Angelus Silesius
Sie bereitet sich zu seiner Geburt
Streuet mit Palmen, ihr Schäfer und Hirten, 1
Bereitet und schmücket aufs schönste die Bahn. 2
Traget zusammen Oliven und Myrten, 3
Denn Jesus, der ewige Friedfürst, kommt an. 4
–
Lasset uns munter sein, warten und wachen, 5
Es schlafe ja keiner vor Trägheit nicht ein. 6
Lasset uns alles aufs herrlichste machen, 7
Gewißlich er kann nun nicht ferne mehr sein. 8
–
Schmücket die Lampen und macht sie recht lichte, 9
Eröffnet zu euerem Herzen die Tür. 10
Denket auf allerlei schöne Gedichte 11
Und tretet mit Freuden und Jubel herfür. 12
–
Jesu, du Hoffnung der heilig Verliebten, 13
Du Sonne der Ewigkeit, brich doch herfür. 14
Tröstlicher Bräutgam der geistlich Betrübten, 15
Komm, komm doch, wir sehnen uns herzlich nach dir. 16
–
Werde geboren, du Heiland der Erden, 17
Du Herrscher des Himmels, du Schöpfer der Welt. 18
Sonsten kann keiner den Banden entwerden, 19
Mit welchen der Feind uns bestrickt und gefällt. 20
–
Träufelt, ihr Himmel, und gebt uns im Regen 21
Den Herrn der Gerechtigkeit, unsere Zier. 22
Öffne dich, Erde, mit neuem Bewegen 23
Und bring uns den Heiland der Menschen herfür. 24
–
Eia mein König, Erlöser und Leben, 25
Mein Schutzherr, mein Bräutigam und alle mein Gut! 26
Komm nur, ich will mich dir ewig ergeben 27
Und opfern mein Herze mit Geist und mit Blut. 28
Analyse – Strophe I – Verse 1-4
1 Streuet mit Palmen, ihr Schäfer und Hirten,
Das Bild des Palmzweigs erinnert an den Einzug Christi in Jerusalem (Joh 12,13). Schon hier wird die Geburt Christi im Stall vorweg auf sein späteres messianisches Wirken und Leiden hingeordnet. Die »Schäfer und Hirten« stehen für die einfachen, reinen Seelen, die Gott als Erste erkennen dürfen (vgl. Lk 2,8–20). Der Aufruf zum »Streuen« bedeutet: das Herz soll bereitet, geöffnet, hingelegt werden – ein liturgischer, fast eucharistischer Akt der Hingabe.
2 Bereitet und schmücket aufs schönste die Bahn.
Die »Bahn« ist der innere Weg, der Christus entgegengeht. Es ist der Lebensweg, das Herz, das Denken, ja die ganze Existenz, die geebnet und geschmückt sein soll. »Aufs schönste« verweist nicht auf äußeren Prunk, sondern auf die innere Schönheit der Tugenden: Demut, Reinheit, Einfachheit. Silesius ruft dazu auf, die Seele als Ort der Ankunft Christi zu gestalten.
3 Traget zusammen Oliven und Myrten,
Die Olive steht im biblischen Symbolkosmos für Frieden, Salbung und die Einwohnung des Heiligen Geistes (vgl. Noahs Taube mit dem Ölzweig, Gen 8,11). Die Myrte hingegen ist ein Symbol der Hoffnung, der göttlichen Liebe, der Verwandlung im Geist (vgl. Jes 55,13, wo statt der Dornen Myrten wachsen). Indem die Hirtengestalten diese Zweige »zusammentragen«, vereinen sie Tugenden und heilsgeschichtliche Zeichen: Friede, Geist, Hoffnung, Liebe.
4 Denn Jesus, der ewige Friedfürst, kommt an.
Hier kulminiert die Strophe: der erwartete, durch Symbole vorbereitete Gast ist Christus selbst. »Ewiger Friedfürst« verweist auf Jes 9,5 (»Friede-Fürst«), auf die messianische Hoffnung Israels, die nun im Kind in der Krippe gegenwärtig wird. Doch bei Silesius ist dies nicht nur ein historisches Ereignis, sondern mystisch-gegenwärtig: Christus will stets neu im Herzen geboren werden. Das »kommt an« hat eine doppelte Dimension – die eschatologische (sein endgültiges Kommen in Herrlichkeit) und die mystische (sein Ankommen in der inneren Seele, die sich bereitet).
Fazit
Die erste Strophe ist damit eine mystische Einleitung: Sie ruft zur inneren Vorbereitung, zum symbolischen Schmücken des Herzens auf, damit Christus darin geboren werden kann. Der äußere Hirtenruf ist zugleich eine innere Seelenbewegung.
Sie entfaltet sich wie ein lebendiges Vorspiel, das die ganze Szene des kommenden Ereignisses — die Geburt Christi — aufruft. Man kann die Strophe nicht als eine bloße Ansammlung von Versen lesen, sondern muss sie als eine innere Bewegung verstehen, die von der Aufforderung über die symbolische Handlung bis hin zur theologischen Pointe verläuft.
Bereits der eröffnende Ruf »Streuet mit Palmen, ihr Schäfer und Hirten« evoziert eine liturgische Atmosphäre: die Gemeinde wird angerufen, das einfache Volk, nicht die Mächtigen, nicht die Gelehrten. Der »imperativische« Ton trägt den Charakter eines Hymnus oder eines geistlichen Liedes. Palmen stehen hier nicht nur für Siegeszeichen, sondern zugleich für die Heiligkeit des Empfangs; sie verweisen sowohl auf den Einzug Jesu in Jerusalem als auch auf die Martyrertradition.
Der zweite Vers »Bereitet und schmücket aufs schönste die Bahn« steigert diese Grundbewegung. Es geht nicht um eine äußere Straße, sondern um die innere Bahn des Herzens. Die Sprache des Schmückens und Bereitens verweist auf die adventliche Erwartung, auf das innere Bereitsein, das nicht nur äußerliche Festlichkeit, sondern innere Reinigung und Zierde bedeutet.
Der dritte Vers »Traget zusammen Oliven und Myrten« vertieft die Symbolik. Oliven sind das Zeichen des Friedens, Myrten Zeichen der Treue und Reinheit. Die Gemeinde sammelt diese Pflanzen wie geistige Tugenden, die dem kommenden König dargebracht werden sollen. Hier wird das äußere Sammeln zur Allegorie einer inneren Haltung: man »trägt zusammen«, was das Herz fruchtbar machen soll für den Empfang.
Die Pointe liegt im vierten Vers »Denn Jesus, der ewige Friedfürst, kommt an.« Das Kommen Christi ist die Begründung aller Vorbereitung. Der Friedefürst, der zugleich König und Kind ist, bindet die Naturzeichen (Palmen, Oliven, Myrten) in eine christologische Vollendung ein. Die Strophe schließt mit einem eschatologischen Ernst: das Kommen Jesu ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein zeitloses Ankommen in der Seele.
So gesehen bildet die Strophe eine organische Einheit:
– Am Anfang der Aufruf (gemeinschaftliche Handlung, Imperativ).
– Dann die Symbolhandlung des Schmückens (ästhetische, zugleich innere Dimension).
– Anschließend die Konkretisierung durch die pflanzliche Symbolik (ethisch-spirituelle Haltung).
– Schließlich die theologische Mitte, die alles trägt: das Kommen Christi als Friedensherr.
– Die Strophe wirkt wie ein liturgisches Vorspiel: sie ist Bewegung vom äußeren Ruf zur inneren Sammlung, vom symbolischen Handeln zur christologischen Vollendung. In ihr verdichtet sich die ganze Logik des Advents: bereiten, schmücken, sammeln – weil der Herr kommt.
Analyse – Strophe II – Verse 5-8
5 Lasset uns munter sein, warten und wachen,
Dieser Vers ruft die Hörer oder Leser in den Modus der Bereitschaft. »Munter« ist hier nicht bloß körperlich wach, sondern geistig lebendig, wachsam, aufmerksam – ein Zustand der inneren Sammlung. Silesius knüpft damit direkt an die biblischen Mahnungen an, »wachsam zu sein«, insbesondere an die endzeitlichen Gleichnisse Jesu (z. B. die klugen und törichten Jungfrauen in Mt 25). Warten und Wachen gehören zur Haltung des geistlichen Menschen, der in jedem Augenblick die Ankunft des Göttlichen erwartet. Hier kündigt sich schon das mystische Paradox an: das Warten auf etwas, das eigentlich schon gegenwärtig ist, aber dennoch empfangen werden muss.
6 Es schlafe ja keiner vor Trägheit nicht ein.
Die Gefahr des Einschlafens ist nicht physiologisch gemeint, sondern seelisch-spirituell: die Trägheit (acedia), eine der klassischen Laster der Mystiktradition, führt dazu, dass der Mensch die innere Wachsamkeit verliert. Wer in geistlicher Schläfrigkeit lebt, verschläft die »Geburt Gottes in der Seele« – ein zentrales Thema des Silesius, das er von Meister Eckhart her kennt. Der Vers ist also eine Warnung vor dem geistlichen Tod durch Gleichgültigkeit: Gott wird geboren, aber der träge Mensch verpasst es.
7 Lasset uns alles aufs herrlichste machen,
Hier wechselt der Ton in die Freude und Feierlichkeit: nicht nur Warten, sondern aktives Gestalten. »Alles aufs herrlichste machen« meint, die Seele festlich zu bereiten – wie ein innerer Tempel, in dem der göttliche Gast empfangen werden kann. Dieser Vers erinnert an liturgische Sprache: das Schmücken des Hauses, der Kirche, oder in mystischer Übertragung des inneren Menschen. Es ist ein Aufruf, das Leben so zu ordnen und zu gestalten, dass es Schönheit und Herrlichkeit widerspiegelt – eine Spiegelung des Göttlichen in der menschlichen Existenz.
8 Gewißlich er kann nun nicht ferne mehr sein.
Der Vers bringt die Spannung des adventlichen Wartens auf den Höhepunkt: Gott ist nahe, sein Kommen steht unmittelbar bevor. Mystisch gelesen bedeutet das: die Geburt Christi in der Seele ist kein fernes Ereignis, sondern eine stets mögliche, unmittelbare Gegenwart. Silesius spricht in eschatologischem Ton, aber nicht apokalyptisch, sondern in freudiger Gewissheit. »Nicht ferne mehr« deutet auf das Geheimnis hin, dass die Distanz zwischen Gott und Mensch schon aufgehoben ist – es braucht nur die wache, festlich bereitete Seele, und Gott tritt ein.
Fazit
Insgesamt entfaltet diese zweite Strophe also ein dynamisches Spannungsfeld:
– Wachen und geistige Munterkeit als Grundhaltung.
– Warnung vor der Trägheit, die das Ereignis verschläft.
– Aktives Herrlich-Machen des Lebens als Festvorbereitung.
– Gewisse Hoffnung: Gott ist ganz nah, die Geburt steht unmittelbar bevor.
Man könnte sagen: Der Vers 5 und 6 bilden die Mahnung (wachsam bleiben, nicht einschlafen), die Verse 7 und 8 die Verheißung (alles festlich bereiten, denn er ist schon ganz nahe).
Die vier Verse lassen sich nicht als bloße Reihung von Gedanken, sondern als Steigerung und innere Dynamik verstehen:
1. Aufruf zum Erwachen:
»Lasset uns munter sein, warten und wachen,« – Der Strophenbeginn ist programmatisch. »Munter sein« und »wachen« markieren den Gegensatz zu Müdigkeit und Vergessen. Es geht um eine existentielle Haltung, die den kommenden Christus innerlich wie äußerlich bereitwillig empfängt. Das Warten ist nicht passiv, sondern ein aktives Wachen – ein waches Hoffen.
2. Warnung vor der Gefahr:
»Es schlafe ja keiner vor Trägheit nicht ein.« – Der Appell verdichtet sich zur Warnung. Trägheit (Acedia) ist im christlichen Denken nicht bloß Müdigkeit, sondern eine der gefährlichsten geistlichen Krankheiten: eine Abneigung gegenüber dem Guten. Damit erhält die Aufforderung eine moralische Dimension: Wer Christus empfangen will, darf nicht in geistiger Schläfrigkeit verharren.
3. Steigerung zur tätigen Freude:
»Lasset uns alles aufs herrlichste machen,« – Nachdem der erste Vers die Haltung und der zweite die Gefahr benannt hat, folgt hier die positive Bewegung: Aktivität, Gestaltung, eine Art liturgisches Handeln. Das lyrische »wir« macht deutlich: Es geht nicht um die private Frömmigkeit, sondern um das gemeinsame Tun – ein festliches Zubereiten.
4. Vollendung in der Gewißheit:
»Gewißlich er kann nun nicht ferne mehr sein.« – Der Schlusspunkt verwandelt die Haltung des Wartens in eine Gewißheit. Es ist nicht mehr die unbestimmte Hoffnung, sondern eine fast mystische Sicherheit: Christus ist schon nahe. Die Spannung zwischen Noch-Nicht und Schon-Nahe liegt hier in einer paradoxen Gleichzeitigkeit, wie sie für Angelus Silesius typisch ist.
Als organisches Ganzes zeigt die Strophe also eine spiralförmige Bewegung: vom allgemeinen Aufruf (Vers 5) über die Abwehr der Gefahr (Vers 6) hin zur aktiven Festlichkeit (Vers 7) und schließlich zur inneren Gewißheit der Nähe Christi (Vers 8). Diese Bewegung umfasst den ganzen Bereich christlicher Existenz: Haltung – moralische Wachsamkeit – tätiges Gestalten – mystische Gewißheit.
Man kann die Strophe fast wie ein kleines geistliches Drama lesen: Sie beginnt mit der Aufforderung, steigert sich durch Warnung und Handlungsaufruf, und findet ihren Höhepunkt in der Vergewisserung, dass die Ankunft des Herrn unmittelbar bevorsteht. So schließt sich die Strophe in sich selbst und bleibt doch offen für die weitere Entwicklung des Gedichts.
Analyse – Strophe III – Verse 9-12
9 Schmücket die Lampen und macht sie recht lichte,
Hier spricht Silesius in biblischer Bildsprache. Die Lampe verweist auf das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1–13). Die Lampen stehen für das eigene Innere, das Herz, das geistige Bewusstsein. »Schmücken« bedeutet, sie mit Tugenden, mit geistiger Klarheit, mit Liebe und Achtsamkeit auszustatten. »Macht sie recht lichte« betont, dass nicht nur äußerer Schein gemeint ist, sondern ein inneres Leuchten – die Lampe muss vom Öl des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe genährt sein. Mystisch gelesen: der Mensch soll seine innere Wahrnehmung für das Kommen Christi im Herzen durch Reinheit und Wachheit bereit machen.
10 Eröffnet zu euerem Herzen die Tür.
Die Tür des Herzens ist ein zentrales Bild in der christlichen Mystik. Christus steht nach Offenbarung 3,20 »vor der Tür und klopft an«. Silesius ruft auf, nicht nur äußerlich fromm zu sein, sondern das Innerste, den innersten Wohnraum der Seele, wirklich zu öffnen. Die »Tür« ist hier die Grenze zwischen Ich und Gott. Ihr Aufschließen bedeutet Hingabe, Bereitschaft zur Durchdringung mit göttlicher Gegenwart. Ohne diese Öffnung bleibt Christus draußen; nur durch radikale Offenheit wird seine Geburt im Herzen möglich.
11 Denket auf allerlei schöne Gedichte
Dieser Vers öffnet den geistigen Raum der Einbildungskraft. »Gedichte« meint nicht bloß poetische Texte, sondern kann als Hinweis auf geistliche Betrachtungen, Psalmen, Hymnen verstanden werden. Es sind die »schönen Gedanken« der Seele, die durch Sprache, Musik, Symbolkraft den inneren Menschen in Schwingung bringen. Mystisch gesehen geht es darum, die innere Welt mit himmlischen Vorstellungen, heiligen Bildern, geistiger Schönheit zu erfüllen, damit das Herz nicht leer oder zerstreut bleibt. Die geistige Poesie wird hier selbst Teil der Vorbereitung auf die Geburt des Göttlichen.
12 Und tretet mit Freuden und Jubel herfür.
Dies ist die Antwort auf die vorangehenden inneren Handlungen: aus der inneren Sammlung und dem Schmücken der Seele erwächst ein Überschwang, ein Jubel. Der Mensch soll nicht nur still empfangen, sondern auch in Freude heraustreten, sichtbar werden, sich in Gemeinschaft begeben. Mystisch bedeutet dies, dass die Geburt Christi im Herzen nicht bloß zur stillen Innerlichkeit führt, sondern zum Ausdruck, zur Ausstrahlung, zur tätigen Freude. So wie die Engel bei Christi Geburt »mit großer Freude« verkünden, so soll auch die Seele ihre Bereitung in Jubel verwandeln.
Fazit
Es ist ein kleiner mystischer Weg: Reinigung – Öffnung – Erfüllung – Verklärung. Silesius deutet die adventliche Erwartung nicht als bloß äußeres Ritual, sondern als innere Transformation, die schließlich in Freude überströmt.
Insgesamt zeichnet die Strophe das Bild einer inneren und äußeren Festbereitung: die Lampe (innere Klarheit), die Tür (Empfangsbereitschaft), das Gedicht (geistige Schönheit und meditative Sammlung), schließlich das Jubeln (freudige Manifestation). Damit bringt Silesius die barocke wie auch mystische Vorstellung zum Ausdruck, dass Gottesankunft im Menschen eine ganzheitliche Haltung verlangt – vom innersten Licht bis zur äußeren Feier.
Die dritte Strophe von Angelus Silesius’ Gedicht Sie bereitet sich zu seiner Geburt entfaltet sich wie ein kleiner Kosmos aus Imperativen, Symbolen und seelischer Haltung. Sie wirkt in sich organisch geschlossen, weil alle vier Verse in ihrer Bildsprache aufeinander verweisen und eine Bewegung vom Inneren ins Äußere gestalten.
Der Eingangsbefehl »Schmücket die Lampen und macht sie recht lichte« stellt die Grundgeste: Licht wird hier zur Metapher der Wachheit und des Glaubens, zugleich zur Hochzeitssymbolik (Parabel von den klugen Jungfrauen im Matthäusevangelium). Das »Schmücken« betont, dass es nicht bloß um funktionale Helligkeit geht, sondern um Schönheit und Feierlichkeit – die Erwartung des Kommens Christi soll nicht im bloßen Pflichtbewusstsein, sondern in Freude und innerer Zierde geschehen.
Darauf folgt der zweite Vers »Eröffnet zu euerem Herzen die Tür.« Hier erfolgt die innere Entsprechung zum äußeren Schmuck der Lampen: das Herz ist Haus und Tempel, das eigentliche »Geburtszimmer« Christi. Es genügt nicht, die äußeren Zeichen zu setzen; die Tür zum Innersten muss geöffnet werden. Das Bild der Tür verstärkt die Dynamik des Empfangens – ohne Öffnung bleibt die Ankunft des göttlichen Gastes unmöglich.
Der dritte Vers, »Denket auf allerlei schöne Gedichte«, erweitert die Vorbereitung ins Geistige und Poetische. Das Denken selbst wird zu einer Form der Zierde, und zwar nicht nüchtern oder abstrakt, sondern in Bildern, Gesängen, Gebeten. »Gedichte« sind hier Ausdruck der menschlichen Kreativität, die sich in Schönheit Gott entgegenstreckt. Es ist bemerkenswert, dass Silesius das dichterische Wort in die spirituelle Vorbereitung integriert: Sprache selbst wird zu einer Lampe, die Licht verbreitet.
Der abschließende Vers »Und tretet mit Freuden und Jubel herfür« zeigt schließlich die Bewegung nach außen: vom geschmückten, erhellten Inneren über das geöffnete Herz und das geistige Spiel der Gedanken hin zur ekstatischen, gemeinschaftlichen Feier. Es ist der Übergang von Innerlichkeit zur Erscheinung, von Sammlung zu Manifestation. Jubel und Freude sind nicht bloße Begleiterscheinungen, sondern der sichtbare Beweis einer durchleuchteten Seele.
So bildet die Strophe einen organischen Bogen:
– Beginn im äußeren Symbol (Lampe),
– Hinwendung zum Inneren (Herz),
– Gestaltung des Geistes (Gedichte),
– Ausbruch nach außen (Jubel).
Die innere Logik ist kreisförmig und rhythmisch: Licht – Öffnung – Dichtung – Freude. Jede Bewegung ergänzt die andere, sodass die Strophe wie eine kleine Liturgie wirkt. Es entsteht eine Einheit von Symbol, Innerlichkeit, Sprache und Handlung – das Ganze ein organisches Vorspiel zur Geburt Christi in der Seele.
Analyse – Strophe IV – Verse 13-16
13 Jesu, du Hoffnung der heilig Verliebten,
Dieser Vers ruft Christus als »Hoffnung« an. Entscheidend ist die Verbindung mit den »heilig Verliebten«: es sind nicht bloß religiös Verpflichtete oder moralisch Gerechte, sondern jene, die in heiliger Liebe brennen. »Heilig« bedeutet, dass ihre Liebe nicht irdisch-egoistisch, sondern vergeistigt, transfiguriert und ausgerichtet auf das Göttliche ist. Christus erscheint als einzige Erfüllung, als Ziel, das den Liebenden Hoffnung gibt. Hier zeigt sich die Nähe zu Meister Eckhart und Johannes vom Kreuz: die Seele als Braut, die in der Liebe auf ihren himmlischen Bräutigam ausgerichtet ist. Hoffnung wird nicht nur als Zukunftserwartung verstanden, sondern als innere Kraft, die das gegenwärtige Sehnen trägt.
14 Du Sonne der Ewigkeit, brich doch herfür.
Christus wird zur Sonne, und zwar zur Sonne »der Ewigkeit«. Die barocke Metaphorik greift hier auf das alte Bild Christi als »Sol iustitiae« (Sonne der Gerechtigkeit, Mal 3,20) zurück. Doch Silesius intensiviert es: Nicht bloß eine Sonne, die im Laufe der Zeit aufgeht, sondern eine, die ewig strahlt, überzeitlich. Das »Brich doch herfür« bringt ein Drängen zum Ausdruck: Die Seele hält die verborgene Sonne nicht mehr aus, sie will ihr Licht jetzt, sie will die Gegenwart der Gnade unmittelbar erfahren. Mystisch verstanden: Das innere Licht des Logos liegt schon im Herzen, es muss nur »hervorbrechen«. Hier spricht das Bedürfnis nach unio mystica – das, was schon in der Tiefe des Seelengrundes ist, soll offenbar werden.
15 Tröstlicher Bräutgam der geistlich Betrübten,
Das Brautbild entfaltet sich ausdrücklich: Christus ist der »Bräutigam«. Diese Braut-Mystik stammt aus dem Hohelied und ist durch Bernhard von Clairvaux und die Mystik des Mittelalters tief in die christliche Spiritualität eingesickert. Doch Silesius fügt das Wort »tröstlich« hinzu. Das deutet: Christus ist nicht nur Geliebter, sondern spendet Trost gerade den »geistlich Betrübten«. Wer innerlich in der Finsternis steht, wer sich von Gott verlassen fühlt, erfährt dennoch in Christus den Bräutigam, der ihn mit Trost umarmt. Hier klingt die Erfahrung des »dunklen Nachts« (Johannes vom Kreuz) an: In der seelischen Wüste bleibt allein Christus als Trostquelle. Der Bräutigam ist nicht einfach romantisch, sondern eine existenzielle Antwort auf die innere Not.
16 Komm, komm doch, wir sehnen uns herzlich nach dir.
Der Ruf kulminiert in einer doppelten Bitte »Komm, komm doch«. Dieses Wiederholen ist ein Gebet aus tiefer Dringlichkeit, eine fast ekstatische Anrufung. Der Ton erinnert an die adventliche Erwartung (vgl. »Veni, veni, Emmanuel«), aber hier ist er radikal subjektiv-mystisch: die Seele (oder die Gemeinschaft der Liebenden, da es »wir« heißt) schreit förmlich nach der Nähe Gottes. »Herzlich« bedeutet im 17. Jahrhundert nicht nur gefühlvoll, sondern aus dem innersten Grund des Herzens, also aus der Mitte des Selbst. Das Sehnen ist kein oberflächlicher Wunsch, sondern der tiefste Zug der Seele, der auf Christus hingeordnet ist. In der Mystik ist dieses Sehnen selbst schon eine Form der Vereinigung: das Herz, das sich nach Gott ausstreckt, trägt ihn bereits in sich.
Zusammenfassung der Strophe:
Die vierte Strophe bündelt die Dynamik der ganzen Dichtung: Christus wird in wechselnden Bildern – Hoffnung, Sonne, Bräutigam – angerufen. Jede Metapher verstärkt das innere Begehren der Seele. Die Grundbewegung ist ein Drängen: von der Hoffnung der Liebenden, über das Licht, das hervorbrechen soll, bis zur Intimität des tröstenden Bräutigams und zum flehenden Ruf »Komm«. Die Strophe steht ganz im Zeichen der unio mystica, die aber noch nicht erfüllt ist, sondern als schmerzliche Sehnsucht, als Spannung zwischen Abwesenheit und erhoffter Gegenwart.
Die Strophe beginnt mit dem Namen »Jesu« – das unmittelbare Anrufen des Namens verleiht der gesamten Einheit einen litaneihaften, beinahe mystisch-magischen Charakter. Es ist nicht die Rede über Christus, sondern das direkte Zu-Ihm-Sprechen. In dieser direkten Anrede steckt bereits die innerste Bewegung der Mystik: die Nähe Gottes wird nicht nur gedacht, sondern durch das Aussprechen seiner Gegenwart vergegenwärtigt.
Die folgenden beiden Metaphern sind organisch aufeinander bezogen: Christus als »Hoffnung der heilig Verliebten« und als »Sonne der Ewigkeit«. Beide Bilder verbinden sich: Die »heilig Verliebten« sind jene Seelen, die in einem Liebesverhältnis zum Göttlichen stehen, und deren Hoffnung in der Erfüllung dieser Liebe gründet. Dass Christus zugleich als »Sonne der Ewigkeit« angerufen wird, stellt ihn als Lichtquelle dar, die nicht nur wärmt, sondern auch das Dunkel der Zeitlichkeit durchbricht. Hier wächst die Bitte aus dem Bild selbst hervor »brich doch herfür« – die Sonne, die bislang noch hinter dem Horizont verborgen ist, soll endlich hervorbrechen.
Der dritte Vers führt eine andere Seite der menschlichen Erfahrung ein: Christus als »tröstlicher Bräutgam der geistlich Betrübten«. Das Bild des Bräutigams hat eine doppelte Funktion: es greift die eheliche, intime Symbolik der Mystik auf (wie bei Johannes vom Kreuz oder in der Tradition des Hohenliedes), und es stellt Christus zugleich als den dar, der gerade in der Not und inneren Verlassenheit tröstet. Während die ersten beiden Verse von Hoffnung und kosmischem Licht geprägt sind, tritt hier der Schatten, die Betrübnis, ins Spiel – wodurch sich die Sehnsucht umso intensiver verdichtet.
Der vierte Vers (»Komm, komm doch, wir sehnen uns herzlich nach dir«) ist die rhythmische und affektive Kulmination der Strophe. Die Wiederholung des »komm« ist wie ein Herzschlag, eine Dringlichkeit, die keine Verzögerung duldet. Hier bündelt sich das zuvor Ausgesagte: die Hoffnung, das Licht, die tröstende Nähe des Bräutigams – alles läuft auf den Ruf nach unmittelbarer Gegenwart hinaus. Das »wir« öffnet zudem den Raum von der einzelnen mystischen Seele hin zur Gemeinschaft der Liebenden und Betrübten, sodass die Bitte nicht nur individuelles Sehnen ausdrückt, sondern das kollektive Warten der Kirche, ja der ganzen Schöpfung.
So wirkt die Strophe als Ganzes wie ein einziger Bogen, der von der Anrufung über die Bildentfaltung hin zur Dringlichkeit der Bitte führt. Inhaltlich bewegt sie sich zwischen der Spannung von Abwesenheit und Verheißung, zwischen Dunkel und Licht, zwischen Betrübnis und Trost. Formal ist sie von einer inneren Dynamik getragen: aus der stillen Namensanrufung wächst ein hymnischer Lobpreis, aus diesem wiederum eine intime Metapher, die sich schließlich in den Ausruf steigert. Alles schließt sich zu einem organischen Ganzen, das man fast als eine Miniatur-Andacht bezeichnen könnte: das Herz des Mystikers ruft nach der Gegenwart des Geliebten – und durch die Intensität des Rufes wird diese Gegenwart schon im Akt des Sprechens vorweggenommen.
Analyse – Strophe V – Verse 17-20
17 Werde geboren, du Heiland der Erden,
Hier ruft das lyrische Ich den Messias direkt herbei. Der Imperativ »werde geboren« ist mehr als bloß eine Bitte: er ist ein existentielles Verlangen nach der Inkarnation im Innern. »Heiland der Erden« weist zugleich auf die kosmische Dimension hin – Christus ist nicht nur ein Retter für die fromme Seele, sondern für die ganze Erde, die gefallene Welt. Mystisch gelesen ist es der Schrei der Seele nach dem inneren Christus, der im Herzen des Menschen Gestalt gewinnen soll.
18 Du Herrscher des Himmels, du Schöpfer der Welt.
Dieser Vers erweitert die Anrufung. Christus wird nicht nur als Retter (soteriologisch), sondern auch als Herrscher (kosmologisch) und Schöpfer (ontologisch) angerufen. Die Paradoxie liegt darin, dass der Allmächtige, der immer schon der Ursprung allen Seins ist, erst noch »geboren« werden soll. Mystisch ist dies der Hinweis: Das Ewige muss im Zeitlichen neu zur Welt kommen – und zwar im Innern der Seele. Silesius knüpft hier an Meister Eckhart an: Christus ist von Ewigkeit her geboren, doch für den einzelnen Menschen geschieht diese Geburt erst dann, wenn er sich dafür öffnet.
19 Sonsten kann keiner den Banden entwerden,
Hier klingt das Heilsmotiv der Befreiung an. »Banden« sind die Fesseln der Sünde, der Verblendung, der Selbstsucht. Ohne diese Geburt Christi bleibt der Mensch gebunden, unfrei, gefangen in der Macht der eigenen Triebe und des »alten Menschen«. Der Vers enthält eine klare Heilsnotwendigkeit: es gibt keinen anderen Weg zur Freiheit als das innere Kommen des Heilandes. Mystisch gelesen bedeutet es: kein noch so strenges Asketentum oder moralische Anstrengung kann den Menschen erlösen – nur der göttliche Durchbruch im Herzen kann die »Bande« sprengen.
20 Mit welchen der Feind uns bestrickt und gefällt.
Der »Feind« ist hier der diabolische Gegenspieler Gottes, der Versucher, der die Seele in seine Schlingen legt. »Bestrickt« erinnert an ein Netz oder Garn: der Mensch ist gefangen, verstrickt in Weltlust und Eitelkeit. »Gefällt« hat die Doppeldeutigkeit von »gefangen genommen« und »verführt, betört«. Der Feind »gefällt« uns insofern, als er mit scheinbar angenehmen Dingen lockt. In dieser letzten Zeile wird noch einmal klargestellt: nur das Kommen Christi im Innern kann diese tödliche Illusion auflösen.
Tiefenschau der Strophe
Die vier Verse entfalten einen mystischen Heilsweg in verdichteter Form:
– Der Ruf nach der Geburt Christi (17) ist der existenzielle Aufschrei der Seele.
– Die Anrufung als kosmischer Herrscher (18) zeigt die paradoxe Einheit von Ewigkeit und Zeit.
– Die Einsicht, dass ohne Christus keine Befreiung möglich ist (19), hebt die Gnade hervor.
– Die Benennung des Feindes (20) konfrontiert die Seele mit der Wirklichkeit ihrer Gefangenheit.
So wird die Strophe zu einem kleinen Dramenbogen: Sehnsucht – Bekenntnis – Not – Erlösung.
Organische Betrachtung
Diese Strophe bildet einen innerlich zusammenhängenden Mikrokosmos aus Anrufung, theologischer Begründung und existenzieller Dringlichkeit. Sie lässt sich nicht in Einzelteile zerlegen, ohne dass das Ganze an Sinn verliert, denn jede Verszeile steht in einem engen Beziehungsgeflecht zu den anderen.
Grundgestus: Es handelt sich um eine Epiklese, also um einen Anrufungsruf an Christus. Der Sprecher steht stellvertretend für die menschliche Seele oder auch für die gesamte Schöpfung. Mit dem Imperativ »Werde geboren« beginnt die Strophe: Das ist der innere Motor, von dem alles ausgeht. Geburt Christi wird hier nicht nur als historisches Ereignis verstanden, sondern als gegenwärtig notwendige Verwirklichung im Herzen des Menschen.
Kosmische Dimension: Unmittelbar nach der Anrufung wird Christus in einer dreifachen Hoheit benannt – Heiland der Erde, Herrscher des Himmels, Schöpfer der Welt. Diese Steigerung entfaltet eine Ganzheit: Erde – Himmel – Welt. Das Dreifache ist keine lose Aufzählung, sondern eine organische Bewegung von unten nach oben und dann umfassend nach außen. Die Bitte um Geburt erhält so eine kosmische Weite: Die ganze Schöpfung hängt von dieser inneren und äußeren Geburt ab.
Notwendigkeit der Erlösung: Der dritte Vers bricht die Erhabenheit durch die Nennung der menschlichen Situation »Sonsten kann keiner den Banden entwerden«. Hier wird deutlich: Ohne das Geborenwerden Christi bleibt der Mensch gefangen. Das »Sonsten« verbindet kausal die ersten beiden Verse mit der Notlage der Menschheit – die Bitte ist nicht optional, sondern zwingend.
Konkretion des Gegenspielers: Im vierten Vers erscheint der Feind, der den Menschen »bestrickt und gefällt«. Das Bild des Umstricktseins bringt das Motiv der Unfreiheit, ja Gefangenschaft ins Spiel. Der »Feind« (der Teufel, die Sünde, das Böse) wird nicht breit ausgeführt, sondern kurz, aber plastisch benannt, gerade so, dass die Notwendigkeit der göttlichen Geburt in der Seele noch schärfer hervortritt.
Einheitliche Bewegung
Als organisches Ganzes entfaltet die Strophe eine Bewegung in drei Schritten:
1. Anrufung (17) → Unmittelbare, persönliche Bitte.
2. Majestätische Bestimmung Christi (18) → Erhebung ins Kosmische, theologische Rahmung.
3. Existenzielle Begründung (Verse 19–20) → Rückführung in die conditio humana, die gefangen ist und ohne Christus nicht frei werden kann.
Die Spannung zwischen der erhabenen Hoheit Christi und der trostlosen Gefangenschaft der Menschen macht die Strophe als Einheit lebendig. Sie ist keine bloße Aneinanderreihung von Bitten und Gründen, sondern eine innere Spirale: Von der Bitte zur Erhöhung, von der Erhöhung zur Notwendigkeit – wodurch die anfängliche Bitte an Dringlichkeit und Pathos gewinnt.
Analyse – Strophe VI – Verse 21-24
21 Träufelt, ihr Himmel, und gebt uns im Regen
Dieser Vers greift eine alttestamentliche Adventsbitte auf (Jesaja 45,8 »Träufelt, ihr Himmel, von oben, und die Wolken sollen Gerechtigkeit regnen«). Die Himmel sind hier nicht nur meteorologische Sphären, sondern geistige Räume, die das göttliche Leben bergen. Das »Träufeln« ist ein sanftes Herabfließen des Göttlichen in die Welt, keine Gewalt, sondern ein zarter, gnadenhafter Niederschlag. Der »Regen« verweist auf die sakramentale Gnade, die befruchtet, nährt und neues Leben hervorbringt. Silesius betont so die zarte Art, wie Gott Mensch wird: nicht als Blitzschlag, sondern als Tau, das heimlich die Erde tränkt.
22 Den Herrn der Gerechtigkeit, unsere Zier.
Was hier regnen soll, ist kein abstraktes Gut, sondern Christus selbst, der »Herr der Gerechtigkeit«. Die alttestamentliche Erwartung des Messias wird mit der personalen Erfüllung im Gottmenschen verbunden. Er ist »unsere Zier«, das heißt: der wahre Schmuck des Menschen, die Krone der Schöpfung. In der Sprache der Mystik heißt das: alles äußere Zierwerk verliert seinen Wert neben der inneren Schönheit des göttlichen Bildes, das Christus im Menschen erneuert. Die Gerechtigkeit ist hier nicht juristisch, sondern kosmisch-sakramental gemeint: Christus bringt die Ordnung zurück, die im Menschen und in der Welt durch die Sünde zerbrochen ist.
23 Öffne dich, Erde, mit neuem Bewegen
Die Erde wird angesprochen wie eine Braut, die sich dem Bräutigam öffnet. Das »neue Bewegen« deutet an, dass hier etwas Ungeahntes geschieht: eine zweite Schöpfung. Während am Anfang die Erde Gras, Bäume und Früchte hervorbrachte, soll sie jetzt den Gottmenschen hervorbringen. Mystisch bedeutet dies, dass auch das Herz des Gläubigen sich wie die Erde öffnen muss, um das göttliche Leben in sich aufzunehmen. Es ist die Einladung zur inneren Empfängnis: das Herz wird zum Boden, auf dem das göttliche Wort Fleisch werden will.
24 Und bring uns den Heiland der Menschen herfür.
Die geöffnete Erde soll den »Heiland« hervorbringen. Christus wird hier ausdrücklich als »Heiland« bezeichnet, der die Menschen heilt und rettet, nicht nur als Richter. Der Ursprung liegt oben (im Regen des Himmels), doch die Erscheinung wird unten, auf Erden, sichtbar. Himmel und Erde begegnen sich: der Regen des Göttlichen befruchtet die Erde der Menschheit, und daraus wächst der Erlöser hervor. Auf der inneren Ebene bedeutet dies, dass in der Seele, die sich öffnet, Christus neu geboren wird – eine Kernthematik des Silesius. Er bindet das kosmische Heilsgeschehen (Inkarnation) an den mystischen Vollzug im Einzelnen: jeder kann und soll »seine Erde öffnen«, um den Heiland hervorzubringen.
So zeigt die Strophe in dichter Verdichtung die klassische Mystik-Synthese: Bibelwort, kosmisches Bild und innerseelisches Erleben werden eins. Himmel (Transzendenz) und Erde (Immanenz) treten in liebender Vereinigung zusammen, und Christus erscheint als Frucht dieser Hochzeit – sowohl in der Heilsgeschichte (Bethlehem) als auch in jeder einzelnen Seele, die sich öffnet.
Fazit
Die sechste Strophe von Angelus Silesius’ Gedicht Sie bereitet sich zu seiner Geburt (aus dem Cherubinischen Wandersmann) steht in einem besonderen Spannungsfeld von biblischer Intertextualität, mystischer Theologie und dichterischer Verdichtung. Sie lässt sich als ein geschlossenes, organisches Ganzes betrachten, in dem jede Zeile nicht isoliert, sondern in einer rhythmischen und geistigen Bewegung auf die anderen bezogen ist.
1. Biblischer Grundton und Bezug
Die Strophe greift direkt auf den Jesajatext zurück »Träufelt, ihr Himmel, von oben, und die Wolken regnen Gerechtigkeit; die Erde tue sich auf und bringe Heil« (Jes 45,8). Dieses »Rorate caeli« ist im liturgischen Sprachgebrauch fest verankert, vor allem im Advent, und es bildet die Grundlage der hier gestalteten Bitte. Silesius nimmt die prophetische Erwartung auf, aber er transformiert sie in eine dichterisch-mystische Form, die nicht bloß Zukunftsverheißung ist, sondern innere Wirklichkeit: Der Himmel, die Erde, der Mensch – alles wird zur Mitspielerin in der Geburt Christi.
2. Bewegungslogik der Strophe
Die vier Verse entfalten eine organische Dynamik:
21–22: Der Blick richtet sich nach oben. Der Himmel wird angerufen, seine Schleusen zu öffnen. Das Bild des Träufelns und Regnens evoziert Gnade, die sanft, aber durchdringend fällt. Das Ziel ist klar benannt: die Gabe des »Herrn der Gerechtigkeit«, Christus selbst.
23–24: Der Blick wendet sich nach unten. Nun wird die Erde adressiert, dass sie sich »öffne« und durch »neues Bewegen« fruchtbar werde. Dies führt zur Hervorbringung des »Heilandes der Menschen«.
Es entsteht eine vertikale Spannung zwischen Himmel und Erde, die sich in der Mitte im Menschen (dem Empfänger des Heils) zu einem Ganzen schließt. Regen und Erde, Oben und Unten, Gnade und Natur: sie sind aufeinander hingeordnet, ihr Zusammenwirken bringt Christus hervor.
3. Innere Einheit der Bilder
Das organische Moment liegt in der Symbiose der Bilder:
Der Regen ist kein meteorologisches Faktum, sondern Gnadenzeichen.
Die Erde ist kein bloßer Boden, sondern Symbol der menschlichen Seele, die Christus empfangen und gebären soll.
Himmel und Erde erscheinen so als komplementäre Pole einer kosmischen Geburt: von oben kommt das göttliche Geschenk, von unten das Empfangende, das sich fruchtbar verwandelt.
Die Strophe hält damit eine schöpferische Spannung: sie zeigt nicht nur eine Erwartung, sondern den Prozess des Werdens – ein Bild für Inkarnation wie auch für die innere Geburt Christi im Menschen.
4. Mystische Dimension
In der mystischen Lesart geht es nicht nur um die einmalige Geburt Jesu in Betlehem, sondern um die immerwährende Geburt Gottes in der Seele. Himmel = göttliches Überströmen, Erde = Menschenseele, die sich im »neuen Bewegen« (durch Umkehr, Läuterung, innere Bereitschaft) öffnet. Nur durch das Zusammenspiel dieser beiden Pole wird der »Heiland« wirklich gegenwärtig.
So erhält die Strophe eine existentielle Tiefendimension: sie ist zugleich kosmisches Adventsbild und mystischer Aufruf zur inneren Transformation.
5. Rhythmus und Klang
Die Versgestaltung mit ihren gleichmäßigen Imperativen (»Träufelt … gebt … Öffne … bring«) erzeugt einen beschwörenden, litaneihaften Klang. Sie wirkt wie ein gemeinsames Gebet, das Himmel und Erde zusammenruft. Dadurch wird die Strophe als geschlossene Bewegung hörbar, als ein Atemzug zwischen Bitte und Verheißung.
Fazit
Die sechste Strophe bildet ein organisches Ganzes, weil sie Himmel und Erde, Oben und Unten, göttliches Geben und menschliches Empfangen in einer einzigen Geburtsbewegung zusammenführt. Ihre innere Einheit liegt nicht in einer bloß logischen Abfolge, sondern in der lebendigen Symbiose der Bilder, die den mystischen Grundgedanken des ganzen Gedichts tragen: Christus wird nicht nur in der Welt, sondern im Innersten des Menschen geboren.
Analyse – Strophe VII – Verse 25-28
25 Eia mein König, Erlöser und Leben,
Das »Eia« ist ein Jubelruf, fast ein Ausruf der Verzückung, wie er in geistlichen Liedern des 17. Jahrhunderts häufig vorkommt. Hier tritt er als spontane Affektäußerung auf, eine Ekstase des Herzens. Der Sprecher benennt Christus zugleich in drei Gestalten: als König (Herrschaft, Ordnung, göttliche Souveränität), als Erlöser (der Befreier von Schuld, Tod und Verderben), und als Leben (die lebendige Quelle, das Prinzip, das über bloße Existenz hinausführt). In der Trias dieser Anrufung klingt eine mystische Ganzheit: Christus ist nicht nur eine Figur, sondern zugleich Autorität, Befreiung und die lebendige Wirklichkeit selbst.
26 Mein Schutzherr, mein Bräutigam und alle mein Gut!
Die intime Beziehung intensiviert sich. Christus ist nicht nur König und Herr, sondern »Schutzherr« – der persönliche Bewahrer. Noch kühner: Er ist Bräutigam, also in der Sprache der Brautmystik die innerste Geliebtheit der Seele. Schließlich heißt es »alle mein Gut« – Christus ist nicht ein Teil des Lebens oder Besitzes, sondern die Gesamtheit, das »Summum Bonum« aller Werte. Hier verschmilzt die Sprache der Theologie mit jener der Mystik: Christus ist sowohl Schutz als auch intime Nähe und zugleich die einzige Quelle aller Güter.
27 Komm nur, ich will mich dir ewig ergeben
Nun folgt die Antwort auf die Anrufung: nicht bloß Lob, sondern Hingabe. Die Seele ruft Christus, fordert sein Kommen, und bindet sich an ihn »ewig«. Dieses »ewig« hebt den Akt der Hingabe aus jeder zeitlichen Begrenztheit heraus. Es handelt sich nicht mehr um einen Augenblick der Frömmigkeit, sondern um eine transzendente Entschlossenheit, die den Kern der mystischen Vereinigung bildet: die völlige Aufgabe des eigenen Willens an den göttlichen Willen.
28 Und opfern mein Herze mit Geist und mit Blut.
Die Hingabe kulminiert im Opfer. Es geht nicht nur um Worte oder eine symbolische Zuneigung: das Herz (Zentrum der Person), der Geist (innerstes Denken, göttliche Teilhabe) und das Blut (Leben, Leib, Vitalität) sollen geopfert werden. Der ganze Mensch – körperlich, seelisch, geistig – wird Christus dargebracht. Das ist eine totale Selbsthingabe, die die Sprache der Märtyrer anruft und zugleich die mystische »Brautgabe« ausdrückt.
Die Strophe als organisches Ganzes
Diese siebte Strophe ist der Höhepunkt des Gedichts: Nach dem Aufbau in den vorigen Strophen, die Christus’ Kommen vorbereiten, bricht hier die endgültige, vollkommene Hingabe der Seele hervor. Strukturell beginnt sie mit einem ekstatischen Ruf (»Eia«), steigert sich in einer dreifachen Anrufung, und setzt dann in der zweiten Zeile eine noch innigere Dreifach-Beziehung (Schutzherr, Bräutigam, Gut). So entsteht eine Spirale der Nähe: vom majestätischen »König« zur intimsten »Bräutigam«-Gestalt.
Der zweite Teil der Strophe – Verse 27 und 28 – bringt die Konsequenz: nicht bloß Anerkennung, sondern totale Selbsthingabe. Die Seele ruft Christus herbei und bietet sich in Ewigkeit dar. Der letzte Vers mit der Opferformel ist der Kulminationspunkt: Herz, Geist und Blut umfassen den ganzen Menschen. Damit schließt sich der Kreis des Gedichts: die »Geburt Christi« in der Seele geschieht erst dort, wo die Seele ihr eigenes Leben in Hingabe preisgibt.
Als Ganzes wirkt die Strophe wie eine mystische Hochzeitsszene, eine Liturgie im Inneren: Lobpreis, Anrufung, Einladung, Hingabe, Opfer. Sie vereint Hoheit und Intimität, königliche Majestät und bräutliche Nähe, und mündet in die totale Selbstaufgabe.
Gesamtanalyse
Das Gedicht »Sie bereitet sich zu seiner Geburt« von Angelus Silesius entfaltet sich als ein kunstvoll gegliedertes, in sich geschlossenes Ganzes. Mit seinen sieben Strophen und 28 Versen bewegt es sich wie ein innerer Hymnus, der die adventliche Erwartung Christi zum Thema hat. Dabei tritt das Gedicht weniger als bloße Andachtslyrik hervor, sondern als organisch gewachsene geistliche Bewegung: Es beginnt in einer kollektiven Aufforderung, führt über liturgische und mystische Bilder zur persönlichen Hinwendung und mündet in eine hingebungsvolle Vereinigung mit dem kommenden Christus.
1. Bewegung: Vorbereitung im Äußeren (Strophen 1–2)
Die ersten beiden Strophen stellen ein festliches Außenbild vor Augen: Hirten und Schäfer sollen Palmen, Oliven und Myrten bereiten (V. 1–4). Es entsteht die Szene einer Prozession, eines Einzugs in die Welt, die durch äußeren Schmuck und Freude auf das Kommen Christi reagiert. Doch schon hier liegt eine doppelte Bedeutung: Palmen sind Siegeszeichen, Oliven und Myrten Symbole des Friedens und der Liebe. Der äußere Schmuck deutet also auf innere Haltungen hin.
Auch die Mahnung zum Wachen (V. 5–8) gehört in diesen äußeren Rahmen, weist aber schon ins Innere: Es geht darum, nicht durch »Trägheit« zu verschlafen, sondern mit wacher Erwartung die Nähe des Kommenden zu spüren.
2. Bewegung: Das Herz als Raum (Strophe 3)
Die dritte Strophe führt die Bewegung weiter nach innen »Schmücket die Lampen« und »eröffnet … die Tür« des Herzens (V. 9–10). Hier wechselt der Blick von äußerem Schmuck zur inneren Bereitung der Seele. Das Bild der Lampe verweist auf die Parabel der klugen Jungfrauen (Mt 25), und die »Herzentür« erinnert an die mystische Erwartung, dass Christus im Inneren Raum findet. Das ganze Gedicht tritt dadurch in den Bereich der mystischen Innerlichkeit.
3. Bewegung: Christologische Anrufung (Strophen 4–5)
Mit der vierten Strophe beginnt ein Wechsel zur direkten Anrede Jesu »Jesu, du Hoffnung der heilig Verliebten« (V. 13). Der Ton wird inniger, persönlicher, lyrischer. Christus erscheint als Sonne der Ewigkeit, Bräutigam, Trost, Hoffnung. Damit gewinnt das Gedicht eine neue Mitte: Die Gemeinde oder der Einzelne spricht nicht mehr nur über den Kommenden, sondern zu ihm.
Die fünfte Strophe steigert dies »Werde geboren, du Heiland der Erden« (V. 17). Hier verdichtet sich die Spannung des Advents: Christus soll nicht nur geistlich, sondern tatsächlich in der Welt geboren werden, um die Gefangenen von den Banden des Bösen zu befreien (V. 19–20). Die christologische Theologie – Schöpfer, Herrscher, Erlöser – tritt in dichter Bekenntnisform hervor.
4. Bewegung: Kosmische Dimension (Strophe 6)
Die sechste Strophe öffnet den Horizont »Träufelt, ihr Himmel« (V. 21) greift den Jesajatext (Jes 45,8) auf, der in der Adventsliturgie eine zentrale Rolle spielt. Hier wird die ganze Schöpfung aufgerufen, an der Geburt Christi teilzunehmen: Himmel und Erde wirken mit, um den Heiland hervorzubringen. Dies verleiht dem Gedicht eine kosmische Weite, die das persönliche und gemeinschaftliche Gebet übersteigt.
5. Bewegung: Persönliche Hingabe (Strophe 7)
Das Gedicht kulminiert in der letzten Strophe in einer radikal persönlichen Wendung »Eia mein König, Erlöser und Leben« (V. 25). Christus wird nun nicht mehr nur als erwarteter Herr, sondern als mein Bräutigam, mein Gut angerufen. Die Sprache ist hier hochgradig mystisch, fast sponsal, und erinnert an die Brautmystik des Hohenliedes. Schließlich gipfelt alles in der Hingabe »Komm nur, ich will mich dir ewig ergeben / und opfern mein Herze mit Geist und mit Blut« (V. 27–28). Damit vollendet sich die Bewegung: Aus der äußeren Vorbereitung über das innere Schmücken und die gemeinschaftliche Anrufung wird ein Akt der totalen persönlichen Vereinigung mit Christus.
Organische Gesamtstruktur
Das Gedicht ist organisch gebaut wie ein geistlicher Weg:
1. Außen (Festschmuck, Mahnung zum Wachen)
2. Innen (Herzensöffnung, Lampen, Erwartung)
3. Anrufung (Christus als Bräutigam, Hoffnung, Sonne)
4. Kosmos (Himmel und Erde wirken mit)
5. Ich (persönliche Hingabe, Opfer des Herzens).
Dieses Schema zeigt eine konzentrische Bewegung, die vom Kosmos ins Herz, vom Herz zum Christus, und schließlich von Christus wieder zum Ich führt, das sich völlig hingibt. Man kann es auch als liturgischen Ablauf deuten: Prozession – Vorbereitung – Gebet – Schriftlesung (Jesaja) – persönliche Kommunion.
Theologisch-mystische Deutung
Das Gedicht ist ein Adventshymnus, zugleich aber eine mystische Miniatur. Es zeigt Christus nicht nur als historischen, sondern als ewig kommenden Gott, der im Herzen des Einzelnen geboren werden soll. Die Bewegung hin zur völligen Hingabe – »mit Geist und mit Blut« – zeigt die radikale Nachfolge, die Angelus Silesius als Kern seiner Spiritualität versteht: Der Mensch soll Christus nicht nur erwarten, sondern sich ihm opfernd einverleiben.
So entsteht ein organisches Ganzes: Die äußeren Bilder werden innerlich, das Gemeinschaftliche wird persönlich, das kosmische Geschehen wird zur mystischen Vereinigung. Das Gedicht atmet adventliche Spannung, liturgische Form und mystische Tiefe zugleich.
1. Konfessioneller und historischer Hintergrund
Angelus Silesius (1624–1677), ursprünglich Johannes Scheffler, war zunächst lutherisch geprägt, bevor er 1653 zum Katholizismus konvertierte. Sein dichterisches Werk steht an der Schnittstelle zwischen protestantischer Lieddichtung (Paul Gerhardt, Johann Heermann) und katholischer Barockmystik (Jakob Böhme, Johannes vom Kreuz). Das Gedicht trägt den Charakter eines Adventsliedes: es thematisiert die erwartete Geburt Christi, zugleich als liturgisches Ereignis (Weihnachten) und als mystisches Geschehen in der Seele des Gläubigen. Damit bewegt es sich im Spannungsfeld von Dogma, Liturgie und Innerlichkeit.
2. Barocke Stilmittel und Form
Die sieben Strophen zu je vier Versen folgen streng der Liedform, mit parallel gebauten Imperativen (»Streuet«, »Bereitet«, »Schmücket«) und Wiederholungen, die den performativen Charakter betonen: das Gedicht ist zum Mitsingen, nicht nur zum Lesen gedacht.
Typisch barock ist die Fülle der Symbole: Palmen (Sieg, Triumph), Oliven (Frieden), Myrten (Liebe), Lampen (Parabel der klugen Jungfrauen), Regen und Erde (Jesaja 45,8 »Taut, ihr Himmel, von oben«). Solche Bilder binden die Dichtung an die biblische Intertextualität, zugleich aber an das barocke Bedürfnis nach sinnlich-reicher Ausschmückung.
3. Theologische Dimension
Das Gedicht ist nicht nur adventliches Warten, sondern zugleich eine mystische Erwartung der Geburt Christi in der eigenen Seele. Schon in den Imperativen »öffnet … euer Herz« oder »komm doch, wir sehnen uns herzlich nach dir« klingt die Theologie der inneren Geburt Christi an, die Meister Eckhart und die deutsche Mystik des 14. Jahrhunderts formulierten. Die Geburt Christi im Stall wird so zu einem inneren Ereignis: das Herz wird zum Stall, der Mensch zur Maria, der Glaube zum Raum der Inkarnation.
4. Einordnung in die Barockliteratur
Das Gedicht steht exemplarisch für die geistliche Barocklyrik:
Es verbindet Opulenz der Bilder (barocke Metaphorik) mit asketisch-mystischer Zielrichtung (Geburt Christi in der Seele).
Es zeigt die Affektlenkung des Barock: Freude, Sehnsucht, Jubel, Trost – der Leser/Hörer soll emotional in die adventliche Erwartung hineingenommen werden.
Es gehört zugleich zur Gebrauchsdichtung (als Lied im Gottesdienst) wie zur Mystikdichtung (als meditative Lektüre).
Damit wird Silesius zu einer Schlüsselfigur des deutschen Barock: er transformiert die katholische Mystik in poetische Sprache, die auch im protestantischen Raum rezipiert wurde, und schafft eine Brücke zwischen liturgischer Liedkultur und individueller Frömmigkeitspoesie.
5. Wirkungsgeschichtlicher Ausblick
Silesius’ Lieder wurden im katholischen Raum in Gesangbüchern weitergeführt, blieben im protestantischen jedoch randständig. In der Romantik (Novalis, Eichendorff) entdeckte man seine mystische Innigkeit neu. Die Erwartung Christi als »inneres Werden« weist zugleich voraus auf moderne Deutungen religiöser Erfahrung, in denen das Innere des Menschen als »Geburtsort des Göttlichen« verstanden wird.