Hans Aßmann von Abschatz
Liebe für Liebe
1 Wozu will Silvia/ die Werthe/ mich verbinden?
2 Daß ich sie lieben soll? Ich geh es willig ein:
3 Sie soll mich ihren Diener finden.
4 Doch/ wo ihr Hertze will ohn Gegen-Liebe seyn/
5 Wozu will Silvia/ die Werthe/ mich verbinden?
Analyse Verse 1-5
1 Wozu will Silvia, die Werthe, mich verbinden?
Textanalyse:
Der Vers beginnt mit einer rhetorischen Frage: »Wozu will Silvia \[…] mich verbinden?« Das Verb verbinden ist doppeldeutig – es kann auf ein emotionales Band hindeuten (Liebe, Treue), aber auch eine Verpflichtung oder Bindung im sozialen oder moralischen Sinne meinen. Die Anrede »die Werthe« (wörtlich: »die Würdige« oder »die Ehrenwerte«) stellt Silvia auf ein Podest – sie ist idealisiert und respektvoll angesprochen, was auf höfische oder galante Dichtungstraditionen verweist.
Subtextanalyse:
Der Sprecher stellt die Absicht Silvias infrage – er ahnt oder befürchtet, dass ihre Bindung kein gleichwertiges Gefühl beinhaltet. Das betonte »Wozu« deutet eine innere Skepsis oder ein unterschwelliges Gefühl von Unverhältnismäßigkeit an. Der Ton ist höflich, aber vorsichtig – der Sprecher ist nicht sicher, ob er sich emotional sicher fühlen kann.
2 Daß ich sie lieben soll? Ich geh es willig ein.
Textanalyse:
Der Sprecher bietet seine Liebe an – und zwar willig, aus freien Stücken. Die Formulierung ich geh es willig ein lässt auf eine bewusste Entscheidung schließen, eine freiwillige Unterwerfung unter das Spiel der Liebe. Das Verb »eingehen« bedeutet hier sowohl das Akzeptieren einer Pflicht als auch das Eintreten in ein Verhältnis.
Subtextanalyse:
Der Sprecher stellt klar, dass seine Liebe nicht erzwungen ist – sie zu lieben ist für ihn keine Last, sondern eine freiwillige Gabe. In diesem freiwilligen Akt schwingt jedoch ein leiser Appell mit: Wenn er sich »willig« bindet, erwartet er vielleicht eine entsprechende Reaktion – also Gegenseitigkeit.
3 Sie soll mich ihren Diener finden.
Textanalyse:
Die Rolle, die sich der Sprecher zuschreibt, ist unterwürfig: Er will Diener sein – ein Ausdruck von Demut und Hingabe. In der galanten Liebesdichtung des Barock ist dies nicht ungewöhnlich: Der Liebende stellt sich als devot und verehrend dar.
Subtextanalyse:
Diese Selbsterniedrigung als Diener ist nicht nur Zeichen romantischer Treue, sondern birgt auch eine gewisse Strategie: Der Sprecher betont seine Bereitschaft zur völligen Hingabe, um eine moralische Verpflichtung bei der Geliebten zu erzeugen. Er gibt sich auf, aber nicht bedingungslos – im Subtext klingt: »Ich gebe alles – du solltest mir etwas zurückgeben.«
4 Doch, wo ihr Hertze will ohn Gegen-Liebe seyn,
Textanalyse:
Hier kommt die Bedingung: Sollte ihr Herz ohne Gegen-Liebe sein – also nur empfangen und nicht geben wollen –, dann verändert sich die Haltung des Sprechers. Das Doch markiert einen Kontrast zum vorher Gesagten und führt in einen kritischen Ton über.
Subtextanalyse:
Der Gedanke der Gegenseitigkeit wird hier offen formuliert: Liebe ist kein einseitiger Vertrag. Der Sprecher stellt klar, dass seine Hingabe keine leere Einbahnstraße sein darf. In diesem Vers verdichtet sich ein zentrales Thema frühneuzeitlicher Liebespoesie: die Spannung zwischen freier Hingabe und gerechtem Ausgleich.
5 Wozu will Silvia, die Werthe, mich verbinden?
Textanalyse:
Der erste Vers wird wiederholt – eine klassische Refrainstruktur. Doch im Kontext der vorangegangenen Verse klingt die Wiederholung nun resignativer, fast klagend. Es ist nicht mehr nur eine höfliche Frage, sondern fast ein Vorwurf.
Subtextanalyse:
Die Wiederholung betont die Unklarheit oder sogar Sinnlosigkeit einer Verbindung ohne Gegenseitigkeit. Silvia wird nicht herabgesetzt, bleibt die Werthe, aber das moralische Gewicht verschiebt sich: Ihre Forderung nach Liebe erscheint nun als potenziell ungerecht, wenn sie selbst sich dem Gefühl verweigert.
Philosophische Tiefendimension
1. Gegenseitigkeit als Grundbedingung echter Liebe:
Die zentrale Frage ist: Kann Liebe bestehen, wenn sie nicht erwidert wird? Der Text bejaht zunächst die Möglichkeit der einseitigen Hingabe, zieht aber eine klare Grenze – ohne Gegenliebe verliert die Bindung ihre Rechtfertigung.
2. Freiheit und moralische Verpflichtung:
Der Sprecher liebt willig – also aus freiem Entschluss. Doch gerade diese Freiheit erzeugt eine implizite Erwartung moralischer Gegenseitigkeit. Die Liebe ist nicht Pflicht, aber einmal geschenkt, fordert sie Gerechtigkeit.
3. Spannung zwischen Gefühl und gesellschaftlichem Rollenspiel:
Die Rolle des Dieners verweist auf das galante Ideal, das Liebe als Dienst inszeniert. Doch in der Tiefe stellt sich der Text gegen ein solches System, wenn dieses keine emotionale Reziprozität garantiert. Die höfische Maskerade beginnt zu wanken, sobald sie Gefühle übergeht.
4. Die Fragilität der Selbsthingabe:
Abschatz offenbart, wie leicht selbstgewählte Hingabe in innere Enttäuschung umschlagen kann. Die rhetorische Frage am Anfang und Ende umrahmt ein inneres Ringen zwischen Hoffnung, Stolz und der Furcht vor emotionalem Missbrauch.
5. Barockes Menschenbild und das Ringen um Würde in der Liebe:
In der barocken Weltordnung war Liebe oft mit Rang, Maß und Verdienst verknüpft. Hier aber wird ein individuelles Ringen sichtbar: Wie kann ich mich geben, ohne mich selbst zu verlieren? Wie kann ich lieben, ohne dabei zum Spielball zu werden?
Psychologische Tiefendimensionen
Diese ersten fünf Verse des Gedichts kreisen um das zentrale Motiv der einseitigen Liebe und die damit verbundene seelische Zerrissenheit. Abschatz entwirft eine psychologisch feinsinnige Reflexion über das Spannungsverhältnis von Liebe, Bindung und Gegenseitigkeit:
Ambivalenz zwischen Bereitschaft und Zweifel:
Der Sprecher zeigt sich zunächst offen, ja sogar bereitwillig (»ich geh es willig ein«), sich emotional an Silvia zu binden. Diese Bereitschaft signalisiert eine tiefe innere Offenheit zur Hingabe. Doch der nächste Gedanke folgt sofort mit einem Vorbehalt: Wenn Silvia keine Gegenliebe empfindet, was soll dann diese Verbindung bezwecken?
Sehnsucht nach Gegenseitigkeit:
Das Herz des lyrischen Ichs verlangt nach einer reziproken Liebe, nicht nach einseitiger Anbetung. Der Ausdruck »wo ihr Hertze will ohn Gegen-Liebe seyn« verdeutlicht einen seelischen Schmerz, der aus der Vorstellung erwächst, dass das Gegenüber emotional distanziert bleiben könnte.
Psychologischer Konflikt zwischen Ideal und Realität:
Der Sprecher schwankt zwischen dem Ideal der höfischen Liebe – in der der Mann der Dame dient – und einem modernen Bedürfnis nach emotionaler Erwiderung. Dies erzeugt ein leises Unbehagen, ja eine kognitive Dissonanz: Will Silvia ihn nur binden, ohne selbst zu lieben?
Selbstachtung und innerer Stolz:
Indem der Sprecher die Frage »Wozu will Silvia … mich verbinden?« wiederholt, artikuliert er nicht nur Zweifel, sondern auch ein wachsendes Selbstwertgefühl: Er möchte nicht zum bloßen Objekt eines Spiels oder eines höfischen Rituals werden.
Sprachlich-stilistische Analyse
Die Sprach- und Stilmittel der Verse sind auf kunstvolle Weise Ausdruck innerer Bewegung und höfischer Rhetorik zugleich:
Rhetorische Frage (Anapherisch wiederholt):
Die Verse 1 und 5 rahmen den Abschnitt mit derselben rhetorischen Frage:
»Wozu will Silvia, die Werthe, mich verbinden?«
Diese Wiederholung verstärkt das Gefühl von Ratlosigkeit, aber auch von ironisch distanzierter Kritik. Sie wirkt wie eine innere Schleife des Nachdenkens, ein kreisendes Grübeln.
Höfische Anredeform und Emphase:
Die Bezeichnung »die Werthe« für Silvia weist auf die galante, idealisierende Sprachwelt des Barocks hin. Gleichzeitig wird Silvia so überhöht – aber auch auf Distanz gehalten. Es bleibt unklar, ob hier echte Verehrung oder subtile Ironie mitschwingt.
Inversion und kunstvoll gesetzte Interpunktion:
Die Umstellung der Satzglieder (»Daß ich sie lieben soll? Ich geh es willig ein«) sowie der Wechsel von Fragesatz zu Aussage erzeugen einen emotionalen Rhythmus zwischen Zweifel und Zustimmung. Die Zäsur nach dem Fragesatz intensiviert die gedankliche Spannung.
Reimstruktur und Klangführung:
Es liegt ein umarmender Reim vor (»verbinden – finden«) sowie ein Binnenreim in der Versfolge. Der weiche Klangfluss (z. B. durch Alliterationen wie »sie soll / sich selbst / verbinden«) unterstützt das Thema der inneren Bewegung. Der Rhythmus ist fließend und nachdenklich, fast resignativ.
Semantische Polarität:
Der Kontrast zwischen »lieben« und »ohn Gegen-Liebe« betont die emotionale Kluft, die das lyrische Ich zu überbrücken versucht – ein klassisches Thema barocker Seelenpoesie.
Fazit
Die Verse von Liebe für Liebe entfalten ein subtiles psychologisches Porträt eines Liebenden, der zwischen höfischer Dienerschaft und persönlichem Bedürfnis nach Gegenseitigkeit schwankt. In der kunstvollen Sprache des Barock bringt Abschatz nicht nur gesellschaftliche Konventionen, sondern auch tiefe seelische Regungen zur Darstellung – in einer Mischung aus Gefasstheit, Melancholie und leiser Selbstbehauptung.