Worzu dient so süsses Blicken

Hans Aßmann von Abschatz

Liebe und Gegen-Liebe

Worzu dient so süsses Blicken/1
Wenn du bist in nichts verliebt?2
Ists/ daß unser Seufftzer-schicken3
Cloris dir Vergnügen giebt?4
Zwar offt heist das Hertze geben5
Sich begeben seiner Ruh/6
Doch wer immer frey will leben/7
Bringt sein Leben übel zu.8

Schönheit mit Verstand vermählet9
Trifft offt schlechte Gleichheit an:10
Manch getreues Hertz erwehlet11
Was nicht Farbe halten kan:12
Fremde Qual heist Achtung geben13
Was für eine Wahl man thu;14
Doch/ wer unverliebt will leben15
Bringt sein Leben übel zu.16

Liebe/ Cloris/ lieb in Zeiten/17
Liebe was dich wieder liebt/18
Was dir/ ohne Widerstreiten/19
Sein getreues Hertze giebt.20
Lieb‘ und Gegen-Liebe geben21
Süsse Lust und stille Ruh/22
Wer von Liebe frey will leben23
Bringt sein Leben übel zu.24

Analyse – Strophe I – Verse 1-8

1 Worzu dient so süsses Blicken
Textebene
Die Sprecherfigur stellt eine rhetorische Frage: Was nützen die zarten, anmutigen, freundlichen Blicke der angesprochenen Person?
Subtext
Schon hier liegt ein leiser Vorwurf. »Süsses Blicken« suggeriert Verführungspotential, aber ohne anschließende Erfüllung. Es wird die Diskrepanz zwischen äußerer Zuwendung und innerer Bindung thematisiert.
2 Wenn du bist in nichts verliebt?
Textebene
Der Vorwurf wird konkret: Die Person empfindet keine echte Liebe, ist also emotional ungebunden.
Subtext
In der barocken Liebeslyrik ist dies eine Anklage gegen »falsche Signale«. Die sprechende Stimme unterstellt, dass das Gegenüber zwar Anzeichen von Zuneigung gibt, aber keine Bindung will – ein Spiel mit Gefühlen.
3 Ists/ daß unser Seufftzer-schicken
Textebene
Die Sprecherfigur fragt, ob die eigenen Seufzer – die sichtbaren Zeichen von Leidenschaft – dem Gegenüber Freude bereiten.
Subtext
Hier wird der Verdacht formuliert, dass das Gegenüber die leidenschaftliche Reaktion genießt, ohne die Gefühle zu erwidern. Dies deutet auf eine machtdurchsetzte Dynamik zwischen Liebendem und Gleichgültigem.
4 Cloris dir Vergnügen giebt?
Textebene
»Cloris« ist ein literarischer Topos für die Geliebte, oft als Schäferin in der bukolischen Tradition. Der Sprecher fragt, ob allein die Rolle der begehrten Cloris dem Angesprochenen Genuss verschafft.
Subtext
Die Geliebte wird als Figur im Liebesspiel entlarvt, deren Ziel nicht die Liebe selbst ist, sondern das Spiel mit dem Begehren. Es schwingt Misstrauen gegen eine oberflächliche Koketterie mit.
5 Zwar offt heist das Hertze geben
Textebene
Hier wird anerkannt, dass wahre Liebe oft bedeutet, das Herz zu geben – also eine tiefe, emotionale Bindung einzugehen.
Subtext
Ein vorläufiges Zugeständnis, um die Argumentation zu balancieren. Es klingt fast wie eine moralische Einsicht in das Opfer, das mit echter Liebe verbunden ist.
6 Sich begeben seiner Ruh
Textebene
Wer liebt, verzichtet auf Seelenruhe. Liebe ist Unruhe, Leidenschaft, Aufregung.
Subtext
Liebe wird hier als existenzieller Störfaktor erkannt – ein Konzept, das im Barock stark präsent ist: Leidenschaft bringt innere Unordnung und gefährdet die geistige und moralische Gelassenheit.
7 Doch wer immer frey will leben
Textebene
Wer sich von Bindungen freihalten möchte…
Subtext
Eine indirekte Kritik an der Autonomie des Gegenübers. Der Sprecher stellt fest, dass absolute Freiheit von Gefühlen oder Verpflichtungen letztlich problematisch ist.
8 Bringt sein Leben übel zu.
Textebene
…führt sein Leben schlecht zu Ende. Ein moralisches Urteil.
Subtext
Die Barockmoral spricht: Wer die Liebe meidet, verliert eine zentrale Erfahrung menschlicher Existenz und verfehlt das Lebensziel. Die implizite Mahnung lautet: emotionale Selbstschutzstrategien führen zu existenzieller Verarmung.
Philosophische Tiefendimension
1. Barockes Spannungsfeld zwischen Schein und Sein
Das Gedicht enthüllt die Diskrepanz zwischen äußeren Zeichen der Zuneigung (süße Blicke) und innerer Realität (fehlende Liebe). Philosophisch spiegelt dies eine Skepsis gegenüber äußeren Erscheinungen wider, wie sie in der barocken Vanitas-Tradition üblich ist.
2. Liebe als Unruhe und Selbstaufgabe
Die Einsicht, dass das Geben des Herzens mit dem Verlust der Ruhe einhergeht, knüpft an stoische und christliche Gedanken an: Leidenschaft ist ein Affekt, der die Seelenruhe stört, zugleich aber ein notwendiger Bestandteil menschlicher Ganzheit ist.
3. Freiheit vs. Bindung
Abschatz zeichnet eine Paradoxie: Wer absolute Freiheit von emotionalen Verpflichtungen sucht, verfehlt das »gute Leben«. Hier klingt eine frühneuzeitliche Anthropologie an, die den Menschen als soziales und beziehungsorientiertes Wesen versteht, für das isolierte Autonomie destruktiv wirkt.
4. Moralische Bewertung der Gefühlskälte
Die Kritik an der gefühlskalten Freiheit verweist auf eine Ethik, in der Liebe nicht nur ein persönliches Glücksgefühl, sondern eine moralische Pflicht gegenüber dem Mitmenschen darstellt.
5. Eros als Machtspiel
Zwischen den Zeilen steht die Idee, dass Liebe – oder deren Simulation – eine Machtressource ist. Wer ohne eigene Bindung den anderen in Sehnsucht hält, übt eine Form der Kontrolle aus. Das Gedicht entlarvt diese Dynamik und moralisiert sie negativ.
Psychologische Tiefendimension
Die erste Strophe entwirft einen subtilen Dialog zwischen Liebessehnsucht und emotionaler Distanz. Der Sprecher stellt eine direkte Frage an die angesprochene Person (»Worzu dient so süsses Blicken / Wenn du bist in nichts verliebt?«), womit er eine Spannung aufbaut zwischen dem äußeren Ausdruck von Zuneigung (der »süsse Blick«) und der inneren Gefühlslage (angeblich keine Liebe). Psychologisch entsteht hier ein klassisches Paradox: Zärtliche Gesten werden gezeigt, ohne dass sie von echter emotionaler Bindung getragen werden.
Das lyrische Ich bewegt sich zwischen Bewunderung und Frustration: Einerseits erkennt es den Reiz dieser Zuwendung, andererseits empfindet es diese als leer, wenn kein echtes Gefühl dahintersteht. Die im 3.–4. Vers formulierte Vermutung (»Ists, daß unser Seufftzer-schicken / Cloris dir Vergnügen giebt?«) deutet auf eine Asymmetrie im emotionalen Austausch: Die Angebetete, »Cloris«, könnte sich lediglich an der Wirkung ihrer Schönheit erfreuen, ohne selbst in Gefühlen zu investieren.
Vers 5–8 reflektieren die Ambivalenz der Liebe: Das Herz zu geben bedeutet oft, die eigene Ruhe zu verlieren – eine Einsicht, die Abschatz’ Zeit stark prägte, da Liebe als zugleich erhaben und gefährlich galt. Doch das Gegenargument folgt sofort: Wer »immer frey will leben« – also sich gänzlich vor Bindung verschließt – verfehlt letztlich das Leben (»bringt sein Leben übel zu«). Psychologisch ist das eine dialektische Spannung: Bindung birgt Risiko, aber Isolation ist Selbstschädigung.
Sprachlich-stilistische Analyse
Rhetorische Fragen
Bereits der erste Vers nutzt die rhetorische Frage als Einstieg. Dadurch wird der Leser direkt in den Konflikt hineingezogen. Die Frage nach dem Sinn (»Worzu dient…?«) impliziert, dass die Handlung (der süße Blick) ohne wahre Liebe sinnlos erscheint.
Anredeform & Personalstil
Die direkte Ansprache des »du« und die Benennung »Cloris« (eine typische galante Schäferdichtung-Metapher für die Geliebte) situieren das Gedicht in der barocken Liebeslyrik, die oft mit idealisierten, pastoral inspirierten Namen operierte.
Metaphorik und Affektlexik
»süsses Blicken« – visuelle Zärtlichkeit wird über den Geschmackssinn (»süss«) aufgeladen, was den synästhetischen Reiz verstärkt.
»Seufftzer-schicken« – ein barockes Bild für die Übermittlung von Liebesbotschaften; körperliche Reaktionen (Seufzer) werden als quasi-materielle Boten gedacht.
»Hertz geben« – klassische Metapher für Hingabe, zugleich ein Verlustbild (»begeben seiner Ruh«).
Antithetische Struktur
Das Spannungsverhältnis zwischen emotionalem Einsatz und persönlicher Freiheit ist in Vers 5–8 durch klare Gegensätze gestaltet:
»Hertz geben« ↔ »frey leben«
»sich begeben seiner Ruh« ↔ »Leben übel zu bringen«
Diese Antithesen sind typisch für den barocken Moraldiskurs, in dem Lust und Leid, Freiheit und Bindung in scharfer Polarität gedacht werden.
Klang & Rhythmus
Der Kreuzreim (abab / cdcd) verleiht der Strophe eine klare melodische Ordnung. Die alternierenden männlichen und weiblichen Kadenzen sorgen für ein Wechselspiel zwischen straffer Schlusspunktsetzung und offenerem Ausklang, was den emotionalen Grundkonflikt formal spiegelt: Festigkeit (Distanz) und Offenheit (Annäherung).

Analyse – Strophe II – Verse 9-16

9 Schönheit mit Verstand vermählet
Textanalyse
Hier wird ein Idealbild skizziert: Schönheit und Verstand in einer Person vereint. Im Kontext barocker Liebesdichtung ist dies eine seltene, beinahe utopische Kombination, denn meist wird eine Spannung zwischen äußerer Anmut und innerer Tugend gezeichnet.
Subtext
Der Ausdruck »vermählet« verweist sowohl auf eine reale Verbindung (Ehe) als auch auf eine harmonische Einheit im Charakter. Dahinter liegt die Annahme, dass wahre Liebe eine Balance aus sinnlicher und geistiger Anziehung braucht – ein moralisch fundierter Idealismus.
10 Trifft offt schlechte Gleichheit an:
Textanalyse
Der Dichter relativiert sofort: In der Realität findet man oft »schlechte Gleichheit« – also eine unbefriedigende Mischung, bei der weder Schönheit noch Verstand besonders ausgeprägt sind oder bei der ein Ungleichgewicht besteht.
Subtext
Hier spricht Skepsis: Das Ideal der vollkommenen Verbindung bleibt in der Erfahrung meist unerfüllt. Es mitschwingt ein leicht ironischer Realismus – Schönheit und Verstand fallen selten in derselben Person in vollkommener Form zusammen.
11 Manch getreues Hertz erwehlet
Textanalyse
Das »getreue Herz« symbolisiert Treue, Aufrichtigkeit und ehrliche Zuneigung. Dieses Herz »erwehlet« – es trifft eine Wahl aus Liebe.
Subtext
»Getreu« betont, dass selbst ehrliche, moralische Liebe nicht frei von Fehlentscheidungen ist. Auch aufrichtige Menschen können aus Leidenschaft jemanden wählen, der objektiv ungeeignet ist.
12 Was nicht Farbe halten kan:
Textanalyse
Die Redewendung »Farbe halten« bedeutet, etwas bewahre seinen Schein oder seine Qualität. Hier: Das Erwählte erweist sich als unbeständig, der anfängliche Reiz hält nicht stand.
Subtext
Dies ist eine Kritik an oberflächlicher Verliebtheit – Gefühle können an etwas haften, das sich später als trügerisch entpuppt. Auch das treueste Herz ist nicht immun gegen Täuschung, wenn der Schein zu sehr lockt.
13 Fremde Qual heist Achtung geben
Textanalyse
»Fremde Qual« kann hier bedeuten: das Leid, das von außen kommt oder durch falsche Wahl in einer Beziehung entsteht. »Achtung geben« meint »sich in Acht nehmen«, Vorsicht walten lassen.
Subtext
Der Vers formuliert eine Mahnung: Man solle aufmerksam sein, um nicht in eine fremdbestimmte, unglückliche Lage zu geraten – Liebesleid, das nicht aus innerer Notwendigkeit, sondern aus falschen Entscheidungen entsteht.
14 Was für eine Wahl man thu;
Textanalyse
Dieser Vers ist die Fortführung des vorigen: Die größte Vorsicht gilt der Wahl des Partners. In barocker Lebensweisheit gilt die Partnerwahl als entscheidender Faktor für Glück oder Unglück.
Subtext
Hier klingt ein fast ökonomisches Verständnis von Liebe an – die »Wahl« ist eine Investition, deren langfristige Folgen bedacht werden müssen.
15 Doch/ wer unverliebt will leben
Textanalyse
Nun setzt der Dichter einen Kontrast: Es mag zwar gefährlich sein, die falsche Wahl zu treffen – doch gänzlich ohne Liebe zu leben, ist ebenfalls keine Lösung.
Subtext
Hinter dieser Formulierung steckt eine anthropologische Konstante: Liebe ist ein Grundbedürfnis. Der Verzicht auf sie, um Enttäuschung zu vermeiden, wäre selbst eine Form von Verlust.
16 Bringt sein Leben übel zu.
Textanalyse
Der Strophenschluss ist eine Sentenz: Ein Leben ohne Liebe verläuft schlecht, sinnlos oder unvollendet.
Subtext
Hier artikuliert sich eine barocke Lebensweisheit, die zwischen Risiko und Notwendigkeit abwägt: Wer lebt, muss lieben – trotz der Gefahr des Scheiterns.
Philosophische Tiefendimension
Diese Strophe entfaltet ein Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit. Auf der einen Seite steht das Ideal der Verbindung von Schönheit und Verstand, ein barockes Echo auf platonische Ganzheitsvorstellungen. Auf der anderen Seite steht die Realität menschlicher Begrenztheit: Oft findet man unvollkommene Mischungen, und selbst die treuesten Herzen können sich täuschen.
Daraus erwächst eine doppelte moralische Lehre: Erstens, die Notwendigkeit kluger Wahl – Liebe darf nicht blind sein, sondern muss von Urteilskraft begleitet werden. Dies erinnert an die aristotelische Tugendlehre, in der phronesis (praktische Weisheit) die Leidenschaft lenken soll. Zweitens, das Eingeständnis, dass völliger Verzicht auf Liebe keine Lösung ist. Hier zeigt sich eine Nähe zur augustinischen Anthropologie: Der Mensch ist auf Liebe angelegt (cor inquietum est), und ein Leben ohne sie bleibt defizitär.
Der Subtext der Strophe enthält auch einen leisen Zug barocker Skepsis: Schönheit vergeht, Verstand kann trügen, die Wahl kann misslingen – dennoch ist Liebe ein unvermeidbares Risiko. So liegt in den Versen eine Vorform der existenziellen Einsicht, die später bei Kierkegaard deutlich wird: Das Leben erfordert Entscheidungen, und Liebe ist eine, die in ihrem Wesen riskant ist, aber zum wahren Leben gehört.
Psychologische Tiefendimension
Die Strophe entfaltet eine Art Liebeslehre, die von einer skeptischen Beobachtung der menschlichen Partnerwahl geprägt ist:
„Schönheit mit Verstand vermählet“
Hier erscheint das Idealbild der Verbindung äußerer Schönheit mit innerer Klugheit. Abschatz erkennt dieses Ideal, aber bereits im nächsten Vers deutet er an, dass die Realität es selten einlöst. Psychologisch steckt darin eine Projektion des Wunsches nach Vollkommenheit, gepaart mit der Erfahrung, dass Menschen in der Partnerwahl oft Kompromisse eingehen oder falsche Prioritäten setzen.
„Trifft offt schlechte Gleichheit an“
Die „schlechte Gleichheit“ bezeichnet eine ungünstige Paarung: Entweder fehlt einerseits die Harmonie zwischen den Partnern, oder die Gemeinsamkeiten liegen auf einem niedrigen Niveau (z.B. gemeinsame Oberflächlichkeit statt gemeinsamer Tiefe). Psychologisch verweist dies auf die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität in Liebesbeziehungen – und auf den Umstand, dass Bindung nicht allein aus bewusster Vernunftentscheidung entsteht, sondern von unbewussten Antrieben gesteuert wird.
„Manch getreues Hertz erwehlet / Was nicht Farbe halten kan“
Das „getreue Herz“ steht für aufrichtige Zuneigung, doch es wählt bisweilen jemanden, dessen äußere Reize oder Tugenden nicht von Dauer sind. Hier wird ein klassisches psychologisches Muster beschrieben: emotionale Bindung, die auf Projektion oder Illusion beruht und deren Enttäuschung vorprogrammiert ist.
„Fremde Qual heist Achtung geben / Was für eine Wahl man thu“
Die Mahnung, bei der Partnerwahl Achtung walten zu lassen, kommt nicht aus Lust, sondern aus „fremder Qual“: also aus der Beobachtung oder miterlebten Leiden anderer. Psychologisch ist das die Lernkurve durch fremde Fehler, eine soziale Weitergabe von Warnungen, die aber selten die volle Kraft der eigenen Erfahrung ersetzt.
„Doch/ wer unverliebt will leben / Bringt sein Leben übel zu“
Trotz aller Risiken und Fehlwahlen warnt der Sprecher vor der völligen Abstinenz. Psychologisch liegt hier die Einsicht, dass Liebe – auch wenn sie Schmerz bringen kann – ein zentrales Element erfüllten Lebens ist. Verzicht bedeutet nicht Sicherheit, sondern emotionale Verarmung.
Damit zeichnet Abschatz das Spannungsfeld zwischen Liebesideal, Täuschungserfahrung, Vorsicht und der Unausweichlichkeit des Liebens – eine sehr moderne, realistische Sicht.
Sprachlich-stilistische Analyse
Form und Rhythmus:
Die Strophe ist streng gebaut – vierhebiger Vers mit wechselnder Kadenz, gepaart in Kreuzreimen (abab cdcd). Diese formale Strenge kontrastiert mit der inhaltlichen Skepsis: Während der Inhalt Unsicherheit und Fehlentscheidungen thematisiert, gibt die äußere Form einen festen Halt.
Lexikalische Gegensätze:
Schönheit vs. Verstand (äußere und innere Qualitäten)
getreues Herz vs. nicht Farbe halten (Beständigkeit vs. Vergänglichkeit)
unverliebt vs. übel zu (Gefühlsleere vs. Lebensmisslingen)
Diese Antithesen verdeutlichen die Spannungen, die im Liebesleben wirken.
Metaphorik:
Farbe halten ist eine Metapher für Beständigkeit, ähnlich wie heutiges »nicht verblassen«. Sie stammt aus der Textil- und Malereiwelt und verweist auf äußere Reize, die sich im Alltag abnutzen.
vermählet wird nicht rein juristisch verstanden, sondern als Symbol einer idealen Einheit von äußerer und innerer Vollkommenheit.
Rhetorische Strategien:
Belehrungston: Die Strophe nutzt Imperativnähe (»Achtung geben«) und kausale Folgerungen, um Lebensweisheit zu vermitteln.
Alliteration: Fremde – Folgerung – Farbe, Leben – übel – zu geben dem Klang zusätzliche Kohärenz.
Anapher/Parallelismus: Der Gedankengang »wer X… / bringt Y…« (V. 15–16) fasst das Fazit pointiert zusammen.
Barocke Sinnstruktur:
Typisch barock ist die Verbindung von Lebensklugheit, Warnung vor Täuschung und der Mahnung, dennoch nicht auf das zentrale Lebensgut (Liebe) zu verzichten. Hier spiegelt sich die barocke Dialektik von Vanitas und Carpe diem: Die Liebe ist vergänglich und riskant – und gerade deshalb kostbar.

Analyse – Strophe III – Verse 17-24

17 Liebe/ Cloris/ lieb in Zeiten/
Textanalyse
Der Sprecher wendet sich direkt an »Cloris« – ein konventionalisierter Name in der barocken Lyrik, oft als Schäferin oder Liebesideal in bukolischen Kontexten verwendet. Die Aufforderung »lieb in Zeiten« meint: Liebe, solange die Gelegenheit günstig ist. Das »in Zeiten« verweist auf die Zeitgebundenheit von Schönheit, Jugend und Liebesmöglichkeiten.
Subtext
Unter der pastoral-idealisierten Oberfläche schwingt eine barocke Memento-mori-Note mit: Die Zeit verrinnt, und was heute möglich ist, ist morgen verloren. »Liebe in Zeiten« ist auch ein Hinweis auf die Vergänglichkeit und den Drang, zu genießen, bevor es zu spät ist.
18 Liebe was dich wieder liebt/
Textanalyse
Das Imperativgefüge wird fortgeführt: Liebe nur das, was dich ebenfalls liebt. Die Wiederholung »Liebe … liebt« erzeugt einen lautlichen Gleichklang und verstärkt den Grundsatz der Reziprozität.
Subtext
Der Vers birgt eine pragmatische Liebesethik – keine Verschwendung von Gefühlen an jemanden, der nicht erwidert. Es klingt wie eine Warnung gegen die schmerzhafte Einseitigkeit. Gleichzeitig wird Liebe als ökonomisches Tauschverhältnis angedeutet – ein Konzept, das im höfischen Kontext des 17. Jahrhunderts durchaus geläufig war.
19 Was dir/ ohne Widerstreiten/
Textanalyse
Ein Relativsatz, der das vorher Gesagte konkretisiert. »Ohne Widerstreiten« bedeutet ohne innere oder äußere Gegenwehr. Das Bild ist weich, konfliktfrei.
Subtext
Hier zeigt sich eine barocke Idealvorstellung von Liebe als harmonischer Übereinstimmung. Kein Werben gegen Widerstand, keine Eroberung im Sinne eines Kampfes, sondern sanftes Einverständnis – möglicherweise als Tugend der »ehrbaren« Liebe im höfischen Rahmen verstanden.
20 Sein getreues Hertze giebt.
Textanalyse
Die Auflösung des Relativsatzes: Es geht um jemanden, der sein »getreues Herz« schenkt. »Getreu« signalisiert Beständigkeit und Loyalität, zentrale Werte barocker Liebeskonzeptionen.
Subtext
Hier klingt das Ideal der constans amor an – der beständigen, treuen Liebe, wie sie aus antiker Liebestheorie (Ovids Gegenpol zur frivolen Liebe) und christlicher Moral abgeleitet wurde. Der Fokus liegt auf der Sicherheit einer erwiderten, treuen Zuneigung – nicht auf dem Rausch des Verlangens.
21 Lieb‘ und Gegen-Liebe geben
Textanalyse
Wieder eine Alliteration und inhaltlich die Kernaussage: Liebe und Gegenliebe zusammen ergeben ein Ganzes. Das Wort »Gegen-Liebe« (damals noch geläufig) bezeichnet nicht feindliche, sondern erwiderte Liebe.
Subtext
Die semantische Paarung verweist auf ein Ideal der Balance: nur Gegenseitigkeit schafft die wahre Erfüllung. Unterschwellig spiegelt sich ein normativer Anspruch: Liebe ohne Gegenseitigkeit ist unvollständig, vielleicht sogar unrecht.
22 Süsse Lust und stille Ruh/
Textanalyse
Die Früchte der beiderseitigen Liebe: »Süße Lust« (sinnliche und emotionale Freude) und »stille Ruh« (Seelenfrieden, Harmonie). Der Binnenreim »Lust« – »Ruh« wird zwar nicht vollständig als Klangpaar geführt, aber die rhythmische Koppelung wirkt ausgleichend.
Subtext
Barocke Doppeldeutigkeit: »Lust« kann körperlich-erotisch wie geistig-spirituell gelesen werden, »stille Ruh« kann sowohl die Harmonie der Beziehung als auch den metaphorischen »himmlischen Frieden« meinen. Damit öffnet sich der Text zur allegorischen Lesart (Gott-Mensch-Beziehung).
23 Wer von Liebe frey will leben
Textanalyse
Beginn einer antithetischen Warnung. »Frey« ist hier nicht im modernen Sinn »unabhängig« positiv konnotiert, sondern eher »losgelöst« oder »entbehrend«.
Subtext
Das barocke Weltbild deutet auf die Liebe als notwendiges Lebensprinzip. Sich der Liebe zu entziehen, heißt, eine Grundkraft menschlicher Existenz zu verleugnen. Im Subtext könnte auch mitschwingen: Wer keine Liebe kennt, verfehlt den Sinn des Lebens.
24 Bringt sein Leben übel zu.
Textanalyse
Schlussfolgerung: Ohne Liebe ist das Leben schlecht geführt, verfehlt, vergeudet. »Übel« ist eine moralisch-ethische Qualifizierung, nicht nur ein emotionales Urteil.
Subtext
Dieser letzte Vers ist fast sprichwörtlich: Wer die Liebe ablehnt oder verpasst, ruiniert sein Leben. Das kann sowohl auf romantische als auch auf göttliche Liebe bezogen werden – eine bewusste Offenheit der Deutung.
Philosophische Tiefendimension
1. Vergänglichkeit und Carpe Diem:
Die Aufforderung, »in Zeiten« zu lieben, ist eine Variation des barocken memento mori. Liebe soll nicht verschoben werden, da Zeit und Gelegenheit unwiederbringlich vergehen.
2. Reziprozität als ethisches Prinzip:
Liebe wird nicht als einseitiges Opfer verstanden, sondern als harmonischer Austausch – ein Gedanke, der sowohl in der höfischen Etikette als auch in stoischer Philosophie Resonanz findet.
3. Einheit von Lust und Ruhe:
Das Zusammenspiel von »süßer Lust« und »stiller Ruh« verweist auf die aristotelische mesotes-Lehre (das rechte Maß): Liebe schenkt Genuss ohne Exzess, Frieden ohne Stagnation.
4. Liebe als existentieller Sinngeber:
Der letzte Zweizeiler formuliert eine anthropologische Maxime: Liebe ist nicht optional, sondern konstitutiv für ein gutes Leben – sowohl in menschlicher als auch in transzendenter Perspektive.
5. Doppelte Lesbarkeit – weltlich und spirituell:
Unter dem höfischen Liebesdialog liegt eine mögliche allegorische Schicht: Die Gegenseitigkeit der Liebe kann auch als Gleichnis für die Beziehung zwischen Gott und der Seele gelesen werden – barocke Dichtung war oft bewusst mehrdeutig, um sowohl weltliche als auch geistliche Interpretationen zu ermöglichen.
Psychologische Tiefendimension
In dieser dritten Strophe wird der Gedanke der Reziprozität in der Liebe zum zentralen psychologischen Prinzip. Der Sprecher richtet sich mahnend an Cloris – eine allegorische Geliebte, typisch für barocke Liebeslyrik – und fordert, Liebe möge in jenen Zeiten geübt werden, in denen sie auch empfangen wird (»Liebe, was dich wieder liebt«).
Hier wirken mehrere psychologische Ebenen zusammen:
1. Reziprozität als emotionales Grundbedürfnis
Das Gedicht impliziert, dass Liebe ihre volle Kraft nur entfalten kann, wenn sie erwidert wird. Unerwiderte Liebe führt dagegen zu Frustration, Selbstzweifel und seelischer Unruhe. Abschatz formuliert eine fast utilitaristische Beziehungsethik: Gefühle lohnen sich nur, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruhen.
2. Selbstschutz durch selektive Hingabe
Die Aufforderung »Liebe, was dich wieder liebt« ist auch eine psychologische Strategie, um emotionale Verletzungen zu vermeiden. Der Liebende soll nicht in eine ungleiche Beziehung investieren, sondern nur dort sein Herz geben, wo es sicher aufgehoben ist. Das ist nicht nur rational, sondern auch defensiv: Das Risiko des seelischen Verlusts wird minimiert.
3. Bindung und Stabilität
In den Versen 21–22 (»Lieb’ und Gegen-Liebe geben / Süsse Lust und stille Ruh«) wird die gegenseitige Liebe als Quelle innerer Harmonie dargestellt. Die Psychologie moderner Bindungstheorien findet hier eine barocke Vorform: Erwiderte Zuneigung stabilisiert das Selbstwertgefühl und führt zu emotionaler Sicherheit (»stille Ruh«).
4. Existenzielle Warnung
Die letzten Verse (»Wer von Liebe frey will leben / Bringt sein Leben übel zu«) tragen einen normativen Unterton: Wer sich aus Angst oder Stolz der Liebe entzieht, verfehlt einen wesentlichen Lebenssinn. Psychologisch gesehen steckt dahinter die barocke Vorstellung, dass Liebesfähigkeit ein Kern menschlicher Erfüllung ist – und deren Verweigerung in emotionale Vereinsamung führt.
5. Barockes Spannungsfeld: Lust vs. Tugend
Die Verbindung von »süsse Lust« und »stille Ruh« bringt eine paradoxe Harmonie zum Ausdruck: Leidenschaft und innere Gelassenheit sind kein Widerspruch, sondern in einer ausgewogenen, erwiderten Liebe vereint. Hier wird das Ideal einer kontrollierten, aber erfüllten Leidenschaft sichtbar.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Direkte Anrede und Imperativ
Die Strophe beginnt mit einem doppelten Imperativ (»Liebe/ Cloris/ lieb in Zeiten«), was eine rhetorische Dringlichkeit erzeugt. Die direkte Nennung von Cloris personalisiert den Appell und verleiht ihm emotionale Nähe.
2. Anaphern und Parallelismus
Die Wiederholung des Wortes »Liebe« in den Versen 17 und 18 wirkt wie ein beschwörender Takt. Die parallele Satzstruktur (»Liebe was dich wieder liebt« / »Was dir … giebt«) verstärkt den Gedanken der Gegenseitigkeit.
3. Lexikalische Schlichtheit mit affektiver Aufladung
Der Wortschatz ist einfach, aber emotional hochkonzentriert: »Liebe«, »Herz«, »süsse Lust«, »stille Ruh«. Diese Termini transportieren zentrale Wertbegriffe barocker Liebeslyrik und sind leicht memorierbar.
4. Klangliche Gestaltung
Durch Alliteration (»Liebe – Leben«) und Assonanz (»geben – leben«) entsteht ein lautlicher Zusammenhalt, der den moralischen Appell eingängig macht. Das schließt an barocke Rhetoriktraditionen an, die Belehrung und Musikalität verbinden.
5. Antithetik
Die Gegensätze »süsse Lust« vs. »stille Ruh« verbinden sinnliche und kontemplative Qualitäten, was typisch ist für den barocken Versuch, Leidenschaft in eine harmonische Ordnung zu integrieren.
6. Moralisch-sententiöser Schluss
Die letzten beiden Verse sind wie ein Sprichwort gebaut. Sie verdichten die zuvor entfaltete Liebesethik zu einer allgemein gültigen Lebensregel, was dem Text einen epigrammatischen Abschluss gibt.

Gesamtkomposition und Tiefenstruktur

Das Gedicht ist klar dreiteilig gebaut, wobei jede Strophe aus acht Versen besteht und inhaltlich auf einen moralischen Kern zuläuft: »Wer von Liebe frey will leben / Bringt sein Leben übel zu.« – dieser Refrain bildet nicht nur das Schlussdistichon jeder Strophe, sondern fungiert als moralischer Dreh- und Angelpunkt des Gedichts.
Erste Strophe: Ausgangspunkt ist ein direktes, fast vorwurfsvoll-fragendes Ansprechen der Cloris – eine typische Figur der Barocklyrik, zugleich individuelle Geliebte und allegorisches Bild der Schönheit. Die Strophe entfaltet eine paradoxe Situation: zärtliche Blicke ohne inneres Begehren. Abschatz stellt den Gegensatz von äußeren Zeichen der Zuneigung und innerer Liebesverweigerung heraus.
Zweite Strophe: Die Betrachtung verschiebt sich ins allgemein-moralische Feld: Schönheit und Verstand sind nicht zwingend harmonisch vereint; Treue kann auf ein unbeständiges Objekt treffen. Es ist eine barocke Reflexion über die Fehlbarkeit menschlicher Wahl und die Täuschung durch äußere Formen.
Dritte Strophe: Die Rede wird imperativ und programmatisch. Aus dem Beobachten und Mahnen wird ein ethisch begründeter Rat: liebe, solange Gegenseitigkeit möglich ist, und nutze die Zeit. Hier tritt die positive Vision in den Vordergrund – Gegen-Liebe wird zum Idealzustand, der Lust und Ruhe vereint.
Die Tiefenstruktur ist damit zyklisch: (1) Anklage der Kälte – (2) moralische Allgemeinreflexion – (3) positive Handlungsmaxime. Der Refrain schließt den Kreis und bekräftigt, dass Liebesverweigerung nicht nur unglücklich macht, sondern das Leben »übel« führt – im Sinne von verfehlt.
Symbolische und moralphilosophische Tiefenschicht
Cloris: Nicht nur eine Schäferdichtungskonvention, sondern Symbol der in sich ruhenden, aber nicht teilenden Schönheit. In der barocken Tradition ist Cloris oft mit einer gewissen Distanz oder Kälte behaftet, sodass sie für ungenutzte Lebensmöglichkeiten steht.
Blick und Herz: Der Blick fungiert als Zeichen der Sinnlichkeit und der äußeren Kommunikation, das Herz als Symbol der inneren Wahrheit. Ihre Diskrepanz ist Kern des Konflikts.
Refrainformel: »Wer von Liebe frey will leben« trägt einen moralischen Imperativ in sich, der nicht rein erotisch zu verstehen ist: Liebe wird als anthropologische Grundkonstante gesetzt, deren Verweigerung das Leben ins Ungute wendet. Damit wird eine Tugendethik formuliert, die barocktypisch an Vergänglichkeit und Lebenszweck gekoppelt ist.
Liebe und Gegen-Liebe: Diese Wendung verweist auf das antike wie christliche Ideal der amicitia perfecta, in der Liebe nicht als einseitige Leidenschaft, sondern als gegenseitige, harmonische Übereinstimmung von Geben und Nehmen erscheint. Moralisch betrachtet ist Gegen-Liebe die einzig legitime Form, da sie keine Unterwerfung, sondern Gleichklang bedeutet.
Zeitlichkeit: »Liebe in Zeiten« erinnert an die barocke carpe diem-Ethik: Liebe muss in der Gegenwart verwirklicht werden, da Schönheit und Gelegenheit flüchtig sind.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
Eröffnungsstrophe: Der Sprecher tritt als dialogischer Mahner auf, der sich zunächst direkt an Cloris wendet. Die Fragen sind rhetorisch, zielen nicht auf Antwort, sondern auf Beschämung und Selbstprüfung. Psychologisch wird hier Spannung aufgebaut: Die Schönheit der Cloris steht in Kontrast zu ihrer Liebesverweigerung, was den Sprecher zu einer Art leiser Anklage treibt.
Zweite Strophe: Die direkte Ansprache weicht einer allgemeinen Betrachtung – der Sprecher zieht sich aus der persönlichen Emotion zurück und reflektiert über generelle Gesetzmäßigkeiten der Liebe. Rhetorisch erfolgt hier eine Ausweitung vom Einzelfall zum Allgemeinen, was dem Gedicht eine moralische Autorität verleiht. Psychologisch kann dies als Selbstschutz gelesen werden: persönliche Enttäuschung wird in allgemeine Lebensweisheit umgedeutet.
Dritte Strophe: Der Sprecher kehrt zur Ansprache zurück, jetzt aber nicht im Ton der Anklage, sondern des Rates. Die Imperative »Liebe« und »Liebe was dich wieder liebt« markieren einen Wendepunkt: von der Feststellung des Mangels zur Darlegung einer Lösung. Rhetorisch ist das eine Steigerung, die im moralischen Appell kulminiert. Psychologisch kann man es als »Angebot zur Versöhnung« deuten: Statt Vorwurf nun konstruktiver Weg.
Das Gedicht entfaltet sich damit wie ein kleiner barocker Traktat über die Notwendigkeit der Gegenseitigkeit in der Liebe: von der individuellen Beobachtung über moralische Generalisierung bis zur handlungsorientierten Maxime. Liebe wird dabei nicht als bloße Leidenschaft, sondern als anthropologische Pflicht und Tugend dargestellt, deren Erfüllung die einzige Möglichkeit zu einem gelungenen Leben ist.

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