Hans Aßmann von Abschatz
Die schwartzen Augen
Wohin soll ich zu erst die Augen wenden/1
Die mir zu einer Zeit zwey Sonnen blenden?2
Wo soll ich erstlich hin/3
Dieweil in meinem Sinn4
Ich gantz entzücket bin/5
Die Blicke senden?6
–
Steht unter Steinen nicht der Demant oben?7
Sein Feuer macht die dunckle Folge loben?8
Der schwartzen Augen Zier9
Wird billig auch von mir10
Für allen andern hier11
Mit Ruhm erhoben.12
–
Laß Phöbus hohen Glantz den Himmel mahlen:13
Mit tausend Sternen mag der Abend prahlen:14
Der Augen lichte Nacht/15
Mit welchen ihre Pracht16
Amene kundbar macht/17
Wirfft hellre Stralen.18
–
Die Sonne kan allein den Leib beschwärtzen/19
Bey Nachte scheinen nur die Himmels-Kertzen:20
Durch dieser Augen Schein21
Senckt sich dem Hertzen ein22
Die angenehme Pein23
Verliebter Schmertzen.24
–
Kan nicht ihr Blick von Hertz zu Hertze steigen?25
Sie sind des edlen Sinns getreue Zeugen:26
Was ni cht der kluge Mund/27
Der manchen Geist verwundt/28
Mit reden machet kund/29
Entdeckt ihr Schweigen.30
–
Wer kan sich an so schönen Feinden rächen?31
Ich bleibe stets bemüht ihr Lob zu sprechen/32
Ob mir gleich ihre Pracht33
Hat manche Pein gemacht/34
Biß mir zu gutter Nacht35
Die Augen brechen.36
Analyse – Strophe I – Verse 1-6
1 Wohin soll ich zu erst die Augen wenden
Textanalyse
Das lyrische Ich steht vor einer überwältigenden visuellen Erfahrung und weiß nicht, wohin es zuerst schauen soll. Die Frageform signalisiert Ratlosigkeit und Staunen.
Subtextanalyse
Hinter der Frage liegt eine erotische oder zumindest stark affektive Aufladung: Der Blick ist nicht neutral, sondern von Anziehungskraft gefesselt. Das lyrische Ich ist in einem Moment des Begehrens und der Überforderung zugleich.
Metaebene
Dieser Auftakt evoziert das barocke Topos der confusio amoris – der Liebende ist sprach- und handlungsunfähig angesichts der Schönheit. Zugleich wird die Leserrolle involviert: Die Frage zieht das Publikum in das Dilemma des Sehens hinein.
Intertextuell
Die Unentschiedenheit des Blicks erinnert an petrarkistische Liebeslyrik, in der die Augen der Geliebten das Subjekt »gefangen nehmen«. Auch Parallelen zu Ovids Amores sind denkbar, wo der Blick als erster Angriffspunkt der Liebe dargestellt wird.
2 Die mir zu einer Zeit zwey Sonnen blenden?
Textanalyse
Die »zwei Sonnen« sind eine Metapher für die Augen der Geliebten. Das Bild verbindet kosmische Größe mit dem Motiv des blendenden Lichts.
Subtextanalyse
Blendung ist doppeldeutig: einerseits Glanz und Schönheit, andererseits eine Art Verletzung des Sehenden – das Begehren hat etwas Schmerzhaftes.
Metaebene
In der barocken Emblematik steht die Sonne für göttliche Vollkommenheit; hier werden die Augen fast theologisch überhöht. Das »zu einer Zeit« betont die simultane, überwältigende Wirkung, die das Subjekt an der Kontrolle hindert.
Intertextuell
Das Bild der »doppelten Sonne« findet sich schon in der italienischen Renaissance-Lyrik (z. B. bei Petrarca: »due soli«), aber auch in der spanischen Mystik (San Juan de la Cruz vergleicht den göttlichen Blick mit Sonnenstrahlen). Abschatz fügt diesem Motiv die barocke Präzision der Sinnesüberwältigung hinzu.
3 Wo soll ich erstlich hin
Textanalyse
Die Wiederholung der Orientierungsfrage aus Vers 1 verstärkt den Eindruck innerer Zerrissenheit.
Subtextanalyse
Hier schwingt eine Art sinnliche Verwirrung mit: nicht nur der Blick, auch der Geist kann keinen Fokus finden. Der Vers wirkt wie ein Atemholen im Rausch.
Metaebene
Die Wiederholung ist barocke Stilfigur (anaphora), um den Affekt zu steigern. Das Gedicht wird so zu einem performativen Ausdruck des Überwältigtseins.
Intertextuell
Die Fragetechnik erinnert an höfische Minnelyrik, in der der Sprecher oft rhetorische Selbstgespräche führt, um seine innere Unruhe darzustellen.
4 Dieweil in meinem Sinn
Textanalyse
Der Übergang markiert einen inneren Perspektivwechsel: weg vom rein Optischen hin zum inneren Erleben. »Dieweil« verweist auf die Ursache.
Subtextanalyse
Der Blick hat nicht nur das Auge, sondern auch den »Sinn« – im barocken Sprachgebrauch oft gleichbedeutend mit Geist, Gemüt oder Seele – ergriffen.
Metaebene
Das barocke Liebesgedicht bewegt sich hier in Richtung Seelenmetaphorik: Die äußere Schönheit der Augen transformiert sich in einen seelischen Ausnahmezustand.
Intertextuell
Anklänge an neoplatonische Schönheitsvorstellungen (z. B. Marsilio Ficino): Die Schönheit der Augen wirkt auf die Seele, da sie als »Fenster« des Inneren verstanden werden.
5 Ich gantz entzücket bin
Textanalyse
Das lyrische Ich bekennt eine völlige Entrückung. »Entzücket« bedeutete im Barock nicht nur »entzückt« im heutigen Sinne, sondern auch »entrückt«, aus der gewohnten Welt herausgehoben.
Subtextanalyse
Die Formulierung legt einen ekstatischen Zustand nahe, der sowohl erotisch als auch mystisch gelesen werden kann.
Metaebene
Die Steigerung vom visuellen Eindruck zur völligen Transzendenz zeigt, wie das Motiv der Augen über die körperliche Anziehung hinaus ins Übersinnliche gesteigert wird.
Intertextuell
Parallelen zur mystischen Ekstase, wie sie bei Teresa von Ávila oder in der protestantischen Erbauungsliteratur geschildert wird: visuelles Erleben führt zu seelischer Erhebung.
6 Die Blicke senden?
Textanalyse
Der Vers klärt retrospektiv, was die »zwei Sonnen« tun: Sie senden Blicke, die aktiv und machtvoll das lyrische Ich erreichen.
Subtextanalyse
Der Blick der Geliebten wird als fast aggressiver, zumindest aktiver Strahl verstanden, der den Geliebten trifft – ein Machtgefälle wird angedeutet.
Metaebene
Die Augen werden nicht nur als passive Schönheit beschrieben, sondern als handelnde Akteure, womit das Gedicht dem Konzept des »dolce stil novo« folgt, in dem der Blick der Geliebten eine transformative Kraft besitzt.
Intertextuell
Auch Dante in der Vita nuova beschreibt den Blick Beatrices als eine Art Lichtstrahl, der den Liebenden verwandelt. Abschatz greift dieses Motiv auf, versieht es jedoch mit der barocken, etwas pathetischeren Bildsprache.
Ikonologische Deutung
Die beiden »Sonnen« sind eine poetische Metapher für die schwarzen Augen der Geliebten, deren Glanz und Strahlkraft als so intensiv beschrieben wird, dass sie den Sprecher »blenden«. In der Ikonologie des 17. Jahrhunderts steht das Doppelsonnen-Motiv zugleich für Schönheit, Vollkommenheit und lebensspendendes Licht, das im höfischen Galanteriestil häufig mit der Macht über Herz und Verstand des Verehrers verknüpft ist. Zugleich kann das »Blenden« als Hinweis auf das Paradox der Schönheit gelesen werden: Sie erleuchtet, aber sie raubt auch die klare Sicht.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Die Formulierung erinnert an eine barocke Vanitas- und Erkenntnisproblematik: Licht als Symbol für Wahrheit und Göttlichkeit (vgl. Platonische Lichtmetaphysik und biblische Lichtsymbolik) wird hier in einer sinnlich-irdischen Erscheinung erfahren. Der Blick in das »Zwei-Sonnen«-Antlitz führt nicht zu transzendenter Erleuchtung, sondern zu einer Ekstase, die den Geist aus dem rationalen Denken herausführt (»entzücket« im Sinne von Entrückung). Daraus ergibt sich eine Doppelperspektive: Einerseits schimmert in der Schönheit der Geliebten eine Spur des göttlichen Lichts (die barocke Vorstellung, dass irdische Schönheit ein Abglanz des Schöpfers ist), andererseits wird die menschliche Vernunft geblendet, sodass der Zustand zwischen Erkenntnis und Verblendung oszilliert.
Psychologische Tiefenschicht
Der Sprecher befindet sich in einem Zustand affektiver Überwältigung: visuelle Eindrücke dominieren das Bewusstsein, was zur Orientierungslosigkeit (»wohin soll ich zuerst die Augen wenden?«) und zur Fixierung auf das Objekt der Begierde führt. Psychologisch kann dies als eine frühe Phase der Verliebtheit gedeutet werden, in der das Gegenüber idealisiert und die Aufmerksamkeit fast vollständig absorbiert wird. Das »entzücket sein« verweist auf eine emotionale Überflutung, die sowohl Lust als auch eine gewisse Hilflosigkeit einschließt – der Kontrollverlust über die eigene Aufmerksamkeit.
Analyse – Strophe II – Verse 7-12
7 Steht unter Steinen nicht der Demant oben?
Textanalyse
Der Vers nutzt ein rhetorisches Fragemuster (eine Suggestivfrage), um eine Analogie zwischen Edelsteinen und den »schwarzen Augen« der Geliebten aufzubauen. Unter den »Steinen« steht hier der Diamant (»Demant«) als der wertvollste, der »oben« steht, also herausragt und hervorgehoben wird.
Subtextanalyse
Die Frage ist nicht wirklich offen, sondern bestätigt im Unterton, dass sich das Kostbarste immer über dem Durchschnitt erhebt – was impliziert, dass die schwarzen Augen den anderen Schönheitsmerkmalen überlegen sind. Gleichzeitig steckt darin ein sozialer und ästhetischer Wertmaßstab: Schönheit wird wie ein seltener Edelstein taxiert.
Metaebene
Abschatz bedient sich einer höfisch-barocken Wertelogik: Das Kostbare ist das Erhabene, das Erhabene steht »oben« und ist sichtbar über allen anderen. Schönheit wird hier hierarchisch organisiert – eine Denkweise, die auch in der barocken Hofkultur (etwa im Rangsystem des Adels) tief verankert war.
Intertextuell
Die Metapher des Diamanten als Sinnbild höchster Schönheit findet sich häufig in petrarkistischer Lyrik, etwa bei Opitz und Gryphius, sowie in der Emblematik des 17. Jahrhunderts, wo Edelsteine für Reinheit, Beständigkeit und Wert stehen. Die rhetorische Frage erinnert zudem an biblische Sprüche, in denen Edelsteine als Sinnbilder für das Kostbarste im Herzen genannt werden (z. B. Sprüche 20,15).
8 Sein Feuer macht die dunckle Folge loben?
Textanalyse
Das »Feuer« des Diamanten bezieht sich auf seinen Glanz und sein Lichtspiel, das besonders im Kontrast zu einer »dunklen Folge« hervortritt. Wörtlich: Die Leuchtkraft des Edelsteins lässt eine dunkle Umgebung sogar positiv erscheinen.
Subtextanalyse
Hier wird die »dunkle Folge« metaphorisch auf die Augenfarbe übertragen: Schwarz (dunkel) wird nicht als Mangel, sondern als Verstärker für Schönheit gesehen – die Brillanz des Blicks (»Feuer«) lässt das Dunkle strahlen. Gleichzeitig spielt das auf eine Umwertung an: In der europäischen Schönheitsnorm der Zeit galten oft helle Augen als Ideal, hier werden schwarze Augen bewusst erhöht.
Metaebene
Der Dichter positioniert sich gegen einen gängigen Schönheitstopos der Epoche, indem er das Dunkle positiv besetzt. Dieses »Loben« des Dunklen könnte im barocken Kontext auch mit der Faszination des Fremden und Exotischen zusammenhängen, die im höfischen Milieu hoch im Kurs stand.
Intertextuell
Das Motiv des »Feuers im Dunkel« hat lange literarische Tradition, von der mittelalterlichen Mystik (Licht in der Nacht als göttliche Offenbarung) bis zu Petrarca (das Glühen der Augen der Geliebten im Kontrast zu ihrem Schatten). Auch in der emblematischen Kunst des Barock findet sich oft das Licht-gegen-Finsternis-Motiv als Allegorie von Schönheit oder Wahrheit.
9 Der schwartzen Augen Zier
Textanalyse
Eine knappe, klare Benennung: Die »Zier« (Schmuck, Zierde) der schwarzen Augen. Es handelt sich um einen Nominativ, der als Subjekt des folgenden Satzgefüges dient. Der Vers isoliert den zentralen Gegenstand des Gedichts und gibt ihm grammatische Vorrangstellung.
Subtextanalyse
Durch die eigenständige Setzung dieses Fragments betont der Dichter, dass die schwarzen Augen für sich allein schon genug sind, um Aufmerksamkeit zu verdienen – ohne weitere Attribute. Dies ist eine Form von fokussierter Bewunderung.
Metaebene
Der Vers wirkt wie ein kunstvolles Innehalten: Nach den beiden rhetorischen Fragen folgt ein kurzer Ruhepunkt, fast wie ein Blick, der sich konzentriert, bevor er das Lob ausbreitet. Diese Struktur ist typisch für barocke Lyrik, die gern zwischen Frage und Feststellung wechselt.
Intertextuell
»Zier« ist ein fester Begriff in der frühneuhochdeutschen Liebeslyrik (bei Opitz, Fleming), meist in Verbindung mit Blumen- oder Schmuckmetaphern. Abschatz setzt die Augen in dieselbe Traditionslinie wie Natur- und Kunstschmuck.
10 Wird billig auch von mir
Textanalyse
»Billig« bedeutet hier »angemessen«, »gerecht«. Der Sprecher erklärt, dass es recht und billig ist, diese Augen zu preisen. »Auch von mir« impliziert: Es ist nicht nur allgemeiner Konsens, sondern auch seine persönliche Überzeugung.
Subtextanalyse
Der Sprecher nimmt sich bewusst nicht als alleinigen Entdecker dieser Schönheit, sondern reiht sich ein in eine Gemeinschaft der Bewunderer – gleichzeitig unterstreicht er, dass seine Stimme als Dichter Gewicht hat.
Metaebene
Dieser Einschub offenbart einen barocken Selbstreflexionszug: Der Dichter inszeniert sich als Teil eines höfischen Diskurses, in dem Schönheit nicht nur individuell empfunden, sondern auch sozial bestätigt und ritualisiert wird.
Intertextuell
Das Motiv des »billigen Lobes« findet sich häufig in höfischer Dichtung, wo die Lobpreisung der Dame als gesellschaftliche Pflicht dargestellt wird – ähnlich wie in Minnelyrik und petrarkistischer Tradition.
11 Für allen andern hier
Textanalyse
Hier wird ein Überbietungstopos gesetzt: Die schwarzen Augen stehen »vor« (oder »über«) allen anderen Schönheitsmerkmalen, die anwesend oder denkbar sind. »Hier« könnte auf die konkrete Gesellschaftsszene verweisen oder allgemein auf das Feld der Schönheit.
Subtextanalyse
Die Formulierung ist konkurrenzbetont: Schönheit wird wie bei Edelsteinen in einer Rangordnung gesehen. »Allen andern« deutet an, dass die schwarzen Augen sich im Wettbewerb durchsetzen.
Metaebene
Der barocke Gedanke von Hierarchie und Vorrangstellung wird erneut deutlich. Schönheit wird nicht demokratisch verteilt, sondern in ein System von Rängen eingefügt – analog zur höfischen Gesellschaftsordnung.
Intertextuell
Vergleichbar ist dies mit den Ranglisten in Emblembüchern oder in Preisgedichten, etwa bei Martin Opitz, wo bestimmte Tugenden oder Schönheitsattribute in einer festgelegten Ordnung stehen.
12 Mit Ruhm erhoben.
Textanalyse
Die Formulierung schließt die Strophe mit einer feierlichen Wertung. »Mit Ruhm erhoben« bedeutet: in den Stand des Ruhmes versetzt, öffentlich ausgezeichnet.
Subtextanalyse
Das Lob der schwarzen Augen ist nicht nur privat, sondern wird literarisch und damit dauerhaft gemacht – ein poetischer Akt der Erhöhung, der das Objekt des Lobes unsterblich macht.
Metaebene
Abschatz vollzieht hier den barocken Grundgestus des Poeta laureatus: Schönheit wird nicht nur beschrieben, sondern durch das Gedicht selbst in einen auratischen Zustand versetzt. Die poetische Sprache wirkt performativ: Das Lob erschafft den Ruhm.
Intertextuell
Das Motiv, dass Dichtung Ruhm verleiht, ist uralt (Horaz’ exegi monumentum), wurde in der Renaissance und im Barock stark gepflegt. Auch Shakespeare in seinen Sonetten verspricht, dass die Geliebte durch Verse ewig leben wird.
Ikonologische Deutung
In diesen Versen greift Hans Aßmann von Abschatz auf das Bild des »Demants« (Diamanten) zurück, der »unter Steinen« liegt, aber dennoch »oben« steht, um die kostbare und unvergleichliche Schönheit schwarzer Augen zu preisen. Der Diamant steht in der frühneuzeitlichen Bildsprache nicht nur für materielle Kostbarkeit, sondern auch für Reinheit, Beständigkeit und unzerstörbare Tugend. Dass er »unter Steinen« liegt, deutet auf das Herausragen des Besonderen aus der Menge des Gewöhnlichen hin. Ikonologisch verschmelzen hier also Naturmetapher und Emblematik: das einzelne, funkelnde Juwel wird zum Sinnbild der höchsten und zugleich seltenen Schönheit, die selbst in der Dunkelheit (dunkle Augenfarbe) strahlt und so die übrigen »Steine« (andere Augenfarben) übertrifft.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Theologisch kann der Diamant als Metapher für die von Gott geschaffene und in ihrer Einzigartigkeit unantastbare Schönheit gelesen werden, die sich nicht in äußeren, oberflächlichen Maßstäben erschöpft. In der frühbarocken Weltauffassung ist wahre Schönheit häufig ein Abglanz der göttlichen Vollkommenheit. Dass der Sprecher die »Zier« der schwarzen Augen »billig« (d.h. rechtens, verdient) vor allen anderen erhebt, deutet auf ein implizites Werturteil hin, das Schönheit mit innerer Wahrheit und göttlicher Ordnung verknüpft. Philosophisch kann der Diamant zudem als Symbol für das »bonum per se« gedeutet werden – etwas, das um seiner selbst willen geliebt und geschätzt wird, unabhängig von Nützlichkeit oder Zweck.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch zeigen die Verse eine idealisierende Projektion: Die schwarzen Augen werden nicht nur als attraktiv, sondern als absolut überlegen dargestellt. Der Vergleich mit dem Diamanten trägt eine Mischung aus Bewunderung, Verklärung und auch Besitzanspruch in sich – ein klassisches Moment barocker Liebeslyrik, in der das Lob des Geliebten zugleich eine Selbstpositionierung des lyrischen Ichs als wertschätzender, urteilsfähiger Beobachter darstellt. Die Metapher vom funkelnden Stein unter vielen anderen deutet auf ein psychologisches Muster hin, bei dem das Besondere erst im Kontrast zum Durchschnitt bewusst und begehrenswert wird. Zudem spricht aus den Versen ein fast auratischer Respekt: Die Schönheit der Augen wird nicht nur gesehen, sondern auch öffentlich als Ruhm verkündet – ein Bedürfnis, die eigene Empfindung durch soziale Anerkennung zu bestätigen.
Wenn du willst, kann ich dir auch die ikonologische Bildtradition des »Diamanten unter Steinen« im 17. Jahrhundert aus emblematischen Quellen und Liebesdichtung näher aufzeigen – das vertieft den Kontext erheblich.
Analyse – Strophe III – Verse 13-18
13 Laß Phöbus hohen Glantz den Himmel mahlen:
Textanalyse
Hier wird Phoebus, der Sonnengott aus der griechisch-römischen Mythologie (lat. Apollo), als Maler des Himmels vorgestellt. »Hohen Glantz« verweist auf das strahlende Sonnenlicht, das wie ein künstlerischer Farbauftrag über den Himmel gelegt wird.
Subtextanalyse
Die Anrede »Laß …« deutet einen gelassenen Verzicht oder eine bewusste Abgrenzung an: Der Sprecher gesteht der Sonne ihre Herrlichkeit zu, ohne sie jedoch ins Zentrum seiner Bewunderung zu rücken.
Metaebene
Die poetische Konstruktion arbeitet mit dem barocken Konkurrenzgedanken zwischen Natur und menschlicher bzw. persönlicher Schönheit. Hier kündigt sich an, dass selbst das mythisch überhöhte Sonnenlicht im Vergleich zu einem menschlichen Blick (den schwarzen Augen der Geliebten) verblasst.
Intertextuell
Anknüpfung an die Tradition der concetto-Dichtung im Barock, wo Naturwunder und mythologische Größen relativiert werden zugunsten einer individuellen Liebesempfindung. Ähnlich bei Petrarca, der Laura’s Augen über den Glanz der Sonne stellt; auch eine Nähe zu Martin Opitz’ Formeln der Liebeslyrik.
14 Mit tausend Sternen mag der Abend prahlen:
Textanalyse
Der Abendhimmel wird als prahlend beschrieben, geschmückt mit »tausend Sternen«. Die Übertreibung (»tausend«) ist hyperbolisch und verstärkt den prunkvollen Charakter der Szene.
Subtextanalyse
Der Sprecher baut eine Steigerung auf: Nicht nur der Tag mit der Sonne, auch die Nacht mit ihrem Sternenzelt muss als Vergleichsgröße herhalten – nur um bald übertroffen zu werden.
Metaebene
Die barocke Ästhetik nutzt diese Gegenüberstellung von Tag und Nacht, Licht und Dunkel, um eine umfassende Rangliste der Schönheit zu erstellen, in der sich kosmische Erscheinungen und menschliche Attribute messen.
Intertextuell
Die Formulierung erinnert an höfische Poesie, in der Sterne als Schmuckstücke eines Liebesideals erscheinen. Im petrarkistischen und marianischen Lob wird der Sternenhimmel oft als Symbol reiner Schönheit gesetzt – hier jedoch als Folie für eine Überbietung.
15 Der Augen lichte Nacht/
Textanalyse
Paradoxe Metapher: »lichte Nacht« verbindet Gegensätze. Die Augen werden als Nacht beschrieben (wegen der schwarzen Farbe), zugleich aber leuchtend.
Subtextanalyse
Diese Oxymoronstruktur bringt die Einzigartigkeit der Geliebten zum Ausdruck: Ihre dunklen Augen enthalten mehr Licht als Sonne oder Sterne.
Metaebene
Barocker »Witz« (im Sinn der geistreich paradoxen Pointe) – hier ist es nicht die Natur, die den Maßstab setzt, sondern ein einzelnes menschliches Merkmal, das die Kategorien von Hell und Dunkel sprengt.
Intertextuell
Vergleichbar mit Marino und Gongora, die Dunkelheit als Schönheitsträger inszenieren; außerdem motivisch verwandt mit Dante (Vita nova, Kap. XXI), wo der Blick Beatrices die himmlische Sphäre überstrahlt.
16 Mit welchen ihre Pracht
Textanalyse
»Mit welchen« bezieht sich auf die Augen; die Pracht ist der Gesamtausdruck der Geliebten, ihre Schönheit und Ausstrahlung.
Subtextanalyse
Die Augen sind nicht nur Körpermerkmal, sondern Trägerin der gesamten Ausstrahlung, quasi ein Medium, durch das Schönheit sichtbar wird.
Metaebene
Dies verschiebt die Bedeutung von Schönheit: Sie ist nicht abstrakt, sondern vermittelt sich durch den Blick, der eine direkte, persönliche Wirkung auf den Betrachter hat.
Intertextuell
Der Gedanke findet sich bei Opitz’ Liebesgedichten und bei Gryphius, wo der Blick der Geliebten als »Lichtquelle« fungiert, aber zugleich »verwundet«.
17 Amene kundbar macht/
Textanalyse
»Amene« (frz. amène oder lat. amoenus) bedeutet »lieblich, angenehm, reizend«. Die Geliebte macht ihre Lieblichkeit durch den Blick erkennbar.
Subtextanalyse
Schönheit wird hier nicht nur als optisches Faktum, sondern als ein kommunikativer Akt dargestellt: Die Augen »verkünden« das innere Wesen.
Metaebene
Es zeigt sich der barocke Gedanke, dass äußere Erscheinung ein Spiegel innerer Tugend ist – und der Blick als unmittelbarer Zugang zur Seele verstanden wird.
Intertextuell
Anschluss an die Renaissance-Idee des »occhi parlanti« (sprechende Augen) aus der italienischen Liebesdichtung; auch an die platonische Vorstellung, dass das Schöne das Gute sichtbar macht.
18 Wirfft hellre Stralen.
Textanalyse
Die Aussage kulminiert: Diese Augen werfen »hellere Strahlen« als Sonne oder Sterne.
Subtextanalyse
Hier wird der Vergleich aus Vers 13–14 endgültig entschieden: Selbst kosmische Lichtquellen verblassen gegen den Glanz der Geliebten.
Metaebene
Dies ist eine typische barocke Überbietungsfigur: Der individuelle Gegenstand (die Augen) wird als größeres Wunder als das Weltall inszeniert – ein poetischer Triumph des Privaten über das Universale.
Intertextuell
Stark verwandt mit petrarkistischen Sonetten, wo der Blick der Geliebten nicht nur blendet, sondern auch »lebensspendend« wirkt; zugleich knüpft es an die höfische Galanterie an, wie sie auch bei französischen Poeten des 17. Jahrhunderts (z. B. Voiture) zu finden ist.
Gesamtdeutung
In dieser Strophe stellt der Sprecher die Schönheit der »schwarzen Augen« in einen geradezu kosmischen Vergleich. Weder der »hohe Glanz« des Sonnengottes Phoebus noch das prächtige Sternenzelt des Abends können mit dem »lichten« Glanz jener Augen konkurrieren. Bemerkenswert ist, dass die Augen als »lichte Nacht« bezeichnet werden – ein poetischer Oxymoron, der Dunkelheit (schwarz) und Licht (helle Strahlen) vereint. Diese »lichte Nacht« dient als Medium, in dem »Amene« – vermutlich der Name oder die allegorische Figur der Geliebten – ihre Schönheit und innere Pracht offenbart. Der Schlusssatz »Wirfft hellre Stralen« verstärkt den Eindruck, dass der Blick dieser Augen nicht nur gleichwertig, sondern sogar überlegen ist gegenüber der sinnlich erfahrbaren Herrlichkeit von Sonne und Sternen.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch betrachtet, greift die Strophe auf zwei der bedeutendsten Lichtsymbole der europäischen Bild- und Dichtkunst zurück: die Sonne (Phoebus, als Personifikation Apollons) und die Sterne. In der barocken Emblematik stehen Sonne und Sterne für höchste Schönheit, Macht und göttliche Ordnung. Indem die Augen der Geliebten diese überstrahlen, wird ein ikonologischer Vorrang geschaffen: Die Liebe, konkret verkörpert in den Augen, wird zum neuen, innerlich leuchtenden Zentrum der Welt. Die »lichte Nacht« kann hier als Anspielung auf die mystische Tradition des nox illuminata verstanden werden, in der das Dunkle durch die Gegenwart des Göttlichen erleuchtet wird – ein Motiv, das auch in barocker Bildkunst (etwa in der Lichtregie der Caravaggisten) visualisiert wird.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Philosophisch und theologisch berührt diese Strophe das Verhältnis von natürlichem und übernatürlichem Licht. Das natürliche Licht (Sonne, Sterne) ist herrlich, aber vergänglich und der Schöpfung zugehörig. Das »lichte« Strahlen aus den Augen der Geliebten kann als Symbol einer höheren, geistigen Schönheit gelesen werden, die über das bloß Sinnliche hinausgeht. In einer platonischen Deutung entspräche dies der Idee, dass sinnliche Schönheit ein Abbild der vollkommenen, metaphysischen Schönheit ist, die ihren Ursprung in Gott hat. Der Begriff »lichte Nacht« erinnert zudem an die mystica theologia (Johannes vom Kreuz), wo die »dunkle Nacht« der Seele paradoxerweise vom göttlichen Licht erfüllt ist. So lassen sich die Augen als Medium einer »illumination« deuten, die nicht nur erotisch, sondern auch spirituell ist.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch lässt sich die »lichte Nacht« als Ausdruck der Ambivalenz der Liebe deuten: In der Anziehungskraft der Augen liegt sowohl etwas Geheimnisvolles (Nacht, Dunkel) als auch etwas Erhellendes (Licht, Strahlen). Diese Spannung erzeugt eine Intensität, die den Liebenden in den Bann zieht. Der Blick der Geliebten kann dabei unbewusst als Spiegel des Selbst erlebt werden, in dem der Sprecher seine eigenen Sehnsüchte, Idealisierungen und vielleicht auch unerfüllten Wünsche erkennt. Die Überhöhung der Augen gegenüber Sonne und Sternen ist ein klassisches Zeichen barocker Liebesrhetorik, in der das psychische Erleben von Leidenschaft kosmische Dimensionen annimmt – ein Überschreiten der Realität in den Raum des Ideals.
Analyse – Strophe IV – Verse 19-24
19 Die Sonne kan allein den Leib beschwärtzen/
Textanalyse
Wörtlich wird hier die physische Wirkung der Sonne auf den Körper beschrieben: sie kann den Leib bräunen oder schwärzen. Der Vers spielt mit der barocken Konvention, körperliche Attribute mit Naturkräften in Beziehung zu setzen.
Subtextanalyse
Die Aussage stellt eine Abgrenzung her zwischen äußerlicher und innerlicher Wirkung. Während die Sonne nur das Äußere verändern kann, deutet der Dichter an, dass die »schwarzen Augen« eine tiefere, seelische Wirkung entfalten.
Metaebene
Es liegt ein impliziter Kommentar zur Begrenztheit natürlicher Kräfte vor – die Sonne, Symbol des Sichtbaren, ist hier machtlos gegenüber der innerlichen Macht der Liebe oder Leidenschaft.
Intertextuell
Anklänge an Petrarkismus und barocke Liebeslyrik: die Sonne als traditionelle Allegorie der Schönheit wird hier relativiert. Vergleichbar etwa mit Opitz’ Lyrik, wo äußere Schönheit nur die Hülle berührt, das Auge aber das Innere durchdringt.
20 Bey Nachte scheinen nur die Himmels-Kertzen:
Textanalyse
Gemeint sind Sterne, poetisch als »Himmelskerzen« bezeichnet – eine typisch barocke Metapher, die Lichtquellen im Himmel mit irdischen Kerzen vergleicht.
Subtextanalyse
Nacht als romantisierter Schauplatz, in dem äußere Lichtquellen nur mild wirken. Der Vers dient als Überleitung: im Gegensatz zu Sternen, die nur sanft beleuchten, haben »diese Augen« eine andere, intensivere Wirkung.
Metaebene
Hier wird eine Hierarchie der Lichter aufgebaut – Sonne am Tag, Sterne in der Nacht – um dann im Folgenden die Augen als dritte und höchste Lichtquelle zu präsentieren.
Intertextuell
Verbindung zu höfischer Liebespoesie und zu den Topoi der »Augen als Sterne« (Ovid, mittelalterliche Minnelyrik, Petrarca). In barocken Sonetten finden wir häufig die Dreiteilung von Sonne – Sterne – Geliebtenaugen, etwa bei Gryphius.
21 Durch dieser Augen Schein
Textanalyse
Der Beginn einer Klimax: die Augen der Geliebten werden als Quelle eines eigenen Lichts präsentiert, nicht bloß reflektierend, sondern aktiv ausstrahlend.
Subtextanalyse
Augenlicht wird hier metaphorisch zum Überträger emotionaler Energie, die nicht nur gesehen, sondern gefühlt wird. Das »Schein« ist sowohl visuell als auch sinnlich-emotional zu verstehen.
Metaebene
Abschatz konstruiert eine Gegenüberstellung: Naturlicht (Sonne, Sterne) ist physisch, Augenlicht ist affektiv-spirituell. Die geliebten Augen sind eine metaphysische Lichtquelle.
Intertextuell
Parallelen zur petrarkistischen »occhi«–Tradition, wo Augen »fiamma« oder »lumi« sind, die Liebe entzünden. Auch in der barocken Emblematik gilt der Blick als »pfeiltragendes Licht« (vgl. Cupidons Pfeile).
22 Senckt sich dem Hertzen ein
Textanalyse
Das Augenlicht dringt nicht ins Auge des Betrachters, sondern »senkt« sich unmittelbar ins Herz – ein Bild für die unmittelbare emotionale Wirkung.
Subtextanalyse
Hier findet ein Transfer von der Sinnesebene (sehen) zur Affektebene (fühlen) statt. Das Bild impliziert eine Überwältigung: die Wirkung der Augen durchdringt körperliche Barrieren und trifft den Sitz der Gefühle.
Metaebene
Der Vers reflektiert den barocken Dualismus von Körper und Seele: physisches Licht wird zu seelischer Bewegung. Das »Herz« ist nicht anatomisch, sondern moralisch-emotional gedacht.
Intertextuell
In der Tradition der Liebeslyrik seit der Antike (Properz, Ovid) gilt der Blick der Geliebten als unmittelbarer »Verwunderer des Herzens«. In der barocken Liebesrhetorik verschmilzt dieser Topos mit religiöser Bildlichkeit – wie ein Gnadenstrahl senkt sich der Blick ins Herz.
23 Die angenehme Pein
Textanalyse
Oxymoron, typisch barock: Schmerz und Freude verschmelzen. Die Liebe wird als ambivalente Erfahrung dargestellt.
Subtextanalyse
Es handelt sich um die bittersüße Qual der Leidenschaft – ein Genuss, der nur in Verbindung mit Leiden existiert. Der Ausdruck ist Teil des barocken Affektspiels, das Extreme kombiniert.
Metaebene
Dieser Vers ist ein Beispiel für das barocke Paradox als Stilmittel, das Gegensätze zu einer höheren Wahrheit verschmilzt.
Intertextuell
Anknüpfung an Petrarcas »dolce pena« oder »piacer dolente«; in der deutschen Tradition etwa bei Paul Fleming und Martin Opitz, wo Liebesleid als »süße Qual« verklärt wird.
24 Verliebter Schmertzen.
Textanalyse
Abschluss der Strophe: der Schmerz wird nun konkret als »verliebt« qualifiziert – er hat eine eindeutige Ursache.
Subtextanalyse
Der Ausdruck verweist auf die Selbstgewähltheit des Leidens – es ist keine Strafe, sondern eine freiwillig angenommene Folge des Liebesgefühls.
Metaebene
Liebe im Barock erscheint oft als heroische Passion: die Geliebte als übermächtige Instanz, der man sich willentlich unterwirft. Der Schmerz wird ästhetisiert und in die Sphäre des Erhabenen erhoben.
Intertextuell
Verbindung zu Minnesang-Traditionen, wo »liebes smërze« ein gängiger Ausdruck für die treue, leidende Hingabe war. Gleichzeitig klingt die religiöse Liebesmetaphorik an – der Schmerz als Andacht oder Opfer.
Gesamtdeutung der Strophe
Die Strophe spielt mit einem Kontrast aus Naturbildern (Sonne, Himmelskerzen = Sterne) und den »schwarzen Augen« der Geliebten, die in ihrer Wirkung beide übertreffen. Während die Sonne nur den Körper schwärzt und die Sterne nur in der Nacht leuchten, strahlen die Augen zu jeder Zeit und wirken nicht nur äußerlich, sondern dringen »dem Herzen« ein. Dieser »Schein« bringt eine »angenehme Pein«, also jenes süß-schmerzliche Gefühl der Liebe, das sowohl Leid als auch Lust bedeutet. Der Text stellt damit die Augen der Geliebten als eine Art metaphysisches Licht dar – eine Schönheit, die auf einer höheren, seelischen Ebene wirkt.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch knüpft die Strophe an barocke Bildtraditionen an:
Sonne und Sterne sind im europäischen Bildgedächtnis Zeichen für göttliches Licht, kosmische Ordnung und Wahrheit.
Die »schwarzen Augen« ersetzen hier jedoch das göttliche Lichtsymbol – ein typisch barockes Liebestopos, in dem die Geliebte zur Quelle einer übernatürlichen, ja geradezu mystischen Erleuchtung wird.
In der Liebesikonographie ist die Augenmetapher doppelt codiert: Einerseits das »Brennen« der Liebesflamme (Feuer-Motiv), andererseits das »Verwunden« durch den Blick (Cupido-Pfeil-Motiv).
Dass die Augen »Schein« aussenden, lässt sie in die Tradition von Marien- oder Heiligenikonographie rücken, wo Augen/Lichtstrahlen als Übermittler göttlicher Gnade auftreten – hier profanisiert und erotisiert.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Platonisch-neuplatonisch: Der Blick wirkt wie ein Lichtstrahl, der von der Seele ausgeht und in die Seele des Anderen dringt. Das Liebesobjekt wird Spiegel und Vermittler höherer Schönheit.
Augustinisch-theologisch: Licht ist in der Theologie Symbol der göttlichen Wahrheit; hier wird es menschlich-erotisch umgeformt, aber behält seinen übertragenden Charakter. Die »angenehme Pein« spiegelt den Zwiespalt zwischen amor divinus und amor carnalis: der Liebesschmerz ist süß, weil er der Teilhabe an einer höheren, wenngleich nicht rein geistigen Schönheit dient.
Barocker Vanitas-Subtext: Auch das stärkste Licht (Sonne, Sterne) ist vergänglich; der Blick der Geliebten ist zwar seelisch durchdringend, bleibt aber an die Zeitlichkeit der Liebe gebunden – ein unausgesprochenes Memento mori schwingt mit.
Psychologische Tiefenschicht
Erotische Projektion: Die Augen werden zum Projektionsfeld des Begehrens; sie überlagern in der Wahrnehmung des lyrischen Ich die objektive Realität von Natur und Kosmos.
Ambivalenz von Lust und Schmerz: Der »angenehme« Liebesschmerz deutet auf das barocke Ideal einer Leidenschaft, die gerade in ihrer Qual Vollendung erfährt. Psychologisch zeigt sich hier das Phänomen, dass Verlangen oft gerade durch Unerfülltheit intensiviert wird.
Blick als Machtinstrument: Die Geliebte übt durch ihren Blick eine Macht aus, die stärker ist als kosmische Kräfte. Die psychische Wirkung wird als »Senkung ins Herz« beschrieben – ein quasi körperliches Empfinden einer seelischen Verwundung.
Analyse – Strophe V – Verse 25-30
25 Kan nicht ihr Blick von Hertz zu Hertze steigen?
Textanalyse
Eine rhetorische Frage, die das Medium des Blicks als Kommunikationsform zwischen Liebenden hervorhebt. »Hertz« in barocker Orthographie steht für »Herz«, das emotionale und moralische Zentrum. Das doppelte »von Hertz zu Hertze« erzeugt Symmetrie und wechselseitige Bindung. »Steigen« ist ein dynamisches Verb, das sowohl räumliche Erhebung als auch innere Intensivierung andeutet.
Subtextanalyse
Das lyrische Ich zweifelt nicht wirklich, sondern bekräftigt indirekt: Ja, der Blick kann von Herz zu Herz dringen. Die Frage formt sich als galanter Topos: Der Blick ist unmittelbarer, reiner und wahrhaftiger als gesprochene Worte, was impliziert, dass zwischen den Liebenden eine stille Verständigung herrscht.
Metaebene
Hier wird das barocke Ideal einer über den Körper vermittelten, fast telepathischen Kommunikation aufgerufen. Das »Blick«-Motiv steht im Barock oft im Spannungsfeld zwischen Sinnlichkeit (Augenlust) und Seelenverwandtschaft. Der Vers selbst inszeniert die Frage, um ein Loblied auf nonverbale Verständigung einzuleiten.
Intertextuell
Parallelen zu petrarkistischer Liebeslyrik und zur Liebesmetaphorik der Troubadours, wo der Blick das zentrale Medium der amour courtois ist. Auch ein Echo von Ovids ars amatoria, wo der Blick als erste Stufe der Verführung gilt, und von Andreas Gryphius’ Liebesgedichten, die Blicke als »Seelenboten« beschreiben.
26 Sie sind des edlen Sinns getreue Zeugen:
Textanalyse
»Sie« bezieht sich auf die Augen. »Edler Sinn« bezeichnet nicht bloß Intellekt, sondern einen moralisch hohen und innerlich reinen Gefühlszustand. »Getreue Zeugen« ist eine juristisch-rhetorische Metapher: Augen als zuverlässige Beweisführer.
Subtextanalyse
Die Augen verraten den inneren Zustand unverfälscht, auch wenn der Mund schweigt oder lügt. Das impliziert ein moralisches Ideal der Aufrichtigkeit, das der Sprecher der Geliebten zuschreibt.
Metaebene
Der Vers konstruiert einen Parallelismus zwischen sinnlicher Wahrnehmung (Blick) und moralischer Wahrhaftigkeit. Die Augen werden zur Schnittstelle zwischen innerer Gesinnung und äußerem Ausdruck.
Intertextuell
Anschluss an die Renaissance- und Barock-Vorstellung der Augen als »Spiegel der Seele« (Cicero, später in der Liebesdichtung häufig zitiert). Auch Bezug zu Shakespeare-Sonetten, in denen Augen als »witnesses« fungieren, sowie zu Marino und den italienischen Marinisten, die Augen oft als Zeugen oder Richter darstellen.
27 Was nicht der kluge Mund
Textanalyse
Der Satzbeginn markiert eine Ellipse, die sich über die folgenden Verse fortsetzt. Der »kluge Mund« steht für artikulierte Sprache und überlegte Rhetorik. Das Attribut »klug« betont Kontrolle und bewusste Gestaltung des Gesagten.
Subtextanalyse
Impliziert wird ein Gegensatz zwischen kalkulierter Rede und spontaner, wahrhaftiger Offenbarung durch nonverbale Zeichen. Der Mund mag bewusst verschweigen, verschleiern oder taktieren.
Metaebene
Sprachskepsis schwingt mit: Worte sind in der galanten Konversation zugleich Kunst und Gefahr, während der Blick unmittelbarer wirkt. Der Vers dient als Auftakt zur Überhöhung des Schweigens.
Intertextuell
Vergleichbar mit dem petrarkistischen Misstrauen gegenüber »zu kluger« Rede, die im Gegensatz zur unwillkürlichen Sprache des Körpers steht (vgl. Ronsard, Gryphius).
28 Der manchen Geist verwundt,
Textanalyse
»Verwundt« spielt auf das Topos der Liebeswunde an, traditionell verursacht durch den Blick oder durch Worte. Hier jedoch wird der Mund als Waffe beschrieben, die »manchen Geist« verletzen kann – sei es durch Ironie, scharfe Rede oder Liebesabsage.
Subtextanalyse
Verdeutlicht, dass sprachliche Äußerung Macht und Gefahr birgt. Zwischen Liebenden kann ein unbedachter Satz mehr Schaden anrichten als ein Blick.
Metaebene
Der Vers enthält eine subtile Warnung: zu viel rhetorische Kunst kann verletzen. Dies spiegelt barocke Bewusstheit für die Ambivalenz des Wortes.
Intertextuell
Parallelen zu barocken Sonetten, in denen die Zunge als »schneidend« oder »tödlich« beschrieben wird (z. B. Opitz, Fleming). Auch Ovids Mahnungen im ars amatoria, Worte mit Bedacht zu wählen, klingen an.
29 Mit reden machet kund
Textanalyse
Schlicht formulierter, fast technischer Ausdruck: »kund machen« heißt bekanntgeben oder offenlegen. Damit wird das antithetische Gefüge komplett: Sprache als Medium des Offensichtlichen, Blicke und Schweigen als Medium des Intimen.
Subtextanalyse
Nicht alles, was der Mund »kund macht«, ist wertvoll; manche Dinge sind in Schweigen besser aufgehoben.
Metaebene
Verdeutlicht den Übergang zur Pointe: das Schweigen kann mehr enthüllen als Reden. Der Vers ist ein Bindeglied zwischen der Kritik an der Sprache und der Aufwertung des Schweigens.
Intertextuell
In der galanten Dichtung ist »kund machen« oft negativ konnotiert, wenn es um das Verraten geheimer Liebe geht (vgl. französische préciosité).
30 Entdeckt ihr Schweigen.
Textanalyse
Pointe und Auflösung der Antithese: Das Schweigen der Augen »entdeckt«, d. h. enthüllt, was Worte verschweigen oder verfälschen. »Entdecken« ist doppeldeutig: sowohl »aufdecken« als auch »entlarven«.
Subtextanalyse
Nonverbale Kommunikation wird als wahrer und tiefer dargestellt als jede Rede. Schweigen wird nicht als Abwesenheit von Ausdruck verstanden, sondern als höhere, reinere Form der Mitteilung.
Metaebene
In der galanten Liebeslyrik ist das Schweigen oft selbst eine rhetorische Figur – das »beredte Schweigen«. Der Vers macht deutlich, dass die höchste Form der Verständigung jenseits der Sprache liegt.
Intertextuell
Anschluss an den Topos des »eloquenten Schweigens« (lateinisch tacere loquitur) aus der antiken Rhetorik. Vergleichbar auch mit Marino, der die Augen als »sprechende Sterne« beschreibt, und mit Angelus Silesius’ mystischer Idee, dass das Wesentliche unaussprechlich bleibt.
Gesamtdeutung der Strophe
In diesen Versen thematisiert Abschatz die besondere Ausdruckskraft des Blicks der »schwartzen Augen« – eine nonverbale Kommunikation, die tiefer reicht als gesprochene Worte. Der Blick steigt »von Hertz zu Hertze« und bezeugt den »edlen Sinn« des Gegenübers. Damit steht der Blick für eine unmittelbare, authentische Mitteilung, die ohne rhetorische Vermittlung geschieht. Das Schweigen ist dabei nicht Mangel, sondern Offenbarung: Was der »kluge Mund« – oft an sprachliche Strategien und Umwege gebunden – nicht kundtut, enthüllt gerade die stille Verständigung der Blicke.
Die Strophe inszeniert also die Augen als Medium einer tieferen Wahrheit, einer seelischen Nähe, die sich der manipulativen Sprache entzieht. Die Spannung zwischen Rede und Schweigen ist hier zugunsten des Schweigens aufgelöst – Schweigen ist nicht Leere, sondern ein Raum, in dem sich Wesentliches enthüllt.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch lassen sich die »schwartzen Augen« als ein barockes Emblem lesen: Augen sind seit der Antike ein zentrales Symbol für Seele, Geist und innere Wahrhaftigkeit. In der frühneuzeitlichen Bildsprache stehen sie zugleich für Eros (der Blick als Pfeil Amors) und für Erkenntnis (das Auge als »fenestra animae«, Fenster der Seele).
Die Rede vom »von Hertz zu Hertze steigen« knüpft an eine aus der Liebesdichtung bekannte Ikonographie an: der Blick als verbindende Brücke zwischen zwei Herzen. Das Schweigen, das dennoch »entdeckt«, entspricht ikonologisch dem silentium mysticum, also einer Darstellungsform des Unsagbaren, oft in Allegorien der göttlichen Liebe oder der Tugend visualisiert (z. B. Justitia mit verbundenen Augen – hier jedoch umgekehrt: Offenheit durch Sehen).
Das Gegenbild, der »kluge Mund«, wäre ikonologisch ein Topos für rhetorische Kunstfertigkeit, die aber der unmittelbaren Wahrheit unterlegen ist.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Philosophisch-theologisch lässt sich die Strophe als Reflexion über zwei Erkenntnisweisen lesen:
1. Diskursive Erkenntnis (der »kluge Mund«) – gebunden an Worte, Argumentation, logische Vermittlung.
2. Intuitive Erkenntnis (der Blick von Herz zu Herz) – unmittelbare, unverschleierte Wahrnehmung, analog zur mystischen Schau.
Hier berührt Abschatz das barocke Spannungsfeld zwischen Ratio und Intuition. Das »Schweigen« entspricht in theologischer Tiefe dem Verbum internum (das innere Wort), das nicht laut ausgesprochen werden muss, um wirksam zu sein – eine Vorstellung, die in der Mystik (Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz) wie auch in der augustinischen Tradition zu finden ist.
Der Blick als »getreuer Zeuge« knüpft zudem an die biblische Bildwelt an: »Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an« (1 Sam 16,7). Hier aber wird der menschliche Blick fast göttlich aufgewertet – als erkennendes Medium der inneren Wahrheit.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch gelesen beschreibt die Strophe eine Form der empathischen Resonanz: das Erleben, dass der andere einen versteht, ohne dass Worte nötig sind. Die »schwartzen Augen« werden zum Spiegel der inneren Verfassung, ja zum Werkzeug einer nonverbalen Intimität.
In diesem Sinne thematisiert die Strophe auch die ambivalente Macht der Stille: Sie kann verschweigen oder enthüllen, verbergen oder offenbaren. Hier ist sie positiv konnotiert – als Raum für authentische, von rhetorischer Maskierung befreite Mitteilung.
Das »von Hertz zu Hertze steigen« hat psychodynamisch den Charakter einer Überbrückung von Subjektgrenzen – eine frühe Form dessen, was man heute als »emotionale Synchronisation« bezeichnen würde.
Komplette Kontextdeutung im Gedicht
Im Gesamtkontext von Die schwartzen Augen ist diese Strophe ein Kulminationspunkt der Motivkette: Das Gedicht steigert in den einzelnen Strophen die Faszination für die Augen der Geliebten – zunächst äußerlich und sinnlich, dann immer mehr innerlich und seelisch. Strophe 5 stellt die höchste Verinnerlichung dar: die Augen als Träger einer Wahrheit, die keine Sprache benötigt.
Dies ist im barocken Liebesgedicht bemerkenswert, da es den höfisch-galanten Rededuktus durch die Aufwertung der Stille relativiert. Es ist fast ein Moment der Auflösung des barocken Prunkes in eine Art kontemplativer Innigkeit.
In der abschließenden Strophe (6) wird dieses Motiv im Gesamtausdruck der Verehrung und Bewunderung aufgehoben, sodass Strophe 5 wie ein »inneres Zentrum« des Gedichts wirkt – der Augenblick, in dem das barocke Spiel mit Worten kurz zum Stillstand kommt und durch reine Gegenwärtigkeit ersetzt wird.
Analyse – Strophe VI – Verse 31-36
31 Wer kan sich an so schönen Feinden rächen?
Textanalyse
Der Sprecher stellt eine rhetorische Frage, die bereits in ihrer Formulierung die Antwort impliziert: Schönheit entwaffnet Rachegelüste. Die »Feinde« sind hier metaphorisch gemeint – nicht im Sinne militärischer Gegner, sondern als Liebesgegner oder als Verursacher innerer Unruhe.
Subtextanalyse
Das paradoxe Verhältnis zwischen »schön« und »Feind« signalisiert eine Liebeskonstellation, in der der Reiz und die Verletzung untrennbar sind. Der Ausdruck verweist auf die barocke Vorstellung von der dolce nemica (»süße Feindin«) – die Geliebte als zugleich begehrtes und schmerzverursachendes Objekt.
Metaebene
Dieser Vers reflektiert die barocke Dialektik von Eros und Thanatos: die Schönheit kann zerstören und erlösen zugleich. Hier spricht ein Liebender, der seine Unterwerfung unter den Bann der Schönheit als unvermeidlich akzeptiert.
Intertextuell
Es finden sich Anklänge an die petrarkistische Tradition, in der die Geliebte als »crudelissima« (grausamste) bezeichnet wird – etwa bei Petrarca oder im französischen Barock (Malherbe, Voiture). Auch der Tonfall erinnert an Andreas Gryphius’ Wechselspiel von Liebes- und Todesmotiven.
32 Ich bleibe stets bemüht ihr Lob zu sprechen/
Textanalyse
Der Sprecher bekennt eine dauerhafte Haltung der Huldigung, trotz des feindlichen Charakters der Geliebten. Das »stets bemüht« deutet auf eine lebenslange Aufgabe hin, fast wie eine ritterliche Pflicht.
Subtextanalyse
Das Lob ist nicht nur konventioneller Liebesdienst, sondern ein Ausdruck von Machtverschiebung: Die Geliebte bleibt überlegen, der Sprecher hält sich in einer demütigen Rolle.
Metaebene
Hier tritt die barocke Vorstellung vom Dichter als Sänger in den Dienst einer unerreichbaren Schönheit. Selbst Leid kann in Lob transformiert werden – eine poetische Sublimationsstrategie.
Intertextuell
In der europäischen Liebeslyrik von Petrarca bis Opitz wird diese Haltung oft übernommen: Der wahre Liebende beklagt nicht nur sein Leid, sondern preist die Ursache – eine Ambivalenz, die auch in den Minneliedern des Spätmittelalters sichtbar ist.
33 Ob mir gleich ihre Pracht
Textanalyse
Die »Pracht« ist hier sowohl visuelle Schönheit als auch ein Ausdruck von Stand, Glanz und sozialer Überhöhung. Das »ob mir gleich« signalisiert einen concessio-Satz – eine rhetorische Figur, die eine Einschränkung einleitet.
Subtextanalyse
Die Schönheit der Geliebten ist so überwältigend, dass sie zugleich Faszination und Quelle des Leidens wird. »Pracht« kann auch Distanz schaffen – sie hebt die Geliebte in eine Sphäre, die den Sprecher auf Abstand zwingt.
Metaebene
Barocke Pracht ist nicht nur ästhetische Kategorie, sondern auch eine soziale – Schönheit ist Teil einer hierarchischen Ordnung. Die Unerreichbarkeit der Geliebten ist also nicht nur psychologisch, sondern auch gesellschaftlich bedingt.
Intertextuell
Das Motiv findet sich in der höfischen Liebeslyrik, wo Schönheit mit Majestät gleichgesetzt wird, z. B. bei Martin Opitz oder Paul Fleming. Es ist auch ein Echo auf die Bildsprache der Emblematik, in der »Pracht« oft allegorisch überhöht wird.
34 Hat manche Pein gemacht/
Textanalyse
Die Konsequenz der Schönheit ist Schmerz, eine klassische barocke Antithese: Lust und Leid, Schönheit und Qual sind untrennbar verbunden.
Subtextanalyse
Der Liebesschmerz wird hier als vielfach (»manche«) und wiederholt erfahren dargestellt, was auf eine längere Geschichte der unerwiderten oder problematischen Liebe schließen lässt.
Metaebene
Dies ist die Umsetzung der petrarkistischen Formel piacer dolente (schmerzhafte Freude) in schlichter deutscher Diktion. Schmerz wird nicht als Defizit, sondern als integraler Bestandteil des Liebeserlebens akzeptiert.
Intertextuell
Neben Petrarca ist hier Gryphius zu nennen, der in seinen Sonetten oft »schöne Qual« thematisiert, sowie Catharina Regina von Greiffenberg, die ähnlich von göttlicher Schönheit und schmerzvoller Sehnsucht schreibt.
35 Biß mir zu gutter Nacht
Textanalyse
»Gute Nacht« ist eine Metapher für den Tod. Die Wendung deutet das Ende des Lebens als letzte Grenze des Liebesschmerzes an.
Subtextanalyse
Die Liebe wird als ein lebenslanges Engagement gedacht, das erst mit dem Tod erlischt. Die Formulierung ist zugleich sanft und endgültig – der Tod wird nicht als Schrecken, sondern als Ruhepunkt dargestellt.
Metaebene
Diese Verbindung von Liebesleid und Todessehnsucht ist ein Kernmotiv barocker Vanitas-Dichtung: Die »gute Nacht« ist nicht nur Abschied, sondern auch Befreiung aus den Qualen des Begehrens.
Intertextuell
Vergleichbar ist dies mit John Donnes »Death be not proud« in der Metaphorik des Todes als Schlaf sowie mit Gryphius’ Gleichsetzung von Liebestod und Ruhe.
36 Die Augen brechen.
Textanalyse
»Augen brechen« bezeichnet den Moment des Sterbens, wenn der Blick erlischt. Hier sind es zugleich die eigenen Augen und im übertragenen Sinn die »schwarzen Augen« der Geliebten, die das Leben des Sprechers bestimmt haben.
Subtextanalyse
Der Tod wird als intime, fast zärtliche Auflösung geschildert – als »Blick erlöschen«. Zugleich gibt es eine doppelte Perspektive: Der Sprecher stirbt, aber die Ursache liegt im Blick der Geliebten.
Metaebene
Die Augen sind sowohl Quelle des Begehrens als auch sein Ende. Das Brechen der Augen ist der Schlusspunkt eines barocken Liebesdiskurses, der von Anziehung, Unterwerfung und Todesnähe geprägt ist.
Intertextuell
Augen als Todesbringer sind ein petrarkistisches und barockes Topos, das bis zu Shakespeare (»Love’s fire heats water, water cools not love«) reicht, und in Opitz’ wie Gryphius’ Lyrik immer wieder erscheint – häufig in Verbindung mit dem Motiv des occhi assassini (mörderische Augen) der italienischen Liebesdichtung.
Gesamtdeutung der Strophe
In der letzten Strophe verdichtet sich das lyrische Ich zu einem paradoxen Resümee: Die »schönen Feinde« sind die schwarzen Augen der Geliebten – zugleich Quelle höchster Anziehung und Ursache von Schmerz. »Feinde« deutet auf die leidvolle Erfahrung unerfüllter oder quälender Liebe, »schön« hingegen auf ihre unwiderstehliche Anziehungskraft. Rache wird ausgeschlossen – stattdessen bleibt der Sprecher »bemüht ihr Lob zu sprechen«. Die Schönheit überstrahlt den Schmerz.
Die Verse 33–35 bringen den ambivalenten Preis dieser Schönheit zur Sprache: ihre »Pracht« hat »manche Pein« bereitet, bis hin zum existenziellen Ende – »Biß mir zu gutter Nacht / Die Augen brechen«. Dieser letzte Ausdruck markiert den Tod, sanft als »gute Nacht« umschrieben, in dessen Schatten die Augen des Sprechers erlöschen. Die Strophe endet somit in einer finalen Hingabe: die zerstörerische Schönheit wird nicht bekämpft, sondern als unausweichlich und sogar würdig angenommen.
Ikonologische Deutung
Im barocken Bildinventar sind »schwarze Augen« ein vielschichtiges Symbol:
Eros: Die dunklen Augen stehen in der höfischen und petrarkistischen Tradition für verführerische, brennende Liebe, häufig in Verbindung mit Gefahr oder Sünde.
Feindesmetaphorik: »Schöne Feinde« knüpfen an die Topik der bella mors und des amour fatal an – Schönheit wird als Waffe dargestellt.
Auge–Tod–Bezug: In der Emblematik können Augen Pfeile des Amor darstellen, die tödlich treffen. Hier wird das Motiv erweitert: nicht nur verletzen sie, sondern sie begleiten den Sprecher bis zum »Augenbrechen«, dem ikonischen Bild des Sterbens.
»Gute Nacht«: barockes Sinnbild der letzten Ruhe, das in Andachtsbildern und Vanitas-Darstellungen oft mit geschlossenen Augen verbunden wird.
Ikonologisch entsteht so ein doppeltes Bild: die Geliebte als Heilige und Dämonin, als Madonna und als Venus zugleich – ein typischer barocker Dualismus.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Die Strophe lässt sich im Spannungsfeld von barocker Liebeskonzeption, christlicher Eschatologie und stoischer Resignation lesen:
Amor und Mors: Liebe wird hier nicht vom Tod getrennt, sondern als Weg zum Tod gedacht. Die Erfahrung der Schönheit wird zu einer Art memento mori.
Christliche Gelassenheit: Die »gute Nacht« kann an die christliche Vorstellung eines friedlichen Heimgangs erinnern, bei dem selbst das, was den Tod herbeiführte, nicht mehr verurteilt, sondern gelobt wird – ähnlich der Feindesliebe im Evangelium (»Liebet eure Feinde«).
Barockes Paradox: Der Sprecher akzeptiert, dass die höchste irdische Schönheit und die tiefste irdische Pein ineinanderfallen. Das Leben ist eine Bewegung hin zum Verlöschen, und selbst die Schönheit ist Teil der Vergänglichkeit, nicht ihr Gegensatz.
Theologische Spiegelung: Die absolute Hingabe trotz Schmerz kann als Analogie zur mystischen Hingabe an Gott gedeutet werden, bei der das Ich auch Leiden als Teil der göttlichen Schönheit annimmt.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch wirkt diese Strophe wie ein Protokoll ambivalenter Bindung:
Attraktion trotz Gefahr: Die Geliebte wird als »schöner Feind« erlebt – eine Projektion intensiver Leidenschaft, die gleichzeitig Angst und Lust auslöst.
Masochistische Grundhaltung: Das lyrische Ich nimmt Schmerz nicht nur hin, sondern integriert ihn in die Liebeserfahrung, ja rechtfertigt ihn sogar.
Todeserotik: Die Verbindung von Liebesleid und Tod ist ein archetypisches Muster, bei dem das Ich die Auslöschung als letzten Höhepunkt der Vereinigung empfindet.
Sublimation: Der Schmerz wird sprachlich erhöht (»ihr Lob zu sprechen«) – er wird nicht verdrängt, sondern poetisch verklärt.
Kontextdeutung innerhalb des ganzen Gedichts
In den vorangehenden Strophen wird die Schönheit der »schwarzen Augen« besungen, jedoch stets unter dem Schatten ihres gefährlichen Einflusses. Die sechste Strophe ist der Kulminationspunkt: hier wird das Paradox von Anziehung und Verletzung endgültig ausgespielt. Während vorher noch ein Kampf zwischen Lob und Klage spürbar ist, schlägt der Schluss in eine totale Akzeptanz der Schönheit um – selbst im Wissen, dass sie tödlich ist. Damit folgt das Gedicht der barocken Dramaturgie: von der Bewunderung über die Klage bis zur Resignation und endgültigen Hingabe.
Der Schluss wirkt wie eine letzte Kapitulation vor einer übermächtigen, fast metaphysischen Macht. Er schließt den barocken Kreis von vanitas und amor: Schönheit und Tod sind untrennbar, und das lyrische Ich findet im Tod nicht nur das Ende des Leidens, sondern auch die Erfüllung der Liebe.
Gesamtkomposition & Tiefenstruktur
Das lyrische Ich fokussiert sich vollständig auf das atemberaubende Bild der »schwarzen Augen«, die in ihrer Wirkung wie zwei Sonnen strahlen. Jede Strophe entfaltet eine Facette:
1. Strophe 1: Die Augen als blendende Sonnen, deren Schönheit höchstes Lob verdient.
2. Strophe 2: Vergleich mit der Nacht, die mehr Strahlen wirft als Sterne oder Sonnenglanz.
3. Strophe 3: Die Augenlicht erzeugt eine »angenehme Pein«, die Liebeskummer aber zugleich beglückt.
4. Strophe 4: Ihr Blick wird zur Sprache für Gedanken, die der Mund nicht ausdrücken kann.
5. Strophe 5: Die Augen sind »schöne Feinde«, gegen die das lyrische Ich machtlos ist, aber dennoch rühmt.
6. Strophe 6: Trotz Schmerz und Schlaflosigkeit bleibt das Ich Hymnen an die Schönheit der Augen gewidmet – bis zum »Augen brechen«.
Die Tiefenstruktur zeigt einen intensiven inneren Dialog: Bewunderung, emotionale Spannung und die unaufhebbare Anziehungskraft dieser Augen bis zur Selbstverleugnung.
Zusammenfassende poetische Tiefeninterpretation
Das Gedicht entfaltet ein klassisch-barockes Spannungsfeld zwischen Licht und Dunkel, Sinnlichkeit und Schmerz. Die schwarzen Augen symbolisieren eine mächtige, unentrinnbare Liebe – sie faszinieren, fesseln und verwunden zugleich. Das lyrische Ich erlebt eine »angenehme Pein«, ein Widerspruch, der den Bezwingungscharakter der Liebe im Barock betont: Liebe als Quelle höchster Freude und gleichzeitig tiefster Qual.
Diese Duldung des Liebesschmerzes als Ausdruck intensiver Passion spiegelt die barocke Rhetorik wider: In der Verehrung der Geliebten verschmilzt Bewunderung mit innerer Zerreißprobe. Der Schluss (bis die Augen brechen) zeigt ultimative Hingabe – selbst der eigene körperliche Schaden kann diese Verehrung nicht dämpfen.
Rhetorische Architektur & Figuren
Das Gedicht nutzt typische Stilmittel des Barock:
Antithese / Kontrast: Licht (Sonne, Sterne) und Dunkelheit (Nacht, schwarze Augen) stehen im ständigen Spiel (Strophen 2–3).
Metapher & Personifikation: Augen als »zwey Sonnen«, als nächtliche Lampen (Himmels-Kerzen) (Strophen 1–2).
Paradoxon: »angenehme Pein verliebter Schmertzen« – Schmerz als Genuss (Strophe 3).
Bildhafte Sprache: Augen, Licht und Nacht verschmelzen zu einem elementaren Bildkosmos (vgl. »Augen lichte Nacht«).
Ellipsen und Inversionen: Häufige Umstellung helfen, Versmaß und Klang zu gestalten (»Wohin soll ich zu erst die Augen wenden«).
Chiasmus: »Was nicht der kluge Mund … Entdeckt ihr Schweigen« – Blick wirkt stärker als Worte (Strophe 4).
Personifikation des Schweigens: Schweigen als Ausdruck tieferer Wahrheit (Strophe 4).
Hyperbel: Liebe zur übersteigerten Gewalt (»bis mir … die Augen brechen«) (Strophe 6).
Anapher / Wiederholung: Wiederaufnahme des Motivs »Augen«, um die Fixierung zu betonen.
Fazit
Das Gedicht ist aufgebaut als stufenartige Steigerung der emotionalen Intensität – von Bewunderung, über innere Qual, bis zur völligen Selbstaufgabe. Rhetorisch meisterhaft konstruiert, vereint es barocke Formkraft mit bewegender Gefühlstiefe.