O allerliebstes Knäbelein

Angelus Silesius

Sie preist die Holdseligkeit des Jesuleins

O allerliebstes Knäbelein, 1
Du nimmst die Herzen ein. 2
O Jesu, du Wonne, 3
So klar als die Sonne, 4
O Kind, neugeboren, 5
Vor tausend erkoren, 6
Du nimmst die Herzen ein. 7

Wenn ich beschau dein Äugelein, 8
Nenn ich sie Sternelein, 9
Die tugendlich prahlen 10
Und wonniglich strahlen, 11
Mit jeglichen Blicken 12
Die Herzen berücken, 13
Wen sie berührn, ist dein. 14

Dein Mündlein ist ein Gärtelein, 15
Wie blühen doch so fein 16
Die Röslein darinne! 17
Daraus ich gewinne, 18
Wenn du sie bewegest 19
Und gegen mir regest, 20
Den besten Rosenwein. 21

Nun nimm die Welt nur gänzlich hin, 22
Dich hält, statt ihr, mein Sinn. 23
Du kannst mich ergötzen, 24
Bist würdig zu schätzen, 25
Verzückst mein Gemüte, 26
Fängst Herz und Geblüte 27
Und alles was ich bin. 28

O Jesu, nun soll dir allein 29
Mein Herz ergeben sein. 30
Du magst es verbrennen, 31
Dein eigenes nennen, 32
Huldseliger Knabe, 33
Mit dem ich mich labe, 34
Du nimmst die Herzen ein. 35

Vers-für-Vers Analyse

1 O allerliebstes Knäbelein,
Hier beginnt Silesius mit einer innigen Anrede. Das »Knäbelein« verweist auf das Jesuskind in der Krippe. »Allerliebst« zeigt die zärtliche, fast mütterlich-kindliche Liebe, die im mystischen Denken des Barock häufig wird: die unendliche Nähe Gottes wird als Kindlichkeit gefasst. Gleichzeitig spiegelt es das Paradox: der ewige Logos, das Wort Gottes, erscheint in größter Hilflosigkeit und Kleinheit. Die Anrede »O« trägt einen hymnischen Charakter – es ist kein bloßes Sprechen, sondern eine Gebets-Ekstase.
2 Du nimmst die Herzen ein.
Das Jesuskind gewinnt die Liebe der Menschen nicht durch Macht oder Herrschaft, sondern durch Sanftheit und Anmut. »Einnehmen« meint sowohl »erobern« als auch »wohnen in«: Christus zieht in das Herz des Gläubigen ein. Mystisch gedeutet wird hier die Transformation des Inneren angedeutet: das Herz, Ort der Seele, wird von Christus besetzt, aber nicht gewaltsam, sondern durch Liebe.
3 O Jesu, du Wonne,
Die Anrede wird vertieft. Christus wird hier zur »Wonne«, d. h. zu höchster Freude, zu süßer Verzückung. Mystische Sprache bei Silesius ist stark von einem affektiven Ton geprägt: das Ziel ist nicht abstrakte Lehre, sondern das Entfachen einer Herzensbewegung. Hier klingt das Hohelied an, wo die göttliche Liebe als Süße, Lust, Wonne besungen wird.
4 So klar als die Sonne,
Das Bild der Sonne ist traditionell Symbol für Christus: das Licht der Welt, das alles erhellt und wärmt. »Klar« meint Reinheit, Transparenz, Wahrheit. Das Jesuskind ist trotz seiner Kleinheit Träger des kosmischen Lichts. Zugleich enthält die Bildwahl eine paradoxe Spannung: wie kann ein Säugling »klar wie die Sonne« sein? Silesius will damit ausdrücken, dass in der Niedrigkeit des Kindes die göttliche Klarheit vollkommen enthalten ist.
5 O Kind, neugeboren,
Die Neugeburt verweist historisch auf Weihnachten, theologisch aber auch auf die ewige Geburt des Logos im Herzen des Gläubigen. Meister Eckhart hatte vom »immerwährenden Geborenwerden Gottes in der Seele« gesprochen – Silesius knüpft daran an. Das »neugeborene Kind« ist also nicht nur das historische Jesuskind, sondern das Symbol für die frische, unerschöpfliche Quelle des göttlichen Lebens in jedem Moment.
6 Vor tausend erkoren,
Hier klingt die Lehre von der ewigen Erwählung Christi an: noch vor aller Zeit, »vor tausend« (eine mystische, nicht rechnerische Zahl), war das Kind im göttlichen Ratschluss bestimmt. Das Paradox ist klar: der, der eben »neu geboren« ist, war zugleich »vor aller Zeit erwählt«. Es wird der mystische Gedanke der Ewigkeit Christi betont, die sich in der Zeitlichkeit offenbart.
7 Du nimmst die Herzen ein.
Die Wiederholung von 2 rahmt die Strophe. Das ist mehr als ein rhetorischer Refrain: es ist eine meditative Kreisbewegung. Anfang und Ende der Strophe weisen auf dasselbe: das Ziel des Erscheinens Christi ist das Gewinnen des menschlichen Herzens. So wird die Theologie in eine Erfahrung transformiert: die Geburt Christi ereignet sich da, wo das Herz sich von ihm »einnehmen« lässt.
8 Wenn ich beschau dein Äugelein,
Das Schauen auf das Auge des Jesuleins ist mehr als eine äußerliche Betrachtung – es ist kontemplatives Versenken. »Beschauen« meint im barocken Sprachgebrauch das betrachtende Versinken in die Erscheinung, eine Art mystische Vision. Das Äugelein wird zum Ort, wo die Gottheit im Kind durchscheint. Das Auge Jesu gilt traditionell als »Spiegel des Herzens«: Wer es anschaut, sieht das Innerste Gottes in kindlicher Gestalt.
9 Nenn ich sie Sternelein,
Die Augen werden als Sternelein benannt – eine Verkleinerungsform, die zugleich die Zärtlichkeit des Motivs wahrt. Sterne sind Zeichen des göttlichen Lichts, Orientierung in der Nacht, Wegweiser (wie der Stern von Bethlehem). Die Augen Jesu sind damit nicht nur schön, sondern geben dem Betrachter auch Orientierung im Dunkel des Daseins. Mystisch gedacht: Die Sternelein im Auge Christi sind unendliche Lichtquellen der Wahrheit.
10 Die tugendlich prahlen
Hier tritt das barocke Paradox auf »Prahlen« wirkt zunächst negativ, doch im Kontext ist es das freudige Ausstrahlen göttlicher Tugend. Die Tugenden Christi (Sanftmut, Reinheit, Liebe) spiegeln sich in seinem Blick. Es ist ein Leuchten, das nicht eitel ist, sondern herrlich. Tugend prahlt hier nicht im Sinne von Überheblichkeit, sondern im Sinne eines überströmenden, unverbergbaren Glanzes.
11 Und wonniglich strahlen,
Das Tugendhafte strahlt wonniglich – es ist nicht bloß Licht, sondern süßes, wonniges Licht, das Freude und Seligkeit hervorruft. Mystisch gedeutet: Die göttliche Tugend ist nicht asketisch trocken, sondern wonnereich, erfüllend, tröstend. Das Strahlen Jesu ist eine Ausstrahlung göttlicher Freude, die den Betrachter innerlich verklärt.
12 Mit jeglichen Blicken
Jeder einzelne Blick Jesu hat diese Wirkung. Es ist nicht ein einmaliges Strahlen, sondern eine dauerhafte, ununterbrochene Ausstrahlung. Mystisch: Jeder Blick Christi ist ein »actus gratiae«, ein Gnadenakt. Er schaut nicht zufällig, sondern jeder Blick ist intentional, liebend, verwandelnd.
13 Die Herzen berücken,
Das alte Wort »berücken« bedeutet bezaubern, entzücken, gleichsam das Herz aus seiner alltäglichen Verfassung herausheben. Das Herz des Betrachters wird durch Christi Blick entrückt in höhere Sphären, in den göttlichen Bereich. Mystisch: Der Blick Christi zieht die Seele empor, löst sie aus dem Irdischen, entrückt sie in die unmittelbare Gegenwart Gottes.
14 Wen sie berührn, ist dein.
Das entscheidende mystische Resultat: Wer von diesem Blick berührt wird, gehört Christus. Nicht mehr das eigene Ich ist Herr des Herzens, sondern Christus. Die Liebesmetaphorik wird hier zur Theologie: Der Blick Jesu hat transformative Kraft, er bindet den Menschen an Christus, macht ihn »sein Eigen«. In der Mystik: die Unio mystica beginnt nicht durch eigenes Tun, sondern durch das Ergriffensein vom göttlichen Blick.
Fazit
Diese Strophe entfaltet somit eine ganze Theologie des Blicks: Vom äußeren Beschauen über das Sternenlicht bis zur tiefen Verwandlung der Seele durch Jesu Augen. Der poetische Diminutiv (»Äugelein«, »Sternelein«) mindert nicht die Tiefe, sondern intensiviert die Zärtlichkeit der mystischen Erfahrung: Gott erscheint kindlich, lieblich – und dennoch wirkt dieser Blick kosmisch, unwiderstehlich, alles verändernd.
15 Dein Mündlein ist ein Gärtelein,
Das Bild des »Mündleins« als »Garten« evoziert das Hohelied »Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester Braut« (Hld 4,12). Der Mund Christi ist Quelle und Ort der paradiesischen Fruchtbarkeit. Der »Garten« steht zugleich für den Hortus conclusus Mariens, nun aber übertragen auf den Sohn: sein Mund ist der Ort des Lebens, des Segens und der göttlichen Verheißung. Theologisch wird Christus als das Wort Gottes gedeutet: aus seinem Mund kommt das ewige Leben.
16 Wie blühen doch so fein
Das Blühen verweist auf die Schönheit, Reinheit und göttliche Lebenskraft. Das »so fein« hebt die Zartheit hervor – hier geht es nicht um irdische Vegetation, sondern um eine geistige Blüte, die sich nur dem liebenden, betrachtenden Herzen offenbart. Mystisch gesehen ist es die ewige, nie verwelkende Blüte göttlicher Wahrheit.
17 Die Röslein darinne!
Die Rose ist im christlichen Symbolismus ambivalent: sie verweist auf Schönheit, Reinheit, Liebe, aber auch auf das Blut Christi (rote Rose = Passion, Dornenkrone). Dass »Röslein« im Plural erscheint, deutet auf eine Vielfalt von Tugenden und göttlichen Geheimnissen, die in Christi Mund (= in seinem Wort, in seiner Rede, in seinem Kuss) verborgen liegen. In der marianischen Tradition ist die Rose auch Symbol Mariens – so verschränkt Silesius Mutter- und Gottessohn-Symbolik.
18 Daraus ich gewinne,
Die Ich-Perspektive des lyrischen Betenden tritt hervor: aus diesem Mund, aus diesem »Garten« zieht er selbst Nahrung, Leben, Trost. Mystisch gesprochen: der Mund Christi ist der Ort der Kommunion, aus dem die Seele göttlichen Trank empfängt. »Gewinnen« ist hier kein Besitzergreifen, sondern das Gnade-Empfangen.
19 Wenn du sie bewegest
Das »Bewegen« der Lippen Christi ist das lebendige Wort. Wenn Christus spricht, wenn er den Mund regt, entfaltet sich die schöpferische und heilende Macht seines Logos. Zugleich klingt hier auch der Kuss an – ein Moment der intimsten mystischen Vereinigung zwischen Christus und der Seele. Bewegung heißt Leben: Gott ist nicht starr, sondern lebendige Kommunikation.
20 Und gegen mir regest,
Das Bild intensiviert sich: nicht nur allgemeines Bewegen, sondern ein Regung »gegen« das lyrische Ich. Christus neigt sich aktiv dem Menschen zu, richtet seine Rede, seine Liebe, seine Bewegung konkret auf den einzelnen. Dies ist der Kern mystischer Erfahrung: nicht abstraktes Göttliches, sondern eine persönliche, zärtliche Zuwendung.
21 Den besten Rosenwein.
Die Rosen werden zum Wein: das Bild verschmilzt Eucharistie (Wein = Blut Christi) mit der Symbolik der Rose (Liebe, Passion). »Rosenwein« ist der überirdische Trank, der zugleich süß und opferhaft ist. Das Attribut »besten« deutet auf die höchste Qualität: nicht irdischer Wein, sondern mystischer Trank, der die Seele berauscht im Heiligen. Damit schließt sich der Kreis zum Anfang: aus dem Mund Christi entspringt der Wein, den die Seele trinken darf – mystische Kommunion, süß und doch ernsthaft, erotisch-mystisch und zugleich eucharistisch.
22 Nun nimm die Welt nur gänzlich hin,
Hier spricht die Seele – oder das lyrische Ich – zu Christus. »Die Welt gänzlich hinnehmen« bedeutet nicht einfach, sie zu besitzen oder zu genießen, sondern sie als Ganzes, als Totalität, als etwas, das dem göttlichen Kind übergeben wird. Mystisch verstanden ist die Welt nicht mehr das Objekt des eigenen Begehrens, sondern sie wird Christus geopfert. Der Akt der Hingabe verwandelt alles Weltliche in geistliche Gabe.
23 Dich hält, statt ihr, mein Sinn.
Der Geist (»Sinn«) ist nicht mehr auf die Welt gerichtet, sondern auf Christus. Es findet eine Umkehrung statt: Die Welt tritt zurück, der Logos tritt in den Mittelpunkt. Hierin zeigt sich das mystische Prinzip der conversio – die innere Ausrichtung des Bewusstseins vom Äußeren ins Innere, vom Zeitlichen ins Ewige.
24 Du kannst mich ergötzen,
Christus wird als Quelle der höchsten Freude erkannt. »Ergötzen« bedeutet mehr als oberflächliche Lust, es meint eine tiefe, seelische Erquickung, die über jede sinnliche Befriedigung hinausgeht. Hier klingt der Unterschied zwischen carnalem delectationem (fleischlicher Lust) und spiritualem gaudium (geistlicher Freude) an.
25 Bist würdig zu schätzen,
Die Würdigkeit Christi übertrifft jeden Wert der Welt. Alles Weltliche verliert seinen Preis angesichts des unendlichen Wertes des Gottmenschen. Es ist eine Art paradoxes Umwerten: Während die Welt »geschätzt« werden könnte, ist nur Christus wahrhaft würdig, als unendlicher Schatz betrachtet zu werden.
26 Verzückst mein Gemüte,
Die Begegnung mit Christus bewirkt Ekstase (von griech. ek-stasis: das »Hinaustreten«). Das Gemüt, die innere Empfindung und Sammlung der Seele, wird aus dem eigenen Ich herausgerissen und in die göttliche Sphäre erhoben. Hier klingt eine mystische »Verzückung« im Sinne Teresas von Ávila oder Johannes vom Kreuz an – der Zustand der Seele, die sich im göttlichen Licht verliert.
27 Fängst Herz und Geblüte
Das Herz als Sitz der Liebe und das »Geblüte« als die Lebenskräfte, ja das ganze leib-seelische Dasein, werden von Christus »eingefangen«. Es ist eine Liebesmetaphorik: Christus zieht alles in seine Anziehungskraft, er ist der göttliche Magnet, der die gesamte Kreatur bindet. Gleichzeitig wird das Leibliche nicht abgewertet, sondern mit hineingenommen in die Hingabe.
28 Und alles was ich bin.
Der Schlussvers bringt die Totalität: Nicht nur Geist, nicht nur Herz, nicht nur Leib – sondern das ganze Sein, die Identität des lyrischen Ichs, wird Christus übergeben. Hier kulminiert die mystische Totalhingabe: eine unio mystica, in der das eigene Selbst nicht ausgelöscht, sondern in Christus vollendet wird.
29 O Jesu, nun soll dir allein
Hier geschieht die absolute Hinwendung: Das »O« ist ein Ausruf des Herzens, zugleich Gebet und Ekstase. »Dir allein« bedeutet radikale Exklusivität: kein zweiter Herr, kein anderer Geliebter, kein geteilter Bezugspunkt. Mystisch gesehen: die völlige Entäußerung von Geschöpflichem, die Monotheose der Liebe – alles wird auf Christus konzentriert.
30 Mein Herz ergeben sein.
Das Herz gilt bei Silesius als innerstes Zentrum des Menschen, Ort der Gottbegegnung. »Ergeben« heißt sowohl hingegeben als auch demütig ausgeliefert. Mystisch deutet es auf Gelassenheit im Sinne Meister Eckharts: das eigene Herz lässt sich in Gott fallen, ohne Widerstand, ohne Eigenwille.
31 Du magst es verbrennen,
Die Liebe Christi ist ein verzehrendes Feuer. Hier wird das Herz dem göttlichen Feuer dargeboten, das reinigt, läutert, verzehrt. »Verbrennen« verweist auf die mystische Liebesmystik (Johannes vom Kreuz »llama de amor viva«) – die Seele will nicht bloß berührt, sondern völlig verzehrt werden, damit nichts Eigenes bleibt.
32 Dein eigenes nennen,
Nach der Verzehrung gehört das Herz nicht mehr dem Menschen selbst, sondern Christus. »Dein eigenes« markiert den Besitzwechsel: das Ich verliert den Anspruch, Gott allein bleibt Eigentümer. Damit berührt Silesius die paulinische Formel »Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir« (Gal 2,20).
33 Huldseliger Knabe,
Christus wird hier zärtlich angeredet in seiner Kindheitsgestalt. Das Paradox: der »Knabe« ist der Allherrscher, aber er wird als »huldselig« – hold, anmutig, liebevoll – erfahren. Silesius verschränkt Größe und Kleinheit: im Kind offenbart sich die höchste Gottesherrlichkeit in Sanftheit.
34 Mit dem ich mich labe,
Die Beziehung wird zur Nahrung. »Laben« bedeutet Erquickung, Trost, Leben. Christus wird zur Speise der Seele – eucharistisch anklingend, aber auch mystisch als tägliche Nahrung der Liebe. Das Jesulein ist Quelle von Süße, Kraft und Freude, die den Beter erfüllt.
35 Du nimmst die Herzen ein.
Der Schluss fasst alles: Christus besitzt die Macht, Herzen zu »erobern«. Aber diese Eroberung geschieht nicht durch Gewalt, sondern durch süße Anmut. Mystisch heißt das: die Liebe Gottes überwältigt, sie zieht unwiderstehlich an. Das Herz des Beters ist nur ein Beispiel – Christus will alle Herzen einnehmen, universale Liebesherrschaft.

Gesamtanalyse

1. Gesamtcharakter des Gedichts
Das Gedicht entfaltet sich als ein hymnisches Loblied auf das neugeborene Jesuskind. Es ist keine nüchterne Beschreibung, sondern eine mystische Liebesrede, die im Modus der Verzückung und Innigkeit vorgetragen wird. Die Sprache oszilliert zwischen Bildlichkeit (Sonne, Sterne, Rosen, Wein) und einer geradezu kindlich-zärtlichen Ansprache (»Knäbelein«, »Äugelein«, »Mündlein«). Diese Verkleinerungsformen sind keine sentimentale Verniedlichung, sondern Ausdruck einer innig-mystischen Theologie, die das Göttliche gerade im Zarten und Kleinen erfassen möchte. Der göttliche Logos wird nicht als majestätischer Herrscher, sondern als zartes Kind erfahren – und gerade darin liegt seine »Holdseligkeit«, die das Herz des Beters überwältigt.
2. Organische Bewegungen innerhalb des Gedichts
Man kann fünf große Bewegungen unterscheiden, die ineinander übergehen und wie ein Kreislauf wirken:
1. Anrufung des Jesuleins als Herzenssieger
Das Gedicht beginnt mit dem direkten Ausruf »O allerliebstes Knäbelein«. Christus erscheint von Anfang an als derjenige, der »die Herzen einnimmt«. Dieses Motiv ist das Grundthema: Christus überwältigt nicht mit Macht, sondern mit Lieblichkeit.
2. Schau der Augen
Der Blick auf das Jesulein vertieft sich in die Betrachtung seiner Augen. Diese werden zu Sternen, die »tugendlich prahlen« und »wonniglich strahlen«. Hier zeigt sich eine kosmische Dimension: Das Kind wird zum Zentrum einer neuen Schöpfung, die Augen sind Sterne, die das Herz des Betrachters »berücken«. Der Kosmos wird gleichsam in die kindlichen Züge hineingelesen.
3. Das Mündlein als Paradiesgarten
Nun richtet sich die mystische Schau auf den Mund des Kindes. Dieser ist ein »Gärtelein« mit Rosen, aus dem »Rosenwein« hervorgeht. Hier tritt das eucharistische Motiv ein: aus dem Mund des Kindes, wenn es spricht oder haucht, geht geistliche Nahrung hervor. Rosen (Liebe, Schönheit) und Wein (Eucharistie, Freude) verschmelzen in einem mystischen Bild.
4. Absage an die Welt – Hingabe an Christus
Der Blick wendet sich von äußeren Bildern zur inneren Entscheidung: »Nun nimm die Welt nur gänzlich hin, / Dich hält, statt ihr, mein Sinn.« Der Sprecher erklärt, dass Christus das einzige Gut sei, das ihn erfüllen kann. Mystische Weltentsagung und völlige Konzentration auf das göttliche Du bestimmen diese Strophe.
5. Vollendung in der völligen Hingabe des Herzens
Das Gedicht endet mit der totalen Selbsthingabe: »O Jesu, nun soll dir allein / Mein Herz ergeben sein.« Der Beter erlaubt, dass Christus das Herz »verbrennen« darf – ein Bild für das Läuterungsfeuer der Liebe. Das Jesulein wird nicht nur verehrt, sondern im Innersten aufgenommen, gleichsam mystisch verinnerlicht.
3. Leitmotive und Symbolik
Herzensüberwältigung: In jeder Strophe klingt das Motiv an, dass Jesus das Herz gewinnt, fängt oder entzückt. Das ist das organische Zentrum.
Kosmische Bildwelt: Sonne, Sterne, Garten, Rosen, Wein – alles sind Bilder aus Natur und Schöpfung, die nun auf das Kind hin gelesen werden. Christus ist die neue Sonne, die Augen sind die Sterne, der Mund ist der Garten Eden, der Wein der Kelch der Liebe.
Eucharistische Tiefe: Das »Rosenwein«-Bild öffnet den Text ins Sakramentale. Christus ist das Brot und der Wein, die Nahrung des Herzens.
Mystische Liebe: Sprachlich verdichtet sich die Beziehung zu einem Liebesdialog. Der Sprecher redet nicht »über« das Jesulein, sondern direkt »zu« ihm. Damit bewegt sich der Text in der Tradition der Brautmystik.
4. Organische Einheit und Dynamik
Das Gedicht ist nicht additiv, sondern organisch aufgebaut. Es entfaltet sich wie ein geistlicher Aufstieg:
Vom Anblick (Kind allgemein)
über die einzelnen Züge (Augen, Mund)
hin zur inneren Entscheidung (Weltentsagung)
und schließlich zur totalen Hingabe (Herzverbrennung, Selbsthingabe).
Diese Bewegung hat eine fast liturgische Logik: Zuerst die Anrufung, dann die Betrachtung der Gestalt, danach das Erleben der Wirkung, schließlich das Gelöbnis und die totale Vereinigung.
5. Theologisch-philosophische Tiefendimensionen
1. Inkarnation in Niedrigkeit
Gott wird als Kind erfahrbar, und gerade im Kleinsten liegt die größte Offenbarung.
2. Mystik der Sinne
Augen, Mund, Rosen, Wein: die sinnliche Wahrnehmung wird durchlässig für das Göttliche, nicht abgestoßen.
3. Kosmische Christologie
Jesus als neue Sonne und Stern, der Kosmos wird in ihm verklärt.
4. Eucharistische Symbolik
aus dem Mund des Kindes (Wort, Logos) fließt geistlicher Wein; Verbindung von Inkarnation und Sakrament.
5. Mystische Liebesvereinigung
Christus gewinnt das Herz, entzückt und verzehrt es in Liebe. Die Seele spricht in der Sprache der Braut zum göttlichen Bräutigam.
6. Weltentsagung und Totalhingabe
christliche Mystik kulminiert in der Absage an alles Weltliche und der Ganzhingabe an Christus allein.
7. Verklärung des Eros
die Liebesbilder (Augenblick, Rosenmund, Wein) sind nicht profan, sondern verklärt zu Bildern des göttlichen Eros, der die Seele ergreift.
Strophische Zergliederung
Erste Strophe (V. 1–7)
»O allerliebstes Knäbelein, / Du nimmst die Herzen ein.«
Die Strophe eröffnet mit einer Liebesanrede an das »Jesulein«. Der Sprachgestus ist zutiefst zärtlich und personal.
Bildsprache: »allerliebstes Knäbelein« evoziert sowohl die Kindlichkeit Jesu als auch seine Anziehungskraft.
Die zentrale Aussage: Jesu Kindlichkeit erobert das Herz – nicht durch Macht oder Strenge, sondern durch Holdseligkeit und Zartheit.
»So klar als die Sonne« (V. 4) stellt das Kind in eine kosmische Dimension: das Licht der Sonne wird auf Jesus projiziert.
»Vor tausend erkoren« (V. 6) deutet auf die ewige Erwählung Christi (prädestinativer Charakter) hin: Christus ist schon vor aller Zeit der Auserwählte.
Refrainartig kehrt V. 7 wieder auf den Eröffnungsgedanken zurück: die »Herzgefangennahme« als Motiv.
Theologisch handelt es sich um eine Mischung aus Mystik und Brautmystik, wo die Seele ihr Herz Christus schenkt, und Christus zugleich das Herz überwältigt.
Zweite Strophe (V. 8–14)
»Wenn ich beschau dein Äugelein, / Nenn ich sie Sternelein…«
Hier wechselt die Metaphorik von Sonne (erste Strophe) zu Sternen. Die Augen Jesu sind »Sternelein«, die Reinheit und Orientierung schenken.
Diese Augen sind nicht bloß »lieblich«, sondern tragen eine moralisch-ethische Qualität: »Die tugendlich prahlen / Und wonniglich strahlen« (V. 10–11).
Der Blick Jesu hat transformative Kraft: »Die Herzen berücken, / Wen sie berührn, ist dein« (V. 13–14). Der Blick führt zur Aneignung, zur Besitzergreifung durch Christus.
Diese Strophe zeigt die mystische Macht des Anblicks: Christus wird nicht nur geliebt, er wirkt durch sein Schauen und bringt die Seele in seine Nähe.
Dritte Strophe (V. 15–21)
»Dein Mündlein ist ein Gärtelein…«
Nun rückt das »Mündlein« in den Fokus – ein klassisches hohesliedhaftes Motiv (vgl. »Dein Mund ist wie roter Wein« im Canticum canticorum).
Bild: »Gärtelein« – Symbol des Paradieses, der Fruchtbarkeit, des Ursprungs.
»Die Röslein darinne« (V. 17) entfalten die Lieblichkeit und Reinheit.
»Den besten Rosenwein« (V. 21) verweist auf die mystische Eucharistie-Deutung: aus dem Mund Jesu strömt die süße Nahrung des Heils.
In dieser Strophe wird die Kommunion-Metaphorik greifbar: das Mündlein Jesu schenkt den »Rosenwein« als geistliche Trankgabe. Damit verbindet sich innige Zärtlichkeit mit sakramentaler Tiefe.
Vierte Strophe (V. 22–28)
»Nun nimm die Welt nur gänzlich hin, / Dich hält, statt ihr, mein Sinn.«
Hier wird die Haltung des lyrischen Ichs explizit: Weltverzicht zugunsten Jesu.
Die Redeweise steigert sich: Jesus allein »ergötzt«, ist »würdig zu schätzen«, »verzückt das Gemüte« (V. 24–26).
Zentral ist der Gedanke der totalen Hingabe: Herz, Blut (»Geblüte«) und »alles, was ich bin« (V. 28) werden Christus übereignet.
Die Strophe bewegt sich von der äußeren Betrachtung (Jesulein) zu einer inneren Entscheidung: die Welt wird verworfen, Christus wird Besitz und Herrschaft zugesprochen.
Mystisch gesehen entspricht dies dem actus totalis dedicationis – der völligen Hingabe der Seele an Gott.
Fünfte Strophe (V. 29–35)
»O Jesu, nun soll dir allein / Mein Herz ergeben sein.«
Diese letzte Strophe wirkt wie eine mystische Hochzeitsszene. Das Herz wird Christus übereignet, ja Christus darf es »verbrennen« und »dein eigenes nennen« (V. 31–32).
Die Motive: Flamme, Besitz, Speise – Jesus ist der »huldselige Knabe, / Mit dem ich mich labe« (V. 33–34).
Wiederholung von V. 2 und 7 (»Du nimmst die Herzen ein«) als Schlussrefrain: das Ganze wird wie ein Lied mit Rückkehr zur Grundmelodie beschlossen.
Der Schlusston ist eine feierliche Selbstüberlassung in mystischer Liebe, eine totale Einung, die vom Kind Jesu ausgeht und die Seele ganz erfüllt.
Zusammenschau
1. Struktur: Das Gedicht entfaltet in fünf Strophen einen mystischen Weg:
1. Anrede und Grundbewunderung
2. Betrachtung der Augen
3. Betrachtung des Mundes
4. Entscheidung zum Weltverzicht
5. Vollkommene Hingabe.
2. Poetik:
Die Gedichtform erinnert an ein geistliches Lied: Wiederholungen, Refrain, Parallelismen und Bildreihen, die an das Hohelied angelehnt sind.
3. Theologische Dimension:
Inkarnation: Das Jesulein ist wirklich Kind, aber in ihm erscheint kosmische Sonne und Sternenglanz.
Mystische Einung: Herz, Blick, Mund, Wein – alles zielt auf die Vereinigung der Seele mit Christus.
Sakramentale Symbolik: Augen = Licht, Mund = Wein = Eucharistie, Herz = Brandopfergabe.
Mystische Brautsprache: der Dichter positioniert sich in einer innigen, fast erotisch aufgeladenen Sprache, die aber in geistlicher Liebe vergeistigt wird.
4. Gesamttendenz:
Silesius gestaltet in dichterischer Miniaturform den Prozess der Seelenvereinigung mit Christus, wobei Kindlichkeit und höchste Gottheit paradox ineinander fallen: das Jesulein ist »Knäbelein« und zugleich »vor tausend erkoren«.
Literarhistorische Ebene
1. Barocke Frömmigkeit und Kontrafaktur-Tradition
Das Gedicht »Sie preist die Holdseligkeit des Jesuleins« ist zunächst ein typisches Beispiel barocker geistlicher Lyrik. Es arbeitet mit der Technik, weltliche Liebes- und Naturmotive in den Dienst der religiösen Verehrung zu stellen. Die Kontrafaktur-Tradition (weltliche Liebesdichtung wird auf Christus umgedeutet) ist klar erkennbar: Aus dem »allerliebsten Knäbelein« spricht die Sprache des Minnelieds, die aber ganz ins Sakrale übertragen wird. Das barocke Christentum nutzte solche poetischen Übertragungen, um die Nähe zwischen Gläubigen und Gott in affektiver, sinnlicher Bildsprache erfahrbar zu machen.
2. Mystische Dimension und Angelus Silesius’ Spiritualität
Silesius ist stark von der mystischen Tradition geprägt (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Jakob Böhme). In diesem Gedicht wird das »Jesulein« zum Gegenstand inniger, mystisch-erotischer Vereinigung:
Das Herz wird von Christus eingenommen.
Das Äugelein und das Mündlein sind nicht nur Sinnesbilder, sondern Organe einer geistlichen Berührung, die den Menschen verwandelt.
Christus ist nicht abstrakt, sondern in der kindlichen Konkretion dargestellt – die Inkarnation (Menschwerdung) wird mystisch »verkostet«.
Die Mystik des Barock bewegt sich stark im Bereich von Bildhaftigkeit, Affekt und unmittelbarer Nähe zu Gott, und Silesius’ Gedicht ist hierfür ein paradigmatisches Beispiel.
3. Literarische Formen: Lied, Hymnus, Emblematik
Die Form des Gedichts entspricht der barocken Liedtradition.
Die Strophenform mit sieben Versen weist auf eine liedhafte Anlage hin.
Die Wiederholung bestimmter Refrainzeilen (»Du nimmst die Herzen ein«) bindet die Strophen zusammen und verstärkt den hymnischen Charakter.
Inhaltlich ist das Gedicht emblematisch gebaut: Bild (Kind, Auge, Mund, Rose, Sonne) – Signifikat (Christus, Gnade, Vereinigung) – Interpretation (mystische Hingabe, Herzensvereinnahmung).
Die Emblematik, typisch für den Barock, verbindet Naturbilder mit theologischer Bedeutung. Jedes Körperdetail Christi wird zum Emblem göttlicher Wahrheit.
4. Sprachliche und rhetorische Ebene
Das Gedicht nutzt typische barocke Stilmittel:
Diminutiva (»Knäbelein, Äugelein, Mündlein«) zur Steigerung von Zärtlichkeit.
Vergleiche (»klar als die Sonne«) und Metaphern (»Mündlein ist ein Gärtelein«, »Rosenwein«) schaffen eine synästhetische Dichte.
Anaphern und Wiederholungen (»Du nimmst die Herzen ein«) verstärken die Suggestivkraft.
Diese rhetorische Strategie dient der Affekterzeugung: Das Gedicht will den Leser/Hörer in den gleichen religiösen Gefühlszustand versetzen, den es beschreibt.
5. Theologisch-poetischer Kontext im Barock
Im 17. Jahrhundert, nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, erlebte die deutsche Literatur einen starken religiösen Zug. Dichter wie Gryphius, Fleming, Spee, und eben Silesius gaben dem Leiden und der Vergänglichkeit eine religiöse Deutung. Silesius geht jedoch über das vanitas-Motiv hinaus und fokussiert auf die mystische Einwohnung Christi im Herzen.
Das Gedicht reflektiert die Spannung zwischen Sinnlichkeit und Spiritualität:
Sinnlich, weil es Bilder von Augen, Rosen, Wein, Sonne nutzt.
Spirituell, weil all dies auf Christus bezogen und in eine transzendente Liebesvereinigung überführt wird.
6. Vergleich innerhalb der Literaturgeschichte
Mit der mittelalterlichen Minnelyrik teilt das Gedicht die Sprache der Zärtlichkeit, die hier von der weltlichen Dame auf den göttlichen Knaben übertragen wird.
Mit der barocken Liebeslyrik (z. B. Opitz) teilt es die rhetorische Strenge, mit der Affekte gestaltet werden.
Es weist zugleich voraus auf pietistische Liedkunst (Paul Gerhardt, Johann Franck), in der die personale Christusbeziehung in innigen Bildern beschrieben wird.
7. Literarhistorisches Fazit
Das Gedicht steht literarhistorisch an einer Schnittstelle:
Barocke Emblematik (symbolische Naturbilder),
Mystische Theologie (Vereinigung des Menschen mit Christus),
Liedhaftigkeit (refrainartige Struktur, Anknüpfung an Volkslied und Kirchenlied).
Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie barocke Frömmigkeitslyrik den affektiven Sprachreichtum der weltlichen Traditionen übernimmt, transformiert und in die Dimension des Göttlichen erhebt.
Möchten Sie, dass ich im nächsten Schritt auch eine strophenweise Tiefenanalyse mit Schwerpunkt auf theologischer Symbolik (z. B. Sonne, Sterne, Rosenwein) anfüge – ähnlich wie Sie es bei Goethe und Dante wünschen?
Theologische Symbolik
Strophe 1 (Verse 1–7)
»O allerliebstes Knäbelein … Du nimmst die Herzen ein.«
Christus als Kind: Der Anfangsvers ruft das neugeborene »Knäbelein« an – der Gottessohn in seiner Menschwerdung wird in äußerster Zärtlichkeit betrachtet. Die Verniedlichung hebt die Unschuld und Reinheit hervor, ohne die Majestät zu verlieren.
Christus als Sonne: Der Vergleich »so klar als die Sonne« (V. 4) stellt Jesus in die Mitte des kosmischen Lichtes. Er ist nicht nur das Kind in der Krippe, sondern die ewige Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20), ein zentrales christologisches Bild.
Vorgrundlegung erwählt: »Vor tausend erkoren« (V. 6) verweist auf die Prädestination Christi – nach Epheser 1,4 ist er »vor Grundlegung der Welt« erwählt. Das Kind ist nicht bloß geschichtlich, sondern ewig gedacht.
Herzgewinnen: Das wiederholte Motiv »Du nimmst die Herzen ein« (V. 2, 7) deutet auf die Anziehungskraft der göttlichen Liebe: Das Herz des Gläubigen wird durch die kindliche Gestalt Jesu unwiderstehlich ergriffen.
Theologische Symbolik: Inkarnation als Lichtgestalt; göttliche Erwählung; Christus als Sonne und Herzenssieger.
Strophe 2 (Verse 8–14)
»Wenn ich beschau dein Äugelein … Wen sie berührn, ist dein.«
Augen als Sterne: »Nenn ich sie Sternelein« (V. 9) erinnert an Christus als »Morgenstern« (Offb 22,16). Augen sind Spiegel der Seele – hier leuchtet die göttliche Wahrheit.
Tugend und Strahlen: Die Sterne prahlen nicht eitel, sondern »tugendlich« und »wonniglich« – sie sind Symbole der himmlischen Tugenden, die aus Christi Blick erstrahlen.
Herzensberührung: Die Augen »berücken« (V. 13) – nicht nur betrachten, sondern aktiv ergreifen. Im barocken Mystizismus bedeutet dies die mystische Fesselung der Seele durch den göttlichen Blick.
Christliche Liebestheologie: »Wen sie berührn, ist dein« (V. 14) deutet auf die vollkommene Besitzergreifung durch Christus hin: Wer einmal vom Blick des Gottmenschen erfasst ist, gehört ihm unwiderruflich.
Theologische Symbolik: Christus als Morgenstern; göttlicher Blick als Sakrament der Liebe; Auge–Herz-Symbolik der mystischen Brautmystik (vgl. Hohelied).
Strophe 3 (Verse 15–21)
»Dein Mündlein ist ein Gärtelein … Den besten Rosenwein.«
Mund als Paradiesgarten: »Mündlein« = »Gärtelein« – ein Miniatur-Eden. Der Mund Christi bringt Leben, Segen, Gotteswort. Diese Allegorie knüpft an das Hohelied an (»Ein verschlossener Garten bist du«, Hld 4,12).
Rosen im Mund: Die »Röslein« stehen für Lieblichkeit, Schönheit, Reinheit. Zugleich christologisch für das Blutopfer Christi: die Rose als Symbol der Passion.
Rosenwein: Aus dem Mund des Kindes fließt »Rosenwein«, ein paradoxes Bild. Es bedeutet Wein der mystischen Freude (Eucharistie: Wein als Blut Christi), gewonnen aus der Blüte göttlicher Rede. Das Kind spricht, und daraus strömt geistlicher Trank, der »den besten« übertrifft.
Bewegung der Lippen: Die Lebendigkeit Christi als göttliches Wort – er ist das Logos (Joh 1,1), das schöpferisch wirkt.
Theologische Symbolik: Mund Christi als Quelle der Eucharistie; paradiesische Symbolik; Vereinigung von Geburt (Kind) und Opfer (Rosenwein).
Strophe 4 (Verse 22–28)
»Nun nimm die Welt nur gänzlich hin … Und alles was ich bin.«
Verzicht auf die Welt: Der Sprecher gibt »die Welt gänzlich hin« (V. 22). Christus ersetzt die Welt – mystische Weltentsagung im Sinne der Nachfolge (Phil 3,8: »Ich erachte alles für Schaden …«).
Mystische Erfüllung: »Du kannst mich ergötzen« (V. 24) – allein Christus stillt alle Sehnsucht. Dies ist ein Grundzug mystischer Theologie: Gott genügt der Seele.
Herz und Geblüte: Christus fängt nicht nur das »Gemüte«, sondern auch »Herz und Geblüte« (V. 27): eine Totalhingabe, Leib und Seele werden ergriffen.
Ganzheitliche Einigung: Der Sprecher übergibt »alles was ich bin« (V. 28). Das ist die völlige Selbstverlorenheit im göttlichen Du, Kern der mystischen Vereinigung.
Theologische Symbolik: Weltentsagung, Christus als Allgenüge, mystische Ganzhingabe des Menschen an Gott.
Strophe 5 (Verse 29–35)
»O Jesu, nun soll dir allein … Du nimmst die Herzen ein.«
Herzweihe: »Mein Herz ergeben sein« (V. 30) – das Herz wird zum Altar, ganz Christus überlassen. Dies erinnert an die Herz-Jesu-Frömmigkeit, die später sehr zentral wird, hier aber schon mystisch vorgeprägt ist.
Göttliches Feuer: »Du magst es verbrennen« (V. 31) – das Herz soll im Feuer der göttlichen Liebe verzehrt werden. Feuer ist Symbol des Heiligen Geistes, der reinigt und verzehrt.
Christus als Eigentümer: »Dein eigenes nennen« (V. 32) – Christus beansprucht das Herz als sein Eigentum.
Knabe als Speise: »Mit dem ich mich labe« (V. 34) – die mystische Kommunion: Christus wird aufgenommen als Speise, Trost, Stärkung.
Refrain: »Du nimmst die Herzen ein« (V. 35) – der Kreis schließt sich. Die Herzenshingabe ist nicht nur menschliche Entscheidung, sondern göttliches Ergreifen.
Theologische Symbolik: Herzweihe an Christus; Liebesflamme; Herz-Jesu-Mystik; mystische Eucharistie; finale Vereinigung.
Zusammenfassung der theologischen Tiefendimensionen
Christus als Sonne und Morgenstern: kosmische Lichtsymbolik der Inkarnation.
Mystische Blicktheologie: Jesu Augen als Sterne, die Herzen unwiderruflich fesseln.
Eucharistische Symbolik: Mund als Paradiesgarten, Rosen = Passion, Wein = Blut Christi.
Mystische Weltentsagung: Christus ersetzt die Welt, Erfüllung nur in ihm.
Herzweihe und Feuer der Liebe: totale Hingabe des Menschen, Herz als Opfergabe.
Brautmystik des Hoheliedes: Garten, Blumen, Wein, Blick und Kuss als Symbole mystischer Vereinigung.
Integration von Geburt und Passion: Das Kind in der Krippe trägt bereits die Züge des geopferten Christus.

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