Rosen blühn auff deinen Wangen

Hans Aßmann von Abschatz

Bedörnte Rosen

Rosen blühn auff deinen Wangen/1
Liljen führt die Stirne mit;2
Aber den/ der nahe tritt/3
Stechen Dornen/ Bienen/ Schlangen.4

Analyse

1 Rosen blühn auff deinen Wangen
Textanalyse
Der Vers verwendet die klassische barocke Metapher der Rose als Sinnbild für Schönheit, Jugend und erotische Anziehungskraft. Die »blühenden« Rosen verorten das lyrische Du in einer Phase vitaler Lebenskraft, in der sinnliche Reize unmittelbar präsent sind.
Subtext
Hinter der zarten, höfischen Komplimentierung liegt eine subtile Mimesis der Naturmetaphorik: Schönheit ist nicht statisch, sondern wie eine Rose zeitgebunden – Blüte impliziert Vergänglichkeit. Zugleich wird die Nähe von Schönheit und Verletzlichkeit vorbereitet, da Rosen mit Dornen assoziiert sind.
2 Liljen führt die Stirne mit;
Textanalyse
Die Lilie steht im Barock sowohl für Reinheit und Unschuld als auch für aristokratische Würde. Die »Stirne« als Sitz des Denkens und der Ehre wird durch das Bild der Lilie verklärt.
Subtext
Der Vers baut einen Dualismus zwischen Sinnlichkeit (Rose) und Reinheit (Lilie) auf, ein Spannungsfeld, das typisch für barocke Liebeslyrik ist. Die Stirn mit Lilie deutet auf moralische oder geistige Integrität – doch die Kombination mit den Rosen der Wangen legt nahe, dass sich Reinheit und sinnliche Verlockung im selben Subjekt vereinen, womit bereits eine potenziell gefährliche Ambivalenz angedeutet ist.
3 Aber den/ der nahe tritt
Textanalyse
Der Konjunkt »aber« leitet eine überraschende Brechung der bisher idyllischen Bildlichkeit ein. Die Nähe wird hier zum Prüfstein: Wer den äußeren Schein überschreitet, erlebt eine andere Realität.
Subtext
Das lyrische Ich deutet an, dass Schönheit und Tugend nur auf Distanz unproblematisch erscheinen. In der Nähe offenbaren sich Eigenschaften, die abweichen von der bloßen Anmut. Dies verweist auf das barocke Motiv der disillusio – die Erkenntnis, dass der Schein trügen kann.
4 Stechen Dornen/ Bienen/ Schlangen.
Textanalyse
Die Trias von Dornen, Bienen und Schlangen bündelt mehrere Gefahren- und Schmerzmetaphern: Dornen (Schmerz bei Berührung), Bienen (Stich, aber auch süßer Honig als Verlockung) und Schlangen (Gift, Verrat, Sünde). Die Vielfalt dieser Bilder steigert den Kontrast zum Eingangslob.
Subtext
Hier wird das barocke Paradoxon der »bedornten Schönheit« pointiert: Was äußerlich reizt, kann innerlich verletzen oder gar verderben. Die Biene ist besonders ambivalent – sie spendet Honig, sticht aber auch. Die Schlange ruft biblische Konnotationen von Versuchung und Sündenfall auf. Das Gedicht erhält so einen moralisch-skeptischen Unterton, der vor zu viel Nähe und unreflektierter Begeisterung warnt.
Philosophische Tiefendimension
Das Gedicht komprimiert in nur vier Versen ein zentrales Thema barocker Anthropologie: die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, und die Ambivalenz menschlicher Anziehungskraft. Ästhetische Schönheit (Rose) und moralische Reinheit (Lilie) erscheinen vereint, doch der Weg zur Nähe offenbart die Schattenseite – eine barocke Variation der Erkenntnis, dass das Gute und das Gefährliche in derselben Erscheinung koexistieren können.
Hier lässt sich eine doppelte Tiefenstruktur erkennen:
Erkenntnistheoretisch: Der Mensch urteilt oft nach dem Augenschein, doch wahres Erkennen erfordert die Erfahrung von Nähe, die Illusionen zerstören kann.
Ethik und Anthropologie: Die Verbindung von Tugend und Versuchung verweist auf das christlich-barocke Menschenbild: Selbst die scheinbar Reine trägt die Möglichkeit des Falles in sich. Schönheit ist nicht bloß Geschenk, sondern auch Prüfung.
Theologisch-biblisch: Die Erwähnung der Schlange evoziert den Sündenfall aus Genesis – Nähe zur Versuchung führt zu geistiger Verwundung. Die Biene wiederum ist ambivalent wie das Leben selbst: Sie produziert Süße (Honig) aus Gefahr (Stachel).
Vanitas-Motiv: Rosen und Lilien sind vergänglich, ihre Schönheit ist zeitlich begrenzt und kann ins Gegenteil umschlagen – Lust in Schmerz, Reinheit in Schuld.
Damit entsteht ein barockes Miniaturgemälde von der Dialektik der Erscheinung: Schönheit ist weder eindeutig gut noch eindeutig schlecht, sondern ein paradoxes Miteinander von Verlockung und Gefahr. Wer sich von der Blüte allein leiten lässt, riskiert den Stich.
Psychologische Tiefendimension
Das Gedicht entfaltet ein ambivalentes Menschenbild, das im höfischen Barock – und besonders in der Liebeslyrik – häufig anzutreffen ist: Schönheit und Gefahr sind untrennbar verschränkt. Die ersten beiden Verse zeigen die idealisierte äußere Erscheinung – Rosen auf den Wangen (Sinnlichkeit, Vitalität, erotische Anziehung) und Lilien auf der Stirn (Reinheit, Unschuld, Erhabenheit). Dies entspricht der barocken Doppelsymbolik von Rubor et candor, dem roten Wangen- und weißen Stirnkontrast, der sowohl erotische Erregung als auch moralische Unversehrtheit versinnbildlicht.
Doch mit dem Perspektivwechsel in Vers 3–4 tritt die psychologische Spannung zutage: Die Nähe zerstört die idealisierte Ferne. Wer sich dem Subjekt nähert, begegnet einer schmerzhaften, ja bedrohlichen Realität – Dornen, Bienen, Schlangen. Psychologisch lässt sich dies als Warnung vor der Verletzlichkeit der eigenen Gefühle lesen, aber auch als Ausdruck misstrauischer Distanzhaltung des lyrischen Ichs: Die Schönheit ist eine Lockung, doch hinter ihr lauern Abwehrmechanismen und Gefahren. Das lyrische Subjekt – oder das beschriebene Gegenüber – ist nicht einfach »liebenswert«, sondern von einem Abwehrsystem umgeben. Tiefenpsychologisch könnte man hier eine Projektion des Unbewussten erkennen: Die Furcht vor Nähe, Angst vor Verletzung oder Verlust, sublimiert in Naturbildern.
Die drei Gefahrenbilder sind dabei steigernd angelegt: Dornen (Schmerz, aber still), Bienen (klein, beweglich, stechend), Schlangen (symbolische Verkörperung des Verrats, der Verführung oder des Todes). Die Struktur zeigt ein psychisches Modell, bei dem sich Schönheit und Gefahr nicht gegenseitig ausschließen, sondern eine unauflösbare Einheit bilden – Nähe führt zwangsläufig zu Verletzung.
Sprachlich-stilistische Analyse
Der Text ist stark emblematisch aufgebaut: Die ersten beiden Verse bilden das pictura-Element (das Bild), die letzten beiden das subscriptio (die moralische Deutung). Schon der Titel Bedörnte Rosen verweist auf den zentralen barocken Antithesenstil: das Memento, dass jede Schönheit mit Gefahr verbunden ist. Die Wortwahl arbeitet mit starker Bildhaftigkeit aus dem Floralen und Zoologischen: »Rosen«, »Lilien«, »Dornen«, »Bienen«, »Schlangen«. Diese sinnliche Konkretheit kontrastiert mit der Abstraktion der inneren Aussage.
Das Metrum folgt der barocken Tendenz zu symmetrischer Gliederung: zwei Beschreibungssätze (Verse 1–2), gefolgt von zwei Folgesätzen (Verse 3–4) mit kausalem Bezug (»Aber den, der nahe tritt…«). Das Aber leitet den Bruch ein, wodurch der Text die rhetorische Figur der Antithesis nutzt: Schönheit vs. Gefahr, Ferne vs. Nähe, Anziehung vs. Abwehr.
Die Alliteration »Stechen… Schlangen« sowie die klangliche Verdichtung durch harte Konsonanten (t, k, sch) in den letzten Versen verstärken die Bedrohung. Im Gegensatz dazu herrscht in den ersten Versen ein weicher, vokalreicher Klangfluss (»Rosen«, »blühn«, »Liljen«), was die Zartheit und Schönheit klanglich unterstreicht.
Die Dreierreihe »Dornen / Bienen / Schlangen« ist ein klassischer barocker Klimax in der Gefahrensymbolik: vom unbeweglichen stacheligen Hindernis über die mobile Attacke bis hin zum mythisch aufgeladenen Urbild des Bösen. Dies gibt dem Gedicht nicht nur visuelle, sondern auch dramatische Spannung.
Ikonologische Deutung
Das Gedicht arbeitet mit der Bildsprache barocker Emblematik.
Rosen auf den Wangen stehen für Schönheit, Jugend, erotische Anziehungskraft und die Lebenskraft des Blutes.
Lilien auf der Stirn symbolisieren Reinheit, Tugend, vielleicht auch adelige Kühle oder eine idealisierte, fast überirdische Ausstrahlung.
Dornen, Bienen und Schlangen sind klassische Embleme der Gefahr, des Schmerzes und der List, die hinter der Schönheit lauern. Dornen gehören ikonologisch zur Rose als notwendige Kehrseite der Schönheit, Bienen sind einerseits süß (Honig), andererseits stechend, Schlangen tragen die alte, biblische Konnotation von Verführung, Sünde und tödlicher List.
Das Bildgefüge folgt der emblematischen Logik: pulchrum et periculosum – Schönheit ist verführerisch, aber gefährlich. Der Blick ist zunächst frontal und idealisierend (Wangen, Stirn), der zweite Teil entlarvt die latente Bedrohung im Nahkontakt. Die Ikonologie folgt dem barocken Vanitas-Denken: Die Oberfläche der Schönheit ist trügerisch und enthält ihren eigenen Schmerz.

Gesamtkomposition und Tiefenstruktur

Die Komposition ist klar zweigeteilt:
1. Vers 1–2: Beschreibung der äußeren Erscheinung in ruhiger, bewundernder, fast statuarischer Bildhaftigkeit. Die Farbsymbolik (rot/weiß) entspricht der höfischen Schönheitsnorm: rote Wangen (Lebendigkeit), weiße Stirn (Reinheit).
2. Vers 3–4: Plötzlicher Bruch – vom kontemplativen Sehen zum körperlichen Annähern. Die Perspektive wechselt von Distanz zur Nähe. Der Nahkontakt löst eine überraschende Bewegung aus: Statt Erfüllung folgt Gefahr, Schmerz, Abwehr.
Die Tiefenstruktur verläuft also von ästhetischer Verklärung über Annäherungsimpuls hin zu Bedrohung und Rückschreck. Das ist ein kleiner dramatischer Bogen: Visio → Motus → Passio.
Symbolische und moralphilosophische Tiefenschicht
Das Gedicht formuliert eine moralische Warnung im Gewand der Galanterie: Schönheit ist nicht nur anziehend, sondern kann dem Nahenden Schaden zufügen. Im Hintergrund steht eine barocke Ethik der Selbstbeherrschung: Wer sich zu sehr von Sinnlichkeit leiten lässt, riskiert, von ihren verborgenen »Dornen« verletzt zu werden.
Symbolische Dialektik: Rot (Leidenschaft) und Weiß (Reinheit) verschmelzen in der Schönheit, aber die »Dornen/Bienen/Schlangen« symbolisieren, dass Leidenschaft und Unschuld in der Realität nicht konfliktfrei nebeneinander bestehen.
Moralische Maxime: Äußerer Schein darf nicht das innere Urteil vernebeln; Schönheit ist nicht gleich moralische Unschuld.
Barockes Menschenbild: Der Mensch ist geneigt, den schönen Schein zu ergreifen, muss aber die occasiones peccandi meiden.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
Die Rhetorik des Gedichts folgt einer raffinierten psychologischen Falle:
1. Initiale Attraktion (Vers 1–2)
Die Bilder sind schmeichelnd und laden zur Projektion ein. Der Sprecher wirkt wie ein höfischer Beobachter, der Schönheit in festen Sinnbildern benennt.
2. Verführung zur Annäherung (Vers 3)
Die Formulierung »der nahe tritt« setzt eine Bewegung in Gang, ein Überschreiten der sicheren Distanz. Psychologisch ist dies der Moment des Begehrens.
3. Abwehrreaktion (Vers 4)
Das Begehren wird durch Schmerz- und Gefahrbilder abrupt gebremst. Das ist ein rhetorischer »Stich« in der Erwartung des Hörers/Lesers: Statt der erhofften Nähe kommt die Warnung vor Verletzung.
Diese Dynamik entspricht der barocken Kunst der Antithese: Nähe–Gefahr, Süße–Stich, Schönheit–List. Der psychologische Effekt ist, den Leser zunächst in eine Stimmung des Begehrens hineinzuziehen, um dann das moralische memento mit umso größerer Wucht zu setzen.

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