Autor: Clemens Brentano
Gedicht: »Auf dem Rhein«
Erstdruck: 1939 (Faksimile der späteren handschriftlichen Fassung „Auf dem Rhein“ als Umarbeitung des im Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter“ enthaltenen Liedes „Ein Fischer saß im Kahne“).
Zyklus / Sammlung: Spätere Einzelüberlieferung; inhaltlich und motivisch verbunden mit „Godwi“ und Brentanos Rheinromantik.
Edition: Text nach der in der TextGrid Digitalen Bibliothek edierten Fassung von „Auf dem Rhein“ (spätere handschriftliche Fassung, Erstdruck-Faksimile 1939), in Anlehnung an die historisch-kritische Frankfurter Brentano-Ausgabe.

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

Die formale Grundstruktur von „Auf dem Rhein“ ist streng durchgehalten und klar liedhaft organisiert. Das Gedicht besteht aus 23 Strophen zu je vier Versen, also aus insgesamt 92 Versen, die in gleich langen, überschaubaren Einheiten aufeinander folgen. Jede Strophe funktioniert wie eine kleine Szene oder ein Atemzug der Erzählung; zusammen bilden sie eine kontinuierliche, aber in ruhige Abschnitte gegliederte Fahrt auf dem Rhein. Der regelmäßig wiederkehrende Vierzeiler verstärkt den Eindruck von Gleichmaß, Strömung und unaufhaltsamer Bewegung.

Das Versmaß ist durchweg ein vierhebiger Trochäus mit wechselnden männlichen und weiblichen Kadenzen, wie sich schon an der Anfangsstrophe („Ein Fischer saß im Kahne, / Ihm war das Herz so schwer …“) gut erkennen lässt. Die Hebungen tragen den Erzählfluss in einem ruhigen, wiegenden Rhythmus, der an Volkslied- und Balladenton anschließt. Das Reimschema der Strophen folgt konsequent dem Muster abcb: Der zweite und der vierte Vers reimen miteinander („schwer / nimmermehr“, „Mondenschein / Rhein“, „Kahn / an“), während der erste und dritte Vers gereimt ungebunden bleiben. Dadurch entsteht eine leichte, fast beiläufige Offenheit innerhalb der Strrophe, die dennoch durch den Paarreim der geraden Verse fest zusammengehalten wird.

Zur formalen Grundarchitektur gehört auch die Einteilung der Erzählperspektive: Die ersten 21 Strophen (Verse 1–84) bilden das eigentliche erzählende Lied von Fischer und Feinsliebchen mit überwiegender Außenperspektive, während in den letzten beiden Strophen (Verse 85–92) ein Ich-Erzähler auftritt, der auf dem Meer dem Kahn begegnet und das gehörte Lied wiedergibt. Rein formal gesehen entsteht dadurch eine klare Rahmung: Ein Binnenlied, das im Kahn gesungen wird, wird von einem späteren Ich aufgenommen und nachgesungen. Wiederkehrende Anredeformeln („Feinsliebchen“), parallele Satzbaufiguren und kurze, meist parataktische Sätze unterstützen diese einfache, liedhafte Form, ohne die strenge metrische und strophische Ordnung zu durchbrechen.

2. Sprechsituation

Die Sprechsituation des Gedichts ist vielschichtig und verschränkt eine erzählende Außenstimme mit einzelnen Figurenstimmen sowie einem rahmenden Ich. Über weite Strecken herrscht eine unpersönliche, balladenhaft berichtende Erzählerstimme vor, die in der dritten Person von „ein[em] Fischer“ und „seinem Lieb“ erzählt. Dieser Erzähler bleibt namenlos und ohne eigene Kennzeichnung; er tritt nicht als Individuum hervor, sondern wirkt wie die anonyme Stimme eines Volksliedes, die eine bereits bekannte, mythisch überhöhte Geschichte „auf dem Rhein“ noch einmal erzählt. Die knappen, parataktischen Sätze und die ruhige Folge der Strophen verstärken diesen Eindruck eines distanzierten, aber zugleich innig zugewandten Erzählens.

Innerhalb dieser Rahmenstimme treten immer wieder direkte Reden auf, in denen der Fischerknabe selbst spricht. Er wendet sich unmittelbar an das Mädchen: „O halte dich doch stille, / Herzallerliebstes Gut!“ oder „Feinsliebchen bet’ hübsch stille“. In diesen Anreden wird die Sprechsituation kurzfristig dialogisch: Der Knabe spricht, das Mädchen bleibt stumm oder antwortet nur durch Gesten, Lächeln, Blick und Gebet. Dadurch entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen der erzählenden Außenperspektive und der inneren, leidenschaftlichen Direktheit der Anrede, die an das Liebeslied erinnert. Die Geliebte wird dabei nicht als eigene Sprecherin hörbar; sie bleibt stummes Gegenüber, das sich nur in körperlichen Zeichen und in der liturgischen Gemeinschaft des Gesangs zeigt.

Am Ende verschiebt sich die Sprechsituation noch einmal deutlich: In den letzten beiden Strophen tritt ein Ich-Erzähler auf, der im „Meeresschiffe / aus fremder Welt“ einherfährt und den treibenden Kahn mit dem Knaben wahrnimmt. Dieses Ich hört den Fischer „dies Liedchen“ singen „als ob ich’s selber wär’“. Damit wird die ganze erzählte Geschichte als Lied innerhalb der Fiktion ausgewiesen; zugleich wird die Distanz zwischen erzählter Welt und Gegenwart des Ich-Erzählers überbrückt. Das Ich nimmt das fremde Lied so in sich auf, dass es ihm selbst zur eigenen, existentiell geteilten Geschichte wird. Die Sprechsituation ist damit doppelt geschichtet: Ein älteres Lied von Fischer und Feinsliebchen wird von einer anonymen Erzählerstimme vorgetragen, innerhalb des Liedes spricht der Knabe zur Geliebten, und ein späteres Ich greift dieses Lied auf, erkennt sich darin und vermittelt es weiter.

3. Aufbau und innere Bewegung

Der Aufbau des Gedichts folgt einer deutlich gegliederten, zugleich fließenden inneren Bewegung, die sich an der nächtlichen Fahrt auf dem Rhein orientiert. Die ersten Strophen (vor allem Verse 1–8) bilden eine Ausgangsszene der konzentrierten Erwartung: Ein Fischer sitzt allein im Kahn, von Trauer über den Tod seiner Geliebten erfüllt, und harrt bei Sternen- und Mondschein auf dem „tiefen Rhein“. In dieser Ruhe der ersten Situation ist die Spannung bereits angelegt: Der Knabe glaubt den Tod des Mädchens „nimmermehr“ und bleibt doch stumm wartend in einer Grenzsituation von Hoffnung und Verlust.

Mit dem Eintritt des Mädchens in den Kahn (Verse 9–24) beginnt die zentrale Bewegung der Fahrt. Die Gestalt erscheint bleich, schwebend, kaum körperlich fassbar; zugleich setzt sich nun ein langer, in Strophen gegliederter Drift stromabwärts in Gang. Die innere Bewegung ist dabei doppelt: Die beiden Figuren entfernen sich räumlich von ihrem Ausgangsort und werden immer tiefer in die Nacht und in die Rheinlandschaft hineingezogen, während zugleich die Spannung zwischen Nähe und Unnahbarkeit der Geliebten wächst. Die wiederkehrende Sorge des Fischers („Feinsliebchen, frierest du?“, „O halte dich doch stille“) stabilisiert biegsam den Erzählfluss; die Strophen reihen sich wie gleichmäßige Ruderschläge oder Wellenbewegungen aneinander.

In der mittleren Zone des Gedichts weitet sich die Szenerie: Städte ziehen vorbei, Türme, Glocken, ein Nonnenkloster, Kerzenschein und Metten (Verse 33–56). Der Aufbau arbeitet hier mit einer stufenweisen Steigerung: Was zunächst als reine Natur- und Nachtszene begann, wird nun von kulturellen und sakralen Zeichen überblendet. Glockengeläut, Klosterfenster und liturgischer Gesang bilden eine Art Zwischenstation der Fahrt, in der das Mädchen kniet, die Hände faltet und gemeinsam mit dem Knaben die Metten singt. Innerlich verlangsamt sich in diesen Strophen der erzählerische Ablauf, die Zeit scheint sich zu verdichten, als ob der Kahn in ein geistlich überhöhtes Zwischenreich eintritt, bevor die Bewegung wieder an Fahrt gewinnt.

Der eigentliche Höhepunkt liegt in der Farb- und Lichtwende der Verse 57–64: Die Flut wird „rot und immer röter“, das Mädchen „bleich und immer bleicher“, Mond und Sterne erlöschen, und die Augen der Geliebten „vergehn“. Hier kippt die bisher gleitende Fahrt in einen Moment des Umschlags, ohne daß das Gedicht dies in einem dramatischen Ausbruch markiert; die Veränderung zeigt sich vielmehr in der Farbmetaphorik und im Verschwinden der Leuchtpunkte der Nacht. Unmittelbar daran schließt die Morgenszene (Verse 65–72) an: Der Fischer spricht „guten Morgen“ und „gute Nacht“ zugleich, die Türme blinken sonnig, der Vogelsang erschallt. Die innere Bewegung ist hier paradox: Die äußere Welt geht zum Tag über, während das Mädchen dem Blick des Knaben entzogen wird und „nicht mehr“ zu finden ist.

Die letzten Strophen schließlich erweitern den Aufbau um eine Rahmung: Der Kahn mit dem Knaben treibt weiter bis „in die See hinein“ (Verse 81–84), und ein Ich-Erzähler tritt auf, der in einem Meeresschiff aus „fremder Welt“ herankommt, den Kahn bemerkt und das Lied hört (Verse 85–92). Diese Schlußverschiebung führt die Bewegung von der konkreten Rheinfahrt in eine größere, offene Raumfigur: vom Fluss ins Meer, vom Einzelfall in eine unbestimmte Ferne. Gleichzeitig wird die Geschichte in ein „Liedchen“ überführt, das nun von einem späteren Ich nachgesungen wird, „als ob ich’s selber wär’“. Der Gesamtaufbau spannt damit einen weiten Bogen: von der konzentrierten Ausgangsszene über die stetig gleitende, motivisch gesteigerte Nachtfahrt mit liturgischer Zwischenstation und farblichem Kulminationspunkt bis zur Auflösung in einer offenen, rahmenden Ich-Perspektive, in der der Gesang die innere Bewegung der Figuren in eine weiterwirkende, übertragbare Erfahrung verwandelt.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

Die Tonlage des Gedichts ist von Anfang an leise, liedhaft und melancholisch. Die Eröffnungsszene mit dem einsam im Kahn sitzenden Fischerknaben, dessen Herz „so schwer“ ist, schlägt einen schlichten, klagenden Grundton an, der sich durch das gesamte Gedicht zieht. Die regelmäßigen Vierzeiler, der ruhige trochäische Rhythmus und der an Volksliedmelodien erinnernde Klang erzeugen eine weiche, wiegende Sprechweise, in der Schmerz und Zärtlichkeit nicht in dramatische Ausbrüche, sondern in einen beständigen, gedämpften Gesang übergehen. Auch die Geistererscheinung der Geliebten wird nicht als Schreckensbild, sondern als fast stille, bleiche Gegenwart dargestellt; das Unheimliche mischt sich mit einer zarten, zutraulichen Anrede.

Die Stimmung ist zugleich traurig, träumerisch und unheimlich entrückt. Nacht, Mondschein, Sternenblinken, der tiefe Rhein und der lautlose Kahn schaffen einen Raum der Entrückung aus dem Alltäglichen, in dem Leben und Tod nicht mehr scharf voneinander zu trennen sind. Die Geliebte tritt „bleich geschlichen“ und „schwebet in den Kahn“; sie ist körperlich da und zugleich entzieht sie sich, bleibt stumm, starrt in die Ferne oder richtet die Arme zum Gebirge und zu den Sternen. Das erzeugt eine schwebende, traumartige Atmosphäre, in der sich die Figuren gleichsam in eine andere Wirklichkeit hinüberbewegen. Das Gedicht steigert diese Stimmung durch die Motive der Glocken, des Klosters, der Metten und des Kerzenscheins: Trauer und Sehnsucht erhalten einen leise sakralen, liturgischen Unterton.

Die affektive Konstellation zwischen Fischerknabe und Mägdlein ist von asymmetrischer Nähe und Distanz geprägt. Auf seiner Seite stehen liebevolle Sorge, Angst und beharrliche Zärtlichkeit: Er spürt Kälte und Gefahr, will sie wärmen, schützen, festhalten, beschwört sie, sich „still“ zu halten und nicht im Kahn hin und her zu schwanken. Auf ihrer Seite erscheinen eher Schweigen, Entrückung und eine fremd gewordene Innigkeit: Sie lächelt zum Mond, greift nach Sternen, kniet, singt Metten, wird immer blasser. Der gemeinsame Gesang im Kahn verbindet sie, aber je weiter die Fahrt geht, desto deutlicher wird, dass sie in ein anderes Reich gehört. So entsteht eine Grundspannung zwischen der irdischen, körperlich-fürsorglichen Liebe des Knaben und der überirdisch gewordenen, ins Jenseitige driftenden Existenz der Geliebten.

Die Rahmung durch den Ich-Erzähler in den Schlussstrophen fügt dieser Konstellation eine zusätzliche affektive Ebene hinzu. Das Ich fährt „aus fremder Welt“ heran, denkt an „Lieb und Leben“ und fühlt eine starke Sehnsucht. In dem Lied des Fischers erkennt es sich wieder „als ob ich’s selber wär’“. Die Tonlage gewinnt hier etwas Allgemeines, fast exemplarisch Menschliches: Die besondere tragische Geschichte auf dem Rhein öffnet sich zu einer geteilten Erfahrung von Liebe, Verlust und Identitätsunsicherheit. Insgesamt bewegt sich das Gedicht damit in einer zarten, elegischen Tonlage, in der Trauer, Sehnsucht, unheimliche Geisternähe und leise religiöse Färbung zu einer still glühenden, nie schrill werdenden Gefühlslandschaft verschmelzen.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

Welche Grundtriebe, Ängste, Spannungen oder »Tiefenerfahrungen« werden sichtbar?

Im Zentrum der existentiellen und psychologisch-affektiven Dimension steht zunächst die Unfähigkeit des Fischerknaben, den Tod der Geliebten anzuerkennen. Schon in der Eingangsstrophe liegt eine grundlegende Spannung: Er „glaubt“ ihren Tod „nimmermehr“ und bleibt doch einsam auf dem Kahn zurück. Hier zeigt sich ein elementarer Widerstand gegen Endgültigkeit, ein kindlich-jugendlicher Trotz der Liebe gegen die Grenze des Todes. Der Knabe verharrt in einer Zwischenzone von Verzweiflung und ungebrochener Hoffnung, die sich in der Nachtfahrt auf dem Rhein symbolisch auslagert: Er kann weder zurück ins alltägliche Leben noch das Unwiderrufliche annehmen, sondern treibt in einem dazwischen liegenden Raum.

Mit dem Auftreten der Geliebten verdichtet sich die existentielle Spannung. Sie erscheint als bleiche, schwebende Gestalt, zugleich vertraut und unheimlich fremd. Psychologisch bewegt sich der Knabe nun in einer Konstellation, in der Liebessehnsucht und Todesnähe unlösbar verschränkt sind. Sein Grundtrieb ist, sie zu halten, zu wärmen, zu beschützen: Er legt ihr den Mantel um, bittet sie, sich still zu verhalten, fürchtet den Wirbel und das Kentern des Kahns. Darin artikuliert sich die elementare Angst, das Geliebte ein zweites Mal zu verlieren, und zugleich das verzweifelte Bedürfnis, das, was bereits entgleitet, mit fürsorglicher Liebe zu binden. Die ganze körperliche Sorge um das frierende, schwankende Mädchen steht in einem scharfen Gegensatz zu ihrer stummen, entrückten Gebärde: Sie streckt die Arme nach Bergen und Sternen, greift nach Licht, kniet im Gebet. Hier taucht eine Tiefenerfahrung der Entkoppelung auf: Das Objekt der Liebe gehört innerlich bereits einer anderen Sphäre an, während der Liebende noch mit allen Kräften an der Gemeinsamkeit festhält.

Die Reise vorbei an Städten, Türmen und Kloster markiert eine weitere existenzielle Schicht. Glocken, Mettengebet, Kerzenschein und das gemeinsame Singen im Kahn geben der Situation eine liturgische Färbung, in der die Figuren gewissermaßen eine Grenze passieren. Das Mädchen reagiert auf diese Zeichen nicht durch Rückkehr in das irdische Leben, sondern durch Intensivierung ihrer Transzendenzbewegung: Sie wird immer bleicher, bis ihre Augen „vergehn“. Die Flut, die „rot und immer röter“ wird, verweist auf eine bedrohliche, möglicherweise blutige Tiefe, aber auch auf eine innere Glut, in der Liebesleidenschaft, Todesangst und religiöse Erregung verschmelzen. Der Knabe wiederum versucht bis zuletzt, sie in der Sprache des Alltäglichen zu erreichen („guten Morgen, guten Nacht“), also den Übergang zur Tageswelt herzustellen, während sie ihm gerade in diesem Umschlagmoment entzogen wird. Die Tiefenerfahrung besteht darin, dass der Übergang vom Dunkel zum Licht nicht als Rettung, sondern als Verlust erlebt wird: Der Tag bringt nicht Wiedervereinigung, sondern endgültige Trennung.

Die letzten Strophen fügen eine weitere existenzielle Dimension hinzu, die den Rahmen weitet. Der Ich-Erzähler, der „aus fremder Welt“ kommt, fährt über das Meer, denkt an Liebe und Leben und erlebt eine starke Sehnsucht. In seinem Wiedererkennen des fremden Liedes „als ob ich’s selber wär’“ kommt die Erfahrung zur Sprache, dass individuelle Liebes- und Verlustgeschichten exemplarischen Charakter tragen: Die Geschichte des Fischers wird zu einem Bild allgemeiner menschlicher Situation. Grundtriebe wie Bindungssehnsucht, Angst vor Verlassenheit, Trotz gegen den Tod, der Wunsch, das Geliebte gegen alle Naturkräfte festzuhalten, und die gleichzeitige Ahnung, dass der andere einer Wirklichkeit angehört, die sich unserer Verfügung entzieht, kommen hier in verdichteter Form zum Ausdruck. Das Schwebende, Unentschiedene der Fahrt auf dem Rhein – zwischen Ufer und Ufer, Nacht und Tag, Fluss und Meer, Diesseits und Jenseits – bildet den äußeren Rahmen für eine Tiefenerfahrung, in der der Mensch sich selbst als zugleich liebendes, hoffendes und radikal begrenztes Wesen erkennt.

Wie zeigt sich der Mensch als affektbestimmtes Wesen?

Der Mensch zeigt sich in diesem Gedicht fast durchgängig als Wesen, dessen Handeln, Wahrnehmen und Entscheiden aus affektiven Regungen hervorgeht und von ihnen überformt wird. Schon der Fischerknabe wird nicht von Vernunft oder nüchterner Einsicht geleitet, sondern von Trauer, Sehnsucht und Weigerung, den Tod der Geliebten anzuerkennen: Er „glaubt“ ihn „nimmermehr“ und bleibt dennoch im Kahn auf dem Rhein, als könnte allein die Beharrlichkeit seines Fühlens die Wirklichkeit umstimmen. Die Nachtfahrt selbst ist Ausdruck einer affektiv bestimmten Existenz: Anstatt sich zu schützen, ans Ufer zurückzukehren oder Hilfe zu suchen, überantwortet er sich mit all seiner verletzlichen Empfindung der dunklen Strömung, dem Mondlicht, der leisen Hoffnung auf ein Wiedersehen. Seine Sorge um das Mädchen – der Mantel, mit dem er sie wärmen will, die Bitte, sie möge sich still halten, die Angst vor Wirbel und Flut – speist sich aus emotionaler Bindung und Verlustangst, nicht aus nüchterner Gefahrenabschätzung. Die Sprache, die er findet, bleibt zärtliche Anrede, Beschwörung, Bitte; sie zeigt, wie der Mensch sich im Affektkörper aus Liebe und Furcht eingerichtet hat und deshalb geradezu blind wird für jede Konsequenz, die über diesen Gefühlskreis hinausreicht.

Auch das Mädchen erscheint als affektiv bestimmtes Wesen, wenn auch in anderer, entrückter Weise. Seine Gesten – das Strekken der Arme nach den Bergen, das Greifen nach Sternen, das Knien und Metten-Singen – sind keine vernünftigen Antworten auf die prekäre Situation im schwankenden Boot, sondern Ausdruck einer inneren, schwer zu fassenden Gefühlslage: Sehnsucht nach Ferne und Höhe, unbestimmte Anziehung durch Licht und Klang, vielleicht ein diffuses Verlangen nach Erlösung. Ihre Stummheit verstärkt den Eindruck, daß sie fast nur noch aus Affekt besteht: aus Blick, Lächeln, Tränen, Gebärde, während reflektierendes Sprechen verstummt ist. In der Farbdramaturgie des Gedichts – die Flut wird „rot und immer röter“, sie selbst „bleich und immer bleicher“ – wird sichtbar, wie sehr das Geschehen von Steigerungs- und Erlöschungsbewegungen der Affekte her verstanden ist: Glut, Schreck, Verblassen, Versinken. Schließlich zeigt auch der Ich-Erzähler am Ende, wie tief der Mensch affektbestimmt ist: Er fährt „aus fremder Welt“ auf dem Meer, denkt an „Lieb und Leben“, empfindet starke Sehnsucht und erkennt sich im fremden Lied des Fischers „als ob ich’s selber wär’“. Diese Identifikation gründet nicht in sachlicher Ähnlichkeit der Lebensläufe, sondern im Wiederhall der Gefühle: Der Mensch versteht den anderen, weil er dessen affektive Grundsituation teilt. So erscheint der Mensch in „Auf dem Rhein“ insgesamt als ein Wesen, das im Strom von Liebe, Angst, Sehnsucht, Trotz und Trauer treibt – ähnlich wie der Kahn auf dem Fluss –, und dessen Weltverhältnis weniger von rationaler Kontrolle als von der Macht der Gefühle geformt wird.

Welche Ambivalenzen prägen das Ich?

Das Ich des Gedichts ist in mehrfacher Hinsicht von tiefen Ambivalenzen geprägt, die sich sowohl in der inneren Gestalt des Fischerknaben als auch in der späten Ich-Figur der Rahmung zeigen. Beim Fischerknaben liegt die grundlegendste Spannung in seinem Verhältnis zum Tod der Geliebten: Er weiß um ihren Tod und „glaubt“ ihn doch „nimmermehr“. Er ist also zugleich wissend und verweigernd, er hält am Faktum und am Wunsch fest, als könnten sie nebeneinander bestehen. Diese doppelte Bewegung setzt sich in der ganzen Nachtfahrt fort: Er sucht Nähe, indem er sie in den Mantel hüllt, mit ihr betet und singt, und spürt doch unablässig, daß sie ihm entgleitet, daß sie körperlich zwar im Kahn ist, innerlich aber schon auf eine andere Sphäre hin orientiert bleibt. Seine fürsorgliche Angst vor Wirbel, Flut und Kentern kollidiert mit der Tatsache, daß er sich ausgerechnet in diese gefährliche Situation hineinbegibt und darin ausharrt, statt sie zu vermeiden. So schwankt sein Ich beständig zwischen Schutzwille und Selbstgefährdung, zwischen festhaltender Liebe und einem unbewußten Drang, sich mit der Geliebten ins Ungebundene, vielleicht Ins-Nichts, treiben zu lassen.

Auch seine Wahrnehmung von Zeit und Übergang ist zutiefst ambivalent. Wenn er „guten Morgen“ und „gute Nacht“ zugleich sagt, versucht er, den Übergang vom Dunkel zum Licht in vertraute Formeln des Alltags zu fassen; in Wirklichkeit erlebt er den Morgen aber nicht als Rettung, sondern als Moment des größten Verlustes, denn gerade in der Helligkeit des Tages ist die Geliebte verschwunden. Sein innerer Kompass ist zwischen Hoffnung auf neues Leben und Ergebung in das endgültige Wegsein zerrissen. Ähnlich zwiespältig ist seine Stellung zwischen Gebet und Revolte: Er singt die Metten mit, bewegt sich also augenscheinlich in einem religiösen Rahmen der Hingabe und Überantwortung, und zugleich wirkt sein Festhalten an der Toten wie ein leiser, unartikuliert bleibender Protest gegen jede göttliche Verfügung über Tod und Trennung. Das Ich des Knaben ist damit ein Grenz-Ich: Es schwankt zwischen Kindlichkeit und existentieller Reife, zwischen Vertrauen und Auflehnung, zwischen Heimatsuche und radikaler Heimatlosigkeit auf dem Strom.

Die späte Ich-Figur, die im Meeresschiff „aus fremder Welt“ auftaucht, trägt diese Ambivalenzen in anderer Form weiter. Sie kommt von außen, als Beobachter, und erlebt sich doch im fremden Lied „als ob ich’s selber wär’“. Das Ich ist zugleich distanziert und radikal identifiziert: Es bleibt im eigenen Schiff, in der eigenen Lebensbahn, und ist innerlich doch in den Kahn und die Geschichte des Fischers hineingezogen. In ihm erscheint die Ambivalenz zwischen individueller Biographie und exemplarischer Menschlichkeit: Er bleibt eine konkrete, einmalige Person, erkennt aber seine Lage in der des anderen wieder, als wäre jeder Liebende ein Wiederholter derselben Grundgeschichte von Bindung und Verlust. So zeigen beide Ich-Gestalten – der Fischerknabe und der spätere Erzähler – den Menschen als Wesen, das sich selbst weder ganz festhalten noch ganz loslassen kann: immer zugleich gebunden und heimatlos, trauernd und hoffend, in der eigenen Einmaligkeit gefangen und doch auf ein größeres, mit anderen geteiltes Schicksal hin geöffnet.

Wie prägt die affektive Bewegung die Wahrnehmung des Gegenübers?

Die Wahrnehmung des Gegenübers ist im ganzen Gedicht von Anfang bis Ende durch affektive Bewegung vorgeprägt, fast könnte man sagen: Die Figuren sehen einander nicht „objektiv“, sondern durch die Linse ihrer Gefühle. Beim Fischerknaben zeigt sich das am deutlichsten. Seine Liebe und seine Weigerung, den Tod der Geliebten anzuerkennen, führen dazu, dass er das Mädchen zugleich als hilfsbedürftiges, frierendes „Feinsliebchen“ und als selbstverständlich Anwesende wahrnimmt. Die bleiche, schwebende Gestalt, das „Hemdlein“, das im Wind spielt, das Wanken und die starren Hände – all dies wären Zeichen des Gespenstischen und des Jenseitigen. Doch die affektive Grundbewegung seines Herzens übersetzt diese Zeichen in das Schema der Fürsorge: Er sieht Kälte, die er mit dem Mantel wärmen kann, Unruhe, die er durch gutes Zureden beruhigen möchte, Gefahr, vor der er sie beschützen will. Seine Wahrnehmung organisiert sich um den Wunsch, weiter lieben und schützen zu dürfen; was diesem Wunsch widerspricht – ihre Entrückung, ihr Stummsein, ihr Zuwenden zu Sternen und Bergen –, wird zwar registriert, aber nicht als endgültiger Abstand anerkannt.

Umgekehrt wird auch die Wahrnehmung der Geliebten, soweit sie erzählerisch sichtbar wird, von affektiver Bewegung bestimmt. Sie richtet ihren Blick kaum auf den Knaben, sondern auf die Ferne: auf Berge, Türme, Sterne, auf Kloster, Kerzenschein, Metten. Ihre Gesten – das Ausstrecken der Arme, das Greifen nach dem Sternenschein, das Knien, Singen, Weinen – lassen erkennen, dass ihr Fühlen nicht mehr primär auf den Geliebten im Kahn gerichtet ist, sondern auf eine andere, größere Wirklichkeit hin: auf Licht, Höhe, Transzendenz. In der affektiven Bewegung des Gebets, der liturgischen Ergriffenheit, vielleicht auch einer unbestimmten Sehnsucht nach Erlösung erscheint der Fischerknabe eher als stiller Begleiter ihrer Passage denn als Mittelpunkt ihrer Wahrnehmung. Die Träne, mit der sie ihn ansieht, ist zugleich Zeichen von Bindung und Abschied; ihre Gefühle machen ihn ihr innerlich nah und zugleich unaufhaltsam fern.

Die Rahmenfigur des Ich-Erzählers am Schluss zeigt diese affektive Prägung der Wahrnehmung noch einmal auf einer anderen Ebene. Er fährt „aus fremder Welt“ und ist von Sehnsucht nach „Lieb und Leben“ erfüllt. Gerade deshalb erkennt er im Lied des Fischers nicht nur eine fremde Geschichte, sondern sich selbst: Er hört den anderen und erlebt dessen Gesang „als ob ich’s selber wär’“. Seine Wahrnehmung des Gegenübers ist also durch Affinität der Gefühle bestimmt; weil sein eigenes Inneres in einer ähnlichen Spannung von Liebe, Sehnsucht und Verlust steht, verschwindet die Grenze zwischen eigenem und fremdem Schicksal. So wird im ganzen Gedicht sichtbar, wie die affektive Bewegung den Blick formt: Der Liebende sieht im anderen vor allem das, was seine Liebe retten kann; die Entrückte sieht im anderen nur noch einen Teil des Weges in eine ferne Wirklichkeit; und der späte Ich-Erzähler sieht im Fremden vor allem das Echo der eigenen, innersten Regungen.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

Welche religiösen oder metaphysischen Konnotationen zeigt der Text?

Der Text ist durchzogen von religiösen und metaphysischen Konnotationen, ohne je in eine ausdrücklich dogmatische oder lehrhafte Sprechweise zu verfallen. Der Rhein selbst erscheint nicht nur als landschaftlicher Schauplatz, sondern als Übergangsraum zwischen diesseitigem Leben und Jenseits: „tief“ ist hier nicht bloß ein physikalisches Merkmal des Flusses, sondern eine Chiffre für Unzugänglichkeit, gefährliche Tiefe und das Unabsehbare jenseits menschlicher Kontrolle. Die Nacht, der Vollmond, das Sternenblinken und das allmähliche Erlöschen von Mond und Sternen strukturieren eine symbolische Lichtdramaturgie, in der Anwesenheit und Entzug des Transzendenten in Bildern von Glanz und Dunkelheit verhandelt werden. Die Erscheinung der Geliebten – bleich, schwebend, stumm, mit „starren Händlein“ – trägt deutlich geisterhafte, also jenseitsbezogene Züge; sie gehört nicht mehr eindeutig zur Welt der Lebenden, sondern bewegt sich in einem Zwischenreich, wie eine Figur, die den Wasserweg in eine andere Daseinsform nimmt.

Deutlich expliziter treten religiöse Konnotationen in der Passage mit Städten, Türmen und dem Nonnenkloster zutage. Glockengeläut, Kloster, „Metten“ und Kerzenschein entstammen dem liturgischen und kirchlichen Raum. Wenn das Mädchen im Kahn kniet, die Hände faltet und die Metten singt, entsteht eine Art schwimmende Kapelle, ein improvisierter liturgischer Ort mitten auf dem Rhein. Die Fahrt wird so zu einer Prozession oder zu einem Übergangsritus, in dem Liebesgeschichte und Sterbegeschichte sakral grundiert sind. Die Gebärden des Mädchens – das Strecken der Arme zu Bergen und Sternen, das Greifen nach dem Licht – lassen sich als metaphysische Sehnsucht lesen: Ihr Inneres ist auf ein „Oben“ gerichtet, auf einen Bereich jenseits der unmittelbar wahrnehmbaren Welt. Der Kahn gleitet unter Glockenklang und Gebet in eine Zone, in der Zeit verlangsamt scheint und die Grenze zwischen liturgischer Stunde (Metten) und Todesstunde unscharf wird.

Metaphysisch bedeutsam ist auch die Bewegung vom Fluss in die See und vom anonym erzählten Geschehen zum Ich-Erzähler am Schluss. Der Übergang des Kahns „bis in die See hinein“ weitet den Raum ins Grenzenlose, Ungefaßte; aus dem klar umrissenen Strom mit seinen Ufern wird das offene Meer, das traditionell als Bild des Unendlichen, des Schicksals oder der göttlichen Weite gelesen werden kann. Der spätere Ich-Erzähler fährt „aus fremder Welt“ heran, denkt an „Lieb und Leben“ und erkennt sich im Lied des Fischers „als ob ich’s selber wär’“. Hier tritt eine metaphysische Dimension der Identität zutage: Individuelle Lebensgeschichten durchdringen sich, der Einzelne erkennt sein eigenes Geschick in der Geschichte des anderen. Es entsteht der Eindruck eines tieferen, überpersönlichen Zusammenhangs, in dem Liebesleid, Verlust und Sehnsucht mehr sind als bloß zufällige Einzelerlebnisse, nämlich Ausdruck einer allgemeinen menschlichen Struktur.

Moralisch deutet der Text nicht in einfacher Weise an, was „richtig“ oder „falsch“ wäre; dennoch schimmert eine Spannung zwischen Hingabe und Loslassen, zwischen Treue und Überschreitung göttlicher Ordnung durch. Die beharrliche Weigerung des Knaben, den Tod der Geliebten anzunehmen, kann als stille Rebellion gegen eine höhere Fügung gelesen werden; zugleich wird sein Festhalten nicht als heroische Auflehnung, sondern eher als rührende, aber letztlich machtlose Liebe gezeichnet. Das Mädchen hingegen bewegt sich – von Gebet, Klöstern, Sternen und Licht angezogen – stärker in Richtung einer jenseitigen Ordnung, in die der Knabe nicht folgen kann. Insgesamt zeigt der Text so eine religiös-metaphysische Konstellation, in der die Wasserlandschaft des Rheins, das liturgische Inventar des Christentums und das Motiv der Geistererscheinung ineinander greifen: Die Welt erscheint als durchlässig für Transzendenz, doch bleibt diese Transzendenz rätselhaft, ambivalent und entzieht sich einer eindeutigen dogmatischen Festlegung.

Gibt es moralische Spannungen oder ethische Konfliktzonen?

Im Gedicht zeigen sich mehrere moralische Spannungsfelder, ohne dass sie ausdrücklich benannt oder in eine eindeutige Wertung aufgelöst würden; sie wirken eher als leise Unruhe im Hintergrund der Erzählung. Zunächst liegt eine Grundspannung im beharrlichen Festhalten des Fischerknaben an der Toten. Er weigert sich, ihren Tod innerlich anzuerkennen, wartet weiter auf sie, lässt sie in den Kahn einsteigen, hüllt sie liebevoll in seinen Mantel und setzt mit ihr die gefährliche Fahrt auf dem Rhein fort. In einer ethischen Perspektive kreuzen sich hier zwei Regungen: auf der einen Seite Treue, Liebe, unverbrüchliche Bindung – auf der anderen Seite die Frage, ob dieses Festhalten nicht zugleich ein Stören der Totenruhe, ein Verharren in einem ungesunden Zwischenzustand ist. Die Liebesgesten des Knaben erscheinen zärtlich und mitleidsvoll, tragen aber zugleich den Zug einer Sturheit gegen alle natürliche Grenze, als wolle er das Mädchen mit affektiver Gewalt in einer Welt festhalten, zu der es eigentlich nicht mehr gehört.

Damit verbunden ist ein zweites Konfliktfeld, das sich um Selbstgefährdung und Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben dreht. Der Knabe erkennt die Gefahr sehr wohl: er fürchtet Flut, Wirbel, das Versinken des Kahns, bittet das Mädchen, still zu halten und sich nicht vom Wind reißen zu lassen. Dennoch bleibt er in der Situation, rudert nicht ans Ufer, sondern lässt sich „weiter, weiter“ treiben, schließlich bis „in die See hinein“. In ethischer Hinsicht verschränken sich hier Selbsthingabe und Selbstaufgabe: Seine Liebe zum Mädchen – oder genauer: zu der Vorstellung ihrer unverlierbaren Gegenwart – scheint ihm wichtiger zu sein als jede Pflicht zur Selbsterhaltung. Man könnte fragen, ob dieses Verhalten als Opferbereitschaft, als radikale Treue oder als destruktiver Liebeswahn zu deuten ist; das Gedicht selbst entscheidet diese Frage nicht, hält aber die Spannung zwischen rührender Hingabe und gefährlicher Selbstvergessenheit konsequent offen.

Eine weitere, subtilere Konfliktzone ergibt sich aus dem religiösen Horizont des Gedichts. Glockenklang, Kloster, Metten und Gebet rücken die Szene in die Nähe einer christlichen Ordnung, in der Tod und Jenseits nicht bloß als diffuse Dunkelzone, sondern als Bereich göttlicher Verfügung gedacht sind. Dass der Knabe sich nicht fügt, sondern die Tote gleichsam „mitnimmt“, könnte als leiser Widerspruch gegen diese Ordnung erscheinen; zugleich beteiligen beide sich am Mettengebet, und die Gestalt des Mädchens scheint stärker von einem Transzendenzdrang ergriffen zu sein als er. Sie richtet sich an Sterne, Licht, Gebirge, Kerzenschein – Gebärden, die sich als Hingabe an eine größere Wirklichkeit lesen lassen. Moralisch schimmert hier die Frage durch, ob der Liebende das Recht hat, einen Menschen, der bereits auf das Jenseits hin orientiert ist, noch einmal in seine irdische Bindung zurückzuziehen, oder ob er ihn nicht vielmehr freigeben müsste. Umgekehrt steht die religiöse Ordnung nicht ungebrochen als schützende Norm da: Das Kloster bleibt Beobachter im Hintergrund, niemand greift ein, niemand rettet den Kahn; die Institution ist anwesend, aber nicht helfend.

Schließlich taucht in den Schlussstrophen ein letzter, eher erkenntnismoralischer Konflikt auf. Der Ich-Erzähler auf dem Meer begegnet dem Kahn, hört das Lied des Fischers und erkennt sich „als ob ich’s selber wär’“. Er nimmt diese tragische Szene nicht zum Anlass, einzugreifen, sondern verwandelt sie in ein Lied, in ein Stück erzählter und gesungener Erfahrung. Auch hier legt das Gedicht keine eindeutige Norm an; aber es deutet an, dass menschliche Existenz sich immer wieder in der Schwebe zwischen Teilnahme und Distanz, zwischen Mitleid und ästhetischer Aneignung bewegt. Moralische Spannungen entstehen dort, wo Liebe, Selbstbewahrung, religiöse Deutung und poetische Verarbeitung nicht mehr nahtlos ineinander greifen: Das Gedicht zeigt diese Konfliktzonen, ohne sie mit einem einfachen „soll“ oder „soll nicht“ zu beruhigen.

Wie wird menschliche Erkenntnis dargestellt?

Menschliche Erkenntnis erscheint in „Auf dem Rhein“ von Anfang an als begrenzt, affektiv gefärbt und nur indirekt, über Zeichen und Bilder vermittelt. Der Fischerknabe weiß durchaus, dass seine Geliebte gestorben ist, und doch „glaubt“ er es „nimmermehr“ – Wissen und Nicht-Wissen fallen in ihm auseinander. Sein Wahrnehmen korrigiert diesen inneren Widerspruch nicht, sondern verstärkt ihn sogar: Die bleiche, schwebende Gestalt im Hemd, das Starre ihrer Hände, das Schweigen – all dies wären deutliche Hinweise auf ihren anderen Status, aber seine Liebe deutet sie um in Bilder von Kälte, Bedürftigkeit und Nähe. Erkenntnis ist hier nicht nüchternes Erfassen, sondern ein von Sehnsucht durchwirkter Umgang mit Zeichen, deren eigentlicher Sinn dem Affekt geopfert wird. Der Knabe „sieht“ viel, aber er „versteht“ nicht im Sinne einer losgelösten Einsicht; sein Wissen bleibt halb, widersprüchlich und gebunden an den Wunsch, die Geliebte nicht endgültig zu verlieren.

Auf der Ebene der Raum- und Zeitwahrnehmung zeigt sich ein ähnliches Muster. Die Nacht, der Vollmond, das Sternenblinken, später das Erlöschen von Mond und Sternen und der Übergang zum Morgen strukturieren zwar äußerlich das Geschehen, doch der Knabe vermag diesen Wechsel nicht kognitiv zu fassen. Wenn er „guten Morgen“ und „gute Nacht“ zugleich sagt, gerät seine Orientierung ins Taumeln: der Tag, der normalerweise Klarheit und Übersicht bringt, fällt in seiner inneren Erfahrung mit dem maximalen Dunkel des Verlustes zusammen. Erkenntnis wird so als radikal subjektiv gebrochen dargestellt: Die Welt sendet eindeutige Signale – Morgenröte, Sonnenglanz, Vogelsang –, aber die innere Lage des Menschen verhindert, dass diese Signale in eine klare, tröstliche Deutung übergehen. Auch die religiösen Zeichen – Glocken, Kloster, Metten, Kerzenschein – eröffnen kein sicheres Wissen über Sinn und Ziel des Geschehens, sondern nur eine Atmosphäre des Möglichen, des zu Deutenden.

Besonders deutlich wird die erkenntnistheoretische Grundhaltung des Gedichts in der Metapher des Schwälbleins: „Woher, wohin geflogen, / Das hat kein Mensch gewußt.“ Diese beiden Verse formulieren ausdrücklich eine Grenze menschlicher Erkenntnis. Der Flug des Vogels – sein Ursprung, sein Ziel – wird in eine Reihe mit der rätselhaften Fahrt des Kahns und dem Weg der Geliebten gestellt. Der Mensch kann beobachten, beschreiben, singen, aber er weiß nicht, „woher“ und „wohin“ das Leben in seinem tiefsten Sinn unterwegs ist. Auch der Ich-Erzähler am Ende verfügt über kein Mehr an Wissen; er kann nur denken an „Lieb und Leben“, sehnsüchtig sein und in der Geschichte des Fischers sich selbst erkennen, „als ob ich’s selber wär’“. Erkenntnis erscheint hier als empathische, poetische Aneignung – als Fähigkeit, das Eigene im Fremden wiederzufinden –, nicht als Herrschaft über Tatsachen. Dass die ganze Geschichte als „Liedchen“ erscheint, das weitererzählt und nachgesungen wird, unterstreicht diese Perspektive: Was der Mensch weiß, weiß er in Gestalt von Geschichten, Bildern und Gesängen; das Entscheidende – Ursprung, Ziel, letzter Sinn der Fahrt – bleibt dem „kein Mensch gewußt“ vorbehalten.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

Welche Funktionsweisen haben Metaphern, Vergleichsbilder, Symbolworte?

Die bildhafte Sprache des Gedichts arbeitet nicht mit ausgefallenen, schwer entschlüsselbaren Metaphern, sondern mit einer dichten Schicht scheinbar schlichter Bilder, die einen hohen symbolischen Überschuß tragen. Der Rhein selbst ist mehr als bloße Landschaftskulisse: Als „tiefer Rhein“ wird er zum Symbol eines Übergangsraums, in dem der Mensch aus der gesicherten Welt der Ufer in eine Zone des Dazwischen hineingerät. Die Fahrt im Kahn ist damit zugleich Lebensweg, Trauerweg und Passage zwischen Leben und Tod. Dass der Kahn „weiter, weiter“ bis „in die See hinein“ treibt, weitet diese Symbolik noch einmal: Aus dem begrenzten Strom mit erkennbaren Ufern wird das offene Meer, das traditionell für das Unendliche, das Schicksalhaft-Unfaßbare und die Weite des Daseins steht. Fluss, Kahn und Meer bilden zusammen ein großes, sich steigerndes Bildfeld für die menschliche Existenz als Fahrt in ein nicht durchschaubares Weit-Hinaus.

Eng damit verbunden ist das Bildfeld von Licht und Farbe. Mond, Sterne, Kerzenschein, später die aufgehende Sonne strukturieren nicht nur die äußere Szenerie, sondern markieren Stufen einer inneren und metaphysischen Bewegung. Zunächst ist die Nacht mild und silbrig: Sternlein blinken, der Mond scheint über dem Rhein – ein romantisch verklärtes Dunkel, in dem Begegnung und Geistererscheinung möglich werden. Wenn die „tiefe Flut“ dann „rot und immer röter“ wird und das Mädchen „bleich und immer bleicher“, kippt die Bildlichkeit: Rot kann als Andeutung von Blut, Gefahr, innerer Glut der Leidenschaft gelesen werden, während das Bleichwerden auf Entzug von Leben und Blut, auf Verblassen der irdischen Präsenz verweist. Mond und Sterne „zerrinnen“ und „vergehn“ wie Augen; die Lichtquellen der Nacht verschwinden gleichzeitig mit dem Blick der Geliebten. Hier arbeitet die Metaphorik als feines, zugleich sehr sinnliches Instrument, um einen Prozess des Verlöschens zu zeigen, ohne ihn in abstrakte Begriffe zu fassen: Das Verschwinden der Gestirne ist das Verschwinden der Person.

Auf der Bildebene der Körper- und Kleidungsworte verschränkt Brentano Geborgenheit, Gefahr und jenseitige Entrückung. Das „Hemdlein“, das im Wind spielt, macht die Gestalt der Geliebten verletzlich, fast kindlich, und verleiht ihr zugleich etwas Schwebendes, Un-geschütztes; es markiert ihre Nähe zur Nacktheit, damit zur radikalen Ausgesetztheit. Der Mantel des Fischers, in den er sie hüllen will, ist nicht bloß ein Kleidungsstück, sondern ein Symbol für Schutz, Umhüllung, vielleicht auch für den Versuch, sie in seine eigene Wärme, seine Lebenssphäre einzubeziehen. Das immer wiederkehrende Motiv des Schwankens („schwanket“, „schwank’ nit so hin und her“) verbindet körperliche Bewegung und inneren Zustand: Das Boot, das Mädchen, die Gefühle des Knaben – alles ist in einem prekär schwebenden Gleichgewicht. So zeigen diese Bilder, wie der Text mit sehr einfachen Gegenständen (Hemd, Mantel, Kahn) eine komplexe symbolische Konstellation von Schutzsuche, Haltlosigkeit und Übergang formt.

Deutlich symbolisch aufgeladen sind außerdem die religiösen Bilder: Glocken, „Nonnenkloster“, „Metten“, „Kerzenschein“ sind zunächst konkrete Details einer nächtlichen Rheinlandschaft, funktionieren jedoch zugleich als Zeichen für eine höhere, jenseitige Ordnung. Wenn die Metten im Kahn gesungen werden, verwandelt sich das Boot bildhaft in einen schwimmenden Kirchenraum. Gebet und Gesang werden zu Vehikeln des Übergangs; sie markieren, dass das Geschehen nicht nur psychologisch, sondern in einem größeren, möglicherweise heilsgeschichtlichen Horizont steht. Der Text erklärt das nicht, sondern lässt die Bilder schweigend wirken: Die Glocken klingen, die Kerzen leuchten, aber ob sie Rettung, Gericht oder bloß ferne, unbeteiligte Ordnung bedeuten, bleibt offen. Die Symbolworte öffnen einen religiösen Raum, ohne ihn dogmatisch zu besetzen.

Schließlich bündelt sich die symbolische Bildlichkeit exemplarisch im Schwälblein. Dieses kleine Vogelbild wirkt zunächst wie eine beiläufige Naturbeobachtung; zugleich ist der Flug des Schwälbleins, das niemand in seinem „Woher“ und „Wohin“ kennt, eine Verdichtung der gesamten Grundsituation. Es streicht über die Brust des Knaben, berührt gleichsam sein Herz, und entzieht sich zugleich jeder Erkenntnis. Als Seelensymbol, als Bild des entgleitenden Lebens oder des schwer fassbaren Sinnes der Fahrt verweist das Schwälblein auf eine Dimension, die den Figuren und Lesenden verborgen bleibt. Hier zeigen Metapher und Symbolwort ihre tiefste Funktionsweise: Sie tragen das Unsagbare – die Frage nach Ursprung und Ziel des Daseins, nach dem Wohin der Toten – in eine anschauliche, scheinbar harmlose Gestalt hinein und lassen diese Frage zugleich offen.

Wie wirken Imperative, Wiederholungen, Lautfiguren, syntaktische Beschleunigungen oder Brechungen?

Imperative und Wiederholungen gehören zu den auffälligsten Steuerungsinstrumenten der Sprache in diesem Gedicht. Die Imperative des Fischerknaben – „Hüll’ dich in meinen Mantel“, „O halte dich doch stille“, „Feinsliebchen bet’ hübsch stille“, „Schwank’ nit so hin und her“ – sind auf den ersten Blick fürsorgliche, liebevolle Aufforderungen; funktional sind sie aber Beschwörungsformeln eines Menschen, der eine Situation zu kontrollieren versucht, die ihm tatsächlich aus den Händen gleitet. Der Knabe will mit Sprache festhalten, beruhigen, ordnen: das frierende Mädchen, das schwankende Boot, die bedrohliche Flut. Gerade weil die Todesnähe der Geliebten nicht rückgängig zu machen ist, verdichtet sich sein Sprechen in Imperativen, die wie magische Bannformeln wirken und zugleich seine Ohnmacht verraten. Die Geliebte antwortet nicht in Imperativen, sondern mit Blicken, Gesten, Gebet; schon in dieser Asymmetrie der Redeformen spiegelt sich, wie sehr sein Wille zur Verfügung über sie an ihre sprachlose Entrückung stößt.

Die Wiederholungen geben dem Gedicht einen fast refrainartigen, beschwörenden Grundton und verstärken diese Dynamik. Der Kosename „Feinsliebchen“ erscheint immer wieder; er rahmt die Anreden und hält eine intime Sphäre aufrecht, während die äußere Lage bedrohlicher wird. Ganze Wendungen kehren wieder: „Dein Hemdlein spielt im Winde“ steht zweimal fast gleichlautend im Text, ebenso „Die Metten in dem Kahn“ (einmal vom Mädchen, einmal vom Knaben gesungen). Diese Wiederholungen wirken wie Echofiguren: Sie binden verschiedene Strophen motivisch zusammen und erzeugen den Eindruck eines inneren Kreisens, eines Nicht-von-der-Stelle-Kommens trotz der äußeren Bewegung des Kahns. Die Steigerungsformeln „rot und immer röter“, „bleich und immer bleicher“ kombinieren Wiederholung und Intensivierung; sie beschleunigen den Wahrnehmungseindruck, ohne den ruhigen metrischen Fluss zu brechen. Zugleich wirken sie wie Kinderformeln aus dem Volksliedbereich und halten so den Ton naiv und einfach, während der Inhalt in existentielles Dunkel führt.

Auf der Ebene der Laut- und Satzgestaltung arbeitet Brentano mit einem fein abgestuften Wechsel von Glätte und Störung. Alliterationen und Klangnähen – „Feinsliebchen, frierest du“, „Schwälblein strich vorüber“, „wildentbrannten Weisen“ – verdichten die Verse zu kleinen Klanginseln, in denen Sinn und Laut verschmelzen. Die häufige Anapher des „Und“ am Versanfang („Und nickt den alten Türmen“, „Und rot und immer röter“, „Und bleich und immer bleicher“) treibt das Geschehen voran wie gleichmäßige Ruderschläge, erzeugt aber auch ein leicht drängendes, unaufhaltsames „Weiter, weiter“. Syntaktisch dominieren einfache, parataktisch gereihte Sätze, die den Volksliedton stützen und die Bewegung ruhig fließen lassen; Beschleunigung entsteht, wenn mehrere kurze Sätze oder Satzfragmente hintereinander treten („Da will er sie erwecken, / Daß sie die Freude hör’, / Er schaut zu ihr hinüber, / Und findet sie nicht mehr“), die Wahrnehmung gewissermaßen stakkatoartig zerlegen und den Moment des Verlustes akzentuieren. Kleine Brechungen – etwa die volkstümliche, grammatikalisch „überflüssige“ Formulierung „Feinsliebchen werden tut“ oder die paradoxe Doppeladresse „guten Morgen“ / „gute Nacht“ – stören die syntaktische und semantische Erwartung und markieren Stellen, an denen die innere Ordnung des Sprechers ins Wanken gerät. So unterstützen Imperative, Wiederholungen, Klangfiguren und syntaktische Brüche gemeinsam die Darstellung einer Existenz, die äußerlich im gleichmäßigen Rhythmus der Fahrt bleibt, innerlich aber immer stärker von Spannung, Beschwörung und Überforderung der Sprache geprägt ist.

Welche Rolle spielen Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen, Binnenrhythmen?

Klangfarben, Alliterationen, Assonanzen und Binnenrhythmen tragen in „Auf dem Rhein“ wesentlich dazu bei, dass der scheinbar einfache Volksliedton eine eigentümlich schwebende, zugleich tröstliche und unheimliche Atmosphäre gewinnt. Der Grundrhythmus – der gleichmäßig wiegende vierhebige Trochäus mit meist ruhigen Satzschlüssen – erzeugt zunächst ein weiches, an Wiegenlied und Fahr-Rhythmus erinnerndes Klangbett: „Ein Fischer saß im Kahne, / Ihm war das Herz so schwer“. Die Folge von lang klingenden Vokalen und diphthongischen Reimen („Kahne“ – „schwere“ – „storb(e)n“ – „nimmermehr“) schafft eine leicht gedehnte Klangfarbe, in der der Schmerz nicht scharf ausbricht, sondern sich fließend in den Gesang einbettet. Dieser Binnenrhythmus des ruhigen Trochäus sorgt dafür, dass die Fahrt auf dem Rhein im Ohr als gleichmäßiges Gleiten wahrgenommen wird; selbst bedrohliche Momente behalten so etwas Beschwörend-Gebundenes.

An markanten Stellen nutzt Brentano Alliteration und Assonanz, um einzelne Motive hervorzuheben und Gefühlsschübe zu signalisieren. Die zärtliche, zugleich ängstliche Anrede „Feinsliebchen, frierest du?“ bündelt mit dem wiederholten „f“ die Zartheit und das Frösteln in einem weichen, hauchenden Klang; ähnlich „Hemdlein spielt im Winde“ mit dem dichten Netz aus „h“, „m“ und „w“, das das flatternde, leichte Gewebe fast hörbar macht. Später wird die Bewegung des kleinen Vogels in „Ein Schwälblein strich vorüber“ durch die „sch“- und „str“-Cluster klanglich nachgebildet: Das Wortmaterial selbst gleitet und schneidet durch die Luft wie der Vogel über das Wasser. Solche Alliterationen sind nie ostentativ, sondern in den Volksliedton eingebettet; gerade dadurch wirken sie umso eindringlicher.

Die Klangfarben der Vokale unterstützen die inhaltliche Bewegung von milder Nacht zu bedrohlicher Dichte. In den frühen Strophen dominieren offene, helle Klänge, die zur romantischen Mond- und Sternenlandschaft passen: „Sternlein blinken“, „Mondenschein“, „weiße Arme“, „Vollmond“. Helle i- und ei-Laute („blinken“, „Feinslieb“, „weiße“, „scheint“) geben der Szene etwas Zartes, Schimmerndes. Wenn die Flut „rot und immer röter“ und das Mädchen „bleich und immer bleicher“ wird, kippt die Klangfarbe: das kurze, dunkle „o“ von „rot“ und „Flut“ verdichtet die Bedrohung, „bleich“ mit seinem gedehnten Diphthong wirkt wie ein Ausatmen, ein Verlaufen der Farbe. In diesen Wortfeldern arbeiten Assonanzen – etwa die Wiederkehr des „o“-Lauts in „rot“, „Flut“, „Mond“, „zerronnen“, „vergehn“ – an einer untergründigen Klangdramaturgie, die den Leser gleichsam lautlos in die Düsternis hinabzieht.

Binnenrhythmen entstehen zudem durch die Binnenzeichensetzung und die Reihung kurzer Satzglieder. In vielen Versen liegt eine feine innere Zäsur, die den Trochäus gliedert und eine leichte Schaukelbewegung erzeugt: „Da kniet das Mägdlein nieder, / Und faltet seine Händ’“ – hier teilt der Kommaeinschnitt den Vers in zwei gleichgewichtige Klanghälften, Gebärde und Andacht werden rhythmisch parallelisiert. In anderen Fällen verdichtet Brentano mehrere kurze Satzstücke in aufeinanderfolgenden Versen, wodurch der gleichförmige Rhythmus einen Moment der Beschleunigung erfährt: „Da will er sie erwecken, / Daß sie die Freude hör’, / Er schaut zu ihr hinüber, / Und findet sie nicht mehr.“ Die knappen, parataktisch gereihten Sätze lassen das Geschehen stakkatoartig hervortreten und markieren so den Schock des Verlustes, ohne den metrischen Rahmen aufzubrechen.

Schließlich wirken auch die vielfachen „Und“-Anfänge („Und nickt den alten Türmen“, „Und rot und immer röter“, „Und bleich und immer bleicher“, „Und netzte seine Brust“) wie kleine rhythmische Wellen. Sie schieben das Geschehen vorwärts, geben den Strophen einen leisen Zug ins Unaufhaltsame und verbinden zugleich semantisch weit auseinanderliegende Momente in einen gemeinsamen Klangstrom. Durch diese Kombination aus gleichmäßigem Grundtakt, lokalen Klangverdichtungen und feinen rhythmischen Verschiebungen entsteht eine satz- und lautgewordene Entsprechung der ganzen Situation: Der Kahn, der Rhein, die Gefühle des Knaben, das Entgleiten der Geliebten – alles bewegt sich in einem scheinbar ruhigen, innerlich aber hoch gespannten Klangfluss.

Wie erzeugt die Sprache Druck, Weite, Enge, Ekstase oder Ruhe?

Die Sprache des Gedichts bewegt sich beständig zwischen Ruhe und Druck, zwischen Weite und Enge, und gestaltet diese Spannungen über Rhythmus, Satzbau und Bildwahl. Zunächst dominiert eine eigentümliche Ruhe: Der gleichmäßige vierhebige Trochäus, die kurzen, überschaubaren Vierzeiler und die parataktischen Sätze erzeugen ein wiegendes, sanft fließendes Sprechen. Der Leser „gleitet“ mit dem Kahn: „Ein Fischer saß im Kahne, / Ihm war das Herz so schwer“ – schon hier verbindet der ruhige Rhythmus die statische Szene des Sitzens mit der unterschwelligen Schwere der inneren Lage. Viele Verse sind einfach gebaut, ohne Verschachtelung, mit klaren, oft lautmalerisch weichen Formulierungen („Sternlein blinken“, „tiefen Rhein“, „Vollmond“). Diese sprachliche Einfachheit schafft Weite: Sie gibt dem Leser Raum, die nächtliche Rheinlandschaft vor Augen zu haben, und legt sich wie eine ruhige Oberfläche über den Abgrund, der darunter liegt.

Druck und Enge entstehen, sobald die scheinbar harmlosen Bilder und der ruhige Fluss der Sprache in Konflikt mit der inneren Situation treten. Das zeigt sich besonders in den Imperativen und den aneinander gereihten Warnungen: „Feinsliebchen bet’ hübsch stille, / Schwank’ nit so hin und her, / Der Kahn möcht’ uns versinken, / Der Wirbel reißt so sehr.“ Hier erzeugen die rasch aufeinanderfolgenden Gefahrenworte („versinken“, „reißt“) und der verkürzte Satzbau einen Sog; die Verse wirken dichter gepackt, die Angst drängt in die Rede hinein. Auch die Wiederholungs- und Steigerungsformeln „rot und immer röter“, „bleich und immer bleicher“ erzeugen einen inneren Druck: Der semantische Gehalt ist fast minimal, aber die Form der sprachlichen Intensivierung zwingt die Wahrnehmung in eine Beschleunigung, als ob etwas sich unaufhaltsam zuspitzt. Enge entsteht zudem dort, wo die Sprache in paradoxe Verknappung kippt: „Lieb Mägdlein, guten Morgen, / Lieb Mägdlein gute Nacht!“ – der Raum zwischen Morgen und Nacht, der normalerweise Weite und Tagesverlauf birgt, schrumpft auf eine unauflösbare, fast beklemmende Gleichzeitigkeit zusammen.

Weite wird vor allem durch die großen Bewegungs- und Landschaftsbilder erzeugt. Wenn „große Städte“ am Kahn „vorüberfliegen“, wenn Türme, Glocken, Nonnenkloster, Berge, Sternenhimmel, schließlich Meer und „fremde Welt“ ins Spiel kommen, öffnet sich der Horizont des Gedichts. Die Sprache verwendet dabei eher aufzählende, reihende Strukturen: „Da fliegen große Städte, / An ihrem Kahn vorbei, / Und in den Städten klingen / Wohl Glocken mancherlei.“ Die nebeneinandergestellten Orts- und Klangangaben lassen eine breite, sich entfaltende Welt aufscheinen; das „mancherlei“ weitet die Szene zusätzlich in ein Unbestimmtes. Diese Weite bleibt allerdings ambivalent: Je größer der Raum wird – vom Rhein zur See, von der Heimatlandschaft zur „fremden Welt“ –, desto mehr wird die Figur des Knaben als vereinzelter Punkt in einer übermächtigen Umgebung erfahrbar. Sprachlich werden Weite und Verlorenheit in denselben Bildern erzeugt; der groß dimensionierte Raum verstärkt den existentiellen Druck.

Ekstase zeigt sich eher gedämpft, aber deutlich im Bereich der religiös gefärbten Sprache. In den Strophen mit Kloster, Metten, Kerzenschein und Gebet verdichtet sich die Rede: „Da singt Feinslieb gar helle, / Die Metten in dem Kahn“ – das „gar helle“ verleiht der Stimme eine Überstrahlung, die sich nicht mehr bloß als nüchterne Religionspraxis, sondern als affektiv gesteigerte, fast entrückte Teilnahme verstehen lässt. Die Wiederholung des Metten-Gesangs im Mund des Knaben („Da singt der Knab’ gar traurig / Die Metten in dem Kahn“) verschachtelt Trauer und liturgische Ekstase: Die Sprache bleibt einfach, aber der doppelte Gesang, das Knien, das Falten der Hände, die Tränen bündeln eine gesteigerte Innenspannung, in der die Figuren gleichsam über sich hinausgerissen sind, ohne dass das Gedicht in Visionen oder grelle Bilder ausbricht. Die Ekstase ist still, nach innen gerichtet, sprachlich als Überlagerung von Volksliedformel und religiöser Terminologie gestaltet.

Schließlich kehrt die Sprache immer wieder zu einem Ton der scheinbaren Ruhe zurück, der das Ganze wie ein Rahmen umgibt. Die letzten Verse „Der Fischer sang dies Liedchen, / Als ob ich’s selber wär’“ senken das Pathos in eine fast bescheidene Diminutivform („Liedchen“) zurück. Der gleichmäßige Versrhythmus, die einfache Syntax und das unscheinbare „als ob“ erzeugen einen Eindruck von Sprachruhe, der jedoch das zuvor Erzählte nicht neutralisiert, sondern in eine Form der stillen, geteilten Erfahrung überführt. So schafft die Sprache des Gedichts Ruhe nicht als Abwesenheit von Konflikt, sondern als ruhigen Klangteppich, unter dem Druck, Enge und ekstatisch gesteigerte Momente weiterglühen. Weite, Enge, Druck, Ekstase und Ruhe sind keine getrennten Zustände, sondern verschränken sich in der Bewegung der Verse; gerade dieser Wechsel – getragen von Rhythmus, Wiederholung und Bildlichkeit – lässt die existentiellen Spannungen des Textes sinnlich erfahrbar werden.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

Wie wird der Mensch dargestellt?

Der Mensch erscheint in diesem Gedicht in einer mehrfach gebrochenen, aber klar erkennbaren Grundfigur: als liebendes, verletzliches, affektbestimmtes Wesen, das zwischen Diesseits und Jenseits, Nähe und Verlust, Wissen und Nicht-Wissen hin- und hergerissen ist. Im Fischerknaben zeigt sich der Mensch zunächst als radikal beziehungsorientiertes Wesen. Er ist nicht als „Charakter“ mit Eigenschaften beschrieben, sondern fast nur über seine Bindung an das „Feinsliebchen“: Sein Herz ist „so schwer“, weil die Geliebte gestorben ist; seine gesamte Existenz konzentriert sich darauf, diesen Verlust nicht zu akzeptieren. Damit wird der Mensch als einer sichtbar, der Wirklichkeit nicht einfach hinnimmt, sondern sie durch Liebe und Hoffnung zu überschreiben versucht. Die Grundfigur ist: Der Mensch ist, indem er liebt – und gerade dadurch wird er maximal verletzbar.

Zugleich wird der Mensch als Grenz- und Übergangswesen dargestellt. Die Fahrt auf dem „tiefen Rhein“, das gleitende Boot, die nächtliche Landschaft, später die Öffnung zur See: all das rahmt Figuren, die im wortwörtlichen und übertragenen Sinn unterwegs sind. Der Knabe sitzt nicht an einem festen Ort; er treibt, er harrt, er rudert kaum, sondern lässt sich führen. Der Mensch erscheint so als einer, der seine Lage nur begrenzt steuern kann, der im Strom von Zeit, Schicksal, Tod und Transzendenz gewissermaßen mitgeführt wird. Typisch menschlich ist in diesem Text nicht souveräne Verfügung, sondern das Bewusstsein einer prekären Zwischenstellung: zwischen Kindlichkeit und Verantwortung, zwischen irdischer Bindung und der Ahnung, dass der Geliebte einer anderen, nicht mehr zugänglichen Sphäre angehört.

Die Geliebte macht eine zweite Seite dieser anthropologischen Figur sichtbar. Sie ist einerseits das Objekt der Liebe des Knaben, andererseits selbst Mensch in einer extremen Übergangssituation. Ihre Gestalt ist bleich, schwebend, kaum bekleidet, sie schwankt, sie friert; körperlich ist sie radikal ausgesetzt. Gleichzeitig richten sich ihre Gesten nach oben und nach außen: zu Bergen, Sternen, Türmen, Kerzenlicht, in das liturgische Geschehen der Metten hinein. Am Mädchen wird der Mensch als zugleich leibliches, bedrohtes und auf Transzendenz hin offenes Wesen sichtbar. Sie ist nicht einfach „Seele“ ohne Körper, aber ihr Leib ist in einem Zustand der Entwirklichung, des Verblassens, des Übergangs. Der Mensch erscheint hier als jemand, der nicht in sich abgeschlossen ist, sondern auf etwas Größeres, Anderes hin orientiert bleibt – auch dann, wenn der Geliebte ihn leidenschaftlich in einer diesseitigen Bindung festhalten möchte.

Eine dritte Variante der Menschendarstellung bietet der Ich-Erzähler am Schluss. Er ist nicht unmittelbar in die dramatische Konstellation verwickelt, sondern begegnet ihr von außen – und erkennt sich doch „als ob ich’s selber wär’“. An ihm wird deutlich, dass der Mensch wesentlich ein mitfühlendes und erinnerndes Wesen ist. Er existiert nicht nur in seiner eigenen Biographie, sondern findet sich in Geschichten und Liedern anderer wieder. Anthropologisch gesprochen: Der Mensch ist ein Wesens, das sich über narrative, poetische Formen wiedererkennt. Das tragische Schicksal des Fischers und seiner Geliebten ist kein Einzelfall, sondern exemplarischer Ausdruck einer gemeinsamen conditio humana, die der spätere Ich-Erzähler als seine eigene erfährt.

Insgesamt erscheint der Mensch in „Auf dem Rhein“ weder als Held noch als bloßes Opfer. Er ist schutzbedürftig, begrenzt, von Affekten getrieben, aber zugleich fähig zur Treue, zur zärtlichen Sorge, zum Gebet, zur poetischen Erinnerung. Er ist ein Wesen im Dazwischen: zwischen Fluss und Meer, Nacht und Tag, Leben und Tod, Liebe und Loslassen, religiöser Geborgenheit und metaphysischer Ratlosigkeit. Gerade diese Zwischenlage – nicht ganz im Diesseits, nicht im sicheren Jenseits, nicht in vollständiger Erkenntnis, aber auch nicht in gänzlicher Blindheit – bildet die anthropologische Grundfigur des Gedichts: Der Mensch ist ein Liebender, der im Strom der Zeit treibt und seinen Sinn vor allem in der Beziehung zum anderen und in der erzählenden, singenden Deutung seines eigenen Weges sucht.

Welche Rolle spielt das Gegenüber (Du, Welt, Gott, Natur) für die Selbstdeutung des Ich?

Das Gegenüber ist für die Selbstdeutung des Ich in diesem Gedicht nicht Beiwerk, sondern eigentliche Bedingung seiner inneren Gestalt. Der Fischerknabe existiert von Anfang an im Modus der Anrede: „Feinsliebchen“, „Herzallerliebstes Gut“, „Lieb Mägdlein“. Er kommt sprechend auf die Welt zu, indem er ein Du adressiert, und dieses Du ist zugleich Ursprung seines Glücks und Grund seiner Zerrissenheit. Er erfährt sich selbst zuerst als Liebender, der sein eigenes Inneres nur im Spiegel der Geliebten wahrnimmt: Sein „Herz“ ist „so schwer“, weil dieses Du gestorben ist; seine Angst, Sorge, Zärtlichkeit nehmen überhaupt erst Form an, indem sie auf das frierende, schwankende, entrückte Gegenüber bezogen sind. Psychologisch entsteht sein Ich dadurch, daß es sich in der Fürsorge und im Festhalten ausspricht. Je ungreifbarer das Mädchen wird, desto dringlicher versucht er durch Imperative, Kosenamen, Bitten sein Selbstbild als schützender Liebender zu stabilisieren.

Zugleich spielt die Welt – Städte, Türme, Glocken, Kloster, Fluss und Meer – eine entscheidende Rolle für die Selbstdeutung des Ich. Sie ist nicht neutrale Kulisse, sondern ein Spiegel, in dem der Knabe seine Lage erkennt, ohne sie begrifflich formulieren zu können. Der „tiefe Rhein“ inszeniert seine Existenz als Fahrt im Dazwischen: zwischen den Ufern, zwischen Herkunft und unklarem Ziel. Die vorbeifliegenden Städte und blinkenden Türme zeigen ihm, wie er an der bewohnten, geordneten Welt vorbeigleitet, ohne in ihr anzukommen – er bleibt derjenige, der außerhalb der sicheren Ordnungen treibt. Wenn die Fahrt schließlich „bis in die See hinein“ führt, weitet sich dieser Weltbezug zu einem Bild radikaler Offenheit: Das Ich ist nun nicht mehr an einen vertrauten Fluss gebunden, sondern einem unübersehbaren Raum ausgesetzt. Seine Selbstdeutung verschiebt sich vom heimatsuchenden Liebenden zum heimatlosen Treibenden, der in einer Welt ohne erkennbare Mitte unterwegs ist.

Die religiös-metaphysische Dimension – Glocken, Nonnenkloster, Metten, Kerzenschein, Sterne, Vollmond – gibt dem Ich darüber hinaus ein Gegenüber, das man als verschattete Gottes- oder Transzendenzdimension beschreiben kann. Das Mädchen reagiert stark auf diese Zeichen: Sie kniet, faltet die Hände, singt die Metten, streckt die Arme nach Sternen und Licht. Für den Knaben bleibt dies rätselhaft, aber gerade dadurch formt es seine Selbstwahrnehmung. Er erlebt sich als einer, der zwar betet und singt, dessen innerstes Begehren aber weniger auf Gott als auf die Geliebte gerichtet bleibt. Das Transzendente wird ihm vor allem daran sichtbar, daß es die Geliebte an sich zieht und ihm entzieht. Er deutet sich, ohne es auszusprechen, als der Zurückbleibende, als derjenige, der einen Menschen nicht gegen jene Macht festhalten kann, die in Glockenklang, Klosterlicht und Sternenglanz nur symbolisch aufscheint. Gott erscheint nicht als sprechendes Du, aber als schweigende, ordnende Instanz im Hintergrund, an der sich die Grenzen seines Liebeswillens brechen.

Die Natur schließlich – der Fluss, die Wellen, der Wind, das „Schwälblein“ – ist ein weiteres Gegenüber, in dessen Verhalten das Ich seine eigene Lage gespiegelt findet. Die Wellen tragen, wiegen, drohen zu reißen; der Wind spielt mit dem „Hemdlein“, als wäre das Leben der Geliebten etwas, das leicht fortgeblasen werden kann; das Schwälblein streicht kurz über seine Brust und entzieht sich dann jeder Erkenntnis von „woher“ und „wohin“. In diesen Naturbildern erfährt sich der Mensch als Teil eines größeren, unpersönlichen Gefüges, das ihn nicht fragt, aber tief berührt. Die Selbstdeutung vollzieht sich hier weniger in bewussten Gedanken als in einer leiblich-emotionalen Resonanz: Der Knabe „ist“ wie sein Kahn, wie die Welle, wie das Schwälblein – getrieben, berührt, ohne sicheren Halt.

Die Rahmenfigur des Ich-Erzählers macht schließlich deutlich, daß das menschliche Selbst nicht nur im aktuellen Du und in der äußeren Welt, sondern auch in der Geschichte des anderen zu sich kommt. Der Erzähler auf dem Meer hört das Lied des Fischers und erlebt es „als ob ich’s selber wär’“. Sein Gegenüber ist hier eine fremde Stimme, ein anderer Mensch in einer anderen Situation – und doch erkennt er sich gerade in dieser Fremdheit. Das Ich deutet sich selbst, indem es sich im Du wiederfindet; die Grenze zwischen eigenem und fremdem Schicksal wird im Medium des Liedes durchlässig. Anthropologisch wird so sichtbar: Der Mensch versteht sich nicht aus sich selbst heraus, sondern in einem Netz von Gegenübern – Geliebte, Welt, Gott, Natur, anderer Mensch –, an denen er seine eigene Lage, seine Grenzen und seine Sehnsüchte abliest, ohne sie je völlig zu durchschauen.

Welche anthropologischen Leitfiguren treten hervor?

Im Vordergrund steht als erste anthropologische Leitfigur der Mensch als Liebender, dessen Identität sich aus der Bindung an ein bestimmtes Du formt. Der Fischerknabe ist fast ausschließlich über seine Beziehung zur Geliebten konturiert: Er ist derjenige, dessen Herz „so schwer“ ist, weil „sein Lieb“ gestorben ist, und der sich weigert, diesen Tod innerlich gelten zu lassen. In ihm verdichtet sich ein Bild des Menschen, der sich im Anderen verankert und dessen Selbstverständnis mit dem Fortbestand dieser Beziehung steht und fällt. Die Figur des Liebenden zeigt, wie sehr der Mensch seine eigene Existenz über Nähe, Treue, Sorge und die Weigerung, den Verlust hinzunehmen, deutet; die Grenze des Todes wird nicht in erster Linie als biologisches Faktum, sondern als Durchtrennung einer elementaren Lebensbindung erfahren. Anthropologisch gesehen erscheint der Mensch damit als „homo amans“: als Wesen, dessen Kern im Lieben liegt und das gerade dadurch der Verletzbarkeit und Erschütterung besonders ausgesetzt ist.

Eng damit verbunden tritt die Leitfigur des Menschen als Grenzgänger oder Unterwegs-Seiender hervor, als eines „homo viator“, der in Übergangszonen lebt. Der Fischer sitzt nicht in einem Haus, in einem Dorf oder im Schutz einer festen Ordnung, sondern im Kahn auf dem „tiefen Rhein“, also buchstäblich zwischen den Ufern, im Strömenden, Unsicheren. Die Fahrt, die ihn schließlich bis in die See hinaus trägt, inszeniert den Menschen als Wesen, das sich in einem offenen Prozess befindet: zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, zwischen Heimat und Fremde, zwischen Leben und Tod, zwischen Fluss (geordnete Bahn) und Meer (offene Weite). Diese Leitfigur des Unterwegs-Seins ist keine heroische Pilgergestalt, die ihr Ziel kennt, sondern eine vom Strom getragene Existenz, die sich ihrer Richtung nur dunkel bewußt ist. Der Mensch wird so als grundlegend prozesshaftes Wesen sichtbar, das seine Identität nicht im Besitz eines fertigen „Seins“, sondern im Vollzug einer Fahrt, eines Weges, eines Getragen-Werdens durch die Zeit erfährt.

In der Gestalt des Mädchens erscheint eine weitere Leitfigur: der Mensch als Zwischenwesen zwischen Leiblichkeit und Transzendenz. Ihre bleiche, frierende, fast durchsichtige Gestalt, das flatternde „Hemdlein“, das Schwanken und schließlich das Bleichwerden „immer bleicher“ zeigen den Menschen als leiblich gefährdetes, sterbliches Wesen. Gleichzeitig richten sich ihre Gesten – die ausgestreckten Arme, das Greifen nach dem Sternenschein, das Knien, das Metten-Singen – auf etwas, das über die irdische Situation hinausweist. In ihr bündeln sich die Dimensionen des Menschseins als „homo vulnerabilis“, der dem Tod und der Auflösung ausgeliefert ist, und als „homo religiosus“, der sich nach einem Anderen, Höheren, Lichtvolleren sehnt. Sie ist weniger individuelle Figur als Verdichtung einer anthropologischen Erfahrung: Der Mensch ist Leib und mehr als Leib, festgehalten und doch angezogen von einer Sphäre, die ihn dem Zugriff der Liebenden entzieht.

Mit dem Ich-Erzähler am Schluss tritt schließlich die Leitfigur des Menschen als erinnerndes und mitfühlendes Wesen hervor, das seine Identität über narrative Aneignung fremder Schicksale gewinnt. Er kommt „aus fremder Welt“, hat seine eigene Geschichte, denkt an „Lieb und Leben“ und erkennt doch im Lied des Fischers sich selbst „als ob ich’s selber wär’“. Hier erscheint der Mensch als „homo narrans“ und „homo empathicus“: Er versteht sich, indem er sich in Geschichten anderer wiederfindet; er erlebt das Du nicht nur als Gegenüber, sondern als Spiegel einer allgemeingültigen menschlichen Lage. Die Fähigkeit zur Selbstdeutung vollzieht sich in der Identifikation mit dem fremden Lied, in der Übernahme und Weitergabe einer Geschichte, die exemplarisch wird. Der Mensch ist nicht isoliertes Individuum, sondern in ein Geflecht von Erzählungen, Liedern und Erinnerungen eingewoben, in denen sich seine eigene conditio humana abzeichnet.

Zusammengenommen zeichnen diese Leitfiguren ein Bild des Menschen, der als liebendes, grenzgängerisches, verletzlich-transzendentes und erzählend-mitfühlendes Wesen erscheint. Er ist auf das Du angewiesen, von der Welt getragen und bedroht, von der Transzendenz berührt und entzogen, und findet zu sich selbst, indem er die eigene Lage im Spiegel der anderen – Geliebte, Welt, Natur, fremde Stimme – zu deuten versucht.

Wie zeigt sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Grenzen, Begehren und Sinnsuche?

Im Verhältnis zu Grenzen erscheint der Mensch in diesem Gedicht als jemand, der sie intensiv erfährt, aber kaum jemals schlicht akzeptiert. Der Fischerknabe weiß um die Grenze des Todes – „sein Lieb war ihm gestorben“ –, doch seine innere Regung richtet sich dagegen: Er „glaubt“ es „nimmermehr“ und setzt sich in eine Situation, in der die Grenze faktisch suspendiert wirkt, indem die Tote als bleiche Gestalt zu ihm in den Kahn steigt. Der Mensch reagiert hier auf die Grenze nicht mit nüchterner Anerkennung, sondern mit einem Dazwischen: Er bewegt sich an der Schwelle, im Boot auf dem „tiefen Rhein“, zwischen den Ufern, zwischen Nacht und Tag, zwischen Leben und Tod. Auch die räumliche Bewegung – vom Fluss in die See – zeigt ihn als Grenzgänger: Aus der überschaubaren Bahn des Rheinbetts gerät er in die offene, kaum begrenzbare Weite des Meeres, in der Orientierung und Halt sich weiter verlieren. Grenzen sind präsent, werden ernstgenommen, erzeugen Angst („Der Kahn möcht’ uns versinken, / Der Wirbel reißt so sehr“), und doch versucht der Mensch, sich durch Liebe, Beschwörung und Fahrt über sie hinwegzuführen, statt sie still hinzunehmen.

Das Begehren des Menschen richtet sich dabei in mehrfacher Brechung auf das, was gerade nicht verfügbar ist. Beim Fischerknaben ist das Grundbegehren die fortdauernde Gegenwart der Geliebten. Er will sie bei sich haben, sie wärmen, schützen, in seinen Mantel hüllen, ihr Schwanken beruhigen. Dieses Begehren ist zugleich zärtlich und stur: Er kann nicht loslassen, obwohl alle Zeichen – Bleichsein, Starren, Bewegung nach außen, Vergehen der Augen – darauf hinweisen, dass sie einer anderen Sphäre angehört. Sein Begehren ist also von Anfang an auf Überschreitung der Grenze gerichtet: Er will die Tote als Lebendige, die Entrückte als Nahe, die dem Jenseits Zugehörige im Diesseits behalten. Im Mädchen selbst zeigt sich ein anders ausgerichtetes Begehren: Ihre Gesten und ihr Gebet deuten auf ein Hin-zum-Oben, zu Sternen, Licht, Kloster, Metten. Sie begehrt nicht primär die Rückkehr in die irdische Liebesgemeinschaft, sondern scheint von einer unbestimmten Erlösungs- oder Transzendenzsehnsucht gezogen. So tritt der Mensch als gespaltenes Begehrswesen hervor: Der eine sucht unbedingte Bindung im Endlichen, die andere wird vom Unendlichen, vom Anderen angezogen; das Ringen der beiden Begehren und ihr Nicht-zur-Deckung-Kommen bildet den inneren Konflikt der Fahrt.

Die Sinnsuche des Menschen vollzieht sich in diesem Gedicht nicht in philosophierten Sätzen, sondern im Umgang mit Zeichen, Ritualen und Geschichten. Der Fischerknabe versucht, durch vertraute Formen – Kosenamen, Imperative, Morgen- und Nachtgruß – dem Unfaßbaren Sinn abzuringen: Wenn er „guten Morgen“ und „gute Nacht“ zugleich sagt, wird spürbar, wie die Ordnung der Tageszeiten als Sinnraster versagt und seine Deutungsversuche paradox werden. In den Strophen mit Glocken, Nonnenkloster, Metten und Kerzenschein wird die Suche nach Sinn an die religiöse Ordnung delegiert: Die Figuren knien, falten die Hände, singen die Metten, als könnte der liturgische Text einen Rahmen bieten, in dem Tod, Verlust und Fahrt durch die Nacht verstehbar würden. Doch das Gedicht zeigt keine klare Antwort; die religiösen Zeichen strukturieren die Situation, aber sie erklären sie nicht. Der Sinn bleibt tastend, ahnend, an Bilder gebunden, nicht begrifflich gesichert.

Am deutlichsten wird die anthropologische Figur der Sinnsuche im späten Ich-Erzähler sichtbar. Er fährt „aus fremder Welt“, denkt an „Lieb und Leben“ – also explizit an die Frage, was sein Dasein bedeutet – und begegnet dem Kahn mit dem Fischer. Sinn entsteht für ihn nicht in einer abstrakten Einsicht, sondern im Hören eines Liedes: „Der Fischer sang dies Liedchen, / Als ob ich’s selber wär’“. Indem er sich in der fremden Geschichte wiedererkennt, findet er eine Art Antwort auf seine eigene Frage nach Sinn; allerdings ist es eine Antwort in Gestalt der Identifikation, nicht in Form eines erklärenden Satzes. Der Mensch sucht Sinn, indem er eigene und fremde Erfahrung ineinander spiegelt, indem er in Bildern, Metaphern, Liedern und Erzählungen eine Gestalt findet, die sein inneres Erleben tragen kann. Grenzen – des Wissens, des Lebens, des Liebens – bleiben dabei bestehen; Begehren stößt an Widerstand und findet doch immer neue Bilder; Sinn bleibt etwas, das im Vollzug des Singens und Erzählens aufscheint, ohne sich jemals als vollständig beherrschbares System zu ergeben. In dieser Spannung zeigt sich der Mensch in „Auf dem Rhein“ als Wesen, das an Grenzen leidet, in seinem Begehren über sie hinausgreift und seinen Sinn nicht in endgültigen Antworten, sondern im gemeinsamen Unterwegs-Sein von Liebe, Leid und Erzählung sucht.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

Welche literaturgeschichtlichen Traditionen stehen im Hintergrund?

Im Hintergrund von „Auf dem Rhein“ steht zunächst die romantische Kunstballade im Volksliedton. Brentanos Gedicht gehört zu jener Linie erzählender Lieder, die formal an das schlichte, strophische Volkslied anschließen, inhaltlich aber eine komplexe, symbolisch aufgeladene Geschichte von Liebe, Tod und Geistererscheinung entfalten. In der Zeit um 1800 hatten Dichter wie Goethe, Schiller und Bürger das Volkslied metrisch und stilistisch nachgeahmt und zugleich zur Kunstballade gesteigert (etwa Goethes „König in Thule“ mit seinem balladenhaften Volksliedton). Brentano knüpft daran an, übersetzt die Form in die romantische Rheinlandschaft und verbindet einfache Vierzeiler, trochaischen Takt und Refrain-Nähe mit einer vielschichtigen Binnenhandlung.

Eng verbunden damit ist die Tradition des frühromantischen Liedes im Prosaroman. „Ein Fischer saß im Kahne“ erscheint zunächst als Lied-Einlage im Roman „Godwi“, neben anderen berühmten Rhein-Gedichten Brentanos wie „Zu Bacharach am Rheine“ und „Sprich aus der Ferne“, bevor es als eigenständige Ballade „Auf dem Rhein“ überliefert wird. Damit steht der Text in einer literarischen Praxis, wie sie auch bei Goethe zu beobachten ist: Romanfiguren singen Lieder, die zugleich für sich als Gedichte bestehen können. Die enge Verbindung von erzählendem Prosakontext und lyrischem Lied reflektiert ein romantisches Literaturverständnis, in dem Poesie als Medium innerer Wahrheit innerhalb einer größeren Erzählbewegung fungiert.

Inhaltlich knüpft „Auf dem Rhein“ an Wasser-, Schiffer- und Geisterballaden an, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert außerordentlich verbreitet sind. Die tote Geliebte, die in der Nacht erscheint, in den Kahn steigt und den Liebenden in den Tod beziehungsweise in eine unbestimmte Zwischenzone mit sich zieht, gehört zur Motivgeschichte der Gespenster- und Totenballade, die zugleich mit der „deutschen Gespenstergeschichte“ jener Zeit verschränkt ist. Zugleich steht das Gedicht innerhalb der spezifisch „rheinromantischen“ Mythologisierung des Flusses: Brentanos eigene „Lore Lay“ und „Zu Bacharach am Rheine“ haben wesentlich dazu beigetragen, den Rhein als Schauplatz tödlicher weiblicher Wasser- und Verführungsfiguren zu etablieren – eine Tradition, die später von Heines Loreley-Gedicht weitergeführt und popularisiert wird. „Auf dem Rhein“ variiert dieses Feld, indem hier nicht die dämonische Verführerin, sondern die bereits Tote erscheint, die zugleich Objekt zärtlicher Liebe und unheimliche Grenzgestalt ist.

Schließlich steht das Gedicht in der Tradition des romantischen Volkslied-Interesses, wie es insbesondere in der Zusammenarbeit Brentanos mit Achim von Arnim („Des Knaben Wunderhorn“) sichtbar wird. Die Nähe zu volksliedhaften Formen – Reim, Metrum, einfache Lexik, Wiederholungsfiguren – ist nicht bloß Nachahmung, sondern poetologisches Programm: Das scheinbar naive Lied wird zum privilegierten Ort für existenzielle, religiöse und erkenntnistheoretische Fragen. Die Figur des späteren Ich-Erzählers, der das Lied des Fischers hört und es „als ob ich’s selber wär’“ weiter singt, bindet das Gedicht zugleich an eine romantische Tradition der „poetischen Subjektivierung“: Das eigene Ich findet seinen Ausdruck in der Aneignung und Variation überlieferter Lieder und Geschichten. Insofern steht „Auf dem Rhein“ an einem Kreuzungspunkt von Kunstballade, Volkslied-Rezeption, Gespenster- und Rheinmythos sowie der frühromantischen Verbindung von Romanprosa und eingebetteter Liedlyrik.

Welche Motive lassen sich intertextuell verknüpfen?

In „Auf dem Rhein“ bündelt sich ein ganzer Kranz romantischer Motive, die sich vielfältig intertextuell verknüpfen lassen. Am deutlichsten ist das große Motivfeld von Wasser, Fluss, Boot und nächtlicher Fahrt. Der Rhein als „tiefer“ Strom, auf dem Kahn und Figuren in der Nacht treiben, knüpft zum einen direkt an Brentanos eigenes Rhein-Gedichtfeld an – von „Zu Bacharach am Rheine“ bis zur „Lore Lay“ –, in denen der Fluss zum mythischen, gefährlichen und zugleich magisch anziehenden Raum wird. Zum anderen steht die Szene neben Goethes „Der Fischer“, wo der Fluss die Grenze zwischen Menschenwelt und Wasserwesen markiert, sowie neben der Tradition der Schiffer- und Geisterballaden, in denen das Boot zum Bild der Seele oder des Lebenswegs wird. Die Bewegung vom Fluss in die See hinein öffnet das Motiv in Richtung der großen Meeresmetaphorik der Romantik, etwa bei Eichendorff, wo die offene Wasserfläche oft für Schicksal, Unendlichkeit oder Gottesferne/Gottesnähe steht.

Ein zweites starkes Motivbündel betrifft die tote oder geisterhaft erscheinende Geliebte. Das bleiche Mägdlein, das „geschlichen“ kommt, „schwebet in den Kahn“ und mit „starren Händlein“ nach Sternen und Licht greift, lässt sich mit diversen Gespenster- und Totenballaden der Zeit verschränken, etwa mit Bürgers „Lenore“, wo der tote Bräutigam die Lebende mit sich in den Tod reitet, oder mit Heines späterer Loreley-Figur, in der weibliche Schönheit und Todesnähe in eine unheimliche Einheit treten. Anders als die dämonische Verführerin ist Brentanos Feinsliebchen bereits gestorben und zugleich sanft, gebetserfüllt, ins Transzendente entrückt: Das Motiv der „toten Braut“ verschiebt sich von der Strafe- und Schreckensfigur zur Grenzgestalt, die zwischen Diesseits und Jenseits steht. In dieser Linie ließe sich auch an das Motivpaar „Tod und Mädchen“ denken (bis hin zu Schuberts Vertonung), in dem Liebesbeziehung und Sterblichkeit unauflöslich ineinander geschoben sind.

Die religiös-liturgischen Motive erschließen weitere Intertexte. Glockengeläut, „Nonnenkloster“, „Metten“ und „Kerzenschein“ erinnern an die katholisch getönten Kloster- und Wallfahrtsbilder vieler romantischer Texte, etwa bei Eichendorff, wo Kirchtürme, Mette, Orgelklang und ferne Glocken immer wieder als Zeichen einer verborgenen göttlichen Ordnung erscheinen, die im nächtlichen Wandern oder Reiten aufscheint. In „Auf dem Rhein“ wird der Kahn selbst zum provisorischen Andachtsraum, wenn Feinslieb und Knabe die Metten „in dem Kahn“ singen; dieses Motiv des „fahrenden Gottesdienstes“ verweist auf die romantische Vorstellung, dass Liturgie und Poesie, Gebet und Lied an ungewöhnlichen Orten aufleuchten und Übergangssituationen begleiten. Die Verbindung von Reise, Nacht, Glockenklang und Gebet lässt sich mit vielen romantischen Wander- und Nachtstücken verschalten, in denen das religiöse Moment nicht dogmatisch, sondern atmosphärisch getragen ist.

Ein besonders dichtes intertextuelles Motiv ist die kleine Figur des Schwälbleins. Vögel fungieren in der romantischen Lyrik häufig als Seelenbilder, als Boten zwischen Himmel und Erde oder als Chiffren künstlerischer Freiheit – man denke an Nachtigall, Lerche oder Schwalbe bei Brentanos Zeitgenossen. Das Schwälblein, das kurz „die Brust“ des Knaben netzt, dann spurlos verschwindet, steht neben solchen Seelen- und Übergangsvögeln; sein unbekanntes „Woher“ und „Wohin“ verdichtet die Frage nach Ursprung und Ziel des Lebens. Hier verschränkt sich die Szene mit zahlreichen Texten, in denen der Vogel ein flüchtiger Hinweis auf eine andere Sphäre ist, die sich der menschlichen Erkenntnis entzieht, und mit dem romantischen Leitmotiv, dass der Sinn des Daseins eher im flüchtigen Zeichen als in der festen Definition aufleuchtet.

Schließlich ist die Rahmensituation des Liedes im Roman – und später des Liedes im Mund eines Ich-Erzählers, der es „als ob ich’s selber wär’“ singt – selbst ein intertextuelles Motiv. Sie steht in der Tradition von Goethe bis Tieck, in der erzählende Prosawerke Lieder enthalten, die zugleich eigenständige Gedichte sind, und in der das Ich sich im Nach- und Mitsingen fremder Lieder erkennt. Das Motiv, dass ein späterer Wanderer oder Seefahrer ein Lied hört, in dem seine eigene innere Lage sich spiegelt, verbindet „Auf dem Rhein“ mit der romantischen Idee vom Volkslied bzw. überlieferten Lied als Speicher kollektiver Erfahrungen, in denen sich das individuelle Subjekt wiederfindet. Insofern lässt sich das Gedicht nicht nur motivisch mit Wasser-, Toten-, Kloster- und Vogelbildern seiner Zeit vernetzen, sondern auch poetologisch mit jener Tradition, die das Lied als Ort versteht, an dem sich persönliche und allgemeine, diesseitige und jenseitige Dimensionen menschlichen Daseins kreuzen.

Gibt es Anschlussstellen zu biblischen, mythischen oder philosophischen Deutungsebenen?

Das Gedicht ist nicht ausdrücklich als biblische Paraphrase oder als mythologische Szene ausgewiesen, öffnet sich aber an mehreren Stellen deutlich in solche Deutungshorizonte hinein. Zunächst ist die Gesamtkonstellation von Wasser, Nachtfahrt und Übergang vom Fluss ins Meer anschlussfähig an biblische Bilder vom Wasser als Ort der Gefahr, der Reinigung und des Übergangs. Der „tiefe Rhein“ und das Hineintreiben „bis in die See hinein“ erinnern an die Ambivalenz des Meeres in der Bibel: Es steht für Chaos, Unberechenbarkeit und Todesnähe, zugleich aber sind Durchquerungen von Wasser (Exodus durchs Schilfmeer, Jordanübertritt) paradigmatische Passagen zwischen alter und neuer Existenz. Der Kahn auf dem Strom lässt sich in diesem Licht als Bild eines Lebens verstehen, das durch gefährliche Wasser geführt wird, ohne je festen Boden zu erreichen. Das Mädchen, das bereits auf der Schwelle zum Jenseits steht, und der Knabe, der ihr dorthin folgt, geraten so in die Nähe eines unausgesprochenen Passions- oder Übergangsmotivs: Die Fahrt ist kein Ausflug, sondern ein Passagieritual, in dem Sterben und „Hinübergehen“ bildhaft vollzogen werden.

Die Mittelpartie mit Kloster, Metten, Glocken und Kerzenschein bietet direkte Anknüpfungspunkte an biblisch-liturgische und kirchliche Traditionslinien. Das nächtliche Stundengebet der Metten gehört zur klassischen Form der christlichen Vigil: Wachen in der Nacht, Beten im Angesicht von Dunkel und Unsicherheit, Erwartung des kommenden Tages und – in eschatologischer Perspektive – der Wiederkunft Christi. Dass Feinslieb im Kahn kniet, die Hände faltet und die Metten singt, während der Rhein sie trägt, lässt sich als bildhafte Verdichtung eines Sterbens „unter dem Zeichen der Kirche“ lesen; ihr persönlicher Übergang ist eingesenkt in den größeren liturgischen Vollzug. Zugleich bleibt das Kloster auf Distanz: Es leuchtet, es singt, aber niemand greift ein. Diese Konstellation ist durchaus anschlussfähig an eine biblische Erfahrung, in der Gott zwar als Gegenwart in Zeichen und Riten erfahrbar ist, aber nicht im Sinne eines einfachen, rettenden Eingriffs in jedes individuelle Schicksal. Die Gesangssituation im Boot erinnert zudem leise an neutestamentliche Schiffs- und Sturmerzählungen, in denen Jünger im Boot auf dem Wasser mit Angst, Vertrauen und göttlicher Macht konfrontiert werden – nur dass hier kein sichtbar eingreifender Christus auftritt, sondern die Situation in der Schwebe bleibt.

Auf mythischer Ebene drängt sich der Vergleich mit antiken Totenfahrtsmotiven auf. Die nächtliche Fahrt auf einem Fluss, die bleiche, stumme Gestalt, die in ein Boot steigt, das Hinabgleiten in die Tiefe und der Übergang in einen anderer Raum erinnern an Figuren wie die Überfahrt über den Styx oder Acheron, an Charon als Fährmann. Zugleich ist diese Konstellation bei Brentano gebrochen: Der Fischerknabe ist kein professioneller Fährmann der Toten, sondern ein Liebender, der selbst vom Geschehen ergriffen wird; die Geliebte ist nicht stumm dem Mythos ausgeliefert, sondern betet, singt und richtet sich nach oben. Gerade in dieser Überlagerung – romantische Liebesszene, christliche Todesliturgie, schemenhafte Nähe zu antikem Unterweltsbild – entfaltet das Gedicht seine eigentümliche Mehrdeutigkeit: Der Rhein fungiert wie ein europäisch-romantischer „Styx“, ohne dass der Text in einen klar benennbaren Mythos zurückfällt.

Philosophisch lassen sich mehrere Linien aufweisen, die zwar historisch erst später systematisch formuliert werden, im Text aber bereits anschaulich präsent sind. Die Figur des Fischerknaben verkörpert eine Existenz, die zwischen erfahrener Grenze (Tod der Geliebten) und unstillbarem Begehren (Weigerung, diesen Tod anzuerkennen) zerrissen ist. Das erinnert an jene romantische und später existenzphilosophische Einsicht, dass der Mensch in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis zwischen Endlichkeit und Sehnsucht steht: Er weiß um seine Grenzen, kann aber nicht aufhören, sie zu überschreiten wollen. Das unabschließbare Kreisen des Liedes um Liebe, Verlust, Fahrt, Wiederkehr des Motivs, die offene Meerbewegung und das „kein Mensch gewußt“ beim Schwälblein formulieren in dichterischer Form eine skeptische Erkenntnislage, wie sie später philosophisch reflektiert wird: Der Sinn der Bewegung („woher, wohin“) entzieht sich begrifflicher Kontrolle, bleibt aber als Frage unausweichlich.

Auch die Schlussfigur des Ich-Erzählers hat eine deutliche philosophische Dimension: Die Erfahrung, in der Geschichte eines anderen sich „als ob ich’s selber wär’“ wiederzuerkennen, lässt sich als poetische Vorform von Ideen verstehen, die man mit Empathie, Intersubjektivität und geteilter conditio humana verbindet. Das Ich findet keinen Sinn in abstrakter Spekulation, sondern in der Resonanz mit einem fremden Lied; Wahrheit erscheint hier als etwas, das sich in der Überlagerung von Erfahrungen und im narrativen Selbst- und Fremdverstehen zeigt. Damit berührt das Gedicht romantische Vorstellungen vom dichterischen Wissen als einer eigenen Form von Erkenntnis, in der Gefühl, Bild und Erzählung dem philosophischen Begriff nicht untergeordnet, sondern als komplementäre Zugangsweisen zum Wirklichen gelten.

Schließlich lässt sich auch das Verhältnis von Eros, Thanatos und Transzendenz, wie es hier gestaltet ist, in einen größeren mytho-philosophischen Horizont stellen. Die Liebe des Knaben führt ihn an die Grenze der Selbstaufgabe, die Geliebte steht zwischen körperlicher Auflösung und geistiger Hinwendung nach oben, die gemeinsame Fahrt wird von liturgischen und naturhaften Zeichen eingerahmt, ohne dass eine eindeutige Heils- oder Sinnperspektive festgestellt würde. In dieser Konstellation erscheint der Mensch als Wesen, dessen Begehren ihn über seine bloße Selbsterhaltung hinaus in Bereiche führt, die er nicht beherrschen kann, und der seinen Sinn – wenn überhaupt – in der Bewegung dieser Überschreitungen und im poetischen Festhalten daran findet. Die biblischen, mythischen und philosophischen Anschlussstellen sind im Text nicht ausformulierte Theoreme, sondern Resonanzräume, in denen sich die Szene auf dem Rhein mit größeren Deutungsgeschichten über Tod, Übergang, Liebe und Wahrheit verbindet.

Wie wirkt das Gedicht im Horizont der Epoche und des Gesamtwerks des Autors?

Im Horizont der Epoche wirkt „Auf dem Rhein“ wie eine Verdichtung zentraler romantischer Motive und Verfahren: Nacht, Wasser, Fahrt, Geistererscheinung, liturgische Klänge, das Ineinander von Liebesleid und metaphysischer Ahnung. Die schlichte, volksliednahe Strophenform mit regelmäßigem Trochäus und einfacher Lexik entspricht sehr genau dem romantischen Programm, das „Naivität“ nicht als Vorstufe zur Kunst, sondern als privilegierte Ausdrucksform innerer Wahrheit versteht. Zugleich ist die Szenerie dezidiert „rheinromantisch“: Der Rhein wird nicht nur landschaftlich, sondern mythisch-auratisch inszeniert, als Raum, in dem Geschichte, Sage, Religion und subjektive Erfahrung ineinander übergehen. In dieser Verbindung von Kunstballade, Volksliedton, Rheinlandschaft und Gespenster- bzw. Totenmotiv spiegelt sich der Kernbestand der Hochromantik: eine poetische Welt, in der das scheinbar Einfache und Volkstümliche zum Träger tiefster, nicht mehr begrifflich einholbarer Bedeutungsüberschüsse wird.

Innerhalb des Gesamtwerks Brentanos fügt sich das Gedicht eng in sein Interesse an Lied, Ballade und Rheinmythologie ein. Ursprünglich in den Roman „Godwi“ eingebettet, steht es neben anderen Rheintexten wie „Zu Bacharach am Rheine“ oder der Loreley-Dichtung und zeigt dieselbe Tendenz, konkrete Topographie in poetische Legendenlandschaft zu verwandeln. Zugleich ist „Auf dem Rhein“ stärker als manche andere Ballade von einer stillen, katholisch gefärbten Innerlichkeit geprägt: Kloster, Metten, Kerzenschein, Gebet und das halb liturgische, halb persönliche Singen im Kahn antizipieren Züge von Brentanos späterer Hinwendung zu religiösen Stoffen und Visionen. Die tote Geliebte ist kein dämonisches Verhängnis, sondern eine zwischen Leiblichkeit und Transzendenz schwebende Figur; darin bündelt sich eine für Brentano typische Spannung zwischen erotischer Bindung und religiöser Überformung, zwischen zärtlicher Sinnlichkeit und einer Sehnsucht, die über die Welt hinausweist.

Poetologisch steht das Gedicht zudem exemplarisch für Brentanos Umgang mit dem Volkslied. Obwohl es nicht einfach „volkstümliche“ Überlieferung dokumentiert, übernimmt es Formeln, Klangfiguren, Wiederholungen und einfache Reimstrukturen, wie sie dann im „Wunderhorn“ programmatisch gesammelt und stilisiert werden. Charakteristisch brechend wirkt die Rahmensituation des Ich-Erzählers am Schluss: Das Lied ist nicht nur Ausdruck einer Figur, sondern zirkuliert, wird gehört, nachgesungen, angeeignet – „als ob ich’s selber wär’“. Damit formuliert Brentano im Medium der Ballade eine zentrale romantische Idee seines Gesamtwerks: Poesie ist kein abgeschlossener Text, sondern ein Ort geteilter Erfahrung, in dem individuelle Existenz, kollektive Überlieferung und metaphysische Fragebewegung sich überschneiden. „Auf dem Rhein“ steht so im Werkzusammenhang weder am Rand noch als bloßes Gelegenheitsstück, sondern als konzentrierter Brennpunkt jener Motive und Formen, die Brentanos Dichtung insgesamt tragen.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

Welche ästhetische Idee steht hinter der Gestaltung?

Hinter der Gestaltung von „Auf dem Rhein“ steht eine ästhetische Idee, die man als gezielte Verbindung von äußerer Schlichtheit und innerer Überfülle beschreiben kann. Brentano wählt bewußt die Form des volksliedhaften Vierzeilers mit regelmäßigem Trochäus, einfacher Lexik, klarer Bildlichkeit und repetitiven Formeln, um gerade in dieser scheinbaren Naivität eine maximale Dichte von Bedeutungs- und Gefühlslagen zu bergen. Das Gedicht will nicht als schwer zugängliche Kunstkonstruktion erscheinen, sondern als „Liedchen“, das gesungen, erinnert, nachgesprochen werden kann. Eben in dieser sangbaren Einfachheit liegt die ästhetische Strategie: Der Text soll sich leicht einprägen und zugleich schwer „ausdeuten“ lassen. Die Einfachheit ist Maskierung und Transportmittel für existenzielle, religiöse und erkenntnistheoretische Tiefenfragen.

Zugleich verfolgt das Gedicht die ästhetische Idee, Bewegung und Schwebe statt harter Setzungen zu gestalten. Der Kahn, der Fluss, die vorbeigleitenden Städte, die Übergänge von Nacht zu Morgen, vom Rhein zur See, vom anonymen Erzählen zum Ich – all das formt eine Poetik des „Unterwegs-Seins“. Statt dramatischer Wendepunkte gibt es gleitende Übergänge, statt klarer Botschaft ein fortgesetztes Kreisen um Liebesverlust, Todesnähe, Transzendenz. Die Form unterstreicht diese Idee: Der gleichmäßige, wiegende Trochäus vermittelt Ruhe, während Imperative, Steigerungsformeln und Klangverdichtungen den inneren Druck spürbar machen. Ästhetisch entsteht so eine „stille Dramatik“, in der Pathos nicht durch laute Effekte, sondern durch das beharrliche Weiterfließen der Verse entsteht. Die Fahrt wird zur eigentlichen Formidee: Poesie als langsame, unerbittliche Bewegung in eine offene, nicht abschließbare Ferne.

Ein weiterer Kern der ästhetischen Konzeption ist die Verschmelzung von erzählendem und liturgisch-musikalischem Gestus. Das Gedicht ist nicht nur eine Ballade, die eine Geschichte erzählt, sondern zugleich ein Lied, das im Text selbst gesungen wird: Die Figuren singen die Metten „in dem Kahn“, der Fischer singt sein „Liedchen“, der spätere Ich-Erzähler hört und übernimmt es. Die ästhetische Idee dahinter: Wahrheit über Liebe, Tod, Grenze und Sinn zeigt sich nicht primär im erklärenden Wort, sondern im Vollzug des Singens. Der Text organisiert sich so, daß er sich wie ein Volkslied in den kollektiven und individuellen Erinnerungshaushalt einschreiben kann. Poetische Form wird zum Ort geteilter Erfahrung: Wer das Gedicht liest oder singt, tritt in die Rolle des Fischers und des späteren Ich zugleich; die eigene Existenz wird in die Klangform der Verse eingetragen.

Schließlich lässt sich als leitende ästhetische Idee die Durchsichtigkeit der Bilder für ein Mehr an Sinn benennen, ohne dieses „Mehr“ zu fixieren. Der Rhein ist zugleich Landschaft und Übergangsraum zwischen Leben und Tod; das Kloster ist zugleich konkreter Ort und Chiffre kirchlicher, vielleicht göttlicher Ordnung; das Schwälblein ist zugleich realer Vogel und Symbol einer unerkennbaren Sinnbewegung von „woher“ und „wohin“. Die Gestaltung vermeidet allegorische Eindeutigkeit, sondern setzt auf Schwebe: Bilder sollen Resonanzräume öffnen, nicht Begriffe ersetzen. In dieser Spannung zwischen volkstümlicher Anschaulichkeit und bewußt nicht festgelegtem Bedeutungsüberschuss liegt die ästhetische Signatur des Gedichts. Es zeigt ein romantisches Vertrauen darauf, daß in der sorgfältig komponierten Einfachheit des Liedes das, was theologisch, philosophisch oder existentiell nicht auszusprechen ist, dennoch im Klang und in der Bewegung der Bilder wahrnehmbar werden kann.

Welche Rolle spielt die Sprache als schöpferische Kraft – bildet sie ab oder vollzieht sie?

Die Sprache in „Auf dem Rhein“ hat zwar eine starke abbildende Funktion, aber ihr eigentliches Gewicht liegt im Vollzug: Sie stellt nicht einfach eine fertige Wirklichkeit dar, sondern bringt eine existenzielle Situation, eine innere Bewegung und eine Beziehung überhaupt erst zur Erscheinung. Auf der Oberfläche beschreibt die Sprache natürlich – die nächtliche Rheinfahrt, den Kahn, die Städte, Türme, Glocken, das Kloster, das Schwälblein. In dieser Beschreibungsleistung macht sie die Szene anschaulich und ermöglicht, daß der Leser die Welt des Gedichts wie von außen betrachtet. Doch schon hier zeigt sich, dass diese „Abbildung“ selbst selektiv und affektiv gefärbt ist: Die Sprache wählt jene Bilder, in denen zugleich Trauer, Geisterhaftigkeit, religiöser Horizont und metaphysische Offenheit sinnlich spürbar werden. Sie bildet also nie neutrale Fakten ab, sondern eine bereits gedeutete Wirklichkeit.

Stärker noch ist die vollziehende, performative Dimension in den Sprechakten der Figuren. Die Imperative des Fischerknaben („Hüll’ dich in meinen Mantel“, „O halte dich doch stille“, „Feinsliebchen bet’ hübsch stille“) sind nicht bloß Berichte über seine Fürsorge, sondern Versuche, Wirklichkeit zu beeinflussen: Sprache soll beruhigen, schützen, bannen, die Geliebte halten, den Kahn stabilisieren, den Wirbel bezwingen. Dass diese Versuche letztlich scheitern, mindert die Vollzugsfunktion nicht, sondern macht sie erst sichtbar: Der Knabe „ist“ in seinem Sprechen, seine Identität als Liebender entsteht im Vollzug der Anrede, der Bitte, der Beschwörung. Entsprechend vollzieht sich auch die religiöse Dimension nicht in theologischen Aussagen, sondern im Beten und Singen: Wenn Feinslieb kniet, die Hände faltet und „die Metten in dem Kahn“ singt, wird Liturgie nicht geschildert, sondern im Text als Klang- und Gebetsbewegung nachvollzogen. Das Gedicht inszeniert Sprache als Handlung, in der Liebe, Angst, Glaube und Hingabe erst Gestalt bekommen.

Poetologisch zugespitzt wird diese Vollzugsdimension in der Rahmensituation des Liedes. „Der Fischer sang dies Liedchen, / Als ob ich’s selber wär’“ – hier ist Sprache nicht mehr nur Medium einer Figur, sondern Zirkulationsform von Erfahrung. Das Lied ist innerhalb der Fiktion eine gesungene Form; es wird gehört, angeeignet, nachgesungen. Der spätere Ich-Erzähler erkennt sich im fremden Lied und macht es im Sprechen zu seinem eigenen: Die Sprache bildet nicht nur sein Empfinden ab, sondern stiftet Identität und Gemeinschaft über Zeit und Raum hinweg. Wer das Gedicht liest oder singt, vollzieht denselben Schritt: Man nimmt nicht nur Kenntnis von einer tragischen Geschichte, sondern tritt in den Klangraum ein, in dem Liebe, Verlust und Sinnsuche überhaupt erst als eigene Erfahrung erlebbar werden. Sprache erscheint damit als schöpferische Kraft, die eine gemeinsame „Welt“ von Bildern, Tönen und Bedeutungsresonanzen aufspannt, in der sich Subjekte erkennen.

In diesem Sinn steht „Auf dem Rhein“ für eine genuin romantische Auffassung von Sprache: Sie ist nicht bloß Spiegel einer vorgeordneten Realität, sondern Ort, an dem Wirklichkeit – innere wie äußere – sich erst konstituiert. Die Fahrt auf dem Rhein, die Geisternähe, der religiöse Horizont, die anthropologische Grundfigur des liebenden Grenzgängers wären ohne das Lied nicht einfach „da“ und dann beschrieben, sondern sie entstehen für Bewusstsein und Erinnerung in genau der Form, in der sie besungen werden. Sprache bildet also ab, indem sie vollzieht; sie erzählt, indem sie eine existentielle Bewegung wieder und wieder ins Werk setzt.

Welche finale Aussage über Sprache, Gefühl oder Dichtung lässt sich gewinnen?

Am Ende von „Auf dem Rhein“ zeichnet sich eine doppelte, aber eng verschränkte Aussage ab: Weder Gefühl noch Sprache noch Dichtung besitzen die Macht, Tod, Grenze und Sinnrätsel aufzuheben – aber sie sind die einzige Weise, in der der Mensch solchen Erfahrungen begegnen, sie tragen und mit anderen teilen kann. Das Gedicht zeigt, wie die Liebe des Fischerknaben an der Realität des Todes scheitert, wie sein Begehren, die Geliebte festzuhalten, ins Leere läuft, wie religiöse Zeichen zwar anwesend sind, aber keinen einfachen Heilsautomatismus stiften. Und doch bleibt das Geschehen nicht stumm. Es verwandelt sich in ein „Liedchen“, das gesungen, gehört, nachgesungen wird. Dichtung ist hier nicht rhetorischer Schmuck über einer geläufigen Wahrheit, sondern der eigentliche Ort, an dem eine unauflösbare, von Widersprüchen durchzogene Erfahrung überhaupt erst eine Gestalt erhält, in der sie erinnert und mitvollzogen werden kann. Für das Gefühl bedeutet dies: Es findet in der Dichtung weder restlose Befriedigung noch bloße Abreaktion, sondern eine Form des Gehalten-Seins. Die affektive Grundfigur – Liebe, Verlust, Angst, Sehnsucht, eine nicht stillzustellende Sinnfrage – bleibt ungebrochen. Die Tote kehrt nicht wirklich zurück, der Knabe wird nicht gerettet, das „woher, wohin“ des Schwälbleins bleibt unbeantwortet. Aber die Gefühle werden durch die sprachlich-rhythmische Gestalt des Liedes so geordnet, dass sie nicht nur den Einzelnen überwältigen, sondern mitteilbar werden. Der Fischer singt, der späte Ich-Erzähler hört und erkennt sich „als ob ich’s selber wär’“: Gefühle gewinnen ihren Sinn nicht dadurch, dass sie erklärt, sondern dadurch, dass sie in der Wiederholung, im Mitsingen, im Er-innern geteilt werden. Dichtung ist das Medium, in dem Gefühl nicht bloß subjektiver Überschuss, sondern gemeinsamer Erfahrungsraum wird. Für die Sprache schließlich lässt sich als Schluss formulieren: Sie ist in Brentanos Konzeption weder allmächtiges Schöpfungswort noch bloßes Protokoll eines Vorgegebenen, sondern eine von Liebe und Sehnsucht angetriebene Bewegung, die das Unverfügbare umkreist, ohne es zu besitzen. Sprache kann den Tod nicht rückgängig machen, die Geliebte nicht halten, Gott nicht vorführen, den Sinn nicht definieren. Aber sie kann Bilder, Klänge, Geschichten hervorbringen, in denen das Unsagbare doch berührt wird: im stillen Trochäus, im immergleichen „Feinsliebchen“, im paradoxen „guten Morgen“ und „gute Nacht“, im kleinen, nichts erklärenden „kein Mensch gewußt“. Die finale Aussage des Gedichts liegt daher weniger in einem abschließenden Satz als in seiner eigenen Existenzform: Dichtung ist ein Lied auf dem Rhein – ein sprachlicher Raum, in dem der Mensch seine Grenzerfahrungen nicht löst, aber so gestaltet, dass sie ihn nicht zerreißen, sondern in eine geteilte, weiterklingende Form übergehen.

III. Strophenkommentar

Strophe 1

Ein Fischer saß im Kahne, 1
Ihm war das Herz so schwer 2
Sein Lieb war ihm gestorben, 3
Das glaubt er nimmermehr. 4

Beschreibung:

Die erste Strophe entfaltet eine einfache, sehr anschauliche Ausgangsszene: Ein junger Fischer sitzt allein in seinem Kahn auf dem Wasser. Äußerlich ruht er, innerlich aber ist er von schwerem Kummer erfüllt; sein Herz ist „so schwer“. Der Grund dieser Belastung wird knapp benannt: Seine Geliebte ist gestorben. Zugleich heißt es, er glaube das „nimmermehr“, also: Er weiß es, kann oder will es aber nicht wirklich annehmen. In vier kurzen Versen sind damit Ort, Figur und Grundkonflikt angedeutet.

Analyse:

Formal verbindet die Strophe typische Volksliedschlichtheit mit einer existentiellen Zuspitzung. Die ersten beiden Verse liefern in ruhigem, wiegendem Trochäus die Rahmenbedingungen: Figur (Fischer) und Stimmung (Herzschwere). Vers 3 bringt mit der Nachricht vom Tod der Geliebten den eigentlichen Stachel ins Bild. Vers 4 bricht die logische Reihenfolge: Statt Trauer-Akzeptanz folgt die Weigerung des Glaubens. Das kleine „das“ in „das glaubt er nimmermehr“ verweist zurück auf den Todessatz, so dass sich eine Spannung zwischen Wissen und Glauben aufbaut. Die Strophe arbeitet mit einem Minimum an Ausdrücken („Fischer“, „Herz“, „Lieb“, „gestorben“), die emotional hoch aufgeladen sind.

Interpretation:

Deutend lässt sich sagen: Schon in der ersten Strophe erscheint der Mensch als einer, der die Grenze des Todes nicht schlicht hinnimmt. Der Fischer ist nicht nur Trauernder, sondern jemand, dessen inneres Bild der Geliebten stärker ist als jede Nachricht von ihrem Ende. „Das glaubt er nimmermehr“ markiert eine innere Spaltung: Rational ist der Verlust nicht zu leugnen, affektiv aber wird er zurückgewiesen. In dieser Verweigerung liegt zugleich Hoffnung und Selbstgefährdung. Der Text legt damit die Grundbewegung des ganzen Gedichts an: Aus der Unfähigkeit, den Tod der Geliebten anzuerkennen, entsteht jene Zwischenlage, in der Nacht, Flussfahrt und Geistererscheinung überhaupt möglich werden.

Strophe 2

Und bis die Sternlein blinken, 5
Und bis zum Mondenschein 6
Harrt er sein Lieb zu fahren 7
Wohl auf dem tiefen Rhein. 8

Beschreibung:

Die zweite Strophe führt die Ausgangssituation zeitlich und räumlich weiter aus. Der Fischer sitzt nicht nur im Kahn und trauert, sondern er wartet. Er harrt aus, „bis die Sternlein blinken“ und „bis zum Mondenschein“ – also bis tief in die Nacht hinein. Dieses Warten ist auf seine Geliebte bezogen: Er harrt ihrer, „zu fahren / wohl auf dem tiefen Rhein“. Der Rhein erscheint nun ausdrücklich als Schauplatz des erwarteten gemeinsamen Fahrens; die Szene wird in eine stille, von Sternen und Mondlicht überzogene Nachtlandschaft gestellt.

Analyse:

Die Strophe nimmt mit den beiden anaphorischen „Und bis …“-Anfängen in Vers 5 und 6 einen ruhigen, beschwörenden Rhythmus auf. Die Zeitangabe bleibt ungenau, wird aber über den Himmel konkretisiert: Sterne und Mond markieren den Übergang vom Abend zur Nacht und zugleich eine Atmosphäre von Entrückung. Die doppelte „bis“-Struktur dehnt die Zeit, als ob das Warten kein Ende nehmen dürfte; erst in Vers 7 kommt der eigentliche Satzkern: „Harrt er“. Semantisch verschränkt sich hier eine paradox anmutende Bewegung: Er „harrt“ einer, die „gestorben“ ist, „zu fahren“, also in Aktion zu treten. Der „tiefe Rhein“ in Vers 8 schafft zusätzlich eine Schwere, die gleichzeitig topographisch (Tiefe des Flusses) und symbolisch (Unergründlichkeit, Todesnähe) gelesen werden kann. Die Positionierung des „wohl“ vor „auf dem tiefen Rhein“ mildert den Satz leicht ab und behält doch den Ernst des Schauplatzes bei.

Interpretation:

Deutend zeigt die Strophe, wie sich der innere Trotz des Fischers gegenüber dem Tod der Geliebten in ein hartnäckiges Warten übersetzt. Er lebt in einer Erwartung, die sich an astronomische, nicht an alltägliche Zeitmaße knüpft: Sterne und Mond werden zu Zeugen seiner Hoffnung. Die Nacht wird so zum passenden Medium seines Zustands: Sie hebt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit ein Stück weit auf und macht eine Begegnung denkbar, die am Tag unmöglich wäre. Indem er „sein Lieb zu fahren“ harrt, verhält er sich, als sei ein gemeinsamer Weg auf dem Rhein noch realisierbar; der „tiefe Rhein“ deutet bereits an, dass dieser Weg eher in die Tiefe, in eine Grenzzone zwischen Leben und Tod führen wird. Die Strophe verschiebt die Ausgangslage der Trauer ins Bild einer bewusst gesuchten Zwischenwelt: Der Fischer setzt sich gerade dort zum Warten hin, wo Wasser, Nacht und Tiefe ein Durchlässigwerden der festen Lebensordnungen begünstigen.

Strophe 3

Da kömmt sie bleich geschlichen, 9
Und schwebet in den Kahn 10
Und schwanket in den Knieen, 11
Hat nur ein Hemdlein an. 12

Beschreibung:

In der dritten Strophe erfüllt sich das zuvor aufgebaute Warten des Fischers in einer plötzlichen, leisen Erscheinung. Die Geliebte kommt tatsächlich „bleich geschlichen“ heran, also langsam, heimlich, fast lautlos. Sie „schwebet in den Kahn“, als sei ihr Körpergewicht aufgehoben, und „schwanket in den Knieen“, was auf Unsicherheit, Schwäche, vielleicht auch auf eine nur halb leibliche Präsenz deutet. Ihre Erscheinung ist von Anfang an von Verletzlichkeit und Ausgesetztheit geprägt: Sie „hat nur ein Hemdlein an“, ist also fast nackt, ungeschützt vor Kälte, Wind und Blick. Mit wenigen Strichen entsteht so das Bild einer bleichen, frierenden, körperlich wie existentiell unsicheren Gestalt, die in den Kahn tritt.

Analyse:

Sprachlich verdichtet Brentano hier die Ambivalenz zwischen zärtlicher Nähe und unheimlicher Geisterhaftigkeit. „Bleich geschlichen“ kombiniert das Bild der Leichenblässe mit einem heimlichen, schleichenden Gang; der Vers rückt sie in die Nähe einer Toten, die dennoch agiert. Das Verb „schweben“ hebt sie im nächsten Vers von der Schwere der Körperwelt ab – sie „schwebet in den Kahn“ statt schlicht „steigt hinein“ –, so dass sie beinahe übernatürlich wirkt. „Schwanket in den Knieen“ bringt das Motiv der Unsicherheit hinein, das später als Schwanken des ganzen Kahns wiederkehrt: In ihr konzentrieren sich körperliche Instabilität und der prekären Lage der Fahrt. Das „Hemdlein“ mit Diminutivendung zeichnen sie als zartes, kindlich wirkendes Wesen; zugleich betont das „nur“ ihre Schutzlosigkeit. Die Szene bleibt ganz äußerlich beschrieben; kein Wort wird über ihren Gesichtsausdruck oder ihre Stimme gesagt. Gerade durch diese Zurückhaltung gewinnt das Bild an Intensität.

Interpretation:

Deutend markiert diese Strophe den Übergang von der reinen Trauersituation zur geisterhaften Zwischenwelt, die das Gedicht trägt. Die Geliebte ist weder eindeutig lebendig noch eindeutig als tote Erscheinung benannt, sondern erscheint in einer Schwebe zwischen beiden Zuständen. Ihre Blässe und das Schwebende deuten auf das Jenseitige, ihr Schwanken und Frieren auf verletzliche Leiblichkeit. Für den Fischer erfüllt sich damit sein „ungläubiger“ Glaube: Er wollte den Tod nicht akzeptieren – nun kommt die Tote in einer Gestalt zurück, die seine Hoffnung bestätigt und zugleich in eine unheimliche Richtung verschiebt. Die Strophe macht sichtbar, dass die Liebe hier nicht an der Grenze des Todes stehenbleibt, sondern diese Grenze überschreitet; aber das geschieht zu einem hohen Preis. Was zurückkehrt, ist nicht einfach die alte, vertraute Geliebte, sondern eine fragile, schattenhafte Figur, an der sich von Beginn an die Spannung von Nähe, Verlust und Todesnähe entzündet.

Strophe 4

Sie schwimmen auf den Wellen 13
Hinab in tiefer Ruh', 14
Da zittert sie, und wanket, 15
Feinsliebchen, frierest du? 16

Beschreibung:

Die vierte Strophe zeigt die beiden nun gemeinsam auf dem Wasser. Sie „schwimmen auf den Wellen / hinab in tiefer Ruh’“ – der Kahn gleitet ruhig mit der Strömung, alles scheint äußerlich still und friedlich. In diese scheinbare Ruhe hinein tritt jedoch eine Störung: Das Mädchen beginnt zu zittern und zu wanken. Der Fischer nimmt diese Veränderung wahr und reagiert mit einer zärtlich-besorgten Frage: „Feinsliebchen, frierest du?“ Die Strophe verbindet so das Bild einer stillen, fast friedvollen Nachtfahrt mit einem Moment körperlicher und innerer Erschütterung.

Analyse:

Die ersten beiden Verse setzen das Bewegungsmotiv der Fahrt ein: „schwimmen auf den Wellen“ zeichnet eine gleichmäßige, unaufgeregte Bewegung, „hinab in tiefer Ruh’“ verbindet das Hinabgleiten mit einem paradox beruhigten Zustand. „Tiefe Ruh’“ steht einerseits für die friedvolle Oberfläche der Nacht, andererseits klingt in der Richtung „hinab“ bereits Todesnähe und Versenkung mit. Die zweite Vershälfte der Strophe bricht diese ruhige Bewegung: „Da zittert sie, und wanket“ führt zwei Verben ein, die Unruhe, Angst, körperliche Instabilität signalisieren. Der anschließende Vers entfaltet die Figurenbeziehung im direkten Sprechen: Der vertrauliche Kosename „Feinsliebchen“ und die besorgte Frage nach dem Frieren übersetzen das unheimliche Zittern in ein vertrautes Schema von Kälte und Zuwendung. Sprachlich wird das Gespenstische (Zittern, Wanken der bleichen Gestalt) über eine kleine, zarte Alltagssorge gerahmt.

Interpretation:

Diese Strophe macht besonders deutlich, wie nahe Ruhe und Bedrohung in dem Gedicht beieinanderliegen. Nach außen scheint die Fahrt in eine „tiefe Ruh’“ zu führen, doch in der Gestalt der Geliebten bricht bereits eine Unruhe auf, die mehr ist als bloßes Frieren. Ihr Zittern und Wanken kann als körperliche Reaktion auf Kälte gedeutet werden, zugleich aber als Symptom ihres Zwischenzustandes: Sie gehört nicht mehr sicher in die Welt der Lebenden; ihr Körper reagiert, als würde er bereits aus der Ordnung der irdischen Leiblichkeit herausfallen. Der Fischer hingegen deutet diese Zeichen liebevoll, aber verkürzend: Er sieht in erster Linie das frierende „Feinsliebchen“, das seiner Fürsorge bedarf. Damit hält er an seinem Bild der Geliebten als schutzbedürftiger Lebender fest und übersetzt das Unheimliche in eine vertraute, handhabbare Kategorie. Die Strophe zeigt so, wie seine Liebe die Wahrnehmung filtert: Während die gemeinsame Fahrt „hinab“ in eine unbestimmte Tiefe geht, versucht er, mit der warmen Ansprache und der Frage nach dem Frieren die bedrohliche Dimension in eine intime Szene der Zuwendung zu verwandeln – ein Versuch, der die Tragik der kommenden Entwicklung bereits ahnen lässt.

Strophe 5

Dein Hemdlein spielt im Winde, 17
Das Schifflein treibt so schnell, 18
Hüll' dich in meinen Mantel, 19
Die Nacht ist kühl und hell. 20

Beschreibung:

In der fünften Strophe bleibt die Szene auf dem Kahn, wird aber dynamischer und körperlich-konkreter. Der Blick des Fischers richtet sich auf das dünne „Hemdlein“ der Geliebten, das im Wind flattert. Zugleich registriert er die Geschwindigkeit der Fahrt: „Das Schifflein treibt so schnell“. In dieser doppelten Bewegung – flatterndes Hemd, schnell treibendes Boot – reagiert er mit einem fürsorglichen Angebot: „Hüll’ dich in meinen Mantel“. Die Strophe schließt mit der Feststellung „Die Nacht ist kühl und hell“ und verbindet damit Kälteempfinden mit der eigentümlich klaren Helligkeit der mondbeschienenen Nacht.

Analyse:

Sprachlich knüpft die Strophe an die zärtliche Anrede und Sorge des Fischers aus Strophe 4 an, verstärkt aber das Bewegungsmoment. „Dein Hemdlein spielt im Winde“ verknüpft die Verletzlichkeit der Geliebten (dünnes Hemd, Diminutiv) mit der unruhigen Naturkraft des Windes; das Verb „spielen“ mildert die Bedrohung scheinbar ab, lässt aber das Ausgeliefertsein des Stoffes – und damit des Körpers – spürbar werden. Parallel dazu steht „Das Schifflein treibt so schnell“: Auch hier der Diminutiv („Schifflein“), der das Boot verkleinert und schutzbedürftig erscheinen lässt; das Verb „treibt“ zeigt, dass niemand aktiv steuert. Die beiden ersten Verse bilden so ein Bildfeld der Ungeborgenheit: der Körper der Geliebten und das Boot sind gleichermaßen dem Wind, der Strömung, der Geschwindigkeit ausgesetzt. Der Imperativ „Hüll’ dich in meinen Mantel“ in Vers 19 setzt dem eine aktive Geste des Schutzes entgegen: Der Mantel ist das wärmende, umhüllende Gegenbild zum flatternden Hemd. Der Schlussvers „Die Nacht ist kühl und hell“ verbindet widersprüchliche Qualitäten: Kühle und Helligkeit, Schutzbedürftigkeit und Klarheit der Szenerie. Die Nacht erscheint nicht als dunkler Abgrund, sondern als kühl leuchtender Raum, in dem die Gefährdung umso deutlicher hervortritt.

Interpretation:

Deutend zeigt die Strophe, wie der Fischer seine Rolle als schützender Liebender ausformt, während die objektive Gefährdung wächst. Er beobachtet genau, wie die Kräfte der Natur an Hemd und Schiff zerren, und reagiert darauf mit der Geste, die ihm möglich ist: Er bietet seinen Mantel an, also seine eigene Wärme, seine Hülle, seine Lebenssphäre. In dieser Geste verdichtet sich sein Wunsch, die Geliebte gegen Kälte, Wind und Strömung zu sichern – und indirekt auch gegen jene tiefere Bedrohung, die von ihrem Zwischenstatus als Toter ausgeht. Zugleich bleibt spürbar, dass seine Fürsorge letztlich nur an der Oberfläche der Situation ansetzt: Ein Mantel kann Wind und Kälte dämpfen, aber nicht die innere Entzugbewegung der Geliebten und den Zug der Tiefe aufhalten. Die Formel „Die Nacht ist kühl und hell“ lässt sich als Chiffre für den Gesamtzustand lesen: Äußerlich ist alles klar gezeichnet, fast schön – eine helle, kühle Nachtfahrt –, innerlich aber sind beide Figuren einer Kälte ausgesetzt, die sich nicht ganz durch menschliche Zuwendung beheben lässt. So macht diese Strophe die Diskrepanz sichtbar zwischen dem ernsthaften, zärtlichen Schutzwillen des Menschen und der Erfahrung, dass die eigentlichen Grenzmächte – Tod, Zeit, Strömung des Daseins – durch solche Gesten nur begrenzt zu bannen sind.

Strophe 6

Stumm streckt sie nach den Bergen 21
Die weißen Arme aus, 22
Und lächelt, da der Vollmond 23
Aus Wolken blickt heraus. 24

Beschreibung:

Die sechste Strophe verlagert den Fokus deutlich auf die Gestalt der Geliebten und ihre Beziehung zur umgebenden Landschaft. Sie bleibt stumm, sagt also kein Wort, und streckt „nach den Bergen / die weißen Arme aus“. Ihre Bewegung richtet sich nicht auf den Fischer, sondern auf die Ferne, auf die Höhen des Ufers. Zugleich reagiert sie auf das Himmelslicht: Sie lächelt, als der Vollmond „aus Wolken blickt heraus“. Die Szene zeigt sie in einer stummen, körperlich ausgreifenden Geste, die den Horizont umspannt – Berge und Mond –, während sie selbst bleich, weißarmig, schweigend im Kahn sitzt.

Analyse:

Sprachlich fallen zunächst das Adverb „stumm“ am Versanfang und das Adjektiv „weißen“ ins Auge: Ihre Stummheit akzentuiert die Asymmetrie zur sprechenden, fragenden Stimme des Fischers, ihre weißen Arme verbinden die bereits in Strophe 3 erwähnte Blässe mit einer fast skulpturalen, körperlichen Präsenz. Die Bewegung „nach den Bergen / die weißen Arme aus[strecken]“ öffnet die Szene räumlich: Der Blick geht vom Kahn weg in die Ferne der Uferlandschaft, in die vertikale Dimension von Höhe und Erhabenheit. Der Vollmond, der „aus Wolken blickt heraus“, wird in einer personifizierenden Wendung gestaltet; er scheint ein Gegenüber zu bekommen, dem das Mädchen mit einem Lächeln antwortet. So entsteht ein kleines Beziehungsdreieck: Mädchen, Berge, Mond, in dem der Fischerknabe auffällig abwesend bleibt. Die Strophe arbeitet ohne direkte Rede, sie besteht ganz aus Beschreibung von Gesten und naturhaften Vorgängen; gerade dadurch gewinnt die innere Verschiebung an Deutlichkeit.

Interpretation:

Deutend markiert diese Strophe einen entscheidenden Richtungswechsel in der Beziehungskonstellation. Die Geliebte richtet sich nicht auf den unmittelbar anwesenden Fischer aus, der sie voller Sorge anspricht, sondern auf die Ferne und die Höhe: auf Berge und Himmel. Ihre weißen, ausgestreckten Arme können als Sehnsuchtssignal gelesen werden, das nicht der irdischen Liebesbindung, sondern einem anderen, transzendenten Raum gilt. Das Lächeln beim Hervortreten des Vollmonds zeigt eine Art stiller Übereinstimmung mit dieser Himmelsmacht; der Mond wird zum eigentlichen Gegenüber, zu dem sie in eine Wortlose, dafür umso inniger wirkende Beziehung tritt. Während der Fischer sie in den vorherigen Strophen als frierendes, schutzbedürftiges „Feinsliebchen“ wahrnimmt und mit seinem Mantel umhüllen möchte, bezeugt diese Strophe ihre innere Entzugbewegung: Ihr Begehren und ihr Blick gehen über ihn hinaus, hin zu einem anderen Horizont. Anthropologisch gesehen wird hier sichtbar, dass der Mensch – in der Figur des Mädchens – nicht nur Objekt irdischer Liebe, sondern auch Subjekt einer eigenen, nach oben gerichteten Sehnsucht ist. Theologisch lässt sich die Szene als leise Andeutung einer Verwiesenheit auf das Transzendente lesen: Berge und Vollmond bilden eine Art großdimensioniertes Gegenüber, in dessen Licht sie zu sich selbst kommt. Für den Fischer bedeutet dies, ohne dass es ausgesprochen würde, eine Verdoppelung des Verlustes: Selbst in der scheinbaren Wiederkehr ist die Geliebte schon innerlich unterwegs in eine Sphäre, zu der er keinen Zugang hat.

Strophe 7

Und nickt den alten Türmen, 25
Und will den Sternenschein 26
Mit ihren starren Händlein 27
Erfassen in dem Rhein. 28

Beschreibung:

Die siebte Strophe bleibt bei der Gestalt der Geliebten und führt ihre stummen Gesten weiter aus. Sie „nickt den alten Türmen“, also den am Ufer gelegenen Stadt- oder Kirchtürmen, zu, als grüße sie vertraute, ehrwürdige Zeugen der Landschaft. Zugleich richtet sich ihr Begehren wieder nach oben und ins Licht: Sie „will den Sternenschein / mit ihren starren Händlein / erfassen in dem Rhein“. Sie versucht also, den Widerschein der Sterne auf der Wasseroberfläche zu greifen. Das Bild zeigt sie als eine Figur, die zwischen Uferarchitektur, Sternhimmel und Fluss hin- und herbezogen ist, und die mit „starren Händlein“ nach etwas greift, das sich nicht festhalten lässt.

Analyse:

Sprachlich wird die Bewegung aus Strophe 6 nuanciert fortgeführt. Das Nicken zu den „alten Türmen“ verbindet eine Geste der Vertrautheit mit der historischen Tiefe der Landschaft: „alt“ betont die Dauer der Bauwerke, die den Rhein seit langen Zeiten überragen. Indem sie ihnen zunickt, wirkt sie wie eine vorbeiziehende, halb entkörperlichte Einwohnerin dieser Welt, die Abschied nimmt oder ein letztes Einverständnis signalisiert. Der zweite Teil der Strophe verlagert den Fokus wieder zum Himmel und zugleich in die Tiefe des Flusses: „den Sternenschein … erfassen in dem Rhein“. Sie versucht nicht, die Sterne selbst, sondern deren Widerschein im Wasser zu greifen. Das Verb „erfassen“ kündigt einen Willensakt an, der im Bild sofort unterlaufen wird: „mit ihren starren Händlein“ – die Diminutivform „Händlein“ und das Adjektiv „starr“ nehmen der Geste jede wirkliche Wirksamkeit. Die Hände sind nicht beweglich, nicht kräftig, sondern erstarrt, fast leichenhaft; gerade dadurch wirkt der Versuch, den Sternenschein zu fassen, noch aussichtsloser. Die Kombination aus kindlich verkleinertem Körperteil und starr gewordener Gliedrigkeit verstärkt die Zwischenstellung der Figur: zugleich zart und totengleich.

Interpretation:

Deutend vertieft diese Strophe das Bild eines Menschen, der zwischen irdischer Welt und transzendentem Licht steht, ohne in einem der beiden Bereiche heimisch zu werden. Das Nicken zu den „alten Türmen“ kann als letzter Gruß an die Welt der Städte, der Kultur, vielleicht auch der Kirche verstanden werden – die Türme könnten zugleich Stadt- und Kirchtürme sein. Es ist ein stilles „Lebewohl“ oder ein Zeichen der Anerkennung, bevor sie vorbeigleitet. Der Versuch, den Sternenschein im Rhein zu „erfassen“, zeigt ihren innersten Wunsch: Sie will das Licht, das sie fasziniert, in die eigene, fließende Sphäre hinabziehen und es in ihren Händen halten. Doch die „starren Händlein“ markieren, dass genau diese Aneignung nicht gelingt; sie ist schon zu weit im Bereich des Todes, zu sehr erstarrt, um das Lebendige, Bewegliche zu greifen. Das Licht bleibt Spiegelung, unerreichbares Gegenüber. Im Horizont des Gedichts wird hier sichtbar, wie der Mensch – verkörpert in der Geliebten – nach einem höheren, jenseitigen Licht greift, aber mit seiner schon teilentkörperlichten Existenz nur noch hilflos danach tastet. Für die Beziehung zum Fischer bedeutet die Strophe eine weitere Verschiebung: Sie interagiert nicht mit ihm, sondern mit Türmen, Sternen und Rhein; ihr innerer Horizont ist längst ein anderer. Die Dichtung hält diesen Moment fest, in dem Abschied, Sehnsucht nach Licht und leibliche Erstarrung in einer einzigen, zugleich rührenden und unheimlichen Geste zusammenfallen.

Strophe 8

O halte dich doch stille, 29
Herzallerliebstes Gut! 30
Dein Hemdlein spielt im Winde, 31
Und reißt dich in die Flut. 32

Beschreibung:

Die achte Strophe bringt erneut die Stimme des Fischers in den Vordergrund und zeigt ihn in einer Mischung aus Sorge und Dringlichkeit. Er ruft seine Geliebte mit einer bittenden Anrede zur Ruhe: „O halte dich doch stille, / Herzallerliebstes Gut!“ Die zärtliche Überhöhung im Kosename „Herzallerliebstes Gut“ steht neben dem dringenden Imperativ. Zugleich lenkt er ihren und den eigenen Blick noch einmal auf das „Hemdlein“, das im Wind spielt, und warnt vor der Gefahr: Dieses flatternde Hemd könne sie „in die Flut“ reißen. Die Strophe bündelt damit eine eindringliche Bitte um Stillhalten, eine Liebesbekundung und die konkrete Benennung der tödlichen Bedrohung durch Wind und Wasser.

Analyse:

Sprachlich treten hier Imperativ und Kosename in eine auffällige Spannung. Das einleitende „O“ verstärkt den affektiven Charakter der Bitte „halte dich doch stille“; das eingeschobene „doch“ klingt wie ein fast verzweifelter Versuch, sie zur Vernunft zu bringen. Gleich danach folgt mit „Herzallerliebstes Gut!“ eine Formulierung maximaler Zärtlichkeit: In diesem Ausdruck verdichten sich emotionale Besitzanzeige („Gut“) und innigste Liebessteigerung („Herzallerliebstes“) zu einem liebevollen Überschwang. Die zweite Vershälfte der Strophe wiederholt das Motiv des Hemdleins aus Strophe 5, bringt es aber in einen schärferen Zusammenhang: Nun „spielt“ es nicht nur im Winde, sondern droht konkret, die Geliebte in die „Flut“ zu reißen. Das Verb „reißt“ markiert einen plötzlichen, gewaltsamen Zugriff der Naturkräfte; „Flut“ verstärkt die Dimension der Tiefe und Gefahr des „tiefen Rhein“. Inhaltlich verknüpft die Strophe somit zarteste Liebessprache und drastische Todesdrohung. Der syntaktisch einfache Aufbau mit zwei gleichgewichtigen Satzpaaren (Bitte + Anrede / Beobachtung + Warnung) spiegelt den Versuch, Ordnung in die prekäre Situation zu bringen.

Interpretation:

Deutend zeigt sich in dieser Strophe besonders klar die Doppelrolle des Fischers als Liebender und als jemand, der verzweifelt versucht, eine unbeherrschbare Situation zu kontrollieren. Seine Sprache ist zugleich Beschwörung und Umarmung: Er möchte die Geliebte mit Worten festhalten, beruhigen, retten, und er tut dies in Gestalt inniger Zuneigung. Dass gerade das „Hemdlein“, Symbol ihrer Verletzlichkeit und Halb-Nacktheit, nun zur unmittelbaren Gefahrenquelle wird, ist mehr als eine äußerliche Beobachtung. In der Logik des Gedichts verschränkt sich ihre geisterhafte Leichtheit – das Flattern des Hemds, ihre Schwankbewegung – mit dem Sog der Flut; was sie zart und anrührend macht, macht sie auch unhaltbar. Der Fischer versucht, diese Bedrohung mit der Geste des „Stillehaltens“ zu bannen, als könne körperliche Ruhe die Strömung, den Wind, ja letztlich den Tod aufhalten. Damit wird seine grundlegende Illusion sichtbar: Er glaubt, durch affektive Ansprache und körperliche Disziplin die Grenzmächte bändigen zu können, denen die Geliebte bereits angehört. Die Strophe macht deutlich, wie nah Liebe und Angst, Kosewort und Todeswarnung in dieser Konstellation beieinanderliegen. Sie fasst in wenigen Versen die tragische Konstellation des Gedichts zusammen: Ein Mensch, der mit aller Zärtlichkeit beschwört, dass das Geliebte still und bei ihm bleiben möge, gerade in dem Moment, in dem es unaufhaltsam von einer Tiefe fortgezogen wird, die sich seiner Verfügung entzieht.

Strophe 9

Da fliegen große Städte, 33
An ihrem Kahn vorbei, 34
Und in den Städten klingen 35
Wohl Glocken mancherlei. 36

Beschreibung:

In dieser Strophe weitet sich der Blick von der engen Situation im Kahn auf die umgebende Welt. Während Fischer und Geliebte auf dem Rhein treiben, „fliegen große Städte / an ihrem Kahn vorbei“: Die Uferlandschaft mit ihren Städten zieht wie in einem stillen Film an ihnen vorüber. Aus diesen Städten dringt Klang herüber: „wohl Glocken mancherlei“ klingen in der Ferne. Die Strophe beschreibt also eine Fahrt, bei der der Kahn relativ unbewegt wirkt, während Städte und Glocken gleichsam vorbeiziehen und einen weit gespannten, kulturell geprägten Raum um das Paar herum eröffnen.

Analyse:

Die sprachliche Gestaltung arbeitet stark mit der Perspektivverschiebung. Dass die Städte „fliegen“ und „an ihrem Kahn vorbei“ziehen, kehrt die eigentliche Bewegung um: Objektiv treibt der Kahn, subjektiv erscheint es, als bewege sich die Welt an ihnen vorbei. Das Verb „fliegen“ verleiht den „großen Städten“ etwas Leichtes, fast Traumhaftes; sie sind keine festen, schwer lastenden Blöcke, sondern gleitende Silhouetten. Das Adjektiv „große“ betont zugleich die Dimension dieses Vorüberziehens: Es geht nicht um Dörfer, sondern um bedeutende, gewachsene Orte. In Vers 35 und 36 tritt die Klangebene hinzu: „Glocken mancherlei“ legt eine Vielfalt von Stimmen, Tonhöhen, vielleicht auch Konfessionen nahe; das Modalwort „wohl“ wirkt leicht abschwächend und zugleich atmosphärisch, als solle die Vielzahl der Klänge eher angedeutet als exakt katalogisiert werden. Der Binnenrhythmus der Strophe bleibt ruhig und gleichmäßig, die syntaktische Struktur ist einfach, fast aufzählend: Städte – Vorüberfliegen – Glockenklang. Dadurch entsteht ein Eindruck von fließender Weite, in der Wahrnehmung sich vor allem im Sehen und Hören äußert, nicht in Handlungen der Figuren.

Interpretation:

Deutend lässt sich diese Strophe als Übergang vom rein inneren Drama des Paars zur Einbettung in eine größere Welt lesen. Die „großen Städte“ mit ihren Glocken stehen für die geordnete, bewohnte, gesellschaftlich und religiös strukturierte Welt, die am Ufer existiert, während der Kahn mit den beiden gewissermaßen außerhalb dieser Ordnung auf dem Fluss treibt. Dass die Städte „fliegen“ und nur vorbeiziehen, unterstreicht das Außenseitertum ihrer Fahrt: Sie gehören diese Ordnung nicht mehr wirklich an, sondern passieren sie wie in einem Traum oder wie Totenschiffe an den Lebenden vorbeiziehen. Der Glockenklang bringt eine deutliche religiöse Konnotation ins Spiel: Er ruft zu Gottesdiensten, markiert Zeit und Fest, strukturiert das Leben der Menschen in den Städten. Für Fischer und Geliebte ist dieser Klang zwar hörbar, aber nicht mehr handlungsleitend; sie kehren nicht um, suchen keinen Schutz, sondern treiben weiter. In dieser Schwebe wird deutlich, dass die beiden in einem Zwischenzustand leben, der von der „normalen“ Welt zwar umgeben, aber nicht mehr wirklich getragen ist. Die Strophe macht erfahrbar, wie sich menschliche Existenz im Grenzbereich anfühlt: Die Welt mit ihren Städten und Glocken ist noch da, klingt herüber, bleibt vertraut – und ist doch schon in eine Ferne gerückt, die man nur noch als vorbeiziehendes Panorama wahrnimmt.

Strophe 10

Da kniet das Mägdlein nieder, 37
Und faltet seine Händ' 38
Aus sehen hellen Augen 39
Ein tiefes Feuer brennt. 40

Beschreibung:

In der zehnten Strophe richtet sich der Blick erneut auf die Geliebte und ihr inneres Geschehen. Das „Mägdlein“ kniet im Kahn nieder und nimmt eine deutlich religiöse Gebärde ein, indem es „seine Händ’“ faltet. Äußerlich erscheint es als betende Gestalt, klein und demütig. Zugleich eröffnet der Text einen kurzen, intensiven Blick in ihr Inneres: „Aus seinen hellen Augen / ein tiefes Feuer brennt.“ Die Augen sind hell, also klar und leuchtend, und in ihnen glimmt oder lodert ein „tiefes Feuer“, das eine starke, verborgene innere Bewegung anzeigt. In vier Versen tritt damit eine stille, aber hoch aufgeladene Momentaufnahme zutage: kniende Körperhaltung, gefaltete Hände, helle Augen, inneres Feuer.

Analyse:

Die Strophe arbeitet mit auffälligen Kontrasten und Verdichtungen. Die Verkleinerungsform „Mägdlein“ betont Zartheit, Jugend und Schutzbedürftigkeit; das kniende Niederlassen und das Falten der Hände sind eindeutige Gesten des Gebets, der Demut, der Hingabe. Beide Verben („kniet“, „faltet“) sind ruhig, ohne jede Dramatik, und stimmen mit dem trochäischen Grundrhythmus in einen milden, gesetzten Ton ein. Dieser äußerlichen Sanftheit wird jedoch das Bild vom „tiefen Feuer“ gegenübergestellt, das „aus seinen hellen Augen“ brennt. „Helle Augen“ können für Unschuld, Klarheit, Offenheit stehen, „tiefes Feuer“ dagegen für Leidenschaft, Schmerz, glühende Sehnsucht oder auch übernatürliche Erregung. Dass dieses Feuer „aus“ den Augen brennt, macht die Augen zur Schnittstelle zwischen Innerem und Äußerem: Was im Innern des Mädchens geschieht – religiöse Ergriffenheit, Liebesglut, Todesangst, Transzendenzsehnsucht – wird nicht in Worten, sondern als Blicklicht sichtbar. Die knappe, leicht verschobene Syntax („Aus sehen hellen Augen / Ein tiefes Feuer brennt“) verstärkt den Eindruck von Verdichtung: In den beiden Versen liegt mehr, als der schlichte Wortbestand zunächst vermuten lässt.

Interpretation:

Deutend zeigt diese Strophe das Mädchen als Figur, in der sich Liebesaffekt und religiöse Ergriffenheit zu einer schwer trennbaren Einheit verbinden. Äußerlich vollzieht sie einen klassischen Andachtsgestus: knien, Hände falten, beten. Damit stellt sie sich in den Horizont der Metten, des Glockenklangs, des Klosters, das im Hintergrund steht. Zugleich brennt in ihr ein „tiefes Feuer“, das man sowohl als Zeichen innerer Glut der Liebe wie als Ausdruck einer intensiven, vielleicht schmerzhaft drängenden Transzendenzsehnsucht lesen kann. Sie wirkt in diesem Moment weniger wie die bloß passive Tote, die vom Fischer festgehalten wird, als vielmehr wie eine Subjektgestalt, deren Inneres von einer Kraft erfüllt ist, die über die Situation im Kahn hinausweist. Für die Gesamtbewegung des Gedichts markiert die Strophe einen Punkt, an dem das Mädchen sichtbar aus der rein irdischen Liebeskonstellation heraustritt und in einen religiösen, vielleicht eschatologischen Raum hinübergezogen wird: Ihr Gebet und ihr glühender Blick scheinen sich stärker auf Gott, Licht, Jenseits zu richten als auf den Knaben. Gleichzeitig bleibt die Figur in ihrer Zartheit und Verletzlichkeit präsent, so dass sich an ihr exemplarisch zeigt, wie der Mensch in der Grenzsituation von Liebe und Tod als betendes, leidenschaftlich suchendes Wesen aufscheint.

Strophe 11

Feinsliebchen bet' hübsch stille, 41
Schwank' nit so hin und her, 42
Der Kahn möcht' uns versinken, 43
Der Wirbel reißt so sehr. 44

Beschreibung:

Die elfte Strophe bringt noch einmal deutlich die Stimme des Fischers zum Vorschein. Er spricht die Geliebte direkt an: „Feinsliebchen bet’ hübsch stille“, also: Sie soll zwar weiterbeten, aber ruhig, maßvoll, ohne Aufruhr. Im zweiten Vers erweitert er die Bitte: „Schwank’ nit so hin und her“ – sie soll aufhören, im Kahn körperlich zu schwanken. Die beiden letzten Verse begründen diese Aufforderungen mit der Gefahr der Lage: „Der Kahn möcht’ uns versinken, / Der Wirbel reißt so sehr.“ Der Fischer fürchtet, dass das Boot untergehen könnte, weil der Strudel des Wassers allzu stark zieht. So verbindet die Strophe eine zärtlich-zurechtweisende Anrede, den Wunsch nach äußerer und innerer Ruhe und die nüchterne Benennung der Bedrohung durch Fluss und Strudel.

Analyse:

Sprachlich fällt die Mischung aus Liebes- und Mahnrede auf. Der Kosename „Feinsliebchen“ steht am Anfang und gibt der Strophe einen vertrauten, zärtlichen Ton. „Bet’ hübsch stille“ ist ambivalent: Das Gebet soll nicht unterbrochen, aber in eine bestimmte Form gebracht werden – ruhig, „hübsch“, also brav, ordentlich. „Schwank’ nit so hin und her“ übernimmt eine volkstümliche Färbung („nit“ statt „nicht“) und greift das Schwank-Motiv früherer Strophen wieder auf; jetzt bezieht es sich explizit auf die Körperbewegung im Kahn. Die beiden Schlussverse sind formal parallel gebaut: Subjekt („der Kahn“ / „der Wirbel“), Modalverb bzw. Vollverb („möcht’ uns versinken“ / „reißt so sehr“). „Möcht’“ markiert eine drohende Möglichkeit, „reißt so sehr“ dagegen eine bereits aktive Gewalt. Klanglich arbeiten die Verse mit der Häufung harter Konsonanten („Kahn“, „möcht’“, „versinken“, „Wirbel“, „reißt“), die die Gefahr der Situation hörbar verdichten. Inhaltlich werden Gebet („bet’ stille“) und Körperdisziplin („schwank’ nit“) unmittelbar mit dem Überleben im Kahn verknüpft.

Interpretation:

Deutend zeigt diese Strophe, wie der Fischer versucht, die religiöse Ergriffenheit und die körperliche Unruhe der Geliebten in eine sichere Ordnung zu überführen. Er akzeptiert prinzipiell ihr Beten – das „hübsch“ vor „stille“ deutet auf eine liebevolle, aber auch leicht bevormundende Haltung –, aber er möchte diese innere Bewegung zügeln, damit sie den Kahn nicht gefährdet. Damit verschränken sich auf symbolischer Ebene mehrere Schichten: Der Wirbel steht nicht nur für die physische Gefahr des Wassers, sondern auch für das chaotische, unkontrollierbare Moment in Gefühlen, Gebet und Grenzsituation zwischen Leben und Tod. Der Fischer setzt dem das Ideal der „Stille“ entgegen: innerlich (beim Beten) und äußerlich (im Nicht-Schwanken). Seine imperativen Sätze sind Versuche, durch Sprache sowohl Naturkräfte als auch die ekstatisch anmutende Andacht der Geliebten unter Kontrolle zu bringen. Gerade darin zeigt sich seine Grundfigur: ein Liebender, der Schutz und Ordnung bieten will, weil er die Tiefe des „Wirbels“ fürchtet, in die die Geliebte vielleicht längst gehört. Die Strophe macht deutlich, dass die Fahrt auf dem Rhein nicht nur ein physisches Risiko, sondern auch eine geistig-seelische Grenzsituation ist, in der der Wunsch nach beherrschter, „hübscher“ Frömmigkeit mit einer viel radikaleren Bewegung von Tod und Transzendenz kollidiert.

Strophe 12

In einem Nonnenkloster 45
Da singen Stimmen fein, 46
Und aus dem Kirchenfenster 47
Bricht her der Kerzenschein. 48

Beschreibung:

Die zwölfte Strophe verlagert die Aufmerksamkeit noch einmal deutlich vom Kahn zur Uferlandschaft. Nun wird ein „Nonnenkloster“ sichtbar, aus dessen Innerem „Stimmen fein“ erklingen: Im Kloster wird gesungen, vermutlich das nächtliche Stundengebet. Gleichzeitig tritt ein starkes Lichtbild hinzu: „aus dem Kirchenfenster / bricht her der Kerzenschein“. Während Fischer und Mägdlein auf dem dunklen Rhein treiben, wird am Ufer ein hell erleuchteter, von feinem Gesang erfüllter sakraler Innenraum aufgerufen. Die Strophe schildert damit eine parallel ablaufende Szene: draußen die nächtliche Fahrt, drinnen der geordnete Klosterraum mit Gesang und Kerzenlicht.

Analyse:

Formal bleibt Brentano bei der einfachen, volksliedhaften Syntax und der klaren Bildführung. „In einem Nonnenkloster / da singen Stimmen fein“ setzt mit einer Ortsbestimmung ein und führt dann das Subjekt „Stimmen“ ein, das durch das Adjektiv „fein“ charakterisiert wird: nicht laut, nicht dröhnend, sondern zart, hell, vielleicht mädchenhaft. Dass es ein *Nonnen*kloster ist, verstärkt die weibliche Konnotation; die Stimmen im Kloster spiegeln oder rahmen das Mägdlein im Boot. Die zweite Vershälfte („Und aus dem Kirchenfenster / bricht her der Kerzenschein“) arbeitet mit einer dynamischen Lichtmetapher: Der Kerzenschein „bricht“ aus dem Fenster, dringt also aktiv in die Nacht hinaus. Das Verb betont die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Innen und Außen: Licht, das eigentlich einen geschlossenen Raum erhellt, dringt nach draußen – bis hin zu den Figuren im Kahn. Lautlich tragen die weichen Konsonanten („Nonnenkloster“, „Stimmen fein“, „Kerzenschein“) und die Häufung heller Vokale dazu bei, dass die Strophe trotz der Nacht eine Atmosphäre von Helle, Zartheit und geordneter Andacht verbreitet. Inhaltlich wird hier erstmals ein klar definierter kirchlicher Ort benannt; die vorher nur klanglich entfernten „Glocken mancherlei“ konkretisieren sich zur klösterlichen Liturgie.

Interpretation:

Deutend wird in dieser Strophe das Geschehen im Kahn in eine ausdrücklich religiöse, kirchliche Landschaft eingebettet. Das „Nonnenkloster“ mit seinen „Stimmen fein“ repräsentiert eine Form des geordneten, institutionell eingerahmten Betens, die in einem geschützten Innenraum stattfindet. Dem gegenüber steht die prekäre Situation der beiden auf dem Rhein: ein schwankender Kahn, eine tote oder halb entrückte Geliebte, ein Liebender, der um ihr Leben bangt und zugleich ihren Tod nicht akzeptiert. Der Kerzenschein, der aus dem Kirchenfenster „herbricht“, kann als Zeichen einer göttlichen, tröstenden oder richtenden Gegenwart gelesen werden, die in die Nacht hinein leuchtet, ohne die konkrete Gefahr auf dem Fluss einfach zu beseitigen. Die Strophe erzeugt so eine Spannung zwischen innen und außen, Ordnung und Grenzerfahrung: Drinnen geordnete Liturgie, gesicherter Raum, fein abgestimmter Gesang; draußen der Kahn, die Strömung, die existentiell gefährdete Liebesgeschichte. Zugleich bereitet die Strophe die folgenden Verse vor, in denen Feinslieb und der Knabe die Metten „in dem Kahn“ singen: Das Boot wird gewissermaßen zum beweglichen Annex des Klosters, eine Art schwimmende Kapelle. Dabei bleibt aber sichtbar, dass ihre Fahrt letztlich nicht vom Kloster, sondern vom Strom bestimmt wird. Im Horizont des Gedichts fungiert diese Strophe als Knotenpunkt, an dem sich Liebesdrama und religiöser Raum kreuzen, ohne sich deckungsgleich zu überlagern: Die Kirche ist da, sie singt und leuchtet – aber die Entscheidung über Leben, Tod und Übergang der Geliebten fällt im offenen, ungesicherten Raum des Flusses.

Strophe 13

Da singt Feinslieb gar helle, 49
Die Metten in dem Kahn, 50
Und sieht dabei mit Tränen 51
Den Fischerknaben an. 52

Beschreibung:

Die dreizehnte Strophe rückt Feinslieb ganz in den Mittelpunkt. Sie selbst „singt … gar helle / die Metten in dem Kahn“ – also nicht mehr nur das Kloster am Ufer, sondern jetzt das Mädchen im Boot. Ihr Gesang ist „gar helle“, klingt also klar, leuchtend und kräftig durch die Nacht. Zugleich bleibt die Beziehung zum Fischer präsent: Während sie singt, „sieht [sie] dabei mit Tränen / den Fischerknaben an“. Die Szene zeigt sie als betende, singende Gestalt im Kahn, deren Blick – von Tränen erfüllt – auf den Knaben gerichtet ist. Damit werden liturgischer Gesang, persönliche Rührung und Beziehungsgeste in einem Moment gebündelt.

Analyse:

Sprachlich knüpft die Strophe unmittelbar an das zuvor eingeführte Klosterbild an und spiegelt es im Kahn. Was eben noch im „Nonnenkloster“ geschah, ereignet sich nun „in dem Kahn“: Die Metten werden gesungen, diesmal von Feinslieb selbst. Das Adverb „gar helle“ verstärkt den Eindruck einer besonders klaren, vielleicht überirdisch reinen Stimme; „hell“ gehört zum Lichtfeld, das schon im Kerzenschein und im Vollmond eine Rolle spielte. Die Formulierung „die Metten in dem Kahn“ verschiebt die liturgische Praxis aus dem geschützten Kirchenraum in den schwankenden Bootskörper: Der Kahn wird zum improvisierten Gottesdienstraum. Die zweite Satzhälfte verknüpft dieses liturgische Tun mit einer hoch persönlichen Gefühlsregung: „mit Tränen“ und „an[sehen]“ sind einfache, aber intensive Zeichen innerer Bewegung. Die syntaktische Parallelität („Da singt … / und sieht dabei …“) zeigt, dass Gesang und Blick, Liturgie und Liebesaffekt nicht nacheinander, sondern gleichzeitig stattfinden.

Interpretation:

Deutend lässt sich sagen, dass Feinslieb in dieser Strophe zu einer Art Mittlerinfigur wird. Indem sie „gar helle“ die Metten singt, nimmt sie die Rolle der Nonnen im Kloster auf und trägt das kirchliche Gebet in die prekäre Situation des Kahns hinein. Zugleich ist ihr Gesang keine abstrakte Frömmigkeit, sondern durch die Tränen und den Blick auf den Fischerknaben eindeutig personalisiert: Sie betet und singt gleichsam *für* ihn, sieht ihn an, als wolle sie ihn in das, was sie singt, hineinnehmen. Ihre Tränen lassen sich doppelt deuten: als Ausdruck der Liebe und des Mitleids mit dem Zurückbleibenden, aber auch als Schmerz darüber, dass sich ihre Wege trennen werden. In dieser Strophe treten Liebesbeziehung und religiöse Dimension am klarsten ineinander: Das Boot wird zur schwimmenden Kapelle, Feinslieb zur betenden Sängerin, deren Lied zugleich liturgischer Gesang und stummer Abschied ist. Für den Fischer bedeutet dieser Augenblick eine letzte, unausgesprochene Segensgeste: Er wird von der Geliebten angeschaut und in Tränen und Metten-Gesang aufgehoben – ohne dass damit der drohende Verlust verhindert würde.

Strophe 14

Da singt der Knab' gar traurig 53
Die Metten in dem Kahn 54
Und sieht dazu Feinsliebchen 55
Mit stummen Blicken an. 56

Beschreibung:

In der vierzehnten Strophe verschiebt sich der Schwerpunkt vom Mädchen zum Fischerknaben. Nachdem zuvor Feinslieb „gar helle“ die Metten gesungen hat, heißt es nun: „Da singt der Knab’ gar traurig / die Metten in dem Kahn“. Er übernimmt also denselben liturgischen Gesang, allerdings in einer anderen affektiven Färbung: nicht hell, sondern traurig. Während er singt, richtet er seinen Blick auf Feinsliebchen: „Und sieht dazu Feinsliebchen / mit stummen Blicken an.“ Die Szene zeigt ihn als betenden, singenden Knaben, dessen Blick auf die Geliebte gerichtet ist, die nun selbst nicht mehr aktiv handelt oder spricht, sondern stumm angeschaut wird.

Analyse:

Die Strophe spiegelt formal die vorhergehende, variiert sie aber bedeutungsvoll. Die Konstruktion „Da singt … / die Metten in dem Kahn“ wiederholt sich, doch werden Subjekt und Adverb vertauscht: statt „Feinslieb gar helle“ nun „der Knab’ gar traurig“. Damit entstehen zwei Gegenpole: heller, vielleicht überirdisch leuchtender Gesang auf ihrer Seite, schwerer, klagender Gesang auf seiner. Wieder ist der Kahn der liturgische Ort. Die zweite Vershälfte kehrt die Blickkonstellation um: Zuvor sah Feinslieb „mit Tränen den Fischerknaben an“, jetzt „sieht dazu Feinsliebchen / mit stummen Blicken“ an. Tränen vs. Stummheit, helle vs. traurige Metten, Mädchen vs. Knabe: In den fein variierten Formeln legen sich zwei unterschiedliche innere Zustände übereinander. Syntaktisch bleiben beide Strophen fast identisch gebaut, was die Parallelität der Szenen betont und im Binnenrhythmus einen leisen Wechselgesang zwischen den Figuren hörbar macht.

Interpretation:

Deutend wird in dieser Strophe deutlich, dass der Knabe in eine Rolle hineingezogen wird, die zuvor vor allem Feinslieb zukam: Er singt jetzt seinerseits die Metten, er tritt in die liturgische Bewegung ein und antwortet auf ihren hellen Gesang mit einem „gar traurigen“. Damit versucht er, ihre religiöse Geste mit seiner eigenen Trauer zu verbinden; er betet nicht abstrakt, sondern betet sie gleichsam an, indem er sie während des Gesangs anblickt. Der „stumme Blick“ auf Feinsliebchen lässt sich doppelt lesen: als Verstummen vor dem Geheimnis ihres Zustands, aber auch als Hinweis darauf, dass zwischen ihnen nichts mehr zu sagen ist, was die Situation ändern könnte. Wo zuvor noch Tränen im Blick des Mädchens sichtbar waren, herrscht nun auf ihrer Seite eine Art Erstarrung; der Ausdruck und die Sprache liegen ganz beim Knaben. Die Strophe verschränkt so Liebesklage und liturgische Form: Seine Traurigkeit findet keine eigene, neue Worte, sondern gießt sich in die alten, vorgegebenen Metten. Poetologisch-theologisch deutet sich darin an, dass Dichtung und Gebet zum Ort werden, an dem der Mensch seine Trauer vollzieht, ohne sie aufheben zu können – der Knabe antwortet auf die sich entziehende Geliebte nicht mit Erklärungen, sondern mit einem Lied, das ihre helle Stimme im Modus der Trauer nachklingen lässt.

Strophe 15

Und rot und immer röter 57
Wird nun die tiefe Flut, 58
Und bleich und immer bleicher 59
Feinsliebchen werden tut. 60

Beschreibung:

Die fünfzehnte Strophe markiert einen sichtbaren Umschlag in der Bildwelt des Gedichts. Zunächst richtet sich der Blick auf das Wasser: „Und rot und immer röter / wird nun die tiefe Flut“. Die bisher eher dunkel-bläulich oder silbrig gedachte Nachtflut nimmt eine immer intensivere rote Färbung an. Parallel dazu verändert sich die Gestalt der Geliebten: „Und bleich und immer bleicher / Feinsliebchen werden tut“. Während das Wasser rot glüht, verliert Feinsliebchen zunehmend Farbe; sie wird immer blasser. In wenigen Zeilen kontrastiert die Strophe also eine sich steigernde Rotfärbung des Flusses mit einer sich steigernden Blässe des Mädchens und macht damit einen Moment dramatischer Veränderung sichtbar.

Analyse:

Sprachlich fällt die parallele Struktur der beiden Zeilenpaare auf. Beide beginnen mit „Und … und immer …er“ und steigern so die jeweilige Farbangabe: „rot und immer röter“ / „bleich und immer bleicher“. Diese Wiederholungs- und Steigerungsformel ist zugleich einfach (sie erinnert an Kinder- oder Volksliedstrophen) und rhetorisch wirkungsvoll: Sie zwingt die Wahrnehmung in ein allmähliches, fast atemloses „immer mehr“. Die „tiefe Flut“ knüpft an die frühere Charakterisierung des Rheins an und betont erneut seine Gefährlichkeit und Unergründlichkeit; das Rot dringt gewissermaßen in diese Tiefe ein. Auf der Seite des Mädchens verstärkt „Feinsliebchen“ die persönliche, intime Note, während der Zusatz „werden tut“ eine ausdrücklich volkstümlich gefärbte, grammatikalisch überflüssige Umschreibung darstellt. Diese Doppelform unterstreicht den Volksliedton und legt zugleich eine leichte Haltlosigkeit in den Satz: Der Zustand ist nicht einfach da, sondern „am Werden“. Formal erzeugen Parallelismus, Steigerung, einfache Farbadjektive und die redundante Verbform eine fast beschwörende, zugleich unheimlich kindlich klingende Kulmination.

Interpretation:

Deutend lässt sich diese Strophe als ein farbdramatischer Höhepunkt lesen, in dem sich der Weg der beiden Figuren symbolisch kreuzt und trennt. Die „tiefe Flut“, die „rot und immer röter“ wird, kann konkret als Widerschein des nahenden Morgenrots im Wasser verstanden werden; zugleich trägt das Rot unweigerlich Konnotationen von Blut, Gefahr, passionierter Glut. Während die Welt um sie herum in ein immer kräftigeres, lebendigeres Rot getaucht wird, verliert Feinsliebchen Schritt für Schritt ihre irdische Farbe: Sie wird „bleich und immer bleicher“, bis hin zur völligen Entfärbung und zum Verschwinden der Augen in der nächsten Strophe. Die Farbbewegungen verlaufen gegenläufig: Das Wasser gewinnt Intensität, das Mädchen verliert sie. Darin spiegelt sich eine existentielle Verschiebung: Die Kräfte des Lebens, des Tages, des elementaren Daseins (Flut, Morgenlicht) steigern sich, während die Gestalt, an der die Liebe des Knaben hängt, sich aus dieser Sphäre herauslöst. Die fast kindliche Steigerungsformel verstärkt die Unausweichlichkeit dieses Prozesses: Es ist kein plötzlicher Schock, sondern ein unaufhaltsames „immer mehr“, an dem niemand etwas ändert. So markiert die Strophe den Moment, in dem Liebesgeschichte, Naturablauf und Todesprozess in einem sinnbildlichen Gleichklang stehen – der Rhein färbt sich, der Tag naht, und gerade im Aufleuchten der Welt verliert der Knabe die Geliebte endgültig aus der lebendigen Gegenwart.

Strophe 16

Der Mond ist schon zerronnen 61
Kein Sternlein mehr zu sehn, 62
Und auch dem lieben Mägdlein 63
Die Augen schon vergehn. 64

Beschreibung:

Die sechzehnte Strophe führt die in der Farbdramaturgie vorbereitete Wendung konsequent zu Ende. Zunächst richtet sich der Blick an den Himmel: „Der Mond ist schon zerronnen“, das heißt, der zuvor so präsente Vollmond ist verschwunden, aufgelöst, als wäre sein Licht dahingeschmolzen. Dazu tritt die Feststellung: „Kein Sternlein mehr zu sehn“ – auch die Sterne, die das nächtliche Firmament beleuchtet hatten, sind nicht mehr sichtbar. Im zweiten Teil der Strophe wird dieser kosmische Lichtverlust unmittelbar mit der Gestalt der Geliebten verknüpft: „Und auch dem lieben Mägdlein / die Augen schon vergehn.“ So wie Mond und Sterne verschwinden, so verlöschen auch die Augen des Mädchens; ihre Fähigkeit zu sehen und zu leuchten geht dahin.

Analyse:

Sprachlich arbeitet die Strophe mit einer auffälligen Parallelführung von Himmels- und Menschenbild. Das Verb „zerronnen“ ist ungewöhnlich für den Mond; es entstammt eigentlich dem Bereich des Schmelzens von Wachs, Fett oder Eis und legt nahe, dass der Mond nicht einfach „untergeht“, sondern sich verflüssigt, auflöst, zerfließt. „Kein Sternlein mehr zu sehn“ verwendet mit „Sternlein“ eine zärtlich-verkleinernde Form, die den Himmel in dieselbe Gefühlsnähe rückt wie zuvor „Hemdlein“, „Händlein“, „Mägdlein“ – die vertrauten Lichtpunkte werden als kleine, geliebte Wesen angesprochen und nun als abwesend beschrieben. Im Menschenbereich bildet „Und auch dem lieben Mägdlein / die Augen schon vergehn“ die exakte Entsprechung: Wieder das Diminutiv „Mägdlein“, dazu der liebevolle Zusatz „lieb“, dann das Verb „vergehn“, das semantisch mit „zerronnen“ verwandt ist. Die Augen werden nicht zugemacht oder geschlossen, sondern „vergehn“ – sie verlieren ihre Leuchtkraft, verschwinden wie Himmelslichter. Formal sind die beiden Satzhälften durch das „und auch“ deutlich gekoppelt: Was oben geschieht, geschieht unten; der Verlust der kosmischen Lichter und das Erlöschen der Augen bilden eine Einheit. Die einfache, fast lakonische Syntax verstärkt dabei die Eindringlichkeit des Bildes.

Interpretation:

Deutend zeigt diese Strophe den Moment, in dem die Nachtfahrt ihre metaphysische Beleuchtung verliert und der Tod der Geliebten sichtbar unwiderruflich wird. Die Himmelskörper, die bisher die Szene getragen haben – Vollmond, Sternlein –, werden nicht nur als astronomisch untergegangen, sondern als „zerronnen“ und „vergangen“ vorgestellt: Ihre Auflösung spiegelt eine tiefere Entordnung der Welt. Wenn dazu „kein Sternlein mehr zu sehn“ ist, steht das zugleich für den Verlust von Orientierung, Trost und Höhensignalen; die Himmel „schalten ihre Lampen aus“. Im selben Zug verliert das Mädchen die Augen – jenes Organ, in dem zuvor ein „tiefes Feuer“ gebrannt hatte und das in Tränen auf den Fischer geschaut hatte. Ihr Blick erlischt wie die Sterne; die Verbindung zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen ihr und dem Knaben, reißt auf der Ebene des Sehens ab. Anthropologisch und erkenntnistheoretisch liegt darin eine harte Pointe des Gedichts: In dem Moment, in dem das Licht des Himmels und der Augen zugleich ausgeht, bricht die anschauliche Welt des Liebenden zusammen; es gibt keinen Blickkontakt, keinen Leitstern, keinen Mond, an dem sich seine Hoffnung festmachen könnte. Die Strophe verdichtet so in einem doppelten Auslöschen – kosmisch und menschlich – den Übergang von der geisterhaft-lebendigen Zwischenexistenz Feinsliebchens hin zum endgültigen Wegsein: Die Nacht ist nicht mehr romantisch beleuchtet, sondern wird zu einem Raum ohne Licht, in dem der Fischer mit seiner Liebe an einer Grenze steht, die nun nicht mehr durch Beschwörung oder Gebet zu überspielen ist.

Strophe 17

Lieb Mägdlein, guten Morgen, 65
Lieb Mägdlein gute Nacht! 66
Warum willst du nun schlafen, 67
Da schon der Tag erwacht? 68

Beschreibung:

In der siebzehnten Strophe wendet sich der Fischerknabe mit einer auffallend paradoxen Anrede an die Geliebte. Zweimal ruft er „Lieb Mägdlein“ und verbindet damit zwei gegensätzliche Grußformeln: „guten Morgen“ und „gute Nacht“. In den Versen 67 und 68 stellt er dann die Frage: „Warum willst du nun schlafen, / da schon der Tag erwacht?“ Die Situation ist also, äußerlich betrachtet, die eines beginnenden Tages – der Morgen bricht an –, während das Mädchen gerade jetzt in eine Art Schlaf hinübergleitet und sich seinem Zugriff entzieht. Die Strophe zeigt ihn somit als jemanden, der zwischen Tagesanbruch und der „Nacht“ des Mädchens steht und diesen Widerspruch in einer direkt adressierten Frage ausspricht.

Analyse:

Sprachlich fällt zunächst der doppelte Anredezug „Lieb Mägdlein“ ins Auge, der die Zuwendung des Knaben intensiviert und zugleich die Strophe rahmt: Die Geliebte ist das angesprochene Du in beiden Versen. Dass unmittelbar aufeinander „guten Morgen“ und „gute Nacht“ folgen, erzeugt einen harten Kontrast, der die zeitliche Ordnung sprengt: Die Grußformeln, die normalerweise verschiedene Tagesphasen klar markieren, werden hier verschränkt. Der anschließende Fragesatz ist formal einfach, semantisch aber dicht: „Warum willst du nun schlafen“ setzt voraus, dass das „Schlafen“ nicht der normale Nachtschlaf ist, sondern ein besonderer, in der Dämmerung einsetzender Zustand; „da schon der Tag erwacht“ benennt die objektive Zeitstruktur. Interessant ist das kleine „nun“ in Vers 67, das den Zeitpunkt betont: Ausgerechnet jetzt, wo doch ein neuer Tag beginnt, wählt sie den Schlaf. Insgesamt arbeitet die Strophe mit alltagssprachlichen, beinahe banalen Wendungen („guten Morgen“, „gute Nacht“, „schlafen“, „Tag erwacht“), die aber durch ihre Konstellation eine starke symbolische Spannung aufbauen. Der Volksliedton bleibt gewahrt, während die Zeitlogik ins Paradoxe kippt.

Interpretation:

Deutend zeigt diese Strophe, wie der Knabe die endgültige Entziehung der Geliebten an der Schwelle zwischen Nacht und Tag erlebt. Sein Doppelgruß „guten Morgen / gute Nacht“ lässt sich als verzweifelter Versuch lesen, zwei Wirklichkeiten zusammenzuhalten, die nicht mehr harmonieren: Für die Welt beginnt der Morgen, für das Mädchen ist es „Nacht“ im Sinne des Todes oder eines endgültigen Wegsinkens. Indem er fragt, „warum“ sie gerade jetzt „schlafen“ will, artikuliert er den Kern seiner existentiellen Ratlosigkeit: Er kann nicht verstehen, warum das, was für ihn als neuer Anfang erscheinen könnte (Tag, Licht, Vogelsang, erwachende Natur), für sie der Moment des Abschieds ist. Theologisch-anthropologisch lässt sich darin die Erfahrung bündeln, dass der Rhythmus der Natur und der inneren menschlichen Schicksale nicht deckungsgleich ist: Der Tag „erwacht“, aber für den einzelnen Menschen kann gerade dieser Tag zur Nacht werden. Die Strophe verdichtet in der Naivität ihrer Formeln eine tiefe Einsicht: Der Liebende steht dazwischen, gefangen in der Unvereinbarkeit von äußerem Zeitlauf und innerer, endgültiger Zäsur. Sprache, hier in Gestalt der vertrauten Grußworte, wird noch einmal eingesetzt, um eine Brücke zu schlagen; zugleich zeigt sich, dass sie die Grenzscheide zwischen Leben und Tod nicht überbrücken kann. Das „Warum“ bleibt unbeantwortet und markiert die offene, schmerzhafte Sinnfrage, mit der der Knabe in den folgenden Strophen allein bleibt.

Strophe 18

Die Türme blinken sonnig, 69
Es rauscht der grüne Wald, 70
Vor wildentbrannten Weisen, 71
Der Vogelsang erschallt. 72

Beschreibung:

Die achtzehnte Strophe wendet den Blick ganz auf die erwachende Umwelt. Die Türme der Städte, an denen der Kahn vorbeigetrieben ist, „blinken sonnig“ – sie werden von der aufgehenden Sonne hell angestrahlt. Gleichzeitig „rauscht der grüne Wald“: Die Natur ist hörbar lebendig und bewegt. Vor diesem Hintergrund von Licht und Blattrauschen erklingen „wildentbrannte Weisen“, vor denen „der Vogelsang erschallt“. Gemeint ist: Die Vögel stimmen in der Morgenfrühe ihre leidenschaftlich lebhaften Melodien an. Die Strophe fasst in vier Versen ein Panorama des aufbrechenden Tages: sonnengleißende Türme, rauschender Wald, leidenschaftlicher Vogelgesang.

Analyse:

Sprachlich fällt der starke Kontrast zur vorausgehenden Lichtlöschung auf. Nachdem Mond und Sterne „zerronnen“ und „kein Sternlein mehr zu sehn“ war, setzt nun das Sonnenlicht ein, das die Türme „sonnig“ blinken lässt. Die Türme, die Feinslieb zuvor noch mit einem Nicken grüßte, stehen jetzt in der Morgensonne; sie gehören wieder ganz der Tagwelt. „Es rauscht der grüne Wald“ ist ein klassisches Bild romantischer Naturbelebung: Farbe („grün“) und Laut („rauscht“) verschmelzen zu einer synästhetischen Wahrnehmung. Besonders auffällig ist die Formulierung „vor wildentbrannten Weisen“: Die „Weisen“ sind die Melodien, die „wild entbrannt“ wirken, also voller innerer Glut und Bewegung. Vor dieser leidenschaftlich aufgeladenen Klangkulisse „erschallt“ der Vogelsang, er bricht hervor, erfüllt die Luft. Die Strophe arbeitet damit mit einem dichten Klang- und Farbfeld: „blinken“, „sonnig“, „rauscht“, „grün“, „wildentbrannt“, „Vogelsang“, „erschallt“ – alles deutet auf Fülle, Intensität, Übermaß des Erwachens. Die Figuren im Kahn werden nicht erwähnt; sie sind in dieser Beschreibung gleichsam aus dem Bild gefallen.

Interpretation:

Deutend markiert diese Strophe den radikalen Gegensatz zwischen dem inneren Schicksal der Liebenden und dem unbeeindruckten Fortgang der Natur. Während für Feinsliebchen bereits „gute Nacht“ im endgültigen Sinn geworden ist und ihre Augen vergehen, beginnt für die Welt der „gute Morgen“ mit voller Kraft: Die Türme strahlen, der Wald rauscht, die Vögel singen „wildentbrannte Weisen“. Das Adjektiv „wildentbrannt“ unterstreicht, dass die Natur nicht nur freundlich, sondern leidenschaftlich, ja überbordend lebendig ist. Aus der Perspektive des Knaben, der eben noch fragt, warum sie „nun schlafen“ will, wirkt diese Überfülle wie eine grausame Indifferenz der Welt: Gerade in dem Moment, in dem er die Geliebte verliert, steigert sich die Umgebung zur maximalen Lebensintensität. Die Strophe gibt dem Paradox der Situation eine objektive, landschaftliche Form: Der Tag erwacht, als ob nichts geschehen wäre, und die Natur feiert ein Fest, das für den Liebenden hohl bleiben muss. Philosophisch-anthropologisch zeigt sich hier eine scharfe Erfahrung der Diskrepanz: Der Sinnlauf der Welt (Sonne, Wald, Vogelsang) kennt keine Rücksicht auf individuelles Leid; das Subjekt steht mit seiner Trauer in einem Universum, das unbeirrt weiterblüht und weiterklingt. Damit bildet diese Strophe den grellen, fast schmerzhaft schönen Hintergrund für die folgende Erkenntnis des Fischers, dass Feinsliebchen nicht mehr da ist – der Verlust tritt umso drastischer hervor, als die Welt gerade jetzt in voller, „wildentbrannter“ Lebendigkeit aufleuchtet.

Strophe 19

Da will er sie erwecken, 73
Daß sie die Freude hör', 74
Er schaut zu ihr hinüber, 75
Und findet sie nicht mehr. 76

Beschreibung:

Die neunzehnte Strophe führt die zuvor aufgebaute Konstellation von erwachender Natur und innerem Verlust in einen kurzen, dramatischen Wendepunkt. Der Fischerknabe „will sie erwecken“, damit sie „die Freude hör’“ – gemeint sind der sonnige Glanz, das Rauschen des Waldes und der „wildentbrannte“ Vogelsang. Er wendet sich also aktiv der Geliebten zu, mit der Absicht, sie am neu erwachenden Tag teilhaben zu lassen. Doch als er „zu ihr hinüber“ schaut, „findet“ er sie „nicht mehr“. Die Strophe zeigt die Bewegung von liebevoller Weckabsicht zur schockhaften Entdeckung, dass Feinsliebchen verschwunden ist.

Analyse:

Sprachlich ist die Strophe sehr einfach gebaut, was ihre Wirkung verstärkt. Zweimal beginnt ein Vers mit „Da“ („Da will er … / Daß sie …“), was eine zeitliche Unmittelbarkeit und eine kausale Verknüpfung markiert: In Reaktion auf das eben geschilderte Naturerwachen will er sie nun wecken. „Erwecken“ hat hier einen doppelten Klang: Es kann sowohl im wörtlichen Sinn des „Aufweckens aus dem Schlaf“ wie im tieferen Sinn eines Hervorholens aus einer Todesnähe gelesen werden. „Daß sie die Freude hör’“ fasst die ganze Fülle der vorher beschriebenen Welt – sonnige Türme, rauschenden Wald, Vogelsang – in dem einen Wort „Freude“ zusammen. Der dritte und vierte Vers vollziehen dann in zwei schlichten Sätzen die Wendung: „Er schaut zu ihr hinüber, / und findet sie nicht mehr.“ Die Parataxe, das Fehlen jeder Erklärung, der abrupt erscheinende Gegensatz zwischen Erwartung („er will … daß sie hör’“) und Ergebnis („findet sie nicht mehr“) lassen das Moment des Entsetzens sprachlich nahezu kommentarlos, aber darum umso eindringlicher hervortreten. Das „nicht mehr“ verweist auf einen Zustand, der im Kontrast zu einem vorherigen „noch da sein“ steht, ohne den Übergang auszuerzählen – die Lücke bleibt bewusst offen.

Interpretation:

Deutend bündelt diese Strophe das tragische Zentrum des Gedichts in einer knappen Szene. Der Fischer will die Geliebte an der Freude der Welt teilhaben lassen: Sein Impuls ist zutiefst liebevoll und lebenszugewandt. Er akzeptiert implizit die Schönheit des beginnenden Tages und möchte, dass sie diese Schönheit hört, als könnte der Vogelsang ihr eine neue Daseinsmöglichkeit öffnen. Doch genau in diesem Moment zeigt sich die endgültige Diskrepanz zwischen ihrer inneren Bewegung und seiner Hoffnung: Sie ist „nicht mehr“ – ob sie aus dem Kahn verschwunden ist, ob sie sich in die Flut, in die Tiefe, ins Jenseits gelöst hat, bleibt ungesagt. Die Sprache markiert den Verlust nicht durch eine genaue Beschreibung des Vorgangs, sondern durch das lapidare „findet sie nicht mehr“: Die Erfahrung des Liebenden besteht gerade darin, dass der entscheidende Moment der Entziehung ihm entzogen bleibt. Philosophisch-anthropologisch verdichtet sich hier die Einsicht, dass der Mensch das Verschwinden des Geliebten oft nur als nachträgliche Feststellung erlebt, nicht als durchschaubaren Prozess. Dass er sie „erwecken“ will, damit sie die „Freude“ hört, und sie dabei gerade nicht mehr vorfindet, macht die unaufhebbare Asymmetrie zwischen seiner Lebenssehnsucht und ihrem Weggehen sichtbar. Theologisch gelesen ließe sich sagen: Die Freude der Schöpfung ist da, aber der Einzelne, für den sie bestimmt scheint, ist ihr entzogen. Die Strophe steht damit wie ein harter Schnitt zwischen dem „wildentbrannten“ Morgenleben und der stillen, unerklärbaren Abwesenheit Feinsliebchens – ein Schnitt, den das Gedicht nicht erklärt, sondern im schlichten Bild der vergeblichen Weckbewegung stehen lässt.

Strophe 20

Ein Schwälblein strich vorüber, 77
Und netzte seine Brust, 78
Woher, wohin geflogen, 79
Das hat kein Mensch gewußt. 80

Beschreibung:

In der zwanzigsten Strophe tritt die äußere Handlung fast völlig zurück und wird durch ein kurzes, stark symbolisches Naturbild ersetzt. „Ein Schwälblein strich vorüber“ – eine Schwalbe fliegt knapp am Kahn entlang und berührt im Vorüberstreifen die Brust des Fischers: „und netzte seine Brust“. Ob damit Wasser, das vom Vogel aufwirbelt wird, oder ein Tropfen aus seinem Gefieder gemeint ist, bleibt offen; entscheidend ist die kurze, spürbare Berührung. Unmittelbar darauf folgt ein Satz, der aus der Szene heraustritt und sie kommentiert: „Woher, wohin geflogen, / das hat kein Mensch gewußt.“ Die Strophe beschreibt also ein flüchtiges Vogelereignis und schließt mit der expliziten Feststellung seiner Unwissbarkeit.

Analyse:

Sprachlich fällt der Wechsel von der konkreten, sinnlichen Beobachtung zur übergreifenden Reflexion auf. „Ein Schwälblein strich vorüber“ ist ein leiser, gleitender Vers: Der Diminutiv „Schwälblein“ knüpft an die vielen Verkleinerungsformen des Gedichts an und macht den Vogel klein, zart, zugleich vertraut; das Verb „strich“ bildet mit seinem lautmalerischen „schr“-Klang den schnellen, flach über dem Wasser geführten Flug lautlich ab. „Und netzte seine Brust“ fügt eine körperliche Dimension hinzu: Ausgerechnet die Brust – Sitz des Herzens, des Schmerzes – wird leicht benetzt. Die zweite Satzhälfte („Woher, wohin geflogen, / das hat kein Mensch gewußt“) verschiebt den Ton ins Allgemeine. Der Relativsatz „woher, wohin geflogen“ bleibt ohne Subjekt und reiht die beiden Richtungsfragen in enger Parallelität; der abschließende Hauptsatz formuliert eine allgemeine Erkenntnisgrenze: „kein Mensch“ weiß es. Der Schritt vom Einzelvorgang (ein Vogel, eine Berührung) zu einer generellen epistemischen Aussage verleiht der Strophe eine Scharnierfunktion zwischen konkreter Szene und übergreifender Deutung.

Interpretation:

Deutend wird das Schwälblein zu einem verdichteten Sinnbild für das rätselhafte Kommen und Gehen des Lebens, das der Fischer gerade am Verlust Feinsliebchens erlebt. Die kurze Berührung seiner Brust durch den Vogel ist wie ein letzter, kaum fassbarer Anstoß von außen: Ein fremdes, lebendiges Wesen streift sein Herz und hinterlässt eine Spur von Nässe – vielleicht Wasser des Rheins, vielleicht ein Zeichen der Träne oder ein Hauch von „Segen“. Doch anstatt diese Erscheinung zu erklären, zieht das Gedicht die Grenze: „Woher, wohin geflogen, das hat kein Mensch gewußt.“ Dieser Satz kommentiert nicht nur den Vogel, sondern hallt auf die ganze Fahrt, auf das Verschwinden Feinsliebchens und auf das Schicksal des Knaben zurück. Ursprung und Ziel des Vogels bleiben so unerkennbar wie Ursprung und Ziel des Weggehens der Geliebten und der weiteren Bewegung des Fischers, der später „weiter, weiter / bis in die See hinein“ treiben wird. In dieser Strophe bündelt sich die erkenntnistheoretische Grundhaltung des Gedichts: Der Mensch kann Wahrnehmungen sammeln, Berührungen spüren, Bilder sehen, aber das große „Woher“ und „Wohin“ seiner eigenen Existenz und derjenigen, die er liebt, entziehen sich seiner Kenntnis. Das Schwälblein ist damit mehr als ein dekoratives Naturdetail – es wird zur leisen, aber eindringlichen Chiffre für die Unverfügbarkeit des Lebenslaufs, die der Liebende in seiner Trauer akzeptieren muss, ohne sie je zu verstehen.

Strophe 21

Der Knabe liegt im Kahne 81
Läßt alles Rudern sein, 82
Und treibet weiter, weiter 83
Bis in die See hinein. 84

Beschreibung:

In der einundzwanzigsten Strophe tritt der Fischerknabe wieder deutlich als alleinige Figur in den Vordergrund. Es heißt nun: „Der Knabe liegt im Kahne“ – er sitzt nicht mehr, rudert nicht, sondern hat sich hingelegt, eine Haltung der völligen Passivität und Erschöpfung. „Läßt alles Rudern sein“ unterstreicht dies: Er verzichtet auf jede aktive Steuerung des Bootes. Stattdessen ergibt er sich ganz der Strömung: „Und treibet weiter, weiter / bis in die See hinein.“ Der Kahn wird nicht mehr nur auf dem Rhein bewegt, sondern treibt schließlich hinaus in das offene Meer. Die Strophe beschreibt somit in knapper Form einen Zustand völligen Sich-Treiben-Lassens und die räumliche Bewegung vom Fluss in die See.

Analyse:

Sprachlich markiert die Strophe einen Wechsel von Aktivität zu radikaler Passivität. „Der Knabe liegt im Kahne“ ist ein nüchterner, beinahe lakonischer Satz, der an die Anfangsformel „Ein Fischer saß im Kahne“ erinnert, aber die Haltung radikal verändert: aus dem Sitzenden wird der Liegende, aus konzentrierter Erwartung ein Zustand des Ausgestreckt-Seins, der Müdigkeit, vielleicht der Resignation. Der folgende Vers „Läßt alles Rudern sein“ gibt dieser Haltung eine klare, fast programmatische Formulierung: Das Rudern – Sinnbild für eigenes Zutun, Steuerung, Widerstand – wird aufgegeben. Die letzten beiden Verse verstärken mit dem doppelten „weiter, weiter“ den Eindruck eines unaufhaltsamen Fortgetriebenwerdens; die Repetition verlängert den Versfluss und macht den unbestimmten, an kein Ziel gebundenen Fortgang sinnlich erfahrbar. Die Bewegung „bis in die See hinein“ vollendet die bereits mehrfach angedeutete Raumlogik: Der „tiefe Rhein“, bisheriger Schauplatz, mündet in die Weite des Meeres. Formal bleibt die Syntax schlicht, die Verben sind rein beschreibend; gerade dadurch tritt die Tragweite der Bewegung umso deutlicher hervor.

Interpretation:

Deutend lässt sich diese Strophe als existentieller Wendepunkt verstehen, an dem der Knabe seine letzte Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, bewusst oder erschöpft preisgibt. Der Verzicht auf jedes „Rudern“ ist mehr als ein körperliches Aufhören; er bedeutet symbolisch auch den Verzicht auf das Bemühen, sein Schicksal zu steuern oder sich gegen den Verlust zu stemmen. Nachdem Feinsliebchen verschwunden ist und das „Woher, wohin“ des Schwälbleins als unerkennbar markiert wurde, bleibt ihm nur noch, sich dem Strom zu überlassen. In der Bewegung vom Fluss in die See verdichtet sich diese Haltung: Der Rhein steht noch für eine relativ gefasste Bahn zwischen Ufern, die See dagegen für offene, uferlose Weite, für das Unabsehbare, vielleicht auch für Auflösung und Selbstverlust. Ob diese Fahrt „bis in die See hinein“ als Selbstzerstörung, als Weg in eine radikale Heimatlosigkeit oder als Hineingeraten in eine größere, nicht mehr kontrollierbare Ordnung zu deuten ist, lässt das Gedicht bewusst offen. Klar wird jedoch: Der Mensch erscheint hier als jemand, der im Augenblick maximaler Erschütterung seine Handlungsmacht aus der Hand gibt und in eine Weite hineintreibt, deren Sinn er nicht kennt. Die Strophe fasst damit die anthropologische Grundfigur des Textes in ein einziges Bild: ein Liebender, der nach Verlust des Du im Boot seines Lebens liegt, das Ruder loslässt und sich von Kräften tragen lässt, die ihn über alle vertrauten Grenzen hinausführen.

Strophe 22

Ich schwamm im Meeresschiffe 85
Aus fremder Welt einher, 86
Und dacht' an Lieb und Leben, 87
Und sehnte mich so sehr. 88

Beschreibung:

In der zweiundzwanzigsten Strophe tritt erstmals ein Ich-Erzähler explizit in Erscheinung und verschiebt die Perspektive des Gedichts. Dieses Ich berichtet: „Ich schwamm im Meeresschiffe / aus fremder Welt einher“ – es fährt also auf einem großen Seeschiff und kommt aus einer unbestimmten, „fremden“ Welt heran. Während dieser Fahrt ist es innerlich mit sich selbst beschäftigt: „Und dacht’ an Lieb und Leben, / und sehnte mich so sehr.“ Das Ich denkt über Liebe und Leben nach und empfindet dabei eine starke, namenlos bleibende Sehnsucht. Die Strophe schildert mithin keinen neuen äußeren Vorgang, sondern die Situation eines anderen Reisenden auf dem Meer und seine innere Verfassung von Nachdenken und Sehnsucht.

Analyse:

Sprachlich und kompositorisch markiert diese Strophe einen deutlichen Einschnitt. Nach der langen Fokussierung auf den Fischerknaben, seine Geliebte und den Rhein tritt ein neues Subjekt auf: das „Ich“. Das „Meeresschiffe“ bildet einen Gegenpol zum kleinen „Schifflein“ des Fischers; statt des offenen Kahns auf dem Fluss nun ein größeres Schiff auf dem Meer. „Aus fremder Welt einher“ lässt die Herkunft bewusst unbestimmt und betont vor allem Fremdheit und Unterwegs-Sein. Die Bewegung geht nicht mehr „hinab“ auf dem Rhein, sondern „einher“ – heran, auf den Schauplatz zu. In den Versen 87 und 88 verlagert sich der Schwerpunkt weiter ins Innere: „dacht’ an Lieb und Leben“ fasst in zwei Stichworte, was das ganze Gedicht bisher konkret ausgestaltet hat; „sehnte mich so sehr“ steigert den affektiven Ton, ohne den Inhalt der Sehnsucht zu präzisieren. Der Trochäus bleibt, der Liedton setzt sich fort, aber die Strophe hat erzähltechnisch die Funktion einer Rahmung: Ein anderer, nicht näher charakterisierter Mensch erzählt von seiner eigenen Fahrt und seiner inneren Unruhe.

Interpretation:

Deutend eröffnet diese Strophe den Raum für eine Verallgemeinerung der zuvor erzählten Geschichte. Das Ich auf dem Meer ist zunächst nicht mit dem Fischer identisch, sondern eine eigenständige Figur: ein Reisender „aus fremder Welt“, der sich in einer Grundsituation des Menschlichen befindet – unterwegs, denkend „an Lieb und Leben“, von starker Sehnsucht erfüllt. Gerade dadurch bildet er ein Spiegelbild des Fischers: auch er ist ein Liebender, ein Suchender, ein Grenzgänger auf dem Wasser. Indem diese Figur jetzt als Ich spricht, wird deutlich, dass die bisherige Ballade nicht nur eine einmalige, fremde Geschichte ist, sondern in die Erfahrungswelt anderer hineinragt. Das Nachdenken über „Lieb und Leben“ wirkt wie eine Verdichtung der thematischen Linien des Gedichts: Liebe als Kern der Existenz, Leben als fragliche, gefährdete Bewegung, Sehnsucht als Grundbefindlichkeit. Die Strophe bereitet so den nächsten Schritt vor, in dem dieses Ich den Kahn des Fischers und dessen Lied wahrnimmt. Poetologisch-theologisch deutet sich hier an: Dichtung wird zum Medium, in dem individuelle Schicksale überzeitlich kommunizierbar werden; ein späterer Mensch erkennt in der fremden Geschichte Ausdruck seiner eigenen Sehnsucht. Die Strophe benennt damit leise, aber deutlich den Horizont, in dem „Auf dem Rhein“ gelesen werden will: nicht nur als Bericht eines Einzelfalls, sondern als Spiegelungsraum für die allgegenwärtige Spannung von Fremdheit, Liebesbedürftigkeit, Lebensfrage und unerfüllter Sehnsucht.

Strophe 23

Ein Schwälblein flog vorüber, 89
Der Kahn schwamm still einher, 90
Der Fischer sang dies Liedchen, 91
Als ob ich's selber wär'. 92

Beschreibung:

Die dreiundzwanzigste Strophe greift das Vogelmotiv noch einmal auf und schließt zugleich den Rahmen der Erzählung. Wieder „flog [ein] Schwälblein vorüber“, diesmal in der Wahrnehmung des Ich-Erzählers. Parallel dazu „schwamm [der] Kahn still einher“ – der kleine Fischerkahn gleitet ruhig auf dem Wasser, während das Meeresschiff des Ichs aus „fremder Welt“ herankommt. In dieser Situation hört das Ich den Fischer: „Der Fischer sang dies Liedchen, / als ob ich’s selber wär’.“ Der Knabe, den wir bisher aus der Erzählung kennen, singt also ein Lied, und das Ich erlebt dieses Lied so, als spräche es aus seinem eigenen Innersten. Die Strophe zeigt damit einen Moment leiser, aber tiefgreifender Begegnung und Identifikation: Vogel, Kahn, Lied und Ich treten in einen gemeinsamen Wahrnehmungsraum.

Analyse:

Formal schließt die Strophe an Strophe 20 an, wieder mit dem „Schwälblein“, das „vorüber“ fliegt, nun jedoch ohne den kommentierenden Satz vom „kein Mensch gewußt“. Der Vogel erscheint erneut als flüchtige, richtungslose Gestalt, diesmal ohne explizite Reflexion – das Rätselhafte bleibt im Hintergrund mitgedacht. „Der Kahn schwamm still einher“ schafft dazu ein Bild beruhigter, fast zeitlos wirkender Bewegung: „still“ hebt die Lautlosigkeit und Gelassenheit hervor, „einher“ knüpft an die Bewegung des Meeresschiffs „aus fremder Welt einher“ an; beide sind unterwegs, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Die Versfolge „Ein Schwälblein … / Der Kahn … / Der Fischer …“ baut eine kleine, dreistufige Szene auf: Naturzeichen, Objekt, Person. Mit „Der Fischer sang dies Liedchen“ wird der gesamte Text in sich zurückgebogen: Was wir gerade gelesen haben, ist im Binnenraum der Fiktion selbst ein Lied, das der Fischer singt. Der abschließende Vers „Als ob ich’s selber wär’“ bringt schließlich die Perspektive des Ich-Erzählers ins Spiel: Die Partikel „als ob“ markiert eine als-if-Identifikation, eine starke, aber nicht völlig verschmelzende Gleichsetzung. Prosodisch bleibt der Volksliedton gewahrt, doch die metapoetische Selbstbezüglichkeit – das Gedicht als im Gedicht gesungenes Lied – hebt die Strophe aus der rein erzählenden Funktion heraus.

Interpretation:

Deutend bildet diese Strophe den poetologisch-existentiellen Schlusspunkt des Gedichts. Das erneut auftauchende Schwälblein erinnert an die vorher formulierte Grenze des Wissens („Woher, wohin geflogen“), wird hier aber nicht mehr erklärt: Die Unverfügbarkeit des Lebenswegs ist als Hintergrundannahme gesetzt. Der „still“ dahinschwimmende Kahn des Fischers wirkt wie ein Bild dauernder Klage und Erinnerung; sein Schicksal ist nicht abgeschlossen, sondern geht als Gesang weiter. Entscheidend ist, was mit dem Ich-Erzähler geschieht: In dem Moment, in dem er das Lied des Fischers hört, erlebt er es „als ob ich’s selber wär’“. Damit löst Brentano die individuelle Tragödie aus ihrer Vereinzelung: Die Geschichte des Fischers wird zum Spiegel allgemeiner menschlicher Erfahrung; das Ich erkennt in fremdem Leid seine eigene Sehnsucht, seine eigene Liebes- und Verlustgeschichte. Sprache und Dichtung erweisen sich hier endgültig nicht als bloße Abbildung, sondern als Raum der Teilhabe: Im „Liedchen“ des Fischers werden Erfahrungen so verdichtet, dass sie von einem anderen aufgenommen und als eigene empfunden werden können. Die Strophe legt damit nahe, dass der Sinn dieser Ballade nicht in einer moralisierenden Lehre liegt, sondern in eben diesem Akt der identifikatorischen Rezeption: Ein Mensch hört ein Lied auf dem Wasser und spürt, dass es seine eigene Lage ausspricht – so wie der Leser sich in diesem Schlussvers wiederfinden darf. In der leisen Szene des vorbeifliegenden Vogels, des still dahingleitenden Kahns und des singenden Fischers verdichtet sich die Einsicht: Das Rätsel von Liebe, Verlust und Lebensweg bleibt ungelöst, aber im gemeinsamen Singen und Hören wird es zu einer geteilten, tragbaren Wahrheit.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Die Grundbewegung von Brentanos „Auf dem Rhein“ lässt sich als Verdichtung der Erfahrung beschreiben, dass der Mensch ein liebendes Grenzwesen ist, das die Macht des Todes, die Fremdheit des Weltlaufs und die Unerkennbarkeit des eigenen Weges nicht aufheben kann, aber in der Form des Liedes eine Weise findet, diese Überforderung auszuhalten und zu teilen. Die Ballade zeigt den Fischerknaben als Figur, deren Identität ganz im Festhalten an der Geliebten gründet, und konfrontiert ihn mit einer Geliebten, die schon halb dem Jenseits angehört und sich innerlich stärker zu Licht, Sternen, Kloster und Metten hin orientiert als zu seiner irdischen Bindung. Der Rhein wird so zum Schwellenraum zwischen Leben und Tod, Fluss und Meer, Nacht und Tag, in dem sich Liebesverlangen, religiöse Sehnsucht und das Scheitern menschlicher Erkenntnis („kein Mensch hat’s gewußt“) kreuzen, ohne in eine eindeutige Lösung zu münden. Im Schlussbild, in dem ein späteres Ich das Lied des Fischers hört „als ob ich’s selber wär’“, wird diese individuelle Tragödie in eine allgemein-menschliche Struktur überführt: Dichtung kann Tod und Verlust nicht rückgängig machen, aber sie bildet den einzigen Raum, in dem die zerrissene Existenz des Liebenden – zwischen Begehren und Grenze, Sinnsuche und Nicht-Wissen – in eine geteilte, nachsingbare Gestalt übergeht.

2. Verzahnung der Ebenen

Die bisherigen Deutungsstränge – die existentielle Liebestragik, die theologisch-metaphysische Dimension, die anthropologische Grundfigur, die formale und klangliche Gestaltung sowie die Einbettung in romantische und balladeske Tradition – greifen in „Auf dem Rhein“ ineinander wie Schichten eines einzigen Bildes, die sich gegenseitig durchleuchten. Die Liebesgeschichte des Fischerknaben ist zunächst die einfachste und nächste Ebene: Ein Mensch weigert sich, den Tod der Geliebten anzuerkennen, und hält an ihr fest, als könne seine Zuwendung die Grenze des Todes aufheben. Genau dieses affektive Grundgeschehen wird aber von Anfang an in einen symbolisch verdichteten Raum gestellt, in dem der „tiefe Rhein“, die Nacht, der wechselnde Lichtverlauf (Mond, Sterne, Kerzenschein, Sonnenaufgang) und die Bewegung vom Fluss in die See nicht bloß Hintergrund, sondern Mitspieler sind. So wird das psychologisch-Existenzielle von der ersten Strophe an in eine theologisch-metaphysische Konstellation hineingezogen: Die tote Geliebte ist eben nicht einfach „weg“, sondern erscheint als Zwischenwesen, das von Gebet, Sternen, Kloster und liturgischem Gesang angezogen wird, und der Rhein als Übergangsraum, in dem sich die Frage nach Leben, Tod und Transzendenz körperlich vollzieht.

Die anthropologische Figur des Menschen als liebendes Grenzwesen entsteht genau in dieser Überlagerung. Der Fischerknabe ist nicht nur ein Individuum in Trauer, sondern die exemplarische Gestalt eines „homo amans“ und „homo viator“, dessen Begehren systematisch über seine Endlichkeit hinausgreift: Er will das Tote als Lebendiges, das Entrückte als Nahes, das Jenseitsgebundene in der eigenen irdischen Bindung festhalten. Umgekehrt zeigt das Mädchen die andere Seite derselben Grundfigur: Es erscheint zugleich leiblich verletzlich und auf Transzendenz hin offen, ein „Mägdlein“ mit „tiefem Feuer“ in den Augen, das die Arme nach Bergen, Sternen, Licht und Kerzenschein ausstreckt. Theologisch gelesen entsteht aus dieser Spannung ein Doppelzug: Auf der einen Seite die fast kindlich-volkstümliche Nähe zu christlicher Bildwelt (Kloster, Metten, Kerzenschein, Glocken), auf der anderen Seite die Erfahrung, dass gerade diese Welt keinen einfachen Schutz bietet, sondern das Geschehen eher rahmt als ordnet. Moralische und erkenntnistheoretische Fragen – Darf ich einen Toten so festhalten? Was bedeutet es, daß Kloster und Glocken zwar da sind, aber niemand rettend eingreift? „Woher, wohin geflogen“? – sind in denselben Bildern angelegt, in denen sich Liebe und Verlust abspielen; sie werden nie dozierend, sondern immer als innere Spannung der Szene spürbar.

Die formale und sprachliche Gestaltung ist dabei nicht nachträglicher Schmuck, sondern trägt entscheidend dazu bei, dass diese Ebenen untrennbar ineinander greifen. Der volksliedhafte Trochäus, die regelmäßigen Vierzeiler, die Kosenamen („Feinsliebchen“, „Herzallerliebstes Gut“), die Diminutive („Hemdlein“, „Händlein“, „Mägdlein“, „Schwälblein“) und die einfachen Farb- und Lichtwörter („rot und immer röter“, „bleich und immer bleicher“, „Sternlein“, „Vollmond“, „Kerzenschein“) halten die Sprache in einer scheinbar naiven Tonlage. Gerade diese „Einfachheit“ ermöglicht es aber, dass existenzielle und metaphysische Spannungen ohne theoretische Begriffe, nur in der Bewegung der Bilder und Klangfiguren, erfahrbar werden. Die Imperative des Knaben („Hüll’ dich in meinen Mantel“, „halte dich doch stille“, „bet’ hübsch stille“) sind zugleich psychologische Schutzversuche, moralisch ambivalente Grenzbeschwörungen und sprachliche Miniaturen einer voluntativen Theologie, die glaubt, mit Worten und Disziplin die Tiefe der „Flut“ und des „Wirbels“ bändigen zu können. Die Lichtdramaturgie – vom milden Mond- und Sternenschein über das rote Aufglühen der Flut bis zum Erlöschen von Himmelslichtern und Augen und dem dann umso grelleren „sonnigen“ Tagesanbruch – verschränkt Naturlauf, Todesprozess und Erkenntnisverlust zu einer einzigen Bildbewegung.

Schließlich fügt die intertextuelle und poetologische Rahmung diese Ebenen in eine übergreifende Reflexion über Dichtung selbst. Dass der Schauplatz der Rhein ist, dass Geistererscheinung, Totenfahrt, Klosterbilder und Vogelmotiv an romantische Balladen-, Volkslied- und Sagen-Traditionen anschließen, macht aus der Einzelszene ein bewusst gestaltetes Motivfeld, in dem das Individuelle immer schon mehr ist als sein eigener Fall. Die doppelte Schwälblein-Szene – erst als Chiffre der Unerkennbarkeit von „woher, wohin“, dann noch einmal im Schlussbild – und der Übergang vom Fluss in die See bereiten vor, was die Schlussstrophen explizit machen: Die Geschichte des Fischers wird zum „Liedchen“, das ein spätes Ich im Meeresschiff hört und „als ob ich’s selber wär’“ erlebt. Hier verzahnt sich die anthropologische Grundfigur des sehnsüchtigen, grenzübergreifenden Menschen mit einer poetologischen Aussage: Dichtung kann die objektiven Grenzen von Tod, Wissen und Weltlauf nicht sprengen, aber sie schafft einen Raum, in dem das Einzel-Schicksal durch Form (Strophe, Reim, Rhythmus) verallgemeinert und zugleich subjektiv angeeignet werden kann. Die Liebestragik, die religiös-metaphysische Schwebe, die Erfahrung von Grenze und Nicht-Wissen und die schlichte, liedhafte Sprache kulminieren darin, dass ein anderer Mensch, „aus fremder Welt“ kommend, das Lied hört und darin sein eigenes „Lieb und Leben“ wiederfindet. Die Verzahnung der Deutungsstränge läuft somit auf eine leise, aber entschiedene Schlusspointe hinaus: Der Sinn dieser Ballade liegt nicht in einem fertigen Lehrsatz, sondern darin, dass sie als Lied jene prekäre menschliche Konstellation – Liebe an der Grenze, Sehnsucht im Nicht-Wissen – so gestaltet, dass sie für viele „als ob ich’s selber wär’“ erfahrbar wird.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch lässt sich als Schlussbild festhalten: Der Mensch erscheint in „Auf dem Rhein“ als ein Wesen, das durch Liebe konstituiert, durch Grenzen verwundet und durch Sehnsucht in Bewegung gehalten wird – und das gerade dort, wo Wissen, Macht und religiöse Sicherheit versagen, auf Dichtung angewiesen ist, um sich selbst zu verstehen. Der Fischerknabe ist nicht nur Einzelfigur, sondern Verdichtung einer Grundsituation: Er lebt davon, daß es ein „Lieb“ gibt, an dem sein Herz hängt; er zerbricht daran, daß der Tod diese Beziehung entzieht; er kann die Grenze nicht akzeptieren und sucht in einem Zwischenraum – auf dem „tiefen Rhein“, zwischen Nacht und Tag, Fluss und Meer – nach einer Weise, die Geliebte dennoch festzuhalten. Die Geliebte ihrerseits verkörpert die andere Seite des Menschlichen: verletzliche Leiblichkeit und zugleich Ausrichtung auf ein „Mehr“ – auf Licht, Sterne, Kloster, Metten. Im Scheitern dieser beiden Bewegungen, in der Unerkennbarkeit des „woher, wohin“ (Schwälblein, Verschwinden Feinsliebchens, Treiben des Kahns in die See) zeigt sich der Mensch als Grenzgänger, der mit seinen Affekten die Grenze überschreitet, sie faktisch aber nicht aufheben kann.

Poetologisch liegt darin die leise, aber entschiedene Aussage, daß Dichtung die elementare Kulturform ist, in der dieser Widerspruch zwar nicht gelöst, aber tragbar wird. Die Ballade demonstriert, daß weder Affekt noch Religion noch Erkenntnis den Tod aus der Welt schaffen: Die Geliebte stirbt, der Knabe verliert sie, das Kloster singt, ohne zu retten, das „kein Mensch gewußt“ bleibt stehen. Was bleibt, ist das Lied. Indem der Fischer seine Geschichte singt und ein späteres Ich sie hört „als ob ich’s selber wär’“, verwandelt sich individuelle Überforderung in einen geteilten Klangraum. Dichtung erscheint damit nicht als Luxus neben Religion und Philosophie, sondern als deren „existentielles Korrektiv“: Sie nimmt ernst, was unaufhebbar offen bleibt, und gibt ihm Gestalt, Rhythmus, Wiederholbarkeit. Die letzte Botschaft der Ballade ließe sich so zuspitzen: Der Mensch kann seine Grenzen nicht sprengen, aber er kann sie singen – und gerade darin, daß ein anderes Ich dieses Lied als das eigene erkennt, liegt jene Form von Sinn, die „Auf dem Rhein“ als möglich und zugleich als das Äußerste menschlicher Selbstdeutung vor Augen stellt.

V. Editorische Angaben

Für die editorische Einordnung von Brentanos Gedicht „Auf dem Rhein“ („Ein Fischer saß im Kahne“) lassen sich drei Punkte festhalten: Entstehung und Erstdruck, Überlieferung und Fassungen, sowie eine verlässliche moderne Textgrundlage. Das Gedicht gehört in den Entstehungskontext des Romans *Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter*, an dem Brentano von 1798 bis 1801 arbeitete. Im Roman wird das Lied von der Figur Georg gesungen; dort ist es in die Romanhandlung eingebettet und noch nicht mit dem später geläufigen Titel „Auf dem Rhein“, sondern nur durch seine Anfangszeile „Ein Fischer saß im Kahne“ gekennzeichnet. Der Text der Druckfassung entstand nach den editorischen Hinweisen der Frankfurter Brentano-Ausgabe um 1800/1801; der Erstdruck erfolgte im anonym erschienenen *Godwi* (Bremen, Wilmans) in den Jahren 1801/1802. Überlieferungsgeschichtlich ist zwischen der im Roman *Godwi* gedruckten Fassung und späteren selbständigen Gedichtüberlieferungen zu unterscheiden. Die historisch-kritische Dokumentation weist neben der Romanfassung eine gesonderte, handschriftlich überlieferte Gedichtfassung „Ein Fischer saß im Kahne“ aus, deren Erstdruck (als Faksimile) erst 1939 erfolgte. In der neueren Lyriktradition hat sich für das Gedicht die Überschrift „Auf dem Rhein“ eingebürgert, die das Schauplatz-Motiv heraushebt und zugleich den Zusammenhang mit Brentanos Rheinlandschafts-, Sagen- und Märchenstoffen markiert. Textlich existieren kleinere Varianten, etwa in der dritten Strophe: Einige Drucke lesen „Da kömmt sie hergegangen / und steiget in den Kahn“, während andere Fassungen – wie die hier zugrunde liegende – „Da kömmt sie bleich geschlichen / und schwebet in den Kahn“ bieten. Solche Differenzen betreffen vor allem Verben der Bewegung und einzelne Wortformen (etwa „Knieen“/„Knien“) und verändern die semantische Nuancierung zwischen Geisterhaftigkeit und Alltäglichkeit der Szene. Als zuverlässige Textbasis bietet sich heute vor allem die historisch-kritische *Frankfurter Brentano-Ausgabe* an, insbesondere der Romanband *Prosa I. Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter* (FBA Bd. 16, hrsg. von Werner Bellmann), der die Romanfassung mit ausführlichem quellen- und textkritischem Apparat dokumentiert. Ergänzend kann für die lyrische Überlieferung und die Einordnung in Brentanos frühe Rhein-Lyrik der Band *Gedichte 1801–1806. Text, Lesarten und Erläuterungen* der gleichen Ausgabe herangezogen werden, der die frühe Gedichtproduktion mit Varianten und Kommentaren erschließt. Für Arbeitszwecke stehen zudem zuverlässige digitale Editionen (etwa Zeno.org oder die TextGrid-Bibliothek) zur Verfügung, die auf der Hanser-Gesamtausgabe und der Frankfurter Brentano-Ausgabe beruhen und den Vergleich der unterschiedlichen Fassungen („Godwi“-Kontext, spätere Gedichtdrucke unter dem Titel „Auf dem Rhein“) erleichtern.

VI. Gedichttext

Auf dem Rhein

Ein Fischer saß im Kahne, 1
Ihm war das Herz so schwer 2
Sein Lieb war ihm gestorben, 3
Das glaubt er nimmermehr. 4

Und bis die Sternlein blinken, 5
Und bis zum Mondenschein 6
Harrt er sein Lieb zu fahren 7
Wohl auf dem tiefen Rhein. 8

Da kömmt sie bleich geschlichen, 9
Und schwebet in den Kahn 10
Und schwanket in den Knieen, 11
Hat nur ein Hemdlein an. 12

Sie schwimmen auf den Wellen 13
Hinab in tiefer Ruh', 14
Da zittert sie, und wanket, 15
Feinsliebchen, frierest du? 16

Dein Hemdlein spielt im Winde, 17
Das Schifflein treibt so schnell, 18
Hüll' dich in meinen Mantel, 19
Die Nacht ist kühl und hell. 20

Stumm streckt sie nach den Bergen 21
Die weißen Arme aus, 22
Und lächelt, da der Vollmond 23
Aus Wolken blickt heraus. 24

Und nickt den alten Türmen, 25
Und will den Sternenschein 26
Mit ihren starren Händlein 27
Erfassen in dem Rhein. 28

O halte dich doch stille, 29
Herzallerliebstes Gut! 30
Dein Hemdlein spielt im Winde, 31
Und reißt dich in die Flut. 32

Da fliegen große Städte, 33
An ihrem Kahn vorbei, 34
Und in den Städten klingen 35
Wohl Glocken mancherlei. 36

Da kniet das Mägdlein nieder, 37
Und faltet seine Händ' 38
Aus sehen hellen Augen 39
Ein tiefes Feuer brennt. 40

Feinsliebchen bet' hübsch stille, 41
Schwank' nit so hin und her, 42
Der Kahn möcht' uns versinken, 43
Der Wirbel reißt so sehr. 44

In einem Nonnenkloster 45
Da singen Stimmen fein, 46
Und aus dem Kirchenfenster 47
Bricht her der Kerzenschein. 48

Da singt Feinslieb gar helle, 49
Die Metten in dem Kahn, 50
Und sieht dabei mit Tränen 51
Den Fischerknaben an. 52

Da singt der Knab' gar traurig 53
Die Metten in dem Kahn 54
Und sieht dazu Feinsliebchen 55
Mit stummen Blicken an. 56

Und rot und immer röter 57
Wird nun die tiefe Flut, 58
Und bleich und immer bleicher 59
Feinsliebchen werden tut. 60

Der Mond ist schon zerronnen 61
Kein Sternlein mehr zu sehn, 62
Und auch dem lieben Mägdlein 63
Die Augen schon vergehn. 64

Lieb Mägdlein, guten Morgen, 65
Lieb Mägdlein gute Nacht! 66
Warum willst du nun schlafen, 67
Da schon der Tag erwacht? 68

Die Türme blinken sonnig, 69
Es rauscht der grüne Wald, 70
Vor wildentbrannten Weisen, 71
Der Vogelsang erschallt. 72

Da will er sie erwecken, 73
Daß sie die Freude hör', 74
Er schaut zu ihr hinüber, 75
Und findet sie nicht mehr. 76

Ein Schwälblein strich vorüber, 77
Und netzte seine Brust, 78
Woher, wohin geflogen, 79
Das hat kein Mensch gewußt. 80

Der Knabe liegt im Kahne 81
Läßt alles Rudern sein, 82
Und treibet weiter, weiter 83
Bis in die See hinein. 84

Ich schwamm im Meeresschiffe 85
Aus fremder Welt einher, 86
Und dacht' an Lieb und Leben, 87
Und sehnte mich so sehr. 88

Ein Schwälblein flog vorüber, 89
Der Kahn schwamm still einher, 90
Der Fischer sang dies Liedchen, 91
Als ob ich's selber wär'. 92