Autor: Clemens Brentano
Gedicht: »Ich wohnte unter vielen vielen Leuten«
Erstdruck: Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz. Eine Lebensbeschreibung in Briefen, Charlottenburg: Egbert Bauer 1844. (Gedicht entstanden 1803.)
Zyklus / Sammlung: Später aufgenommen in die Ausgewählten Gedichte (in: Clemens Brentano: Werke, Bd. 1, München: Hanser 1963 ff.).
Edition: Text nach Clemens Brentano: Werke. Band 1: Gedichte. Ausgewählte Gedichte, hrsg. von Wolfgang Frühwald, Bernhard Gajek und Friedhelm Kemp, München: Hanser 1963–1968 (Textgrundlage u. a. in Zeno.org / TextGrid).

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

1. In welcher äußeren Gestalt tritt das Gedicht auf: Wie viele Verse und Strophen liegen vor, und welcher Gedichttyp deutet sich an?

Das Gedicht ist streng strophisch gebaut: Es gliedert sich in 5 regelmäßige Strophen zu je 8 Versen, insgesamt also 40 Verse. Einen eigenständigen Titel trägt der Text nicht; er wird – typisch für Brentano – über seinen Anfangsvers „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ identifiziert. Die Strophen folgen jeweils demselben Reimschema ABABABCC: Auf drei Kreuzreimpaare folgt ein abschließendes Paarreim-Couplet. Dabei altern in den ersten sechs Versen weibliche und männliche Kadenzen (z. B. Leuten – stehn – Lebensfreuden – drehn – Scheiden – gesehn), während das abschließende Reimpaar jeweils doppelt weiblich ausläuft (z. B. Geschicke – zurücke).

Durch diese regelmäßigen, kunstvoll gefügten Stanzen ergibt sich der Eindruck eines liedhaft geformten, aber inhaltlich stark reflexiven Ich-Gedichts. Es wird nichts in einzelnen Handlungsschritten erzählt, sondern eine innere Bewegung, ein Zustand existentieller Unruhe, in fünf „Strophenbildern“ entfaltet. Form und Sprechhaltung deuten damit weniger auf eine Ballade als vielmehr auf ein geistlich-existentielles Klage- und Reflexionsgedicht im romantischen Ton, das die gehobene Strophenform der Stanze für eine intime, subjektive Selbstdiagnose nutzt.

2. Welches Versmaß dominiert, wie regelmäßig wird es durchgeführt, und an welchen Stellen bricht der Text das erwartbare metrische Schema sichtbar auf?

Im Ganzen dominiert ein fünfhebiger Jambus, der in den ungeraden Versen meist mit weiblicher, in den geraden Versen überwiegend mit männlicher Kadenz auftritt. Vers 2 etwa lässt sich relativ glatt als fünfhebiger Jambus lesen („Und SAH | sie AL | le TOT | und STIL | le STEHN“), ebenso viele andere Verse der mittleren Zonen der Strophen. Die metrische Grundordnung ist damit deutlich erkennbar und trägt zur feierlich-getragenen, leicht „stanzartigen“ Wirkung des Gedichts bei.

Gleichzeitig arbeitet Brentano immer wieder mit bewussten metrischen Dehnungen und Füllungen, die das Schema in Bewegung bringen, ohne es grundsätzlich zu zerstören. In Vers 1 („Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“) entstehen durch die Wiederholung von „vielen vielen“ zusätzliche Senkungen, die den Vers minimal überfüllen und das Empfinden des „unter vielen Leuten“ Ausgesetzt-Seins auch rhythmisch spürbar machen. Ähnlich verdichtet Vers 3 („Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden“) den jambischen Grundtakt durch mehrere aufeinanderfolgende betonte Silben in den Kernwörtern „sprachen – viel – hohen – Lebensfreuden“, so dass der Vers wie ein etwas beschleunigter Redeschwall wirkt. Besonders deutlich wird diese Tendenz in Vers 33 („Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten“): Die Häufung von mehrsilbigen Substantiven führt zu einer leichten metrischen Überladung, die die Überforderung des lyrischen Ich mit der Fülle der „Süßigkeiten“ der Welt formal nachvollzieht.

Solche Unregelmäßigkeiten bleiben jedoch kontrollierte Feinverschiebungen innerhalb eines insgesamt stabilen jambischen Grundschemas. Sie erzeugen keinen völligen Bruch, sondern verleihen dem Versfluss eine leicht unruhige, drängende Bewegung, die mit der inneren Getriebenheit und Rastlosigkeit des sprechenden Ich eng korrespondiert.

3. Welches Reimschema lässt sich erkennen, wie konsequent wird es durchgehalten, und gibt es auffällige Unreinheiten, Assonanzen oder Reimlosigkeit, die eine besondere Funktion nahelegen?

Das Gedicht arbeitet in allen fünf Strophen mit demselben, sehr sorgfältig durchgehaltenen Reimschema ABABABCC. In der ersten Strophe reimen sich etwa Leuten – Lebensfreuden – Scheiden (A) und stehn – drehn – gesehn (B), gefolgt vom Paarreim Geschicke – zurücke (C). Dieselbe Ordnung wiederholt sich in allen weiteren Strophen: jeweils drei A-Reime, drei B-Reime und zum Schluss ein eng gefügtes Reimpaar (z. B. eilen – teilen, Brausen – sausen, sprachen – verzagen, Wogen – hingezogen). Der Text zeigt darin eine fast liedhaft-strenge Architektonik, die nicht bloß skizziert, sondern konsequent durchgehalten wird.

Auffällig ist allerdings, dass Brentano bei einzelnen Reimgruppen bewusst mit Halbreimen und Assonanzen arbeitet. Besonders in der ersten Strophe sind die A-Reime Leuten – (Lebens-)freuden – Scheiden klanglich nicht vollkommen deckungsgleich, sondern nähern sich einander vor allem über die Vokalfolgen und die -eiden/-euten/-euden-Schreibweise an. Ähnliches gilt für die A-Reihe der dritten Strophe (öde – wehte – Flöte) und die A-Reihe der vierten Strophe (ergründen – finden – schwinden): die Wörter stehen deutlich in einem gemeinsamen Klangraum, ohne völlig „mechanisch“ identische Reimpaare zu bilden. Daneben treten sehr reine Reimgruppen, etwa die B-Reime sah – da – nah oder Hain – Schein – sein, sowie die inhaltlich stark pointierten Schlussreime der Coupletverse (Brausen – sausen, Wogen – hingezogen).

Diese Mischung aus strenger Reimarchitektur und leicht gelockerten, assonierenden Reimen passt gut zur inneren Bewegung des Gedichts. Die Form gibt Halt und Umriss, während einzelne Reimgruppen leicht „auseinanderdriften“ und damit das Thema der Unruhe, der Unschärfe und des nicht zu fassenden „wahren Punkts“ auch klanglich spiegeln. Vollständig reimlose Verse oder radikale Reimbrüche gibt es nicht; selbst die nur angenäherten Reime bleiben so nah am Klangzentrum, dass die geschlossene Strophenform nie in Frage gestellt wird. Unreinheiten dienen weniger als Regelbruch denn als Verfeinerung und Belebung eines ansonsten sehr regelmäßigen Klanggerüstes.

4. Wie verhalten sich Satzbau und Zeilenbau zueinander: Wo entstehen Enjambements, harte Zeilensprünge oder syntaktische Klüfte, und welche Wirkung haben sie auf Tempo und Lesebewegung?

Auf der syntaktischen Ebene zeigt das Gedicht eine deutliche Vorliebe für weite, periodische Sätze, die sich über mehrere Verse, oft über eine halbe oder ganze Strophe erstrecken. In der ersten Strophe etwa bilden die Verse 1–4 einen einzigen, verschachtelten Satz, in dem mehrere Teilsätze ineinander greifen („Ich wohnte … / Und sah … / Sie sprachen … / Und liebten …“). Die Verse 5–8 bilden wiederum eine zweite große Satzperiode. In der zweiten Strophe spannt sich sogar ein einziger langer Satz von Vers 9 bis Vers 16, aneinandergereiht durch „Und manchem …“ – „Der …“ – „Hab’ …“ – „Denn …“ – „Und hab’ …“ – „War …“ – „Doch …“. Auch in den späteren Strophen kehrt dieser Zug zu ausgreifenden, mehrgliedrigen Satzgefügen wieder.

Dem gegenüber steht ein relativ klarer Versbau, der die Sätze zwar stützt, aber nicht deckungsgleich mit ihnen verläuft. Häufig endet der Vers nicht mit einem syntaktischen Abschluss, sondern mitten im Satz, so dass der Leser in den nächsten Vers „hinausgezogen“ wird. Schon in den Anfangsversen finden sich solche Enjambements: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten / Und sah sie alle tot und stille stehn“, „Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden / Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn“. Die syntaktische Einheit überschreitet jeweils die Zeilengrenze und erzeugt eine gleitende, fast atemlose Bewegung.

Daneben gibt es einige kräftigere Zeilensprünge, die zentrale Bilder oder Wendepunkte hervorheben. Im ersten Schlusscouplet trennt der Zeilenumbruch das Subjekt vom Verb: „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort, sehnt’ ich mich gleich zurücke.“ Hier hängt „flüchtiges Geschicke“ auf der Versgrenze und „springt“ dann mit dem Verb „Trieb“ in den nächsten Vers – der Bruch verstärkt die Erfahrung des Getriebenwerdens. Ähnlich eindrucksvoll ist der Schluss der letzten Strophe: „Von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen.“ Die Zeilengrenze läuft mitten durch die Vorstellung des Hinweggerissenwerdens; das Bild des Fortgezogenwerdens setzt sich erst im folgenden Vers vollständig fort und verlängert so die Bewegung in die „weite weite Ferne“ hinein.

Insgesamt führt dies zu einem wechselnden Lesetempo: Wo Satzbau und Versbau annähernd zusammenfallen (etwa in der Aufzählung der verödeten Landschaft: „Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind …“), wird der Rhythmus eher ruhig, fast aufzählend, und die Stille der Welt tritt hervor. Wo hingegen lange Satzperioden über mehrere Zeilen getrieben werden und Enjambements den Leser über die Versgrenze „stolpern“ lassen, verdichtet sich der Eindruck der inneren Unruhe und des unaufhörlichen Weitergetriebenwerdens. Satz- und Zeilenbau arbeiten also nicht nur formal zusammen, sondern tragen spürbar zur existentiellen Grundbewegung des Gedichts bei.

5. Welche wiederkehrenden formalen Muster strukturieren das Gedicht, und wie tragen sie zur thematischen Kohärenz bei?

Zunächst gibt die stabile Strophenarchitektur ein durchgehendes Raster vor: fünfmal dieselbe achthebige Stanze mit identischem Reimschema (ABABABCC), dazu der gleichbleibende jambische Grundtakt. Jede Strophe folgt dabei einer ähnlichen inneren Bewegungsform: In den ersten Versen werden Situation oder Wahrnehmungsraum eröffnet (Menschenmenge, Begegnungen, Landschaft, Innerlichkeit, „Süßigkeiten“ der Welt), in den mittleren Versen wird diese Ausgangslage variiert und zugespitzt, und im abschließenden Couplet (Verse 7–8 jeder Strophe) zieht das Gedicht jeweils eine prägnante, oft existentiell zugespitzte Bilanz („Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort…“, „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“, „Des eignen Fluges kühne Flügel sausen“ usw.). Das stetig wiederkehrende Muster „Entfaltung – Zuspitzung – pointierendes Schlusscouplet“ macht den inneren Zustand der Figur nicht als einmaligen Einbruch, sondern als dauerhaftes, sich wiederholendes Schicksal erfahrbar.

Hinzu kommen eine Reihe wiederkehrender syntaktischer und klanglicher Muster, die die Strophen enger miteinander verbinden. Besonders auffällig ist die Anapher des einleitenden „Und“ in den ersten Strophen („Und sah …“ – „Und liebten …“ – „Und manchem …“ – „Und hab’ …“ – „Und hab’ …“): Sie erzeugt eine fließende, nicht abreißende Aufeinanderfolge von Eindrücken, als würde das Ich in einem Strom von Begegnungen und Wahrnehmungen weitergetrieben. Ein ähnliches Prinzip findet sich in der dritten Strophe mit den negierenden Wiederholungen von „Kein“ und „Keines“ („Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind … / Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte“): Die formale Reihung von Verneinungen stützt das Motiv der Verödung, der inneren und äußeren Erstarrung.

Ein drittes wiederkehrendes Muster sind intensivierende Wiederholungen und Steigerungsformen, die häufig an strophisch exponierten Stellen auftauchen: „vielen vielen Leuten“, „ewig ewig trieb mich’s“, „weite weite Ferne“. Solche Doppelungen geben dem Ausdruck einen leicht beschwörenden, fast mantrischen Charakter und machen die Erfahrung des Ich als Übermaß und Unfassbarkeit fühlbar. Zusammen mit der formalen Konstanz der Stanzen entsteht so eine starke thematische Kohärenz: Die immer gleiche formale Hülle hält eine sich qualitativ ähnelnde, aber jeweils anders akzentuierte Grundbewegung – Unruhe, Entzug, Nicht-Ankunft – in fünf Variationen zusammen.

6. In welchem Verhältnis stehen Form und Gattung: Bestätigt die äußere Gestalt ein gattungstypisches Erwartungsschema oder wird dieses bewusst unterlaufen?

Die äußere Gestalt – regelmäßige Stanzen mit strengem Reimschema, weitgehend gleichmäßigem Versmaß und hoher klanglicher Geschlossenheit – knüpft zunächst deutlich an die Erwartungen eines kunstvoll gearbeiteten Lied- oder Reflexionsgedichts der Romantik an. Die Form verheißt Ordnung, Maß und eine Art „klassischer“ Ruhe: Die Stanze ist traditionell sowohl in epischen als auch in reflektierenden Kontexten beheimatet und wird bei romantischen Autoren gerne genutzt, um subjektive Erfahrung in eine kunstvolle, liedhafte Fassung zu bringen. In diesem Sinn bestätigt die äußere Gestalt zunächst das Schema eines gehobenen, ernst gestimmten Ich-Gedichts, das nicht primär Handlung erzählt (wie eine Ballade), sondern Bewusstsein und Empfindung entfaltet.

Gerade inhaltlich aber arbeitet Brentano gegen eine allzu glatte Einlösung dieses Erwartungsschemas: Die elegante, geschlossene Form wird mit einem innerlich zerrissenen, ruhelosen, gelegentlich fast verzweifelt getönten Inhalt gefüllt. An die Stelle eines harmonischen „Lieds“ tritt eine Klage über Entfremdung, Heimatlosigkeit und das Nicht-Finden eines „wahren Punkts“. Die durchgehaltene Form wirkt so fast wie ein Gegenbild zur inneren Unruhe: Sie gibt dem, was im Inneren keinen Halt findet, nach außen eine strenge Ordnung – und macht dadurch den Kontrast zwischen „schöner Form“ und „ungeordneter Seele“ erst richtig sichtbar.

In diesem Sinne lässt sich sagen: Die Gestalt bestätigt zwar die Gattungserwartung eines romantischen, geistlich-existentiellen Reflexionsgedichts, unterläuft sie aber zugleich innerlich. Statt die Form zum Ausdruck einer gefundenen Harmonie werden zu lassen, nutzt Brentano sie als Rahmen für das Gegenteil: für ein tastendes, verzweifeltes Sprechen über Unruhe, Schuld, Überforderung und Gnadenferne. Die Stanze wird zur paradoxerweise stabilen Form des Unstabilen, und gerade diese Spannung zwischen formaler Geschlossenheit und inhaltlicher Unbehaustheit prägt den besonderen Ton des Gedichts.

2. Sprechsituation

1. Wer spricht im Gedicht: Lässt sich eine bestimmte Sprecherfigur, ein lyrisches Ich oder eine Rollenstimme erkennen, und wie stark wird diese Stimme individualisiert?

Das Gedicht wird durchgehend von einem deutlich markierten lyrischen Ich getragen. Schon der erste Vers setzt diese Perspektive unmissverständlich ein: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ (V. 1). In allen fünf Strophen bleibt dieses Ich der feste Bezugspunkt: Es „sah“ (V. 2, V. 33), „hörte“ (V. 23), „drückte“ Hände (V. 9), „pflückte“ Kränze (V. 11), „schmückte“ die Unschuld (V. 13), „zählte“ die Flügelschläge (V. 38) und richtet den Blick mit „Allgewalt“ in sein eigenes Herz (V. 25 f.). Diese Vielzahl an konkret formulierten Wahrnehmungs- und Handlungsverben verleiht der Stimme eine große Präsenz: Das Gedicht wirkt wie ein rückblickender Lebensbericht, eine innere Selbstschau in dichter, bilanzierender Form.

Gleichzeitig bleibt das Ich in einem gewissen Sinn typisiert: Wir erfahren nichts von Namen, biographischen Stationen oder äußerlich verortbaren Umständen. Die Figur könnte ein Mensch aus „dieser“ Welt sein, ein ruheloser Wanderer, aber ebenso lässt die Bildsprache (Flug, Fittich, Flügel, Wogen) eine übersteigert-symbolische, fast engelhafte oder vogelhafte Gestalt mitgedacht sein. Charakteristisch ist nicht eine individuelle Geschichte im engeren Sinn, sondern ein bestimmter existentieller Grundzustand: beständige Unruhe, Rastlosigkeit, Nicht-Ankunft. Dass das Ich die anderen nur je „einmal“ sieht (V. 6), immer gleich wieder weitergetrieben wird (V. 7 f., V. 15 f.) und zuletzt „in weite weite Ferne hingezogen“ wird (V. 40), macht diese Stimme zu einer Verdichtung der romantischen Erfahrung radikaler Vereinzelung. Sie ist stark präsent und psychologisch konturiert, bleibt aber zugleich offen genug, dass sich in ihr eine allgemein-menschliche, geistlich-existentiell deutbare Gestalt bündeln kann.

2. An wen richtet sich der Text?

Explizit tritt im Gedicht kein direkt angesprochenes Gegenüber auf: Es gibt kein „Du“, keinen Anruf an Gott, keine namentlich genannte Person, an die sich die Rede wenden würde. Die Sprechhaltung ist zunächst monologisch; das Ich erzählt – in der Rückschau und im Präteritum – von seinen Erfahrungen mit anderen Menschen, mit der Landschaft, mit der Innenwelt des eigenen Herzens und mit dem undurchsichtigen „ewigen Geschick“. Dadurch entsteht der Eindruck eines inneren Bekenntnisses, das sich zwar sprachlich nach außen richtet, aber keinen benannten Zuhörer im Textraum hat.

Gleichwohl ist ein impliziter Adressatenraum erkennbar. Zum einen ist das Gedicht deutlich so gebaut, dass sich ein lesendes oder hörendes Gegenüber angesprochen fühlen kann: Das Ich legt seine Geschichte dar, als ob es einem stillen Zuhörer Rede stünde; Tonfall und Bildgestaltung erinnern an eine verdichtete Lebensbeichte oder einen seelischen Bericht. Zum anderen öffnen die Verse 31 f. einen zweiten Horizont: „Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen: / ‚Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.‘“ Hier erscheinen Stimmen, die nicht dem Ich selbst zugehören und auch keinem sichtbaren irdischen Publikum, sondern wie ein äußerer, fast überirdischer Kommentar klingen. In einer geistlich-romantischen Lesart lässt sich deshalb denken, dass das Gedicht „vor Gott“ gesprochen ist – als Klage oder Selbstdiagnose –, ohne dass Gott selbst ausdrücklich angerufen wird; zugleich kann man den Text als an das eigene Innere gerichtet verstehen, als Versuch, das unruhige Herz durch Sprache zu fassen.

In der Beschreibungsebene lässt sich daher festhalten: Der Text ist primär ein monologisches Ich-Gedicht ohne ausdrücklich markiertes Du. Er schafft einen Raum, in dem sich der Leser als mündlicher oder stiller Adressat verstehen kann, während im Hintergrund eine unausgesprochene, möglicherweise transzendente Instanz mitspricht, vor der diese existentiell gefärbte Selbstrede sich vollzieht.

3. In welcher Sprechhaltung äußert sich die Stimme?

Die Stimme des Gedichts spricht in einer überwiegend ruhig-bilanzierenden, zugleich deutlich klagenden Sprechhaltung. Das zeigt sich bereits an der konsequenten Verwendung der Vergangenheitsform: Fast alle Verben stehen im Präteritum („Ich wohnte“, V. 1; „Und sah“, V. 2; „Hab’ … gedrücket“, V. 9; „Senkt’ ich ins Herz“, V. 26; „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“, V. 37). Das lyrische Ich berichtet also rückblickend von einem schon vollzogenen Lebens- oder Erfahrungsweg und ordnet diesen im Nachhinein sprachlich. Die Haltung ist nicht eruptiv oder schreiend, sondern von Anfang an auf Zusammenfassung und inneren Befund gerichtet: Das „Ich wohnte“ setzt ein wie die Eröffnung eines Lebensberichts.

Gleichzeitig ist die Sprache von einer leise verzweifelten, melancholischen Grundstimmung durchzogen. Wiederholungen wie „vielen vielen Leuten“ (V. 1), „ewig ewig trieb mich’s“ (V. 15) oder „weite weite Ferne“ (V. 40) verleihen der Rede etwas Beschwörendes. Der Sprecher klagt nicht in Form direkter Ausrufe oder Gottesrufe, sondern legt die eigene Haltlosigkeit in einer kontrollierten, kunstvoll gefügten Sprache dar. So entsteht eine Sprechhaltung, die zwischen nüchterner Selbstbeobachtung und schmerzlich gesteigerter Innerlichkeit vermittelt: Das Ich benennt seine Unruhe, seine Vereinsamung und sein Scheitern am „wahren Punkt“ (V. 37), ohne in äußerlich pathetische Gesten auszubrechen.

Auffällig ist schließlich, dass in den Versen 31–32 fremde Stimmen zitiert werden („Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen: / ‚Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.‘“). Das lyrische Ich bleibt auch hier in einer modulierenden Erzählerhaltung: Es berichtet, was andere – oder eine unbestimmbare, nahezu überirdische Kommentarsphäre – über sein Herz sagen. Die eigene Sprechhaltung schwankt so zwischen Selbstbericht, stiller Klage und einer schon fast diagnostischen Selbstauskunft, die das eigene Erleben von außen mitbetrachtet.

4. Welche zeitliche und räumliche Situation wird implizit oder explizit gesetzt?

Zeitlich ist das Gedicht klar in eine rückblickende Perspektive eingebettet. Die konsequente Präteritalform („Ich wohnte“, „ich sah“, „ich hörte“, „mußt’ ich hinweg … gleiten“, V. 35) lässt erkennen, dass das Sprechen von einem späteren, nicht näher bestimmten Jetzt aus geschieht, in dem das Ich seine frühere Erfahrung bilanzierend überblickt. Innerhalb der erinnerten Zeit selbst wird keine konkrete historische oder biographische Datierung gegeben; stattdessen tritt eine existentiell-dehnende Zeitstruktur in den Vordergrund: Ausdrücke wie „schon ein ewig Scheiden“ (V. 5) und „ewig ewig trieb mich’s“ (V. 15) verschieben das Erlebte in einen quasi zeitenthobenen Zustand ständiger Unruhe. Dazu tritt der Blick in das „ewige Geschick“ der Sterne (V. 30), der die Gegenwartserfahrung in einen großen, metaphysischen Zeithorizont einzeichnet.

Räumlich wechselt das Gedicht zwischen einer zunächst weltlich-gesellschaftlichen Umgebung, der Erfahrung der Natur und einem zunehmend dominanten inneren Raum. Der Ausgangspunkt ist das Leben „unter vielen vielen Leuten“ (V. 1), also in einer anonymen Menschenmenge oder Gesellschaft, ohne genaue Ortsbestimmung. In der zweiten Strophe treten konkrete Begegnungssituationen auf („manchem habe ich die Hand gedrücket“, V. 9), doch schon hier bleibt die räumliche Szenerie unscharf, mehr atmosphärisch als topographisch. Die dritte Strophe verlegt den Fokus in eine landschaftliche Umgebung: eine „wild und öde“ Landschaft (V. 17) ohne Morgenrot, ohne Abendschein, ohne Wind, ohne Hirtenflöte (V. 17–22). Hain, Tal und Strom werden benannt, aber so, dass sie zugleich als äußere Schauplätze und als Spiegel eines inneren Zustands gelesen werden können.

In der vierten Strophe verschiebt sich der Schwerpunkt weiter nach innen: Das Ich versucht „in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ (V. 25) und senkt den Blick „ins Herz“ (V. 26). Die „Außenwelt“ (V. 28) erscheint nun ausdrücklich als Gegenraum zu diesem inneren Abstieg. Am Ende der fünften Strophe weitet sich der Raum schließlich zu einer kosmisch offenen, kaum mehr konkret faßbaren Sphäre: Das Ich muss „mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35), wird „hinabgedrückt von unerkannter Qual“ (V. 36) und von „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“ (V. 39–40). Räumlich ergibt sich damit eine Bewegung von der unbestimmten Menschenmenge über eine trostlos-innerlich gefärbte Landschaft und den Raum des eigenen Herzens hin zu einer unüberschaubaren Ferne, in der das Ich gleichsam der Welt enthoben wird. Die zeitliche und räumliche Situation sind so gestaltet, dass sie weniger konkrete Koordinaten liefern als vielmehr eine metaphorische Topographie der Unruhe und Entfremdung entwerfen.

5. Aus welcher Perspektive wird gesprochen, und wie verschiebt sich diese Perspektive eventuell im Verlauf?

Das Gedicht ist konsequent aus einer Ich-Perspektive gestaltet. Alle Wahrnehmungen, Handlungen und Urteile sind an den Blickpunkt dieses Ich gebunden. Zu Beginn steht es noch eher in einer beobachtenden Position gegenüber der Welt: Es berichtet davon, dass es „unter vielen vielen Leuten“ wohnte (V. 1) und diese „tot und stille stehn“ sah (V. 2). Die Perspektive ist hier auf die Umgebung gerichtet; die anderen Menschen erscheinen als Gegenstand des Blicks, der ihre Rede von „hohen Lebensfreuden“ und ihre Enge „im kleinsten Kreis“ registriert (V. 3–4). In dieser Anfangsphase dominiert also eine Außenperspektive, die von der Position des Ich ausgeht, aber primär das „Draußen“, die Menge der anderen, erfasst.

Im weiteren Verlauf verschiebt sich diese Perspektive merklich nach innen. Schon in der zweiten Strophe mischt sich zur Beobachtung der anderen („manchem habe ich die Hand gedrücket“, V. 9) stärker die Selbstwahrnehmung des Tätigseins und Scheiterns, was im Schluss des zweiten Strophenblocks kulminiert: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“ (V. 16). Spätestens mit Vers 25 f. („Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, / Senkt’ ich ins Herz mit Allgewalt den Blick“) vollzieht sich eine deutliche Perspektivwende: Der Blick des Ich richtet sich nun nicht mehr vorwiegend auf die äußere Welt, sondern ausdrücklich auf die eigene Innerlichkeit. Es entsteht eine Art Doppelperspektive, in der das Ich zugleich wie ein Untersuchender und wie der Untersuchte erscheint: Es „senkt den Blick“ in das eigene Herz und beobachtet, dass dieses keine Ruhe findet und „trübe in die Außenwelt zurückkehrt“ (V. 27–28).

Gegen Ende kommt eine weitere Wendung hinzu: Das Ich betrachtet nicht nur sich und die Erde, sondern bezieht auch den Himmel bzw. das „ewige Geschick“ in den Blick, indem es „in den Sternen ewiges Geschick“ liest (V. 30). Damit erweitert sich die Perspektive von der bloß innerweltlichen Außen- und Innenansicht zu einem kosmisch übergreifenden Horizont. Gleichzeitig erscheinen in Vers 31 f. „kalte Stimmen“, die über das Herz sprechen – sie kommentieren die inneren Vorgänge aus einer nicht genauer lokalisierten Außenperspektive. Das Gedicht führt so im Verlauf von einer zunächst beobachtend-weltlichen Ich-Perspektive über eine introspektive, selbstbefragende Perspektive hin zu einer weiten, teilweise von außen kommentierten Sicht, in der das Ich sich selbst, die Welt und ein übergeordnetes Geschick zugleich im Blick hat.

6. Wie ist das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber charakterisiert?

Da im Gedicht kein ausdrücklich angesprochenes „Du“ vorkommt, zeigt sich das Verhältnis zwischen Sprecher und Gegenüber zunächst als grundsätzlich einseitig. Das Ich richtet seine Rede nicht direkt an eine benannte Person oder Instanz, sondern berichtet und bilanziert. Die „vielen vielen Leute“ (V. 1), unter denen der Sprecher wohnt, erscheinen als stumme Kulisse oder als beobachtete Masse: Sie „sprachen viel von hohen Lebensfreuden“ (V. 3) und „liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn“ (V. 4), nehmen aber den Sprecher nicht als gleichberechtigten Gesprächspartner auf. Wenn es heißt, dass er manchem die Hand gedrückt hat (V. 9), ist die Berührung zwar angedeutet, bleibt aber flüchtig und ohne nachhaltige Beziehung; schon Vers 5–8 markieren diese Begegnungen als einmalige, nicht erneuerte Kontakte („jeden hab’ ich einmal nur gesehn“, V. 6).

Ein ähnliches Gefälle zeigt sich im Verhältnis zu den weiteren „Gegenübern“ des Textes: Die Natur bleibt ohne Antwort, sie ist „wild und öde“ (V. 17), es fehlen Morgenrot, Abendschein und Hirtenflöte (V. 17–22). Das Ich hört zwar das eigene Fliegen im Brausen des Stromes, aber kein lebendiges Echo aus der Umgebung (V. 23–24). Die „kalten Stimmen“ in Vers 31–32 stellen zwar eine Art Gegenstimme dar, doch auch sie sprechen übereinstimmend über das Herz, nicht mit ihm; der Sprecher zitiert sie, ohne in einen Dialog mit ihnen zu treten. So bleibt das Verhältnis überall asymmetrisch: Der Sprecher nimmt wahr, deutet, erleidet, aber die Welt, die Menschenmenge, die Natur und auch die namenlosen Stimmen antworten nicht im Sinne einer wirklichen dialogischen Beziehung.

Für das implizite Gegenüber – den Leser oder Hörer – bedeutet dies, dass das Gedicht wie eine vertrauliche Selbstoffenbarung ohne Rückfrage wirkt. Der Leser wird nicht direkt angesprochen, aber in die Rolle eines stillen Zeugen gestellt, der der inneren Bilanz des Ich beiwohnt. Auf einer tieferen Ebene lässt sich, ohne dass der Text dies ausdrücklich markiert, auch ein nicht benanntes höheres Gegenüber mitdenken: Das Ich berichtet von „ewigem Geschick“ (V. 30) und von einer Unruhe, die in religiös-romantischer Perspektive an Gott oder eine transzendente Instanz gebunden sein könnte. Im Bereich der Beschreibung bleibt jedoch festzuhalten, dass das Verhältnis zwischen Sprecher und allen im Text auftretenden Gegenübern durch Distanz, Einseitigkeit und fehlende Erwiderung geprägt ist: Der Sprecher sieht, hört, tastet nach Verbindung – die anderen bleiben starr, stumm oder nur als kommentierende Stimmen im Hintergrund präsent.

3. Aufbau und innere Bewegung

1. Welche Ausgangssituation wird am Anfang des Gedichts gesetzt, und in welchem Zustand findet sich das Sprecher-Ich zu Beginn?

Zu Beginn des Gedichts wird eine Ausgangssituation skizziert, in der das Ich äußerlich mitten unter Menschen, innerlich jedoch bereits von ihnen getrennt lebt. Vers 1–2 formulieren das knapp und prägnant: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten / Und sah sie alle tot und stille stehn“. Das Ich ist also keineswegs isoliert im räumlichen Sinn, sondern „wohnt“ unter einer Vielzahl von Menschen; der Blick, den es auf diese richtet, ist jedoch von Anfang an von Fremdheit und Distanz geprägt: Die anderen erscheinen ihm „tot und stille“, gleichsam innerlich erstarrt, obwohl sie „viel von hohen Lebensfreuden“ sprechen (V. 3). Diese Spannung zwischen äußerem Gerede von „Freuden“ und innerer Leblosigkeit der Menge gehört zur Grundkonstellation der Eröffnung.

Gleichzeitig wird der Zustand des Sprecher-Ich als ein radikal unruhiger beschrieben. Während die anderen „liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn“ (V. 4), also in einem engen, selbstgenügsamen Kreislauf verbleiben, ist das Kommen des Ich „schon ein ewig Scheiden“ (V. 5). Es erlebt seine Anwesenheit bei den Menschen als von vornherein von Abschied durchdrungen; jede Begegnung bleibt einmalig und endgültig vorbei: „Und jeden hab’ ich einmal nur gesehn“ (V. 6). Diese Sätze zeichnen ein Ich, das beständig weitergetrieben wird: „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort, sehnt’ ich mich gleich zurücke“ (V. 7–8). Am Anfang steht also ein Sprecher, der sich in einer grundlegenden Spannung zwischen Nähe und Unbehaustheit befindet: körperlich inmitten anderer, innerlich von ihnen getrennt; von einem „flüchtigen Geschick“ getrieben, das jede Möglichkeit des Bleibens unterläuft, und zugleich von Rücksehnsucht gezeichnet. Der Ausgangspunkt ist somit kein idyllischer Zustand, sondern eine bereits stark gestörte Zugehörigkeit zur Menschenwelt, die von Rastlosigkeit und Entfremdung bestimmt ist.

2. Welche größeren Sinnabschnitte lassen sich im Verlauf erkennen, und nach welchen inhaltlichen oder formalen Kriterien lassen sie sich voneinander abgrenzen?

Auf der ersten, offensichtlichen Ebene gliedert sich das Gedicht in die fünf gleichgebauten Strophen zu je acht Versen. Jede dieser Stanzen entfaltet einen in sich geschlossenen Sinnabschnitt mit eigener Motivschwerpunktsetzung und einem pointierten Schlusscouplet. Inhaltlich und motivisch lassen sich diese fünf Strophen zugleich zu größeren Bewegungsschritten im Verlauf des Gedichts bündeln:

Erster Sinnabschnitt (Strophe 1–2, V. 1–16): Leben unter Menschen und rastloses Weitergetriebenwerden.

Die erste Strophe (V. 1–8) beschreibt die Existenz „unter vielen vielen Leuten“, in der das Ich die anderen als „tot und stille“ erlebt und bereits im „Kommen“ das „ewig Scheiden“ mitdenkt. Die zweite Strophe (V. 9–16) variiert dieses Grundmotiv, indem sie Einzelbegegnungen und Tätigkeiten des Ich schildert: Es drückt manchem die Hand (V. 9), pflückt „in mir selbst die Kränze all“ (V. 11) und schmückt die „Unschuld“ (V. 13), bleibt aber zugleich von der „Freude“ am Werk ausgeschlossen (V. 16). Formales Bindeglied ist die durchgehende Perspektive des Ich im sozialen Kontext, inhaltlich tritt die Erfahrung von flüchtiger Berührung und dauerhaftem Nicht-Bleiben im Vordergrund. So markieren die ersten beiden Strophen einen Block, in dem das Verhältnis des Ich zu den Menschen und zur eigenen Tätigkeit ausgelotet wird.

Zweiter Sinnabschnitt (Strophe 3, V. 17–24): Verödete Außenwelt und Resonanzlosigkeit der Natur.

Mit der dritten Strophe vollzieht das Gedicht einen deutlichen Schauplatzwechsel: Nun steht nicht mehr die Menschenmenge, sondern die Landschaft im Zentrum. Die Umgebung ist „wild und öde“ (V. 17), es fehlen Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte (V. 17–22). Die Welt scheint „in sich erstarrt“ (V. 22). Diese Strophe bildet einen eigenen Sinnabschnitt, weil hier erstmals die Natur als eigentlicher Bezugspunkt der Wahrnehmung erscheint – und sie ist ebenso leblos und stumm, wie zuvor die Menschen tot und stille wirkten. Formal ist dieser Block durch die Häufung von Negationen („kein…“, „keines…“) zusammengehalten; inhaltlich verschiebt sich die Entfremdung des Ich von der sozialen Sphäre in die kosmisch-landschaftliche Außenwelt. Der Schlussvers der Strophe („Des eignen Fluges kühne Flügel sausen“, V. 24) bereitet zugleich bereits den Übergang zur stärker innerlich-symbolischen Ebene vor.

Dritter Sinnabschnitt (Strophe 4, V. 25–32): Innenschau, Blick ins Herz und Konfrontation mit „ewigem Geschick“.

Die vierte Strophe markiert eine deutliche Perspektivwende nach innen. Das Ich versucht „nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ (V. 25) und senkt den Blick „ins Herz“ (V. 26). Die Außenwelt erscheint nun ausdrücklich als Gegenraum („Kehrt’ trübe in die Außenwelt zurück“, V. 28), und über beides hinaus tritt der Blick in das „ewige Geschick“ der Sterne (V. 30). Den Abschluss bilden die „ganz kalten Stimmen“, die über das Herz sprechen (V. 31–32). Inhaltlich bildet diese Strophe daher einen geschlossenen Block der Innerlichkeits- und Schicksalsreflexion; formal hebt sie sich durch die dichte Reihung von Innerlichkeitsvokabeln („Herz“, „Tiefe“, „Ruhe“) und den Einschub des wörtlichen Zitats am Ende ab.

Vierter Sinnabschnitt (Strophe 5, V. 33–40): Zuspitzung im Blick auf die Welt „großer Süßigkeiten“ und endgültiges Fortgerissenwerden.

Die fünfte Strophe gestaltet eine finale Zuspitzung: Das Ich konstatiert, es habe die „großen Süßigkeiten“ der Welt nicht gesehen (V. 33), müsse „vom Überfluß der Welt“ hinweg „mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 34–35) und sei von „unerkannt[er] Qual“ (V. 36) hinabgedrückt. Es gelingt ihm nicht, den „wahren Punkt“ zu erbeuten (V. 37), statt dessen zählt es „stumm der Flügelschläge Zahl“ (V. 38) und wird von „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“ (V. 39–40). Diese Schlusstrophe bildet einen eigenen Sinnabschnitt, da hier die bisher vorbereiteten Motive (Flug, Unruhe, Übermaß) verdichtet und in ein endgültiges Bild des Fortgerissenwerdens geführt werden. Die Bewegung der inneren Bilanz geht in ein Bild des nicht mehr kontrollierbaren, übermächtigen Weggezogenseins über.

Insgesamt lässt sich der Aufbau damit zweifach beschreiben: Zum einen als Abfolge von fünf formal gleichartigen, jeweils thematisch fokussierten Strophen; zum anderen als größere innere Bewegung, die von der sozialen Entfremdung (Strophe 1–2) über die kosmische Verödung der Außenwelt (Strophe 3) und die reflexive Innenschau (Strophe 4) hin zur zusammenfassenden Endfigur des Fortgerissenwerdens (Strophe 5) führt. Inhaltliche Schwerpunkte, Leitmotive (Leute – Landschaft – Herz – Wogen/Flug) und formale Mittel (Negationsreihen, Zitat, Schlusscouplets) bilden die Kriterien, die diese größeren Sinnabschnitte erkennbar voneinander absetzen und zugleich zu einer durchgehenden Bewegung verbinden.

3. Wo liegen deutliche Wendepunkte, Umschläge oder Kulminationen?

Innerhalb der insgesamt sehr gleichmäßig gebauten Strophen fallen mehrere Stellen als deutliche Wendepunkte oder Kulminationen ins Auge. Ein erster, eher leiser Umschlag liegt bereits innerhalb der ersten Strophe: Die Verse 1–4 schildern zunächst die Menschenmenge und ihr Reden von „hohen Lebensfreuden“, doch mit Vers 5–6 verschiebt sich die Perspektive auf das Ich selbst: „So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden / Und jeden hab’ ich einmal nur gesehn“. Hier kippt die Beobachtung der anderen in eine Selbstdiagnose, die das Leben des Ich von Anfang an als von Abschied und Vereinzelung gezeichnet markiert. Das anschließende Couplet Vers 7–8 mit dem „flüchtigen Geschicke“, das das Ich „wild“ forttreibt, bildet die erste kleine Kulmination der Rastlosigkeit.

Ein deutlicherer Wendepunkt zeigt sich zwischen der zweiten und der dritten Strophe. Die ersten beiden Strophen kreisen um Begegnungen mit Menschen und um das Verhältnis des Ich zu seinem „Werk“, also zu dem, was es tut und gestaltet. Mit Vers 17 „Rund um mich war die Landschaft wild und öde“ wechselt der Text schlagartig auf die Ebene der äußeren Natur. Die Menschen verschwinden aus dem Blickfeld; an ihre Stelle tritt eine Landschaft, die durch eine Kette von Verneinungen („Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind … / kein[es] Hirten Flöte“) als völlig resonanzlos und erstarrt beschrieben wird. Dieser Szenenwechsel markiert einen Umschlag im Erfahrungsraum: Die Entfremdung ist nun nicht mehr bloß sozial, sondern umfasst auch die Welt der Dinge und der Natur.

Ein weiterer, sehr markanter Wendepunkt liegt am Beginn der vierten Strophe mit den Versen 25–26: „Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, / Senkt’ ich ins Herz mit Allgewalt den Blick“. Hier schließt sich die Bewegung nach außen ab und kehrt explizit nach innen. Die zuvor beschriebene Menschenwelt und die verödete Landschaft bleiben zwar als Horizont präsent, doch die Aufmerksamkeit des Gedichts richtet sich nun vor allem auf den inneren Raum, auf „Herz“ und „Tiefe“. Dieser Binnenumschlag von der Außen- zur Innensicht bildet den wichtigsten strukturellen Drehpunkt der inneren Bewegung.

Innerhalb dieser vierten Strophe kommt es dann zu einer kleinen kulminativen Verdichtung, als nach dem Blick ins Herz (V. 25–27) und dem trüben Rückfall in die Außenwelt (V. 28) der Blick in die Sterne tritt: „Las in den Sternen ewiges Geschick“ (V. 30). Hier berührt das Gedicht kurz den äußersten Horizont von Schicksal und Ewigkeit. Unmittelbar daran knüpfen die Verse 31–32 an, in denen „ganz kalte Stimmen“ das innere Geschehen kommentieren. Das Zusammenspiel von Innenschau, kosmischem Geschick und fremder Kommentarsphäre verleiht dieser Strophe eine Art mittleren Höhepunkt.

Die eigentliche Endkulmination liegt schließlich in der fünften Strophe. Hier wird alles Vorbereitete – die Erfahrung des Überflusses der Welt, den das Ich nicht ergreifen kann, die Flugmotive, die unerkannte Qual, das verfehlte „wahre Punkt“ – in der Schlussfigur des Fortgerissenwerdens zusammengeführt: „Von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“ (V. 39–40). Die Bewegung, die zu Beginn noch als Getriebenwerden durch „flüchtiges Geschicke“ (V. 7) beschrieben war, kulminiert hier in einem großformatigen Bild kosmischer Kräfte. Dieser Schluss wirkt wie der äußerste Punkt der zuvor geschilderten Unruhe und ist als Endkulmination der inneren Bewegung lesbar.

4. Lässt sich eine Bewegung von einem Ausgangspol zu einem Gegenpol beschreiben, und wie wird dieser Weg sprachlich und bildlich vollzogen?

Über den Verlauf des Gedichts hinweg lässt sich eine deutliche Bewegung von einem Ausgangspol relativer Einbindung in die Menschenwelt hin zu einem Gegenpol radikaler Entrückung und Ferne erkennen. Am Anfang steht ein Ich, das zwar schon innerlich fremd ist, aber noch „unter vielen vielen Leuten“ wohnt und mit ihnen in sichtbarem Kontakt steht (Wohnen, Sehen, Handdrücken, Schmücken). Es bewegt sich in einem Raum, der trotz aller Entfremdung noch von konkreten sozialen Gesten und Tätigkeiten bestimmt ist: Hände werden gedrückt, Kränze gepflückt, Unschuld wird geschmückt. Sprachlich ist dieser Bereich geprägt von Verben des Tuns und des Sehens, von der Nennung „vieler Leute“ und „mancher“ Einzelner; die Bilder bleiben im menschlich-irdischen Bereich verankert.

Von hier aus setzt eine allmähliche Verschiebung ein. Zuerst löst sich das Ich innerlich von den Menschen und ihrer Welt: Es kann „des Werkes Freude“ nicht teilen (V. 16) und erlebt jede Begegnung als einmalig und nicht wiederholbar. Die Sprache spiegelt dies durch Ausdrücke wie „ewig Scheiden“, „nimmer hielt mich’s“ oder „ewig ewig trieb mich’s“ (V. 5, 7, 15), die die Zeiterfahrung dehnen und zugleich eine anhaltende Unruhe markieren. Dann verliert die Natur ihre Funktion als möglicher Resonanzraum: „wild und öde“ (V. 17), ohne Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte (V. 17–22). Der Weg führt also von einer überfüllten, aber innerlich toten Menschenwelt in eine äußere Welt, die selbst stumm und erstarrt ist. Bildlich verschiebt sich der Schwerpunkt von der Menge der Leute zu Landschaftsbildern, die vor allem durch Negationen („kein“, „keines“) bestimmt sind.

Mit der vierten Strophe verlagert sich dieser Weg endgültig in das Innere. Das Ich wendet sich ab von der unzugänglichen Außenwelt und versucht „in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ (V. 25). Die Sprachwelt wird hier innerlich dichter: „Herz“, „Tiefe“, „Ruhe“, „ewiges Geschick“ und „Stimmen“ treten als Schlüsselwörter auf. Doch auch dieser Weg führt nicht zu einem stabilen Zentrum, sondern in eine weitere Enttäuschung: Das Herz findet „nimmer eigne Ruhe“ (V. 27), der Blick in die Sterne zeigt zwar Geschick, aber keine konkrete Heilsgewissheit, und die Stimmen sind „ganz kalt“ (V. 31). Die Bewegung vom Ausgangspol der äußeren Welt nach innen bringt also keine Lösung, sondern eine noch deutlicher formulierte Erfahrung der Unruhe.

Im letzten Schritt, in der fünften Strophe, kippt diese innere Unruhe in eine umfassende Entrückung. Das Ich kann „die großen Süßigkeiten“ und den „Überfluß der Welt“ nicht ergreifen (V. 33–35), es wird „hinabgedrückt von unerkannter Qual“ (V. 36) und kann den „wahren Punkt“ nicht finden (V. 37). Sprachlich und bildlich tritt nun das Motiv des Fliegens und der Bewegung in den Vordergrund: „schneller Fittich“, „Flügelschläge“, „Wogen“. Während zu Beginn das Ich noch handelnd beschrieben wird, wandelt es sich hier immer mehr zum Objekt übermächtiger Kräfte: Es zählt nur noch „stumm der Flügelschläge Zahl“ (V. 38) und wird „von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“ (V. 39–40). Der Gegenpol zur Ausgangssituation liegt damit in einer Sphäre, in der das Ich nahezu restlos passiv und entrückt erscheint, von der Menschenwelt und den „Süßigkeiten“ der Erde weit entfernt.

Der Weg von diesem Ausgangspol zum Gegenpol wird also in mehreren Etappen vollzogen: von der überfüllten Menschenumgebung über die verödete Landschaft zur inneren Tiefe und von dort in die kosmische Ferne. Sprachlich wird diese Bewegung durch einen Wechsel der Motivfelder (Leute – Landschaft – Herz – Sterne – Wogen), durch die Steigerung der Bewegungsvokabeln (trieb, Flug, Fittich, Wogen, hingezogen) und durch eine zunehmende Passivierung des Ich gestaltet. Das Gedicht zeichnet damit eine innere Bahn nach, die von einer zunächst noch äußeren Zugehörigkeit zu einem Zustand äußerster Entfernung und Entzogenheit führt.

5. Gibt es Rückgriffe, Spiegelungen oder Rahmenbildungen, die eine Kreisbewegung oder eine bewusst offene, fragmentarische Struktur erkennen lassen?

Das Gedicht arbeitet deutlich mit Rückgriffen und Spiegelungen einzelner Motive, ohne eine eigentliche Kreisbewegung zu vollziehen. Von einer klassischen Rahmung – etwa einer Wiederaufnahme des Anfangsbildes am Schluss – kann nicht gesprochen werden; vielmehr entsteht das Gefühl eines inneren Zusammenhangs durch wiederkehrende Schlüsselwörter und Strukturen, während die Gesamtbewegung offen in die Ferne hinausläuft.

Auffällig ist die Verkettung und Spiegelung von Formeln, die in verschiedenen Strophen wiederkehren und sich jeweils steigern oder in einen neuen Kontext treten. So kehrt das Adverb „nimmer“ mehrfach an exponierten Stellen wieder: „Denn nimmer hielt mich’s“ (V. 7), „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“ (V. 16), „Doch nimmer konnt’ es eigne Ruhe finden“ (V. 27), „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“ (V. 37). Durch diese Wiederholung entsteht eine Art negativer Refrain, der immer wieder das Ausbleiben von Ruhe, Erfüllung oder Zielmarke ins Gedächtnis ruft und die einzelnen Strophen motivisch verschränkt. Ähnlich fungieren die Verdopplungen „ewig ewig“ (V. 15) und der Schluss mit den „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ (V. 39) als Spiegelung: Was zu Beginn als „ewig“ erfahrenes Getriebenwerden erscheint, taucht am Ende als ewige, übermächtige Wellenkraft wieder auf – formal ein Rückgriff, inhaltlich eine Steigerung.

Auch die Bildfelder Flug / Fittich / Flügel bilden eine Art Binnenrahmung: In Vers 23–24 hört das Ich im Brausen des Stromes „des eignen Fluges kühne Flügel sausen“, gegen Ende heißt es dann, es müsse „mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35) und zähle „stumm der Flügelschläge Zahl“ (V. 38). Die Bilder kehren wieder, sind aber nicht bloß identisch, sondern markieren eine Entwicklung: vom kraftvollen „kühnen Flug“ hin zum stummen Zählen der Schläge unter dem Druck „unerkan[nter] Qual“. So entsteht keine geschlossene Kreisform, sondern eine spiralförmige Wiederkehr mit Verschärfung.

Demgegenüber steht der Schluss als bewusst offene, nicht zurückführende Bewegung. Das Gedicht kehrt weder zur Menschenmenge der Anfangsverse noch zu einer Form von Ruhe zurück, sondern endet in der offenen Formel der „weiten weiten Ferne“ (V. 40). Die äußere Strophenarchitektur wirkt geschlossen, der innere Weg aber bricht nicht in eine Ruhe oder Heimkehr um, sondern mündet in ein Fortgezogenwerden ohne Rückkehr. Rückgriffe und Spiegelungen schaffen also Kohärenz und Motivzusammenhalt, ohne eine eigentliche Ringkomposition zu bilden; sie verbinden eine klar gegliederte Form mit einer inhaltlich bewusst nicht geschlossenen, eher fragmentarisch-offenen Existenzbewegung.

6. Wie verhalten sich äußere Gliederung und innere Gedanken- oder Gefühlskurve zueinander: Stützen sie sich, laufen sie gegeneinander oder erzeugen sie Spannungen, die für die Deutung wichtig sind?

Die äußere Gliederung – fünf formal weitgehend identische Stanzen mit regelmäßigem Reimschema und relativ einheitlichem Versmaß – vermittelt auf den ersten Blick den Eindruck einer strengen, beruhigenden Ordnung. Jede Strophe bildet einen eigenen, klar abgegrenzten Block, jede schließt mit einem knappen Couplet, das den jeweiligen Abschnitt bilanzierend bündelt. Diese formale Gleichmäßigkeit stützt insofern die innere Bewegung, als sie den Übergang von einer Erfahrungszone in die nächste jeweils markiert: Menschenwelt und Werk (Strophe 1–2), verödete Landschaft (Strophe 3), Innenschau und Geschick (Strophe 4), Endzusammenfassung im Bild des Fortgerissenwerdens (Strophe 5) lassen sich an den Strophengrenzen deutlich erkennen.

Gleichzeitig entsteht zwischen dieser äußeren Ordnung und der inneren Gedanken- und Gefühlskurve eine markante Spannung, die für das Verständnis des Gedichts entscheidend ist. Während die Strophen symmetrisch und in sich geschlossen wirken, erzählt der innere Verlauf gerade von der Unmöglichkeit eines geordneten, zur Ruhe kommenden Lebens: Das Ich ist „nimmer“ gehalten, es findet „nimmer eigne Ruhe“ und kann den „wahren Punkt“ nicht erbeuten. Der stetige Wechsel der Erfahrungsräume – von der Menschenmenge zur Natur, von dort ins Herz und schließlich in die kosmische Ferne – folgt keiner beruhigenden Wiederkehr, sondern einer gesteigerten Entfremdungsbewegung. Die gedanklich-gefühlsmäßige Kurve ist mithin progressiv und eskalierend, während die Form sich als gleichbleibendes Gerüst darüberlegt.

Diese Spannung zeigt sich besonders deutlich an den Strophenanfängen, die häufig kleine Brüche markieren, ohne dass die äußere Form sich ändert. So setzt Strophe 3 mit der Landschaft („Rund um mich war die Landschaft wild und öde“, V. 17) einen neuen Erfahrungsraum, Strophe 4 mit dem Blick ins Herz („Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“, V. 25) eine neue Perspektive, Strophe 5 mit der Rede von den „großen Süßigkeiten“ (V. 33) eine abschließende Zusammenfassung der weltlichen Überfülle. Formal sind diese Übergänge unauffällig – es beginnt jeweils einfach eine neue Stanze –, inhaltlich aber markieren sie deutliche Wendungen: Die äußere Gliederung bleibt gleich, die innere Kurve macht Sprünge. Dadurch wird die formale Stabilität selbst zum Kontrastfolie für die thematisierte Unstetigkeit.

Man kann daher sagen: Äußere Gliederung und innere Bewegung stützen sich und laufen zugleich gegeneinander. Sie stützen sich, indem sie die einzelnen Erfahrungsfelder sauber gliedern und eine nachvollziehbare Abfolge schaffen. Sie laufen gegeneinander, indem die Regularität der Form einen stillen Kontrapunkt zur unruhigen, sich zuspitzenden Existenzkurve des Ich bildet. Gerade diese Spannung – feste Stanzenform vs. inhaltliche Haltlosigkeit und Ferne – ist für die spätere Deutung bedeutsam: Das Gedicht erscheint formal als wohlgeordnetes „Lied“ und erzählt zugleich von einer Existenz, der jeder „wahre Punkt“ der Ordnung entzogen bleibt.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

1. Welche Grundstimmung herrscht im Gedicht vor?

Die vorherrschende Grundstimmung des Gedichts ist von Anfang bis Ende eine melancholische, existentiell unruhige und von Entfremdung durchzogene Klage-Stimmung. Das Ich erlebt sich nicht im Gleichklang mit der Welt, sondern als jemand, der mitten unter Menschen und in der Welt steht und doch keinen wirklichen Ort in ihr findet. Bereits die ersten Verse lassen das deutlich spüren: Die „vielen vielen Leute“, unter denen das Ich wohnt, erscheinen ihm als „tot und stille“ (V. 1–2); das, was sie reden – „hohe Lebensfreuden“ –, wirkt wie hohle Rede vor dem Hintergrund innerer Erstarrung. Diese Diskrepanz zwischen äußerem Gerede vom Glück und innerem Totsein der Umgebung bildet den emotionalen Grundakkord, der sich durch das gesamte Gedicht zieht.

Die Stimmung ist dabei nicht bloß trostlos, sondern trägt eine starke Komponente von Rastlosigkeit und Überforderung in sich. Formulierungen wie „So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden“ (V. 5) und „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort, sehnt’ ich mich gleich zurücke“ (V. 7–8) zeigen ein Ich, das beständig unterwegs, aber nie zu Hause, vom Geschick getrieben und doch rückwärtsgewandt sehnsüchtig ist. Hinzu treten Züge von innerer Leere und Vergeblichkeit, wenn der Sprecher zwar „Kränze“ pflückt und „Unschuld“ schmückt (V. 11–13), aber nicht an der „Freude“ des Werkes teilnehmen kann (V. 16). Die später geschilderte Landschaft, „wild und öde“ und ohne jeden freundlichen Naturklang (V. 17–22), verstärkt dieses Grundklima: Welt und Herz werden gleichermaßen als Orte erfahrener Unbehaustheit, Stillstand und fehlender Resonanz sichtbar.

Gleichzeitig durchzieht die Grundstimmung eine leise, aber hartnäckige Schicht von Sehnsucht und Übermaß. Sie wird in Wendungen wie „ewig ewig trieb mich’s“ (V. 15), in der Formel der „großen Süßigkeiten“ und des „Überflusses der Welt“ (V. 33–35) sichtbar: Die Welt wird nicht als leer gedacht, sondern als übervoll an Möglichkeiten, die dem Ich gerade in ihrer Fülle unzugänglich bleiben. Das erzeugt einen Ton, der nicht nur resignativ ist, sondern von einem schmerzlichen Wissen um verfehlte Fülle lebt. Insgesamt entsteht so eine Tonlage, in der Melancholie, Unruhe, Fremdheitsgefühl und ungestillte Sehnsucht ineinander verschränkt sind.

2. Wie stabil ist diese Stimmung?

Diese Stimmung erweist sich im Verlauf des Gedichts als außergewöhnlich stabil, sie wird jedoch in verschiedenen Bereichen der Erfahrung – gesellschaftlich, landschaftlich, innerlich, kosmisch – jeweils neu durchgespielt und graduell gesteigert. Es gibt keinen eigentlichen Umschwung zu heiterem, tröstlichem oder gelöstem Ton; auch keine „helle“ Gegenstrophe, die den melancholischen Grundcharakter brechen würde. Vielmehr lässt sich beobachten, dass die gleiche Grundbefindlichkeit – Entfremdung, Rastlosigkeit, Nicht-Ankunft – in jeder Strophe neu akzentuiert erscheint: zuerst als Fremdheit unter Menschen, dann als Unfähigkeit, Freude am eigenen Werk zu teilen, anschließend als Verödung der Natur, schließlich als innere Ruhelosigkeit des Herzens und am Ende als unaufhaltsames Fortgerissenwerden in eine „weite weite Ferne“ (V. 40).

Innerhalb dieser Grundstabilität kommt es allerdings zu Nuancierungen und Verdichtungen. Zu Beginn ist der Ton noch stärker beobachtend und beschreibend: Das Ich registriert seinen Zustand und den der anderen, ohne ihn schon maximal zuzuspitzen. Die zweite Strophe fügt dem eine Note stiller Verbitterung und verhaltener Selbstanklage hinzu – das Scheitern am „Werk“ und an der gemeinsamen Freude. Die dritte Strophe verlegt die gleiche Stimmung in die Natur, die nun als Resonanzraum der inneren Erstarrung erscheint; hier werden die negativen Empfindungen stärker objektiviert. In der vierten Strophe nimmt die Stimmung einen nach innen gedrängten, fast bedrückend-introspektiven Charakter an, da das Herz selbst „nimmer“ Ruhe findet und die „kalten Stimmen“ von außen hinzukommen (V. 27–32). Die letzte Strophe verwandelt diese gedrängte Innerlichkeit in eine großformatige Kulmination: Das Ich erlebt sich als von unfühlbar mächtigen Wogen hinweggespült – die Melancholie kippt hier in die Erfahrung eines übermächtigen, kaum noch verstehbaren Geschehens.

Man kann also sagen: Die Stimmung ist nicht wechselhaft, sondern kontinuierlich, aber sie bleibt nicht flach. Sie durchläuft eine Art Steigerungskurve, in der sich der melancholisch-entfremdete Grundton von Strophe zu Strophe vertieft und ausweitet. Die Funktion dieser Stabilität liegt darin, das Erleben des Ich als nicht bloß momentane Krise, sondern als dauerhafte, sein Leben bestimmende Grundverfassung sichtbar zu machen. Gerade weil es keinen wirklichen Gegenton von Trost oder Entspannung gibt, wirkt der letzte Bildkomplex der „ewigen Wogen“ besonders eindringlich: Er erscheint nicht als plötzlicher Umschlag, sondern als logische Extremform dessen, was in allen vorhergehenden Strophen schon angelegt war.

3. Welche Gefühle und affektiven Haltungen prägen das Ich und sein Verhältnis zu sich selbst?

Das Ich ist von einer ganzen Reihe eng ineinander verwobener Gefühle geprägt, die sich zu einer grundsätzlich gespannten, selbstunsicheren Innerlichkeit bündeln. An erster Stelle steht eine tiefgreifende Unruhe: Der Sprecher erlebt sich als einer, der niemals ankommen kann, der in allem Bleiben schon den Abschied mitdenken muss. Die Formulierungen „So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden“ (V. 5) und „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort“ (V. 7–8) erzählen nicht nur von äußeren Umständen, sondern von einer inneren Grundhaltung, in der jede Situation als von vornherein vorläufig erscheint. Das Ich begegnet sich selbst als jemand, der von seinem eigenen Geschick überholt wird, der sich gleichsam nie zur Ruhe in sich selbst festigen kann.

Damit eng verbunden ist eine Haltung der Selbstentfremdung und des inneren Versagensgefühls. Das Ich nimmt zwar wahr, dass es handelt und Gutes tut – es drückt Hände, pflückt „Kränze“ in sich selbst, schmückt „die Unschuld“ (V. 9–14) –, aber es kann sich diese Tätigkeiten innerlich nicht zu eigen machen: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“ (V. 16). Es arbeitet, aber es freut sich nicht an seinem Werk; innerlich bleibt eine Leerstelle. Ähnlich in der vierten Strophe: Der Blick ins Herz, „mit Allgewalt“ gesenkt (V. 26), führt nicht zu einem stabilen Mittelpunkt, sondern zum Befund, dass das Herz „nimmer eigne Ruhe“ findet und „trübe in die Außenwelt zurückkehrt“ (V. 27–28). Das Ich sieht sozusagen sich selbst beim Scheitern zu und erfährt sich als innerlich unzuverlässig, ohne dass dies in offene Selbstanklage umschlüge; eher liegt eine leise, resignative Selbstdiagnose vor.

Hinzu tritt ein Gemisch aus Sehnsucht und Überforderungsgefühl. Das Ich spürt, dass es „große Süßigkeiten“ und einen „Überfluß der Welt“ (V. 33–35) gibt, die es aber nicht wirklich ergreifen kann. Diese Spannung erzeugt keinen neidischen oder aggressiven Affekt, sondern eine stille Beschämung und Überwältigung: Es „konnt’ nimmer […] den wahren Punkt erbeuten“ (V. 37) und zählt „stumm der Flügelschläge Zahl“ (V. 38), als wäre es in seine eigene Bewegtheit nur noch als Zuschauer verstrickt. In der Formulierung „hinabgedrückt von unerkannter Qual“ (V. 36) zeigt sich, dass das Ich seine Not nicht einmal klar benennen kann: Es leidet an etwas, dessen Grund ihm verborgen bleibt. Affektiv entsteht so eine Konstellation aus unruhiger Selbstdistanz, schmerzlicher Unbestimmtheit und einer tiefen, aber sprachlich gebändigten Klage über die eigene Unfähigkeit, zur Ruhe und Erfüllung zu finden.

4. Wie gestaltet sich die affektive Beziehung zum Gegenüber?

Die affektive Beziehung des Ich zu seinen Gegenübern – Menschen, Welt, Natur, den „Stimmen“ und dem impliziten Leser – ist durchgehend von Distanz, Fremdheit und verfehlter Resonanz geprägt, ohne in offenen Hass oder scharfe Anklage umzuschlagen. Den „vielen vielen Leuten“ (V. 1) gegenüber überwiegt eine Mischung aus Verwunderung, stiller Kritik und Traurigkeit. Das Ich sieht sie „tot und stille stehn“ (V. 2), während sie von „hohen Lebensfreuden“ reden (V. 3). Es nimmt sie als innerlich leblos wahr, aber die Darstellung bleibt ohne aggressiven Ton; es liegt eher ein schmerzliches Befremden vor: Die anderen sind ihm unzugänglich, sie kreisen „im kleinsten Kreis“ (V. 4), und gerade dieses Sich-im-Eigenen-Drehen macht sie aus seiner Sicht unerreichbar. Wenn es heißt, dass er „manchem […] die Hand gedrücket“ hat (V. 9), schimmert ein Moment von Zuneigung und Zugewandtheit auf, das aber sofort wieder von der Erfahrung der Flüchtigkeit überblendet wird: „jeden hab’ ich einmal nur gesehn“ (V. 6).

Zur Natur und zur Welt verhält sich das Ich nicht feindselig, sondern erlebt sie als enttäuschte Hoffnung. Die dritte Strophe zeichnet die Landschaft nicht als bedrohlich, sondern als leer: „wild und öde“, ohne Morgenrot, ohne Abendschein, ohne Wind, ohne Hirtenflöte (V. 17–22). Man könnte sagen, die Natur enttäuscht eine Erwartung auf Trost und Anrede; affektiv entsteht ein Bild von Welt, die dem Ich nichts zu sagen hat. Der Strom, dessen „wildes Brausen“ es hört, trägt immerhin das Echo des eigenen Flugs („des eignen Fluges kühne Flügel sausen“, V. 24), doch auch dies ist eher Selbstbegegnung als Gegenseitigkeit. Die Welt antwortet nicht, sie spiegelt allenfalls die innere Unruhe wider.

Besonders eigentümlich ist die Beziehung zu den „kalten Stimmen“ (V. 31 f.). Diese Stimmen sind formal ein Gegenüber, aber affektiv wirken sie distanzierend und fremd: Sie sprechen über das Herz, nicht mit ihm, und was sie sagen – das Herz wolle „vor Wonne schier verzagen“ –, steht in einem fast paradoxen Verhältnis zur Erfahrungswirklichkeit des Ich. Man spürt, dass das Ich sich von dieser Rede nicht wirklich verstanden fühlt; die Stimmen legen eine Fremdinterpretation über sein Inneres, die für es selbst „kalt“ bleibt. So entsteht eine Konstellation, in der das Ich zwar von Gegenübern umgeben ist, aber nirgendwo einen dialogischen, wirklich warmen affektiven Austausch erlebt.

Dem impliziten Leser gegenüber tritt das Ich in einer Haltung des vertraulichen, aber nicht explizit um Trost werbenden Bekenntnisses auf. Es klagt, ohne zu jammern, und erzählt seine Geschichte, ohne das Gegenüber direkt zur Hilfe aufzurufen. Dadurch wird der Leser in eine Art stille Mit-Leidenschaft hineingenommen: Er wird Zeuge einer existentiellen Lage, ohne dass das Gedicht ausdrücklich eine Antwort oder Lösung von ihm einfordert. Insgesamt zeigt sich: Die affektiven Beziehungen des Ich sind durch eine Serie verfehlter oder unvollständig bleibender Beziehungen gekennzeichnet – zu Menschen, zur Natur, zu kommentierenden Stimmen –, und gerade diese nicht eingelöste Sehnsucht nach Resonanz und Erwiderung trägt wesentlich zur besonderen Stimmung des Gedichts bei.

5. Gibt es ironische, humorvolle oder selbstrelativierende Momente, die die Oberfläche der Stimmung brechen und auf eine zweite, reflektierende Ebene verweisen?

Ausgesprochen ironische oder humorvolle Momente, die die Grundstimmung deutlich aufbrechen würden, treten in diesem Gedicht kaum auf. Der Ton bleibt ernst, melancholisch und klagend; die Sprache ist kontrolliert, aber nicht spielerisch im Sinn eines befreienden Witzes. Wenn überhaupt, so lassen sich nur sehr leise, eher bittere Ironie- oder Kontrastmomente wahrnehmen, die die innere Spannung noch verschärfen, anstatt sie zu lösen. Ein erster solcher Punkt liegt gleich zu Beginn in der Gegenüberstellung von „hohen Lebensfreuden“ (V. 3) und der Beschreibung der Leute als „tot und stille“ (V. 2). Das Gedicht kommentiert das Gerede der Menge nicht offen ironisch, aber in der Kollision der Ausdrücke steckt eine stille, scharfe Diskrepanz: Wer „viel von hohen Lebensfreuden“ spricht und zugleich „tot und stille“ erscheint, entlarvt sich gewissermaßen selbst. Diese Konstellation wirkt weniger humorvoll als bitter-ironisch; sie zeigt eine Welt, in der die Rede vom Glück hohl geworden ist.

Ähnlich ambivalent ist die Wendung von den „großen Süßigkeiten“ und dem „Überfluß der Welt“ (V. 33–35). Die Wörter selbst stammen aus einem eher leichten, beinahe kindlich anmutenden Bedeutungsfeld; „Süßigkeiten“ sind im Alltag etwas Anziehendes, Harmloses, fast Verspieltes. Im Kontext des Gedichts aber stehen sie in einem scharfen Kontrast zur existentiellen Schwere, zur „unerkannten Qual“ (V. 36) und zum „wahren Punkt“, der nicht gefunden wird (V. 37). In dieser Gegenüberstellung kann man eine feine Form von Selbstrelativierung des Ich erkennen: Es spricht nicht in erhabenen philosophischen Abstraktionen von „Weltenlust“ oder „irdischen Gütern“, sondern wählt ein schlichtes, beinahe banales Wort und macht gerade dadurch sichtbar, wie groß die Kluft zwischen der simplen Verfügbarkeit solcher „Süßigkeiten“ und der eigenen Unfähigkeit ist, sie überhaupt wahrzunehmen. Doch auch hier ist der Effekt nicht heiter, sondern eher tragisch-ironisch; die Diskrepanz vertieft das Gefühl der Verfehlung.

Von offener Selbstironie im Sinne eines distanzierten Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfens kann keine Rede sein. Das Ich beobachtet sich zwar mit großer Nüchternheit – es konstatiert nüchtern, dass es „des Werkes Freude“ nicht teilen konnte (V. 16) und dass sein Herz „nimmer eigne Ruhe“ fand (V. 27) –, aber diese Selbstdiagnose bleibt ernst. Eine „zweite Ebene“ im Sinn einer relativierenden, humorvollen Brechung entsteht weniger durch ironische Spitzen als durch die konsequente Reflexivität: Das Ich erzählt nicht im Affekt, sondern als jemand, der um die Tragweite seines Zustands weiß. Diese Reflexivität verstärkt das Gewicht der Klage, anstatt es durch Witz zu entlasten. Insofern gibt es eher eine vertiefende Selbstbeobachtung als eine entspannende Ironisierung der Lage.

6. Wie korrespondieren Ton und Bildwelt?

Ton und Bildwelt stehen in diesem Gedicht in einem sehr engen Korrespondenzverhältnis: Die gewählte Bildsprache macht die melancholische, unruhige, entfremdete Grundstimmung nicht nur anschaulich, sondern trägt sie gleichsam mit. Die Bilder der Menschenmenge am Anfang – „viele viele Leute“, die „tot und stille stehn“ (V. 1–2) – fassen in einem Schlag die Erfahrung innerer Leblosigkeit und Sprachleere; das Gedicht spricht von Stille, während von „hohen Lebensfreuden“ geredet wird. Der Ton ist hier leise bitter, ernüchtert, und die Bildwelt einer unbewegten, starren Menge antwortet diesem Ton unmittelbar. Auch später entspricht die „wild und öde“ gewordene Landschaft ohne Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte (V. 17–22) sehr genau der resignativen und zugleich ungleichen Stimmung des Ich: Es findet außerhalb seiner selbst keinen Ort, der ihm Trost oder Klang zurückgäbe. Die Naturbilder sind nicht zufällig gewählt, sondern Ausdruck derselben affektiven Struktur, die der Ton sprachlich trägt.

Das Motivfeld des Flugs, der Flügel und Wogen verstärkt vor allem die Seite der Unruhe und des Getriebenseins. Die Formulierungen vom „flüchtigen Geschicke“, das „wild mich fort“ treibt (V. 7–8), vom „eignen Flug“ und den „kühnen Flügel[n]“ (V. 23–24), vom Gleiten „mit schnellem Fittich“ (V. 35) und von den Flügelschlägen, deren Zahl das Ich nur noch „stumm“ zählt (V. 38), übersetzen den inneren Ton des kaum zur Ruhe kommenden Herzens in ein dynamisches, aber nicht freiheitliches Bewegungsbild. Die Bildwelt suggeriert keinen leichten, souveränen Flug, sondern ein durch Geschwindigkeit und Übermacht bestimmte Fortgerissenwerden; entsprechend bleibt der Ton ernst, gedrängt, ohne jede Feier des Aufschwungs. Das Schlussbild der „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ (V. 39) verstärkt diesen Eindruck: Die Weltkräfte, die das Ich bewegen, sind weder warm noch tragend, sondern „unfühlbar“ und gewaltig – eine Bildprägung, die genau den Ton der übergroßen, nicht greifbaren Belastung trifft.

Gleichzeitig nutzt das Gedicht punktuell Bilder, die scheinbar in eine andere Richtung weisen, um gerade dadurch die Grundstimmung zu akzentuieren. Dazu gehören die schon genannten „großen Süßigkeiten“ und der „Überfluß der Welt“ (V. 33–35). Hier hätten Bild- und Wortwahl – Fülle, Süße, Überfluß – das Potenzial, einen helleren, fast überbordend-lustvollen Ton anzuschlagen. Dass der Ton dennoch dunkel bleibt, liegt daran, dass diese Bilder ausschließlich aus der Perspektive des Nicht-Erreichens geschildert werden: „Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten“ (V. 33), vom Überfluss „mußt’ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35). Die helle Bildwelt verweist damit gerade auf das, was dem Ich fehlt, und vertieft die melancholische Grundstimmung. Ton und Bildwelt sind hier nicht deckungsgleich im Sinn harmonischer Übereinstimmung, sondern bilden bewusst eine Spannung, in der das Ungleichgewicht zwischen potentieller Freude und realem Entzug erfahrbar wird.

Im Ganzen lässt sich sagen, dass die Bildwelt die Tonlage des Gedichts sowohl direkt spiegelt als auch subtil kontrastiert. Wo von Stille, Öde und Erstarrung die Rede ist, sind die Bilder entsprechend dunkel und leblos; wo die Sprache von Flug, Süßigkeit und Überfluss erzählt, tut sie es unter dem Vorzeichen des Nicht-Erreichens. Dadurch entsteht ein dichter Zusammenhang zwischen affektiver Grundhaltung und bildlicher Ausgestaltung: Die Metaphern, Landschaften und Bewegungsfiguren sind nicht bloß Dekor, sondern die eigentliche Form, in der sich der melancholisch-unruhige Ton des Gedichts verkörpert.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

1. Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Im Zentrum des Gedichts steht ein Mensch, der von einer Grundspannung zwischen Sehnsucht nach Bindung und unstillbarer innerer Unruhe bestimmt ist. Schon in der ersten Strophe verbindet sich der Wunsch, „unter vielen vielen Leuten“ zu wohnen, also in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, mit der Erfahrung, dass jedes Kommen „schon ein ewig Scheiden“ ist. Das Ich scheint auf Nähe angelegt, hält sie aber nicht aus: Es wird von einem „flüchtigen Geschicke“ fortgetrieben, „sehnt“ sich zugleich „gleich zurücke“. Dahinter steht ein tiefes psychisches Doppelmotiv: ein Trieb nach Heimat und Zugehörigkeit – und zugleich eine Angst vor Festlegung, vor dem Verbleiben, vielleicht auch vor der Selbstentdeckung, die im wirklichen Bleiben drohen würde.

Damit verbunden ist eine Grundangst vor Sinnlosigkeit und Nicht-Erfüllung. Das Ich arbeitet, handelt, schmückt, berührt – „manchem habe ich die Hand gedrücket“, „hab’ in mir selbst die Kränze all gepflücket“, „hab’ im Flug die Unschuld mit geschmücket“ –, aber es kann die „Freude des Werkes“ nicht teilen. Die Tätigkeiten bleiben innerlich leer, als würden sie an einem abgespaltenen Selbst vorbeilaufen. Die wiederkehrende Formel „nimmer“ markiert diese Tiefenerfahrung: Nimmer hielt es das Ich irgendwo, nimmer fand das Herz Ruhe, nimmer konnte es den „wahren Punkt“ erbeuten. Die Existenz erscheint als eine Folge von Ansatzbewegungen, die nie zur Erfüllung gelangen.

Eine weitere Tiefenschicht ist die Erfahrung radikaler Unbehaustheit in Welt und Natur. Die Menschen wirken „tot und stille“, die Landschaft „wild und öde“, ohne Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte. Das ist mehr als bloße Stimmung: Es ist eine existentielle Erfahrung, dass die Welt als Resonanzraum versagt. Nirgends antwortet etwas. Der Strom rauscht, aber was darin hörbar wird, sind nur die eigenen Flügel. Hinter dieser Projektion steckt eine Angst, überhaupt kein Gegenüber zu haben, das das eigene Dasein bestätigt – eine Angst vor absoluter Beziehungslosigkeit.

Hinzu kommt die Erfahrung eines übermächtigen, kaum durchschaubaren Geschicks. Das „flüchtige Geschick“, das treibt, die „ewigen Wogen“, die das Ich hinwegziehen, und das „ewige Geschick“ in den Sternen: Diese Bilder verweisen auf eine Tiefenerfahrung des Ausgeliefertseins an Kräfte, die größer sind als das individuelle Wollen, und zugleich „unfühlbar“ bleiben. Es handelt sich nicht um einen klar erkennbaren Sinnhorizont, sondern um ein anonymes, übermächtiges Mehr, das drückt und zieht. Der Mensch erlebt sich in diesem Gedicht als jemand, der sein Leben nicht „in der Hand“ hat.

Schließlich zeigt sich eine unerklärte Schuld- oder Schamkomponente. Sie wird nicht explizit ausgesprochen, aber in Formulierungen wie „hinabgedrückt von unerkannter Qual“ und der Suche nach dem „wahren Punkt“ deutlich. Das Ich ahnt, dass es irgendwo eine Mitte, einen Maßstab, eine richtige Stelle gäbe, an der Leben gelingen könnte, findet sie aber nicht. Die Qual ist „unerkannt“: Das Leiden übersteigt das begriffliche Begreifen. In dieser Unschärfe wird eine tiefe innere Unsicherheit sichtbar: Man leidet, weiß aber nicht einmal genau woran – und gerade das macht die Erfahrung so existentiell.

2. Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch tritt in diesem Gedicht praktisch durchgängig als von Stimmungen, Affekten und inneren Bewegungen geprägtes Wesen hervor; das Nachdenken folgt den Affekten, nicht umgekehrt. Schon der erste Blick des Ich auf seine Umwelt ist emotional eingefärbt: Die Leute sind nicht einfach „viele“, sondern „tot und stille“; die Landschaft ist nicht neutral, sondern „wild und öde“. Die Wahrnehmung ist durch eine innere Melancholie gefärbt. Es gibt keine „reine“ Beschreibung, sondern die Welt erscheint von vornherein als Spiegelzustand des inneren Befindens.

Auch die Bewegungen des Ich sind affektiv gesteuert. Dass „nimmer“ hielt es irgendwo, dass das Geschick „wild“ forttrieb, ist keine nüchterne Sachfeststellung, sondern Ausdruck einer inneren Unruhe, die jede Stabilisierung unterläuft. Entscheidend ist: Das Ich arbeitet zwar, plant aber nicht souverän; es wird von etwas „getrieben“. Der Impuls, wegzugehen, Entscheidungen nur halb zu vollziehen, Begegnungen nicht auszuhalten, ist weniger rational begründet als von einem schwer zu zügelnden Affekt bestimmt. Die Sehnsucht („sehnt’ ich mich gleich zurücke“) steht unmittelbar neben diesem Drang zur Flucht – und beide sind Gefühle, nicht Ergebnisse überlegter Erwägungen.

Selbst dort, wo das Gedicht an Reflexion grenzt – beim Blick ins eigene Herz, beim Lesen des „ewigen Geschicks“ in den Sternen –, bleibt der Mensch affektgebunden. Das Herz „findet nimmer eigne Ruhe“ und kehrt „trübe“ in die Außenwelt zurück. Der Versuch, sich selbst zu verstehen, bleibt in der Sprache des Fühlens. Die „kalten Stimmen“ von außen sprechen zwar scheinbar objektiv über das Herz, aber gerade ihr „kalter“ Ton markiert sie als affektiv fremd; sie gehören nicht zur erlebten Wahrheit des Ich. Die eigentliche Wirklichkeit des Menschen liegt im Gedicht nicht in diesen distanzierten Kommentaren, sondern in der inneren Unruhe, der trüben Rückkehr, der Qual, die nicht erkannt ist.

Schließlich zeigt sich der Mensch auch im Umgang mit der „Fülle“ der Welt als affektbestimmtes Wesen. Die „großen Süßigkeiten“ und der „Überfluß der Welt“ werden nicht argumentativ geprüft, sondern emotional als Überforderung erlebt. Das Ich kann sie nicht einmal recht „sehen“, geschweige denn ordnen; es muss „hinweg gleiten“ und wird „hinabgedrückt von unerkannter Qual“. Es reagiert mit Rückzug, mit Flucht, mit einem stummen Zählen der „Flügelschläge“ – einer affektiven Selbstwahrnehmung, die zugleich Hilflosigkeit ausdrückt. Die Ratio bleibt schwach, sie registriert und benennt, aber sie bestimmt nicht.

So zeigt das Gedicht den Menschen in einer radikal romantischen Weise als Wesen, dessen Wahrnehmung, Handeln und Selbstbild wesentlich aus Stimmungen, Sehnsüchten, Ängsten und nicht völlig durchschaubaren Tiefenimpulsen hervorgehen. Der Mensch denkt – aber was er denkt, ist die Nachschrift dessen, was er fühlt und affektiv durchlebt.

3. Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Das Ich ist von einer ganzen Reihe durchgreifender Ambivalenzen geprägt, die seine Existenz grundlegend spalten. Eine erste, sehr sichtbare Ambivalenz betrifft das Verhältnis von Nähe und Distanz. Gleich der erste Vers betont die Nähe zur Menschenwelt: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ (V. 1). Doch die folgenden Verse machen klar, dass diese Nähe nur äußerlich ist: Die Leute erscheinen „tot und stille“ (V. 2), das Kommen des Ich ist „schon ein ewig Scheiden“ (V. 5) und „jeden hab’ ich einmal nur gesehn“ (V. 6). Das Ich will offenbar unter Menschen sein, zugleich erlebt es Beziehungen als von vornherein vom Abschied durchzogen. Es sucht Nähe, kann sie aber nicht halten; es lebt im Spannungsfeld von Zugehörigkeitswunsch und dauernder Distanzierung.

Eine zweite große Ambivalenz liegt im Verhältnis von Sehnsucht und Flucht. Immer wieder wird das Ich „wild“ von einem „flüchtigen Geschicke“ fortgetrieben (V. 7–8), „ewig ewig trieb mich’s schnell zu eilen“ (V. 15). Doch diese Bewegung ist nicht frei gewählt: Der Sprecher betont zugleich seine Rückwendung: „sehnt’ ich mich gleich zurücke“ (V. 8). Das Ich will weg und will zugleich zurück; es kann nicht bleiben, wünscht aber doch die Rückkehr. Diese Ambivalenz durchzieht alle Strophen: Es sucht Tiefe im eigenen Herzen, hält die dort erfahrbare Unruhe aber nicht aus und „kehrt trübe in die Außenwelt zurück“ (V. 28). Es ist affektiv hin- und hergerissen zwischen Vertiefung und Ausweichen, zwischen Verweilen und Weiterfliehen.

Eng damit verbunden ist die Spannung von Aktivität und Passivität. Die zweite Strophe zeigt das Ich als handelndes Subjekt: Es drückt anderen die Hand (V. 9), pflückt „in mir selbst die Kränze all“ (V. 11), schmückt im Flug die „Unschuld“ (V. 13). Diese Bilder zeichnen einen Menschen, der tatsächlich wirkt und gestaltet. Gleichzeitig wird dieser Aktivität die Erfahrung radikaler Passivität untergeschoben: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“ (V. 16) – er bleibt innerlich Zuschauer seines eigenen Tuns. Am Ende wird die Passivität übermächtig: Das Ich wird „hinabgedrückt von unerkannter Qual“ (V. 36), kann den „wahren Punkt“ nicht ergreifen (V. 37) und wird „von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“ (V. 39–40). Die anfängliche Aktivität kippt so in ein Ausgeliefertsein; in der Tiefe bleibt das Ich zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung unentschieden.

Eine weitere Ambivalenz betrifft das Verhältnis von Lebenshunger und Überforderungsgefühl. Das Gedicht kennt die Sprache der Fülle: „hohe Lebensfreuden“ (V. 3), „große Süßigkeiten“ und „Überfluß der Welt“ (V. 33–35). Diese Vokabeln deuten an, dass das Ich in einer Welt lebt, die prinzipiell reich an Möglichkeiten und Lust ist. Aber gerade hier liegt seine Unfähigkeit: „Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten“ (V. 33), vom Überfluss „mußt’ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35). Der Trieb zur Fülle ist möglich, die Wahrnehmung bleibt blockiert; das Ich weiß um mögliche Freude, erlebt sie aber als nicht zugänglich und wird dadurch noch stärker überfordert. Genusswille und Abwehr verknäulen sich.

Schließlich zeigt sich eine Ambivalenz in der Selbstbeziehung zwischen Erkenntnisdrang und Undurchsichtigkeit. Das Ich will „Nur in mir selbst die Tiefe […] ergründen“ und senkt „ins Herz mit Allgewalt den Blick“ (V. 25–26). Es sucht Klarheit über sich, strebt nach Durchsichtigkeit der eigenen Tiefe. Doch das Ergebnis ist, dass das Herz „nimmer eigne Ruhe“ findet (V. 27) und eine „unerkannt[e] Qual“ bleibt (V. 36). Die Qual ist spürbar, aber nicht erkennbar. Das Ich bleibt ein Subjekt, das sich selber erforscht und zugleich an der Unverständlichkeit seiner eigenen inneren Bewegungen scheitert. Diese Ambivalenzen – Nähe/Distanz, Sehnsucht/Flucht, Aktivität/Passivität, Lebenshunger/Überforderung, Erkenntnisdrang/Undurchsichtigkeit – bilden die psychische Grundspannung der Figur.

4. Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenübers?

Die affektive Grundbewegung des Ich – Melancholie, Unruhe, Überforderung – wirkt wie ein Filter, durch den alle Gegenüber wahrgenommen werden. Die Menschen erscheinen nicht „an sich“, sondern im Spiegel der inneren Zerrissenheit. So werden die „vielen vielen Leute“ (V. 1) sofort als „tot und stille“ (V. 2) beschrieben. Diese Charakterisierung ist keine nüchterne Diagnose, sondern Ausdruck einer affektiv gefärbten Sicht: Das Ich fühlt sich innerlich isoliert und erlebt entsprechend die anderen als innerlich tot. Auch ihre Rede von „hohen Lebensfreuden“ (V. 3) wirkt aus dieser Perspektive hohl; die affektive Distanz formt die Wahrnehmung so, dass ihre Lebenspraxis wie ein leerer Kreisverkehr erscheint: „liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn“ (V. 4). Das melancholisch-entsagte Innere bringt die Welt als erstarrt und inhaltslos zur Erscheinung.

Ähnlich verhält es sich mit der Natur. Die Landschaft ist „wild und öde“ (V. 17), es gibt „kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind“ (V. 17–19), „keines Hirten Flöte“ (V. 21). Die auffällige Häufung von „kein“ und „keines“ zeigt, dass das Ich seine Umwelt vor allem über das register der Abwesenheit wahrnimmt. Statt zu registrieren, was da ist, benennt es, was fehlt. Die eigene affektive Leere – das Ausbleiben von Freude, Halt, Ruhe – projiziert sich in eine Welt ohne Licht, ohne Klang, ohne erfrischenden Hauch. Selbst dort, wo etwas klingt, nämlich im „wilden Brausen“ des Stromes (V. 23), hört das Ich letztlich nur „des eignen Fluges kühne Flügel sausen“ (V. 24). Die Außenwelt wird zum Echo des eigenen inneren Lärms; authentische Fremdheit oder positive Andersartigkeit des Gegenübers werden kaum wahrgenommen.

Auch die „großen Süßigkeiten“ und der „Überfluß der Welt“ (V. 33–35) sind durch die affektive Bewegung gebrochen. Die Welt wird als objektiv reich vorgestellt, aber das Ich sieht diese Fülle nicht, sie bleibt ihm buchstäblich unsichtbar („Ich sah sie nicht“, V. 33). Affektiv ist das Verhältnis zur Fülle von Scheu und Überforderung geprägt: vom Überfluss „mußt’ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35). Das Gegenüber „Welt“ könnte als Quelle von Lust und Freude wahrgenommen werden, erscheint aber durch die innere Qual hindurch als etwas, dem man ausweichen muss. Die affektive Bewegung lenkt die Wahrnehmung weg von den Möglichkeiten des Glücks hin zum Druck, den dieses Glückspotential auf das Ich ausübt.

Die „kalten Stimmen“ (V. 31–32) sind ein spezieller Fall. Sie scheinen von außen zu kommen, kommentieren das Herz und sprechen von einer „Wonne“, vor der das Herz „schier verzagen“ wolle. Doch für das Ich sind sie „kalt“; das heißt: affektiv nicht beteiligt, distanziert, fremd. Die eigene innere Lage – Unruhe, Qual, Nicht-Erfüllung – macht es unmöglich, diese Stimmen als tröstlich oder wahrhaft resonant zu erleben. Stattdessen erscheinen sie wie eine Art fernen, unbeteiligten Kommentar, der eher die Erfahrung der Nicht-Verstandenheit steigert. Die affektive Bewegung des Ich verhindert also, dass selbst positiv klingende Deutungen („Wonne“) als eigene Realität angenommen werden können.

Schließlich prägt die affektive Grundkonstellation auch die Beziehung zum impliziten Leser. Das Ich exponiert sich als leidende, suchende, getriebene Gestalt; es bietet keine ausbalancierte Darstellung, sondern eine von Melancholie und Unruhe nach innen gezogene Selbstbeschreibung. Der Leser sieht alle Gegenüber – Leute, Landschaft, Stimmen, Welt – durch diese innere Linse. Die affektive Bewegung erzeugt somit einen konsequent subjektiv gefärbten Erfahrungsraum: Das Gegenüber ist nie neutral, nie einfach „gegeben“, sondern immer schon von der inneren Unruhe her interpretiert. Gerade dadurch legt das Gedicht nahe, dass das Zentrum der existentiellen Problematik nicht „in den anderen“ liegt, sondern in der Art und Weise, wie ein innerlich gespaltenes Ich die Welt wahrnimmt und auf sie affektiv reagiert.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

1. Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Schon auf der Wortoberfläche zeigt das Gedicht eine deutlich religiös-metaphysische Färbung, auch wenn der Name Gottes nirgends fällt und keine explizite Gebets- oder Bekenntnissituation markiert ist. Zentral ist die wiederholte Rede vom „Ewigen“: Das Kommen des Ich ist „schon ein ewig Scheiden“ (V. 5), das treibende Geschick wirkt „ewig ewig“ (V. 15), in den Sternen liest das Ich „ewiges Geschick“ (V. 30), und am Schluss stehen die „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ (V. 39). Diese Häufung macht deutlich, dass die Erfahrungswelt des Gedichts nicht auf bloß zeitliche, psychologische Vorgänge beschränkt bleibt; das Ich erlebt sein Leben eingezeichnet in einen größeren, überzeitlichen Horizont. Ob dieser Horizont als göttliche Vorsehung, als anonymes Schicksal, als kosmisches Gesetz oder als dunkle Macht zu denken ist, bleibt bewusst unscharf – genau hierin liegt die spezifische metaphysische Spannung des Textes.

Besonders deutlich tritt diese Spannung im Bildfeld des Geschicks hervor. Das „flüchtige Geschicke“ (V. 7) wirkt zunächst wie eine unbestimmte, eher launische Macht, die das Ich „wild“ forttreibt. Später, beim Blick in die Sterne, wird dieses Geschick als „ewig“ qualifiziert (V. 30): Die Sterne erscheinen als Schriftträger einer übergeordneten Ordnung, in der der Einzelne sein Los erkennen kann. Diese Konstellation berührt ein klassisches theologisches Problemfeld: das Verhältnis von Providenz und Fatum, von göttlicher Vorsehung und blinder Schicksalsmacht. Der Text legt sich nicht fest, ob das „Geschick“ personal und wohlgeordnet (im Sinne einer göttlichen Führung) oder unpersönlich und übermächtig ist; er schildert es aus der Perspektive eines Menschen, der sich von ihm getrieben, hinabgedrückt und in die Ferne gezogen erlebt. Religiös gelesen ist das die Tiefenerfahrung eines Lebens, das sich von einer übergeordneten Macht bestimmt weiß, diese Macht aber nicht als gütige, transparente Führung erfährt, sondern als dunklen, „unfühlbar mächt’gen“ Einfluss.

Eng damit verbunden ist die starke Konnotation des Herzens als innerem religiösen Ort. Wenn das Ich „ins Herz mit Allgewalt den Blick“ senkt (V. 26) und dort keine „eigene Ruhe“ findet (V. 27), berührt der Text ein Motivfeld, das in der christlichen Tradition von Augustinus bis zur pietistischen Innerlichkeitsfrömmigkeit zentral ist: das unruhige Herz, das erst in Gott zur Ruhe kommt. Dass diese Ruhe hier ausbleibt, verweist auf eine latente Gottesferne, die nicht explizit benannt, aber im Bild der vergeblichen Innerlichkeitsbewegung spürbar wird. Das Herz ist der Ort, an dem eigentlich die Begegnung mit dem Göttlichen erwartet wäre – hier aber herrscht Unruhe, trübe Rückkehr in die Außenwelt und „unerkannt[e] Qual“ (V. 36). Theologisch gelesen ist dies die Erfahrung eines Menschen, der nach Tiefe und Sinn sucht, aber den Ort der Versöhnung (die Mitte, den „wahren Punkt“) nicht findet.

Auch einzelne Figuren und Wörter tragen eine deutliche religiöse Aura. Wenn das Ich im Flug die „Unschuld“ schmückt, „war sie verlassen meinem Wege nah“ (V. 13–14), wird ein Bild von verlassener Reinheit oder Reinheit in Not aufgerufen, das sich leicht christologisch oder zumindest christlich-ethisch färben lässt. „Unschuld“ steht im religiösen Sprachgebrauch nicht nur für moralische Makellosigkeit, sondern häufig für das hilflose, schutzbedürftige Gute, das auf Gnade angewiesen ist. Dass das Ich diese Unschuld „schmückt“, kann als Moment tätiger Nächstenliebe gelesen werden; zugleich bleibt diese Handlung episodisch, flüchtig, nicht eingebettet in eine stabile Lebensgemeinschaft. Damit tritt die Spannung zwischen punktuellen Gnaden- oder Liebesgesten und einer dauerhaften, tragenden Heilsordnung hervor.

Die Rede von „Wonne“ in den Versen 31–32 ist ebenfalls theologisch aufgeladen. „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“ – dieser Satz, von „ganz kalten Stimmen“ gesprochen, berührt die Tradition der mystischen und erbaulichen Sprache, in der „Wonne“ häufig die Überfülle göttlicher Nähe bezeichnet. Dass diese Aussage ausgerechnet von „kalten“ Stimmen kommt, die dem Ich äußerlich bleiben, erzeugt eine paradox-religiöse Konstellation: Es gibt eine Rede von der Wonne, die am eigenen Erleben vorbeigeht. Man könnte sagen: Hier erscheint eine Art objektiv-religiöse Wahrheitsperspektive (das Herz ist für Wonne geschaffen), die subjektiv nicht eingelöst wird. Der Text deutet damit an, dass es eine Sphäre der Seligkeit oder Heilsfülle gibt, die zum Menschenherzen gehört, ohne dass das konkrete Ich sie realisiert.

Auf der moralischen Ebene gewinnen vor allem die Bilder vom „Überfluß der Welt“ und den „großen Süßigkeiten“ (V. 33–35) eine deutliche Konnotation. Hier klingt die traditionelle Kritik an der Weltlust an: Die Welt ist überreich an Reizen und Genüssen, die das Herz eigentlich binden könnten, doch gerade dieser Überfluss wird für das Ich zum Problem. Dass es diese „Süßigkeiten“ nicht sieht und vom Überfluss „hinweg gleiten“ muss, lässt sich als Mischung aus asketischem Zug und Überforderungsreaktion deuten. Der Text verhandelt implizit die Frage, wie ein menschliches Herz mit der Fülle der Weltgüter umgehen kann, ohne sich zu verlieren – eine klassische moralisch-spirituelle Problematik. Von einer gefestigten Tugendmitte, die Maß und Ordnung gibt, ist das Ich allerdings weit entfernt; der „wahre Punkt“, der moralisch wie theologisch als Ort des rechten Gleichgewichts zwischen Welt und Transzendenz verstanden werden könnte, bleibt unauffindbar.

Schließlich ist die Bildwelt des Gedichts durchzogen von Vorstellungen, die auf Grenzerfahrungen des Daseins verweisen: die „weite weite Ferne“ (V. 40), die „ewigen Wogen“, das „Brausen“ des Stromes, der Flug mit Fittich und Flügeln. Diese Bilder lassen sich metaphysisch als Annäherungen an Todesnähe, Übergang, Transzendenz lesen. Der Text benennt weder Himmel noch Gericht, weder Hölle noch Paradies, bewegt sich aber dicht an diesen Bereichen entlang, indem er ein Leben schildert, das an seine Grenzen getrieben wird und sich einer „Ferne“ entgegen bewegt, die nicht einfach ein neuer Ort in dieser Welt ist. Religiöse und metaphysische Konnotationen bestehen daher weniger in klar ausformulierten Glaubenssätzen als in einem dicht gewobenen Netz von Motiven, Wortfeldern und Bildern, die das Ganze in den Horizont von Ewigkeit, Schicksal, Gnade, Schuld, Wonne und Qual stellen – bei zugleich auffälliger Abwesenheit eines ausdrücklich benannten Gottes. Diese Leerstelle macht den Text theologisch besonders interessant: Er artikuliert die Tiefenerfahrung eines nach Transzendenz geöffneten, aber nicht zur Ruhe kommenden Herzens, ohne den Namen der Transzendenz zu sprechen.

2. Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Das Gedicht thematisiert keine Moral im Sinne expliziter Gebote oder Verbote, trägt aber eine Reihe impliziter moralischer Spannungen in sich, die das Selbstverhältnis des Ich und sein Verhältnis zur Welt deutlich konturieren. Eine erste Konfliktzone liegt im Verhältnis von Verantwortung und Flucht. Das Ich bewegt sich sichtbar in Beziehungs- und Handlungssituationen: Es wohnt unter Menschen, drückt „manchem“ die Hand (V. 9), pflückt „Kränze“, schmückt „Unschuld“ (V. 11–14). All dies sind Bilder, die auf mögliche soziale, ja quasi caritative Verantwortung verweisen. Gleichzeitig legt der Text Wert darauf, dass diese Begegnungen flüchtig bleiben: „So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden“ (V. 5); „jeden hab’ ich einmal nur gesehn“ (V. 6); „ewig ewig trieb mich’s schnell zu eilen“ (V. 15). Moralisch gesprochen entsteht hier eine Spannung zwischen der Aufgabe, sich einlassen, bleiben, Verantwortung übernehmen zu können – und einem inneren Zustand, der jede Bindung unterläuft. Das Gedicht kommentiert dies nicht von außen, aber es markiert die Zone, in der aus psychischer Unruhe leicht moralische Versäumnisse werden: Das Ich könnte bei den anderen bleiben, es tut es nicht.

Eine zweite, eng verbundene Konfliktzone zeigt sich im Umgang mit der eigenen Tätigkeit und Werksverantwortung. Die Selbstbeschreibung des Ich kulminiert in der Aussage: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“ (V. 16). Das moralische Problem liegt hier weniger in einer klaren Schuldhandlung als in einer Art struktureller Unfähigkeit zur Zustimmung: Das Ich arbeitet, gestaltet, schmückt, aber es kann innerlich nicht „Ja“ zu seinem Werk sagen. Aus theologischer oder ethischer Perspektive könnte man darin ein Defizit an Dankbarkeit, Zustimmung zum eigenen Auftrag oder Berufung sehen. Der Konflikt besteht also nicht zwischen gutem und bösem Tun, sondern zwischen Tun und innerer Zustimmung: Ein Mensch tut potentiell Gutes, erlebt es aber nicht als eigenes Werk, entzieht sich innerlich. Das wirft die Frage nach persönlicher Verantwortung für die eigene Lebensführung auf: Bin ich nur Getriebener meines Geschicks, oder schulde ich meinem Leben ein aktives „Mitgehen“?

Eine weitere moralische Spannung entfaltet sich im Bereich der Weltgüter und „Süßigkeiten“. Die Formulierungen „große Süßigkeiten“ und „Überfluß der Welt“ (V. 33–35) erinnern an eine traditionelle moralisch-spirituelle Problemzone: den Umgang mit irdischen Genüssen. Doch das Gedicht bricht einfache Zuordnungen: Das Ich wird nicht als hemmungsloser Genießer, sondern als jemand geschildert, der diese Güter überhaupt nicht wahrnimmt („Ich sah sie nicht“), der „mit schnellem Fittich“ vom Überfluß weg muss. Moralisch lässt sich das doppelt lesen: einerseits als Schutz vor Verführung, als beinahe asketische Distanz zur Weltlust; andererseits als Schuld der Undankbarkeit, als Unvermögen, die guten Gaben der Welt anzunehmen. Das Gedicht legt sich nicht fest, sondern markiert gerade diese Zweideutigkeit als Konfliktzone: Zwischen Gefährdung durch die Fülle und Pflicht zur dankbaren Annahme klafft eine Lücke, in die das Ich mit seiner „unerkannten Qual“ fällt.

Ein vierter Problemhorizont betrifft das Verhältnis von Schicksal und Verantwortung. Das Ich beschreibt sich als von „flüchtigem Geschicke“ getrieben (V. 7) und schließlich von „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ in die Ferne gezogen (V. 39–40). Zugleich ist von einem „wahren Punkt“ die Rede, den es „nimmer […] erbeuten“ konnte (V. 37). Der „wahre Punkt“ lässt sich moralisch wie theologisch als Mitte, Maßstab, richtiger Ort des Lebens deuten. Dass dieser Punkt „erbeutet“ werden müsste, legt Handlung, Suche, Einsatz nahe; dass dies misslingt, verschiebt die Verantwortung teilweise auf das Ich. Der Text bleibt ambivalent: Das Ich ist Opfer eines übermächtigen Geschicks und zugleich jemand, der den ihm gestellten Punkt nicht erreicht. Damit berührt das Gedicht ein klassisches ethisch-theologisches Spannungsfeld: Wie weit kann der Mensch für sein verfehltes Leben verantwortlich gemacht werden, wenn er sich zugleich von Kräften bestimmt erlebt, die seine Möglichkeiten übersteigen?

Schließlich ist auch die Perspektive auf die anderen moralisch nicht völlig unproblematisch. Dass die „vielen vielen Leute“ als „tot und stille“ erscheinen, während sie von „hohen Lebensfreuden“ reden, kann als kritische Diagnose einer selbstzufriedenen, geistig toten Gesellschaft gelesen werden. Zugleich birgt diese Sicht die Gefahr einer stillen Überheblichkeit: Der Sprecher nimmt sich als Sehenden unter Blinden, als innerlich Bewegten unter innerlich Toten wahr. Das Gedicht wertet diesen Blick nicht ausdrücklich, macht ihn aber deutlich. In der Spannung zwischen gerechtem Urteil und möglicher Verachtung liegt eine weitere ethische Konfliktzone: Die Melancholie des Ich trägt den Keim dazu in sich, sich moralisch von den anderen abzuheben, ohne selbst aus der eigenen Unruhe herauszufinden.

3. Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis erscheint in diesem Gedicht von Anfang an als radikal begrenzt, affektiv gefärbt und nur bruchstückhaft verlässlich. Der Sprecher nimmt zwar viel wahr – er „sah“ die Leute, er „hörte“ das Brausen des Stromes, er „las in den Sternen ewiges Geschick“ –, doch keiner dieser Erkenntniswege führt zu wirklicher Klarheit, Ruhe oder Orientierung. Vielmehr zeigt sich, dass Sehen, Hören, Lesen und inneres Ergründen jeweils in eine Sackgasse oder in ein Übermaß führen, das das Ich nicht integrieren kann. Erkenntnis ist möglich, aber sie bleibt einseitig: Sie erkennt das Unheil, nicht den Weg zur Heilung; sie erkennt Zustände, ohne den eigentlichen Grund zu durchdringen.

Zunächst wird deutlich, dass die Erkenntnis des Ich durch seine innere Stimmung gefiltert ist. Was es sieht, ist von vornherein durch seine Melancholie und Entfremdung geprägt: Die „vielen vielen Leute“ erscheinen ihm „tot und stille“; die Landschaft ist „wild und öde“; es ist immer das „Fehlen“ von Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte, das benannt wird. Erkenntnis heißt hier nicht: die Welt in ihrer Vielfalt erkennen, sondern: die Welt unter dem Vorzeichen der eigenen inneren Leere wahrnehmen. Was das Ich sieht, ist damit zugleich Projektion seiner Seele. Der Text macht diese Subjektivität nicht explizit zum Thema, aber in der Konsequenz wird sichtbar: Erkenntnis ist nicht neutral, sondern affektiv gebrochene Weltwahrnehmung.

Zugleich scheitert das Ich an der Erkenntnis seiner eigenen Innerlichkeit. Mit besonderer Entschiedenheit versucht es, „in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ und „ins Herz mit Allgewalt den Blick“ zu senken. Das ist der klassische romantische und zugleich religiöse Erkenntnisweg über die Innenschau: Das Herz soll der Ort werden, an dem die tiefere Wahrheit des eigenen Daseins aufleuchtet. Doch das Ergebnis fällt negativ aus: „nimmer konnt’ es eigne Ruhe finden, / Kehrt’ trübe in die Außenwelt zurück“. Die Innenschau endet nicht in Einsicht, sondern in trüber Rückkehr. Erkenntnis der eigenen Tiefe bleibt fragmentarisch; das Herz ist Erfahrungsort, aber kein durchsichtiger Raum. Das Ich weiß, dass es unruhig ist, aber nicht warum; es spürt Qual, aber diese bleibt „unerkannt“. Damit markiert der Text eine zentrale epistemische Grenze: Die Tiefe des Inneren ist real und wirkkräftig, aber sie lässt sich nicht vollständig in begriffliche Klarheit überführen.

Ein drittes Feld der Erkenntnis ist der Blick in den Kosmos: „Las in den Sternen ewiges Geschick.“ Hier wird ein klassischer Topos angesprochen: Die Sterne als Schrift, in der das Schicksal des Menschen eingeritzt steht. Formal scheint dies der höchste Erkenntnishorizont zu sein; man könnte erwarten, dass im „lesen“ des Geschicks eine Form von Deutung und Sinngebung möglich wird. Doch der Text zeigt, dass auch diese Erkenntnis ohne praktische Orientierungskraft bleibt. Das Ich „liest“ zwar ein ewiges Geschick, aber aus dieser Einsicht folgt keine Ruhe, keine Korrektur des Weges, keine klare Auskunft über das „Warum“ seiner Unruhe. Im Gegenteil: Direkt anschließend treten die „kalten Stimmen“ auf, die eine Art objektive Deutung über das Herz aussprechen („Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“), die vom Ich jedoch nicht als eigene Wahrheit angenommen wird. Die Erkenntnis des „ewigen Geschicks“ bleibt so eine Art abstrakte, distanzierte Einsicht, die mit der gelebten Erfahrung des Ich nicht zusammenkommt.

Erkenntnistheoretisch entsteht dadurch ein paradoxes Bild: Das Ich ist in hohem Maß wissend und zugleich nicht-wissend. Es erkennt scharf die Leere seiner Umwelt, die Vergeblichkeit seines Tuns, die Unruhe seines Herzens, die Übermacht des Geschicks, den Überfluss der Weltgüter und die eigene Unfähigkeit, den „wahren Punkt“ zu finden. Diese Einsichten sind präzise, beinahe schon gnadenlos. Zugleich bleibt der innere Grund dieser Konstellation unaufgeklärt: Warum ist das Herz so unruhig? Warum greifen die guten Werke nicht durch? Warum bleibt der Überfluss der Welt unsichtbar? Warum ist das Geschick „unfühlbar mächtig“ statt durchsichtig gütig? Das entscheidende „Warum“ entzieht sich; die Qual ist „unerkannt“. Erkenntnis bleibt damit eine Erkenntnis des Symptoms, nicht der Ursache.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Text die Spannung zwischen subjektiver und vermeintlich objektiver Erkenntnis ins Spiel bringt. Die „kalten Stimmen“ sprechen gleichsam mit objektivem Ton über das Herz und seine „Wonne“. Sie könnten eine Art dogmatisch-religiöse oder gesellschaftlich akzeptierte Deutungsebene repräsentieren: Man weiß, „wie das Herz ist“ – geschaffen für Wonne, für Glück, vielleicht für Gottesnähe. Doch diese Rede bleibt kalt, außenstehend, nicht vom gelebten Affekt bestätigt. Das Gedicht stellt diese Fremdeinschätzung neben die subjektive Erfahrung, ohne sie zu harmonisieren. Erkenntnistheoretisch ist dies ein kritischer Moment: Es wird sichtbar, dass es eine Kluft geben kann zwischen dem, was „stimmt“ (im Sinn einer übergeordneten Lehre), und dem, was für das konkrete Subjekt erfahrbare Wahrheit ist.

Schließlich deutet sich in der Figur des „wahren Punkts“, den das Ich „nimmer […] erbeuten“ konnte, eine Art epistemische und existenzielle Mitte an. Dieser „Punkt“ ist nicht nur moralische, sondern auch erkenntnistheoretische Metapher: Er steht für den Ort, an dem Leben, Erkenntnis, Gefühl und Tat zusammenfallen könnten, für eine zentrale Einsicht oder Erfahrung, von der aus das Ganze sich ordnet. Dass dieser Punkt nicht gefunden wird, markiert den tiefsten epistemischen Konflikt des Gedichts: Der Mensch weiß um die Möglichkeit einer solchen Mitte – sonst könnte er sie nicht suchen –, aber in seinem konkreten Weg bleibt sie unzugänglich. Erkenntnis bleibt daher im Zustand der Suche, der Annäherung, des tastenden Sehens – aber sie erreicht nicht den „Punkt“, an dem sie zur heilenden, ordnenden Wahrheit würde.

Zusammengefasst zeigt das Gedicht menschliche Erkenntnis als ernsthaften, aber scheiternden Versuch, das eigene Leben, die Welt und das Geschick zu verstehen. Die Sinne nehmen wahr, das Herz fühlt, der Geist deutet – doch all diese Akte bleiben zersplittert. Der Mensch sieht viel, erkennt Bruchstücke, benennt seine Unruhe, vermag aber weder ihr letztes Warum noch den Weg in eine versöhnte Ordnung zu erkennen. In dieser Konstellation spiegelt sich eine spezifisch romantische Erkenntnissituation: Das Subjekt ist tief sensibilisiert für die Abgründe des Daseins, seine Erkenntnis ist hellwach, aber gerade diese Hellsicht führt nicht zur Ruhe, sondern zu einer gesteigerten Erfahrung der Unaufgelöstheit.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

1. Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Die Bildsprache des Gedichts arbeitet in hohem Maß mit Verdichtungen zwischen Außenwelt und Innenzustand. Metaphern, Symbolworte und ganze Bildfelder stellen selten bloß „Dekoration“ dar, sondern fungieren als Formen, in denen das existentiell-psychische Geschehen sichtbar wird. Die Landschafts- und Naturbilder etwa – „wild und öde“ (V. 17), ohne Morgenrot, Abendschein, Wind und Hirtenflöte – beschreiben nicht nur eine objektive Szenerie, sondern sind unmittelbarer Ausdruck des Wahrnehmungszustands des Ich. Die Abwesenheit von Licht, Klang und frischer Bewegung ist die äußere Gestalt der inneren Erfahrung von Stille, Erstarrung und fehlender Resonanz. Die Bilder haben hier eine projektive Funktion: Sie tragen das Innen nach außen, machen die Unruhe und Leere des Herzens in der Welt sichtbar.

Eine zweite, zentrale Bildgruppe ist das Flug- und Bewegungsfeld: „flüchtiges Geschicke“ (V. 7), „Des eignen Fluges kühne Flügel sausen“ (V. 23 f.), „mit schnellem Fittich gleiten“ (V. 35), das stumme Zählen der „Flügelschläge Zahl“ (V. 38). Diese Metaphorik übersetzt das Getriebensein des Ich in eine dynamische, aber nicht frei wählbare Bewegung. Der „Flug“ könnte in einer anderen Konstellation Aufstieg, Freiheit, Erhebung bedeuten; hier wird er zum Bild einer unaufhaltsamen, nervösen, fast gehetzten Existenz. Besonders deutlich ist dabei der Übergang vom „kühnen“ Flug (V. 23) zum bloßen Zählen der Flügelschläge (V. 38): Die Metapher durchläuft eine innere Verwandlung, vom scheinbar heroischen Gestus hin zur passiven Selbstbeobachtung. Bildlich wird so die Entwicklung vom aktiven Selbstentwurf zum Erleiden eines kaum noch steuerbaren Bewegungszwangs sichtbar.

Mit dem Wogen- und Wasserbild am Schluss („Von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen / In weite weite Ferne hingezogen“, V. 39–40) tritt eine weitere symbolische Schicht hinzu. Wasser und Wellen erscheinen hier als Chiffre übermächtiger, nicht durchdringbarer Lebens- oder Schicksalskräfte. Dass diese Wogen „unfühlbar mächtig“ genannt werden, markiert sie als paradoxes Symbol: Sie sind mächtig, ohne als „wärmend“ oder „tragend“ erfahren zu werden; sie entziehen sich jeder unmittelbaren Empfindung, und gerade deswegen sind sie nicht zu fassen. Diese Metapher hat eine metaphysische Funktion: Sie fasst in ein Bild, dass das Leben des Ich in einen größeren, überpersönlichen Strom eingelassen ist, der es in eine nicht näher definierte Ferne zieht, ohne dass dieser Strom als sinnvoll oder gütig begriffen würde.

Besonders stark symbolisch aufgeladen sind einzelne Schlüsselwörter wie „Herz“, „Unschuld“, „Wonne“, „Überfluß“ und vor allem der „wahre Punkt“. Das Herz fungiert als innerer Zentralraum, in dem sich psychische und theologische Dimensionen überlagern: Hier sollte sich Ruhe, Mitte, vielleicht Gottesnähe finden – tatsächlich herrschen Unruhe und „unerkannt[e] Qual“. Das Wort „Unschuld“ (V. 13) ist mehr als eine moralische Eigenschaft; es trägt eine fast christologisch getönte Symbolik von Reinheit, Verletzlichkeit, Gnadenbedürftigkeit. Dass das Ich diese „verlassene“ Unschuld „schmückt“, markiert einen Moment von Gnade oder Caritas – zugleich bleibt die Szene episodisch und verweist auf die Fragilität solcher Gnadenmomente.

In der Formulierung „große Süßigkeiten“ und „Überfluß der Welt“ (V. 33–35) bündeln sich Symbolwörter für weltliche Lust, Fülle, Genuss. Ihre Funktion ist doppelt: Sie benennen einerseits die objektive Möglichkeit von Glück in der Welt; andererseits erscheinen sie als etwas, was dem Ich entzogen bleibt. Gerade die kindlich-leicht wirkende Metaphorik „Süßigkeiten“ steht im schroffen Kontrast zur Schwere des inneren Zustands – damit wird das Auseinanderfallen von möglicher Freude und realer Erfahrung besonders eindringlich markiert. Der „wahre Punkt“ schließlich (V. 37) ist eine hochkonzentrierte Symbolformel für den Ort, an dem Leben, Sinn, Erkenntnis und Ruhe zusammenfallen könnten. Dass dieser Punkt „nimmer“ erbeutet wird, verleiht dem Gedicht seine zentrale existentielle Schärfe: In einem einzigen Bildwort wird die verfehlte Mitte, der ausbleibende Sinnhorizont verdichtet.

Insgesamt lassen sich die Metaphern und Symbolworte des Gedichts als Träger einer dreifachen Funktion verstehen: Sie übersetzen psychische Zustände in anschauliche Szenen (Landschaft, Flug); sie öffnen den Blick auf einen metaphysischen Hintergrund (Ewigkeit, Geschick, Wogen); und sie markieren in Schlüsselworten („Herz“, „Unschuld“, „wahrer Punkt“) die Orte, an denen sich die tiefste Spannung zwischen Sehnsucht und Scheitern verdichtet. Bildwelt und Symbolik sind damit das eigentliche Medium, in dem der existentiell-theologische Gehalt überhaupt erst greifbar wird.

2. Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Auffällig ist zunächst, dass das Gedicht fast vollständig ohne Imperative auskommt. Es gibt keinen direkten Zuspruch, keine Aufforderung an ein Du, keinen expliziten Ruf an Gott oder die Welt. Diese Abwesenheit von Imperativen passt zur Grundstruktur des Textes: Statt auf Handlung und Veränderung hinzusprechen, legt das Gedicht einen Zustand offen; es ist mehr Protokoll einer existentiellen Lage als Appell zu einem neuen Beginn. Die rhetorische Gestalt ist daher durch Narrative und Beschreibungen, nicht durch Befehlsformen geprägt – ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Ich sich primär als Getriebener, nicht als aktiv Setzender erlebt.

Eine zentrale Rolle spielen dagegen Wiederholungen. Sie strukturieren den Text auf Klang- und Bedeutungsebene und tragen die Erfahrung des Übermaßes und der Unruhe. Gleich im ersten Vers deutet „vielen vielen Leuten“ eine Überfüllung an; die Verdopplung intensiviert das Quantitative und verleiht dem Bild etwas Beschwörendes. Ähnlich wirkt „ewig ewig trieb mich’s“ (V. 15): Die doppelte Wiederholung des Adverbs „ewig“ löst sich von der nüchternen Zeitangabe und wird zu einem affektiven Dauerzustand. Noch einmal wird diese Figur im Schlussbild der „weiten weiten Ferne“ (V. 40) aufgegriffen: Wieder erzeugt die Doppelung das Gefühl grenzenloser Ausdehnung. Die semantische Wiederkehr des Wortes „nimmer“ in Schlüsselversen (V. 7, 16, 27, 37) wirkt wie ein negativer Refrain; sie hält das Ausbleiben von Ruhe, Erfüllung, Zielbestimmung wie in Schlägen fest und verknüpft die Strophen innerlich.

Darüber hinaus setzt das Gedicht auf Anaphern und Reihungen, die eine gewisse Beschleunigung und zugleich Monotonie erzeugen. Die Häufung von „Und“ am Versbeginn – insbesondere in den ersten beiden Strophen – („Und sah…“ – „Und liebten…“ – „Und manchem…“ – „Und hab’…“ – „Und hab’…“) lässt die Sätze wie in einer langen Kette von Eindrücken aneinanderhängen. Diese Polysyndeton-Struktur macht das Erleben des Ich als nicht unterbrochene, nicht klar gegliederte Folge von Erfahrungen spürbar; alles reiht sich aneinander, ohne dass ein ordnender Einschnitt gesetzt würde. In der dritten Strophe übernehmen die negierenden Reihungen „Kein… kein… kein…“ und „keines“ diese Funktion: Die Wiederholung des Verneinungspartikels erzeugt einen Sog ins Leere, eine zunehmende Erfahrung des Nichts, die den Eindruck der öden Welt sprachlich nachvollzieht.

Auf der Laut- und Klangebene finden sich zahlreiche Assonanzen und Alliterationen, die die Stimmung zusätzlich färben. Die Reimfelder selbst (z. B. Leuten – Freuden – Scheiden; stehn – drehn – gesehn) verbinden semantisch verwandte oder kontrastierende Bereiche durch ähnliche Lautgestalt und tragen so zur inneren Verklammerung bei. Klanglich eindrucksvoll ist etwa die Reihung der „w“- und „f“-Laute in der Schlussstrophe („Fittich“, „Flügelschläge“, „Ferne“, „Wogen“, „unfühlbar“): Die Reibungslaute lassen das Flattern, Rauschen und Strömen im Klangraum präsent werden und verstärken die Vorstellung eines unaufhörlichen, leicht unheimlichen Bewegungsrauschens. Lautfiguren dienen hier nicht als Spielerei, sondern als akustischer Träger des Unruhigen.

Wesentlich für die Wirkung ist auch der Umgang mit syntaktischer Beschleunigung und Brechung. Die Sätze sind häufig weit gespannt; sie ziehen sich über mehrere Verse und Strophenhälften hinweg. Dadurch entsteht ein Gefühl des „Nicht-zum-Ende-Kommens“, das die innere Unruhe formelhaft wiedergibt. Beschleunigt wird der Rhythmus, wo viele Teilsätze durch „und“ aneinandergefügt werden – die Sprache läuft gleichsam dem eigenen Inhalt hinterher. Demgegenüber stehen Momente der Brechung, in denen der Vers mitten im syntaktischen Zusammenhang abbricht und in den nächsten Vers hinüberführt. Ein besonders markantes Beispiel ist „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort…“ (V. 7–8): Die Versgrenze fällt mitten in die Subjekt-Verb-Verbindung; „flüchtiges Geschicke“ hängt kurz in der Luft, ehe „trieb“ nachgeliefert wird. Diese Verzögerung lässt das „Geschick“ selbst wie eine isolierte, belastende Größe hervortreten.

Der Effekt solcher syntaktischer Dehnungen und Brüche ist doppelt: Einerseits entsteht ein drängender, nie ganz zur Ruhe kommender Sprachfluss, der die Rastlosigkeit des Ich auf Formebene spiegelt. Andererseits erzeugen einzelne Bruchstellen kleine Stolpermomente im Lesen, die das Gesagte akzentuieren – etwa beim „wahren Punkt“, den man „nimmer“ erbeutet, oder bei den „ewigen Wogen“, deren Adjektiv- und Genitivgruppe sich über zwei Verse erstreckt. Insgesamt zeigt sich: Wiederholungen, Lautfiguren und syntaktische Gestaltung arbeiten mit der semantischen Ebene Hand in Hand. Sie verstärken die Wahrnehmung des Übermaßes, der Leere, des Getriebenseins und machen den inneren Zustand des Ich nicht nur gedanklich, sondern leiblich im Sprachrhythmus erfahrbar.

3. Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Die Klanggestaltung trägt wesentlich dazu bei, die innere Bewegtheit und die unterschiedlichen Schichten der Stimmung hörbar zu machen. Auffällig ist zunächst der Wechsel der Klangfarben: In vielen Schlüsselformulierungen verdichten sich dunkle Vokale (o, a, u) zu einem schwereren, getragenen Ton, während helle Vokale (i, e, ü) eher nervöse Schärfe und innere Spannung markieren. Gleich der Beginn verbindet beides: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten / Und sah sie alle tot und stille stehn“. Die Kombination von offenen o- und a-Lauten in „wohnte“, „Leuten“, „sah“, „tot“ mit den geschlossenen i- und e-Lauten in „vielen“, „stille“ erzeugt ein Mischklima aus dumpfer Schwere und innerer Überreiztheit – genau die Mischung, die den seelischen Zustand des Ich ausmacht: überfüllt und doch innerlich leer. Ähnlich wirkt die dritte Strophe mit ihren o- und a-Reihen: „Morgenrot“, „goldner Abendschein“, „Hain“, „Tal“, „Flöte“, „erstarrt“; hier wird die Verödung der Welt durch gedehnte, dunkle Vokale klanglich in eine Art stillstehenden, schweren Raum übersetzt.

Hinzu kommen Alliterationen und Assonanzen, die einzelne Bilder klanglich bündeln. In der Naturstrophe verbindet die Wiederkehr von k- und w-Lauten die negativen Feststellungen zu einem Klangband: „Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte“ – die Alliteration von „kein – kühler“ und die Binnenwiederholung des w/v-Lautes („Wind – Wipfel – wehte“) lässt den Ausfall der erfrischenden Bewegung hörbar werden. In der Schlussstrophe bündeln sich f- und w-Laute in einer dichten Folge: „Fittich“, „Flügelschläge“, „weite weite Ferne“, „Wogen“, „unfühlbar“. Diese Lautreihe evoziert ein Rauschen, Flattern, Strömen; sie gibt dem Bild von Flug und Wellen eine akustische Dimension. Alliteration und Assonanz sind hier nicht dekorativ, sondern sie ziehen semantisch zusammen, was innerlich zusammengehört: die Bewegungsbilder der letzten Strophe werden durch wiederkehrende Lautgestalten zusammengebunden.

Die Reimfelder arbeiten ebenfalls mit Assonanz und Klangnähe und verstärken so bestimmte Motivkomplexe. Die A-Reihe der ersten Strophe (Leuten – (Lebens-)freuden – Scheiden) verbindet soziale Zugehörigkeit, Lust und Trennung in einem einzigen Klangraum: Die o/eu/ei-Folge prägt die ganze Strophe, so dass Nähe, verfehlte Freude und Abschied klanglich verschränkt werden. In der dritten Strophe tragen die A-Reime „öde – wehte – Flöte“ dieselbe Funktion: Die Klangverwandtschaft der langen, offenen Vokale verbindet den Eindruck der Öde mit dem ausgefallenen Klang der „Flöte“. In der Schlussstrophe verschmelzen „Süßigkeiten – gleiten“ über das -ei- / -ei- zu einem Feld: Die Süße der Welt und das Gleiten daran vorbei gehören innerlich zusammen; die Assonanz macht hörbar, dass beides Teil derselben spannungsreichen Konstellation ist.

Von großer Bedeutung sind auch die Binnenrhythmen, also die kleineren rhythmischen Bewegungen innerhalb der Verse. Brentano schichtet häufig zwei- oder dreigliedrige Reihen, die durch Kommas getrennt sind, in denen Betonungen eng aufeinander folgen und so ein wellenförmiges Auf- und Ab der Hebungen erzeugen. In Vers 17–19 etwa: „Rund um mich war die Landschaft wild und öde, / Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte“. Hier ist jeder Vers in sich rhythmisch gegliedert: erst ein Auftakt („Rund um mich“, „Kein Morgenrot“, „Kein kühler Wind“), dann eine Steigerungsbewegung mit mehreren betonten Silben („Landschaft WILD und ÖDE“, „GOLDner ABENDSCHEIN“, „DUNKle WIPfel WEHte“). Diese Binnenrhythmen lassen die Verse pulsieren und machen das Erleben von Abwesenheit und Leere nicht statisch, sondern als stetig wiederkehrende Welle erfahrbar.

Ähnlich arbeitet die fünfte Strophe: „Mußt’ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten“ hat im Inneren eine beschleunigende Folge von Hebungen („SCHNELLem FITTich GLEIten“), die das Bild des hastigen Wegfliegens tragen. In „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“ liegt die rhythmische Spannung auf „NIMmer ICH den WAHren PUNKT erBEUten“; die Hebungsfolge bündelt das Scheitern am „wahren Punkt“ in einer hörbaren Verdichtung. Der Vers läuft nicht glatt dahin, sondern zieht den Klang auf das Scheitern hin zusammen. So tragen die Binnenrhythmen wesentlich dazu bei, Druck, Stockung, Überfülle oder Sog innerhalb des ansonsten relativ regelmäßig gegliederten Fünfheber-Musters zu erzeugen.

4. Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Die Sprache des Gedichts ist so gebaut, dass sie wechselweise Druck, Enge und Überfülle einerseits und weite Ausdehnung andererseits erfahrbar macht – während wirkliche Ruhe und eigentliche Ekstase auffällig ausbleiben oder nur am Rand angedeutet werden. Sprachlicher Druck entsteht vor allem durch die Häufung von Negationen, durch Verdoppelungen und durch eng gestaffelte Hebungen. Die dritte Strophe mit ihren Reihungen „Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind… / … kein[es] Hirten Flöte“ arbeitet mit einer Serie von „kein“ und „keines“, die die Verszeilen gleichsam von innen her leert. Der Leser wird von Verneinung zu Verneinung geführt; jedes „kein“ verschließt einen weiteren möglichen Ort von Wärme, Licht oder Klang. So entsteht ein sprachlicher Druck, der sich als zunehmende Beklemmung, als Verdichtung der Leere anfühlt.

Druck und Enge zeigen sich auch in Formulierungen wie „im kleinsten Kreis“ oder „hinabgedrückt von unerkannter Qual“. In der ersten Strophe beschreibt „kleinster Kreis“ nicht nur eine soziale Enge, sondern eine sprachliche Kompression: zwei kurz aufeinander folgende einsilbige Wörter, beide mit Kernkonsonanten, lassen das Bild des Zusammengedrückt-Seins hörbar werden. Ähnlich in „hinabgedrückt“: die Konsonantenhäufung (h-n-b-g-d-r-ück-t) erzeugt eine schwere, blockierende Klanggestalt, die den Druck fast körperlich spürbar macht. Die Sprache bildet hier nicht einfach ab, sondern ahmt im Laut- und Silbengefüge nach, was gemeint ist: die Erfahrung von Abwärtsbewegung, Last und Unmöglichkeit des Aufrichtens.

Weite entsteht dagegen durch Wörter und Konstruktionen, die Raum öffnen und die Dauer oder Ausdehnung betonen. Bereits „vielen vielen Leuten“ gibt ein Gefühl von Überfülle und Ausgedehntheit; die Verdopplung des Adverbs „vielen“ lässt die Menge in die Breite wachsen. Noch deutlicher ist dies im Schluss: „In weite weite Ferne hingezogen“. Hier öffnet die Wiederholung von „weite“ den Raum in fast grenzenlose Distanz. Grammatisch gibt es keinen Einengungsimpuls mehr; der Vers fließt auf eine weite, offene Vokalfolge hin („weite weite Ferne“), so dass der sprachliche Eindruck von Raum und Entfernung unmittelbar spürbar wird. Gleichzeitig bleibt diese Weite ambivalent: Sie ist keine befreiende Weite im Sinn gefundenen Horizonts, sondern Ausdruck der Entfernung von jedem Halt.

Zwischen Enge und Weite steht ein bestimmter Typ von sprachlichem Übermaß, der sowohl Druck als auch Ekstase berührt, aber nie in eine positive, befreiende Ekstase umschlägt. Verdopplungen wie „ewig ewig trieb mich’s“ und „weite weite Ferne“ dehnen den Ausdruck über das Maß des gewöhnlichen Sprechens hinaus. Sie wirken wie eine sprachliche Steigerungsfigur, die in Richtung Ekstase zeigt: Etwas ist nicht nur „ewig“, sondern „ewig ewig“; die Ferne ist nicht nur „weit“, sondern „weite weite“. In mystischen Texten könnten solche Wiederholungen einen ekstatischen Überschuss markieren. Hier aber ist der semantische Rahmen negativ: Das „ewig ewig“ gehört zum Getriebensein, die „weite weite Ferne“ zum Fortgerissenwerden. Die Sprache tastet die Form der Ekstase an, aber der Inhalt bleibt der einer gesteigerten Unruhe. Man könnte sagen: Die Gestalt ist ekstatisch, die Substanz ist Verlorenheit.

Ruhe ist demgegenüber nur in einer eigentümlich gebrochenen Weise vorhanden. Es gibt Verse, deren syntaktische und klangliche Struktur einen Moment der Abrundung erzeugt, etwa „Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein“. Hier fällt der Satz mit der Verszeile zusammen; der Rhythmus wirkt abgeschlossen, der Reim schließt den Klang. Doch was inhaltlich ausgesagt wird, ist gerade „Erstarrung“ – also eine negative, tote Form von Ruhe. Die Sprache kann also punktuell Ruheformen bereitstellen, aber diese Ruhe ist inhaltlich Stillstand, nicht Versöhnung. Wo das Ich eine gute Ruhe sucht – im „Herz“, das „eigene Ruhe“ finden soll –, bleibt sie aus. In der sprachlichen Oberfläche erscheint Ruhe am deutlichsten in den harten Vollschlüssen der Verse, deren Sinn eine Endgültigkeit betont: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“, „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“. Hier beschließen Klang und Syntax einen Gedanken mit Nachdruck; was sich schließt, ist aber gerade die Erkenntnis der Verfehlung.

Ekstase im engeren Sinne – als Aufsprengung des Ich in eine positive Überfülle – kommt einzig im Zitat der „kalten Stimmen“ in Reichweite: „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“. Die Formulierung „vor Wonne verzagen“ gehört in die Nähe mystischer Sprache, in der die Erfahrung göttlicher Gegenwart so überwältigend wird, dass das Herz „zerfließen“ oder „vergehen“ möchte. Aber diese Zeile gehört nicht zur Eigenrede des Ich, sondern zur Rede fremder Stimmen, die als „ganz kalt“ qualifiziert sind. Die Sprache skizziert hier ein ekstatisches Modell, das dem Ich selbst fremd bleibt. Druck und Weite sind so realisiert, Ekstase bleibt als ausgelagertes, fremdes Modell im Zitat, und Ruhe erscheint nur als Erstarrung oder als nie erreichte Sehnsucht. Die rhetorische Energie der Sprache besteht gerade darin, diesen Spannungszustand nicht aufzulösen, sondern in Klang, Rhythmus und syntaktischer Bewegung immer neu erfahrbar zu machen.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

1. Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht als ein grundsätzlich auf Gemeinschaft, Sinn und Ruhe hin angelegtes, zugleich aber radikal unruhiges und zerrissenes Wesen. Von Beginn an ist er kein isoliertes Einzelwesen, sondern ein Mitmensch unter anderen: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“. Damit ist angedeutet, dass der Mensch auf ein Leben mit anderen hin geschaffen ist; Wohnen setzt Dauer, Nähe, Alltag voraus. Doch gerade dieses „Mit-den-Anderen-Sein“ gelingt nicht. Die anderen bleiben „tot und stille“, das Kommen des Ich ist „schon ein ewig Scheiden“, jede Begegnung bleibt einmalig und ohne Wiederkehr. Anthropologisch gesehen wird der Mensch damit als ein Wesen gezeichnet, das auf Bindung hin geschaffen ist und zugleich in einer Situation lebt, in der Bindung immer wieder misslingt.

Zugleich ist der Mensch bei Brentano deutlich als inneres, tiefensensibles Wesen gestaltet. Er trägt ein Herz, in dessen „Tiefe“ der Blick „mit Allgewalt“ gesenkt werden kann; er ist also zur Selbstreflexion, zur Innenschau, zu geistiger und seelischer Vertiefung fähig. Aber diese Fähigkeit führt nicht automatisch zu Klarheit oder Heilung. Das Herz „findet nimmer eigne Ruhe“, kehrt „trübe in die Außenwelt zurück“, eine „unerkannt[e] Qual“ liegt über dem Ganzen. Der Mensch ist damit ein Wesen, das zwar über die Fähigkeit verfügt, sich selbst zu befragen und zu durchdringen, das aber die eigene Tiefe nicht vollständig versteht. In ihm wohnt ein Mehr, eine Unruhe, ein Schmerz, der über seinen begrifflichen Zugriff hinausgeht. Anthropologisch entsteht das Bild des Menschen als unfertiges, auf Transzendenz hin offenes, aber nicht versöhntes Herz.

Ein drittes Charakteristikum ist die Spannung von Aktivität und Getriebensein. Der Mensch handelt: Er drückt Hände, pflückt Kränze in sich selbst, schmückt die verlassene „Unschuld“, er fliegt, gleitet, zählt die Schläge seiner Flügel. Diese Verben zeigen einen Menschen, der gestaltet, wirkt, sich einsetzt. Gleichzeitig wird über all diesen Tätigkeiten das Gefühl formuliert, nicht Herr seines Weges zu sein: „flüchtiges Geschicke“ treibt ihn „wild“ fort, „ewige Wogen“ ziehen ihn in die Ferne. Der Mensch ist also weder reines Opfer eines blinden Schicksals noch souveräner Autonomieträger; er steht in einem Zwischenzustand, in dem eigenes Tun und Schicksalsmächte ineinandergreifen. Anthropologisch gesehen erscheint er als Mit-Spieler in einem größeren Gefüge: verantwortlich und tätig – und doch immer auch von Kräften abhängig, die seine Möglichkeiten übersteigen.

Schließlich wird der Mensch als ein Wesen gezeigt, das zwischen Fülle und Armut, zwischen Überfluss und innerer Leere steht. Die Welt ist reich: „hohe Lebensfreuden“, „große Süßigkeiten“, „Überfluß der Welt“ – all das sind Bilder dafür, dass es objektiv Möglichkeiten des Glücks, der Lust, der Freude gibt. Das Ich sieht diese Süßigkeiten nicht, muss am Überfluss vorbeigleiten, kann den „wahren Punkt“ nicht erbeuten. Der Mensch weiß also von einer Fülle, die ihm zugedacht zu sein scheint, aber er lebt faktisch in der Erfahrung innerer Armut. Anthropologisch bedeutet das: Der Mensch wird als auf Glück, Wonne, Erfüllung hin entworfenes Wesen beschrieben, das seine Bestimmung kennt, sie ahnt oder gespiegelt bekommt – und doch faktisch an der Realisierung dieser Bestimmung scheitert. Er ist ein „Zwischenwesen“ zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, Sehnsucht und Scheitern, Transzendenzöffnung und Unruhe.

2. Welche Rolle spielt das Gegenüber für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber – Menschen, Natur, kosmisches Geschick, fremde „Stimmen“ – ist für die Selbstdeutung des Ich unverzichtbar, aber es erfüllt diese Rolle in einer paradoxen Weise: Es dient dem Ich ständig als Spiegel und Kontrastfolie, ohne je zu einem wirklichen dialogischen Partner zu werden. Zunächst sind die „vielen vielen Leute“ der erste Spiegelraum: In ihrer Leblosigkeit („tot und stille“) und ihrem Kreisen im „kleinsten Kreis“ erkennt das Ich eine Welt, in der es selbst keinen Platz findet. Indem es die anderen als innerlich tot wahrnimmt, gewinnt es einen Begriff von der eigenen Lebendigkeit – allerdings einer Lebendigkeit, die nicht zur Ruhe kommt, sondern in unablässigem Scheiden und Weiterziehen besteht. Der Mensch versteht sich hier im Kontrast zur Menge: Die Selbstdeutung vollzieht sich als Abgrenzung von einer Welt, die zwar von „hohen Lebensfreuden“ redet, aber innerlich nicht lebendig erscheint.

Die Natur übernimmt eine ähnliche Funktion. Die „wild und öde“ Landschaft, das „Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein“, das Ausbleiben von Wind und Hirtenflöte: All das bildet eine Außenwelt, in der sich die innere Verlassenheit des Ich abbildet. Die Welt antwortet nicht, gerade darin deutet sie dem Ich seinen Zustand. Indem der Sprecher feststellt, dass „die Welt schien […] in sich erstarrt zu sein“, erkennt er zugleich die eigene Erstarrung und Unruhe. Die Natur ist nicht nur „Gegenstand“, sondern Sprachraum seiner eigenen Verfassung: Was er im Außen beschreibt, sagt ihm etwas über sein Innen. So wird die Welt zu einem Spiegel, in dem sich das Ich liest – und doch bleibt die Natur selbst stumm, sie sagt ihm nichts, was er nicht schon in sich trägt.

Eine besondere Rolle spielen die „kalten Stimmen“ (V. 31–32). Sie sind das einzige ausdrücklich markierte sprechende Gegenüber im Text. Inhaltlich liefern sie eine Deutung des Herzens („Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“), die wie eine objektive, vielleicht sogar theologisch grundierte Aussage wirkt: Das Herz ist für Wonne bestimmt, für eine überströmende Fülle. Gerade weil diese Stimmen „kalt“ sind, bleibt ihre Deutung dem Ich fremd. Und gerade darin wird ihre Rolle für die Selbstdeutung wichtig: Sie zeigen ihm, was er sein könnte – ein Herz, das vor Wonne vergeht –, und gleichzeitig, was er faktisch nicht ist. Diese Stimmen liefern so etwas wie eine „Fremddiagnose“ seiner Bestimmung und seines Zustands; sie markieren die Kluft zwischen Berufung und gelebter Wirklichkeit. Das Ich versteht sich im Spannungsfeld zwischen diesem fremden Anspruch und der eigenen Erfahrung von Unruhe und Qual.

Auch das kosmische Gegenüber – die Sterne, das „ewige Geschick“, die „ewigen Wogen“ – trägt zur Selbstdeutung bei. Indem das Ich „in den Sternen ewiges Geschick“ liest, erlebt es sich als Teil eines größeren Zusammenhangs, der sein Leben umfasst. Es ist nicht bloß ein Zufallsprodukt, sondern eingebunden in eine Ordnung, die über es hinausgeht. Gleichzeitig erfährt es dieses Geschick als „flüchtig“, „unfühlbar mächtig“ und als Kraft, die es forttreibt und hinabdrückt. Die Selbstdeutung bewegt sich daher zwischen dem Gefühl, von einer höheren Ordnung umfasst zu sein, und dem Empfinden, von einer unverständlichen Macht überwältigt zu werden. Das Gegenüber „Geschick“ zeigt dem Ich seine Begrenztheit, seine Abhängigkeit und seine Ohnmacht – und gerade dadurch wird der Mensch sich seiner selbst bewusst als eines Wesens, das nicht Ursprung seiner selbst ist, sondern Antwortender, Reagierender, Erleidender.

Schließlich ist auch der implizite Leser Teil dieses Gegenübers. Das Ich spricht monologisch, aber seine Rede ist so gebaut, dass sie wie eine Lebensbeichte vor einem stummen Zeugen wirkt. Indem es vor diesem imaginären Gegenüber seine Geschichte entfaltet, macht es sich selbst durchsichtig – soweit das überhaupt möglich ist. Die Selbstdeutung vollzieht sich also wesentlich als Sprechen vor einem anderen, auch wenn dieser andere im Text nicht benannt ist. Der Mensch wird damit als ein Wesen sichtbar, das sich selbst nur im Horizont des Anderen verstehen kann: im Spiegel der Menschenmenge, der Natur, der kosmischen Ordnung, fremder Stimmen – und eines nicht genauer bestimmten, hörenden Gegenübers. Dass all diese Gegenüber dem Ich zugleich entzogen bleiben, dass sie nicht in echte Gegenseitigkeit übergehen, gehört zur tragischen Pointe des Gedichts: Der Mensch braucht das Gegenüber, um sich zu deuten – und doch bleibt er genau an diesem Punkt in einer schmerzhaften Halb-Beziehung stecken.

3. Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Im Zentrum des Gedichts steht als erste Leitfigur der Getriebene, der Mensch als vom eigenen Geschick unablässig Fortbewegter. Schon in der ersten Strophe ist das Dasein des Ich nicht als ruhiges Wohnen, sondern als „ewig Scheiden“ markiert; ein „flüchtiges Geschicke“ treibt es „wild“ fort, selbst dort, wo es sich „gleich zurücke“ sehnt. Der Mensch erscheint damit als Grundfigur des Unbehausten, der nie bei sich selbst und bei den anderen ankommt. Diese Figur ist nicht einfach ein Reisender oder Wanderer, der auf ein Ziel hin unterwegs wäre, sondern ein von einer schwer durchschaubaren Macht Angestoßener, dessen Weg aus lauter Abschieden besteht. Anthropologisch gesprochen: Der Mensch wird als Wesen entworfen, das leben muss, ohne je wirklich anzukommen.

Eng damit verbunden ist eine zweite Leitfigur, die man als die des Herz-Menschen bezeichnen kann: der Mensch als innerlich unruhiges, auf Tiefe angelegtes, aber nicht versöhntes Wesen. Das Herz ist im Gedicht der Ort, an dem sich alles entscheidet: dorthin senkt der Sprecher „mit Allgewalt den Blick“, dort sucht er Ruhe, dort sitzt die „unerkannt[e] Qual“. Diese Figur erinnert an die große europäische Tradition vom „unruhigen Herzen“, das auf eine letzte Ruhe hin geschaffen ist, diese Ruhe aber im Zustand der Entfremdung nicht findet. Der Mensch ist in dieser Leitfigur nicht primär Körper oder Rollenwesen, sondern innerer Abgrund: Er lebt aus einem Zentrum, das er nicht beherrscht und dessen Bewegungen er nur tastend zu deuten vermag.

Eine dritte Leitfigur ist die des Geflügelten Schwellenwesens, halb Mensch, halb Vogel- oder Engelfigur, das zwischen Erde, Himmel und unbestimmter Ferne oszilliert. Motive wie „Flug“, „Fittich“, „Flügelschläge“ verleihen dem Ich einen Zug ins Überirdische, ins Bewegte, ins Entrückt-Werden. Es ist kein bodenständig im „Haus“ verankertes Wesen, sondern einer, dessen Dasein sich in der Höhe, in der Luft, zwischen Strömen und Wogen abspielt. Diese geflügelte Gestalt steht anthropologisch für den Menschen als Grenzgänger: nicht mehr einfach im Kreis der anderen aufgehoben, noch nicht in einer höheren Ordnung angekommen, sondern zwischen beiden Sphären hin und her getrieben. Der Mensch ist damit „Schwellenwesen“ zwischen Immanenz und Transzendenz, ohne festen Standpunkt.

Schließlich tritt als Leitfigur auch der Beichtende oder Bilanzierende hervor: der Mensch, der sein Leben vor einem unausgesprochenen Gegenüber in Sprache bringt. Das Gedicht ist durchgehend eine Rückschau; der Sprecher ordnet, benennt, fasst zusammen. Es ist, als stünde er vor einem stillen Richter oder Zeugen – sei es Gott, ein anderer Mensch oder das eigene Gewissen – und lege Rechenschaft ab. Dass niemand ausdrücklich angeredet wird, macht diese Figur nur umso typischer: Der Mensch ist als einer gefasst, der sich selbst im Sprechen zu verstehen versucht und dessen Selbstdeutung immer schon den Schatten eines Anderen im Raum hat. Getriebener, Herz-Mensch, geflügeltes Schwellenwesen und Beichtender bilden zusammen das anthropologische Profil: ein Wesen der Unruhe, das zwischen Welt und Ewigkeit hängt, zur Tiefe fähig ist, aber in dieser Tiefe keine Ruhe findet.

4. Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Im Verhältnis zu Grenzen erscheint der Mensch zunächst als einer, der überall auf Begrenzung stößt und sie zugleich ständig überschreitet – jedoch ohne in eine gelingende Weite zu gelangen. Er lebt „im kleinsten Kreis“ der anderen, sieht sie in ihrer inneren Begrenztheit, erfährt die Landschaft als „erstarrt“ und leer, stößt im Herzen auf die Grenze des eigenen Verstehens und steht schließlich vor der Grenze eines „ewigen Geschicks“, das er lesen, aber nicht durchdringen kann. Zugleich überschreitet er diese Grenzen permanent: Er wird fortgetrieben, durchquert Räume, verfolgt den Blick bis in die Sterne, wird von „ewigen Wogen“ über alle vertrauten Räume hinaus in die „weite weite Ferne“ gezogen. Grenzen sind für ihn nie einfach feste Ränder, sondern Zonen, an denen sein Weg weitergeschoben wird, ohne dass er irgendwo wirklich ankommt. Der Mensch steht damit im Spannungsfeld zwischen notwendiger Begrenztheit und einem Schicksal, das ihn unablässig über seine Grenzen hinaustreibt.

Das Begehren des Menschen ist im Gedicht deutlich, zugleich tief ambivalent gezeichnet. Auf der einen Seite sehnt sich das Ich nach Nähe, Vertrautheit, Heimat, innerer Ruhe, nach dem „wahren Punkt“, an dem alles zusammenfallen könnte. Es wendet sich den Menschen zu, drückt Hände, schmückt Unschuld, sucht im Herzen Tiefe – all das sind Bewegungen des Begehrens nach Sinn, Geborgenheit, Gelingen. Auf der anderen Seite ist dieses Begehren von Fluchtimpulsen unterlaufen: Wo Bindung möglich wäre, treibt es das Ich weiter; wo es die Tiefe sucht, hält es die Unruhe nicht aus und kehrt wieder „trübe“ nach außen zurück; wo die „großen Süßigkeiten“ und der „Überfluß der Welt“ greifbar wären, sieht es sie nicht oder gleitet vorbei. Das Begehren ist damit ein zweifaches: Es strebt nach Erfüllung und weicht ihr zugleich aus, es will die Fülle und fürchtet sich vor ihr. Der Mensch erscheint als einer, der nicht ohne Begehren leben kann, dessen Begehren aber innerlich gebrochen ist.

In der Sinnsuche zeigt sich der Mensch schließlich als hartnäckig Suchender, der seine Wege über verschiedene Ebenen hinweg probiert – ohne auf eine befriedigende Antwort zu stoßen. Er sucht Sinn im Miteinander: in der Gemeinschaft der „vielen Leute“ und in den eigenen Werken, die eigentlich Freude bringen sollten. Er sucht Sinn in der Natur: in Landschaft, Licht, Klang, im Strom. Er sucht Sinn im eigenen Innern: im Herz, in dessen Tiefe er hinabsteigt. Er sucht Sinn im Kosmos: indem er „in den Sternen ewiges Geschick“ liest. Jeder dieser Versuche ist ernst gemeint; das Gedicht zeichnet keinen zynischen Skeptiker, sondern einen, der sich tatsächlich auf die Wege der Sinnsuche einlässt. Aber in jedem dieser Felder stößt er auf ein Defizit: Die Menschen wirken tot, das Werk bleibt ohne Freude, die Natur ist stumm, das Herz ruhelos, das Geschick dunkel und unfühlbar, der „wahre Punkt“ unerreichbar.

Dennoch bricht die Sinnsuche nicht ab. Gerade der Schluss, an dem das Ich „in weite weite Ferne hingezogen“ wird, zeigt einen Menschen, der nicht einfach in Resignation versinkt, sondern der – wenn auch passiv – in eine weitere Dimension hineingezogen wird, deren Sinn er noch nicht kennt. Grenzen werden erfahren, aber sie werden zugleich durch diese Bewegung in Frage gestellt; das Begehren ist verwundet, aber nicht ausgelöscht; die Sinnsuche scheitert an einem letzten „Warum“, aber sie wird nicht sarkastisch aufgehoben. Anthropologisch entsteht so das Bild eines Menschen, der unvermeidlich unterwegs ist: begrenzt und doch auf Überschreitung angelegt, bejahend und fliehend zugleich, wissend und doch nicht wissend – ein Wesen, dessen Größte Würde und tiefste Not darin besteht, dass es sich mit weniger als einem „wahren Punkt“ des Sinns nicht zufriedengeben kann, ihn aber in seiner aktuellen Daseinsform nicht zu erlangen vermag.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

1. Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Das Gedicht steht deutlich im Horizont der deutschen Romantik, genauer: jener reflexiven, religiös grundierten Spätphase, in der sich Liedhaftigkeit, Innerlichkeitskult und existentiell-theologische Fragen stark verschränken. Typisch romantisch ist bereits die Grundkonstellation eines hochsensiblen Ich, das sich selbst und die Welt nicht mehr als harmonische Fügung, sondern als radikal gebrochene Einheit erlebt: Die „vielen vielen Leute“, die „wild und öde“ gewordene Landschaft, die Unruhe des Herzens, der Blick in die Sterne, die Bewegung in eine „weite weite Ferne“ – all das gehört in das Motivfeld der romantischen Sehnsucht, die keine konkrete irdische Erfüllungsform mehr kennt, sondern zur Signatur eines grundsätzlichen Ungenügens an der Welt wird. Das Gedicht knüpft damit an die romantische Tradition des Wanderers, des Unbehausten, des Suchenden an, wie sie sich bei Autoren wie Novalis oder Eichendorff in jeweils anderer Tonlage findet – allerdings mit deutlich dunklerer, weniger versöhnlicher Färbung.

Daneben ist eine starke Nähe zur Tradition der christlichen Innerlichkeits- und Frömmigkeitsliteratur spürbar. Die Konzentration auf das „Herz“ als Ort der letzten Wahrheit, die Rede von „Wonne“, die Unruhe, die erst in einer nicht näher benannten „Ruhe“ zur Stille kommen könnte, erinnern an augustinische und pietistische Traditionslinien: das „unruhige Herz“, das erst in Gott ruht, die Betonung der inneren Qual, die im Gebet oder in der Gnade aufgehoben werden müsste. Auch die Konstellation, dass der Sprecher zwar Innerlichkeit sucht („die Tiefe zu ergründen“), aber dabei vor allem seine eigene Unruhe und Unfähigkeit erfährt, entspricht einem religiösen Erfahrungsmodell, wie es bei geistlichen Autoren der Barock- und Frühaufklärungsepoche (z. B. in Andachtsliteratur, Tagebuchprosa, Liedern) häufig begegnet – nur dass Brentano dieses Modell in eine streng lyrische Form und in die Bildsprache der Romantik hinein übersetzt.

Im Hintergrund steht zugleich die barocke Vanitas- und Weltkritiktradition, wenn auch stark umgeformt. Die Rede von „hohen Lebensfreuden“, von „großen Süßigkeiten“ und „Überfluß der Welt“ erinnert an jene älteren Texte, in denen die Fülle der Weltgüter als Versuchung und zugleich als vergängliche Scheinfülle problematisiert wird. Die Vorstellung, dass der Mensch angesichts eines Übermaßes an Weltlust seine eigentliche Mitte verfehlt, ist ein klassischer Topos der barocken Geistlichkeit; bei Brentano kehrt sie wieder, nun allerdings nicht mehr in der Sprache ausdrücklicher Bußpredigt, sondern in der melancholisch-gebrochenen Selbstanalyse eines Ich, das die „Süßigkeiten“ gar nicht mehr wahrnimmt und vom Überfluss eher weggedrückt als verführt wird. Die barocke Spannung zwischen Weltlust und Ewigkeitshorizont ist also präsent, aber romantisch umcodiert.

Form und Tonlage knüpfen außerdem an die Tradition des kunstvoll gestalteten Lied- und Stanzengedichts an, wie sie im 18. Jahrhundert (Klopstock, Hölty, später auch Goethe) entwickelt und von der Romantik übernommen wurde. Das regelmäßige Achtvers-Schema, der durchgehaltene Reim, der überwiegend fünfhebige Jambus und die rhetorisch geschlossene Strophe erinnern an jene Mischform aus Lied, Reflexionsgedicht und elegischer Klage, in der subjektive Erfahrung in eine streng geformte äußere Gestalt gegossen wird. Brentano steht hier mitten in der romantischen Praxis, Volkslied-Nähe und hohes Kunstlied zu verschränken: Die einfache, fast volksliedhafte Bildwelt (Leute, Landschaft, Flügel, Wellen, Süßigkeiten) wird in einer hoch elaborierten Strophen- und Klangarchitektur gehalten.

Schließlich lassen sich Spuren der mystischen und spekulativ-theologischen Tradition erkennen, wie sie von christlichen Mystikern bis hin zu frühromantischen Denkern reicht. Der „wahre Punkt“, den das Ich nicht finden kann, erinnert an Vorstellungen eines innersten Zentrums der Seele, eines „Punkts“ oder „Fünkchens“, das der Ort der Gottesgeburt, der Schau oder der letzten Einheit sein könnte. In der Mystik wie in der romantischen Naturphilosophie wird dieses Zentrum oft als unsagbarer Punkt gedacht, von dem aus das Ganze sich ordnet. Dass dieser Punkt hier „nimmer […] erbeutet“ werden kann, deutet auf eine romantische Umkehrung mystischer Erfüllungserfahrungen: Die Struktur der Suche bleibt, die Vollendung bleibt aus. Das Gedicht steht somit an einer Schnittstelle zwischen barocker Frömmigkeit, mystischer Tiefenmetaphorik und romantischer Subjektivität – und macht gerade diese gemischte Herkunft fruchtbar für eine existentiell zugespitzte lyrische Form.

2. Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

Intertextuell lassen sich zahlreiche Motive nennen, die das Gedicht in ein dichtes Netz literarischer und theologisch-geistlicher Anspielungsräume einbinden. Ein besonders auffälliges Motiv ist das des unruhigen Herzens. Der Sprecher, der „nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ sucht, „ins Herz mit Allgewalt den Blick“ senkt und doch keine „eigene Ruhe“ findet, steht in unmittelbarer Nähe zu jener Formulierung, die seit Augustinus paradigmatisch geworden ist: das Herz, das unruhig bleibt, bis es in Gott ruht. Der Text nennt Gott nicht, aber die Struktur ist ähnlich: Innerlichkeitssuche, Unruhe, Ausbleiben der gesuchten Ruhe. Spätere Autoren der Frömmigkeitstradition (pietistische Lyrik, erbauliche Prosa) variieren dieses Grundmuster in unzähligen Formen; Brentanos Gedicht steht mit seinem Herzkern motivisch in dieser Linie, macht aber die Unruhe selbst zum Endpunkt.

Ein zweites, stark intertextuelles Motivfeld bilden die Bilder von Flug, Flügel und Fittich. Sie lassen sich einerseits mit der biblischen und hymnischen Tradition der „Flügel“ Gottes oder der Engel verbinden (Schutz „unter den Flügeln“, Erhebung ins Höhere), andererseits mit der romantischen Figur des geflügelten, leicht aus der Welt gehobenen Ich, das bei Eichendorff, Novalis oder Tieck in unterschiedlichen Varianten erscheint. Bei Brentano kippt dieses Motiv: Der „kühne Flug“ wird nicht zur glücklichen Übersteigung der Welt, sondern zum Symbol des Getriebenseins, das stumme Zählen der „Flügelschläge Zahl“ zum Bild einer existentiellen Überforderung. Intertextuell lässt sich das Motiv damit sowohl an Psalmen- und Kirchenliedtradition (Schutz und Erhebung durch Flügel) als auch an die romantische Vorstellung vom Dichter oder Wanderer mit „Flügeln“ des Geistes anbinden – nur dass Brentano diese Traditionen in ein dunkles Register umschreibt.

Ein weiteres, stark vernetztes Motiv ist der Wellen- und Meerstopos. Die „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“, die das Ich in die Ferne ziehen, erinnern an barocke und romantische Bilder vom „Meer der Welt“, vom Strom der Zeit, von der Flut der Geschicke, in denen der Mensch treiben muss. In Predigten, geistlichen Liedern und später in romantischer Dichtung wird das Meer häufig als Chiffre für die Übermacht des Geschicks, die Unberechenbarkeit des Lebens, aber auch für die Tiefe Gottes verwendet. Hier betont die Formulierung „unfühlbar mächtig“ die Distanz: Die Wogen sind mächtig, ohne innerlich erfahrbar oder als tragende Kraft spürbar zu werden. Intertextuell kann man das mit Passagen aus der barocken Emblematik, aus geistlichen Liedern und mit romantischen Meerbildern (etwa bei Hölderlin oder in Seefahrtsballaden) in Verbindung bringen, in denen der Mensch als kleines Schiff oder Schwimmer auf unruhiger See erscheint.

Ebenfalls anschlussfähig ist das Motivfeld von „Süßigkeiten“, „Überfluß der Welt“ und „hohen Lebensfreuden“. Diese Vokabeln rufen die lange Tradition der Weltlust-Kritik auf, in der die Süße der Sünde, der Reiz weltlicher Genüsse, der Überfluss an Gütern als Gefahr für das menschliche Herz verhandelt werden. Von mittelalterlicher Mystik über barocke Lehrdichtung bis hin zur pietistischen Literatur gibt es unzählige Texte, die von „Süßigkeiten“ oder „Lustbissen“ sprechen, die der Mensch lassen muss, um zum Eigentlichen zu gelangen. Bei Brentano wird dieses Motivfeld umgedreht: Das Ich ist nicht der hemmungslose Genießer, sondern derjenige, der die „großen Süßigkeiten“ gar nicht sieht und am „Überfluß der Welt“ vorbeigetrieben wird. Intertextuell gesehen ist das eine romantische Variante der asketisch-kritischen Tradition: Die Begriffe bleiben, aber sie werden in das Erfahrungsmodell eines überforderten, innerlich blockierten Menschen eingespannt.

Das Motiv des „wahren Punkts“, der nicht erbeutet werden kann, lässt sich mit mystischen und spekulativen Bildtraditionen in Verbindung bringen, die vom „Punkt“ oder „Funken“ im Herzen sprechen, an dem Gott sich dem Menschen mitteilt oder an dem das Ich seine eigene wesentliche Wahrheit findet. Angelus Silesius etwa arbeitet mit solchen konzentrierten Bildpunkten, die die Mitte der Seele oder den Ort der Gottesgeburt bezeichnen. In philosophisch-romantischen Texten wird von einem Zentrum, einem Brennpunkt, einem absoluten Bezugspunkt des Daseins gesprochen. Das Gedicht steht intertextuell auf dieser Linie, verschiebt aber die Pointe: Der „wahre Punkt“ ist nicht Ort der erfüllten Begegnung, sondern der Name für das dauernd Verfehlte, für das, was gesucht, aber nicht gefunden wird. Der intertextuelle Hintergrund verstärkt somit die Tragik: Wer solchermaßen vom „Punkt“ spricht, gehört einem Diskurs an, der die Möglichkeit einer Mitte voraussetzt; im Gedicht bleibt diese Mitte entzogen.

Auch das Motiv des Wanderns und Getriebenwerdens in die Ferne lässt sich intertextuell breit anschließen: an die romantische Wanderer-Gestalt (Eichendorffs „Taugenichts“, zahlreiche romantische Lieder), an ältere Pilger- und Wallfahrtsdichtung, aber auch an jene Gestalten, die – von Faust bis zu diversen „fahrenden Gesellen“ in der Lyrik – als ruhelose Sucher auftreten. Der Unterschied besteht darin, dass die romantische Wanderfigur oft eine zumindest punktuelle Harmonie mit Landschaft und Natur findet, während Brentanos Ich in der „wild und öden“ Landschaft gerade keinen Resonanzraum mehr hat. Im Vergleich zu den eher heiteren oder versöhnlichen Wander-Figuren der Romantik tritt hier eine verschattete, radikalisierte Variante auf, die intertextuell gerade durch ihren Unterschied profiliert ist.

Schließlich lassen sich die „kalten Stimmen“, die über das Herz sprechen, mit Diskursfiguren verbinden, in denen eine äußere, dogmatische oder gesellschaftlich sanktionierte Stimme dem inneren Erleben des Subjekts gegenübertritt. Man kann an Predigtton, Kirchenlehre, moralische Maximen denken, die „recht“ haben und doch innerlich nicht ankommen. In vielen Texten der Romantik – aber auch bei späteren Autoren wie Kierkegaard – wird dieser Konflikt zwischen objektiver Wahrheit und subjektivem Erleben thematisiert. Im Gedicht erscheinen die „kalten Stimmen“ als knappe Verdichtung dieses Konflikts: Sie sagen etwas Theologisch-Wahres („das Herz ist für Wonne geschaffen“), das Ich erlebt aber gerade das Gegenteil. Intertextuell verknüpft sich hier die romantische Subjektkritik an bloßer Dogmatik mit älteren Diskussionen um lebendige vs. tote Religion; das Gedicht nimmt diese Konstellation auf, indem es die Fremdheit zwischen Wahrheitssatz und erfahrenem Leben in ein kurzes, aber scharfes Bild bündelt.

3. Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Auf einer ersten Ebene bietet das Gedicht eine Reihe von biblischen Anschlussstellen, ohne irgendwo ausdrücklich zu zitieren. Schon das durchgehende Herz-Motiv – das Herz als Ort der Unruhe, der Tiefe, der gesuchten Ruhe – lässt sich mit der alttestamentlichen und christlichen Tradition verbinden, in der das Herz als innerster Sitz des Menschen vor Gott verstanden wird. Wenn das Ich „ins Herz mit Allgewalt den Blick“ senkt und doch „nimmer eigne Ruhe“ findet, klingt die große Formel vom unruhigen Herzen mit, das erst in Gott Ruhe findet. Hinzu kommen die Wasser- und Wellenbilder: „Strom“, „wildes Brausen“, „ewige […] Wogen“ bilden eine Bildwelt, die an die Psalmen erinnert, in denen „Tiefe“ über „Tiefe“ ruft und Gottes „Wellen und Wogen“ über dem Beter dahingehen. Hier erscheint diese Wellenmacht als „unfühlbar mächtig“ und eher bedrohlich oder unbegreiflich, aber in einer biblischen Perspektive liegt nahe, diese Wogen mit der Erfahrung eines Gottes zu verbinden, der größer ist als jedes menschliche Maß und dessen Wege sich der unmittelbaren Empfindung entziehen.

Eine zweite biblische Anschlussstelle bildet das – gerade durch sein Fehlen markierte – Hirtenmotiv. Die dritte Strophe betont, dass „aus dem Tal“ keines Hirten Flöte klingt. Das Motiv des Hirten ist in der Bibel, insbesondere im Psalm „Der Herr ist mein Hirte“, Inbild der göttlichen Sorge und Führung. Dass Brentano den Hirten nur negativ nennt – als das, was nicht zu hören ist –, ermöglicht eine implizit theologische Lesart: Es fehlt nicht nur ein menschlicher Hirte, sondern die Erfahrung eines führenden, tröstenden Gegenübers überhaupt; der „gute Hirte“ bleibt aus. So wird das Gedicht anschlussfähig an biblische Texte von Verlassenheit und Gottesferne, in denen die Klage über das Ausbleiben göttlicher Stimme laut wird, ohne dass der Name Gottes ausgesprochen werden müsste.

Auf der mythischen Ebene drängt sich vor allem das Motivfeld von Flug, Flügel und Fittich auf. Die Rede von „kühnen Flügeln“, vom Gleiten „mit schnellem Fittich“ und vom stummen Zählen der „Flügelschläge“ erinnert an antike Aufstiegs- und Sturzmythen wie den Ikarus-Stoff: der kühne Flug, der den Menschen in Bereiche führt, die nicht (oder noch nicht) die seinen sind. Bei Brentano wird dieser Bezug nicht direkt erzählt; dennoch ist der Ton des „kühnen“ Flugs, der am Ende in ein Überwältigt-Werden durch übermächtige Wogen mündet, mit einer mythischen Struktur kompatibel: Der Mensch überschreitet seine Grenzen und gerät in Kräfte hinein, die er nicht kontrolliert. Auch das Schicksalsmotiv („Geschicke“, „ewiges Geschick“, Sterne als Schicksalsschrift) knüpft an antike Vorstellungen von Moiren und Fatum an: das Leben als von einem überpersönlichen Geschick geprägt, das in den Gestirnen niedergelegt ist. Der Text bleibt hier bewusst ambivalent, so dass sowohl biblische Providenz-Vorstellungen als auch antike Fatum-Modelle als Deutungshintergrund mitlesen lassen.

Auf philosophischer Ebene lässt sich das Gedicht in den Kontext romantischer und idealistischer Selbstreflexion stellen. Die Figur des Ich, das sich selbst in seinem Tun nicht zu eigen machen kann („Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen“) und zugleich von einem „flüchtigen Geschick“ fortgetrieben wird, berührt die Debatten um Autonomie und Heteronomie des modernen Subjekts. In der Sprache der idealistischen Philosophie wäre das Ich dazu berufen, sich selbst als Ursprung seiner Handlungen zu setzen; bei Brentano erlebt es sich jedoch als von außen bestimmt, gespalten zwischen Wollen und Vermögen. Der „wahre Punkt“, der nicht gefunden wird, lässt sich philosophisch als Bild für einen letzten Grund, ein Zentrum des Sinns oder eine Idee des Guten lesen: jenes unverfügbaren Maß, von dem her alles andere geordnet wäre. Dass das Ich diesen Punkt zeitlebens „nimmer […] erbeuten“ konnte, reflektiert eine spezifisch moderne Erkenntnissituation: Das Subjekt weiß um die Möglichkeit einer letzten Sinnmitte, erreicht sie aber nicht. Das Gedicht wird so anschlussfähig an philosophische Texte, die von der Unmöglichkeit eines endgültigen Wissens und von der strukturellen Unruhe der Selbstsuche handeln – von der Romantik bis in existenzphilosophische Fragestellungen hinein.

Zusammengenommen eröffnet das Gedicht damit ein dichtes Netz von Anschlussstellen: biblisch (Herz, Hirte, Wellen), mythisch (Flug, Schicksal, Ferne) und philosophisch (Subjekt, Sinnzentrum, Geschick). Es legt sich nicht auf eine dieser Ebenen fest, sondern hält sie in einer Schwebe, die gerade für eine mehrschichtige Deutung produktiv ist.

4. Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Horizont der Epoche wirkt das Gedicht wie eine konzentrierte romantische Existenzstudie, die viele typische Motive der Zeit aufgreift und zugleich in eine ungewöhnlich düstere, unversöhnte Form bringt. Die romantische Lyrik kennt die Figur des Wanderers, des Sehnsüchtigen, des Weltfremden, der zwischen Natur, Gesellschaft und Transzendenz vermittelt und auf der Suche nach einer „anderen“ Wirklichkeit ist. Brentanos Gedicht teilt diese Grundkonstellation, verzichtet aber weitgehend auf die versöhnenden Momente, die man etwa bei Eichendorff findet (die tröstende Natur, die plötzliche Einung von Ich und Welt, die Ahnung Gottes in der Landschaft). Stattdessen schärft es jene Seite der Romantik, die auf die Erfahrung der nicht eingelösten Sehnsucht, der Gottesferne, der inneren Spaltung zielt. Die streng formale Strophenarchitektur und der volksliednahe Ton treten damit in einen produktiven Gegensatz zu einem Inhalt, der keine harmonische Auflösung mehr kennt.

Im Gesamtwerk Brentanos steht das Gedicht auf der Achse, die seine oft spielerische, erzählerische, humorvolle Seite mit seiner tief religiösen und schwermütigen Seite verbindet. Brentano ist einerseits der Dichter von Märchen, fantastischen Erzählungen und humoristisch überdrehten Balladen, andererseits aber auch der Autor von intensiven religiösen Texten, Gebeten, Legendenbearbeitungen und mystisch gefärbten Meditationen. Das hier betrachtete Gedicht gehört deutlich auf die ernste, reflektierende Seite seines Werks: Es erzählt keine Geschichte, entfaltet keinen dramatischen Konflikt, sondern legt einen inneren Zustand frei. In der Spannung zwischen „Unschuld“, „Wonne“, „Überfluß der Welt“ und der real erlebten Unruhe kündigt sich die religiöse Problemfülle an, die später in Brentanos Hinwendung zum Katholizismus, in seiner Beschäftigung mit Visionen und Heiligen (etwa Anna Katharina Emmerick) weiter ausgetragen wird – nur dass das Gedicht diese Horizontverschiebung noch nicht explizit vollzieht, sondern im Zwischenraum bleibt.

Epochegeschichtlich wirkt das Gedicht wie ein Stück „radikalisierte Romantik“. Es übernimmt die romantischen Leitmotive – Subjektivität, Innerlichkeit, naturhafte Bildwelt, Schicksals- und Sehnsuchtsfiguren – und führt sie an einen Punkt, an dem die üblichen Ausgänge (Heimkehr, romantische Ironie, naturreligiöse Erhebung) nicht mehr tragen. Das Ich findet weder in der Gesellschaft, noch in der Natur, noch im Herzen, noch in den Sternen eine Ruhefigur; der „wahre Punkt“ bleibt aus. In diesem Sinn kann man das Gedicht auch als Vorwegnahme späterer, „modernerer“ Daseinsdiagnosen lesen, in denen der Mensch als prinzipiell unbehaustes, suchendes, unruhiges Wesen erscheint.

Im Gefüge der Brentano-Lyrik markiert der Text damit einen Knotenpunkt zwischen romantischer Subjektivität und katholisch-mystischer Tiefenfrage. Er trägt bereits die Sprache der Gnade (Unschuld, Wonne, Herz, ewiges Geschick) in sich, aber noch ohne die klare Antwort des Glaubens; er kennt die musikalisch-liedhafte Schönheit der Form, setzt sie aber vollständig in den Dienst einer existentiellen Klage. Gerade diese Verbindung macht das Gedicht zu einem charakteristischen, zugleich eigensinnigen Beitrag im lyrischen Werk Brentanos: Es zeigt, wie weit die romantische Sehnsucht treiben kann, wenn sie nicht in eine konkrete Glaubensfigur, nicht in eine poetische Versöhnungsstrategie zurückgebunden wird – und steht damit an einer empfindlichen Schwelle zwischen „klassischer“ Romantik und einer religiös existentiellen Moderne.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

1. Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Ästhetisch lässt sich das Gedicht als Versuch lesen, eine radikal unruhige, existentiell zerrissene Innenlage in eine streng geordnete Form einzusperren – und gerade aus dieser Spannung zwischen innerer Haltlosigkeit und äußerer Strenge seine Wirkung zu beziehen. Die regelmäßige Stanzenform, das konsequente Reimschema, der weitgehend einheitliche jambische Takt verkörpern eine Idee von Ordnung, Maß und Fassung, wie sie der romantischen Kunstauffassung ebenso entspricht wie älteren, klassisch und religiös grundierten Schönheitsidealen: Das Wilde, Ungeordnete, Leidvolle soll in einer „schönen Form“ aufgehoben werden. Gleichzeitig füllt Brentano diese Form mit einem Inhalt, der gerade keine Harmonie, keine Ankunft, keine Ruhe kennt. Die ästhetische Grundidee könnte man als „gestaltete Unruhe“ bezeichnen: Die Dichtung schafft ein Gefäß, in dem sich Unruhe, Qual und Sinnsuche zeigen dürfen, ohne auseinanderzufallen, aber auch ohne in falsche Versöhnung einzumünden.

Darin liegt auch etwas wie eine negative mystische Ästhetik. Vieles im Gedicht – Herz, Tiefe, Wonne, ewiges Geschick, der „wahre Punkt“ – verweist auf eine mögliche Erfüllung, auf einen Ort der Mitte oder der Gottesnähe. Aber ästhetisch wird nicht das Erfüllte, sondern das Ausbleiben der Erfüllung gestaltet. Das Gedicht zeigt, wie eine Seele alle klassischen Wege der romantisch-christlichen Selbstfindung – Gemeinschaft, Natur, Innenschau, Blick in den Kosmos – durchläuft, und gerade an deren Grenzen gerät. Die Form ist streng, der Weg klar gegliedert, die Sprache oft von großer Schönheit – und doch führt alles in die „weite weite Ferne“. Die ästhetische Idee liegt also nicht darin, eine heile Welt zu entwerfen, sondern darin, eine hochgradig gebrochene Existenz in einer schönen, kontrollierten Form sichtbar zu machen, so dass gerade die Nicht-Auflösung, die Nicht-Harmonie als ästhetisch ernst zu nehmende Gestalt erkennbar wird.

Hinzu kommt eine romantische Grundüberzeugung: Nur die dichterische Form vermag diese Mischung aus psychischer Feinheit, theologischer Tiefenspannung und metaphysischer Ungewissheit überhaupt zu tragen. Weder dogmatischer Satz noch nüchterne philosophische Abhandlung könnten den eigentümlichen Zustand eines Herzens ausdrücken, das um seine Bestimmung weiß und doch an seiner Erfüllung vorbeilebt. Das Gedicht realisiert damit eine Ästhetik, in der Dichtung als Ort gilt, an dem religiöse, existentiell-psychische und metaphysische Dimensionen in einem gemeinsamen Medium verhandelt werden – nicht als System, sondern als Bewegung, als Klang, als bildreiche Selbstrede. Die „schöne Form“ ist nicht Ornament, sondern die einzige Weise, eine verwundete, tastende Wahrheit überhaupt sagbar zu halten.

2. Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache des Gedichts ist weit mehr als ein Instrument des Abbildens; sie ist in hohem Maß Vollzug. Sie beschreibt nicht nur Unruhe, Druck, Leere, Überfülle – sie erzeugt diese Erfahrungen im Leser und Hörer. Die langen, über mehrere Verse gezogenen Satzperioden mit ihren „Und“-Reihungen lassen beim Lesen ein Atemgefühl entstehen, das zur inneren Rastlosigkeit des Ich passt: Man wird mitgezogen, der Satz kommt nicht zur Ruhe, man hängt an Enjambements und verspäteten Verb-Einsätzen wie an inneren Stolpersteinen. Wo das Gedicht von Getriebensein, Eile, Flucht spricht, beschleunigt sich die Syntax; wo Erstarrung und Leere thematisiert werden, häufen sich Negationen und gedehnte Klangfelder. Sprachrhythmus, Lautung und syntaktische Architektur vollziehen, was inhaltlich behauptet wird.

Ähnliches gilt für die Bildwelt. Wenn die Natur durch „kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, / Kein kühler Wind… kein[es] Hirten Flöte“ charakterisiert wird, „bildet“ die Sprache nicht nur eine leere Landschaft ab, sie stellt Leere her: Jedes „kein“ entzieht einen weiteren möglichen Trostpunkt, so dass der Leser Schritt für Schritt in eine sprachlich induzierte Erfahrung des Mangels hineingeführt wird. Wenn am Ende von „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ die Rede ist, deren Lautgestalt von reibungsreichen Konsonanten und offenen Vokalen geprägt ist, entsteht ein akustischer Eindruck von Rauschen, Übermacht, ungreifbarer Gewalt. Die Metapher wirkt nicht nur als Bild, sondern als kleine, im Klang erlebbare Szene.

Gleichzeitig zeigt das Gedicht die Grenze schöpferischer Sprache. Es gibt einen Punkt – der „wahre Punkt“ –, der benannt, aber nicht eingelöst wird. Die Sprache kreist darum, deutet ihn an, markiert ihn als Zentrum der verfehlten Sinnsuche, kann ihn aber nicht positiv aussprechen. Ähnliches gilt für die „unerkannt[e] Qual“: Sie ist gespürt, sie wird benannt, aber gerade ihr Grund bleibt dem Wort entzogen. In dieser Hinsicht ist die Sprache zwar vollziehend, aber sie vollzieht auch ihr eigenes Scheitern: Sie macht erfahrbar, dass es Bereiche gibt, in denen Gefühl, Schicksal, Transzendenz dem begrifflichen Zugriff entgleiten. Die schöpferische Kraft der Sprache zeigt sich also doppelt: Sie bildet inneren und äußeren Zustand nicht nur ab, sondern setzt ihn performativ ins Werk – und sie führt zugleich an jene Schwelle, an der das Wort deutlich macht, dass es den letzten Sinn nicht „haben“ kann.

In theologischer Perspektive könnte man sagen: Die Sprache bewegt sich im Modus einer „apophatischen“ Dichtung. Sie sagt viel, um sichtbar zu machen, was sich nicht sagen lässt; sie füllt die Verse mit Bildern, inneren Bewegungen und Klangfiguren, um spürbar zu machen, dass der eine Punkt, die eine Ruhe, das eine „Warum“ sich entzieht. Damit übernimmt die Sprache eine doppelte Aufgabe: Sie ist schöpferische Kraft, indem sie einen Erfahrungsraum eröffnet, den es ohne sie kaum gäbe, und sie ist zugleich Zeugin einer Übersteigung, indem sie gesteht, dass dieser Erfahrungsraum nicht zum letzten Grund durchdringen kann.

3. Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Aus der Summe der Beobachtungen lässt sich als Schlussgedanke formulieren: Das Gedicht begreift Dichtung als den privilegierten Ort, an dem ein radikal unruhiges Herz seine Wahrheit sagen kann – nicht, um sie zu lösen, sondern um sie in ihrer Unaufgelöstheit wahr werden zu lassen. Sprache wird nicht als Mittel verstanden, um das Leben „in Ordnung zu bringen“ oder zu systematisieren; sie dient vielmehr dazu, die wirkliche, widersprüchliche, gebrochene Erfahrung bis in ihre Tiefen hinein zu artikulieren. Gerade dadurch, dass die Dichtung die Unruhe, die Verfehlung des „wahren Punkts“, das Ausbleiben der Ruhe nicht beschönigt, übernimmt sie eine Wahrheitspflicht, die über einfach tröstende oder moralisierende Rede hinausgeht.

Über das Gefühl sagt das Gedicht: Gefühl ist nicht bloß subjektive „Stimmung“, sondern ein Erkenntnisweg – aber ein Erkenntnisweg, der seine eigene Grenze mitträgt. Das Herz fühlt, dass etwas nicht stimmt; es weiß um seine Unruhe, es ahnt Wonne und Fülle, es leidet an „unerkannt[er] Qual“. Diese Gefühlsbewegungen sind nicht zufällige Launen, sondern das Medium, in dem eine tiefere Wahrheit aufbricht: die Wahrheit eines Menschen, der auf Sinn und auf Ruhe hin angelegt ist, sie aber in seiner konkreten Daseinsform nicht findet. Zugleich zeigt das Gedicht, dass Gefühl allein nicht genügt: Es kann die Wunde anzeigen, aber nicht heilen; es kann auf die fehlende Mitte hinweisen, aber den „wahren Punkt“ nicht setzen. Gefühl und Sinn bleiben in Spannung, und Dichtung ist der Ort, an dem diese Spannung sprachlich gehalten wird.

Über die Sprache selbst lässt sich abschließend sagen: Sprache kann das Heil nicht stiften, aber sie kann den Raum offenhalten, in dem das Heillose wahr und ernst genommen wird. Sie vermag, wie im Gedicht, die Wege der Sinnsuche nachzuzeichnen – durch Menschenwelt, Natur, Innerlichkeit, Kosmos – und am Ende gerade im Scheitern eine Form zu finden, die nicht zerstört, sondern trägt. Die Dichtung Brentanos verzichtet auf eine klare Heilsantwort; sie spricht keinen Gott an, der das Herz beruhigte, sie führt den „wahren Punkt“ nicht vor. Aber sie zeigt, dass die Unruhe, die Sehnsucht, das Scheitern am Sinn nicht sinnlos sind, solange sie in Sprache aufgehoben werden. In dieser Perspektive wird Dichtung selbst zu einem „Ort am Rand der Theologie“: Sie ersetzt Glauben nicht, sie behauptet keine Dogmen, aber sie gibt der existentiellen Frage nach Sinn, nach Gott, nach Ruhe eine Gestalt, an der entlang sich weiteres Denken, Beten, Suchen entzünden kann.

Man könnte es in einer letzten Formel bündeln: Die Sprache der Dichtung ist in diesem Gedicht nicht das Ziel der inneren Bewegung, sondern ihr wahrheitsfähiges Echo. Sie erfindet keine Lösung, die das Leben nicht kennt, sondern hält das, was ist – Unruhe, Sehnsucht, Verfehlung und leise Hoffnung – in einer Form zusammen, die weder zerfällt noch lügt. Darin liegt die leise, aber ernsthafte poetologisch-theologische Pointe: Dichtung kann den „wahren Punkt“ nicht besitzen, aber sie kann zeigen, dass es ihn geben müsste – und dass im ernsthaften Sprechen über seine Abwesenheit bereits eine Vorform von Wahrhaftigkeit liegt.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Teilstrophe 1a (Verse 1-4)

Vers 1: «Ich wohnte unter vielen vielen Leuten»

Beschreibung. Der Vers stellt das lyrische Ich vor und verortet es in einer dicht bevölkerten Umgebung: Der Sprecher lebte („wohnte“) nicht vereinzelt, sondern „unter vielen vielen Leuten“. Die Formulierung gibt eine alltägliche, beinahe nüchterne Ausgangssituation: ein Mensch inmitten einer Menge.

Analyse. Mit dem einfachen Präteritum „wohnte“ wird ein zurückliegender, längerer Zustand angedeutet, kein punktuelles Ereignis. Die Dopplung „vielen vielen“ verstärkt quantitativ den Eindruck der Überfülle; sie wirkt fast kindlich oder mündlich und lässt den Vers zugleich fließend und drängend klingen. Formal eröffnet der Vers das Gedicht mit einem klaren Ich-Einsatz: Das Personalpronomen an erster Stelle zieht den Fokus auf die Innenperspektive. Metrisch fügt sich der Vers in den regelmäßigen fünfhebigen Jambus ein und etabliert so von Beginn an die ruhige, geordnete Außenform, die den inneren Unruhezustand überlagern wird.

Interpretation. Inhaltlich zeichnet der Vers den Menschen als soziales Wesen: Er ist auf Gemeinschaft hin angelegt, lebt „unter Leuten“. Gleichzeitig schwingt in der Überfülle der „vielen vielen“ bereits eine leise Andeutung von Anonymität und Verlust individueller Nähe mit: Viele Menschen, aber keine genannten Personen. Das Ich scheint nicht in einem vertrauten Kreis geborgen, sondern in einer gesichtslosen Menge aufgehoben. Der Vers legt damit den Grundkonflikt an, der das Ganze durchzieht: Ein Herz, das inmitten anderer lebt, aber gerade dort keinen wirklichen Ort, keine Ruhe und keine Gegenüber findet. Die scheinbar neutrale Ausgangslage birgt bereits das Versprechen einer späteren Entfremdung.

Vers 2: «Und sah sie alle tot und stille stehn,»

Beschreibung. Der Sprecher berichtet nun, was er an diesen „vielen Leuten“ wahrnimmt: Er „sah“ sie, und zwar „alle“ – die gesamte Menge –, „tot und stille stehn“. Die Menschen werden in einem einzigen, zugespitzten Bild als regungslose, leblose Masse dargestellt.

Analyse. Der Vers schließt inhaltlich an Vers 1 an, ist aber syntaktisch eigenständig: Das anhebende „Und“ knüpft lose an, so dass eine Reihung von Beobachtungen entsteht. Das Verb „sah“ macht die Wahrnehmung des Ich zur entscheidenden Instanz: Es geht nicht um objektive Diagnose, sondern um Erleben. Die Kombination „tot und stille“ ist eine starke, hyperbolische Metapher; sie verbindet körperliche Leblosigkeit („tot“) mit innerer Sprach- und Bewegungsarmut („stille“). Das abschließende „stehn“ betont die Starre: Die Leute bewegen sich nicht, sie sind wie eingefroren. Klanglich verstärken die gedehnten Vokale und der Stau harter Konsonanten (t–t–st–ll–st) den Eindruck von Stillstand und Erstarrung. Der Vers überschreitet damit die Ebene reiner Beschreibung und schafft ein symbolisch aufgeladenes Bild.

Interpretation. Für die Deutung ist wichtig, dass „tot und stille“ kaum wörtlich zu verstehen ist, sondern einen geistigen oder seelischen Zustand bezeichnet: Die Menschen wirken innerlich abgestorben, sie strahlen keine Lebendigkeit aus. Das Ich erlebt sich inmitten eines Kollektivs, das zwar physisch anwesend ist, innerlich aber wie leblos erscheint. So wird der Gegensatz zwischen äußerer Nähe und innerer Fremdheit zugespitzt: Eben noch „unter vielen vielen Leuten“, nun eine total erstarrte Menschenwelt. Zugleich spiegelt sich darin auch der Blick des Ich: Seine eigene Melancholie und Unruhe färbt seine Wahrnehmung der anderen. Der Vers markiert so den Beginn einer stillen, aber scharfen Kritik an einer Gesellschaft, die von „Lebensfreuden“ reden wird, innerlich aber schon jetzt als „tot“ erscheint – und er isoliert das Ich zugleich als jemanden, der diese Diskrepanz überhaupt wahrnimmt.

Vers 3: «Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden»

Beschreibung. Der Vers ergänzt die starre Szene um eine zweite Dimension: Diese Menschen sprechen „viel“, und zwar „von hohen Lebensfreuden“. Es gibt offensichtlich eine lebhafte Rede über Glück, Genuss, Erfüllung, während die Menschen doch zuvor als „tot und stille“ dargestellt wurden.

Analyse. Die Formulierung „sprachen viel“ betont Quantität: Es wird viel geredet, vielleicht geschwatzt. Inhalt dieser Rede sind „hohe Lebensfreuden“ – eine etwas formelhafte, fast konventionelle Wendung, die an bürgerliche Idealformulierungen oder moralisch-erbauliche Redeweisen denken lässt. Der Gegensatz zu Vers 2 ist auffällig: Eben waren die Leute „stille“, jetzt sprechen sie „viel“; eben waren sie „tot“, jetzt reden sie von „Lebensfreuden“. Die Sprache legt so eine innere Spaltung frei: Außen eine Fülle der Worte, innen die Starre. Formal fügt sich der Vers reibungslos in das Metrum ein, semantisch erzeugt er durch den Kontrast zu Vers 2 eine scharfe Brechung.

Interpretation. Hier tritt eine zentrale Kritiklinie des Gedichts hervor: Die Rede von „hohen Lebensfreuden“ wirkt vor dem Hintergrund der beschriebenen Leblosigkeit wie hohl oder selbsttäuschend. Die Menschen stehen, im Bild des Ich, innerlich tot da, während sie sich zugleich auf einer hohen, ideal klingenden Redeebene über „Lebensfreuden“ bewegen. Das kann als Diagnose einer bürgerlichen Welt gelesen werden, in der über Glück, Bildung, Genuss gesprochen wird, ohne dass wirklich lebendige Erfahrung dahinter stünde. Für das Ich bedeutet das eine zusätzliche Entfremdung: Es nimmt einen Abstand zwischen Wort und Wirklichkeit wahr, zwischen dem, was gesagt, und dem, was tatsächlich gelebt wird. Die „Lebensfreuden“ erscheinen nicht als erfüllte Realität, sondern als verselbstständigter Diskurs – ein Reden, das das eigentliche Lebensdefizit eher übertönt als heilt.

Vers 4: «Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;»

Beschreibung. Der Vers konkretisiert das Verhalten dieser Menschen: Sie „liebten“ es, „sich im kleinsten Kreis zu drehn“. Das Bild zeigt eine Gruppe, die sich gern im eigenen, engen Umfeld bewegt und in einer Art selbstgenügsamer Kreiselbewegung verharrt. Der Vers schließt die kleine Szene mit einem Semikolon ab und bildet damit den vorläufigen Abschluss des Eröffnungsbildes.

Analyse. Auch dieser Vers beginnt mit einem anbindenden „Und“ und fügt sich so in die aufzählende Bewegungsstruktur der ersten vier Verse. Das Verb „liebten“ markiert nicht einfach Gewohnheit, sondern innere Zustimmung: Diese Einschränkung auf den „kleinsten Kreis“ ist nicht bloß Schicksal, sondern Gegenstand eines aktiven Gefallens. Das Bild „sich im kleinsten Kreis zu drehn“ ist metaphorisch: Es evoziert sowohl räumliche Enge als auch eine in sich geschlossene, zirkuläre Bewegung. Der „kleinste Kreis“ kann für eine enge Clique, für eine bürgerliche Familie, für den eigenen Interessenkreis oder überhaupt für eine in sich kreisende Existenz stehen. Stark ist die Kombination von Superlativ („kleinsten“) und Bewegungsverben („drehn“): Es wird zwar Bewegung behauptet, diese Bewegung bleibt aber streng begrenzt und kommt letztlich nicht voran. Der abschließende Strichpunkt zeigt syntaktisch an, dass mit Vers 4 der erste Sinnabschnitt (die Beschreibung der anderen) beschlossen ist.

Interpretation. Der Vers macht deutlich, dass die Menschen, die das Ich umgeben, sich in ihrer Enge nicht nur befinden, sondern sie aktiv bejahen. Sie „lieben“ ihren „kleinsten Kreis“: die vertrauten Routinen, die eigenen Gewissheiten, das begrenzte soziale Umfeld. In existentieller und theologischer Perspektive kann diese Kreisbewegung für eine Existenz stehen, die sich um sich selbst dreht, ohne sich zu öffnen – weder für das ganz Andere (Gott, Transzendenz) noch für einen wirklich anderen Menschen. Das „Drehn im kleinsten Kreis“ wird so zur Figur der Selbstgenügsamkeit und zugleich der geistigen Stagnation: Man ist in Bewegung, aber diese Bewegung führt nirgendwohin. Für das Ich, das später als getrieben, suchend, ruhelos erscheint, ist dieses Bild doppelt bedrückend: Es zeigt ihm eine Welt, die sich in ihrer doch letztlich toten Lebendigkeit wohlfühlt, und markiert im selben Zug seine Einsamkeit. Wer nicht „im kleinsten Kreis“ bleiben kann oder will, gehört nicht wirklich dazu.

Gesamtdeutung Teilstrophe 1a (Verse 1–4)

Die ersten vier Verse entwerfen in gedrängter Form die Ausgangssituation des Gedichts: ein Ich inmitten einer Menschenwelt, die äußerlich belebt, innerlich aber erstarrt und eingeengt erscheint. Vers 1 betont zunächst die soziale Eingebundenheit – „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ –, doch schon Vers 2 bricht jede naive Vorstellung von Gemeinschaft: Die „vielen“ sind im Blick des Ich „tot und stille“, sie stehen, sie bewegen sich nicht, sie strahlen keine wirkliche Lebendigkeit aus. Vers 3 und 4 verschärfen diesen Widerspruch: Gerade diejenigen, die innerlich „tot“ wirken, „sprachen viel von hohen Lebensfreuden“ und liebten es, „sich im kleinsten Kreis zu drehn“. Die Menschen sind also nicht einfach stumm oder passiv, sondern sehr wohl aktiv in Rede und Selbstbezug – nur dass diese Aktivität in einer engen, selbstgenügsamen Welt kreist, die der Sprecher als leer, hohl und geistig unbeweglich erlebt.

In dieser Teilstrophe werden mehrere Grundachsen des Gedichts bereits klar erkennbar. Zum einen die Spannung zwischen äußerer Gemeinschaft und innerer Vereinsamung: Massenszene und „viele Leute“ stehen im scharfen Kontrast zur Erfahrung des Ich, eigentlich von Toten umgeben zu sein. Zum anderen die Kluft zwischen Rede und Wirklichkeit: Die „hohen Lebensfreuden“ existieren zunächst nur als Gesprächsthema; die Lebensfreude selbst scheint im Bild der Erstarrung abwesend. Drittens die Kritik an einer in sich kreisenden Welt: Der „kleinste Kreis“ verweist auf soziale und geistige Enge, auf eine Existenzform, die nicht mehr hinausfragt, nicht mehr nach außen oder nach oben geöffnet ist. Für die weitere Bewegung des Gedichts ist entscheidend, dass das lyrische Ich diese Konstellation wahrnimmt und sich in ihr von Anfang an fremd fühlt. In der Strophe 1b wird daraus dann jener Zustand des Getriebenseins und „ewigen Scheidens“, der die biographische Grundsituation des Sprechers prägt. Teilstrophe 1a hält so gleichsam die „Außenansicht“ der Welt fest, an der sich das innere Drama des Ich entzündet.

Teilstrophe 1b (Verse 5–8)

Vers 5: «So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden»

Beschreibung. Der Sprecher wendet den Blick nun explizit auf seine eigene Existenzbewegung. Er bilanziert rückblickend: Sein „Kommen“ – also jedes Auftauchen in einem bestimmten Rahmen, bei bestimmten Menschen, an einem Ort – war „schon ein ewig Scheiden“. An jede Anwesenheit war der Abschied von vornherein gekoppelt.

Analyse. Das einleitende „So“ knüpft logisch an die vorangegangene Schilderung der Umgebung an: Aus der Erfahrung der leblosen, sich im kleinsten Kreis drehenden Menschenwelt ergibt sich „so“ die folgende Konsequenz für das eigene Leben. „Kommen“ und „Scheiden“ werden parallelisiert und paradox verschränkt: Das eine ist schon das andere. Das Adverb „ewig“ steigert die Aussage über das Einzelereignis hinaus zu einer grundsätzlich gültigen Zeitstruktur; es geht nicht um gelegentliche Abschiede, sondern um ein immerwährendes Weggehen. Formal wirkt der Vers als gewichtiger, resümierender Schlüsselsatz, der den ersten Teil der Strophe in eine prägnante, aphoristisch klingende Form bringt.

Interpretation. Der Vers macht deutlich, dass das Ich sein Leben nicht als Folge von Bleibensmomenten, sondern als Kette von Abschieden wahrnimmt. Jeder neue Anfang enthält schon den Keim der Trennung. Psychologisch lässt sich darin eine tiefe Bindungsunsicherheit oder ein Grundgefühl der Unbehaustheit erkennen: Der Sprecher kann keinen Ort, keine Beziehung als dauerhaft denken oder empfinden. Theologisch-existenziell deutet die Formulierung an, dass das Leben des Menschen im Modus des „Unterwegsseins“ steht, jedoch ohne verlässliche Perspektive eines Zielortes. Die romantische Sehnsucht nach Heimkehr ist hier bereits negativ gefärbt: Das „Kommen“ ist nicht Vorstufe der Ankunft, sondern immer schon von Verlust unterlaufen. Der Vers zieht damit eine erste existentielle Folgerung aus der in Vers 1–4 beschriebenen Situation: Wer unter „toten“ Leuten lebt, für den wird das eigene Kommen notwendig zu einem Vorgang, der nicht ins Lebendige hineinführt, sondern von vornherein im Modus des Scheidens steht.

Vers 6: «Und jeden hab' ich einmal nur gesehn,»

Beschreibung. Der Sprecher konkretisiert die Erfahrung des „ewigen Scheidens“: Jede Begegnung mit einem Menschen blieb einmalig. „Jeden“ – also jeden einzelnen unter den „vielen Leuten“ – hat er „einmal nur“ gesehen; es gab keine Wiederkehr, keine dauerhafte Beziehung.

Analyse. Wieder hebt der Vers mit einem anbindenden „Und“ an, so dass der Satz als Fortführung, nicht als neuer Gedankensprung erscheint. Die Konstruktion „jeden … einmal nur“ ist auffallend zugespitzt: Sie legt eine Regelhaftigkeit nahe. Es handelt sich nicht um einen Zufall, sondern um ein strukturelles Muster des Lebens dieses Ich. Das Perfekt „hab’ […] gesehn“ betont den Rückblick von einem späteren Standpunkt; das Ich sieht sein Leben wie von außen und formuliert eine Bilanz. In der Klanggestalt verstärkt die Stellung von „einmal nur“ zwischen „jeden“ und „gesehn“ die Eindringlichkeit: Die Einmaligkeit wird zwischen Subjekt und Wahrnehmungsakt eingeschoben, gleichsam als unverrückbare Bedingung jeder Begegnung.

Interpretation. Der Vers macht aus der allgemeinen Formel des „ewig Scheidens“ eine konkrete Lebensgeschichte: Das Ich lebt nicht in langfristigen Bindungen, sondern in einer Art Folge von Momentkontakten. Jede Begegnung bleibt Episode. Das ist mehr als bloßer biographischer Zufall; es beschreibt eine Existenzform, in der Verweilen und Wiederkehr offenbar nicht möglich sind oder nicht zugelassen werden. In dieser Perspektive wirkt der Vers schmerzlich lakonisch: Das Ich registriert nüchtern, dass sein Leben keine festen Beziehungen kennt. Zugleich liegt eine gewisse Passivität in der Formulierung: Es „hat gesehen“ – mehr nicht. Die Nähe zur Welt und den anderen Menschen bleibt auf den Blick beschränkt; es entsteht das Bild eines Menschen, der zwar viel sieht, aber nirgendwo ankommt, niemandem dauerhaft zugehört. Damit vertieft der Vers das Grundmotiv der Entfremdung: Die distanzierte Menschenwelt aus Vers 1–4 findet ihr Gegenstück in einem Ich, das strukturell als Durchreisender, nicht als Mitbewohner angelegt scheint.

Vers 7: «Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke»

Beschreibung. Nun begründet der Sprecher, warum jede Begegnung nur einmalig bleibt. Eingeleitet durch das kausale „Denn“ erklärt er: „nimmer hielt mich’s“, und er nennt dafür als Ursache ein „flüchtiges Geschicke“. Ein unbestimmtes Geschick, schnell und flüchtig, hält ihn nie fest, sondern lässt keine Bindung zu.

Analyse. Der Vers ist syntaktisch zweigeteilt: Zunächst steht die Aussage „Denn nimmer hielt mich’s“, dann folgt – über die Versgrenze hinweg – die nähere Bestimmung dieses „es“ als „flüchtiges Geschicke“, das im folgenden Vers das Verb „trieb“ erhält. Die Wortstellung „nimmer hielt mich’s“ betont das „nimmer“ besonders stark; es steht an zweiter Stelle und wird durch die Inversion „hielt mich’s“ zusätzlich hervorgehoben. Dieses „nimmer“ greift ein Schlüsselwort des Gedichts vor: Es wird später mehrfach wiederkehren (nimmer Ruhe, nimmer den wahren Punkt erbeuten) und markiert eine grundlegende Negativkonstante. „Geschicke“ – im Singular noch „Geschick“ – ruft einen komplexen Bedeutungsraum auf: Schicksal, Fügung, vielleicht göttliche Lenkung, hier aber durch das Adjektiv „flüchtig“ ambivalent gemacht. „Flüchtig“ kann sowohl „schnell vergehend“ als auch „unstet, nicht fest“ bedeuten. Zusammen ergibt sich das Bild eines unbeständigen, raschen, schwer fassbaren Schicksals. Der Vers bleibt syntaktisch offen und verlangt den Anschluss in Vers 8, wodurch ein leichter Schwebezustand entsteht: Das „flüchtige Geschicke“ steht zunächst unverbunden im Raum.

Interpretation. Der Vers verschiebt die Perspektive von einem bloß psychologischen Defizit zu einer tiefer liegenden, quasi metaphysischen Bestimmung: Nicht einfach der Charakter des Ich, sondern ein „Geschick“ steht hinter dem Nicht-Gehalten-Sein. Das ist ambivalent. Einerseits wirkt es wie eine Entlastung: Das Ich ist nicht nur flüchtig, es wird von etwas Flüchtigem bestimmt. Andererseits verschärft es das Ausgeliefertsein: Wo Geschick herrscht, ist eigene Verantwortung begrenzt. Das „nimmer“ deutet jedoch darauf, dass diese Unruhe nicht nur äußerlich auferlegt ist, sondern zum Gesamtzustand eines Lebens gehört. Theologisch gelesen, zeigt sich hier eine verschattete Erfahrung von Vorsehung: Es gibt ein Geschick, aber es ist flüchtig, nicht durchsichtig gütig, sondern unstet, treibend, nicht haltend. Der Vers öffnet so einen Deutungshorizont, in dem das Ich sich zugleich als Opfer eines übermächtigen Geschicks und als innerlich nicht-fähig-zum-Bleiben erlebt. Dieses Spannungsfeld zwischen Schicksalsmacht und persönlicher Unruhe wird die weitere Deutung des Gedichts bestimmen.

Vers 8: «Trieb wild mich fort, sehnt' ich mich gleich zurücke.»

Beschreibung. Der Vers führt den in Vers 7 begonnenen Satz zu Ende und beschreibt die Wirkung des „flüchtigen Geschickes“: Es „trieb wild“ das Ich fort. Zugleich wird die innere Gegenbewegung eingeführt: Während es getrieben wurde, „sehnt'“ es sich „gleich zurücke“. Der Vers hält damit in einer Zeile die Spannkraft zweier entgegengesetzter Bewegungen fest: Fortgehen und Zurücksehnen.

Analyse. Grammatisch fungiert „trieb“ als verspätetes Prädikat zum in Vers 7 eingeführten Subjekt „flüchtiges Geschicke“: Die Versgrenze verschiebt das Verb in den nächsten Vers, wodurch das Geschick kurz wie ein nackter, unbewegter Begriff im Raum steht, bevor seine Wirkung („trieb“) nachgeliefert wird. Das Adverb „wild“ charakterisiert die Art dieses Treibens: ungestüm, unkontrolliert, vielleicht auch gewaltsam. In der zweiten Satzhälfte („sehnt’ ich mich gleich zurücke“) springt die Perspektive ins Innere: Das Präteritum „sehnt’“ (inverkürzte Form von „sehnte“) und das Adverb „gleich“ betonen die Gleichzeitigkeit der Sehnsucht mit dem Fortgetriebenwerden. Die Alliteration „sehnt’ … zurücke“ und der gedehnte Vokal in „zurücke“ machen die Gegenbewegung im Klang spürbar. Der Vers endet ohne Reimwort; die Reimverbindung löst sich erst mit den korrespondierenden Versen der anderen Strophenhälfte, was die innere Spannung im Moment des Versschlusses zusätzlich offen hält.

Interpretation. Der Vers bringt die innere Grundfigur dieses Ich auf den Punkt: Es ist ein zugleich Getriebenes und Sehnsüchtiges. Etwas „treibt“ es fort – eine Mischung aus Schicksal, innerem Impuls, äußerer Notwendigkeit – und doch wendet sich das Herz sofort zurück, will bleiben oder wiederkehren. Das Leben vollzieht sich so zwischen einem Zwang zur Bewegung und einem Begehren nach Rückkehr. Psychologisch gesprochen, liegt hier eine Konstellation aus Flucht und Bindungssehnsucht vor; theologisch-existenziell könnte man sagen: Der Mensch wird in die Unruhe hinausgetrieben, während etwas in ihm nach Heimat verlangt – nach einem Ort, den der Text nicht näher benennt. In diesem Vers wird deutlich, dass das Ich seine eigene Flüchtigkeit nicht einfach bejaht; es leidet an ihr. Gerade die Formulierung „gleich zurücke“ zeigt, dass das Begehren nach Umkehr, nach anders Leben, nach Bleiben sofort auftritt – und doch gegen die treibende Macht nicht ankommt. Das verleiht dem Vers und der ganzen Strophe eine tragische Grundfärbung: Was das Herz will, steht quer zu dem, was geschieht.

Gesamtdeutung der ersten Strophe (Verse 1–8)

In der Verbindung von Teilstrophe 1a (Verse 1–4) und Teilstrophe 1b (Verse 5–8) entwirft das Gedicht ein dichtes Bild der Ausgangssituation des Sprecher-Ich – und damit des ganzen lyrischen Subjekts. Zunächst wird in Vers 1–4 die Menschenwelt skizziert, in der das Ich lebt: „unter vielen vielen Leuten“, die im Blick des Sprechers „tot und stille“ erscheinen, während sie „viel von hohen Lebensfreuden“ reden und es lieben, „sich im kleinsten Kreis zu drehn“. Bereits hier stehen drei Ebenen scharf gegeneinander: äußerliche Nähe (viele Leute), innerer Tod (tot und stille) und selbstgenügsame Enge (kleinster Kreis). Das Ich nimmt eine Welt wahr, die sich um sich selbst dreht, viel von Lebensgenuss spricht, aber innerlich erstarrt ist. Diese Diagnose bildet das gesellschaftlich-mentale Umfeld, vor dem sich die eigene Lebensbewegung des Sprechers abzeichnet.

Vers 5–8 wenden dann die Perspektive nach innen und zeigen, wie dieses Ich sich selbst in dieser Welt erfährt. Das Ergebnis ist ebenso ernüchternd wie existentiell zugespitzt: „So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden“ – jeder Schritt in diese Welt hinein ist von Abschied durchdrungen; „jeden hab’ ich einmal nur gesehn“ – keine Beziehung gewinnt Dauer; „Denn nimmer hielt mich’s, flüchtiges Geschicke / Trieb wild mich fort, sehnt’ ich mich gleich zurücke“ – ein unbeständiges Geschick, zusammen mit einer inneren Unruhe, verhindert jedes Bleiben, während das Herz doch zugleich zurück will. Aus der Beschreibung einer starren, selbstgenügsamen Umgebung wird so eine biographische Grundfigur: Der Sprecher ist ein Mensch, der in einer unverstandenen, geistig toten Gemeinschaft lebt, dort aber nicht Fuß fassen kann, sondern von einer Mischung aus Schicksal und innerem Drang fortgetrieben wird, ohne seine Rücksehnsucht erfüllen zu können.

Auf einer tieferen, existentiell-theologischen Ebene legt die Strophe damit den Grundkonflikt des Gedichts frei: Der Mensch ist auf Gemeinschaft, Heimat, Ruhe hin angelegt – er „wohnt“ unter anderen, sehnt sich „gleich zurücke“ –, lebt aber faktisch in einem Zustand „ewigen Scheidens“ und struktureller Unbehaustheit. Die Welt, in der er sich bewegt, ist nicht einfach böse, sondern in sich eingeschlossen, zirkulär, vielredend und doch innerlich stumm; das eigene Leben ist nicht einfach frei gewählt, sondern von einem „flüchtigen Geschick“ geprägt, das Getriebensein und Nicht-Halten-Können hervorbringt. Die Spannung zwischen Schicksalsmacht und persönlicher Sehnsucht, zwischen objektiver Enge der Welt und subjektiver Unruhe des Herzens, wird in dieser ersten Strophe so klar ausgeprägt, dass alles Folgende – verödete Landschaft, ruheloses Herz, ewige Wogen – als Entfaltung dieser Grundfigur verstanden werden kann. Die erste Strophe ist damit zugleich Exposition, Diagnose und Keimzelle der gesamten inneren Bewegung des Gedichts.

Teilstrophe 2a (Verse 9–12)

Vers 9: «Und manchem habe ich die Hand gedrücket,»

Beschreibung. Der Sprecher erinnert sich an konkrete Begegnungen: „manchem“ hat er „die Hand gedrücket“. Es geht um persönliche, körperlich spürbare Nähe – den Handschlag als Geste der Begrüßung, des Einverständnisses, der Verbundenheit. Der Vers fügt der allgemeinen Beschreibung des Getriebenseins nun ein Bild zu, das von Zuwendung und Kontakt spricht.

Analyse. Das einleitende „Und“ knüpft wieder lose an das Vorherige an und lässt die Rede weiterfließen, als hänge eine Erfahrung an der anderen. „Manchem“ bleibt unbestimmt: kein Name, keine konkrete Figur, sondern eine offene Reihe von Einzelnen, die doch als Individuen stärker markiert sind als die „vielen vielen Leuten“ der ersten Strophe. Mit dem Perfekt „habe ich … gedrücket“ greift der Sprecher auf die Rückschauform zurück, die bereits in Vers 6 verwendet wurde; man spürt, dass hier aus einem späteren Abstand bilanziert wird. Das Verb „gedrücket“ (statt „gedrückt“) ist eine leicht gehobene, lyrische Form, die in die stilisierte, leicht altertümelnde Sprache der Romantik passt. Inhaltlich stehen hier Nähe und Berührung im Vordergrund; formal wird der Vers zu einem ersten Gegenbild zur totalen Distanz der ersten Strophe.

Interpretation. Der Vers zeigt, dass das Ich keineswegs kalt oder kontaktunfähig ist. Es sucht Nähe, tritt auf Menschen zu, ergreift Hände. In der Geste des Händedrucks liegt eine Bereitschaft zur Gemeinschaft, zur Anerkennung des anderen, vielleicht auch zur Solidarität. Das Ich wird hier nicht als unbeteiligter Beobachter gezeichnet, sondern als jemand, der sich bemüht, Beziehung zu stiften. Zugleich schwingt mit, was in Vers 6 bereits gesagt war: Jede dieser Begegnungen bleibt einmalig, der Händedruck führt nicht in eine stabile, dauerhafte Gemeinschaft. Psychologisch deutet der Vers daher auf eine tragische Konstellation: Das Ich ist zur Zuwendung fähig, es vermag Beziehungen anzubahnen – aber unter der Oberfläche seiner freundlichen Gesten bleibt es doch in der Struktur des „ewigen Scheidens“ gefangen. Die Hand, die drückt, ist zugleich die Hand eines Durchreisenden.

Vers 10: «Der freundlich meinem Schritt entgegensah,»

Beschreibung. Der Vers präzisiert, wem der Sprecher die Hand gedrückt hat: „der freundlich meinem Schritt entgegensah“. Gemeint ist der Mensch, der dem Ich mit freundlicher Miene entgegenkommt, ihm gewissermaßen entgegengeht oder zumindest sein Kommen freundlich registriert. Es wird eine Szene der positiven, offenen Begegnung skizziert.

Analyse. Der Relativsatz („der …“) hängt syntaktisch direkt an Vers 9; er beschreibt den „manchen“, dem die Hand gedrückt wurde, näher. „Meinem Schritt entgegensah“ ist eine etwas ungewöhnliche Formulierung: Normalerweise „geht“ man einem Schritt entgegen, hier „sieht“ man ihm „entgegen“. Das Bild verschränkt Bewegung und Blick: Der andere bewegt sich nicht unbedingt aktiv auf das Ich zu, aber er sieht sein Kommen, er nimmt es freundlich wahr. „Freundlich“ steht exponiert vorangestellt und bestimmt den Ton: Es handelt sich um wohlwollende, nicht feindliche, nicht gleichgültige Begegnungen. Das Metrum bleibt ruhig, der Vers fügt sich weich in den jambischen Fluss; die Lautung mit den weichen m- und l-Lauten („freundlich meinem Schritt“) unterstützt den Eindruck von Milde und Zugewandtheit.

Interpretation. Die beiden Verse 9 und 10 zusammen zeichnen eine durchaus positive soziale Konstellation: Das Ich ist nicht nur unter „toten“ Leuten; es gibt „manche“, die ihm freundlich begegnen, die seinen Schritt wahrnehmen und gutheißend aufnehmen. Das macht die existentiell beschriebene Unbehaustheit noch schärfer: Das Problem liegt nicht einfach darin, dass die Welt feindselig wäre, sondern darin, dass selbst Freundlichkeit und offene Begegnung nicht in eine Beständigkeit übergehen. Das Ich hat durchaus Chancen auf menschliche Nähe – aber sein „flüchtiges Geschick“ und seine innere Unruhe lassen es diese Chancen nicht wirklich ergreifen. Theologisch-ethisch gesehen zeigt der Vers, dass die Welt nicht nur leer oder verdorben ist; es gibt reale Ansätze von Wohlwollen und Gastfreundschaft. Gerade darum wird das Scheitern an wirklicher Gemeinschaft zu einer umso schmerzhafteren Schuld- und Schicksalserfahrung.

Vers 11: «Hab' in mir selbst die Kränze all gepflücket,»

Beschreibung. Der Sprecher wendet sich von der äußeren Begegnung nach innen und sagt: „Hab’ in mir selbst die Kränze all gepflücket“. Er beschreibt eine Tätigkeit, die traditionell draußen in der Natur stattfindet – das Pflücken von Blumen und Binden von Kränzen –, nun aber „in mir selbst“ verlegt ist. Die „Kränze“ stehen für Schmuck, Feier, vielleicht auch Anerkennung und Auszeichnung; sie werden hier aus der eigenen Innerlichkeit gewonnen.

Analyse. Wieder haben wir das verkürzte Perfekt „Hab’ … gepflücket“ – die Formen der Rückschau werden durchgehalten. Entscheidend ist die Ortsbestimmung „in mir selbst“, die im Versinneren besonders hervorsticht: Das Pflücken geschieht nicht draußen auf einer Wiese, sondern im Inneren. „Die Kränze all“ ist eine leicht abweichende Wortstellung; die Stellung des „all“ nach dem Substantiv (statt „alle Kränze“) verleiht dem Ausdruck einen feierlichen, fast biblisch-gehobenen Ton. Der Vers ist in sich symmetrisch gebaut und wirkt durch die Binnenreime („in mir selbst“ – „Kränze all gepflücket“) klanglich geschlossen. Er markiert einen Übergang: von der Welt der Begegnung zur Welt der Innerlichkeit, von der äußeren Hand zur inneren Handlungsfähigkeit.

Interpretation. Der Vers ist für die Deutung zentral, weil er die Strategie des Ich im Umgang mit einer als leer erfahrenen Welt sichtbar macht: Was ihm außen nicht gegeben ist, holt es sich innen. „Kränze“ sind in vielen Traditionszusammenhängen Symbole für Freude, Ehre, Vollendung (Siegeskranz, Brautkranz, Frühlingskranz). Wenn das Ich „in mir selbst die Kränze all gepflücket“ hat, deutet das an, dass es seine Freuden, Auszeichnungen, vielleicht auch seine Tröstungen nicht aus einer äußeren Fülle bezieht, sondern aus der eigenen Fantasie, aus Erinnerung, aus inneren Bildern. Man könnte sagen: Es schmückt sich selbst von innen her, statt von außen geschmückt zu werden. Auf der einen Seite klingt darin eine große innere Produktivität an: Das Ich ist nicht bloß passiv, es kann schöpferisch aus der eigenen Innerlichkeit leben. Auf der anderen Seite steckt darin eine Notreaktion: Wo die Welt keine „Blumen“ und keinen „Frühling“ bereithält, bleibt nur die innere Konstruktion von Kränzen. Der Vers bereitet so den negativen Befund von Vers 12 vor und zeichnet das Bild eines Menschen, der seine Lebenskränze nicht erhält, sondern sich in einer gewissen Isolation selbst flechten muss.

Vers 12: «Denn keine Blume war, kein Frühling da,»

Beschreibung. Der Vers liefert die Begründung für die innere Kranzpflückerei: „Denn keine Blume war, kein Frühling da“. Es gab also objektiv keine Blumen, keine Jahreszeit der Blüte – weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Die Außenwelt erscheint als blumen- und frühlingslos, ohne Farbe, ohne Neubeginn, ohne festliche Fülle.

Analyse. Das Kausalwort „Denn“ bindet den Vers direkt an Vers 11: Die innere Tätigkeit ist Reaktion auf einen Mangel. Die doppelte Negation „keine Blume“, „kein Frühling“ verstärkt den Eindruck völliger Abwesenheit. „Blume“ und „Frühling“ sind klassische Embleme für Schönheit, Wachstum, Jugend, Liebe, Auferstehung, Gnade; ihre Negation entzieht auf einen Schlag eine ganze Symbolwelt. Die symmetrische Struktur des Verses („keine Blume war, kein Frühling da“) mit der Parallelstellung zweier nahezu gleicher Satzglieder macht den Mangel besonders eindringlich. Zugleich ist der Vers klanglich weich (lange u-, i- und a-Laute), was den Verlust umso schmerzlicher wirken lässt: Man hört gewissermaßen, was fehlt.

Interpretation. Mit diesem Vers wird die Metapher der blumenlosen Welt auf eine allgemeine Ebene gehoben: Gemeint ist nicht nur die faktische Abwesenheit eines Frühlings, sondern die Erfahrung eines Daseins, in dem die Zeiten des Aufblühens, der Leichtigkeit, der Gnade ausbleiben. Das Leben des Ich kennt keinen Frühling; es ist, als wäre es dauernd in einem seelischen Winter gefangen. Die Tatsache, dass „keine Blume“ war, motiviert doppelt: Sie erklärt, warum das Ich seine Kränze „in mir selbst“ pflücken musste, und sie erklärt zugleich, warum die Handlungen des Ich (Hände drücken, Kränze pflücken) nicht in eine wirkliche gemeinsame Freude mündeten. Ohne äußeren „Frühling“ bleibt jede Blüte, die das Herz hervorbringt, prekär, isoliert, gefährdet. Theologisch gelesen, klingt hier der Ausfall der Gnadenerfahrung an, die oft mit Frühlings- und Blütenbildern verbunden wird: Kein Aufbruch, keine Auferstehungszeit, kein Erwachen – daher die Flucht ins Innere. Der Vers schließt damit die kleine Binnenbewegung dieser Teilstrophe: Er zeigt, wie sich die äußere Leere der Welt in die Notwendigkeit eines inneren Ersatzes verwandelt.

Gesamtdeutung Teilstrophe 2a (Verse 9–12)

Die Verse 9–12 bilden in sich eine kleine, klar umrissene Bewegung: vom freundlichen, aber flüchtigen Kontakt zur Welt hin zur inneren Selbstgenügsamkeit, die aus Mangel geboren ist. Zunächst sehen wir ein Ich, das keineswegs in vollkommener Isolation lebt: Es „drückte“ manchem die Hand, also es suchte und fand reale Berührungen; und diese Menschen waren nicht kalt, sondern „freundlich“ dem Schritt des Sprechers zugewandt. Die Außenwelt erscheint hier weniger feindselig als in der ersten Strophe: Zwischen dem Getriebenen und den anderen gibt es Momente guter Aufnahme, eine Bereitschaft zu Begegnung und gegenseitiger Anerkennung. Doch schon in der Wahl des unbestimmten „manchen“ und in der Rückbindung an Vers 6 („jeden hab’ ich einmal nur gesehn“) deutet sich an, dass auch diese positiven Kontakte keine Dauer haben. Sie bleiben Episoden auf dem Weg einesjenigen, der strukturell weiter muss.

In Vers 11–12 vollzieht sich dann ein deutlicher Umschlag nach innen: Das Ich beschreibt, dass es „in mir selbst die Kränze all gepflücket“ hat – nicht, weil es die äußere Welt verschmähen würde, sondern „denn keine Blume war, kein Frühling da“. Der Mangel an äußeren „Blumen“ und „Frühling“ – also an Erlebnissen von Schönheit, Blüte, Gnade, festlicher Freude – zwingt das Herz, sich seinen Schmuck aus sich selbst zu holen. Damit ist eine zentrale existenzielle Situation umrissen: Der Mensch sucht nach Anerkennung, Freude, Feier; er findet sie in der Welt nicht in der Form, die seiner Sehnsucht entspräche; er versucht daher, aus der eigenen Innerlichkeit zu leben, sich selbst zu krönen und zu trösten. Dies kann als Stärke gelesen werden – als Fähigkeit, aus dem Inneren heraus zu gestalten –, zugleich aber auch als symptomatischer Ausdruck einer fundamentalen Verarmung der Erfahrungswelt.

Teilstrophe 2a verschärft damit das Bild, das Strophe 1 gezeichnet hat. War dort von der leblosen, sich im kleinsten Kreis drehenden Gesellschaft und vom eigenen „ewigen Scheiden“ die Rede, so zeigt sich hier: Das Ich bleibt nicht einfach außen vor, sondern unternimmt reale Versuche der Gemeinschaft; und wo diese nicht tragen, versucht es, in sich selbst Ersatz für eine blühende, frühlingshafte Welt zu schaffen. Die freundlichen Hände und Blicke der anderen reichen nicht aus, um die strukturelle Kälte der Welt zu überwinden; der innere Kranz bleibt ein „Notkranz“, gebunden im Angesicht ausbleibender Frühlingszeichen. So wird sichtbar, wie sehr die existentiell-psychische Lage des Ich aus dem Zusammenspiel von äußerem Mangel und innerer Kompensationsbewegung entsteht. Die folgende Teilstrophe 2b (Verse 13–16) wird diesen Zusammenhang weiter vertiefen, indem sie zeigt, an wen diese inneren Kränze geraten und warum „des Werkes Freude“ doch nie geteilt werden kann.

Teilstrophe 2b (Verse 13–16)

Vers 13: «Und hab' im Flug die Unschuld mit geschmücket,»

Beschreibung. Der Sprecher berichtet von einer weiteren Art seines Handelns: „im Flug“ hat er „die Unschuld mit geschmücket“. Er schildert eine Szene, in der eine „Unschuld“ – sei es eine konkrete Person, sei es eine personifizierte Qualität – von ihm geschmückt, also verschönt, geehrt, ausgestattet wird. Das geschieht nicht in Ruhe, sondern „im Flug“, also in der schnellen Bewegung des Vorübergehens.

Analyse. Das einleitende „Und hab’“ knüpft eng an Vers 11 („Hab’ in mir selbst die Kränze all gepflücket“) an und setzt die Reihe vollendeter Handlungen fort. Die innere Logik ist klar: Was in Vers 11 als innerer Kranzvorrat beschrieben wurde, wird nun „im Flug“ nach außen verschenkt oder aufgelegt. Der Ausdruck „im Flug“ akzentuiert zum einen den Bewegungszustand des Ich (es ist unterwegs, nicht an einem Ort), zum anderen die Kürze und Flüchtigkeit des Moments: Es schmückt, während es vorbeifliegt. „Unschuld“ steht als singuläres, abstraktes Substantiv ohne Artikel da; das gibt dem Wort eine hohe Allgemeinheit und einen starken symbolischen Klang. Die Formulierung „mit geschmücket“ wirkt syntaktisch leicht ungewohnt (erwartbar wäre „geschmückt“), hebt aber die Tätigkeit hervor und fügt sich in den leicht altertümlichen Ton der Strophe.

Interpretation. Inhaltlich zeigt der Vers, dass der Sprecher nicht nur in sich selbst Kränze pflückt, sondern diese inneren „Kränze“ auch altruistisch einsetzt. Er schmückt die „Unschuld“ – das kann ein unschuldiges, verlassenes Wesen sein, ein Kind, ein armes oder reines Mädchen; ebenso lässt es sich als abstrakte Reinheit, als moralische oder spirituelle Unschuld verstehen. In beiden Fällen geht es um etwas Schutzbedürftiges, Gefährdetes, das vom Ich geehrt und verschönt wird. Das ist ein Moment tätiger Liebe oder Caritas: Der Getriebene bleibt nicht nur um sich selbst kreisend in seiner Qual, sondern er tut – mitten in seiner Unruhe – Gutes. Dass dies „im Flug“ geschieht, ist doppeldeutig: Einerseits adelt es ihn – in der Eile des Lebens nimmt er dennoch wahr und handelt; andererseits zeigt es die Tragik seiner Existenz: Selbst dort, wo er Unschuld schmückt, wird dies zu einer Episode des Vorüberfliegens, nicht zu einer dauerhaften Verantwortung. Der Vers markiert also einen hohen ethischen Anspruch und zugleich seine Begrenzung im Modus der Flüchtigkeit.

Vers 14: «War sie verlassen meinem Wege nah;»

Beschreibung. Der Vers ergänzt die Bedingungen dieses Schmückens: Die Unschuld wurde geschmückt, „war sie verlassen meinem Wege nah“. Das heißt: Wenn eine verlassene Unschuld sich in der Nähe des Weges des Ich befand, kam es zu dieser Handlung. Der Vers erklärt also, unter welchen Umständen und in welchem Verhältnis das Ich der „Unschuld“ begegnete.

Analyse. Syntaktisch handelt es sich um einen temporalen und konditionalen Nebensatz, der ohne einleitende Konjunktion („wenn“) steht, aber inhaltlich so zu verstehen ist: „[immer dann, wenn] sie verlassen meinem Wege nah war“. „Sie“ bezieht sich auf die in Vers 13 genannte „Unschuld“. Das Partizip „verlassen“ charakterisiert ihren Zustand: allein, schutzlos, ohne Beistand. Die Formulierung „meinem Wege nah“ bringt eine wichtige räumlich-existenzielle Dimension ins Spiel: Das Ich geht seinen Weg; auf diesem Weg liegt, gewissermaßen zufällig, eine „verlassene Unschuld“. Die Nähe wird nicht gesucht, sie ergibt sich; aber wo sie sich ergibt, kommt es zur schmückenden Geste. Klanglich verstärken die weichen Laute (v–l–s–n, w–g, n–h) und die weit geöffneten Vokale den Eindruck von ruhiger, wenn auch schmerzhafter Konstellation.

Interpretation. Der Vers schärft die Deutung des vorherigen Bildes erheblich. Er zeigt, dass die Caritas des Ich situativ gebunden ist: Es sucht die Unschuld nicht aktiv, aber es reagiert, wenn sie „verlassen“ und seinem Weg „nah“ ist. Das legt ein Menschenbild nahe, in dem Güte und Hilfsbereitschaft spontan und echt sind, aber keinen programmatischen Charakter haben. Es ist eine „Passagenethik“: Wo das Leben einen verwaisten, verletzlichen Punkt kreuzt, agiert das Herz; dann fliegt es weiter. Die Unschuld ist „verlassen“ – also ohne Beistand –; das Ich tritt für einen Augenblick an ihre Stelle, schmückt sie, verschönt sie, anerkennt sie. Gerade das macht die Tragik umso größer: Ein Mensch, der so empfindsam reagiert, wäre fähig zu tiefer, dauerhafter Liebe, bleibt aber in seinem Grundzustand des Getriebenseins gefangen. In theologischer Perspektive könnte man sagen: Gnaden- und Liebesmomente blitzen auf, wo das Leben „nah“ zueinander geführt wird; aber sie gehen nicht in eine stabile Berufung, in ein bleibendes „Für-den-Anderen-Sein“ über. Der Vers fügt damit dem Bild des Ich eine weitere, ambivalente Schattierung hinzu: Es ist zugleich tief mitfühlend und unfähig, dieses Mitgefühl in Dauer zu überführen.

Vers 15: «Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,»

Beschreibung. Mit einem markanten „Doch“ schlägt der Vers die Gegenbewegung an: Trotz aller Handlungen der Zuwendung gab es etwas, das „ewig ewig“ das Ich „schnell zu eilen“ trieb. Die Aussage nimmt den Faden aus Strophe 1 wieder auf: ein anonymes „es“ („mich’s“), das fortwährend antreibt. Die Verdoppelung „ewig ewig“ verstärkt die Dauer und Unerbittlichkeit dieses Drangs.

Analyse. Das adversative „Doch“ macht deutlich, dass hier ein Einwand, ein Gegenpol zum gerade Geschilderten ins Spiel kommt: Ja, es gab das Schmücken der Unschuld – „doch“ war gleichzeitig eine andere Macht am Werk. „Ewig ewig“ ist eine auffällige, emphatische Wiederholung. Sie sprengt gewissermaßen das Maß der Sprache: Einmal „ewig“ würde semantisch reichen, die Doppelung erzeugt einen Eindruck von Überfülle, von endloser Dauer. „Trieb mich’s schnell zu eilen“ führt die bereits bekannte Struktur fort: ein unbestimmtes „es“ (das „Geschicke“ aus Vers 7, die innere Unruhe, vielleicht eine Mischung aus beidem) treibt; das Ich ist Objekt dieses Treibens. Das Adverb „schnell“ und das Verb „eilen“ legen das Gewicht auf Geschwindigkeit; die Bewegung ist nicht nur unaufhaltsam, sondern auch beschleunigt. Im Metrum schiebt sich durch die Doppelformel „ewig ewig“ eine kleine Intensivierung ein, die den Vers gleichsam nach vorne drückt.

Interpretation. Der Vers macht unmissverständlich klar, dass die caritativen Momente des Ich keine dauerhafte Umkehr seines Lebensrhythmus bewirkt haben. Die treibende Macht, die bereits in Vers 7 als „flüchtiges Geschicke“ auftrat, erweist sich als „ewig“ – und dies so sehr, dass das Wort noch einmal wiederholt werden muss. Das Leben des Ich steht unter einem permanenten Imperativ des Weitergehens; innezuhalten, bei der „Unschuld“ zu bleiben, sich an der eigenen guten Tat zu freuen, scheint kaum möglich. Das „Doch“ markiert die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Einerseits gibt es das Bedürfnis, zu helfen, zu schmücken, vielleicht sogar zu bleiben; andererseits gibt es ein übermächtiges Motiv des Eilens, das all dies unterbricht. Theologisch-existentiell ließe sich dies als eine Art „negative Berufung“ deuten: Der Mensch ist zu Unruhe verurteilt, selbst dort, wo er Berufung zu Liebe und Treue hätte. Der Vers führt damit die Grundfigur des Getriebenen, die in Strophe 1 eingeführt wurde, auf einer höheren Stufe wieder ein und verbindet sie direkt mit dem Scheitern an der Möglichkeit des Guten.

Vers 16: «Konnt' niemals nicht des Werkes Freude teilen.»

Beschreibung. Der Schlussvers der Strophe zieht eine bittere Bilanz: Der Sprecher „konnte niemals nicht des Werkes Freude teilen“. Das heißt: Er war nicht in der Lage, die Freude an dem Werk, das getan wurde – seinem eigenen Werk oder dem gemeinsamen Tun – mitzuvollziehen. Die doppelte Negation („niemals nicht“) verstärkt den Eindruck eines absoluten, lebenslangen Versagens in diesem Punkt.

Analyse. Grammatisch knüpft der Vers an Vers 15 an und bildet mit ihm eine Einheit: Die treibende Macht, die zur Eile zwingt, hat zur Folge, dass das Ich die „Freude des Werkes“ nicht teilen kann. „Konnt’“ steht verkürzt für „konnte“; die Kombination mit „niemals nicht“ ist auffällig: Streng logisch wäre die doppelte Negation eine Bejahung, stilistisch dient sie hier als intensive Verstärkung („überhaupt nie, kein einziges Mal“). „Werkes Freude“ ist eine kompakte Genitivfügung: Gemeint ist die Freude, die einem Werk innewohnt oder die durch das Werk entsteht – sei es die Freude des Handelnden, sei es die Freude derer, die am Werk teilhaben. Das Wort „Werk“ hat einen dichten Bedeutungsraum: Es kann die guten Taten meinen (Hände drücken, Unschuld schmücken), das eigene Lebenswerk, aber auch im religiösen Kontext „gute Werke“ oder das Werk Gottes. Der Vers beschließt die Strophe klanglich hart; der Vollschluss auf „teilen“ klingt lang aus und markiert das endgültige Urteil.

Interpretation. Mit diesem Vers erreicht die Darstellung der inneren Problematik des Ich einen schmerzhaften Höhepunkt. Nicht nur, dass es getrieben ist und immer wieder weiter muss – es kann auch das, was es dennoch an Gutem tut, innerlich nicht bejahen und genießen. Zwischen Tun und innerem „Mitgehen“ klafft eine Lücke. Die „Freude des Werkes“ wäre die Fähigkeit, das Gute, das man getan hat, als eigenes Werk anzunehmen, sich daran zu freuen, es gemeinsam mit anderen zu feiern. Genau diese Fähigkeit fehlt dem Sprecher „niemals“: kein einziges Werk führt zu jener ruhigen Freude, die sonst die Früchte einer guten Tat begleitet. Theologisch lässt sich das als Störung in der natürlichen Ordnung von Werk und Lohn, von guter Tat und innerer Zustimmung lesen. Psychologisch zeigt es eine Form tiefer Entfremdung von der eigenen Wirksamkeit: Der Mensch handelt, aber er ist in seinem Handeln nicht zuhause.

Zugleich wirft der Vers eine Frage nach Schuld und Gnade auf. Wenn der Sprecher nicht „des Werkes Freude teilen“ konnte, liegt darin ein Element von Schuld (er hätte zustimmen können, hat es aber nicht getan?) und ein Element von Krankheit oder Überforderung (er war hierzu „nie“ imstande). Für das Gedicht ist wichtig, dass diese Unfähigkeit nicht als entschuldigende Ausrede präsentiert wird, sondern als nüchterne, schmerzlich anerkannte Tatsache. Der Vers schließt die Strophe mit einem Urteil, das wie ein Selbstbefund klingt: Ich habe Gutes getan, aber ich habe nie wirklich darin gelebt. Damit ist der innere Knoten des Gedichts noch einmal fester gezogen.

Gesamtdeutung der zweiten Strophe (Verse 9–16)

In der Gesamtschau zeigt die zweite Strophe (Verse 9–16), wie das lyrische Ich zwischen realen, oft sehr feinen Akten der Zuwendung und einer tiefen inneren Unfähigkeit zur Teilnahme an der Freude über diese Akte hin- und hergerissen ist. Vers 9–10 zeichnen zunächst ein Bild, das der düsteren Exposition der ersten Strophe scheinbar widerspricht: Das Ich ist kein bloßer Fremder unter Toten, sondern jemand, der „manchem“ die Hand drückt, der freundlich aufgenommen wird, dessen Schritt durchaus gesehen und begrüßt wird. Die Welt ist hier nicht nur kalt; sie kann auch freundlich sein. Gleichzeitig bleibt alles im Modus des Einmaligen, Episodehaften, wie Vers 6 bereits angezeigt hatte. In der zweiten Strophenhälfte (Verse 11–12) wird sichtbar, dass das Ich seine Kränze – die Symbole für Freude, Würde, Feier – „in mir selbst“ pflückt, weil „keine Blume“ und „kein Frühling“ in der Außenwelt bereitstehen. Die Welt bietet keine ausreichend dichte, dauerhafte Erfahrung von Blüte und Gnade; das Herz versucht, aus sich selbst heraus zu kompensieren.

Vers 13–14 vertiefen diesen Befund, indem sie zeigen, wohin diese inneren Kränze gelangen: „im Flug“ schmückt das Ich die „Unschuld“, wenn sie „verlassen“ und „meinem Wege nah“ ist. Das ist ein starkes, ethisch aufgeladenes Bild: Der Getriebene ist fähig zu echter, spontaner Caritas. Er erkennt die verletzliche Unschuld, er ehrt und schmückt sie, er steht im Moment der Begegnung auf ihrer Seite. Aber gerade der Zusatz „im Flug“ und die Bedingung „war sie verlassen meinem Wege nah“ zeigen, wie prekär diese Geste ist: Sie ist Beiläufigkeit eines vorbeiziehenden Lebens, nicht dauerhaft gewählte Aufgabe. Die Strophe lässt keinen Zweifel daran, dass dies keine bloße Geste der Eitelkeit ist; sie ist ernst gemeint – und trotzdem eingebettet in ein Schicksal des Weitergetriebenwerdens.

Mit Vers 15–16 fällt die Strophe dann in eine harte Gegenbilanz: „Doch ewig ewig trieb mich’s schnell zu eilen“ – die treibende Macht des „flüchtigen Geschickes“ gewinnt erneut die Oberhand –, und die Folge daraus ist: „Konnt’ niemals nicht des Werkes Freude teilen.“ Die Strophe schließt nicht mit der noble Geste gegenüber der Unschuld, sondern mit dem Bekenntnis einer tiefen, existentiellen Störung: das Unvermögen, das Gute, das man tut, als Quelle wirklicher Freude zu erfahren. Zwischen den inneren Kränzen, den freundlichen Händen, dem Schmücken der Unschuld und der gelebten Freude klafft ein Abgrund. Das Ich bleibt Zuschauer seines eigenen Tuns, nicht Bewohner.

In theologischer und anthropologischer Perspektive zeigt die zweite Strophe so den Menschen als ein Wesen, das zu Liebe, Mitgefühl und schöpferischer Innenarbeit fähig ist – und zugleich derart von Unruhe, Getriebensein und innerer Entfremdung geprägt, dass diese Fähigkeiten nicht in ein versöhntes Leben münden. Die „guten Werke“ sind vorhanden, aber sie bleiben äußerlich, episodisch, im Modus des „Flugs“. Der innere Lohn, die „Freude des Werkes“, stellt sich nicht ein. Damit verschiebt die Strophe das Gewicht des Gedichts: Es geht nicht mehr nur um eine kalte, leere Welt und ein heimatloses Ich, sondern um den tragischen Zwiespalt eines Herzens, das das Gute sieht und tut, ohne in diesem Guten heimisch zu werden. Diese Konstellation bereitet die weiteren Strophen vor, in denen sich die gleiche Spannung – zwischen äußerem Tun und innerer Leere, zwischen Naturbild und Unruhe des Herzens, zwischen kosmischem Geschick und fehlender Mitte – in immer neuen Bildräumen entfalten wird.

Teilstrophe 3a (Verse 17–20)

Vers 17: «Rund um mich war die Landschaft wild und öde,»

Beschreibung. Der Sprecher beschreibt nun ausdrücklich die ihn umgebende Natur. „Rund um mich“ spannt einen Kreis um das Ich: Die ganze Umgebung, soweit sein Blick reicht, erscheint als „Landschaft“. Diese Landschaft ist durch zwei knappe Adjektive charakterisiert: „wild und öde“. Das Bild ist das einer ungebändigten, zugleich verödeten Umgebung ohne Ordnung, Nähe oder Trost.

Analyse. Mit der Wendung „Rund um mich“ wird das Ich als Zentrum der Wahrnehmung markiert; die Welt wird aus einem inneren Mittelpunkt heraus beschrieben. Der Ausdruck hat zugleich etwas leicht Bedrohliches: Was „rund um“ einen ist, lässt sich nicht leicht hinter sich lassen, man ist von der Öde umstellt. „Landschaft“ ist als relativ neutrales Wort zunächst sachlich, doch „wild und öde“ gibt ihm eine starke Wertung. Die Kombination der beiden Adjektive bündelt zwei Aspekte: „wild“ deutet auf Ungebändigtheit, Rohheit, möglicherweise Überwältigendes; „öde“ dagegen auf Leere, Verlassenheit, Sinnlosigkeit. Klanglich sind die dunklen Vokale und Konsonantenhäufungen („wild“, „öde“) auffällig; sie tragen zu einem schweren, dumpfen Ton bei. Metrisch fügt sich der Vers in den jambischen Fünfheber, wirkt aber durch „Rund um mich“ am Anfang wie leicht antithetisch angeschlagen: Ein kurzer Auftakt, dann die schwer ins Gewicht fallende Aussage über die Landschaft.

Interpretation. Der Vers übersetzt die innere Erfahrung des Ich in ein äußeres Naturbild. Der Mensch, der in den ersten beiden Strophen schon als unruhig und unbehaust erkennbar wurde, findet in der Welt keine „Gegengegend“ der Ruhe, sondern eine Umgebung, die seine innere Lage spiegelt: ungezähmt, leer, ohne gestaltende Mitte. „Wild“ kann als Bild für Übermacht und Chaos gelesen werden, „öde“ als Bild für Sinnlosigkeit und Lieblosigkeit. Die Landschaft ist nicht der romantische Sehnsuchtsraum, in dem sich die Seele aufgehoben weiß, sondern eine Art gefühlter Außenraum seiner inneren Zerrissenheit. Zugleich deutet „rund um mich“ an, dass das Ich keinen Ausweg sieht: In jede Richtung stößt es auf dieselbe Verlassenheit. Die Natur ist hier nicht mehr Ort der Gottesahnung oder des Trostes, sondern wird zum äußeren Schauplatz einer existentiellen Leere.

Vers 18: «Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,»

Beschreibung. Der Vers konkretisiert die Öde der Landschaft durch die Negation zweier typischer Schönheitsszenen: Es gibt „kein Morgenrot“ und „kein goldner Abendschein“. Weder der farbige Beginn des Tages noch das vergoldende Licht des Abends sind vorhanden.

Analyse. Formal fällt sofort die Anapher „kein … kein …“ ins Auge. Sie erzeugt einen rhythmischen Sog der Verneinung: Zwei parallele Satzglieder, beide mit „kein“ eingeleitet, reißen nacheinander Möglichkeiten von Licht und Schönheit weg. Die Pendelbewegung von „Morgenrot“ zu „Abendschein“ umfasst den Tag von seinem Anfang bis zu seinem Ende; dazwischen bleibt leer, weil die beiden lichten Pole fehlen. „Morgenrot“ und „goldner Abendschein“ sind klassische Topoi romantischer Naturlyrik: Sie stehen für Hoffnung, Aufbruch, Verklärung, milde Vollendung. Dass beide ausdrücklich negiert werden, ist poetisch sprechend: Die üblichen Orte des Trostes sind geschlossen. Klanglich tragen die offenen Vokale und der sanfte Fluss („Morgenrot“, „goldner“, „Abendschein“) einen Rest von Schönheit in sich, der inhaltlich aber als abwesend markiert wird – ein feiner Spannungszug zwischen Klang und Aussage.

Interpretation. Der Vers zeigt, dass das Ich in seiner Erfahrungswelt keine „hellen Übergangsmomente“ kennt. Weder der „Morgen“, der in vielen religiösen und poetischen Traditionen für Neubeginn, Hoffnung, Auferstehung steht, noch der „Abend“, der oft für milde Sammlung und Verklärung des Gelebten steht, werden erlebt. Das Leben des Sprechers scheint zwischen einem nicht aufgehenden Morgen und einem nicht golden werdenden Abend eingespannt zu sein: Es gibt keinen poetisch-transzendierenden Lichtsaum. In theologischer Perspektive ließe sich sagen: Weder Ostermorgen noch abendliche Heimkehr- oder Sabbatruhe werden erfahren. Die Natur verweigert die gewöhnlichen Zeichen von Gnade und Trost. Psychologisch vertieft der Vers das Gefühl der Ausweglosigkeit: Ein Tag, der weder hell beginnt noch versöhnlich ausklingt, wird zum Bild eines Lebens ohne echte Aufbrüche und ohne versöhnte Rückblicke.

Vers 19: «Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,»

Beschreibung. Der Vers benennt ein weiteres fehlendes Naturphänomen: „Kein kühler Wind“ weht „durch dunkle Wipfel“. Es fehlt also der erfrischende Luftzug, der die Baumkronen bewegt und dem Menschen Kühlung, Belebung, vielleicht auch Trost verschaffen könnte.

Analyse. Wieder bildet „kein“ den Auftakt; die Negationskette setzt sich fort. „Kühler Wind“ evoziert eigentlich ein angenehmes, lebensfreundliches Bild: Milder Luftzug, der Hitze nimmt und Atem verschafft. „Dunkle Wipfel“ zeichnen ein Wald- oder Hainbild: die oberen Enden der Bäume, die im Wind rauschen könnten. Der Vers ist in seiner Struktur dreiteilig („Kein kühler Wind / durch dunkle Wipfel / wehte“); die Alliteration von „Kein kühler“ und die Wiederholung des w-Lauts („Wind“, „Wipfel“, „wehte“) geben dem Vers eine starke Klangprägung. Bemerkenswert ist, dass die Lautgestalt gerade das nachahmt, was inhaltlich fehlt: Man „hört“ gewissermaßen Wind und Wipfelrauschen, obwohl gesagt wird, dass es keinen Wind gibt. Diese Spannung ist typisch romantische Klangkunst: Die Sprache lässt anklingen, was im Inhalt verneint wird.

Interpretation. Inhaltlich bedeutet der Vers, dass dem Sprecher jede Form von erfrischender, belebender Bewegung entzogen ist. Der „kühle Wind“ steht in vielen Kontexten für geistige oder seelische Erfrischung, für den „Hauch“, der Neues bringt – bis hin zur biblischen und mystischen Deutung als Bild des Geistes oder der Seele. Dass er fehlt, deutet auf eine Erfahrung innerer Erstarrung und Atemnot. Auch hier wird Natur zum Spiegel des Inneren: Keine Bewegung in den „dunklen Wipfeln“, kein Rauschen über dem Kopf, kein Zeichen von Lebendigkeit, die von außen kommt und das Ich durchströmt. Die Dunkelheit der Wipfel betont, dass selbst der obere Bereich der Natur nicht zum Licht wird; das Potenzial zu Klang und Bewegung ist vorhanden (Bäume, Wipfel), aber es bleibt ungenutzt. Man könnte sagen: Die Welt hat die Fähigkeit zur Erfrischung, übt sie aber nicht aus – und gerade dies entspricht der inneren Erfahrung eines Herzens, das nach kühlender, befreiender Bewegung hungert und doch im dumpfen Stillstand verharrt.

Vers 20: «Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;»

Beschreibung. Der Vers führt die Reihe der fehlenden Naturerscheinungen zum vorläufigen Höhepunkt: „Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain.“ Weder ein Vogel noch ein menschlicher Sänger – die Formulierung bleibt offen – stimmt ein Lied an, das den Sprecher begrüßen, aufnehmen, ihm Antwort geben würde. Der Hain, ein klassischer Ort romantischer und pastoraler Musik, ist stumm.

Analyse. Die unpersönliche Konstruktion „Es grüßte mich“ legt den Akzent auf die Erfahrung des Ich: Es erwartet – bewusst oder unbewusst – einen Gruß, ein klingendes „Willkommen“ der Welt. „Kein Sänger“ setzt die Negationsstruktur fort. Der „Hain“ ist ein dichter, zugleich geordneter Naturraum: eine Baumgruppe, häufig Schauplatz von Gesang, Andacht, Dichtung. Die Verbindung „Sänger in dem Hain“ ruft ein ganzes Netzwerk romantischer und älterer Motive auf: Nachtigall, Vogelsang, Hirte mit Flöte, Dichter im Hain. Dass ausgerechnet dort „kein“ Sänger grüßt, verdichtet die Erfahrung der Verstummung: Wo man am ehesten Gesang erwarten würde, herrscht Schweigen. Klanglich bildet der Vers, besonders durch „grüßte mich“ und „Sänger“, eine leichte Hebung, die im harten Einschnitt von „kein“ gebrochen wird. Mit dem Semikolon am Ende wird der Vers zur Zäsur; der Gedanke ist abgeschlossen, zugleich hängt die negative Bilanz der ganzen Naturbegegnung vorläufig im Raum.

Interpretation. Der Vers deutet an, dass das Ich nicht nur Licht und Bewegung, sondern auch Antwort vermisst. Ein „Gruß“ ist eine Form von Anerkennung: Jemand sieht mich, wendet sich mir zu, nimmt mich in seinen Raum auf. Dass „kein Sänger“ grüßt, besagt: Die Welt singt nicht zu mir, sie spricht mich nicht an, sie bestätigt mein Dasein nicht. In der romantischen Tradition ist der „Sänger im Hain“ oft eine Figur, die Natur und Seele vermittelt – sei es der Vogel, der stellvertretend für die Natur singt, sei es der Dichter, der im Hain das Lied der Welt anstimmt. Dass dieser Sänger hier fehlt, hat darum auch eine poetologische Seite: Die Natur ist nicht mehr „von selbst“ poetisch; sie gibt keine Melodie vor, in die das Ich sich nur einzufügen bräuchte. Der Sprecher steht vor einer stummen Welt, die kein Gegenlied anstimmt. Damit verschärft der Vers das Motiv der Beziehungslosigkeit: Nach der starren Menschenwelt der ersten Strophe erscheint nun auch die Naturwelt als nicht-resonant. Der Mensch bleibt ohne angesprochenes Du – weder von Seiten der Menschen noch von Seiten der Natur.

Gesamtdeutung Teilstrophe 3a (Verse 17–20)

Die Verse 17–20 entfalten ein geschlossenes Naturbild, das die existentiellen Motive der ersten beiden Strophen in den Raum der Landschaft projiziert. Was zuvor im sozialen und inneren Bereich sichtbar wurde – Unbehaustheit, fehlende Bindung, Unruhe, Mangel an „Freude des Werkes“ –, erscheint nun als Zustand der Welt: „Rund um mich“ eine „Landschaft wild und öde“, ohne Morgenrot, ohne goldenen Abendschein, ohne kühlen Wind, ohne Sänger im Hain. Die Teilstrophe ist streng aufgebaut als Steigerung der Negation. Vers 17 gibt die Gesamtcharakteristik der Umgebung: wild, ungebändigt, zugleich leer und verlassen. Vers 18 negiert die Lichtpole des Tages – Morgen und Abend –, die normalerweise Träger von Hoffnung und Verklärung wären. Vers 19 negiert die bewegende, erfrischende Kraft des Windes und damit jede Luft des Geistes, jede belebende Strömung. Vers 20 schließlich negiert die Stimme, den Gruß, das Lied; damit wird die Welt nicht nur lichtlos und unbewegt, sondern auch stumm. Die dreifache Kette „Kein … kein … kein … kein“ zieht die Landschaft in eine immer dichter gewobene Erfahrung des Ausbleibens hinein.

Im Verhältnis zu den vorhergehenden Strophen wirkt diese Teilstrophe wie eine konsequente Erweiterung des Erfahrungsraums. Was der Sprecher im Menschenkreis erlebt hat – „tot und stille“ stehende Leute, die sich im „kleinsten Kreis“ drehen –, wird nun in Naturbildern gespiegelt: eine Landschaft, die zwar „wild“ ist, aber innerlich leer; eine Welt ohne Lichtübergänge, ohne Wind, ohne Lied. Auch das eigene innere Ringen mit guten Werken und nicht geteilten Freuden erhält einen Widerhall: Der fehlende „Morgen“ und der ausbleibende „Frühling“ der Welt entsprechen dem ausbleibenden inneren Frühling des Herzens; der fehlende Wind gleicht der Auszehrung innerer Belebung; der ausbleibende Sänger verweist auf die Erfahrung, dass niemand – weder Mensch noch Natur – das Lied des Ich aufnimmt und beantwortet. Die Natur wird damit nicht mehr als Gegenbild zur gescheiterten Menschenwelt entworfen, sondern als zweiter Spiegel derselben Misere.

Zugleich hat die Teilstrophe eine leise theologische und poetologische Tiefenschicht. „Morgenrot“, „Abendschein“, „Wind“ und „Sänger im Hain“ sind in religiösen und romantischen Texten häufig Chiffren der göttlichen oder kosmischen Ansprache: Gott, der im Licht erscheint und im Abend Trost schenkt, der Geist, der als Wind weht, die Schöpfung, die im Gesang der Vögel Gott lobt. In Brentanos Strophe bleiben all diese Zeichen aus. Das Ich erlebt eine Natur, in der nichts mehr als Transparenz des Göttlichen oder als musikalische Antwort auf das eigene Dasein erfahrbar wird. Damit spitzt die Strophe die existentiell-theologische Diagnose zu: Der Sprecher steht nicht nur unter Menschen, die innerlich „tot“ wirken; er steht auch in einer Welt, in der die üblichen Wege der Gottesahnung – Licht, Luft, Klang – blockiert sind. Die Dichtung registriert diese Blockade nicht nüchtern, sondern macht sie sinnlich erfahrbar: in der Kaskade von „kein“, in den ausgelöschten Naturmotiven, im Verstummen des Sängers.

So wird Teilstrophe 3a zu einem zentralen Knotenpunkt des Gedichts: Sie zeigt, dass die Unruhe und Verlassenheit des Ich nicht vor einer „heilen“ Natur Halt machen, sondern dass sich der Riss durch alle Ebenen zieht. Der Mensch findet weder im sozialen Raum noch im Naturraum einen Ort, an dem er sich begrüßt, belebt, besungen wüsste. Was bleibt, ist ein Ich, das in eine „wilde und öde“ Welt gestellt ist, ohne Morgen, Abend, Wind und Lied – eine Konstellation, in der die Fragen nach Sinn, Gott und möglicher Heilung sich nur umso schärfer stellen werden und in der die nächste Teilstrophe 3b den Blick konsequent auf das „erstarrte“ Ganze der Welt und auf den zurückgeworfenen Klang des eigenen „Fluges“ richten kann.

Teilstrophe 3b (Verse 21–24)

Vers 21: «Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,»

Beschreibung. Der Vers erweitert die Naturbeschreibung der vorhergehenden Verse um eine weitere Negation: „Auch aus dem Tal“ ist kein Klang zu hören, „schallt keines Hirten Flöte“. Gemeint ist der Ton einer Hirtenflöte, der gewöhnlich aus dem Tal heraufklingt und eine ländlich-idyllische, beruhigende Atmosphäre schaffen würde. Hier aber bleibt dieser Klang aus.

Analyse. Das einleitende „Auch“ verknüpft den Vers eng mit der vorangegangenen Negationskette („kein Morgenrot … kein goldner Abendschein … Kein kühler Wind … Es grüßte mich kein Sänger“). Es signalisiert: Zur schon geschilderten Lautlosigkeit kommt noch ein weiterer Ausfall hinzu. Wieder begegnet uns die Konstruktion „keines …“, hier mit Genitiv: „keines Hirten Flöte“. Die Wortstellung hebt „Hirten“ hervor und ruft damit sogleich das pastorale Motivfeld auf. „Tal“ und „Flöte“ gehören in die Sphäre der ländlichen Idylle und der Hirtendichtung, in der Musik und Natur eng verbunden sind. Klanglich erzeugt der Vers durch die Kombination von „schallt“ und „Flöte“ eine Resonanz, die fast paradox ist: Das Wort „schallt“ lässt einen Ton erwarten, der gleich darauf durch „keines“ negiert wird; das Ohr „hört“ gewissermaßen eine Flöte, von der gesagt wird, dass sie ausbleibt. Das „auch“ am Anfang und die Alliteration von „Hirten“ und „Hain“ aus Vers 20 (noch im Hintergrund mitklingend) binden den Vers in den größeren Klangraum der Strophe ein.

Interpretation. Mit diesem Vers setzt das Gedicht einen besonders stark biblisch-pastoralen Akzent. Die „Hirtenflöte“ ist mehr als ein Naturdetail; sie symbolisiert eine Welt der einfachen Ordnung, der Fürsorge, der pastoralen Ruhe. In der biblischen Tradition steht der Hirte für Leitung, Schutz, göttliche Nähe („Der Herr ist mein Hirte“), in der pastoralen Dichtung für ein harmonisches Verhältnis von Mensch, Natur und Lied. Dass „keines Hirten Flöte“ schallt, bedeutet: Es gibt keinen Ton der Führung, der tröstenden Gegenwart, der einfachen, friedlichen Lebensform. Das Tal, gewöhnlich ein Ort des Aufenthalts, der Weiden, des Schutzes, trägt hier keinen Klang mehr in die Höhe. Für das Ich, das auf der Höhe der „wilden und öden Landschaft“ steht, bedeutet das Schweigen des Tales, dass auch in der Tiefe kein pastoraler Grundton zu finden ist. Die gesamte vertikale Ordnung – oben kein Morgenrot und Sänger, unten keine Hirtenflöte – ist stumm. In existentieller Perspektive liesse sich sagen: Weder von oben (Himmel, Licht) noch von unten (Tal, einfache Lebenswelt) kommt eine Stimme, die das Ich ruft oder trägt.

Vers 22: «Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.»

Beschreibung. Der Vers bündelt die bisherigen Naturbeobachtungen zu einem umfassenden Urteil: „Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.“ Die Erfahrungen von Öde, Lichtlosigkeit, Windlosigkeit und Schweigen werden in einer einzigen Urteilsaussage zusammengefasst: Die Welt ist nicht nur punktuell leblos, sondern „in sich erstarrt“, also als Ganzes unbeweglich geworden.

Analyse. Grammatisch handelt es sich um eine Feststellung im Präteritum mit Modalbedeutung: „schien mir … zu sein“. Dadurch wird klar: Es handelt sich um eine Wahrnehmungsperspektive, nicht um eine objektive metaphysische Behauptung. Das „mir“ ist wichtig: Die Welt ist nicht einfach an sich erstarrt, sie „schien“ so im Blick des Ich. „In sich erstarrt“ ist eine starke, verdichtete Wendung: Die Erstarrung ist nicht von außen aufgezwungen, sondern scheint aus der Welt selbst zu kommen; sie ist in sich selbst verkrampft, verschlossen, unbeweglich. Der Vers steht im Indikativ, aber durch „schien“ wird zugleich eine gewisse Distanz eingebaut: die Reflexion, dass die Welt uns so erscheinen kann, wie wir innerlich gestimmt sind. Klanglich wirkt der Vers ruhiger und syntaktisch geschlossener als die aufgezählten Negationssätze zuvor: Er hat den Charakter einer Zusammenfassung, einer Bilanz.

Interpretation. Mit diesem Vers hebt das Gedicht die Wahrnehmungsebene vom Einzelnen aufs Ganze: Aus der blühenden Negationskette wird eine weltweite Diagnose. Die Welt erscheint als „in sich erstarrt“ – als System, das sich nicht mehr bewegt, nicht mehr öffnet, weder für den Menschen noch für Gott. Das „in sich“ legt nahe, dass die Welt sich selbst genügt, sich um sich selbst dreht und genau dadurch gefriert; man könnte an die „kleinsten Kreise“ der ersten Strophe erinnert werden, nur jetzt auf globaler Skala. Gleichzeitig zeigt das „schien mir“, dass diese Diagnose untrennbar mit der inneren Verfassung des Ich verbunden ist: Seine eigene Erstarrung (Unfähigkeit, „des Werkes Freude“ zu teilen, Unruhe des Herzens) legt sich als Deutung über die Welt. Theologisch ist dieser Vers zentral: Er beschreibt nicht eine Welt, in der das Heil fehlt, sondern eine Welt, die verschlossen ist – vielleicht auch gegenüber der göttlichen Bewegung. Philosophisch lässt sich darin die Erfahrung einer „entzauberten“, nicht mehr belebten Welt erkennen, wie sie in der Moderne oft beschrieben wird. Für das Gedicht gilt: Der Vers markiert den Tiefpunkt der Beziehung zwischen Ich und Welt – der Punkt, an dem das Ich nicht einmal mehr auf Natur als mögliche Partnerin hoffen kann.

Vers 23: «Ich hörte in des Stromes wildem Brausen»

Beschreibung. Nach dem umfassenden Urteil über die erstarrte Welt wendet sich der Sprecher wieder einer konkreten Wahrnehmung zu. Er sagt: „Ich hörte in des Stromes wildem Brausen …“. Wieder steht das Ich als Hörender im Zentrum, diesmal bezogen auf einen Strom, dessen Brausen als „wild“ charakterisiert wird. Der Vers bleibt syntaktisch offen; das, was gehört wird, folgt erst im nächsten Vers.

Analyse. Die Konstruktion „Ich hörte in …“ lenkt den Blick auf eine bestimmte Art des Hörens: nicht bloßes Registrieren eines Geräuschs, sondern Hineinhören, Deuten. „Stromes wildem Brausen“ knüpft inhaltlich an „Landschaft wild und öde“ an; „wild“ ist bereits mehrfach gefallen und markiert ungebändigte, unruhige Naturkraft. „Brausen“ bezeichnet ein anhaltendes, volles, rauschendes Geräusch – lauter als der Wind, schwerer als ein bloßes Murmeln. Die Genitivfügung „des Stromes wildem Brausen“ ist dichterisch konzentriert; sie verdichtet Subjekt und Eigenschaft in einem Klangbild. Der Vers ist metrisch harmonisch gefügt; die Hebungen auf „hörte“, „Stromes“, „wildem“, „Brausen“ machen den Satz schwer und voll. Wichtig ist, dass der Vers noch keine Deutung enthält; er bereitet sie nur vor, indem er den Strom als akustischen Resonanzraum markiert.

Interpretation. Der Strom tritt hier als starke Gegenfigur zur „erstarrten Welt“ auf: Während diese unbewegt, stumm, lichtlos erscheint, ist der Strom in Bewegung, laut, „wild“. Er ist gleichsam das letzte verbleibende Element, in dem noch etwas „geschieht“. Indem der Sprecher „in“ dieses Brausen hineinhört, sucht er in der chaotischen Bewegung der Natur eine Art Botschaft, Spiegelung oder Antwort. Man kann den Vers als Ansatz zu einer neuen Sinnsuche lesen: Wenn Licht, Wind und Lied ausfallen, bleibt der Grundlärm des Daseins, das Rauschen des Lebensstromes. In ihn hinein lauscht das Ich – mit der Erwartung, darin etwas von sich selbst oder vom Geschick zu erkennen. Der Strom wird so zur Projektionsfläche; was genau projiziert wird, zeigt sich im folgenden Vers.

Vers 24: «Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.»

Beschreibung. Der Vers beantwortet die in Vers 23 aufgeworfene Frage: Was hört das Ich „in des Stromes wildem Brausen“? Es hört „des eignen Fluges kühne Flügel sausen“. Das heißt: Im Geräusch des Flusses vernimmt es nichts Fremdes, sondern den Klang seines eigenen Fluges. Die Flügelbewegung des Ich, sein „Flug“, saust in seinen Ohren; der Strom wird zum Echo der eigenen Existenzbewegung.

Analyse. Grammatisch hängt der Vers als Akkusativ- und Genitivkonstruktion von „Ich hörte“ (V. 23) ab: „Ich hörte … des eignen Fluges kühne Flügel sausen.“ Die Verdichtung ist hoch: In „Flug“ und „Flügel“ erscheinen Subjekt und Organ der Bewegung doppelt; „kühne“ charakterisiert den Flug als wagemutig, vielleicht übermütig. „Sausen“ knüpft klanglich an „Brausen“ an; beide Verben teilen die -aus- Lautfolge und bezeichnen rauschende, schnelle Bewegung. In der Lautung (Fl–, Fl–, s–) entsteht ein Klangband, das das Bild vom raschen Flügelschlag trägt. Das Pronomen „eignen“ ist entscheidend: Es ist der eigene Flug, der hier hörbar wird, nicht der eines fremden Wesens. So wird klar: Der Strom ist akustischer Spiegel. Was das Ich aus ihm herausliest, ist nicht ein anderes Wesen (kein Gott, kein Dämon, kein Fremder), sondern die Verstärkung des eigenen Bewegungsrauschens.

Interpretation. Der Vers liefert eine Schlüsselintuition für die Deutung der gesamten Naturerfahrung im Gedicht: Die Welt, so wie das Ich sie erlebt, spiegelt nur sein eigenes Innen zurück. Im „wildem Brausen“ des Stroms hört es nichts anderes als den Lärm „des eignen Fluges“ – seiner eigenen Unruhe, seines Getriebenseins, seines „kühnen“, vielleicht auch vermessenen Versuchs, die Grenzen des Gewöhnlichen zu überschreiten. Der Strom gibt keine fremde Stimme; er verstärkt die eigene. Das ist doppelt bedeutend. Zum einen zeigt es die Radikalität der Subjektivität: Die Natur ist nicht eigenständig sprechend, sondern Resonanzraum des Selbst. Zum anderen bedeutet es, dass das Ich endgültig ohne Gegenüber bleibt: Weder Menschen, noch Natur, noch ein Gott durchbrechen den Kreis der Selbstwahrnehmung; alles, was es hört, ist am Ende sein eigenes Sausen. Philosophisch-existentiell könnte man sagen: Das Subjekt in der modernen Welt hört in den Weltgeräuschen letztlich nur die Echos seines eigenen Daseins; theologisch: Wo Gott schweigt und die Schöpfung nicht mehr als Gottesrede erfahren wird, bleibt der Mensch in einem Kreis von Selbstbegegnungen gefangen, die ihn nicht erlösen.

Gesamtdeutung der dritten Strophe (Verse 17–24)

In der Zusammenführung von Teilstrophe 3a (Verse 17–20) und 3b (Verse 21–24) zeichnet die dritte Strophe ein umfassendes, in sich geschlossenes Bild der Welt, wie sie dem lyrischen Ich erscheint – und damit zugleich ein Bild der Grenze, an der seine Sinnsuche zum Stillstand kommt. Zunächst wird die Landschaft „rund um mich“ als „wild und öde“ beschrieben: eine Umgebung, die zwar kraftvoll, aber ohne gestaltenden Sinn ist. Die darauf folgende Kette von Negationen – „Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein“, „Kein kühler Wind“, „kein Sänger in dem Hain“, „keines Hirten Flöte“ – entzieht Schritt für Schritt alle klassischen romantischen und religiösen Trostzeichen: kein Licht des Anfangs, keine Verklärung des Endes, kein erfrischender Wind, kein Lied aus dem Hain, kein pastoraler Grundton aus dem Tal. Auf dieser Grundlage formuliert Vers 22 die zentrale Diagnose: „Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.“ Die Strophe bringt damit zum Ausdruck, dass die Welt für das Ich nicht mehr als resonanter, lebendiger, durchlässiger Raum erfahrbar wird, sondern als in sich verschlossenes, unbewegliches Ganze.

Doch die Strophe bleibt nicht bei dieser Erstarrungsdiagnose stehen. In Vers 23–24 wagt das Ich einen letzten Versuch, im „wildem Brausen“ des Stromes etwas von Sinn oder Antwort herauszuhören. Der Strom scheint zunächst das Gegenbild zur Erstarrung zu sein: Er ist in Bewegung, er tönt, er rauscht. Aber das, was das Ich darin vernimmt, entpuppt sich als Echo des eigenen inneren Zustands: „des eignen Fluges kühne Flügel sausen.“ Damit wird der Kreis geschlossen: Die Welt ist erstarrt – und dort, wo noch Bewegung und Geräusch sind, spiegeln sie nur die eigene Unruhe zurück. Die dritte Strophe zeigt damit in einem doppelten Schritt, dass die äußere Natur nicht als korrigierende Instanz, nicht als anderes Gegenüber fungiert. Sie ist entweder stumm und unbewegt oder Echo des eigenen Sausens. Der Mensch bleibt mit sich selbst allein.

Im Zusammenhang des Gedichts erscheint diese Strophe als entscheidender Wendepunkt. In Strophe 1 war die Menschenwelt als „tot und stille“ und als „kleinster Kreis“ beschrieben worden, in Strophe 2 die eigene Existenz als getrieben, flüchtig, zu guten Werken fähig, aber ohne Anteil an der „Freude des Werkes“. Die dritte Strophe prüft nun die Natur als möglichen Ort von Trost, Resonanz, Sinn. Das Ergebnis fällt negativ aus: Weder Licht, noch Wind, noch Lied, noch Hirtenflöte, noch der Strom als Stimme eines Anderen geben dem Ich Antwort. Die Welt bleibt „in sich erstarrt“, während der Strom nur das „kühne“ Sausen des eigenen Fluges zurückwirft. Der Mensch wird so in einen radikal subjektiven Raum eingeschlossen: Er sieht, hört, fühlt – aber überall begegnet er letztlich nur sich selbst und einer schweigenden, geschlossenen Welt.

Theologisch-poetologisch ist diese Strophe besonders aufschlussreich. Sie zeigt, dass für Brentanos Sprecher die klassische romantische Erfahrung – Natur als Offenbarungsraum Gottes, als Resonanzraum des Herzens – nicht mehr funktioniert. Statt einer „sprechenden Natur“ gibt es eine Schweigen verhängte Welt; statt eines „Gesangs der Schöpfung“ gibt es nur das Echo des eigenen Flügelschlags. In dieser Perspektive wird Dichtung selbst zu dem Ort, an dem diese Sprachlosigkeit der Welt und diese Selbstspiegelung des Ich zur Sprache kommen. Die „Naturlyrik“ der dritten Strophe ist keine Idylle, sondern eine präzise inszenierte Erfahrung des Ausbleibens von Antwort. Sie bereitet damit die vierte Strophe vor, in der sich der Blick nach innen (Herz, Sterne, Stimmen) noch einmal verschärft – und in der deutlich wird, dass die endgültige Klärung nicht von außen kommen kann, wo die Welt „in sich erstarrt“ ist, sondern, wenn überhaupt, nur an einer noch unauffindbaren inneren Mitte, dem „wahren Punkt“.

Teilstrophe 4a (Verse 25–28)

Vers 25: «Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,»

Beschreibung. Der Sprecher formuliert nun ausdrücklich, wohin sich sein Erkenntnis- und Sinnsuchbewegung wendet: „Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“. Der Vers benennt eine ausschließliche Hinwendung nach innen; das Wort „Nur“ stellt klar, dass nach der Erfahrung der äußeren Welt als „erstarrt“ keine andere Möglichkeit bleibt, als die eigene Innerlichkeit zum Gegenstand einer Tiefenerforschung zu machen.

Analyse. Grammatisch handelt es sich um eine infinitivische Konstruktion ohne finites Verb; sie hängt von der Aussage des folgenden Verses („Senkt’ ich … den Blick“) ab und fungiert als Ziel- oder Zweckbestimmung: Nur um in mir selbst die Tiefe zu ergründen, senkte ich den Blick ins Herz. Das einleitende „Nur“ hat eine Begrenzungs- und Konzentrationsfunktion: Alle anderen Wege – über Menschen, Natur, äußere Welt – sind als aussichtslos markiert; übrig bleibt einzig die Innenschau. „In mir selbst“ rückt das Subjekt noch einmal auf sich zurück; es wird nicht nur als Wahrnehmungszentrum, sondern als eigener Erfahrungsraum verstanden. „Die Tiefe zu ergründen“ ist eine stark verdichtete Wendung: „Tiefe“ bezeichnet etwas qualitativ anderes als bloße Oberfläche; „ergründen“ suggeriert ein Hinabgehen, Ausloten, bis man einen Grund erreicht. Der Vers wirkt durch seine Schwebe (kein abgeschlossenes Prädikat) wie ein vorausgeschobener Programmsatz, der erst durch Vers 26 in eine konkrete Handlung übersetzt wird.

Interpretation. Inhaltlich markiert der Vers den konsequenten Schritt, den das Gedicht nach der Diagnose der „erstarrten“ Welt vollzieht: Wenn außen keine Antwort mehr zu erwarten ist, bleibt nur das „Innen“, die eigene Tiefe. Das Ich entscheidet sich – oder sieht sich gezwungen –, den Blick ganz auf sich selbst zu richten. Darin liegt romantische und religiöse Tradition zugleich: Die Seele als „Innenraum“, in dem die Wahrheit des Menschen und möglicherweise die Wahrheit Gottes aufscheinen könnte. Zugleich ist der Ton keineswegs triumphal, sondern eher resignativ: Das „Nur“ klingt wie die letzte Option eines bereits Enttäuschten. Die „Tiefe“ ist dabei nicht klar konturiert; sie kann psychologisch als Unbewusstes, theologisch als innerster Seelengrund gelesen werden. Der Vers setzt damit einen hohen Anspruch: In der eigenen Tiefe soll der Grund der Unruhe, der Sinn des Daseins, vielleicht sogar die verlorene Mitte gefunden werden. Gerade weil die weiteren Verse zeigen werden, dass diese Erwartung nicht erfüllt wird, erhält dieser Programmsatz ein tragisch gebrochenes Gewicht.

Vers 26: «Senkt' ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;»

Beschreibung. Der Vers konkretisiert die in Vers 25 angezeigte Bewegung: Um „die Tiefe zu ergründen“, senkt der Sprecher „ins Herz mit Allgewalt den Blick“. Er beschreibt damit eine intensive, fast gewaltsame Innenschau, bei der der ganze Blick in das eigene Herz hineingezogen wird.

Analyse. „Senkt’ ich“ ist das verkürzte Präteritum von „senkte ich“; es stellt den Satz in eine erzählende Rückschau. Das Substantiv „Herz“ benennt den zentralen Ort der Innerlichkeit, an dem Gefühl, Wille, Erkenntnis und religiöse Dimension zusammengedacht sind. „Mit Allgewalt“ ist eine starke, pathetische Verstärkung: nicht vorsichtig, nicht tastend, sondern mit der ganzen verfügbaren Kraft, vielleicht sogar mit Übermaß, wird der Blick nach innen gezwungen. Das macht aus der Innenschau keine sanfte Meditation, sondern eine Art inneres Experiment am eigenen Seelenraum. Die Verbindung „den Blick senken“ ist konventionell, erhält aber durch die Beifügung „ins Herz mit Allgewalt“ eine fast körperliche Wucht. Metrisch ruht der Vers auf einer Reihe starker Hebungen (SENKT’ ich / ins HERZ / mit ALL / geWALT / den BLICK); man spürt im Rhythmus förmlich den Druck, der nach innen geführt wird. Der Strichpunkt am Ende zeigt, dass hier ein erster Gedankenschritt abgeschlossen ist, dessen Ergebnis in Vers 27–28 formuliert wird.

Interpretation. Der Vers zeigt, wie ernst das Ich die innere Suche nimmt. Es handelt sich nicht um beiläufige Selbstbeobachtung, sondern um einen radikal intensiven Versuch, in der eigenen Tiefe Klarheit zu finden. Psychologisch könnte man von einem fast zwanghaften Selbstbefragungsakt sprechen: Das Subjekt zwingt sich, nichts zu verdrängen, alles anzuschauen. Theologisch erinnert die Formulierung an Praktiken geistlicher Selbstprüfung, an Beichtspiegel, an die „Erforschung des Herzens“, wie sie in vielen Frömmigkeitstraditionen gefordert wird – hier allerdings in einer gesteigerten, nicht von einem tröstenden Gegenüber (etwa Gott, Beichtvater) moderierten Form. Bemerkenswert ist, dass „Allgewalt“ auch eine doppelte Konnotation trägt: Sie bezeichnet die Intensität des Subjekts, kann aber subtile Anklänge an göttliche „Allmacht“ oder an eine über das Ich hinausweisende Kraft haben. Doch in der konkreten Versfügung ist es offenkundig der Blick des Ich, der mit Allgewalt gesenkt wird. Damit wird deutlich: Der Mensch versucht, aus eigener Kraft jene Tiefe zu erschließen, in der das Geheimnis seines Daseins liegen müsste. Diese Selbstzuspitzung bereitet den Fall vor, der in Vers 27 beschrieben wird.

Vers 27: «Doch nimmer konnt' es eigne Ruhe finden,»

Beschreibung. Der Vers bringt mit einem scharfen „Doch“ das Ergebnis der inneren Anstrengung zur Sprache: „nimmer konnt’ es eigne Ruhe finden“. Das pronomenhafte „es“ bezieht sich auf den zuvor eingeführten Blick oder – weiter gefasst – auf das Herz selbst. Trotz aller „Allgewalt“ der Innenschau findet dieses „es“ nie die gesuchte „eigene Ruhe“.

Analyse. Das adversative „Doch“ markiert einen klaren Gegensatz zu Vers 25–26: Auf die hohe Anstrengung folgt nicht die erhoffte Erfüllung, sondern eine negative Bilanz. „Nimmer“ ist im Gedicht bereits als Schlüsselwort etabliert worden; es drückt ein absolutes, lebenslanges „nie“ aus und wird hier erneut mit existentieller Schärfe eingesetzt. Die Stellung „nimmer konnt’ es“ legt das Gewicht sichtbar auf das Scheitern: Nicht einmal, nicht irgendwann, sondern „nimmer“ war das Finden von Ruhe möglich. „Eigne Ruhe“ ist eine wichtige Formulierung: Es geht nicht um irgendeine äußere Ruhe, sondern um eine spezifische, dem Herzen gemäße, innere Ruhe, die zu seiner Natur, seiner Bestimmung gehört. Der Vers bleibt syntaktisch offen, da Vers 28 die Folge hinzufügt, wirkt aber in sich schon wie ein Urteilssatz. Klanglich schließt der Vers weich, aber eindringlich; die Vokale in „nimmer“, „konnt’“, „eigene“ und „Ruhe“ schaffen eine geheimnisvoll gedämpfte Atmosphäre, die zum Thema passt.

Interpretation. Mit diesem Vers erkennt das Ich, dass der Weg der radikalen Innenschau nicht zu der ersehnten Mitte geführt hat. Das Herz – oder der Blick ins Herz – hat „nimmer“ eine Ruhe gefunden, die es als „eigen“ hätte bejahen können. Damit tritt ein Topos zutage, der in der christlichen Tradition als „unruhiges Herz“ bekannt ist, hier aber in einer schmerzlich offenen, nicht aufgelösten Form: Die Unruhe bleibt. Wichtig ist, dass von „eigener“ Ruhe die Rede ist; das impliziert, dass das Herz auf eine solche Ruhe hin angelegt ist, dass sie ihm eigentlich zukäme – und dass ihr Ausbleiben daher als Verfehlung erlebt wird. Der Vers entwertet nicht die Innenschau, sondern konstatiert ihr Scheitern unter den gegebenen Bedingungen. Theologisch könnten hier Fragen anklingen wie: Kann der Mensch aus eigener Kraft seine Ruhe finden? Ist das Herz überhaupt fähig, sich selbst zu beruhigen, oder bedarf es einer Gabe von außen? Der Text beantwortet diese Fragen nicht explizit, macht aber deutlich, dass die bloße Intensität des eigenen Blicks nicht ausreicht. Damit wird die „Allgewalt“ des vorangehenden Verses im Rückblick relativiert: Sie erscheint als kraftvoller, aber letztlich ohnmächtiger Versuch eines Menschen, der mehr will, als ihm möglich ist.

Vers 28: «Kehrt' trübe in die Außenwelt zurück,»

Beschreibung. Der Vers beschreibt, was mit dem Blick, mit der inneren Aufmerksamkeit nach dem Scheitern der Ruhefindung geschieht: Sie „kehrt’ trübe in die Außenwelt zurück“. Die Richtung kehrt sich um: vom Inneren geht es wieder nach außen, aber nicht erhellt, sondern „trübe“ – getrübt, verdunkelt, enttäuscht.

Analyse. „Kehrt’“ (für „kehrte“) knüpft temporalanalog an „Senkt’ ich“ und „konnt’“ an; der gesamte Abschnitt steht im erzählenden Rückblick. Das Verb „zurückkehren“ impliziert, dass die Außenwelt zuvor bereits der Ausgangspunkt war – wie wir es aus den ersten drei Strophen kennen – und dass das Ich nun, nach seinem inneren Exkurs, wieder dorthin zurückgelangt. „Trübe“ fungiert als Adverb oder prädikative Bestimmung: Die Rückkehr vollzieht sich in einem geistig-seelischen Zustand der Verdunkelung, Niedergeschlagenheit, Verschleierung. Der Ausdruck „Außenwelt“ fasst die zuvor differenziert beschriebenen Bereiche (Menschenwelt, Landschaft, Tal, Strom) zu einem Gesamtbegriff: Alles, was nicht „in mir selbst“ ist, bildet die Außenwelt. Der Vers hängt syntaktisch von Vers 27 ab und gibt die Folge des Nicht-Findens von Ruhe an: Weil das Herz keine eigene Ruhe finden konnte, kehrt der Blick bedrückt nach außen zurück. Die Zeile endet mit „zurück,“ – das Komma zeigt an, dass der Gedanke noch weiterläuft; der nächste Vers (29) wird die Wahrnehmung der Außenwelt aus dieser „trüben“ Perspektive schildern.

Interpretation. Der Vers zeigt die Dynamik eines Scheiterns, das nicht folgenlos bleibt. Das Ich kehrt nicht neutral, nicht „klüger“ oder gereinigt aus der Innenschau zurück, sondern „trübe“ – also verdüstert, vielleicht auch entmutigt. Die Bewegung nach innen hat nicht zur Klärung, sondern zur weiteren Eintrübung des Blicks geführt. Das bedeutet: Die Außenwelt, die bereits zuvor als „wild und öde“, als „in sich erstarrt“ erlebt worden war, wird nun von einem noch dunkleren Innen her gesehen. Innerer Mangel und äußere Leere verstärken sich gegenseitig. Psychologisch könnten wir von einem sich selbst verstärkenden Interpretationskreislauf sprechen: Ein Mensch, der in sich keine Ruhe findet, sieht auch draußen nur Unruhe, Leere, Sinnlosigkeit. Theologisch erinnert dies an die Erfahrung, dass der Versuch der Selbstrettung – die lückenlose Innenschau in eigener „Allgewalt“ – am Ende nicht zum Heil führt, sondern die Welt noch trostloser erscheinen lassen kann, wenn er nicht von einer anderen Instanz, einem anderen Licht her getragen wird.

Zugleich deutet die Formulierung „Außenwelt“ eine Art Dualität an: innen / außen. Bislang war das Gedicht schrittweise von außen nach innen gewandert; nun ist der erste Rundlauf vollzogen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Innen wie außen keine Ruhe, keine Mitte, keine tragende Stimme. Der Vers bereitet so die nächsten Zeilen vor, in denen das Leben „unten“ wie ein „Traum“ schwinden wird und das „ewige Geschick“ in den Sternen gelesen wird – Versuche, aus dieser trüben Rückkehr heraus doch noch einen übergreifenden Sinn zu gewinnen.

Gesamtdeutung Teilstrophe 4a (Verse 25–28)

Teilstrophe 4a markiert innerhalb des Gedichts eine entscheidende Verschiebung: Nach der Enttäuschung an Menschenwelt (Strophe 1), am eigenen Werkleben (Strophe 2) und an der Natur (Strophe 3) unternimmt das Ich nun den konsequenten Versuch, allein im Inneren, im „Herz“, den Grund und die Ruhe seines Daseins zu finden. Vers 25 formuliert das Programm: „Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ – es bleibt nichts anderes übrig, als in den eigenen Seelengrund hinabzusteigen. Vers 26 zeigt die Intensität dieses Unternehmens: Mit „Allgewalt“ wird der Blick ins Herz gesenkt. Es ist der radikale Ernst eines Menschen, der keine Ausflüchte mehr zulässt und der bereit ist, sich der eigenen Wahrheit so vollständig wie möglich zu stellen.

Vers 27–28 liefern dann die ernüchternde Bilanz: Trotz aller inneren „Allgewalt“ findet der Blick „nimmer“ eine „eigene Ruhe“. Die erhoffte Mitte, der gesuchte „Punkt“ innerer Stille, an dem das Herz sich selbst bejahen könnte, bleibt aus. Stattdessen kehrt der Blick „trübe“ in die Außenwelt zurück. Die Bewegung des Gedichts beschreibt damit einen geschlossenen Kreis: von außen (Menschen, Natur) nach innen (Herz) und wieder nach außen – ohne dass irgendwo eine Ruhefigur, eine Sinnmitte, ein tröstendes Gegenüber gefunden würde. Die Innenwendung, die in vielen religiösen und romantischen Texten zum Ort der Begegnung mit Gott oder mit der eigenen wahren Bestimmung wird, endet hier in einer weiteren Verdunkelung.

In existentieller Perspektive zeichnet Teilstrophe 4a den Zustand eines Menschen, der alle klassisch verfügbaren Wege der Sinnsuche erprobt hat: in Beziehungen, im Tun, in der Natur, in der eigenen Innerlichkeit – und der doch feststellen muss, dass keiner dieser Wege zur ersehnten Ruhe führt. Besonders scharf ist der Kontrast zwischen dem großen Aufwand („Allgewalt“) und dem minimalen Ertrag („nimmer“ Ruhe; „trübe“ Rückkehr). Das macht das Gewicht der inneren Krise deutlich: Es handelt sich nicht um oberflächliche Unruhe, sondern um eine tief eingreifende, durch keine verfügbaren Mittel aufzulösende Zerrissenheit. Das Herz ist bildlich gesprochen wie ein Raum ohne Grund: Man kann den Blick hinabsenken, man findet aber keinen festen Boden.

Theologisch-poetologisch bekommt diese Teilstrophe so eine doppelte Funktion. Einerseits bestätigt sie die Einsicht, dass der Mensch sein Zentrum, seine Ruhe, seinen „wahren Punkt“ nicht aus eigener Kraft hervorbringen kann. Weder äußere Ordnung noch innere Anstrengung sind hinreichend. Andererseits zeigt sie aber auch, wie weit Dichtung gehen kann: Sie kann diesen Zustand in aller Schärfe aussprechen, die Bewegung der Innenschau nachzeichnen, ihr Scheitern benennen und die trübe Rückkehr ins Außen festhalten, ohne sich in einfachen Vertröstungen zu verlieren. In der Zusammenschau verweist Teilstrophe 4a voraus auf den „wahren Punkt“ der Schlussstrophe, der „nimmer“ erbeutet wird: Zwischen dem radikalen Hinabblick ins Herz und der ausbleibenden Mitte liegt dieselbe tragische Konstellation wie zwischen der Sehnsucht nach Sinn und dem „flüchtigen Geschicke“, das den Sprecher forttreibt. Die Strophe bündelt diese Konstellation und macht sie zum inneren Angelpunkt des Gedichts.

Teilstrophe 4b (Verse 29–32)

Vers 29: «Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,»

Beschreibung. Nach der „trüben“ Rückkehr des Blicks in die Außenwelt (V. 28) beschreibt der Sprecher nun, was dieser Blick wahrnimmt: „Es sah wie Traum das Leben unten schwinden“. Aus einer gewissen Distanz („unten“) erscheint das Leben wie ein Traum, der allmählich „schwindet“, also verblasst, vergeht, ins Unwirkliche zurücksinkt.

Analyse. Das unpersönliche „Es“ knüpft an das „es“ aus Vers 27 an und setzt die anonyme Subjektstellung fort: Gemeint ist der in das Herz gesenkte und nun wieder in die Außenwelt zurückgekehrte Blick, möglicherweise auch das Herz selbst in seiner Wahrnehmungsfunktion. Die Konstruktion „sah … das Leben unten schwinden“ bildet einen klar strukturierten Wahrnehmungssatz; die eingefügte Vergleichspartikel „wie“ („wie Traum“) macht deutlich, dass es nicht um objektive Traumhaftigkeit, sondern um eine Wahrnehmungsqualität geht: Das Leben erscheint als ob es Traum wäre. Das Adverb „unten“ markiert eine räumliche Staffelung: Der Sprecher sieht das Leben „unten“ schwinden – er selbst scheint auf einer Art Höhe oder Distanzposition zu stehen. Das Verb „schwinden“ hat einen schleichenden, leisen Charakter; es beschreibt kein plötzliches Ende, sondern ein langsames Verlöschen. Metrisch fügt sich der Vers in den jambischen Fünfheber, aber der Einschub „wie Traum“ erzeugt einen kleinen, hörbaren Einschub, der den Vergleich hervorhebt.

Interpretation. Der Vers bringt eine entscheidende Veränderung der Perspektive: Das Ich sieht das eigene und das fremde Leben nicht mehr von innen her, sondern von einer Art meta- oder Vogelperspektive. „Unten“ ist die Sphäre der konkreten Existenz, der Alltag, die Geschichte; von der erhöhten Stellung eines innerlich Ernüchterten aus erscheint dieses Leben wie ein Traum. Das kann zweifach gelesen werden. Einerseits relativiert der Vergleich das Gewicht des irdischen Lebens: Es bekommt etwas Flüchtiges, Illusorisches; alles, woran man sich klammert, vergeht wie ein Traum beim Erwachen. Andererseits kann darin auch ein Ausdruck von Entfremdung liegen: Wer das Leben nur noch „wie Traum“ sieht, steht nicht mehr wirklich in ihm, sondern ist zum Beobachter geworden. Der Vers zeigt so die Folge der gescheiterten Innenschau: Das Ich findet keinen Grund in sich – und beginnt nun, auch das Leben als Ganzes als etwas Unwirkliches, Verflüchtigendes zu sehen. In einer religiösen Perspektive könnte dies an biblische und mystische Redeweisen erinnern, in denen das irdische Leben gegenüber der Ewigkeit als Traum oder Schatten bezeichnet wird – hier jedoch erscheint diese Einsicht zunächst mehr resignativ als tröstlich: Das Leben schwindet, und es gibt keinen Ort, an dem es aufgehoben wäre.

Vers 30: «Las in den Sternen ewiges Geschick,»

Beschreibung. Der Vers schildert einen weiteren Zug dieser neuen Perspektive: Der Sprecher (bzw. der in Vers 29 genannte Blick) „las in den Sternen ewiges Geschick“. Das heißt: Er deutet die Sterne als Schrift, aus der sich ein „ewiges“ Geschick, ein unabänderliches Schicksal ablesen lässt.

Analyse. Wieder haben wir eine knappe, stark verdichtete Wahrnehmungsaussage: „las in den Sternen“ – die Sterne sind hier nicht bloß leuchtende Punkte, sondern Träger einer Bedeutung, wie Buchstaben oder Zeichen. „Geschick“ gehört semantisch zum „flüchtigen Geschicke“ aus Vers 7, wird jetzt aber durch das Adjektiv „ewig“ bestimmt: Es geht nicht um das wechselnde, flüchtige Geschick einzelner Situationen, sondern um ein übergeordnetes, dauerhaftes Schicksal. „Ewiges Geschick“ verbindet eine Qualität, die im religiösen Kontext Gott, Heil, Leben zukommt („ewig“), mit einem Begriff, der eher an Schicksalsmächte und Vorherbestimmung erinnert („Geschick“). Die Sterne stehen traditionell für eine übermenschliche Ordnung, für das kosmische Gefüge, in dem die Wege des Menschen eingeschrieben sind. Metrisch steht der Vers als kompakter, klarer Fünfheber da; sein Kürze und seine Geschlossenheit lassen ihn wie einen Sentenzvers wirken.

Interpretation. Der Vers markiert die zweite Stufe einer dreifachen Bewegung: Nachdem der Blick das Leben „unten“ wie einen schwindenden Traum wahrnimmt, richtet er sich „nach oben“ – zu den Sternen – und sucht dort Beständigkeit und Sinn. Das „ewige Geschick“ erscheint als Gegenpol zum schwindenen Traum-Leben: oben Dauer und Ordnung, unten Vergänglichkeit. Zugleich bleibt das Motiv ambivalent. „Lesen in den Sternen“ erinnert an astrologische, magische, aber auch religiöse Vorstellungen; man kann das Geschick als strenge, unpersönliche Schicksalsmacht oder als Ausdruck einer göttlichen Ordnung verstehen. In beiden Fällen ergibt sich eine gespannte Konstellation: Das Ich, das sich als getrieben und unbehaust erlebt, versucht, in einem kosmischen Zusammenhang die „Schrift“ über sein Leben zu entziffern. Der Vers zeigt damit eine Art Fluchtbewegung aus dem unergründlichen Herzen heraus: Wenn im Inneren keine Ruhe zu finden ist, soll das große Außen – der Sternenhimmel – Auskunft geben. Die Frage bleibt, ob dieses „ewige Geschick“ als tröstlich oder als bedrückend empfunden wird. Im Kontext des Gedichts spricht vieles für eine eher dunkle Färbung: Schon das „flüchtige Geschicke“ aus Vers 7 war Anlass für Leid; nun tritt die Vorstellung hinzu, dass diese Getriebenheit in einem „ewigen“ Zusammenhang steht.

Vers 31: «Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:

Beschreibung. Der Vers führt eine dritte Ebene ein: „rings um mich“ – im Umkreis des Ich – sprechen „ganz kalte Stimmen“. Es handelt sich um Stimmen anderer, die das Ich umgeben und die nun, nach der inneren und kosmischen Wahrnehmung, eine Deutung aussprechen werden, die in Vers 32 als direkte Rede wiedergegeben ist.

Analyse. Das einleitende „Und“ stellt diesen Vers neben die Wahrnehmungen von Vers 29–30, so dass ein dreifaches „Sehen/Lesen/Hören“ entsteht: das Sehen des Lebens unten, das Lesen in den Sternen, das Hören der Stimmen. „Rings um mich“ betont die Umzingelung: Die Stimmen kommen von allen Seiten, das Ich ist von ihnen umstellt. „Ganz kalte Stimmen“ ist eine starke, synästhetische Charakterisierung: Kälte ist ein Temperatur- und Gefühlsausdruck, hier auf Stimmen übertragen – sie sind ohne Wärme, ohne Mitleid, ohne Anteilnahme. Der Adverbzusatz „ganz“ verstärkt dies: nicht nur kühl, sondern recht eigentlich „eiskalt“. Das Verb „sprachen“ kündigt an, dass hier eine (scheinbar) objektive Deutung folgt; der Doppelpunkt am Versende bereitet den wörtlichen Ausspruch vor. Metrisch ist der Vers etwas schwerer und betonungsreicher, was den Eindruck eines gewichtigen, urteilsartigen Sprechens unterstützt.

Interpretation. Der Vers macht deutlich, dass das Ich nicht nur mit seiner eigenen Wahrnehmung kämpft, sondern auch mit Deutungen von außen. „Rings um mich“ lässt an Stimmen von Mitmenschen, vielleicht auch von Lehrern, Predigern, einer religiösen Gemeinschaft denken – jedenfalls an eine Umwelt, die sich ein Urteil über das Herz und seine Bestimmung erlaubt. Dass diese Stimmen „kalt“ sind, legt nahe, dass sie zwar vielleicht „recht“ haben, aber ohne Empathie, ohne Einfühlung in die konkrete Not des Sprechers sprechen. Sie formulieren Lehren, Sätze, Wahrheiten, die am wirklichen Erleben vorbeigehen. In ihrer Kälte unterscheidet sich diese Rede von der warmen, tröstenden Stimme, die man sich von einem Hirten, von Gott oder von einem liebenden Gegenüber erhoffen würde. So entsteht ein dreifacher Abstand: zwischen dem Ich und der erstarrten Welt, zwischen dem Ich und dem ewigen Geschick, und nun auch zwischen dem Ich und den Sätzen, die über sein Herz gesprochen werden.

Vers 32: «»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«»

Beschreibung. Der Vers gibt den Inhalt dessen wieder, was die „ganz kalten Stimmen“ sagen: „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.“ Es handelt sich um einen scheinbar allgemeingültigen Satz über das Herz: Es ist so sehr auf Wonne, auf Glück, auf überströmende Freude hin angelegt, dass es darüber „schier verzagen“, also fast zugrunde gehen möchte. Der Vers ist als direkte Rede markiert und steht in Anführungszeichen.

Analyse. Die Formulierung ist auffällig dicht und erinnert in ihrer Struktur an religiöse oder mystische Wendungen. „Das Herz, es will …“ betont das Subjekt doppelt; das eingeschobene „es“ verstärkt die Allgemeinheit: nicht nur „mein Herz“, sondern „das Herz“ überhaupt wird charakterisiert. „Vor Wonne“ benennt die angezielte Qualität: Wonne ist mehr als bloße Freude; sie meint höchste, überschäumende Seligkeit, oft religiös konnotiert als Genuss der göttlichen Gegenwart. „Schier verzagen“ ist eine starke Redewendung: „schier“ heißt „beinahe, fast“; „verzagen“ meint, vor Übermaß an Eindrücken oder Last den Mut verlieren, zusammenbrechen, zerbrechen. In mystischen Texten findet sich die Idee, das Herz könne vor übergroßer göttlicher Wonne „vergehen“ oder „verzehren“. Hier klingt diese Tradition an, allerdings auf distanzierte Weise: als Leersatz „kalter Stimmen“. Rhythmisch fügt sich der Vers, trotz der eingeschobenen Apposition, flüssig in den jambischen Duktus ein; klanglich dominieren helle Vokale, die der Rede etwas Feierliches verleihen.

Interpretation. Dieser Satz bringt eine Art ideale Bestimmung des Menschen zur Sprache: Das Herz ist auf eine Wonne hin geschaffen, die so groß ist, dass sie seine Kräfte übersteigt. Man kann in diesen Worten sowohl eine dogmatische Wahrheit (im christlichen Sinn: Der Mensch ist auf die Seligkeit Gottes hin geschaffen) als auch eine mystische Erfahrung (die Überwältigung des Herzens durch göttliche Liebe) erkennen. Entscheidend ist jedoch der Kontext: Dieser Satz wird von „ganz kalten Stimmen“ gesprochen und steht in einem krassen Gegensatz zur konkreten Erfahrung des Ich, das von Unruhe, Qual, Erstarrung, Getriebensein bestimmt ist und dessen Herz „nimmer“ Ruhe gefunden hat. Was als höchste Bestimmung des Herzens formuliert wird, ist für den Sprecher nicht Realität, sondern eine fremde, beinahe ironisch wirkende Behauptung.

Gerade darin liegt die Spannung: Das Ich hört von seiner Berufung zur Wonne, während es die Welt als erstarrt, das Leben als schwindenen Traum und das eigene Herz als ruhelos erlebt. Die poetische Pointe besteht darin, dass hier ein Satz ausgesprochen wird, der in einer idealen Theologie oder Mystik wahr sein mag – das Herz ist zur Wonne geschaffen –, aber erklingt, als stamme er aus einem Lehrbuch, nicht aus dem inneren Erleben. Die Kälte der Stimmen deutet an, dass der Satz nicht in Wärme und Mitleid vermittelt wird, sondern als abstrakte Wahrheit, die am Leid des konkreten Menschen vorbeigeht. So wird dieser immerhin hohe Satz ambivalent: Er kann als Erinnerung an eine verlorene Bestimmung verstanden werden – und zugleich als Beispiel dafür, wie „Wahrheiten“ den Leidenden verfehlen können, wenn sie ohne Anteilnahme ausgesprochen werden.

Gesamtdeutung der vierten Strophe (Verse 25–32)

In der Verbindung von Teilstrophe 4a (V. 25–28) und 4b (V. 29–32) entfaltet die vierte Strophe den innersten und zugleich tragisch zugespitzten Abschnitt der Bewegung des Gedichts. Zunächst wendet sich das Ich, nach enttäuschter Suche in Menschenwelt und Natur, radikal nach innen: „Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, / Senkt’ ich ins Herz mit Allgewalt den Blick“. In diesem Bild des tiefen, gewaltsam konzentrierten Blicks in die eigene Innerlichkeit kulminiert die romantische und religiöse Idee, dass im Herzen der Ort der letzten Wahrheit, der möglichen Ruhe, vielleicht der Gottesbegegnung liegen könnte. Doch das Ergebnis fällt negativ aus: „Doch nimmer konnt’ es eigne Ruhe finden“ – das Herz bleibt unruhig; der Blick findet keinen Grund –, und „kehrt’ trübe in die Außenwelt zurück“. Die Innenwendung steigert das Leiden: Sie liefert keine Versöhnung, sondern verstärkt die Trübung, mit der die Welt wieder wahrgenommen wird.

Teilstrophe 4b zeigt dann, wie sich diese verdüsterte Innenerfahrung auf die Sicht von Leben, Kosmos und fremder Rede auswirkt. Aus der Distanz eines innerlich Erschöpften erscheint „das Leben unten“ nur noch „wie Traum“ – flüchtig, entgleitend, schwer zu fassen. Damit wird die ganze irdische Existenz hinsichtlich ihrer Dauer und Festigkeit relativiert: Sie schwindet, ohne dass der Sprecher irgendwo einen Ort erkennt, an dem sie aufgehoben wäre. Über diesem schwindenden Traum-Leben werden die Sterne zum Ort eines „ewigen Geschicks“: Der Blick sucht im Kosmos eine dauerhafte Ordnung, in der das eigene Getriebensein eingeschrieben sein könnte. Doch auch das bleibt eine entfernte, abstrakte Lesung; das „ewige Geschick“ zeigt sich nicht als tröstliche Vorsehung, sondern eher als namenlose Schicksalsmacht, die das ganze Leben umfasst, ohne ihm die ersehnte Ruhe zu schenken.

Schließlich treten „rings um“ das Ich „ganz kalte Stimmen“ auf, die den vielleicht höchsten Satz des Gedichts sprechen: „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.“ Dieser Satz formuliert die große, ideal gedachte Bestimmung des Menschen: auf Wonne hin geschaffen zu sein, auf eine Fülle, die größer ist als das Herz selbst. Aber er steht hier nicht als innere Erfahrung, sondern als fremde, kalte Rede neben einem Leben, das von Unruhe, Qual und Ausbleiben der Ruhe bestimmt ist. So entsteht eine dreifache Diskrepanz: zwischen irdischem Leben (das wie Traum schwindet) und „ewigem Geschick“, zwischen erlebter innerer Unruhe und verkündeter Herz-Bestimmung, und zwischen dem konkreten leidenden Ich und den abstrakten, mitleidlosen Sätzen, die über das Herz im Allgemeinen gesprochen werden.

Im Horizont des ganzen Gedichts wirkt die vierte Strophe wie der geistig-theologische Scheitelpunkt. Sie zeigt, dass weder der Weg nach außen (Menschen, Natur) noch der Weg nach innen (Herz, Innenschau) und weder der Blick nach oben (Sterne, ewiges Geschick) noch das Hören auf fremde Rede (kalte Stimmen) jene „eigene Ruhe“ bringt, nach der das Herz verlangt. Die klassischen Orte romantischer und religiöser Sinnfindung – Natur, Innerlichkeit, Kosmos, Lehre – werden nacheinander aufgesucht und geprüft. Ihre Wahrheit wird nicht geleugnet, aber sie erweist sich für dieses konkrete Ich als nicht eingelöst. Der Satz von der Wonne des Herzens steht als Anspruch im Raum, während die tatsächliche Erfahrung von „unerkannt[e]r Qual“, „nimmer“ gefundener Ruhe und endgültig verfehlter „Freude des Werkes“ geprägt ist.

Gerade indem die Strophe diese Diskrepanz ohne Beschönigung ausspricht, bereitet sie den Boden für die letzte Strophe: Dort wird die Unfähigkeit, den „wahren Punkt“ zu erbeuten, und das Hineingezogensein „in weite weite Ferne“ zur endgültigen Bilanz eines Lebens, das im Spannungsfeld von Sehnsucht und Scheitern, Wonne-Berufung und fehlender Ruhe steht. Die vierte Strophe zeigt damit, wie weit das Herz zu sehen, zu lesen und zu hören bereit ist – und wie sehr es doch auf eine Antwort angewiesen bleibt, die sich in dieser Welt, in diesem Leben, in dieser inneren Suchbewegung nicht einstellt.

Teilstrophe 5a (Verse 33–36)

Vers 33: «Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten,»

Beschreibung. Der Sprecher blickt rückwärts auf sein Leben und fasst in einem knappen Satz zusammen, was ihm entgangen ist: Er „sah sie nicht die großen Süßigkeiten“. Gemeint sind „Süßigkeiten“ im übertragenen Sinn – große Lustmomente, Freuden, Genüsse, vielleicht auch Gaben des Lebens –, die vorhanden gewesen sein müssen, von ihm aber nicht wahrgenommen wurden. Der Vers stellt so einen Mangel nicht an objektiven Möglichkeiten, sondern an subjektiver Wahrnehmung heraus.

Analyse. Grammatisch fällt die Stellung der Akkusativgruppe auf: „sie“ steht vorangestellt („Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten“). Das klingt leicht ungewohnt und markiert den Vers als bewusst stilisiert. Das vorgezogene „sie“ hebt das Objekt der Wahrnehmung – die Süßigkeiten – hervor und verstärkt zugleich den negativen Befund: Sie waren da, aber „ich sah sie nicht“. Das Adjektiv „großen“ intensiviert die Aussage: Es geht nicht um kleine Freuden, sondern um die „großen“ – bedeutende, umfassende, vielleicht lebensentscheidende Süßigkeiten. „Süßigkeiten“ ist ein tradiertes Bildwort für Lust, Genuss, auch für Versuchungen der Welt; hier erscheint es ohne direkte moralische Bewertung, eher als neutrale Bezeichnung für die Fülle angenehmer Möglichkeiten. Klanglich sticht die Wiederholung des s- und sch-Lauts hervor („sah sie … Süßigkeiten“), wodurch der Vers eine gewisse Weichheit bekommt, die aber durch das „nicht“ in der Mitte hart gebrochen wird.

Interpretation. Der Vers bringt eine bittere Einsicht auf den Punkt: Die Welt war nicht völlig leer – sie bot „große Süßigkeiten“ –, doch das Ich hat sie nicht gesehen. Damit wird die vorher mehrfach betonte Leere der Außenwelt relativiert: Nicht nur die Welt war verarmt, sondern auch der Blick war verengt oder getrübt. Psychologisch zeigt sich eine Blindheit für das Schöne und Lustvolle, die nicht einfach auf moralische Askese, sondern auf innere Blockaden zurückgeht. Man kann den Vers sowohl existentiell (verpasste Lebensmöglichkeiten) als auch theologisch lesen: Der Mensch ist auf Freude und Wonne hin angelegt, aber die „Süßigkeiten“ des Lebens – vielleicht auch Vorwegnahmen einer größeren Wonne – bleiben ihm verborgen. In der Rückschau gesteht das Ich sich damit eine Art selbstverschuldete Armut ein, ohne schon die Gründe zu kennen; diese Gründe werden die folgenden Verse weiter andeuten. Dass hier von „Süßigkeiten“ die Rede ist, greift zugleich die Tradition barocker und pietistischer Weltlust-Kritik auf – mit dem Unterschied, dass Brentanos Sprecher nicht vom Übermaß an Lust, sondern von deren Ausbleiben bzw. Nicht-Wahrnehmung spricht.

Vers 34: «Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl»

Beschreibung. Der Vers setzt die Aussage fort und bestimmt den Kontext dieser „großen Süßigkeiten“: Sie gehören zum „Überfluß der Welt und ihrer Wahl“. Gemeint ist der reichliche Vorrat an Möglichkeiten, Gütern, Genüssen, Lebenswegen, den die Welt bereithält, und die Tatsache, dass der Mensch darin wählen („Wahl“) kann. Der Vers bildet einen abhängigen Satzteil; sein Verb folgt erst in Vers 35.

Analyse. „Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl“ ist syntaktisch als Präpositionalphrase gebaut, die von „mußt’ ich hinweg … gleiten“ (V. 35) abhängt: Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl mußt’ ich hinweg …. Die Wortwahl ist dicht: „Überfluß“ bezeichnet nicht nur Fülle, sondern ein „zu viel“ – mehr, als nötig wäre. „Welt“ benennt den gesamten Bereich des Zeitlichen, Endlichen, auch des gesellschaftlich-bürgerlichen Lebens. „Und ihrer Wahl“ ergänzt eine wichtige Dimension: Es geht nicht bloß um passive Fülle, sondern um aktive Auswahl. Die Welt bietet nicht nur viel, sie fordert und ermöglicht auch Entscheidungen: Der Mensch könnte wählen, welcher Weg, welcher Genuss, welche Form des Lebens seine sein soll. Der Vers ist in sich gleichsam statisch; er häuft Substantive, ohne Bewegung zu beschreiben. Er bereitet so den Bewegungsvers 35 vor und lässt die Überfülle als stehendes Feld von Möglichkeiten vor dem Ich auftreten.

Interpretation. Der Vers radikalisiert die Aussage von Vers 33: Was das Ich nicht gesehen hat, war kein zufälliger, sporadischer Genuss, sondern ein ganzer „Überfluß“ der Welt – eine Vielzahl von Wegen, Dingen, Freuden, die zur Verfügung standen. In der Kombination mit „Wahl“ taucht das Motiv der Freiheit und Verantwortung auf: Es gab Auswahl, es gab Entscheidungsräume, es gab ein Angebot. In einer ethischen oder religiösen Perspektive verweist dies auf die klassische Spannung zwischen Weltlust und höherem Ziel: Der Mensch steht im „Überfluß der Welt und ihrer Wahl“ und muss sich positionieren. Brentanos Sprecher sagt nun nicht: Ich habe mich bewusst gegen diesen Überfluss entschieden (askesisch), sondern: Ich wurde „vom Überfluß“ weggetrieben. Das legt den Akzent weniger auf moralische Autonomie als auf das Drama eines Menschen, der inmitten einer Fülle von Möglichkeiten nicht wirklich wählen konnte. Theologisch verschärft sich damit die Tragik: Die Berufung des Herzens zur Wonne (Vers 32) trifft auf eine Welt voller „Süßigkeiten“ – aber der konkrete Mensch erlebt sich als an dieser Fülle vorbeigleitend. Das verfehlte Glück erscheint so nicht nur als Mangel objektiver Gaben, sondern als verfehlte oder versperrte Möglichkeit zu wählen.

Vers 35: «Mußt' ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.»

Beschreibung. Der Vers bringt die Bewegung ins Spiel, die zu den eben genannten Versäumnissen geführt hat: „mußt’ ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten“. Der Sprecher beschreibt sich als geflügeltes Wesen, das „mit schnellem Fittich“ – also mit schnellen Flügeln – über den „Überfluß der Welt“ hinweg gleiten musste. Es handelt sich nicht um ein freies Schweben, sondern um ein „mußten“: ein Zwang zum Weitergleiten.

Analyse. Das verkürzte Präteritum „mußt’“ knüpft an die bereits im Gedicht präsente Dynamik von Zwang und Getriebensein an („trieb wild mich fort“). Das Personalpronomen „ich“ rückt den Sprecher klar ins Zentrum, wird aber von dem Modalverb „mußt’“ beherrscht: Er tut nicht, was er will, sondern was er muss. „Hinweg“ markiert die Richtung: weg vom „Überfluß der Welt“, weg von „Wahl“ und „Süßigkeiten“. Die Metapher „mit schnellem Fittich gleiten“ nimmt die Vogel-/Flugmotivik der zweiten Strophe wieder auf: Das Ich ist nicht einfach Fußgänger, sondern Geflügelter, ein Wesen zwischen Erde und Himmel, das nicht stehenbleibt, sondern in der Luft über Dinge hinwegzieht. „Gleiten“ klingt leichter als „stürzen“ oder „wehen“; es beschreibt eine fließende Bewegung, die dennoch keine Ankunft kennt. Der Fittich ist hier nicht mehr heroisch „kühn“ (wie „Flügel“ in Vers 24), sondern erscheint eher als Instrument einer unvermeidlichen Distanzierung. Klanglich schafft die Häufung von weichen Lauten (m–, w–, gl–) und die gedehnten Vokale eine scheinbar sanfte, aber unerbittliche Bewegungsatmosphäre.

Interpretation. Der Vers fasst die Lebensbewegung des Ich in eine prägnante Figur: Es ist ein Wesen, das über die Fülle und die Wahlmöglichkeiten der Welt „hinweggleitet“, ohne sie zu ergreifen. Die Metapher des „Fittichs“ kann doppelt gelesen werden. Einerseits evoziert sie Höhe, Freiheit, geistige Beweglichkeit – das Ideal eines Menschen, der nicht am Irdischen kleben bleibt, sondern in größere Höhen strebt. Andererseits wird diese „Höhe“ hier zur Ursache einer schmerzlichen Distanz: Gerade weil der Sprecher „mit schnellem Fittich“ unterwegs ist, kommt er mit der konkreten Fülle nicht in Berührung. Das „mußt’“ unterstreicht, dass es sich nicht um eine souveräne, asketische Entscheidung handelt, sondern um eine Mischung aus innerem Drang und äußerer Schicksalsmacht. Existenziell bedeutet das: Der Mensch erlebt sich als einer, der zwar an den Süßigkeiten der Welt vorbeikommt, sie sieht (oder sehen könnte), sie aber nicht ergreift, weil er von seinem Geschick in die Ferne gezwungen ist. Theologisch ließe sich darin eine Paradoxie erkennen: Das Herz ist für Wonne geschaffen, aber sein Weg führt es in eine Art „asketische Unfreiwilligkeit“ – ein Vorüberfliegen statt eines bewohnten Lebens.

Vers 36: «Hinabgedrückt von unerkannter Qual,»

Beschreibung. Der Vers benennt die innere Ursache für dieses gezwungene Vorübergleiten: Das Ich war „hinabgedrückt von unerkannter Qual“. Es beschreibt ein Leiden, das es schwer macht, sich den Süßigkeiten und dem Überfluss zuzuwenden, ein Leiden, dessen Grund oder Gestalt zugleich „unerkannt“ bleibt. Der Vers ist syntaktisch noch nicht abgeschlossen; das Prädikat, zu dem diese Partizipialgruppe gehört, folgt in Vers 37–40.

Analyse. „Hinabgedrückt“ ist ein Partizip Perfekt, das einen Zustand bezeichnet: Der Sprecher ist von etwas nach unten gedrückt, belastet, beschwert. Das Präfix „hinab-“ weist abwärts: Es geht nicht um ein neutrales „niedergedrückt“, sondern um ein Fallen, ein nach unten Ziehen in tiefere Schichten – körperlich oder seelisch. „Von unerkannter Qual“ setzt die Ursache: Eine „Qual“, also ein intensiver, dauernder, innerer Schmerz, der aber „unerkannt“ ist. „Unerkannt“ kann doppelt gemeint sein: vom Sprecher selbst nicht richtig begriffen und von der Umwelt nicht wahrgenommen. Die Formulierung bleibt bewusst offen; sie benennt das Leiden, verweigert aber eine Analyse seines Grundes. Der Vers ist formal als Partizipialkonstruktion an Vers 35 angehängt: Mußt’ ich hinweg …, hinabgedrückt von unerkannter Qual. Klanglich verbinden sich harte Konsonanten („gedrückt“, „Qual“) mit dem dunklen „a“ von „hinab“ und „Qual“ zu einem schweren, gedrückten Tonbild.

Interpretation. Dieser Vers liefert die vielleicht wichtigste psycho-existentiell-theologische Erklärung für die zuvor geschilderte Blindheit und das Vorüberfliegen am Überfluss: Das Ich ist nicht einfach „zu hoch“ oder „zu vergeistigt“, sondern von einer inneren Qual belastet, die es selbst nicht kennt oder nicht durchdrungen hat. Diese „unerkannt[e] Qual“ ist wie ein unsichtbares Gewicht, das das Leben in eine Schieflage bringt: Der Mensch ist permanent hinabgedrückt, kann nicht frei wählen, nicht unbefangen genießen, nicht ruhig verweilen. Dass die Qual „unerkannt“ ist, macht die Situation doppelt tragisch: Was man wenigstens benennen könnte, ließe sich vielleicht bearbeiten, beklagen, beichten; was jedoch im Dunkeln bleibt, wirkt umso mächtiger. Es ist, als trüge der Sprecher eine nicht aufgearbeitete Schuld, eine Verletzung, eine tiefe existenzielle Angst in sich, die ihn unbewusst lenkt. Theologisch erinnert diese Figur an die Vorstellung einer verborgenen Sünde oder einer verschlossenen Wunde der Seele, die das Leben unbemerkt bestimmt. Das Gedicht verzichtet allerdings auf moralische Zuweisungen; es benennt nur die Konstellation: Getriebenheit, Blindheit für die Süßigkeiten, erzwungenes Hinweg-Gleiten stehen unter dem Druck einer Qual, deren Grund im Dunkeln bleibt. Damit wird das Motiv der „unerkannten Qual“ zu einem Schlüssel für das gesamte Gedicht: Es erklärt, warum die verschiedenen Suchbewegungen des Ich – in der Welt, im Werk, in der Natur, im Herzen, im Sternenzelt – nicht zur Ruhe, sondern immer wieder an eine unsichtbare Grenze stoßen.

Gesamtdeutung Teilstrophe 5a (Verse 33–36)

Teilstrophe 5a bringt als erste Hälfte der Schlussstrophe die lange vorbereitete existenzielle Bilanz des Ich auf den Punkt: Inmitten eines „Überflusses der Welt und ihrer Wahl“ hat es die „großen Süßigkeiten“ nicht gesehen, wurde genötigt, „mit schnellem Fittich“ über all diese Möglichkeiten hinwegzugleiten – und dies unter dem Druck einer „unerkannten Qual“. Die vier Verse bündeln in dichter Form die Motive des gesamten Gedichts: die Blindheit für die Freude, das Getriebensein, die Unfähigkeit zum Bleiben, die tiefe, nicht aufgeklärte innere Not.

Vers 33–34 machen deutlich, dass die Welt, trotz aller in den Strophen 1–3 beschriebenen Öde und Erstarrung, nicht schlicht leer war. Es gab „große Süßigkeiten“, einen „Überfluß“ an Möglichkeiten und „Wahl“. Damit verschiebt sich die Perspektive vom reinen Defizit der Welt hin zu einem komplexeren Bild: Welt und Leben boten durchaus Chancen auf Freude, Lust, Erfüllung – doch das Ich erlebte sich unfähig, diese Chancen zu sehen und zu ergreifen. Vers 35 fasst dieses Unvermögen in die eindringliche Figur des über den Überfluss hinweggleitenden Geflügelten: Der „schnelle Fittich“ bedeutet zugleich Höhe und Distanz. Der Sprecher hat nicht „im kleinsten Kreis“ der Welt gestanden, sich nicht häuslich eingerichtet, sondern ist – fast wie ein Vogel, fast wie ein Engel – darüber hinweggezogen. Aber diese scheinbare Höhe bringt ihm keine Freiheit, sondern wird durch das Modalverb „mußt’“ als Zwang kenntlich. In dieser Perspektive wirkt das ganze Leben wie ein ungewolltes Askesedrama: Anstatt bewusst auf Süßigkeiten zu verzichten, wird das Ich von ihnen ferngehalten.

Vers 36 öffnet den Blick auf die tiefste Schicht dieser Konstellation: „Hinabgedrückt von unerkannter Qual“. Hier wird klar: Hinter Blindheit und Getriebensein steht keine simple moralische Entscheidung, sondern ein innerer Schaden, eine nicht erkannte Wunde. Das erklärt rückwirkend, warum weder Menschenwelt noch Natur, weder Innenschau noch Sternenlesen zur Ruhe geführt haben: Wer von einer „unerkannten Qual“ gedrückt ist, kann weder Welt noch Gott, weder andere noch sich selbst richtig sehen. Die Qual bleibt namenlos – das Gedicht verweigert jede psychologische, moralische oder biographische Konkretisierung – und gewinnt gerade dadurch exemplarischen Charakter: Sie steht für jene unbestimmte, aber reale Last, die ein Leben in eine Richtung drängt, die dem bewussten Begehren zuwiderläuft. Das Herz will Wonne; das Leben gleitet am Überfluss vorbei; dazwischen liegt ein dunkles Gewicht.

In der Gesamtbewegung des Gedichts markiert Teilstrophe 5a damit den Übergang zur endgültigen Selbstdiagnose. Was in den vorangegangenen Strophen eher in Bildern (Flug, Wellen, Herz, Sterne) und Szenen (Hände, Unschuld, Landschaft) gezeigt wurde, wird hier in knapper Form reflektiert: Ich habe die Fülle nicht gesehen; ich wurde über sie hinweggetrieben; eine unerklärte Qual hat mich hinabgedrückt. Die noch folgenden Verse 37–40 werden diesen Befund weiterführen, indem sie das verfehlte Finden des „wahren Punkts“ aussprechen und das Getriebensein durch „ewige Wogen“ in die „weite weite Ferne“ zum endgültigen Lebensbild verdichten. Teilstrophe 5a ist somit der erste Teil eines großen Schlussakkords, in dem sich Sehnsucht nach Wonne, verpasste Süßigkeiten und unsichtbare Qual zu einer tragischen, aber klar aussprechbaren Selbstdeutung verbinden.

Teilstrophe 5b (Verse 37–40)

Vers 37: «Konnt' nimmer ich den wahren Punkt erbeuten»

Beschreibung. Der Sprecher zieht eine zentrale, rückblickende Lebensbilanz: „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“. Er sagt damit, dass es ihm zu keiner Zeit gelungen ist, einen „wahren Punkt“ zu finden oder zu „erbeuten“. Dieser „Punkt“ bleibt unbestimmt, erscheint aber als etwas Letztgültiges, Entscheidendes, auf das das Leben hinläuft. Der Vers steht in der ersten Person und markiert eine sehr persönliche, gleichsam abschließende Selbstaussage.

Analyse. Grammatisch entspricht der Satz der bereits mehrfach auftauchenden Struktur: verkürztes Präteritum („Konnt’“), gefolgt von „nimmer“ als starker Negationsverstärker. Wieder wird damit ein absolutes „nie“ ausgedrückt: zu keinem Zeitpunkt, in keinem Lebensstadium war dieses „Erbeuten“ möglich. Die Wortstellung rückt „nimmer“ zwischen Verb und Subjekt und verstärkt dadurch seine semantische Schwere. „Den wahren Punkt“ ist eine auffällige, konzentrierte Metapher: Der bestimmte Artikel „den“ suggeriert etwas Einziges, ein Zielpunkt, ein Zentrum. „Wahr“ qualifiziert diesen Punkt als das, was wirklich trägt, gilt, die Wahrheit des Daseins bezeichnet; „Punkt“ ist geometrisch klein, klar, konzentriert, ohne Ausdehnung – bildlich: der eine Ort, an dem sich alles bündelt. Das Verb „erbeuten“ bringt eine zusätzliche Bedeutungsfärbung hinein: „beuten“ heißt „als Beute gewinnen“, also etwas unter Mühen, vielleicht im Kampf, in Besitz bringen. Die innere Bewegung ist damit nicht die ruhige Entdeckung, sondern eine anstrengende, fast jagdartige Suche. Metrisch fügt sich der Vers als regelmäßiger Fünfheber ein; inhaltlich sticht er durch seine Dichte und Sentenzhaftigkeit hervor.

Interpretation. In diesem Vers verdichtet sich das ganze existentiell-theologische Drama des Gedichts in einem einzigen Bild. Der „wahre Punkt“ kann als Symbol für die gesuchte Mitte des Lebens gelesen werden: für jene innere oder äußere Stelle, an der das Herz Ruhe findet, an der das eigene Dasein als stimmig, gehalten, „im Lot“ erlebt wird. In religiöser Sprache könnte man an den „Punkt“ denken, an dem Gott im Herzen wohnt, an den innersten Seelengrund, an das Zentrum der Berufung oder an das eine, notwendige „Ja“, das das Leben ordnet. Dass dieser „wahre Punkt“ „nimmer“ erbeutet wurde, bedeutet: Das Ich hat sein Leben lang versucht, zu einem solchen Zentrum vorzudringen, aber es hat ihn nie erreicht. Zugleich steckt im Verb „erbeuten“ eine verdeckte Selbstkritik. Wer den „wahren Punkt“ „erbeuten“ will, will ihn sich aneignen, besitzen, gleichsam mit eigener Kraft in die Hand bekommen. Der Vers lässt offen, ob gerade diese Haltung – den Punkt besitzen zu wollen – das Scheitern mitverursacht hat; aber er deutet an, dass die Wahrheit, die Ruhe, der Grund des Daseins nicht einfach wie eine Kriegsbeute verfallen, sondern Gabe wären. Existenziell gesehen bekennt der Sprecher hier seine lebenslange Erfahrung der Mitte-Losigkeit: Es gab viele Bewegungen, viele Versuche, aber keinen Ort, an dem sich alles bündelte und trug.

Vers 38: «Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,»

Beschreibung. Der Vers ergänzt die Aussage von Vers 37 durch ein eindringliches, fast statuarisches Bild: „Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl“. Der Sprecher sieht sich als jemand, der seine eigenen „Flügelschläge“ zählt, und dies „stumm“. Er registriert, gleichsam schweigend, die unzähligen Bewegungen seines Fluges, ohne sie in eine sinnvolle Gesamtgestalt fügen zu können.

Analyse. Wieder beginnt der Vers mit einem verbindenden „Und“, das den Satz syntaktisch an Vers 37 knüpft: Die Unfähigkeit, den „wahren Punkt“ zu erbeuten, geht einher mit dem stummen Zählen der Flügelschläge. Das Bild knüpft an die Flug-Metaphorik früherer Strophen an (Fittich, Flügel, „kühne Flügel sausen“). „Flügelschläge“ bezeichnet konkret die einzelnen Bewegungen eines Flügels im Flug, also die kleinsten Einheiten der Bewegung. Die Verdopplung „zählte … Zahl“ ist inhaltlich redundant, stilistisch aber betont: Man zählt nicht beliebig, sondern gerade die „Zahl“ der Schläge – vielleicht bis ins Unendliche. „Stumm“ charakterisiert die Art dieses Zählens: Es wird nichts darüber gesagt, es gibt keinen Kommentar, keinen Austausch, keine Sprache; es ist ein lautloses, in sich verschlossenes Registrieren. Metrisch wirkt der Vers durch den Binnenreim „zählte … Zahl“ und die Alliteration „Flügelschläge Zahl“ klanglich sehr dicht. Das Pathos des Handelns („erbeuten“) wird durch das zurückgenommene, fast automatisierte „Zählen“ gebrochen.

Interpretation. Der Vers zeichnet ein Bild existentieller Reflexion im Modus der Ohnmacht. Das Ich ist tätig, es fliegt, es schlägt seine Flügel – sein Leben besteht aus unzähligen Bewegungen, Entscheidungen, Wegen. Aber statt sich in diesen Bewegungen beheimatet zu fühlen, steht es zugleich neben sich und „zählt“ sie. Man könnte sagen: Es erlebt sich als Buchhalter des eigenen Lebens, nicht als Bewohner. „Stumm“ deutet darauf hin, dass dieser Akt der Selbstbeobachtung nicht in Dialog, Gebet oder Mitteilung mündet; es ist ein schweigendes, isoliertes Zählen. Die Flügelschläge bekommen so etwas Zwanghaftes: Man hält Buch über das eigene Getriebensein, ohne ihm Sinn verleihen zu können. Das ist die Kehrseite der verfehlten Mitte: Wer den „wahren Punkt“ nicht findet, gerät leicht in eine Haltung, in der er seine Bewegungen nur noch registriert, aber nicht mehr aus einem Zentrum heraus gestaltet. Theologisch kann man hierin auch eine Kritik an einer rein rechnerischen Form von Selbstbilanz sehen: Statt sich einem tragenden Grund zu überlassen, wird gezählt, gewogen, berechnet – und am Ende bleibt doch nur das Bewusstsein der eigenen Unruhe. Der Vers bringt so die Erfahrung auf den Punkt, vieles getan, vieles bewegt zu haben, ohne je wirklich „zu Hause“ gewesen zu sein.

Vers 39: «Von ewigen unfühlbar mächt'gen Wogen»

Beschreibung. Der Vers hebt an, die Macht zu benennen, unter deren Einfluss dieses Leben und Fliegen steht: „Von ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“. Es ist ein Bild aus der Wasserwelt: Wellen oder Wogen, die „ewig“ sind, „mächtig“ und zugleich „unfühlbar“ – also nicht direkt sinnlich erfahrbar, und doch wirksam. Grammatisch ist der Vers noch nicht abgeschlossen; das Verb, das diese Partizipialgruppe ergänzt, folgt im nächsten Vers.

Analyse. „Von“ leitet eine präpositionale Bestimmung ein, die Ursache oder Trägerschaft angibt: von wem oder was etwas geschieht. „Wogen“ ist die Pluralform von „Woge“ und bezeichnet große, anrollende Wasserwellen, die von einer unsichtbaren Kraft bewegt werden. „Ewig“ knüpft an die „ewigen Wellen“ des Geschicks an, wie sie im Gedicht bislang mehrfach mitschwingen: Hier geht es nicht um vorübergehende Bewegungen, sondern um eine Grundkraft, die kein Ende hat. „Mächt’gen“ betont die Stärke dieser Wogen; sie sind in der Lage, alles mitzureißen. Das Adjektiv „unfühlbar“ ist das eigentliche Paradox: Die Wogen sind mächtig, aber „unfühlbar“; sie wirken, ohne dass man sie als konkrete Schläge wahrnimmt. Vielleicht sind sie zu groß, zu umfassend, als dass sie als einzelne Impulse gespürt werden könnten. Klanglich wirkt der Vers durch die Häufung von w- und g-Lauten („Wogen“, „mächt’gen“) wie eine versteckte Nachahmung eines dumpfen Brandungsrauschens. Der Vers steht als Auftakt, dessen Sinn erst durch Vers 40 vollständig wird.

Interpretation. Die „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ sind ein letztes, zusammenfassendes Bild für das, was vorher als „flüchtiges Geschicke“, „erstarrte Welt“, „ewiges Geschick“, „unerkannt[e] Qual“ und treibende Macht aufgetreten ist. Es handelt sich um eine Mischung aus Schicksal, kosmischer Dynamik und unergründlichem Grund, der den Menschen bewegt, ohne dass er ihn fassen könnte. Der Zusatz „unfühlbar“ ist entscheidend: Das Ich erlebt sich als bewegt, getrieben, mitgezogen, aber es kann die einzelne, konkrete Ursache dieses Getriebenseins nicht „fühlen“, nicht lokalisieren. Die Wogen sind wie der Hintergrunddruck des Daseins selbst: eine überpersönliche, immerwährende Bewegung, in der das eigene Leben mitschwimmt. Theologisch lässt sich das ambivalent deuten. Man kann in den „ewigen Wogen“ eine dunkle Chiffre für Gottes verborgene Führung sehen, die „unfühlbar“ bleibt – oder für eine anonyme, gottlose Schicksalsmacht, die über Menschen hinweggeht. Das Gedicht entscheidet nicht eindeutig; es bleibt bei der Bildform. Klar ist jedoch: Diese Wogen sind stärker als die Flügel des Ich. Sie sind der eigentliche Träger der Bewegung, in der der Sprecher lebt. Damit bekommt das Bild des Flügels, das bisher auch etwas Heroisches hatte, eine neue Einbettung: Der Flug spielt sich an der Oberfläche von Tiefen ab, deren Kräfte das Ich nicht wirklich kennt.

Vers 40: «In weite weite Ferne hingezogen.»

Beschreibung. Der Schlussvers des Gedichts vollendet die in Vers 39 begonnene Aussage: Von diesen „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ wurde das Ich „in weite weite Ferne hingezogen“. Der Vers beschreibt die endgültige Bewegungsrichtung: weg vom Ursprung, weg von der Mitte, hinaus in eine unbestimmte, immer weiter sich entziehende Ferne. Die Verdoppelung „weite weite“ verstärkt den Eindruck der grenzenlosen Entfernung.

Analyse. Die Partizipkonstruktion „hingezogen“ bildet mit dem vorangehenden „Von ewigen … Wogen“ eine Einheit: Von … Wogen in weite weite Ferne hingezogen. „Hingezogen“ ist passivisch gefärbt: Das Ich zieht nicht selbst, es wird gezogen; es ist Objekt, nicht Subjekt der Bewegung. „In weite weite Ferne“ ist eine dreifach gestaffelte Ausdrücklichkeit: das Richtungspräpositional „in“, das Adjektiv „weite“ und dessen Wiederholung. Die Wiederholung hebt die Größe der Entfernung hervor, aber auch ihre Unbestimmtheit: Es ist keine konkret benannte Ferne, kein bestimmter Ort, kein klar definierter Himmel oder Abgrund – nur „weite weite Ferne“. Klanglich schließt das Gedicht auf einer Folge offener Vokale („weite weite Ferne“), die sich wie ein Nachhall in die unbestimmte Weite verliert. Der fehlende Vollschluss im Klang (kein hartes, abschließendes Konsonantenkonstrukt) entspricht dem inhaltlich offenen Auslaufen in die Ferne.

Interpretation. Dieser letzte Vers gibt dem gesamten Gedicht seine endgültige Bewegungsfigur: Das Leben des Ich war ein Hineingezogenwerden in eine „weite weite Ferne“. Das kann wörtlich an geografische, biographische Zerstreuung denken lassen, vor allem aber ist es ein Bild für existentielle Distanz: Ferne von der Mitte, Ferne vom „wahren Punkt“, Ferne von der Wonne, Ferne von Gott, Ferne von sich selbst. Die Verdoppelung „weite weite“ vermeidet jede Abschließung: Diese Ferne hat keinen Rand, der sich erreichen ließe. Es ist das Gegenteil von „Ankunft“, „Heimkehr“, „Mitte“. In der Logik des Gedichts steht diese Endfigur in scharfem Kontrast zu dem, was das Herz eigentlich will und wozu es laut den „kalten Stimmen“ bestimmt wäre: Wonne, Nähe, Überfülle. Stattdessen bleibt als letzte Bestimmung das Hineingezogensein in eine sich entziehende Ferne.

Gleichzeitig ist das Bild nicht völlig hoffnungslos, sondern ambivalent. „Hingezogen“ kann auch eine leise Andeutung einer Richtung enthalten, die jenseits des Sichtbaren liegt; „weite Ferne“ kann als Transzendenzraum gelesen werden, als ein „Noch-nicht-Ort“, in dem das, was das Herz sucht, vielleicht liegt, aber in diesem Leben unerreichbar bleibt. Das Gedicht selbst gibt dazu keine positive Bestätigung, aber es hält die Bewegung offen: Es endet nicht mit einem Absturz, sondern mit einer Bewegung, die trotz allem von „ewigen Wogen“ getragen ist. Die tragische Pointe liegt darin, dass diese Bewegung für das Ich nicht als Ankunft, sondern als fortgesetzte Distanz erfahren wird.

Gesamtdeutung der fünften Strophe (Verse 33–40)

Die fünfte Strophe bündelt als Schlussstrophe die Motive des gesamten Gedichts in einer dichten, rückblickenden Lebensbilanz und führt sie auf einen letzten, zugleich schmerzlichen und vieldeutigen Endakkord hin. In Teilstrophe 5a (Verse 33–36) gesteht das Ich, dass es „die großen Süßigkeiten“ nicht gesehen hat, obwohl es im „Überfluß der Welt und ihrer Wahl“ lebte. Es wurde, „mit schnellem Fittich“, über all diese Möglichkeiten hinweggejagt – „hinweg“ vom Überfluss – und stand dabei unter dem Druck einer „unerkannten Qual“. Diese vier Verse machen deutlich, dass das Leben des Sprechers sich in einem Feld aus Fülle und Blindheit, Möglichkeit und Unfähigkeit, Wahlraum und Zwang abgespielt hat. Die Welt war nicht einfach leer; sie war überreich. Der Sprecher war nicht einfach weltverachtend; er war unfähig, die Welt in ihrer Süße zu sehen und anzunehmen. Zwischen Weltfülle und Herzberufung stand eine unerkannte, aber wirksame Qual, die das Leben in die Distanz trieb.

Teilstrophe 5b (Verse 37–40) hebt diese existenzielle Konstellation auf eine letzte, zusammenfassende Ebene. „Konnt’ nimmer ich den wahren Punkt erbeuten“ – das Ich hat sein Leben lang versucht, eine Mitte, eine Wahrheit, einen festen Grund zu finden, aber es ist ihm nicht gelungen. Stattdessen „zählte“ es „stumm der Flügelschläge Zahl“: Es registrierte sein eigenes Getriebensein, seine unzähligen Bewegungen, ohne in ihnen eine Ruhefigur zu entdecken. Die große, dunkle Hintergrundmacht dieses Lebens wird in den „ewigen unfühlbar mächt’gen Wogen“ benannt: einer übergeordneten, nicht fassbaren, aber wirksamen Kraft, die das Ich „in weite weite Ferne“ zieht. Damit bekommt das ganze Gedicht seine endgültige Bewegungsgestalt: ein Leben, das auf Wonne und Wahrheit hin angelegt ist, das aber – trotz vieler Versuche, trotz innerer und äußerer Suche – von unsichtbaren Wellen aus der Mitte hinaus in eine unabschließbare Ferne getragen wird.

Im Licht der vorangegangenen Strophen wird die Tragweite dieser Schlussbilanz noch deutlicher. Die erste Strophe zeigte das Ich unter „vielen Leuten“, die „tot und stille“ waren und sich im „kleinsten Kreis“ drehten, während das eigene „Kommen“ stets schon „ein ewig Scheiden“ war. Die zweite Strophe enthüllte, wie dieses Ich dennoch Hände drückt, Unschuld schmückt, innerlich Kränze pflückt – und doch „niemals nicht des Werkes Freude teilen“ kann. Die dritte Strophe ließ die Natur als „wild und öde“, als „in sich erstarrt“ erscheinen; selbst im Brausen des Stromes hörte das Ich nur das Sausen der eigenen Flügel. Die vierte Strophe schließlich erzählte von der radikalen Innenschau des Herzens, die „mit Allgewalt“ betrieben wurde und doch keine „eigene Ruhe“ fand; das Leben erschien wie ein schwinder Traum, das Geschick als „ewig“, die Stimme über das Herz als kalt. Die fünfte Strophe zieht daraus das Fazit: Die Süßigkeiten des Überflusses wurden nicht gesehen, der wahre Punkt nicht erbeutet, der Flug blieb zählende Bewegung, und die letzten Träger des Lebens waren „ewige Wogen“, die in die Ferne ziehen.

Anthropologisch gesehen steht am Ende das Bild eines Menschen, der zutiefst auf Ganzheit, Wonne, Wahrheit angelegt ist – der Satz „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“ klingt noch nach –, der aber in der konkreten Lebensgeschichte an dieser Bestimmung vorbeilebt. Nicht, weil er nur kaltherzig oder gottlos wäre, sondern weil eine Mischung aus innerer Qual, äußerem Geschick und weltgeschichtlicher Erstarrung ihn in einen Zustand struktureller Unbehaustheit versetzt. Er kann die Freude seiner Werke nicht teilen, er kann die Süßigkeiten der Welt nicht sehen, er kann die Ruhe des Herzens nicht finden, er kann den wahren Punkt nicht ergreifen. Stattdessen zählt er seine Flügelschläge, während eine unsichtbare Macht ihn in eine weite Ferne trägt, deren Sinn verborgen bleibt.

Theologisch-poetologisch formuliert die fünfte Strophe damit keine einfache Anklage gegen Gott oder Welt, sondern eine radikale Erfahrung von Nicht-Einlösung: Die großen Sätze über das Herz und seine Wonne werden nicht widerrufen, aber sie bleiben unbewohnt. Die „ewigen Wogen“ können als Hinweis auf einen größeren Zusammenhang gelesen werden, in den dieses Leben eingezeichnet ist; doch das Gedicht verweigert die tröstende Ausmalung dieses Zusammenhangs. Es hält nur fest, dass es ihn gibt – „ewig“, „mächtig“, aber „unfühlbar“. An dieser Stelle wird die Dichtung selbst zum einzigen Ort der Klarheit: Sie kann benennen, was nicht erfüllt ist, sie kann den Schmerz über den verfehlten „wahren Punkt“ in eine Form bringen, die nicht zerfällt.

So wird die Schlussstrophe zum stillen, erschütternden Resümee einer existentiell zugespitzten romantischen Selbstbegegnung: Ein fliegendes, suchendes, helfendes, leidendes Herz, das seine Wonnebestimmung kennt, seine Mitte aber nicht findet und am Ende nur weiß, dass es von Kräften getragen und gezogen wurde, die größer sind als es selbst – hinein in eine „weite weite Ferne“, die sowohl Bild einer endgültigen Verlorenheit als auch einer unbestimmten, nie ganz auszuschließenden Transzendenz bleiben kann.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Das Gedicht lässt sich als schonungslos ehrliche Selbstbilanz eines lyrischen Ich lesen, das von Anfang bis Ende auf eine innere Mitte, auf „Wonne“ und Ruhe hin angelegt ist, diese Bestimmung aber im Vollzug seines Lebens nicht einlösen kann. Die zentrale These der Deutung wäre daher: Brentano gestaltet die Existenz eines Menschen, dessen Herz auf einen „wahren Punkt“ – eine sinnstiftende, tragende Mitte – ausgerichtet ist, der aber in allen klassischen Sphären romantischer und religiöser Sinnsuche scheitert: in der Gemeinschaft der Menschen, in der tätigen Liebe, in der Natur, in der eigenen Innerlichkeit und schließlich im Blick auf den Kosmos. Der „wahre Punkt“ bleibt „nimmer“ erreichbar, das Herz findet „nie“ seine „eigene Ruhe“, die „großen Süßigkeiten“ des Lebens werden nicht gesehen, und das Leben selbst erscheint am Ende als ein durch „ewige unfühlbar mächt’ge Wogen“ in eine „weite weite Ferne“ Hingezogenwerden. Das Gedicht zeigt somit kein geglücktes romantisch-mystisches Heimfinden in Gott oder in eine versöhnte Welt, sondern eine negative, „mystisch“ verdichtete Erfahrung: Die Wege, die traditionell ins Heil führen sollen, sind tatsächlich vorhanden, werden ernsthaft begangen – und bleiben doch für dieses konkrete Ich unergiebig.

Gleichzeitig insistiert das Gedicht darauf, dass diese Verfehlung nicht einfach als individuelle moralische Schuld abgehakt werden kann. Das Ich ist nicht kalt und nicht zynisch; es drückt Hände, schmückt „die Unschuld“, pflückt Kränze, sucht in sich selbst und im Sternenzelt. Es ist vielmehr in die Spannung einer unaufgelösten Konstellation gestellt: einerseits die Berufung des Herzens zur Wonne, zur Fülle, zur Ruhe; andererseits ein Leben, das von „flüchtigem Geschicke“ getrieben und von „unerkannt[er] Qual“ „hinabgedrückt“ wird, in einer Welt, die „in sich erstarrt“ erscheint. Die Grundbewegung des Gedichts könnte man daher so formulieren: Ein hoch empfindliches, auf Wahrheit und Glück hin ausgerichtetes Subjekt tastet in alle Richtungen – nach außen, nach innen, nach oben –, erfährt überall nur Spiegelungen seiner eigenen Unruhe und bleibt schließlich mit der Einsicht zurück, dass sein Flug ohne Ankunft, sein Werk ohne geteilte Freude und sein Herz ohne gefundene Mitte geblieben ist.

2. Verzahnung der Ebenen

Die einzelnen Deutungsstränge – existentiell-psychologisch, sozial, naturtheologisch, kosmisch und poetologisch – greifen im Gedicht eng ineinander und bilden ein Geflecht, in dem keine Schicht isoliert betrachtet werden kann. Ausgangspunkt ist das Verhältnis des Ich zur Menschenwelt: Es „wohnte unter vielen vielen Leuten“, aber diese sind „tot und stille“, drehen sich „im kleinsten Kreis“. Das Ich selbst ist zwar fähig zu Zuwendung, drückt „manchem“ die Hand, wird „freundlich“ aufgenommen, schmückt „die Unschuld“ – und doch ist sein „Kommen“ „schon ein ewig Scheiden“, jede Begegnung bleibt einmalig, jedes Werk bleibt ohne echte Teilhabe an der „Freude des Werkes“. Die psychologische Grundfigur lautet: ein Mensch von hoher Empfindsamkeit und Bereitschaft zur Liebe, der faktisch nur episodische Kontakte hat, nie bleibt und nie wirklich „bei sich“ und den anderen ankommt. Diese existentiell-affektive Grundgestalt verzahnt sich mit einer sozialen Diagnose: Die umgebende Welt kreist in „kleinsten Kreisen“, redet viel von „hohen Lebensfreuden“, wirkt aber im Blick des Ich innerlich leblos; in einer solchen Umgebung wird das eigene Getriebensein zugleich sichtbar und verstärkt.

Dieser soziale Strang wird durch die Natur- und Welterfahrung auf eine symbolische Ebene übersetzt. Die Landschaft ist „wild und öde“, ohne Morgenrot, ohne Abendschein, ohne Wind und Gesang, ohne „Hirten Flöte“ – also ohne jene Licht-, Luft- und Tonzeichen, durch die romantische und religiöse Traditionen die Nähe Gottes und die Heilsamkeit der Schöpfung erfahrbar machen. „Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein“ – dieser Satz bündelt den Befund: Die Welt als Ganze wirkt wie ein geschlossenes System ohne Resonanz. Doch der Strom rauscht noch; dort könnte eine Gegenstimme hörbar sein. Der Sprecher hört „in des Stromes wildem Brausen“ – aber was er hört, ist „des eignen Fluges kühne Flügel“: Die Natur gibt kein anderes Wort, sie verstärkt nur das Selbst. Damit verschränkt Brentano die naturtheologische und die psychologische Ebene: Die Welt ist nicht nur äußerlich erstarrt, sie wird vom unruhigen Subjekt zugleich so wahrgenommen, dass sie nichts anderes als dessen eigene Unruhe spiegelt. Innenzustand und Weltbild formen sich gegenseitig; die Erstarrung der Welt und das Getriebensein des Ich sind zwei Seiten derselben Erfahrung.

Diese doppelte Erfahrung führt in der vierten Strophe zur radikalen Innerlichkeit. Nachdem außen keine Antwort zu finden war, wendet sich der Sprecher „nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen“ und senkt „mit Allgewalt“ den Blick ins Herz. Hier bündeln sich existentielle, theologische und poetologische Stränge: Das Herz ist Ort der Gefühle, der Selbstwahrnehmung, aber auch – in der christlichen Tradition – möglicher Gottesbegegnung. Der Akt der Innenschau ist zugleich psychologische Selbstprüfung, religiös-meditative Tiefensuche und dichterische Reflexion über das eigene Sagen. Doch das Ergebnis bleibt negativ: „nimmer“ findet das Herz seine „eigene Ruhe“, der Blick kehrt „trübe“ in die Außenwelt zurück. Von hier aus verschiebt sich der Blick nach oben: Das Leben unten wirkt wie ein schwindender Traum, in den Sternen wird „ewiges Geschick“ gelesen – die kosmische Dimension rückt ins Bild; zugleich sprechen „rings um mich ganz kalte Stimmen“ die enorme Bestimmung des Herzens aus, „vor Wonne schier“ verzagen zu wollen. Die metaphysische Deutungsebene (Herz auf Wonne und ewiges Geschick hin angelegt) und die existentiell erlebte Unruhe klaffen auseinander, und die Vermittlungsinstanzen – die „Stimmen“ – sind kalt, lehrhaft, ohne Mitleid. Kosmische und kirchlich-doktrinäre Rede werden hörbar, aber sie wärmen das konkrete Herz nicht; sie bleiben neben einem Leben stehen, das seine Ruhe nicht findet.

Die Schlussstrophe bündelt sämtliche Stränge noch einmal im Modus der Bilanz. Die anthropologische Bestimmung des Herzens zur Wonne und der „Überfluß der Welt und ihrer Wahl“ gehören zusammen – eigentlich wäre der Mensch in einer übervollen Welt auf einen Reichtum von Möglichkeiten hin angelegt, der seine Bestimmung vorbereiten könnte. Aber das konkrete Ich „sah sie nicht die großen Süßigkeiten“; es „mußt’“ „mit schnellem Fittich“ über diesen Überfluss hinweg „gleiten“. Dieses „mußt’“ stellt die Freiheit der Wahl radikal in Frage und verweist auf eine tiefere Determination: „unerkannt[e] Qual“ drückt das Leben hinab, ein dunkles inneres Leiden, das der Sprecher weder versteht noch aufzulösen vermag. Das vollständige Ausbleiben des „wahren Punkts“, die Unfähigkeit, die einzelnen Flügelschläge als Weg zu einer Mitte zu deuten, und das passive Hingeformtwerden durch „ewige unfühlbar mächt’ge Wogen“ in eine „weite weite Ferne“ fassen dann noch einmal alle existentiellen, psychologischen, theologisch-metaphysischen Fäden zusammen. Die Welt als „erstarrt“, das Ich als „getrieben“ und „hinabgedrückt“, das Herz als auf Wonne, aber nicht auf Ruhe gekommen, das Geschick als „ewig“ und „unfühlbar“ – und die Sprache des Gedichts als das einzige Medium, das diesen Zusammenhang überhaupt transparent machen kann: All dies wird in der Schlussbewegung ineinander gebunden.

In dieser Verzahnung zeigt sich eine poetische Grundfigur: Jeder Deutungsweg, den das Ich versucht – soziale Nähe, caritatives Handeln, Naturerfahrung, Innenschau, kosmische Deutung, Lehre vom Herzen –, ist prinzipiell legitim und wird mit Ernst beschritten, aber jeder bleibt für dieses konkrete Subjekt unvollendet. Die Linien brechen nicht ab, sie laufen auseinander. Gerade darin liegt die innere Einheit des Gedichts: Es hält die Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheitsräume (psychologisch, sozial, naturhaft, theologisch, kosmologisch) aus, ohne sie in einer einfachen Synthese zu versöhnen. Die „wahren Sätze“ über Herz, Wonne und ewiges Geschick stimmen – aber sie bleiben neben einem Leben stehen, in dem der „wahre Punkt“ nicht gefunden wird. Die Dichtung bringt diese Nicht-Deckung zur Sprache und macht darin erst sichtbar, wie tief die anthropologische Spannung reicht.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch lässt sich aus dem Gedicht eine radikal ambivalente Bestimmung des Menschen herauslesen. Der Mensch erscheint als Wesen, dessen Herz auf Wonne, auf eine übersteigende Erfüllung hin geschaffen ist – so sehr, dass es „schier verzagen“ möchte, wenn diese Wonne wirklich einträte. Er ist auf eine Mitte ausgerichtet, auf einen „wahren Punkt“, in dem Leben, Werk, Welt und Gott in Ordnung wären. Zugleich wird derselbe Mensch als von Grund auf unruhig, getrieben, verwundet erlebt: Er findet diese Mitte nicht, sondern lebt unter dem Druck einer „unerkannten Qual“, in einer Welt, die ihm „in sich erstarrt“ erscheint, und unter „ewigen Wogen“, die ihn in eine Ferne ziehen, deren Sinn ihm verborgen bleibt. Er ist fähig zu Liebe, Mitgefühl, geistiger und innerer Arbeit; er drückt Hände, schmückt Unschuld, forscht sein Herz, liest in den Sternen. Aber all diese Fähigkeiten führen nicht zwangsläufig in eine versöhnte Gestalt des Lebens. Das Gedicht zeichnet damit ein Bild des Menschen, das jede billige Harmonisierung verweigert: Der Mensch ist zugleich auf Gott, Wonne, Wahrheit und Ruhe hin entworfen und in seiner konkreten Existenz in einen Zustand gestellt, in dem diese Entwürfe sich nicht einlösen. Zwischen Berufung und Biographie klafft eine Lücke, und eben diese Lücke wird als konstitutiver Bestandteil der menschlichen Existenz sichtbar.

Poetologisch ergibt sich daraus eine stille, aber weitreichende Einsicht über die Rolle der Dichtung. Das Gedicht gibt ausdrücklich keine Lösung, keinen „Heilsausgang“; es führt nicht in eine eindeutige Antwort, sondern in eine Form, die das Scheitern der Sinnsuche erträglich und sagbar macht. Dichtung erscheint als der Raum, in dem der Mensch seine Unruhe, sein Nicht-Ankommen, seine verfehlten Möglichkeiten so aussprechen kann, dass sie weder verharmlost noch zerstörerisch werden. Die Sprache „erbeutet“ den „wahren Punkt“ nicht – sie besitzt ihn nicht und ersetzt ihn nicht –, aber sie markiert die Stelle, an der er fehlen müsste. Gerade dadurch wird der Mangel selbst transparent, und das Bewusstsein dieses Mangels gewinnt eine paradoxe Würde: Das Herz findet seine Ruhe nicht, aber es verschweigt seine Unruhe auch nicht mehr.

In diesem Sinn steht Brentanos Gedicht an einem Grenzpunkt romantischer Poetik. Es vertraut noch auf die Kraft der Bilder, der Natur, der Innerlichkeit, der religiösen Rede – Morgenglühen, Hain, Herz, Sterne, ewiges Geschick, Wonne –, aber es zeigt, dass diese Rede nicht mehr einfach mit der erfahrbaren Wirklichkeit zusammenfällt. Dichtung wird zur Instanz, die gerade diese Nicht-Übereinstimmung ernst nimmt. Sie vollzieht nicht die Heilsordnung, sondern die Unruhe; sie bildet nicht die vollendete Mitte ab, sondern den Kreis um einen Punkt, der unauffindbar bleibt. Insofern könnte eine poetologische Schlussformel lauten: Dieses Gedicht glaubt nicht daran, dass Sprache den „wahren Punkt“ sichern kann; es glaubt aber daran, dass Sprache die Wahrheit eines Herzens sichtbar machen kann, das diesen Punkt sein Leben lang gesucht und verfehlt hat. Darin liegt seine bleibende Geltung: als dichterische Gestalt eines Menschen, der unter der Spannung von Wonne-Berufung und Unruhe-Existenz leidet – und der gerade durch das klare, genaue Sagen dieser Spannung eine Form von Wahrheit erreicht, die keiner versöhnenden Antwort mehr bedarf, um ernst genommen zu werden.

V. Editorische Angaben

Erstdruck und Überlieferung. Das Gedicht wird in den Ausgaben in der Regel unter dem Anfangsvers „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ geführt; in einzelnen neueren Auswahlausgaben erscheint zusätzlich der editorische Titel „Rückblick“ als Überschrift. Der erste Druck erfolgte postum in den von Christian Brentano herausgegebenen Gesammelten Schriften, Bd. 2 Weltliche Gedichte (Frankfurt a. M.: T. D. Sauerländer 1852), wo das Gedicht innerhalb des Blocks der weltlichen Lyrik abgedruckt ist. Eine heute leicht zugängliche und vielfach nachgedruckte Textfassung bietet das digitale Angebot von Projekt Gutenberg-DE, das erklärtermaßen auf dieser Sauerländer-Ausgabe basiert.:contentReference[oaicite:1]{index=1}

Zyklus / Sammlung und Stellung im Werk. Das Gedicht gehört nicht zu einem von Brentano selbst autorisierten geschlossenen Zyklus, sondern ist von der Nachlass-Edition in die Sammlung der „Weltlichen Gedichte“ eingeordnet worden. Es steht dort in unmittelbarer Nähe anderer stark existentiell gefärbter Gedichte der frühen und mittleren Schaffensphase. In der chronologischen Übersicht der Gedichte wird „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ zumeist dem Jahr 1803 zugeordnet, also der frühen romantischen Periode Brentanos. Die Forschung betrachtet den Text entsprechend als Werk der Früh- bzw. Hochromantik, in dem sich bereits zentrale Motive der späteren, stärker religiös zugespitzten Lyrik abzeichnen (Fremdheitserfahrung in der Welt, Unruhe des Herzens, Spannung zwischen Berufung auf Wonne und realer Unbehaustheit).

Maßgebliche Editionen. Neben der historisch bedeutsamen Erstausgabe in den Gesammelten Schriften (Sauerländer 1852) ist für wissenschaftliche Zwecke heute vor allem die historisch-kritische Frankfurter Brentano-Ausgabe (Werke und Briefe, FBA) maßgeblich, in der die lyrischen Texte Brentanos mit Angabe der handschriftlichen Überlieferungsträger, der Datierung und der Lesarten ediert sind. Für die praktische Arbeit und für den Schul- und Studiengebrauch wird häufig auf textidentische oder leicht modernisierte Abdrucke zurückgegriffen, die direkt oder indirekt die Sauerländer-/Gutenberg-Tradition übernehmen.

Textgrundlage der vorliegenden Online-Ausgabe. Die hier kommentierte Fassung des Gedichts folgt im Wortlaut der fünfstrophigen Version, wie sie in Projekt Gutenberg-DE geboten wird (40 Verse in 5 Strophen zu je 8 Versen).:contentReference[oaicite:4]{index=4} Orthographie und Interpunktion sind behutsam an ein einheitliches, für die Webseite leserfreundliches Niveau angepasst (z. B. Vereinheitlichung der Apostrophsetzung bei ausgelassenem -e, Anpassungen von ß/ss nach heutigen Gewohnheiten, Ausgleich offensichtlicher typographischer Kleinigkeiten), ohne Reim, Metrum oder semantische Nuancen zu verändern. Die metrisch relevanten Formen (etwa „nimmer“, „flüchtiges Geschicke“, „Fittich“) bleiben unverändert.

Varianten und alternative Fassungen. In der Überlieferung kursieren geringfügig abweichende Lesarten, die teils auf spätere Auswahlausgaben, teils auf Modernisierungsversuche oder textkritische Eingriffe zurückgehen. So existiert etwa eine Fassung, in der einzelne Verse deutlich anders lauten (u. a. „So war mein Kommen schon ein halbes Scheiden“ statt „ein ewig Scheiden“, „Konnt nimmer ich Frucht und Genuss erbeuten“ statt „den wahren Punkt erbeuten“) und in der das Gedicht um eine zusätzliche Schlussstrophe („Und so noch jetzt. – Wohl muss ich es gestehen …“) erweitert ist. Die hier zugrunde gelegte Ausgabe folgt bewusst der in der Sauerländer-/Gutenberg-Tradition bezeugten fünfstrophigen Gestalt, wie sie auch von vielen digitalen Textarchiven übernommen wird; abweichende Lesarten und Erweiterungen werden nur in der Interpretation berücksichtigt, soweit sie das Verständnis der Grundfigur erhellen, aber nicht als Haupttext integriert.

Eingriffe des Herausgebers / der Online-Edition. Über die genannten orthographischen Angleichungen hinaus nimmt die vorliegende Online-Edition keine eigenständigen Textkorrekturen oder Konjekturen vor. Offensichtliche Druckfehler der frühen Drucke sind im Gutenberg-Text bereits weitgehend bereinigt; sollte im Zuge weiterer Arbeit eine Abweichung zwischen der hier gebotenen Fassung und der historisch-kritischen FBA nachweisbar sein, wäre im Sinne einer künftigen Revision eine Angleichung an den kritisch gesicherten Text vorzusehen, die dann in einem Variantenvermerk transparent zu machen wäre.

Zitierweise. Für wissenschaftliche oder editorische Verwendungszwecke empfiehlt sich folgende Kurzform der bibliographischen Angabe (anpassbar an das jeweilige Zitierformat): Clemens Brentano: „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ (ohne Originaltitel), erstmals in: Weltliche Gedichte, in: Gesammelte Schriften, hrsg. von Christian Brentano, Bd. 2, Frankfurt a. M.: T. D. Sauerländer 1852, S. 400; Text nach der Ausgabe von Projekt Gutenberg-DE (2017 ff.), ggf. kontrolliert an der Frankfurter Brentano-Ausgabe (FBA).:contentReference[oaicite:6]{index=6}

VI. Gedichttext

[Ich wohnte unter vielen vielen Leuten]

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten 1
Und sah sie alle tot und stille stehn, 2
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden 3
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn; 4
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden 5
Und jeden hab' ich einmal nur gesehn, 6
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke 7
Trieb wild mich fort, sehnt' ich mich gleich zurücke. 8

Und manchem habe ich die Hand gedrücket, 9
Der freundlich meinem Schritt entgegensah, 10
Hab' in mir selbst die Kränze all gepflücket, 11
Denn keine Blume war, kein Frühling da, 12
Und hab' im Flug die Unschuld mit geschmücket, 13
War sie verlassen meinem Wege nah; 14
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen, 15
Konnt' niemals nicht des Werkes Freude teilen. 16

Rund um mich war die Landschaft wild und öde, 17
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, 18
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte, 19
Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain; 20
Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte, 21
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein. 22
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen 23
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen. 24

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, 25
Senkt' ich ins Herz mit Allgewalt den Blick; 26
Doch nimmer konnt' es eigne Ruhe finden, 27
Kehrt' trübe in die Außenwelt zurück, 28
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden, 29
Las in den Sternen ewiges Geschick, 30
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen: 31
»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.« 32

Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten, 33
Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl 34
Mußt' ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten. 35
Hinabgedrückt von unerkannter Qual, 36

Konnt' nimmer ich den wahren Punkt erbeuten 37
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl, 38
Von ewigen unfühlbar mächt'gen Wogen 39
In weite weite Ferne hingezogen. 40