Abachum

Lexikon

Abachum ist ein seltener männlicher Vorname, der im Deutschen vor allem aus der christlichen Hagiographie und aus historischen Heiligenverzeichnissen bekannt ist. Der wichtigste Namensträger der europäischen Überlieferung ist der als Märtyrer verehrte Abachum, der gemeinsam mit Marius beziehungsweise Maris, Martha und Audifax genannt wird. Nach der späteren Märtyrerlegende waren Marius und Martha seine Eltern und Audifax sein Bruder; die Familie sei aus Persien nach Rom gekommen, habe dort verfolgte Christen unterstützt und sei schließlich selbst getötet worden. Diese erzählerischen Einzelheiten gehören jedoch einer spätantiken beziehungsweise frühmittelalterlich weiterentwickelten Märtyrerlegende an und können nicht sämtlich als historisch gesicherte Biographie des Namensträgers behandelt werden. Gesichert ist vor allem, dass die Namen der vier Märtyrer früh in der kirchlichen Erinnerung verbunden wurden und ihr Kult in der lateinischen Kirche eine lange Tradition besitzt.

Für die Geschichte des Vornamens ist besonders die große Zahl überlieferter Namensformen aufschlussreich. Das Vollständige Heiligen-Lexikon des 19. Jahrhunderts nennt neben Abachum Formen wie Abbacuc, Abacuc, Abachuch, Ambacuc, Ambacum, Ambacu, Abacen und sogar Nabachum. Mittelalterliche liturgische Quellen belegen ebenfalls Varianten wie Abacuch, Habacuc, Habacuth und Abacua. Die Schwankungen zeigen, dass der Name über Jahrhunderte in unterschiedlichen Sprach- und Schrifttraditionen weitergegeben wurde und dabei keine einheitliche lateinische Form besaß. Abachum ist daher weniger als unabhängig entstandener deutscher Rufname zu verstehen als vielmehr als eine bestimmte lateinisch-kirchliche Überlieferungsform innerhalb eines umfangreichen Variantenfeldes.

Die christliche Namenstradition ist eng mit dem biblischen Namen Habakuk verbunden. Besonders deutlich wird dies dadurch, dass liturgische Quellen für denselben Märtyrer ausdrücklich Formen wie Habacuc verwenden. Auch die übrigen Varianten Abacuc, Ambacuc und Ambacum stehen lautlich den antiken Wiedergaben des Prophetennamens nahe. Im hebräischen Bibeltext lautet dieser חֲבַקּוּק, in wissenschaftlicher Umschrift etwa Ḥăḇaqqūq; die griechische Septuaginta gibt den Namen als Ambakoum wieder, die lateinische Vulgata als Habacuc beziehungsweise Abacuc. Die Form Abachum lässt sich deshalb überzeugend in diese griechisch-lateinische Transkriptions- und Überlieferungsgeschichte einordnen.

Diese Zuordnung ist lexikographisch wichtiger als die gelegentlich angeführte Bedeutung „der Stumme“. Einzelne Heiligen- und Vornamenverzeichnisse bringen Abachum mit einem griechischen Ausdruck für „stumm, sprachlos“ in Verbindung. Das Ökumenische Heiligenlexikon nennt entsprechend „der Stumme“ als mögliche Namensbedeutung. Eine sichere historische Ableitung des überlieferten Heiligennamens aus diesem griechischen Wort ist jedoch nicht nachgewiesen. Gegen eine isolierte griechische Erklärung spricht vor allem die breite handschriftliche Variantenreihe mit Abacuc und Habacuc, die unmittelbar an den biblischen Namen Habakuk anschließt. Die Deutung „der Stumme“ sollte deshalb höchstens als ältere beziehungsweise alternative Namenserklärung aufgeführt, nicht aber als gesicherte Etymologie präsentiert werden.

Die hagiographische Überlieferung selbst ist quellenkritisch zu behandeln. Ältere Darstellungen datieren das Martyrium von Marius, Martha, Audifax und Abachum gewöhnlich um 268 bis 270 und setzen es in die Regierungszeit Claudius’ II.. Neuere kirchengeschichtliche Darstellungen weisen dagegen darauf hin, dass die zugrunde liegende Passio erst in der Spätantike fassbar ist und historische sowie erbauliche Elemente miteinander verbindet. Eine aktuelle Darstellung des Vatikanstaats hält eine Datierung in die Zeit der diokletianischen Christenverfolgungen zu Beginn des 4. Jahrhunderts für wahrscheinlicher als die ältere Einordnung unter Claudius II. Für die Geschichte des Vornamens ist diese Datierungsfrage allerdings zweitrangig: Entscheidend ist, dass der Heiligenkult den Namen über viele Jahrhunderte in der christlichen Liturgie und Namenüberlieferung erhalten hat.

Der kirchliche Gedenktag der Märtyrergruppe liegt am 19. Januar. Ältere Quellen nennen daneben den 20. Januar als ursprünglichen Todestag beziehungsweise Begräbnistag und erklären die Vorverlegung mit dem Fest des heiligen Sebastian. Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen liturgischen Material schwankt die genaue Kalenderzuordnung teilweise. Das digitale liturgiegeschichtliche Quellenprojekt Usuarium dokumentiert Abachum beziehungsweise seine Varianten in zahlreichen Messbüchern und anderen liturgischen Quellen und zeigt damit, dass der Name nicht lediglich aus späteren Heiligenlexika bekannt ist, sondern in einer breiten kirchlichen Handschriften- und Drucktradition verankert war.

Im Deutschen besitzt Abachum heute keine nennenswerte allgemeine Verbreitung als moderner Rufname. Seine lexikographische Bedeutung beruht vielmehr auf der historischen Namenüberlieferung. Das erklärt auch, warum moderne deutschsprachige Wörterbuchquellen den Namen zwar als männlichen Vornamen erfassen, aber kaum zeitgenössische Namensträger oder einen lebendigen Gebrauch dokumentieren. Im Gegensatz zu weithin gebräuchlichen biblischen Namen wie Johannes, Daniel oder Samuel blieb die Form Abachum an eine verhältnismäßig schmale hagiographische Tradition gebunden.

Von der Form Habakuk ist Abachum deshalb nicht völlig zu trennen, aber auch nicht schlicht als heutige deutsche Variante gleichzusetzen. Habakuk ist die im Deutschen übliche Form des biblischen Prophetennamens. Abachum begegnet dagegen vornehmlich als Namenform des christlichen Märtyrers und in lateinisch geprägter Heiligenüberlieferung. Beide Formen gehören mit großer Wahrscheinlichkeit derselben historischen Namensfamilie an, haben jedoch im Deutschen unterschiedliche Gebrauchstraditionen entwickelt.

Auch die Form Abacus beziehungsweise Abachus ist im Zusammenhang des Märtyrers belegt. Sie darf nicht mit dem Sachwort Abakus für ein Rechenbrett verwechselt werden. Die lautliche und graphische Ähnlichkeit ist historisch zufällig beziehungsweise durch die lateinische Schreibtradition bedingt. Beim Personennamen handelt es sich um eine Variante innerhalb der Abachum-Abacuc-Überlieferung, beim mathematischen Begriff dagegen um ein anderes Wort mit eigener griechisch-lateinischer Wortgeschichte.

Etymologie

Die Etymologie von Abachum lässt sich nur über die Geschichte seiner überlieferten Varianten beurteilen. Die Formen Abacuc, Abbacuc, Habacuc, Ambacuc, Ambacum und Abachum weisen stark auf eine Verbindung mit dem biblischen Namen Habakuk. Der hebräische Name lautet חֲבַקּוּק (Ḥăḇaqqūq). In der Septuaginta erscheint er als griechisch Ambakoum, in der lateinischen Bibeltradition als Habacuc beziehungsweise Abacuc. Die Endung von Abachum ist deshalb wahrscheinlich im Rahmen dieser griechisch-lateinischen Transkriptionsgeschichte zu verstehen und nicht als eigenständiges deutsches Wortbildungselement.

Die weitere Bedeutung des Namens Habakuk ist selbst nicht sicher geklärt. Traditionell wird er häufig mit der hebräischen Wurzel ḥbq „umarmen, umfassen“ verbunden. Daraus entstanden Deutungen wie „der Umarmende“, „Umarmer“ oder abstrakt „Umarmung“. Diese Erklärung ist sprachlich möglich und wurde bereits in älteren Bibelkommentaren vertreten, gilt in der neueren Forschung aber nicht als zweifelsfrei erwiesen.

Eine zweite, in der wissenschaftlichen Bibel- und Namenforschung seit langem diskutierte Erklärung verbindet den Namen mit akkadisch ḫambaququ beziehungsweise einer ähnlichen Form, die eine nicht sicher identifizierte Garten- oder Gewürzpflanze bezeichnet haben soll. Der ungewöhnliche Aufbau des hebräischen Namens und besonders die griechische Form Ambakoum wurden als Argumente für diese Erklärung herangezogen. Welche der beiden Ableitungen zutrifft, ist nicht abschließend entschieden. Eine Definition von Abachum als eindeutig „der Umarmer“ oder als eindeutiger Pflanzenname wäre daher etymologisch zu bestimmt.

Daneben findet sich die Ableitung aus griechisch abakos beziehungsweise einer verwandten Form mit der Bedeutung „sprachlos, stumm“. Diese Erklärung ist insbesondere durch Heiligen- und Vornamenliteratur verbreitet worden und führt zur Namensdeutung „der Stumme“. Die Überlieferung des Märtyrernamens selbst liefert dafür jedoch keinen ebenso starken Beleg wie für die Verbindung mit Abacuc/Habacuc. Da mittelalterliche liturgische Quellen denselben Märtyrer ausdrücklich auch Habacuc nennen, ist die Einordnung in die Habakuk-Namensfamilie aus überlieferungsgeschichtlicher Sicht überzeugender.

Die etymologisch vorsichtigste Zusammenfassung lautet daher: Abachum ist eine christlich-lateinische beziehungsweise hagiographische Namenform aus dem Variantenkreis von Abacuc/Habacuc/Habakuk; die letztliche Bedeutung des zugrunde liegenden Namens ist unsicher. Die traditionellen Erklärungen „Umarmender“ und „der Stumme“ können als historische Namensdeutungen dokumentiert werden, sollten aber nicht als gleichermaßen gesicherte Tatsachen erscheinen.

Synonyme

Personennamen besitzen im strengen Sinn keine Synonyme. Bei Abachum existiert jedoch eine ungewöhnlich große Zahl historischer Namensvarianten.

Abacuc – eine der wichtigsten lateinischen beziehungsweise hagiographischen Varianten; zugleich lateinische Form des biblischen Namens Habakuk.

Habacuc – lateinische und romanische Form des Namens Habakuk; in mittelalterlichen liturgischen Quellen auch für den Märtyrer Abachum belegt.

Habakuk – heutige deutsche Form des biblischen Prophetennamens und wahrscheinlich die bekannteste moderne Entsprechung innerhalb derselben Namensfamilie.

Abbacuc – historische Schreibvariante, unter anderem in älteren Heiligenverzeichnissen belegt.

Abachuch – seltene historische Variante des Märtyrernamens.

Ambacuc und Ambacum – historische Formen, die besonders deutlich an griechisch Ambakoum erinnern.

Ambachum – erweiterte hagiographische Schreibvariante.

Abacus beziehungsweise Abachus – lateinisierte beziehungsweise modernisierte Varianten des Heiligennamens; nicht mit dem Sachwort Abakus zu verwechseln.

Abacen und Nabachum – seltene, vor allem aus der älteren hagiographischen Überlieferung bekannte Nebenformen.

externe links

Ökumenisches Heiligenlexikon – Abachum – deutschsprachiger Artikel zum Märtyrer und Namensträger mit zahlreichen historischen Namensvarianten und Angaben zur kirchlichen Verehrung.

Vollständiges Heiligen-Lexikon – Marius, Martha, Audifax und Abachum – digitalisierte historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert mit einer umfangreichen Liste der überlieferten Formen des Namens Abachum.

Usuarium – Abachum – wissenschaftliche Datenbank zur lateinischen Liturgiegeschichte mit Belegen des Namens und seiner Varianten in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Messbüchern.

Vatikanstadt – Saints Marius, Martha, Audifax, and Abachus – aktuelle kirchengeschichtliche Darstellung, die die späte Passio, die unsichere Datierung des Martyriums und die Entwicklung des Kultes ausdrücklich berücksichtigt.

Nominis – Saints Marius, Marthe, Audifax et Abachum – französischsprachige kirchliche Darstellung mit der Form Abacum aus dem römischen Martyrologium und dem Gedenktag 19. Januar.

Catholic Encyclopedia – Sts. Maris, Martha, Audifax, and Abachum – klassischer enzyklopädischer Artikel von Léon Clugnet zur älteren hagiographischen Tradition und zu den historischen Quellen des Märtyrerkultes.

Wikisource – Catholic Encyclopedia: Maris, Martha, Audifax and Abachum – frei zugängliche historische Fassung des Artikels mit Quellenhinweisen auf Acta Sanctorum, Baronius und weitere ältere hagiographische Literatur.

Jewish Encyclopedia – Habakkuk – historischer wissenschaftlicher Artikel zur unsicheren Etymologie des zugrunde liegenden biblischen Namens und zur möglichen Verbindung mit einem akkadischen Pflanzennamen.

Encyclopedia of the Bible – Habakkuk – Überblick zu den unterschiedlichen etymologischen Deutungen des biblischen Namens zwischen hebräisch „umarmen“ und einem assyrisch-akkadischen Pflanzennamen.

Wikipedia – Habakuk – deutschsprachiger Überblick zum Prophetennamen mit hebräischer, griechischer und lateinischer Namensform sowie Diskussion der unsicheren Etymologie.

Wikipedia – Heilige Drei Ärzte – Überblick zur deutschsprachigen Verehrung von Marius, Audifax und Abachum sowie zu den Varianten des Namens.

Wiktionary-Archiv – Abachum – lexikographische Erfassung von Abachum als männlichem deutschen Vornamen mit Flexionsangaben, Namensvariante Habakuk und konkurrierenden Herkunftsdeutungen.