Abadie-Zeichen

Lexikon

Das Abadie-Zeichen ist ein historisches klinisches Zeichen der endokrinen Orbitopathie beziehungsweise Thyroid Eye Disease, insbesondere beim Morbus Basedow. Klassisch bezeichnet es einen Spasmus beziehungsweise eine gesteigerte Aktivität des Musculus levator palpebrae superioris, des Hebers des Oberlides, mit daraus resultierender Retraktion des Oberlides. Das Oberlid steht dabei höher als gewöhnlich; dadurch kann oberhalb der Hornhaut beziehungsweise des oberen Hornhautrandes ein Streifen der weißen Sklera sichtbar werden. In Verbindung mit weiteren okulären Veränderungen des Morbus Basedow trägt dies zum charakteristischen starren oder weit geöffnet erscheinenden Blick bei.

Das Zeichen ist nach dem französischen Augenarzt Jean Marie Charles Abadie (1842–1932), häufig kurz Charles Abadie genannt, benannt. Abadie beschäftigte sich intensiv mit Erkrankungen und Funktionsstörungen des Auges. Historische medizinische Nachschlagewerke schreiben ihm die Beobachtung beziehungsweise Beschreibung eines Spasmus des Oberlidhebers bei der damals als exophthalmischer Kropf bezeichneten Basedow-Krankheit zu. Im Englischen begegnet das Eponym als Abadie's sign oder präziser als Abadie's sign of exophthalmic goiter.

Die klassische Definition muss von der heute wesentlich differenzierteren Erklärung der Oberlidretraktion bei endokriner Orbitopathie unterschieden werden. Ältere Lehrbücher interpretierten das Phänomen vor allem als Spasmus beziehungsweise Überaktivität des Levator palpebrae superioris. Nach heutiger Kenntnis ist die Entstehung der Oberlidretraktion jedoch multifaktoriell. Eine gesteigerte sympathische Aktivität kann insbesondere in aktiven Krankheitsphasen zur Kontraktion des glatten Müller-Muskels beitragen. Zusätzlich können Entzündung, Vergrößerung und später Fibrose des Levator-Müller-Komplexes sowie narbige Veränderungen seiner Umgebung eine Retraktion verursachen oder dauerhaft erhalten.

Ein weiterer Mechanismus entsteht durch die Beteiligung der äußeren Augenmuskeln. Besonders häufig kann bei der endokrinen Orbitopathie der Musculus rectus inferior verdickt und in seiner Beweglichkeit eingeschränkt sein. Muss das Auge gegen diese Einschränkung nach oben bewegt oder seine vertikale Stellung stabilisiert werden, kann über gekoppelte Innervationsmechanismen eine stärkere Aktivierung des Levator palpebrae superioris entstehen. Auch mechanische Veränderungen der Orbita, Exophthalmus beziehungsweise Proptosis und narbige Verbindungen zwischen Lidstrukturen können zur erhöhten Oberlidstellung beitragen. Die ältere Formulierung „Spasmus des Levators“ beschreibt daher ein klinisch beobachtbares Phänomen, bildet aber nicht die gesamte heutige Pathophysiologie ab.

Das Abadie-Zeichen überschneidet sich klinisch stark mit dem Dalrymple-Zeichen. Dieses bezeichnet die Retraktion des Oberlides in Primärposition mit einer ungewöhnlich weit geöffneten Lidspalte und gegebenenfalls sichtbarer Sklera oberhalb der Hornhaut. Manche medizinischen Wörterbücher behandeln das Abadie-Zeichen deshalb praktisch als Dalrymple-Zeichen oder verweisen unmittelbar von einem auf das andere. Historisch lässt sich jedoch eine begriffliche Nuance festhalten: Beim Abadie-Zeichen steht traditionell der Spasmus beziehungsweise die gesteigerte Aktivität des Oberlidhebers im Vordergrund, beim Dalrymple-Zeichen der daraus oder aus anderen Mechanismen resultierende klinische Befund der Oberlidretraktion. Da moderne Pathophysiologie die Retraktion ohnehin nicht auf einen einzigen Muskelmechanismus reduziert, ist die Abgrenzung im heutigen klinischen Alltag weniger bedeutsam als in der Geschichte der medizinischen Eponyme.

Vom von-Graefe-Zeichen ist das Abadie-Zeichen dagegen deutlicher zu unterscheiden. Beim von-Graefe-Zeichen folgt das Oberlid beim Blick nach unten dem Augapfel verzögert; es entsteht ein sogenannter Lid Lag. Das Abadie-Zeichen betrifft demgegenüber die übermäßige Hebung beziehungsweise Retraktion des Oberlides. Ebenfalls abzugrenzen sind das Kocher-Zeichen, bei dem sich die Lidretraktion bei Fixation verstärken kann, das Stellwag-Zeichen mit vermindertem beziehungsweise unvollständigem Lidschlag sowie weitere historische Augenzeichen der Schilddrüsenerkrankungen.

Die Oberlidretraktion zählt zu den häufigsten okulären Erscheinungen der endokrinen Orbitopathie. Moderne Übersichten geben an, dass sie im Verlauf bei einem sehr großen Anteil der Betroffenen auftreten kann. Klinisch kann sie ein- oder beidseitig und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Sie trägt nicht nur zum charakteristischen äußeren Erscheinungsbild bei, sondern kann funktionelle Folgen haben: Durch die größere exponierte Augenoberfläche verdunstet mehr Tränenflüssigkeit, und bei zusätzlich eingeschränktem Lidschluss kann die Hornhaut unzureichend geschützt werden. Daraus können trockenes Auge, Fremdkörpergefühl, Brennen, Tränenfluss und in ausgeprägten Fällen eine Expositionskeratopathie entstehen.

Das Abadie-Zeichen ist dennoch kein für Morbus Basedow allein beweisendes diagnostisches Merkmal. Eine Oberlidretraktion kann unterschiedliche Ursachen besitzen, und auch bei einer endokrinen Orbitopathie wird die Diagnose heute nicht anhand eines einzelnen historischen Eponyms gestellt. Beurteilt werden das gesamte klinische Bild, Schilddrüsenfunktion und Autoantikörper sowie je nach Fragestellung augenärztliche Funktionsbefunde und bildgebende Untersuchungen der Orbita. Das Abadie-Zeichen besitzt deshalb gegenwärtig vor allem beschreibenden und medizinhistorischen Wert innerhalb einer größeren Gruppe klassischer Basedow-Zeichen.

Bei der Bezeichnung besteht zudem eine wichtige Gefahr der Verwechslung. In der medizinischen Literatur findet sich ein zweites, ebenfalls nach einem Arzt namens Abadie benanntes Zeichen: die fehlende beziehungsweise stark verminderte Schmerzempfindlichkeit bei kräftigem Druck auf die Achillessehne bei Tabes dorsalis. Dieses neurologische Phänomen wird genauer Abadie-Rocher-Zeichen, abadiesches Symptom oder englisch Abadie's sign of tabes dorsalis genannt. Es geht nicht auf den Augenarzt Charles Abadie zurück, sondern auf den französischen Neurologen Joseph Louis Irénée Jean Abadie (1873–1946). Beide Zeichen tragen somit denselben Familiennamen, betreffen aber verschiedene Mediziner, verschiedene Organsysteme und verschiedene Erkrankungen.

Beim neurologischen Abadie-Rocher-Zeichen ist die fehlende Schmerzreaktion auf die Kompression der Achillessehne Ausdruck einer schweren Sensibilitätsstörung bei Tabes dorsalis, einer späten Manifestation der Neurosyphilis. Historische und manche englischsprachige Nachschlagewerke nennen auch dieses Phänomen verkürzt Abadie's sign. Für eine eindeutige deutsche Terminologie ist deshalb sinnvoll, den Ausdruck Abadie-Zeichen primär für das ophthalmologische Basedow-Zeichen zu verwenden und beim neurologischen Befund die erweiterte Bezeichnung Abadie-Rocher-Zeichen zu wählen.

Die medizinische Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts hat außerdem gezeigt, warum zahlreiche ältere Eponyme zunehmend durch beschreibende Fachbegriffe ergänzt oder ersetzt werden. Die Formulierung Oberlidretraktion bei endokriner Orbitopathie benennt unmittelbar den beobachteten Befund und seinen klinischen Zusammenhang, während Abadie-Zeichen ohne Vorkenntnis weder die betroffene anatomische Struktur noch die zugrunde liegende Erkrankung erkennen lässt. Das Eponym bleibt dennoch für die Medizingeschichte und beim Lesen älterer Fachliteratur relevant.

Etymologie

Abadie-Zeichen ist ein medizinisches Eponym, also eine Fachbezeichnung, die aus einem Personennamen und einem Sachwort gebildet wurde. Das Erstglied Abadie bezieht sich in der ophthalmologischen Bedeutung auf Jean Marie Charles Abadie (1842–1932), einen französischen Augenarzt. Französische Archivquellen führen ihn auch als Charles Jean Marie Abadie beziehungsweise kurz Charles Abadie. Für die deutsche Eponymbildung ist die genaue Reihenfolge seiner Vornamen unerheblich; entscheidend ist der Familienname Abadie.

Das Zweitglied Zeichen besitzt in der Medizin die spezialisierte Bedeutung eines objektiv feststellbaren klinischen Befundes, der bei einer Untersuchung beobachtet oder ausgelöst werden kann. Ein medizinisches Zeichen ist damit grundsätzlich von einem ausschließlich subjektiv wahrgenommenen Symptom zu unterscheiden, auch wenn die historische medizinische Terminologie beide Begriffe nicht immer streng trennt. Das Kompositum Abadie-Zeichen bedeutet wörtlich somit „das nach Abadie benannte klinische Zeichen“.

Die deutsche Schreibung mit Bindestrich entspricht dem üblichen Muster medizinischer Eponyme aus Personennamen und Grundwort, vergleichbar mit Dalrymple-Zeichen, von-Graefe-Zeichen oder Kocher-Zeichen. Das grammatische Geschlecht richtet sich nach dem Grundwort Zeichen; daher heißt es das Abadie-Zeichen.

Die englische Form Abadie's sign entspricht strukturell derselben eponymischen Benennung. Zur Vermeidung der bereits beschriebenen Mehrdeutigkeit wird in englischer Fach- und Eponymliteratur teilweise ausdrücklich Abadie's sign of exophthalmic goiter gesagt. Das konkurrierende neurologische Eponym erscheint entsprechend als Abadie's sign of tabes dorsalis oder Abadie's symptom.

Der Familienname Abadie ist für die Bedeutung des medizinischen Fachworts selbst nicht semantisch relevant. Eine weitergehende familiennamenkundliche Herleitung würde daher keine Erklärung der medizinischen Bedeutung liefern und ist für die Etymologie des Kompositums sekundär. Entscheidend ist vielmehr die Eponymisierung: Aus dem Namen des beschreibenden Arztes wurde eine konventionelle Bezeichnung für einen klinischen Befund.

Synonyme

abadiesches Zeichen – adjektivische deutsche Variante der Eponymbezeichnung; heute seltener als die Zusammensetzung Abadie-Zeichen.

Abadie's sign – englische Entsprechung; ohne weiteren Zusatz mehrdeutig, da auch das neurologische Abadie-Zeichen so bezeichnet werden kann.

Abadie's sign of exophthalmic goiter – präzisere englische Bezeichnung für das ophthalmologische Abadie-Zeichen bei Morbus Basedow.

Dalrymple-Zeichen – in Teilen der deutschen medizinischen Lexikographie als gleichbedeutend oder unmittelbar zugeordnet behandelt. Streng genommen bezeichnet das Dalrymple-Zeichen den sichtbaren Befund der Oberlidretraktion, während beim klassischen Abadie-Zeichen der Spasmus beziehungsweise die Überaktivität des Oberlidhebers hervorgehoben wird.

Oberlidretraktion – moderne beschreibende Bezeichnung für den wesentlichen klinischen Befund; weiter gefasst als das Eponym, da eine Oberlidretraktion verschiedene Ursachen haben kann.

Lidretraktion – allgemeiner klinischer Begriff für ein pathologisch zurückgezogenes Ober- oder Unterlid; deshalb nur teilweise synonym.

Abadie-Rocher-Zeichen ist kein Synonym. Es bezeichnet die Druckschmerzunempfindlichkeit der Achillessehne bei Tabes dorsalis und ist nach einem anderen Arzt namens Abadie sowie Rocher benannt.

abadiesches Symptom wird in deutsch-englischen medizinischen Wörterbüchern häufig gerade für den neurologischen Achillessehnenbefund verwendet und sollte deshalb nicht ohne Zusatz als Synonym des ophthalmologischen Abadie-Zeichens gebraucht werden.

externe links

DocCheck Flexikon – Abadie-Zeichen – deutschsprachiger medizinischer Lexikonartikel mit der klassischen Definition als Spasmus des Musculus levator palpebrae mit Lidretraktion beim Morbus Basedow und der Zuordnung zu Jean Marie Charles Abadie.

NCBI Bookshelf – Thyroid Eye Disease – aktueller medizinischer Überblick zur endokrinen Orbitopathie; führt das Abadie-Zeichen ausdrücklich als Spasmus des Musculus levator palpebrae superioris mit Oberlidretraktion auf und ordnet es unter die klassischen Lidzeichen ein.

NCBI Bookshelf – Eyelid, Facial, and Extraocular Muscle Signs – kompakte Übersicht der klassischen Augenzeichen bei Thyroid Eye Disease einschließlich Dalrymple-, von-Graefe-, Kocher- und Abadie-Zeichen.

Indian Journal of Ophthalmology – Management of Graves’ upper eyelid retraction – aktueller Übersichtsartikel zur Pathophysiologie der Oberlidretraktion mit Diskussion von Müller-Muskel, Sympathikus, Entzündung, Fibrose und Levator-Mechanismen.

PubMed – Management of Graves' upper eyelid retraction – bibliographischer Nachweis der aktuellen ophthalmologischen Übersichtsarbeit zu Diagnostik und Behandlung der Basedow-bedingten Oberlidretraktion.

American Thyroid Association / European Thyroid Association – Consensus Statement on Thyroid Eye Disease – internationale Konsensusempfehlung zu Diagnose, klinischer Beurteilung und Behandlung der endokrinen Orbitopathie einschließlich Oberlidretraktion.

Frontiers in Endocrinology – Surgical management of Graves’ orbitopathy – Fachübersicht zur Lidretraktion bei Graves-Orbitopathie und zum Dalrymple-Zeichen sowie zu den anatomischen Grundlagen von Levator- und Müller-Muskel-Veränderungen.

EyeWiki – Thyroid Eye Disease – ophthalmologischer Überblick der American Academy of Ophthalmology zur endokrinen Orbitopathie mit Beschreibung der wichtigsten Lid-, Muskel- und Orbita-Befunde.

DocCheck Flexikon – Dalrymple-Zeichen – erläutert die klinisch eng verwandte Oberlidretraktion mit sichtbarer Sklera oberhalb des Limbus und erleichtert die Abgrenzung vom Abadie-Zeichen.

FranceArchives – Abadie, Charles Jean Marie (1842–1932) – französischer Archivdatensatz zum namensgebenden Ophthalmologen mit Lebensdaten, Beruf und Verweis auf seine archivalischen Unterlagen.

Taber’s Medical Dictionary – Abadie sign – moderner medizinischer Wörterbucheintrag zum zweiten gleichnamigen Eponym, der Druckunempfindlichkeit der Achillessehne bei Tabes dorsalis.

Comité des travaux historiques et scientifiques – Jean Joseph Louis Irénée Abadie – biographischer Datensatz zum französischen Neurologen Joseph Abadie (1873–1946), nach dem das neurologische Abadie-Zeichen beziehungsweise Abadie-Rocher-Zeichen benannt ist.

PubMed – Levator palpebrae superioris muscle in Graves disease – bildgebende Untersuchung zur Vergrößerung des Musculus levator palpebrae superioris als möglichem Mechanismus der Oberlidretraktion.

International Journal of Molecular Sciences – Comprehensive Review of Thyroid Eye Disease Pathogenesis – ausführliche moderne Übersicht zur Pathogenese der endokrinen Orbitopathie und zur multifaktoriellen Entstehung der Oberlidretraktion.

Ophthalmic manifestations of endocrine disorders – wissenschaftlicher Überblick zu endokrinen Augenerkrankungen mit Einordnung von Oberlidretraktion, Dalrymple-Zeichen und von-Graefe-Zeichen.