entbehrung, Ausgesetztsein). Die Stellung des Verses am Strophenende gibt dem Bild den Charakter eines Schlussakkords: Was in den vorherigen Versen abstrakt und konditional gesagt wurde, wird hier in einem starken Einzelbild konzentriert.

Interpretation: Der Vergleich deutet das Schicksal des Ich nicht nur als Untergang, sondern als Weg: Das Ich ist nicht einfach Opfer eines plötzlichen Sturzes, sondern gleicht einem Pilger, der in einer öden, lebensfeindlichen Landschaft geht, ohne sichtbaren Schutz, nur auf den fernen Stern angewiesen. Sollte dieser Stern gerissen werden, würde der Pilger in der Wüste buchstäblich verloren sein. Zugleich klingt im Pilgerbild bereits eine religiöse Dimension an: Der Untergang des Ich ist nicht bloßer physischer Tod, sondern eine Art geistlicher Weg durch eine „Wüste“ der Verlassenheit, in der die Frage nach Führung und Sinn aufbricht. Die Liebesgeschichte erhält damit eine erste Deutung als innerer Pilgerweg, auf dem das Ich seinen Stern braucht wie der Pilger seine Richtung, um nicht im Nichts zu verschwinden.

Gesamtdeutung der Strophe 1

Die erste Strophe entwirft in knapper, aber hoch konzentrierter Form das Grundprogramm des ganzen Gedichts: ein Ich, das sein Leben und Sterben kompromisslos an das Schicksal eines Sterns – der geliebten Person – bindet. Die beiden Anfangsverse stellen das Motiv der Einsamkeit und der Geheimhaltung voran: Das Ich will nicht nur allein untergehen, sondern sein Ende soll auch niemand wissen. Damit markiert die Strophe von der ersten Zeile an eine radikale Innerlichkeit, die sich der Welt entzieht; der Tod des Sprechers wird als etwas so Intimes, ja Unverstehbares empfunden, dass er außerhalb jeder menschlichen Gemeinschaft stattfinden soll. Die Dichtung beginnt mit einer doppelten Bewegung der Abkehr: weg von den anderen Menschen, hinein in das eigene, unteilbare Innerste.

Mit Vers 3 und 4 tritt dann das entscheidende Gegenmoment hinzu: der Stern. In der logischen Struktur der Bedingung („Wird der Stern … von dem Himmel mir gerissen“) wird klar, dass die zuvor scheinbar absolute Untergangsformel in Wahrheit konditional ist. Das Ich will nicht „einfach so“ sterben, sondern nur für den Fall, dass der Stern ihm entzogen wird. Der Stern ist dabei zugleich Himmelskörper, Schicksalszeichen und Chiffre der Geliebten; als „den ich gesehen“ ist er an eine konkrete Erfahrung gebunden, als „vom Himmel gerissen“ wird er in eine kosmische und religiöse Bildzone gestellt. Die Strophe kodiert damit schon die Doppelgestalt des Gegenübers: als biographische Person und als übergeordnete Heils- und Schicksalsinstanz. Der mögliche Verlust dieses Sterns erscheint als gewaltsamer Eingriff in die Ordnung des Himmels selbst – entsprechend absolut reagiert das Ich darauf.

Vers 5 nimmt dann die Anfangsformel auf und setzt sie an das Ende der Bedingung: „Will ich einsam untergehen“ ist nicht mehr unmotivierter Entschluss, sondern Antwort auf den Sternverlust. Dieser Rückgriff verschweißt Anfang und Mitte der Strophe zu einem Spannungsbogen: Von der „Einsamkeit“ des individuellen Endes hin zur kosmisch und biographisch aufgeladenen Bedrohung (Sternverlust) und zurück zum Gelöbnis des einsamen Untergangs. Der Refrainvers wird so zur inneren Klammer, die das Ich um sein eigenes Schicksal legt – und zugleich zur Formel, an der die Kettenstruktur der folgenden Strophen aufgehängt wird. Schon hier zeigt sich die ästhetische Grundidee: Wiederholung als Form der Selbstbindung.

Das Schlussbild des Pilgers in der Wüste schließlich bündelt die Strophe in einer großen, offenen Metapher. Es verlagert das Geschehen von der abstrakten Ebene (Untergang, Ende, Wissen) in ein anschauliches Szenario: ein einsamer Wanderer in einer feindlichen Landschaft, der auf seinen Stern angewiesen ist. Damit werden mehrere Deutungslinien zugleich vorbereitet: die existentielle (Mensch als Bedürftiger, Ausgesetzter), die religiöse (Pilgerweg, Wüste als Ort der Prüfung und Gotteserfahrung) und die amoröse (der Stern als Geliebte, deren Verlust den Weg sinnlos macht). Die Strophe zeigt so im Kleinen das, was im ganzen Gedicht groß ausgeführt wird: ein Mensch, der sein Sein als Pilgerschaft unter einem geliebten Stern versteht – und der beschlossen hat, im Moment des Sternverlusts allein, verborgen und innerlich gebunden an sein Gelöbnis, „unterzugehen“.

Strophe 2

Vers 7: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ wiederholt in leicht veränderter Position den Eröffnungsvers des Gedichts. Der Sprecher bekräftigt erneut seinen Vorsatz, einsam zugrunde zu gehen, jetzt aber im direkten Anschluss an das Bild der vorhergehenden Strophe.

Analyse: Inhaltlich entspricht der Vers 1, formal fungiert er hier ausdrücklich als Refrain und als Gelenk in der Kettenstruktur: Was zuvor programmatisch am Beginn stand, erscheint nun als Wiederaufnahme inmitten des Gedichts. Die Wortstellung bleibt identisch, der Vers fügt sich in das bereits etablierte metrische Muster (vierhebiger Liedvers) ein. Gerade durch die Wiederholung gewinnt die Formel zusätzliches Gewicht – sie wird hörbar zu einem Grundmotiv, an dem sich die innere Rede des Ich festmacht.

Interpretation: Der Vers zeigt, dass der Entschluss zum einsamen Untergang keine flüchtige Regung war, sondern zu einem inneren Mantra geworden ist. Das Ich kehrt sofort zu dieser Formel zurück, sobald es weiterredet; sie ist so etwas wie der feste Rahmen, in dem alle weiteren Gedanken sich bewegen. Psychisch sichtbar wird: Das Subjekt bindet sich bewusst an diesen Satz, es „übt“ ihn ein, um die eigene Bereitschaft zum Untergang einzuprägen. Die Wiederkehr verstärkt den Eindruck, dass das Ich seine Existenz tatsächlich nur noch im Horizont dieser einsamen Endgültigkeit denken kann.

Vers 8: Wie ein Pilger in der Wüste

Beschreibung: „Wie ein Pilger in der Wüste“ setzt einen Vergleich und knüpft explizit an das Schlussbild der vorangehenden Strophe an. Der Sprecher bestimmt sein einsames Untergehen als ein Untergehen „wie“ das eines Pilgers in der Wüste.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich das Bild aus Vers 6 und macht damit die Kettenform der Komposition sichtbar: Das letzte Bild der ersten Strophe wird zum Anfangsbild der zweiten. Inhaltlich bleibt der Vergleich unverändert, formal wird er nun direkt an den Refrainvers 7 gekoppelt. Der erste Zweizeiler der Strophe (7–8) bildet so eine feste Einheit: Untergang + Pilgerbild. Der Pilger in der Wüste wird zum Leitbild der existentiellen Lage des Ich, das sich in dieser Trostlosigkeit eingerichtet hat.

Interpretation: Dass das Bild ohne Variation wiederkehrt, zeigt seine zentrale Deutungsfunktion: Das Ich will sein ganzes Sterben, seine ganze Einsamkeit im Bild des Pilgers verstehen. Die Wüste steht für Gottesferne, Ausgesetztheit, Prüfung, aber auch für den Raum, in dem ein Stern überhaupt erst als Leitstern sichtbar wird. Indem der Vers erneut genau dieses Bild heranzieht, markiert er: Die Einsamkeit des Untergangs ist nicht nur sozial (ohne Menschen), sondern auch topographisch und geistlich – der Mensch in einer weiten, lebensfeindlichen Zone, mit einem einzigen Lichtpunkt als Orientierung. Das Bild bildet die Bühne, auf der der nun folgende „letzte Gruß“ des Sterns überhaupt erst dramatisch vorstellbar wird.

Vers 9: Wenn der Stern den ich gesehen

Beschreibung: „Wenn der Stern den ich gesehen“ eröffnet einen neuen Bedingungssatz. Der Sprecher nimmt den Stern, den er gesehen hat, wieder auf und formuliert nun eine „Wenn“-Konstruktion, deren Konsequenz noch aussteht.

Analyse: Anders als in Strophe 1 steht hier nun „Wenn“ statt „Wird“: Die Hypothese wird als Bedingung formuliert, weniger als futurisches Geschehen, das sich ereignen könnte. Wieder taucht der Relativsatz „den ich gesehen“ auf und verankert den Stern in einer biographischen, personalen Erfahrung. Der Vers bleibt syntaktisch offen und drängt satzsemantisch auf Fortsetzung (Vers 10). Formal wird der Stern erneut als Schlüsselwort in den Satz eingelassen, das die Kettenstruktur auch semantisch zusammenhält.

Interpretation: Durch das „Wenn“ rückt der Text näher an eine innerliche Selbstrede: Der Sprecher entwirft Bedingungen für sein eigenes Verhalten. Der Stern bleibt der gleiche – „den ich gesehen“ –, aber die Perspektive verschiebt sich: Nicht mehr der gewaltsame Verlust („gerissen“) steht im Vordergrund, sondern die Möglichkeit einer letzten, abschließenden Begegnung. Das Ich stellt sich vor, wie sein Stern sich zum letzten Mal an ihn wendet. Dadurch wird das Verhältnis noch persönlicher und dialogischer: Der Stern ist kein stummer Himmelskörper, sondern eine Instanz, die „grüßt“.

Vers 10: Mich zum letzten Male grüßte

Beschreibung: „Mich zum letzten Male grüßte“ führt die begonnene Bedingung aus: Gemeint ist der Fall, dass der Stern den Sprecher ein letztes Mal grüßt. Der Fokus liegt auf dem „letzten Mal“ und auf der persönlichen Adressierung („mich“).

Analyse: Das Verb „grüßte“ verlagert die Beziehung zum Stern in einen kommunikativen, beinahe zwischenmenschlichen Bereich. Der Stern „tut“ etwas an dem Ich: Er grüßt, wendet sich ihm zu, sendet ein Zeichen. Das Temporaladverbial „zum letzten Male“ verschärft die Szene dramatisch: Es ist nicht irgendein Gruß, sondern der definitive Schlussgruß. Das Perfekt oder Futur wird ausgespart, das Präteritum „grüßte“ in der Bedingung wirkt wie eine bereits imaginativ vollzogene Szene: Das Ich stellt sich ihren Abschluss plastisch vor.

Interpretation: Der Vers zeichnet einen Abschiedsmoment von hoher Intimität: Der Stern grüßt den Sprecher ein letztes Mal – es gibt noch ein freundliches Zeichen, bevor die Verbindung abreißt. Psychologisch steht hier eine bittersüße Konstellation: Das Ich imaginiert einen Abschied, der nicht durch Verrat oder plötzlichen Verlust geschieht, sondern durch ein letztes, gutes Zeichen, hinter dem aber das definitive Ende steht. Der Liebes- und Heilsstern würde also nicht brutal entschwinden, sondern sich noch einmal zärtlich zuwenden – gerade das macht den Schmerz so tief: Das Ich erfährt ein letztes Mal Gnade, um sie dann für immer zu verlieren. Der Vers legt nahe: Die Bedrohung liegt nicht nur im abrupten Verlust, sondern auch in der Vorstellung, dass selbst die schönste Nähe nur „bis zum letzten Mal“ dauert.

Vers 11: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt zum dritten Mal die Untergangsformel. Sie steht nun explizit als apodotischer Teil zum Bedingungssatz der Verse 9–10: Auf den letzten Gruß des Sterns folgt der einsame Untergang.

Analyse: Formal schließt der Vers den Wenn-Satz; inhaltlich verbindet er die Bedingung (letzter Gruß) mit der Konsequenz (Untergang) in derselben Formel wie zuvor. Durch die erneute Wiederholung innerhalb derselben Strophe wird die Gelübdeformel noch stärker als innere Obsession hörbar. Gleichzeitig ist die Stellung bemerkenswert: Der Vers „Will ich einsam untergehen“ steht nun zwischen zwei Vergleichen (Pilger – Vers 8, Bettler – Vers 12) und wirkt wie ein Gelenk, das die beiden Bilder zusammenhält.

Interpretation: Das Ich bestätigt erneut, dass es sein eigenes Leben strikt an den Stern bindet – diesmal aber in der Variation, dass sogar ein letzter Gruß, ein letztes Zuwenden, nicht als Trost, sondern als Auslöser des eigenen Untergangs begriffen wird. Es entscheidet sich nicht für einen Weitergang in der Erinnerung, sondern für ein Ende im Anschluss an den Abschluss der Beziehung. Die Sprache macht dadurch deutlich, wie absolut der Anspruch der Liebe geworden ist: Wenn der Stern nicht mehr dauerhaft leuchtet, sondern nur noch einmal grüßt, dann ist das Leben für das Ich gleichsam „ausgeleuchtet“. Der Untergang ist nicht Flucht, sondern die letzte logische Konsequenz einer totalisierten Bindung.

Vers 12: Wie ein Bettler auf der Heide.

Beschreibung: „Wie ein Bettler auf der Heide.“ setzt einen neuen Vergleich und ersetzt das Pilgerbild durch das Bild eines Bettlers, der sich auf einer Heide befindet. Der einsame Untergang wird jetzt als Untergehen „wie“ ein Bettler auf der Heide beschrieben.

Analyse: Der Vers führt die Bildkette fort und steigert zugleich die Figur des Bedürftigen. Die Heide ist, ähnlich wie die Wüste, ein offener, karger Raum, aber weniger religiös konnotiert; sie steht für Verlorenheit und Randzone. Der „Bettler“ ist noch stärker als der Pilger eine sozio-existentiell degradierte Figur: Er ist nicht nur unterwegs, sondern ausdrücklich angewiesen, arm, abhängig von Gaben anderer. Formal beschließt der Vers die Strophe wie zuvor das Pilgerbild; er fixiert das neue Bildfeld für die nächste Strophe, in der „Bettler auf der Heide“ weitergeführt werden wird.

Interpretation: Mit dem Bettlerbild verschiebt sich der Akzent: Der Mensch ist nicht mehr nur Pilger, der auf dem Weg zu einem Ziel ist, sondern jemand, der in seiner Bedürftigkeit ganz auf fremde Zuwendung angewiesen ist. In der Heide, einem Zwischenraum ohne Schutz und Zugehörigkeit, steht der Bettler allein da – niemand schuldet ihm etwas, alles ist Almosen. Für das Ich heißt das: Sollte der Stern nur noch ein letztes Mal grüßen und dann schweigen, bleibt es wie ein Bettler zurück, dem die Gaben entzogen werden. Es sieht sich dann nicht nur geistlich verlassen, sondern auch existentiell entwertet: ohne Ansehen, ohne Recht, ohne eigenen Besitz – ganz abhängig von einem Du, das nicht mehr gibt. Der Vergleich vertieft so das Bild radikaler Abhängigkeit und der existentiellen Armut, in die der Sternverlust das Ich stürzt.

Gesamtdeutung der Strophe 2

Die zweite Strophe schließt unmittelbar an die erste an und führt deren Grundmotiv weiter, verschiebt es aber zugleich in eine neue Nuance: Aus der abstrakten Drohung des Sternverlustes („vom Himmel mir gerissen“) wird jetzt ein imaginierter Abschiedsmoment („mich zum letzten Male grüßte“). Formell zeigt sich das Kettenprinzip deutlich: Vers 7 wiederholt wörtlich den Eröffnungsvers, Vers 8 übernimmt das Bild vom Pilger in der Wüste, das in Strophe 1 als Schlussbild stand. Damit entsteht ein geschlossener Bogen: Was zunächst als Ausblick formuliert war, wird nun zum Ausgangspunkt der nächsten Gedankenschleife. Die Form zwingt die Stimme gleichsam, an den gleichen Ausgangspunkt zurückzukehren – so, wie das Ich innerlich immer wieder zu seinem Untergangsgelöbnis zurückkehrt.

Inhaltlich bringt die Strophe eine wichtige Differenzierung des Verhältnisses zum Stern. Während in Strophe 1 die Katastrophe als brutal von außen herbeigeführter Verlust gedacht war („vom Himmel mir gerissen“), imaginiert Strophe 2 einen Abschied mit Rest von Zuwendung: „Wenn der Stern den ich gesehen / Mich zum letzten Male grüßte“. Der Stern bleibt freundlich, er grüßt; aber dieser Gruß wird als letzter, endgültiger markiert. Der Schrecken liegt nicht in einem plötzlichen, sinnlosen Bruch, sondern in der Vorstellung einer bewusst gesetzten, endgültigen Grenze: Es gibt noch einmal Nähe – und dann nie wieder. Die Liebe erscheint dadurch noch persönlicher, noch dialogischer, aber zugleich ist die Endgültigkeit des Abschieds schärfer konturiert.

Die Stellung des Refrains „Will ich einsam untergehen“ in Vers 11 verbindet diese Endgültigkeit des Sterngrußes mit der unbedingten Todesbereitschaft des Ich. Der Untergang wird nicht als Notfall beschrieben, sondern als bewusste Antwort: Wenn der Stern seine letzte Geste getan hat, wird das Ich seinerseits die Konsequenz ziehen. Die Strophe inszeniert so eine Art inneren Vertrag: Der Stern schenkt den letzten Gruß, das Ich schenkt als Gegenleistung seinen Untergang. In dieser Konstellation verschränkt sich die Liebessprache mit einem fast kultischen Tauschgedanken: letzte Zuwendung dort – einsames Verschwinden hier.

Die Bildseite der Strophe lenkt die Deutung zugleich in eine spezifische anthropologische Richtung. Die erneute Betonung des Pilgerbildes (Vers 8) hält die Linie aus Strophe 1 aufrecht: Der Mensch ist Pilger in einer Wüste. Mit dem neuen Bettlerbild (Vers 12) tritt jedoch eine Steigerung der Bedürftigkeit und sozialen Prekarität hinzu. Der Bettler auf der Heide ist nicht nur unterwegs, sondern ohne eigenen Besitz und ohne gesichertes Ziel; er steht am Rand, abhängig von der Gunst anderer. Durch diese Bildfolge Pilger → Bettler wird der Mensch noch stärker als radikal abhängiges, exponiertes Wesen gezeichnet. Der einsame Untergang des Ich erhält damit eine doppelte Dimension: Er ist der Untergang eines Wanderers ohne Weg und eines Armen ohne Sicherung.

In der Gesamtbewegung der Strophe wird deutlich, dass das Gedicht seinen affektiven Kern weiter verdichtet: Die Bindung an den Stern wird nicht gelockert, sondern verschärft. Die Wiederholung des Refrains stärkt die Selbstbindung des Ich, der letzte Gruß verschärft die Tragik, und der Bettlervergleich verschärft die menschliche Bedürftigkeit. Zugleich bleibt der Ton von einer eigentümlichen Ruhe: Die Sprache schreit nicht, sie ordnet in klare, wiederkehrende Formen. So zeigt die Strophe, wie die dichterische Form das innere Drama aufnimmt: In der wiederholten Kette von Refrain, Bedingung und Bild wird der Schmerz nicht aufgelöst, aber in eine Ordnung gebracht, die ihn aussagbar und „tragbar“ macht. Die zweite Strophe vertieft damit die Grundkonstellation des Gedichts: Ein Mensch, der sich in seiner Liebe und Abhängigkeit so radikal an einen Stern bindet, dass er selbst den letzten Gruß dieses Sterns zum Signal für den eigenen, einsamen Untergang macht – als Pilger in der Wüste und als Bettler auf der Heide.

Strophe 3

Vers 13: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ wiederholt erneut, nun zum dritten Mal, die Grundformel des Gedichts. Der Sprecher bekräftigt wieder seinen Vorsatz, eines Tages einsam zugrunde zu gehen, und stellt diesen Satz an den Beginn der Strophe.

Analyse: Inhaltlich entspricht der Vers den Versen 1 und 7, formal fungiert er abermals als Refrain und Auftakt der neuen Kettengliederung. Die Identität der Formulierung („Einsam will ich untergehen“) lässt die Zeile endgültig als Leitmotiv erkennen: Sie ist der Fixpunkt, an dem sich jede neue Variation der Bedingung ausrichtet. Metrisch und syntaktisch schmiegt sich der Vers nahtlos in den vierhebigen Liedton ein, doch durch seine wiederholte exponierte Stellung gewinnt er programmatischen Charakter.

Interpretation: Dass der Vers unverändert wiederkehrt, zeigt, wie sehr der Entschluss des Ich inzwischen zur unverrückbaren inneren Setzung geworden ist. Das Ich denkt sich selbst im Modus dieses Satzes; es kehrt immer wieder zu ihm zurück, so als müsse es den eigenen Untergangswillen beständig erneuern, um ihn gegen mögliche innere Gegenbewegungen zu befestigen. Der Vers markiert damit auch den Grad der Obsession: Der Gedanke an den einsamen Untergang ist nicht mehr vorübergehende Affektspitze, sondern dauerndes Selbstprogramm.

Vers 14: Wie ein Bettler auf der Heide

Beschreibung: „Wie ein Bettler auf der Heide“ knüpft unmittelbar an das Schlussbild der zweiten Strophe an und setzt wieder den Vergleich: Das Ich bestimmt sein einsames Untergehen als ein Untergehen wie das eines Bettlers auf einer Heide.

Analyse: Der Vers wiederholt wortgleich das Bild aus Vers 12 und führt so das Kettenprinzip fort: Das Schlusswort der vorigen Strophe wird zum Auftaktbild der neuen. „Bettler“ und „Heide“ etablieren erneut die Figur des radikal Bedürftigen in einer offenen, randständigen Landschaft. Zusammen mit Vers 13 bildet dieser Vers den ersten Zweizeiler der Strophe: Refrain + Bild. Dadurch verschiebt sich das Zentrum vom Pilgerbild der ersten Strophenphase hin zur sozialen und existentiellen Armut des Bettlers.

Interpretation: Die erneute Verwendung des Bettlerbildes macht deutlich, dass das Ich sich nun nicht mehr primär als Pilger auf einem Weg, sondern als Arm-Gewordener am Rand der Welt begreift. Die Heide ist kein geheiligter Wegraum, sondern eine öde Fläche ohne Schutz, ohne klare Richtung. Der Bettler auf der Heide ist doppelt ausgesetzt: der Natur und der sozialen Kälte. So zeichnet der Vers eine Existenz, die restlos auf Zuwendung angewiesen ist und doch nichts einfordern kann. Das Ich nimmt diese Perspektive in sein Untergangsbild hinein: Fällt der Stern als Geber aus, bleibt es als Bettler in der Ödnis zurück.

Vers 15: Gibt der Stern den ich gesehen

Beschreibung: „Gibt der Stern den ich gesehen“ leitet erneut einen konditionalen Nebensatz ein. Im Zentrum steht wieder der Stern, den der Sprecher gesehen hat; nun wird nicht sein Verlust, sondern sein mögliches Nicht-geben thematisiert.

Analyse: Die einleitende Verb-Subjekt-Stellung („Gibt der Stern“) stellt eine wenn-dann-Struktur her, die im Deutschen häufig ohne ausdrücklich genanntes „wenn“ auskommt, aber dennoch konditional funktioniert. Wieder taucht der Relativsatz „den ich gesehen“ auf und bindet den Stern an die persönliche, erinnerte Erfahrung des Ich. Inhaltlich verschiebt sich die Perspektive leicht: Es wird nicht mehr gefragt, ob der Stern entfernt wird oder ein letztes Mal grüßt, sondern ob er „gibt“ – ob er dem Sprecher weiterhin etwas zukommen lässt.

Interpretation: Der Vers markiert eine neue Variante der Bedingung: Die Beziehung zum Stern wird nicht nur als Sein oder Nicht-Sein gedacht, sondern als ein Verhältnis von Schenken und Ausbleiben. Dass der Stern „gibt“, rückt ihn in die Rolle eines Begleiters, einer versorgenden Instanz. Der Zusatz „den ich gesehen“ hält fest, dass diese „Gabe“ nicht abstrakt ist, sondern im Leben des Ich konkret erfahren wurde. Im Hintergrund steht die Frage: Was geschieht, wenn diese erfahrbare Güte, dieses „Geben“ ausbleibt? Die Liebe wird so nicht nur als Gefühl, sondern als kontinuierlicher Akt des Begleitens verstanden.

Vers 16: Mir nicht ferner das Geleite

Beschreibung: „Mir nicht ferner das Geleite“ führt die Bedingung aus und benennt sie genauer: Der Stern könnte „mir nicht ferner das Geleite“ geben, also das Ich künftig nicht mehr geleiten. Es geht um ein Aufhören des Begleitens.

Analyse: Der Dativ „mir“ setzt das Ich erneut als Empfänger in den Mittelpunkt. „Nicht ferner“ meint: nicht mehr weiterhin, nicht länger; „Geleite“ bezeichnet Begleitung, Führung, Schutz auf einem Weg. Zusammen mit Vers 15 entsteht ein klarer Konditionalsinn: Falls der Stern dem Sprecher künftig nicht mehr als Wegbegleiter dient, tritt die Konsequenz in Kraft. Semantisch rückt damit der Stern noch deutlicher in die Rolle einer existentiellen Führungsinstanz, eines Leitsterns im buchstäblichen und übertragenen Sinn.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass die Katastrophe für das Ich nicht nur im punktuellen Verlust eines letzten Grußes liegt, sondern bereits dann eintritt, wenn das fortlaufende Geleitetwerden endet. Das Leben des Sprechers wird als Weg verstanden, auf dem der Stern Geleitschutz gibt: Orientierung, Schutz vor Verlorengehen, vielleicht auch moralische Richtung. Wenn der Stern diese Funktion einstellt, erlebt sich das Ich als verlassener Wanderer, als Bettler ohne Führer in der Heide. Die Bedingung verschiebt damit den Fokus von einem einmaligen Abschiedsmoment hin zur Frage nach der dauerhaften Führung: Nicht nur das Ende, sondern schon der Weg wird untragbar, wenn der Stern nicht mehr geleitet.

Vers 17: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ schließt die Bedingung ab und wiederholt zum vierten Mal die Untergangsformel. Wieder fungiert der Vers als apodotischer Teil zum vorhergehenden Konditionalsatz.

Analyse: Die identische Formulierung, diesmal unmittelbar nach der Geleitbedingung, verschmilzt erneut inneren Willensakt und äußeren Schicksalsfall. Formal wird die Kettenstruktur weiter bestätigt: Jeder neue, leicht variierte Bedrohungsmodus (gerissener Stern, letzter Gruß, ausbleibendes Geleit) mündet in denselben Refrain. Der Vers wirkt wie ein immergleiches Ergebnis einer immer neuen Rechnung; die Sprache fixiert das Ich an diese Konsequenz, egal wie die konkrete Variante des Sternverlustes aussieht.

Interpretation: Dass sich das Ich auch im Fall des ausbleibenden Geleits zu genau derselben Antwort entschließt, zeigt, wie total sein Abhängigkeitsverhältnis gedacht ist. Nicht nur der plötzliche Verlust des Sterns oder der letzte Gruß ist für es existenzvernichtend, sondern schon die Vorstellung, künftig ohne diese Führung weiterleben zu müssen. Untergang ist nicht nur die Reaktion auf einen dramatischen Bruch, sondern auf eine stille, vielleicht unauffällige Entziehung von Führung. Das Ich sieht sich außerstande, einen Weg ohne Sternenkonvoi weiterzugehen; es erklärt sein Leben nur im Modus des Geleitetwerdens für möglich.

Vers 18: Wie der Tag im Abendgrauen.

Beschreibung: „Wie der Tag im Abendgrauen.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich: Das einsame Untergehen wird nun mit dem Verlöschen eines Tages im „Abendgrauen“ verglichen.

Analyse: Das Bildfeld wechselt deutlich: Vom sozialen Randbild des Bettlers wird in eine kosmisch-zeitliche Metapher überführt. „Tag“ steht für Helligkeit, Tätigkeit, Leben; „Abendgrauen“ bezeichnet die Dämmerung, den Übergang vom Tag zur Nacht. Sprachlich ist „Abendgrauen“ doppeldeutig: Es meint sowohl das allmähliche Grauwerden des Himmels als auch – durch das Wort „Grauen“ – eine leise Färbung von Schaudern und Unheimlichkeit. Der Vergleich setzt auf eine weiche, prozesshafte Bewegung: Der Tag geht nicht schlagartig unter, sondern gleitet ins Grau.

Interpretation: Mit dem Bild vom Tag im Abendgrauen wird der Untergang des Ich nicht mehr als abruptes, gewaltsames Ende vorgestellt, sondern als allmähliches Versinken. Der Verlust des Geleits gleicht dem langsamen Erlöschen des Lichts: Die Konturen verschwimmen, Farben verfließen, die Welt wird grau. Zugleich schwingt im „Grauen“ eine Stimmung von Unheimlichkeit mit: Der Einbruch der Nacht ist nicht nur neutral, sondern trägt etwas Bedrohliches. Das Ich beschreibt seinen Untergang damit als ein stilles Hineingleiten ins Dunkel, dessen Ankunft doch von einem leisen Schaudern begleitet ist. Die Strophe gewinnt damit eine Tonlage, in der Müdigkeit, Erschöpfung und unheimliche Nachtanfahrt ineinander fallen.

Gesamtdeutung der Strophe 3

Die dritte Strophe setzt die Kettenstruktur konsequent fort, verschiebt aber noch einmal fein die Akzente im Verhältnis von Ich und Stern. Wieder werden Refrainvers und Vergleichsbild der vorherigen Strophe aufgenommen: „Einsam will ich untergehen / Wie ein Bettler auf der Heide“. Dadurch bestätigt sich die innere Logik des Gedichts: Was am Ende einer Strophe als Bild und Gelöbnis auftaucht, wird zum Startpunkt der nächsten Reflexionsschleife. Form und Inhalt bilden eine Kette, in der sich das Ich immer tiefer in sein eigenes Schwur- und Bildsystem verstrickt.

Neu ist der Charakter der Bedingung. Nach dem gewaltsamen Verlust des Sterns in Strophe 1 und dem letzten Gruß in Strophe 2 geht es jetzt um das Ausbleiben der Begleitung: „Gibt der Stern den ich gesehen / Mir nicht ferner das Geleite“. Der Stern wird stärker denn je als Wegführer, als Geleiter verstanden. Das Ich ist nicht nur emotional, sondern existentiell orientierungsabhängig: Sein Lebensweg ist nur vorstellbar, solange es geleitet wird. In dieser Variante verschiebt sich der Fokus vom punktuellen Abschied hin zur Dauerbeziehung: Bedrohlich ist nicht nur ein dramatischer Bruch, sondern bereits die Vorstellung, künftig nicht mehr begleitet zu werden. Das Ich knüpft seinen Untergang somit an einen Prozess: Wenn das Geleit endet, endet auch das Leben.

Durch die Wiederaufnahme des Bettlerbildes bleibt die soziale und existentiell-ökonomische Dimension der Bedürftigkeit präsent. Der Bettler auf der Heide ist das Sinnbild eines Wesens, das nichts hat als das, was ihm gegeben wird, und das in einem Zwischenraum lebt, in dem es keine eigenen Sicherheiten gibt. In Verbindung mit dem ausbleibenden „Geleit“ verschärft sich so das Bild des Menschen als radikal abhängiges Geschöpf: Ohne Führung, ohne Zuwendung, ohne „Gabe“ des Sterns bleibt ihm nur der einsame Untergang. Innerhalb der Bildfolge Pilger – Bettler wird der Mensch immer weniger als eigenständiger Wanderer und immer mehr als restlos Angewiesener gezeichnet.

Das Schlussbild vom „Tag im Abendgrauen“ bringt schließlich eine neue, zeitlich-kosmische Dimension in das Untergangsgeschehen. Es nimmt die Tagesmetaphorik von Leben und Licht auf und zeigt deren Ende im Modus der Dämmerung. Wichtig ist dabei die Sanftheit dieses Bildes: Der Untergang wird nicht in der Explosion eines Sonnenuntergangs oder im abrupten Erlöschen des Lichts dargestellt, sondern im allmählichen Grauwerden. Das passt zu der Bedingung: Nicht ein einziger dramatischer Schlag, sondern das Aussetzen eines Geleits lässt das Ich in einen Zustand gleiten, in dem es nur noch grau, unbestimmt, lebensarm weiterexistieren würde – und genau diesen Zustand will es nicht akzeptieren. Es entscheidet sich für den Untergang „wie der Tag im Abendgrauen“, also für ein Verschwinden, das gleichzeitig milde und unheimlich ist.

In der Gesamtbewegung des Gedichts markiert diese Strophe eine weitere Vertiefung der Abhängigkeit von der Geliebten. Die Beziehung wird nun explizit als Führungsgemeinschaft beschrieben; das Ich kann sich Leben ohne Sternengeleit nicht vorstellen. Die Form des Kettenliedes verstärkt diese innere Logik: Jeder neue Bedingungstypus – Entzug, letzter Gruß, Ende des Geleits – führt unweigerlich zurück zum selben Versprechen: „Einsam will ich untergehen.“ Die dritte Strophe zeigt, wie sehr Sprache hier nicht nur beschreibt, sondern bindet: In jedem Durchlauf der Kette schnürt sie die Verbindung zwischen Sternverlust und Untergang enger zusammen. Gleichzeitig öffnet das Bild des Abendgrauens den Horizont über das rein Private hinaus: Der Untergang des Ich erscheint als Teil eines größeren Rhythmus von Tag und Nacht, von Licht und Dunkel – ein Rhythmus, in dem der Mensch als Bettler und Pilger zugleich seine Grenze erreicht, wenn das leitende Licht verstummt.

Strophe 4

Vers 19: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ wiederholt erneut, nun zu Beginn der vierten Strophe, die zentrale Grundformel des Gedichts. Der Sprecher erklärt abermals seinen Entschluss, einsam zugrunde zu gehen, ohne an dieser Stelle eine neue Bedingung oder Begründung anzufügen.

Analyse: Der Vers entspricht wörtlich Vers 1 und Vers 13, steht aber jetzt unmittelbar nach dem Bild vom „Tag im Abendgrauen“, das aus der vorhergehenden Strophe herüberklingt. Als Auftakt der Strophe markiert er die feste Refrainfunktion: Die gesamte innere Rede hängt an dieser einen wiederkehrenden Formel. Metrisch bleibt der Vers im gleichmäßigen, vierhebigen Liedton, semantisch ist er zur unverrückbaren Grundkonstante geworden, auf die jede neue Variation der Stern-Konstellation zurückgeführt wird.

Interpretation: Die Wiederholung zeigt, wie sehr das Ich sich in seinem Untergangswillen festgebissen hat. Der Satz ist längst nicht mehr bloße Affektäußerung, sondern eine Art Grundgesetz, das der Sprecher sich selbst immer neu einschärft. Im Horizont des soeben beschworenen „Abendgrauens“ gewinnt die Formel zusätzlich eine zeitliche Färbung: Der einsame Untergang erscheint wie die konsequente Fortsetzung des allmählichen Verlöschens, das im Bild des Tages beschrieben wurde. Das Ich stellt sich noch einmal ausdrücklich in den Schatten dieser Dämmerung und bindet sich abermals an sein einsames Ende.

Vers 20: Wie der Tag im Abendgrauen

Beschreibung: „Wie der Tag im Abendgrauen“ wiederholt wörtlich den Schlussvers der dritten Strophe und setzt erneut einen Vergleich: Das Ich bestimmt sein Untergehen als ein Untergehen wie das des Tages, der im Abendgrauen verschwindet.

Analyse: Hier greift die Kettenform wieder sichtbar: Das Bild, das in Vers 18 den Abschluss der Strophe bildete, wird nun zum Anfangsbild der neuen Strophe. Inhaltlich bleibt der Vergleich unverändert, formal schließt er sich direkt an den Refrainvers 19 an. Die beiden Verse bilden einen Zweizeiler, in dem Untergang und Dämmerungsbild untrennbar verschränkt sind. Durch das erneute Hervorheben des „Abendgrauens“ gewinnt die Metapher zusätzliches Gewicht als Grunddeutung des inneren Zustandes.

Interpretation: Das Ich hält an der Vorstellung fest, dass sein Ende nicht in einem plötzlichen Absturz, sondern in einem langsamen Versinken in die graue Zone zwischen Tag und Nacht besteht. Das „Abendgrauen“ beschreibt einen Übergang, der zugleich sanft und unheimlich ist: Das Licht wird weniger, die Farben verblassen, die Klarheit weicht einem diffusen Halbdunkel, in dem das „Grauen“ im Wortsinn mitschwingt. Indem der Sprecher dieses Bild wiederholt, macht er klar: So versteht er sein ganzes Sterben – als allmähliches, melancholisches Hinübergleiten in eine Sphäre, in der kein heller Stern mehr leuchtet.

Vers 21: Will der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Will der Stern, den ich gesehen“ leitet erneut einen konditionalen Nebensatz ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum, diesmal verbunden mit dem Verb „will“ in der Funktion von „beabsichtigt / ist gewillt“.

Analyse: Grammatisch steht hier eine wenn-dann-Konstruktion ohne ausdrücklich gesetztes „wenn“: „Will der Stern …, will ich …“. Das Modalverb „will“ bezeichnet den Willen oder Entschluss des Sterns und verleiht ihm eine eigene Intention. Der Relativsatz „den ich gesehen“ bindet den Stern abermals an die persönliche Erfahrung des Ich; es ist derselbe Stern, der in allen vorausgehenden Strophen als Leit- und Liebesstern fungiert. Die Konstruktion stellt formal eine Parallelität her: Auf den Willen des Sterns wird der Wille des Ich antworten.

Interpretation: Der Vers hebt die Beziehung auf die Ebene zweier aufeinander bezogener Willensakte: zuerst der Wille des Sterns, dann der Wille des Ich. Der Stern erscheint nicht mehr nur als passiv Verlorener oder als bloßer Grußsender, sondern als handelndes Subjekt mit eigenem Entschluss. Das Ich räumt ihm damit eine quasi-souveräne Stellung ein: Sein Wille, sein „Wollen“ ist der Ausgangspunkt, auf den das Ich reagiert. Zugleich zeigt sich die Abhängigkeit des Ich besonders deutlich: Es definiert seinen eigenen Willen als Antwort auf den Willen des Sterns. Der Stern ist damit nicht nur Liebesobjekt, sondern auch eine Instanz, deren Entscheidung über das Leben des Sprechers indirekt verfügt.

Vers 22: Nicht mehr zu mir niedertauen

Beschreibung: „Nicht mehr zu mir niedertauen“ setzt die Bedingung fort und bestimmt sie genauer: Der Stern könnte „nicht mehr“ zu dem Sprecher „niedertauen“. Der Vers beschreibt das Ausbleiben eines sanften, von oben kommenden Zuwendungsaktes.

Analyse: Das „nicht mehr“ markiert eine Beendigung eines bislang bestehenden Vorgangs: Bisher hat der Stern offenbar „zu mir niedergtauht“, nun könnte dies aufhören. Das Verb „niedertauen“ ist eine auffällige, poetische Metapher: Es verbindet das Bild fallenden Taus mit der Bewegung von oben nach unten – der Stern sendet nicht nur Licht, sondern tauartige, sanfte Feuchtigkeit. Diese Bewegung „zu mir“ betont die persönliche Adressiertheit. Semantisch liegt eine Verbindung zu Gnaden-, Segen- und Erfrischungsbildern vor: Tau gilt traditionell als Bild für weiche, leise herabkommende Gnade, für nährende Feuchtigkeit in trockener Landschaft.

Interpretation: Der Vers deutet die Zuwendung des Sterns explizit als etwas Gnadenhaftes und Belebendes: Wie Tau in der Wüste Pflanzen erfrischt, so hat der Stern bisher das trockene, ausgedörrte Herz des Ich benetzt. „Niedertauen“ ist weich, leise, zart – kein grelles Licht, sondern ein stiller, nächtlicher Segen. Wenn der Stern „nicht mehr“ so zu ihm niedertaut, verliert das Ich genau diese unaufdringliche, aber lebensnotwendige Form von Nähe und Trost. Der Verlust ist nicht spektakulär, sondern gerade darin schmerzhaft, dass das milde, quasi sakramentale „Tau“-Geschehen aufhört. Die Liebesbeziehung ist damit nicht nur Leitung und Gruß, sondern ein stetiger, zarter Gnadenfluss gewesen – und dessen Versiegen wird jetzt zur Bedingung des Untergangs.

Vers 23: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt abermals die bekannte Formel und schließt den konditionalen Satzbau ab: Auf den ausbleibenden „Tau“ des Sterns will das Ich mit dem einsamen Untergang reagieren.

Analyse: Die Refrainzeile erscheint hier zum fünften Mal, nun in direkter Parallelität zum „Will der Stern“ in Vers 21. Dadurch entsteht eine Art symmetrischer Satzbau: Will er nicht mehr tauen, will ich untergehen. Die Gleichsetzung der „will“-Formen stellt die Beziehung noch einmal auf eine subjektive Willensachse: zwei Willen, die sich aufeinander beziehen, aber nicht miteinander verhandeln. Formal wird damit die Kettenlogik weiter verstärkt: Jede neue Variante eines entziehenden Sternwillens ruft dieselbe, wie mechanisch eingesetzte Antwort des Ich hervor.

Interpretation: Das Ich macht sein Leben hier endgültig von der fortgesetzten Gnaden- und Trostbewegung des Sterns abhängig: Wenn der Stern nicht mehr zu ihm „niedertauen“ will, will es selbst sein Dasein beenden. Untergang ist nicht nur Reaktion auf offene Feindschaft oder brutalen Verlust, sondern bereits Folge eines stillen Ausbleibens von Erfrischung. Die Formel zeigt, wie radikal das Ich die Liebes- und Gnadenzuwendung verabsolutiert hat: Ein Leben ohne diesen Tau ist für es nicht lebenswert. Zugleich deutet sich darin eine gefährliche symmetrische Verkrampfung an: Der Stern „will nicht mehr“, das Ich „will“ dann konsequent sterben – es sieht für sich keinen Spielraum mehr jenseits dieser binären Logik.

Vers 24: Wie ein Sklave an der Kette.

Beschreibung: „Wie ein Sklave an der Kette.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab. Der einsame Untergang wird nun mit einem Sklaven verglichen, der „an der Kette“ hängt.

Analyse: Der Vers führt eine scharf konturierte, soziale und existentiell drastische Figur ein: den Sklaven. „An der Kette“ konkretisiert seine Unfreiheit körperlich: Er ist gefesselt, seine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, er ist Eigentum eines anderen. Formal fungiert der Vers wie die Schlussbilder der vorhergehenden Strophen (Pilger, Bettler, Tag im Abendgrauen): Er setzt ein starkes Bild, das in der folgenden Strophe wieder aufgegriffen werden wird. Inhaltlich verschiebt sich der Fokus der Bildwelt von Bedürftigkeit (Pilger, Bettler) zu expliziter Unfreiheit.

Interpretation: Mit dem Sklavenbild bezeichnet das Ich sein Verhältnis zum Stern und zu seinem Schicksal als radikale Unfreiheit: Es fühlt sich an die Liebe „gekettet“, unfähig, sich aus ihr zu lösen. Der Vergleich deutet an, dass sein einsamer Untergang nicht nur Weg eines Ausgesetzten, sondern Vollzug einer Bindung ist, aus der es keinen Ausweg gibt. Zugleich steht im Titel des Gedichts das Wort „Sklave“ bereits programmatisch – hier tritt die Titelmetapher erstmals im Vers voll ein. Die Kette kann doppelt gelesen werden: als fesselnde Macht der Liebe, die das Ich an die Geliebte bindet, und als Kette des eigenen Gelöbnisses, an die es sich selbst gelegt hat. Der Untergang „wie ein Sklave an der Kette“ ist damit sowohl passives Erleiden einer fremden Macht wie aktives, innerlich vollzogenes Sich-Binden an eine Beziehung, aus der es keinen Rückzug mehr gibt, ohne an der eigenen Identität zu zerbrechen.

Gesamtdeutung der Strophe 4

Die vierte Strophe markiert einen weiteren entscheidenden Schritt in der inneren Radikalisierung des Gedichts: Sie verknüpft das Bild der dämmernden Welt mit der Vorstellung eines versiegenden Gnadentaues und führt schließlich das zentrale Selbstbild des Ich als „Sklave an der Kette“ ein. Formell setzt sie die etablierte Kettenstruktur fort: Refrainvers und Vergleichsbild des Strophenbeginns („Einsam will ich untergehen / Wie der Tag im Abendgrauen“) greifen das Ende der vorherigen Strophe auf und bestätigen erneut das strukturelle Prinzip, dass jedes Bild gleichzeitig Abschluss und Startpunkt ist. Auf dieser formalen Basis entfaltet sich eine neue Variante des Sternverhältnisses.

Während die vorausgehende Strophe den Stern als Geleiter im Lebensweg zeichnete („mir nicht ferner das Geleite“), rückt die vierte Strophe seine Funktion als spendende, sanft herabkommende Kraft in den Mittelpunkt: Der Stern „tau(t) zu mir nieder“. Im Bild des Taues konzentriert sich die Erfahrung leiser, unaufdringlicher, aber unverzichtbarer Zuwendung. Gerade in der zuvor beschworenen Wüste und Heide ist Tau das, was Leben überhaupt ermöglicht. Dass der Stern „nicht mehr“ zu ihm niedertauen will, bedeutet für das Ich nicht nur den Verlust eines schönen Gefühls, sondern das Ende der Möglichkeit, in der Ödnis seines Daseins überhaupt weiterzuleben. Der Stern ist Gnadenstern geworden; sein Tau entspricht jener stillen, nicht erzwingbaren Gunst, von der das ausgedörrte Herz lebt. Die Strophe verschärft damit die religiöse Konnotation: Der Liebesstern nimmt Züge eines Gnaden- und Heilssterns an.

Besonders auffällig ist die Parallelität der Willensformen: „Will der Stern … / Will ich …“. Die Beziehung wird hier als Wechselspiel von Willensentscheidungen gedacht, in der der Stern den ersten, das Ich den zweiten Schritt tut. Das Ich begreift sich nicht mehr als bloß passives Opfer, sondern als jemand, der konsequent reagieren „will“ – aber genau diese konsequente Reaktion ist der Untergang. In der sprachlichen Konstruktion wird sichtbar, wie sehr das Ich sich in eine binäre Logik hineingleitet: Entzieht der Stern seine Zuwendung, entzieht das Ich sich das Leben. Die Formulierung gibt der Liebesbindung eine fast vertragliche Struktur: Die Gunst des Sterns und das Leben des Ich stehen in einem stillschweigend vereinbarten Verhältnis, das keinen dritten Weg kennt.

Mit dem Schlussbild des Sklaven an der Kette tritt das anthropologische Gesamtbild scharf hervor. Nach Pilger, Bettler und Tag-im-Abendgrauen-Figur benennt das Ich sich jetzt offen als „Sklave“. Bisher war seine Abhängigkeit eher als Bedürftigkeit und Orientierungslosigkeit gezeichnet; nun wird sie als Unfreiheit in den Begriff genommen. Der Sklave ist nicht nur bedürftig, sondern rechtlos, Eigentum eines anderen, an dessen Willen er gebunden ist. Dass der Untergang „wie ein Sklave an der Kette“ erfolgt, deutet auf eine doppelte Wahrheit: Einerseits ist das Ich in seiner Liebe tatsächlich gebunden, unfrei, ausgesetzt dem Willen des Sterns; andererseits hat es diese Bindung durch seine eigenen Schwüre selbst mit geschaffen. Die Kette ist sowohl von außen angelegt (Fesselung durch Liebe, Geschichte, Schicksal) als auch von innen angenommen (Fesselung durch eigene Gelöbnisse). Die Strophe exponiert dieses Paradox: Der Mensch ist unfrei in einer Bindung, die er zugleich als höchste Form seines „Willens“ versteht.

Vor dem Hintergrund des Abendgrauens erhält dieses Sklavenbild eine zusätzliche Färbung. Der Tag, der im Abendgrauen versinkt, ist nicht nur ein Naturvorgang, sondern sinnbildlich für ein Leben, das in eine Zone der Entkräftung, des Schwindens, des schleichenden Dunkels übergeht. Der Sklave an der Kette im Abendgrauen ist nicht der rebellische, laut protestierende Unfreie, sondern der, der in der Dämmerung seines Daseins an der Kette bleibt und in dieser Bindung untergeht. Die Strophe zeigt damit ein Ich, das seine Grenzen – Unfreiheit, Abhängigkeit, Verlust von Gnade – nicht sprengt, sondern so ernst nimmt, dass es sein Leben nur noch als „kettengebundenes“ Untergehen denken kann. In der Gesamtbewegung des Gedichts vertieft diese Strophe die tragische Konstellation: Die Liebe, die Tau, Geleit und Licht spendet, ist zugleich die Macht, an die der Sprecher sich als Sklave gekettet weiß – und deren möglicher Entzug für ihn das Zeichen ist, im Abendgrauen seines Lebens endgültig und einsam zu verschwinden.

Strophe 5

Vers 25: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ wiederholt zu Beginn der fünften Strophe die zentrale Grundformel des Gedichts. Der Sprecher bekräftigt einmal mehr seinen Entschluss, einsam zugrunde zu gehen, ohne an dieser Stelle schon eine neue Bedingung oder Begründung zu nennen.

Analyse: Der Vers entspricht wörtlich den Versen 1, 13 und 19 und eröffnet damit abermals eine neue Schleife der Kettenstruktur. Die feste Reihung von Refrainbeginn (Vers 25) und Vergleichsbild (Vers 26) folgt genau dem Muster der vorhergehenden Strophen. Durch die erneute, unveränderte Wiederkehr ist der Vers nun endgültig als tragender Pfeiler des ganzen Gedichts ausgewiesen: Alles Weitere hängt an diesem immer gleichen Satz, der sich tiefer und tiefer in den Sprachraum einprägt.

Interpretation: Dass das Ich diesen Satz nun schon zum fünften Mal identisch spricht, zeigt, wie sehr der Gedanke des einsamen Untergangs zur fixen Idee geworden ist. Es scheint, als müsse der Sprecher seine Bereitschaft immer wieder neu bekennen, um sich selbst in diesem Entschluss festzuhalten. Der Vers wirkt dadurch fast wie eine Gelübdeformel, die in jeder neuen Situation wiederholt werden muss. Innerlich markiert er: Das Ich hat sich von der Möglichkeit eines anderen Endes – eines geteilten, getrösteten, begleiteten Sterbens – verabschiedet; es kennt nur noch diese eine, radikal vereinzelte Form des Untergangs.

Vers 26: Wie ein Sklave an der Kette

Beschreibung: „Wie ein Sklave an der Kette“ knüpft unmittelbar an den Schlussvers der vierten Strophe an und bestimmt das einsame Untergehen erneut durch das Bild eines Sklaven, der an einer Kette hängt.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich Vers 24 und trägt damit erneut das Kettenprinzip vor: Das letzte Bild der vorherigen Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. Durch die Verbindung mit dem Refrainvers bildet sich ein fester Zweizeiler: „Einsam will ich untergehen / Wie ein Sklave an der Kette“. Semantisch verschiebt sich der Akzent gegenüber den früheren Strophen (Pilger, Bettler, Tag im Abendgrauen) nun klar auf den Aspekt der Unfreiheit und Fesselung. Die Bildfolge hat damit einen vorläufigen Endpunkt erreicht: aus dem Bedürftigen ist der Gebundene geworden.

Interpretation: Die Wiederaufnahme des Sklavenbildes unterstreicht, dass das Ich sein Verhältnis zur Geliebten und zu seinem eigenen Gelöbnis inzwischen primär als „Kettenverhältnis“ versteht. Es sieht sich an diese Liebe, an diesen Stern, an sein Wort so gebunden, dass es seine Bewegungsfreiheit aufgegeben hat. Der Sklave an der Kette ist das äußerste Bild eines Menschen, der sich nicht mehr selbst verfügt. Indem der Sprecher dieses Bild ohne Abmilderung wiederholt, deutet er an: Sein Untergang ist nicht nur ein einsamer, sondern ein „gebundener“ Untergang; er vollzieht sich innerhalb einer Bindung, aus der es keinen Rückweg mehr gibt, ohne die eigene Identität zu zerstören.

Vers 27: Blickt der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Blickt der Stern, den ich gesehen“ leitet erneut einen konditionalen Satz ein. Im Mittelpunkt steht wieder der „Stern, den ich gesehen“, nun verbunden mit dem Blicken: Es geht um die Frage, ob er (noch) auf das Ich blickt.

Analyse: Formal haben wir wieder eine wenn-dann-Konstruktion ohne ausdrückliches „wenn“: „Blickt der Stern … nicht mehr … / Will ich … untergehen“. Das Verb „blickt“ verlagert die Sternfunktion weiter in den Bereich personaler Zuwendung: Der Stern wird nicht nur als abstrakter Leuchtpunkt oder als Tau spendende Kraft gedacht, sondern als einer, der mit seinem Blick das Ich umfasst. Der wiederholte Relativsatz „den ich gesehen“ hält die persönliche Geschichte fest: Es ist der Stern, den das Ich selbst geschaut hat – eine beidseitige Blickbeziehung wird angedeutet.

Interpretation: Der Vers zeigt, dass die Beziehung zum Stern inzwischen vor allem als Blickverhältnis gedacht wird: Das Ich lebt davon, angesehen zu sein. Dass es hervorhebt, „den ich gesehen“, und nun fragt, ob dieser Stern noch „blickt“, markiert eine innere Asymmetrie: Beide Seiten haben einander gesehen, aber entscheidend ist jetzt, ob der Stern seinen Blick aufrechterhält. Der Blick ist hier mehr als Wahrnehmung – er ist Anerkennung, Zuwendung, Liebe, vielleicht auch Gnade. Das Schicksal des Ich hängt daran, ob es weiterhin „im Blick“ des Sterns steht.

Vers 28: Nicht mehr auf mein Dornenbette

Beschreibung: „Nicht mehr auf mein Dornenbette“ setzt den Bedingungssatz fort und präzisiert ihn: Der Stern könnte „nicht mehr“ auf das „Dornenbette“ des Sprechers blicken. Der Vers führt das Bild eines Bettes ein, das aus Dornen besteht, das also mit Leid und Schmerz verbunden ist.

Analyse: Das „nicht mehr“ markiert erneut das Abreißen eines bisher bestehenden Zustands: Bislang hat der Stern auf dieses Dornenbett geblickt; nun ist gedacht, dass dies aufhören könnte. Die Wortbildung „Dornenbette“ bündelt Liebes- und Passionsmetaphorik: „Bett“ verweist auf Intimität, Ruhe, Schlaf, Liebesraum; „Dornen“ sind klassisches Zeichen von Schmerz, Buße, Passion. Zusammen entsteht ein paradoxes Bild: Der Ort des Ruhens und der Liebe ist zugleich Ort der Verletzung. Der Blick des Sterns fällt demnach auf eine Liebes- und Leidensstätte zugleich.

Interpretation: Das Ich deutet sein eigenes Dasein – sein „Lager“, seine Liebes- und Lebensstätte – als Dornenbett: Es lebt, liebt und ruht in einer Umgebung, die von Schmerz, Schuld und Buße durchzogen ist. Dass der Stern bisher auf dieses Dornenbett geblickt hat, bedeutet: Er hat den Sprecher samt seinem leidvollen, schuldgesättigten Leben angeschaut und nicht sogleich verworfen. Dieser Blick legitimiert und trägt das Leiden; er macht das Dornenbett erträglich. Sollte er jedoch „nicht mehr“ auf dieses Bett blicken, verlöre das Leid seinen Sinn. Die Bedingung formuliert also die Angst, dass der Stern – die Geliebte, die Gnadeninstanz – die Leidensgestalt des Ich nicht mehr ansehen will. In diesem Ausbleiben des Blicks steht das ganze Selbstbild zur Disposition.

Vers 29: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt abermals die zentrale Refrainformel und schließt den konditionalen Satzbau ab: Auf den ausbleibenden Blick des Sterns auf das Dornenbett folgt der einsame Untergang.

Analyse: Der Vers steht hier in enger Parallelität zur Sternhandlung im Bedingungsteil. Wieder wird der Untergangswille des Ich als automatische Konsequenz eines Entzugs formuliert: Kein Blick mehr auf das Dornenbett – Untergang. Formal verstärkt die identische Formulierung die Zwangslogik der Kette: Ganz gleich, auf welche Weise der Stern seine Zuwendung entzieht (Geleit, Tau, Blick), immer lautet die Antwort: „Will ich einsam untergehen.“ Die Sprache schließt so jede andere Reaktionsmöglichkeit aus.

Interpretation: In dieser Variante wird besonders deutlich, wie sehr das Ich vom Blick des Anderen abhängig ist. Nicht nur die tatsächliche Gegenwart, nicht nur Führung oder Trost, sondern schon die Tatsache, überhaupt angesehen zu sein, entscheidet über seinen Lebensmut. Wenn niemand – und vor allem nicht dieser eine Stern – mehr auf sein Dornenbett schaut, empfindet es sein Dasein als so sinnlos und verlassen, dass nur noch der Untergang bleibt. Der Vers macht sichtbar: Es ist nicht nur der Schmerz, sondern der ungeteilte, ungeachtete Schmerz, der unerträglich ist. Der Refrain formuliert also: Ohne den Blick, der mein Leiden wahrnimmt, will ich nicht weiterleben.

Vers 30: Wie ein Schwanenlied im Tode.

Beschreibung: „Wie ein Schwanenlied im Tode.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich: Das einsame Untergehen wird nun mit einem „Schwanenlied im Tode“ verglichen, also mit dem legendären letzten Gesang eines Schwanes kurz vor seinem Sterben.

Analyse: Das Bild wechselt die Ebene: Vom Sklaven an der Kette und dem Dornenbett geht es ins Reich der mythischen Tier- und Kunstsymbolik. Das „Schwanenlied“ ist ein seit der Antike vertrautes Motiv: Man glaubte, der Schwan singe vor seinem Tod besonders schön. „Im Tode“ markiert die Gleichzeitigkeit von Gesang und Sterben: Das Lied gehört nicht nur zum Leben, sondern gerade zur Sterbestunde. Formal fungiert der Vers wie die Schlussbilder der vorherigen Strophen: Er setzt ein starkes, eigenständiges Bild, das zugleich auf das poetische Selbstverständnis des Gedichts zurückwirkt.

Interpretation: Mit dem Vergleich zum Schwanenlied erhält der Untergang eine ästhetische Dimension. Das Ich denkt sein Sterben nicht nur als Versinken, als Verbluten oder Verkümmern, sondern als letzten, gesteigerten Ausdruck seiner inneren Wahrheit. Wie der Schwan im Mythos gerade im Sterben seinen schönsten Gesang hervorbringt, so sieht sich der Sprecher in seinem Untergang zu einer letzten, höchsten Verdichtung seiner Liebes- und Leidensrede berufen. Das „Schwanenlied“ ist zugleich Todesgesang und Kunstwerk – damit spiegelt der Vers das Gedicht selbst: Dieses Kettenlied könnte als „Schwanenlied“ des sprechenden Ich gelesen werden. Die Leidensgeschichte endet nicht in stummer Vernichtung, sondern im Klang, in der Form, im Lied. So gewinnt der Tod eine paradoxe Würde: Er wird zum Moment höchster poetischer Selbstäußerung und damit – im Rahmen dieser Poetik – zu einer Form von Erfüllung.

Gesamtdeutung der Strophe 5

Die fünfte Strophe führt die Radikalisierung der Liebesbindung und Leidensfigur entscheidend weiter, indem sie das bisherige Motivfeld (Sklave, Kette, Wüste, Heide, Abendgrauen, Tau) mit einem neuen, stark geladenen Bildpaar verknüpft: dem Dornenbett und dem Schwanenlied. Formell bleibt alles im vertrauten Muster: Die Strophe beginnt mit dem unveränderten Refrainvers und dem wieder aufgenommenen Sklavenbild, die Bedingung variiert ein weiteres Mal die Art der Sternzuwendung – nun als Blick –, und der Refrain kehrt als Antwortformel zurück. Am Ende steht ein neues Vergleichsbild, das seinerseits zum Startblock für die folgende Strophe werden wird. Die Kettenform setzt sich weiter fort; das Gedicht bindet sich immer enger an seine eigenen Motive.

Inhaltlich verschiebt Strophe 5 den Fokus vom Geleit und vom Tau auf den Blick und auf die Deutung des eigenen Lebensortes. Der Sprecher beschreibt sich nicht mehr nur als Bettler oder Pilger, sondern als einer, der in einem „Dornenbette“ liegt: Seine Liebes- und Lebenslage ist zugleich Lager der Schmerzen, Buße und Passion. Dornen sind ein deutlicher Verweis auf christliche Leidenssymbolik (Dornenkrone), das Bett auf Intimität, Körperlichkeit, Nähe. In dieser Doppelung verschmilzt die Strophe Eros und Passion besonders deutlich: Das Bett der Liebe ist gleichzeitig Stätte der Buße und des Leidens. Dass der Stern auf dieses Bett „blickt“, bedeutet: Er sieht das Ich in seiner ganzen leidvollen, schuldgesättigten Existenz und wendet sich ihm zu. Solange dieser Blick besteht, hat das Dornenbett Sinn; es ist nicht nur Qual, sondern geteilte, gesehene Qual.

Die Bedingung „Blickt der Stern … nicht mehr auf mein Dornenbette“ bringt die zentrale Angst des Ich auf den Punkt: die Angst vor dem „ungeachteten Leiden“. Nicht bloß der Schmerz, sondern der Schmerz ohne Blick, ohne Du, ohne Zeugen ist das eigentlich Unerträgliche. In dieser Perspektive zeigt sich, wie sehr die Identität des Sprechers davon abhängt, im Blick eines Anderen aufgehoben zu sein. Sein Dornenbett ist nur ertragbar, solange der Stern es ansieht. Die Strophe macht damit sichtbar, dass das Ich seine ganze Leidensfigur – Bett, Dornen, Buße – im Grunde als auf das Du hin entworfen denkt. Der Untergang wird zur Konsequenz eines Blickentzugs: Wenn niemand – und vor allem nicht dieser Stern – mehr hinsieht, verliert das Leiden jeden Sinn und das Leben jeden Grund.

Das Schlussbild vom „Schwanenlied im Tode“ erhebt diese Konstellation in eine poetisch-mythologische Sphäre. Hier verdichten sich mehrere Linien: Die Figur des Schwanes, der vor dem Tod seinen schönsten Gesang anstimmt, verbindet Tod und Kunst aufs Engste; das „Lied“ selbst ist letzte Selbstverlautbarung des Lebens; und im Kontext des Gedichts wird dieses Schwanenlied zur Chiffre für das Kettenlied, das der Sprecher gerade singt. Die Strophe deutet damit leise das ganze Gedicht als Todeslied des Ich: Als würde es im Vollzug dieser langen Kettenform sein eigenes Schwanenlied anstimmen. Der einsame Untergang, den es beschwört, wäre dann nicht nur biographisches Ende, sondern poetischer Kulminationspunkt.

In der Gesamtbewegung des Gedichts markiert Strophe 5 einen Moment, in dem Leid, Liebe und Poetik sich besonders eng verzahnen. Die Kette (Vers 26) erzählt die Unfreiheit, das Dornenbett (Vers 28) die passionale Verfasstheit dieses Lebens, und das Schwanenlied (Vers 30) die ästhetische Gestalt, in der dieses Leid in Sprache überführt wird. Der Stern entscheidet mit seinem Blick darüber, ob dieses Dornenbett eine von ihm gesehene, also irgendwie „sinnvolle“ Passion bleibt oder in bloßes, anonymes Leiden umschlägt. Entzieht er seinen Blick, will das Ich – wie es nun schon vielfach bekräftigt hat – einsam untergehen. Dass es diesen Untergang zugleich „wie ein Schwanenlied im Tode“ imaginiert, verweist auf eine letzte Ambivalenz: Der Tod ist Vernichtung, aber im Akt der Dichtung wird er zur Form höchster, vielleicht einzig noch möglicher Selbstverwirklichung. Die Strophe hält diese Spannung aus, ohne sie aufzulösen – und führt das Gedicht weiter hinein in das Bild eines Menschen, der an Liebe, Leid und Sprache gleichermaßen gekettet ist.

Strophe 6

Vers 31: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die sechste Strophe mit der bereits vielfach wiederholten Grundformel. Der Sprecher bekräftigt erneut, dass er einsam zugrunde gehen will; der Vers steht wieder ohne unmittelbare Bedingung oder nähere Bestimmung allein.

Analyse: Der Vers ist in Wortlaut und Stellung identisch mit den Anfangsversen der vorangegangenen Strophen (1, 13, 19, 25) und fungiert damit endgültig als refrainsartige Grundsäule des Gedichts. Der vierhebige, schlichte Liedvers, die Voranstellung von „Einsam“ und die Kombination mit „will ich“ – als Willensbekundung und Gelübde – wirken inzwischen wie ein immer gleich anschlagender Grundton, der jede neue innere Variation trägt. Die Wiederholung an dieser Stelle ist nicht zufällig, sondern strukturell zwingend: Jede neue Bedingung des Sternverhältnisses ruht auf demselben Entschluss.

Interpretation: Dass das Ich diesen Satz nun schon zum sechsten Mal spricht, unterstreicht seinen Charakter als Selbstprogramm: Es definiert sich selbst im Modus des künftigen, einsamen Untergangs. Zugleich lastet auf dem Vers die ganze Vorgeschichte der bisherigen Strophen – Pilger, Bettler, Sklave, Dornenbett, Schwanenlied: Die Einsamkeit ist inzwischen nicht bloße soziale Isolierung, sondern die existentiell-theologische Einsamkeit eines Menschen, der sein Ende in einem komplexen Gefüge von Liebe, Schuld, Buße und Selbstbindung sieht. Der Vers ist damit nicht nur Wiederholung, sondern Zusammenfassung des bisher aufgebauten Selbstbildes.

Vers 32: Wie ein Schwanenlied im Tode

Beschreibung: „Wie ein Schwanenlied im Tode“ nimmt wörtlich das Schlussbild der fünften Strophe auf und setzt wieder den Vergleich: Der einsame Untergang wird abermals als Untergang „wie“ ein Schwanenlied im Tod beschrieben.

Analyse: Der Vers übernimmt Vers 30 in unveränderter Form und zeigt damit erneut das strenge Kettenprinzip: Das letzte Vergleichsbild der vorangegangenen Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. Die Kombination von Refrainvers (31) und Schwanenlied-Vergleich (32) ergibt einen Zweizeiler, der den Untergang ausdrücklich als letzten, gesteigerten Ausdruck des Ich deutet. Der Mythos vom Schwan, der vor seinem Tod am schönsten singt, bleibt der semantische Hintergrund: Der Tod wird nicht als stummes Verstummen, sondern als Kulmination des Gesangs gedacht.

Interpretation: Indem das Ich dieses Bild unmittelbar nach dem Refrain erneut aufruft, hält es an der Vorstellung fest, dass sein Untergang untrennbar mit einem „Lied“, also mit einer sprachlich-musikalischen Selbstäußerung verbunden ist. Sein gefesseltes, dornenumkränztes Leben soll nicht im bloßen Verstummen enden, sondern im Schwanenlied – in einer letzten Verdichtung seiner Liebe und seines Schmerzes. Das Gedicht selber erscheint so als das „Schwanenlied“, das der Sprecher im Angesicht des Untergangs singt. Der Vers weist damit über das Geschehen hinaus auf eine poetische Selbstreflexion: Dichtung wird als Form verstanden, in der der Tod nicht nur geschieht, sondern „gesungen“ wird.

Vers 33: Ist der Stern den ich gesehen

Beschreibung: „Ist der Stern den ich gesehen“ leitet erneut eine Bedingung ein, diesmal mit der Konstruktion „Ist … nicht mehr …“; wiederum steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum, also die vertraute, persönlich erlebte Leitfigur des Ich.

Analyse: Grammatisch handelt es sich um den Beginn eines wenn-dann-Satzes im Modus des „ist … nicht mehr …, will ich …“. Der Relativsatz „den ich gesehen“ setzt wie zuvor die biographische Verankerung: Es geht nicht um einen abstrakten Stern, sondern um den, der dem Ich einst aufgegangen ist. „Ist“ statt „wird“ oder „gibt“ verlagert den Fokus von einem möglichen künftigen Tun auf eine Seinsqualität: Es geht darum, was der Stern für das Ich ist oder eben nicht mehr ist. Der Vers bleibt syntaktisch offen und verlangt nach der Ergänzung in Vers 34.

Interpretation: Das Ich formuliert nun nicht mehr eine Veränderung der äußeren Beziehung (Geleit, Gruß, Tau, Blick), sondern eine Veränderung des Wesenscharakters des Sterns für sich: Entscheidend wird, was der Stern ist – in seiner Bedeutung, seiner Botschaft. Damit verschiebt sich die Bedingung vom Bereich der konkreten Zuwendung hin zur Deutungsebene: Es geht um den „Sinn“, den der Stern für das Ich hat. Das zeigt, wie sehr das Verhältnis inzwischen nicht nur emotional und praktisch, sondern hermeneutisch geworden ist: Der Stern ist Träger einer Botschaft, einer Bedeutung, vielleicht einer Heilszusage, und die Frage lautet, ob er diese Funktion noch erfüllt.

Vers 34: Mir nicht mehr ein Friedensbote

Beschreibung: „Mir nicht mehr ein Friedensbote“ ergänzt den Satz und präzisiert die Bedingung: Wenn der Stern „mir nicht mehr ein Friedensbote“ ist, also für den Sprecher nicht länger als Bote des Friedens wirkt, tritt die Konsequenz ein.

Analyse: Der Dativ „mir“ markiert wieder das Ich als Bezugszentrum; „nicht mehr“ deutet auf eine Veränderung: Der Stern war offenbar ein Friedensbote, könnte es aber nicht mehr sein. „Friedensbote“ ist ein stark religiös aufgeladenes Kompositum: Es erinnert an Engelbotschaften, Evangelium, Versöhnungsgestalten, an Verkündigung von Heil und Frieden. Der Stern wird hier nicht nur als Liebesgestalt, sondern als Vermittler von Frieden, Beruhigung, innerer Versöhnung verstanden. Semantisch wächst seine Rolle: Er ist nicht einfach nur Leitstern oder Liebesobjekt, sondern Träger einer heilsamen Botschaft.

Interpretation: Mit dem Wort „Friedensbote“ rückt der Stern deutlich in die Nähe religiöser, biblischer und mystischer Konstellationen: Er bringt Frieden, Versöhnung, innere Ruhe – all das, was dem gequälten, schuldbewegten Ich fehlt. Solange er diese Rolle erfüllt, hat das Leiden Richtung und Sinn; es ist in einen Horizont von Versöhnung hineingestellt. Wird er aber „mir nicht mehr ein Friedensbote“, verliert das Ich nicht nur eine Person, sondern den inneren Frieden selbst, den es an diese Gestalt gebunden hat. Der Vers benennt damit eine existentiell-theologische Katastrophe: Die liebende Instanz, an die man den Sinn des eigenen Leidens geknüpft hat, hört auf, Träger einer Friedenszusage zu sein. Dann steht das Ich vor einem Leben, das kein „Evangelium“, keine gute Nachricht mehr kennt.

Vers 35: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt ein weiteres Mal die Refrainformel und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern dem Ich kein Friedensbote mehr ist, will es einsam untergehen.

Analyse: In dieser Stellung korrespondiert der Vers direkt mit dem „Ist der Stern … mir nicht mehr ein Friedensbote“ und bindet den inneren Zustand „kein Friede“ an die äußerste Konsequenz „einsamer Untergang“. Formal wird die inzwischen vertraute Struktur beibehalten: Variierter Bedingungsteil – identische Antwortformel. Die Sprache schreibt so die Gleichung fest: Verlust des Friedensboten = Lebensverneinung. Der Refrain nimmt die ganze Schwere des Wortes „Friedensbote“ in sich auf.

Interpretation: Der Vers zeigt, wie absolut der Sprecher die Friedensfunktion des Sterns gesetzt hat. Ein Leben ohne diese Botschaft des Friedens, ohne dieses Zeichen der Versöhnung, ist für ihn nicht mehr bejahbar. Was in früheren Strophen als Verlust von Geleit, Tau oder Blick formuliert war, wird nun auf den Begriff gebracht: Er würde in eine Existenz ohne inneren Frieden fallen. Dagegen setzt das Ich den radikalsten möglichen Akt: Es „will“ dann sterben. Die Sprache macht damit deutlich: Der Mensch, der hier spricht, lebt von der Erfahrung, dass sein Leiden in einen Horizont des Friedens gestellt ist – fällt dieser weg, ist für ihn alles andere hinfällig.

Vers 36: Wie der Mond in wüsten Meeren.

Beschreibung: „Wie der Mond in wüsten Meeren.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab: Das einsame Untergehen wird nun mit dem Verschwinden des Mondes in „wüsten Meeren“ verglichen.

Analyse: Der Vers wechselt in eine starke kosmisch-naturhafte Metapher. „Mond“ ist ein klassisches romantisches Symbol: kaltes, reflektiertes Licht, Nachtleuchte, einsamer Himmelskörper. „Wüsten Meeren“ verbindet zwei Bilder der Ödnis: die Wüste (karg, leblos) und das Meer (tief, unruhig, grenzenlos). Die Kombination erzeugt einen Raum, der zugleich leer, bedrohlich und maßlos ist. Dass der Mond „in wüsten Meeren“ untergeht, suggeriert eine Szene, in der sein Licht in einer unendlichen, leeren Tiefe verschluckt wird. Das Bild ist groß, kalt, weit.

Interpretation: Mit diesem Vergleich steigert das Gedicht die Einsamkeit und Kosmizität des Untergangs. Das Ich sieht seinen Tod nicht mehr nur als Pilgerschaft, Bettlerelend, Sklavenuntergang oder Schwanenlied, sondern als ein Verlöschen wie das des Mondes in einer unheimlichen, leeren Weite. „Wüsten Meere“ intensivieren das Gefühl von Verlassenheit: Es gibt keine fruchtbare Küste, keine bewohnte Insel, nur wüste, menschenleere, vielleicht gottferne Tiefen. Der Mond ist zudem selbst ein reflektierender Körper: Er leuchtet nur, solange er Licht empfängt. Wenn er untergeht, ist nichts mehr sichtbar. Übertragen heißt das: Sollte der Stern keine Friedensbotschaft mehr sein, würde das Ich wie ein Mond vergehen, dem jede Lichtquelle und jeder Sinnhorizont entzogen ist, verschluckt von einem sinnleeren, wüsten Ozean. Der Untergang bekommt damit eine erschreckende, beinahe metaphysische Einsamkeit.

Gesamtdeutung der Strophe 6

Die sechste Strophe führt die Bewegung des Gedichts in einen Bereich, in dem die Verbindung von Liebesbeziehung, innerem Frieden und kosmischer Bildwelt besonders dicht wird. Wieder setzt sie mit dem vertrauten Refrain und der Wiederaufnahme des vorausgehenden Vergleichs an („Einsam will ich untergehen / Wie ein Schwanenlied im Tode“) und bestätigt so die Kettenstruktur: Das Schwanenlied, eben erst als Todeslied ins Spiel gebracht, wird nun der feste Rahmen, in dem eine weitere Variante des Sternverhältnisses durchdacht wird. Das Ich spricht seinen Untergangswillen, versteht ihn als Schwanenlied – und beginnt dann, die nächste Bedingung zu formulieren.

Der entscheidende neue Schritt besteht darin, dass der Stern explizit als „Friedensbote“ bezeichnet wird. Nach Bildern von Geleit, Tau, Blick und Dornenbett verschiebt sich die Bedingung auf die Ebene der Sinn- und Heilsfunktion: Der Stern ist nicht mehr nur jemand, der leitet, erquickt oder ansieht, sondern einer, der Frieden bringt. Damit rückt die ganze Konstellation deutlich in ein religiöses und mystisches Deutungshorizont: Der Stern nimmt Züge eines Engels, eines Evangeliums, einer Heilsinstanz an, die dem zerrissenen, schuld- und leidensbeladenen Ich eine Botschaft der Versöhnung vermittelt. Für den Sprecher ist es offenbar entscheidend, in dieser Beziehung einen Rückhalt zu haben, der über bloße emotionale Zuwendung hinausgeht: Er braucht einen Friedensgrund.

Die Bedingung „Ist der Stern, den ich gesehen, / Mir nicht mehr ein Friedensbote“ formuliert die schlimmste denkbare Variante: dass die Gestalt, an die das Ich seine Hoffnung auf Frieden gebunden hat, diese Rolle verliert. Das kann biographisch bedeuten, dass die Geliebte nicht mehr beruhigt, tröstet, versöhnt, sondern – vielleicht durch Distanz, Veränderung, Schweigen – nicht länger Quelle des inneren Friedens ist. Symbolisch gesehen wäre es die Erfahrung, dass der Ort, an dem man Heil erwartete, stumm bleibt oder sich gegen einen kehrt. Die Strophe macht deutlich: Für das Ich ist ein Leben ohne solchen Friedensstern nicht denkbar. Der Refrain „Will ich einsam untergehen“ verbindet sich hier mit einem besonders schweren Sinn: Ein Dasein ohne Botschaft des Friedens, ohne Versöhnungshorizont gilt als nicht lebenswert.

Die Schlussmetapher „Wie der Mond in wüsten Meeren“ hebt diese innere Konstellation in eine große, beinahe mythisch-kosmische Szene. War das Schwanenlied noch ein Bild, das Tod und Schönheit, Untergang und Kunst vereinte, so präsentiert das Mondbild den Untergang nun als kaltes Verlöschen in einem Raum radikaler Verlassenheit. „Wüste“ und „Meer“ sind im Gedicht bereits als Rand- und Ödnisräume präsent; ihre Kombination schafft ein Bild absoluter Sinnlosigkeit und Maßlosigkeit. Der Mond als reflektierender Körper, der nur im empfangenen Licht leuchtet, ähnelt dem Ich, dessen Ganzes Leuchten von der Zuwendung des Sterns abhängt. Wenn der Stern als Friedensbote ausfällt, ist der Mond-Ich gezwungen, in jene „wüsten Meere“ zu sinken, in denen kein Reflex mehr möglich ist.

In der Gesamtbewegung des Gedichts verschärft diese Strophe also noch einmal die anthropologische und theologische Dimension der Liebesbindung. Die Geliebte / der Stern ist nicht mehr nur Gegenstand von Begehren und Trost, sondern die Instanz, an der das Ich seinen inneren Frieden, seine Versöhnung mit sich und der Welt festmacht. Sprache, Gefühl und Bildwelt zeigen gemeinsam: Das Ich kann sich ohne diese Friedensbotschaft nicht denken; sein gesamtes Leben, sein Leiden, sein Bußen, sein Schwanenlied stehen unter der Bedingung, dass irgendwo ein „Friedensbote“ leuchtet. Fällt diese Funktion weg, bleibt nur der einsame, ästhetisch verdichtete, aber existentiell trostlose Untergang – wie der letzte Gesang eines Schwanes und wie das Verlöschen eines Mondes in wüsten Meeren.

Strophe 7

Vers 37: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die siebte Strophe mit der bereits bekannten Grundformel. Der Sprecher bekräftigt wieder seinen Entschluss, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht zunächst ohne unmittelbare Erläuterung oder neue Bedingung.

Analyse: Der Wortlaut ist identisch mit den Anfangsversen der vorangegangenen Strophen und bestätigt erneut die Funktion des Verses als Refrain und tragende Achse des Gedichts. Die Stellung des Adverbs „Einsam“ am Anfang, das Verb „will“ als Willensbekundung, das Verb „untergehen“ als Grundmetapher des Sterbens und Versinkens – all das fügt sich in das inzwischen etablierte Schema. Formal ist der Vers der unverschiebbare Startpunkt jeder neuen Kettengliederung.

Interpretation: Inzwischen trägt dieser Vers die ganze Last der vorausgegangenen Strophen: Er ist nicht mehr nur eine emotionale Äußerung, sondern die zusammengepresste Form eines komplexen Selbstbildes, das Pilgersein, Bettlertum, Sklavenschaft, Dornenbett, Schwanenlied und Mondverlöschen in sich aufgenommen hat. Dass er erneut unverändert gesprochen wird, zeigt, wie endgültig das Ich sich in diesem Programm eingeschlossen hat. Sein „Ich“ denkt sich nichts anderes mehr als ein Ich, das in Einsamkeit untergehen will – alles andere ist ihm innerlich verbaut.

Vers 38: Wie der Mond in wüsten Meeren

Beschreibung: „Wie der Mond in wüsten Meeren“ nimmt wörtlich das Schlussbild der sechsten Strophe auf und setzt wieder einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird erneut mit dem Verschwinden des Mondes in „wüsten Meeren“ verglichen.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 36 und zeigt damit erneut das strenge Kettenprinzip: Das letzte Bild der vorherigen Strophe wird zum Eröffnungsbild der neuen. Der Mond mit seinem reflektierten Licht und die „wüsten Meere“ als Bild grenzenloser, öder Tiefe bleiben der semantische Horizont. Zusammen mit Vers 37 bildet sich ein Zweizeiler, der den Untergang als kosmisches, einsames Verlöschen in einem riesigen, leeren Raum deutet.

Interpretation: Indem das Ich dieses Bild wieder aufruft, befestigt es seine Vorstellung eines Untergangs, der nicht nur privat, sondern kosmisch einsam ist: Wie der Mond, der in einer menschenlosen, uferlosen Tiefe versinkt, so sieht es sich selbst in einem Raum, in dem es keine tragenden Konturen, keine Nähe, keinen Halt gibt. Das Bild verbindet eine kalte Erhabenheit (Himmelskörper, weite Meere) mit radikaler Verlorenheit. Der Sprecher schreibt sich damit gleichsam in eine Nachtlandschaft ein, in der sein Untergang in die Unüberschaubarkeit eines „wüsten Meeres“ mündet – eine Steigerung des Gefühls metaphysischer Verlassenheit.

Vers 39: Wird der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Wird der Stern, den ich gesehen“ leitet eine neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum, nun in Verbindung mit dem Futur-Hilfsverb „wird“, das eine mögliche künftige Bewegung des Sterns ankündigt.

Analyse: Die Konstruktion entspricht derjenigen aus der ersten Strophe („Wird der Stern, den ich gesehen, / von dem Himmel mir gerissen“): ein futurisches „Wird“ ohne explizites „wenn“, das faktisch konditional gebraucht wird. Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert den Stern abermals in einer persönlichen, erinnernden Erfahrung. Der Satz bleibt syntaktisch offen; der entscheidende Bewegungsaspekt – was der Stern tun wird – folgt in Vers 40. Die Wiederkehr von „wird“ (im Unterschied zu „ist“, „gibt“, „will“) legt den Akzent wieder stärker auf eine denkbare, noch ausstehende Handlung.

Interpretation: Nach den Formulierungen „gibt“, „ist“ und „will“ kehrt das Gedicht zum futurischen „wird“ zurück, als wolle es nun noch einmal, in einer weiteren Variante, die Möglichkeit eines kommenden, aber noch nicht eingetretenen Verlusts durchspielen. Der Stern bleibt der gleiche – der „gesehene“, biographisch bedeutsame –, aber jetzt steht nicht mehr seine Rolle (Friedensbote, Geleiter) im Vordergrund, sondern die Frage, ob er sich künftig bewegen, verändern, abwenden wird. Das Ich richtet seinen Blick nach vorne: nicht nur, was der Stern war oder ist, sondern was er „jemals“ tun könnte, wird zur entscheidenden Bedingung.

Vers 40: Jemals weg von mir sich kehren

Beschreibung: „Jemals weg von mir sich kehren“ führt die Bedingung aus: Gemeint ist der Fall, dass der Stern sich irgendwann einmal „weg von mir“ kehrt – sich also abwendet. Hier wird eine mögliche künftige Distanzierung des Sterns vom Sprecher formuliert.

Analyse: Das Adverb „jemals“ weitet die Bedingung zeitlich maximal aus: Es genügt, wenn der Stern sich irgendwann in der Zukunft von ihm abwendet; es geht nicht um ein bestimmtes Datum, sondern um die prinzipielle Möglichkeit der Abkehr. Die reflexive Form „sich kehren“ betont die Aktivität und Willensrichtung des Sterns; „weg von mir“ markiert das Ich als Bezugspunkt, von dem der Stern sich abwendet. Semantisch setzt sich damit die Linie fort: Der Stern ist nicht mehr nur Naturerscheinung, sondern ein personalisiertes Gegenüber, das Zuwendung und Abwendung vollziehen kann.

Interpretation: Der Vers formuliert eine Grundangst des Liebenden in äußerster Zuspitzung: dass das Du sich einmal von ihm abwendet. Das „jemals“ zeigt, wie wenig Sicherheit das Ich empfindet; jeder mögliche Zeitpunkt der Zukunft ist mit dieser Gefahr aufgeladen. Die Abkehr ist hier nicht als Wegreißen von außen (wie in Strophe 1), sondern als eigene Bewegung des Sterns gedacht: Er könnte sich entscheiden, „weg von mir“ zu kehren. Diese Vorstellung trifft das Ich im Kern – denn sie stellt seine gesamte Existenzform in Frage, die darauf beruht, im Blick, im Licht, in der Nähe dieses Sterns zu stehen. In der Logik des Gedichts wäre eine solche Abkehr so etwas wie der metaphysische Super-GAU der Beziehung.

Vers 41: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt die Bedingung ab: Wenn der Stern sich jemals von ihm abwendet, will das Ich einsam zugrunde gehen.

Analyse: Der Vers übernimmt, in direkter Parallelität, die Antwortstruktur, die schon in allen vorangegangenen Strophen zu beobachten war. Wieder wird eine neue Variante des Sternverlustes – diesmal als aktive Abkehr des Sterns – mit derselben Konsequenz verknüpft. Formal zeigt die starre Wiederkehr des Refrains, wie jede mögliche Konstellation (gerissen, letzter Gruß, kein Geleit, kein Tau, kein Friedensbote, Abkehr) in denselben Schluss mündet. Sprache und Struktur erzwingen das Ergebnis: Untergang.

Interpretation: In dieser Variante wird die Bedingung noch stärker auf den Willensakt des Gegenübers zugespitzt: Wendet sich der Stern einmal bewusst ab, ist für das Ich jede Lebensperspektive erledigt. Der Untergang ist hier nicht nur Reaktion auf einen abstrakten Verlust, sondern direkte Antwort auf eine persönliche Zurückweisung. Das Ich knüpft sein Dasein vollständig an die fortgesetzte Zuwendung des Sterns: Solange dieser ihm zugewandt bleibt, ist Leben möglich; wenn er sich abkehrt, will es nicht weiterleben. Der Vers macht noch einmal unmissverständlich klar, wie absolut das Ich die Liebe gesetzt hat: sie ist nicht nur wichtig, sondern Bedingung der Möglichkeit seines Seins.

Vers 42: Wie der Trost in stummen Schmerzen.

Beschreibung: „Wie der Trost in stummen Schmerzen.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab: Das einsame Untergehen wird nun mit dem Verschwinden oder Vergehen des „Trostes“ in „stummen Schmerzen“ verglichen.

Analyse: Die Bildgebung wechselt von der kosmischen Naturmetapher (Mond in wüsten Meeren) zu einem stark innerlich-seelischen Bild. „Trost“ bezeichnet die lindernde, aufrichtende Kraft, die Leid erträglich macht; „stumm(e) Schmerzen“ markieren eine Schmerzerfahrung ohne Sprache, ohne Ausdruck, ohne Klage. Der Vergleich setzt stillschweigend eine Bewegung voraus: Trost, der in solchen „stummen Schmerzen“ verschwindet, nicht mehr wirkt, sich quasi auflöst. Formal entspricht der Vers den Schlussbildern der früheren Strophen; er beendet die Strophe mit einer dichten, abstrakteren Metapher.

Interpretation: Hier wird der Untergang des Ich ganz in die innere, psychische Sphäre verlegt. Wie „der Trost in stummen Schmerzen“ verschwindet, so will es untergehen. Der entscheidende Akzent liegt auf der Kombination aus Trostverlust und Sprachlosigkeit: „stumm“ sind Schmerzen, wenn sie niemandem mitgeteilt werden, wenn sie keine Stimme, keinen Ausdruck mehr finden, wenn sie in sich selbst gefangen sind. Trost kann in einer solchen Situation nicht mehr greifen – er wird vom Schweigen der Schmerzen gleichsam verschluckt. Übertragen auf das Ich heißt das: Wenn der Stern sich jemals abkehrt, geht nicht nur das Licht, die Führung, der Frieden verloren, sondern auch der Trost selbst: es bleibt ein stummer Schmerz, in dem jedes tröstende Wort, jede lindernde Bewegung versinkt. Das Ich sieht seinen Untergang dann nicht mehr nur als körperliches oder kosmisches Ereignis, sondern als inneren Zustand maximaler Trostlosigkeit und Verstummung. Das Bild beschreibt einen Nullpunkt der Kommunikation: Wo keine Sprache mehr ist, kann auch kein Trost mehr sein – und in diese Leere hinein will das Ich verschwinden.

Gesamtdeutung der Strophe 7

Die siebte Strophe führt die Bewegung der vorangegangenen Strophen in eine besonders scharf konturierte Konstellation von Zuwendung und Abkehr, Trost und Trostverlust, Sprache und Verstummen. Formal folgt sie genau dem bekannten Muster: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet die Strophe, das zuletzt gesetzte Vergleichsbild („Wie der Mond in wüsten Meeren“) wird wieder aufgegriffen, eine neue Bedingungsformel mit dem Stern wird eingeführt und durch die Refrainzeile abgeschlossen, schließlich setzt ein neues, starkes Vergleichsbild den Schluss. Die Kettenstruktur zeigt sich unverändert: Was am Ende einer Strophe als Bild und Stimmung formuliert wurde, wird am Anfang der nächsten zum Rahmen, in dem die folgende Variante der Stern-Beziehung durchgespielt wird.

Inhaltlich verschiebt sich der Fokus erneut, und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen geht es jetzt ausdrücklich um die aktive Abkehr des Sterns: „Wird der Stern, den ich gesehen, / Jemals weg von mir sich kehren“. Die Katastrophe wird hier nicht mehr nur als Verlust durch äußere Gewalt (Gerissenwerden), als ausbleibendes Geleit, als versiegender Tau, als schwindende Friedensbotschaft erzählt, sondern als freier, eigener Willensakt des Gegenübers: Der Stern könnte sich, irgendwann, „weg von mir“ wenden. Damit wird die Verletzung noch persönlicher und schärfer. Das Ich muss die Möglichkeit einkalkulieren, dass genau diejenige Instanz, an die es sein ganzes Sein gebunden hat, sich eines Tages von ihm abkehrt. Die Bedingung formuliert damit im Kern die Angst vor der Zurückweisung, vor dem Verlassenwerden – nicht abstrakt, sondern durch das eine Du, auf das alles gesetzt ist.

Zum anderen wechselt das Schlussbild von der kosmisch-naturhaften Ebene (Mond und Meere) zur innerlich-seelischen und sprachlichen: „Wie der Trost in stummen Schmerzen“. Dieser Vergleich spiegelt die gesamte Konstellation im Inneren: Wenn der Stern sich abkehrt, verliert das Ich nicht nur Licht, Orientierung, Frieden, sondern auch jedes tröstende Wort. Es bleibt mit „stummen Schmerzen“ zurück – Schmerzen, die nicht mehr gesagt, nicht mehr geteilt werden können. In solchen Schmerzen geht Trost unter wie ein Ton in einem zu dichten Geräusch, wie ein Licht in einer übermächtigen Finsternis. Das Bild ist raffiniert, weil es den Untergang nicht mehr als äußeren Prozess, sondern als inneres Verstummen beschreibt: Der Trost ist nicht einfach nicht da; er kann in solchen stummen Schmerzen gar nicht mehr wirksam werden. Der Untergang des Ich ist damit der Untergang jeder tröstenden Sprache.

Die Strophe stellt so eine weitere, radikalisierte Gleichung her: Abkehr des Sterns = Verschwinden des Trostes = stumme Schmerzen = einsamer Untergang. Während frühere Strophen das Geleit, den Tau, den Blick, die Friedensbotschaft variieren, bündelt Strophe 7 diese Motive in einem inneren Bild: Trost ist die Wirkung all dieser Zuwendungen; wenn der Stern sich abkehrt, bleibt nur Schmerz ohne Stimme, ohne Form. Die Kettenform des Gedichts erhält an dieser Stelle eine zusätzliche Tiefendimension: Das Gedicht selber ist ja Rede, ist Sprache, ist Lied – es ist der Versuch, Schmerzen nicht stumm sein zu lassen. In dem Moment aber, da das Ich sich einen Zustand vorstellt, in dem der Stern sich abwendet und der Trost „wie in stummen Schmerzen“ untergeht, beschreibt es einen Punkt, an dem selbst Dichtung an ihre Grenze käme. Das Kettenlied ist gewissermaßen die letzte Sprachbewegung vor dieser drohenden Stummheit.

Vor diesem Hintergrund erscheint die siebte Strophe als Schnittstelle zwischen der großen kosmischen Einsamkeitsmetaphorik („Mond in wüsten Meeren“) und der radikal innerlichen Erfahrung „stummer Schmerzen“. Die Abkehr des Sterns, die zeitlich durch das „jemals“ ins Offene gestellt ist, verbindet kosmische Verlassenheit und psychische Verstummung zu einem einzigen Untergangsbild. Dass das Ich dies erneut mit der Refrainformel „Will ich einsam untergehen“ beantwortet, zeigt: Es sieht für sich keinen anderen Umgang mit einer solchen Gesamtverweigerung als die Verweigerung des eigenen Weiterlebens. In der Gesamtbewegung des Gedichts ist diese Strophe damit ein weiterer Schritt in die Verdichtung: Die äußeren Bilder (Pilger, Bettler, Sklave, Schwan, Mond) und die inneren Zustände (Dornenbett, Friedensverlust, Trostlosigkeit) rücken immer enger zusammen. Der Mensch, der hier spricht, sieht sich in einem Geflecht von Liebe, Schuld und Sehnsucht, das so absolut auf den Stern hin konzentriert ist, dass jede denkbare Abkehr dieses Sterns ihn in „stumme Schmerzen“ stürzte, in denen Trost – und mit ihm jede Sprache außer dieser einen Kettenrede – untergeht.

Strophe 8

Vers 43: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die achte Strophe mit der bereits vertrauten Grundformel. Wieder erklärt der Sprecher seinen Willen, einsam zugrunde zu gehen, ohne an dieser Stelle schon eine neue Bedingung zu nennen.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Anfangsverse der vorangegangenen Strophen und bestätigt damit endgültig seine Funktion als refrainsartige Grundachse des Gedichts. Die Abfolge „Einsam – will ich – untergehen“ steht im nun fest eingerasteten vierhebigen Liedvers und wirkt durch die ständige Wiederkehr wie eine Gelübdeformel, die die innere Sprechbewegung strukturiert. Gerade nach der vorangegangenen Verdichtung von Trostverlust und stummen Schmerzen trägt dieser Vers jetzt eine zusätzliche Schwere: Er ist nicht nur Auftakt, sondern kondensierter Ausdruck des bisher Gesagten.

Interpretation: Dass der Sprecher diesen Satz nun wiederholt, macht deutlich, wie sehr er das eigene Schicksal in dieser Formel fixiert hat. Das „einsame Untergehen“ ist längst nicht mehr nur spontane Affektäußerung, sondern identitätsstiftendes Programm. Im Anschluss an die vorherige Strophe, in der „Trost in stummen Schmerzen“ untergeht, wirkt der Vers wie ein neuer, bewusster Schritt hinein in diese Trostlosigkeit: Das Ich bestätigt sich selbst nochmals, dass es sein Ende in radikaler Vereinzelung annehmen will – und kann sich innerlich offenbar keinen anderen Ausgang mehr vorstellen.

Vers 44: Wie der Trost in stummen Schmerzen

Beschreibung: „Wie der Trost in stummen Schmerzen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der siebten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird mit dem Verschwinden des Trostes in stummen Schmerzen verglichen.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 42 und zeigt damit das Kettenprinzip: Das Bild, das eben erst den Abschluss bildete, wird nun zum Anfangsbild. Semantisch bleibt die Konstellation gleich: „Trost“ steht für lindernde, helfende, sinngebende Kraft; „stumme Schmerzen“ bezeichnen einen Zustand, in dem Leid keine Sprache mehr findet. Die Stellung direkt nach dem Refrain verbindet den Untergangswillen des Ich mit dieser inneren Szene: Untergehen „wie der Trost in stummen Schmerzen“ bedeutet, sich in eine Zone hinein zu verabschieden, wo jede lindernde Kraft inzwischen versunken ist.

Interpretation: Durch die erneute Hervorhebung dieses Bildes wird der Untergang jetzt ausdrücklich als ein Prozess der Ent-trostung und der Verstummung gedeutet. Das Ich will untergehen so, wie Trost verschwindet, wenn Schmerzen so tief, so stumm werden, dass sie keinen Ausdruck mehr finden. Der Vergleich verlegt den Untergang damit ganz in den inneren Seelenraum: Nicht mehr die äußere Welt, sondern die innere Sprachlosigkeit, in der kein Trost mehr greifen kann, wird zum eigentlichen Schauplatz. Das Ich schreibt sich in die Figur eines Menschen ein, dessen Schmerzen so radikal geworden sind, dass sie jede tröstende Rede verschlingen – und dessen Untergang diesem inneren Prozess entspricht.

Vers 45: Sollt' den Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Sollt' den Stern, den ich gesehen“ leitet eine neue Bedingung ein, diesmal mit der Form „Sollt’ … jemals …“. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; nun wird er mit der Möglichkeit verbunden, dass „meine Schuld“ ihn verscherzt.

Analyse: Grammatisch handelt es sich um eine verkürzte Konjunktiv-II-Konstruktion: „Sollte… jemals…“ – hier als „Sollt’“ zusammengezogen. Sie setzt einen hypothetischen, aber ernst gedachten Fall: Wenn es geschehen sollte, dass… Der Relativsatz „den ich gesehen“ bindet den Stern erneut an die persönliche Erfahrung des Ich. Wichtig ist, dass nun nicht ein Tun oder Wille des Sterns im Vordergrund steht, sondern „meine Schuld“, die im folgenden Vers als verursachende Kraft benannt wird. Die Satzstruktur öffnet den Raum für eine mögliche Selbstverschuldung des Verlustes.

Interpretation: Mit diesem Vers verschiebt sich der Fokus deutlich: Nicht mehr nur die Gefahr, dass der Stern sich abwendet, nicht mehr äußere Gewalt oder bloße Veränderung stehen im Zentrum, sondern die Möglichkeit, dass die eigene Schuld des Ich den Stern kosten könnte. Das Ich zieht sich selbst zur Verantwortung: Es ist nicht mehr nur Opfer möglicher äußeren Umstände, sondern fürchtet, durch eigenes Fehlverhalten den Stern verspielt zu haben oder verspielen zu können. Der Vers stellt damit einen Übergang von der reinen Verlassenheitsangst zur Schuldangst her – ein Kernmoment im inneren Drama des Gedichts.

Vers 46: Jemals meine Schuld verscherzen

Beschreibung: „Jemals meine Schuld verscherzen“ vollendet den Bedingungssatz und bringt ihn auf den Punkt: Es geht um den Fall, dass „meine Schuld“ den Stern „jemals“ verscherzt, also verspielt, verwirkt. Die eigene Schuld würde zum Grund des Verlusts.

Analyse: Das Adverb „jemals“ weitet die Bedingung zeitlich aus: Es genügt, dass irgendwann, in der Vergangenheit oder in der Zukunft, Schuld sich so aufbaut, dass der Stern verloren geht. Das Verb „verscherzen“ ist deutlich: Es meint ein leichtsinniges, schuldhaftes Verwirken von etwas Wertvollem, das man eigentlich hätte bewahren sollen. Subjekt der Konstruktion ist „meine Schuld“; sie wird als handelnde Größe personifiziert, die den Stern „verscherzt“. Semantisch werden damit moralische Kategorien ins Spiel gebracht: Verantwortung, Verfehlung, Verwirkung. Nicht „Schicksal“ oder „Sternenlauf“, sondern Sünde und Schuld erscheinen als gefährliche Kräfte.

Interpretation: Der Vers formuliert die vielleicht schmerzlichste Variante der Bedingung: dass der Verlust des Sterns nicht bloß geschieht, sondern zu Recht geschieht – weil „meine Schuld“ ihn verscherzt. Damit rückt das Ich in eine Bußperspektive: Es sieht sich selbst als moralisch Angeklagten, als jemanden, der das, was ihm an Liebe und Gnade geschenkt wurde, durch eigenes Versagen verspielen könnte. Die Angst vor Verlassenheit verschränkt sich hier mit der Angst vor gerechtem Urteil. In der Tiefe steht die Frage: Habe ich den Stern, die Liebe, die Gnade verdient, oder werde ich sie nach Recht und Billigkeit verlieren? Der Vers macht deutlich: Das Ich trägt die Möglichkeit, an sich selbst schuldig zu werden, ganz bewusst mit – und verbindet sein Schicksal mit dieser inneren Anklage.

Vers 47: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel erneut und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern jemals durch „meine Schuld“ verscherzt wird, will das Ich einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur entspricht derjenigen aller vorangegangenen Strophen: Eine neue Variante der Bedrohung (hier: Schuldverspielung) wird mit derselben Konsequenz verknüpft. Dadurch verfestigt sich der Eindruck eines inneren Automatismus: Welche Form der Sternentziehung auch immer eintritt – äußere Gewalt, Abkehr, Versiegen des Trostes, moralische Verwirkung –, die Antwort bleibt stets dieselbe. Form und Inhalt verschränken sich: Die starre Wiederholung des Refrains bildet die „Kette“, an der das Ich sich selbst festbindet.

Interpretation: Dass der Sprecher auch den Fall, dass er durch eigene Schuld den Stern verliert, mit dem Entschluss zum einsamen Untergang beantwortet, zeigt, wie absolut und bedingungslos sein Inneres inzwischen auf diese Formel eingestellt ist. Er nimmt nicht nur den Verlust als Katastrophe wahr, sondern auch die eigene Mitverantwortung daran – und verweigert sich zugleich der Vorstellung, mit dieser Schuld weiterzuleben. Das „einsame Untergehen“ wird damit auch zur Reaktion auf moralische Selbstverurteilung: Ein Ich, das sich schuldig weiß, den Stern verspielt zu haben, sieht für sich keinen anderen Weg mehr als den Rückzug ins Nichts.

Vers 48: Wie mein Herz in deinem Herzen.

Beschreibung: „Wie mein Herz in deinem Herzen.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird jetzt mit dem Schicksal von „mein Herz in deinem Herzen“ verglichen – also mit einem Herz, das in einem anderen Herzen aufgeht, sich darin verliert oder darin ruht.

Analyse: Der Vers wechselt von abstrakten, kosmischen und seelischen Bildern (Mond, Trost, stumme Schmerzen) zu einem höchst intimen, körperlich-seelischen Bild: „mein Herz“ – „dein Herz“. Zum ersten Mal tritt das „dein“ so offen in die Formulierung dieses Grundvergleichs ein und adressiert das Du direkt. Das Bild „Herz in deinem Herzen“ evoziert Nähe, Durchdringung, Verschmelzung: Das Ich-Herz befindet sich im Herz des Anderen; es ist in ihm enthalten, von ihm umschlossen. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder und wird in der folgenden Strophe wieder aufgegriffen werden; inhaltlich ist er eine deutliche Steigerung der Intimität.

Interpretation: Mit diesem Bild bricht das Gedicht eine überraschende Spannung auf: Das „einsame Untergehen“ wird mit etwas verglichen, das eigentlich maximale Vereinigung bedeutet – dem Aufgehen des eigenen Herzens im Herzen des Du. Der Untergang ist nicht mehr nur Bild für Verlöschen, sondern gleichzeitig Bild für radikale Einwohnung beim Anderen, für ein Sich-Verlieren in seiner Innerlichkeit. Man kann das Bild doppelt lesen: Zum einen mystisch-poetisch als unio, in der das Ich in der Geliebten aufgeht, seine isolierte Existenz aufgibt und so gerade im Untergang seine Erfüllung erfährt. Zum anderen tragisch: Wenn das Ich-Herz ganz im Herzen des Du ruht, ist es in seiner Selbstständigkeit verschwunden; es hat sich selbst so vollständig dem Anderen überantwortet, dass es ohne diesen nicht mehr existieren kann. In beiden Deutungen kippt das Bild die Einsamkeit in eine paradoxe Konstellation: Das Ich ist im Untergang einsam – und zugleich so tief beim Du, dass sein eigenes Herz nur noch in dessen Herz zu denken ist. Liebe erscheint hier als Einigung, die das Ich zugleich rettet und auslöscht.

Gesamtdeutung der Strophe 8

Die achte Strophe stellt einen wichtigen Einschnitt in die innere Logik des Gedichts dar, weil sie das Motiv der Schuld ausdrücklich ins Zentrum der Bedingung rückt und zugleich im Schlussbild eine der intimsten Liebesmetaphern des ganzen Textes einführt. Formal bleibt die Kettenstruktur vollkommen intakt: Refrainvers und wiederaufgenommenes Schlussbild („Wie der Trost in stummen Schmerzen“) stehen am Anfang, eine neue Bedingungsformel mit dem Stern folgt, der Refrain schließt die Bedingung ab, und ein neues Vergleichsbild beschließt die Strophe. Damit wird die Bewegung der vorangegangenen Strophen fortgesetzt – aber inhaltlich erhält sie eine neue Tiefenschicht.

Bislang wurde die Bedrohung des Sternverhältnisses vor allem von außen oder vom Willen des Sterns her gedacht: Der Stern könnte „vom Himmel gerissen“ werden, „nicht mehr Geleit geben“, „nicht mehr niedertrauen“, aufhören, „Friedensbote“ zu sein, oder sich „jemals weg von mir kehren“. In Strophe 8 verschiebt sich die Perspektive deutlich nach innen: „Sollt’ den Stern, den ich gesehen, / Jemals meine Schuld verscherzen“. Hier ist es nicht mehr primär das Du oder das Schicksal, sondern „meine Schuld“, die zur zentralen Gefahr wird. Das Ich erkennt sich selbst als mögliche Ursache des Verlustes: Es könnte den Stern, die Liebe, die Gnade durch eigene Verfehlung verspielen. Damit wird das Gedicht deutlich zur Bußszene: Die Angst vor Verlassenheit verbindet sich mit der Angst, diesen Verlust verdient, ja schuldhaft herbeigeführt zu haben.

Die Wortwahl „verscherzen“ unterstreicht dies. Sie trägt einen Beigeschmack von Leichtsinn, Verfehlung, moralisch zweifelhafter Handlung: Was man „verscherzt“, hätte man achten und hüten sollen. Der Stern erscheint dadurch nicht nur als Geschenk, sondern als anvertrautes Gut, das man bewahren sollte – und das man durch Schuld verlieren kann. Der Sprecher stellt sich selbst vor einen inneren Richterstuhl: Wenn ich durch meine Schuld den Stern verwirke, kann ich mit mir nicht weiterleben. Der wiederholte Refrain „Will ich einsam untergehen“ gewinnt so eine zusätzliche Färbung: Er ist nicht nur Antwort auf erlittene Verlassenheit, sondern auch auf eine tief empfundene Selbstanklage.

Gleichzeitig führt die Strophe im Schlussbild eine neue, überraschend zarte und zugleich radikal ambivalente Metapher ein: „Wie mein Herz in deinem Herzen“. Nachdem das vorhergehende Vergleichsbild („wie der Trost in stummen Schmerzen“) die totale Trostlosigkeit und innere Sprachlosigkeit formulierte, steht hier plötzlich das Bild maximaler Innerlichkeit und Nähe. Das eigene Herz im Herzen des Du – das ist die Vision einer Liebe, die keinen Abstand mehr kennt, in der das Ich bei der Geliebten aufgehoben ist wie in einem innersten Schutzraum. Doch gerade als Vergleich für das „einsame Untergehen“ wirft diese Metapher Fragen auf: Untergehen wie mein Herz in deinem Herzen – heißt das, das Ich stirbt in dieser Vereinigung, verliert seine eigenständige Existenz und geht ganz in der Geliebten auf? Oder heißt es, dass sein Untergang gerade darin besteht, dass sein Herz zwar dort sein will, aber faktisch in der Einsamkeit verharrt, weil dieser Zustand nicht wirklich erreicht ist?

Die Strophe lässt diese Ambivalenz bewusst bestehen. Einerseits könnte man sagen: In der Perspektive des Ich wäre der einzige sinnvolle Untergang derjenige, in dem es ganz in der Geliebten aufgeht – in dem sein Herz im Herzen des Du ruht. Das wäre eine mystisch-liebende unio, in der Einsamkeit nicht mehr soziale Isolation bedeutet, sondern die Aufgabe des getrennten Ich-Seins in einer absoluten Beziehung. Andererseits bleibt der Ton des Gedichts von Schuld, Trostverlust und Verlassenheitsangst geprägt. Dann wäre das Bild „mein Herz in deinem Herzen“ eher die sehnsüchtige, vielleicht unerfüllte Vision, die dem Untergang gegenübersteht: So sollte es eigentlich sein – aber gerade weil es so nicht ist, will das Ich untergehen. In diesem Spannungsfeld gewinnt die Strophe eine eigentümliche Tiefe: Sie zeigt einen Menschen, der sich vor Gott bzw. vor seinem Stern als schuldig weiß, der fürchtet, das Geschenk der Liebe verspielt zu haben, und dessen letzte Hoffnung darin liegt, doch noch in der Geliebten „aufgehoben“ zu sein – selbst wenn dies Aufgehobensein nur im Modus des Untergangs vorstellbar ist.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 8 damit eine innere Verdichtung: Die äußeren Konstellationen des Verlusts sind durchgespielt; nun tritt das Ich selbst als verantwortlicher, schuldiger, bußbereiter Akteur hervor. Die Liebe ist nicht nur Trost und Gnade, sondern auch Aufgabe, Verantwortung. Gleichzeitig wird die Beziehung in einer neuen Intimität formuliert: „mein Herz – dein Herz“. Damit ist der Grundkonflikt des Gedichts zugespitzt: Ein Ich, das sein ganzes Sein in das Herz eines Du gelegt hat, fürchtet, diese Beziehung durch Schuld zu verspielen – und sieht in der Folge keinen anderen Weg, als einsam zu untergehen, eben wie dieses Herz, das in der Geliebten aufgehoben ist und darin zugleich seine eigene Selbstständigkeit aufgibt. Die Strophe macht so die dramatische Verflechtung von Schuld, Liebe und der Sehnsucht nach radikaler Einwohnung im Anderen sichtbar, die sich durch das ganze Kettenlied zieht.

Strophe 9

Vers 49: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die neunte Strophe mit der bereits etablierten Grundformel. Das lyrische Ich bekräftigt erneut seinen Willen, einsam zugrunde zu gehen; an dieser Stelle steht der Vers noch ohne konkrete neue Bedingung im Raum.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Anfangsverse der vorangehenden Strophen und setzt den vierhebigen, liedhaften Grundton fort. Die Stellung von „Einsam“ am Versanfang, gefolgt von „will ich“ und „untergehen“, hat sich längst als unverrückbare Grundachse des Gedichts etabliert. Nach der Schuld- und Einwohnungsfigur der achten Strophe trägt dieser Vers nun erneut eine Verdichtung der vorausgegangenen Motive in sich, er fungiert als Anker, an dem die neue Variation des Sternverhältnisses aufgehängt wird.

Interpretation: Dass das Ich diesen Satz inzwischen routiniert und doch mit unveränderter Schärfe wiederholt, macht deutlich, wie sehr es sich in diesem Programm eingeschlossen hat. Der Vers ist, psychologisch betrachtet, zu einem inneren Mantra geworden, mit dem der Sprecher sich seinen Entschluss immer wieder vorsagt. Im Horizont der vorangegangenen Strophe ist dieses „einsame Untergehen“ nun auch durch Schuldangst und Sehnsucht nach völliger Einwohnung im Du gefärbt: Das Ich denkt sein Ende unlösbar verschränkt mit der Beziehung, die es zum Stern und zur Geliebten aufgebaut hat, und kann keinen anderen Ausweg mehr imaginieren.

Vers 50: Wie mein Herz in deinem Herzen

Beschreibung: „Wie mein Herz in deinem Herzen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der achten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird abermals mit der Situation verglichen, dass „mein Herz“ in „deinem Herzen“ ist.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 48 und führt damit das Kettenprinzip fort: Das letzte Bild der vorhergehenden Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. Inhaltlich bleibt die starke Intimitätsmetapher unverändert; formal bildet sie gemeinsam mit Vers 49 den ersten Zweizeiler der Strophe. Im Unterschied zu den früheren Bildern (Pilger, Bettler, Sklave, Mond, Trost) handelt es sich hier um eine ausdrücklich du-bezogene, unmittelbare Ich-Du-Metapher, die den Untergang von vornherein in eine innere Liebeseinheit hinein stellt.

Interpretation: Das Ich hält den Vergleich fest, der seinen Untergang paradox mit maximaler Vereinigung deutet: „Wie mein Herz in deinem Herzen“. Damit wird noch einmal betont, dass die eigene Existenz nur noch als in das Du eingelegt vorstellbar ist. Untergehen wie das eigene Herz im Herzen der Geliebten heißt: das eigene, isolierte Ich-Dasein aufgeben, um ganz in der Innerlichkeit des Anderen aufzugehen. Zugleich bleibt der Schatten der vorhergehenden Schuldformel präsent: Dieses Herz, das im Du ruht, könnte zugleich das Herz eines Schuldigen sein, der sich nur in dieser Einwohnung überhaupt noch halten kann. Der Vers stellt den Rahmen der neunten Strophe damit auf eine doppelte Grundspannung: radikale Nähe und drohende Selbstaufgabe.

Vers 51: Kehrt der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Kehrt der Stern, den ich gesehen“ leitet eine neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum, diesmal verbunden mit der Möglichkeit, dass er sich abwendet („kehrt“), also seine Richtung ändert.

Analyse: Grammatisch handelt es sich wieder um eine wenn-dann-Konstruktion ohne explizites „wenn“: „Kehrt der Stern … kalt sich ab …, will ich … untergehen.“ Das Verb „kehrt“ – reflexiv ausgestaltet in Verbindung mit Vers 52 – knüpft an den Abkehrgedanken der siebten Strophe an („sich kehren“), bekommt hier aber durch die direkte Stellung am Satzanfang besondere Betonung. Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert den Stern abermals in der Erinnerung des Ich: Es handelt sich um denjenigen Stern, der dem Sprecher einmal aufgegangen ist und sein Leben geprägt hat.

Interpretation: Der Vers ruft die Vorstellung einer erneuten oder endgültigen Abwendung des Sterns auf, diesmal noch enger an die subjektive Erfahrung gebunden. Dass das Ich dazu „den ich gesehen“ hinzufügt, betont: Dies ist nicht irgendein Stern, sondern der eine, der sein Leben erleuchtet hat. Gerade an diesem „gesehene(n)“ Stern hängt nun die Angst, er könne sich abwenden. Die Konstellation verschärft die Verletzlichkeit des Ich: Es ist nicht nur auf das Licht angewiesen, sondern speziell auf diesen einmal erfahrenen Stern, dessen Abkehr ein tiefes, biographisch besetztes Verlassenwerden bedeutet.

Vers 52: Kalt sich ab von meinen Schmerzen

Beschreibung: „Kalt sich ab von meinen Schmerzen“ vervollständigt den Bedingungssatz und konkretisiert die Abkehr: Der Stern könnte sich „kalt“ von den „meinen Schmerzen“ abwenden. Der Vers fügt dem Motiv der Abkehr die Qualifikation der Kälte und die explizite Bezugnahme auf das Leiden des Ich hinzu.

Analyse: Die Wortstellung „kalt sich ab“ fällt auf: Das Adverb/Adjektiv „kalt“ steht vor dem reflexiven Verbteil und färbt die ganze Bewegung. „Abkehren“ wird nicht neutral, sondern als gefühllose, harte Bewegung beschrieben. Der Ausdruck „von meinen Schmerzen“ macht deutlich, wovon genau sich der Stern abwendet: nicht nur vom Ich allgemein, sondern von dessen Leid. Das Leid wird damit explizit als Bezugspunkt der Beziehung gesetzt. Semantisch verdichten sich hier mehrere Linien: Abkehr, Gefühllosigkeit, ignorierter Schmerz.

Interpretation: Dieser Vers formuliert eine besonders schmerzhafte Variante der Verlassenheit: Nicht nur, dass der Stern sich abkehrt; er tut es „kalt“ – ohne Mitleid, ohne Anteilnahme, ohne inneres Bewegtsein durch das Leiden des Ich. Das, was zuvor im Bild des „Dornenbetts“ und des „Friedensboten“ als geteiltes, angesehenes, getröstetes Leid gedacht war, steht hier als isolierter Schmerz vor einer nun indifferenten, erstarrten Instanz. Psychologisch trifft das den Kern einer Erfahrung, die für das Ich offenbar unerträglich wäre: Dass sein Leiden nicht nur ungeteilt, sondern auch unberührt von dem bleibt, an den es seine ganze Hoffnung auf Verständnis und Trost gebunden hat. In dieser Kälte wird der Stern beinahe zur Richter- oder Verwerfungsgestalt – oder zumindest zu einem Du, das sich dem Leid entzieht.

Vers 53: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt den Refrain und schließt die Bedingung ab: Wenn der Stern sich kalt von seinen Schmerzen abkehrt, will das Ich einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur bleibt unverändert: Eine neue, leicht variierte Bedrohungsfigur mündet in die identische Antwortformel. Hier fällt auf, wie dicht die semantische Verbindung ist: Auf die Kälte der Abkehr („kalt sich ab von meinen Schmerzen“) folgt unmittelbar der Entschluss zum Untergang. Die starre Wiederholung des Refrains verstärkt das Gefühl eines inneren Automatismus: Das Ich hat seine Reaktionsmöglichkeiten auf einen einzigen Satz reduziert. Form und Inhalt verschmelzen in der Kettenstruktur: Egal, wie der Stern sich entzieht, der Refrain zieht immer dieselbe Konsequenz.

Interpretation: In dieser Konstellation bekommt der Refrain noch einmal eine zusätzliche Schattierung: Das „einsame Untergehen“ ist nun nicht nur Antwort auf Verlust, Schuld oder Friedenentzug, sondern explizit Antwort auf kalte Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schmerz. Das Ich kann sich offenbar eher mit Leiden, Schuld und Buße arrangieren als mit der Vorstellung, dass das zentrale Du von seinen Schmerzen ungerührt bleibt. Trostlosigkeit wird hier auf den Punkt gebracht: Ein Leben, in dem der eigene Schmerz niemanden mehr – und vor allem nicht diesen Stern – erreicht, ist für das Ich nicht mehr lebenswert. Der Refrain markiert also die Grenze dessen, was er zu tragen bereit ist.

Vers 54: Wie mein Blick in deinen Blicken.

Beschreibung: „Wie mein Blick in deinen Blicken.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab. Das einsame Untergehen wird nun mit dem Schicksal von „mein Blick in deinen Blicken“ verglichen – also mit der Art und Weise, wie der Blick des Ich sich in den Blicken des Du verliert, aufgeht oder verglimmt.

Analyse: Der Vers rückt von der Herzmetaphorik zur visuellen, dialogischen Nähe: „mein Blick“ – „deine Blicke“. Die Mehrzahl „Blicken“ lässt an wiederholte, wechselnde, lebendige Blickkontakte denken. Das Bild entwirft eine Szene intensiver wechselseitiger Wahrnehmung; zugleich bleibt offen, ob „mein Blick in deinen Blicken“ eher ein Aufgehen, Eintauchen, Versinken oder ein Untergehen im Sinn von Verlöschen meint. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die zugleich eine neue Strophe vorbereiten; inhaltlich knüpft er an die bereits zuvor wichtige Blicksymbolik an (Stern blickt auf Dornenbett, Stern kehrt sich ab).

Interpretation: Mit diesem Bild verschiebt das Gedicht den Fokus vom Herzen – dem innersten Sitz der Gefühle und der Schuld – zum Blick als Ort der Begegnung, der Anerkennung und der wechselseitigen Spiegelung. „Wie mein Blick in deinen Blicken“ kann zweifach gelesen werden: Zum einen als Bild der vollkommenen Versenkung, in der der eigene Blick sich im Blick des Anderen verliert, aufgehoben und aufgenommen wird. Untergehen wie mein Blick in deinen Blicken hieße dann: Das Ich geht im Du auf, indem seine Wahrnehmung sich ganz auf dessen Augen konzentriert und darin gewissermaßen verschwindet. Zum anderen kann man das Bild tragisch wenden: Wenn der Stern sich „kalt“ abkehrt, bleibt der Blick des Ich im Leeren hängen, findet keine Antwort mehr, „vergeht“ in einem Blickfeld, das ihn nicht mehr erwidert. In dieser Lesart würde der eigene Blick zwar in den „deinen Blicken“ verschwinden, aber nicht als Erfüllung, sondern als Auslöschung. Beide Lesarten machen deutlich, wie zentral der Blick für das Selbstverständnis des Ich ist: Es definiert sich als gesehen und als sehendes Wesen – und sein Untergang wird mit dem Schicksal dieses Blickes verglichen.

Gesamtdeutung der Strophe 9

Die neunte Strophe führt die innere Bewegung des Gedichts an einen Punkt, an dem die Themen Schuld, Trostlosigkeit und Liebesbindung im Modus des Blickes besonders scharf zusammenlaufen. Formal bleibt alles im vertrauten Muster: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet die Strophe, das Schlussbild der vorherigen Strophe („Wie mein Herz in deinem Herzen“) wird übernommen und mit dem Refrain verbunden, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern wird formuliert („Kehrt der Stern … kalt sich ab von meinen Schmerzen“), der Refrain schließt, und ein neues Vergleichsbild („Wie mein Blick in deinen Blicken“) setzt den Schluss. Die Kettenstruktur ist also ungebrochen; sie drängt das Ich dazu, immer neue Varianten derselben Grundkatastrophe zu denken.

Inhaltlich verschiebt sich der Schwerpunkt gegenüber der achten Strophe: Dort stand die Schuldangst im Zentrum – die Furcht, der Stern könnte „jemals meine Schuld verscherzen“. Nun wird die seelische Konstellation weiter differenziert, indem das Augenmerk auf die Qualität der Reaktion des Sterns gelegt wird. „Kehrt der Stern, den ich gesehen, / Kalt sich ab von meinen Schmerzen“ – das ist nicht bloß Verlassenheit, sondern eine spezifische Form der emotionalen Distanz: Kälte. Die Leidensgeschichte des Ich, die sich in den Bildern von Dornenbett, Kranz von Schmerzen, Trostverlust und stummen Schmerzen immer stärker verdichtet hat, stößt nun auf die Vorstellung eines Du, das sich von diesen Schmerzen abwendet, ohne innerlich berührt zu sein. Die Strophe artikuliert damit eine Grenze der erträglichen Erfahrung: Nicht das Leiden selbst ist das Schlimmste, sondern die Vorstellung, dass es keine Resonanz im Blick und im Herzen des Anderen findet.

Die erneute Verknüpfung mit dem Refrain „Will ich einsam untergehen“ markiert, dass genau hier für das Ich der Punkt erreicht ist, an dem es sich nicht mehr vorstellen kann, weiterzuleben. Ein Leben, in dem der zentrale Stern – Geliebte, Gnadenfigur, Friedensbote – „kalt“ bleibt gegenüber „meinen Schmerzen“, wäre ein Leben ohne Empathie, ohne geteiltes Leid, ohne jene Resonanz, die den eigenen Schmerz überhaupt noch erträglich macht. Die Strophe macht deutlich: Der Sprecher kann eher Schuld auf sich nehmen, Buße tun, Dornen tragen und Trostverlust hinnehmen, als in der Kälte eines unberührten Du weiterexistieren. Sein Untergang ist in dieser Perspektive auch eine Weigerung, sich mit einem solchen seelischen Klima zu arrangieren.

Das Schlussbild „Wie mein Blick in deinen Blicken“ schließt die Strophe mit einer hochkonzentrierten Metapher, in der diese Zusammenhänge in einer einzigen Szene gebündelt sind: zwei einander begegnende oder auch nicht mehr begegnende Blicke. Die gesamte Liebes- und Leidensgeschichte lässt sich als Geschichte des Blickes lesen: Der Stern, der auf das Dornenbett blickt, der Stern, der sich abwendet oder nicht mehr blickt, die Angst, nicht mehr im Blick zu sein. Nun kommt die Perspektive des Ich-Blicks hinzu: Wie untergeht mein Blick in deinen Blicken? Wird er aufgehoben, gespiegelt, liebevoll aufgenommen – oder verglimmt er in einem Augenpaar, das kalt geworden ist? Die Strophe lässt diese Frage bewusst offen und hält damit die Spannung aus zwischen der Vision der Einwohnung („mein Herz in deinem Herzen“) und der Realität drohender Kälte. In dieser Schwebe bekommt das „Untergehen wie mein Blick in deinen Blicken“ eine doppelte Bedeutung: Untergang als Erfüllung in der letzten, alles verschlingenden Nähe – und Untergang als Verschwinden in einem Raum, der keine Antwort mehr gibt.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 9 so einen weiteren inneren Verdichtungspunkt: Die Beziehung zum Stern wird endgültig als hochsensibles Gefüge von Blicken, Schmerzen und innerer Temperatur (Wärme/Kälte) sichtbar. Der Mensch, der hier spricht, lebt von der Erfahrung, angesehen, ernst genommen, mitleidend begleitet zu sein. Wo diese Resonanz zu schwinden droht – weil der Stern sich „kalt“ abkehrt – da zieht er die letzte Konsequenz: einsamer Untergang. Zugleich spiegelt sich im Schlussbild die poetische Situation des Gedichts selbst: Das Kettenlied ist der Versuch, den eigenen Blick so in die „Blicke“ der Geliebten und vielleicht eines göttlichen Gegenübers zu legen, dass dieser Blick nicht ins Leere geht. Die neunte Strophe zeigt, wie brüchig diese Hoffnung ist – und wie unbedingte, bis zur Selbstaufgabe reichende Nähe das einzige ist, was das Ich sich als Alternative zum Untergang vorstellen kann.

Strophe 10

Vers 55: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die zehnte Strophe mit der bekannten Grundformel. Das lyrische Ich erklärt erneut, dass es einsam zugrunde gehen will; der Vers steht als Auftakt, noch ohne die neue Bedingung dieser Strophe zu nennen.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Anfangsverse der vorangegangenen Strophen und bestätigt seine Rolle als Refrain und tragende Achse. Der vierhebige Liedvers, die Voranstellung von „Einsam“ und die Fügung „will ich untergehen“ sind längst fester Teil eines inneren Mantras, das sich durch das Gedicht zieht. Nach den intensiven Blick- und Kältebildern der neunten Strophe trägt dieser Vers die ganze Spannung der bisherigen Entwicklung in sich und dient erneut als Ausgangspunkt für eine weitere Variation des Sternverhältnisses.

Interpretation: Dass das Ich diese Formel wiederholt, zeigt noch einmal, wie sehr es sich selbst nur noch im Horizont eines künftigen, einsamen Untergangs denkt. Der Vers ist inzwischen nicht mehr bloß spontane Gefühlsäußerung, sondern Selbstdefinition: Der Sprecher hält sich selbst an diesem Satz fest, als wäre er die einzig verlässliche Konstante in einem innerlich immer brüchiger werdenden Gefüge. Gerade im Anschluss an die Kälteangst der vorigen Strophe wirkt die Wiederholung wie ein neuer Schwur: Wenn die seelische Lage sich weiter zuspitzt, hält er wenigstens an diesem Entschluss fest.

Vers 56: Wie mein Blick in deinen Blicken

Beschreibung: „Wie mein Blick in deinen Blicken“ nimmt wörtlich das Schlussbild der neunten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird abermals mit der Weise verglichen, wie „mein Blick“ in „deinen Blicken“ aufgeht oder verschwindet.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 54 und führt das Kettenprinzip konsequent weiter: Das Schlussbild der vorhergehenden Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. Inhaltlich bleibt die Blickmetaphorik bestehen; formal bildet der Vers zusammen mit Vers 55 einen Zweizeiler, in dem der Untergangswille unmittelbar mit einer Intimitätsszene verschränkt wird: Blick in Blick. Nach Herz-in-Herz (Strophe 8) wird hier erneut die wechselseitige Wahrnehmung betont, nun als visuelle, dialogische Nähe.

Interpretation: Indem das Ich dieses Bild voranstellt, erinnert es daran, dass sein Untergang mit einer bestimmten Art von Beziehung zusammenhängt: Sein Blick ist in die Blicke des Du eingelegt, er existiert gleichsam nur noch in diesem Gegenblick. „Untergehen wie mein Blick in deinen Blicken“ kann als Bild einer endgültigen Versenkung verstanden werden: Der Blick, durch den das Ich die Welt wahrnimmt, verliert seine Selbstständigkeit und geht in den Augen des Anderen auf. Wörtlich gelesen, wird damit aber zugleich an den vorigen Kontext erinnert: Wenn die Blicke kalt oder abgewandt sind, kann dieser Blick dort auch verglimmen. So steht die Strophe von Anfang an zwischen zwei Polen: innigste Nähe und die Gefahr, in einem nicht mehr antwortenden Blick zu verschwinden.

Vers 57: Wird der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Wird der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; das Futur-Hilfsverb „wird“ kündigt eine mögliche zukünftige Veränderung seines Verhaltens an.

Analyse: Die Konstruktion schließt an frühere Formulierungen wie „Wird der Stern, den ich gesehen“ (Strophe 1 und 7) an: ein futurisch gefärbter, faktisch konditionaler Beginn („wird …, will ich …“). Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert den Stern abermals in der Lebensgeschichte des Ich – es geht um den einen, gesehene Stern, nicht um ein abstraktes Symbol. Der Vers bleibt syntaktisch offen; das entscheidende Prädikat wird in Vers 58 nachgereicht. Inhaltlich ist vorbereitet, dass es um eine bestimmte Weise der Zuwendung des Sterns gehen wird.

Interpretation: Das Ich denkt erneut in Möglichkeiten, die noch ausstehen: Was wird der Stern tun, wie wird er sich zukünftig verhalten? Die Rückbindung an das „gesehen“ hält fest, dass hier nicht über irgendeine erhoffte Instanz spekuliert wird, sondern über eine konkrete, bereits erfahrene Wirklichkeit. Gerade weil der Stern „gesehen“ ist, weil er als erfahrener Liebes- und Gnadenstern im Gedächtnis verankert ist, ist die Frage nach seinem künftigen Tun so brennend. Der Vers leitet eine weitere, fein abgestufte Variante desselben Grundthemas ein: Was geschieht, wenn diese vertraute Instanz ihr Verhalten ändert?

Vers 58: Nicht mehr nickend mich entzünden

Beschreibung: „Nicht mehr nickend mich entzünden“ vervollständigt den Bedingungssatz: Gemeint ist der Fall, dass der Stern den Sprecher nicht mehr durch sein „Nicken“ entzündet. Das Bild verbindet ein zustimmendes, zugewandtes Zeichen („nickend“) mit dem Entzünden von innerem Feuer.

Analyse: „Nicht mehr“ markiert erneut eine Unterbrechung einer bisher gegebenen Praxis: Bisher hat der Stern offenbar „nickend“ das Ich „entzündet“. Das Partizip „nickend“ verweist auf eine leise, zustimmende Bewegung, wie ein Einverständnis oder liebevolles Zunicken. „Mich entzünden“ ist eine starke Metapher: Es meint das Entfachen von Leidenschaft, Hingabe, Begeisterung – vielleicht auch religiösem oder poetischem Feuer. Der Vers macht so aus der Sternzuwendung eine Art Initiation: Mit jedem Nicken entzündet der Stern das innere Feuer des Ich.

Interpretation: Hier tritt eine neue Nuance in den Vordergrund: Der Stern wirkt nicht mehr nur tröstend, leitend, friedenspendend, sondern inspirierend. Sein „Nicken“ entzündet das Ich – in Liebe, Sehnsucht, poetischer oder geistlicher Glut. Der Stern erscheint damit als Instanz, die das innere Leben erst zum Brennen bringt: Keine bloße Beruhigung, sondern Anfeuerung. Die Bedingung „Wird der Stern … nicht mehr nickend mich entzünden“ heißt: Wenn dieser Stern nicht mehr bejahend zunickt, nicht mehr inneres Feuer schenkt, versiegt die Quelle von Begeisterung und Lebendigkeit. Das Ich fürchtet nicht nur Kälte und Trostlosigkeit, sondern auch das Erlöschen des inneren Feuers, das bisher vom Stern ausging. Die Liebesbeziehung wird in ihrer kreativen, belebenden Dimension ins Zentrum gestellt.

Vers 59: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt den Refrain und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern das Ich nicht mehr nickend entzündet, will es einsam zugrunde gehen.

Analyse: Die Struktur bleibt unverändert: Ein variierter Bedingungssatz mündet in die immer gleiche Antwortformel. Inhaltlich wird damit nun ausdrücklich das Erlöschen der Inspiration mit der Entscheidung zum Untergang verknüpft. Der Vers nimmt das Motiv von Feuer und Entzünden in sich auf: Wo der Stern kein Feuer mehr entzündet, sieht das Ich für sich nur noch das Erlöschen im Untergang. Die Kettenform des Gedichts drückt sich genau in dieser Starrheit der Antwort aus: Egal, welche Funktion der Stern verliert – Blick, Trost, Frieden, Feuer –, es gibt immer dasselbe „will ich“.

Interpretation: Der Refrain bekommt hier die Färbung eines letzten Konsequenzdenkens: Ein Leben, das nicht mehr entzündet wird, das keinen zustimmenden Nicken-Impuls vom Du her empfängt, ist für das Ich nicht mehr lebenswert. Er will nicht in einem Zustand weiterexistieren, in dem alles nur noch kalt, uninteressiert, ohne Feuer ist. Das „einsame Untergehen“ ist dann auch die Weigerung, in innerer Erschöpfung und Uninspiriertheit weiterzuleben. Insofern steckt in der Formel auch ein Rest von Würde: Das Ich will nicht stumpf und ausgelöscht weiterdämmern; wenn der Stern es nicht mehr anzündet, zieht es die Konsequenz und akzeptiert den Untergang als letzte konsequente Antwort.

Vers 60: Wie die Blume deiner Lippen.

Beschreibung: „Wie die Blume deiner Lippen.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab. Das einsame Untergehen wird nun mit „der Blume deiner Lippen“ in Beziehung gesetzt – also mit einem zarten, erotisch aufgeladenen Bild für den Mund der Geliebten.

Analyse: Der Vers wechselt von kosmischen und innerlich-seelischen Bildern zu einer deutlich körperlichen, sinnlich-erotischen Metapher. „Blume“ ist ein klassisches Liebessymbol: zart, schön, duftend, vergänglich. „Deiner Lippen“ konkretisiert die Zuordnung: Gemeint sind die Lippen des Du, gedacht als Blume – etwas, das erblüht, küsst, duftet, aber auch verwelken kann. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder; er wird in der nächsten Strophe wieder aufgenommen werden. Semantisch verbindet er Liebes- und Naturbild in einem höchst intimen Detail.

Interpretation: Mit der „Blume deiner Lippen“ rückt das Gedicht noch einmal deutlicher in den Raum der erotischen Körperlichkeit. Die Geliebte ist nicht nur Stern, Herzträgerin, Blickinstanz, sondern hat Lippen, die wie eine Blume sind – zart, bezaubernd, zum Kuss bestimmt. Untergehen „wie die Blume deiner Lippen“ kann zweierlei bedeuten: Zum einen, dass der Untergang des Ich so zart, schön und innig sein soll wie ein Kuss, in dem diese Lippenblume sich schließt, vielleicht „verblüht“; der Tod würde dann als Aufgehen im letzten Kuss erscheinen. Zum anderen liegt in der Blume das Moment der Vergänglichkeit: Jede Blüte verwelkt. In dieser Lesart wäre die „Blume deiner Lippen“ auch Bild für das Vergehen der körperlichen Liebe, für das Schweigen der Lippen, die nicht mehr sprechen, küssen, entzünden. Der Untergang des Ich wäre dann dem Verblühen dieser Liebesblume ähnlich: ein leises, aber endgültiges Verschwinden der sinnlichen Beziehung. In beiden Fällen verbindet der Vers die Todesmetaphorik mit einer zarten, fast zärtlich-verschwiegenen Erotik, die das Gedicht schon länger begleitet.

Gesamtdeutung der Strophe 10

Die zehnte Strophe führt die innere Bewegung des Gedichts an eine Stelle, an der die Motive von Blick, Inspiration und erotischer Nähe besonders eng ineinandergreifen. Formal bleibt die Kettenstruktur unverändert: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet die Strophe, das vorherige Schlussbild („Wie mein Blick in deinen Blicken“) wird aufgenommen und an den Refrain gebunden, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern („Wird der Stern … nicht mehr nickend mich entzünden“) wird formuliert und mit der Refrainzeile beantwortet, schließlich setzt ein neues Vergleichsbild („Wie die Blume deiner Lippen“) den Schlusspunkt und bereitet die nächste Strophe vor. Das Schema wirkt dadurch zugleich beruhigend vertraut und immer bedrückender: Das Ich findet aus dieser kreisenden Selbstbindung nicht mehr heraus.

Inhaltlich verschiebt die Strophe den Schwerpunkt erneut. Nach Trost, Schuld und Kälte konzentriert sie sich auf den inspirierenden, belebenden Aspekt der Sternbeziehung. Der Stern „nickt“ dem Ich zu und „entzündet“ es – das ist ein Bild für das Ja-Wort, das dem Leben des Sprechers inneres Feuer verleiht. In diesem Nicken steckt Zustimmung, Anerkennung, Aufforderung: Du darfst sein, du darfst lieben, du darfst brennen. Das Ich erlebt sich nicht als aus sich selbst heraus brennend, sondern als entzündet von einem Du. Wenn dieses Nicken ausbleibt, erlischt die Flamme. Die Bedingung „Wird der Stern, den ich gesehen, / Nicht mehr nickend mich entzünden“ fasst diese Abhängigkeit in ein einziges Bild: Der Sprecher lebt von einem liebevollen, zustimmenden, inspirierenden Impuls, der von außen kommt. Ohne ihn bleibt nur ein kaltes, leeres Dasein, das er nicht akzeptieren will.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die erneute Refrainformel besonderes Gewicht. Das „einsame Untergehen“ ist nun auch die Weigerung, ein Leben ohne inneres Feuer zu führen. Das Ich akzeptiert lieber den Tod, als in einem Zustand fortzuleben, in dem nichts mehr entfacht, bewegt, begeistert wird. Die bereits bekannten Motive von Trostlosigkeit, Friedensverlust, Kälte und Schuld werden hier ergänzt durch das Motiv der inneren Erschöpfung: Ein Dasein ohne inspirierende Zustimmung des Sterns – ohne das nickende „Ja“ – wäre ein Dasein, das zwar vielleicht äußerlich weiterginge, innerlich aber bereits tot wäre. Die Strophe deutet den Untergang daher nicht nur als Reaktion auf Leid, sondern auch als Grenzziehung gegen innere Auslöschung.

Das Schlussbild der „Blume deiner Lippen“ führt diese Gedanken in eine sinnliche, fast zärtliche Zone. Nachdem der Blick im Mittelpunkt stand, rückt jetzt der Mund in den Vordergrund: Lippen als Blume sind Ort des Kusses, der Rede, der Liebesversprechen. Die Kette der Bilder – Herz in deinem Herzen, Blick in deinen Blicken, Blume deiner Lippen – zeigt eine Bewegung vom Innersten (Herz) über den Wahrnehmungsraum (Blick) zur konkreten körperlichen Berührung (Lippen). Der Untergang „wie die Blume deiner Lippen“ kann deshalb als Wunsch gelesen werden, im letzten, vielleicht nie stattgefundenen oder nur in der Fantasie existierenden Kuss der Geliebten aufzugehen. Zugleich schwingt das Motiv des Verblühens mit: Lippen, die einmal „blühten“, können schweigen, sich verschließen, altern, sterben. Dann wäre die Blume der Lippen das Sinnbild einer Liebe, deren sinnliche Ausdrucksform irgendwann enden muss – und der Untergang des Ich stünde im Gleichmaß mit diesem Verblühen.

So bündelt Strophe 10 mehrere Schichten: die existentiell-theologische (ein Stern, der entzündet oder nicht entzündet), die psychologische (ein Ich, das nur durch Zustimmung innerlich brennt) und die erotische (Lippen als Blume, die im Kuss und im Verblühen zur Chiffre der Liebe werden). In der Gesamtbewegung des Gedichts vertieft die Strophe das Bild eines Menschen, dessen gesamte Lebendigkeit – sein Feuer, sein Blick, sein Herz – an das Du gebunden ist. Er lebt davon, entzündet zu werden; er sehnt sich danach, in Herz, Blick und Lippen der Geliebten aufzugehen. Fällt diese entzündende Zustimmung aus, bleibt für ihn nur noch die Konsequenz, die er inzwischen mantraartig wiederholt: einsam unterzugehen – genau so, wie jene Blume, deren Schönheit im selben Moment, in dem sie voll aufblüht, schon auf das Verblühen hin angelegt ist.

Strophe 11

Vers 61: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die elfte Strophe mit der bereits bekannten Grundformel. Das lyrische Ich erklärt abermals seinen Willen, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht ohne nähere Bedingung zunächst programmatisch am Anfang.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Anfangsverse der vorangegangenen Strophen (1, 13, 19, 25, 31, 37, 43, 49, 55) und bestätigt damit endgültig seine Funktion als refrainsartige Achse des ganzen Gedichts. Metrisch bleibt der vierhebige, liedhafte Ton unangetastet; syntaktisch und semantisch hat sich der Vers zur festen Gelübdeformel verdichtet. Nach den Blick- und Lippenbildern der vorangehenden Strophe fungiert er jetzt als erneuter Ankerpunkt, von dem aus eine neue Variante der Sternabhängigkeit entfaltet wird.

Interpretation: Die Wiederholung zeigt, wie sehr das Ich sich im eigenen Untergangswillen eingerichtet hat. Der Satz ist längst zur Selbstdefinition geworden: Der Sprecher denkt sich selbst von seinem Ende her – und dieses Ende ist einsam, egal wie sehr das Gedicht zugleich immer wieder von innigster Nähe zum Du spricht. Der Vers trägt nun die gesamte Vorgeschichte der bisherigen Strophen mit sich; er ist der „harte Kern“ des Selbstentwurfs eines Menschen, der alle Lebensperspektive an das Verhalten des Sterns bindet und für den das einsame Untergehen zur konsequenten Antwort auf jede Form des Liebes- oder Gnadenentzugs geworden ist.

Vers 62: Wie die Blume deiner Lippen

Beschreibung: „Wie die Blume deiner Lippen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der zehnten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird abermals mit der „Blume“ der Lippen des Du in Beziehung gesetzt.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 60 und führt das Kettenprinzip konsequent fort: Das letzte Bild der vorangegangenen Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. Inhaltlich bleibt die erotische, körpernahe Metapher unangetastet. „Blume“ und „deiner Lippen“ fassen zarte Sinnlichkeit, Schönheit und Vergänglichkeit zusammen. Zusammen mit Vers 61 entsteht wieder der bekannte Eingangszweizeiler: Refrainformel + Bild. Anders als bei Pilger, Bettler oder Sklave wird das Untergehen hier von Anfang an durch ein dezidiert erotisches Detail gefärbt.

Interpretation: Indem das Ich dieses Bild erneut voranstellt, verlagert es den Akzent seiner Untergangsvorstellung noch stärker in den Raum des Körperlich-Intimen. Untergehen „wie die Blume deiner Lippen“ bedeutet, das eigene Ende im Horizont eines liebenden Mundes zu denken – als etwas Zartes, Flüchtiges, Schönes, aber auch Vergängliches. Die Lippenblume ist Ort des Kusses und des Sprechens; sie kann sich öffnen und schließen, erblühen und vergehen. Dass der Sprecher gerade dieses Bild übernimmt, deutet an: Sein Sterben ist für ihn nur sinnvoll, wenn es in einer Bewegung gedacht werden kann, die mit der Nähe zu dieser Geliebten, zu ihrem Mund, zu ihrem Kuss verbunden ist. Die Einsamkeit des Untergangs erhält dadurch eine paradoxe Färbung: Sie vollzieht sich im inneren Bild maximaler Intimität.

Vers 63: Zeigt der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Zeigt der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; nun wird seine Funktion als zeigender, orientierender Stern („zeigt … den Weg“) angesprochen.

Analyse: Grammatisch haben wir erneut eine verkürzte Wenn-dann-Konstruktion: „Zeigt der Stern … nicht mehr …, will ich … untergehen.“ Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert die Sternfigur wie gewohnt in der biographischen Erfahrung des Ich. Neu ist hier das Verb „zeigen“: Der Stern wird nicht nur als leuchtende Erscheinung, sondern ausdrücklich als Wegweiser gefasst. Das Subjekt des Satzes ist aktiv: Der Stern zeigt – oder zeigt nicht – den Weg. Semantisch wird damit die Leitsternfunktion, die bereits in den Bildern von Wüste, Heide, Geleit und Friedensboten angelegt war, explizit gemacht.

Interpretation: Der Vers macht klar: Der Stern ist nicht nur Liebesobjekt und Trostspender, sondern auch eine Art innerer Kompass, eine Richtungsinstanz. „Den ich gesehen“ unterstreicht: Es handelt sich um einen Stern, den das Ich als Leitstern erfahren hat – eine Orientierung, die nicht bloß behauptet, sondern erlebt ist. Die Frage ist nun, ob dieser Stern weiterhin die Richtung weist. Damit verschiebt sich der Akzent auf die Dimension der Lebensführung: Das Ich ist nicht nur auf Nähe, Trost und Feuer angewiesen, sondern auch auf Wegweisung. Ohne diesen Stern wäre das Leben ein Gang ohne Orientierung.

Vers 64: Nicht den Weg mehr durch die Klippen

Beschreibung: „Nicht den Weg mehr durch die Klippen“ ergänzt den Bedingungssatz und präzisiert ihn: Es geht um den Fall, dass der Stern „nicht den Weg mehr durch die Klippen“ zeigt. Der Vers führt das Bild einer Wegstrecke durch gefährliche „Klippen“ ein – Felsen, an denen man zerschellen kann.

Analyse: „Nicht … mehr“ markiert erneut die Unterbrechung eines zuvor gegebenen Zustands: Bisher hat der Stern offenbar diesen Weg gezeigt, künftig könnte das ausbleiben. Das Bild der „Klippen“ ist deutlich maritim-konnotiert: Man denkt an Küstenfelsen, an denen Schiffe zerschellen – der Weg „durch die Klippen“ ist ein riskanter, enger, gefährlicher Durchgang. In Verbindung mit dem Stern entsteht die klassische Konstellation der Seefahrerromantik: Ein Stern, der durch Klippen und Untiefen weist. Übertragen auf das Seelenleben sind die Klippen die gefährlichen Zonen des Daseins: Versuchungen, Schuld, Leid, seelische Abgründe.

Interpretation: Der Vers entfaltet das Bild eines Lebenswegs, der nicht durch ruhige Ebenen, sondern durch gefährliche Passagen führt. Das Ich sieht sich in einer Landschaft – oder auf einem Meer – voller Klippen, an denen es zerschellen könnte. Der Stern, den es gesehen hat, war bisher derjenige, der den engen, sicheren Durchgang gezeigt hat. Auf der symbolischen Ebene können die „Klippen“ für moralische Gefahren, seelische Krisen, Schuld- und Leidenszonen stehen. Der Verlust dieser Wegweisung bedeutet: Das Ich wäre den Gefahren des Lebens schutzlos ausgeliefert, ohne Orientierung im Felslabyrinth seiner eigenen Existenz. Die Bedingung formuliert also nicht nur Liebesverlust, sondern die Angst vor Orientierungslosigkeit in einer Welt, die als gefährlich und zerklüftet erlebt wird.

Vers 65: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt den Refrain und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern den Weg durch die Klippen nicht mehr zeigt, will das Ich einsam zugrunde gehen.

Analyse: Die Refrainformel erscheint erneut als konsequente Apodosis: Auf den Wegfall der Wegweisung folgt der Entschluss zum Untergang. Formal bleibt das Schema unverändert, inhaltlich wird die Gleichung weitergeschrieben: Verlust von Führung und Orientierung = Lebensverneinung. Die Kettenstruktur des Gedichts zeigt sich darin, dass jede neue Funktion des Sterns (Trost, Tau, Blick, Frieden, Feuer, Wegweisung) mit derselben Konsequenz verbunden wird: „will ich einsam untergehen“.

Interpretation: Hier wird deutlich, wie sehr das Ich die Fähigkeit, durch „Klippen“ hindurchgeführt zu werden, als Bedingung seines Weiterlebens ansieht. Es akzeptiert sein Dasein nur, solange es glauben kann, dass der Stern ihm einen Weg durch die Gefahren bahnt. Fehlt diese Orientierung, bleibt für es sinnbildlich nur das Schiffbruch-Motiv: Untergang. Psychologisch heißt das: Es hält sich selbst nicht für fähig, die Gefahren seines Lebens ohne diese liebende und leitende Instanz zu bewältigen. Der Refrain markiert darum an dieser Stelle auch eine Art Kapitulation: Ohne deine Wegweisung kann ich nicht leben; ich ziehe dann den einsamen Untergang der sinnlosen Irrfahrt vor.

Vers 66: Wie mein Kuß an deinen Wangen.

Beschreibung: „Wie mein Kuß an deinen Wangen.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich ab. Der einsame Untergang wird jetzt mit „mein Kuß an deinen Wangen“ verglichen – also mit der Geste eines Kusses auf die Wange der Geliebten.

Analyse: Der Vers führt ein weiteres, sehr intimes und zugleich zartes Liebesbild ein. Nach Herzen, Blicken und Lippen tritt nun die „Wange“ in den Fokus – ein klassischer Ort eines sanften, oft eher zärtlichen als leidenschaftlichen Kusses. „Mein Kuß an deinen Wangen“ betont die aktiven und passiven Pole: „mein“ Handeln, „deine“ Oberfläche, an der sich dieser Kuß vollzieht. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die jeweils eine Strophe abschließen und den Bildvorrat des Gedichts erweitern, um in der folgenden Strophe teilweise wieder aufgenommen zu werden.

Interpretation: Mit dem Bild des Kusses an den Wangen wird der Untergang erneut mit einer zärtlichen, sehr konkreten Liebesgeste parallelisiert. Untergehen „wie mein Kuß an deinen Wangen“ kann man sich als unauffälliges, leises Verschwinden vorstellen: Ein Kuß, der sich an der Haut der Geliebten verliert, der keinen eigenen Bestand hat, sondern in der Berührung aufgeht. In diesem Sinn wäre der Untergang des Ich etwas, das sich in der Nähe der Geliebten vollzieht, ohne eigene Sichtbarkeit zu beanspruchen – wie ein Kuß, der kein Zeichen hinterlässt außer einer erinnerten Wärme. Zugleich steckt in diesem Bild wieder das Moment der Flüchtigkeit: Der Kuss dauert nur einen Augenblick, dann ist er vorüber, geblieben ist vielleicht ein Hauch, ein Nachklang, aber nichts Greifbares. Der Untergang wird so als Mischung aus zärtlicher Einwohnung und radikalem Verschwinden vorgestellt: Das Ich will nicht laut, heroisch zugrunde gehen, sondern leise, in einer Geste, die ganz auf das Du bezogen ist und sich im Du verliert.

Gesamtdeutung der Strophe 11

Die elfte Strophe setzt die Kettenstruktur des Gedichts konsequent fort, verschiebt aber die Gewichtung noch einmal deutlich in Richtung einer doppelt codierten Bildwelt: Auf der einen Seite wird der Stern als Wegweiser durch gefährliche „Klippen“ beschrieben, auf der anderen Seite verdichtet sich die erotisch-zärtliche Metaphorik der Liebe (Blume der Lippen, Kuss an den Wangen). Formal bleibt alles beim Alten: Refrainvers und wiederaufgenommenes Schlussbild („Wie die Blume deiner Lippen“) stehen am Anfang, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern („Zeigt der Stern … nicht den Weg mehr durch die Klippen“) folgt, der Refrain schließt die Kondition ab, und ein neues Vergleichsbild („Wie mein Kuß an deinen Wangen“) beschließt die Strophe und bereitet die nächste bildliche Verschiebung vor.

Inhaltlich bringt die Strophe zwei Linien zusammen, die das Gedicht schon länger durchziehen, nun aber besonders eng gekoppelt werden: die Leitstern-Funktion und die zarte Körpermetaphorik. Die Klippen-Metapher ist ein starkes Bild für die Gefährlichkeit des Lebensweges: Wer „durch die Klippen“ muss, bewegt sich in einer Zone, in der jederzeit Schiffbruch droht. Der Stern, der „den Weg durch die Klippen“ zeigt, ist damit mehr als emotionales Zentrum: Er ist eine Art moralisch-existentieller Navigationspunkt. Das Ich erlebt sich als jemand, der in einer zerklüfteten inneren und äußeren Welt lebt, voller Versuchungen, Gefahren, Schuld und Leidensmöglichkeiten – und nur dieses eine Gegenüber, dieser Stern, schafft es, ihm eine gangbare Linie zu zeigen. Die Bedingung „Zeigt der Stern … nicht den Weg mehr durch die Klippen“ ist also nicht bloß romantische Übertreibung, sondern Ausdruck einer tiefen, existentiellen Verunsicherung: Ohne dich verliere ich nicht nur Liebe, sondern Orientierung, Richtung, Sinn.

Auf der anderen Seite rahmen die Bilder der Blume der Lippen (Vers 62) und des Kusses an den Wangen (Vers 66) diese Orientierungskrise mit einer überraschenden Zartheit. Die „Blume deiner Lippen“ erinnert daran, dass dieser Stern nicht nur abstrakte Leitfigur, sondern sehr konkrete Geliebte ist, deren Mund geliebt und begehrt wird. „Mein Kuß an deinen Wangen“ präzisiert diese Nähe: Der Untergang soll sein wie eine zarte, fast scheue Berührung, die mehr von Demut und Verehrung als von Besitzanspruch erzählt. Die Strophe zeigt so einen Menschen, der in der äußersten Orientierungslosigkeit seines Lebens den einen Halt darin findet, dass er seine Existenz – bis hinein in den Tod – auf eine ganz konkrete, sinnlich erfahrbare Person bezogen weiß. Selbst sein Untergang ist für ihn nur denkbar als eine Bewegung auf diese Person zu, als ein Sich-Verlieren in ihrem Gesicht, in ihrem Mund, in ihrer Haut.

Dadurch entsteht eine spannungsreiche Doppelstruktur: Einerseits verabsolutiert das Ich die Wegweisung des Sterns in einem Maße, das jede andere Orientierung (Vernunft, autonome Moral, gesellschaftliche Ordnung) klein erscheinen lässt: Wenn du mir den Weg durch die Klippen nicht mehr zeigst, kann ich nicht weiterleben. Andererseits relativiert es sich selbst in seiner Geste des Untergangs: Wie ein Kuß, der an der Wange der Geliebten verflüchtigt, so will es selbst verschwinden – leise, hingegeben, ohne Anspruch auf Gegenleistung. In dieser Ambivalenz liegt eine große poetische Spannung: Die Liebe ist absolute Bedingung, aber der Liebende will im Vollzug dieser Liebe selbst zur stillen Spur werden.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 11 einen weiteren Schritt in der Verdichtung des inneren Dramas. Die äußeren Fahrtbilder (Wüste, Heide, Klippen, wüste Meere) und die inneren Zonen der Schuld, des Trostverlustes und der Friedenssehnsucht sind inzwischen miteinander verwoben. Die elfte Strophe fügt dem ein besonderes Moment hinzu: Die Geliebte ist nicht nur Stern über einem gefährlichen Meer, sondern Gesicht, Mund, Wange – konkrete Gegenwart. Der Weg durch die Klippen ist nicht nur eine abstrakte Lebensmetapher, sondern die Geschichte eines Menschen, der mit seinem ganzen Körper, mit Blick, Herz, Lippen, Kuss auf ein Du hin ausgerichtet ist. Fällt die Wegweisung dieses Du weg, so sieht er für sich keinen anderen Weg mehr als den, den er unablässig beschwört: einsames Untergehen – und dieses Untergehen zugleich als zarten, flüchtigen Kuß an der Wange der Geliebten zu denken, der im gleichen Moment, in dem er geschieht, schon in ihr verschwindet.

Strophe 12

Vers 67: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die zwölfte Strophe mit der vertrauten Grundformel. Das lyrische Ich bekräftigt abermals seinen Willen, eines Tages einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht wie ein programmatischer Auftakt am Beginn der Strophe.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Eröffnungszeilen der vorangegangenen Strophen und hält den vierhebigen, liedhaften Ton unverändert durch. Die Stellung von „Einsam“ an erster Stelle, gefolgt von „will ich untergehen“, bestätigt die Funktion des Verses als refrainsartige Selbstverpflichtung. Nach der vorangegangenen Strophe mit dem Weg durch die Klippen und dem Kuß an den Wangen trägt dieser Vers nun das Gewicht aller bisherigen Variationen: Er ist grammatisch schlicht, semantisch aber hoch gesättigt durch den Kontext.

Interpretation: Dass das Ich diesen Satz immer wieder identisch ausspricht, zeigt, wie sehr es sich in diesem Untergangswillen eingerichtet hat. Die Einsamkeit ist nicht zufälliges Nebenprodukt, sondern bewusst gewählter Modus des Endes. Der Vers markiert einen Menschen, der alle Lebensperspektive an die Treue, Nähe und Wirksamkeit seines Sterns geknüpft hat und in der Vorstellung lebt, dass beim Ausfall dieser Instanz nur noch das einsame Verschwinden bleibt. Im Lichte der bereits entfalteten Intimitätsbilder (Herz, Blick, Lippen, Kuß) wirkt diese Einsamkeit besonders scharf: Gerade das extrem auf ein Du ausgerichtete Ich hält an einem Ende fest, das keine menschliche Begleitung mehr vorsieht – eine tragische Selbstdefinition.

Vers 68: Wie mein Kuß an deinen Wangen

Beschreibung: „Wie mein Kuß an deinen Wangen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der elften Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird so beschrieben, „wie“ der eigene Kuß an den Wangen der Geliebten.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 66 und führt die Kettenstruktur konsequent fort: Das abschließende Bild der vorigen Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. „Mein Kuß“ benennt eine aktive, zärtliche Geste des Ich; „an deinen Wangen“ markiert den konkreten, körperlichen Ort der Berührung. Zusammen mit Vers 67 bildet sich ein Auftaktzweizeiler, der den Untergangswillen unmittelbar in eine sehr intime Bildlichkeit einbettet.

Interpretation: Dass der Sprecher seinen Untergang „wie meinen Kuß an deinen Wangen“ versteht, zeigt, wie sehr sein Sterben im inneren Vorstellungsraum der Nähe zur Geliebten verankert ist. Der Kuß an der Wange ist eine zarte, meist eher scheue, liebevolle Geste – weniger erotisch aufgeladen als Lippenküsse, mehr geprägt von Zuneigung, Trost, Verehrung. Untergehen wie ein solcher Kuß bedeutet, sich im Anderen zu verlieren, ohne eigenen Glanz zu beanspruchen: Der Kuß bleibt kaum als eigenes Ereignis bestehen, er geht in der Berührung mit der Geliebten auf. So deutet der Vers den Tod als leises, fast demütiges Verschwinden in der Nähe des Du – ein sterbender Mensch, der sich imaginiert wie ein Kuß, der auf der Wange der Geliebten verflüchtigt.

Vers 69: Bricht der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Bricht der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Mittelpunkt; diesmal wird seine Wirkung mit dem Verb „bricht“ verbunden, das etwas Zerstörendes, Überwältigendes andeutet.

Analyse: Formal liegt wieder eine verkürzte Wenn-dann-Konstruktion vor: „Bricht der Stern … nicht mehr …, will ich … untergehen“. Der Relativsatz „den ich gesehen“ knüpft an die vertraute biographische Verankerung des Sterns an. Auffällig ist das Verb „bricht“ in Verbindung mit „mein Herz“ im Folgevers: Es klingt nach „das Herz brechen“ vor Leidenschaft, Schmerz oder Sehnsucht. Der Stern ist hier nicht nur mild leuchtende Instanz, sondern eine Kraft, die das Innerste des Ich aufreißt.

Interpretation: Der Vers stellt den Stern als eine Macht dar, die das Herz des Ich nicht in Ruhe lässt, sondern bricht, erschüttert, überwältigt. „Den ich gesehen“ markiert diesen Stern als persönlich erfahrende Instanz; sein Licht, seine Gegenwart hat das Herz des Sprechers bereits in der Vergangenheit „gebrochen“, das heißt in eine existentiell erschütterte Liebesbewegung hineingezogen. Die Bedingung zielt nun darauf, was geschieht, wenn diese durchbrechende Kraft nicht mehr da ist. Der Stern ist damit weniger „sanfter Trost“ als eruptive Liebesgewalt: Ohne diese innere Erschütterung wäre das Leben des Ich offenbar leer.

Vers 70: Nicht mein Herz mehr mit Verlangen

Beschreibung: „Nicht mein Herz mehr mit Verlangen“ vollendet den Bedingungssatz und konkretisiert: Es geht darum, dass der Stern das Herz des Sprechers nicht mehr mit Verlangen bricht. „Verlangen“ benennt eine starke, sehnsuchtsvolle, innere Bewegung.

Analyse: „Nicht … mehr“ setzt – wie in vielen vorherigen Strophen – den Verlust eines bisher bestehenden Zustandes: Bislang hat der Stern das Herz des Ich „mit Verlangen“ gebrochen; nun wird gedacht, dass dies aufhören könnte. „Mein Herz“ verweist auf das Zentrum des Fühlens, Wollens, Liebens; „Verlangen“ ist eine dichte Chiffre für Liebessehnsucht, Begehrensdruck, brennende Hinwendung. In der Konstruktion „Bricht … nicht … mehr“ steckt der Gedanke: Das Herz könnte aufhören, in dieser Leidenschaft zerrissen und angetrieben zu werden.

Interpretation: Der Vers rückt eine entscheidende Dimension des Sternverhältnisses in den Fokus: Der Stern ist nicht nur tröstender, friedensspendender oder wegweisender Faktor, sondern auch Quelle eines intensiven, vielleicht schmerzhaften Verlangens. Das Herz wird von dieser Sehnsucht „gebrochen“ – gemeint ist ein existentielles Übermaß an Gefühl, das das Ich zugleich erhöht und überfordert. Die Bedingung lautet: Wenn dieser Stern das nicht mehr tut, wenn er das Herz nicht mehr in leidenschaftliches Begehren stürzt, wenn die große, übermächtige Sehnsucht versiegt, dann verliert das Leben seinen inneren Antrieb. Das Ich fürchtet also nicht nur Schmerz und Schuld, sondern auch die Möglichkeit emotionaler Erschlaffung: ein Zustand, in dem nichts mehr wirklich „mit Verlangen“ ruft.

Vers 71: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern das Herz nicht mehr mit Verlangen bricht, will das Ich einsam zugrunde gehen.

Analyse: Wie in allen Strophen zuvor fungiert der Vers als apodotischer Teil der Konditionalkonstruktion. Die identische Formulierung „Will ich einsam untergehen“ bindet auch diese neue Variante des Sternverlusts – hier: Verlust der leidenschaftlichen Erschütterung – an dieselbe Konsequenz. Die Kettenform des Gedichts zeigt sich in der Starrheit dieser Antwort: Ob der Stern Geleit, Trost, Friedensbotschaft, Inspiration, Blick, Wegweisung oder Verlangensmacht entzieht – immer reagiert das Ich mit demselben Satz. Die Struktur macht deutlich, dass alle diese Funktionen für das Ich auf derselben Existenzebene liegen.

Interpretation: In dieser Variante wird das „einsame Untergehen“ zur Antwort auf die Gefahr innerer Verflachung: Ein Herz, das nicht mehr von starkem Verlangen, von Liebe, Sehnsucht, passionierter Bewegung „gebrochen“ wird, gilt dem Sprecher als entleert. Er will nicht in einer gefühlsarmen, abgestandenen Existenz weiterleben. Das macht deutlich, dass er die großen Affekte – selbst in ihrer Schmerzhaftigkeit – höher schätzt als Ruhe und Gleichmut. Ein Leben ohne diesen Stern als Quelle des Verlangens wäre für ihn ein totes Leben; folgerichtig zieht er den eigentlichen Tod einem solchen inneren Absterben vor. Der Refrain verschiebt sich damit vom bloßen Leiden an Verlust zur Absage an Gefühlskälte und Indifferenz im eigenen Inneren.

Vers 72: Wie die Träne dir im Busen.

Beschreibung: „Wie die Träne dir im Busen.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird jetzt mit „der Träne dir im Busen“ verglichen – also mit einer Träne, die im Innersten der Geliebten, in ihrem Busen, verborgen liegt.

Analyse: Der Vers führt ein neues, zartes und zugleich tief emotionales Bild ein. „Träne“ ist ein klassisches Zeichen von Schmerz, Rührung, Mitleid, innerer Bewegung. „Dir im Busen“ verlagert diese Träne in das Innere des Du: nicht sichtbar im Gesicht, sondern versenkt ins Herz- und Brustzentrum. Die Präposition „dir“ zeigt, dass diese Träne der Geliebten gehört, in ihr, an ihrem inneren Ort, liegt. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die Strophen beschließen und den Bildvorrat des Gedichts erweitern.

Interpretation: Mit diesem Bild verknüpft das Gedicht den Untergang des Ich mit dem Innersten der Geliebten: Es will untergehen „wie die Träne dir im Busen“ – also wie ein Tropfen Schmerz oder Rührung, der in der Tiefe ihres Inneren verschwindet, unsichtbar, aber wirkkräftig. Man kann das Bild so verstehen, dass das Ich sich selbst als Träne denken möchte, die im Herzen der Geliebten ruht: Sein Leid, seine Liebe, seine Schuld wären dann als innere, stille Bewegung in ihr aufgehoben. Untergehen wie eine Träne im Busen bedeutet: nicht mehr als eigenes Subjekt präsent sein, sondern zu einer leisen, verborgenen Spur im Gefühlsraum des Anderen werden. Zugleich steckt darin ein Moment des Trostes: Eine Träne im Busen ist gerade nicht die kalte Abkehr, sondern Zeichen von Anteilnahme, Mitleid, Liebe. Das Ich imaginiert seinen Untergang so, dass er in der Empfindung der Geliebten aufgefangen wird – als innerer, stiller Schmerz in ihrem Busen. Tod ist dann nicht reines Nichts, sondern ein Versinken als Träne im Innersten eines Du.

Gesamtdeutung der Strophe 12

Die zwölfte Strophe führt die innere Bewegung des Gedichts an einen Punkt, an dem das Motiv des Verlangens ins Zentrum rückt und zugleich mit einem besonders innigen Bild der Empathie und Innerlichkeit des Du verknüpft wird. Formal bleibt die Kettenstruktur unverändert: Refrain („Einsam will ich untergehen“) und Wiederaufnahme des Schlussbildes („Wie mein Kuß an deinen Wangen“) bilden den Auftakt, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern („Bricht der Stern, den ich gesehen / Nicht mein Herz mehr mit Verlangen“) wird formuliert, der Refrain wiederholt und schließlich ein neues Vergleichsbild („Wie die Träne dir im Busen“) gesetzt. Das Verfahren, in jeder Strophe eine neue Variante der Sternfunktion zu benennen und sie mit derselben Untergangsformel zu verknüpfen, wird beibehalten und weiter verdichtet.

Inhaltlich verschiebt sich der Fokus dieser Strophe an zwei Stellen: Erstens rückt das Verlangen ins Zentrum. Der Stern ist hier nicht primär Friedensbote, Trostspender oder Wegweiser, sondern jene Macht, die das Herz „bricht“ – im Sinn einer Überfülle an Sehnsucht. Das Ich beschreibt sein eigenes Innerstes als von einer Leidenschaft durchrissen, die nicht einfach angenehm ist, sondern weh tut. Dass gerade diese schmerzvolle Leidenschaft als lebensnotwendig empfunden wird, zeigt die Logik der Bedingung: Sollte der Stern das Herz nicht mehr „mit Verlangen brechen“, will der Sprecher untergehen. Ein Leben ohne dieses Verlangen, ohne die große Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung, erscheint ihm als verfehlt, als bereits totes Leben. Die Strophe benennt damit eine Grundüberzeugung des romantischen Liebes- und Frömmigkeitsgefühls: Lieber ein Herz, das unter der Intensität der Sehnsucht zu zerbrechen droht, als ein Herz, das nicht mehr verlangt und darum innerlich erstarrt ist.

Zweitens wird diese Konstellation mit einem neuen Bild für das Du verbunden: „die Träne dir im Busen“. Nach Herz in deinem Herzen, Blick in deinen Blicken, Blume deiner Lippen und Kuß an deinen Wangen wird nun der Busen der Geliebten zum Ort, an dem das Ich sich denken möchte – nicht mehr als aktiver Kuß, sondern als Träne. Dieses Bild verschiebt das Gewicht von der aktiven Geste zur passiven Spur: Der Kuß ist eine Handlung des Ich, die Träne ist etwas, das im Inneren der Geliebten liegt. Das Ich imaginiert seinen Untergang als Übergehen in dieses Innere: Es wäre dann nicht mehr als eigenes Subjekt sichtbar, sondern existierte als stiller Schmerz, als rührende Erinnerung, als innerer Tropfen im Gefühlsraum des Du weiter. Gerade nach all den zuvor entfalteten Szenarien kalter Abkehr, ausbleibenden Blicks und versiegenden Trostes ist dieses Bild bemerkenswert: Es zeigt die Sehnsucht, im Untergang wenigstens als leise Spur des Schmerzes in der Geliebten aufgehoben zu bleiben.

Zusammengedacht ergibt sich eine doppelte Bewegung: Auf der einen Seite verabsolutiert das Ich die Rolle des Sterns als Quelle einer existentiellen, schmerzlich-süßen Sehnsucht; auf der anderen Seite versucht es, seinen Tod so zu imaginieren, dass er nicht völlige Vernichtung bedeutet, sondern als Träne in der Brust der Geliebten weiterwirkt. Die Kettenformel „Will ich einsam untergehen“ bleibt hart, aber die Bilder an ihrem Rand erzählen von einer paradoxen Hoffnung: in diesem Untergang nicht gänzlich ins Nichts zu fallen, sondern in einem Du – in Herz, Blick, Lippen, Wange, Busen – eine Art inneres Nachleben zu finden. Strophe 12 zeigt darum besonders deutlich, wie sehr das Gedicht an der Grenze zwischen Vernichtungswunsch und Einwohnungssehnsucht operiert: Das Ich will sterben, wenn das Verlangen erlischt – aber es will so sterben, dass es als Träne im Busen der Geliebten fortbesteht. In dieser Spannung wird sichtbar, wie eng bei Brentano Liebesleid, mystische Selbstaufgabe und poetische Selbstdarstellung miteinander verknüpft sind.

Strophe 13

Vers 73: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die dreizehnte Strophe mit der vertrauten Grundformel. Das lyrische Ich erklärt erneut seinen Entschluss, eines Tages einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht wieder als programmatischer Auftakt ohne unmittelbar angeschlossene Bedingung.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Eröffnungszeilen der vorangegangenen Strophen und hält den vierhebigen, liedhaften Ton bei. Die Stellung von „Einsam“ an erster Stelle, verbunden mit „will ich untergehen“, bestätigt die Funktion als refrainsartige Selbstbindung: In jeder neuen Strophe wird derselbe Grundsatz an den Anfang gestellt, bevor eine neue Variante der Stern-Beziehung durchgespielt wird. An dieser Stelle ist die Formel bereits stark semantisch überlagert – sie trägt die ganze Vorgeschichte von Pilger, Bettler, Sklave, Schwan, Mond, Dornenbett, Träne, Kuß und Busen in sich.

Interpretation: Dass das Ich den Satz wiederholt, zeigt, wie sehr der Gedanke des einsamen Untergangs zum festen Kern seines Selbstverständnisses geworden ist. Es definiert sich nicht mehr nur über die Gegenwart der Liebe, sondern über die Art, wie es ihr mögliches Ende beantwortet: mit einem einsamen Verschwinden. Im Licht der vorausgehenden Strophen wirkt diese Wiederholung nicht wie eine kühle Maxime, sondern wie ein immer wieder erneuerter Schwur eines Menschen, der alle Lebensenergie an eine einzige Instanz gebunden hat und der nur noch im Horizont dieses kompromisslosen Endes denken kann.

Vers 74: Wie die Träne dir im Busen

Beschreibung: „Wie die Träne dir im Busen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der zwölften Strophe auf und setzt erneut einen Vergleich: Das Ich bestimmt sein einsames Untergehen als Untergehen „wie“ eine Träne, die im Busen der Geliebten verborgen ist.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 72 und zeigt damit erneut das Kettenprinzip der Komposition: Das Bild, das eben noch den Abschluss bildete, wird nun zum Anfangsbild der neuen Strophe. „Träne“ steht für Schmerz, Rührung, Mitleid; „dir im Busen“ verlagert dieses Zeichen des Schmerzes in das Innerste der Geliebten. Der Auftaktzweizeiler aus Vers 73 und 74 verbindet den Untergangswillen des Ich mit einer Metapher, die das Ich gleichsam als in der Geliebten „eingesenkte“ Schmerzensspur imaginiert.

Interpretation: Der Vergleich hält fest, dass das Ich seinen Untergang nicht als bloßes Verlöschen ins Nichts denkt, sondern als Versinken in der Innerlichkeit des Du: wie eine Träne, die im Busen der Geliebten liegt. Es möchte – wenn es schon vergehen muss – wenigstens als leiser, verborgener Schmerz in ihrem Herzen fortbestehen. Die Einsamkeit des Untergangs ist damit paradox: Er vollzieht sich in der Fantasie einer Innigkeit, in der das Ich zwar als eigenes Subjekt verschwindet, aber als innere Bewegung, als Träne, in der Geliebten weiterlebt. Das Bild bringt so eine zarte, halb mystische, halb erotisch gefärbte Vorstellung von Selbstaufgabe in der Empfindung des Anderen ins Spiel.

Vers 75: Weckt der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Weckt der Stern, den ich gesehen“ leitet eine neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; diesmal wird er mit der Tätigkeit des „Weckens“ verbunden.

Analyse: Grammatisch haben wir erneut eine verkürzte Konditionalkonstruktion: „Weckt der Stern … nicht mehr …, will ich … untergehen.“ Das Verb „weckt“ deutet eine aktivierende, erweckende, lebendig machende Funktion an. Der Relativsatz „den ich gesehen“ knüpft an die biographische Erfahrung des Ich an: Der Stern ist der konkrete, einmal aufgeschienene Stern seines Lebens. Der Vers bleibt syntaktisch offen und drängt auf die Ergänzung in Vers 76, wo benannt wird, was genau geweckt wird.

Interpretation: Der Vers ruft den Stern als eine Instanz auf, die etwas im Inneren des Ich aus dem Schlaf hebt: Er ist nicht nur da, er wirkt erweckend. „Den ich gesehen“ erinnert daran, dass diese erweckende Kraft nicht theoretisch behauptet, sondern als Erfahrung erinnert wird. Das Ich richtet den Blick damit auf eine weitere Dimension seiner Abhängigkeit: Es lebt nicht nur von Trost, Frieden, Wegweisung oder Verlangen, sondern auch davon, dass der Stern in ihm etwas „aufweckt“, das ohne ihn schlafend, stumm oder unproduktiv bliebe.

Vers 76: Mir nicht lächelnd mehr die Musen

Beschreibung: „Mir nicht lächelnd mehr die Musen“ ergänzt den Bedingungssatz und benennt, was der Stern weckt: „die Musen“. Es heißt, der Stern könnte „mir nicht lächelnd mehr die Musen“ wecken – also nicht mehr freundlich, lächelnd, inspirierend das dichterische Prinzip in ihm beleben.

Analyse: Mit „Musen“ tritt explizit die Sphäre der Dichtung, Kunst und Inspiration in den Text. Die Musen sind die traditionellen Schutzgöttinnen der Künste, insbesondere der Poesie. „Mir … weckt … die Musen“ heißt: Er setzt in mir die poetische Kraft, die schöpferische Imagination in Gang. Das Adverb/Partizip „lächelnd“ gibt dieser Weckung einen Ton: Es ist kein harter, befehlender Akt, sondern ein mildes, freundliches, spielerisches Erwecken. „Nicht … mehr“ markiert wieder den möglichen Verlust: Bisher hat der Stern die Musen in ihm geweckt; nun ist die Situation gedacht, dass dies aufhört.

Interpretation: Hier thematisiert das Gedicht sich selbst: Der Stern ist nicht nur Objekt der Liebe, sondern Quelle der Dichtung. Er „weckt“ die Musen – er ruft jene Kräfte hervor, die das Kettenlied überhaupt erst möglich machen. „Lächelnd“ unterstreicht den Zug von Gnade und Zuwendung: Die Inspiration ist Geschenk, nicht Leistung. Die Bedingung „Weckt … mir nicht lächelnd mehr die Musen“ bedeutet: Wenn der Stern aufhört, mir Inspiration zu schenken, wenn der Quell der poetischen Rede versiegt, dann ist das für das Ich eine existentiell genauso schwere Katastrophe wie der Verlust von Trost, Frieden oder Verlangen. Ein leben ohne Musen, ohne Dichtung, ohne diese lächelnde Erweckung durch das Du wäre für es geistig verödet.

Vers 77: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern dem Sprecher nicht mehr lächelnd die Musen weckt, will er einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur bleibt identisch mit den bisherigen Strophen: Ein neuer Bedingungstypus mündet in das immer gleiche „Will ich einsam untergehen“. Inhaltlich wird damit die poetische Inspiration auf dieselbe Ebene gestellt wie Trost, Wegweisung, Frieden und Verlangen: Wird sie entzogen, reagiert das Ich mit dem Entschluss zur Selbstaufgabe. Die Kettenform des Gedichts spiegelt sich darin, dass das Refrainwort alle Varianten – auch die ausdrücklich poetologische – zusammenbindet.

Interpretation: Der Vers zeigt, dass das Ich nicht nur seine emotionale, moralische und religiöse Existenz, sondern auch sein dichterisches Dasein an den Stern geknüpft hat. Wenn dieser Stern ihm nicht mehr „lächelnd die Musen“ weckt, dann bedeutet das: keine Verse, kein Lied, kein Kettenlied mehr. Das Ich sieht offenbar keinen Sinn darin, weiterzuleben, wenn sein dichterisches Organ verstummt. Der Untergang wird dadurch zugleich als Verstummen der Poesie verstanden: Wo die Musen nicht mehr geweckt werden, da will auch die Stimme des Ich nicht mehr sprechen. Das Gedicht reflektiert sich hier selbst als „produkt“ einer Inspiration, die ebenso bedrohlich entzogen werden kann wie Liebe oder Trost.

Vers 78: Wie mein Dank zu deinen Füßen.

Beschreibung: „Wie mein Dank zu deinen Füßen.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun mit „mein Dank zu deinen Füßen“ verglichen – also mit einer Geste demütiger, sich zu Füßen der Geliebten niederlegender Dankbarkeit.

Analyse: Der Vers bringt eine neue Körper- und Haltungsmetapher ins Spiel: die Füße des Du. „Mein Dank zu deinen Füßen“ evoziert das Bild eines Menschen, der sich vor der Geliebten niederkniet, vielleicht symbolisch Gaben niederlegt, ihr seinen Dank – und damit sich selbst – zu Füßen legt. Die Formel erinnert an religiöse Gesten (Fußfall, Anbetung, Fußwaschung) ebenso wie an höfisch-galante Unterwerfungsbilder. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die jede Strophe mit einer neuen, sprachlich dichten Figur enden lassen.

Interpretation: Mit diesem Bild verschiebt sich die Bewegung des Untergangs noch einmal: Untergehen „wie mein Dank zu deinen Füßen“ heißt, sich selbst in einer Geste der Demut, der Hingabe und Anerkennung zu Boden zu legen. Der Dank ist das, was übrigbleibt, wenn alles andere – Trost, Frieden, Verlangen, Musen – gefährdet ist: ein Bewusstsein, der Geliebten alles zu verdanken zu haben. Dass er „zu deinen Füßen“ liegt, zeigt die Asymmetrie der Beziehung: Das Ich sieht sich im Modus der demütigen Verehrung, die Geliebte in einer erhöhten Position. Der Untergang wird so zur extremen Form einer Dankesgeste: Das Ich legt nicht nur Worte oder Gaben, sondern sich selbst als „Dank“ zu ihren Füßen nieder. Zugleich schwingt eine religiöse Konnotation mit: zu Füßen eines Heiligen, eines Christusbildes, einer Marienfigur – die Grenzlinie zwischen galanter Liebe und kultischer Verehrung wird bewusst unscharf.

Gesamtdeutung der Strophe 13

Die dreizehnte Strophe führt zwei Linien zusammen, die im Gedicht bisher parallel liefen und sich nun explizit kreuzen: die innere Poetologie des Kettenliedes und seine radikal asymmetrische Liebes- und Verehrungsgeste. Formell bleibt die Struktur unverändert: Refrainvers und Wiederaufnahme des vorherigen Schlussbilds („Wie die Träne dir im Busen“) eröffnen die Strophe, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern wird formuliert („Weckt der Stern, den ich gesehen, / Mir nicht lächelnd mehr die Musen“), der Refrain schließt diese Bedingung, und ein neues Vergleichsbild („Wie mein Dank zu deinen Füßen“) beschließt die Strophe. Die Kettenform setzt sich fort, aber ihr Inhalt verschiebt sich: Der Stern erscheint nun ausdrücklich als poetische Instanz.

Mit der Erwähnung der Musen wird die Dichtung selbst zum Thema. Der Stern ist nicht mehr nur Liebes-, Leit- und Friedensgestalt, sondern er wird als derjenige beschrieben, der „mir lächelnd die Musen weckt“. Damit bezeichnet das Ich seine gesamte dichterische Produktivität als Gabe dieses Sterns. Die Musen sind nicht autonome Kräfte, sie werden geweckt – und zwar „lächelnd“, also in einer milden, gnädigen, spielerischen Geste. Inspiration ist so nicht bloß psychologischer Zustand, sondern eine Form von Gnade: Ein göttlich-galantes Lächeln des Sterns ruft die Musen aus ihrem Schlaf. Das Kettenlied, das wir lesen, ist damit selbst Frucht dieser lächelnden Erweckung.

Die Bedingung „Weckt der Stern … mir nicht lächelnd mehr die Musen“ bezeichnet daher nichts Geringeres als das Ende der Dichtung – und damit, in gewisser Weise, das Ende dieses Gedichts. Wenn der Stern aufhört, die Musen zu rufen, verstummt das Ich. Das „Will ich einsam untergehen“ ist hier nicht nur Lebensprogramm, sondern auch poetisches Programm: Der Sprecher sieht kein Fortbestehen seines Lebens jenseits der inspirierten Rede. Ein Leben ohne Musen wäre für ihn ein innerlich sprachloses, entzaubertes Dasein. Die Strophe macht damit deutlich, dass für dieses Ich „leben“ und „dichten“ untrennbar zusammengehören; wer ihm die Musen nimmt, nimmt ihm den Sinn des Lebens.

Gleichzeitig verdichtet sich in dieser Strophe die Haltung des Ich zu seiner Geliebten zu einem Bild demütiger Verehrung. Der Rahmen ist bereits durch das Bild der Träne im Busen gesetzt: Der Untergang soll sein wie ein Versinken im Innersten des Du, als innere, stille Spur. Mit dem Schlussbild „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ tritt nun die äußere Haltung dazu: Das Ich sitzt nicht nur in ihrem Busen als Träne, sondern liegt zugleich vor ihr zu Füßen. Innerlichkeit und Gebärde werden aufeinander bezogen: Im Inneren der Geliebten ist der Schmerz des Ich als Träne aufgehoben, äußeren Gestalt gewinnt dieser Bezug als Dank, der sich zu Boden neigt.

In dieser Doppelstruktur zeigt sich die eigentümliche Mischung aus Liebespoesie, Mystik und Devotion, die Brentanos Text prägt. „Mein Dank zu deinen Füßen“ lässt an religiöse Szenen denken: an die Sünderin, die Jesus die Füße salbt und mit Tränen benetzt, an Gesten der Fußwaschung und Fußanbetung. Zugleich bleibt der Ton deutlich erotisch-personal: Das Du ist „deine“ konkrete Geliebte, deren Busen, Lippen, Wangen zuvor in dichter Folge angesprochen wurden. Das Ich inszeniert sich damit als eine Figur, die an der Grenze zwischen Liebender und Anbetender steht: Es verehrt die Geliebte mit einer Inbrunst, die religiöse Züge trägt; sein Dank ist total, bis hin zur Bereitschaft, das eigene Leben – und die eigene Dichtung – zu Füßen dieser Person zu legen.

Im Gesamtzusammenhang des Gedichts markiert Strophe 13 einen Punkt, an dem das Kettenlied besonders deutlich als Schwanenlied der eigenen Poetizität lesbar wird. Der Stern, der die Musen weckt, ist die Bedingung der Möglichkeit dieses Gedichts. Wird dieser Stern schweigsam, verstummen die Musen, und mit ihnen verstummt das Ich. Sein „einsames Untergehen“ ist dann nicht nur biographischer Tod, sondern das Ende einer Stimme, die sich in Versen ausspricht. Dass der Untergang „wie mein Dank zu deinen Füßen“ gedacht wird, zeigt, dass das Ich diesen Verstummensprozess selbst als letzten, konsequenten Akt der Hingabe versteht: Es legt seine Sprache, seine Dichtung, sein Ich als Dank zu Füßen der Geliebten – als wollte es sagen: Alles, was ich war und schrieb, verdanke ich dir; wenn du schweigst, darf auch ich schweigen.

So bündelt diese Strophe auf engem Raum mehrere Perspektiven: der Stern als Inspirationsquelle, der Mensch als abhängiger Dichter, die Geliebte als zugleich erotisches und quasi-heiliges Gegenüber, der Tod als Geste der Dankbarkeit und Selbsthingabe. Die Kette der Bedingungen, die seit Beginn des Gedichts gewebt wird, erhält dadurch eine zusätzliche Tiefe: Nicht nur Trost, Frieden und Verlangen, sondern auch Sprache, Dichtung, Musen stehen auf dem Spiel. In dieser Perspektive ist das Kettenlied selbst bereits Antwort auf die drohende Entziehung der Musen – ein letztes, ausgreifendes, überreiches Sprechen, bevor vielleicht jenes Schweigen eintritt, das der Refrain bei Entzug des Sterns immer schon antizipiert: der einsame Untergang, der im Bild der Träne im Busen und des Dankes zu Füßen wenigstens noch eine leise, gebrochene Form von Fortdauer im Du findet.

Strophe 14

Vers 79: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die vierzehnte Strophe mit der vertrauten Grundformel. Das lyrische Ich bekräftigt erneut seinen Willen, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht wieder programmatisch am Anfang, bevor die neue Bedingung eingeführt wird.

Analyse: Der Vers wiederholt, in identischer Formulierung, die Anfangszeilen aller bisherigen Strophen. Metrisch bleibt der vierhebige, liedhafte Ton unangetastet, syntaktisch zeigt sich dieselbe strukturierende Dreigliederung („Einsam – will ich – untergehen“). Nach der explizit poetologischen Strophe 13 fungiert dieser Vers abermals als fester Rahmen, innerhalb dessen eine neue Facette der Sternabhängigkeit entfaltet wird. Durch die vielfache Wiederholung ist der Satz zu einem tragenden Pfeiler der Kettenkomposition geworden.

Interpretation: In diesem Stadium des Gedichts ist die Formel „Einsam will ich untergehen“ längst nicht mehr bloß Affektäußerung, sondern Zusammenfassung eines ganzen existentiellen Selbstentwurfs. Der Sprecher denkt sich selbst von seinem Ende her – und dieses Ende ist unaufgebbar einsam, obwohl das Gedicht zugleich von radikalster Nähe zum Du träumt. Der Vers trägt die gesamte Vorgeschichte von Leid, Schuld, Verlangen, Trost- und Inspiriertwerden mit; das Ich bekräftigt noch einmal, dass es ein Leben jenseits der Beziehung zum Stern, zu dieser Geliebten, nur in der Form des Untergangs für möglich hält.

Vers 80: Wie mein Dank zu deinen Füßen

Beschreibung: „Wie mein Dank zu deinen Füßen“ nimmt wörtlich das Schlussbild der dreizehnten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird wie „mein Dank zu deinen Füßen“ beschrieben.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 78 und führt das Kettenprinzip fort: Das abschließende Bild der vorangegangenen Strophe wird zum Eröffnungsbild der neuen. „Mein Dank“ benennt eine innere Haltung der dankbaren Anerkennung; „zu deinen Füßen“ ruft die Gebärde demütiger Unterwerfung und Verehrung auf. Formal bildet Vers 80 mit Vers 79 den Eingangszweizeiler, in dem Untergangswille und Fußfallmetaphorik miteinander verschränkt werden.

Interpretation: Der Vergleich hält fest, dass das Ich seinen Untergang als eine letzte, radikal gesteigerte Dankesgeste versteht: Untergehen wie „mein Dank zu deinen Füßen“ heißt, sich selbst in einer Geste demütiger Hingabe niederzulegen. Der Sprecher denkt sein Verschwinden als Vollzug dessen, was dieser Dank ohnehin schon bedeutet: sich vor der Geliebten zu beugen, sich ihr zu Füßen zu legen. Der Tod wird so zur extremsten Form des Sich-Zueigenmachens und Sich-Verschenkens – der Untergang ist nicht nur Verlust, sondern auch Vollendung einer Bewegung der Verehrung.

Vers 81: Wird der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Wird der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; das Hilfsverb „wird“ signalisiert eine mögliche zukünftige Veränderung seines Verhaltens.

Analyse: Der Vers greift die bekannte konditionale Struktur auf („Wird der Stern …, will ich …“). Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert den Stern erneut in der biographischen Erfahrung des Ich: Es geht um den einen Stern, der ihm aufgegangen ist. Die syntaktische Öffnung verlangt nach Ergänzung im nächsten Vers; man erwartet eine nähere Bestimmung dessen, was der Stern künftig nicht mehr tun könnte. Semantisch ist vorbereitet, dass es wiederum um eine bestimmte Art des Umgangs mit dem Leid des Ich gehen wird.

Interpretation: Der Vers knüpft an die lange Reihe der Varianten an, in denen gefragt wurde, was geschieht, wenn der Stern seine bisherige Funktion verliert. Durch die Formulierung „wird … nicht mehr“ schwingt eine latent bedrohliche Zukunft mit: Noch ist das Verhältnis intakt, aber das Ich rechnet mit der Möglichkeit eines späteren Entzugs. Indem es betont, „den ich gesehen“, ruft es zugleich die Erinnerungsgewissheit auf: Dieser Stern war einmal wirklich da, war Licht, Trost, Inspiration. Gerade deshalb wäre sein künftiger Ausfall so zerstörerisch.

Vers 82: Nicht mehr mild mein Leid versüßen

Beschreibung: „Nicht mehr mild mein Leid versüßen“ setzt den Bedingungssatz fort und konkretisiert: Gemeint ist der Fall, dass der Stern das Leid des Ich „nicht mehr mild versüßt“. Der Vers verbindet das Motiv des Leidens mit den Begriffen „mild“ und „versüßen“.

Analyse: „Nicht mehr“ bezeichnet wie gewohnt den möglichen Abbruch eines bisher bestehenden Zustands: Bisher hat der Stern das Leid des Sprechers „mild versüßt“. „Mild“ legt eine sanfte, schonende, freundliche Qualität nahe; „versüßen“ ist ein starkes Bild: Bitteres wird durch Hinzufügung von Süße erträglicher, ja genießbar. Der Stern erscheint damit als Instanz, die das Leiden des Ich nicht einfach wegnimmt, sondern qualitativ verwandelt: Er legt eine Süße in die Bitterkeit. Semantisch verbindet der Vers Leidensmetaphorik mit Geschmacksbildern, wie sie in religiöser Sprache für Gnade, Trost und Liebesnähe nicht unüblich sind.

Interpretation: Hier wird die Rolle des Sterns für das Leiden des Ich sehr präzise gefasst: Er beseitigt das Leid nicht, aber er „versüßt“ es „mild“. Man könnte sagen: Er verwandelt Qual in süße Qual, Schmerz in liebestrunkene Bitterkeit, Leid in getragenes, hingebendes Leiden. Ohne diese milde Versüßung wäre das Leid reiner Schmerz, reine Bitterkeit, nicht mehr eingebettet in eine Liebes- und Gnadenbeziehung. Die Bedingung „Wird der Stern … nicht mehr mild mein Leid versüßen“ bedeutet: Wenn dieser süßende, verklärende Aspekt der Beziehung entfällt, bleibt das Ich mit rohem, unversöhntem Leiden zurück. In dieser Perspektive lebt es von der Erfahrung, dass sein Schmerz durch Nähe, Liebe, vielleicht göttliche Gnade eine andere Qualität bekommt – süß-bitter statt nur bitter. Der mögliche Verlust dieser Versüßung ist existentiell bedrohlich.

Vers 83: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern das Leid des Ich nicht mehr mild versüßt, will es einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur bleibt unverändert: Der variierte Bedingungssatz findet seine immer gleiche apodotische Antwort in der Refrainzeile. Inhaltlich wird hier die Gleichung hergestellt: Leid ohne Versüßung durch den Stern = unerträgliches Leid = Untergang. Die Wiederholung des Refrains nach so vielen Strophen verschiebt sich semantisch leicht: Er steht nun ausdrücklich im Kontext von „bitterem Leid“, das nicht mehr gemildert wird.

Interpretation: In dieser Variante wird der Untergang zur Konsequenz aus einem Leid, das jede Süße verloren hat. Das Ich akzeptiert Leiden, Schuld, Passion, Dornen – aber nur unter der Bedingung, dass in dieses Dunkel ein mildes Element der Liebe hineinwirkt, das alles nicht sinnlos, sondern getragen erscheinen lässt. Fällt diese milde Versüßung weg, bleibt bloßes, kaltes, unaufgefangenes Leid. Das „Will ich einsam untergehen“ ist dann auch eine Absage an ein Dasein, in dem Schmerz nur noch Schmerz ist, ohne Trost, ohne süßen Beigeschmack von Nähe oder Gnade. Der Sprecher zieht den Tod einem solchen entzauberten Leid vor.

Vers 84: Wie mein Licht in deiner Sonne.

Beschreibung: „Wie mein Licht in deiner Sonne.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun mit „mein Licht in deiner Sonne“ verglichen – also mit dem Schicksal eines eigenen Lichtes, das in der Sonne des Du aufgeht.

Analyse: Der Vers führt eine neue, stark kosmische und zugleich hierarchische Lichtmetapher ein. „Mein Licht“ bezeichnet eine eigene, begrenzte Leuchtkraft des Ich; „deine Sonne“ benennt das Du als überlegene, zentrale Lichtquelle. Die Konstellation erinnert an das Verhältnis von Funken zu Feuer, von Kerzenlicht zu Sonnenlicht: Im Vergleich zur Sonne wirkt das eigene Licht gering, ja verschwindend. Formal gehört der Vers zu den Schlussbildern, die die Strophe abrunden und zugleich Stoff für die nächste Strophe liefern.

Interpretation: Mit diesem Bild deutet das Gedicht das Verhältnis zwischen Ich und Du im Modus der Lichtmetaphorik. Das Ich hat ein eigenes „Licht“ – vielleicht seine Lebensenergie, seine Liebe, seine dichterische Begabung –, aber dieses Licht steht im Verhältnis zu einer übermächtigen „Sonne“, die das Du ist. Untergehen „wie mein Licht in deiner Sonne“ kann heißen: Das eigene Licht verliert in der Übermacht der Sonne seine Selbstständigkeit, wird gleichsam verschluckt, aber nicht ausgelöscht – es geht in der größeren Helligkeit auf. Das Ich denkt sich selbst als etwas, das nur in der Sonne des Du zur vollen Leuchtkraft kommt und zugleich in ihr verschwindet. In diesem Sinn ist der Untergang ambivalent: Er bedeutet Selbstverlust und zugleich höchste Erfüllung, denn das eigene Licht darf in der Sonne der Geliebten aufgehen. Zugleich klingen religiöse Konnotationen an: Die Sonne als Bild für göttliches Licht, Liebe, Gnade; das eigene Licht als begrenzte Kreatur, die in dieses göttliche Licht hinein vergeht.

Gesamtdeutung der Strophe 14

Die vierzehnte Strophe bündelt auf eindrückliche Weise mehrere Motive, die sich durch das gesamte Kettenlied ziehen: die Verknüpfung von Leid und Süße, die Haltung dankbarer Selbsterniedrigung und das Bild einer Lichtgemeinschaft, in der das eigene Leuchten im Licht des Du aufgeht. Formal bleibt die Kettenstruktur vollständig intakt: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet, das vorausgehende Schlussbild („Wie mein Dank zu deinen Füßen“) wird übernommen, eine neue Variante des Sternverhältnisses („Wird der Stern, den ich gesehen, / Nicht mehr mild mein Leid versüßen“) wird entwickelt, der Refrain beantwortet diese Bedingung, und ein neues Vergleichsbild („Wie mein Licht in deiner Sonne“) beschließt die Strophe.

Inhaltlich rückt diese Strophe das Verhältnis des Ich zu seinem Leiden in den Mittelpunkt. Bisher war von Dornenbett, Tränen, Trost, Friedensboten, Verlangen, stummen Schmerzen die Rede; jetzt wird ausdrücklich gesagt, dass der Stern „mild mein Leid versüßt“. Der Stern ist damit derjenige, der aus rohem Schmerz ein „liebliches Leiden“ macht – ein typisches Motiv romantischer und mystischer Liebes- und Frömmigkeitslyrik. Leiden an sich ist hart, bitter, zerstörerisch; Leiden, das von Liebe durchleuchtet und „versüßt“ wird, wird ertragbar, ja erhält eine merkwürdige Kostbarkeit. Das Ich lebt von der Erfahrung, dass sein Leid nicht sinnlos und kalt ist, sondern in einer Beziehung steht, in der etwas Mildes, Zartes, Liebliches in die Bitterkeit hineintritt.

Die Bedingung der Strophe lautet nun: Wenn diese Versüßung endet, wenn der Stern das Leid nicht mehr milde macht, verliert dieses Leid seine Qualität. Es wird bloßes Leid. Für das Ich ist ein solcher Zustand nicht lebbar. Das „Will ich einsam untergehen“ markiert an dieser Stelle eine Grenze: Lieber Untergang als ein Leiden, in dem keine Spur von Süße, keine Spur von Du-Nähe, von Gnade oder Liebe mehr zu finden ist. In dieser Konsequenz spiegelt sich eine radikale Empfindlichkeit: Das Ich ist nicht bereit, ein bloß funktionierendes, innerlich bitter gewordenes Leben zu führen; sein Maßstab für „Lebenswertigkeit“ ist gerade die Versüßung des Leids.

Zugleich rahmt die Strophe dieses Motiv des Leidens mit zwei Gesten der Hingabe: am Anfang „mein Dank zu deinen Füßen“, am Ende „mein Licht in deiner Sonne“. Das erste Bild zeigt das Ich in einer tief demütigen Haltung: Sein Dank – und damit alles, was es ist und hat – liegt zu Füßen der Geliebten. Das zweite Bild deutet seine Existenz als Licht, das in der Sonne des Du aufgeht. Zusammengenommen ergibt sich das Bild eines Menschen, der sich vollständig auf diese eine Instanz hin verlagert: emotional (Leid und Süße), körperlich (zu Füßen), geistig-poetisch (Musen), existentiell (Licht). Sein Untergang ist nicht nur Verlust, sondern Vollzug dieser Verlagerung: Er verschwindet dort, wo er immer schon sein wollte – zu Füßen der Geliebten und in ihrer Sonne.

Besonders stark ist die Lichtmetaphorik des Schlussverses. „Mein Licht in deiner Sonne“ bündelt die Asymmetrie der Beziehung: Das Ich hat eine eigene Leuchtkraft, aber im Vergleich zur Sonne ist sie gering. Es kann sie nicht gegen die Sonne behaupten; sein „Heil“ besteht darin, dass sein Licht in der Sonne aufgeht. Untergang wie das eigene Licht in der Sonne der Geliebten zu denken, heißt: Selbstaufgabe in einer Liebe, die als unendlich größer, heller, umfassender erlebt wird. Dabei lassen sich leicht religiöse Resonanzen hören: Das Geschöpf, das in Gott „aufgeht“, der Funke, der in die Flamme zurückkehrt. Brentano spielt mit dieser Doppeldeutigkeit: Die Geliebte ist konkrete Frau und zugleich Stern, Sonne, Gnadenmacht – das Du steht an der Grenze zwischen menschlicher und transzendenter Figur.

Im Gesamtzusammenhang des Gedichts markiert Strophe 14 einen Moment, in dem das gesamte Geflecht aus Leid, Liebe, Dank und Dichtung in einer besonders ausgewogenen Konstellation erscheint. Der Stern, der bisher Trost, Friedensbote, Wegweiser, Verlangensquelle und Musenerwecker war, erscheint hier als sanfter Versüßer des Leids – und als Sonne, in der das „Licht“ des Ich aufgeht. Das Ich wiederum zeigt sich konsequent in einer Haltung, die man als Liebes-Devotion beschreiben könnte: Es will nichts behalten, nichts für sich sichern; es will, dass sein Leid versüßt, sein Dank zu Füßen gelegt, sein Licht in der Sonne des Du aufgehoben ist. Fällt diese Versüßung weg, bleibt in seiner eigenen Logik nur der einsame Untergang. Doch gerade dieser Untergang ist – im Bild – immer noch Bewegung auf das Du hin: wie ein letzter Schritt in die Sonne, in deren übermächtigem Licht das eigene Leuchten verschwindet und vielleicht gerade darin seine Vollendung findet.

Strophe 15

Vers 85: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die fünfzehnte Strophe mit der bereits vielfach wiederholten Grundformel. Das lyrische Ich bekundet erneut seinen Willen, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht wie gewohnt als programmatischer Auftakt, noch ohne die neue Bedingung dieser Strophe zu nennen.

Analyse: Der Vers ist in Wortlaut, Metrum und syntaktischer Gestalt identisch mit den Eröffnungsversen der vorangehenden Strophen. Er trägt den vertrauten vierhebigen, liedhaften Rhythmus, die Dreigliederung „Einsam – will ich – untergehen“ und fungiert als fest verankerte Refrainachse. An dieser Stelle des Gedichts ist er stark überdeterminiert: Er steht nicht mehr isoliert, sondern lässt die gesamte Kette der bisherigen Varianten (Pilger, Bettler, Sklave, Schwan, Mond, Trost, Musen, Licht) im Hintergrund mitschwingen.

Interpretation: Inzwischen ist dieser Vers zum komprimierten Selbstprogramm des Ich geworden. Er fasst die innere Entscheidung zusammen, dass ein Leben ohne den Stern – und ohne dessen vielfältige Wirkungen – nicht geführt werden soll. Psychologisch wirkt die Wiederholung wie ein immer wieder erneuerter Schwur, der das Ich in seiner kompromisslosen Haltung stabilisiert. Gerade jetzt, wo die Bilder immer dichter werden, klingt in „Einsam will ich untergehen“ eine Mischung aus fatalistischer Ergebung und radikaler Konsequenz: Ein Ich, das alles auf eine einzige Liebe, einen einzigen Stern gesetzt hat, kennt nur dieses eine Ende.

Vers 86: Wie mein Licht in deiner Sonne

Beschreibung: „Wie mein Licht in deiner Sonne“ nimmt wörtlich das Schlussbild der vierzehnten Strophe wieder auf und setzt erneut einen Vergleich: Das einsame Untergehen wird beschrieben „wie“ das eigene Licht in der Sonne des Du.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 84, bestätigt das strenge Kettenprinzip und verbindet den Refrain mit derselben kosmisch-hierarchischen Lichtmetaphorik wie zuvor: „mein Licht“ bezeichnet eine begrenzte, individuelle Leuchtkraft des Ich, „deine Sonne“ die übermächtige, alles umfassende Lichtquelle des Du. Zusammen mit Vers 85 bildet sich ein Eingangszweizeiler, der den Untergangswillen sofort in eine große, fast mythische Bildkonstellation stellt.

Interpretation: Der Vergleich hält fest, dass das Ich seinen Untergang als ein Aufgehen seines eigenen Lichtes in der Sonne der Geliebten versteht. Es denkt sich selbst nicht als eigenständigen Stern neben ihr, sondern als kleines Licht, das von ihrer Sonne überstrahlt und zugleich in ihr aufgenommen wird. Untergehen wie „mein Licht in deiner Sonne“ heißt: die eigene Selbstständigkeit preisgeben, um in einem größeren, helleren Licht aufzugehen. Der Tod erscheint so nicht nur als Verlust, sondern auch als Vollendung: Das Ich findet dort sein Ziel, wo sein Licht in der Sonne dieses Du verschwindet – eine Konstellation, die sich sowohl erotisch (Totalhingabe an die Geliebte) als auch mystisch (Aufgehen des Geschöpfes im göttlichen Licht) deuten lässt.

Vers 87: Bricht der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Bricht der Stern, den ich gesehen“ leitet eine neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; das Verb „bricht“ kehrt zurück und erinnert an Strophe 12 („Bricht der Stern … nicht mein Herz mehr mit Verlangen“), nun aber in einer neuen Wendung.

Analyse: Grammatisch liegt erneut eine konditionale Struktur vor: „Bricht der Stern … wie …, will ich … untergehen“. Der Relativsatz „den ich gesehen“ bindet die Sternfigur an die persönliche Erfahrung des Ich. Das Verb „bricht“ steht zunächst ohne Objektsergänzung; die eigentliche Vergleichsbestimmung folgt in Vers 88: „wie mein Blick in dir du Wonne“. Inhaltlich wird angedeutet, dass der Stern eine zerstörerisch-erregende Kraft hat – er „bricht“ etwas in einer Weise, die an den Blick des Ich in der Geliebten erinnert.

Interpretation: Der Vers greift das Motiv des „Herzbrechens“ (Strophe 12) auf und variiert es: Der Stern ist eine Macht, die das Ich innerlich bricht, erschüttert, überwältigt. „Den ich gesehen“ erinnert daran, dass dieser Stern nicht abstrakt, sondern als schockartige Erfahrung in das Leben des Sprechers eingetreten ist. Die neue Frage lautet nun: Was geschieht, wenn dieser Stern nicht mehr so „bricht“ – wenn diese erschütternde, verlangensvolle, ins Innerste gehende Wirkung nicht mehr vorhanden ist, oder sich verändert? Damit rückt erneut die Dimension des Verlangens, der ekstatischen Überforderung in den Vordergrund.

Vers 88: Wie mein Blick in dir du Wonne

Beschreibung: „Wie mein Blick in dir du Wonne“ ergänzt und präzisiert den Bedingungssatz: Der Stern könnte, so die grammatische Struktur, nicht mehr brechen „wie“ der Blick des Ich in der Geliebten („in dir du Wonne“). Der Vers verbindet das Verb „brechen“ mit einem Vergleichsbild aus dem Raum des Blicks und der Lust.

Analyse: Die Formulierung ist syntaktisch dicht und leicht verschoben: „wie mein Blick in dir du Wonne“ lässt sich etwa paraphrasieren als: „wie mein Blick in dir, du Wonne“. Die Geliebte wird mit der Anrede „du Wonne“ direkt angesprochen; sie ist Inbegriff der Lust, Freude, Seligkeit. „Mein Blick in dir“ deutet eine Szene an, in der das Ich die Geliebte anschaut, vielleicht auch sich in ihrem Inneren verloren weiß. Der Vers stellt also die Weise, wie der Stern „bricht“, parallel zu der Weise, wie der eigene Blick in der Geliebten, in dieser „Wonne“, innerlich zerreißt, vergeht, sich verliert. Es handelt sich um eine komplexe, ineinander verschränkte Liebes- und Blickmetapher.

Interpretation: Der Vergleich intensiviert die Vorstellung des inneren „Gebrochenwerdens“ durch den Stern: Der Effekt, den der Stern haben soll, entspricht dem, was passiert, wenn der Blick des Ich in der Geliebten, in dieser „Wonne“, versinkt. Man kann sich das so vorstellen: Wenn das Ich in die Geliebte schaut, wird sein Blick von der Intensität der Lust, der Schönheit, der Nähe überwältigt; der Blick verliert sich, das Ich wird zerrissen zwischen Begehren und Überfülle. So – „wie mein Blick in dir, du Wonne“ – soll der Stern „brechen“. Die Bedingung, unausgesprochen, lautet: Tut er das nicht mehr, verliert das Leben seinen ekstatischen Kern. Der Vers legt damit eine auffällige Parallelführung nahe: Sternwirkung und Liebesblick sind innerlich eins; der Stern ist nicht „neben“ der Geliebten, sondern in dieser lieben Wonne gewissermaßen präsent. Das Gedicht verschränkt so kosmische und erotische Dimension endgültig miteinander.

Vers 89: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt den Refrain und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern nicht mehr bricht, wie der eigene Blick in der Wonne der Geliebten, will das Ich einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur entspricht der bekannten konditionalen Form: Auf die Bedingung („Bricht der Stern … nicht mehr so“) folgt in unveränderter Form die Apodosis. Inhaltlich wird hier ein weiterer Aspekt des Verlusts festgeschrieben: das Versiegen der ekstatischen Liebeserschütterung. Die „Kette“ des Gedichts zeigt sich darin, dass auch diese Variante von Sternverlust – Verlust der alles brechenden Wonneerfahrung – mit derselben Konsequenz verknüpft wird wie Trostentzug, Friedensverlust oder fehlende Inspiration.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass das Ich nicht nur Trost, Leitung, Versüßung des Leids braucht, sondern auch jene elementare Überwältigung, in der der eigene Blick im Du vergeht. Ein Leben ohne diesen Riss, ohne die Erfahrung, von Wonne zerbrochen zu werden, erscheint ihm als verflacht, entleert. Der Untergang wird so zur Reaktion auf das Erlöschen des ekstatischen Elements: Wenn der Stern nicht mehr so „bricht“, wie es einst der Fall war, sieht sich das Ich um den tiefsten Kern seiner Liebes- und Gotteserfahrung gebracht. Es lehnt ein Dasein ab, das in emotionsarme, gleichgültige Normalität zurückfiele.

Vers 90: Wie dein Nam' in Todes Munde.

Beschreibung: „Wie dein Nam' in Todes Munde.“ schließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun mit „dein Nam' in Todes Munde“ verglichen, also mit dem Erklingen des Namens der Geliebten im Mund eines Sterbenden.

Analyse: Der Vers führt eine eindrückliche, hochkonzentrierte Todesmetapher ein. „Dein Nam'“ bezeichnet die Geliebte in ihrer sprachlichen Gestalt, ihr gerufener, angesprochener Name. „In Todes Munde“ meint den Mund im Moment des Sterbens: der Atem geht zu Ende, die Stimme bricht ab, der Mund ist zugleich Ort des letzten Wortes und des Verstummens. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die die Strophen mit starken Chiffren beschließen; semantisch bündelt er Tod, Name und Geliebte in einem einzigen Bild.

Interpretation: Untergehen „wie dein Nam’ in Todes Munde“ heißt: Das Ich möchte vergehen, wie der Name der Geliebten in dem Moment vergeht, in dem er von einem sterbenden Mund noch einmal ausgesprochen wird. Man kann sich die Szene so vorstellen: Jemand stirbt und flüstert im letzten Atemzug den Namen des Geliebten – dann bricht die Stimme ab, der Name verhallt, der Mund erstarrt. Der Name ist zugleich höchster Ausdruck der Liebe und im selben Moment dem Verstummen ausgeliefert. Wenn das Ich sein eigenes Untergehen mit diesem Bild vergleicht, sagt es: Mein Tod soll ein letzter Akt der Anrufung sein, ein Verlöschen im Aussprechen deines Namens. Die Geliebte ist damit buchstäblich „im Todesmund“ präsent: Ihre Gegenwart wird zum letzten Inhalt des Sprechens, bevor der Tod alle Sprache zum Schweigen bringt. Das Bild ist theologisch wie erotisch lesbar: Als letzter Name der Geliebten, vielleicht auch als Name einer Heiligen, Cäcilie, oder des göttlichen Du. So verbindet der Vers Liebeshingabe, Sterbeszene und sprachliche Selbstaufgabe in einer einzigen, starken Bildformel.

Gesamtdeutung der Strophe 15

Die fünfzehnte Strophe gehört zu den dichterisch und theologisch-dramatisch dichtesten Abschnitten des Kettenliedes. Sie verdichtet mehrere Grundmotive: die Lichtmetaphorik (mein Licht – deine Sonne), die ekstatische Liebeserfahrung (Blick in der Wonne), den Untergang des Ich als Selbstaufgabe im Du und schließlich den Namen der Geliebten im Todesmund. Formal bleibt das Kettenschema unverändert: Refrainvers, Wiederaufnahme des letzten Bildes, neue Bedingung, Refrain, neues Schlussbild. Inhaltlich aber rückt das Gedicht an eine Schwelle, an der Liebespoesie und Sterberede, Eros und thanatologische Selbstentäußerung fast eins werden.

Am Anfang steht die Wiederaufnahme des Lichtbildes: Das Ich will untergehen wie sein eigenes Licht in der Sonne der Geliebten. Diese Lichtmetaphorik fasst nochmals zusammen, was in den Strophen zuvor aufgebaut wurde: Das Ich hat eine eigene, echte, aber begrenzte Leuchtkraft – Leben, Bewusstsein, Dichtung, Liebe. Diese Kraft gewinnt ihre letzte Bedeutung erst im Verhältnis zur Sonne des Du. In ihr lebt es, aus ihr bezieht es seine Helligkeit; in ihr geht es aber auch unter. Der Tod erscheint so als Aufgehen in einem größeren Licht, als Verlust selbständiger Identität zugunsten einer umfassenderen Einheit. Diese doppelte Valenz – Selbstverlust und Vollendung – ist typisch für mystische und romantische Liebesrede.

Die Bedingung der Strophe verschränkt diese Lichtfigur nun mit dem Blick- und Wonnemotiv: „Bricht der Stern, den ich gesehen, / Wie mein Blick in dir du Wonne …“. Der Stern soll das Ich so „brechen“, wie sein Blick in der Geliebten bricht. Hier wird das ekstatische Moment des Verlangens noch einmal zugespitzt: Die Geliebte ist „du Wonne“, also Inbegriff der Lust, der Freude, der Seligkeit. Wenn das Ich sie ansieht, wird es innerlich zerrissen, überwältigt, überfordert – sein Blick verliert sich in ihr. Der Stern soll dieselbe Wirkung haben; das Sternverhältnis wird damit endgültig als Liebesmystik formuliert: Eine transzendente oder transzendierte Instanz, die den Liebenden im Übermaß ihrer Wonne innerlich bricht. Der denkbare Verlust dieser Erfahrung – dass der Stern nicht mehr so bricht – wäre das Verstummen dieses ekstatischen Zentrums. Das Ich kann sich ein Leben ohne diese Wonne, ohne diese Überfülle nicht vorstellen; es zieht den Tod der inneren Verflachung vor.

Der Refrain „Will ich einsam untergehen“ erhält in dieser Konstellation eine spezifische Färbung: Er ist Antwort auf den möglichen Verlust der höchsten Liebes- und Gotteserfahrung. Das Ich sagt nicht nur: Wenn du mich nicht mehr tröstest, leitest, inspirierst, will ich sterben; es sagt jetzt: Wenn du mich nicht mehr in dieser Wonne brichst, zieht mein Leben keine Bahn mehr. Das ist die äußerste Radikalisierung des romantischen Liebes- und Frömmigkeitspathos: Ein Dasein ohne den hohen, schmerzlichen Rausch der Liebe gilt als verfehlt.

Der Schlussvers „Wie dein Nam' in Todes Munde“ gibt dieser Konstellation eine letzte, extreme Gestalt. Der Untergang des Ich wird mit dem Verklingen des Namens der Geliebten im sterbenden Mund verglichen. Damit wird der Tod ausdrücklich als sprachlicher Vorgang gedacht: Bis zuletzt spricht das Ich, und das Letzte, was es sagt, ist der Name des Du. In diesem Bild bündelt sich vieles: Die Geliebte ist letzte Instanz der Erinnerung; ihr Name ist das letzte Wort, das noch Sinn macht. Der Mund des Todes ist zugleich Ort des Bekenntnisses und des Verstummens. Indem das Ich sagt, es wolle untergehen wie dieser Name, erklärt es seinen Tod zur letzten Liebesrede: Sterben heißt, den Namen des Du noch einmal zu sagen – und im gleichen Atemzug zu verschwinden.

In der Gesamtbewegung des Gedichts markiert Strophe 15 einen doppelten Höhepunkt. Zum einen wird die Liebesbindung bis an den Rand der Selbstvernichtung geführt: Das Ich möchte so in der Geliebten verschwinden, wie sein Licht in ihrer Sonne und sein Blick in ihr vergeht; sein Untergang soll das äußerste Zeichen seiner hingegebenen Verehrung sein. Zum anderen reflektiert sich das Gedicht als sprachlicher Vorgang, der auf einen Punkt zuläuft, an dem Sprache selbst bricht: der „Todesmund“, in dem der Name noch erklingt und zugleich verstummt. Das Kettenlied, das bis hierher unablässig redet, scheint auf diesen Grenzpunkt hin zu sprechen, an dem die Rede sich in ein letztes, namenhaftes Aufrufen des Du verwandelt und dann abreißt.

So zeigt Strophe 15 exemplarisch, wie eng bei Brentano Liebe, Mystik, Leid, Sprachreflexion und Todessehnsucht verschränkt sind. Der Stern ist zugleich Geliebte, Wonne, Sonne, göttliche Instanz; das Ich ist Liebender, Büßer, Dichter und Sterbender in einem. Sein „einsames Untergehen“ ist nicht bloß privater Niedergang, sondern ein inszenierter, radikal du-bezogener Akt: Es will vergehen wie sein Licht in ihrer Sonne und wie ihr Name im Todesmund. In dieser dichten Bildkonstellation wird sichtbar, dass für dieses Ich letztlich nur eines zählt: noch im Untergang – und vielleicht gerade dort – vom Du her zu leben und auf das Du hin zu sterben.

Strophe 16

Vers 91: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die sechzehnte Strophe mit der vertrauten Grundformel. Das lyrische Ich spricht erneut den Entschluss aus, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht als programmatischer Auftakt, noch ohne die spezifische Bedingung der Strophe zu nennen.

Analyse: Der Vers wiederholt unverändert die Eröffnungszeilen sämtlicher vorangegangener Strophen. Der vierhebige, liedhafte Rhythmus, die Dreigliederung „Einsam – will ich – untergehen“ und die Stellung des Adverbs „Einsam“ am Anfang zeigen ihn erneut als feste Refrainachse. Nach der höchst dichten Licht- und Todesmetaphorik der fünfzehnten Strophe trägt dieser Vers noch stärker den Charakter eines Mantras: Er ruft die stets gleiche Konsequenz aus, bevor die nächste Nuance des Sternverhältnisses durchgespielt wird.

Interpretation: In diesem späten Stadium des Gedichts ist die Formel zu einer Art Selbstversprechen geworden. Das Ich versichert sich, angesichts aller denkbaren Varianten von Verlust und Entzug, immer derselben letzten Antwort: dem einsamen Untergang. Die Wiederholung wirkt nicht mehr wie eine spontane Gefühlsäußerung, sondern wie eine fixierte Lebensmaxime, die sich unablässig selbst bestätigt. Gerade weil das Gedicht gleichzeitig von radikaler Bindung an das Du spricht, wirkt die Einsamkeit in diesem Vers wie der dunkle Gegenpol: Die innigste Beziehung, die im Text beschworen wird, mündet, sofern sie zerbricht oder sich entzieht, in ein Ende, das kein menschlicher Begleiter mehr teilt.

Vers 92: Wie dein Nam' in Todes Munde

Beschreibung: „Wie dein Nam' in Todes Munde“ nimmt wörtlich das Schlussbild der fünfzehnten Strophe wieder auf und setzt es erneut als Vergleich: Das einsame Untergehen soll geschehen „wie dein Nam’ in Todes Munde“.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 90 und führt das strenge Kettenprinzip fort: Das letzte Bild der vorangegangenen Strophe wird zum Anfangsbild der neuen. „Dein Nam’“ bezeichnet die Geliebte in der Form ihres ausgesprochenen Namens; „in Todes Munde“ benennt den Mund eines Sterbenden im Augenblick des letzten Wortes und des Verstummens. Zusammen mit Vers 91 verbindet sich so der Entschluss zum Untergang mit der Vorstellung, im Modus eines letzten, sterbenden Namensrufes zu vergehen.

Interpretation: Der Vergleich hält fest, dass das Ich seinen Untergang nicht stumm, sondern als sprachlichen Akt denkt: Sein Sterben soll sein wie der letzte Laut, in dem der Name der Geliebten – oder der angerufenen Heiligen, des göttlichen Du – noch einmal ausgesprochen und zugleich verschluckt wird. Untergehen wie „dein Nam’ in Todes Munde“ bedeutet, dass die Beziehung zum Du buchstäblich bis in den letzten Atemzug hineinreicht. Der Tod ist hier nicht bloß biologisches Ende, sondern ein Verrinnen der Sprache; die Liebe wird im letzten Wort noch einmal beschworen und geht zugleich mit diesem Wort zugrunde. Das Ich schreibt sich damit in eine Sterbeszene ein, in der die Geliebte der letzte Sinnpunkt der Rede ist.

Vers 93: Taut der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Taut der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Mittelpunkt; diesmal wird sein Verhalten mit dem Verb „tauen“ beschrieben, das an Tau, Tropfen, sanftes Niederfallen denken lässt.

Analyse: Grammatisch liegt erneut die vertraute konditionale Struktur vor: „Taut der Stern … nicht mehr …, will ich … untergehen.“ Der Relativsatz „den ich gesehen“ verankert den Stern weiterhin in der persönlichen Erfahrung des Ich. Das Verb „tauen“ ist bildkräftig und ungewöhnlich: Es verbindet den Stern mit der Vorstellung von Tau, der sich niederschlägt, von Feuchtigkeit, die herabtropft, von milder, lösend-befeuchtender Bewegung. Anders als „blickt“ oder „leuchtet“ betont „tauen“ weniger das Leuchten als das zarte, feuchte Herabströmen.

Interpretation: Mit „tauen“ wird der Stern in eine ganz bestimmte Richtung gedeutet: Er wirkt nicht nur durch Licht, Blick und Wegweisung, sondern durch ein Feuchterwerden, ein Betauen, das mit Kühlung, Erfrischung, Linderung verbunden ist. Man kann an den biblischen „Tau des Himmels“ denken, an Gnade, die sich leise auf die Erde senkt; aber auch an Tränen, die von oben herabfallen. In jedem Fall tritt der Stern als bewegliche, milde, herabkommende Instanz auf: Er bleibt nicht fern, sondern „taut“ herunter zur Wunde des Ich. Die Bedingung zielt nun darauf, was geschieht, wenn dieser Tau ausbleibt.

Vers 94: Nicht mehr Lindrung meiner Wunde

Beschreibung: „Nicht mehr Lindrung meiner Wunde“ konkretisiert den Bedingungssatz: Gemeint ist der Fall, dass der Stern nicht mehr Linderung („Lindrung“) der Wunde des Ich „taut“. Der Vers verbindet ausdrücklich die Tau-Metaphorik mit dem Motiv der Wunde.

Analyse: „Nicht mehr“ markiert wie gewohnt den möglichen Verlust einer bisher bestehenden Wirkung. „Lindrung“ (statt „Linderung“) bewahrt einen leicht archaischen, liedhaften Klang und betont zugleich den Akt des Linderns. „Meine Wunde“ rückt das Bild des verletzten, aufgerissenen Inneren ins Zentrum: Die Wunde steht für Schuld, Liebesleid, seelischen Schmerz, all das, was im Ich noch offen, wund, unversöhnt ist. In der Verbindung „taut … Lindrung meiner Wunde“ entsteht das Bild eines rettenden Taus, der sich auf eine schmerzende Wunde legt und sie kühlt, besänftigt, heilt.

Interpretation: Der Vers zeigt die Funktion des Sterns in einer besonders zarten Variante: Er ist das, was der inneren Wunde „Lindrung“ zutaute. Das Ich versteht sein Inneres als verletzt – durch Liebe, Schuld, Verlassenheit, Sehnsucht –, und es lebt davon, dass von diesem Stern her etwas kommt, das die Wunde zwar nicht sofort schließt, aber doch kühlt, besänftigt, erträglicher macht. Der Stern ist somit nicht nur Friedensbote oder Verlangensquelle, sondern eine Art heilender Balsam, der sich wie Tau auf die offenen Stellen legt. Die Bedingung „Taut der Stern … nicht mehr Lindrung meiner Wunde“ bedeutet: Wenn dieser milde, kühlende, lindernde Zufluss versiegt, bleibt das Ich mit seiner Wunde ungeschützt und ungebessert zurück – eine Situation, die es als unerträglich empfindet.

Vers 95: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt den Bedingungssatz ab: Wenn der Stern der Wunde des Ich keine Linderung mehr zutaut, will es einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur bleibt unverändert: Die neu formulierte Bedingung mündet in das immer gleiche „Will ich einsam untergehen“. Inhaltlich wird hier die Gleichung hergestellt: Wunde ohne lindernden Tau = ungebrochener Schmerz = untragbare Existenz. Die Kettenform des Gedichts zeigt sich darin, dass auch dieser Aspekt des Sternverhältnisses – die Heilungs- und Lindrungsfunktion – der gleichen radikalen Konsequenz unterworfen ist wie Trost, Frieden, Musen, Verlangen.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass das Ich seine Wunde nicht einfach hinnimmt, sondern sie nur unter der Bedingung zu tragen bereit ist, dass es von irgendwoher Linderung erfährt – und dieses „irgendwoher“ ist ausschließlich der Stern. Fällt der lindernde Tau des Sterns weg, wird das Leiden zur nackten, rohen Verwundung, die keine milde Hand mehr kennt. In dieser Perspektive ist der Entschluss zum Untergang auch eine Absage an ein Leben, in dem Schmerz nur noch Schmerz ist, ohne Heilungshoffnung, ohne das sanfte Herabkommen von Gnade. Das Ich zieht es vor zu sterben, statt in einem Zustand fortzuexistieren, in dem seine Wunde völlig unversorgt bleibt.

Vers 96: Wie ein Kind stirbt, eh' geboren.

Beschreibung: „Wie ein Kind stirbt, eh' geboren.“ beschließt die Strophe mit einem neuen, besonders eindrücklichen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun mit dem Tod eines Kindes verglichen, das „eh’ geboren“ stirbt – also vor oder im Moment der Geburt.

Analyse: Der Vers führt eine drastische, existentiell tief anschlagende Metapher ein. „Ein Kind“ steht für Unschuld, Zukunft, Möglichkeit, beginnendes Leben. „Stirbt, eh’ geboren“ beschreibt den Tod, bevor das Leben überhaupt zur vollen sichtbaren Existenz gelangt – man denkt an Fehlgeburt, Totgeburt, abgebrochenes Leben im Mutterleib. Der Vers verbindet damit das Motiv des Untergangs mit radikal frustrierter Möglichkeit: Etwas, das schon angelegt, schon lebendig ist, kommt nicht zur Erscheinung. Formal gehört der Vers zur Reihe der Schlussbilder, die das Gedicht stetig steigern; semantisch ragt er durch seine existenzielle Schärfe heraus.

Interpretation: Der Vergleich ist vielschichtig. Untergehen „wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ heißt zunächst: Der Tod des Ich soll einem Tod ähneln, der noch vor dem eigentlichen Leben eintritt. Das Ich sieht sich gewissermaßen als Existenz, deren eigentliche Geburt nie stattfinden wird, wenn der Stern ihm die Linderung verweigert. Man kann das biographisch als Bild für eine Liebe lesen, die nie zur Erfüllung gelangt, für eine Lebensform, die nie „ausgetragen“ wird. Zugleich trägt der Vers eine eminent theologische und mystische Dimension: Ein Leben, das nicht in der Gnade, im Licht, im lindernden Tau des Sterns zur vollen Geburt gelangt, ist wie ein geistliches Kind, das vor der Wiedergeburt stirbt. Der Mensch wäre dann eine Art abgebrochene Existenz: angelegt, aber nie ganz geworden. Das Ich deutet seinen möglichen Untergang also als Scheitern seiner Berufung: ohne den Stern, ohne dessen Linderung, bleibt sein Leben ein „Fehlgeburt“ der Liebe, des Glaubens, der Poesie.

Gesamtdeutung der Strophe 16

Die sechzehnte Strophe bringt das Kettenlied in eine Zone besonders scharfer existentieller Symbolik: Der Stern als lindernder Tau für die Wunde des Ich und das Ich als Leben, das im Extremfall endet wie ein Kind, das vor der Geburt stirbt. Formal bleibt die Struktur unverändert: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet die Strophe, das Schlussbild der vorhergehenden Strophe („Wie dein Nam' in Todes Munde“) wird übernommen, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern („Taut der Stern, den ich gesehen / Nicht mehr Lindrung meiner Wunde“) wird formuliert, diese Bedingung wird vom Refrain beantwortet, und ein neues, starkes Schlussbild („Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“) setzt den finalen Akzent.

Inhaltlich rückt die Strophe die Wunde und ihre Linderung ins Zentrum. Die „Wunde“ ist im Gedicht längst angelegt: Das Herz, das gebrochen wird; die Tränen, die im Busen liegen; der Schmerz, der Trost braucht; das Verlangen, das zerreißt. Hier wird dieses Motiv explizit: Das Ich trägt eine Wunde in sich, die aus Liebe, Schuld, Verlassenheitsangst und Gottesferne geschlagen ist. Der Stern ist jene Instanz, die dieser Wunde nicht die Ursache nimmt, aber ihren Zustand verändert: Er „taut“ Linderung, lässt wie ein Tau des Himmels milde, kühlende Tropfen auf das offene Fleisch fallen. Man kann an Bilder aus der geistlichen Dichtung denken, in denen göttliche Gnade oder die Tränen einer Heiligen die Wunden des Sünders oder Liebenden netzen und heilen. Der Stern übernimmt genau diese Funktion: Er ist der lindernde Tau, der in die Wunde fällt.

Die Bedingung „Taut der Stern, den ich gesehen, / Nicht mehr Lindrung meiner Wunde“ nennt einen Punkt äußerster existentieller Gefährdung: Wenn dieser Tau versiegt, wenn kein Tropfen der Linderung mehr kommt, dann bleibt die Wunde nackt, trocken, brennend. In Verbindung mit der langen Reihe vorangegangener Bedingungen wird deutlich: Das Ich braucht den Stern nicht nur als Orientierung, als Friedensbote, als Musenerwecker, als Verlangensquelle, sondern auch als Heilungsmacht. Die Wunde ist nicht aus der Welt, aber sie ist nur erträglich, solange sie betaut wird. Fällt dieser Tau aus, ist das Leben für das Ich nicht mehr zu halten. Der Refrain „Will ich einsam untergehen“ markiert diese Grenze unmissverständlich: Ein Dasein mit ungebremster, unversorgter Wunde ist schlimmer als der Tod.

Das Schlussbild „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“ verleiht diesem Gedanken eine erschütternde Gestalt. Es deutet das Dasein des Ich als etwas, das nur dann wirklich zur „Geburt“ gelangt, wenn der Stern ihm Linderung, Gnade, Liebe zukommen lässt. Ohne diese Einwirkung bleibt sein Leben wie eine abgebrochene Schwangerschaft: das Kind stirbt, bevor es in die Welt treten kann. So liest sich die Strophe als radikale Selbstdiagnose: Ohne den Stern bin ich – in einem tiefen Sinn – nie wirklich gewesen. Ich war Anlage, Möglichkeit, aber meine eigentliche Geburt, mein eigentliches Leben geschieht nur im Lichthorizont dieses Sterns. Bleibt die Linderung aus, bleibe ich im Status eines nie vollendeten Gestaltwerdens und sterbe als „Fehlgeburt“ der Liebe.

Damit verschiebt die Strophe das Verhältnis von Leben und Tod in eine paradoxe Perspektive: Der physische Tod – der einsame Untergang – tritt fast hinter die geistliche Frage zurück, ob das Leben überhaupt zu sich selbst gekommen ist. Ein Leben ohne lindernden Stern, ohne Gnade, ohne jenes Du, das Tau auf die Wunde taut, wäre in dieser Logik in Wahrheit schon vor der Geburt gescheitert. Die Strophe deutet das „einsame Untergehen“ darum zugleich als Konsequenz und als bitteres Eingeständnis: Wenn die Wunde unheilbar bleibt, wenn kein Tau mehr fällt, dann ist mein Leben nichts anderes als ein sterbendes Kind im Schoß der Welt.

Zugleich hält Strophe 16 die Spannung zur vorausgehenden Namensmetaphorik. Sie beginnt mit dem Bild des Namens im Todesmund – also der letzten, vergehenden Sprache – und endet mit dem Bild eines Lebens, das den Mund der Welt nie wirklich erreicht, weil es vor der Geburt stirbt. Sprache und Geburt stehen so in einem eigentümlichen Verhältnis: Der Name des Du ist das letzte Wort, das noch gesprochen werden kann; das eigene Leben hingegen droht, ungenannt, ungeboren zu bleiben, sofern der Stern seine lindernde Funktion verliert. Das Kettenlied, das in unzähligen Strophen gesprochen und gesungen wird, erscheint vor diesem Hintergrund auch als Abwehr gegen diese Fehlgeburt: Solange es redet, solange es den Stern anruft und seine Wunde benennt, versucht das Ich, sich in Sprache und Beziehung „zur Welt zu bringen“. Doch es weiß zugleich: Reißt die Verbindung zum Stern, versiegt der Tau, verstummt der Name im Todesmund, dann ist auch diese Geburt nicht zu retten.

Im Gesamtzusammenhang des Gedichts markiert Strophe 16 damit einen weiteren Tiefpunkt in der existentiellen Dramaturgie. Nach den Strophen über Trost, Frieden, Verlangen, Musen und Licht wird nun die Wunde selbst in den Blick genommen – und mit ihr die Frage, ob das Leben des Ich überhaupt zu einem „Geborenwerden“ kommt. Die Antwort, die der Text in der Bedingungsformulierung andeutet, ist radikal: Ohne den Stern, der lindert, bleibt das Ich ein nie zur Reife gelangtes, verletztes Wesen, dessen einzig konsequente Geste der einsame Untergang ist – ein Untergang, der in der Metapher des ungeborenen Kindes seine härteste, aber auch eindringlichste Formulierung findet.

Strophe 17

Vers 97: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die siebzehnte Strophe mit der mittlerweile fest etablierten Grundformel. Das lyrische Ich spricht erneut seinen Entschluss aus, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht als Auftakt vor jeder inhaltlichen Bedingungsformulierung.

Analyse: Der Vers wiederholt in Wortlaut, Metrum und Syntax genau die Anfangszeilen der vorangegangenen Strophen. Der vierhebige, liedhafte Rhythmus und die Dreigliederung „Einsam – will ich – untergehen“ machen ihn weiterhin zur tragenden Refrainachse der ganzen Komposition. An dieser Stelle des Gedichts ist der Vers stark überdeterminiert: Er trägt alle vorherigen Varianten des möglichen Sternverlustes mit – Trostentzug, fehlende Wegweisung, Verstummen der Musen, ausbleibende Linderung der Wunden –, und setzt doch jedes Mal neu ein.

Interpretation: In der siebzehnten Strophe wirkt diese Wiederholung wie eine endgültige Festschreibung des Selbstentwurfs: Das Ich kennt, angesichts der Möglichkeit des Sternverlustes, keine andere Antwort mehr als diesen einsamen Untergang. Die Formel hat längst den Charakter eines Gelübdes angenommen: Sie ist die nicht mehr widerrufene Entscheidung eines Menschen, der sein Sein vollständig an ein Du, an diesen Stern gebunden hat. Gerade im Wissen um die vorausgehende, extrem drastische Bildwelt („Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“) kommt hier zum Ausdruck, dass das Ich sein Leben faktisch nur noch als Vorstufe des Untergangs denkt – solange der Stern nicht verloren ist, hält es aus, aber die Grenze ist klar markiert.

Vers 98: Wie ein Kind stirbt, eh' geboren

Beschreibung: „Wie ein Kind stirbt, eh' geboren“ nimmt wörtlich das Schlussbild der sechzehnten Strophe wieder auf und setzt es erneut als Vergleich. Das einsame Untergehen wird noch einmal mit dem Tod eines Kindes verglichen, das „eh’ geboren“ stirbt, also vor oder im Moment der Geburt.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 96 und führt das Kettenprinzip konsequent fort: Das vorherige Schlussbild wird zum Anfangsbild der neuen Strophe. Inhaltlich bleibt die drastische Metapher unverändert: Ein Kind, Inbegriff von Unschuld, Möglichkeit und Zukunft, stirbt, bevor es wirklich in die Welt tritt. Damit ist der Vergleich auf einen maximal existentiellen Ernst gestellt. Zusammen mit Vers 97 entsteht ein Auftaktzweizeiler, der den Untergangswillen unmittelbar mit der Vorstellung radikal frustrierter Existenz verbindet.

Interpretation: Indem das Ich dieses Bild voranstellt, hält es fest, dass sein Untergehen im Horizont eines nie ganz zur Entfaltung gekommenen Lebens gedacht ist. Sein Schicksal soll – im Extremfall – dem eines ungeborenen Kindes gleichen: angelegt, aber nicht vollendet, berufen, aber nicht wirklich zur Erscheinung gekommen. Das ich deutet sich damit selbst als gefährdetes, prekär werdendes Dasein, das ohne den Stern innerlich „Fehlgeburt“ bleibt. Das Bild verstärkt das Pathos der Selbstdeutung: Wenn die Beziehung zum Stern zerbricht, ist mein Leben nicht nur zu Ende, es war – in einem tieferen Sinn – nie recht geboren.

Vers 99: Geht der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Geht der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; das Verb „geht“ wird im Sinne von „vergeht, verschwindet, geht fort“ verwendet und verweist auf eine mögliche Bewegung des Sterns weg vom Ich.

Analyse: Auch hier begegnet die vertraute konditionale Struktur: „Geht der Stern …, geht dein Stern mir je verloren, will ich …“. „Der Stern, den ich gesehen“ nimmt die bisherige Formel auf und bindet den Stern an die konkrete Vergangenheitserfahrung des Ich. Das Verb „geht“ bleibt syntaktisch zunächst unvollständig und verlangt nach Ergänzung in Vers 100; schon jetzt ist aber klar, dass es um eine Form des Verlustes, des Weggehens, des Entschwindens geht. Die Wiederaufnahme des „gesehen“ betont, dass dieser Stern nicht abstrakt gedacht ist, sondern als real durchlebte Lichterfahrung.

Interpretation: Der Vers ruft noch einmal die Grundsituation des gesamten Gedichts auf: Ein Mensch hat einen Stern gesehen, der sein Leben geprägt, beleuchtet, strukturiert hat. Jetzt denkt er die Möglichkeit, dass dieser Stern „geht“ – sich entzieht, fortgeht, verschwindet. Der Vers öffnet damit den Raum für die härteste Formulierung des Verlustes: Nicht nur einzelne Funktionen des Sterns könnten versiegen (Trost, Lindrung, Musen, Verlangen), sondern der Stern selbst könnte „gehen“. Die Betonung auf „den ich gesehen“ macht den drohenden Verlust besonders schmerzlich: Es ginge nicht um einen nie erreichten Traum, sondern um das Verlorengehen eines tatsächlich erfahrenen Lichts.

Vers 100: Geht dein Stern mir je verloren

Beschreibung: „Geht dein Stern mir je verloren“ ergänzt und intensiviert den Bedingungssatz. Wieder erscheint das Verb „geht“; nun wird es mit der Formulierung „dein Stern“ und „mir je verloren“ verbunden. Es geht also um den Fall, dass „dein Stern“ dem Ich „je verloren geht“.

Analyse: Der Vers parallelisiert und steigert Vers 99: „Geht der Stern, den ich gesehen, / Geht dein Stern mir je verloren“. Die Wiederholung von „Geht“ erzeugt eine rhythmische und semantische Verdichtung. Die Wendung „dein Stern“ verschiebt die Perspektive: Der Stern ist nicht nur „der Stern, den ich gesehen“ (aus meiner Erfahrung heraus beschrieben), sondern er gehört dem Du, ist mit ihm identifiziert. „Mir je verloren“ erweitert die Bedrohung über jede konkrete Situation hinaus: Es genügt, dass dieser Verlust irgendwann, „je“, eintritt. Die doppelte Formulierung („der Stern, den ich gesehen“ – „dein Stern“) bindet kosmisches Bild und personale Anrede endgültig zusammen.

Interpretation: In dieser Doppelzeile artikuliert das Ich den radikalsten Fall: dass jener Stern, der sein Leben erhellt hat, und „dein Stern“, der mit der Geliebten identifiziert ist, ihm tatsächlich verloren gehen. Das „je“ macht deutlich, dass jede Zeitspanne, jede Zukunftskonstellation mit dieser Gefahr aufgeladen ist. Indem der Stern einmal als „der …, den ich gesehen“ und dann als „dein Stern“ bezeichnet wird, wird klar: Gemeint ist zugleich die innere Lichtinstanz und das konkrete Du, Cäcilie. Wenn dieser Stern „mir verloren“ geht, verliert das Ich nicht nur eine Orientierung, sondern das Zentrum seiner Existenz. Die Bedingung ist damit so allgemein und zugleich so endgültig formuliert wie kaum eine andere im Gedicht: Es geht nicht mehr um einzelne Wirkungen, sondern um das reine Ja-oder-Nein der Zugehörigkeit.

Vers 101: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt den Doppel-Bedingungssatz ab: Wenn der Stern geht, wenn „dein Stern“ dem Ich je verloren geht, will es einsam untergehen.

Analyse: Auch hier erfüllt der Refrain seine Funktion als apodotische Antwort auf die Bedingung. Die Verbindung ist nun besonders direkt: Auf „Geht der Stern … / Geht dein Stern mir je verloren“ folgt unmittelbar „Will ich einsam untergehen“. Die Kettenstruktur erreicht damit einen logischen Endpunkt: Nicht mehr einzelne Aspekte, sondern der Stern als solcher werden zur Bedingung; entsprechend erscheint der Refrain als letzte, nicht weiter ausdifferenzierte Konsequenz.

Interpretation: An diesem Punkt des Gedichts wird endgültig klar, dass für das Ich ein Leben ohne diesen Stern überhaupt nicht vorstellbar ist. Die bisherige Vielfalt der Verlustvarianten kulminiert in der einfachen, brutalen Alternative: Entweder bleibt der Stern – dein Stern – und damit bleibt noch irgendeine Form von Sinn, Trost, Verlangen, Dichtung; oder der Stern geht verloren, dann folgt der einsame Untergang. Psychologisch formuliert: Das Ich hat sich so vollständig an die Geliebte und an die in ihr verkörperte Gnaden- oder Gottesinstanz gebunden, dass es sein eigenes Sein als unlösbar davon abhängig erlebt. Der Refrain ist darum hier nicht nur repetitives Formelement, sondern Konsequenzenformel einer existentiellen Entweder-oder-Entscheidung.

Vers 102: Wie mein Herz vor dir Cäcilie.

Beschreibung: „Wie mein Herz vor dir Cäcilie.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird jetzt mit „mein Herz vor dir Cäcilie“ verglichen – also mit der Weise, wie das Herz des Ich sich vor Cäcilie, der Angeredeten, befindet oder verhält.

Analyse: Der Vers bringt eine doppelte Zuspitzung: Zum einen wird das Bild „Herz“ erneut ins Zentrum gerückt, das schon mehrfach als Sitz von Verlangen, Wunde und Hingabe fungierte; zum anderen wird mit „Cäcilie“ ein Name ausdrücklich genannt. Bisher war das „du“ zwar präsent, aber der Name der Geliebten bzw. Heiligen blieb zumeist indirekt; jetzt wird er in die Versstruktur eingesprochen. „Vor dir“ deutet eine Haltung des Sich-Stellens, des Sich-Auslieferns an: Das Herz steht oder liegt „vor“ der Angeredeten. Der Vers steht formal in der Reihe der Schlussbilder, inhaltlich markiert er eine starke, direkte Fokussierung der Beziehung.

Interpretation: Mit diesem Vers wird der bisherige Stern, der sich in vielen Bildern zeigte, eindeutig an eine konkrete, benannte Gestalt gebunden: Cäcilie. Ob diese Cäcilie primär als konkrete Geliebte, als Heilige (die heilige Cäcilia) oder als Mischfigur aus beidem zu lesen ist, bleibt bewusst offen – gerade diese Ambivalenz macht die theologisch-erotische Spannung des Gedichts aus. Das Herz des Ich „vor dir Cäcilie“ ist ein Herz, das sich vollkommen exponiert hat: Es ist nicht mehr geschützt, nicht mehr verborgen, sondern zur Gänze vor die Angeredete hingelegt. Untergehen „wie mein Herz vor dir Cäcilie“ kann heißen: So, wie mein Herz vor dir liegt – verletzbar, hingegeben, nackt –, so will ich zugrunde gehen. Zugleich steckt darin die Vorstellung, dass das Herz schon jetzt vor ihr „wie untergehend“ ist: Es ist vor ihr gebrochen, überwältigt, entäußert. Der Vergleich bindet den Todeswunsch noch einmal direkt an das Bild der radikalen Herzhingabe an Cäcilie.

Gesamtdeutung der Strophe 17

Die siebzehnte Strophe bildet eine Art Kulminationspunkt der Ketenstruktur, weil sie das Motiv des Sternverlustes in seiner allgemeinsten und zugleich persönlichsten Form ausspricht und mit einer direkten Namensnennung verbindet. Formal bleibt das Schema unverändert – Refrain, Wiederaufnahme des Schlussbilds, neue Bedingung, Refrain, neues Schlussbild –, aber die inhaltliche Zuspitzung ist deutlich: Es geht nicht mehr nur um einzelne Funktionen des Sterns, sondern darum, dass „dein Stern“ als solcher „mir je verloren“ geht. Zugleich tritt mit „Cäcilie“ eine Figur ganz in den Vordergrund, die bisher zwar angedeutet, aber nicht so deutlich beim Namen genannt war.

Die Strophe eröffnet mit der Verbindung von „Einsam will ich untergehen“ und „Wie ein Kind stirbt, eh’ geboren“. Damit wird der Untergangswille unmittelbar in den Horizont eines nie voll zur Entfaltung gekommenen Lebens gestellt. Das Ich beschreibt sich – im Extremfall – als ein Dasein, das vor seiner eigentlichen Geburt scheitert. Diese Metapher verstärkt den Eindruck, dass die Beziehung zum Stern nicht nur ein Aspekt, sondern die Bedingung der Möglichkeit des eigenen Lebens ist: Wird der Stern entzogen, wäre das eigene Leben in einem tiefen Sinn nur eine abgebrochene Anlage gewesen.

Die Bedingung dieser Strophe – „Geht der Stern, den ich gesehen, / Geht dein Stern mir je verloren“ – bündelt nun alle bisherigen Varianten des Verlustes zu einem einzigen, radikalen Szenario. Der Stern ist einmal „der …, den ich gesehen“ – das erinnert an die biographische Erfahrung, an den Moment der Erleuchtung oder der Liebeserfahrung –, und zugleich „dein Stern“, also untrennbar mit der Geliebten verbunden. Damit wird die Identität von Stern, Du und Cäcilie vorbereitet: Der Stern ist dein Stern, und du bist, wie der Schlussvers zeigt, Cäcilie. Wenn dieser Stern „mir je verloren geht“, ist das nicht nur kosmischer Orientierungsverlust, sondern Verlust der Geliebten und der in ihr verdichteten Heilsinstanz.

Dass das Ich diese Bedingung mit der bekannten Formel „Will ich einsam untergehen“ beantwortet, bedeutet nun: Alle Differenzierungen der vorherigen Strophen (Trostverlust, Weglosigkeit, fehlende Versüßung des Leids, ausbleibende Musen, nicht mehr gebrochenes Verlangen) sind letztlich verschiedene Aspekte derselben Grundkatastrophe – des Verlorengehens dieses Sterns. In Strophe 17 wird diese Katastrophe unter ihrem einfachsten Namen genannt: Wenn dein Stern verloren ist, ist auch mein Leben verloren. Die Kettenstruktur, die zuvor feinste Nuancen ausgeleuchtet hat, zieht sich hier auf eine klare Entweder-oder-Formel zusammen.

Von besonderer Bedeutung ist der Schlussvers „Wie mein Herz vor dir Cäcilie“. Er knüpft an die ganze Herz-Metaphorik des Gedichts an (gebrochenes Herz, Herz im anderen Herzen, Herz mit Verlangen, verwundetes Herz) und bindet sie jetzt explizit an eine benannte Figur. Cäcilie ist nicht nur „du“, sondern ein Name – eine adressierbare Person, aber gleichzeitig auch eine Chiffre mit religiöser Tiefenschicht (die heilige Cäcilia als Patronin der Musik und Kirchenmusik). Damit verschiebt sich die Deutungsebene: Die Geliebte kann zugleich als weltlich geliebte Frau und als himmlische Fürsprecherin, als Heilige gelesen werden, die über Musik, Gebet und Gnade mit Gott verbunden ist. Das Herz „vor dir Cäcilie“ ist damit zugleich vor einer Geliebten und vor einer Heiligen ausgelegt. Das verstärkt den Eindruck, dass es sich beim „Stern“ um eine Mischfigur aus Liebesobjekt und Gnadeninstanz handelt.

Der Vergleich „Wie mein Herz vor dir Cäcilie“ macht den Untergang des Ich noch einmal deutlich als Geste der Herzhingabe sichtbar. Das Herz ist nicht mehr im eigenen Körper, sondern „vor dir“ – exponiert, ausgeliefert, ohne Schutz. Untergehen „wie“ dieses Herz heißt: so wenig sich zurücknehmen, so wenig reservieren, so radikal sich preisgeben, wie es dieses Herz schon getan hat. In der Logik der Strophe ergibt sich so ein geschlossener Kreislauf: Das Ich hat sein Herz vor Cäcilie niedergelegt; dieser Akt ist so absolut, dass ein Leben ohne ihren Stern keine Basis mehr hätte. Wenn ihr Stern verliert, ist das Herz, das schon vor ihr liegt, gewissermaßen ohne Gegenüber, ohne Sinn – die Konsequenz ist der Untergang.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 17 damit einen Höhepunkt der Personalisierung und der theologischen Doppeldeutigkeit. Das Kettenlied hat den Stern von Beginn an in einem Feld zwischen Liebes- und Glaubenserfahrung bewegt. Mit der Nennung von „Cäcilie“ rückt nun eine ganz bestimmte Figur in die Mitte, die dieses Feld bündelt: eine Geliebte, die zugleich als Heilige gedacht werden kann, eine Patronin der Musik, deren „Stern“ Dichtung, Musik, Trost und Gnade zugleich weckt. Das Ich, das sich in allen vorherigen Strophen als Pilger, Bettler, Sklave, Verwundeter, Dichter und Liebender gezeigt hat, bringt in dieser Strophe auf den Punkt, was auf dem Spiel steht: Ohne diesen Stern, ohne diesen Namen, ohne diese Cäcilie ist es existentiell und poetisch nicht denkbar. Sein Untergang soll deshalb genau so sein, wie sein Herz bereits vor ihr ist: ganz hingegeben, ganz entblößt, ganz auf dieses eine Du bezogen – selbst im Moment, in dem dieses Du als Stern verloren zu gehen droht.

Strophe 18

Vers 103: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die achtzehnte Strophe mit der bekannten Grundformel. Das lyrische Ich spricht abermals den Entschluss aus, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht erneut als programmatischer Auftakt der Strophe.

Analyse: Der Vers wiederholt in Wortlaut, Metrum und Syntax die Anfangszeilen aller vorhergehenden Strophen. Der vierhebige, liedhafte Rhythmus und die Dreigliederung „Einsam – will ich – untergehen“ markieren ihn als fest eingerastetes Refrainzentrum des Gedichts. Nach der Zuspitzung in Strophe 17 – Verlust „deines Sterns“ und Namensnennung „Cäcilie“ – wirkt dieser Einstieg noch stärker wie ein unverrückbares Gelübde, das jeder neuen Bedingung vorangestellt ist.

Interpretation: In diesem späten Abschnitt des Gedichts ist die Formel längst keine spontane Affektäußerung mehr, sondern die konzentrierte Selbstdefinition eines Ich, das seine Existenz vollständig an den Stern und an Cäcilie gebunden hat. Indem der Sprecher diesen Satz immer wiederholt, ritzt er ihn gleichsam in sein Bewusstsein ein: Fällt das tragende Gegenüber aus, bleibt nur der einsame Untergang. Gerade vor dem Hintergrund der drastischen Bilder der letzten Strophen erhält der Vers hier den Charakter einer endgültigen, nicht mehr relativierbaren Entscheidung.

Vers 104: Wie mein Herz vor die Cäcilie

Beschreibung: „Wie mein Herz vor die Cäcilie“ nimmt motivisch das Schlussbild der vorangegangenen Strophe („Wie mein Herz vor dir Cäcilie“) wieder auf, variiert es jedoch leicht: Nun heißt es „vor die Cäcilie“ statt „vor dir“, was den Akkusativ betont. Das Herz des Ich wird als etwas beschrieben, das „vor die Cäcilie“ hintritt oder hingelegt ist.

Analyse: Formal gehört der Vers zur bekannten Kettenstruktur: Das Schlussbild der vorherigen Strophe wandert an den Beginn der neuen. Die kleine Verschiebung von „dir“ zu „die“ erzeugt eine leichte syntaktische Irritation; sie lässt sich als poetische Lizenz lesen, die die Bewegung des Herzens in Richtung auf Cäcilie, quasi als Hin- oder Niederlegung „vor sie“, hervorhebt. Inhaltlich bleibt der Kern: „mein Herz“ steht nicht mehr in sich selbst, sondern ist auf eine exponierte Position bezogen – vor Cäcilie, der Angeredeten, der Lilie, dem Sternbild der Geliebten und Heiligen.

Interpretation: Der Vers bekräftigt die totale Hingabe des Ich: Sein Herz ist „vor die Cäcilie“ gebracht, fast wie ein Opfer, das vor eine Instanz gelegt wird. Das „vor“ markiert eine asymmetrische Beziehung: Hier das hingestreckte Herz, dort die angesprochene überlegene Figur. Dass diese Haltung als Vergleich zum Untergang vorangestellt wird, deutet den Tod des Ich als Vollendung dessen, was bereits innerlich geschehen ist: So wie mein Herz vor Cäcilie liegt – ausgeliefert, entblößt, ohne Rückzugsmöglichkeit –, so will ich untergehen. Die kleine Verschiebung im Kasus verstärkt den Eindruck einer Bewegung: Das Herz wird aktiv vor sie hin gebracht; der Untergang ist dieser Bewegung verwandt.

Vers 105: Lacht der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Lacht der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; diesmal wird sein Verhalten mit dem Verb „lacht“ beschrieben: Der Stern lacht.

Analyse: Grammatisch begegnet erneut eine verkürzte Konditionalkonstruktion: „Lacht der Stern … mir nicht mehr auf dir du Lilie, will ich einsam untergehen.“ Der Relativsatz „den ich gesehen“ verknüpft den Stern mit der biographischen Erfahrung des Ich. Das Verb „lacht“ verschiebt die Tonlage: Der Stern erscheint nicht nur als ernste, tröstende oder richtende Instanz, sondern als heitere, freudige, lächelnde. Sein „Lachen“ ist zugleich Bild für strahlendes Leuchten und für ein Wohlgefallen, eine freudige Zuwendung.

Interpretation: Mit diesem Vers tritt eine neue Qualität des Sternverhältnisses hervor: Der Stern wird als jemand erlebt, der lacht – und zwar offensichtlich nicht spöttisch, sondern beglückend. Dieses Lachen ist Ausdruck von Freude, Zustimmung, Helligkeit. Dass das Ich gerade diese Dimension zum Gegenstand einer Bedingung macht, zeigt, wie sehr es nicht nur auf Linderung, Führung und Verlangen, sondern auch auf eine heitere, gnädige Zuwendung angewiesen ist. Der Stern ist nicht bloß ernster Richter oder bloß tröstender Freund; er ist eine Instanz, deren Freude über das Du und damit über das Ich selbst zum Lebenselixier geworden ist.

Vers 106: Mir nicht mehr auf dir du Lilie

Beschreibung: „Mir nicht mehr auf dir du Lilie“ vollendet den Bedingungssatz und konkretisiert, worauf dieses Lachen sich richtet: Der Stern lacht „mir … auf dir, du Lilie“ – das heißt: für mich, auf dir (auf deinem Antlitz, auf deiner Gestalt), du Lilie. Gemeint ist offenbar Cäcilie, die hier als „Lilie“ angeredet wird.

Analyse: Die Versstruktur ist syntaktisch dicht: „Mir“ markiert den Dativ des Bezugs („für mich, zu meinem Heil“), „auf dir“ benennt den Ort oder das Medium des Lachens, und „du Lilie“ ist eine an die Geliebte gerichtete Anrede, die sie mit dem klassischen Symbol für Reinheit, Zartheit, vielleicht Marianisches verbindet. Das Bild legt nahe: Der Stern lacht auf der Geliebten, seine Freude und sein Glanz spiegeln sich an ihr – und dieser Anblick ist „mir“, dem Ich, zugedacht. Die Bedingung lautet: Wenn der Stern mir nicht mehr auf dir, du Lilie, lacht, dann …

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass das Ich sein Glück nicht nur in der direkten Zuwendung des Sterns zu sich sieht, sondern darin, dass der Stern auf Cäcilie „lacht“ – und zwar „mir“. Es lebt von der Konstellation: himmlisches Lachen – geliebte Lilie – mein Blick. Der Stern lacht auf ihr, und dieser Anblick ist sein Paradies. Damit verschiebt sich die Konstellation: Der Sprecher will nicht nur selbst vom Stern beachtet werden; er will in einer Welt leben, in der dieser Stern Cäcilie, die Lilie, mit seinem Lachen, mit Gnade und Freude überzieht. Wenn dieses Lachen ausbleibt, ist für ihn nicht nur seine eigene Beziehung beschädigt, sondern die ganze Ordnung von Stern, Lilie und Ich zerbrochen. Die Bedingung ist damit eine Art Stellvertreter-Szenario: Er kann nicht leben, wenn Cäcilie nicht mehr im Lachen dieses Sterns steht.

Vers 107: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt die Bedingung ab: Wenn der Stern mir nicht mehr auf der Liliengestalt Cäciliens lacht, will das Ich einsam untergehen.

Analyse: Die Apodosis folgt in der vertrauten Form. Inhaltlich wird hier erneut die Gleichung hergestellt: Ein Stern, der nicht mehr lachend auf der Geliebten ruht – eine Cäcilie, die nicht mehr unter diesem Lachen steht –, bedeutet für den Sprecher einen untragbaren Weltzustand. Die „Kette“ des Gedichts spannt sich weiter: Nicht nur der Entzug von Trost, Frieden, Verlangen, Inspiration und Linderung, sondern auch das Verstummen des freudigen Sternlachens über Cäcilie führt in dieselbe Konsequenz.

Interpretation: In dieser Strophe zeigt sich besonders deutlich, wie sehr das Ich sein Leben nicht nur an die eigene Beziehung zum Stern, sondern an das Glück der Geliebten bindet. Es kann nicht existieren in einer Wirklichkeit, in der Cäcilie nicht mehr im Lachen des Sterns steht. Das „Will ich einsam untergehen“ ist so auch ein Zeichen radikaler Solidarität: Wenn über dir kein Stern mehr lacht, wenn du nicht mehr Lilie im Licht der Gnade bist, dann will ich auch nicht mehr sein. Der Untergang ist hier nicht nur Selbstaufgabe aus eigenem Schmerz, sondern auch aus der Unfähigkeit, eine Welt zu ertragen, in der dieses Du seiner Sternfreude beraubt ist.

Vers 108: Wie allein, allein, alleine.

Beschreibung: „Wie allein, allein, alleine.“ beschließt die Strophe mit einem neuen, formal auffälligen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun beschrieben „wie allein, allein, alleine“ – eine dreifache Wiederholung desselben Wortfeldes, das die Einsamkeit in den Superlativ treibt.

Analyse: Der Vers besteht fast ausschließlich aus der dreifachen Wiederholung von „allein“, wobei die letzte Form als gesteigertes „alleine“ erscheint. Rhetorisch handelt es sich um eine Klimax und zugleich um eine Epizeuxis: Die unmittelbare Wiederholung derselben Vokabel steigert den Ausdruck, verlängert den Vers, dehnt ihn gleichsam in die Leere hinein. Bemerkenswert ist, dass der Vergleich hier kein neues Bild mehr einführt; das Untergehen wird mit „allein, allein, alleine“ verglichen – die Einsamkeit vergleicht sich mit sich selbst. Damit bricht die bisherige Bildpraxis, in der jede Strophe ein neues äußeres oder inneres Bild (Pilger, Bettler, Schwan, Mond, Blume, Träne, Licht etc.) für das Untergehen bot.

Interpretation: Dieser Vers markiert einen Punkt, an dem die Bildsprache an eine Grenze kommt: Es gibt kein äußeres Bild mehr, das die Intensität der Einsamkeit zu fassen vermöchte; die Einsamkeit kann nur noch mit sich selbst verglichen, in sich selbst verdoppelt und verdreifacht werden. „Wie allein, allein, alleine“ klingt wie ein verzweifeltes, fast kindlich anmutendes Klagewort, das sich selbst wiederholt, weil ihm nichts anderes mehr einfällt. Das Ich steht am Rand sprachlicher Erschöpfung: Nach der Fülle der zuvor aufgebauten Bildwelt bleibt am Ende nur die nackte, auf das Äußerste gesteigerte Erfahrung des Alleinseins. Dass dieser Vers Vergleichsformel („wie“) bleibt, aber kein fremdes Vergleichsbild mehr bringt, macht deutlich, wie sehr sich das Gedicht in eine Zone hineinbewegt, in der der Verlust von Stern und Lilie, von Lachen und Gnade, jede Bildvermittlung sprengt. Zurück bleibt ein schierer, in sich kreisender Einsamkeitssatz.

Gesamtdeutung der Strophe 18

Die achtzehnte Strophe führt die Bewegung des Kettenliedes in eine Zone äußerster Verdichtung, in der sich die Liebe zu Cäcilie, die Beziehung zum Stern und die Erfahrung radikaler Einsamkeit noch einmal auf engstem Raum überkreuzen. Formal bleibt die Kompositionsweise gleich: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet, das Schlussbild der vorigen Strophe („Wie mein Herz vor dir Cäcilie“) wird aufgenommen – hier leicht variiert zu „vor die Cäcilie“ –, eine neue Bedingung im Verhältnis zum Stern („Lacht der Stern, den ich gesehen, / Mir nicht mehr auf dir du Lilie“) wird formuliert und durch den Refrain beantwortet, schließlich schließt ein neues Vergleichsbild die Strophe – doch dieses Bild ist nun keine konkrete Metapher mehr, sondern die dreifache Selbstbenennung von Einsamkeit: „Wie allein, allein, alleine.“

Inhaltlich verschiebt die Strophe den Akzent auf eine besondere Konstellation: Entscheidend ist jetzt nicht nur, ob der Stern dem Ich selbst noch Trost, Linderung, Verlangen oder Musen schenkt, sondern ob er auf Cäcilie noch lacht. „Mir nicht mehr auf dir du Lilie“ meint: Der Stern lacht auf dir, und dieses Lachen ist für mich, ist mein Glück. Das Ich lebt von der Vorstellung, dass der Stern Cäcilie als Lilie betrachtet, sie in einem gütigen, freudigen Licht ansieht und dass es selbst dieses Lachen sehen darf. Das Zentrum der Weltordnung, in der es leben kann, besteht aus dieser dreifachen Beziehung: Stern – Lilie – Ich. Fällt das Lachen weg, ist diese Ordnung zerstört.

Damit verschiebt sich der Fokus ein Stück weit vom eigenen Heil auf das Heil des Du. In vorangegangenen Strophen ging es oft darum, was der Stern mir nicht mehr tut: mich nicht mehr entzündet, mir nicht mehr Trost bringt, mir den Weg nicht mehr zeigt, mir die Musen nicht mehr weckt, meine Wunde nicht mehr lindert. Hier aber geht es darum, dass der Stern auf dir nicht mehr lacht – und zwar „mir“. Das Ich kann nicht leben in einer Welt, in der Cäcilie nicht mehr im strahlenden Blick dieses Sterns steht. Sein Untergangswille ist damit nicht nur Ausdruck seines eigenen Leidens, sondern auch Ausdruck einer radikalen Fürsorge oder Solidarität: Eine Wirklichkeit, in der du nicht mehr Lilie im Lachen des Sterns bist, ist nicht lebenswert. Die Einheit von Liebes- und Glaubenshorizont zeigt sich darin, dass das Ich letzten Sinn nicht nur für sich beansprucht, sondern an die Freude Gottes (des Sterns) an der Geliebten koppelt.

Gleichzeitig wird die eigene Haltung des Ich in einem einzigen Bild gebündelt: „Wie mein Herz vor die Cäcilie“. Nach „Herz in deinem Herzen“, „Herz in deinem Herzen“, „Herz vor dir Cäcilie“ ist dies die gesteigerte Form einer totalen Herzhingabe. Das Herz ist nicht einfach innerlich berührt; es ist aus seinem Schutzraum herausgenommen und vor Cäcilie hingelegt. Der Untergang soll „wie“ diese Situation sein: wie ein Herz, das nackt, verletzlich, ausgesetzt vor der Geliebten liegt. Das Bild bündelt zugleich erotische, religiöse und existentiell-mystische Momente: Cäcilie kann als geliebte Frau, als Heilige, als Patronin der Musik gelesen werden; das Herz vor ihr ist Liebesopfer, kultische Gabe und innerste Seelengeste in einem.

Der Schlusssatz „Wie allein, allein, alleine“ schließlich zeigt, wohin diese Bewegung führt, wenn der Stern nicht mehr lacht. Nach einer langen Folge von Metaphern, die das Untergehen mit Pilger, Bettler, Tag, Sklave, Schwan, Mond, Trost, Herz, Blick, Blume, Kuß, Träne, Dank, Licht, Name und Kind verglichen haben, bricht die Bildmaschinerie hier gleichsam zusammen. Die Einsamkeit ist so radikal, dass sie sich nicht mehr in die Gestalt eines anderen Bildes fassen lässt; sie kann nur noch sich selbst dreimal nennen. Diese dreifache Wiederholung wirkt wie der sprachliche Ausdruck eines inneren Echos: „allein, allein, alleine“ – eine klagende, auswehende Formel, in der die Stimme immer dünner wird. Man spürt in ihr eine Art Erschöpfung: Der Redestrom, der das Kettenlied trägt, ist an einer Grenze angekommen, an der es nichts anderes mehr zu sagen gibt als die eigene Verlassenheit.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 18 so einen eigentümlichen Doppelpunkt: Einerseits ist sie ein weiterer Baustein im Katastrophenszenario, der die Bedrohung noch einmal differenziert – jetzt geht es um das Ausbleiben des Sternlachens auf Cäcilie, der Lilie –, andererseits kündigt sich in der Bildarmut des Schlussverses eine Erschöpfung an, ein Annähern an das Schweigen. Der Stern ist zu einem Geflecht aus Liebesbild, Heilsbild und poetischer Inspirationsquelle geworden; Cäcilie ist Lilie, Name, Adressatin des Herzens; das Ich ist Pilger, Sklave, Dichter, Verwundeter – und am Ende nur noch „allein, allein, alleine“. Gerade diese Konstellation macht die Strophe zu einer Scharnierstelle: Die Liebes- und Gnadenordnung, in der das Ich leben konnte, droht zu zerbrechen; übrig bleibt, wenn der Stern nicht mehr lacht, die nackte, in sich selbst kreisende Einsamkeit – ein Zustand, dem das Ich in seiner Logik nur noch durch das einsame Untergehen begegnen kann.

Strophe 19

Vers 109: Einsam will ich untergehen

Beschreibung: „Einsam will ich untergehen“ eröffnet auch die neunzehnte Strophe mit der bereits vielfach wiederholten Grundformel. Das lyrische Ich spricht abermals den Entschluss aus, einsam zugrunde zu gehen; der Vers steht als Auftakt, noch ohne die neue Bedingung der Strophe zu nennen.

Analyse: Der Vers wiederholt wörtlich die Eröffnungszeilen aller vorangegangenen Strophen, hält den vierhebigen, liedhaften Rhythmus und die typische Dreigliederung „Einsam – will ich – untergehen“ bei und fungiert weiterhin als refrainsartige Achse der Kettenkomposition. Zu diesem Zeitpunkt im Gedicht trägt er die gesamte Vorgeschichte mit sich: alle Varianten von Trostverlust, Weglosigkeit, Wundsein, Versiegen der Musen, Verstummen des Lachens des Sterns. Formell bleibt er schlicht, semantisch ist er hoch gesättigt.

Interpretation: Die Formel „Einsam will ich untergehen“ ist längst zu einem feststehenden Selbstentwurf geworden. Das Ich bekräftigt, dass es für sich keine andere letzte Antwort kennt, wenn der Stern in den jeweils beschriebenen Weisen ausfällt, als den einsamen Untergang. Der Vers hat etwas von einem immer neu gesprochenen Schwur: Er stabilisiert das Ich in seiner kompromisslosen Haltung, auch da, wo die inneren Bilder immer brüchiger und die Angst immer dichter werden. So steht hier zu Beginn der neunzehnten Strophe nochmals die klare Setzung: Jede Modifikation des Sternverhältnisses wird an dieser einen Schlusskonsequenz gemessen.

Vers 110: Wie allein, allein, alleine

Beschreibung: „Wie allein, allein, alleine“ nimmt wörtlich das Schlussbild der achtzehnten Strophe wieder auf und setzt es erneut als Vergleich. Das einsame Untergehen wird beschrieben „wie allein, allein, alleine“, also durch eine dreifache Steigerung des Alleinseins.

Analyse: Der Vers wiederholt Vers 108 und führt das Kettenprinzip fort; zugleich setzt er die auffällige rhetorische Figur der vorhergehenden Strophe fort: Statt eines neuen, historischen oder naturhaften Bildes wird die Einsamkeit mit sich selbst verglichen und durch Wiederholung gesteigert. Die dreifache Epizeuxis („allein, allein, alleine“) dehnt den Vers rhythmisch, lässt das Wort wie ein Echo nachhallen und gibt der Einsamkeit eine fast körperlich hörbare Intensität. Formal gehört der Vers zu den Auftaktzweizeilern, die Refrainformel und Vergleich zusammenspannen.

Interpretation: Indem das Ich diesen Vers an den Anfang der Strophe stellt, bekräftigt es die Erfahrung, dass sein Untergang in einer Einsamkeit gedacht ist, die kein Bild mehr fassen kann. Die Wiederholung „allein, allein, alleine“ wirkt wie ein stammelnder, verzweifelter Versuch, die Intensität der Verlassenheit auszusprechen, ohne noch auf andere Metaphern ausweichen zu können. Das Untergehen soll so einsam sein, wie es keine Vergleichsfigur mehr benennen kann. Damit wird die Einsamkeit selbst zum letzten, unüberschreitbaren Bild: Das Ich steht, wenn der Stern versagt, in einem Zustand, der nicht mehr vermittelt, sondern nur noch nackt benannt werden kann.

Vers 111: Blitzt der Stern, den ich gesehen

Beschreibung: „Blitzt der Stern, den ich gesehen“ leitet die neue Bedingung ein. Wieder steht der „Stern, den ich gesehen“ im Zentrum; diesmal wird seine Erscheinung mit dem Verb „blitzt“ verknüpft, das ein plötzliches, kurzes, intensives Aufleuchten bezeichnet.

Analyse: Grammatisch steht erneut eine konditionale Konstruktion vor uns: „Blitzt der Stern … nicht in Tränen die ich weine, will ich einsam untergehen.“ Der Relativsatz „den ich gesehen“ knüpft an die schon vielfach wiederholte biographische Verankerung des Sterns im Erleben des Ich an. „Blitzt“ als Verb verändert die Tonlage gegenüber „blickt“, „tauft“ oder „lacht“: Es nahelegt ein kurzes Aufscheinen, ein plötzlicher Lichtimpuls, vielleicht sogar ein schmerzlich grelles Aufflammen. Der Vers bleibt syntaktisch offen; das entscheidende Arbeitsfeld des Blitzens – „in Tränen die ich weine“ – folgt im nächsten Vers.

Interpretation: Das Ich fasst den Stern hier als eine Instanz, die sich nicht nur als steter Leitstern am Himmel zeigt, sondern als ein Licht, das bis in seine Tränen hinein „blitzt“. Das Wort „blitzt“ trägt einen ambivalenten Klang: es kann etwas Trostvolles meinen – der Stern ist selbst in den Tränen noch zu sehen –, aber auch etwas Schmerzhaftes, Schneidendes, das die Dunkelheit und die Trauer kurz zerschneidet. Dass gerade dieses plötzliche Aufleuchten zum Gegenstand einer Bedingung wird, deutet an: Das Ich lebt davon, dass selbst seine Tränen von dem Licht dieses Sterns durchzogen sind. Sein Leid ist nicht einfach dunkel; in ihm spiegelt sich etwas, das es doch mit einem Du verbindet.

Vers 112: Nicht in Tränen die ich weine

Beschreibung: „Nicht in Tränen die ich weine“ präzisiert den Bedingungssatz: Gemeint ist der Fall, dass der Stern nicht (mehr) in den Tränen „blitzt“, die der Sprecher weint. Der Vers verbindet das Bild des Blitzens mit den Tränen des Ich.

Analyse: „Nicht …“ nimmt den Bedrohungsgedanken auf: Der Stern, der bislang in den Tränen des Ich aufgeleuchtet hat, könnte aufhören, dies zu tun. Die Konstruktion „in Tränen die ich weine“ betont, dass es um die subjektiven Tränen des Sprechers geht, nicht um abstrakte Trauer. Semantisch entsteht das Bild von Tränen als einem Medium, in dem sich das Sternenlicht bricht – gleichsam wie Wasser oder Glas das Licht reflektieren. Die Formulierung deutet an, dass die Tränen durch den Stern nicht nur Zeichen von Schmerz, sondern auch Spiegel des Lichts sind.

Interpretation: Dieser Vers macht deutlich, dass für das Ich nicht nur entscheidend ist, daß es weint, sondern wie es weint: Tränen, in denen das Sternenlicht „blitzt“, sind anders als Tränen ohne jeden Glanz. Sie sind Leid, das vom Licht her noch berührt ist, Schmerzen, in denen sich die Nähe des Sterns – und damit der Geliebten, der Gnade, des göttlichen Du – noch spiegelt. Wenn der Stern nicht mehr in diesen Tränen blitzt, bedeutet das: Das Leid verliert seinen letzten, zarten Rest an Transzendenz; die Tränen werden undurchsichtig, schwer, dunkel. Das Ich fürchtet also einen Zustand, in dem es zwar weiterhin weint, aber in den eigenen Tränen keinen Stern mehr sieht – keine Spur von Trost, kein Echo des Du, keine Reflexion von Licht.

Vers 113: Will ich einsam untergehen

Beschreibung: „Will ich einsam untergehen“ wiederholt die Refrainformel und schließt die Bedingung ab: Wenn der Stern nicht mehr in den Tränen blitzt, die das Ich weint, will es einsam untergehen.

Analyse: Die Struktur entspricht der bekannten konditionalen Form: Auf die Bedingung („Blitzt der Stern … nicht in Tränen, die ich weine“) folgt die immer gleiche Apodosis. Inhaltlich wird hier die Gleichung weitergeschrieben: Tränen ohne Sternenglanz = absolute Trostlosigkeit = Untergang. Die Kettenform des Gedichts zeigt sich darin, dass nun auch diese sehr feine, fast mikroskopische Weise des Sternverhältnisses – sein Aufscheinen in den Tränen – mit derselben Konsequenz verknüpft ist wie alle früheren Formen des Entzugs.

Interpretation: Der Refrain erhält in dieser Konstellation einen besonders bitteren Ton: Das Ich ist nicht nur unfähig, ein Leben ohne Trost, Wegweisung, Verlangen oder Lindrung zu akzeptieren, sondern auch ein Leben, in dem seine Tränen völlig „sternlos“ sind. Das bedeutet: Solange im Weinen noch ein Aufblitzen des Sterns wahrnehmbar ist, solange im Schmerz noch ein Hauch von Licht schimmert, hält es aus. Aber wenn selbst die Tränen, der intimste Ausdruck seiner inneren Not, keinen Stern mehr spiegeln, dann verliert das Leiden seinen Sinn. Das „einsame Untergehen“ ist hier also nicht nur Reaktion auf Schmerz, sondern auf die völlige Unversöhnlichkeit des Schmerzes, der nichts mehr von jenem Du ahnen lässt, auf das alles ausgerichtet ist.

Vers 114: Wie arm Lind fleht bitte, bitte.

Beschreibung: „Wie arm Lind fleht bitte, bitte.“ beschließt die Strophe mit einem neuen Vergleich. Das einsame Untergehen wird nun mit der Szene verglichen, dass „arm Lind“ „bitte, bitte“ fleht. Der Vers ruft eine flehende Figur „Lind“ auf, deren Bitte im wörtlich wiedergegebenen Ruf „bitte, bitte“ hörbar wird.

Analyse: Der Vers bringt im Vergleich zu den kosmischen und abstrakten Bildern der vorangegangenen Strophen eine überraschend konkrete, fast szenische Formulierung: „arm Lind“ wirkt wie ein Kosename oder eine zärtliche Kurzform (später wird „Lindis »bitte, bitte«“ noch auftauchen), „fleht“ benennt den Gestus inständiger Bitte, und das doppelte „bitte, bitte“ gibt den Ton dieser Bitte unmittelbar wieder. Strukturell bleibt der Vers Vergleichsformel („Wie …“), aber statt eines naturhaften oder symbolischen Bildes haben wir hier ein beinahe dialogisches Fragment. Der Schlussschlag der Strophe besteht damit aus der Erinnerung an eine konkrete Flehgebärde – und aus der Einschreibung dieser Szene in das Bild des Untergangs.

Interpretation: Dieses Bild öffnet das Gedicht auf eine sehr persönliche Ebene. „Arm Lind“ lässt sich als liebevoll-teilnehmende Anrede eines leidenden, vielleicht kindlich wirkenden Du lesen, das „bitte, bitte“ fleht. In den späteren Versen wird dieses „bitte“ ausdrücklich zitiert, sodass Vers 114 gewissermaßen auf eine innere Urszene vorausweist: Jemand – vermutlich Cäcilie/Lindis – hat mit kindlicher Dringlichkeit „bitte, bitte“ gesagt. Das Ich vergleicht seinen Untergang nun mit dieser flehenden Gestalt: Untergehen wie „arm Lind fleht bitte, bitte“ heißt, sich selbst in einen Zustand äußerster Hilflosigkeit, Bedürftigkeit, flehender Ausgeliefertheit versetzt zu sehen. Die ganze Würde des Ich schrumpft in dieser Perspektive auf den Klang eines bittenden „bitte, bitte“ zusammen. Zugleich steckt darin eine zarte Solidarität: Indem es seinen Untergang an das Flehen von „arm Lind“ bindet, stellt es sich innerlich an ihre Seite; sein Sterben ist gewissermaßen vom Echo dieses Bittens durchzogen. Man kann darin auch einen verschobenen Gebetsgestus hören: Das „bitte, bitte“ hat etwas vom repetitiven, kindlich-inständigen Gebet, das zu einem Stern oder Gott gerichtet ist – und das im Untergang des Ich seine letzte Intensität erhält.

Gesamtdeutung der Strophe 19

Die neunzehnte Strophe führt die Bewegung des Kettenliedes an eine Stelle, an der Tränen, Sternenglanz und ein sehr konkreter Flehruf („bitte, bitte“) aufeinander treffen. Formal bleibt das Schema unverändert: Der Refrain „Einsam will ich untergehen“ eröffnet die Strophe, das vorausgehende Schlussbild („Wie allein, allein, alleine“) wird aufgenommen, eine neue Bedingung („Blitzt der Stern, den ich gesehen, / Nicht in Tränen die ich weine“) wird formuliert, der Refrain beantwortet diese Bedingung, und ein neues Vergleichsbild schließt die Strophe ab – diesmal allerdings kein abstraktes Symbol, sondern die Szene „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“.

Im Zentrum der Strophe steht das Motiv der Tränen als Ort, an dem sich das Verhältnis zum Stern entscheidet. Das Ich weint – das steht außer Frage; sein Leben ist geprägt von Wunde, Verlangen und Verlustangst. Die Frage ist, ob in diesen Tränen noch etwas vom Stern „blitzt“. Solange das Licht des Sterns sich im Wasser seiner Tränen spiegelt, ist der Schmerz zwar hart, aber nicht sinnlos: Er bleibt in Beziehung. Das Leid ist dann noch „durchlässig“ für Transzendenz, Liebe, Gnade. Mit dem Bild vom Stern, der in den Tränen blitzt, zeichnet das Gedicht eine subtile, aber sehr dichte Konstellation: Der Mensch ist nicht nur von außen vom Stern beschienen, sondern trägt dessen Licht in den eigenen Tränen – im innersten Ausdruck seiner Not. Die Tränen erscheinen als ein Prisma, das den Stern reflektiert.

Die Bedingung der Strophe setzt genau hier an: „Blitzt der Stern, den ich gesehen, / Nicht in Tränen die ich weine“ – also: Wenn meine Tränen nicht mehr vom Sternenlicht berührt sind, wenn in meinem Weinen nichts mehr von dir, Stern, durchscheint, dann ist die Grenze erreicht. Das „Will ich einsam untergehen“ ist daher nicht nur Reaktion auf das bloße Faktum des Leidens, sondern auf eine Qualität des Leidens: Das Ich erträgt Schmerz nur, solange dieser Schmerz noch etwas von der Gegenwart des Du trägt. In dem Moment, in dem die Tränen „blind“ werden, in dem sie nur noch Ausdruck von Trostlosigkeit sind, nicht mehr Medium eines Lichts, wird das Leben unhaltbar. Die Strophe macht damit deutlich, wie sehr das Ich sein Leiden als Beziehungsgeschehen versteht: selbst im Weinen möchte es „gesehen“ sein, Licht tragen, in Resonanz mit dem Stern stehen. Das völlige Verstummen dieses Lichts in den Tränen wäre für es der Inbegriff der Verlassenheit.

Bemerkenswert ist, wie die Strophe diese hoch symbolische Konstellation am Ende in eine kleine, beinahe häuslich wirkende Szene einmündet: „Wie arm Lind fleht bitte, bitte.“ Nach den großen Bildern von Sternen, Tränen, Licht und Einsamkeit hören wir plötzlich ein ganz bestimmtes „bitte, bitte“. Die Person „Lind“ – später „Lindis“ – tritt als konkrete, verletzliche Figur in den Text: „arm Lind“, die fleht. Dieses Flehen ist nicht abstrakt referiert, sondern in den Worten „bitte, bitte“ zitiert. Dadurch bekommt die Szene eine unmittelbare Tonalität: Man hört die Stimme, spürt die Dringlichkeit. Das Ich vergleicht seinen Untergang mit dieser Gestalt des Flehens. Damit zieht es sich selbst in dieselbe Vulnerabilitätszone hinein: Sein sterbender Zustand wird wie ein ständiges, kindlich-inständiges „bitte, bitte“ gedacht.

So entsteht eine dichte Doppelperspektive: Einerseits steht das Ich vor einem Stern, dessen Licht vielleicht nicht mehr in seinen Tränen blitzt; andererseits steht es vor „arm Lind“, deren Bitte ihm in den Ohren klingt. Man kann die Szene so lesen, dass das Ich seinen eigenen Untergang im Echo dieses „bitte, bitte“ vollzieht: Es wird sterben wie eine Bitte, die sich erschöpft, sich verzehrt, immer wieder „bitte, bitte“ sagt, bis keine Sprache mehr bleibt. Gleichzeitig weckt „arm Lind“ Mitleid: Die flehende, arme Figur wird liebevoll, nicht distanziert benannt. Der Vergleich mit ihr verknüpft den Todeswunsch des Ich mit einem letzten Akt der Empathie: Mein Untergehen ist so hilflos, so ausgesetzt, so bedürftig wie dein Flehen.

Im Gesamtverlauf des Gedichts markiert Strophe 19 so eine weitere Vertiefung der inneren Dramatik. Die Bildwelt ist an einem Punkt angekommen, an dem sie zugleich maximal kosmisch und maximal intim ist: Der Stern blitzt in Tränen, die von einem „arm Lind“ begleiteten Dasein geweint werden; das Untergehen ist im gleichen Atemzug kosmische Verlassenheit („wie allein, allein, alleine“) und konkretes Bittflehen („bitte, bitte“). Das Ich steht zwischen Himmel und Haus, zwischen Sternenlicht und kleiner Bitte – und beide Ebenen sind ihm gleichermaßen existentiell. In dieser Mischung wird sichtbar, wie dicht Brentanos Text Liebespoesie, Mystik und seelische Anthropologie verwebt: Das Schicksal eines Menschen entscheidet sich in der Frage, ob in seinen Tränen noch ein Stern blitzt – und in der Art, wie er in seiner äußersten Bedürftigkeit „bitte, bitte“ sagen kann, bevor er, nach eigener Logik, einsam untergeht.

Strophe 20

Vers 115: Einsam muß ich heim nun gehen

Beschreibung: „Einsam muß ich heim nun gehen“ formuliert einen neuen, anders akzentuierten Anfang als in den vorangehenden Strophen. Das lyrische Ich erklärt nicht mehr, dass es „untergehen“ will, sondern dass es „heim“ gehen muss, und dies ausdrücklich „einsam“. Der Vers beschreibt einen Aufbruch oder Abbruch: Der Sprecher macht sich allein auf den Heimweg.

Analyse: Formal bricht der Vers das bisherige Refrainschema auf. Statt „Einsam will ich untergehen“ (Wille, Zukunft, hypothetischer Endzustand) steht nun „Einsam muß ich heim nun gehen“ (Zwang, Gegenwart, konkrete Bewegung). Das Modalverb „muß“ weist auf eine äußere oder innere Notwendigkeit, „heim“ bezeichnet einen Ortswechsel, möglicherweise zurück in die eigene Lebensordnung, und „nun“ markiert den Zeitpunkt als unmittelbare Gegenwart. Der Untergangs-Topos tritt zurück hinter die Realität eines Weggehens; das Gedicht tritt aus der Abfolge von Konditionalsätzen in eine konkrete Szenensituation.

Interpretation: Dieser Vers markiert einen Einschnitt in der inneren Dramaturgie des Kettenliedes. Das bisherige Mantra „will ich untergehen“ wird gewissermaßen vom Leben selbst unterbrochen: Das Ich muss „heim nun gehen“, es wird aus der Todessehnsucht in eine Art Alltag oder Pflicht zurückgerufen. Zugleich bleibt die Einsamkeit als Grundton bestehen; auch der Weg „heim“ ist einsam. Man kann darin ein Korrektiv sehen: Der Stern gestattet dem Ich nicht den selbstgewählten „Untergang“ im Pathos der Todesnähe, sondern schickt es zurück in die Wirklichkeit, in der es weiterleben muss – und doch in einer Einsamkeit, die all die vorherigen Strophen bestätigt.

Vers 116: Auf arm Lindis »bitte, bitte,«

Beschreibung: „Auf arm Lindis »bitte, bitte,«“ nennt den Anlass oder Anlassgrund dieses heimgehenden Aufbruchs. Das Ich geht „auf“ – also aufgrund von, auf den Ruf hin – „arm Lindis ‚bitte, bitte‘“. Das Flehen wird wörtlich zitiert und ist an die Figur „Lindis“ gebunden.

Analyse: Die Präposition „auf“ in der Bedeutung „auf Grund von“ bzw. „in Folge von“ stellt das Verhalten des Ich in direkte Beziehung zu Lindis’ Bitte. „Arm Lindis“ setzt die schon bekannte, zärtlich-mitleidige Bezeichnung „arm Lind“ aus Vers 114 fort; das Diminutiv „-is“ lässt den Klang noch persönlicher, vertrauter, vielleicht kindlicher wirken. Durch die wörtliche Wiedergabe „bitte, bitte“ erhält das Flehen eine fast dialogische, szenische Präsenz. Wichtig ist, dass dieses „bitte, bitte“ nun ausdrücklich als Ursache des Heimgehens genannt wird: Das Ich reagiert nicht auf abstrakte Prinzipien, sondern auf einen konkret gesprochenen Ruf.

Interpretation: Der Vers knüpft die Wendung des Gedichts an eine konkrete Szene: Jemand – „arm Lindis“ – hat mit inständigem, beinahe kindlich klingendem „bitte, bitte“ um etwas gebeten, und das Ich gibt diesem Flehen nach. Wahrscheinlich ist gemeint, dass Lindis darum bittet, dass er geht, dass er heimkehrt, vielleicht um sie, ihn oder die Situation zu schützen. Das Mitleidswort „arm“ deutet an, dass diese Bitte selbst aus Not, Angst oder Überforderung geboren ist. Das Ich akzeptiert damit, dass nicht sein eigener Todeswunsch, sondern Lindis’ Bedürftigkeit die Situation bestimmt. Seine Bewegung „heim“ ist Gehorsam – nicht nur gegenüber einem Stern, sondern gegenüber der verwundbaren Bitte eines geliebten Du.

Vers 117: O mein Stern, dein süßes Flehen,

Beschreibung: „O mein Stern, dein süßes Flehen,“ wendet sich in einem Ausruf direkt an den „Stern“. Das Ich nennt ihn „mein Stern“ und bezeichnet das zuvor erwähnte „bitte, bitte“ als „dein süßes Flehen“ des Sterns.

Analyse: Der Vers vollzieht eine klare Zuordnung: Das Flehen, das eben noch „arm Lindis“ zugeschrieben war, wird jetzt als „dein süßes Flehen“ angesprochen, wobei „du“ der Stern ist. Die Interjektion „O“ markiert ein affektives Aufblicken; die Anrede „mein Stern“ fasst die lange Serie der Sternbilder zusammen. „Süßes Flehen“ verbindet Zartheit und Dringlichkeit: Flehen ist dringliche Bitte, „süß“ legt Gnade, Freundlichkeit, Liebe nahe. Rhetorisch verschiebt der Vers die Ebene: Was als menschlicher Ruf begann, wird als Stimme des Sterns, als Gnadenruf umgedeutet.

Interpretation: Hier wird deutlich, wie das Ich menschliches und transzendentes Gegenüber ineinander liest. Lindis’ „bitte, bitte“ ist in seinem Verständnis nicht bloß eine menschliche Regung, sondern das Medium, in dem der Stern selbst zu ihm spricht. Indem es sagt „O mein Stern, dein süßes Flehen“, erkennt es im Flehen der Geliebten den Willen, die Sorge, vielleicht das Erbarmen des Sterns. Die ihm aufgezwungene Trennung, das Heimgehen, erscheint so nicht als bloß äußere Notwendigkeit, sondern als freundliche, „süße“ Intervention des Sterns, der ihn davon abhält, sich in seiner Todessehnsucht zu verlieren. Die transzendente Instanz spricht durch das zarte Menschenwort.

Vers 118: Wenn du wüßtest, was ich bitte

Beschreibung: „Wenn du wüßtest, was ich bitte“ eröffnet einen konditionalen Nebensatz. Das Ich spricht weiter den Stern an und sagt: Wenn du wüsstest, was ich eigentlich bitte – also was sein tiefster Wunsch, sein innerstes Anliegen ist.

Analyse: Grammatisch führt der Vers in eine Irrealis-Struktur, die im nächsten Vers fortgesetzt wird: „Wenn du wüßtest, was ich bitte, / Hätte mir noch zugesehen …“. Der Konjunktiv II („wüßtest“) markiert die Nichterfüllung; das Gefragte steht nur als Möglichkeit im Raum. „Was ich bitte“ bleibt inhaltlich offen: Das Gedicht verrät nicht direkt, worum es konkret bittet. Der Vers öffnet so einen Raum des unausgesprochenen Wunsches, der nur als Andeutung formuliert wird. Inhaltlich wird damit die Spannung deutlich zwischen dem „süßen Flehen“ des Sterns (der bittet) und der eigenen „Bitte“ des Ich (das bittet).

Interpretation: Der Vers zeigt, dass das Ich neben den Bitten, die an es herangetragen werden (Lindis’ „bitte, bitte“), auch eine eigene, tieferliegende Bitte in sich trägt. Es spricht den Stern an, als wisse dieser um seine innere Sehnsucht noch nicht oder nicht ganz: „Wenn du wüßtest, was ich bitte…“. Gemeint sein kann die Bitte, bleiben zu dürfen; die Bitte um völlige Vereinigung mit der Geliebten; die Bitte, tatsächlich „untergehen“ zu dürfen im Sinne der Todessehnsucht, die das ganze Gedicht getragen hat. Gerade dass die Bitte nicht ausgesprochen wird, verstärkt ihren Ernst: Es scheint um etwas zu gehen, das nicht leichtfertig benannt werden kann – um einen Wunsch, den das Ich selbst vielleicht als gefährlich oder übermäßig erkennt.

Vers 119: Hätte mir noch zugesehen,

Beschreibung: „Hätte mir noch zugesehen,“ setzt den Satz fort und bildet die Apodosis des Konditionals: Wenn du wüsstest, was ich bitte, hättest du mir „noch zugesehen“, also weiter zugeschaut. Der Vers bleibt syntaktisch offen und verlangt nach der Fortführung in Vers 120.

Analyse: Der Konjunktiv II („hätte … zugesehen“) zeigt, dass es sich um eine nicht erfüllte Möglichkeit handelt. „Noch“ weist auf eine Verlängerung hin: Der Stern hätte dem Ich länger zugesehen, ihm noch Zeit gelassen. „Mir zugesehen“ kann man doppelt lesen: als überwachende oder als liebevoll zuschauende Geste. In der Logik des Gedichts liegt nahe, dass es um das fortgesetzte Aushalten jener Situation geht, in der das Herz des Ich durch Liebe, Verlangen und Nähe zur Geliebten immer weiter strapaziert wird. Der Vers enthält damit eine leise Klage: Der Stern hat nicht „noch“ zugesehen – statt dessen kam das „süße Flehen“, das zur Heimkehr drängt.

Interpretation: Das Ich imaginiert hier ein anderes Ende: Hättest du, Stern, um meine tiefste Bitte gewusst, dann hättest du mich nicht weggerufen, sondern mir noch zugesehen – du hättest zugelassen, dass ich in der Nähe der Geliebten, unter deinem Blick, weiter in diese extreme Liebesspannung hineinwachse. „Zusehen“ ist ambivalent: Es bedeutet auch, das Leiden, das Zerreißen des Herzens nicht zu verhindern. Der Vers legt nahe, dass das Ich sich eigentlich eine Art „zu Ende gelebten“ Liebestodes wünscht, eine Vollendung seiner Todessehnsucht. Dass der Stern statt dessen „süß“ fleht und ihn heimruft, erlebt es als liebevolle, aber seinem innersten Wunsch entgegenstehende Grenze.

Vers 120: Bis mein Herz brach in der Mitte.

Beschreibung: „Bis mein Herz brach in der Mitte.“ schließt die Strophe und vollendet den Irrealis: Der Stern hätte ihm noch zugesehen, „bis mein Herz brach in der Mitte“. Der Vers bringt erneut das Motiv des brechenden Herzens in einer besonders bildhaften Wendung.

Analyse: „Bis“ markiert die äußerste Grenze dieses imaginierten „Zusehens“: Das Herz des Ich sollte buchstäblich „in der Mitte“ brechen. Die Formulierung knüpft an frühere Herz-Bilder an („Bricht der Stern … nicht mein Herz mehr mit Verlangen“), macht das Brechen nun aber zur endgültigen Vollendung. „In der Mitte“ kann räumlich (mitten entzwei), affektiv (im innersten Kern), biographisch (mitten im Leben) verstanden werden. Der Vers fasst den kulminierenden Punkt der Todessehnsucht in ein drastisches, aber zugleich stark symbolisches Bild.

Interpretation: In dieser Schlussszene der Strophe benennt das Ich, was seine unausgesprochene Bitte war: Es wünschte sich, dass der Stern ihm noch so lange zugesehen hätte, bis sein Herz an der Überfülle von Liebe, Schmerz, Verlangen buchstäblich zerbrochen wäre. Das wäre der Gipfel der romantischen und mystischen Todessehnsucht: nicht ein äußerer, zufälliger Tod, sondern ein Herzbruch aus Liebe, ein Sterben an der eigenen inneren Spannung. Dass dieser Vers im Irrealis steht, bedeutet: So ist es nicht gekommen – und der Stern, der durch Lindis „bitte, bitte“ fleht, hat es nicht zugelassen. Die Strophe macht so die Ambivalenz sichtbar: Der Stern ist zugleich „süß“ flehend, rettend, und er scheint den letzten, selbstzerstörerischen Wunsch des Ich zu durchkreuzen. Das Ich bleibt verwundet, aber lebendig.

Gesamtdeutung der Strophe 20

Die zwanzigste Strophe stellt einen markanten Wendepunkt im Verlauf des Kettenliedes dar. Nach neunzehn Strophen, in denen das Gedicht in einer strengen Kettenfigur aus „Wenn der Stern … / Will ich einsam untergehen / Wie …“ variierte, tritt hier eine neue erzählerische und zeitliche Konstellation auf. „Einsam muß ich heim nun gehen“ ersetzt den bislang leitenden Refrain „Einsam will ich untergehen“: an die Stelle des hypothetischen Todeswunsches tritt eine konkrete, in der Gegenwart angesiedelte Bewegung. Das Ich verlässt eine Situation, in der es sich innerlich immer weiter ins Extrem einer Todessehnsucht gedrängt hat, und bricht „heim“ auf – in Einsamkeit, aber doch weg von der dramatisch aufgeladenen Szene mit Lindis/Cäcilie und dem Stern.

Zentral ist dabei, dass dieses Heimgehen ausdrücklich „auf arm Lindis ‚bitte, bitte‘“ geschieht. Die in Strophe 19 bildhaft eingeführte Figur „arm Lind“ tritt nun als „Lindis“ deutlich hervor und wird mit einer konkreten, zitierten Rede verbunden. Ihr „bitte, bitte“ ist klein, fast kindlich, aber für das Ich verbindlich: Es folgt dieser Bitte. Der zuvor in großem Pathos beschworene Wille zum Untergang tritt hinter dem Erbarmen gegenüber der „armen“ Lindis zurück. Damit verschiebt sich die innere Gewichtung: Der Sprecher ist nicht nur der von einem Stern Ergriffene, sondern auch der, der auf die Not einer ganz konkreten Person reagiert. Seine Todessehnsucht wird durch die Schwäche eines anderen Menschen begrenzt.

Die Strophe geht noch einen Schritt weiter, indem sie dieses menschliche Flehen transparent auf den Stern hin deutet: „O mein Stern, dein süßes Flehen“. Lindis’ Ruf ist in den Augen des Ich nicht bloß ihrer, sondern ein „süßes Flehen“ des Sterns selbst. Damit wird die doppelte Codierung der Geliebten, die das ganze Gedicht durchzieht, zugespitzt: Sie ist zugleich leidendes, „armes“ Du und Medium der Stern-Gnade, der göttlichen Einwirkung. Im „bitte, bitte“ der Geliebten hört das Ich die Stimme des Sterns, der ihn ruft. Der appelierende Stern ist „süß“ – eine Gnade, die nicht herrisch befiehlt, sondern bittend lockt, und gerade dadurch wirksam ist. So erscheint die Heimkehr nicht als Verrat an der Liebe, sondern als Gehorsam gegenüber einer transzendenten, aber zärtlich auftretenden Instanz.

Im Irrealis, den Vers 118–120 entfalten, wird zugleich die innere Spannung sichtbar, die in dieser Gehorsamsbewegung bleibt. Das Ich gesteht indirekt, dass seine eigene Bitte eine andere wäre: „Wenn du wüßtest, was ich bitte, / Hätte mir noch zugesehen, / Bis mein Herz brach in der Mitte.“ Es imaginiert ein alternatives Ende: Der Stern hätte seiner innersten Sehnsucht entsprochen, indem er ihn nicht heimgerufen, sondern ihm „noch zugesehen“ hätte, bis zum äußersten Punkt, an dem das Herz bricht. Der große Wunsch des Ich wäre demnach nicht die Rettung aus der Spannung, sondern ihre Vollendung im Herzbruch – der romantisch-mystische Tod aus übergroßer Liebe. Dass dieser Wunsch im Konjunktiv bleibt, zeigt, dass der Stern ihn nicht erfüllt: Statt der tödlichen Erfüllung gewährt er das „süße Flehen“, das zum Heimgehen zwingt.

Damit liegt in Strophe 20 eine doppelte, theologisch wie psychologisch aufgeladene Bewegung: Einerseits wird die Todessehnsucht des Ich ernst genommen und bis zu ihrer extremsten Formulierung durchgespielt (Herzbruch „in der Mitte“ als ersehntes Ende); andererseits wird sie durch das Eingreifen des Sterns begrenzt. Der Stern – und durch ihn die „arme“ Lindis – retten das Ich vor sich selbst, indem sie ihm nicht erlauben, bis zur völligen Selbstzerstörung in der Liebesspannung zu bleiben. „Einsam muß ich heim nun gehen“ ist also, auf einer tieferen Ebene, eine Gnade: Das Leben geht weiter, wenn auch in Einsamkeit, die Todessehnsucht wird nicht zur Tatsache.

Gleichzeitig zeigt die Strophe, wie eng menschliche Beziehungen und transzendentes Geschehen miteinander verflochten sind. „Arm Lindis ‚bitte, bitte‘“ ist nicht nur eine persönliche Szene, sondern auch Medium des Sternrufes; das unausgesprochene „was ich bitte“ ist nicht nur Liebeswunsch, sondern eine Art Gebet, das nicht eins zu eins erfüllt wird. Der Stern tritt hier auffällig als Gegeninstanz zu einem destruktiven Verlangen auf: Er fleht, das Ich bittet, und am Ende setzt sich das Flehen des Sterns – vermittelt über Lindis – gegen die Bitte des Ich durch. In dieser Überkreuzung der Bitten und Flehen zeigt sich ein Spannungsfeld von Gehorsam und Eigenwillen, Gnade und Todessehnsucht, das typisch für eine romantisch-mystische Spiritualität ist.

Im Gesamtverlauf des Gedichts fungiert Strophe 20 daher als Übergangsstrophe. Die starre Kettenstruktur der ersten neunzehn Strophen wird aufgebrochen, eine konkrete Erzählsituation tritt hervor, und die bisher in Bildern verhandelte Todessehnsucht wird mit der Realität eines „heimgehenden“ Lebens konfrontiert. Der Sprecher ist noch nicht gestorben, sein Herz ist nicht gebrochen; statt dessen geht er – gezwungen durch das „süße Flehen“ des Sterns – heim, mit einer Wunde, einer unerfüllten Bitte und einer Todessehnsucht, die nicht zur letzten Konsequenz kommen durfte. Gerade in dieser gebrochenen, nicht erfüllten Gestalt erhält die Strophe ihr besonderes Gewicht: Sie zeigt, dass der Stern dem Ich zwar nicht alle tiefsten Wünsche erfüllt, ihm aber in der Begrenzung seiner Selbstzerstörung eine andere, schwerere Gnade erweist – die Gnade, weiterleben zu müssen.

Strophe 21

Vers 121: Einsam muß ich heim nun gehen

Beschreibung: „Einsam muß ich heim nun gehen“ wiederholt den Anfang der vorigen Strophe: Das lyrische Ich erklärt, dass es nun allein „heim“ gehen muss. Der Vers beschreibt eine konkrete Bewegung des Weggehens, gekennzeichnet durch Einsamkeit und Notwendigkeit („muß“).

Analyse: Wie in Vers 115 tritt an die Stelle des früheren Refrains „Einsam will ich untergehen“ die veränderte Formel „Einsam muß ich heim nun gehen“. Das Modalverb „muß“ betont Zwang und Unvermeidlichkeit, „heim“ ruft das Bild einer Rückkehr an einen vertrauten Ort hervor, „nun“ markiert den aktuellen, unverrückbaren Zeitpunkt der Entscheidung. Der Vers steht im Indikativ und verankert das Gedicht im Jetzt einer erzählten Situation; der hypothetische Untergangswille ist momentan suspendiert zugunsten eines faktisch vollzogenen Gang „heim“. Die Wiederaufnahme von Vers 115 bindet die Strophen 20 und 21 eng aneinander.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass der Todeswunsch des Ich nicht in eine unmittelbare Ausführung mündet. Stattdessen muss es – offenbar gegen den innersten Wunsch – „heim“ gehen, in eine Alltags- oder Lebenswirklichkeit, in der die existentiellen Spannungen fortbestehen. Die Einsamkeit bleibt als Grundton; das Heim als Ort der Rückkehr ist nicht tröstlich, sondern Schauplatz eines Alleinseins. Zugleich wirkt das „muß“ wie ein Hinweis darauf, dass eine höhere Instanz (der Stern, Gott, das Schicksal) diesen Weg erzwingt: Das Ich wird in das Weiterleben zurückgerufen und kann nicht im Pathos des Untergangs verharren.

Vers 122: Und mein Herz brach in der Mitte,

Beschreibung: „Und mein Herz brach in der Mitte,“ setzt den Gedanken fort und erklärt: Während es heimgehen muss, ist „mein Herz“ „in der Mitte“ gebrochen. Der Vers behauptet das Herzbrechen als bereits geschehenes Ereignis.

Analyse: Der Anfang „Und“ verknüpft logisch das Heimgehen mit dem inneren Geschehen. Im Unterschied zu Vers 120 („bis mein Herz brach in der Mitte“) als irreale Wunschvorstellung („hätte … zugesehen“), steht der Vers nun im Indikativ Präteritum: „mein Herz brach“. Damit wird der zuvor imaginierte Herzbruch in gewisser Weise doch Realität – allerdings nicht im Sinne eines physischen Todes, sondern als inneres, seelisches Zerbrechen. „In der Mitte“ knüpft direkt an die Formulierung aus Vers 120 an und verstärkt den Eindruck, dass der innerste Kern, der zentrale Bereich des Lebens, getroffen ist.

Interpretation: Der Vers zeigt eine paradoxe Konstellation: Das Ich muss weiterleben und heimgehen, aber innerlich ist der Punkt erreicht, den es im Irrealis der vorigen Strophe herbeigesehnt hat. Sein Herz ist „in der Mitte“ gebrochen – nicht unbedingt im Sinne des physischen Todeseintritts, wohl aber als Erfahrung eines inneren, existentiellen Zusammenbruchs. Die Todessehnsucht hat sich nicht äußerlich erfüllt, aber innerlich ist das Ich in den Zustand hineingelangt, den es als Endpunkt imaginiert hatte. So entsteht eine Doppelbewegung: körperliches Weiterleben bei innerer, seelischer „Todes-Erfahrung“. Das Heimgehen geschieht mit einem gebrochenen Herzen, das vielleicht nie wieder ganz wird.

Vers 123: Stern, du hast mich angesehen,

Beschreibung: „Stern, du hast mich angesehen,“ wendet sich in direkter Anrede an den Stern. Das Ich konstatiert: Der Stern hat es angesehen – ein Blickakt des Sterns auf das Ich.

Analyse: Die direkte Anrede „Stern“ setzt die Tradition der Sternmetaphorik fort, nun aber in einer rückblickenden, bilanzierenden Form. „Du hast mich angesehen“ steht im Perfekt und markiert eine vergangene, aber wirkkräftige Erfahrung: Der Sternblick ist Teil der Geschichte, die zu dem jetzigen Zustand geführt hat. Der Blick („angesehen“) ist eines der Grundmotive des Gedichts (Blick, Glanz, Tau, Blitz); hier wird er explizit als personal gerichtete Zuwendung benannt. Syntaktisch steht der Vers im einfachen Aussagesatz, wirkt aber durch den direkten Anruf wie ein halb-gebetshafter Rückblick.

Interpretation: Der Vers hält fest, dass das ganze Drama des Gedichts von einem einzigen Grundereignis her verstanden werden muss: Die Tatsache, dass der Stern das Ich angesehen hat. In diesem Ansehen steckt Erwählung, Beachtung, Ergriffenwerden. Das Ich war nicht anonym, nicht übersehen, sondern im Blick dieser Instanz. Dieser Blick hat alles in Gang gesetzt: Liebe, Verlangen, Wunde, Trost, Todessehnsucht. Im Rückblick klingt eine Mischung aus Dankbarkeit und Anklage mit: Gerade, weil du mich angesehen hast, bin ich in diesen Zustand geraten. Der Sternblick ist Gnade – aber eine Gnade, die das Ich in eine gefährliche, alles verzehrende Liebesspannung geführt hat.

Vers 124: Hast gefesselt meine Schritte,

Beschreibung: „Hast gefesselt meine Schritte,“ ergänzt und konkretisiert, was der Sternblick bewirkt hat: Die Schritte des Ich wurden „gefesselt“. Es konnte sich also nicht mehr frei bewegen; sein Gehen wurde an den Stern gebunden.

Analyse: Der Vers steht ebenfalls im Perfekt und beschreibt die Folge des Ansehens. „Gefesselt“ ruft ein starkes Bild hervor: Fesseln hindern an freier Bewegung, halten fest, binden. Gleichzeitig schwingt der Titel des Gedichts mit („Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde“). Die „gefesselten“ Schritte sind Ausdruck einer Knechtschaft oder Bindung, die das Ich als Sklaven des Sterns zeigt. „Meine Schritte“ steht für das ganze Lebensgehen, die Lebensentscheidungen, die Richtung des Daseins. Der Stern ist damit Ursache einer existentiellen Gebundenheit.

Interpretation: Mit diesem Vers benennt das Ich die Ambivalenz seiner Erwählung: Der Blick des Sterns hat es nicht nur beglückt, er hat es auch „gefesselt“, unfrei gemacht. Die „Schritte“ – also Lebenswege, Entscheidungen – standen fortan unter dem Bann dieses Sterns. Die Sklaven-Metaphorik, die schon in den früheren Strophen anklingt („Wie ein Sklave an der Kette“), wird hier personalisiert: Nicht abstrakte Umstände, sondern der Stern selbst hat gefesselt. Das kann als Liebesbindung gelesen werden, als süße Knechtschaft der Liebe, aber auch als schmerzhafte Erfahrung, dass das eigene Leben sich nicht mehr lösen kann. In dieser Perspektive ist das Ich zugleich dankbarer Erwählter und Gefangener; seine Todessehnsucht ist auch Ausdruck der Unmöglichkeit, aus dieser Fesselung einfach auszusteigen.

Vers 125: Mußt doch einsam untergehen

Beschreibung: „Mußt doch einsam untergehen“ wendet sich weiterhin an den Stern und stellt fest: Du musst „doch“ einsam untergehen. Die Untergangsformel wird vom Ich auf den Stern übertragen.

Analyse: Der Vers kehrt die bekannte Formel um: Bislang hieß es „Will ich einsam untergehen“; nun heißt es in der direkten Anrede: „Mußt doch einsam untergehen“. Das Subjekt des Untergangs ist nicht mehr das Ich, sondern der Stern. Das Modalverb „mußt“ überträgt den Zwang, den das Ich eben noch für sich formuliert hatte, auf die Sternfigur. Das kleine Partikel „doch“ drückt eine Mischung aus Einsicht, Notwendigkeit und vielleicht auch leiser Anklage oder Trost aus: Trotz allem wirst auch du untergehen. Der Vers vollzieht damit eine Rollenverschiebung im Untergangsdiskurs.

Interpretation: Diese Wendung ist theologisch und psychologisch bedeutsam. Das Ich, das bislang den einsamen Untergang für sich beanspruchte, projiziert ihn nun auf den Stern: Auch du wirst – oder musst – einsam untergehen. Man kann das so lesen, dass der Stern, wie das Jahr, vergeht: Die Sternkonstellation, die dieses Liebesdrama getragen hat, ist an die Zeit gebunden und wird mit ihr vergehen. Zugleich kann es heißen: Die herausgehobene Instanz, die mich gefesselt hat, entzieht sich, vergeht, wird sterblich, relativiert. In dieser Perspektive kehrt sich die Sklavenformel um: Der Sklave bleibt am Leben mit gebrochenem Herzen, während die „Fesselnde“ – der Stern – untergehen muss. Das ist sowohl Trost („auch du bist der Vergänglichkeit unterworfen“) als auch leise Klage: Selbst diese große Instanz ist nicht beständig.

Vers 126: Wie dies Jahr zur zwölften Stunde.

Beschreibung: „Wie dies Jahr zur zwölften Stunde.“ schließt die Strophe mit einem Vergleich: Der Stern muss einsam untergehen „wie dies Jahr zur zwölften Stunde“. Gemeint ist der Untergang des Jahres zur Mitternacht – der Moment des Jahreswechsels.

Analyse: Der Vers verankert das Geschehen temporalkonkret: „dies Jahr“ – also das Jahr 1834, wie der Untertitel des Gedichts sagt – geht „zur zwölften Stunde“ unter, das heißt zu Mitternacht, beim Jahreswechsel. Damit erhält der Untergang eine kalenderzeitliche, kosmische Dimension: Nicht nur Menschenherzen, auch Jahre gehen unter, verschwinden in der Zeit. Der Sternuntergang wird mit diesem Jahresuntergang parallelisiert. Zugleich rahmt der Vers das Gedicht stark: Die Schließung zur „zwölften Stunde“ verweist auf Endzeit, Grenze, Kippmoment zwischen Alt und Neu.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass der Sternuntergang in den großen Rhythmus des Jahres, der Zeit und der Vergänglichkeit gestellt ist. Der Stern – oder das Sternverhältnis – muss untergehen, so unausweichlich wie das Jahr mit dem Schlag der Mitternacht endet. Das gilt zunächst kalendarisch (Ende 1834), kann aber auch existentiell gedeutet werden: Eine Epoche des Lebens, eine Konstellation der Liebe, eine bestimmte Gnadenzeit geht zu Ende. Der Stern, der das Ich angesehen und gefesselt hat, ist nicht für immer in derselben Weise da; sein „Untergehen“ ist Teil einer göttlichen oder kosmischen Ordnung. Das Ich erlebt diesen Jahreswechsel als Gleichnis für den Verlust seines Sterns und seines Liebesverhältnisses: Was es geprägt hat, sinkt in die Vergangenheit wie ein Jahr, das nie zurückkehrt.

Gesamtdeutung der Strophe 21

Die einundzwanzigste Strophe setzt die in Strophe 20 begonnene Wendung fort und verschärft sie: Das Gedicht tritt aus der reinen Bedingungs- und Wunschform in eine bilanzierende, zeitlich konkrete Schlussszene ein. Das lyrische Ich „muß … heim nun gehen“ – und das nicht mehr nur als inneres Szenario, sondern als faktische Bewegung. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass dieser äußere Aufbruch nicht als Rücknahme der inneren Katastrophe zu lesen ist: „Und mein Herz brach in der Mitte“ stellt klar, dass der ersehnte Herzbruch – wenn auch nicht im Modus des tödlichen Erfüllungswunsches – innerlich stattgefunden hat. Das Ich lebt, aber als einer, dessen Herz im innersten Kern zerbrochen ist.

In diesem Zustand wendet sich das Ich rückblickend an den Stern. In den Versen 123–124 fasst es die gesamte Vor-Geschichte zusammen: „Stern, du hast mich angesehen, / Hast gefesselt meine Schritte“. Der Stern ist Ursprung und Zentrum des Dramas. Sein Blick war Erwählung und Gefangennahme; seine Aufmerksamkeit hat das Ich in eine Existenz geschoben, die sich nicht mehr frei von ihm denken kann. Damit schließt sich ein Bogen, der vom ersten Auftritt des Sternmotivs (als Leitstern in Wüste, Heide, Dornenbett, wüsten Meeren) bis hier reicht: Am Ende wird nicht mehr eine einzelne Funktion des Sterns thematisiert, sondern sein grundlegender Akt des Ansehens und Fesselns. Das Ich erkennt an, dass es ohne diesen Blick ein anderes Leben geführt hätte – und dass gerade dies es in die jetzige, kaum erträgliche Lage gebracht hat.

Die entscheidende Drehung vollzieht sich in den Versen 125–126: Der Topos des „einsamen Untergehens“, der bis dahin die Selbstdefinition des Ich war, wird auf den Stern übertragen. „Mußt doch einsam untergehen / Wie dies Jahr zur zwölften Stunde“ – dieser Satz ist ebenso nüchtern wie schmerzlich. Er relativiert die bisherige Überhöhung des Sterns, indem er ihn in den allgemeingültigen Kreislauf der Zeit einordnet: Wie ein Jahr endet, so endet auch diese Sternkonstellation, dieser Stern in seiner Gestalt als Liebes- und Gnadenbild des Jahres 1834. Was für das Ich absolut schien – der Stern als unverrückbares Zentrum –, unterliegt selbst der Vergänglichkeit.

Damit entstehen mehrere Deutungsebenen. Biographisch-literarisch betrachtet, könnte der Stern für eine ganz konkrete Beziehung stehen, für Cäcilie in dieser besonderen Konstellation des Jahres 1834; deren Zeit ist abgelaufen. Mystisch-theologisch gesehen, kann man lesen: Eine bestimmte Weise, Gott oder Gnade zu erfahren, ein bestimmter „Sternzustand“ der Seele, geht zu Ende. Anthropologisch betrachtet, gilt: Kein noch so übermächtiges Du, kein Liebesobjekt, keine Inspiration bleibt in derselben Form; alles steht unter dem Gesetz von Zeit und Endlichkeit.

Für das Ich bedeutet dies eine doppelte Katastrophe und eine doppelte Einsicht. Es ist innerlich gebrochen – „mein Herz brach in der Mitte“ –, und zugleich sieht es, dass jener Stern, dem es alles verdankt und dem es in süßer Knechtschaft verfallen war, selbst dem Untergang geweiht ist, „wie dies Jahr zur zwölften Stunde“. Der Todeswunsch richtet sich nicht mehr nur auf das eigene Ende, sondern erfasst das Sternverhältnis selbst: Die Liebesepoche stirbt wie das Jahr. Zugleich liegt darin ein Moment von Gerechtigkeit oder Ausgleich: Der Stern, der gefesselt hat, ist selbst nicht unantastbar; die asymmetrische Machtbeziehung wird zeitlich relativiert.

Strophe 21 steht so im Schnittpunkt von persönlicher Liebesgeschichte, mystischer Gottesbeziehung und zeitsymbolischer Reflexion. Der Jahreswechsel – „zur zwölften Stunde“ – wird zum transparenten Bild für das Ende einer Gnadenzeit, eines Liebesjahrgangs. Das Ich geht einsam heim, mit gebrochenem Herzen; der Stern, der es gebunden hat, muss seinerseits untergehen. Das Kettenlied, das zuvor unablässig Variationen des eigenen Untergangswunsches entwarf, endet an dieser Stelle in einer Art doppelter Bilanz: Der Mensch ist verletzt, die Liebe in dieser Form ist vorbei, der Stern in dieser Gestalt vergeht. Was bleibt, ist eine extreme, zugleich demütige und ernüchterte Einsicht in die Vergänglichkeit auch der höchsten, am stärksten vergöttlichten Bindungen. Die Geste des Sklaven an die Fesselnde hat sich verwandelt: Der Sklave muss weitergehen, einsam, heim; die Fesselnde – der Stern, das Jahr, die Liebesgestalt – muss „doch einsam untergehen“, hineingenommen in jene Zeitordnung, die nichts, auch keinen Stern, unberührt lässt.

Strophe 22

Vers 127: Untergehen, auferstehen

Beschreibung: „Untergehen, auferstehen“ besteht aus zwei infinitivischen Tätigkeitswörtern, die ohne Subjekt nebeneinandergestellt sind. Es werden zwei Bewegungen benannt: das Untergehen und das Auferstehen.

Analyse: Formal fällt auf, dass der Vers nicht mehr in der „ich“-Form oder in einem vollständigen Satz formuliert ist, sondern als knapper, binärer Doppelruf: zwei Verben, durch ein Komma verbunden, ohne grammatisch expliziten Träger. Der Rhythmus wirkt wie ein kurzer, markiger Auftakt, der programmatisch zwei Pole gegenüberstellt. Inhaltlich knüpft „untergehen“ an die ganze bisherige Refrainformel („Einsam will ich untergehen“) an, während „auferstehen“ eine neue, stark religiös getönte Dimension einführt. Der Vers stellt diese beiden Bewegungen ohne erklärende Konjunktion nebeneinander – kein „und“, kein „oder“ –, so dass sie wie zwei Aspekte eines zusammengehörigen Vorgangs erscheinen.

Interpretation: Der Vers fasst das gesamte Gedicht in eine knappe, theologisch aufgeladene Formel: Untergehen und Auferstehen gehören zusammen. Was zuvor als einseitige Todessehnsucht entfaltet wurde („Einsam will ich untergehen“), wird hier – wenn auch noch nicht erklärend – mit der Gegenbewegung der Auferstehung zusammengespannt. Man kann den Vers zugleich biographisch, mystisch und christologisch lesen: Der Liebes- und Sternuntergang ist nicht das letzte Wort, sondern steht im Horizont eines möglichen „Auferstehens“, einer neuen Weise der Existenz. Dass kein Subjekt genannt wird, lässt offen, wer untergeht und aufersteht: das Ich, der Stern der Liebe, die Beziehung, das Jahr. Der Vers wirkt wie ein Motto: Die bisherige Bewegung des Gedichts (Untergang) wird in eine größere Bewegung hineingestellt, in der aus dem Untergang Auferstehung erwächst.

Vers 128: Stern der Lieb' – jetzt schlägt die Stunde!

Beschreibung: „Stern der Lieb' – jetzt schlägt die Stunde!“ wendet sich in direkter Anrede an den „Stern der Lieb'“. Es folgt eine Aussage im Präsens: „jetzt schlägt die Stunde!“ – also: jetzt ist der entscheidende Moment da.

Analyse: Der Vers kombiniert Anrede und Ausruf: „Stern der Lieb'“ benennt den angesprochenen Stern ausdrücklich als Stern der Liebe – damit wird seine Grundfunktion zusammengefasst, die sich durch das ganze Gedicht gezogen hat. Der Gedankenstrich markiert eine kurze Zäsur; darauf folgt die Redewendung „jetzt schlägt die Stunde“, die ein entscheidendes, schicksalhaftes Jetzt signalisiert. Das Motiv des Stundenschlags knüpft an die Mitternachts- und Jahreswechselmetaphorik an („zur zwölften Stunde“ in Strophe 21). Der Vers wirkt wie ein liturgischer, fast apokalyptischer Aufruf: Es ist die Stunde des Sterns, der Liebe, des Untergehens-und-Auferstehens.

Interpretation: Mit diesem Vers kulminiert die Anrufung des Sterns: Er wird als „Stern der Lieb'“ angesprochen, was die vorherige Identifikation mit Cäcilie, mit einer Heiligen, mit einer Gnadeninstanz bündelt. „Jetzt schlägt die Stunde!“ meint: der Moment der Entscheidung, der Vollendung, ist gekommen – für das Jahr, für die Liebe, für das Verhältnis von Untergang und Auferstehung. Zugleich hat die Formulierung einen deutlichen religiösen Unterton: Man denkt an „Stunde“ im Sinne der „Stunde Jesu“ im Johannesevangelium, an den Zeitpunkt von Passion und Verklärung. Das Ich ruft den Stern in genau diesem Moment an: Du, Stern der Liebe, jetzt ist die Stunde, in der sich entscheidet, wie Untergehen und Auferstehen sich zueinander verhalten.

Vers 129: Stern willst du jetzt schlafen gehen?

Beschreibung: „Stern willst du jetzt schlafen gehen?“ formuliert eine direkte Frage an den Stern. Das Ich fragt, ob der Stern „jetzt schlafen gehen“ will.

Analyse: Der Vers ist syntaktisch eine Entscheidungsfrage, die mit „Stern“ anhebt und das Modalverb „willst“ enthält. „Schlafen gehen“ ist ein alltäglicher Ausdruck; hier wird er auf den Stern bezogen, wodurch eine doppelte Codierung entsteht: Schlaf als Ruhepause, aber auch als Bild für Untergang, Nacht, Sterben. „Jetzt“ knüpft an das „jetzt schlägt die Stunde“ an und zeigt, dass die Frage genau auf diesen entscheidenden Moment zielt. Tonal wirkt die Formulierung beinahe kindlich-vertraut (jemand wird gefragt, ob er schlafen gehen will), zugleich ist sie hoch dramatisch, weil es um den „Schlaf“ eines Sterns geht, der das ganze Leben des Ich bestimmt hat.

Interpretation: Das Ich stellt den Stern vor die Alternative: Willst du jetzt „schlafen gehen“ – also in den Untergang eintreten, deine leuchtende Gestalt zurückziehen? In der Bildlogik des Gedichts bedeutet das: Willst du dich der Nacht, der Unsichtbarkeit, der scheinbaren Abwesenheit überlassen? Die Frage hat etwas Zärtlich-unschuldiges und gleichzeitig etwas Ernstes: Als spräche man ein Kind an, das ins Bett gehen soll, und zugleich eine göttliche Instanz, die sich verbirgt. Im Hintergrund klingt die christliche Tradition vom „Schlaf Christi“ im Grab mit, aus dem Auferstehung folgt. Schlaf wird so zur Metapher für ein Untergehen, das Auferstehung in sich birgt. Das Ich verhandelt diese Möglichkeit mit dem Stern: Willst du auf diese Weise „untergehen“, um vielleicht anders wiederzukehren?

Vers 130: Tauch' zu meines Herzens Grunde,

Beschreibung: „Tauch' zu meines Herzens Grunde,“ ist ein Imperativ an den Stern. Er soll „tauchen“, und zwar „zu meines Herzens Grunde“, also hinab zum innersten Grund des Herzens des Ich.

Analyse: Der Vers wechselt von der Frage in den Befehl bzw. inständigen Wunsch: „Tauch’“ ist ein Imperativ. Das Bild ist vertikal: Der Stern soll nicht irgendwohin verschwinden, sondern in die Tiefe des Ich hinabsteigen. „Meines Herzens Grunde“ bezeichnet den tiefsten Schicht dieses Ich, die innerste, verborgene Mitte. Die Kombination von Sternen-Höhenbild und Herzgründen-Tiefenbild ist auffällig: Etwas, das oben leuchtet, soll nach unten, in das Innerste, eintauchen. Damit verlagert sich der Ort der Sternpräsenz von der äußeren Himmelswelt in das innere Herzraum.

Interpretation: Der Vers schlägt eine Alternative zum bloßen „Schlafen-Gehen“ vor. Wenn der Stern untergeht, dann soll er nicht einfach von außen verschwinden, sondern in das Herz des Ich hinabgehen. Der Stern darf „untergehen“, aber in der Weise eines Eintauchens in die innerste Tiefe des Liebenden. Theologisch lässt sich das als Bild für eine Innerlichung der göttlichen, liebenden Instanz verstehen: Gott/der Stern zieht sich aus der äußerlichen Wahrnehmung zurück, um im Herzen zu wohnen. Liebestheologisch ist es das Bild einer radikalen Immanenz: Die Geliebte, der Stern der Liebe, wird nicht verloren, sondern geht in den Innersten ein. Untergang und Auferstehung verschränken sich darin: Der Stern stirbt als äußerer Leitstern, aufersteht als innerer Grund.

Vers 131: Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen,

Beschreibung: „Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen,“ erläutert und konkretisiert, wie dieses Eintauchen geschehen soll. Der Stern „braucht“ sich „nicht links nicht rechts zu drehen“, wenn er eintaucht.

Analyse: Der Vers ist als beruhigende oder erklärende Aussage formuliert. Die doppelte Verneinung („nicht links nicht rechts“) verstärkt den Eindruck einer einfachen, geraden Bewegung. Das Bild legt nahe: Es gibt keinen Irrweg, keinen Umweg; der Weg zum Grund des Herzens ist direkt, ohne Abbiegen. Das ist zugleich ein Liebesversprechen: Der Zugang zum Herzgrund ist für den Stern frei, unverbaut. Formal wirkt der Vers wie eine Entängstigung: Der Stern soll keine Mühe mit der Orientierung haben; sein Weg ist eindeutig.

Interpretation: In diesem Vers bietet das Ich dem Stern eine radikale Offenheit an. Es sagt ihm sinngemäß: Wenn du in mein Herz tauchst, brauchst du dich nicht zu orientieren, nicht zu zögern, nicht abzubiegen – es gehört dir. Der Stern soll wissen, dass der Herzgrund für ihn bereitet ist, ohne Widerstand, ohne Umwege. Das Bild ist psychologisch bedeutsam: Nach all den Strophen der Fesselung, Wunde, Todessehnsucht und Entzugsangst erklärt das Ich nun: Mein Innerstes ist ganz auf dich hin geordnet. Gleichzeitig klingt eine gewisse Hilflosigkeit mit: Es hat keinen anderen Grund mehr als diesen Stern; wohin der Stern auch taucht, er wird das Herz als seinen Raum vorfinden. Der Vers zeigt so die vollendete Verfügung des Ich über sich selbst: Es hat sich dem Stern so hingegeben, dass es ihm den direkten Weg ins Innerste freigibt.

Vers 132: Es ist dein und Wund' an Wunde.

Beschreibung: „Es ist dein und Wund' an Wunde.“ beschließt die Strophe. Das „Es“ meint offensichtlich das Herz; dieses Herz ist „dein“, also dem Stern gehörig, und zugleich „Wund' an Wunde“, also geschlagen, verwundet, mehrfach verwundet.

Analyse: Der Vers spielt mit einer doppelten Aussage: Besitzverhältnis und Zustand. „Es ist dein“ markiert die exklusive Zugehörigkeit des Herzens zum Stern. „Und Wund’ an Wunde“ beschreibt seine Beschaffenheit: Es ist durchzogen von Wunden, eine Wunde neben der anderen, übereinander. Das Bild wiederholt und steigert das Wundmotiv aus den früheren Strophen (verwundetes Herz, Wunde, Lindrung). „Wund’ an Wunde“ ist eine dichte Formulierung für kumulierten Schmerz: nicht eine einzelne Verletzung, sondern eine Schichtung von Verletzungen.

Interpretation: Der Vers bündelt in einem Satz, was das Gedicht über das Herz des Ich entfaltet hat: Es gehört ganz dem Stern – „es ist dein“ –, und gerade dieses Herz ist durch die Beziehung zum Stern in eine Kette von Verletzungen geraten. Wunde reiht sich an Wunde. Doch der Vers ist kein Vorwurf, sondern ein Angebot: In eben dieses mehrfach verwundete Herz soll der Stern tauchen. Die Wunden sind nicht nur Zeichen von Leid, sondern auch von Liebe: Sie erzählen die Geschichte der Begegnung mit dem Stern. Theologisch und mystisch gelesen, erinnert das an Vorstellungen eines „durchbohrten Herzens“, das gerade in seiner Verwundung zu einem Ort der Gottesnähe wird. Der Stern der Liebe wird aufgefordert, in diesen Wunden zu wohnen. Untergehen und auferstehen wären dann keine abstrakten Vorgänge, sondern Vollzüge im Raum dieses Herzens: Der Stern geht als äußerer Leitstern unter und ersteht neu als Besitzer und Bewohner eines „Wund an Wunde“ gezeichneten Inneren.

Gesamtdeutung der Strophe 22

Die zweiundzwanzigste Strophe eröffnet deutlich die Schlussbewegung des Gedichts. Nach der doppelten Bilanz von Strophe 20 und 21 – Heimgehen, gebrochenes Herz, untergehender Stern wie das Jahr – führt sie eine neue, zusammenfassende Perspektive ein: Untergehen und Auferstehen werden in einem Vers zusammen genannt und in das Verhältnis zum „Stern der Lieb'“ gestellt. Die bisherige Einseitigkeit der Todessehnsucht („Einsam will ich untergehen“) wird durch den Zusatz „auferstehen“ gebrochen. Der Stern der Liebe, dessen Blick das Ich gefesselt hat und der selbst untergehen „muß“, wird in den Horizont eines Geschehens gestellt, in dem Untergang und Auferstehung als zusammengehöriger Vorgang gedacht sind. Der Stundenschlag – „jetzt schlägt die Stunde!“ – ist nicht nur Jahreswechsel, sondern eine Art Kairos: ein heilsgeschichtlicher Moment im kleinen, in dem sich entscheidet, wie die Geschichte von Stern und Herz weitergeht.

Innerhalb dieser Stunde stellt das Ich dem Stern eine Alternative vor: Willst du jetzt „schlafen gehen“ – also als äußerer Stern untergehen, dich verbergen, gleichsam in den Schlaf der Nacht eintreten? Oder willst du dein „Untergehen“ auf andere Weise vollziehen, nämlich durch ein Hinabtauchen in den Grund meines Herzens? Die Bildlogik ist eindrucksvoll: Der Stern, bisher oben, weit, am Himmel, wird eingeladen, in die Tiefe des Innersten zu gehen. Aus der Zentrumsmetapher am Himmel wird eine Zentrumsmetapher im Innern. Der Untergang des Sterns in der äußerlichen Sichtbarkeit ist dann nicht reiner Verlust, sondern Übergang in eine innere Präsenz. In dieser Perspektive erhält „Untergehen, auferstehen“ eine konkrete Gestalt: Der Stern geht unter als äußerer Leitstern, er steht auf als innerer Herzgrund.

Das Ich bietet dem Stern diesen Übergang mit größtmöglicher Offenheit an. „Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen“ heißt: Der Weg in mein Herz ist frei, gerade, ohne Umwege. Diese Aussage ist psychologisch hoch aufgeladen. Nach der langen Serie von Fesselungen, Wunden, Todeswünschen zeigt sich hier ein Ich, das seine innere Mitte vollständig für den Stern geöffnet hat. Es gibt keine Ausweichbewegung, keine Reserven. In gewisser Weise ist das der höchste Ausdruck der Hingabe: Der Stern soll nicht mehr nur gelebt, gefürchtet, ersehnt werden; er soll im Herzgrund wohnen. Zugleich ist das die radikalste Form der Hineinnahme des Sterns in die eigene Subjektivität: Die transzendente Instanz wird in den eigenen Herzraum hineingedacht. Liebestheologisch bedeutet das: Nicht nur ich gehöre dir, sondern du gehörst in mich.

Der Schlussvers „Es ist dein und Wund’ an Wunde“ bündelt diese Bewegung in einem dichten Bild. Das Herz ist zweifach bestimmt: Es gehört dem Stern („Es ist dein“) und es ist zugleich Wunde auf Wunde. Das Gedicht verschweigt nicht, dass das Verhältnis zum Stern verletzend war: Die Wunden stammen genau aus dieser Beziehung. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – soll der Stern in diese Wunden eintauchen. Das ist sowohl Liebes- als auch Mystiklogik: In den Wunden ist die Geschichte der Liebe eingeschrieben; die Nähe Gottes/der Geliebten wird oft gerade im Verwundetwerden erlebt. Im Bildfeld des Christentums verbinden sich Wunden und Liebe eng (Christuswunden, Herz-Jesu-Frömmigkeit); diese Konstellation klingt hier deutlich mit, wenn das verwundete Herz sich als ganz dem „Stern der Lieb'“ gehörig definiert.

Strophe 22 ist damit eine Art poetischer Umschlagspunkt: Der Stern wird nicht mehr nur als äußere, gefährdete, untergehende Größe gesehen, sondern als möglicher innerer Bewohner. Untergehen und Auferstehen werden in den Raum des Herzens verlagert. Die Todessehnsucht des Ich transformiert sich – ohne einfach zu verschwinden – in ein Verlangen nach innerer Vereinigung: Wenn du schon untergehen musst, dann nicht einfach ins Nichts, sondern in mich. Aus der passiven Angst vor dem Sternverlust wird ein aktiver Ruf nach Einwohnung. Das Liebesdrama erhält so eine mystische Färbung, in der die äußerliche Szene (Jahreswechsel, untergehender Stern) durchsichtig wird auf eine innere Szene (Herzgrund, Wunde, Einwohnung des Sterns). Das Kettenlied, das lange vom drohenden Alleinsein sprach, öffnet damit die Möglichkeit einer paradoxen „Einsamkeit“ mit innerer Gegenwart: äußerlich einsam, innerlich bewohnt – von einem Stern der Liebe, der „Wund an Wunde“ gerade dort seine Stätte findet.

Strophe 23a

Vers 133: Wund' an Wunde – o süß Liebchen!

Beschreibung: „Wund' an Wunde – o süß Liebchen!“ eröffnet den letzten Strophenblock mit einem Ausruf. Zunächst wird die Formel „Wund' an Wunde“ wiederholt, dann folgt die zärtliche Anrede „o süß Liebchen“.

Analyse: Der Vers knüpft unmittelbar an den Schluss von Vers 132 an („Es ist dein und Wund' an Wunde.“): Die Formel „Wund' an Wunde“ wird wie ein Echo aufgenommen und mit einem Gedankenstrich von der darauffolgenden Anrede getrennt. Der Strich markiert eine kleine Zäsur: erst die nüchterne Zustandsbestimmung, dann der affektive Ausruf. „O süß Liebchen“ stellt eine der zärtlichsten und zugleich schlichtesten Anreden im ganzen Gedicht dar; sie rückt das Du in eine ganz intime, körpernahe Nähe, nach den eher hoch aufgeladenen Bezeichnungen „Stern“, „Lilie“, „Cäcilie“. Formal verdichtet der Vers so Herz- und Wundenmetaphorik mit direkter Liebesansprache.

Interpretation: In diesem Vers verschränkt sich die theologisch-mystische Wundenrede mit einer ganz irdischen Liebeszärtlichkeit. Das Ich benennt sein Herz erneut als „Wund' an Wunde“ und wendet sich im gleichen Atemzug mit „o süß Liebchen“ an die Geliebte. Damit wird klar ausgesagt: Die vielen Wunden in meinem Herzen sind Wunden der Liebe zu dir. Es gibt keinen neutralen, unverletzten Rest mehr; alles ist von dieser Beziehung gezeichnet. Zugleich entgiftet die zärtliche Anrede den Wundenbegriff: Es sind süße Wunden, Liebesmale, nicht bloß zerstörerische Verletzungen. Der Vers macht spürbar, dass das Ich seine Verwundung nicht nur beklagt, sondern auch als süßes Siegel der Zugehörigkeit zum „Liebchen“ versteht.

Vers 134: Neue Wunde ist das Grübchen,

Beschreibung: „Neue Wunde ist das Grübchen,“ behauptet, dass „das Grübchen“ eine „neue Wunde“ ist. Das Grübchen wird damit direkt als Wunde gedeutet.

Analyse: Der Vers führt einen neuen, konkreten Körperterminus ein: „das Grübchen“, gemeint ist das kleine Grübchen in der Wange, vielleicht im Kinn oder neben dem Mund der Geliebten. Dieses Grübchen wird ohne Umschweife metaphorisch umcodiert: Es ist eine „neue Wunde“. Die Kopulakonstruktion („ist“) macht die Identifikation ausdrücklich: Nicht nur verursacht das Grübchen eine Wunde, es wird als Wunde gelesen. Im Zusammenhang mit „Wund' an Wunde“ ergibt sich so ein Bild von immer weiter sich vermehrenden Liebeswunden: Zu den bisherigen kommt nun „neu“ die Wunde des Grübchens hinzu.

Interpretation: Der Vers radikalisiert das Motiv der Verwundung, indem er ein klassisches Schönheitsmerkmal der Geliebten – das Grübchen – als Wunde auslegt. Das Grübchen ist an sich etwas Zierliches, Liebliches; für das Ich ist es aber zugleich ein Angriffspunkt der Liebe: Ein Blick darauf trifft und verwundet es neu. „Neue Wunde“ bedeutet: Die Liebe ist nicht abgeschlossen; selbst jetzt noch, im Moment des Untergehens und Jahreswechsels, fügt die Geliebte ihm neue, süße Verletzungen zu. Das Ich denkt sich als Organ, das unaufhörlich weitere Wunden der Liebe empfängt – bis zuletzt, bis in die kleinste Einzelheit des Gesichts. Das Grübchen wird so zum Sinnbild für jene kleinen, scheinbar nebensächlichen Reize, an denen sich die Liebe festbeißt und die sie doch am tiefsten treffen.

Vers 135: Das der Liebe Stern eindrücket,

Beschreibung: „Das der Liebe Stern eindrücket,“ erläutert das Bild weiter: Dieses Grübchen wird von „der Liebe Stern“ „eingedrückt“. Der Vers beschreibt den Ursprung des Grübchens als Einwirkung des „Sterns der Liebe“.

Analyse: Grammatisch bezieht sich das Relativpronomen „das“ auf das „Grübchen“. „Der Liebe Stern“ erscheint hier als eine Instanz, die aktiv „eindrückt“ – wie ein Stempel, der eine Spur in weiches Material drückt. Damit verschränken sich zwei Bildreihen: der Stern als kosmisches Liebessymbol und der Stern als quasi-greifende, formende Macht, die im Gesicht der Geliebten Spuren hinterlässt. Zugleich lässt sich „der Liebe Stern“ auch als Metapher für den Blick der Geliebten oder den ganzen Liebesvollzug lesen: Die Liebe selbst drückt dieses Grübchen ein. Durch das Verb „eindrücket“ erhält das Grübchen den Charakter eines sichtbaren Liebeszeichens, eines Malzeichens der Liebe.

Interpretation: Der Vers deutet das Grübchen als sichtbare Prägung der Liebe im Gesicht des „süßen Liebchens“. Der „Stern der Liebe“ ist hier nicht nur äußerer Leitstern, sondern schöpferische Kraft, die das Antlitz der Geliebten formt. Man kann das doppelt lesen: Entweder ist der „Liebe Stern“ ihr eigenes Auge, dessen Lachen das Grübchen entstehen lässt, oder der transzendente Stern, der seine Spur in ihr hinterlässt. In beiden Fällen gilt: Das Grübchen ist kein bloßes Naturell, sondern Liebesmales Gottes/Liebe im Gesicht des Du. Für das Ich heißt das: Wenn ich an diesem Grübchen wund werde, dann verwundet mich die Liebe an einer Stelle, an der sie selbst ihre Spur zurückgelassen hat. Das verschränkt das Motiv der eigenen Wunden mit dem Motiv der von Liebe gezeichneten Geliebten.

Vers 136: Wenn entschlummernd süß er zücket,

Beschreibung: „Wenn entschlummernd süß er zücket,“ setzt einen temporalen Bedingungssatz: Wenn „er“ – offenbar „der Liebe Stern“ – „entschlummernd süß“ „zücket“. Das Verb „zücken“ steht hier in Verbindung mit dem Einschlafen.

Analyse: Das Personalpronomen „er“ verweist auf „der Liebe Stern“ aus Vers 135. „Entschlummernd süß“ verbindet die Situation des Einschlafens mit einem milden, liebreizenden Ton. „Zücket“ (aus „zücken“) bedeutet hier ein Aufflackern, Aufblitzen, ein kurzes Zucken, das vermutlich auf das Auge bezogen ist, das sich schließt. Die Bewegungsschilderung – ein zuckendes Einschlafen des Sterns – rückt die Szene in eine intime, körpernahe Nähe: Man sieht gleichsam die Geliebte oder den Liebesstern im Moment des Einschlafens, wenn das Auge noch einmal zuckt, bevor es sich schließt.

Interpretation: Der Vers gestaltet die Grenze zwischen Wachen und Schlaf als zärtliche Szene: Der „Liebe Stern“ entschlummert „süß“ und „zückt“ noch einmal. Das Ich beobachtet diesen Moment mit liebevoller Aufmerksamkeit. In der Logik der Strophen zuvor ist dies wohl der Augenblick, in dem der Stern „schlafen geht“, in dem also die bisherige Art seiner Präsenz zu Ende geht. Aber dieser Übergang ist nicht brutal, sondern süß, zart, fast rührend. Das Zucken des Auges, bevor es sich schließt, wird zum letzten Lebenszeichen des Sterns in seiner bisherigen Form. Gerade dieser Moment des Entschlummerns ruft noch einmal eine neue Wunde hervor – das Grübchen –, und zeigt, wie sehr auch das sanfte Verschwinden des Sterns verwundend ist.

Vers 137: Und verwundend Strahlen schießet

Beschreibung: „Und verwundend Strahlen schießet“ führt die Bewegung fort: Der Stern schießt „Strahlen“, und diese Strahlen sind „verwundend“. Das Bild verbindet Lichtstrahlen und Verwundung.

Analyse: Der Vers steht mit „Und“ in enger Verbindung zu Vers 136. „Verwundend“ fungiert als prädikatives Partizip: die Strahlen, die geschossen werden, verletzen. „Strahlen schießet“ ist eine typische Metapher für grelles, schnelles Licht, das von einem Augen- oder Sternpunkt ausfährt. Im Kontext wirkt es, als träten im Moment des Zuckens noch einmal Lichtstrahlen aus, die das Ich treffen. Damit wird das schon bekannte Motiv des „verwundenden“ Blicks, des brechenden Herzens, des „Strahlenwerfens“ der Augen wieder aufgenommen und auf die Einschlafszene bezogen: Selbst im Entschlummern schießen noch Strahlen, und sie verwunden.

Interpretation: Der Vers verdichtet noch einmal das Dunkelhelle der Liebesbeziehung: Das Licht des Sterns ist nie neutral, es ist immer „verwundend“. Auch im Moment des Verschwindens produziert es eine letzte, schneidende Intensität. Die Strahlen, die aus dem Auge schießen, durchbohren das Ich und fügen neue Wunden hinzu. Das Liebesverhältnis ist damit bis zum Schluss ein Verhältnis von Licht und Wunde: Alles Sehen, alles Leuchten ist zugleich schmerzlich. Psychologisch lässt sich sagen: Der letzte Blick, das letzte Aufflackern, bevor das Du sich entzieht, trifft besonders tief. Der Vers bringt diese Erfahrung in die Bildform eines letzten, verwundenden Strahlenschusses.

Vers 138: Auges Wimper, die sich schließet.

Beschreibung: „Auges Wimper, die sich schließet.“ beschließt die Teilstrophe mit einer Konkretisierung: Es ist die „Wimper“ des „Auges“, die sich schließt. Der Vers erklärt, dass die Szene sich am Augenlid vollzieht, dessen Wimpern sich schließen.

Analyse: Der Vers fungiert syntaktisch als Nachtrag zu Vers 137: Die „Strahlen“, die „schießet“, gehen von der „Auges Wimper“ aus, „die sich schließet“. Die Genitivkonstruktion („Auges Wimper“) hebt die Körperlichkeit des Augenbereichs hervor und verweist zugleich auf den „Stern“ als Auge. Das Schließen der Wimpern markiert den Moment, in dem das Auge endgültig in den Schlaf übergeht, in dem der Liebesstern also äußerlich nicht mehr sichtbar ist. Bemerkenswert ist, dass gerade diese Bewegung, die in der Regel als friedlich und beruhigend wahrgenommen wird, hier mit „verwundenden Strahlen“ gekoppelt ist: Die Wimper, die sich schließt, ist zugleich Ausgangspunkt eines letzten Angriffs der Liebe.

Interpretation: Der Vers bringt das Sternmotiv endgültig auf die Ebene des menschlichen Auges herunter: Der Stern der Liebe ist das Auge der Geliebten, dessen Wimpern sich schließen. In diesem Schließen kulminieren die Motive von Untergehen, Schlaf, Entzug und Verwundung. Für das Ich ist der Moment, in dem das Auge sich schließt, kein bloß friedlicher Schlafmoment, sondern zugleich ein Abschied, ein Untergehen des Sterns aus seinem Blickfeld. Die Wimper, die sich schließt, trennt Licht und Dunkel, Nähe und Entfernung. Dass gerade dann „verwundend Strahlen“ geschossen werden, zeigt, wie stark der letzte Augenblick der Sichtbarkeit wirkt: Der Geliebte wird am härtesten getroffen, wenn der Stern sich entzieht. So verdichtet der Vers den Übergang vom äußeren Leuchten zur inneren Verwundung im kleinsten anatomischen Detail: in der Bewegung einer Wimper, die sich senkt.

Gesamtdeutung der Strophe 23a

Die Verse 133–138 bilden den ersten Teil der letzten großen Bildgruppe und führen das zuvor entwickelte Motiv „Es ist dein und Wund’ an Wunde“ in eine intime, konkret-körperliche Szene aus. Während Strophe 22 das Herz des Ich als Eigentum des „Sterns der Liebe“ und als „Wund’ an Wunde“ beschrieben hatte und den Stern aufforderte, in den Herzgrund hinabzutauchen, zoomt Strophe 23a in die Nahaufnahme des Gesichts der Geliebten bzw. des Sternauges. Das Geschehen verlagert sich ins feinste Detail: das Grübchen, die Wimper, das Einschlafen, das letzte Aufflackern der Strahlen. In dieser Nahansicht verbinden sich die großen Motive des Gedichts – Stern, Liebe, Wunde, Licht, Untergang – mit einer körpernahen Liebesszene.

Die Strophe beginnt mit der Wiederaufnahme der Formel „Wund' an Wunde“ und ergänzt sie um die zärtliche Anrede „o süß Liebchen“. Dadurch wird unmissverständlich, dass die Verwundung des Herzens Liebesverwundung ist. Die Wunden stammen nicht nur aus abstrakten metaphysischen Krisen, sondern aus der konkreten, sinnlichen Beziehung zu einem „Liebchen“ mit Grübchen und Wimpern. Indem das Grübchen als „neue Wunde“ bezeichnet und der „Liebe Stern“ als derjenige benannt wird, der dieses Grübchen „eindrücket“, wird das Gesicht der Geliebten selbst zum Schauplatz und Zeichen der Liebe. Die Liebe hat sich im Antlitz der Geliebten eingeschrieben; das Grübchen ist der Abdruck des Sterns der Liebe. Wer auf dieses Grübchen schaut, wird verwundet, weil er an einer Stelle berührt wird, an der die Liebe ihre Spur zurückgelassen hat.

Die Szene verschiebt sich dann in den Moment des Einschlafens: Der Liebe Stern „entschlummert süß“, „zücket“ noch einmal, schießt „verwundend Strahlen“ und schließt schließlich die Wimpern. Diese Abfolge ist hoch aufgeladen. Sie stellt den Augenblick dar, in dem der Stern, wie zuvor angekündigt, „schlafen gehen“ könnte – also untergehen, sich aus der Sichtbarkeit des Ich zurückziehen. Doch dieser Übergang geschieht nicht abrupt, sondern in einer zärtlichen, fast häuslichen Szene: Man könnte sich den Geliebten neben der Schlafenden vorstellen, wie er ihr Grübchen sieht, das Zucken des Auges, das letzte Strahlen und dann das Schließen der Wimpern. Der Sternschlaf ist dadurch zugleich ein Liebesschlaf. Trotzdem bleibt der Ernst der Bewegung gewahrt: Der Stern verschwindet aus der äußeren Wahrnehmung; es ist der Moment, in dem er untergeht.

In dieser kleinen Szene bündeln sich die Grundtöne des Gedichts. Das Licht des Sterns ist weiterhin „verwundend“: Es gibt kein neutrales, ungefährliches Leuchten. Selbst im letzten Aufflackern, bevor das Auge sich schließt, schießen Strahlen, die das Ich treffen und verwunden. Der Untergang des Sterns wird so nicht als Erlöschen einer zu großen, gefährlichen Macht gezeigt, sondern als letzte, vielleicht stärkste Zuteilung ihrer Wirkung. Der Geliebte erleidet im Abschied die schwersten Wunden. Damit wird der lange im Gedicht durchgespielte Zusammenhang von Stern, Blick, Wunde, Herzbruch noch einmal auf engstem Raum verdichtet: Das Auge des Liebchens ist zugleich Stern und Waffe, Trost und Schmerz, Lichtquelle und Verletzungsursprung.

Gleichzeitig öffnet die Strophe den Raum für eine bestimmte Deutung dessen, was in Strophe 22 als „Untergehen, auferstehen“ angekündigt wurde. Der Stern der Liebe geht als äußerlich sichtbare Größe unter, indem seine Wimpern sich schließen; er entschlummert. Doch eben in diesem Vorgang der Entziehung werden neue Wunden geschlagen, die das Herz des Ich endgültig in jene Konstellation von „Wund’ an Wunde“ versetzen, die dann den Ort der inneren Einwohnung des Sterns bilden kann. Der „Abschied“ des Sterns aus dem äußeren Blickfeld ist zugleich ein letzter Akt der Durchbohrung, nach dem die innersten Schichten des Herzens dem Stern gehören. So gesehen ist die kleine Grübchen- und Wimpernszene der konkrete Vollzug dessen, was das Gedicht zuvor auf der Ebene großer Bilder entworfen hat: Der Stern sinkt ab – nicht ins Nichts, sondern in das „Wund an Wunde“-Herz, das er durch seine Strahlen gezeichnet hat.

Anthropologisch betrachtet zeigt Strophe 23a, wie radikal Brentano die Erfahrung der Liebe als Erlebnisschicht von Leiblichkeit, Affekt und Transzendenz ernst nimmt. Die Geliebte ist nicht bloß Trägerin eines abstrakten Sternsymbols; ihr Gesicht, ihr Grübchen, ihr schließendes Auge sind der Ort, an dem der Liebende bis ins Letzte verletzt und damit geprägt wird. Mystisch betrachtet, könnte man sagen: Die Seele erfährt Gott/Liebe in der Gestalt eines konkreten Gesichts; die Strahlen des göttlichen Sterns treffen sie durch die leibliche Gestalt des „süßen Liebchens“. Die Wunden, die dabei entstehen, sind nicht bloß Defekte, sondern Zeichen der Zugehörigkeit – Liebesstigmata, sozusagen, an Herz und Wahrnehmung. In diesem Sinn ist die kleine, intime Szene der Teilstrophe 23a nicht bloß Ausklang, sondern ein letzter, hoch konzentrierter Augenblick, in dem sich die gesamte Spannung des Gedichts – Liebe, Wunde, Untergang, innerliche Aneignung – im Bild einer Wimper verdichtet, die sich schließt und gerade dadurch noch einmal verwundend strahlt.

Strophe 23b

Vers 139: Ruh' fein still am kleinen Kissen –

Beschreibung: „Ruh' fein still am kleinen Kissen –“ spricht das lyrische Ich sein Du direkt an und fordert es liebevoll auf, „fein still“ auf einem „kleinen Kissen“ zu ruhen. Der Vers stellt eine intime, beinahe häusliche Szene vor Augen: jemand liegt oder soll liegen, zart und ruhig, auf einem kleinen Kopfkissen.

Analyse: Die Imperativform „Ruh’“ und die zärtliche Steigerung „fein still“ rufen den Ton einer Wiegen- oder Schlafszene auf, wie in einem beruhigenden Zuspruch an ein Kind oder Geliebtes. „Am kleinen Kissen“ konkretisiert den Ort dieser Ruhe und verkleinert die Szene bewusst: nicht ein großes Bett, nicht ein majestätisches Lager, sondern ein „kleines“ Kissen, das Nähe, Häuslichkeit, Schutzraum anklingen lässt. Der Gedankenstrich am Versende öffnet den Satz zugleich nach vorne, als würde sich das Ich mitten in einer emotional aufgeladenen Erinnerung abbremsen oder Luft holen, bevor die eigene Reaktion benannt wird.

Interpretation: Der Vers stellt das „Liebchen“, das „Lilie“ und „Cäcilie“ sein wird, in die Position der Sanftheit und Schutzbedürftigkeit: Es soll einfach ruhen, friedlich schlafen, aufgehoben im kleinen Kissen. Das Ich nimmt die Haltung eines Wächters oder Betrachters ein, der diese Ruhe liebevoll respektieren und bewahren möchte. Vor dem Hintergrund des gesamten Gedichts, das von Aufruhr, Wunde, Untergang spricht, ist dieser Vers fast erschütternd weich: Hier wird ein Moment des Friedens imaginiert, in dem das Du nichts leisten muss, nichts entscheiden muss, sondern einfach „ruht“. Zugleich klingt im Gedankenstrich an, dass diese Ruhe für das Ich alles andere als spannungsfrei ist – der nächste Vers wird zeigen, dass es an diesem Kissen weinen musste. So markiert Vers 139 die Außenseite einer Szene, deren Innenseite von Tränen und Wunden durchzogen ist.

Vers 140: Ach ich hab' dran weinen müssen!

Beschreibung: „Ach ich hab' dran weinen müssen!“ erklärt, wie das Ich auf dieses „kleine Kissen“ reagiert hat: Es hat „dran weinen müssen“, also an ihm, auf ihm, wegen ihm geweint. Der Ausruf „Ach“ verstärkt den affektiven Charakter der Aussage.

Analyse: Der Vers nimmt das „kleine Kissen“ aus Vers 139 wieder auf und verknüpft es mit dem persönlichen Erleben: „ich hab’ dran weinen müssen“. Das Hilfsverb „müssen“ deutet auf einen inneren Zwang hin, auf ein unausweichliches Überflutetwerden von Gefühl. Das „dran“ markiert die räumliche Nähe: Die Tränen sind buchstäblich in dieses Kissen geflossen. Der Ausruf „Ach“ stellt den Satz in die Tradition der Klage- und Seufzerformel der Romantik; der Vers ist in seiner Einfachheit nur vordergründig schlicht, tatsächlich bündelt er eine Fülle von unausgesprochenen Gründen für dieses Weinen: Liebe, Verlustangst, Todessehnsucht, Dankbarkeit, Schuldgefühle.

Interpretation: Das Kissen wird zum Träger der Tränen des Ich. Es ist der Ort, an dem die Abwesenheit oder die Verwundbarkeit der Geliebten körperlich spürbar wird: Vielleicht weil sie eben noch dort lag, vielleicht, weil sie nun nicht mehr dort liegt. In jedem Fall verwandelt sich das „kleine Kissen“ durch die Tränen in ein Erinnerungs- und Schmerzobjekt. Psychologisch zeigt der Vers, dass das Ich die Ruhe des Du nicht ungebrochen genießen kann: Während sie ruht, weint es. Seine Liebe ist zu stark, zu schmerzlich, zu vom Wissen um Wunde und Untergang durchdrungen, als dass es einfach nur mitruhen könnte. Das Kissen ist zugleich Trost – denn es trägt die Spur der Geliebten – und Auslöser des Schmerzes, weil es ihre Verletzlichkeit, ihr Entgleiten, ihre Ferne deutlich macht.

Vers 141: Sei in Dornen, meine Lilie!

Beschreibung: „Sei in Dornen, meine Lilie!“ formuliert einen neuen, bildhaft zugespitzten Imperativ. Das Ich spricht seine Geliebte als „meine Lilie“ an und fordert sie auf, „in Dornen“ zu sein: sich also offenbar in einer Dornenumgebung zu befinden.

Analyse: Mit der Anrede „meine Lilie“ knüpft der Vers an die bereits etablierte Bildwelt an, in der die Geliebte als „Lilie“ erscheint – eine klassische Metapher für Reinheit, Zartheit, Anmut, mit biblischen Konnotationen (Hld 2,2: „Wie eine Lilie unter den Dornen…“). „Sei in Dornen“ stellt diese Lilie nun bewusst in ein paradoxes Milieu: Die zarte Blume soll unter Dornen stehen. Der Imperativ ist auffällig: Das Ich fordert nicht etwa Schutz vor Dornen, sondern eine Lilie „in“ Dornen. Damit ist der Vers richtunggebend für das Bildfeld der nächsten Zeilen: Es geht um eine Konstellation von Schönheit und Schmerz, von Schutz und Bedrohung.

Interpretation: Die Formulierung lässt sich doppelt lesen. Einerseits knüpft sie an das Hohelied an: die Lilie unter Dornen als Bild für die Einzigartigkeit und Gefährdung der Geliebten in einer feindlichen Umgebung. Andererseits bereitet sie die Vorstellung vor, dass diese Dornen zugleich Teil des Liebeszauns sind, den das Ich um die Geliebte legen will. Der Vers markiert damit die Spannung: Die Lilie soll in Dornen stehen, aber sie soll nicht verletzt werden; vielmehr wird der Liebende diese Dornen auf sich nehmen. Die zärtliche Aneignung („meine Lilie“) macht klar, dass das Ich Verantwortung für dieses paradoxe Arrangement übernimmt: Es will, dass die Geliebte mitten in Dornen lebt – aber so, dass sie selbst unversehrt bleibt und er die Stacheln auf sich nimmt.

Vers 142: Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,

Beschreibung: „Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,“ greift das Bild weiter aus und konkretisiert die „Dornen“ als Teil eines „Rosenzauns“. Die Geliebte wird nun mit ihrem Namen „Cäcilie“ angeredet. Das Bild eines Rosenzauns wird als Vergleich eingeführt.

Analyse: Der Vers fügt „Sei in Dornen“ und „meine Lilie“ zu einem neuen Ensemble: „Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,“ führt das vergleichende Bild ein, in dem Rosen und Dornen untrennbar verbunden sind. Ein Rosenzaun besitzt sowohl Blüten als auch Stacheln; er ist zugleich schön und schützend. Die direkte Anrede „Cäcilie“ knüpft an Strophe 17 an und verankert das Bild eindeutig in der personalen Liebesgeschichte und in der religiös gefärbten Cäcilien-Symbolik. Jeder Rosenzaun ist zugleich Zaun – Grenze, Schutz, Umfriedung – und Rose – Duft, Farbe, Schönheit. Der Vers bereitet so ein umfassendes Bild des Liebens als Umfriedung der Geliebten vor.

Interpretation: Die Kombination von „meine Lilie“ und „wie ein Rosenzaun, Cäcilie“ deutet eine komplexe Konstellation an: Cäcilie ist Lilie, und das Lieben des Ich wird als Rosenzaun um sie herum gedacht. Die Lilie steht innerhalb dieses Zauns, inmitten von Rosen und Dornen. Der Vergleich arbeitet mit stark marianisch-mystischer Bildtradition: Lilien und Rosen sind klassische Marien- und Liebessymbole, Dornen erinnern an Leid, Passion, Sünde. Das Ich entwirft sein Lieben als eine lebendige, duftende, aber auch spitzige Umfriedung um Cäcilie: Sie soll in einem Garten der Liebe stehen, der zugleich vor der Außenwelt schützt. In diesem Bild nähert sich die Liebesbeziehung einem kultischen, fast sakralen Raum: ein umzäunter Garten (hortus conclusus), eine Lilie inmitten von Rosen und Dornen, eine Cäcilie, die dort geborgen ist.

Vers 143: Soll mein Lieben dich umschließen

Beschreibung: „Soll mein Lieben dich umschließen“ formuliert die eigentliche Aussage, die das Bild konkretisiert: Das „Lieben“ des Ich soll Cäcilie „umschließen“, also sie umgeben, einrahmen, umfangen.

Analyse: Mit „Soll“ tritt eine intentionale Zukunftsaussage auf: Es handelt sich nicht um bloße Beschreibung, sondern um eine Zielbestimmung. „Mein Lieben“ wird substantiviert; nicht „meine Liebe“, sondern „mein Lieben“ – der Vollzug, der Akt des Liebens – wird Subjekt. Dieses Lieben soll nicht punktuell, sondern umschließend sein, wie ein Zaun, der ringsherum steht. In Verbindung mit Vers 142 ist klar: Der Rosenzaun ist das Lieben selbst. Die Geliebte steht in der Mitte, das Lieben legt sich wie ein Ring, wie ein Schutzwall um sie. Der Vers setzt also die Vergleichsstruktur in eine innere Logik um: So wie ein Rosenzaun schützt und umgibt, so soll mein Lieben dich umschließen.

Interpretation: Der Vers zeigt das Selbstverständnis des Ich als jemand, dessen Liebe nicht im punktuellen Begehren aufgeht, sondern in einer dauerhaften, umfassenden Schutzbewegung. Cäcilie soll so in seinem Lieben stehen, dass sie gleichsam von allen Seiten gehalten, eingerahmt, geschützt ist. Das Liebensideal ist hier stark selbstlos und dienend gezeichnet: Nicht das Ich möchte von der Geliebten umschlossen werden, sondern sein Lieben soll sie umschließen. Er verzichtet damit auf die Position des Zentrums; das Zentrum ist sie, der Kreis darum ist er. In diesem Bild schwingt auch der Gedanke mit, dass seine Liebe nicht nur Freude, sondern auch Schmerz enthält – und dass beides, Rose und Dorn, gleichsam als materielles Geflecht um sie herumgelegt werden.

Vers 144: Dirwärts nur die Rosen sprießen

Beschreibung: „Dirwärts nur die Rosen sprießen“ bestimmt, in welche Richtung welche Seite dieses Rosenzauns zeigen soll: „dirwärts“, also in Richtung der Geliebten, sollen „nur die Rosen sprießen“. Die Rosen sind hier eindeutig der positive, weiche, blühende Aspekt.

Analyse: Der Vers arbeitet mit der räumlichen Richtungsangabe „dirwärts“ und setzt sie kontrastiv zu dem, was gleich folgen wird („mirwärts“ und „Dornen“). „Nur“ schließt ausdrücklich aus, dass ihr gegenüber irgendetwas anderes als Rosen sprießen könnte. Die „Rosen“ repräsentieren die Schönheit, die Freude, den Duft, die Süße der Liebe. Sie stehen auf der Innenseite des Zaunes, dem Du zugewandt. Der Vers legt damit eine asymmetrische Verteilung fest: Alle positiven, angenehmen Seiten der Liebe sollen auf Cäcilie gerichtet sein.

Interpretation: Mit diesem Vers formuliert das Ich sein Liebensprogramm in radikal asymmetrischer Weise: Alles, was an der Liebe lieblich, freundlich, zart ist, soll sich zur Geliebten hin entfalten. Sie soll nur Rosen sehen, nur Blüte, Duft, Schönheit erfahren. Schmerz, Härte, Schärfe sollen so weit wie möglich von ihr ferngehalten werden. Der Vers steht damit in der Tradition einer stellvertretenden Leidensbereitschaft: Die Liebe will dem anderen die harte Seite ersparen und ihm nur den freundlichen Aspekt zeigen. Psychologisch spricht daraus das Ideal einer totalen Schonung des Du: Auch wenn Liebe Dornen hat, sollen sie nicht ihr gelten.

Vers 145: Mirwärts nur die scharfen Dornen,

Beschreibung: „Mirwärts nur die scharfen Dornen,“ setzt die Gegenrichtung: „mirwärts“ sollen „nur die scharfen Dornen“ zeigen. Der Vers kontrastiert die Seite der Geliebten mit der Seite des Ich.

Analyse: Der Vers bildet die exakte Gegenfigur zu Vers 144. „Mirwärts“ antwortet auf „dirwärts“, „nur die scharfen Dornen“ auf „nur die Rosen“. Die Alliteration „scharfen Dornen“ betont klanglich die Härte der Vorstellung. In der Bildlogik liegt das Ich außerhalb des Zaunes, auf der Seite, wo die Dornen nach außen ragen. Es ist bereit, die Stacheln auf sich zu nehmen. Damit wird das Bild des Rosenzauns zu einer Figur der Selbstaufopferung: Der Zaun schützt die Lilie, Cäcilie, indem er seine Dornen dem Liebenden entgegenstreckt.

Interpretation: Dieser Vers stellt das Liebensideal klar: Alles, was schmerzlich, verletzend, blutend ist, nimmt das Ich für sich in Anspruch. Es stellt sich dorthin, wo die Dornen „mirwärts“ zeigen. Das ist nicht nur sentimentale Überhöhung, sondern ernst durchgespielte Bereitschaft zur Selbstverwundung. In der Perspektive des ganzen Gedichts schließt Vers 145 an die lange Reihe von Wunden, Herzbrüchen, Tränen und Todessehnsüchten an: Der Liebende sieht in der Bereitschaft, die scharfen Dornen auf sich zu nehmen, eine Fortsetzung genau dieser Grundbewegung. Theologisch lässt sich darin ein Reflex des Stellvertretungsgedankens erkennen: Einer blutet, damit der andere verschont bleibt. Der Liebende wird gewissermaßen zu einer Art „Dornenkranzträger“ um die Lilie Cäcilie.

Vers 146: Die mich zum Verbluten spornen.

Beschreibung: „Die mich zum Verbluten spornen.“ schließt die Teilstrophe und sagt, was die Dornen dem Ich tun: Sie „spornen“ es „zum Verbluten“. Die Dornen treiben ihn an den Punkt, wo er verblutet – also sich blutig verströmt.

Analyse: Der Vers erläutert die Wirkung der „scharfen Dornen“ aus Vers 145. „Spornen“ bringt eine weitere Bildschicht ins Spiel: der Sporn als Stachel, der antreibt, schmerzhaft vorwärtstreibt. Die Dornen sind damit nicht nur passiv scharf, sondern aktiv anspornende Kräfte, die das Ich in Richtung Blutverlust drängen. „Verbluten“ ist ein starkes Verb, das den Tod durch Blutverlust ins Zentrum stellt – einen langsamen, schmerzlichen, zugleich passionsähnlichen Tod. Die Verbindung aus „Sporn“ und „Verbluten“ macht deutlich, dass das Ich in diesem Dornenkontakt nicht einfach leidet, sondern aktiv in eine Richtung getrieben wird, die bis zur Selbstaufgabe reicht.

Interpretation: Der Vers verschärft das Bild der stellvertretenden Leidensbereitschaft auf den äußersten Punkt: Das Ich ist bereit, an den Dornen der eigenen Liebe „zu verbluten“. Die Dornen sind nicht zufällige Verletzungsquellen, sondern treiben ihn beständig an, sich weiter zu verströmen, weiter zu opfern – bis kein Blut mehr bleibt. In der Gesamtlogik des Gedichts ist das eine Variation des „einsamen Untergehens“, jetzt explizit in der Form eines blutenden Liebestodes. Zugleich ist es eine radikale Konkretisierung des Wundenmotivs: Nicht nur Herzbruch, nicht nur „Wund’ an Wunde“, sondern Verbluten an den Dornen, die er eigens so gestellt hat, dass sie ihn und nicht Cäcilie treffen. So verschränkt der Vers Liebespathos, Sühnegestus und eine fast mystische Vorstellung vom Opfer des eigenen Blutes zugunsten des Du.

Gesamtdeutung der Strophe 23b

Die Teilstrophe 23b (Verse 139–146) entfaltet, in unmittelbarer Fortsetzung von 23a, eine der intimsten und zugleich theologisch dichtesten Szenen des gesamten Gedichts. Nachdem in 23a das Gesicht der Geliebten, ihr Grübchen, ihre Wimper im Moment des Einschlafens gezeigt wurden und die verwundenden Strahlen des „Liebe Sterns“ noch einmal das Herz des Ich trafen, rückt 23b den Raum um diesen Leib, um diesen Kopf, ins Zentrum: das kleine Kissen, das Rosen- und Dornengeflecht, den imaginären Liebeszaun, an dem der Liebende verblutet.

Zunächst wird das „kleine Kissen“ als Schauplatz einer rührenden, zugleich schmerzlichen Intimität eingeführt. „Ruh’ fein still am kleinen Kissen“ klingt wie ein Schlaflied, wie die Haltung eines, der über die Schlafende wacht. Doch sofort tritt die eigene innere Realität des Ich hinzu: „Ach ich hab’ dran weinen müssen!“ Das Kissen trägt seine Tränen; die Ruhe des Du steht in Spannung zu seiner Unruhe. Dieser Gegensatz ist typisch für das ganze Gedicht: Das Du darf (oder soll) ruhen, während das Ich die Unruhe, den Schmerz, die Todessehnsucht trägt. Aus dem kleinen Kissen wird so ein Ort der Liebe und des Leidens zugleich – ein stiller Zeuge der Tränen, die in der Nähe des schlafenden Liebchens vergossen wurden.

Dann wechselt die Strophe in eine stark symbolische Bildsprache: Die Geliebte wird als „Lilie“ angeredet, die „in Dornen“ sein soll, und als „Cäcilie“, die wie von einem „Rosenzaun“ umgeben wird. Diese Bilder greifen tief in die Tradition der Liebes- und Marienmystik hinein: Die Lilie ist Symbol der Reinheit und der Erwählung, der Rosenzaun erinnert an den umhegten Garten (hortus conclusus), Dornen rufen Assoziationen an Leid, Passion und Sünde hervor. Die Strophe entwirft das Lieben des Ich als einen lebendigen Rosenzaun um Cäcilie: Sein Liebesvollzug ist selbst die Umfriedung, in der sie als Lilie inmitten von Dornen steht. Sie soll in diesem Geflecht stehen – aber in einer genau vorgegebenen Asymmetrie.

Denn der Rosenzaun zeigt zwei Seiten: „Dirwärts nur die Rosen sprießen, / Mirwärts nur die scharfen Dornen.“ In diesen beiden Versen wird das Programm der Liebe klar ausgesprochen: Alles, was schön, mild, blühend ist, soll der Geliebten zugewandt sein; alles Scharfe, Verletzende soll gegen das Ich gerichtet sein. Das ist das konsequent durchgedachte Motiv stellvertretender Leidensbereitschaft: Die Liebe nimmt ihrem Du die Dornen ab, indem sie sie auf sich selbst orientiert. Die Geliebte erlebt die Liebe als Rosen; der Liebende erlebt sie als Dornen. Das frühere Motiv „Wund’ an Wunde“ findet hier seine konkrete Form: Wunde reiht sich an Wunde, weil das Ich, gleichsam als lebendiger Pfahl außerhalb des Zaunes, ständig von den Dornen gestoßen wird.

Der abschließende Vers „Die mich zum Verbluten spornen“ steigert diese Vorstellung in eine drastische, beinahe passionale Form: Die Dornen treiben ihn an, zu verbluten. Damit wird der Liebesdienst nicht nur als Bereitschaft zu Schmerz, sondern als Bereitschaft zum Tod aus Liebe gezeichnet. Der Liebende nimmt die Dornen so an, dass sie ihn tatsächlich zu Tode bringen können. In der Gesamtbewegung des Gedichts, das immer wieder mit Todessehnsucht, Herzbruch, Untergang arbeitet, erscheint diese Bildgruppe wie die inkarnierte Form dieses Untergangs: Nicht irgendein diffuses Sterben, sondern ein Verbluten an den Dornen der eigenen Liebe, zum Schutz und zur Schonung der Geliebten.

In theologischer Perspektive liegt hierin ein Echo christlicher Leidens- und Stellvertretungsmotive: Dornen erinnern an die Dornenkrone, Verbluten an das vergossene Blut; die Asymmetrie „dirwärts nur die Rosen – mirwärts nur die Dornen“ klingt wie eine Umkehrung der Gerechtigkeit zugunsten der Geliebten. Zugleich bleibt die Szene eindeutig erotisch-konkret: Es geht um ein „kleines Kissen“, um ein „süß Liebchen“, um Cäcilies Liliengestalt, um die Nähe eines schlafenden Körpers. Brentano verschränkt so körpernahe Liebesbilder mit hoch aufgeladenen Passions- und Heiligkeitsmotiven. Cäcilie ist zugleich konkrete Geliebte und Heilige, Lilie und Rosenlilie, und das Ich spielt in seinem Liebensideal mit Zügen eines liebenden Märtyrers.

Anthropologisch gesehen formuliert die Strophe ein Ideal der Liebe, das zugleich zärtlich und gefährlich ist. Zärtlich, weil es das Du schonen und umschließen will, ihm nur Rosen, nur Blüten, nur süßen Schlaf gönnt. Gefährlich, weil es bereit ist, sich selbst dafür zu opfern, bis zum „Verbluten“. In dieser Radikalität zeigt sich die innere Logik eines Ich, das sein ganzes Sein an den Stern der Liebe gehängt hat: Es kennt kein Maßhalten zwischen Selbstbewahrung und Hingabe. Die Dornen, die es sich zuwendet, treiben es, immer weiter, zu immer neuen Wunden – bis der Gedanke des Todes wieder aufscheint, jetzt nicht mehr als abstrakte Sehnsucht, sondern als mögliches Resultat eines Liebens, das sich wehrlos den Stacheln ausliefert.

Im Kontext der letzten Strophen (Untergehen–Auferstehen, Stern in den Herzgrund, Wund’ an Wunde, Grübchen, Wimper) fungiert 23b als ein weiterer Schritt in der „Innerlichung“ des Sternverhältnisses. Der Stern entschlummert; äußerlich geht er unter. Innerlich aber bleibt ein Herz zurück, das „Wund’ an Wunde“ ist und das seine Liebe als Rosenzaun um Cäcilie denkt, außen Dornen, innen Rosen. Der Untergang des Sterns spiegelt sich in der Bereitschaft des Ich, an diesen Dornen zu verbluten – und zugleich ist genau dieses blutende Herz der Ort, an dem der Stern in der vorherigen Strophe gebeten wurde, einzutauchen. So verschweißt sich in 23b noch einmal die doppelte Bewegung: Das Lieben schützt die Geliebte und vernichtet sich selbst, und gerade dadurch schafft es einen Herzraum, der ganz dem Stern gehört. Die Teilstrophe zeigt damit in konzentrierter Form, wie Liebe, Wunde, Opfer und mystische Einwohnung bei Brentano unauflöslich ineinander greifen.

Strophe 23c

Vers 147: Duftet Rosen ihr der Süßen,

Beschreibung: „Duftet Rosen ihr der Süßen,“ zeichnet ein Bild, in dem „Rosen“ für „sie, die Süße“ duften. Gemeint ist: Für die Geliebte (oder die süße Cäcilie) strömt Rosenduft, Rosenblüte, Rosenfülle.

Analyse: Grammatisch ist der Vers leicht verschränkt: „ihr der Süßen“ lässt sich als Dativ („ihr“) mit appositionellem Genitiv („der Süßen“) lesen: den Rosenduft empfängt „sie, die Süße“. Das Verb „duftet“ steht vorn und gibt den Ton an: Es geht um Geruch, Atmosphäre, um ein Umgeben-Sein mit Rosenduft. In der Bildlogik der vorangegangenen Verse schließt der Vers unmittelbar an die Rosen-Dornen-Konstellation an: „Dirwärts nur die Rosen sprießen“ – nun „duftet“ diese Rosenfülle „ihr der Süßen“. Die Perspektive ist ihre: Sie erlebt die Liebe als Duft und Blüte.

Interpretation: Der Vers bringt auf den Punkt, was die asymmetrische Liebesordnung der vorangegangenen Zeilen intendiert: Für die Geliebte soll die Liebe als „Rosen“ erfahrbar sein – als Schönheit, Duft, milde Freude. Während der Liebende sich Dornen und Blut zumutet, will er, dass bei ihr nur der Rosenduft ankommt. Dass sie „die Süße“ heißt, verstärkt die Vorstellung: Die Süße, die selbst süß ist, soll von süßen Rosen umgeben sein. So zeigt der Vers den Liebenden in der Haltung radikaler Schonung: Er will, dass die von seinem Leiden umgeschaffene Welt sich für sie als reiner, sanfter Duft entfaltet.

Vers 148: Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen,

Beschreibung: „Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen,“ benennt die innere Bedingung dieses Rosenduftes: „da ich jetzt dies Jahr mit Büßen“ – also: indem ich dieses Jahr mit Buße, Büßen verbracht habe. Der Vers stellt das vergangene Jahr als Zeit der Buße vor Augen.

Analyse: Das „Da“ leitet einen Kausalsatz ein: Weil ich dieses Jahr mit Büßen zugebracht habe, darum … Die Konstruktion bleibt über den Vers hinaus offen und wird in den folgenden Zeilen vollendet. „Dies Jahr“ knüpft an den starken Jahres-Horizont des Gedichts an („zur zwölften Stunde“; „letzte Stunde des Jahres 1834“). „Mit Büßen“ fasst zusammen, was dieses Jahr für den Sprecher bedeutet hat: ein Jahr der Buße, der inneren Strafe, der Reue, der Sühne. Büßen ist dabei doppeldeutig: religiöse Buße (Schuld, Sünde) und Liebesbuße (Leiden an der Liebe, an der Trennung).

Interpretation: Der Vers dehnt die persönliche Liebesgeschichte in den religiös-asketischen Raum: Das vergangene Jahr wird als Bußjahr gelesen. Der Liebende versteht seine Schmerzen, Entbehrungen, seine Todessehnsucht nicht nur als unglückliche Privatgeschichte, sondern als eine Art Bußpraxis. Indem er „dies Jahr mit Büßen“ verbringt, gewinnt seine Liebe eine sühnehafte, verzehrende Dimension: Er büßt vor der Geliebten, vor Gott, vor dem Stern. In Verbindung mit Vers 147 heißt das: Der Rosenduft, der sie umgibt, ist Frucht eines Jahres, das für ihn selbst von Buße geprägt war – seine Buße verwandelt sich, im Blick auf sie, in Rosen.

Vers 149: Einen dichten Kranz von Schmerzen

Beschreibung: „Einen dichten Kranz von Schmerzen“ bezeichnet das, was in diesem Jahr entstanden ist: einen „dichten Kranz von Schmerzen“. Der Kranz ist voll, geschlossen, aus Schmerzmaterial geflochten.

Analyse: Der Vers setzt den durch Vers 148 vorbereiteten Kausalsatz fort: „da ich dieses Jahr mit Büßen [verbracht habe], [habe ich] einen dichten Kranz von Schmerzen ...“ Der „Kranz“ knüpft an die Rosen- und Dornenbilder an, zugleich an religiöse Kranz-Motive (Dornenkrone, Märtyrerkränze, Liebeskränze). „Dicht“ betont, dass der Kranz eng, voll, ohne Lücken ist; „von Schmerzen“ benennt sein Material: Nicht Rosen, nicht Lorbeer, sondern Schmerz. So entsteht das Bild eines Kranzes, den das Ich aus seinen Schmerzen geflochten hat – ein geschlossener Ring aus Leid.

Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass der Liebende seine Schmerzen nicht als chaotischen Haufen erlebt, sondern als geformt, gestaltet: Er hat sie zu einem „dichten Kranz“ gefügt. Das ist zugleich poetologische Aussage: Das Gedicht selbst – mit seinen Strophen als „Blüten“ – ist ein Kranz von Schmerzen, rhythmisch, geordnet, ringförmig. Theologisch erinnert der „Kranz von Schmerzen“ an die Dornenkrone, die aus Leid geformte Krone Christi. In der Liebeslogik des Gedichts wird dieser Kranz zum Liebeskranz: Der Sprecher hat sein Bußjahr in ein Kranzgebilde verwandelt, das er der Geliebten zu Füßen legen kann. Dass der Kranz „von Schmerzen“ ist, zeigt: Die Rosen, die sie duftend erlebt, sind auf seiner Seite Schmerzblüten.

Vers 150: All erblüht in meinem Herzen,

Beschreibung: „All erblüht in meinem Herzen,“ erklärt, wo dieser Kranz entstanden ist: „all erblüht in meinem Herzen“. Der Kranz aus Schmerzen ist im Herzen erblüht, innerlich aufgegangen wie Blüten.

Analyse: Die Anapher „All“ („All erblüht … / All erbaut … / All betaut …“) setzt ein dreifaches Intensivierungsschema in Gang. „Erblüht“ verbindet das Schmerzbild mit der Rosen- und Blütenmetaphorik: Schmerz kriegt Blütenform. „In meinem Herzen“ verlagert die Entstehung dieses Kranzes in den innersten Raum des Ich, dorthin, wo zuvor Wunde, Wunde an Wunde, Herzbruch lokalisiert waren. Der Kranz ist damit kein äußerliches Objekt, sondern eine innere Blüte, eine Sammlung innerer Blüten.

Interpretation: Der Vers zeigt, dass das Herz des Liebenden zum „Garten“ geworden ist, in dem dieser Kranz wächst: Die Schmerzen „erblühen“ als Blüten im Herzen. Das ist eine paradoxe Metapher: Schmerz wird zu Blüte. Sie deutet an, dass der Liebende sein Leiden nicht nur passiv erduldet, sondern es in etwas Gestaltetes, vielleicht sogar Schönes verwandelt. Der Kranz von Schmerzen ist eine innere Blütenkrone, gewachsen im Herzen – der Ort, an den der Stern in Strophe 22 eintauchen soll. So verbindet sich das Wunden- und das Blütenmotiv: Das Herz ist gleichzeitig wund und blühend; seine Wunden treiben Blüten, sein Schmerz wird zu einem blühenden Kranz, der – im Bildfeld des Gedichts – Cäcilie zugeeignet ist.

Vers 151: All erbaut in bangem Sehnen

Beschreibung: „All erbaut in bangem Sehnen“ ergänzt die Beschreibung des Kranzes: Er ist „all erbaut“ – aufgebaut, errichtet – „in bangem Sehnen“. Das Sehnen wird als Baustoff, als Konstruktionskraft genannt.

Analyse: Wieder setzt das einleitende „All“ eine Verstärkung: Alles an diesem Kranz ist „erbaut“ in „bangem Sehnen“. „Erbaut“ ist ein ungewöhnliches Wort in diesem Kontext; es verweist auf Architektur und Aufbau, nicht bloß auf Wachstum. Damit tritt neben das organische Blühen des Herzens (Vers 150) eine aktive, fast arbeitsartige Dimension: Der Liebende hat diesen Kranz mit seinem Sehnen aufgebaut. „Bangem Sehnen“ benennt das Grundaffekt des Gedichts: die Mischung aus Hoffnung, Furcht, Begehren, Angst. Der Kranz ist also sowohl organisch „erblüht“ als auch konstruktiv „erbaut“ aus diesem bangen Sehnen.

Interpretation: Der Vers zeigt, dass die innere Arbeit des Liebenden an seiner Beziehung zu Cäcilie eine Kombination aus Leidenschaft und Tätigkeit ist: Sein „banges Sehnen“ ist nicht bloß ein inneres Gefühl, sondern eine schöpferische Kraft, die etwas „erbaut“ – nämlich den Kranz. Der ganze Buß- und Leidensprozess des Jahres erscheint als ein Bauen an einem Gebilde, das am Ende als Opfergabe, als Kranz vor der Geliebten liegt. Das Sehnen ist „bang“, weil es unsicher ist, ob es Erfüllung findet; eben diese Unsicherheit, diese Angst, diese Spannung ist der Stoff, aus dem der Kranz besteht. So wird der Kranz zum Bild einer existentiellen Lebensarbeit: ein aus Langzeit-Sehnen errichtetes Gebilde, das zugleich Zeichen von Liebe und Schmerzen ist.

Vers 152: All betaut von heißen Tränen,

Beschreibung: „All betaut von heißen Tränen,“ beschließt den Anaphern-Dreiklang: Alles ist „betaut von heißen Tränen“. Der Kranz ist vollständig mit Tau benetzt – und dieser Tau sind „heiße Tränen“.

Analyse: Der Vers kombiniert den „Tau“-Topos, der zuvor mit dem Stern verbunden war („taut der Stern … Lindrung meiner Wunde“), mit den „heißen Tränen“ des Ich. „Betaut“ lässt den Kranz wie von Feuchtigkeit glänzend erscheinen; „heiße Tränen“ sind Ausdruck intensiver, leidvoller Emotion. Die dritte „All“-Anapher rundet die Beschreibung ab: Der Kranz ist nicht nur erblüht und erbaut, sondern auch getränkt. Die Tränen sind nicht weggelaufen, sondern haben sich wie Tau auf den Kranz gelegt und sind in sein Material eingegangen.

Interpretation: Der Vers führt noch einmal die Verbindung von Stern, Tau, Tränen und Wunde zusammen. Was früher der Stern als „Lindrung meiner Wunde“ betaut hat, sind nun die eigenen „heißen Tränen“, die den Kranz netzen. Man kann sagen: Der Liebende übernimmt die Tau-Funktion des Sterns auf sich: Seine Tränen sind der Tau, der den Kranz lebendig hält, zum Glänzen bringt, vielleicht sogar zum Duften. In diesem Bild wird der Kranz endgültig zum Kondensat des gesamten inneren Prozesses des Gedichts: er besteht aus Schmerzen, Sehnen, Tränen – alles erblüht, erbaut, betaut im Herzen. Wenn für die Geliebte Rosen duften, dann deshalb, weil diese Rosen aus seinem Schmerz- und Tränenkranz gewoben sind.

Gesamtdeutung der Teilstrophe 23b (V. 147–152)

Die Verse 147–152 bilden innerhalb der letzten Strophe den Abschluss einer großen Bewegung, in der Brentano den inneren „Liebenshaushalt“ zwischen Ich, Cäcilie und Stern noch einmal mit größter Dichte beschreibt. Während in den vorangegangenen Versen das Bild des Rosenzauns mit seinen Dornen und die Bereitschaft des Liebenden, an diesen Dornen zu verbluten, im Vordergrund stand, verlegt die Teilstrophe 23b den Akzent auf die „Frucht“ dieses Leidens: den „dichten Kranz von Schmerzen“, der im Herzen erblüht ist, erbaut aus bangem Sehnen und betaut von heißen Tränen – und der für sie nach Rosen duftet.

Der Vers „Duftet Rosen ihr der Süßen“ knüpft direkt an die asymmetrische Verteilung von Rosen und Dornen an: der Geliebten, „der Süßen“, sollen die Rosen duften. Der ganze nachfolgende Sechsversblock erklärt, wie dieser Rosenduft zustande kommt: Er ist das Resultat eines Jahres voller Buße, das im Herzen des Ich einen Kranz von Schmerzen hervorgebracht hat. Zeitlich gespannt zwischen Jahresanfang und „letzter Stunde des Jahres 1834“ erscheint das Jahr als Bußjahreskreis, dessen Ergebnis gerade nicht äußere Besserung, sondern ein innerer, dichter Leidenskranz ist. Doch in der Liebeslogik des Gedichts wird dieser Leidenskranz transfiguriert: Für die Geliebte duftet er wie Rosen. So verschränkt die Strophe Buß-, Leidens- und Liebessemantik aufs engste.

In der Dreifachformel „All erblüht … / All erbaut … / All betaut …“ entfaltet Brentano poetologisch die innere Arbeit, die hinter diesem Kranz steht. Das Leiden ist nicht bloß passiv widerfahrene Not, sondern hat sich im Herzen zu etwas „Erblühtem“ und „Erbautem“ verdichtet. Das Herz ist Garten und Baustelle zugleich: Hier sind die „Schmerzen“ zu Blüten geworden, hier hat das „bange Sehnen“ ein Gebilde aufgebaut, hier haben die „heißen Tränen“ wie Tau die Blätter benetzt. Die Struktur dieser drei Verse enthält eine Art Poetik des Gedichts: Wie das Herz des Liebenden seine Schmerzen in Blüten, sein Sehnen in Struktur und seine Tränen in glänzenden Tau verwandelt, so verwandelt das Gedicht die biographische Not in eine kunstvolle, ringförmige Komposition – den „Kranz“ der Strophen, den „Kranz von Schmerzen“.

Gleichzeitig bleibt der theologische Untergrund spürbar. „Dies Jahr mit Büßen“ ruft eine Bußpraxis auf, die über das rein Liebespsychologische hinausgeht. Die Schmerzen sind nicht nur die Folge einer schwierigen Beziehung, sondern werden als Buße verstanden – vor Gott, vor der Geliebten, vor dem eigenen Gewissen. Die Bildwelt des Kranzes erinnert an Dornenkrone und Märtyrerkranz; der Liebende übernimmt – in der eigenen kleinen Lebensgeschichte – Züge einer stigmatisierten, verwundeten Existenz, die ihren Schmerz zu einem Kranz formt, den sie dem Du widmet. In dieser Perspektive ist Cäcilie nicht nur Geliebte, sondern – in Anspielung auf die heilige Cäcilia – auch eine Art Heilige, der dieser Kranz dargebracht wird.

Das Entscheidende der Teilstrophe liegt in der Transformationsbewegung: Was für ihn „Schmerzen“, „banges Sehnen“ und „heiße Tränen“ sind, wird für sie zu Rosen, zu Duft, zu etwas, das sie möglicherweise als Wohltat, als Liebe, als Trost erfährt. Der Liebende nimmt die „Kosten“ der Liebe auf sich und verwandelt sie in eine Gabe. So schließt sich der Kreis zur Rosenzaun-Metapher: Sie sieht (und riecht) die Rosen, er trägt Dornen, Buße, Tränen. Der „dichte Kranz von Schmerzen“ ist in dieser Logik die innere Kehrseite ihres Rosengartens.

Im Horizont der gesamten Schlussbewegung – Untergehen und Auferstehen, Stern in des Herzens Grund, Wund’ an Wunde, Dornenzaun und Verbluten – zeigt Teilstrophe 23b, wie diese extreme Liebesexistenz sich in einer einzigen, kompakten Figur zusammenfasst: dem Kranz. Dieser Kranz ist Schmerz, Sehnen und Tränen – und doch blüht und duftet er. Er ist im Herzen entstanden – aber für Cäcilie bestimmt. Mit ihm endet das Gedicht nicht in einer abstrakten Todessehnsucht, sondern in einem Bild, das Leidensbereitschaft, Liebeshingabe und poetische Gestaltung miteinander verschmilzt: Der Liebende hat in einem Bußjahr einen Kranz aus allem, was ihm zugemutet wurde, gewunden – und legt ihn als duftende Gabe vor jene, die für ihn Stern der Liebe, Lilie und Süße zugleich ist.

Strophe 23d

Vers Ihr: demütig lag zu Füßen, 153

Beschreibung: „Ihr demütig lag zu Füßen,“ beschreibt eine Haltung des Niederlegens: Etwas – im Kontext der vorangehenden Verse der „dichte Kranz von Schmerzen“ – lag „ihr demütig … zu Füßen“. Das Bild zeigt den Kranz als Opfergabe, hingelegt zu den Füßen der Angeredeten.

Analyse: Grammatisch ist das Subjekt aus den vorhergehenden Versen mitzudenken: der Kranz, der in Schmerz, Sehnen und Tränen erblüht ist, „lag“ ihr – also Cäcilie, „der Süßen“ – „demütig … zu Füßen“. „Demütig“ charakterisiert die Art dieses Liegens: Es ist eine Geste der Unterordnung, des Respekts, des Sich-Niederwerfens. „Zu Füßen“ ist eine klassische Formulierung für Verehrung und Hingabe; Füße sind der tiefste Punkt des Körpers, der Ort, wo Dienst, Anbetung, Bitte sichtbar werden. Das Bild bündelt die vorherige Kranzmetaphorik: Was innerlich gewunden wurde, kommt nun äußerlich in eine konkrete Geste – der Kranz liegt vor ihr, unten, zu ihren Füßen.

Interpretation: Der Vers markiert den Moment der Darbringung: Das Ich hat sein Buß- und Liebesjahr in einen Kranz von Schmerzen verwandelt, der „erblüht in meinem Herzen, erbaut in bangem Sehnen, betaut von heißen Tränen“ – und genau dieser Kranz wird jetzt zu Füßen der Geliebten niedergelegt. „Demütig“ zeigt, dass es diese Gabe nicht als Forderung, sondern als Unterwerfung versteht: Nicht „nimm das, was ich geleistet habe“, sondern „ich lege es dir zu Füßen“. Der Gestus ist zugleich erotisch, religiös und ritterlich: Verehrung einer Geliebten, Knieen vor einer Heiligen, Dienst eines Vasallen an seiner Herrin. In dieser Geste kulminiert das Selbstverständnis des Ich: alles Leid, alles Sehnen, alle Tränen sind nicht Selbstzweck, sondern Gabe, die „ihr“ gehört.

Vers Ach: die ihn nicht von sich stießen, 154

Beschreibung: „Ach die ihn nicht von sich stießen,“ ergänzt die Szene: Diejenige, zu deren Füßen der Kranz lag, hat ihn „nicht von sich gestoßen“. Der Vers betont: Sie wies den Kranz nicht ab.

Analyse: Das Personalpronomen „die“ verweist auf die Angeredete, „Cäcilie“, „die Süße“, „meine Lilie“. „Ihn“ meint wiederum den Kranz. „Nicht von sich stießen“ beschreibt die – gerade nicht erfolgte – Abwehrgeste: Sie hat ihn nicht weggestoßen, nicht abgewiesen. Der Ausruf „Ach“ verleiht dem Satz eine starke emotionale Färbung: Er enthält Erleichterung, Staunen, Dankbarkeit. In der inneren Logik des Gedichts, das vom Fürchten des Verlustes, vom möglichen Sternentzug lebt, ist dieses „nicht von sich stoßen“ von großer Bedeutung: Der Kranz, der das Ich selbst repräsentiert, wird angenommen – zumindest nicht verworfen.

Interpretation: Der Vers formuliert die vielleicht tröstlichste Erfahrung des Liebenden: Die Geliebte verwirft seine Gabe nicht. In einem Gedicht, das über weite Strecken die Angst artikuliert, der Stern könne sich abwenden, nicht mehr leuchten, nicht mehr in Tränen blitzen, nicht mehr auf dir, du Lilie, lachen, ist dieses kleine „nicht von sich stoßen“ ein mächtiger Gegenpol. Cäcilie nimmt den Kranz an, oder zumindest duldet sie ihn: Sie stößt ihn nicht weg. Damit bestätigt sie, dass die ganze Buß- und Schmerzbewegung nicht völlig vergeblich war. Das Ich erfährt hier eine Form von Anerkennung, die nicht in großen Worten, sondern im bloßen Unterlassen der Zurückweisung besteht. Gerade diese Nüchternheit verleiht dem Moment Glaubwürdigkeit: Es ist kein pathetisches Ja, sondern ein zartes „Nein“ zum Nein.

Vers Die: ich durfte treu umschlingen 155

Beschreibung: „Die ich durfte treu umschlingen“ führt den Satz weiter und präzisiert, was nicht weggestoßen wurde: „die“ – gemeint sind die Füße – „ich durfte treu umschlingen“. Das Ich durfte diese Füße mit seinem Kranz umfassen, umwinden.

Analyse: Das Relativpronomen „die“ bezieht sich nun am ehesten auf die Füße (implizit aus Vers 153), die im Vers 155 als Objekt einer Handlung erscheinen: „ich durfte … umschlingen“. „Treu“ charakterisiert die Qualität dieses Umschlingens: Es ist nicht flüchtig, nicht unverbindlich, sondern beständig, verlässlich. Der Kranz, der zu Füßen liegt, scheint zugleich diese Füße zu umschlingen – er ringt sie, hält sie, in einer Geste hingebender Liebe und Verehrung. Das Modalverb „durfte“ ist entscheidend: Es zeigt, dass diese Geste erlaubt, zugelassen, vielleicht sogar geschenkt wurde. Der Liebende erhielt die Erlaubnis, zu lieben, zu umschlingen, sich anzuheften.

Interpretation: Der Vers beschreibt die höchste Form der Bestätigung, die das Ich in diesem Gedicht erhoffen konnte: Es darf seine Geliebte „treu umschlingen“ – nicht sie selbst im erotisch-körperlichen Sinn, sondern ihre Füße mit dem Kranz, der sein ganzes Liebes- und Leidensjahr in sich trägt. Die Liebe bleibt demütig – sie greift nicht nach ihrem Leib, sondern umwindet ihre Füße –, und doch wird sie in ihrer Treue anerkannt. „Durfte“ deutet darauf hin, dass er diese Geste als gnädige Gewährung erlebt: nicht als Recht, sondern als Geschenk. So wird das Gedicht, das lange von unerfülltem Verlangen, Todessehnsucht und Sternentzug spricht, an dieser Stelle zu einem stillen Erfüllungsmoment geführt: Seine treue Liebe darf sich symbolisch um die Geliebte legen, sie umfassen, ohne abgewiesen zu werden.

Vers Stirb: Jahr, nichts mehr kannst du bringen, 156

Beschreibung: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen,“ wendet sich in einem Imperativ an das Jahr: „Stirb Jahr“. Es folgt die Begründung: „nichts mehr kannst du bringen“. Das Jahr soll sterben, weil es nichts mehr hinzufügen kann.

Analyse: Der Vers personifiziert das Jahr und spricht es direkt an. „Stirb Jahr“ stellt das Jahresende als Sterben dar, im Einklang mit der datierten Rahmung des Gedichts (letzte Stunde des Jahres 1834). „Nichts mehr kannst du bringen“ markiert einen Erfüllungspunkt: Alles Wesentliche ist geschehen, das Jahr ist ausgeschöpft. Im Licht der vorangehenden Verse bezieht sich das auf das Bußjahr, den Kranz, das Niederlegen, die Nicht-Zurückweisung, das Um-schlingen-Dürfen. Der Imperativ wirkt nicht trotzig, sondern abgeschlossen: Das Jahr hat seinen Sinn erfüllt, sein Werk verrichtet; nun darf es sterben.

Interpretation: Dieser Vers markiert die endgültige zeitliche Zäsur. Das Ich steht am Ende eines Jahres, das als extrem verdichtet erlebt wurde: Buße, Schmerzen, Sehnen, Wunden, Sternangst, Liebesopfer. Mit der Annahme des Kranzes und der Geste des „treu umschlingen“ ist für das Ich ein innerer Höhepunkt erreicht, an dem das Jahr für ihn nichts Wesentlicheres mehr hinzufügen könnte. Deshalb kann er zum Jahr sagen: Stirb. Der Jahreswechsel ist so nicht nur eine kalendarische Notwendigkeit, sondern ein innerer Vollzug: Ein Abschnitt ist „voll“ – an Leid und an Erfüllung – und darf darum sterben. Die Todesmetapher für das Jahr fügt sich in die große Untergangssemantik des Gedichts, erhält hier aber einen versöhnteren Ton: Das Jahr stirbt, weil es nichts mehr schuldig ist, nicht weil es versagt hätte.

Vers Selig: starb die letzte Rose 157

Beschreibung: „Selig starb die letzte Rose“ nimmt das Sterbemotiv auf und verbindet es mit dem Rosenbild: „die letzte Rose“ ist „selig“ gestorben. Der Vers stellt den Tod der letzten Rose als seligen, glückhaften Tod dar.

Analyse: „Die letzte Rose“ knüpft direkt an das Rosen- und Kranzmotiv an: Sie ist die letzte Blüte dieses Jahres, dieses Liebens, dieses Kranzes. „Selig starb“ ist eine auffallende Formulierung: Seligkeit und Sterben werden verbunden. Der Tod ist hier nicht schrecklich, sondern glückhaft, beseligend. Syntaktisch ist der Vers ein schlichter Aussagesatz, inhaltlich wird er zur Zusammenfassung der Liebes- und Jahresgeschichte: die letzte Rose – Sinnbild der Liebe in diesem Jahr – hat ihren Tod gefunden, aber in Seligkeit. Die Steigerung zum vorherigen Vers: Nicht nur das Jahr darf sterben, sondern auch die Liebe in ihrer diesjährigen Blüte findet einen seligen Abschluss.

Interpretation: In diesem Vers erhält die große Todessehnsucht des Gedichts eine neue, sanftere Farbe. Der Tod der letzten Rose ist kein Untergang in Verzweiflung, sondern ein „seliges Sterben“. Man kann darin das Ideal der romantischen Liebesexistenz erkennen: Eine Liebe, die in Schmerz, Sehnen, Tränen gereift ist, darf „selig“ sterben, weil sie sich erfüllt hat, indem sie sich verschenkt hat. Die „letzte Rose“ ist zugleich letzte Blüte des Jahres und letzter Akt der Hingabe: Ihr Sterben bedeutet nicht Vernichtung der Liebe, sondern Vollendung. In christlich-mystischem Horizont klingt mit, dass Seligkeit das Ziel alles Leidens ist; hier wird sie im Bild einer sterbenden, aber seligen Rose greifbar.

Vers Still: entblättert ihr im Schoße! 158

Beschreibung: „Still entblättert ihr im Schoße!“ beschließt das Gedicht mit einem Bild: Die Rose entblättert sich „still“ in „ihrem Schoß“. Sie verliert ihre Blätter leise, und zwar in der Mulde, im Schoß der Geliebten.

Analyse: Das Adverb „still“ betont die Sanftheit, Lautlosigkeit des Vorgangs: kein dramatischer, lauter Tod, sondern ein inneres, leises Entblättern. „Entblättert“ konkretisiert das Sterben der Rose: Sie verliert Blatt um Blatt; ihr Tod ist ein Sich-Geben, ein Sich-Auflösen. „Ihr im Schoße“ verortet die Szene räumlich: im Schoß der Geliebten. Der Schoß ist ein hoch aufgeladenes Bild: Ort der Intimität, der Geborgenheit, der Mütterlichkeit, der Empfängnis. Die Rose stirbt also nicht irgendwo, sondern in der Nähe des Leibes der Geliebten, in einem Raum von höchster Nähe und Zartheit.

Interpretation: Der Schlussvers bringt die Bildwelt des Gedichts auf einen eindringlichen Punkt: Die Liebe, die das ganze Jahr über in Schmerzen, Sehnen, Wunden, Sternangst durchlitten wurde, findet ihren seligen Tod als Rose, die im Schoß der Geliebten leise die Blätter verliert. Das ist ein mehrfaches Symbol: Die Liebe gibt sich ganz hin; nichts bleibt an Blättern übrig, alles fällt in ihren Schoß. Zugleich ist der Schoß ein Bild empfangender Liebe: Was von ihm kommt, fällt wieder zu ihm zurück. Im religiösen Unterton des Gedichts kann man den Schoß auch als marianisches, mütterliches Bild lesen: Die Liebe stirbt in der Geborgenheit einer mütterlich-geliebten Gestalt, nicht im Nichts. Das „stille Entblättern“ ist damit zugleich ein Bild höchster Intimität und ein Bild des Aufgehens der eigenen Liebe in der Geliebten: Was der Kranz an Schmerzen enthielt, ist nun in Rosenblättern, im Schoß der Geliebten, still aufgegangen.

Gesamtdeutung der Strophe 23d (V. 153–158)

In den letzten sechs Versen des Gedichts bündelt Brentano die gesamte Bewegung des „Kettenliedes“ in einer kleinen, stillen, zugleich hoch symbolischen Szene: Der Kranz der Schmerzen wird zu Füßen der Geliebten niedergelegt, nicht zurückgestoßen, darf ihre Füße treu umschlingen – und mit dieser Geste ist das Jahr erfüllt, darf sterben. Die letzte Rose, Sinnbild all dieser Liebe, stirbt selig und entblättert sich still in ihrem Schoß. Damit findet die lange Reihe von „Einsam will ich untergehen“ ein anderes, sanfteres Ende: Der Untergang vollzieht sich nicht als spektakulärer Selbststurz des Ich, sondern als leises Sterben der rose gewordenen Liebe im Schoß der Geliebten.

Zunächst wird der innere „Kranz von Schmerzen“, der in den vorangehenden Versen aus Buße, Sehnen und Tränen beschrieben wurde, in eine äußere Geste übersetzt: Er „lag … demütig … zu Füßen“. Das Ich bringt sein ganzes Jahr, seine Wunden, sein banges Sehnen in Form dieses Kranzes dar. Die Haltung ist demütig: Das Ich erhebt keinen Anspruch, sondern legt nieder. Die Tatsache, dass „die ihn nicht von sich stießen“, ist psychologisch und theologisch der entscheidende Moment der Annahme: Cäcilie – Geliebte, Heilige, Sternmedium – stößt diese Gabe nicht zurück. In einem Gedicht, das von der Angst lebt, der Stern könne sich abwenden, bedeutet dies eine stille, aber gewichtige Zustimmung. Der Liebende erlebt einen Augenblick der Gnade: Er darf, was er ist und gebracht hat, zu ihren Füßen wissen.

„Die ich durfte treu umschlingen“ steigert dieses Moment: Seine Liebe, in Gestalt des Kranzes, darf die Füße umwinden. Der Liebende wird nicht nur geduldet, er wird zugelassen. Das Motiv der Treue, das das ganze Kettenlied durchzieht (immer neue Strophen, immer neues „einsam will ich untergehen“), findet hier eine Antwort: Die Treue darf sich symbolisch binden, darf die Geliebte umfassen, wenn auch nur an ihren Füßen. Liebe bleibt hier demütig – kein Besitzergreifen des Leibes, sondern eine ehrfürchtige Umarmung der Füße – und doch wird sie ernst genommen und akzeptiert. Dieser Augenblick ist der intime Kulminationspunkt der Liebesgeschichte: Der Liebende bekommt das Zeichen, dass seine Liebe, so schmerzlich sie war, nicht vergeblich ist.

Von diesem Punkt aus kann das Jahr sterben: „Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen.“ Dieser Ruf an das Jahr wirkt nicht bitter, sondern abgeschlossen. Die innere Logik des Gedichts – ein Jahr der Buße, des Leidens, der Todessehnsucht – findet hier ihre Erfüllung. Mehr als diese Annahme und dieses Umschlingen braucht dieses Jahr nicht zu bringen. Der Jahreswechsel – „letzte Stunde des Jahres 1834“ – wird damit zu einem inneren Vollendungspunkt: Der Liebende lässt das Jahr sterben, weil es seine Aufgabe erfüllt hat. Der Übergang von biographischer Zeit (1834) zu symbolischer Zeit (Bußjahr, Liebesjahr) wird darin sichtbar: In der Annahme des Kranzes ist die Zeit reif; ihre Aufgabe ist getan.

Vor diesem Hintergrund erhält der Tod der „letzten Rose“ sein besonderes Gewicht. Die „letzte Rose“ kann man als letzte Blüte dieses Liebesjahres, als letzte Blume des Kranzes, als letzte Möglichkeit der Liebe in dieser Konstellation lesen. Dass sie „selig“ stirbt, deutet darauf hin, dass ihr Sterben nicht als Scheitern, sondern als Vollendung erfahren wird. Die Liebe ist zur Blüte gekommen und darf nun in Frieden sterben – selig, weil sie sich ganz vergeben hat. In einer christlich-mystischen Perspektive lässt sich darin ein verklärt-erlöster Blick auf das Ende einer Liebesepoche sehen: Die Rose ist nicht zerstört worden, sondern hat sich erfüllen dürfen, indem sie ihr Leben im Duft und im Fallen der Blätter verschenkt hat.

Der Schlussvers „Still entblättert ihr im Schoße!“ fasst das alles in einem hoch verdichteten Bild zusammen. Der Schoß der Geliebten ist der Ort, an dem die Rose still ihre Blätter verliert. Dieser Schoß kann wörtlich als ihr Schoß, ihr Kleid, ihre Nähe gelesen werden; symbolisch ist er Ort der Geborgenheit, des Empfangens, des Anvertrautseins. Dass die Rose dort entblättert – nicht auf dem Feld, nicht im Nichts, sondern bei ihr – bedeutet: Die Liebe, die in der Rose lebt, vergeht nicht ins Leere, sondern geht bei ihr auf. Ihr Schoß wird zum Aufnahmeraum dieser Liebe. Eros und Mystik liegen eng beieinander: Der Schoß ist sowohl erotischer als auch marianischer Raum, sowohl Geliebten- als auch Mutterbild. Die Liebe stirbt so, dass sie in der Geliebten, in Cäcilie, aufgeht – und das in seltener Sanftheit („still“).

In der Gesamtperspektive des Gedichts lässt sich sagen: Die lange beschworene Bewegung des einsamen Untergangs findet hier eine überraschende Wendung. Das Ich selbst stirbt nicht im pathetischen Selbstverlust, sondern lässt das Jahr sterben und beobachtet, wie die letzte Rose – seine Liebe – selig und still in ihrem Schoß entblättert. Sein Herz ist „Wund’ an Wunde“, der Stern ist eingeladen, in diesen Herzgrund zu tauchen, der Rosenzaun mit seinen Dornen ist um Cäcilie gelegt – und am Ende liegt der Kranz zu ihren Füßen, wird nicht abgewiesen, umschlingt treu, während die letzte Rose in ihrem Schoß sich verströmt. Untergehen und auferstehen – so hatte Strophe 22 begonnen – vollziehen sich hier auf leise Weise: Die äußere Liebesepoche geht unter, das Jahr stirbt, die Rose entblättert sich; aufersteht ein innerer Zustand, in dem Liebe als Kranz von Schmerzen, als Wunde, als stilles, angenommenes Opfer im Herzen und an den Füßen und im Schoß der Geliebten weiterlebt.

Strophe 23d ist damit nicht nur Abschluss einer Liebesgeschichte, sondern auch eine poetische und mystische Schlussszene: Das Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde mündet in eine Szene, in der der Sklave zwar weiter verwundet, aber nicht verworfen ist; in der seine Liebe in einem kleinen, unspektakulären Bild („Kissen“, „Kranz“, „Rose im Schoß“) ihre Erfüllung findet. Die letzte Bewegung des Gedichts ist kein grandioser Aufschrei, sondern ein stilles Entblättern – und gerade darin liegt seine tiefste, beinahe sakramental anmutende Intensität.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Das Gedicht inszeniert in extremer Verdichtung die Bewegung eines Ich, das sich als „Sklaven“ einer übermächtigen Liebesinstanz erlebt und seine ganze Existenz an den Stern der Liebe bindet, so radikal, dass jeder denkbare Entzug dieses Sterns als Grund zum „einsamen Untergehen“ erscheint – und das gerade in dieser Grenzerfahrung lernt, den Stern nicht im äußeren Himmel, sondern im verwundeten Herzgrund zu tragen. Die Grundthese der Deutung lässt sich so formulieren: Brentano entwickelt ein spätromantisch-mystisches Liebesgedicht, in dem die Todessehnsucht eines absolut abhängigen Ich von einer rein destruktiven Untergangsdynamik in eine paradoxe Form von „Auferstehen“ überführt wird, indem der Stern der Liebe aus der äußeren Leitfunktion in eine innere, im Herzen wohnende Wundenspiritualität übergeht. Das Kettenlied erzählt damit nicht nur den Weg einer leidenschaftlichen Liebesverfallenheit, sondern zugleich ein Buß- und Jahresbekenntnis, in dem das Ich sein Jahr, seine Schmerzen, seine Tränen zu einem „Kranz von Schmerzen“ formt, ihn der Geliebten zu Füßen legt und im stillen Entblättern der letzten Rose im Schoß Cäciliens eine selig-schmerzliche Form von Erfüllung findet.

Das wiederholte „Einsam will ich untergehen“ zeigt das Ich zunächst als drastisch einsame, affektiv vollkommen übersteuerte Bewusstseinsfigur: Es lebt nur vom Stern – von seinem Blick, seinem Lachen, seiner Führung, seinem Trost – und kennt als Gegenbild zu dieser Sternnähe praktisch nur den eigenen Untergang. Doch diese Todesfixierung ist kein bloßer Selbstvernichtungswille, sondern Ausdruck eines extremen Verlangens nach ungebrochener Beziehung: Der Tod erscheint als letzter Ort, an dem das Ich sich seiner Treue versichert. In den späteren Strophen (Heimgehen, Herzbruch, Stern, der „untergehen muß wie dies Jahr“, Eintauchen in den Herzgrund, Kranz vor Cäcilies Füßen, letzte Rose im Schoß) verschiebt sich die Bewegungsrichtung: Nicht mehr nur das Ich will untergehen, auch das Jahr, auch der Stern in seiner bisherigen Erscheinungsweise gehen unter, und gerade darin wird Platz für eine andere Art von Bleiben geschaffen – für ein Bleiben des Sterns im verwundeten Herzen und im still angenommenen Liebesopfer.

In dieser Perspektive ist das Gedicht weder nur Liebesklage noch nur religiöses Andachtsstück, sondern eine Doppelgestalt: Es ist Liebeslied, Bußgebet und poetologische Selbstdeutung zugleich. Der „Sklave“ ist an die Fesselnde gebunden, aber auch an das Wort, an die wiederkehrende Formel, an den Reim; die „Kette“ ist existentiell und formal. Die Grundthese lautet darum zugespitzt: Das „Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde“ zeigt einen Menschen, der sich in radikalster Liebesabgängigkeit beinahe in den Tod hineinsteigert – und der gerade dort, wo der Stern zu verschwinden scheint, erfährt, dass diese Liebe, wenn sie nicht töten, sondern tragen soll, sich in eine innere, kranzförmig geordnete, verwundete Dauer verwandeln muss. Untergehen und auferstehen: Der alte Stern des Jahres 1834 geht unter, die Liebe lebt als Wunde, Kranz und stille Rose in Cäcilies Schoß weiter.

2. Verzahnung der Ebenen

Die existentiell-psychologische, die theologisch-mystische, die formale und die anthropologische Deutungsebene greifen im Gedicht so eng ineinander, dass sie kaum auseinanderzuhalten sind – gerade diese Verzahnung macht den spezifischen Charakter des Textes aus. Auf der affektiven Ebene sieht man ein Ich, das von Anfang an in einer extremen Spannung lebt: Einsamkeit, Angst vor Entzug, gesteigertes Verlangen nach dem Stern, das Gefühl, Sklave an der Kette zu sein. Die lange Kette der Strophen mit dem immer gleichen Satz „Einsam will ich untergehen“ wirkt bewusst wie eine sprachliche Zwangsbewegung: Ein Gedanke, ein Affekt wird in dreiundzwanzig Strophen kreisend durchgespielt und immer wieder an neue Bilder gekoppelt. Pilger, Bettler, Tag im Abendgrauen, Sklave, Schwanenlied, Mond in wüsten Meeren, Träne im Busen, Name im Todesmunde, Kind, das stirbt, ehe es geboren ist – alle diese Bilder sind Varianten derselben Grundfigur: Das Ich sieht sich an der Grenze, im Übergang, im Verschwinden, und es entwirft seinen Untergang in immer neuen Vergleichswelten, weil keine einzelne Figur den inneren Drang vollständig fassen kann.

Diese affektive Kettenbewegung wird von Anfang an in einen religiös-metaphysischen Horizont gestellt. Der Stern ist mehr als ein bloßes Liebessymbol; er trägt Züge eines göttlichen, gnadenhaften oder heiligen Gegenübers. Er führt wie ein Leitstern, tauft nieder, lindert Wunden, weckt die Musen, lacht auf der „Lilie“ Cäcilie, taut Lindrung in die Wunde, und er wird explizit als „Stern der Lieb’“ angerufen. Zugleich lässt sich Cäcilie sowohl als konkrete Geliebte wie als Heilige Cäcilia, als musikalisch-heilige Vermittlerfigur lesen. Die Bilder von Wunde, Herzbruch, Kranz und Dornen rufen deutlich christliche Leidens- und Passionsvorstellungen auf, ohne das Gedicht zu einem rein religiösen Lehrstück zu machen. Entscheidend ist, dass der Stern doppelt codiert bleibt: er ist der Stern der persönlichen Liebe und der Stern einer transzendenten, liebenden Instanz. Darum kann das Flehen „arm Lindis ›bitte, bitte‹“ vom Ich zugleich als „dein süßes Flehen“ des Sterns verstanden werden; menschliche Bitte und göttliche Gnade sprechen durch dieselbe Stimme.

Die formale Kettenstruktur ist dabei nicht bloß Verzierung, sondern trägt den Sinn mit: Die Refrainzeilen, das strenge Wiederkehren der Konditionalformeln („Wenn / Wird / Kehrt / Bricht der Stern, den ich gesehen… / will ich einsam untergehen“) bilden eine sprachliche Kette, die den Sklavenstatus nachahmt. Das Gedicht geht gewissermaßen im Kreis, wie jemand, der an der Kette im Hof immer wieder dieselbe Bahn abschreitet. Zugleich erinnert diese seriell wiederholte Form an litaneiartige Gebete und an Rosenkranzpraxis: ein Kranz von immer neu gesprochenen, aber doch gleich strukturierten Sätzen, in denen sich Buße, Liebe und Bitte verknüpfen. Die „Kette“ ist also zugleich Sklavenkette und Gebetsschnur; das „Kettenlied“ ist Liebesklage und meditative Andacht. Der Titel „zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen“ verknüpft diese innere Spirale mit einem konkreten, kalendarischen Horizont: Es geht um eine Lebens- und Liebesbilanz am Übergangspunkt eines Jahres, und darin spiegeln sich sowohl persönliche als auch religiöse Bußpraxis.

In der zweiten Hälfte des Gedichts verschiebt sich dann die Bewegungsrichtung: Die starre Formel „Einsam will ich untergehen“ wird zweimal durchbrochen durch „Einsam muß ich heim nun gehen“; das Ich wird vom äußersten Todeswunsch in die Notwendigkeit zurückgerufen, weiterzuleben. Lindis’ „bitte, bitte“, vom Ich als süßes Flehen des Sterns interpretiert, ist genau diese Grenze: Die Liebe darf nicht in reiner Selbstvernichtung enden. Das Herz bricht „in der Mitte“, aber das Ich bleibt am Leben; der Stern „muß doch einsam untergehen / wie dies Jahr zur zwölften Stunde“. Hier verzahnen sich Zeitbild und Sternbild: Der Untergang des Jahres, der Stern, der wie das Jahr vergeht, und das Herz, das zugleich stirbt und weiter schlägt. In der Formel „Untergehen, auferstehen“ wird diese doppelte Bewegung auf einen theologischen Nenner gebracht – und unmittelbar darauf wird der Stern eingeladen, „zu meines Herzens Grunde“ zu tauchen. Der Untergang des Sterns als äußerem Leitbild ist Bedingung dafür, dass er als innerer Herzgrund aufersteht.

Diese innere Verlagerung setzt sich in den letzten Versen in konkreten, leibnahen Bildern fort: Wund an Wunde, das Grübchen, das der Liebe Stern eindrückt, die Wimper, die sich schließt, das kleine Kissen, an dem der Sprecher weinen musste, der Rosenzaun aus Rose und Dorn, der „Kranz von Schmerzen“, erblüht, erbaut, betaut im Herzen, der demütig zu Füßen Cäcilies liegt, nicht weg gestoßen wird, ihre Füße treu umschlingen darf, und schließlich die letzte Rose, die selig stirbt und still in ihrem Schoß entblättert. Hier verknüpfen sich alle Stränge: die existentiell-affektive Todessehnsucht, die religiös-mystische Wunden- und Bußthematik, die poetologische Form des Kranzes und die anthropologische Grundfigur des Menschen, der nur im Blick, im Lachen, im Licht eines anderen zu sich selbst findet. Das Gedicht endet so, dass Untergang, Opfer und Annahme in einer einzigen sanften Geste zusammenfallen: Das Jahr darf sterben, weil der Kranz angenommen ist; die Liebe darf sterben, weil sie in der Geliebten aufgeht. Die extreme Kette von Todesbildern mündet in ein stilles Bild gegenseitig verschränkter Zugehörigkeit.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch zeichnet der Text ein Bild des Menschen als radikal relationales, durch und durch affektbestimmtes Wesen. Der Mensch ist in dieser Sicht nicht in erster Linie ein autonomes Ich, das souverän über sich verfügt, sondern ein „Sklave“ des Blicks und der Liebe eines Anderen: Er ist „gefesselt“ von dem Stern, der ihn angesehen hat, und seine „Schritte“ stehen unter diesem Bann. Seine tiefsten Erfahrungen – Einsamkeit, Wunde, Sehnsucht, Todesdrang – sind Reaktionen auf das Verhalten dieses Gegenübers: Leuchtet der Stern, lacht er, blitzt er in Tränen, taucht er lindrungsvoll in Wunden, dann kann der Mensch im Leid bestehen; wendet der Stern sich ab, verweigert er Trost, Führung, Blickkontakt, dann bricht das Ich in sich zusammen und will „einsam untergehen“. In dieser Radikalität ist Liebe nicht einfach schönes Gefühl, sondern Grundmodus des Daseins: Wer so liebt, hängt sein Sein an das Du und erlebt jeden Entzug als existentielle Katastrophe.

Gleichzeitig macht das Gedicht deutlich, dass eine solche Radikalität an eine Grenze geführt werden muss. Die Figur Lindis, das „süße Flehen“ des Sterns, das „muß ich heim nun gehen“, markieren eine anthropologische Einsicht: Der Mensch darf seine Todessehnsucht nicht mit Gott oder dem Stern verwechseln, er darf seine Liebe nicht in pure Selbstvernichtung treiben. Es gehört zur Wahrheit dieser Liebe, dass sie leidbereit, opferbereit, verwundungsbereit ist – aber sie darf nicht in reiner Autoaggression enden. Der Stern, der das Ich erwählt und gefesselt hat, entzieht ihm die Erfüllung des extremsten Wunsches („bis mein Herz brach in der Mitte“) und lässt diesen Herzbruch zugleich seelisch doch eintreten: Das Herz ist gebrochen, aber das Leben geht weiter. So erscheint der Mensch am Ende als einer, dessen innerer Kern zerbrochen ist und der dennoch weitergehen muss – einer, der seine Wunden nicht abstreifen, sondern in eine Form des Liebens verwandeln muss, in der er seine Dornen auf sich nimmt und dem Du nach Möglichkeit nur Rosen zeigt.

Poetologisch gesprochen entwirft das Gedicht eine Vorstellung von Dichtung als Arbeit am Kranz: Die vielen, scheinbar redundanten Strophen mit den ständig variierten Bildern sind nicht bloß Übermaß, sondern die Art und Weise, wie diese extreme innere Spannung überhaupt sprachlich gestaltet werden kann. Das Gedicht zeigt, dass eine einmalige Aussage („ich leide“, „ich liebe“, „ich will sterben“) nicht ausreicht, um die Vielschichtigkeit eines solchen Inneren auszudrücken; stattdessen wird durch Wiederholung, Variation und serielle Anordnung eine Art Kranz aus Bildern und Formeln gewunden. Dieses „Kettenlied“ ist poetisch ein Ringgedicht: Jede Strophe hängt an der vorherigen, jede Variation greift ein Motiv der Nachbarstrophe auf („Wie allein, allein, alleine“, „Wie arm Lind fleht bitte, bitte“), bis am Ende aus all diesen einzelnen Gliedern ein geschlossener Kranz geworden ist. Dieser Kranz ist zugleich das Werk des Jahres (die Arbeit an sich selbst, am eigenen Leiden) und das Werk des Gedichts (die Arbeit an den Bildern, Reimen und Rhythmen).

Die poetologische Schlussaussage ließe sich so formulieren: Dichtung wird bei Brentano zum Ort einer Buß- und Liebesarbeit, in der das Subjekt seine Wunden, seine Sehnsucht, seine Tränen in eine geordnete, rhythmische, kranzförmige Gestalt bringt, um sie einem Du „demütig zu Füßen“ zu legen. Der Text selbst ist dieser Kranz von Schmerzen – „erblüht in meinem Herzen, erbaut in bangem Sehnen, betaut von heißen Tränen“. Dass die Geliebte diesen Kranz nicht „von sich stößt“, sondern ihn an den Füßen duldet, bedeutet poetologisch: Die Sprache, die Dichtung, die sich so in den Dienst der Liebe stellt, wird nicht als leeres Pathos verworfen, sondern findet einen Ort, an dem sie ruhen darf. Der Schluss mit der „letzten Rose“, die „still entblättert ihr im Schoße“, markiert dabei zugleich eine Grenze der Sprache: Am Ende steht kein großes Resümee, keine explizite theologische oder philosophische Formel, sondern ein Bild, das in Stille mündet. Sprache begleitet den Schmerz bis an den Punkt, an dem sie schweigen muss; der Rest ist das leise Entblättern im Schoß.

So hält das Gedicht in seiner Schlussszene beides zusammen: Anthropologisch die Einsicht, dass Liebe den Menschen verwundet, beugt, in äußerste Spannungen treibt und ihn doch gerade dort, wo sie in Annahme und Hingabe mündet, trägt; poetologisch die Erfahrung, dass diese Spannungen nur in einer Sprache auszuhalten sind, die sich selbst als Kranz versteht – als wiederkehrende, formbewusste, zugleich extrem empfindliche Rede, die am Ende weiß, dass ihre höchste Wahrheit vielleicht im Augenblick liegt, in dem das letzte Bild schweigend in eine Geste übergeht: in eine Rose, die still im Schoß der Geliebten ihre Blätter verliert.

V. Editorische Angaben

Überlieferung und Entstehung: Das Gedicht „Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen“ geht auf ein früheres Lied Brentanos mit dem Anfangsvers „Einsam will ich untergehn“ zurück, das er im August 1817 in Berlin für Luise Hensel schrieb. In einer späten Umarbeitung widmete Brentano dasselbe Grundmotiv seiner „Altersliebe“ Emilie Linder und versah die erweiterte Fassung mit der programmatischen Überschrift des „Kettenliedes“ zur „letzten Stunde des Jahres 1834“; damit ist das Ende des Jahres 1834 als dichterischer und biographischer Rahmen ausdrücklich markiert.

Handschriftliche Überlieferung: In der Handschriftenüberlieferung lassen sich – entsprechend dieser doppelten Entstehungsgeschichte – mehrere autographe Zeugnisse nachweisen. Im Nachlass Clemens Brentanos im Freien Deutschen Hochstift (Frankfurt am Main) sind nach dem Katalog von Behrens u. a. zwei Entwürfe und zwei Reinschriften des Gedichts verzeichnet, datiert einmal auf den 25. August 1817 und einmal auf das Jahr 1834; insgesamt umspannen diese Materialien acht Seiten. Die jüngere, stark ausgebaute Fassung für Emilie Linder trägt die ausführliche Überschrift mit der Datierung auf die „letzte Stunde“ des Jahres und bildet die Grundlage der späteren Drucküberlieferung.

Erstdruck und weitere Ausgaben: Der Text wurde zu Lebzeiten Brentanos nicht veröffentlicht, sondern erst postum in den von Christian Brentano herausgegebenen Gesammelten Schriften (Sauerländer, Frankfurt am Main 1852 ff.) gedruckt; für das Kettenlied ist die Datierung „entstanden 1834, Erstdruck 1852“ in den einschlägigen Werk- und Onlineverzeichnissen belegt. Spätere Leseausgaben und Studienausgaben haben das Gedicht überwiegend aus dieser Tradition übernommen. Zeno.org und TextGrid führen das Gedicht im Rahmen von Clemens Brentano: Werke. Band 1, München [1963–1968], der eine moderne, auf den älteren Drucken und Handschriften beruhende Auswahl-Edition darstellt.

Historisch-kritische Edition: In der seit 1975 erscheinenden Frankfurter Brentano-Ausgabe (FBA, Sämtliche Werke und Briefe, hrsg. vom Freien Deutschen Hochstift) wird das Gedicht nach den autographen Zeugnissen philologisch neu konstituiert; die FBA berücksichtigt dabei sowohl die Hensel-Fassung von 1817 als auch die Münchner Umarbeitung für Emilie Linder und stützt sich u. a. auf Anmerkungen und Datierungseinträge Luise Hensels in den von Brentano verschenkten Gedichtbänden. Für eine detaillierte Dokumentation von Varianten, Datierungen und Kontexten sind daher die entsprechenden Bände der FBA heranzuziehen.

Textgrundlage dieser Ausgabe: Die vorliegende Analyse folgt dem Wortlaut der digital zugänglichen Fassung (Textopus/TextGrid), die ihrerseits auf der Münchener Werkausgabe Clemens Brentano: Werke. Band 1 beruht und die späte, auf Emilie Linder bezogene Version mit dem vollständigen Titel und insgesamt 23 Strophen (158 Versen) bietet. Orthographie und Interpunktion werden weitgehend nach dieser Edition beibehalten; lediglich die Vers- und Strophenzählung (1–158) ist als editorische Hilfe eingeführt. Der Eingangsvers „Keiner soll mein Ende wissen“ (V. 2) entspricht der in der modernen Druck- und Onlineüberlieferung vertretenen Linder-Fassung; die frühere Hensel-Version ist mit der Lesart „Leiden wissen“ überliefert, womit sich bereits im ersten Distichon die biographische Doppelgeschichte des Gedichts – zwischen Hensel- und Linder-Konstellation – textlich niederschlägt.

VI. Gedichttext

Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen

Einsam will ich untergehen 1
Keiner soll mein Ende wissen 2
Wird der Stern, den ich gesehen, 3
Von dem Himmel mir gerissen, 4
Will ich einsam untergehen 5
Wie ein Pilger in der Wüste. 6

Einsam will ich untergehen 7
Wie ein Pilger in der Wüste 8
Wenn der Stern den ich gesehen 9
Mich zum letzten Male grüßte 10
Will ich einsam untergehen 11
Wie ein Bettler auf der Heide. 12

Einsam will ich untergehen 13
Wie ein Bettler auf der Heide 14
Gibt der Stern den ich gesehen 15
Mir nicht ferner das Geleite 16
Will ich einsam untergehen 17
Wie der Tag im Abendgrauen. 18

Einsam will ich untergehen 19
Wie der Tag im Abendgrauen 20
Will der Stern, den ich gesehen 21
Nicht mehr zu mir niedertauen 22
Will ich einsam untergehen 23
Wie ein Sklave an der Kette. 24

Einsam will ich untergehen 25
Wie ein Sklave an der Kette 26
Blickt der Stern, den ich gesehen 27
Nicht mehr auf mein Dornenbette 28
Will ich einsam untergehen 29
Wie ein Schwanenlied im Tode. 30

Einsam will ich untergehen 31
Wie ein Schwanenlied im Tode 32
Ist der Stern den ich gesehen 33
Mir nicht mehr ein Friedensbote 34
Will ich einsam untergehen 35
Wie der Mond in wüsten Meeren. 36

Einsam will ich untergehen 37
Wie der Mond in wüsten Meeren 38
Wird der Stern, den ich gesehen 39
Jemals weg von mir sich kehren 40
Will ich einsam untergehen 41
Wie der Trost in stummen Schmerzen. 42

Einsam will ich untergehen 43
Wie der Trost in stummen Schmerzen 44
Sollt' den Stern, den ich gesehen 45
Jemals meine Schuld verscherzen 46
Will ich einsam untergehen 47
Wie mein Herz in deinem Herzen. 48

Einsam will ich untergehen 49
Wie mein Herz in deinem Herzen 50
Kehrt der Stern, den ich gesehen 51
Kalt sich ab von meinen Schmerzen 52
Will ich einsam untergehen 53
Wie mein Blick in deinen Blicken. 54

Einsam will ich untergehen 55
Wie mein Blick in deinen Blicken 56
Wird der Stern, den ich gesehen 57
Nicht mehr nickend mich entzünden 58
Will ich einsam untergehen 59
Wie die Blume deiner Lippen. 60

Einsam will ich untergehen 61
Wie die Blume deiner Lippen 62
Zeigt der Stern, den ich gesehen 63
Nicht den Weg mehr durch die Klippen 64
Will ich einsam untergehen 65
Wie mein Kuß an deinen Wangen. 66

Einsam will ich untergehen 67
Wie mein Kuß an deinen Wangen 68
Bricht der Stern, den ich gesehen 69
Nicht mein Herz mehr mit Verlangen 70
Will ich einsam untergehen 71
Wie die Träne dir im Busen. 72

Einsam will ich untergehen 73
Wie die Träne dir im Busen 74
Weckt der Stern, den ich gesehen 75
Mir nicht lächelnd mehr die Musen 76
Will ich einsam untergehen 77
Wie mein Dank zu deinen Füßen. 78

Einsam will ich untergehen 79
Wie mein Dank zu deinen Füßen 80
Wird der Stern, den ich gesehen 81
Nicht mehr mild mein Leid versüßen 82
Will ich einsam untergehen 83
Wie mein Licht in deiner Sonne. 84

Einsam will ich untergehen 85
Wie mein Licht in deiner Sonne 86
Bricht der Stern, den ich gesehen 87
Wie mein Blick in dir du Wonne 88
Will ich einsam untergehen 89
Wie dein Nam' in Todes Munde. 90

Einsam will ich untergehen 91
Wie dein Nam' in Todes Munde 92
Taut der Stern, den ich gesehen 93
Nicht mehr Lindrung meiner Wunde 94
Will ich einsam untergehen 95
Wie ein Kind stirbt, eh' geboren. 96

Einsam will ich untergehen 97
Wie ein Kind stirbt, eh' geboren 98
Geht der Stern, den ich gesehen 99
Geht dein Stern mir je verloren 100
Will ich einsam untergehen 101
Wie mein Herz vor dir Cäcilie. 102

Einsam will ich untergehen 103
Wie mein Herz vor die Cäcilie 104
Lacht der Stern, den ich gesehen 105
Mir nicht mehr auf dir du Lilie 106
Will ich einsam untergehen 107
Wie allein, allein, alleine. 108

Einsam will ich untergehen 109
Wie allein, allein, alleine 110
Blitzt der Stern, den ich gesehen 111
Nicht in Tränen die ich weine 112
Will ich einsam untergehen 113
Wie arm Lind fleht bitte, bitte. 114

Einsam muß ich heim nun gehen 115
Auf arm Lindis »bitte, bitte,« 116
O mein Stern, dein süßes Flehen, 117
Wenn du wüßtest, was ich bitte 118
Hätte mir noch zugesehen, 119
Bis mein Herz brach in der Mitte. 120

Einsam muß ich heim nun gehen 121
Und mein Herz brach in der Mitte, 122
Stern, du hast mich angesehen, 123
Hast gefesselt meine Schritte, 124
Mußt doch einsam untergehen 125
Wie dies Jahr zur zwölften Stunde. 126

Untergehen, auferstehen 127
Stern der Lieb' – jetzt schlägt die Stunde! 128
Stern willst du jetzt schlafen gehen? 129
Tauch' zu meines Herzens Grunde, 130
Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen, 131
Es ist dein und Wund' an Wunde. 132

Wund' an Wunde – o süß Liebchen! 133
Neue Wunde ist das Grübchen, 134
Das der Liebe Stern eindrücket, 135
Wenn entschlummernd süß er zücket, 136
Und verwundend Strahlen schießet 137
Auges Wimper, die sich schließet. 138
Ruh' fein still am kleinen Kissen – 139
Ach ich hab' dran weinen müssen! 140
Sei in Dornen, meine Lilie! 141
Wie ein Rosenzaun, Cäcilie, 142
Soll mein Lieben dich umschließen 143
Dirwärts nur die Rosen sprießen 144
Mirwärts nur die scharfen Dornen, 145
Die mich zum Verbluten spornen. 146
Duftet Rosen ihr der Süßen, 147
Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, 148
Einen dichten Kranz von Schmerzen 149
All erblüht in meinem Herzen, 150
All erbaut in bangem Sehnen 151
All betaut von heißen Tränen, 152
Ihr demütig lag zu Füßen, 153
Ach die ihn nicht von sich stießen, 154
Die ich durfte treu umschlingen 155
Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen, 156
Selig starb die letzte Rose 157
Still entblättert ihr im Schoße! 158