Wie grausam sind/ o Liebe/ deine Rechte

Hans Aßmann von Abschatz

Der Liebe verkehrtes Recht

Wie grausam sind/ o Liebe/ deine Rechte!1
Ein leichter Sinn schmeckt tausendfache Lust/2
Der Thränen Tranck/ der Seufftzer schwere Kost3
Nährt und verzehrt die Hertzen treuer Knechte;4
Wie grausam seyn/ o Liebe/ deine Rechte!5

Analyse

1 Wie grausam sind/ o Liebe/ deine Rechte!
Der Sprecher eröffnet mit einem Ausruf, der in Form und Klang an eine Klage oder ein Bittgebet erinnert. »Rechte« meint hier nicht bürgerliche Gesetze, sondern die »Gesetze« oder »Gebote« der Liebe, also die Art und Weise, wie sie das Verhalten der Menschen regelt. Dass diese Rechte »grausam« genannt werden, legt den Grundton fest: Liebe ist hier keine süße, idealisierte Kraft, sondern eine Macht, die Leiden verursacht.
Subtext
Schon in der ersten Zeile wird das paradoxe Verhältnis etabliert: etwas so Verheißungsvolles wie Liebe erweist sich als tyrannisch. Damit spielt der Sprecher auf eine barocke Topik der »Amor tyrannus« an — der Liebesgott Amor als herrschender, oft grausamer Fürst.
Metaebene
Die Zeile wirkt wie ein moralisches oder philosophisches Urteil. Sie setzt einen Rahmen, in dem Liebe als Gesetzgeberin einer eigenen, übergeordneten Ordnung erscheint, deren Regeln weder mit Vernunft noch mit Gerechtigkeit im herkömmlichen Sinn übereinstimmen.
2 Ein leichter Sinn schmeckt tausendfache Lust/
Hier wird ein Gegensatz eingeführt: Der »leichte Sinn« — also der unbeschwerte, leichtfertige, vielleicht auch treulose Liebende — erfährt eine Fülle von Lust (»tausendfache Lust«). Das Bild ist fast hedonistisch, betont jedoch moralische Schieflage.
Subtext
»Leichter Sinn« ist im barocken Sprachgebrauch negativ konnotiert: Es geht um den flatterhaften, oberflächlichen Menschen, der keine Treue kennt. Dennoch wird gerade er von der Liebe reich belohnt.
Metaebene
Hier zeigt sich ein Anklang an barocke Vanitas-Erfahrung: Die Welt belohnt nicht unbedingt Tugend, sondern oft Oberflächlichkeit und Vergnügungssucht. Das »verkehrte Recht« der Liebe wird in seiner Ungerechtigkeit exemplifiziert.
3 Der Thränen Tranck/ der Seufftzer schwere Kost
Ein kräftiges Bild: Die treuen Liebenden nähren sich — bildlich gesprochen — von Tränen und Seufzern. »Tranck« (Trank) und »Kost« bilden eine antithetische Analogie zum vorherigen Vers: Während der Leichtsinnige »tausendfache Lust« schmeckt, muss der Treue bittere Nahrung zu sich nehmen.
Subtext
Die Liebeserfahrung der Treuen wird als eine Form der Selbstverzehrung gezeigt. Tränen und Seufzer sind hier nicht nur Zeichen von Trauer, sondern regelrechte Lebensmittel einer leidvollen Existenz.
Metaebene
Die Barockrhetorik nutzt das Bild des Essens und Trinkens als Spiegel der inneren Befindlichkeit. Hier wird das Bild ins Negative gekehrt: Liebe wird zum »Nährboden« des Leidens, was den Widerspruch zu ihrem idealisierten Bild vertieft.
4 Nährt und verzehrt die Hertzen treuer Knechte;
Die Paradoxie verdichtet sich: Die Liebe nährt und verzehrt zugleich. Der treue Liebende (»Knecht« der Liebe) erhält von ihr einerseits die Nahrung seiner Gefühle, wird jedoch zugleich innerlich verzehrt — ein Bild für das schleichende Leiden, das ihn verzehrt wie eine innere Glut oder Krankheit.
Subtext
Das Wort »Knecht« deutet Unterordnung an: Der Treue steht in einem Vasallenverhältnis zur Liebe, fast wie zu einer Herrin, der er alles verdankt und die ihn zugleich zugrunde richtet.
Metaebene
Diese Doppelwirkung (»nähren« und »verzehren«) verweist auf ein zentrales barockes Motiv: die Dialektik zwischen Eros und Thanatos, zwischen Lebensenergie und tödlicher Zerstörung. In der barocken Liebeslyrik ist dies oft ein Zeichen für die göttliche oder schicksalhafte Unbegreiflichkeit der Liebe.
5 Wie grausam seyn/ o Liebe/ deine Rechte!
Die Wiederholung der Eingangszeile schließt die Strophe in Form eines Rahmens (Refrain). Dies verstärkt den Eindruck einer unumstößlichen Wahrheit: Die Erfahrung aus den mittleren Versen wird durch die Wiederaufnahme des Anfangssatzes zur moralischen Sentenz verdichtet.
Subtext
Die Wiederholung ist nicht nur rhetorischer Schmuck, sondern Ausdruck der Resignation: Der Sprecher erkennt an, dass sich an der »Grausamkeit« der Liebesgesetze nichts ändern lässt.
Metaebene
Die Kreisstruktur spiegelt den Zwangscharakter der Thematik: Wer der Liebe verfällt, bleibt in ihrem geschlossenen System aus Lust und Leid gefangen. Der Titel »Der Liebe verkehrtes Recht« wird dadurch nicht nur illustriert, sondern auch performativ inszeniert — der Text selbst folgt einem kreisförmigen, unausweichlichen Gestus.

Gesamtkomposition und Tiefenstruktur

Das Gedicht ist formal symmetrisch und thematisch zirkulär aufgebaut. Es beginnt und endet mit demselben Vers:
Wie grausam sind/ o Liebe/ deine Rechte!
Diese Wiederholung rahmt die Klage ein und verleiht dem Text eine ringkompositorische Struktur. Der Leser wird damit gleich zu Beginn in die paradoxe Logik der Liebeserfahrung geführt: Die Liebe, sonst Inbegriff von Zärtlichkeit, wird hier als »grausam« bezeichnet, und zwar in Hinblick auf ihre »Rechte« – ein juristischer Begriff, der auf Unabwendbarkeit und Gesetzmäßigkeit verweist.
Zwischen den beiden identischen Rahmenversen entfaltet sich die Gegensätzlichkeit von »leichtem Sinn« und »treuem Knecht«:
Vers 2 preist den »leichten Sinn« (also den flatterhaften, spielerischen Liebhaber) als Nutznießer »tausendfacher Lust«.
Verse 3–4 kontrastieren dazu den Liebenden, der in Treue verharrt und dessen Herz durch Tränen und Seufzer sowohl genährt als auch verzehrt wird – eine oxymoronische Verbindung von Lebensquelle und Zerstörung.
Der Text lebt aus dieser dialektischen Spannung: Flatterhaftigkeit wird belohnt, Treue bestraft. Das ist der Kern des »verkehrten Rechts« – ein Verstoß gegen moralische Erwartung, der aber in der Erfahrungswirklichkeit der Liebe häufig bestätigt wird.
Symbolische und philosophische Tiefenschicht
»Liebe« als Gesetzgeberin
Die Rede von den »Rechten« der Liebe überträgt juristische Autorität auf eine personifizierte Macht. Philosophisch knüpft dies an das stoische und christliche Nachdenken über lex amoris an, doch hier wird diese Gesetzgebung als tyrannisch erlebt.
Leichter Sinn vs. treuer Knecht
Der »leichte Sinn« symbolisiert das Epikureische: Lustsuche ohne Bindung. Der »treue Knecht« steht für eine idealistische, fast feudal anmutende Loyalität. Abschatz zeigt: In der Erfahrungswirklichkeit der Leidenschaft ist die Tugend nicht der Weg zum Glück – eine skeptische Infragestellung barocker Moral.
Paradoxe Nahrung
»Der Thränen Tranck« und »der Seufftzer schwere Kost« sind nicht nur Bilder des Liebesschmerzes, sondern weisen auf eine asketische, ja mystische Dimension: Schmerz wird zur Nahrung. In der Mystik (z. B. Johannes vom Kreuz) kann Leiden zu einer Form der Vereinigung mit dem Geliebten führen. Hier jedoch ist diese Nahrung ambivalent: sie erhält und zerstört zugleich.
Verkehrtes Recht als Weltmetapher
Das Motiv kann über die Liebeserfahrung hinaus als Kritik an der menschlichen Ordnung gelesen werden: Das Leben belohnt Oberflächlichkeit, während Tiefe und Treue ins Leid führen. Es ist damit auch ein Ausdruck barocker Vanitas-Erfahrung – die Welt ist verkehrt, und kein moralisches Prinzip ist sicher.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
1. Affektiver Ausruf (Vers 1)
Der Sprecher beginnt mit einer Exklamation und der direkten Anrede der Liebe. Das erzeugt sofort emotionale Dringlichkeit und weckt Empörung.
2. Erste Beweisführung (Vers 2)
Positives Beispiel: Der »leichte Sinn« erfährt unermessliche Lust. Das wird in hyperbolischer Steigerung (»tausendfache Lust«) betont.
3. Kontrapunkt (Verse 3–4)
Negatives Beispiel: Der treue Liebende wird durch Schmerz »genährt« und zugleich »verzehrt«. Hier setzt die barocke Affektlogik des pathos ein – bildhaft und körperlich.
4. Wiederaufnahme des Anfangs (Vers 5)
Durch die Wiederholung des ersten Verses wird das Gesagte als unwiderlegbare Sentenz abgeschlossen. Die rhetorische Figur der Inclusio verstärkt den Eindruck einer unausweichlichen Gesetzmäßigkeit.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch lässt sich das Gedicht als sprachliches Pendant zu barocken Allegorien der blinden, ungerechten Liebe lesen:
In der Bildtradition wird Amor oft mit verbundenen Augen dargestellt, um seine Willkür zu symbolisieren. Abschatz überträgt dieses Motiv auf die Ebene der »Rechte« – also auf ein Rechtssystem ohne Gerechtigkeit.
Der »leichte Sinn« könnte in der Bildwelt als flatterhafter Schmetterling oder Vogel erscheinen, der frei von Bindung Blüten anfliegt; der »treue Knecht« als gefesselter Liebesdiener, oft mit Ketten oder am Herzen verwundet dargestellt.
Das Paradox »nährt und verzehrt« erinnert an barocke Vanitas-Symbole wie die Kerze, die Licht spendet, indem sie sich selbst verzehrt – ein Sinnbild, das sowohl in Liebes- als auch in Memento-mori-Kontexten Verwendung fand.
Damit ist das Gedicht nicht nur eine persönliche Klage, sondern ein kondensiertes barockes Weltbild: das Leben (und besonders die Liebe) ist von einem göttlich oder schicksalhaft gesetzten Paradox durchzogen, in dem Tugend nicht zwangsläufig belohnt wird.

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