Abaca

Lexikon

Abaca, heute im Deutschen meist Abaka geschrieben, bezeichnet sowohl die tropische Faserpflanze Musa textilis als auch die aus ihr gewonnene außerordentlich feste Naturfaser. Das Wort ist im Deutschen maskulin: der Abaca; bei der Stoff- und Faserbezeichnung wird es gewöhnlich ohne Plural gebraucht. Historische deutsche Nachschlagewerke verwenden vor allem die Schreibweise Abaca, zum Teil auch Abacá, während die gegenwärtige Dudenorthographie Abaka bevorzugt. Besonders verbreitet ist die Bezeichnung Manilahanf. Dieser Name ist botanisch irreführend: Abaca ist kein Hanf der Art Cannabis sativa, sondern eine zur Familie der Bananengewächse gehörende Pflanze. Ebenso handelt es sich nicht um eine Bastfaser im botanisch-technischen Sinn, sondern um eine aus den Blattscheiden gewonnene Blattfaser.

Die botanisch anerkannte Art heißt Musa textilis Née. Sie gehört zur Gattung Musa und zur Familie Musaceae. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt auf den Philippinen. Die Pflanze ist eine mehrjährige krautige Staude und keine verholzte Baumart, obwohl ihre Größe und Gestalt an einen Bananenbaum erinnern. Wie andere Bananengewächse bildet sie keinen echten verholzten Stamm, sondern einen Scheinstamm, der aus dicht übereinanderliegenden Blattscheiden besteht. Je nach Sorte und Standort kann die Pflanze mehrere Meter hoch werden. Gerade diese Blattscheiden enthalten die langen Faserbündel, wegen derer Musa textilis angebaut wird. Die Früchte spielen für die wirtschaftliche Nutzung keine mit den Essbananen vergleichbare Rolle; Abaca ist in erster Linie eine Faserpflanze.

Die Faser wird aus den langgestreckten Blattscheiden gewonnen, die den Scheinstamm bilden. Bei der Ernte werden die betreffenden Pflanzenteile abgeschnitten und in schmale Streifen zerlegt. Anschließend muss das weichere pflanzliche Gewebe entfernt werden, sodass die tragenden Faserbündel freigelegt werden. Traditionell geschieht dies durch manuelles Abstreifen beziehungsweise Ausschaben; daneben werden Spindelverfahren und mechanische Dekortikation eingesetzt. Bei der Dekortikation wird das weichere Gewebe mechanisch von den Faserbündeln getrennt. Danach werden die Fasern gereinigt und getrocknet. Die philippinische Faserbehörde unterscheidet zahlreiche Qualitätsklassen nach Farbe, Reinheit, Feinheit und Art der Aufbereitung.

Abacafasern sind besonders lang, leicht, zugfest und widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit. Ihre bemerkenswerte Beständigkeit gegenüber Meerwasser machte sie über lange Zeit zu einem wichtigen Material für Tauwerk, Schiffsseile, Leinen, Netze und andere maritime Anwendungen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war diese Eigenschaft einer der Hauptgründe für die große internationale wirtschaftliche Bedeutung des sogenannten Manilahanfs. Meyers Konversationslexikon bezeichnet die Faser 1888 als besonders zäh, dauerhaft und leicht und hebt ihre Eignung für Schiffstauwerk hervor. Auch Brockhaus beschreibt sie als sehr feste Faser mit Verwendung für Flechtwerk und andere textile Erzeugnisse.

Die historische Bezeichnung Manilahanf ist in zweifacher Hinsicht ungenau. Zum einen gehört Abaca botanisch nicht zum Hanf; zum anderen wird die Pflanze nicht speziell in der Stadt Manila erzeugt. Der Name entstand aus der Bedeutung Manilas als internationalem Handels- und Exportzentrum der Philippinen. Vergleichbare Handelsnamen benennen ein Produkt nach seinem Umschlagplatz statt nach seinem eigentlichen Produktionsgebiet. In der modernen Fachliteratur wird deshalb Abaca beziehungsweise Abaka häufig bevorzugt, um Verwechslungen mit echtem Hanf zu vermeiden.

Auch die in historischen deutschen Lexika anzutreffende Bezeichnung Bananenfaser muss differenziert werden. Musa textilis ist tatsächlich eng mit den Bananen verwandt, doch können Fasern auch aus anderen Musa-Arten gewonnen werden. Meyers fasste im 19. Jahrhundert unter „Manilahanf“ Fasern mehrerer Bananenarten zusammen und nannte neben Musa textilis beispielsweise Musa paradisiaca und Musa sapientum. Die heutige botanische und warenkundliche Definition von Abaca ist enger: Sie bezeichnet die Pflanze Musa textilis beziehungsweise deren Faser. Nicht jede Bananenfaser ist daher Abaca.

Die außergewöhnlichen mechanischen Eigenschaften erklären die vielfältige Nutzung. Neben traditionellem Tauwerk und Bindfaden wird Abaca zu Spezialpapieren, Zellstoff, Filtermaterialien, Textilien, Taschen, Hüten, Matten, Möbelbestandteilen und kunsthandwerklichen Produkten verarbeitet. Besonders wichtig ist heute die Papierindustrie. Die langen und festen Fasern eignen sich für Produkte, die auch bei geringer Materialstärke eine hohe mechanische Belastbarkeit verlangen. Dazu gehören unter anderem Teebeutel- und Kaffeefilterpapier, verschiedene technische Filterpapiere und andere Spezialpapiere. Auch für hochwertiges Papier und bestimmte Wert- beziehungsweise Sicherheitspapiere wird Abacazellstoff eingesetzt.

Eine weitere moderne Verwendung liegt bei Faserverbundwerkstoffen. Naturfasern können Kunststoffe verstärken und dabei einen Teil synthetischer Verstärkungsfasern ersetzen. Abaca ist hierfür wegen seiner Zugfestigkeit, Faserlänge und vergleichsweise geringen Dichte interessant. Anwendungen wurden unter anderem für Fahrzeugteile, Möbel, Bauprodukte und andere Verbundmaterialien entwickelt. Die philippinische Faserbehörde nennt gegenwärtig als wesentliche Verwendungsbereiche Zellstoff und Papier, Seile und Bindfäden, Faserhandwerk, Textilien und Gewebe, Möbel sowie Verbund- und Baumaterialien. Damit hat sich das Einsatzspektrum deutlich über die historische Hauptverwendung als Schiffstauwerk hinaus erweitert.

Wirtschaftlich ist Abaca eng mit den Philippinen verbunden. Das Land ist das historische Herkunftsgebiet der Pflanze und bis heute das wichtigste Zentrum von Anbau, Verarbeitung und Export. Bedeutende Anbaugebiete liegen unter anderem in Bicol, den östlichen Visayas und Teilen Mindanaos. Daneben wird Abaca insbesondere in Ecuador kommerziell produziert. Die Pflanze gedeiht vor allem in feuchten tropischen Gebieten mit hohen Niederschlägen. Moderne Produktionsprogramme verbinden die Verbesserung der Erträge mit der Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten, der Bereitstellung gesunden Pflanzmaterials und der Weiterentwicklung mechanischer Aufbereitungsverfahren.

Die Faserqualität hängt von zahlreichen Faktoren ab: Pflanzensorte, Alter und Zustand der Blattscheide, Stellung innerhalb des Scheinstamms, Erntezeit, Art der Fasergewinnung, Sorgfalt beim Abschaben sowie Trocknung und Lagerung beeinflussen Farbe, Feinheit, Festigkeit und Reinheit. Hochwertige Fasern sind vergleichsweise hell, sauber, gleichmäßig und glänzend. Minderwertigere Qualitäten können dunkler, gröber oder stärker mit pflanzlichem Restmaterial durchsetzt sein. Da verschiedene Endprodukte unterschiedliche Anforderungen stellen, existiert kein einziges universelles Qualitätsmerkmal; eine feine Faser für Spezialpapier oder textile Zwecke wird nach anderen Kriterien ausgewählt als Material für gröberes Tauwerk oder Verbundwerkstoffe.

Die ältere Einordnung des Abaca als Bastfaser, die beispielsweise in historischen Brockhaus-Ausgaben begegnet, entspricht nicht der heutigen faserbotanischen Terminologie. Bastfasern wie Flachs, Hanf oder Jute entstammen dem Bast beziehungsweise den Leit- und Festigungsgeweben des Stängels. Abaca wird dagegen aus den Blattscheiden der Banane gewonnen und gehört deshalb zusammen mit etwa Sisal zur Gruppe der Blatt- beziehungsweise Hartfasern. Historische Beschreibungen sind für die Geschichte des Handelswortschatzes wertvoll, müssen in diesem Punkt aber mit der modernen botanischen Klassifikation korrigiert werden.

Die Bezeichnung Abaca kann im Deutschen sowohl metonymisch für die Pflanze als auch für ihr Erzeugnis stehen. In einem botanischen Zusammenhang bezeichnet „der Abaca“ die Faserbanane Musa textilis; in Handels-, Textil- und Materialkunde bezeichnet dasselbe Wort die gewonnene Faser. Diese Doppelbedeutung ist international verbreitet. Sie entspricht anderen Nutzpflanzenbezeichnungen, bei denen Pflanzenname und Rohstoffname zusammenfallen. Aus dem Kontext ergibt sich gewöhnlich eindeutig, ob von Anbau, Botanik und Pflanzenkrankheiten oder von Faserqualität, Verarbeitung und Verwendung die Rede ist.

Im heutigen deutschen Allgemeinwortschatz ist die Schreibweise Abaka stärker normiert. Der Duden führt der Abaka mit der Bedeutung „Manilahanf“ und gibt als Herkunft spanisch abaca aus tagalogisch abaká an. Abaca ist jedoch keine sachlich falsche oder frei erfundene Schreibweise, sondern historisch und fachsprachlich gut belegt. Meyers verwendete sie bereits im 19. Jahrhundert, ebenso Brockhaus und technische Nachschlagewerke. Noch die Brockhaus-Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts verzeichnete Abacá neben Abaka. Für historische Texte muss deshalb die Schreibweise Abaca als eigenständige deutsche Überlieferungsform berücksichtigt werden.

Etymologie

Abaca ist ein Lehnwort aus dem philippinischen Sprachraum. Unmittelbare Grundlage ist tagalogisch abaká, die einheimische Bezeichnung für die Pflanze und ihre Faser. In die europäischen Sprachen gelangte das Wort insbesondere über spanisch abacá. Dies erklärt die ältere deutsche Schreibweise Abaca beziehungsweise Abacá. Die heute normierte Form Abaka gibt die Lautgestalt mit dem deutschen Buchstaben k unmittelbarer wieder.

Die Vermittlung über das Spanische ist historisch naheliegend, weil die Philippinen vom 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unter spanischer Kolonialherrschaft standen und philippinische Warenbezeichnungen über spanische Handels- und Verwaltungszusammenhänge nach Europa gelangten. Der Duden gibt ausdrücklich die Kette spanisch abaca aus Tagalog abaká an. Entsprechende Formen finden sich auch im Englischen, Französischen, Italienischen und anderen europäischen Sprachen.

Die weitere Vorgeschichte des tagalogischen Wortes abaká ist weniger eindeutig. In der austronesischen Sprachvergleichung wird eine ererbte proto-philippinische Form *abaká angesetzt. Daneben sind in der etymologischen Literatur Hypothesen über einen älteren Einfluss arabischer Handelsbezeichnungen vertreten worden. Für einen deutschen Lexikonartikel ist deshalb Zurückhaltung geboten: Sicher ist die unmittelbare Herkunft des europäischen und deutschen Wortes aus beziehungsweise über tagalogisch abaká und spanisch abacá; eine noch ältere außeraustronesische Herkunft ist dagegen nicht gleichermaßen gesichert.

Der zweite deutsche Hauptname Manilahanf ist keine Übersetzung von abaká, sondern ein europäischer Handelsname. Manila verweist auf den wichtigsten historischen Export- und Handelsplatz der Philippinen, während Hanf eine funktionale Ähnlichkeit mit der europäischen Seil- und Textilfaser bezeichnet. Der Name beruht somit auf wirtschaftlicher Verwendung und Handelsgeographie, nicht auf botanischer Verwandtschaft. Gerade deshalb ist Abaca beziehungsweise Abaka terminologisch eindeutiger.

Synonyme

Abaka – heutige deutsche Standardschreibung; bezeichnet sowohl Musa textilis als auch die daraus gewonnene Faser.

Manilahanf – traditioneller deutscher Handels- und Warenname. Botanisch missverständlich, da die Pflanze nicht zum Hanf gehört.

Manilafaser – warenkundliche Bezeichnung für die aus Musa textilis gewonnene Faser; gegenüber „Manilahanf“ botanisch weniger irreführend.

Bananenfaser – historisch häufige Bezeichnung; nur eingeschränkt synonym, da auch andere Arten der Gattung Musa Fasern liefern können.

Musafaser – Ober- beziehungsweise Alternativbezeichnung für Fasern aus Pflanzen der Gattung Musa; daher nicht in jedem Zusammenhang ausschließlich auf Abaca beschränkt.

Pisanghanf – ältere beziehungsweise warenkundliche Bezeichnung für Abacafaser; Pisang ist in südostasiatischen Sprachen eine Bezeichnung für Bananengewächse.

Textilbanane und Faserbanane – beschreibende Bezeichnungen für die Pflanze Musa textilis; sie bezeichnen nicht ohne Weiteres den daraus gewonnenen Rohstoff.

externe links

Duden – Abaka – gegenwartssprachlicher Wörterbucheintrag zur heutigen deutschen Standardschreibung, zum maskulinen Genus, zur Bedeutung „Manilahanf“ und zur Herkunft aus spanisch abaca und Tagalog abaká.

Royal Botanic Gardens, Kew – Musa textilis Née – botanischer Referenzdatensatz zur anerkannten Art, ihrer Familie, ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet auf den Philippinen und ihrer taxonomischen Stellung.

Royal Botanic Gardens, Kew – Musa abaca Perr. – taxonomischer Nachweis der historischen Bezeichnung Musa abaca als Synonym des heute anerkannten Namens Musa textilis.

FAO AGROVOC – abaca – internationaler agrarwissenschaftlicher Thesauruseintrag; definiert Abaca als Naturfaser aus Musa textilis und nennt Manilahanf als Alternativbezeichnung.

FAO AGROVOC – Musa textilis – taxonomischer und agrarischer Datensatz zur Faserpflanze und ihrer Beziehung zum Rohstoff Abaca.

FAO – Future Fibres: Abaca – ausführliche Darstellung der Blattfaser, ihrer Gewinnung, Festigkeit, Meerwasserbeständigkeit, traditionellen und modernen Anwendungen sowie der wichtigsten Produktionsländer.

FAO – Jute and hard fibres – internationaler Überblick über Abaca und andere Hartfasern, ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihre Verwendung in Papier, Tauwerk, Geotextilien und technischen Produkten.

Philippine Fiber Industry Development Authority – Abaca Technoguide 2024 – amtlicher technischer Leitfaden zu Musa textilis, Anbau, Ernte, Fasergewinnung, Qualitätsklassen und den wichtigsten Verwendungen von Abaca.

Philippine Fiber Industry Development Authority – Abaca Sustainability Manual – amtliche Darstellung von Pflanzenmaterial, Produktion, Verarbeitung, Nutzung, Wertschöpfungskette und Nachhaltigkeitsfragen der philippinischen Abacawirtschaft.

Philippine Council for Agriculture, Aquatic and Natural Resources Research and Development – Abaca Industry Profile – aktueller wissenschafts- und industriepolitischer Überblick zu Anbau, Produktion, regionalen Schwerpunkten und Exporterzeugnissen der philippinischen Abacawirtschaft.

Meyers Konversations-Lexikon – Manilahanf – historischer Artikel von 1888, der ausdrücklich Abaca als Bezeichnung des Manilahanfs nennt und Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung der Faser beschreibt.

Meyers Konversations-Lexikon – Abaca – historischer direkter Stichwortbeleg „Abaca, s. v. w. Manilahanf“ und damit ein eindeutiger Nachweis der deutschen Schreibweise Abaca im 19. Jahrhundert.

Brockhaus Konversationslexikon – Manilahanf – historischer warenkundlicher Artikel, der Abaca als Alternativbezeichnung verwendet und Farbe, Festigkeit und traditionelle Verarbeitung der Faser beschreibt.

Otto Lueger – Lexikon der gesamten Technik: Abaca – historischer technischer Wörterbucheintrag mit der Gleichsetzung von Abaca und Manilahanf.

Wiktionary – Abaka – Übersicht zur modernen deutschen Form, zur alternativen Schreibung Abaca, zu Pflanzen- und Faserbedeutung sowie zu Synonymen und Herkunft.

Wiktionary – Abaca – lexikographische Dokumentation der historischen und fachsprachlichen deutschen Schreibweise mit Quellen aus Brockhaus und der Textilfachliteratur.

American Heritage Dictionary – abaca – englischsprachiger Wörterbucheintrag zur Pflanze, zur Faser und zur Entlehnung über spanisch abacá aus Tagalog abaka.