Hans Aßmann von Abschatz
Die stumme Sprache
1Wenn ich nicht reden darff/ nimm meine Seufftzer hin;
2 Sie werden dir in ihrer Sprache sagen:
3 Wenn Glück und Himmel hätten meinen Sinn/
4 Ich wolte dir mehr Opffer tragen.
Analyse
1 Wenn ich nicht reden darff/ nimm meine Seufftzer hin;
Textanalyse
Das lyrische Ich spricht in einem hypothetischen Modus (»Wenn…«), was die Aussage in eine existenzielle Bedingtheit stellt.
Das Redeverbot (»nicht reden darff«) weist auf eine soziale oder emotionale Einschränkung hin: Schweigen ist nicht freiwillig, sondern aufgezwungen.
»nimm meine Seufftzer hin«: Die Seufzer werden als Ersatzsprache angeboten. Es handelt sich um einen typischen barocken Ausdruck der affektiven Kommunikation, körperlich, aber stumm.
Das Personalpronomen »du« ist direkt angesprochen: vermutlich eine geliebte oder verehrte Person.
Subtextanalyse
Das Schweigen ist nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, sondern von tiefem Gefühl, das keine Worte finden darf – sei es aus Standesgründen, gesellschaftlichem Zwang oder innerer Scheu.
Der Seufzer wird zur stumme Sprache der Leidenschaft – ein inneres Bekenntnis, das keine Stimme haben darf, aber dennoch drängt, gehört zu werden.
Es schwingt auch ein religiöser oder ritueller Unterton mit: Seufzer als Gebet oder Opfer, wie sich im weiteren Verlauf zeigt.
2 Sie werden dir in ihrer Sprache sagen:
Textanalyse
Personifikation: Die Seufzer erhalten eine eigene Stimme bzw. Sprache – ein rhetorisches Stilmittel, das ihre expressive Kraft unterstreicht.
Indirekte Rede wird angekündigt (»sie werden dir sagen«), also eine Übertragung des Innenlebens in eine überirdisch anmutende Kommunikation.
Die Sprache der Seufzer ist nicht artikuliert, aber dennoch verständlich für den, der hören kann – eine mystische Kommunikation.
Subtextanalyse
Die Seufzer sprechen dort, wo Worte versagen – es geht nicht um rationales Verstehen, sondern um Empathie oder spirituelle Resonanz.
Die Frage nach Verständnis und Mitgefühl steht im Raum: Wird das Gegenüber diese Sprache überhaupt verstehen?
Zwischenmenschlich gesprochen: Liebe will sich mitteilen, aber ist auf ein Gegenüber angewiesen, das die stumme Sprache versteht – ein Aufruf zur Einfühlung.
3 Wenn Glück und Himmel hätten meinen Sinn,
Textanalyse
Wieder eine Konditionalsatzstruktur: Die Welt (hier »Glück und Himmel«) hat keinen Zugang zum Inneren des lyrischen Ichs.
»meinen Sinn haben« bedeutet: meine Gesinnung, mein inneres Verlangen, meine geistige und emotionale Disposition.
Glück (weltlich) und Himmel (göttlich) werden gekoppelt – typisch barocke Polarität von Diesseits und Jenseits.
Subtextanalyse
Das Ich fühlt sich im eigenen Inneren so tief, vielleicht auch so leidend oder opferbereit, dass selbst Glück und Himmel es nicht ganz begreifen könnten.
Es liegt eine Mischung aus Resignation und Stolz vor: »Wenn sogar das Glück und der Himmel meinen Sinn hätten…« – sie wären zu tiefer Hingabe fähig.
Diese Formulierung legt nahe, dass die Intensität des Gefühls über das Normale hinausgeht – fast mystisch, fast martyrerhaft.
4 Ich wolte dir mehr Opffer tragen.
Textanalyse
Das »ich wolte« steht im Irrealis – es drückt ein unerfüllbares oder nicht erlaubtes Begehren aus.
»Opffer tragen« ist eine kultisch-religiöse Metapher: ein Hinweis auf Selbsthingabe, Demut und spirituelle Aufopferung.
Es wird keine banale Gabe, sondern ein Opfer dargebracht – das verweist auf Leiden, Entbehrung, vielleicht sogar sublimierte Liebe.
Subtextanalyse
Das Ich ist bereit, über alle Grenzen hinaus zu geben – wäre es nur erlaubt, wäre der äußere Rahmen anders.
Die Liebe wird hier zur sakralen Handlung verklärt – was nicht gelebt werden kann, wird geopfert.
Die Sprache des Gedichts erinnert an die barocke Frömmigkeit – Liebe als Passion, Leidenschaft als spirituelles Opfer.
Philosophisch-subtextuelle Tiefendimensionen
1. Sprache des Körpers vs. Sprache des Geistes:
Die Seufzer stehen für die nonverbale, körperlich-emotionale Ausdrucksweise, die der verbotenen oder unmöglichen verbalen Rede entgegensteht.
2. Barocke Polaritäten (Diesseits – Jenseits / Gefühl – Verstand):
Das Gedicht lebt vom Spannungsverhältnis zwischen Innerlichkeit und Welt, zwischen Schweigen und Mitteilung, zwischen göttlichem Himmel und menschlicher Seele.
3. Opfermetaphorik:
Die Liebe wird in den Raum des Sakralen gerückt – was nicht ausgesprochen werden darf, wird als inneres Opfer dargebracht.
Das Ich stilisiert sich als leidender Liebender oder sogar als subjektiv heiliger Mensch, der durch Selbstverleugnung spricht.
4. Das »Verbotene« oder »Unerreichbare«:
Die unerwiderte oder gesellschaftlich unmögliche Liebe steht im Hintergrund: Das Schweigen ist nicht selbstgewählt, sondern auferlegt.
5. Mystik und Innerlichkeit:
Das Gedicht verweist auf die mystische Erfahrung, bei der das Ich nicht durch Worte, sondern durch Innerlichkeit mit dem Gegenüber (menschlich oder göttlich) kommuniziert.
Psychologische Tiefendimensionen
1. Innere Sprachlosigkeit und äußere Repression
Das Gedicht beginnt mit der Feststellung: »Wenn ich nicht reden darff«. Das Sprechverbot ist nicht selbstgewählt, sondern durch äußere Umstände (soziale Schranken, Standesdünkel, gesellschaftliche Moral oder emotionale Überwältigung) bedingt. Diese stumme Ohnmacht verweist auf eine tiefgreifende psychologische Zerrissenheit: Der Sprecher ist voller innerer Bewegung, aber unfähig oder unbefugt, sie zu artikulieren. Die innere Wahrheit wird von einer äußeren Maske unterdrückt.
2. Der Seufzer als Ausdruck unbewusster Tiefe
Die »Seufftzer« gelten als Zeichen einer Emotion, die körperlich spürbar, aber sprachlich kaum fassbar ist. Sie sind Manifestationen einer affektiven Tiefe, die Worte übersteigt. Hier artikuliert sich ein vorbewusstes oder unbewusstes Erleben, das nicht der ratio, sondern der Seele angehört. Der Seufzer ersetzt das Wort – eine somatische, unwillkürliche Reaktion auf emotionale Intensität.
3. Projizierte Hörerschaft und stille Kommunikation
Der Sprecher appelliert an eine Person, die in der Lage ist, diese stumme Sprache zu verstehen – vermutlich ein geliebter Mensch. Diese imaginiere Du-Instanz spielt eine zentrale Rolle: Sie besitzt offenbar ein feines emotionales Gehör. Das Gedicht lebt von der stillen Hoffnung, dass echte Nähe durch intuitive Empathie entsteht, nicht durch explizite Mitteilung.
4. Kontrafaktisches Opfermotiv und sublimierte Hingabe
Die zweite Strophe ist ein kontrafaktisches Szenario: Wenn Glück und Himmel (also äußere Umstände oder göttliches Wohlwollen) im Einklang mit dem inneren Sinn stünden, dann würde der Sprecher bereitwillig »mehr Opffer« bringen. Die Liebe ist hier nicht fordernd, sondern bereit, sich selbst aufzuopfern – jedoch bleibt dieser Akt hypothetisch, sublim, unausführbar. Diese Verinnerlichung des Opfergedankens ist typisch für eine barocke Welt, in der Liebe oft durch Askese, Entsagung und Selbstverleugnung vermittelt wird.
5. Dialektik von Gefühl und Schweigen
Im Zentrum steht eine paradoxe Spannung: Das Gefühl ist übermächtig, aber das Schweigen ist nötig. Die psychologische Grundfigur ist die Affektverdrängung bei gleichzeitiger Affektsteigerung. Je mehr das Ich zum Schweigen gezwungen wird, desto eindringlicher wird der nonverbale Ausdruck – eine Grunddynamik der barocken Innerlichkeit, die sowohl melancholisch als auch edel erscheint.
Fazit
Das Gedicht »Die stumme Sprache« kreist um das barocke Motiv der schweigenden Liebe, deren Intensität sich gerade im Nicht-Gesagten offenbart. In wenigen Versen verdichtet Hans Aßmann von Abschatz eine seelische Konstellation aus Liebessehnsucht, Sprachlosigkeit, Opferbereitschaft und innerer Zerrissenheit. Der Sprecher ist nicht imstande, seine Gefühle auszusprechen – entweder durch äußeren Zwang oder durch innere Hemmung –, doch seine Seufzer werden zu Trägern einer tieferen, wortlosen Mitteilung.
In seiner sprachlichen Ökonomie und emotionalen Tiefe wirkt das Gedicht wie eine Miniatur barocker Seelenkunde: Die Seele spricht, wo der Mund schweigt. Die Liebe wird nicht durch das Wort bezeugt, sondern durch die stille Geste des innerlich Ergriffenen. Letztlich entfaltet sich hier eine existenzielle Erfahrung: Wahre Nähe gründet nicht im Sagbaren, sondern im Verstehen des Unsagbaren.