aasig ist ein deutsches Adjektiv mit mehreren miteinander verbundenen Bedeutungen. In seiner konkretesten Verwendung bezeichnet es etwas, das nach Aas riecht, von Aas herrührt oder durch Verwesung faulig und unangenehm geworden ist. Ein aasiger Geruch, aasiger Gestank oder aasiger Hauch ist demnach ein Geruch, der an verwesendes tierisches Gewebe erinnert. Der Ausdruck enthält dabei gewöhnlich nicht bloß die sachliche Feststellung einer Geruchsqualität, sondern zugleich eine starke Empfindung von Ekel und Widerwillen. Dadurch liegt bereits in der konkreten Bedeutung der Ausgangspunkt für die weit verbreiteten übertragenen Verwendungen des Wortes.
Übertragen bezeichnet aasig etwas als besonders widerlich, ekelhaft, gemein, boshaft oder niederträchtig. Die Bedeutung kann sich sowohl auf Personen als auch auf deren Verhalten, Äußerungen, Gesichtsausdruck oder Handlungsweise beziehen. Ein aasiges Lächeln ist beispielsweise nicht faulig im wörtlichen Sinn, sondern ein Lächeln, das als hämisch, infam oder unangenehm empfunden wird. Ebenso kann jemand einen anderen aasig behandeln, wenn sein Verhalten als besonders gemein oder rücksichtslos beurteilt wird. Die Übertragung beruht auf einem geläufigen semantischen Muster: Die körperliche Abstoßung, die mit Verwesung, Fäulnis und üblem Geruch verbunden ist, wird auf moralisch oder sozial abgelehnte Eigenschaften übertragen. Aus physischer Widerwärtigkeit entsteht so eine wertende Bezeichnung für menschliches Verhalten.
Eine dritte Bedeutung ist landschaftlich und umgangssprachlich als bloße Verstärkung ausgebildet. In Verbindungen wie aasig kalt, aasig viel, aasig weh tun oder aasig frieren bedeutet das Wort ungefähr sehr, überaus, außerordentlich oder extrem. Der ursprünglich negative Bedeutungsgehalt kann dabei stark verblassen. Aasig kalt bedeutet zunächst lediglich „sehr kalt“; eine Vorstellung von Aas oder Verwesung ist für das Verständnis der Äußerung nicht mehr erforderlich. Sprachwissenschaftlich handelt es sich um eine Intensivierung: Ein ursprünglich stark wertendes Adjektiv entwickelt eine Funktion ähnlich wie furchtbar, schrecklich, verdammt oder unheimlich, die ebenfalls als Verstärker verwendet werden können, ohne dass ihre ursprüngliche Bedeutung jeweils vollständig aktiviert wird.
Die Intensiviererfunktion ist besonders in deutschen Mundarten breit belegt. Das Schlesische Wörterbuch dokumentiert Formen wie aasig, asig, oosig und ooßig ausdrücklich in der Bedeutung „sehr“ und nennt Verbindungen, in denen das Adjektiv beziehungsweise Adverb hohe Intensität ausdrückt. Niederdeutsche Quellen kennen entsprechende Formen ebenfalls als Verstärker im Sinne von „sehr“, „verdammt“ oder „außerordentlich“. Diese regionale Verbreitung zeigt, dass der Gebrauch als Gradadverb keine zufällige moderne Erweiterung ist, sondern auf einer älteren mundartlichen Entwicklung beruht. Der Duden kennzeichnet diesen Gebrauch gegenwärtig als landschaftlich und nennt ihn ausdrücklich intensivierend bei Verben und Adjektiven.
Daneben bewahren Mundarten weitere Bedeutungsnuancen, die im überregionalen Standarddeutsch kaum noch selbständig erscheinen. Bayerns Dialekte Online belegt aasig beispielsweise in Bedeutungen wie „kümmerlich, elend, schlecht“ sowie „kümmerlich, klein, schwächlich“. Solche Verwendungen stehen semantisch zwischen der starken negativen Bewertung und der allgemeinen Abschwächung oder Minderwertigkeit. Auch ältere Wörterbücher nennen für aasig teilweise Bedeutungen wie schmutzig, unsauber, roh, matt, träge oder faul. Diese historischen und regionalen Lesarten sollten nicht ohne Weiteres auf die heutige Standardsprache übertragen werden; sie zeigen jedoch, wie weit sich das Bedeutungsfeld von der ursprünglichen Vorstellung des fauligen Aases entfernen konnte.
Die verschiedenen Bedeutungen bilden dennoch keine zufällige Ansammlung. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist eine starke negative Bewertung. Von der konkreten Vorstellung des verwesenden und übel riechenden Aases führt die Entwicklung zunächst zu „abstoßend, widerlich“, von dort zu moralischen Wertungen wie „gemein, niederträchtig“ und schließlich zu einer allgemeinen Intensivierung. Dieser letzte Schritt ist als semantische Bleichung zu verstehen: Die ursprüngliche lexikalische Bedeutung verliert an Gewicht, während die Funktion, einen besonders hohen Grad auszudrücken, in den Vordergrund tritt. Ein Sprecher, der sagt, etwas sei aasig teuer oder aasig kalt, muss dabei weder an einen Kadaver noch an moralische Gemeinheit denken.
Stilistisch ist aasig außerhalb seiner konkreten Bedeutung deutlich expressiv. Als Charakterisierung von Verhalten oder Personen besitzt es einen starken abwertenden Ton und gehört eher zur emotionalen Umgangssprache als zu neutraler Sachprosa. Als Gradverstärker ist es regional beziehungsweise umgangssprachlich markiert und kann je nach Sprechergruppe salopp, derb oder vertraut wirken. Gerade diese Mehrschichtigkeit verlangt im Einzelfall eine genaue Kontextinterpretation: aasiger Geruch verweist gewöhnlich auf Fäulnis und Verwesung, aasiges Verhalten auf Gemeinheit oder Widerwärtigkeit und aasig kalt lediglich auf einen außergewöhnlich hohen Grad der Kälte.
aasig ist eine Ableitung von Aas mit dem Adjektivsuffix -ig. Dieses Suffix bildet im Deutschen häufig Adjektive mit der Bedeutung „mit etwas versehen“, „von etwas geprägt“, „zu etwas gehörig“ oder „eine bestimmte Eigenschaft aufweisend“. Die ursprüngliche Bedeutung von aasig lässt sich deshalb unmittelbar als „wie Aas beschaffen“, „nach Aas riechend“ oder „von Aas geprägt“ verstehen. Historisch steht daneben das heute seltene aashaft, das mit dem Suffix -haft eine sehr ähnliche konkrete Bedeutung entwickelte.
Das Grundwort Aas reicht weit in die germanische Sprachgeschichte zurück. Mittelhochdeutsch ās, mittelniederdeutsch ās und verwandte Formen bezeichneten Aas, als Fraß dienendes Fleisch oder Köder. Daneben bestand althochdeutsch āz mit der Bedeutung „Speise, Nahrung, Fraß“. Beide Wortreihen stehen in enger Verbindung zur indogermanischen Wurzel *ed- „essen, fressen“, aus der auch essen hervorgegangen ist. Im Spätmittelhochdeutschen fielen die älteren Formen lautlich zusammen; im neuhochdeutschen Aas setzte sich die Bedeutung des toten, als Fraß dienenden beziehungsweise verwesenden Tierkörpers durch.
Von dieser konkreten Bedeutung aus entwickelte sich aasig semantisch in mehreren Stufen weiter. Der Übergang von „nach Aas riechend, faulig“ zu „widerlich, abstoßend“ ist eine naheliegende metaphorische Erweiterung. Die weitere Entwicklung zu „gemein, boshaft, infam“ überträgt die körperliche Abstoßung auf die moralische Bewertung eines Menschen oder seines Verhaltens. Schließlich konnte die starke expressive Wirkung des Wortes selbst zum Träger der Bedeutung werden: Aus „außerordentlich widerlich“ beziehungsweise allgemein „außerordentlich“ entwickelte sich regional die reine Verstärkerfunktion „sehr“. Diese Entwicklung entspricht einem verbreiteten sprachgeschichtlichen Vorgang, bei dem stark negativ besetzte Wörter zu Gradpartikeln oder adverbialen Intensivierern werden.
Die ältere Bedeutungsbreite war teilweise noch größer. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Jacob Grimm und Wilhelm Grimm dokumentiert neben dem unmittelbaren Bezug auf Aas auch allgemeinere wertende Bedeutungen wie schmutzig, unsauber und roh und verweist auf weitere ältere Wörterbuchangaben zu Mattigkeit, Trägheit und Faulheit. Diese Verwendungen zeigen, dass die negative Qualität des Wortes schon früh verallgemeinert werden konnte. Die heute dominierenden Bedeutungen „faulig“, „gemein“ und regional „sehr“ sind daher das Ergebnis einer längeren semantischen Ausdifferenzierung.
In der konkreten Bedeutung „wie Aas beschaffen beziehungsweise nach Verwesung riechend“ sind faulig, verwesend, faulend, verrottet, putrid und das heute seltene aashaft bedeutungsnah. Putrid ist dabei ein medizinisch beziehungsweise fachsprachlich geprägter Ausdruck, während faulig und verwesend neutraler und allgemeinsprachlich gebräuchlicher sind.
Für die übertragene Bedeutung stehen widerlich, ekelhaft, abstoßend, gemein, boshaft, infam, niederträchtig und schauderhaft zur näheren Bedeutungsumgebung. Welches Synonym passt, hängt davon ab, ob stärker körperlicher Ekel oder eine moralische Bewertung gemeint ist.
Als landschaftlicher Verstärker entspricht aasig vor allem sehr, überaus, außerordentlich, extrem, arg und umgangssprachlich verdammt. Diese Wörter sind nur in der intensivierend-adverbialen Verwendung synonym; sie ersetzen aasig nicht in Wendungen wie aasiger Geruch oder aasiges Verhalten.
Duden – aasig – aktueller Wörterbucheintrag mit den drei Hauptbedeutungen „faulig“, „gemein“ und landschaftlich intensivierend „sehr“.
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – aasig – lexikographische Darstellung mit Bedeutungsangaben und Korpusbelegen zum konkreten, übertragenen und intensivierend-adverbialen Gebrauch.
Wiktionary – aasig – Überblick über Bedeutung, Wortbildung, Flexion, historische Wörterbuchnachweise und Anwendungsbeispiele.
Bayerns Dialekte Online – aasig – wissenschaftliche Dialektdokumentation mit den Bedeutungen „kümmerlich, elend, schlecht“ und „kümmerlich, klein, schwächlich“.
Walther Mitzka – Schlesisches Wörterbuch, Band I – wissenschaftliches Mundartwörterbuch mit zahlreichen regionalen Formen von aasig und breiten Belegen für die Intensiviererbedeutung „sehr“.
Plattmakers – asig – niederdeutsche Wortbelege für Bedeutungen wie „unangenehm, widerwärtig“ und den adverbialen Verstärker „sehr, verdammt“.
wissen.de – aasig – Wörterbuchartikel mit den Bedeutungen „wie Aas, faulig“ sowie übertragen „ironisch, boshaft“.
Langenscheidt – aasig – Bedeutungsdifferenzierung zwischen faulig-kadaveröser, übertragen widerlicher und verstärkender Verwendung.
Netzverb Wörterbuch – aasig – Zusammenstellung der Bedeutungsgruppen und bedeutungsnaher Wörter zu aasig.
Konrad Duden – Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache – historischer Nachweis des Lemmas aasig in einer Ausgabe des 19. Jahrhunderts.
Wikisource – Deutsches Schimpfwörterbuch oder die Schimpfwörter der Deutschen – historischer Nachweis von aasig im Wortschatz stark wertender Personen- und Eigenschaftsbezeichnungen des 19. Jahrhunderts.
Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache: Aas – etymologische Darstellung des Grundwortes Aas, seiner germanischen Herkunft und des Zusammenhangs mit der indogermanischen Wurzel für „essen, fressen“.