abacot
lateinisch-deutsch
Grundbedeutung
abacot ist kein reguläres klassisches, mittelalterliches oder neulateinisches Wort, sondern eine durch Überlieferungs- und Druckfehler entstandene Form des mittelenglischen bycoket beziehungsweise bicocket. Das reale Ausgangswort bezeichnete einen mittelalterlichen Kopfschmuck, eine hut-, kapuzen- oder helmähnliche Kopfbedeckung mit ausgeprägter Spitze beziehungsweise charakteristischer Silhouette, die im höfischen und militärischen Umfeld begegnete.
In frühneuzeitlichen Wörterbüchern wurde abacot irrtümlich als eigenständiges Wort behandelt und mit Bedeutungen wie „königliche Staatskappe“, „Kappe der englischen Könige“ oder sogar „Doppelkrone“ versehen. Diese Bedeutungsverengung entstand aus einem Missverständnis eines Chroniktextes: Ein bestimmter Kopfschmuck König Heinrichs VI. war mit zwei Kronen geschmückt; spätere Lexikographen machten daraus einen vermeintlichen Kopfbedeckungstyp, der selbst die Form zweier Kronen gehabt habe.
Für ein lateinisch-deutsches Lexikon sollte die Grundangabe deshalb ausdrücklich lauten: abacot – kein genuines lateinisches Wort; lexikographisch tradiertes Geisterwort aus englisch bycoket, „mittelalterlicher Kopfschmuck, spitze Kappe“.
Wortart
In der tatsächlichen Sprachgeschichte ist abacot als englisches Substantiv zu analysieren. Spätere englische Wörterbücher behandeln die Form entsprechend als Substantiv beziehungsweise als historische oder obsolete Variante von bycoket.
Dass abacot bei Henry Spelman, Charles du Fresne Du Cange, Johann Jacob Hofmann und anderen frühneuzeitlichen Gelehrten zwischen lateinischen Lemmata erscheint, macht das Wort nicht zu einem regulären lateinischen Substantiv. Solche Werke nahmen auch fremdsprachige, regionale, mittelalterliche und historisch erklärungsbedürftige Ausdrücke auf. Abacot wird dort durch einen lateinischen Erklärungssatz definiert, nicht durch ein lateinisches Flexionsparadigma ausgewiesen.
Aussprache
Für abacot existiert keine historisch begründbare klassische lateinische Aussprache, weil die Form nicht zum antiken lateinischen Wortschatz gehört. Eine Aussprache nach den Regeln des klassischen Lateins wäre eine nachträgliche künstliche Latinisierung und sollte deshalb nicht als historische Lautung angegeben werden.
Auch für die frühneuzeitliche englische Fehlerform lässt sich keine ursprüngliche einheitliche Aussprache mit Sicherheit rekonstruieren. Die Form entstand zunächst schriftlich durch Fehllesung und Weiterkopieren, nicht durch eine regelmäßige lautgeschichtliche Entwicklung. Spätere englische Sprecher konnten das inzwischen lexikalisierte Schriftbild nach zeitgenössischen englischen Lesegewohnheiten aussprechen; solche sekundären Aussprachen sind von der Entstehung des Wortes zu trennen.
Grammatik
Eine reguläre lateinische Deklination von abacot ist nicht belegt. Insbesondere sollte kein künstliches Paradigma wie *abacot, abacotis oder eine andere nachträglich konstruierte Flexion angesetzt werden. In den frühneuzeitlichen lateinischen Glossaren steht die Form als zitathaft behandeltes beziehungsweise fremdes Stichwort.
Spelman erläutert das Lemma mit der lateinischen Umschreibung pileus augustalis Regum Anglorum duabus coronis insignitus, sinngemäß „königliche Kappe der englischen Könige, mit zwei Kronen ausgezeichnet beziehungsweise geschmückt“. Grammatisch gehört pileus zur lateinischen Erklärung; abacot selbst wird dadurch nicht zu einem lateinischen maskulinen Substantiv.
Im späteren Englischen kann entsprechend der normalen englischen Nominalflexion der Plural abacots gebildet werden. Diese Form gehört zur sekundären englischen Lexikalisierung des ursprünglich fehlerhaften Schriftbilds.
Orthographie
Die Form abacot ist selbst das Endprodukt einer Reihe orthographischer Entstellungen. In der Überlieferung begegnen unter anderem bycoket, bycocket, bicocket, abococket, abocoket, abococke, abacoc und schließlich abacot. Nicht jede angenommene Zwischenstufe ist in gleicher Weise textlich gesichert; die Entwicklung vom realen bycoket zum lexikographischen abacot ist jedoch eindeutig dokumentiert.
Besonders wichtig ist die falsch interpretierte Wortgrenze. Eine Verbindung wie a bicocket beziehungsweise a bycoket konnte so gelesen oder gesetzt werden, als gehöre das vorausgehende a bereits zum Substantiv. Dadurch entstand eine Form mit anlautendem a-. Solche Vorgänge werden als Reanalyse, Metanalyse oder Junkturverschiebung beschrieben.
Gebrauch
abacot ist historisch vor allem ein Wörterbuch- und Gelehrtenwort. Nachdem die fehlerhafte Form einmal in Chroniken und Glossaren etabliert war, wurde sie über Jahrhunderte von Lexikographen weitergegeben. Dadurch entwickelte sie ein bemerkenswertes Eigenleben: Ein ursprünglich fehlerhaftes Schriftbild erhielt eine Definition, wurde in weitere Wörterbücher übernommen, teilweise sogar illustriert und schließlich auch von Autoren verwendet, die das vermeintliche Wort gerade aus solchen Nachschlagewerken kannten.
Die Einordnung als Geisterwort ist deshalb entstehungsgeschichtlich zutreffend, synchron aber etwas differenzierter zu betrachten. Sobald eine ursprünglich irrtümliche Form tatsächlich von Sprechern und Autoren verwendet wird, besitzt sie sekundär realen Sprachgebrauch. Die neuere OED-Tradition berücksichtigt diesen Umstand stärker als James A. H. Murrays ursprüngliche kategorische Verwerfung der Form.
Bedeutungsbereich
Der historische Bedeutungsbereich gehört zur Kleidung, genauer zum Kopfschmuck, zur höfischen Repräsentation und zur spätmittelalterlichen Mode. Sachlich ist der wirkliche Gegenstand jedoch unter bycoket beziehungsweise französisch bicoquet zu behandeln.
Die sekundäre Wörterbuchbedeutung „königliche Staatskappe in Form einer Doppelkrone“ gehört dagegen in den Bereich der lexikographischen Irrtümer. Sie bezeichnet keinen zuverlässig nachgewiesenen eigenständigen Typ mittelalterlicher Krone oder königlicher Insignie.
Lexikon
abacot gehört zu den bekanntesten Beispielen dafür, wie ein Überlieferungsfehler durch wiederholtes Abschreiben zu einem scheinbar vollwertigen Wörterbuchwort werden kann. Der Ausdruck wurde über Jahrhunderte als Name eines angeblich besonderen englischen königlichen Kopfschmucks geführt. Erst die philologische Rückverfolgung der Chroniktexte zeigte überzeugend, dass kein ursprünglich selbständiger Begriff abacot zugrunde lag, sondern die reale Bezeichnung bycoket.
Der sachhistorische Ausgangspunkt liegt in Berichten über König Heinrich VI. von England während der Rosenkriege. Nach einer Niederlage seiner Partei entkam der König zu Pferd, während Angehörige seines Gefolges gefangen wurden. Einer von ihnen trug den Kopfschmuck des Königs. Der Chronikbericht beschreibt diesen als hohe Staatskappe beziehungsweise bycoket, die mit zwei reichen Kronen geschmückt war und anschließend König Eduard IV. übergeben wurde.
Die beiden Kronen waren damit Schmuck des konkreten Kopfschmucks. Sie definierten nicht die allgemeine Form des bycoket. Genau diese syntaktische und sachliche Beziehung wurde in der späteren Lexikographie verwischt. Aus „eine Kappe, mit zwei Kronen geschmückt“ entwickelte sich die Vorstellung „eine Kappe in Gestalt zweier Kronen“ beziehungsweise eine „Doppelkrone“. Auf diese Weise entstand neben dem falschen Wort auch eine teilweise falsche Sachdefinition.
Die Überlieferungskette wurde besonders durch James A. H. Murray, den ersten Hauptredakteur des späteren Oxford English Dictionary, rekonstruiert. Nach der klassischen Darstellung stand zunächst bicocket beziehungsweise bycoket. In Hall wurde daraus die fehlerhafte Form abococket; Grafton übernahm eine entsprechende Form; Holinshed bot abococke; in der von Abraham Fleming redigierten Ausgabe der Chronicles von 1587 erschien schließlich abacot. Die ursprüngliche Wortgestalt war damit fast vollständig verdeckt.
Entscheidende lexikographische Autorität erhielt die Form durch Henry Spelman. Sein antiquarisches Glossar führte ABACOT mit einer lateinischen Definition an: pileus augustalis Regum Anglorum duabus coronis insignitus. Spelman verstand das Wort also als Bezeichnung einer königlichen Kappe englischer Herrscher, die mit zwei Kronen ausgezeichnet war.
Von Spelman gelangte das Lemma auch in lateinisch abgefasste Großlexika. Du Cange übernahm ABACOT mit nahezu derselben Erklärung und verwies ausdrücklich auf Spelman. Johann Jacob Hofmann verzeichnete die Form ebenfalls in seinem lateinischen Universallexikon. Gerade daraus konnte später leicht der falsche Eindruck entstehen, abacot selbst müsse ein mittel- oder neulateinisches Wort sein. Tatsächlich wurde lediglich ein englisches historisches Stichwort innerhalb lateinisch geschriebener Nachschlagewerke erklärt.
Dasselbe lässt sich in deutschsprachigen lateinischen Wörterbüchern beobachten. Das frühneuzeitliche Theatrum Latino-Germanico-Graecum führt Abacot zwischen lateinischen Lemmata und übernimmt sinngemäß die Spelman-Tradition. Ein solcher Wörterbuchplatz beweist jedoch keine Zugehörigkeit zum genuinen lateinischen Wortschatz. Frühneuzeitliche Universal- und Speziallexika waren bei mittelalterlichen Realien, Namen und Fremdwörtern erheblich inklusiver als moderne historisch-philologische Wörterbücher.
Im 18. Jahrhundert wurde aus der übernommenen Definition eine immer konkretere Vorstellung. Englische Wörterbücher wie jene von Nathan Bailey beschrieben den abacot als königliche Staatskappe, die „wie eine Doppelkrone“ gestaltet gewesen sei. Auch die erste Ausgabe der Encyclopaedia Britannica von 1771 übernahm eine entsprechende Darstellung. Damit hatte sich die ursprüngliche Aussage „mit zwei Kronen geschmückt“ endgültig in eine vermeintliche Formbeschreibung verwandelt.
Im 19. Jahrhundert wurde der angebliche Gegenstand teilweise sogar bildlich dargestellt. Kostümgeschichtliche und lexikographische Werke behandelten abacot, abococke, abococket und bycocket zunächst als Varianten eines historischen Kopfschmucks. James Robinson Planché erkannte bereits, dass die Beschreibung als aus zwei Kronen bestehende Kappe sachlich falsch war und dass die Kronen lediglich als Verzierung zu verstehen seien; die vollständige sprachhistorische Fehlerkette wurde anschließend von Murray besonders klar herausgearbeitet.
Murray veröffentlichte 1882 im Athenaeum seine Untersuchung und erklärte den vermeintlichen abacot zu einem Wort, das als ursprüngliches Lexem nie bestanden habe. Im frühen Oxford English Dictionary wurde es dementsprechend als unechtes Wort beziehungsweise Geisterwort behandelt, das aus einem Druck- oder Überlieferungsfehler von bycoket hervorgegangen sei.
Henry Benjamin Wheatley nahm abacot 1893 in seinem Werk Literary Blunders als Musterbeispiel eines philologischen Irrtums auf. Er zeigte daran, wie schwer ein Wort wieder aus der Lexikographie zu entfernen ist, sobald es über Generationen in Wörterbüchern tradiert worden ist. Abacot wurde dadurch zu einem Standardbeispiel in der Geschichte der Lexikographie, vergleichbar mit späteren berühmten Geisterwörtern wie dord.
Die heutige Bewertung ist etwas differenzierter als Murrays ursprüngliche kategorische Formulierung. Ein Wort kann aufgrund eines Fehlers entstehen und anschließend durch tatsächlichen Gebrauch sekundär lexicalisiert werden. Für abacot sind nach seiner Aufnahme in Wörterbücher reale literarische Verwendungen dokumentiert. Deshalb kann die Form synchron als obsolete beziehungsweise historische Variante von bycoket registriert werden, obwohl ihre Entstehung eindeutig auf einer Fehlerkette beruht.
Es sind daher zwei Ebenen auseinanderzuhalten: etymologisch ist abacot eine Entstellung; gebrauchsgeschichtlich wurde diese Entstellung später tatsächlich als Wort verwendet. Der Ausdruck Geisterwort beschreibt vor allem seine Entstehung und seine irrtümliche Wörterbuchtradition, nicht die Behauptung, dass niemals irgendein Sprecher die Form geschrieben oder ausgesprochen hätte.
Für ein lateinisches Lexikon kommt eine dritte Ebene hinzu: Die Aufnahme in Du Cange oder Hofmann ist kein Beweis für lateinische Herkunft. Beide Werke gehören zur lateinischsprachigen Gelehrtentradition, ihr Lemmainventar enthält aber Wörter, Namen und Realien unterschiedlicher sprachlicher Herkunft. Abacot steht dort als zu erklärender Ausdruck aus der englischen Geschichtsüberlieferung.
Der reale bycoket war ein historischer Kopfschmuck. Das französische bicoquet ist im 15. Jahrhundert als Bezeichnung einer militärischen beziehungsweise später allgemeineren Kopfbedeckung nachweisbar. Das französische Trésor de la langue française beschreibt einen mittelalterlichen Helm mit ausgeprägter Spitze und, in erweiterter Bedeutung, einen Hut aus Filz oder Tuch. Die genauere fernere Etymologie des französischen Wortes gilt dort als ungeklärt.
Ältere Ableitungen, die bicoquet sicher aus französisch bi- „zwei“ und coque oder aus bicoque herleiten, sollten deshalb nur als historische etymologische Vorschläge gekennzeichnet werden. Sie waren unter anderem deshalb attraktiv, weil der Kopfschmuck zwei auffällige Spitzen besitzen konnte. Die moderne französische Lexikographie bleibt bei der Herkunft zurückhaltender.
Auch eine angebliche Verbindung von abacot mit lateinisch abacus „Tafel, Platte, Rechenbrett“ ist nicht die tatsächliche Wortgeschichte. Einzelne ältere Etymologen vermuteten zwar einen sekundären Einfluss der graphischen Ähnlichkeit mit abacus; selbst wenn eine solche Assoziation bei späteren Umformungen mitgewirkt haben sollte, stammt abacot nicht etymologisch aus abacus.
Ebenso ist der architektonische Abakus, die Deckplatte eines Kapitells, sachlich ohne Zusammenhang mit dem mittelalterlichen bycoket. Ältere Wörterbücher versuchten gelegentlich, über eine angebliche Formähnlichkeit eine Verbindung herzustellen. Die dokumentierte Überlieferungskette von bycoket zu abacot macht eine solche Erklärung unnötig.
Der eigentliche lexikographische Wert des Lemmas liegt deshalb weniger in einer eigenständigen historischen Realie als in seiner exemplarischen Bedeutung für Textkritik und Wörterbuchgeschichte. Abacot zeigt, wie die Autorität gedruckter Nachschlagewerke eine falsche Form stabilisieren kann: Eine fehlerhafte Chroniklesung wird von einem Antiquar übernommen, von einem lateinischen Glossar bestätigt, von weiteren Wörterbüchern wiederholt, mit einer neuen Sachdefinition ausgestattet und schließlich von späteren Autoren als scheinbar historisches Wort verwendet.
Etymologie
abacot ist keine ererbte oder regelhaft entlehnte Wortbildung. Seine unmittelbare Herkunft besteht in einer Kette graphischer und lexikographischer Entstellungen des mittelenglischen bycoket/bicocket. Die Entwicklung lässt sich vereinfacht darstellen als:
bycoket / bicocket → abococket → abococke → abacot.
Der erste entscheidende Schritt hängt mit einer falschen Segmentierung zusammen. Das englische unbestimmte Artikelwort a konnte mit dem folgenden seltenen Substantiv verbunden werden. Aus einer Sequenz wie a bicocket wurde dadurch graphisch eine Einheit mit anlautendem a-. Vergleichbare Vorgänge werden in der Sprachwissenschaft als Metanalyse beziehungsweise Reanalyse beschrieben.
Weitere Veränderungen entstanden durch Abschrift, Druck, Normalisierung ungewohnter Buchstabenfolgen und die Neigung späterer Herausgeber, eine ihnen unverständliche Form vermeintlich zu verbessern. Das Ergebnis abacot ist deshalb etymologisch nicht sinnvoll in Morpheme aba- und -cot zu zerlegen.
Das wirkliche Ausgangswort bycoket entspricht französisch bicoquet. Französische Belege erscheinen im 15. Jahrhundert unter anderem als biquoquet und bicquoquet. Das Wort bezeichnet einen mittelalterlichen Kopfschmuck beziehungsweise Helm. Seine weitere Herkunft ist nach dem Trésor de la langue française nicht sicher geklärt.
Ältere etymologische Literatur verband französisch bicoquet mit bicoque, italienisch bicocca oder mit Vorstellungen einer zweigipfligen beziehungsweise kronenartigen Form. James Murray diskutierte ebenfalls romanische Vergleichsformen. Diese Erklärungen gehören zur Forschungsgeschichte, sollten jedoch gegenüber der modernen Kennzeichnung „Herkunft ungeklärt“ nicht als gesicherte Ableitung behandelt werden.
Eine direkte Herkunft von lateinisch abacus ist nicht anzusetzen. Dass einzelne ältere Autoren eine Verbindung vermuteten, erklärt sich aus der zufälligen Gestalt des bereits entstellten Wortes abacot. Die dokumentierte schriftliche Überlieferung führt stattdessen zum realen bycoket.
Wortgeschichte
Die Wortgeschichte beginnt nicht mit abacot, sondern mit dem spätmittelalterlichen bycoket. Das Wort bezeichnete einen realen Kopfschmuck und ist vor der Entstehung der fehlerhaften Form belegt. In Chroniken über die Rosenkriege erscheint ein solcher Kopfschmuck im Zusammenhang mit Heinrich VI.
Im 16. Jahrhundert wurde die seltene Form zunehmend entstellt. Frühneuzeitliche Drucktechnik, uneinheitliche Orthographie und geringe Vertrautheit der Setzer und Herausgeber mit dem Wort begünstigten Varianten. Hall, Grafton und Holinshed überliefern unterschiedliche korrumpierte Formen. Abraham Flemings Bearbeitung der Holinshed-Chronik von 1587 brachte schließlich die Form abacot in Umlauf.
Im 17. Jahrhundert wurde der Fehler lexikographisch institutionalisiert. Spelman nahm das Lemma in sein antiquarisches Glossar auf und versah es mit einer lateinischen Sachdefinition. Du Cange und Hofmann wiederholten die Form in ihren lateinischsprachigen Nachschlagewerken. Damit erhielt sie den Anschein hohen philologischen Alters und wissenschaftlicher Autorität.
Im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten englische und fremdsprachige Wörterbücher abacot weiter. Gleichzeitig wandelte sich die Erklärung von „mit zwei Kronen geschmückt“ zur angeblichen Bauform einer „Doppelkrone“. Lexikographische Wiederholung erzeugte damit nicht nur ein neues Wortbild, sondern teilweise sogar einen neuen vermeintlichen Gegenstand.
Die kritische Korrektur setzte im 19. Jahrhundert ein. Bereits 1851 wurde in Notes and Queries die Überlieferung von Holinshed über Grafton zurück zu Bycoket problematisiert. Murray rekonstruierte anschließend die Fehlerkette systematisch und machte den Fall 1882 zu einem Musterbeispiel historisch-kritischer Lexikographie.
Seitdem dient abacot regelmäßig als klassisches Beispiel für ein Geisterwort. Zugleich zeigt seine spätere tatsächliche Verwendung, dass auch ein durch Irrtum entstandenes Wort nachträglich lexicalisiert werden kann.
Historische Einordnung
Der reale sachhistorische Hintergrund liegt im England des 15. Jahrhunderts und in der höfischen Kleidung während der Rosenkriege. Der Kopfschmuck Heinrichs VI., auf den sich die spätere Wörterbuchtradition bezieht, war kein eigenständiger Gegenstand namens abacot, sondern ein besonders reich verzierter bycoket.
Die Form abacot selbst gehört dagegen zur frühneuzeitlichen Druck- und Lexikographiegeschichte. Ihre entscheidende Überlieferungsphase beginnt im 16. Jahrhundert und setzt sich durch Wörterbücher des 17. bis 19. Jahrhunderts fort.
Für die Geschichte der lateinischen Sprache ist abacot deshalb nur indirekt relevant: als Beispiel dafür, dass lateinisch verfasste Gelehrtenlexika auch nichtlateinische historische Ausdrücke aufnehmen und lateinisch erklären konnten.
Antonyme
abacot besitzt kein lexikalisches Antonym. Gegenstandsbezeichnungen für Kopfbedeckungen bilden normalerweise keine festen Gegensatzpaare.
Ausdrücke wie unbedecktes Haupt oder „barhäuptig“ können situativ einen sachlichen Gegensatz zum Tragen einer Kopfbedeckung ausdrücken, sind aber keine lexikalischen Antonyme des Wortes.
Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke
bycoket – historisch korrekte englische Ausgangsform; mittelalterlicher Kopfschmuck beziehungsweise spitze Kappe.
bycocket – orthographische Variante von bycoket.
bicocket – historische Schreibvariante derselben Bezeichnung.
bicoquet – französische Entsprechung beziehungsweise romanische Vergleichsform; mittelalterlicher Helm oder Kopfschmuck.
abococket – frühe korrumpierte Zwischenform auf dem Weg zu abacot.
abococke – weitere frühneuzeitliche entstellte Form in der Chroniküberlieferung.
Staatskappe – deutsche sachliche Wiedergabe für die besonders repräsentative Verwendung eines solchen Kopfschmucks.
Kopfschmuck – neutraler deutscher Oberbegriff.
Doppelkrone ist kein präzises Synonym. Diese Bedeutung entstand erst aus einer Fehlinterpretation der beiden Kronen, mit denen Heinrichs VI. konkreter Kopfschmuck verziert war.
Abgrenzung
abacot ist zunächst von abacus zu unterscheiden. Lateinisch abacus ist ein echtes antikes Lehnwort aus dem Griechischen und bezeichnet unter anderem eine Tafel, ein Rechenbrett, einen Tisch oder die obere Platte eines Kapitells. Zwischen beiden Formen besteht keine gesicherte etymologische Abstammung.
Ebenso ist abacot vom architektonischen Abakus zu trennen. Die ältere Behauptung, der königliche Kopfschmuck habe wegen einer Formähnlichkeit mit einem architektonischen Abakus so geheißen, beruht bereits auf der falschen Voraussetzung, abacot sei ein originäres Wort.
Vom realen bycoket unterscheidet sich abacot nicht durch einen anderen ursprünglichen Gegenstand, sondern durch seine fehlerhafte Schriftgeschichte. Wo ältere Texte und Wörterbücher abacot als Sachwort verwenden, ist historisch grundsätzlich der bycoket zugrunde zu legen.
Auch eine Krone im eigentlichen Sinn ist nicht mit dem bycoket identisch. Heinrichs Kopfschmuck war mit zwei Kronen verziert; diese Verzierungen machten ihn nicht zu einer aus zwei Kronen konstruierten Doppelkrone.
Kontext
Das Wort begegnet vor allem in vier Zusammenhängen: in frühneuzeitlichen englischen Chroniken, in antiquarischen lateinischen Glossaren, in historischen Wörterbüchern und in moderner Literatur über lexikographische Fehler.
Sachhistorisch gehören Heinrich VI., Eduard IV., die Rosenkriege, höfischer Kopfschmuck und spätmittelalterliche Kleidung zum Kontext. Sprachwissenschaftlich stehen Fehlsegmentierung, Abschreibfehler, Druckfehler, Wörterbuchtradition und Geisterwörter im Mittelpunkt.
Kollokationen und Kookkurrenzen
Historische englische Wörterbücher verbinden abacot regelmäßig mit Ausdrücken wie cap of state, royal cap, two crowns, kings of England und double crown. Gerade diese wiederkehrenden Verbindungen zeigen, wie stark die Bedeutung von tradierten Wörterbuchdefinitionen geprägt wurde.
In lateinischen Glossaren kookkurriert das Lemma insbesondere mit pileus „Kappe, Hut“, reges Anglorum „Könige der Engländer“ und coronae „Kronen“. Diese lateinischen Wörter gehören zur Erklärung und sind keine morphologischen Bestandteile von abacot.
In moderner sprachwissenschaftlicher Literatur steht abacot besonders häufig neben ghost word/Geisterwort, Druckfehler, Fehllesung, Lexikographie und bycoket.
Oberbegriff
→ historisch referentiell: Kopfbedeckung
→ bycoket.
Unterbegriffe
Für abacot existieren keine echten lexikalisierten Unterbegriffe, weil das Wort keinen eigenständigen historischen Gegenstandstyp mit produktiver Untergliederung bezeichnet.
Sachlich könnten verschiedene Formen von bycoket nach Material, Trägergruppe oder Verwendung unterschieden werden. Solche Kategorien wären jedoch Untertypen des realen mittelalterlichen Kopfschmucks und nicht des lexikographischen Fehlerworts abacot.
Wortfamilie
bycoket – historisch korrektes Ausgangswort.
bycocket – graphische Variante.
bicocket – weitere historische Variante.
abococket – korrumpierte Überlieferungsform.
abococke – korrumpierte Chronikform.
abacoc – in der Rekonstruktion beziehungsweise späteren Überlieferung begegnende Zwischen- oder Nebenform.
bicoquet – französisches historisches Wort für einen entsprechenden Kopfschmuck.
abacote – in anderen europäischen Wörterbuchtraditionen übernommene beziehungsweise weiterentwickelte Form.
Wortbildung
Im eigentlichen morphologischen Sinn wurde abacot nicht regulär gebildet. Es ist weder ein lateinisches Kompositum noch eine Ableitung mit einem produktiven Präfix ab-. Die scheinbare Struktur ist vollständig sekundär.
Die Entstehung beruht wesentlich auf Metanalyse: Die Wortgrenze zwischen englisch a und dem folgenden seltenen Substantiv wurde falsch interpretiert. Anschließend veränderten Abschreiber und Drucker die ungewohnte Buchstabenfolge weiter.
Solche Vorgänge sind mit anderen historischen Reanalysen vergleichbar, bei denen ein Artikel zum Substantiv gezogen oder umgekehrt vom Substantiv abgetrennt wird. Der besondere Fall von abacot besteht darin, dass die Autorität von Chroniken und Wörterbüchern die fehlerhafte Form ungewöhnlich lange stabilisierte.
Polysemie
Eine echte ursprüngliche Polysemie besitzt abacot nicht. Seine Bedeutungsvariation entstand sekundär durch unterschiedliche lexikographische Interpretationen.
Zu unterscheiden sind vor allem drei Ebenen: erstens die reale Referenz auf einen bycoket; zweitens die irrtümliche Wörterbuchbedeutung „königliche Staatskappe/Doppelkrone“; drittens die moderne metasprachliche Verwendung von abacot als Paradebeispiel eines Geisterworts.
Wo spätere Autoren die Form bewusst verwenden, kann die erste beziehungsweise zweite Bedeutung tatsächlich lexicalisiert sein. Diese sekundäre Verwendung ändert nichts an ihrer fehlerhaften Entstehung.
Homonyme und Homographe
Ein genuines lateinisches Homonym abacot ist nicht nachgewiesen. Besonders wichtig ist die bloße graphische Ähnlichkeit zu abacus, abacium und anderen abac--Bildungen. Diese gehören zur griechisch-lateinischen Wortfamilie von ἄβαξ „Tafel, Brett“ und sind etymologisch anders zu beurteilen.
In verschiedenen neueren Sprachen können Formen abacot oder ähnliche Schreibungen durch Übernahme aus historischen Wörterbüchern erscheinen. Solche Fälle sind eher Entlehnungen beziehungsweise Weitergaben desselben Geisterworts als unabhängige Homonyme.
Redewendungen und Sprichwörter
Für abacot sind keine historischen Redewendungen oder Sprichwörter belegt. Das Wort war zu selten und zu stark an Wörterbuch- beziehungsweise antiquarischen Gebrauch gebunden, um eine eigenständige Phraseologie auszubilden.
In sprachwissenschaftlicher Prosa wird es gelegentlich exemplarisch in Formulierungen über „ghost words“ oder Wörterbuchfehler verwendet; solche metasprachlichen Verwendungen sind keine traditionellen Redewendungen.
Metaphern
Eine etablierte historische metaphorische Verwendung ist nicht nachgewiesen. Sekundär kann abacot selbst metaphorisch für einen vermeintlich gelehrten, durch bloße Wiederholung tradierten Irrtum stehen. Eine solche Verwendung beruht auf der berühmten Wortgeschichte und nicht auf dem ursprünglichen Kopfschmuck.
Metonymie
In der Entwicklung der traditionellen Bedeutung liegt eine metonymieähnliche Verschiebung zwischen Gegenstand und Schmuck vor. Die beiden Kronen, die den konkreten bycoket Heinrichs VI. schmückten, wurden in späterer Lexikographie zu einem definierenden Merkmal des vermeintlichen Gegenstandstyps.
Genau genommen handelt es sich jedoch weniger um eine reguläre sprachliche Metonymie als um eine fehlerhafte Interpretation des historischen Satzes. Die Kategorie beschreibt daher eher das Ergebnis der Bedeutungsverschiebung als die eigentliche Wortentstehung.
Register und Sprachstufe
abacot ist archaisch, antiquarisch und metasprachlich. Es gehört weder zum normalen modernen Englisch noch zum regulären historischen Latein.
In der Geschichte der Lexikographie besitzt die Form hohe Bekanntheit als Geisterwort. In kostüm- oder mittelaltergeschichtlichen Darstellungen sollte dagegen vorzugsweise der historisch korrekte Ausdruck bycoket beziehungsweise das entsprechende französische bicoquet verwendet werden.
Für eine moderne lateinische Übersetzung ist abacot nicht als selbstverständliches lateinisches Fachwort zu empfehlen. Je nach gemeintem Gegenstand sind allgemeine lateinische Bezeichnungen wie pileus „Kappe, Hut“ oder eine erklärende Umschreibung sachgerechter.
Regionale Varianten
Die ursprüngliche Wortgeschichte gehört zum Englischen, genauer zur englischen Chronik- und Drucküberlieferung. Das zugrunde liegende bycoket steht mit französisch bicoquet in Verbindung.
Die fehlerhafte Form abacot wanderte anschließend durch Wörterbücher in andere europäische Sprachen. Solche Formen sind keine ursprünglichen regionalen Dialektvarianten, sondern Folgen internationaler lexikographischer Übernahme.
Für lateinische Regionalvarianten gibt es keine Grundlage, da abacot kein historisch gewachsenes lateinisches Lexem ist.
Wortbildung als Erstglied
abacot- ist weder im Lateinischen noch im historischen Englischen ein produktives Erstglied. Bildungen mit abacot- wären moderne Gelegenheitsbildungen und keine historisch etablierten Komposita.
Wortbildung als Letztglied
-abacot ist kein produktives Letztglied und kein Suffix. Die Endsequenz -cot besitzt innerhalb dieses Wortes keine selbständige morphologische Funktion, weil die Gesamtform aus einer Überlieferungskorruption hervorgegangen ist.
Übersetzungen
Deutsch: historisch korrekt Bycoket, mittelalterlicher Kopfschmuck, spitze Kappe beziehungsweise höfische Kopfbedeckung; bei Wiedergabe der älteren Wörterbuchtradition „königliche Staatskappe“, jedoch nur mit Hinweis auf den lexikographischen Irrtum.
Englisch: bycoket, bycocket; abacot als obsolete beziehungsweise korrumpierte Variante.
Französisch: bicoquet, historischer Kopfschmuck beziehungsweise mittelalterlicher Helm; die genauere weitere Etymologie ist unsicher.
Lateinisch: kein etabliertes Äquivalent abacot als genuines lateinisches Wort. Spelman erklärt den Gegenstand mit pileus augustalis; allgemein kann pileus „Kappe, Hut“ je nach Kontext verwendet werden.
Für eine wissenschaftliche lateinisch-deutsche Lemmaangabe empfiehlt sich daher: abacot – nichtlateinisches, in lateinischen Glossaren tradiertes Geisterwort; eigentlich englisch bycoket „mittelalterlicher Kopfschmuck“.
externe links
Cambridge Dictionary – ghost word – moderne Wörterbuchdefinition des Begriffs „Geisterwort“; nennt abacot ausdrücklich als Beispiel eines durch wiederholte Fehllesungen entstandenen Wortes.
Allen Walker Read – The Sources of Ghost Words in English – sprachwissenschaftliche Untersuchung zur Entstehung englischer Geisterwörter; behandelt ausführlich Murrays Rekonstruktion von abacot aus bycoket.
Archaeologia – On certain Inaccuracies in the ordinary Accounts of the early years of the Reign of King Edward IV – historische Untersuchung der Chronikstelle; erläutert die korrumpierte Form abacot und Spelmans daraus entstandene Wörterbuchdefinition.
Du Cange – Glossarium mediae et infimae Latinitatis: ABACOT – lateinisch abgefasstes historisches Glossar, das Spelmans fehlerhaftes Lemma übernimmt und mit pileus augustalis Regum Anglorum duabus coronis insignitus erklärt.
Johann Jacob Hofmann – Lexicon Universale: ABACOT – frühneuzeitliches lateinisches Universallexikon mit Übernahme der traditionellen Erklärung aus der antiquarischen Glossartradition.
Herzog August Bibliothek – Theatrum Latino-Germanico-Graecum – historisches lateinisch-deutsch-griechisches Wörterbuch, das Abacot als Lemma aufführt und die lateinische Spelman-Tradition übernimmt.
Notes and Queries, 1851 – Abacot – frühe kritische Diskussion der Überlieferung; verfolgt die Form von Holinshed und Grafton zurück zu Bycoket beziehungsweise Bicoket.
Folger Shakespeare Library – Battle of Hexham – Transkription des Holinshed-Berichts mit der Form Abococke und der Beschreibung des mit zwei reichen Kronen geschmückten Kopfschmucks Heinrichs VI.
World Wide Words – Abacot – ausführliche moderne Darstellung der Fehlerkette von bycoket zu abacot, der Wörterbuchtradition und der späteren Neubewertung durch das Oxford English Dictionary.
Henry B. Wheatley – Literary Blunders – historisches Werk von 1893 über literarische und lexikographische Fehler; behandelt abacot als klassisches Beispiel eines Geisterworts.
Project Gutenberg – Literary Blunders, Volltext – vollständiger Text von Wheatleys Darstellung mit der Diskussion von abacot, by-cocket und Murrays Wörterbuchkritik.
CNRTL / Trésor de la langue française – bicoquet – maßgebliche französische lexikographische Darstellung des realen historischen Wortes bicoquet als mittelalterlicher Helm beziehungsweise Kopfschmuck; kennzeichnet dessen weitere Herkunft als ungeklärt.
Dictionnaire du Moyen Français – bicoquet – wissenschaftlicher Wörterbuchzugang zum französischen Ausgangswort.
Lexique de l’ancien français – bicoquet – historischer französischer Lexikoneintrag mit Bedeutungen wie militärischer Kopfschmuck, Chaperon und weiblicher Kopfschmuck.
Cassell’s Illustrated History of England – Henry VI and the bycocket – historische Darstellung des verlorenen Kopfschmucks Heinrichs VI. mit der korrekten Form bicocket und den angebrachten beziehungsweise aufgestickten Kronen.
James Robinson Planché – A Cyclopaedia of Costume – kostümgeschichtliches Werk mit ausführlicher Diskussion von Abacot, Abococke, Abococket, Bycocket und der fehlerhaften Deutung als Doppelkrone.
Wiktionary – abacot – moderner lexikographischer Überblick zur Fehlerkette und zur späteren Behandlung als obsolete Variante von bycoket.
Wordnik – abacot – dokumentiert unter anderem die Definition des Century Dictionary, das abacot als fehlerhafte Buchform von bycocket behandelt.