Aba
Lexikon
Aba ist ein heute seltenes deutsches Fremdwort für einen weiten, mantel- oder umhangartigen Überwurf des Nahen und Mittleren Ostens sowie, besonders in älterer textilkundlicher Verwendung, für den groben Stoff, aus dem solche Kleidungsstücke hergestellt werden. Das Wort wird im Deutschen sowohl feminin als auch maskulin gebraucht: die Aba und der Aba; der Plural lautet Abas. In der heutigen Standardsprache ist die feminine Verwendung deutlich stärker etabliert. Der gegenwärtige Duden führt ausschließlich die Aba und definiert sie als weites Überkleid arabischer Frauen. Diese gegenwartssprachliche Bedeutung erfasst jedoch nur einen Teil des historisch belegten deutschen Wortgebrauchs. Ältere Wörterbücher, Reisebeschreibungen, ethnographische Literatur und erhaltene Kleidungsstücke bezeichnen mit Aba beziehungsweise verwandten Formen auch einen von Männern getragenen Umhang und einen groben Wollstoff. Für eine historische Lexikondarstellung müssen daher Kleidungs- und Stoffbedeutung ebenso wie der Wandel der Geschlechtszuordnung berücksichtigt werden.
In der älteren Bedeutung ist die Aba ein weit geschnittenes, häufig vorne offenes Obergewand, dessen einfache Grundform zwischen Umhang, Mantel und ärmellosem Rock liegt. Charakteristisch ist weniger ein einheitlicher modischer Schnitt als die lockere, den Körper weit umgebende Form. Traditionelle Stücke können ärmellos sein oder seitliche Öffnungen besitzen, durch die die Arme geführt werden; andere regionale Formen weisen kurze oder stärker ausgebildete Ärmel auf. Getragen wird die Aba über anderen Kleidungsstücken. Historische und ethnographische Beschreibungen weisen sie in verschiedenen Teilen der arabischen Welt, Anatoliens, Irans und angrenzender Gebiete nach. Besonders eng ist sie mit der Kleidung arabischer und beduinischer Männer verbunden. Die Encyclopaedia Iranica beschreibt den ʿabāʾ als weites Obergewand, das traditionell vor allem von Männern getragen wurde und bei arabischen Nomaden große Verbreitung besaß; in Iran gehörte es zeitweise zur allgemeinen städtischen Männerkleidung und wurde später besonders charakteristisch für islamische Religionsgelehrte.
Die konkrete Gestalt und soziale Bedeutung der Aba waren regional und historisch sehr verschieden. Einfache Ausführungen aus kräftiger Schafwolle, Ziegenhaar, Kamelhaar oder anderen tierischen Fasern boten Schutz gegen nächtliche Kälte, Wind und Witterung. In älteren europäischen Darstellungen erscheint die Aba daher häufig als Kleidungsstück von Beduinen, ärmeren Bevölkerungsschichten oder Derwischen. Diese Verbindung mit einfacher Kleidung darf jedoch nicht verallgemeinert werden. Hochwertige Abas konnten aus feiner Wolle, Mohair oder Seide gefertigt und mit Metallfäden, Stickereien oder kostbaren Borten geschmückt sein. Erhaltene Museumsstücke zeigen aufwendig gearbeitete Gewänder, die bei festlichen oder repräsentativen Anlässen getragen wurden. Damit konnte dieselbe Kleidungsgrundform je nach Material und Verarbeitung sowohl alltäglichen Wetterschutz als auch sozialen Rang, Wohlstand oder zeremonielle Würde ausdrücken.
Die zweite historische Hauptbedeutung bezeichnet den zur Herstellung solcher Gewänder verwendeten Aba-Stoff. Meyers Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts beschreibt Aba als einen von Beduinenfrauen aus Kamel- oder Ziegenhaar hergestellten groben Stoff und zugleich als den daraus gefertigten Mantel. Otto Luegers technisches Lexikon definiert Aba knapp als derben Stoff aus Kamel- und Ziegenhaaren. Andere historische Quellen nennen außerdem Schafwolle, Baumwolle oder Mischungen verschiedener Fasern. Eine Beschränkung der Stoffbedeutung auf genau eine Faserart wäre daher zu eng. Gemeinsam ist den traditionellen Beschreibungen vor allem die Vorstellung eines relativ kräftigen, strapazierfähigen Gewebes, das für Oberkleidung, Decken oder verwandte Zwecke verwendet werden konnte. Stoff und Kleidungsstück sind semantisch eng miteinander verbunden: Wie bei zahlreichen Textilbezeichnungen konnte der Name des Materials auf das daraus hergestellte Erzeugnis übergehen beziehungsweise umgekehrt die Bezeichnung des charakteristischen Kleidungsstücks auf dessen Stoff übertragen werden.
Besonders aufschlussreich ist die unterschiedliche Darstellung in deutschen Lexika des 19. Jahrhunderts. Meyers Konversationslexikon erklärt die Aba als groben Stoff aus Kamel- oder Ziegenhaar und als daraus gefertigten Mantel, der im muslimischen Osten von Armen und Derwischen getragen werde. Das Brockhaus Konversationslexikon beschreibt unter den Varianten Aba, Abba und Abajeh große braune Tücher, die in verschiedenen Regionen des damaligen Osmanischen Reiches gefertigt und von ärmeren Bevölkerungsschichten als ärmelloser Rock getragen wurden; zugleich erwähnt es ihre Verwendung als Verpackungsmaterial und die Fertigung aus Wolle. Diese Beschreibungen sind wertvolle Belege für die ältere deutsche Wortbedeutung, spiegeln aber zugleich die ethnographischen Kategorien und den Wissensstand ihrer Entstehungszeit. Ihre regionalen und sozialen Verallgemeinerungen sollten deshalb nicht unkritisch als zeitlose Definition orientalischer Kleidung übernommen werden.
Moderne museale Quellen ermöglichen eine genauere Differenzierung. Das Metropolitan Museum of Art besitzt beispielsweise eine als Cloak (Aba) bezeichnete syrische Aba des 20. Jahrhunderts aus Mohair mit Seiden- und Metallfadenstickerei. Das British Museum bewahrt einen vermutlich ägyptischen männlichen ʿaba aus dunkelblauer Seide mit Silber- und Goldfäden, der als festliches oder zeremonielles Gewand beschrieben wird. Solche Stücke widerlegen eine Definition, nach der Aba historisch ausschließlich ein schlichtes Frauenkleid oder ausschließlich ein grober Wollmantel gewesen wäre. Der Terminus bezeichnet vielmehr eine traditionsreiche Familie weiter Obergewänder, deren Form, Material, Geschlechtszuordnung und gesellschaftliche Funktion nach Region und Epoche wechseln konnten.
Von dieser älteren und weiteren Bedeutung ist die heutige Bezeichnung Abaya zu unterscheiden. Im gegenwärtigen internationalen und zunehmend auch deutschen Sprachgebrauch bezeichnet Abaya vor allem ein langes, weites Überkleid, das von Frauen in verschiedenen muslimisch geprägten Gesellschaften getragen wird. Die Wörter Aba und Abaya gehen auf eng verwandte arabische Formen zurück und überschneiden sich historisch erheblich; sie sind deshalb nicht als völlig unabhängige Kleidungsbegriffe zu behandeln. Dennoch hat sich im modernen europäischen Sprachgebrauch eine praktische Differenzierung herausgebildet: Abaya wird gewöhnlich mit weiblicher Kleidung verbunden, während Aba in historischen, ethnographischen und textilkundlichen Quellen ein breiteres Spektrum von Männer- und Frauenkleidung sowie zusätzlich den Stoff bezeichnen kann. Der heutige Duden folgt dagegen der engeren Frauenkleidungsbedeutung und behandelt Aba damit weitgehend parallel zur modernen Abaya.
Auch die gelegentliche Gleichsetzung mit Bischt bedarf einer Einschränkung. Bischt bezeichnet einen traditionellen arabischen Männerumhang, der häufig bei feierlichen Anlässen getragen und mit charakteristischen Borten verziert wird. In Museums- und Sammlungskatalogen können Stücke als Bisht, Mishla oder Aba bezeichnet werden, weil sich regionale Terminologien und Kleidungsformen überschneiden. Daraus folgt jedoch nicht, dass beide Wörter in allen historischen und regionalen Zusammenhängen vollkommen synonym wären. Ähnliches gilt für Kaftan: Ein Kaftan ist ebenfalls ein weites Obergewand, besitzt aber eine eigene Schnitt-, Kultur- und Wortgeschichte. Für Aba ist daher die allgemeinere Definition „weiter orientalischer Umhang beziehungsweise Mantel; historisch auch der dafür verwendete grobe Stoff“ lexikographisch zuverlässiger als eine uneingeschränkte Gleichsetzung mit einem einzelnen benachbarten Kleidungstyp.
Im heutigen allgemeinen Deutsch ist Aba selten. Die Stoffbedeutung ist weitgehend historisch oder fachsprachlich geworden, und auch für das Kleidungsstück werden häufiger spezifischere Bezeichnungen wie Abaya oder Bischt verwendet. Das Wort begegnet deshalb vor allem in älteren Reiseberichten, historischen Lexika, kunst- und kulturhistorischen Beschreibungen, Textilkunde, Museumskatalogen sowie bei der Beschreibung traditioneller Kleidung. Für die Interpretation älterer Texte ist diese Bedeutungsbreite entscheidend: Eine dort genannte Aba darf nicht automatisch als heutige schwarze Frauen-Abaya verstanden werden. Je nach Quelle kann vielmehr ein Männerumhang, ein ärmelloser Mantel, ein großes Tuch oder der zugrunde liegende grobe Stoff gemeint sein.
Etymologie
Aba ist ein orientalisches Lehnwort. Die deutschen Wörterbücher führen es auf arabisch ʿabāʾ beziehungsweise ʿabāʾa zurück. Die Encyclopaedia Iranica nennt arabisch ʿabāʾ sowie die Varianten ʿabāʾa und ʿabāya für das weite Obergewand. Aus derselben Formenfamilie stammt die im heutigen europäischen Sprachgebrauch verbreitete Bezeichnung Abaya. Die unterschiedlichen Schreibungen Aba, Abba, Abaja, Abajeh, Aba'a und Abaya erklären sich teilweise aus regional unterschiedlichen arabischen Formen, teilweise aus verschiedenen europäischen Umschrift- und Vermittlungstraditionen.
Das Wort verbreitete sich zusammen mit dem Kleidungs- und Stoffbegriff über weite Teile des Osmanischen Reiches und angrenzende Gebiete. Osmanisch-türkisch aba bezeichnete sowohl einen groben Wollstoff als auch ein daraus gefertigtes Obergewand; entsprechende Lehnformen gelangten unter anderem ins Bulgarische, Serbische, Rumänische, Ungarische und Russische. Für das Deutsche geben die maßgeblichen neueren Wörterbücher unmittelbar arabische Herkunft an. Bei einzelnen historischen europäischen Belegen kann jedoch eine Vermittlung durch Türkisch, Persisch oder andere Kontaktsprachen nicht ausgeschlossen werden. Für die deutsche Lexikographie ist daher die Formulierung „aus dem Arabischen, teilweise im Umfeld osmanisch-türkischer und persischer Vermittlungstraditionen“ genauer als die Annahme nur eines einzigen Übertragungsweges für sämtliche Belege.
Die beiden deutschen Bedeutungen „Stoff“ und „Kleidungsstück“ sind bereits in den Herkunftssprachen eng miteinander verbunden. Traditionell bezeichnet aba beziehungsweise ʿabāʾ sowohl das weite Obergewand als auch den charakteristischen kräftigen Stoff, aus dem entsprechende Kleidungsstücke hergestellt werden konnten. Der Bedeutungsübergang ist sachlich unmittelbar verständlich und entspricht einem verbreiteten metonymischen Muster der Textilsprache: Material und daraus gefertigtes Kleidungsstück können denselben Namen tragen. Vergleichbare Bedeutungsverschiebungen finden sich bei zahlreichen historischen Gewebe- und Kleidungsbezeichnungen.
Auch das schwankende grammatische Geschlecht im Deutschen ist für ein Lehnwort dieser Art nicht ungewöhnlich. Die fremde Ausgangsform legte kein zwingendes deutsches Genus fest, sodass verschiedene lexikographische und fachsprachliche Traditionen entstehen konnten. Belegt sind sowohl die Aba als auch der Aba. Gegenwärtige Duden-Ausgaben normieren die feminine Form die Aba; andere Wörterbuchtraditionen dokumentieren daneben weiterhin den maskulinen Gebrauch. Der Plural Abas ist beiden Genera gemeinsam.
Synonyme
Abajeh, Abaja und Abaya sind etymologisch eng verwandte Formen derselben orientalischen Kleidungsbezeichnung. Historisch können sie weitgehend bedeutungsgleich mit Aba auftreten. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet Abaya jedoch überwiegend ein langes Frauenüberkleid und ist deshalb nicht für jede historische Verwendung von Aba austauschbar.
Umhang und Mantel sind die neutralsten deutschen Oberbegriffe für die Kleidungsbedeutung. Umhang gibt die weite, locker über andere Kleidung gelegte Form besonders gut wieder, bezeichnet jedoch keine bestimmte orientalische Kleidungstradition.
Bischt ist bei bestimmten arabischen Männergewändern eng bedeutungsnah und wird in Museums- und Sachkatalogen teilweise alternativ zu Aba verwendet. Die regionalen und sozialen Bedeutungsumfänge stimmen jedoch nicht vollständig überein.
Kaftan bezeichnet ebenfalls ein traditionelles weites Obergewand West- und Zentralasiens und kann in älteren europäischen Texten als annähernde Erklärung dienen. Aufgrund des anderen Schnitts und der eigenständigen Kleidungs- und Wortgeschichte ist Kaftan kein genaues Synonym.
Für die Stoffbedeutung sind Wollstoff, Wollgewebe und Haarstoff sachliche Oberbegriffe. Sie bezeichnen jedoch nicht die besondere historische Stoffart und sind daher nur beschreibende Entsprechungen.
externe links
Duden – Aba – gegenwartssprachlicher Wörterbucheintrag; führt die feminine Form und definiert Aba als weites Überkleid arabischer Frauen.
Wiktionary – Aba – dokumentiert die feminine und maskuline Verwendung sowie die beiden Bedeutungen „weiter Umhang“ und „grober Wollstoff“ mit historischen Belegen.
Meyers Konversationslexikon – Aba – historischer Lexikoneintrag von 1885–1892; beschreibt einen groben Stoff aus Kamel- oder Ziegenhaar und den daraus gefertigten Mantel.
Brockhaus Konversationslexikon – Aba, Abba oder Abajeh – historischer Artikel über große orientalische Tücher, ihre Herstellung und ihre Verwendung als ärmelloses Oberkleid.
Otto Lueger – Lexikon der gesamten Technik: Aba – technischer Lexikoneintrag, der Aba als derben Stoff aus Kamel- und Ziegenhaaren beschreibt.
Encyclopaedia Iranica – ʿABĀʾ – wissenschaftlicher Fachartikel zur Form, Verbreitung, Materialgeschichte und sozialen Verwendung des traditionellen Obergewands in der arabischen Welt, Iran und dem Osmanischen Reich.
Encyclopaedia Iranica – Etiquette in Persia in the Islamic Period – kulturhistorischer Beitrag mit Angaben zur Aba als traditionellem langem Obergewand persischer Männer.
Metropolitan Museum of Art – Cloak (Aba) – Sammlungsobjekt einer syrischen Aba aus Mohair mit Seiden- und Metallfadenstickerei.
British Museum – Man's robe ('aba') – dokumentiert eine männliche Aba aus dunkelblauer Seide mit Metallfäden und erläutert deren zeremonielle Verwendung.
Museum of International Folk Art – Bisht, mishla or aba – Museumsobjekt eines syrischen arabischen Wollumhangs und Beleg für die Überschneidung regionaler Kleidungsbezeichnungen.
National Palace Museum – Man's aba tapestry cloak, Syria – Museumsdatensatz zu einem syrischen Männerumhang des 19. Jahrhunderts und seiner textilen Ausstattung.
wissen.de – Aba – Lexikoneintrag zum weiten, ärmellosen Oberrock aus Schafwolle oder Kamelhaar und seiner Verbreitung in Vorderasien, Ägypten und Arabien.
American Heritage Dictionary – aba – englischsprachiger Wörterbuchartikel zu aba als Gewebe aus Kamel- oder Ziegenhaar und als locker sitzendem ärmellosem Kleidungsstück.
Oxford Advanced Learner's Dictionary – abaya – Wörterbucheintrag zur heutigen international verbreiteten Bezeichnung Abaya für ein langes Frauenüberkleid und damit zur modernen Bedeutungsdifferenzierung gegenüber der historischen Aba.