Autor: Sigmund von Birken
Gedicht: »Floramor oder Tausendschön«
Erstdruck: Heiliger Sonntags-Handel und Kirchwandel, Nürnberg (Johann Jacob von Sandrart) und Frankfurt (Christian Sigmund Froberg), 1681.
Zyklus / Sammlung: In der Auswahl/Anthologie Auserlesene Gedichte (Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, Bd. 9), hg. von Wilhelm Müller.
Edition: Textgrundlage nach der Druckausgabe Leipzig: Brockhaus, 1826 (digitale Bereitstellung: TextGrid Digitale Bibliothek).

I. Beschreibung des Gedichts

1. Formale Grundstruktur

Das Gedicht ist streng strophisch gebaut: Es besteht aus drei Strophen zu jeweils sechs Versen, also insgesamt 18 Versen. Diese Gleichförmigkeit der Strophenlänge, verbunden mit dem deutlichen Endreim, deutet auf eine liedhafte und zugleich gelegenheitspoetische Form hin, wie sie im Barock für Blumen-, Amor- und Emblemgedichte typisch ist: kurze Strophen, pointierte Bilder, und eine in sich geschlossene Bewegung pro Strophe.

Dominant ist ein trochäischer Grundschlag (betont–unbetont), der meist auf vier Hebungen hinausläuft und den Text rasch, beweglich und „liednah“ macht (etwa: „Wann die Nymphen sich ergötzen“). Innerhalb der Strophen entsteht zusätzlich ein regelmäßiger Wechsel der Kadenzen: Die Reimpaare der Zeilen 1–2 sowie 4–5 enden überwiegend weiblich (zweisilbig, z. B. -tzen, -ossen), während die Zeilen 3 und 6 häufig männlich schließen (einsilbig, z. B. ritzt, spritzt, ziert, führt). Sichtbare metrische „Härten“ entstehen dort, wo stark einsilbige, konsonantische Schlüsse stehen oder wo die Silbenzahl durch frühneuzeitliche Kontraktionen mitschwingt; besonders prägnant wirken die „stichartigen“ Enden „Stachel ritzt“ (V. 3), „auf sie spritzt“ (V. 6) sowie „wo man … führt“ (V. 12) und „Grabesthür“ (V. 18). Diese Stellen brechen nicht die Grundordnung, aber sie verdichten das Metrum hörbar und geben den Versen eine schärfere, abschließende Kontur.

Das Reimschema ist in allen drei Strophen nach demselben Muster organisiert: A A B C C B. In der ersten Strophe reimen sich ergötzen / Hetzen (A), ritzt / spritzt (B) und ergossen / sprossen (C); in der zweiten Strophe entsprechend mahlen / prahlen (A), ziert / führt (B) und Tausendschönen / krönen (C). In der dritten Strophe wird das Muster ebenfalls erkennbar, allerdings mit einer auffälligen Reimverunreinigung gleich zu Beginn: Blüthe / biete (V. 13–14) ist eher Assonanz als Vollreim. Auch dir / Thür (V. 15 / 18) ist klanglich kein perfekter Gleichklang. Gerade diese Unreinheiten lassen sich als Funktion lesen: Am Ende verschiebt sich das Gedicht von der kunstvoll-mythologischen und sozialkritischen Bildarbeit hin zur persönlichen Bitte und Grabesszene; dort darf die Reinstrenge nachlassen, weil die Rede weniger „repräsentativ“ als „intim“ und beschwörend wird.

Der Satzbau ist überwiegend periodisch und strophenweise gebündelt: Jede Strophe bildet im Kern eine eigene syntaktische Einheit, die sich über mehrere Zeilen ausspannt. Dadurch entstehen typische Enjambements, die das Lesen beschleunigen und die Bildentfaltung „rollend“ machen, etwa vom Verletzungsbild zur Blütenfolge in Strophe 1 (V. 3–6) oder in Strophe 2 vom höfischen Purpur zur Gegenbehauptung „Schöner sind …“ (V. 9–12). Markante harte Einschnitte setzen die Satzzeichen an strategischen Stellen: Das Doppelpunkt-Ende in V. 3 („ritzt:“) schneidet die Bewegung kurz ab und wirkt wie ein „Stich“ im Vortrag; ebenso bündelt der Doppelpunkt in V. 9 („ziert:“) den Übergang vom Hofbild zur Wertumkehr. In der dritten Strophe öffnet das Ausrufezeichen nach der Anrufung „Amarante“ (V. 13) eine neue Sprechhaltung: Der Text wechselt hörbar von beschreibender/vergleichender Rede zu direkter Bitte und Anweisung.

Mehrere wiederkehrende Muster geben dem Gedicht formale Stabilität und thematische Stringenz. Erstens sorgt die identische Strophenarchitektur (6 Verse, Schema AABCCB, Kadenzwechsel) für einen gleichmäßigen, liedhaften Puls. Zweitens arbeitet Birken mit paarigen Setzungen: Zeilen 1–2 eröffnen jeweils einen Bildraum (mythologische Szene; höfische Purpurwelt; Anrufung der Amarante), Zeilen 4–5 liefern eine zweite, eng gekuppelte Ausführung (Sprossen/Blut; Tausendschön/Freiheit; wieder/nieder), und Zeilen 3 & 6 rahmen das Ganze mit prägnanten, oft einsilbig schließenden Spitzen (ritzt/spritzt; ziert/führt; dir/Thür). Drittens tritt eine auffällige Parallelführung durch Deixis und Rollenwechsel hinzu: von der erzählenden Naturmythe (Strophe 1) über die wertende Vergleichsrede (Strophe 2) zur apostrophischen Ich-Rede mit Imperativen (Strophe 3). Form und Argumentationsbewegung laufen dadurch synchron.

Die äußere Gestalt bestätigt zunächst ein gattungstypisches Schema barocker Blumen- und Liebeslyrik: regelmäßige Strophen, klingende Reime, mythologische Staffage und farbsymbolische Glanzbilder (Purpur). Zugleich wird dieses Erwartungsmuster im Schluss bewusst umgebogen: Die letzte Strophe kippt von der Blumenpreisung in eine memoriale Perspektive, indem die Blume nicht nur Schmuck oder Liebeszeichen, sondern Grabwache werden soll („Dort um meine Grabesthür“). Gerade die formale Liedhaftigkeit trägt dabei die barocke Pointe: Was zunächst wie anmutige Natur- und Liebesrede ansetzt, endet in einer memento-mori-nahen Bindung über den Tod hinaus, ohne die metrische Ordnung aufzugeben.

2. Sprechsituation

Das Gedicht beginnt ohne ein ausdrücklich markiertes lyrisches Ich und wirkt zunächst wie eine rollenlose, quasi-objektive Erzähl- und Deutestimme, die eine Herkunftslegende und einen Wertvergleich vorträgt. In der dritten Strophe tritt dann ein deutliches Ich hervor („Blumen liebe ich“), das sich zugleich performativ als Liebhaber und Kenner des Blumenreichs inszeniert und sich im Eigennamen „Blumhold“ (V. 16) sogar explizit bezeichnet. Dadurch wird die Stimme am Ende stark individualisiert: Aus einer allgemein gültig klingenden Blumenrede wird ein persönliches Bekenntnis, das auf eine konkrete Lebens- und Sterbeperspektive verweist.

Die Adressierung wechselt. In Strophe 1 und 2 richtet sich der Text faktisch an ein implizites Publikum, das sich an mythischen, emblematischen und gesellschaftlichen Vergleichsbildern erfreuen soll; die Rede ist dort mitteilend und darstellend. In Strophe 3 wird der Text ausdrücklich apostrophisch: Das Gegenüber ist die Blume selbst, namentlich Amarante (V. 13), die als Liebesblüte angesprochen und zu einer Handlung bzw. Haltung aufgefordert wird („Ehre … dir“; „Stehe …“). Zugleich bleibt das Publikum als stiller Zeuge im Hintergrund präsent, denn die Bitte um Grabnähe zielt auch auf Erinnerung und Nachruhm.

Die Sprechhaltung ist zunächst erzählerisch-explikativ (Strophe 1): Es wird ein Ursprungsszenario entworfen, beinahe wie ein kleiner Mythos oder Emblemkommentar. In Strophe 2 wird sie wertend und antithetisch: Hofpracht und „prächtig Elend“ werden gegen eine als schöner empfundene Freiheit der „Tausendschönen“ ausgespielt. In Strophe 3 schließlich kippt der Ton in eine affektive Anrufung und in eine bitte- bzw. befehlnahe Redeform: Die Imperative („ehre wieder“, „Stehe“) verbinden zärtliche Verehrung mit ritueller Bestimmtheit, als würde eine symbolische Ordnung gestiftet.

Explizit wird keine konkrete historische Zeit genannt, doch die Bildwelt setzt mehrere Räume und Zeiten übereinander. Strophe 1 spielt in einer mythologischen Naturzeit (Nymphen, Dorn, Blut, Sprossen) und erzeugt damit einen Ursprungston, der außerhalb alltäglicher Chronologie liegt. Strophe 2 führt in einen gesellschaftlichen Raum, den Hof („zu Hof in Purpur prahlen“), und kontrastiert ihn mit einer pastoralen Landschaft, in der „fromme Heerden“ geführt werden. Strophe 3 verschiebt die Situation nochmals: Sie entwirft implizit eine Lebenszeit des Sprechers, die bis in die Todes- und Nachzeit reicht, wenn die Blume am Grab stehen soll („wann ich liege nieder“; „Grabesthür“). Der Raum am Ende ist damit ein Schwellenraum: Grab als Grenze zwischen Gegenwart und Erinnerung.

Die Perspektive verläuft in einer klaren Bewegung von außen nach innen. Am Anfang überwiegt eine auktorial wirkende Außenperspektive, die das Geschehen wie von oben beschreibt und mit Ursache-Folge-Logik ordnet („Wo …, macht er …“). In der zweiten Strophe tritt eine vergleichende Beobachterperspektive hinzu, die soziale Wertungen ausspricht und Alternativen aufstellt („Schöner sind …“). In der dritten Strophe wird die Perspektive subjektiv und existentiell: Das Ich bekennt seine Vorlieben, formuliert ein Ehrenverhältnis und projiziert die Beziehung in den Tod hinein. Diese Verschiebung ist funktional: Das Gedicht arbeitet sich von emblematischer Anschauung zu persönlicher Bindung vor.

Im Schluss entsteht ein Verhältnis, das zugleich hierarchisch und reziprok ist. Hierarchisch, weil der Sprecher der Amarante Vorrang vor anderen Blumen gibt („Ehre vor den andern dir“) und sie zugleich zu einer Aufgabe bestimmt (am Grab zu stehen). Reziprok, weil er eine Art Tauschstruktur stiftet: Er ehrt die Blume – die Blume soll den „Blumhold“ „wieder“ ehren (V. 16), also seine Zuneigung beantworten und seine Erinnerung tragen. Das Gegenüber ist dabei nicht eine Person, sondern eine personifizierte Blume, die als Liebeszeichen, Freiheitszeichen und Memorialzeichen zugleich fungiert. Gerade diese Personifikation macht das Verhältnis ambivalent: Es ist intime Anrede, aber auch poetische Selbstinszenierung und symbolische Setzung in Richtung Nachruhm.

3. Aufbau und innere Bewegung

Am Anfang wird keine biographisch-konkrete Situation des Sprechers gesetzt, sondern eine mythologisch-naturhafte Ausgangsszene: „Wann die Nymphen sich ergötzen“ (V. 1) eröffnet ein Bild von spielerischer Bewegung, Jagd und Körperlichkeit, in dem ein kleiner Schmerz (Dornstich, Blut) als Auslöser einer Verwandlung fungiert. Das Sprecher-Ich ist zu Beginn noch nicht sichtbar; die Stimme wirkt unbeteiligt und erklärend, als würde sie ein emblematisches Naturwunder vorführen. Der „Zustand“ ist daher eher ein Zustand des schauenden Erzählens: Der Text beginnt in einem Modus der anschaulichen Setzung und der Ursache-Folge-Erklärung, nicht in einem Modus von innerer Betroffenheit.

Die Sinnabschnitte fallen nahezu deckungsgleich mit den drei Strophen zusammen, weil jede Strophe eine eigene argumentative und bildliche Funktion übernimmt. Erster Abschnitt (Strophe 1, V. 1–6): Ursprungsmythos der Floramor-Blüte aus Dornritzung und Blut, mit starkem Farb- und Körperakzent (Purpur). Zweiter Abschnitt (Strophe 2, V. 7–12): Vergleich und Wertumkehr zwischen künstlich/sozial codiertem Hofpurpur (Meerschnecke) und natürlicher „Tausendschön“-Schönheit in Freiheit und Pastoral. Dritter Abschnitt (Strophe 3, V. 13–18): Anrufung und Bindung, in der der Sprecher persönlich wird, die Amarante auszeichnet und die Beziehung bis zur Grabnähe auszieht. Inhaltlich lassen sich die Abschnitte als Schrittfolge lesen: GeneseWertungAppropriation (Aneignung) und Memorialisierung. Formal stützen dies die jeweils neue Sprechhaltung: Erzählen, Vergleichen, Anreden/Bitten.

Ein erster Wendepunkt liegt zwischen Strophe 1 und 2: Nach dem mythischen Naturgeschehen wechselt der Text in den gesellschaftlichen Raum des Hofes und damit in einen Modus sozialer Semantik (Purpur als Rangzeichen). Der entscheidende Umschlag in Strophe 2 ist die Gegenbehauptung „Schöner sind die Tausendschönen“ (V. 10): Hier wird das zuvor entfaltete Purpurglanzmotiv ausdrücklich relativiert und in eine Alternative überführt. Die stärkste Kulmination ist jedoch der Eintritt der direkten Anrede in Strophe 3: „Amarante, Liebesblüthe!“ (V. 13) markiert einen performativen Sprung vom Reden über Blumen zum Reden mit der Blume. Die letzte Zeile „Dort um meine Grabesthür“ (V. 18) bildet schließlich die existentielle Spitze: Das Gedicht endet nicht bei Schönheit, sondern bei Gedächtnis und Todesschwelle.

Ja, es lässt sich eine Bewegung vom glänzenden, blut- und purpurfarbigen Ursprung hin zu einer schlichten, freiheitlich-pastoralen und schließlich memorialen Zielsetzung beschreiben. Der Ausgangspol ist das intensive, fast sinnliche Farbbild: Blut spritzt, Purpur leuchtet, der Dorn sticht. Der Gegenpol entsteht zunächst als ethisch-ästhetische Wertung gegen höfische Pracht: Der Hofpurpur ist zwar prachtvoll, aber er „ziert ein prächtig Elend“ (V. 9) – also ein Glanz, der innerlich hohl, sozial belastet oder moralisch zweifelhaft erscheint. Sprachlich vollzieht sich der Weg über klare Kontrastsignale („Schöner sind …“) und über Ortssemantik (Hof versus „hier“, Weide/Herden). Bildlich wird der Übergang vom Purpur (künstlich gewonnen, standesbezogen) zur Tausendschön-Blume (nahe, frei, unprätentiös) vollzogen, bevor die Bewegung in Strophe 3 noch einmal umschlägt: Schönheit wird zur Bindungsfigur, und Bindung zur Grabfigur. Der Endpol ist damit nicht „Natur“ allein, sondern Natur als Trägerin von Treue und Andenken.

Es gibt mehrere Spiegelungen, die dem Text einen geschlossenen, nicht fragmentarischen Charakter geben. Die auffälligste Spiegelung ist die Farb- und Ehrenlogik: Strophe 1 etabliert Purpur als Blut- und Blütenfarbe; Strophe 2 nimmt Purpur als Hofzeichen auf und entwertet ihn; Strophe 3 ersetzt den Purpurglanz durch Ehre und Treue gegenüber der Amarante. Damit wird ein Motiv (Purpur/Glanz) nicht einfach verlassen, sondern in eine andere Sphäre überführt (von Farbe zu Wert). Eine zweite Rahmenbildung liegt in der Bewegung von Verletzung (Dorn, Blut) zu Schwelle (Grabestür): Anfang und Ende markieren je eine Grenze am Körper bzw. am Leben. Eine eigentliche Kreisbewegung im Sinne eines Zurückkehrens zum Anfang gibt es nicht; vielmehr liegt eine Teleologie vor: Die Bilder treiben auf eine Pointe zu, die im Grabmotiv ihren Abschluss findet.

Äußere Gliederung und innere Kurve stützen sich sehr deutlich. Die strophische Regelmäßigkeit (je 6 Verse) schafft einen stabilen Rahmen, innerhalb dessen die innere Bewegung Schritt für Schritt intensiviert wird. Gerade die formale Gleichförmigkeit wirkt wie ein Gehäuse, in dem die Bedeutungen wandern dürfen: von mythologischer Anschauung (relativ kühl) zu sozialer Wertung (argumentativ schärfer) zu persönlicher Selbstbindung (affektiv am stärksten). Eine produktive Spannung entsteht allerdings darin, dass die Form weiterhin liedhaft und geordnet bleibt, während die innere Kurve am Ende ein existentielles Gewicht erreicht (Grab, Niederliegen, Schwelle). Diese Diskrepanz – heitere, klare Form bei dunklerer Endperspektive – ist barock typisch und für die Deutung zentral: Sie zeigt, wie das Gedicht Vergänglichkeit nicht im Chaos, sondern in einem geordneten Emblem und in ritualisierter Sprache fasst.

4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation

Die Grundstimmung ist zunächst anmutig und spielerisch-anschaulich: Das Gedicht eröffnet mit einer Szene heiterer Bewegung („Wann die Nymphen sich ergötzen“), die zugleich wie ein kunstvolles Naturmärchen wirkt. Dieser Ton trägt etwas galantes und emblematisch-elegantes Gepräge, weil die Bilder präzise gesetzt und auf Schönheit, Farbe und Glanz hin komponiert sind. Gleichzeitig schwingt von Anfang an eine leichte Schärfe mit, da das heitere Spiel durch den Dornstich und das Blut sofort einen Kontrast erhält; die Anmut ist also nicht rein idyllisch, sondern von einem zarten, kontrollierten Schmerzton unterlegt.

Die Stimmung ist in der Oberflächenführung relativ stabil, weil die Form streng geregelt bleibt und die Bildwelt konsequent im Register der Blume, des Purpurs und der Zierde verbleibt. Innerlich jedoch ist sie beweglich und entwickelt sich in drei Stufen: von spielerischer Mythenerzählung (Strophe 1) über wertende Gesellschaftskritik (Strophe 2) hin zu persönlicher Anrufung und Grabperspektive (Strophe 3). Man kann daher von einer stabilen ästhetischen Oberfläche bei zugleich zunehmender existentieller Verdichtung sprechen: Die Tonlage bleibt kultiviert, doch der emotionale Schwerpunkt wandert vom dekorativen Glanz zur Bindung und schließlich zur Endlichkeit.

Das Ich tritt explizit erst in Strophe 3 hervor und zeigt sich dort als Sprecher, der in einer Haltung der Verehrung und Wahlverwandtschaft spricht: „Blumen liebe ich“ ist kein bloßes Gefallen, sondern ein Bekenntnis zu einer Lebensform, die sich über Zeichen und Sinnbilder organisiert. Zugleich inszeniert sich das Ich im Namen „Blumhold“ als jemand, der sich selbst im Blumenzeichen spiegelt und damit eine mild-narzisstische, aber kontrollierte Selbstpoetik betreibt: Das Ich versteht sich als „von Blumen gehalten“, als einer, der seine Identität an die emblematische Welt bindet. Affektiv dominiert dabei weniger Leidenschaft im eruptiven Sinn als eine ritualisierte Zuneigung und ein Bedürfnis nach Kontinuität: Die Bitte, die Blume möge am Grab stehen, verrät den Wunsch, auch im Sterben nicht aus der Ordnung der Zeichen zu fallen.

Das Gegenüber ist in der Schlussstrophe die personifizierte Blume Amarante. Die Beziehung ist von Zärtlichkeit und Huldigung geprägt, zugleich aber auch von einer Struktur wechselseitiger Verpflichtung. Der Sprecher schenkt der Blume Ehre „vor den andern“ und erwartet im Gegenzug eine Gegen-Ehre („ehre wieder“), die sich in einer symbolischen Handlung konkretisiert: die Blume soll am Grab „stehen“. Affektiv ergibt sich dadurch ein Ton, der zwischen galanter Anbetung und beschwörender Ernsthaftigkeit oszilliert. Das Gegenüber wird nicht als autonomes Du behandelt, sondern als Sinnträger, der die Beziehung zwischen Leben, Liebe, Erinnerung und Tod halten soll.

Offene Ironie oder Humor im modernen Sinn dominieren nicht; das Gedicht bleibt in seiner Kunsthaltung grundsätzlich ernsthaft und auf Schönheit hin orientiert. Dennoch gibt es eine feine, barock-typische Distanz in der gesellschaftlichen Setzung der zweiten Strophe: Die Formulierung „Die zu Hof in Purpur prahlen, / Die ein prächtig Elend ziert“ trägt einen leicht satirischen Stachel. Der Glanz wird als „Prahlen“ markiert und zugleich als Elend entlarvt; das ist keine Komik, aber eine entlarvende Pointierung, die die dekorative Oberfläche bricht und eine reflektierte Ebene der Wertkritik einzieht. Auch die Selbstbezeichnung „Blumhold“ kann als poetische Maske gelesen werden: Sie ist nicht Spott, aber eine bewusst gesetzte Rollenpose, die das Ich zugleich erhebt und stilisiert.

Ton und Bildwelt korrespondieren sehr eng: Die glatte, liedhafte Form passt zur Welt der Blumen, Farben und Zierde, weil sie selbst wie eine ornamentale Ordnung wirkt. Zugleich tragen die Bilder eine doppelte Valenz, die den Ton moduliert. In Strophe 1 verbindet die Bildwelt Anmut mit Verletzung (Dorn, Blut), wodurch der Ton eine zarte Spannung gewinnt: Schönheit erscheint als Produkt eines Einschnitts. In Strophe 2 verschiebt die Bildwelt den Ton in Richtung kritischer Eleganz: Purpur ist nicht nur Farbe, sondern Rangzeichen und damit moralisch belastbar. In Strophe 3 wird die Bildwelt schließlich existentiell: Die Blume wird vom Ornament zum Memorialzeichen am Grab. Gerade weil der Ton dabei kultiviert bleibt, wirken die Bilder umso stärker als Träger einer barocken Affektlogik: Schönheit wird nicht als Gegensatz, sondern als Medium der Vergänglichkeitswahrnehmung und der Treuebeschwörung eingesetzt.

II. Analyse

Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension

Unter der vordergründig leichten Blumen- und Farbrede arbeitet das Gedicht mit einer Reihe sehr elementarer Antriebe und Spannungen. Zunächst wird ein Grundtrieb zur Schönheit sichtbar: Das Begehren richtet sich nicht auf Besitz im materiellen Sinn, sondern auf Ansicht, Glanz, Farbe und damit auf eine ästhetische Intensität, die den Alltag überhöht. Zugleich erscheint Schönheit nicht als reines Geschenk, sondern als etwas, das aus Verletzung entsteht: Dornstich, Ritz, Blut und Purpur markieren eine Tiefenerfahrung, in der Lust und Schmerz eng verbunden sind. In Strophe 2 tritt eine zweite Achse hinzu: die Spannung zwischen sozialer Geltung (Hofpurpur, Prahlen) und dem Gefühl, dass diese Geltung ein »prächtig Elend« verdeckt. Darin steckt eine existentielle Grundangst vor falschem Glanz, vor dem Leben in äußerer Zier ohne innere Wahrheit. Die stärkste Tiefenerfahrung liegt am Ende: die Anrufung der Blume als Grabzeichen. Hier tritt die Angst vor Vergänglichkeit nicht in Klage aus, aber sie ist als stiller Druck präsent; der Wunsch, dass etwas am Grab steht, ist der Wunsch nach Fortdauer, nach Gedächtnis und nach einer Form von symbolischer Überwindung des Endes.

Der Mensch erscheint im Gedicht als Wesen, das seine Welt nicht neutral, sondern durch Affekte selektiv und wertend wahrnimmt. Schon die Bildlogik ist affektiv: Was blutet, wird zu Purpur; was sticht, erzeugt Schönheit; Schmerz wird in Farbe verwandelt. Das ist psychologisch aufschlussreich, weil es zeigt, wie das Ich (und die Stimme des Gedichts) negative Erfahrung nicht einfach abwehrt, sondern umcodiert und ästhetisch integriert. In Strophe 2 wirkt der Affekt als moralisch-ästhetisches Urteil: Der Sprecher reagiert auf das Hofbild nicht mit Indifferenz, sondern mit einem deutlich spürbaren Impuls der Distanzierung und Entlarvung (Prahlen, Elend). In Strophe 3 wird der Affekt schließlich bindend: Liebe zu Blumen wird als bewusste Präferenz und als Identitätszug ausgesprochen („Blumen liebe ich“; „Blumhold“). Affekt ist hier nicht nur Stimmung, sondern eine Kraft, die Beziehungen stiftet, Rangordnungen setzt und Handlungen verlangt (Ehre, Grabwache).

Eine zentrale Ambivalenz ist die zwischen Leichtigkeit und Ernst. Das Ich bewegt sich in einem spielerischen, mythologischen Blumenregister, aber es führt dieses Register auf eine Todes- und Grabperspektive hin; damit ist das Ich zugleich heiter kultiviert und existentiell grundiert. Eine zweite Ambivalenz betrifft Weltzugewandtheit und Weltkritik. Der Sprecher liebt Zierde, Farbe und Glanz, wendet sich aber gegen den gesellschaftlichen Glanz des Hofes, weil er als hohl und „elend“ empfunden wird. Daraus entsteht eine Spannung: Das Ich ist nicht asketisch; es sucht Schönheit, aber es verlangt eine Schönheit, die frei und wahrhaft wirkt. Eine dritte Ambivalenz liegt im Verhältnis von Subjektivität und Rollenpose. Die Selbstbezeichnung „Blumhold“ ist intime Selbstmarkierung, aber auch Maske und emblematische Selbstdarstellung: Das Ich will sich zeigen, doch es zeigt sich als Typus, als Figur, nicht als psychologisch „nacktes“ Individuum. Schließlich ist auch die Liebe selbst ambivalent: Sie ist zärtliche Verehrung der Amarante und zugleich instrumentelle Setzung, weil die Blume als Trägerin des Nachruhms am Grab funktionalisiert wird.

Das Gegenüber wird durch den affektiven Verlauf zunehmend aufgeladen und zugleich verengt. Am Anfang erscheinen die Blumen als Produkte eines Natur- und Mythengeschehens; sie sind Gegenstände des Staunens. In Strophe 2 werden Blumen zu Zeichen moralischer und sozialer Ordnung: Purpur (über die Meerschnecke) steht für Hofkultur, während die Tausendschön für Freiheit und pastorale Unschuld steht. Die affektive Bewegung – Distanz zum Hof, Zuneigung zur Freiheit – strukturiert somit die Wahrnehmung: Das Gegenüber ist nicht „Blume an sich“, sondern Blume als Wertträger. In Strophe 3 erreicht diese Logik ihre Spitze: Die Amarante wird als Du angeredet und in eine Beziehung der Ehre eingebunden; dadurch wird sie personifiziert und zugleich auf eine Aufgabe festgelegt. Affektiv verwandelt sich das Gegenüber von einer schönen Erscheinung zu einem Bindungsobjekt und schließlich zu einem Memorialobjekt. Die Wahrnehmung folgt also nicht botanischer Vielfalt, sondern einer inneren Bewegung des Ich: Es sucht eine Gestalt, an der sich Liebe, Treue und die Angst vor dem Vergehen zugleich festmachen lassen.

Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension

Der Text ist nicht ausdrücklich konfessionell oder bibelsprachlich codiert, aber er trägt mehrere metaphysische und indirekt religiös anschlussfähige Konnotationen. Die auffälligste ist die barock typische Grundfigur, dass Sichtbares als Zeichen fungiert: Blumen, Farben und Orte sind nicht bloß Dekor, sondern Träger einer zweiten Bedeutungsschicht. In diesem Sinne arbeitet das Gedicht im Modus einer emblematischen Weltsicht, die mit einer theologisch kompatiblen Semantik zusammenfällt: Die Welt ist lesbar, weil sie als Ordnung von Zeichen erscheint, in der Sinn „hinter“ und „in“ der Erscheinung liegt. Besonders stark wird diese Zeichenhaftigkeit im Übergang zur Grabperspektive: Wenn die Amarante am Grab „stehen“ soll, wird Natur zur memorialen Schwellenfigur, also zu einer Gestalt, die Übergang, Endlichkeit und Erinnerung zusammenbindet. Der Tod tritt dabei nicht als Jenseitslehre auf, aber als metaphysischer Horizont, der die irdische Schönheit relativiert und zugleich als Medium der Transzendierung durch Erinnerung nutzbar macht.

Hinzu kommt eine Konnotation, die im Barock häufig religiös nachklingt, auch wenn sie hier säkular bleibt: das Paradox, dass aus Verletzung Schönheit hervorgeht (Dorn, Blut, Purpur). In einem christlichen Resonanzraum ließe sich dies mit Passionssymbolik assoziieren (Wunde, Blut als „Preis“), ohne dass der Text diese Deutung explizit fordert. Entscheidend ist: Der Text kennt eine Art Verwandlungslogik, in der Leid nicht sinnlos ist, sondern in Farbe und Blüte übergeht; genau diese Logik ist metaphysisch anschlussfähig, weil sie Sinn aus Brüchen gewinnt.

Die moralische Konfliktzone des Gedichts liegt vor allem in der zweiten Strophe, im Gegensatz von Hofwelt und Freiheitsraum. Der Hofpurpur erscheint als Zeichen sozialer Repräsentation und wird mit dem Verb „prahlen“ moralisch markiert: Der Glanz ist nicht unschuldig, sondern Ausdruck von Eitelkeit, Rangstreben und einer Lebensform, die nach außen strahlt, innerlich aber als „prächtig Elend“ entlarvt wird. Das ist eine barocke Ethik der Entlarvung: Außenpracht kann inneres Elend bedecken, und genau darin liegt die moralische Spannung. Das Gedicht löst diese Spannung nicht über Bußton oder Predigt, sondern über eine ästhetische Wertumkehr: Schöner sind die Tausendschönen „hier“, wo Freiheit und „fromme Heerden“ gedacht werden. Die Ethik ist damit nicht abstrakt, sondern an Lebensräume gebunden: Hof steht für Zwang, Pose und Schein; die pastorale Szene steht für Einfachheit, Freiheit, vielleicht auch Reinheit und Sittsamkeit.

Eine zweite, subtilere Konfliktzone entsteht im Schluss: Die Amarante wird zur Grabwache bestimmt. Ethisch steckt darin die Frage, ob Erinnerung und Nachruhm legitime Wünsche sind oder ob sie bereits Eitelkeit in verfeinerter Form darstellen. Der Text präsentiert den Wunsch nicht als Schuld, aber er macht sichtbar, wie das Ich Selbstfortdauer über Zeichen absichert. Dadurch entsteht ein leiser moralischer Schatten: Der Sprecher verurteilt das Prahlen am Hof, stiftet jedoch selbst eine Form symbolischer Selbsterhaltung. Das Gedicht hält diese Spannung offen, ohne sie zu problematisieren; gerade darin zeigt sich barocke Ambivalenz zwischen Demutsgestus und Ruhmbedürfnis.

Menschliche Erkenntnis erscheint im Gedicht nicht als begriffliche Analyse, sondern als Zeichen- und Vergleichserkenntnis. Das Wissen, das hier erzeugt wird, ist ein Wissen der Analogien: Blut wird zu Purpur, Purpur wird zum Hofzeichen, das Hofzeichen wird moralisch gelesen, und dem wird eine andere Schönheit gegenübergestellt. Erkenntnis entsteht also durch bildhafte Transformation und durch Werturteil, nicht durch empirische Feststellung. Dieses Verfahren ist erkenntnistheoretisch typisch für eine emblematische Poetik: Man erkennt, indem man Erscheinungen als Träger eines Sinns deutet und indem man die Dinge in eine Ordnung von Bedeutungen stellt.

Wichtig ist zudem, dass der Text Erkenntnis als Bewegung zeigt: Strophe 1 präsentiert eine Herkunftserzählung (Erklärung), Strophe 2 eine Bewertung (Unterscheidung), Strophe 3 eine Aneignung (Bindung). Damit wirkt Erkenntnis als Prozess, der von der äußeren Anschauung über die normative Deutung zur existentiellen Setzung führt. Das Ich „weiß“ am Ende nicht mehr über Botanik oder Mythologie, sondern über sich selbst: Es erkennt, woran es hängt, und es fixiert diese Erkenntnis in einer symbolischen Handlungsvorschrift (die Blume am Grab). Erkenntnis ist hier letztlich Selbsterkenntnis im Medium der Zeichenwelt.

Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung

Die Bildsprache arbeitet weniger mit abstrakten Metaphern als mit emblematischen Vergleichsbildern und Symbolwörtern, die in kurzer Form ganze Bedeutungsräume öffnen. Zentral ist zunächst die Purpur-Semantik: „Blutes Purpur“ (V. 6) verbindet Körperlichkeit, Farbe und Kostbarkeit. Purpur fungiert doppelt: als sinnlich intensives Naturphänomen (Blut, Spritzen, Farbauftrag) und als kulturell codiertes Rangzeichen (Hofpurpur). Genau diese Doppelcodierung macht das Motiv produktiv, weil der Text über eine Farbe eine Brücke zwischen Natur und Gesellschaft schlägt.

Die Floramor-Blüte wird als Ergebnis eines Dornritzes erzählt; das ist kein botanischer Bericht, sondern ein Ursprungsmythos, der Schönheit als etwas erscheinen lässt, das aus Verletzung hervorgeht. Dieses Bild hat symbolische Funktion: Es verleiht dem Schönen eine Herkunft aus dem Schmerz und damit eine Tiefe, die über dekorative Ästhetik hinausweist. In Strophe 2 wird die Meerschnecke (Purpurgewinnung) zum Zeichen von künstlicher, sozialer Pracht und zugleich zum Hebel für Kritik: Der Hof „prahlt“, und das „prächtig Elend“ wird vom Purpur nur überzuckert. Hier wird das Vergleichsbild zur Entlarvungsfigur.

Dem gegenüber steht die Tausendschön-Blume als Symbolwort der Freiheit und der pastoralen Unschuld. Die Zeile „Die uns hier mit Freiheit krönen“ (V. 11) macht die Blume nicht zum Objekt, sondern zu einer krönenden Instanz: Natur setzt einen Wert, der nicht aus Rang, sondern aus Freiheit kommt. Schließlich übernimmt die Amarante (als „Liebesblüthe“) die Funktion eines Schwellen- und Treuesymbols, das die Beziehung über den Tod hinaus binden soll. Damit verschiebt sich die Symbolik vom Gesellschaftszeichen (Purpur) zum Existenzzeichen (Grabnähe).

Die markantesten Imperative stehen in der dritten Strophe: „ehre wieder“ (V. 16) und „Stehe“ (V. 17). Sie wirken wie ein performativ-rhetorischer Umschalter: Während Strophe 1 und 2 beschreiben und urteilen, setzt Strophe 3 eine Handlungsordnung. Dadurch gewinnt die Rede Bindungskraft; sie wird nicht nur betrachtend, sondern verpflichtend. Der Imperativ macht aus der Blume ein angesprochenes Du und hebt die Szene aus dem Ornamentalen in eine Art ritueller Beschwörung.

Wiederholungen und Parallelismen organisieren den Text auf engem Raum. In Strophe 1 arbeitet die Syntax mit einer wenn–und–wo-Kette („Wann … / Und … / … ritzt: / Wo …“), die das Geschehen stufenweise vorantreibt. Das ist eine syntaktische Beschleunigung, weil sie wie eine kleine Kausalkaskade wirkt: Vergnügen → Hetzen → Dornstich → Blut → Sprossen → Purpur. Ähnlich in Strophe 2: Die ersten vier Verse bauen eine Hofszene auf, dann folgt mit „Schöner sind …“ (V. 10) eine klare Brechung, die das Erwartbare umdreht. In Strophe 3 erzeugen die Sequenzen „liebe ich und biete“ sowie „wann ich liege nieder“ einen gleitenden, fast formelhaften Ton, der den Schluss wie eine kleine litaneiartige Setzung wirken lässt.

Die Klangführung ist stark von den Endreimen geprägt, aber gerade innerhalb der Verse arbeitet Birken mit konsonantischer Schärfe und fließender Vokalität als Kontrast. Konsonantisch scharf sind insbesondere die Stichworte des Einschnitts: „Dornes Stachel ritzt“ (V. 3) und „spritzt“ (V. 6) bündeln Zisch- und Plosivlaute, die den Dornstich akustisch nachzeichnen. Dem gegenüber stehen weichere, vokalreichere Passagen wie „Wo der Ritz sich hin ergossen“ (V. 4) oder „Die uns hier mit Freiheit krönen“ (V. 11), die eine gleitende, ausbreitende Klangbewegung erzeugen.

Alliterationen sind nicht als dominierendes Stilprinzip gesetzt, aber es finden sich klangliche Bindungen wie „Blutes Purpur“ (B/P-Kopplung), oder die Häufung von h- und r-Lauten in „fromme Heerden führt“, die eine ruhige, schwere Pastoralität andeuten. Assonanzen spielen besonders dort eine Rolle, wo der Reim nicht ganz „rein“ ist (z. B. „Blüthe / biete“): Hier wirkt der Klang weniger abgeschlossen und eher nach innen gezogen, was zum persönlichen Ton der dritten Strophe passt. Binnenrhythmisch stützen die häufigen Zäsuren durch Satzzeichen (Doppelpunkt, Ausrufezeichen) eine klare Gliederung, sodass der Vortrag zwischen Fluss und Spitze pendelt.

Druck entsteht vor allem durch die Koppelung von Bewegung und Einschnitt: Das Hetzen, das Ritzen, das Spritzen sind dynamische Verben, die in kurzer Folge ein Gefühl von körperlicher Unmittelbarkeit erzeugen. Die harten, einsilbigen Reimenden (ritzt/spritzt; ziert/führt) setzen jeweils einen akustischen „Stempel“, der die Strophe schließt und den Druck bündelt. Weite entsteht dagegen durch die verallgemeinernden, raumöffnenden Setzungen in Strophe 2: „hier“ markiert einen Gegenraum, und die pastorale Szene („Heerden“) schafft einen Horizont, der nicht von Rangordnungen, sondern von Landschaft und Bewegung geprägt ist.

Enge zeigt sich dort, wo die Sprache an Status und Pose gebunden wird: „zu Hof“, „prahlen“, „ziert“ evoziert einen sozialen Raum der Beobachtung und der Selbstinszenierung, der psychologisch eng wirkt, weil er auf Außenwirkung fixiert ist. Ruhe wird am Ende paradoxerweise in der Grabbitte erzeugt: „wann ich liege nieder“ ist sprachlich weich und senkend; es nimmt Tempo heraus und verwandelt Bewegung in Stillstand. Von Ekstase ist das Gedicht weit entfernt; es bleibt kontrolliert, kultiviert, und gerade diese Kontrolle ist entscheidend: Affekt wird nicht ausgelebt, sondern in Zeichen, Klang und Form gebändigt. So entsteht eine barock typische Affektökonomie, in der Intensität als Ornament und als ritualisierte Setzung erscheint, nicht als Ausbruch.

Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur

Der Mensch erscheint im Gedicht als ein Wesen, das seine Existenz wesentlich über Zeichen, Wertungen und Bindungen organisiert. Er ist kein neutraler Beobachter der Natur, sondern ein Deuter, der Erscheinungen sofort in Sinn überführt: Blut wird zu Purpur, Purpur wird zu gesellschaftlichem Rang, Blumen werden zu Freiheits- und Liebeszeichen. Damit wird der Mensch als symbolbildendes und affektgeleitetes Subjekt sichtbar, das die Welt nicht „so“ hinnimmt, sondern sie nach dem Maß von Schönheit, Wahrheit und Beständigkeit ordnet.

Zugleich ist der Mensch hier erkennbar zwischen Weltlust und Weltkritik gespannt. Er liebt Blumen und Zierde, wendet sich aber gegen die Hofpracht als „prahlerisch“ und als „prächtig Elend“. Der Mensch ist also nicht asketisch, aber er ist moralisch sensibilisiert: Er sucht eine Schönheit, die nicht nur glänzt, sondern innerlich rechtfertigbar ist. Schließlich tritt eine dritte Bestimmung hinzu: Der Mensch ist ein endliches Wesen, das den Tod als Horizont mitdenkt, ohne in Klage zu zerfallen. Seine Antwort ist eine symbolische Sicherung: Die Blume soll am Grab stehen, damit Erinnerung und Identität nicht abrupt abbrechen.

Das Gegenüber – vor allem die personifizierte Amarante – ist das Medium, in dem das Ich sich selbst deutet und stabilisiert. Indem der Sprecher der Blume „Ehre“ zuspricht, stiftet er zugleich eine Selbstbeschreibung: Wer so ehrt, gehört zu einer bestimmten Werteordnung (Natur, Freiheit, Treue) und grenzt sich von einer anderen (Hofprahlen) ab. Die Blume ist damit nicht nur Objekt der Zuneigung, sondern ein Spiegelzeichen, in dem das Ich seine Identität als „Blumhold“ entwirft.

Besonders deutlich wird dies im Tauschmotiv „Du den Blumhold ehre wieder“: Das Ich verlangt nicht einfach eine Antwort, sondern eine symbolische Gegenleistung, die seine Selbstdeutung bestätigt. Das Gegenüber übernimmt dadurch eine beglaubigende Funktion. In der Grabperspektive wird diese Beglaubigung existentiell: Die Blume soll am Grab stehen, damit das Ich über den Tod hinaus als erinnerbares Zeichenwesen fortbesteht. Das Gegenüber wird zur Instanz der Memorialisierung und damit zur Stütze des Selbst.

Mehrere Leitfiguren treten in konzentrierter Form hervor. Erstens der Homo symbolicus: der Mensch als Zeichenleser und Zeichenstifter, der Naturphänomene als semantische Träger behandelt. Zweitens der Homo aesthetico-moralis: ein Mensch, der Schönheit nicht nur genießt, sondern sie moralisch prüft und zwischen „wahrem“ und „falschem“ Glanz unterscheidet. Drittens der Homo socialis im Modus der Abgrenzung: Der Mensch steht zur Hofwelt in Distanz; er erkennt soziale Mechanismen (Prahlen, Rangzeichen) und entwirft dagegen einen Gegenraum von Freiheit und pastoralem „frommem“ Leben.

Viertens, und im Barock besonders leitend, der Homo mortalis: der Mensch als Sterblicher, der sein Begehren nach Schönheit und Bindung unter dem Horizont des Endes ordnet. Die Grabestür ist nicht nur Kulisse, sondern anthropologischer Marker: Sie macht den Menschen als Grenzwesen sichtbar, das vom Ende her Sinn- und Zeichenordnungen stabilisieren möchte.

Das Gedicht modelliert den Menschen an zwei Grenzfiguren: am Anfang an der Grenze von Haut und Dorn (Ritz, Blut), am Ende an der Grenze von Leben und Tod (Grabestür). Beide Grenzen sind nicht bloß negative Schranken, sondern Auslöser von Sinnproduktion. Aus der Verletzung wächst die Blüte; aus der Todesgrenze wächst die Bitte um Treue und Erinnerung. Der Mensch zeigt sich damit als Wesen, das Grenzen nicht nur erfährt, sondern in Bedeutung verwandelt.

Das Begehren richtet sich zunächst auf Schönheit und Glanz, wird aber im Verlauf umgelenkt: weg vom standesgebundenen Purpur hin zur „Tausendschön“ als Freiheitszeichen und schließlich zur Amarante als Liebes- und Treuezeichen. Sinnsuche vollzieht sich hier nicht theoretisch, sondern als Wahl und Bindung: Der Sprecher entscheidet, welche Zeichen er gelten lässt, und er verknüpft diese Zeichen mit seiner eigenen Existenzgeschichte. Im Schluss erreicht diese Sinnsuche ihre barocke Pointe: Das Begehren nach Schönheit wird in ein Begehren nach Fortdauer im Gedächtnis transformiert. Der Mensch sucht Sinn, indem er die Welt so ordnet, dass selbst das Ende nicht stumm bleibt, sondern von einem Zeichen „umstellt“ wird.

Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte

Im Hintergrund stehen vor allem drei Traditionslinien, die im 17. Jahrhundert eng ineinandergreifen. Erstens die barocke Emblem- und Sinnbildpoetik, in der Naturdinge (Blumen, Farben, Materialien) als lesbare Zeichen fungieren und moralisch-existentiell ausgedeutet werden. Zweitens die pastorale Schäferdichtung (Pegnitz-Poetik), die mit Nymphen, „Heerden“ und einem idealisierten Gegenraum zur Hofwelt operiert und gesellschaftliche Ordnungen in eine Landschafts- und Rollenbühne übersetzt. Drittens die Gelegenheits- und Gesellschaftsdichtung, wie sie im Umfeld literarischer Vereinigungen gepflegt wurde, wo Namen, Blumen, Devise und Rollenmasken bewusst als poetische Identitätszeichen geführt werden.

Gerade hier ist die Nähe zum Nürnberger Pegnesischen Blumenorden besonders plausibel, weil Birken dort unter dem Schäfernamen Floridan geführt wird, der in der Überlieferung ausdrücklich mit Blumen- bzw. Blumennamen verbunden ist („Floramor, Amarante oder Tausendschön“).

Das Gedicht arbeitet mit Motiven, die sich leicht an ältere Text- und Bildtraditionen anschließen lassen. Die Nymphen-Szene und die Idee, dass aus Blut und Verletzung eine Blüte entsteht, erinnern an antike Verwandlungs- und Ursprungserzählungen (Ovidischer Horizont), in denen Blut, Wunde oder göttliche Affekte in Naturgestalten umschlagen. Die zweite Strophe setzt dann ein ausgesprochen kulturgeschichtliches Motiv ein: die Meerschnecke als Quelle des Purpurs verweist auf den Tyrianischen Purpur (Murex-Farbstoff) und damit auf eine lange Tradition von Farbe als Status- und Machtzeichen.

Die dritte Strophe öffnet ein weiteres intertextuelles Feld: Amarante steht in der europäischen Dichtungstradition häufig als „unverwelkende“ Blume für Dauer, Treue und eine poetische Form von Unsterblichkeit; dafür gibt es prominente literarische Nachbarschaften bis hin zu Milton (der „immortal amarant“), wobei Birken dieses Symbol in eine Grab- und Erinnerungssemantik überführt.

Mythische Anschlussstellen liegen offen zutage: Nymphen, Naturgenese, Farbmythos und die Aufladung einer Blume zur personifizierten Instanz sind klassische Bausteine einer antikisierenden Barockrede. Biblische Anschlussstellen sind nicht ausdrücklich zitiert, werden aber durch einzelne Signalwörter in Resonanz gerufen. Das Motiv der „frommen Heerden“ ruft das pastorale Bildfeld von Herde und Hirt mit auf, das in christlicher Bildtradition stark besetzt ist; ebenso kann der Zusammenhang von Dorn und Blut im barocken Deutungshorizont als ferne Passionsresonanz mitschwingen, ohne dass der Text in eine explizite Andachtssprache kippt.

Philosophisch-ethisch ist die zweite Strophe besonders anschlussfähig: Die Kritik am Hof-Purpur als Zeichen eines „prächtig Elends“ berührt frühneuzeitliche Diskurse über Luxus, Eitelkeit und Schein (Stoisch-christliche Vanitas-Topik). Die Pointe ist dabei typisch barock: Nicht Schönheit wird verworfen, sondern zwischen „falscher“ (statusabhängiger) und „wahrer“ (freiheitlich-naturnaher) Schönheit unterschieden, bevor die Sinnsuche in eine Memorialform (Grabnähe) übergeht.

Im Epochenhorizont wirkt das Gedicht wie eine konzentrierte Miniatur barocker Weltdeutung: Es verbindet Sinnlichkeit (Farbe, Blut, Glanz) mit Wertkritik (Hofprahlen) und mit einer memento-mori-nahen Schlusswendung (Grabestür), ohne den kultivierten Ton der Form zu verlassen. Genau diese Kombination aus regelhafter Form, Emblematik und moralischer Pointe entspricht einer Poetik, die Dichtung als kunstvoll beherrschtes Handwerk versteht.

Für Birken als Autor passt das Gedicht sehr gut in die Rollen- und Gesellschaftspraxis des Nürnberger literarischen Milieus: Er ist nachweislich im Pegnesischen Blumenorden verankert (Mitglied seit 1645, Präsident ab 1662) und führt die Schäfermasken- und Blumenzeichenwelt programmatisch. Zugleich ist Birken ein Autor, der seine poetische Praxis auch theoretisch rahmt (mit seiner späten Poetik der Teutschen Rede-bind- und Dicht-Kunst), sodass ein kurzes Gedicht wie dieses als exemplarische Ausführung einer regelbewussten, zeichenstarken Barocklyrik gelesen werden kann.

Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion

Hinter der Gestaltung steht eine ästhetische Idee, die man als barocke Sinnbild-Ökonomie beschreiben kann: Ein einzelnes, starkes Bildfeld (Blume–Blut–Purpur) wird so komponiert, dass es zugleich anschaulich und deutungsfähig ist. Das Gedicht will nicht „realistisch“ abbilden, sondern es will zeigen, wie Schönheit entsteht, wie sie sozial fehlgedeutet werden kann (Hofpurpur als Rang- und Scheinzeichen) und wie sie am Ende in eine existenzielle Bindung überführt wird (Amarante als Treue- und Grabzeichen). Ästhetisch zentral ist damit die Kunst der Verdichtung: aus wenigen Reim- und Bildbausteinen entsteht eine Bewegung, die von der mythischen Genese über die Wertumkehr zur persönlichen Setzung führt. Die strenge Strophenform wirkt dabei wie ein Ordnungsrahmen, der das Potenziell Unruhige (Verletzung, Eitelkeit, Tod) in eine kontrollierte, „singbare“ Gestalt bringt, sodass das Gedicht selbst bereits eine Form von Weltbewältigung durch Form ist.

Die Sprache bildet nicht nur ab; sie vollzieht wesentliche Schritte der Sinnbildung. Das zeigt sich zuerst an der Kausal-Syntax des Anfangs: Das „Wann–Und–Wo“ erzeugt einen Ablauf, der wie eine poetische Schöpfungsgeste wirkt; die Blume entsteht im Gedicht als sprachlich gesteuerte Verwandlungskette. Noch deutlicher wird der Vollzug in der zweiten Strophe, wenn die Sprache durch Wertausdrücke wie „prahlen“ und „prächtig Elend“ nicht bloß beschreibt, sondern eine soziale Welt moralisch markiert und damit umordnet. Der stärkste performative Moment liegt in der dritten Strophe: Mit der Anrufung „Amarante“ und den Imperativen („ehre wieder“, „Stehe“) stiftet die Sprache eine Beziehung und legt eine rituelle Funktion fest. Die Blume wird nicht „als“ Grabzeichen entdeckt, sondern sie wird durch Sprachakt zur Grabwache bestimmt. In diesem Sinn arbeitet das Gedicht poetologisch mit der Vorstellung, dass Dichtung Wirklichkeit nicht nur spiegelt, sondern als Zeichenordnung wirksam setzt.

Als finale Aussage lässt sich gewinnen, dass Dichtung eine Kunst ist, in der Gefühl gebändigt, Wahrnehmung geordnet und Endlichkeit symbolisch gefasst wird. Der Text zeigt eine Affektlogik, die vom sinnlichen Reiz (Purpur) über die moralische Unterscheidung (Hofglanz versus Freiheit) zur existentiellen Bindung (Grabnähe) führt; gerade diese Stufenfolge macht sichtbar, wie Sprache Gefühle nicht einfach „ausdrückt“, sondern sie führt und auf einen Sinnhorizont hin ausrichtet. Poetologisch bedeutet das: Das Gedicht behauptet die Würde der Kunstform als Medium, in dem Vergänglichkeit nicht verschwiegen, aber in eine tragfähige Gestalt überführt wird. Theologisch anschlussfähig ist dabei die Grundintuition einer lesbaren Welt: Natur wird nicht als stummes Material behandelt, sondern als Zeichenraum, in dem sich Wahrheit, Kritik und Trost verschränken. Der Schluss an der „Grabesthür“ bündelt diese Poetik: Dichtung kann den Tod nicht aufheben, aber sie kann ihn mit einem Zeichen umstellen, das Erinnerung, Treue und Sinn behauptet – und gerade darin liegt ihre barocke, zugleich ästhetische und existenzielle Legitimation.

III. Vers-für-Vers-Kommentar

Strophe 1 (V. 1–6)

Vers 1: „Wann die Nymphen sich ergötzen,“

Beschreibung

Der Vers eröffnet eine Szene mythologischer Naturwesen: Nymphen vergnügen sich; ein zeitlicher Rahmen („Wann“) setzt ein typisches Wenn-dann-Szenario in Gang.

Analyse

Das einleitende „Wann“ etabliert eine konditionale Erzähllogik, wie sie für Ursprungserzählungen und Sinnbilder typisch ist: Es wird ein wiederholbarer Fall konstruiert, kein einmaliges Ereignis. „Nymphen“ signalisieren den antikisierenden Registerwechsel in eine poetische Naturwelt, die nicht realistisch, sondern emblematisch funktioniert. „sich ergötzen“ trägt einen heiteren, spielerischen Affekt ein, der die Szene zunächst in Leichtigkeit taucht.

Interpretation

Der Vers setzt Schönheit und Natur in den Modus des Spiels: Das Gedicht will seine Deutung nicht aus moralischer Strenge, sondern aus einem scheinbar leichten, mythisch legitimierten Ursprung gewinnen. Zugleich deutet das „Wann“ an, dass aus Lust und Bewegung gleich etwas Folgerichtiges erwachsen wird: Die Natur ist hier eine Bühne gesetzmäßiger Sinnentstehung.

Vers 2: „Und sie etwan in dem Hetzen“

Beschreibung

Die Nymphen sind nicht nur vergnügt, sondern in Bewegung; „etwan“ (etwa) relativiert und macht das Geschehen beiläufig; „Hetzen“ beschreibt ein rasches Jagen oder Rennen.

Analyse

Der Vers steigert das Tempo: Vom allgemeinen Vergnügen geht es zur konkreten Dynamik. „Und“ bindet den Vers eng an V. 1, die Syntax rollt weiter, sodass eine Fortbewegung im Satz entsteht, die das „Hetzen“ auch formal nachahmt. „etwan“ markiert Kontingenz: Es kann passieren, es muss nicht; gerade dadurch wirkt die Szene wie eine typische, immer wieder mögliche Naturbegebenheit.

Interpretation

Die Schönheit, die hier vorbereitet wird, entsteht nicht aus Ruhe, sondern aus Bewegung, vielleicht sogar aus leichtem Übermut. Das Gedicht setzt damit ein barockes Grundmoment: Das Anmutige ist nicht rein idyllisch; es trägt das Risiko des Zufalls in sich. Aus dem spielerischen Lauf wird gleich ein Einschnitt hervorgehen.

Vers 3: „Eines Dornes Stachel ritzt:“

Beschreibung

Ein Dornstachel ritzt; es kommt zur Verletzung. Der Doppelpunkt kündigt eine Folge oder Erklärung an.

Analyse

Semantisch ist dies der Umschlagpunkt der Strophe: Das heitere Spiel wird durch den Einschnitt gebrochen. Die Wortgruppe „Dornes Stachel“ ist eine Verdichtung, die den Schmerz konkret und körperlich macht; das Verb „ritzt“ ist kurz, scharf, lautmalerisch hart. Der Doppelpunkt wirkt wie eine zäsurierende Zwinge: Er stoppt den Lauf und zwingt auf die Konsequenz zu schauen.

Interpretation

Der Vers etabliert eine Grundfigur der Strophe: Schönheit wird nicht trotz, sondern aus einem Moment der Verletzung heraus gedacht. Damit öffnet sich ein existentieller Resonanzraum: Das Gedicht legt nahe, dass das Kostbare (Blüte/Farbe) eine Herkunft aus Schmerz und Grenze besitzt. Zugleich setzt der Dorn als Natur- und Grenzsymbol die Logik des späteren Barockhorizonts (Vanitas, Endlichkeit) in Miniatur an.

Vers 4: „Wo der Ritz sich hin ergossen,“

Beschreibung

Der „Ritz“ (die Wunde bzw. das Ritzen) „ergießt sich“; gemeint ist das ausfließende Blut oder der Saft, der sich aus der Verletzung ausbreitet.

Analyse

Der Vers wechselt vom punktuellen Stich (V. 3) zur Ausbreitungsbewegung. „ergossen“ ist ein weiches, fließendes Wort; es kontrastiert die Härte von „ritzt“. Zugleich bleibt die Formulierung leicht paradox, weil nicht der Ritz selbst, sondern das aus ihm Fließende sich „ergießt“; diese metonymische Verschiebung lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Wunde als Schaden hin zum Fluss als produktivem Prozess.

Interpretation

Hier wird der Einschnitt bereits umgedeutet: Nicht die Verletzung als Defekt steht im Zentrum, sondern das, was aus ihr hervortritt. Die Strophe kippt von der Störungs- in eine Generationslogik: Der Fluss ist Voraussetzung dafür, dass etwas sprosst. Schmerz wird damit in einen Sinnzusammenhang integriert, ohne dass er moralisch beklagt wird.

Vers 5: „Macht er Floramoren sprossen,“

Beschreibung

Aus dem Ergossenen entstehen „Floramoren“; der Fluss bewirkt, dass diese Pflanzen/Blüten sprossen.

Analyse

Das Verb „Macht“ ist kausal und produktiv: Es ist ein Schöpfungsverb im Kleinen. „sprossen“ setzt einen organischen Wachstumsimpuls, der dem vorherigen Fluss eine Richtung gibt. Der Name „Floramoren“ ist selbst ein poetisches Kunstwort bzw. eine Namensprägung, die Flora (Blumenwelt) und Amor (Liebe) klanglich zusammenschaltet; schon im Wort steckt eine programmatische Bedeutungsfusion.

Interpretation

Der Vers formuliert die zentrale Pointe der Ursprungserzählung: Aus Blut/Fluss wird eine Liebesblüte. Das ist zugleich eine ästhetische und anthropologische Aussage: Liebe und Schönheit wachsen aus dem, was den Körper verletzt und öffnet. Die Namensbildung macht deutlich, dass die Dichtung hier nicht nur beschreibt, sondern Bedeutung herstellt: Das Wort „Floramor“ ist bereits eine poetische Weltsetzung.

Vers 6: „Blutes Purpur auf sie spritzt.“

Beschreibung

Blut spritzt als Purpur auf die Blüten; das Bild verbindet Blut (Körper) mit Purpur (Kostbarkeit/Farbe).

Analyse

Der Vers schließt die Strophe mit einem intensiven Farbbild. „Blutes Purpur“ ist eine Metapher/Umbenennung: Blut wird nicht als Blut belassen, sondern ästhetisch in Purpur verwandelt. Das Verb „spritzt“ ist dynamisch und körpernah; es hält die Verletzungsenergie präsent, während die Purpur-Bezeichnung sie veredelt. Klanglich wirkt der harte Schluss (mit dem zischenden -tz) wie ein finaler Stich, der die Szene abschließt.

Interpretation

Der Schlussvers bündelt die Strophenlogik: Das, was zunächst als schmerzhaftes Ereignis erschien, wird in Farbe, Glanz und damit in kulturell hoch codierte Schönheit überführt. Zugleich ist Purpur ambivalent: Er ist Naturfarbe und zugleich ein Vorzeichen gesellschaftlicher Pracht, die in Strophe 2 kritisch verhandelt wird. Die Strophe endet daher nicht nur in Sinnlichkeit, sondern in einer problematisch reichen Farbe, die bereits auf spätere Wertkonflikte vorausweist.

Gesamtdeutung der Strophe 1

Die erste Strophe fungiert als Ursprungs- und Sinnbildstrophe, in der Birken eine kleine mythische Kausalkette baut: Spiel – Bewegung – Verletzung – Blutfluss – Wachstum – Purpurglanz. Formal wird diese Kette durch die fortlaufende Syntax („Wann … Und … Wo …“) gestützt; der Satz läuft wie ein einziger Atemzug durch die Strophe, wird aber an der Schmerzstelle (V. 3) durch den Doppelpunkt scharf eingeschnitten. Genau in diesem Moment zeigt sich das poetische Grundprinzip: Das Gedicht lässt Schönheit nicht als reine Idylle erscheinen, sondern als Ergebnis eines Grenzereignisses. Der Dorn ist eine Naturgrenze; er markiert, dass Lust und Bewegung den Körper exponieren. Aus dieser Exposition fließt Blut, aber dieses Blut wird im selben Atemzug ästhetisch umcodiert: Es heißt nicht mehr Blut, sondern Purpur.

Damit leistet die Strophe zweierlei. Erstens etabliert sie eine Verwandlungslogik, in der das Negative (Wunde) nicht negiert, sondern in eine höhere Ordnung integriert wird. Das ist barock, weil es eine Welt zeigt, in der Sinn durch Bruch entsteht und in der das Zeichenhafte über die bloße Faktizität hinausgreift. Zweitens setzt die Strophe den zentralen Farb- und Wertmarker des ganzen Gedichts: Purpur. In Strophe 1 ist Purpur noch Natur- und Liebesfarbe (Flora/Amor); er ist die „ästhetische Krone“ des Vorgangs. Aber gerade weil Purpur kulturgeschichtlich zugleich Rang- und Hofzeichen ist, liegt in diesem Schluss bereits eine latente Spannung: Der Glanz, der aus Blut stammt, kann später als sozialer Glanz missbraucht werden. Die Strophe ist daher nicht nur ein hübsches Naturmärchen, sondern eine poetische Grundlegung, die Schönheit als ambivalentes Phänomen ausweist: Sie ist anmutig und leuchtend, aber sie trägt die Spur des Stichs in sich.

Strophe 2 (V. 7–12)

Vers 7: „Jene mag die Meerschneck' mahlen,“

Beschreibung

Der Sprecher verweist auf „jene“ (jene Leute/jenes Milieu): Sie mögen die Meerschnecke „mahlen“, also den Farbstoff aus der Purpurschnecke gewinnen bzw. verarbeiten.

Analyse

Der Vers setzt einen deutlichen Deixis-Wechsel: Mit „Jene“ wird eine Gruppe auf Distanz gestellt. Das Modalverb „mag“ hat dabei einen doppeldeutigen Ton: Es kann tolerierend („sollen sie nur“) und leicht abwertend („meinetwegen“) klingen. „Meerschneck'“ ruft eine kulturhistorische Praxis auf, nämlich die Gewinnung von Purpur aus Meeresschnecken, und holt damit das Purpurmotiv aus Strophe 1 aus dem Naturmythos in die Ökonomie künstlicher Herstellung. „mahlen“ ist handwerklich-derb und entzaubert: Purpur entsteht nicht aus poetischer Verwandlung, sondern aus Zerreiben und Verarbeitung.

Interpretation

Der Vers öffnet eine kritische Perspektive auf kulturelle Pracht: Das, was eben als „Blutes Purpur“ noch eine naturhafte Veredlung war, erscheint nun als Produkt einer technischen und sozialen Praxis. Das „Jene“ markiert eine Abgrenzung: Der Sprecher positioniert sich nicht in dieser Sphäre, sondern betrachtet sie von außen und lässt sie mit einem leisen Zugeständnis laufen.

Vers 8: „Die zu Hof in Purpur prahlen,“

Beschreibung

Gemeint sind diejenigen am Hof, die mit Purpur prahlen, also ihre Pracht und ihren Rang zur Schau stellen.

Analyse

Der Vers konkretisiert „jene“: Es sind die Hofleute. Der Ausdruck „zu Hof“ definiert einen sozialen Raum der Repräsentation. Das Verb „prahlen“ ist moralisch scharf; es setzt Purpur als Zeichen von Eitelkeit und Statusgier. Klanglich verstärkt die Binnenbindung Purpur–prahlen (Alliteration/P-Anklang) die Pointe: Purpur wird akustisch an Prahlerei gekoppelt.

Interpretation

Purpur kippt hier von der Naturfarbe zum Herrschafts- und Distinktionszeichen. Das Gedicht führt damit eine soziale Kritik ein, die zugleich erkenntnistheoretisch wirksam ist: Die gleiche Farbe kann „wahr“ (als Natur- und Liebeszeichen) oder „falsch“ (als Rangmaske) gelesen werden. Der Hof erscheint als Ort, an dem Zeichen missbraucht werden.

Vers 9: „Die ein prächtig Elend ziert:“

Beschreibung

Der Purpur schmückt ein „prächtiges Elend“: äußerer Glanz bedeckt oder dekoriert einen inneren Mangel.

Analyse

Dies ist der schärfste Begriff der Strophe: „prächtig Elend“ ist eine Oxymoron-Formel, die Pracht und Elend hart zusammenschließt. Das Verb „ziert“ ist doppeldeutig: Es bedeutet schmücken, aber es kann auch bloßes „Zierwerk“ nahelegen, also Oberfläche ohne Substanz. Der Doppelpunkt setzt erneut eine Zäsur wie in Strophe 1: Er kündigt an, dass nun eine Gegenbehauptung und eine Wertumkehr folgen wird.

Interpretation

Der Vers entlarvt höfische Repräsentation als ästhetische Überdeckung existentieller oder moralischer Defizite. Das „Elend“ kann dabei sozial (Abhängigkeit, Intrige, Unfreiheit), moralisch (Eitelkeit, Schein) oder existentiell (innere Leere) verstanden werden. Entscheidend ist: Purpur wird zur Maske, und das Gedicht macht sichtbar, dass Glanz nicht Wahrheit garantiert.

Vers 10: „Schöner sind die Tausendschönen,“

Beschreibung

Der Sprecher setzt eine klare Gegenwertung: Schöner als der Hofpurpur sind die Blumen „Tausendschön“.

Analyse

Der Vers ist die Wendelinie der Strophe. Der Komparativ „Schöner“ ist nicht nur ästhetisch, sondern normativ: Er behauptet eine Rangordnung der Schönheit. „Tausendschönen“ ist als Wort selbst überreich: Es trägt die Idee vielfacher Schönheit in sich, wirkt volksnäher als „Purpur“ und steht damit auch sprachlich auf der Seite des Unprätentiösen. Der Satz kippt zudem vom relativen Nebensatzgefüge (V. 7–9) in eine klare Hauptsatzbehauptung: Die Syntax wird entschieden.

Interpretation

Hier vollzieht sich die barocke Wertumkehr: Nicht die kostbare Farbe und nicht die soziale Pracht zählen, sondern eine Schönheit, die als „viel“ und zugleich als nah und natürlich gedacht ist. Der Vers legt nahe, dass wahre Schönheit nicht exklusiv und ranggebunden ist, sondern frei zugänglich, ja geradezu demokratisch in ihrer Streuung.

Vers 11: „Die uns hier mit Freiheit krönen,“

Beschreibung

Die Tausendschön-Blumen krönen „uns“ hier mit Freiheit; sie wirken wie eine Krone, die nicht aus Macht, sondern aus Freiheit besteht.

Analyse

Der Vers führt ein Wir ein („uns“): Der Sprecher nimmt sich in eine Gemeinschaft hinein und grenzt sie zugleich vom Hof ab. „hier“ lokalisiert den Gegenraum; es ist ein deiktisches Gegenstück zu „zu Hof“. Das Verb „krönen“ ist besonders wirkungsvoll, weil es ein Herrschaftszeichen (Krone) in ein Freiheitszeichen umwandelt: Die Natur verleiht Würde ohne Zwang. So entsteht eine paradoxe Umcodierung des Rangmotivs: Krone ja, aber als Freiheit, nicht als Stand.

Interpretation

Der Vers modelliert ein anthropologisches Ideal: Menschen sind am schönsten „gekrönt“, wenn sie frei sind und nicht in höfischer Pose. Die Blume wird zur Instanz einer nicht-politischen, sondern existentiellen Legitimation: Sie adelt durch Freiheit. Damit gewinnt die Strophe eine ethische Tiefenschicht, ohne predigend zu werden.

Vers 12: „Wo man fromme Heerden führt.“

Beschreibung

Der Ort „hier“ wird weiter bestimmt: Dort, wo man fromme Herden führt, also in einer pastoralen, ländlichen, als sittsam gedachten Welt.

Analyse

Der Vers schließt die Strophe mit einer pastoralen Ortsbestimmung. „Heerden“ evoziert Schäferwelt, Land, Einfachheit, aber auch – im kulturellen Hintergrund – das Bildfeld von Herde und Hirt. Das Adjektiv „fromme“ ist moralisch und potenziell religiös aufgeladen; es macht den Gegenraum nicht nur ästhetisch, sondern ethisch legitimiert. Syntaktisch wirkt der Vers wie eine definierende Relativierung des „hier“: Freiheit ist nicht abstrakt, sondern an eine Lebensform gebunden.

Interpretation

Der Schluss zeichnet ein Gegenmodell zur Hofwelt: eine Ordnung des Einfachen, Gemeinschaftlichen und sittlich „frommen“ Lebens. Ob „fromm“ hier religiös oder eher als „rechtschaffen“ gemeint ist, bleibt offen; entscheidend ist, dass die Schönheit der Tausendschön-Blumen als Zeichen einer Welt erscheint, in der Würde aus schlichter Lebensführung kommt. So erhält die Strophe eine klar konturierte moralische Topographie: Hof = Purpurprahlen; Land/Pastoral = Freiheit und Frommheit.

Gesamtdeutung der Strophe 2

Die zweite Strophe ist die wertende und gesellschaftskritische Drehstufe des Gedichts. Sie nimmt das in Strophe 1 etablierte Purpurmotiv auf, entmythologisiert es jedoch und überführt es in eine konkrete Kulturpraxis: Purpur wird aus der Meerschnecke gewonnen, also hergestellt, erarbeitet, „gemahlen“. Damit kippt Purpur von der naturhaften Verwandlung (Blut → Farbe) zur künstlich-sozialen Produktion (Schnecke → Luxusstoff). Dieses Kippen wird zugleich moralisch gerahmt: Am Hof wird mit Purpur „geprahlt“, und die schärfste Formel „prächtig Elend“ entlarvt den Glanz als Oberfläche, die eine innere Unfreiheit, Leere oder moralische Fragwürdigkeit überdeckt. Der Doppelpunkt am Ende von Vers 9 funktioniert wie ein Urteilssiegel: Er schließt die Entlarvung ab und öffnet den Raum für die Gegenbehauptung.

Die Gegenbehauptung erfolgt mit einer demonstrativ klaren Hauptsatzstruktur: „Schöner sind die Tausendschönen“. Schönheit wird neu definiert: Sie ist nicht exklusiver Luxus, sondern eine freie, nahe, vielfache Schönheit, die nicht aus Stand, sondern aus Lebensraum entsteht. Indem der Text sagt, die Tausendschönen „krönen“ uns „hier“ mit Freiheit, wird das Rangsymbol der Krone poetisch umcodiert: Es ist nicht Macht, sondern Freiheit, die adelt. Der Schlussvers verankert diesen Freiheitsraum in der Pastoral der „frommen Heerden“: Freiheit erscheint als sittsam, gemeinschaftlich, naturverbunden. Die Strophe zeichnet somit eine moralische Kartographie, in der die Hofwelt als Raum des Scheins und der Abhängigkeit erscheint, während der ländliche Raum als Ort der wahren Schönheit und Würde gilt.

In der Gesamtbewegung des Gedichts bereitet Strophe 2 zudem den Übergang zur persönlichen Bindung vor. Indem Purpur als falsches Zeichen entlarvt wird, muss das Ich eine andere, „würdigere“ Zeichenform finden. Diese wird in Strophe 3 die Amarante sein: nicht Purpur als Status, sondern Blume als Treue- und Memorialzeichen. Strophe 2 ist damit nicht nur Kritik, sondern eine notwendige Reinigung der Zeichen, damit am Ende eine existentiell tragfähige Bindung möglich wird.

Strophe 3 (V. 13–18)

Vers 13: „Amarante, Liebesblüthe!“

Beschreibung

Der Sprecher ruft die Amarante direkt an und bezeichnet sie als „Liebesblüte“. Der Ausruf markiert einen neuen Ton und eine direkte Anrede.

Analyse

Mit der Apostrophe (direkte Anrede) erfolgt ein formaler und pragmatischer Umschlag: Aus Erzähl- und Vergleichsrede wird Du-Rede. Der Eigenname „Amarante“ hebt die Blume als singuläre Instanz heraus; die Apposition „Liebesblüthe“ fixiert zugleich ihre Funktion. Das Ausrufezeichen intensiviert den Affekt, ohne in Ekstase zu geraten: Es ist ein kultivierter, emphatischer Ruf, der die Strophe als eine Art Beschwörungs- oder Widmungsformel eröffnet.

Interpretation

Der Vers setzt die Blume als personalisiertes Gegenüber und als konzentriertes Symbol: Liebe wird nicht abstrakt verhandelt, sondern in eine konkrete Gestalt gerufen. Damit wird der Schritt vorbereitet, dass das Gedicht seine Zeichenordnung nicht nur beschreibt, sondern am Ende bindend festlegt.

Vers 14: „Blumen liebe ich und biete“

Beschreibung

Der Sprecher erklärt seine Liebe zu Blumen und kündigt eine Gabe oder Handlung an („biete“). Das Ich wird explizit sichtbar.

Analyse

Hier tritt das lyrische Ich eindeutig hervor: „liebe ich“ ist ein Selbstbekenntnis. Zugleich bleibt das Ich nicht bei Gefühl stehen, sondern verbindet Affekt und Handlung: „und biete“ leitet in eine Geste der Zuwendung über. Syntaktisch entsteht eine Vorwärtsbewegung, weil der Vers eine Ergänzung erwartet (Was wird geboten? Wem?). Gerade dieses Offenhalten erzeugt Spannung, die der folgende Vers auflöst.

Interpretation

Der Vers markiert die poetische Selbstverortung des Sprechers: Er definiert sich über eine Vorliebe, die zugleich Lebens- und Zeichenpraxis ist. Blumenliebe ist hier nicht bloß Geschmack, sondern eine Art Weltverhältnis: Der Sprecher erklärt, dass er Schönheit nicht am Hof, sondern im Naturzeichen sucht und dass er bereit ist, dieser Ordnung Ehre zuzuweisen.

Vers 15: „Ehre vor den andern dir.“

Beschreibung

Der Sprecher bietet der Amarante Ehre an, und zwar mehr als anderen („vor den andern“). Die Priorisierung ist ausdrücklich.

Analyse

Der Vers vollzieht den angekündigten Gabeakt: „Ehre“ ist der zentrale Begriff, der die Strophe semantisch trägt. „vor den andern“ setzt eine Rangordnung unter den Blumen, wodurch der Sprecher zugleich Wertmaßstäbe etabliert. Das kurze, klare Ende „dir“ schließt die Bewegung präzise auf das Du hin ab: Das Gedicht wird kommunikativ, adressiert, relational.

Interpretation

Die Amarante wird zur bevorzugten Chiffre des Schönen und Liebenswerten. In der Logik des ganzen Gedichts ist dies eine bewusste Ablösung vom Purpur-Glanz: Nicht Farbe und Status erhalten Vorrang, sondern eine Blume, die als Symbol der Liebe und Dauer fungiert. Ehre ist dabei mehr als Kompliment; sie ist eine symbolische Investition in ein Zeichen, das das Ich existentiell tragen soll.

Vers 16: „Du den Blumhold ehre wieder,“

Beschreibung

Der Sprecher fordert die Blume auf, ihn („den Blumhold“) wiederum zu ehren. Der Eigenname/Beiname „Blumhold“ erscheint.

Analyse

Der Vers enthält einen Imperativ im Sinne eines Begehrens: Das „Du … ehre wieder“ formuliert eine Reziprozität. Der Ausdruck „Blumhold“ wirkt wie eine Selbstbenennung oder Rollenbezeichnung; er stilisiert das Ich als einen, der den Blumen hold ist oder von ihnen gehalten wird. Das Adverb „wieder“ ist rhetorisch entscheidend: Es etabliert eine Tausch- und Antwortstruktur (Ich ehre dich – ehre mich zurück). Damit wird aus Verehrung ein Bündnis.

Interpretation

Hier wird die Anthropologie des Gedichts sichtbar: Das Ich sucht Beziehung und Bestätigung nicht primär durch soziale Institutionen (Hof), sondern durch ein Naturzeichen, das es personifiziert ansprechen kann. Zugleich bleibt eine Ambivalenz: Der Sprecher kritisiert höfisches Prahlen, stiftet aber selbst eine Form symbolischer Selbstsicherung. „Blumhold“ ist Selbstpoetik: Das Ich schreibt sich in eine Zeichenordnung ein, die ihm Identität und Nachruhm verspricht.

Vers 17: „Stehe, wann ich liege nieder,“

Beschreibung

Die Blume soll stehen, wenn der Sprecher niederliegt. Das Bild verweist auf Tod oder Grab, mindestens aber auf die Lage des Körpers im Sterben.

Analyse

Der Vers setzt eine starke Antithese (stehen/liegen) und verbindet sie über eine Zeitkonstruktion („wann“), die an die Struktur der ersten Strophe erinnert. Dadurch entsteht eine Rahmung: Auch hier wird ein „Wann“ gesetzt, aber nicht mehr für Nymphenlust, sondern für die Stunde des Niederliegens. Die Sprache senkt den Affekt: „liege nieder“ ist weich und endgültig; zugleich wirkt „Stehe“ wie ein Standhalten, ein Wachen, ein Zeichen der Dauer.

Interpretation

Der Vers kippt das Liebes- und Blumenmotiv in eine existentiell-memoriale Dimension. Die Blume soll nicht nur geliebt oder geehrt werden, sondern sie soll über den Körperzustand hinweg die Beziehung fortsetzen. Stehen wird zum Sinnbild von Treue und Fortdauer, Liegen zum Sinnbild von Endlichkeit. Das Gedicht verhandelt damit Tod, ohne Klage: Es setzt eine Ordnung, in der das Zeichen (Blume) die Schwelle begleitet.

Vers 18: „Dort um meine Grabesthür.“

Beschreibung

Der Ort wird bestimmt: um die Grabestür des Sprechers. Das Bild ist eine Schwellenmetapher: Grab als Tür, Zugang, Grenze.

Analyse

„Dort“ setzt eine Entfernung und zugleich eine konkrete Visualisierung: ein bestimmter Ort in der Zukunft. Die Metapher „Grabesthür“ ist besonders dicht: Das Grab wird als Tür gedacht, also als Übergang und Grenze, nicht nur als Loch oder Erde. Damit gewinnt der Tod eine architektonische und symbolische Gestalt. Das Gedicht endet mit einem starken Ortsnomen; die Bewegung schließt nicht in Abstraktion, sondern in einem Bild, das das Ganze bündelt.

Interpretation

Der Schluss macht die endgültige Funktion der Amarante sichtbar: Sie ist Grabzeichen, Schwellenwächterin, Trägerin von Erinnerung. In diesem Bild verdichtet sich die barocke Poetik: Der Tod wird nicht ausgelöscht, aber er wird umstellt von Zeichen. Die Blume soll die Grenze markieren und zugleich mildern, indem sie Schönheit und Treue an den Ort des Endes bringt.

Gesamtdeutung der Strophe 3

Die dritte Strophe ist die personale Kulmination des Gedichts. Nach Ursprungserzählung (Strophe 1) und gesellschaftlicher Wertumkehr (Strophe 2) folgt nun der Schritt zur Bindung. Dieser Schritt wird formal durch die direkte Anrede („Amarante“) und durch die Imperative markiert. Das Gedicht vollzieht damit einen Wechsel vom Diskursiven zum Performativen: Es spricht nicht mehr über Zeichen, sondern es setzt ein Zeichenverhältnis.

Das Ich tritt nun ausdrücklich hervor („Blumen liebe ich“) und wählt aus der Blumenwelt eine bevorzugte Instanz: Die Amarante wird als Liebesblüte ausgezeichnet und „vor den andern“ geehrt. Diese Rangsetzung ist nicht zufällig, sondern folgt der zuvor gewonnenen Kritik an statusgebundener Pracht. Nachdem Purpur als Hofzeichen entlarvt wurde, braucht das Ich ein anderes, „wahreres“ Trägersymbol. Die Amarante übernimmt diese Rolle, weil sie in der europäischen Symboltradition Dauer, Treue und unverwelkende Beständigkeit nahelegt; sie passt damit zu einem Ich, das nicht nur schönen Schein, sondern tragfähige Kontinuität sucht.

Entscheidend ist die Reziprozitätsformel: „Du den Blumhold ehre wieder.“ Der Sprecher entwirft hier eine Art stillen Vertrag. Er investiert Ehre in das Zeichen, und das Zeichen soll ihn im Gegenzug beglaubigen, tragen, erinnern. „Blumhold“ ist dabei eine doppelte Geste: Es ist Selbststilisierung im Blumenregister, aber auch eine Selbstvergewisserung, die den Sprecher in eine sinnvolle Ordnung einschreibt. Aus dieser Ordnung heraus wird der Tod nicht als nihilistischer Abbruch gedacht, sondern als Schwelle, an der Zeichen weiterhin wirken können.

Die letzten zwei Verse führen die Strophe – und das Gedicht – in die memoriale Endperspektive. Die Antithese von Stehen und Niederliegen macht die Endlichkeit des Körpers drastisch, ohne pathetische Klage. Stattdessen wird der Trost als Form gesetzt: Die Blume soll am Grab stehen, „dort um meine Grabestür“. Die Grabmetapher als Tür intensiviert den Schwellencharakter des Endes und zeigt zugleich eine barocke Hoffnungsgeste: Wenn das Grab eine Tür ist, dann ist der Tod nicht nur Abschluss, sondern Übergang. Das Gedicht behauptet keine dogmatische Jenseitslehre, aber es entwirft eine poetische Theologie der Zeichen: Schönheit und Treue sollen den Ort der Endlichkeit umstellen und so dem Ich eine Form von Fortdauer im Gedächtnis und im Sinnraum der Welt sichern.

IV. Deutung und Gesamtschau

1. Grundthese

Sigmund von Birkens „Floramor oder Tausendschön“ ist ein streng gebautes Barockgedicht, das aus der scheinbar leichten Blumenrede eine existentiell tragfähige Zeichenordnung entwickelt: Es zeigt, wie Schönheit aus Verletzung hervorgeht (Blut → Purpur → Blüte), wie diese Schönheit sozial pervertiert werden kann (Hofpurpur als Prahlen, „prächtig Elend“), und wie das Ich schließlich eine alternative, „wahre“ Form des Schönen wählt, um sich gegen Vergänglichkeit zu behaupten (Amarante als Treue- und Grabzeichen). Der Grundimpuls ist damit eine doppelte Bewegung: Entlarvung falscher Pracht und Stiftung einer bindenden, memorialen Schönheit.

2. Verzahnung der Ebenen

Die Deutung gelingt nur, wenn man mehrere Ebenen zugleich liest, weil Birken die Strophen wie drei übereinanderliegende Schichten organisiert, die einander gegenseitig begründen.

Erstens wirkt eine mythisch-emblematische Ebene: Die Nymphen und der Dornstich setzen eine Ursprungsszene, in der Natur nicht als Botanik, sondern als Sinnbildraum erscheint. Der Purpur ist hier noch „Blutes Purpur“, also eine Veredlung des Körperlichen; Schönheit trägt die Spur des Einschnitts in sich. Diese Ebene liefert die Grundmetapher: Verwandlung ist möglich, aber sie kostet.

Zweitens tritt eine sozial-moralische Ebene hinzu: Der Purpur wird aus der Meerschnecke gewonnen und am Hof zur Statusmarke. Hier kippt das Zeichen, und das Gedicht führt eine Ethik der Unterscheidung ein. Der Ausdruck „prächtig Elend“ bündelt diese Kritik: Glanz kann innere Unfreiheit, Leere oder Abhängigkeit überdecken. So wird das Zeichenfeld gereinigt: Nicht jede Schönheit ist wahr, nicht jedes Leuchten legitim.

Drittens wird die Bewegung personal und existentiell: Das Ich tritt hervor, wählt die Amarante, setzt Ehre und fordert Gegenehre. Damit wird aus der Beobachtung ein Verhältnis; aus Symbolik wird Bindung. Zugleich schiebt Birken die ganze Zeichenordnung auf die letzte Schwelle zu: „Stehe, wann ich liege nieder, / Dort um meine Grabesthür“. Die Grabtür bündelt alle Stränge: Sie ist Grenze (Endlichkeit), Ort der Wahrheit (Entlarvung aller Posen) und zugleich der Punkt, an dem Zeichen – wenn sie tragfähig sind – noch Sinn stiften können. So verzahnen sich ästhetische Bildarbeit (Purpur/Blume), moralische Kritik (Hofprahlen), pastoraler Gegenentwurf (Freiheit/Heerden) und memoriale Selbstbindung (Grabzeichen) zu einer einheitlichen Bewegung.

Auch die Formebene ist in diese Verzahnung eingelassen: Die strenge Strophik und das stabile Reimschema wirken wie das Gegenstück zur thematischen Bedrohung. Was an Inhalt als Verletzung, Unfreiheit und Tod erscheint, wird in der Form geordnet, gebändigt und dadurch überhaupt erst sag- und haltbar gemacht. Die Ordnung der Verse ist somit selbst Teil der Aussage: Dichtung ist ein Disziplinierungsraum für Affekt und Endlichkeit.

3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage

Anthropologisch zeigt das Gedicht den Menschen als Grenz- und Zeichenwesen. Er lebt in Lust und Bewegung, erfährt Verletzung, erkennt die Verführbarkeit durch Schein, und er steht unter dem Horizont des Todes. Seine Antwort ist nicht die Flucht aus der Welt, sondern die Suche nach einer Schönheit, die nicht bloß dekoriert, sondern trägt. In der Amarante bündelt sich diese Suche: Sie soll nicht nur gefallen, sondern erinnern, wachen, „stehen“, wenn der Mensch „niederliegt“. Der Mensch will, dass etwas bleibt, und er wählt dafür nicht Macht, Besitz oder Hofrang, sondern ein Naturzeichen, das Treue und Dauer symbolisiert.

Poetologisch lässt sich daraus eine barocke Schlussaussage gewinnen: Sprache und Dichtung sind nicht Ornament, sondern Welt- und Selbststiftung. Das Gedicht demonstriert, wie Sprache Bedeutungen erzeugt (Floramor als Namens- und Sinnschöpfung), wie sie Zeichen moralisch prüft (Purpur als entlarvtes Statussymbol) und wie sie schließlich performativ bindet (Anrufung, Imperative, Grabsetzung). Dichtung wird so zum Medium, in dem Affekt geordnet, Wahrheit vom Schein unterschieden und Endlichkeit symbolisch „umstellt“ wird. Sie kann den Tod nicht aufheben, aber sie kann ihn in eine Zeichenordnung einschreiben, die Erinnerung, Treue und Sinn behauptet – und genau darin liegt die barocke Legitimation dieser Kunst.

V. Editorische Angaben

1. Textgrundlage (hier verwendeter Wortlaut)

Der vorliegende Text folgt der in der TextGrid Digitalen Bibliothek bereitgestellten Edition „Floramor oder Tausendschön“, die bibliographisch auf eine Leipziger Druckausgabe von 1826 verweist.

Diese Ausgabe gehört zu Wilhelm Müllers Reihe Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, Bd. 9: Auserlesene Gedichte (Leipzig: Brockhaus, 1826).

2. Erstdruck / Erstpublikation

Als Erstdruck wird in den TextGrid-Metadaten ausdrücklich genannt: Heiliger Sonntags-Handel und Kirchwandel, „durch Sigmund von Birken“, erschienen 1681 in Nürnberg (Johann Jacob von Sandrart) und Frankfurt (Christian Sigmund Froberg).

Das Werk ist zudem in bibliographischen Katalogen mit der VD17-Nummer 23:286940P nachgewiesen; ein entsprechender Katalogeintrag findet sich etwa in der SLUB Dresden.

3. Überlieferungslage und Druckgeschichte (kurzer Hinweis)

Für die vorliegende Analyse wurde keine eigenständige Variantenkollation zwischen dem Erstdruck (1681) und späteren Abdrucken vorgenommen. Die Textgestalt wird daher als Lesetext nach der genannten 1826er Drucktradition (via TextGrid) behandelt, mit dem Vorteil einer gut zitierbaren, stabilen Textfassung.

4. Orthographie, Interpunktion, typographische Eigenheiten

Die Wiedergabe bewahrt die historisch geprägten Schreibweisen, soweit sie in der verwendeten Textfassung vorliegen, etwa „etwan“, „Heerden“, „Grabesthür“ sowie die Elision „Meerschneck’“. Auch die Interpunktion (z. B. Doppelpunkte nach „ritzt:“ und „ziert:“ sowie der Ausruf in „Amarante, Liebesblüthe!“) wird als sinntragendes Strukturmittel mitgeführt.

Die in der TextGrid-Ansicht erscheinende Markierung [82] ist als editorisches/seitentechnisches Signal der zugrunde liegenden Vorlage zu verstehen und gehört nicht zum Versbestand des Gedichts.

5. Vers- und Strophengliederung

Das Gedicht umfasst 3 Strophen zu je 6 Versen (insgesamt 18 Verse). Die hier verwendete Verszählung (1–18) dient der Analyse und ist eine moderne Zählhilfe; die Strophen- und Zeilenumbrüche folgen der gegebenen Textgestalt.

6. Zitierempfehlung (für wissenschaftliche Nachweise)

Für die digital zitierte Fassung kann der von TextGrid angegebene Nachweis verwendet werden, einschließlich Handle (PID).

Für den historischen Erstdruck empfiehlt sich der bibliographische Nachweis über Heiliger Sonntags-Handel und Kirch-Wandel (1681) inkl. VD17-Nummer.

7. Rechte- und Lizenzhinweis zur digitalen Bereitstellung

Der Text selbst ist gemeinfrei; die von TextGrid bereitgestellten annotierten Datenbestände und Metadaten werden nach TextGrid-Angabe unter CC BY 3.0 DE veröffentlicht (dies betrifft die Datenaufbereitung/Annotation, nicht die Gemeinfreiheit des Werktexts).

VI. Gedichttext

Floramor oder Tausendschön

Wann die Nymphen sich ergötzen, 1
Und sie etwan in dem Hetzen 2
Eines Dornes Stachel ritzt: 3
Wo der Ritz sich hin ergossen, 4
Macht er Floramoren sprossen, 5
Blutes Purpur auf sie spritzt. 6

Jene mag die Meerschneck' mahlen, 7
Die zu Hof in Purpur prahlen, 8
Die ein prächtig Elend ziert: 9
Schöner sind die Tausendschönen, 10
Die uns hier mit Freiheit krönen, 11
Wo man fromme Heerden führt. 12

Amarante, Liebesblüthe! 13
Blumen liebe ich und biete 14
Ehre vor den andern dir. 15
Du den Blumhold ehre wieder, 16
Stehe, wann ich liege nieder, 17
Dort um meine Grabesthür. 18