Will noch die schwartze Nacht den Tag bestreiten

Hans Aßmann von Abschatz

Die blauen Augen

Will noch die schwartze Nacht den Tag bestreiten/1
Und als ein irrend Licht bey duncklen Zeiten2
Der übereitlen Welt/3
Die/ was ihr wohlgefällt/4
Für einen Abgott hält/5
Den Sinn verleiten?6

Des Monden Silber kan bey Nacht erquicken/7
Und durch den Schatten bricht der Sterne Blicken.8
Ein stoltzer Diamant9
Der Dunckelheit verwandt10
Muß manche Fürsten-Hand11
Vor andern schmücken.12

Doch/ kan der Mond den Glantz der Sonn erreichen?13
Will sich der Sternen Licht dem Tage gleichen?14
Und muß der Demant nicht15
Wo des Carfunckels Licht16
Durch Nacht und Schatten bricht/17
Mit Scham entweichen?18

Verliebte/ wollt ihr wohl die Schiffahrt enden/19
Und an den sichern Port des Glückes länden.20
Last blauer Augen Schein21
Der Liebe Leitstern seyn/22
So wird sich eure Pein23
In Freude wenden.24

Traut schwartzen Augen nicht und ihrem Blincken/25
Wenn sie Sirenen gleich ins Netze wincken.26
Sieht man in schwartzer Flutt27
Voll Falsch und Wanckelmutt28
Nicht offters Schiff und Gutt29
Zu Grunde sincken?30

Ein blaues Auge spielt mit sanfften Wellen:31
Man sah aus blauer See die Venus quellen.32
Was Wunder/ wenn noch izt33
Cupido drinnen sizt/34
Und goldne Pfeile spizt/35
Die Welt zu fällen?36

Welch kaltes Hertze will nicht Flammen fangen/37
Wenn mitten in dem Schnee der Rosen-Wangen38
Mit blauer Liebligkeit/39
Daraus ihm selbst ein Kleid40
Der Himmel zubereit/41
Die Augen prangen!42

Analyse – Strophe I – Verse 1-6

1 Will noch die schwartze Nacht den Tag bestreiten
Textanalyse
Es wird eine Szene des Kampfes zwischen Nacht und Tag vorgestellt: Die »schwartze Nacht« versucht, den »Tag« zu »bestreiten« (im Sinne von leugnen, verdrängen oder um den Vorrang streiten).
Subtext
Die Nacht steht hier sinnbildlich für Unwissenheit, Irrtum, Sünde oder auch seelische Finsternis; der Tag für Wahrheit, Erkenntnis, moralische Klarheit. Das Bild evoziert ein existenzielles Ringen zwischen zwei gegensätzlichen Kräften.
Metaebene
Diese Licht-Finsternis-Allegorie ist typisch für die barocke Emblematik und entspricht einem theologischen Dualismus (Johannesprolog: »Das Licht scheint in der Finsternis«). Abschatz stellt hier schon das zentrale barocke Spannungsverhältnis von Vergänglichkeit, Täuschung und göttlicher Wahrheit aus.
2 Und als ein irrend Licht bey duncklen Zeiten
Textanalyse
Es erscheint ein »irrend Licht« (Irrlicht) in »dunklen Zeiten«. Das Bild verweist auf ein Licht, das nicht sicher leitet, sondern fehlführt.
Subtext
Das Irrlicht steht für falsche Orientierung, trügerische Hoffnung oder verführerische Erscheinungen, die den Suchenden in Gefahr bringen. »Dunkle Zeiten« beschreibt eine Epoche der Orientierungslosigkeit — politisch, religiös oder moralisch.
Metaebene
Hier spiegelt sich ein barockes Misstrauen gegenüber menschlicher Vernunft ohne göttliche Führung. In der frühneuzeitlichen Moralphilosophie werden Irrlichter oft mit Häresie, falschen Idealen oder sinnlicher Verführung assoziiert.
3 Der übereitlen Welt/
Textanalyse
Das Adjektiv »übereitlen« (über-eitlen) steigert die Eitelkeit zu einem Übermaß: Die Welt ist nicht nur eitel, sondern maßlos in ihrer Eitelkeit.
Subtext
Gemeint ist die menschliche Gesellschaft, die sich in Oberflächlichkeiten verliert und sich von Blendwerk täuschen lässt. Dies deutet auf moralische Dekadenz.
Metaebene
Das barocke Vanitas-Motiv tritt hier klar hervor: die Welt als »Theater der Eitelkeit«, in dem äußere Schönheit und Ruhm vergänglich sind. Abschatz positioniert sich damit in der Tradition der lutherisch geprägten Weltverachtungsliteratur.
4 Die/ was ihr wohlgefällt/
Textanalyse
Hier wird der Welt ein unreflektierter Gefallen an Dingen unterstellt: »was ihr wohlgefällt« = was ihr gefällt, nimmt sie an.
Subtext
Die Welt folgt nicht der Wahrheit, sondern ihrer Lust und Laune; sie ist blind für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse.
Metaebene
Dies entspricht dem Topos der »verblendeten Welt«, der schon bei den Kirchenvätern vorkommt. Philosophisch gesehen deutet sich ein moralischer Relativismus an, der hier als Gefahr markiert wird.
5 Für einen Abgott hält/
Textanalyse
Was der Welt gefällt, erhebt sie zum »Abgott« — also zu einem falschen Gott, zu einem Idol.
Subtext
Hier wird deutlich, dass sinnliche oder materielle Dinge vergötzt werden, wodurch Menschen vom wahren Glauben abfallen. Das »Abgott«-Motiv verstärkt den moralischen Anklagecharakter.
Metaebene
In der protestantischen Frömmigkeit des 17. Jahrhunderts steht »Abgötterei« für jede Form der Selbstvergötzung oder Vergötzung der Kreatur. Der Vers ist ein direkter theologischer Angriff auf die Wertordnung der Welt.
6 Den Sinn verleiten?
Textanalyse
Die Frageform bringt den ganzen Abschnitt in Bewegung: Wird der menschliche Sinn verführt?
Subtext
Das lyrische Ich stellt die rhetorische Frage, ob diese falsche Lichtquelle in dunkler Zeit den Geist von der Wahrheit abbringen soll. Es schwingt Empörung und moralische Dringlichkeit mit.
Metaebene
Die rhetorische Frage ist ein klassisches Mittel barocker Moraldichtung, um den Leser zum Nachdenken und zur Selbsterforschung zu bewegen. Der »Sinn« kann sowohl Vernunft als auch Herz meinen — eine anthropologische Gesamteinheit, die in der barocken Anthropologie stets gefährdet ist.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Das Bild der »schwartzen Nacht« und des »Tages« ist hier nicht nur ein natürlicher Gegensatz, sondern ein altes theologisches Symbol für Finsternis (Sünde, Unwissenheit, Gottferne) und Licht (Wahrheit, Erkenntnis, göttliche Offenbarung). Die »Nacht« will »den Tag bestreiten« – ein Kampf zwischen Falschheit und Wahrheit, in der christlichen Tradition oft als Versuch des Bösen, das Göttliche zu verdunkeln, gedeutet. Das »irrend Licht« in »duncklen Zeiten« spielt auf falsche Führungen an: ein Licht, das den Anspruch erhebt, Orientierung zu geben, aber in Wahrheit fehlleitet.
Die »übereitlen Welt« erinnert an die vanitas-Topik des Barock – eine Welt voller eitler Selbstbezogenheit, die vergängliche oder falsche Werte für höchste Wahrheit hält (»Abgott«). Das ist nicht nur moralische Kritik, sondern theologisch scharf: Abgötterei ist im alttestamentlichen Sinn die Grundsünde, weil sie die Schöpfung anstelle des Schöpfers verehrt.
Im theologischen Untergrund steckt also eine Auseinandersetzung mit dem falschen Licht, das vorgibt, göttliche Klarheit zu sein, aber in Wirklichkeit in die Irre führt – eine Warnung vor Blendwerk, Häresie oder moralischer Selbsttäuschung.
Psychologische Tiefenschicht
Auf psychologischer Ebene spricht die Strophe von einer Erfahrung, die wir heute als Ambivalenz zwischen Wahrheitssuche und Verführbarkeit deuten könnten. Die »schwartze Nacht« entspricht dem Unbewussten oder den Schattenseiten der Persönlichkeit, die den »Tag« (Bewusstsein, Einsicht) nicht aufkommen lassen will. Das »irrend Licht« wirkt wie eine Projektion: etwas, das in Zeiten der Unsicherheit Orientierung verspricht, tatsächlich aber nur die inneren Täuschungen verstärkt.
Die »übereitlen Welt« lässt sich auch als soziale Umgebung lesen, die narzisstische Bedürfnisse und Selbstbilder bedient, statt wirkliche Klarheit zu fördern. Der »Abgott« ist hier das psychologische Symbol für eine fixierte Illusion, ein Idealbild, das man für Wahrheit hält, weil es emotional befriedigt – eine Art kollektive Selbsthypnose.
Damit enthält die Strophe einen doppelten psychologischen Warnhinweis: Zum einen, wie leicht Unsicherheit (dunckle Zeiten) Menschen für falsche Orientierungen empfänglich macht, zum anderen, wie stark die soziale Bestätigung (»was ihr wohlgefällt«) die Wahrnehmung des Einzelnen korrumpieren kann.

Analyse – Strophe II – Verse 7-12

7 Des Monden Silber kan bey Nacht erquicken
Textanalyse
Hier wird das silberne Licht des Mondes als wohltuend und erquickend beschrieben. Das Epitheton »Silber« verweist auf Farbe und Wert zugleich; »bey Nacht« situativ verortet die Szene in der Dunkelheit.
Subtext
Der Mond wird als sanftes, stilles Gegenlicht gegen die Finsternis der Nacht inszeniert. Die »blauen Augen« aus der ersten Strophe schwingen hier bereits mit: ihr Glanz könnte dem silbrigen Schimmer des Mondes gleichen, der in der Nacht die Lebenskraft erneuert.
Metaebene
Die Verbindung von Mond und Erquickung steht in der barocken Tradition der Naturmetaphorik, in der Himmelskörper zu Spiegeln des inneren Empfindens werden. Das »Silber« deutet auf Reinheit und Unbestechlichkeit, zugleich auf ein Ideal höfischer Poesie, in der Schönheit als kostbares Metall gefasst wird.
8 Und durch den Schatten bricht der Sterne Blicken.
Textanalyse
Bildlich wird ein Durchstoßen der Dunkelheit durch Sternenlicht dargestellt. Das Verb »bricht« betont die dynamische Kraft des Lichts.
Subtext
Die Sterne erscheinen als einzelne, punktuelle Hoffnungsträger in der Dunkelheit — vergleichbar den funkelnden Blicken der Geliebten, die selbst im »Schatten« (Kummer, Trennung, gesellschaftliche Distanz) hindurchdringen.
Metaebene
Die Bildlogik ist kosmologisch: Licht als metaphysische Wahrheit oder göttliche Gnade, die selbst durch die Schatten der Welt dringt. Das entspricht dem barocken Gedanken, dass Schönheit (und damit auch Liebe) eine Ausstrahlung des göttlichen Ordo ist.
9 Ein stoltzer Diamant
Textanalyse
Das Subjekt ist hier ein Edelstein, durch das Adjektiv »stoltzer« mit aristokratischer Würde versehen.
Subtext
Der Diamant dient als Metapher für die blauen Augen — kostbar, hart, unvergleichlich, unvergänglich. Das »stoltz« kann doppeldeutig sein: einerseits erhaben, andererseits auch unnahbar.
Metaebene
Im 17. Jahrhundert ist der Diamant ein Symbol für absolute Reinheit, aber auch für Macht und Status. In höfischer Liebeslyrik fungiert er oft als Zeichen des Überbietens: Das Besungene ist wertvoller als das Kostbarste.
10 Der Dunckelheit verwandt
Textanalyse
Der Diamant wird paradox als »der Dunkelheit verwandt« bezeichnet — ein heller Edelstein, der dennoch aus Dunkelheit stammt (geologisch oder metaphorisch).
Subtext
Damit wird ein ambivalentes Bild geschaffen: die Augen leuchten, aber sie sind zugleich geheimnisvoll, tief, undurchdringlich — ein Blick, der sowohl erhellt als auch verschleiert.
Metaebene
Barocke Poetik liebt solche Antithesen: Licht und Dunkel, Klarheit und Rätselhaftigkeit. Sie erzeugen Spannung und spiegeln die Weltsicht des vanitas-Bewusstseins, in der Schönheit immer auch Schatten birgt.
11 Muß manche Fürsten-Hand
Textanalyse
Der Diamant ist so kostbar, dass er in einer Fürstenhand seinen Platz findet. Das »muß« wirkt wie ein Gesetz oder eine zwingende Folgerung.
Subtext
Die gelobten Augen werden auf eine Ebene mit dem exklusiven Schmuck der Mächtigen gesetzt — implizit eine Erhöhung der besungenen Person auf fürstliche Würde.
Metaebene
In der höfischen Gesellschaft fungiert der Fürstenschmuck nicht nur als Zierde, sondern als Symbol von Legitimation und Rang. Die poetische Übertragung auf die Geliebte stellt sie in den Rang eines politischen Symbols: Schönheit als legitimatorische Macht.
12 Vor andern schmücken.
Textanalyse
Die Aussage schließt mit der Exklusivität: dieser Diamant ziert »vor andern«, also mehr als jeder andere Schmuck.
Subtext
Hier kulminiert die Hyperbel: Die Geliebte ist unvergleichlich, selbst im Kreis der Höchsten.
Metaebene
Die Steigerung zum Abschluss der Strophe entspricht der barocken Kunst der clausula: Die Pointe hebt die Wertschätzung auf ein absolutes Niveau. Zugleich deutet sich eine gesellschaftliche Lesart an: Schönheit als Mittel zur sozialen Distinktion.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Diese Verse ordnen die blauen Augen in eine kosmische Symbolik ein: Das »Monden Silber« und »der Sterne Blicken« verweisen auf die himmlische Sphäre als Quelle von Licht in der Nacht. In barocker Denkweise ist der Mond ein Symbol des abgeleiteten, reflektierten Lichts (im theologischen Sinn: der creatura, die das göttliche Licht nur vermittelt widerspiegelt), während die Sterne als ferne, punktuelle Lichter an die metaphysische Hoffnung erinnern, die auch in der Dunkelheit nicht erlischt. Der »stoltze Diamant« steht hier nicht nur für materielle Kostbarkeit, sondern für Unvergänglichkeit und Reinheit – Eigenschaften, die in der barocken Liebes- wie auch Frömmigkeitspoesie leicht auf die göttliche Wahrheit oder auf das Ideal der unbefleckten Seele übertragen werden konnten. »Der Dunckelheit verwandt« bedeutet, dass dieses Licht nicht im grellen Tagesglanz steht, sondern in der Nacht zur Wirkung kommt – was auf eine Spiritualität hindeutet, die im Diesseits nicht in vollkommener Schau, sondern im Modus des Glaubens und der Hoffnung lebt (vgl. 1 Kor 13,12: »Jetzt sehen wir durch einen Spiegel in einem dunklen Bild«). Dass »manche Fürsten-Hand« es »vor andern schmücken« muss, verweist auf das barocke Verständnis von Schönheit und Wert als Privileg und göttliche Gnade, die nicht allen zuteilwird, sondern wie ein königliches Insigne getragen wird.
Psychologisch betrachtet wird in dieser Strophe eine Projektion von Begehrenswertem aufgebaut: Die Augen erscheinen wie Edelsteine oder Himmelslichter, Objekte, die nicht nur betrachtet, sondern auch begehrt und »besessen« werden wollen. Das »Erquicken« des Mondlichts in der Nacht spiegelt das Bedürfnis nach Trost und Orientierung in Momenten innerer Dunkelheit wider – die Augen fungieren als seelische Ressource, die den Betrachter emotional nährt. Dass der Diamant »der Dunkelheit verwandt« ist, impliziert eine Ambivalenz: Er gehört einer Sphäre an, die nicht nur rein, sondern auch geheimnisvoll und vielleicht gefährlich wirkt. Psychodynamisch lässt sich dies als Mischung aus Anziehung und Distanz verstehen – die Schönheit der Augen bleibt nicht ganz greifbar, sie ist kostbar, aber auch in eine Aura der Unerreichbarkeit gehüllt. Das Bild der »Fürsten-Hand« unterstreicht das elitäre, fast hierarchische Moment dieser Faszination: Das Objekt der Begierde wird als privilegiert und selten erlebt, was den Reiz steigert, aber auch den Abstand bewahrt.

Analyse – Strophe III – Verse 13-18

13 Doch/ kan der Mond den Glantz der Sonn erreichen?
Textanalyse
Eine rhetorische Frage, die einen Vergleich zwischen Mond und Sonne aufstellt. Die Sonne steht für intensives, ursprüngliches Licht, der Mond für ein reflektiertes, schwächeres Leuchten. Lexikalisch fällt das barocke »Glantz« auf, das sowohl visuelles Leuchten als auch metaphorische Strahlkraft bezeichnet.
Subtext
In der Liebesdichtung deutet die Sonne oft die Geliebte oder ein Idealbild an, während der Mond ein anderer Bewunderer oder ein schwächeres Gegenbild ist. Die Frage impliziert, dass jede Konkurrenz gegenüber dem idealisierten Objekt (hier vermutlich die blauen Augen der Geliebten) hoffnungslos ist.
Metaebene
Der Vers spielt mit der barocken Emblematik: Sonne = Wahrheit, Gott, höchste Schönheit; Mond = Abhängigkeit, bloßer Abglanz. Er führt in das Topos der inimitabilis pulchritudo (Unnachahmlichkeit der Schönheit) ein, verbunden mit einer kosmologischen Hierarchie von Lichtquellen, die aus der Naturphilosophie der Zeit bekannt ist.
14 Will sich der Sternen Licht dem Tage gleichen?
Textanalyse
Wieder eine rhetorische Frage, parallel konstruiert zum vorigen Vers. Der Kontrast liegt zwischen Sternenlicht (nur in der Nacht sichtbar) und Tageslicht (überstrahlend). Der Parallelismus verstärkt die Argumentation.
Subtext
Auch hier wird das Bild der Geliebten als Sonne / Tag fortgeführt. Die Sterne sind Bewunderer, Talente oder Schönheiten, die in der Dunkelheit glänzen, aber beim Erscheinen des Tages verblassen. Das kann auch auf gesellschaftliche Hierarchien im höfischen Kontext anspielen.
Metaebene
Der barocke Liebesdiskurs verknüpft Sternen- und Sonnenmetaphorik oft mit der platonischen Lichtmetaphysik: Wahrheit und Schönheit erscheinen als Licht, das alles andere relativiert. Philosophisch steckt darin eine Erkenntnistheorie: wie alle Erkenntnisquellen gegenüber der höchsten Wahrheit verblassen.
15 Und muß der Demant nicht
Textanalyse
Der Beginn einer weiteren rhetorischen Frage, diesmal nicht astronomisch, sondern mineralogisch. Der »Demant« (Diamant) ist im Barock Sinnbild für Härte, Wert und Glanz.
Subtext
Die Abfolge (Himmelskörper → Edelstein) verlagert die Metaphorik von der Sphäre des Himmels auf die der irdischen Kostbarkeiten. Der Demant wird zur Allegorie einer Schönheit, die in jedem anderen Kontext als unerreicht gilt – hier aber relativiert werden soll.
Metaebene
Auf der höheren Ebene kann dies als meditativer Wechsel von der Makrokosmos-Metaphorik (Gestirne) zur Mikrokosmos-Metaphorik (Edelsteine) verstanden werden. Es zeigt den barocken Gestus, die gesamte Schöpfung als Vergleichsmaterial zu mobilisieren, nur um die Unvergleichlichkeit des Besungenen herauszustellen.
16 Wo des Carfunckels Licht
Textanalyse
»Carfunckel« (Karfunkel) bezeichnet einen mythischen Edelstein, oft identifiziert mit Rubin oder Granat, dem in Legenden ein eigenes, nächtlich leuchtendes Feuer zugesprochen wird. Dieser Vers setzt eine Bedingung (»wo…«) für den vorherigen.
Subtext
Das Karfunkellicht ist ein Sinnbild für etwas Seltenes, Geheimnisvolles, dessen Strahlkraft sogar im Dunkeln wirksam ist – und doch, so die implizite Pointe, im Vergleich zur Schönheit der Geliebten versagt.
Metaebene
In der frühneuzeitlichen Symbolsprache ist der Karfunkel oft mit spirituellem Licht, Inspiration oder Christuslicht assoziiert. Abschatz bezieht hier einen Mythos in seine Liebesrhetorik ein, um den Vergleichshorizont zu erweitern.
17 Durch Nacht und Schatten bricht/
Textanalyse
Bildlich wird die Kraft des Karfunkels beschrieben, der selbst im Dunkeln sichtbar leuchtet und so »durchbricht«. Die Alliteration »Schatten – bricht« verstärkt den Effekt.
Subtext
Selbst dieses außergewöhnliche Licht, das sich gegen Nacht behauptet, wird in der Logik des Gedichts als unzureichend dargestellt. Das nächtliche Leuchten könnte unterschwellig für Liebe in Abwesenheit des Geliebten stehen.
Metaebene
Licht, das »durch Nacht und Schatten« dringt, hat im barocken Denken oft transzendierende Bedeutung: Es steht für die Gnade, die durch die Dunkelheit der Welt dringt. Abschatz verknüpft damit weltliche Liebeslobpreisung mit der Aura des Sakralen.
18 Mit Scham entweichen?
Textanalyse
Abschluss der Gedankenfigur: Die Frage unterstellt, dass selbst der glänzendste Edelstein vor der Schönheit der Geliebten erröten und sich zurückziehen müsste. Die Scham personifiziert den Gegenstand, anthropomorphisiert ihn.
Subtext
Dies ist der Höhepunkt der Hyperbel: Der Karfunkel, ein legendär leuchtender Edelstein, wird durch die Augen der Geliebten so überstrahlt, dass er sich beschämt zurückziehen muss.
Metaebene
Auf der höchsten Ebene ist dies ein Beispiel für barocke concettistica: die scharfe, pointierte Überbietung alles Vorstellbaren durch das Objekt der Dichtung. Philosophisch betrachtet wird die Unvergleichlichkeit als absolutes, fast metaphysisches Attribut inszeniert, womit das Gedicht den Topos des superlativus absolutus erfüllt.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Diese Strophe operiert mit einer klar hierarchischen Lichtmetaphorik, die sich aus der christlich-neuplatonischen Tradition speist. Der Mond (Vers 13) kann niemals die Sonne erreichen – das Bild verweist auf die mittelalterliche und barocke Vorstellung, dass alles geschaffene Licht nur ein Abglanz des wahren, göttlichen Lichts ist (vgl. Augustinus, Confessiones XII,15). Die Sonne steht für das absolute, schöpferische Prinzip (Gott, Wahrheit, höchste Schönheit), der Mond für ein empfangendes, reflektierendes Prinzip (geschöpfliche Schönheit). Ebenso wird in Vers 14 das Licht der Sterne – vielfach in der christlichen Symbolik als Heilige oder Engel gedeutet – dem Tag nicht gleichgestellt; hier ist der »Tag« der Zustand der vollen göttlichen Klarheit.
Der Vergleich Diamant (Vers 15) und Karfunkel (Vers 16–17) trägt ebenfalls eine theologische Codierung: Der Karfunkel, ein mythischer Edelstein, der angeblich von selbst leuchtet, symbolisiert das lumen internum, das ungeschaffene göttliche Licht; der Diamant, so kostbar er sein mag, ist dagegen nur durch äußere Beleuchtung sichtbar. Das »Entweichen mit Scham« (Vers 18) verweist auf das biblische Motiv, dass alle Kreatur vor der Majestät Gottes verblasst (vgl. Jes 24,23; Offb 21,23). Philosophisch-theologisch formuliert: Das endliche, empfangene Sein (Mond, Stern, Diamant) kann das unendliche, selbstleuchtende Sein (Sonne, Tag, Karfunkel) nicht erreichen oder ersetzen.
Psychologische Tiefenschicht
Unter psychologischem Blickwinkel arbeitet diese Strophe mit einer Dynamik von Bewunderung, Unterordnung und Selbstrelativierung. Der Sprecher scheint von einer Schönheit – im Gedichtkontext wohl den blauen Augen einer Geliebten – so überwältigt, dass er in sich selbst oder in andere Vergleichsobjekte keine Konkurrenz mehr sieht. Das »mit Scham entweichen« hat hier eine affektive Valenz: das Erleben von Minderwertigkeit im Angesicht einer als absolut empfundenen Attraktivität. Dies ist ein klassisches Moment barocker Liebespsychologie, in der das Selbstbild des Liebenden von der Größe des Begehrten überstrahlt wird. Gleichzeitig enthält die Lichtmetaphorik eine psychische Verschmelzung: das Begehrte wird in den Rang eines quasi-göttlichen Lichts erhoben, das Subjekt erfährt sich in einem demütig-bewundernden Verhältnis. Dahinter steht auch das barocke Bewusstsein von Hierarchie, das psychisch in der Form von »erotischer Ehrfurcht« und Selbstunterwerfung verinnerlicht wird.
Interpretation im Rahmen barocker Emblematik
In der barocken Emblematik funktionieren Sonne, Mond, Sterne, Diamant und Karfunkel als feste Zeichen mit tradierten Bedeutungsfeldern:
Sonne: Symbol für Gott, Wahrheit, Majestät, absolute Herrschergewalt.
Mond: Abhängige, reflektierte Schönheit; oft Sinnbild für den Adel zweiter Ordnung oder für den Liebenden, der nur im Licht des Geliebten glänzt.
Sterne: Vielfältige, aber schwächere Lichtquellen; stehen für Tugenden, Heilige oder menschliche Verdienste, die jedoch das göttliche Licht nicht erreichen.
Diamant: Härte, Beständigkeit, Wert – aber nur im reflektierten Licht sichtbar.
Karfunkel: Edelstein mit eigenem inneren Leuchten – in der Emblematik häufig ein Sinnbild Christi oder der göttlichen Gnade.
Die rhetorische Struktur der Strophe ist eine comparatio impar – ein ungleicher Vergleich, der von vornherein das Unterlegene als solches markiert. Dieses Prinzip ist typisch für das Emblem, wo die pictura (hier die Lichtmetapher) die subscriptio (der moralisch-theologische Sinn) illustriert. Die Botschaft ist emblematisch eindeutig: Geschaffene Schönheit, so strahlend sie sein mag, muss vor dem selbstleuchtenden, unerschaffenen Licht (Gott, höchste Wahrheit, vollkommene Schönheit) zurücktreten.

Analyse – Strophe IV – Verse 19-24

19 Verliebte/ wollt ihr wohl die Schiffahrt enden/
Textanalyse
Die direkte Ansprache an »Verliebte« stellt eine rhetorische Apostrophe dar. »Schiffahrt« fungiert als allegorisches Bild für den Weg der Liebe, der von Unsicherheiten, Gefahren und unbeständigen Strömungen geprägt ist. »Enden« bedeutet hier das Ziel oder den Abschluss dieser Reise.
Subtext
Das Liebesabenteuer wird als riskante Odyssee inszeniert, in der Gefühle wie Wind und Wellen treiben. Die Frage ist zugleich ein Angebot: Wollt ihr das unstete Umherirren aufgeben? Implizit steckt die Sehnsucht nach Ruhe und Beständigkeit, vielleicht nach Erfüllung in einer sicheren Beziehung.
Metaebene
Das Motiv der Lebens- oder Liebesfahrt ist in der Barockdichtung tief verwurzelt (Vanitas-Metaphorik, Fortuna als launische Meeresgöttin). Hier deutet sich eine moralisch-didaktische Linie an: Der Liebende soll nicht in endloser Suche verharren, sondern einen »Hafen« finden — was auch die poetologische Haltung des Autors zur geordneten, zielgerichteten Liebe spiegelt.
20 Und an den sichern Port des Glückes länden.
Textanalyse
»Port« ist der sichere Hafen, der Ort der Ruhe und Sicherheit, »Glück« wird als Ziel der Reise bezeichnet. Das Verb »länden« konkretisiert die Metapher: Das Schiff (die Seele, das Herz) legt im Hafen an.
Subtext
Der sichere Hafen ist nicht nur ein Ort der Ruhe, sondern ein Symbol für gelungene Beziehung, eheliche Treue oder erfüllte Liebe. Das »Glück« ist hier nicht bloß ein flüchtiges Gefühl, sondern ein Zustand dauerhafter Stabilität.
Metaebene
Die barocke Poetik kennt den Topos des »Hafens der Ruhe« (portus salutis) auch aus der geistlichen Literatur — oft ist es die Gottverbundenheit. Hier verschmilzt weltliche Liebesmetaphorik mit einem fast pastoral-moralischen Ideal: Die gefährliche See der Leidenschaft wird verlassen zugunsten einer geregelten Ordnung.
21 Last blauer Augen Schein
Textanalyse
»Last« (Lasst) ist Imperativ: Eine Handlung wird gefordert. »Blauer Augen Schein« verweist direkt auf das titelgebende Motiv: Die Augen (vermutlich der Geliebten) erscheinen strahlend, leuchtend, schön. Die Farbe Blau betont Reinheit, Klarheit und Treue.
Subtext
Die Augen sind mehr als ein körperliches Merkmal; sie sind ein seelisches Signal, ein Versprechen. Sie strahlen eine Richtung aus, die Orientierung geben kann.
Metaebene
Augen als Leitmotiv in der Liebesdichtung des 17. Jahrhunderts fungieren als Spiegel der Seele und als visuelle Metapher für göttliches oder schicksalhaftes Eingreifen. Die Farbsymbolik Blau kann sowohl Marienikonographie (Reinheit) als auch höfisch-galante Farbsemantik aufrufen.
22 Der Liebe Leitstern seyn/
Textanalyse
Der »Leitstern« ist ein nautisches Bild: Der Stern, nach dem sich der Seefahrer richtet, um den Kurs zu bestimmen. Hier wird der Blick der Geliebten als Orientierungshilfe in der Liebe dargestellt.
Subtext
Die Geliebte wird zur Führerin, zur Wegweiserin, deren Konstanz (wie der Fixstern) die Unsicherheiten der Gefühle überwindet. Die implizite Botschaft: Wahre Liebe findet ihren Weg nur mit einem festen Orientierungspunkt.
Metaebene
Das Bild des Leitsterns (Stella maris – »Stern des Meeres«) ist im Barock sowohl in weltlicher als auch geistlicher Lyrik verbreitet. Es evoziert die Marienmetaphorik als himmlische Führerin, wird hier aber ins Profane transformiert: die Geliebte als weltliche Madonna der Liebesfahrt.
23 So wird sich eure Pein
Textanalyse
Die Pein ist das Leiden der Verliebten, das aus Ungewissheit, Eifersucht oder Unerfülltheit entspringt. Der Satz leitet eine Konsequenz ein (»So wird …«).
Subtext
Hier klingt Trost an: Das Leiden ist nicht naturgegeben, sondern veränderlich. Durch richtige Orientierung (Leitstern) kann es überwunden werden.
Metaebene
Barockdichtung arbeitet gern mit antithetischen Umkehrungen: Pein und Freude, Sturm und Hafen. Dieser Vers fungiert als rhetorischer Scharnierpunkt zwischen Problem und Lösung.
24 In Freude wenden.
Textanalyse
Die Pein schlägt in Freude um — die emotionale Bewegung vom Negativen ins Positive wird knapp, aber wirkungsvoll formuliert. »Wenden« rundet das nautische Bild ab (Kurswende).
Subtext
Hoffnungsschimmer: Mit der richtigen Führung und Treue kann jede Liebesqual zum Glücksgefühl transformiert werden.
Metaebene
Diese kathartische Wende ist barocktypisch: Die Umkehr (conversio) vom Unheil ins Heil entspricht einem moralischen oder religiösen Läuterungsprozess. Im Kontext galanter Lyrik schwingt die Vorstellung mit, dass die richtige Wahl der Geliebten und die Ausrichtung auf ihre Tugend den Liebesweg vollendet.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
Die vierte Strophe des Gedichts Die blauen Augen von Hans Aßmann von Abschatz wendet sich direkt an »Verliebte« und spricht in der Form eines imperativen Appells. Das Bild der »Schiffahrt« wird als umfassende Metapher für das Liebesleben und seine Ungewissheiten benutzt. Wer sich auf dieser Fahrt befindet, soll »enden« – also den unsteten, gefährlichen Teil hinter sich lassen – und den »sicheren Port des Glückes« erreichen. Der Weg dorthin führt über die Ausrichtung am »blauer Augen Schein«, der als »Leitstern der Liebe« fungiert. Das Ziel ist die Transformation: aus »Pein« wird »Freude«. Die Strophe hat damit einen doppelten Bogen: sie beginnt in der Sprache des Seefahrtsabenteuers (Gefahren, Unwägbarkeiten), führt aber durch das Erkennen und Festhalten am verlässlichen »Leitstern« zu Ruhe, Sicherheit und innerer Erfüllung.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Die Seefahrt-Metaphorik ist in der christlich geprägten Barockdichtung mehr als bloß ein poetisches Bild. Sie erinnert an die Seelenreise durch die »Weltsee« (mare mundi), in der das Leben voller Versuchungen und Gefahren ist. Der »sichere Port« ist in dieser Lesart eine Allegorie für das himmlische Heil, den portus salutis. Der »Leitstern« verweist biblisch-theologisch auf Christus (vgl. »Stella Maris« in marianischer Tradition) oder auf die göttliche Wahrheit als Orientierung. Hier wird jedoch die Gestalt »blauer Augen« als irdischer Emanation dieser Leitfunktion gedeutet – im barocken Kontext möglicherweise eine poetische Überblendung: die geliebte Frau wird zum Medium göttlicher Ordnung. Philosophisch klingt darin die stoische Vorstellung an, dass Leid (Pein) durch die Ausrichtung am höchsten Gut (summum bonum) in Freude verwandelt werden kann. Die Strophe arbeitet also mit einer Transzendenz der Sinnlichkeit: das Sinnliche (blauer Augen Schein) wird zum Wegweiser des Über-Sinnlichen (Glück, Frieden).
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch spricht die Strophe das Bedürfnis des Liebenden nach Sicherheit und Orientierung in der emotionalen Unsicherheit an. Die »Schiffahrt« symbolisiert das Auf-und-Ab der Affekte: Schwanken, Sturm, Kursverlust. Das »Blaue« der Augen wirkt beruhigend und ordnend – ein Fixpunkt, der innere Stabilität vermittelt. Indem die Geliebte als »Leitstern« adressiert wird, entsteht eine Projektion: die gesamte emotionale Navigation wird an einem einzigen Bezugspunkt ausgerichtet. Dieser Mechanismus ist typisch für die idealisierende Phase leidenschaftlicher Liebe, in der die Partnerin/der Partner als Heils- und Sinnstifter erlebt wird. Die psychologische Dynamik geht von der Angst vor Kontrollverlust (auf offener See) hin zur Illusion vollständiger Geborgenheit im »Port«.
Interpretation dieser Strophe in der barocken Emblematik
Barocke Emblematik arbeitet triadisch: pictura (Bild), inscriptio (Motto), subscriptio (moralische Deutung). Die Strophe lässt sich als emblematische Szene lesen:
Pictura: Ein Schiff auf bewegter See, im Hintergrund ein klarer Leitstern.
Inscriptio: »Sic duce amore« (»So mit der Liebe als Führerin«) oder »Stella duce felix« (»Mit dem Stern als Führer glücklich«).
Subscriptio: Wer sich an den rechten Stern hält, wird sicher den Hafen erreichen. Die blauen Augen stehen als symbolisches Detail in einer Doppelfunktion: sie sind einerseits Zeichen der individuellen Geliebten, andererseits konventionelles Zeichen für Treue, Klarheit und Beständigkeit (blau als Farbe der Lauterkeit, in marianischen Kontexten auch der Reinheit). Damit bindet die Strophe die private Liebeserfahrung in ein barockes Moralprogramm ein: das richtige Ziel wird nur durch feste Orientierung am »rechten Licht« erreicht, das hier in anthropomorpher Schönheit gefasst ist.

Analyse – Strophe V – Verse 25-30

25 Traut schwartzen Augen nicht und ihrem Blincken/
Textanalyse
Der Vers formuliert eine direkte Warnung vor »schwarzen Augen«, denen man nicht vertrauen solle. Das »Blincken« verweist auf das spielerische oder verführerische Zuzwinkern, das zugleich Lockung und Täuschung in sich trägt.
Subtext
»Schwarze Augen« stehen hier nicht nur für eine konkrete Augenfarbe, sondern als dichterische Chiffre für das geheimnisvolle, dunkle, sinnlich Anziehende, das aber Gefahr birgt. Das »Nichttrauen« impliziert, dass die äußere Schönheit keine Garantie für innere Lauterkeit ist. Es klingt eine moralische oder erotische Skepsis an, die auch auf persönliche Erfahrung des lyrischen Ichs hindeutet.
Metaebene
In der höfisch-barocken Liebesdichtung ist die Augenfarbe oft metaphorisch kodiert. »Schwarz« gilt traditionell als exotisch, glühend und leidenschaftlich – Eigenschaften, die in der galanten Kultur zugleich begehrt und gefürchtet werden. Abschatz’ Vers fügt sich in eine barocke Moralpoetik, in der die Sinnenlust mit dem Motiv der Memento-mori-Mahnung verbunden wird: Schönheit kann verführen, aber auch ins Verderben führen.
26 Wenn sie Sirenen gleich ins Netze wincken.
Textanalyse
Der Vergleich zu den »Sirenen« aus der antiken Mythologie verstärkt die Warnung. Sirenen locken Seefahrer mit ihrem Gesang in den Tod. Das »ins Netze wincken« verwebt das maritime Bild mit dem des Fischfangs, wodurch der Lockvorgang als bewusst geplante Gefangennahme erscheint.
Subtext
Hier wird die schwarze Schönheit aktiv zur Jägerin, die bewusst Fallen stellt. Das Netz steht für Bindung, Verlust der Freiheit, ja sogar für Untergang in Abhängigkeit. In der Erotik der Zeit ist dies auch ein Symbol für die Macht der Geliebten über den Liebenden.
Metaebene
Der Sirenen-Topos hat im Barock eine doppelte Funktion: er ist literarisch gebildet (humanistischer Mythos) und moralisch allegorisch (Warnung vor Verführungskraft). Abschatz knüpft damit an die emblematische Bildsprache seiner Epoche an, in der mythologische Figuren als moralische Exempla dienen.
27 Sieht man in schwartzer Flutt
Textanalyse
Die »schwarze Flut« ist ein starkes Bild für Tiefe, Dunkelheit und Unberechenbarkeit. Das Meer erscheint nicht als friedlich, sondern als unheilvolle Naturgewalt.
Subtext
Die »schwarze Flut« ist zugleich Metapher für den Abgrund des Herzens oder die Unkenntlichkeit fremder Absichten. Sie deutet auf verborgene Strömungen hin – Gefühle, Leidenschaften, Intrigen –, die von außen nicht erkennbar sind.
Metaebene
Das Bild ist emblematisch barock: Die Farbe Schwarz verweist auf das Unbekannte, möglicherweise Teuflische; die »Flut« steht für das Leben selbst, in dem der Mensch ohne sicheren Grund navigiert. Die maritime Metaphorik bleibt hier eng mit der barocken Erkenntnis vom trügerischen Schein der Welt verbunden.
28 Voll Falsch und Wanckelmutt
Textanalyse
Der Vers benennt direkt die vermeintlichen Eigenschaften, die in dieser »Flut« verborgen sind: Falschheit und Unbeständigkeit. Die Alliteration (»Falsch« / »Flutt«) verstärkt den klanglichen Eindruck.
Subtext
Der Vorwurf ist umfassend moralisch: Falschheit deutet auf bewusste Täuschung, Wankelmut auf eine instabile, launenhafte Haltung, die jede Bindung unsicher macht. Das lyrische Ich schreibt den »schwarzen Augen« nicht nur Gefahr, sondern auch charakterliche Mängel zu.
Metaebene
»Falsch und Wankelmuth« sind im barocken Tugendkatalog klare Negativa, die gegen das Ideal der Constantia (Beständigkeit) stehen. Abschatz’ Gedicht spiegelt damit die zeitgenössische Wertordnung, in der erotische Unzuverlässigkeit nicht nur privat, sondern auch sozial problematisch ist.
29 Nicht offters Schiff und Gutt
Textanalyse
Das Bild der Seefahrt wird konkret: »Schiff« und »Gut« verweisen auf den Besitz oder das Leben, das in der gefährlichen Flut untergehen kann.
Subtext
Das Schiff kann für die eigene Existenz oder das Liebesglück stehen, das in der Begegnung mit der verführerischen, aber gefährlichen Schönheit Schaden nimmt. »Gut« verweist zugleich auf materiellen Verlust – der Untergang betrifft nicht nur Herz, sondern auch Vermögen oder gesellschaftlichen Status.
Metaebene
In der barocken Emblematik ist das Schiff häufig Symbol für die Lebensreise; der Verlust von »Gut« verweist auf die Vanitas-Idee, dass irdische Güter vergänglich sind. Der maritime Vergleich macht die Gefahr sinnlich erfahrbar, bindet sie aber in einen moralischen Diskurs ein.
30 Zu Grunde sincken?
Textanalyse
Der Vers schließt mit einer rhetorischen Frage, die nicht wirklich nach einer Antwort verlangt, sondern die Warnung eindringlich bekräftigt. »Zu Grunde sinken« ist sowohl wörtlich (im Wasser ertrinken) als auch übertragen (moralischer oder sozialer Ruin) zu verstehen.
Subtext
Die Frage ist anklagend und zugleich selbstbestätigend: Natürlich weiß der Sprecher, dass dies »oft« geschieht. Der Tonfall kann mitleidig, aber auch leicht höhnisch wirken – je nach Lesart.
Metaebene
Die rhetorische Frage ist ein gängiges barockes Stilmittel zur moralisierenden Belehrung. Sie stellt nicht nur die persönliche Erfahrung des lyrischen Ichs heraus, sondern auch den Geltungsanspruch einer allgemein gültigen Lebensregel: Sinnliche Verführung endet häufig in Verderben und Verlust.
Gesamtdeutung der Strophe
In dieser vierten Strophe warnt das lyrische Ich eindringlich vor »schwartzen Augen« und ihrem »Blincken«. Die Formulierung evoziert nicht nur äußerliche Schönheit, sondern auch ein verführerisches, fast magisches Locken. Der Vergleich mit Sirenen verankert das Bild in der antiken Mythologie: Die Augen werden zu Seefahrerfallen, deren Ziel es ist, den Betrachter ins Verderben zu führen. Die »schwartze Flutt« verstärkt das Motiv des Gefährlichen, Tiefen und Unberechenbaren; das Wasser ist hier ein Symbol für emotionale und moralische Instabilität. Der Reim auf »Wanckelmutt« unterstreicht das Bild innerer Unbeständigkeit, während die Schlusspointe – »Nicht offters Schiff und Gutt / Zu Grunde sincken?« – eine rhetorische Frage stellt, deren Antwort offensichtlich »Ja« lautet: viele sind bereits diesem Zauber erlegen.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Moralische Warnung: Die Strophe greift ein traditionelles christlich-moralisches Motiv auf: die Sinnlichkeit als Prüfstein der Standhaftigkeit. Schwarze Augen fungieren hier als pars pro toto für äußere Reize, die zur Sünde verleiten.
Theodizee der Verführung: In der barocken Weltsicht, die stark von der Vanitas-Idee geprägt ist, ist die Schönheit Teil der vergänglichen Welt, die Gott dem Menschen als Prüfung vorlegt. Die Augen werden zu Werkzeugen der Versuchung – in biblischer Typologie vergleichbar mit Eva, deren Blick auf die Frucht den Fall einleitet.
Sirenen-Motiv und Sündenlehre: Wie die Sirenen die Seefahrer ins Verderben singen, so führt das Begehren zu moralischem Schiffbruch. Das Meer ist hier ein allegorisches Bild der Mare vitae – des Lebensmeers –, auf dem der Mensch nur mit Tugend und göttlicher Gnade den Hafen des Heils erreichen kann.
Psychologische Tiefenschicht
Projektionsmechanismus: Die »schwartzen Augen« sind eine Projektionsfläche für Begehren und Angst zugleich. Sie verkörpern eine Ambivalenz – einerseits Anziehungskraft, andererseits Bedrohung.
Faszination des Verbotenen: Gerade die Warnung vor diesen Augen deutet auf die Macht des Verbotenen hin. Das »Blincken« ist ein subtiler, fast unwillkürlicher Ausdruck von Aufmerksamkeit, der auf unbewusster Ebene ein Spiel von Macht und Unterwerfung auslöst.
Urangst vor Kontrollverlust: Die »schwartze Flutt« kann psychologisch als Bild für das Unbewusste (Freud: das Dunkle, Unberechenbare) gelesen werden, in dem rationale Steuerung versinkt. Das »Zu Grunde sincken« steht für den Verlust von Selbstbeherrschung und Identität im Bann einer übermächtigen Faszination.
Interpretation in der barocken Emblematik
Auge als Sinnbild: In der Emblematik ist das Auge ein zentrales Zeichen für Erkenntnis, aber auch für Verführung. Schwarze Augen sind im barocken Farbsymbolismus oft doppeldeutig: sie können Treue (Beständigkeit) oder List (Dunkelheit) bedeuten – hier klar letzteres.
Meer und Schiffbruch: Die Allegorie des Schiffbruchs ist in Emblembüchern des 17. Jahrhunderts allgegenwärtig, z. B. bei Otto Vaenius oder in Jesuitenpredigten. Sie dient als Bild für den moralischen Untergang, wenn man den Kurs der Tugend verlässt.
Sirenen als Emblemfigur: Die Sirene wird häufig als weibliche Figur mit Musikinstrument oder Lockgestus dargestellt, oft mit einem gestrandeten Schiff im Hintergrund – genau dieses Szenario evoziert die Strophe. Das »Blincken« ersetzt hier den Gesang, was den Blick als verführerische Waffe hervorhebt.
Vanitas-Kontext: Der barocke Leser hätte diese Warnung sofort in den größeren Rahmen von memento mori und vanitas eingeordnet: Schönheit ist trügerisch, führt zu Fall und Verderben, wenn man ihr unkritisch folgt.

Analyse – Strophe VI – Verse 31-36

31 Ein blaues Auge spielt mit sanfften Wellen:
Textanalyse
Das Bild verbindet Auge und Wasser – die Irisfarbe »blau« wird zur Meeresfläche mit »sanfften Wellen«. Das Verb »spielt« suggeriert Bewegung, Lebendigkeit und eine Art kokette, nicht aggressive Interaktion. Lautlich stützt das Alliterationspaar »sanfften«–»Wellen« den weichen, fließenden Klang.
Subtext
Hier entsteht eine sinnliche, fast erotische Atmosphäre. Das Auge wird nicht nur als Organ, sondern als lebendiges, anziehendes Wesen gedacht, das in seiner Bewegung (»spielt«) eine Art Lockung vollzieht. Die Weichheit der »Wellen« steht für Milde, Harmonie und zugleich für eine sanfte Gefährlichkeit – Wellen tragen, aber können auch ziehen.
Metaebene
In der Barocklyrik ist das »blaue Auge« ein Topos, der mit Idealvorstellungen von Schönheit (nordisch, engelhaft, rein) verknüpft ist. Die Wasser-Metapher spielt auf die alte Tradition der Auge-als-Meer-Vorstellung an, die in petrarkistischer Liebeslyrik und auch in emblematischer Bildsprache verbreitet ist: das Auge als »Meer«, in dem der Liebende »untergeht«.
32 Man sah aus blauer See die Venus quellen.
Textanalyse
Die »blaue See« des Auges wird zur mythologischen Szenerie: Venus, die Göttin der Liebe, steigt aus den Wellen empor – eine Anspielung auf ihre Geburt aus dem Meeresschaum. Das Verb »quellen« verstärkt das Bild einer plötzlichen, überfließenden Erscheinung.
Subtext
Die Geliebte wird in die Sphäre göttlicher Schönheit erhoben – ihre Augen sind nicht nur schön, sondern ein Ursprungsort der Liebe selbst. Der Liebende sieht in ihnen den mythischen Moment der Entstehung der erotischen Macht.
Metaebene
Hier wird eine direkte Verbindung zwischen antiker Mythologie und höfischer Liebesvorstellung hergestellt. Im barocken Kontext ist es typisch, biblische und heidnische Bilder zu verweben, um die Überwältigung durch Schönheit zu betonen. Venus als Bild in den Augen der Frau verweist auch auf die poetologische Praxis, Liebesempfinden über allegorische und mythologische Chiffren zu sublimieren.
33 Was Wunder/ wenn noch izt
Textanalyse
Ein rhetorischer Einschub, der die zuvor eingeführte Metapher kommentiert: »Was Wunder« = »Es ist kein Wunder«. Das »noch izt« (noch jetzt) aktualisiert den Mythos in die Gegenwart des lyrischen Ichs.
Subtext
Das lyrische Ich behauptet, dass die mythische Szene nicht nur damals, sondern in diesem Augenblick real ist – in den Augen der Geliebten wiederholt sich der Ursprung der Liebe.
Metaebene
Dies ist eine typische barocke Brückentechnik: Antike und Gegenwart werden nicht als getrennte Zeitalter, sondern als kontinuierlicher mythischer Raum erlebt. Zugleich reflektiert sich hier das barocke Spiel mit Zeit und Ewigkeit – der Mythos lebt in der sinnlichen Erfahrung fort.
34 Cupido drinnen sizt/
Textanalyse
Das Bild wird weitergeführt – jetzt nicht mehr Venus, sondern Cupido (Amor) befindet sich im »blauen Auge«. Das Auge wird zu einem Raum, einer Behausung für die Gottheit der Liebe.
Subtext
Das Auge der Geliebten ist nicht nur der Ort der Geburt (Venus), sondern auch der Ort der aktiven Verführungsmacht (Cupido). Der Blick wird zur Waffe, weil Cupido im Auge residiert.
Metaebene
In der Emblematik des Barock ist Cupido oft derjenige, der Pfeile abschießt, um Liebende zu treffen. Die »Lagerung« in den Augen verweist auf den barocken Gedanken, dass der Blick selbst der Pfeil ist – der Liebespfeil tritt über den Blick ins Herz des Betrachters.
35 Und goldne Pfeile spizt/
Textanalyse
Die Szene wird dynamisiert: Cupido sitzt nicht passiv, sondern bereitet sich auf den Schuss vor. »Goldne Pfeile« – wertvoll, glänzend, kostbar, zugleich schmerzhaft in der Wirkung. Das Reimwort »spizt« passt lautmalerisch zur Aktion des Schärfens.
Subtext
Gold steht hier für die edle, aber gefährliche Qualität der Liebe – sie ist begehrenswert und zugleich verwundend. Das Schärfen der Pfeile kündigt das kommende »Fallen« des Betrachters an.
Metaebene
Im höfischen Liebeskodex ist die Verletzung durch den Blick ein festes Motiv – ein Spiel von Macht und Ohnmacht. Die Pfeile aus Gold entsprechen der barocken Ästhetik, in der selbst die Gefahr von Schönheit kostbar erscheint.
36 Die Welt zu fällen?
Textanalyse
Die hyperbolische Pointe: Cupidos Ziel ist nicht nur das Individuum, sondern »die Welt« – totale, universale Wirkung. Der Fragesatz ist rhetorisch: Natürlich will er die Welt bezwingen.
Subtext
Der Liebeszauber der Geliebten wird als kosmische Macht verstanden, die alle erfasst. Das lyrische Ich überträgt seine subjektive Erfahrung ins Universale – was er fühlt, könnte jeder fühlen.
Metaebene
Hier kulminiert das barocke Spiel mit Universalmetaphern: Liebe als allumfassende Kraft, die ganze Welten »fällt«, analog zu politischen oder militärischen Eroberungen (der Liebeskrieg als Parallelmodell). Das passt in den barocken Weltentwurf, in dem alles – selbst die intimsten Gefühle – in einem kosmischen Maßstab gedacht wird.
Gesamtdeutung der Strophe
Die fünfte Strophe beschreibt das blaue Auge als eine zarte, bewegte Wasserfläche (»sanffte Wellen«), aus der die Liebesgöttin Venus zu steigen scheint. Das Auge wird hier also nicht nur als physisches Sinnesorgan, sondern als mythisch aufgeladener Quell der Liebe dargestellt. Dass »Cupido drinnen sitzt« und seine goldenen Pfeile spitzt, deutet auf eine latente, jederzeit auslösbare Liebesgefahr hin – das Auge wird zum Instrument der Eroberung und Unterwerfung der Welt durch erotische Anziehungskraft. Die Verbindung von maritimen Bildern (blauer See, Wellen) mit mythologischen Gestalten (Venus, Cupido) verleiht dem Blick einen zugleich verführerischen wie gefährlichen Charakter.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
In der barocken Denkweise ist Schönheit ambivalent: sie kann als Abglanz göttlicher Vollkommenheit gelten, aber ebenso als Verführungsinstrument, das vom rechten Weg abbringt. Die Strophe spielt mit der Spannung zwischen eros (Venus/Cupido) und agape (göttliche Liebe). Philosophisch ist dies eine Variation des platonischen Gedankens, dass Schönheit den Geist emporziehen kann – hier jedoch im Modus der Sinnlichkeit, die im Barock stets unter dem Verdacht der Vergänglichkeit und der moralischen Gefahr steht. Theologisch betrachtet liegt eine Warnung nahe: das Auge, das scheinbar unschuldig und sanft wirkt, kann zur Ursache sündhafter Begierde werden. Cupidos Pfeile sind in diesem Sinn nicht nur erotische Reize, sondern auch Symbole der Versuchung, die das Herz vom Göttlichen abwendet.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch lässt sich die Szene als Projektion der erotischen Macht des Blicks deuten. Das »blaue Auge« wird zur Projektionsfläche für unbewusste Sehnsüchte und den Archetypus der verführerischen Anima (C. G. Jung). Die »sanften Wellen« signalisieren emotionale Resonanz, die »blauer See«–Metapher eine Tiefe, in die man versinken kann. Cupidos Anwesenheit deutet darauf hin, dass hinter der Schönheit eine latente Aggression steckt: die »goldnen Pfeile« symbolisieren unbewusste, zielgerichtete Durchdringung – Liebeswerbung als psychischer Angriff. So zeigt sich eine Ambivalenz zwischen Hingabe und Kontrollverlust, zwischen Anziehung und dem Wissen um die eigene Verletzbarkeit.

Analyse – Strophe VII – Verse 37-42

37 Welch kaltes Hertze will nicht Flammen fangen
Textebene
Der Sprecher stellt eine rhetorische Frage: Welches noch so »kalte Herz« könnte sich der entfachenden Glut entziehen? »Flammen fangen« ist hier die poetische Metapher für das Entbrennen der Liebe oder Leidenschaft.
Subtextebene
»Kaltes Herz« steht zugleich für Gleichgültigkeit, Tugendstarre oder vielleicht auch für keusche Zurückhaltung. Die Frage impliziert, dass selbst diese Kälte in der Gegenwart der besungenen Schönheit schmilzt.
Metaebene
Hier klingt das barocke Liebesparadox an: Tugend und moralische Zurückhaltung (Kälte) werden durch die sinnliche, fast göttlich konnotierte Schönheit überwunden. Es ist ein rhetorisches Spiel mit der Vorstellung, dass Schönheit eine unwiderstehliche Naturkraft sei, die selbst den Willen zum Widerstand durchdringt.
38 Wenn mitten in dem Schnee der Rosen-Wangen
Textebene
Das Bild der »Rosen-Wangen« ist eine klassische barocke Synästhesie von Farbe und Naturmetapher: Rot der Rosen steht für Blüte, Lebenskraft und Anmut. »Mitten in dem Schnee« bezieht sich auf die blasse, makellose Haut drum herum.
Subtextebene
Hier wird eine Antithese entworfen: Kälte (Schnee) und Wärme (Rosenrot) werden zusammengeführt, um den Kontrast zu steigern und die Attraktivität der besungenen Person zu intensivieren. Der Vers spielt mit der Harmonie von Gegensätzen – ein Grundmotiv höfischer Liebeslyrik.
Metaebene
Das Bild ist ein barockes Ideal der Schönheit: Die Verbindung von Reinheit (Schnee) und vitaler Lebenskraft (Rosen) steht zugleich für geistige Vollkommenheit. Diese Idealisierung überschreitet das rein Äußerliche und schwingt in Richtung einer Allegorie der vollkommenen Tugend.
39 Mit blauer Liebligkeit
Textebene
»Blaue Liebligkeit« beschreibt die Augenfarbe, die hier als sanft, freundlich und liebevoll empfunden wird. Blau fungiert in der barocken Farbsymbolik als Zeichen von Treue, Beständigkeit und oft auch von überirdischer Reinheit.
Subtextebene
Die Farbe Blau kann hier auch als Spiegel des Himmels gelesen werden, sodass sich die Person als Mittlerin zwischen Irdischem und Göttlichem darstellt.
Metaebene
Dieser Vers ist eine Verdichtung der barocken Strategie, Schönheit als göttliche Gabe zu inszenieren. Das Attribut »Liebligkeit« ist nicht nur sinnlich, sondern auch moralisch kodiert: Es verknüpft Schönheit mit Tugend und innerer Güte.
40 Daraus ihm selbst ein Kleid
Textebene
»Daraus« bezieht sich auf die »blaue Liebligkeit« der Augen, aus der »ihm selbst« – also dem Himmel – ein Kleid bereitet wird. Die Augenfarbe wird zum Material für das himmlische Gewand.
Subtextebene
Diese Wendung kehrt die Perspektive um: Nicht die Schönheit wird vom Himmel her ausgestattet, sondern der Himmel selbst schmückt sich mit dem Abglanz der Augen. Dies steigert die Wirkung: Die Schönheit überragt sogar die Quelle allen Glanzes.
Metaebene
Hier wird ein typisch barocker Hyperbelmechanismus sichtbar – eine poetische Überhöhung, die den Liebesgegenstand in kosmische Dimensionen hebt. Es schwingt auch ein subtiles Spiel mit theologischer Umkehrung: Das Geschöpf wird zum Schöpfer des Schönen.
41 Der Himmel zubereit
Textebene
Der Himmel bereitet aus der Augenfarbe das Kleid. »Zubereit« ist hier im Sinn von kunstvoll anfertigen, gestalten gemeint.
Subtextebene
Die kosmische Dimension der Schönheit wird betont – die Augen sind so vollkommen, dass selbst der Himmel sie nachahmt.
Metaebene
In der barocken Bildrhetorik deutet dies auf die Thematik der imitatio coeli: Das Irdische kann so vollkommen sein, dass es als Abbild oder gar Vorbild des Himmlischen fungiert. Gleichzeitig reflektiert es den barocken Konflikt zwischen Diesseits- und Jenseitsorientierung.
42 Die Augen prangen!
Textebene
Die Strophe kulminiert in einem Ausruf: Die Augen erstrahlen, glänzen, sind von besonderer Pracht. »Prangen« verstärkt den Eindruck des Sichtbaren und Feierlichen.
Subtextebene
Der Ausruf ist affektiv aufgeladen – er soll den Leser in denselben Bewunderungszustand versetzen wie den Sprecher.
Metaebene
Hier erreicht das barocke Topos der conclusio admirativa seinen Höhepunkt: Nach der künstlerischen Entfaltung der Bilder wird das Objekt der Bewunderung nicht mehr beschrieben, sondern gefeiert. Der Vers ist zugleich poetische Verbeugung und rhetorischer Schlussakkord, der den Rezipienten mit einer emotionalen Pointe entlässt.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
Die sechste Strophe entfaltet eine Steigerung der bis dahin im Gedicht aufgebauten Faszination für die blauen Augen der Geliebten. Das lyrische Ich stellt eine rhetorische Frage, die sich als emphatische Behauptung lesen lässt: Kein Herz, selbst das kälteste, könne unberührt bleiben, wenn es der beschriebenen Erscheinung begegne. Die Bildlichkeit verschränkt Gegensätze: »Schnee der Rosen-Wangen« verbindet das winterlich-kühle Weiß mit der warmen, roten Lebensfarbe der Rose – ein paradoxes Farb- und Temperaturschema, das den Reiz durch Kontraste steigert. Diese Wangen werden durch die »blaue Liebligkeit« der Augen ergänzt, deren Anblick als von himmlischer Hand gefertigtes »Kleid« gedeutet wird. In der abschließenden Zeile »Die Augen prangen!« kulminiert die Strophe in einer festlichen, fast triumphalen Feier des Blickes, der zugleich sinnlich und überirdisch erscheint.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Die Strophe ist tief im barocken Dualismus von Diesseits und Jenseits verankert. Die »blauen Augen« fungieren als Epiphanie – ein Offenbarungsmedium, das irdische Schönheit mit himmlischer Ordnung verknüpft. »Der Himmel zubereit« deutet auf eine theologisch grundierte Deutung der Geliebten als Geschöpf, dessen Schönheit Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft ist. Die Vorstellung, dass selbst ein »kaltes Herz« von dieser Erscheinung entflammt werde, erinnert an die augustinische Tradition, wonach die creatura – hier die Geliebte – als Spiegel des Schöpfers das Herz zur Caritas erwecken kann. Gleichzeitig lässt sich im barocken Kontext auch eine memento-vivere-Komponente lesen: Das Feuer, das im Herzen geweckt wird, ist vergänglich, wie die Schönheit selbst, und verweist auf den ewigen Ursprung, aus dem es stammt.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch gesehen ist die Strophe ein Beispiel für Projektion und Idealisierung: Das lyrische Ich schreibt der Geliebten nicht nur äußerliche Schönheit, sondern fast magische Macht zu – sie könne jedes Herz entflammen. Die Verbindung von Kälte (Schnee) und Hitze (Flammen) weist auf den Reiz des Unerreichbaren und Widersprüchlichen hin, der das Begehren steigert. Die »blaue Liebligkeit« ist dabei nicht nur eine Farbempfindung, sondern ein Synonym für Sanftheit, Treue und emotionale Reinheit. Die idealisierende Überhöhung – der Himmel fertige selbst ihr »Kleid« – zeigt, wie stark das Ich die Geliebte aus der Alltäglichkeit herauslöst und in eine quasi-sakrale Sphäre versetzt.

Gesamtaufbau und Tiefenstruktur

Hans Aßmann von Abschatz’ Die blauen Augen ist ein barockes Emblemdicht, das in sieben Strophen mit je sechs Versen eine fortlaufende, antithetisch organisierte Argumentation entfaltet. Es handelt sich um ein kunstvoll gegliedertes Lobgedicht auf die blauen Augen einer Geliebten, das zugleich eine Warnung vor den »schwarzen Augen« ausspricht.
Die Tiefenstruktur folgt einem progressiven Dreischritt:
1. Kosmologische Allegorie (Str. 1–3): Schwarze Augen werden metaphorisch in den Bereich von Nacht, Mond, Sternen, Diamant gestellt; blaue Augen erscheinen als Sonne, Karfunkel, unübertrefflicher Glanz. Die astronomische Hierarchie (Nacht < Tag, Mond/Sterne < Sonne) schafft eine natürliche Ordnung, die das »blaue« Ideal legitimiert.
2. Moralisch-erotische Paränese (Str. 4–5): Die Geliebten werden direkt angesprochen (»Verliebte…«). Die blauen Augen werden zum Leitstern der Liebe und versprechen Glück, während schwarze Augen als gefährlich und trügerisch – wie Sirenen – dargestellt werden.
3. Mythologische Apotheose (Str. 6–7): Blaue Augen werden in den Bereich der Venus-Mythologie erhoben; aus ihnen entspringt Liebesgott Amor. Der Schluss kulminiert in einer hyperbolischen Steigerung: Blaue Augen als himmlische Schmückung des Antlitzes, das selbst Schnee und Rosen vereint.
Die Tiefenstruktur ist antithetisch-dualistisch (blau/schwarz, Tag/Nacht, Sonne/Mond, Wahrheit/Trug), wird jedoch nicht in ausgewogener Dialektik, sondern in eindeutiger Präferenz aufgelöst: das Blau siegt über das Schwarz. Diese Struktur ist typisch für den galanten Barock, in dem das Ideal nicht durch Widerspruch, sondern durch gesteigerte Ausschmückung erhoben wird.
Zusammenfassende poetische Tiefeninterpretation
Das Gedicht ist ein typisches Produkt der höfisch-galanten Liebeslyrik des späten 17. Jahrhunderts, das über eine oberflächliche Schönheitsbeschreibung hinausgeht. Unter der zarten Hülle des Kompliments verbirgt sich eine kosmologisch-moralische Ordnungsvorstellung, in der Schönheit nicht nur ästhetisch, sondern auch ethisch und metaphysisch aufgeladen ist.
Kosmische Dimension: Die blauen Augen werden als Sonne, Karfunkel, Meeresquelle und himmlisches Kleid metaphorisiert – Bilder, die nicht nur Helligkeit, sondern lebensspendende und ordnende Kraft implizieren. Das Blau ist dabei nicht nur Farbe, sondern auch Symbol für Klarheit, Treue und göttliche Nähe (Himmel, Wasser).
Moralische Dimension: Schwarze Augen stehen für Verführung, Täuschung, Unbeständigkeit; blaue Augen dagegen für Beständigkeit, Reinheit, moralische Zuverlässigkeit. Hier wird eine moralische Wertung in ästhetischer Form transportiert.
Erotische Dimension: Trotz moralischem Anstrich bleibt der Text galant-erotisch. Venus und Amor verkörpern das erotische Potential der blauen Augen, das jedoch als »legitime« Liebe gefasst wird, nicht als zerstörerische Leidenschaft.
Barockes Menschenbild: Schönheit wird in einen höheren Ordnungszusammenhang gestellt; der Dichter erhebt die individuelle Geliebte in eine universelle Harmonieordnung. Das Gedicht inszeniert eine Idealprojektion, die sowohl ästhetische als auch metaphysische Ansprüche erfüllt.
Rhetorische Architektur und rhetorische Figuren
Der Text ist streng strophisch-symmetrisch gebaut: Jede Strophe umfasst sechs Verse mit durchgehender Binnenstruktur (meist Paar- und Schweifreim, typisch für Barock-Oden und Lieder). Die Wiederkehr bestimmter rhetorischer Grundmuster verleiht dem Text formale Geschlossenheit.
Architektonische Merkmale:
Antithetische Parallelstruktur: Jede Aussage über blaue Augen wird durch eine kontrastierende Aussage über schwarze Augen ergänzt oder vorbereitet.
Steigerung (Klimax): Von Naturbildern (Mond/Sterne/Sonne) über nautische Allegorien (Schiffahrt, Sirenen) hin zu mythisch-göttlicher Apotheose (Venus, Amor, Himmel).
Adressatenwendung: Wechsel zwischen deskriptiven Passagen und direkter Apostrophe (»Verliebte…«, »Traut schwartzen Augen nicht«), was den moralisch-erzieherischen Charakter verstärkt.
Zentrale rhetorische Figuren:
Metapher: Augen als Sonne, Mond, Sterne, Diamant, Karfunkel, Meer, Himmel.
Allegorie: Nautische Metaphorik (Schiffahrt, Hafen, Sirenen) als Bild für den Lebens- und Liebesweg.
Mythologisches Exempel: Venus und Amor als Personifikationen der Liebe.
Anapher und Parallelismus: Wiederholungen am Versanfang (»Und…«, »So…«, »Ein…«) zur Verstärkung der rhythmischen und argumentativen Wirkung.
Rhetorische Frage: Mehrfach eingesetzte Fragen (»Doch, kan der Mond…?«, »Welch kaltes Hertz…?«) erzeugen Suggestivkraft.
Hyperbel: Übersteigerte Schönheit und Wirkung der blauen Augen (»Die Welt zu fällen«).
Synästhesie: Verbindung optischer Eindrücke mit haptischen oder emotionalen Qualitäten (»sanffte Wellen«, »blauer Liebligkeit«).
Symbolik der Farben: Blau als Reinheit/Treue/Himmel, Schwarz als Gefahr/Täuschung/Nacht.
Das Gedicht operiert also nicht nur mit barocken Schmuckmitteln, sondern entfaltet eine durchkomponierte rhetorische Architektur, in der Form, Klang und Bildlogik der inhaltlichen Wertung dienen.

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