Aap
Lexikon
Aap ist ein historischer seemännischer Fachausdruck für ein kleines Stagsegel im hinteren Teil eines mehrmastigen Segelschiffes, insbesondere das Besanstagsegel eines Dreimasters. Als bedeutungsgleiche beziehungsweise eng entsprechende Bezeichnungen erscheinen Besanstagsegel, Kreuzstagsegel und historisch auch Affe. Das Aap gehört damit nicht zu den großen Rahsegeln, die quer zum Schiff an Rahen gefahren werden, sondern zu den in Längsschiffsrichtung wirkenden Schratsegeln. Es wird an einem Stag des hinteren Mastes gesetzt und füllt einen Teil des freien Segelraums zwischen dem Hauptmastbereich und dem achteren Mast aus. In der heutigen allgemeinen Segelsprache ist der Ausdruck selten beziehungsweise historisch; Besanstagsegel ist die durchsichtigere moderne Bezeichnung.
Das kennzeichnende Merkmal des Aaps ist seine Stellung im hinteren Rigg. Auf einem dreimastigen Schiff befindet es sich beim hintersten Mast, der je nach Schiffstyp und Terminologie als Besanmast beziehungsweise Kreuzmast bezeichnet wird. Das Segel selbst liegt jedoch nicht wie das eigentliche Besansegel überwiegend hinter diesem Mast. Als Stagsegel wird es vor dem hinteren Mast beziehungsweise zwischen diesem und dem davorstehenden Mast gefahren. Sein Kopf liegt hoch am achteren Mast, während sein vorderer beziehungsweise unterer Bereich in Richtung des davorliegenden Mast- und Decksbereichs führt. Dadurch entsteht eine gewöhnlich dreieckige Segelfläche, deren Lage und Funktion aus dem Verlauf des Besanstags hervorgehen.
Diese Unterscheidung zwischen Besansegel und Besanstagsegel ist für das Verständnis des historischen Fachwortes wesentlich. Das Besansegel ist das charakteristische Schratsegel am hintersten Mast und wird je nach Takelungsart an Baum und Gaffel beziehungsweise in einer anderen achterlichen Anordnung geführt. Das Besanstagsegel oder Aap ist dagegen ein zusätzliches Stagsegel. Auch mit dem Kreuzsegel darf es nicht gleichgesetzt werden: Das Kreuzsegel ist beim vollgetakelten Dreimaster das unterste Rahsegel am Kreuzmast. Die ähnliche Terminologie erklärt, weshalb ältere Wörterbücher neben Besanstagsegel auch Kreuzstagsegel als Bezeichnung des Aaps führen.
Ein Stagsegel ist grundsätzlich ein Segel, das an einem zur Abstützung eines Mastes dienenden Stag beziehungsweise parallel dazu gesetzt wird. Stagsegel nutzen daher Flächen zwischen den Masten oder zwischen Mast und Vorschiff, die von Rahsegeln nicht unmittelbar ausgefüllt werden. Bei Großseglern konnten mehrere solcher Segel übereinander beziehungsweise in verschiedenen Höhen geführt werden. Das Aap ist innerhalb dieses Systems das tiefere beziehungsweise grundlegende Stagsegel am hinteren Mast; darüber konnten weitere Stagsegel wie Kreuzstengenstagsegel und Kreuzbramstengenstagsegel stehen. Der historische Segelplan eines großen Rahseglers bestand damit aus einer fein abgestuften Kombination von querstehenden Rahsegeln und längsschiffs wirkenden Stagsegeln.
Die Fläche des Aaps ist im Vergleich zu den großen Haupt-, Mars- und Bramsegeln verhältnismäßig klein. Das erklärt die geläufige Definition als kleines Stagsegel. „Klein“ ist dabei relativ zum gesamten Segelplan eines größeren Schiffes zu verstehen und bezeichnet keine für alle Schiffe identische Quadratmeterzahl. Abmessungen, Schnitt und Anschlagpunkte mussten zur Größe und Takelage des jeweiligen Fahrzeugs passen. Bei einem großen Dreimaster konnte auch ein als kleines Hilfssegel bezeichnetes Stagsegel eine beträchtliche tatsächliche Fläche besitzen.
Wie andere Stagsegel konnte das Aap dazu beitragen, eine sonst ungenutzte Fläche zwischen den Masten dem Wind auszusetzen, die Segelfläche zu ergänzen und die aerodynamische beziehungsweise seemännische Balance der Takelage zu beeinflussen. Seine praktische Wirkung hing von Kurs, Windstärke, Schiffstyp und der gleichzeitig geführten Besegelung ab. Es sollte daher nicht mit einem modernen, für einen einzigen streng definierten Einsatzzweck konstruierten Spezialsegel gleichgesetzt werden. Historische Segelführung war eine Kombination zahlreicher Einzelsegel, die abhängig von Wetter und Manöver gesetzt, geborgen oder gerefft wurden.
Das Aap wurde geheißt beziehungsweise gesetzt und über sein laufendes Gut bedient. Bereits die ältere Fachsprache kennt dazu die Bildung Aapenfall: Gemeint ist das Fall, also die Leine beziehungsweise das Tau zum Heißen des Aaps oder Besanstagsegels. Diese Wortbildung zeigt, dass Aap innerhalb des historischen seemännischen Wortschatzes nicht nur als isolierter Spitzname existierte, sondern als reguläre Segelbezeichnung in weitere Fachkomposita einging. Die Schot des Segels diente wie bei anderen Schrat- und Stagsegeln dazu, den freien hinteren Segelwinkel einzustellen und die Segelfläche dem Wind entsprechend zu trimmen.
Für die ältere Fachsprache ist eine gewisse Bedeutungsbreite zu berücksichtigen. Niederländische nautische Wörterbücher erklären aap teilweise enger als Bezeichnung eines Stormbezaanstagzeils, also eines Sturm-Besanstagsegels, und kennen entsprechend stormaap. Andere niederländische und deutsche Quellen setzen Aap dagegen ohne diese Einschränkung mit dem gewöhnlichen Besanstagsegel gleich. Diese Angaben müssen nicht zwingend widersprüchlich sein. Auf verschiedenen Schiffen, in verschiedenen Epochen und lokalen Seemannssprachen konnte derselbe traditionelle Name eine bestimmte kleinere oder stärker auf Schlechtwetter zugeschnittene Form des Besanstagsegels oder allgemeiner das Besanstagsegel selbst bezeichnen.
Eine der frühesten hier sicher greifbaren deutschsprachigen lexikographischen Beschreibungen findet sich 1794 in Johann Hinrich Rödings Allgemeinem Wörterbuch der Marine. Röding stellt die entsprechenden Bezeichnungen mehrerer Seesprachen gegenüber und erklärt beim Lemma Aap, dass diesen Namen auch das Besanstagsegel führe. Als englische Entsprechung gibt er das mizen stay-sail, als französische die voile d'étay d'artimon an. Unmittelbar anschließend führt er Aapenfall als Namen des Besanstagsegel-Falls auf. Der Ausdruck war damit spätestens am Ende des 18. Jahrhunderts in der deutschsprachigen nautischen Fachlexikographie fest erfasst.
Auch die deutsche Lexikographie des 19. Jahrhunderts behielt den Ausdruck. Fach- und Konversationslexika behandeln das Besahnstagsegel oder Aap als Bestandteil der Besegelung am hinteren Mast eines großen Segelschiffes. In dieser Zeit war die Kenntnis einer großen Zahl spezialisierter Segelnamen noch praktische Notwendigkeit: Vollschiffe, Barken und andere Großsegler konnten Dutzende voneinander unterscheidbare Segel führen, und jedes benötigte eindeutige Namen für Segel, Stagen, Fallen, Schoten und sonstiges laufendes beziehungsweise stehendes Gut.
Mit dem Niedergang der kommerziellen Großsegelschifffahrt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verloren viele dieser Wörter ihre alltagssprachliche Grundlage. Aap blieb in nautischen Wörterbüchern, historischen Segelplänen, der Traditionsschifffahrt und der Fachliteratur erhalten, gehört aber heute nicht zum gewöhnlichen Wortschatz der meisten Segler. Moderne Wörterbücher kennzeichnen den Ausdruck entsprechend als fachsprachlich aus dem Bereich Schifffahrt; historische Darstellungen bezeichnen ihn häufig zusätzlich als veraltet.
Das Wort darf nicht mit dem ebenfalls niederländischen beziehungsweise niederdeutschen Tiernamen Affe als eigenständiger deutscher Tierbezeichnung verwechselt werden, obwohl gerade dieser Tiername seine etymologische Grundlage bildet. Auch die Großschreibung ist zu beachten: Als deutsches Substantiv wird Aap geschrieben. Die Aussprache lautet mit langem Anfangsvokal [aːp]. In der heutigen standardsprachlichen Wörterbuchnorm ist das Wort sächlich: das Aap, des Aaps, die Aape. In älterer nautischer Überlieferung und einzelnen Wörterbüchern begegnet daneben auch maskuliner Gebrauch; diese Schwankung ist angesichts der Herkunft aus niederländisch de aap und des fachsprachlichen Entlehnungscharakters nicht überraschend.
Lexikographisch ist Aap daher am präzisesten zu definieren als historische seemännische Bezeichnung für das kleine Besan- beziehungsweise Kreuzstagsegel am hinteren Mast eines mehrmastigen Segelschiffes. Die Kurzdefinition „kleines Stagsegel“ trifft den Kern, sollte in einer ausführlicheren Darstellung jedoch durch seine Position im achteren Rigg ergänzt werden, weil zahlreiche andere kleine Stagsegel existieren, die nicht Aap heißen.
Etymologie
Das deutsche seemännische Wort Aap ist aus dem Niederländischen übernommen. Niederländisch aap bedeutet ursprünglich und bis heute „Affe“. Die nautische Verwendung ist damit eine metaphorische Übertragung eines Tiernamens auf ein Segel. Eine deutsche Übersetzung des niederländischen Wortes lautet Affe; entsprechend findet sich auch Affe selbst als historische Nebenbezeichnung des Besanstagsegels. Das deutsche Fachwort Aap bewahrt dagegen die niederländische Laut- und Schriftform nahezu unverändert.
Diese Entlehnung passt in einen wesentlich größeren historischen Zusammenhang. Die niederländische Seefahrt besaß während der frühen Neuzeit außerordentliche wirtschaftliche und technische Bedeutung. Vom 16. bis 18. Jahrhundert standen niederländische Schiffbauer, Seeleute, Kaufleute und nautische Lehrtraditionen in intensivem Austausch mit den deutschen Nord- und Ostseegebieten. Zahlreiche niederländische beziehungsweise niederdeutsch-niederländische Seemannswörter gelangten dadurch in andere europäische Sprachen oder bestanden in einem gemeinsamen maritimen Wortschatz. Aap ist ein besonders anschauliches Beispiel, weil seine niederländische Herkunft im Deutschen noch unmittelbar sichtbar ist.
Die genaue Motivation dafür, weshalb gerade ein Besanstagsegel „Affe“ genannt wurde, ist dagegen nicht mit derselben Sicherheit festzustellen. Die verbreitete etymologische Erklärung nimmt an, dass das kleine Segel im Verhältnis zu den größeren Segeln so wirkte, als sitze oder hänge ein Affe an beziehungsweise auf der größeren Takelage. Moderne Wörterbücher geben diese Erklärung ausdrücklich nur als Möglichkeit an. Sie ist anschaulich, aber nicht durch eine bekannte historische Benennungsanekdote zweifelsfrei belegt. Die seriöse Formulierung lautet deshalb: Der Segelname stammt sicher aus niederländisch aap „Affe“; warum das Segel metaphorisch Affe genannt wurde, lässt sich nur wahrscheinlich aus seiner Position und seinem Verhältnis zu den größeren Segeln erklären.
Das niederländische Tierwort aap selbst ist alt. Es gehört zu einer germanischen Wortfamilie, zu der altsächsische, altenglische und altnordische Formen sowie deutsch Affe gehören. Altenglisch apa führte zum neuenglischen ape, altnordisch api hat nordische Entsprechungen, und althochdeutsch affo liegt dem deutschen Affe zugrunde. Für das Germanische wird eine Form vom Typ *apan-/*apō- rekonstruiert. Die noch weiter zurückreichende Herkunft dieses Affenwortes ist nicht sicher geklärt; aufgrund des ursprünglich außereuropäischen Tieres wird seit langem mit einer sehr frühen Entlehnung gerechnet, doch eine allgemein gesicherte Gebersprache lässt sich nicht angeben.
Die lautliche Beziehung niederländisch aap – deutsch Affe – englisch ape beruht deshalb auf gemeinsamer älterer germanischer Wortgeschichte. Das nautische deutsche Aap wurde aber nicht direkt aus dem deutschen Affe neugebildet. Seine niederländische Schreibgestalt zeigt eine unmittelbare beziehungsweise durch niederländische Seemannssprache vermittelte Übernahme. Die historische deutsche Nebenbezeichnung Affe kann demgegenüber als Übersetzung beziehungsweise semantische Anpassung des fremden Fachwortes verstanden werden.
Ein besonders wichtiger deutscher Beleg stammt aus 1794. Johann Hinrich Röding führt in seinem mehrsprachigen Allgemeinen Wörterbuch der Marine beim Eintrag AAP ausdrücklich die hochdeutsche Entsprechung Affe an und erklärt anschließend, dass auch das Besanstagsegel diesen Namen führe. Die Gegenüberstellung mit niederländisch Aap, dänischen und schwedischen Affenwörtern sowie englisch mizen stay-sail zeigt, dass Röding Tiername und Segelbezeichnung bewusst miteinander verband. Gleichzeitig dokumentiert sein unmittelbar folgender Eintrag AAPENFALL die Integration des Wortes in die deutsche nautische Wortbildung.
Aapenfall besteht aus Aap und Fall. Das Fall ist in der Seemannssprache ein Tau zum Heißen eines Segels beziehungsweise einer Spiere. Aapenfall bedeutet somit das Fall des Aaps, genauer das Besanstagsegel-Fall. Die Bildung ist lexikographisch besonders aussagekräftig: Ein bloß gelegentlich verwendeter scherzhafter Spitzname würde weniger leicht zum Bestimmungswort eines regulären technischen Kompositums. Ende des 18. Jahrhunderts war Aap demnach bereits hinreichend etabliert, um Teile seines laufenden Gutes zu benennen.
Im niederländischen Fachwortschatz entstanden beziehungsweise bestanden weitere Bildungen wie aapzeil „Aapsegel“ und stormaap. Letzteres bezeichnet insbesondere ein Sturm-Besanstagsegel. Die Benennung zeigt, dass der ursprüngliche Tiername innerhalb der Seemannssprache weitgehend lexicalisiert wurde: Wer von einem stormaap sprach, meinte kein Tier im Sturm, sondern eine bestimmte Segelform beziehungsweise Segelfunktion. Entsprechend konnte Aap im Deutschen verstanden werden, ohne dass Sprecher bei jedem Gebrauch bewusst an einen Affenvergleich denken mussten.
Auch die Bedeutungsentsprechungen in anderen Sprachen zeigen, dass Aap kein international identischer Segelname war. Englisch heißt das entsprechende Segel mizzen staysail, französisch voile d'étai d'artimon. Diese Bezeichnungen benennen das Segel sachlich nach seinem Mast und seinem Stag, während niederländisch aap eine bildhafte traditionelle Seemannsbezeichnung verwendet. Deutsch besaß beide Möglichkeiten nebeneinander: das transparente Fachkompositum Besanstagsegel und das entlehnte bildhafte Wort Aap.
Der Ausdruck Kreuzstagsegel erklärt dieselbe Segelposition aus einer anderen deutschen Mastterminologie. Auf einem Vollschiff heißt der hinterste Mast Kreuzmast; entsprechend lassen sich dort verschiedene Segel mit Kreuz- benennen. Besanstagsegel, Kreuzstagsegel und Aap können daher in älteren Beschreibungen auf dasselbe oder sehr eng entsprechende Segel verweisen, obwohl ihre Wortbildungsprinzipien vollständig verschieden sind.
Die Genusgeschichte zeigt ebenfalls den Charakter einer Entlehnung. Niederländisch de aap ist grammatisch ein maskulines beziehungsweise gemeinsames Genuswort. In älterem deutschen Fachgebrauch begegnet entsprechend der Aap. Die heutige standardsprachliche Wörterbuchnorm setzt dagegen das Aap an, wohl unter dem Einfluss des sachlichen Oberbegriffs das Segel beziehungsweise der fachsprachlichen Lexikalisierung. Für einen modernen deutschen Lexikoneintrag ist daher das Aap als Hauptform anzusetzen, während historischer maskuliner Gebrauch erwähnt werden kann.
Die etymologische Entwicklung lässt sich somit zusammenfassen: germanischer Tiername vom Typ *apan- → niederländisch aap „Affe“ → metaphorische niederländische Seemannsbezeichnung aap für das Besanstagsegel beziehungsweise eine entsprechende kleinere Form dieses Stagsegels → Entlehnung in die deutsche nautische Fachsprache als Aap. Die genaue Bildmotivation ist nicht vollständig gesichert; wahrscheinlich wurde die Lage des kleinen Segels im Verhältnis zu größeren Segeln mit einem Affen verglichen, der an beziehungsweise auf etwas sitzt. Im Deutschen ist der nautische Ausdruck spätestens 1794 sicher lexikographisch belegt und blieb über das 19. Jahrhundert hinweg als Synonym von Besanstagsegel beziehungsweise Kreuzstagsegel in Gebrauch.