Aalkraut
Lexikon
Aalkraut ist eine vor allem norddeutsche, niederdeutsche und historische Bezeichnung mit mehreren miteinander verbundenen Bedeutungen. Das Wort bezeichnet nicht eindeutig eine einzige botanische Art. Besonders wichtig sind zwei Hauptverwendungen: Zum einen bezeichnet Aalkraut beziehungsweise niederdeutsch Aalkruut ein Kraut oder häufiger eine Mischung verschiedener Gewürzkräuter, die zum Würzen von Aalsuppe und anderen Aalgerichten verwendet werden. Zum anderen kann das Wort regional eine Wasserpflanze beziehungsweise einen Wasserpflanzenbestand bezeichnen, in dessen Nähe sich Aale bevorzugt aufhalten. Je nach Landschaft, Quelle und Epoche können deshalb völlig verschiedene Pflanzen mit dem Namen Aalkraut verbunden sein.
Das Substantiv ist sächlich: das Aalkraut, Genitiv des Aalkrauts beziehungsweise des Aalkrautes. Als Plural ist die Aalkräuter möglich und besonders dann sinnvoll, wenn mehrere verschiedene Gewürzkräuter gemeint sind. Die Worttrennung lautet Aal|kraut, die Aussprache ungefähr [ˈaːlˌkʁaʊ̯t]. Niederdeutsch begegnen Formen wie Aalkruut beziehungsweise regional ähnliche Schreibungen.
Morphologisch ist Aalkraut ein substantivisches Determinativkompositum aus Aal und Kraut. Seine Bedeutung lässt sich jedoch nicht allein aus der Wortform erschließen, weil die Beziehung zwischen beiden Bestandteilen historisch unterschiedlich interpretiert wurde. In der kulinarischen Bedeutung handelt es sich sinngemäß um „Kraut für Aal beziehungsweise Aalsuppe“; in der wasserbotanischen Bedeutung dagegen um „Kraut, bei dem sich Aale aufhalten“.
Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen weist ausdrücklich auf diese beiden Deutungen hin. Es beschreibt das besonders auf niederdeutschem Boden verbreitete Aalkraut beziehungsweise Aalkrūd einerseits als Wassergewächs, in dessen Nähe der Aal sich gern aufhält, und andererseits – sogar häufiger – als Gewürzpflanze, die zum Würzen der Aalsuppe dient. Diese Zweiteilung ist für eine präzise lexikographische Behandlung grundlegend.
In der kulinarischen Hauptbedeutung bezeichnet Aalkraut daher nicht notwendigerweise eine einzelne Pflanze. In norddeutschen Rezepten kann Aalkruut vielmehr eine wechselnde Mischung aromatischer Küchenkräuter sein. Zu den besonders häufig genannten Bestandteilen gehören Petersilie, Thymian, Majoran, Salbei und Bohnenkraut. Daneben können je nach Rezept Basilikum, Estragon, Portulak, Sellerieblätter, Kerbel, Minze, Dill, Zitronenmelisse, Sauerampfer, Tripmadam und weitere Kräuter hinzukommen.
Die Bedeutung lässt sich deshalb als verkürzte Bildung aus einem gedanklichen *Aalsuppenkraut verstehen. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen weist ausdrücklich darauf hin, dass die Verwendung sinngemäß einem dreigliedrigen Kompositum Aal[suppen]kraut entspricht. Das Wort bezeichnet also nicht eine botanische Verwandtschaft, sondern eine kulinarische Funktion.
Gerade in Hamburg und Schleswig-Holstein gehört Aalkruut zum traditionellen Wortschatz der Aalsuppe. Das plattdeutsche Wörterbuch für Hamburg gibt als Bedeutung schlicht „Kräuter zum Würzen der Aalsuppe“ an. Damit wird deutlich, dass die Sammelbedeutung regional selbständiger und ursprünglicher sein kann als die Gleichsetzung mit einer einzelnen Gewürzpflanze.
Die Zusammensetzung eines solchen Kräuterbundes war keineswegs streng normiert. Eine Untersuchung des Botanischen Vereins zu Hamburg über historische Rezepte der Hamburger Aalsuppe von 1788 bis 1997 zeigt erhebliche Variationen. Besonders häufig erscheinen Thymian, Majoran, Petersilie, Salbei und Bohnenkraut, doch auch Basilikum, Estragon, Portulak, Lorbeer und zahlreiche weitere Kräuter treten auf.
Diese Rezeptgeschichte widerlegt die Vorstellung, ein traditionelles Aalkraut müsse botanisch stets dieselbe Pflanze sein. Vielmehr war Aalkraut in vielen Küchen ein Funktionsname für ein Kräuterensemble. Welche Pflanzen dazugehören, hing von Jahreszeit, lokaler Verfügbarkeit, Haushaltstradition und persönlichem Geschmack ab.
In diesem Sinn ähnelt Aalkraut Bezeichnungen wie Suppengrün oder Kräuterbund: Der Name bezeichnet einen kulinarischen Zweck und nicht zwingend eine taxonomisch definierte Pflanzenart. Ein „Bund Aalkraut“ konnte daher mehrere Kräuter enthalten, deren Zusammensetzung von Markt zu Markt und Rezept zu Rezept schwankte.
Historische Hamburger und holsteinische Gärtnereien konnten solche Kräutermischungen offenbar gezielt für die Küche liefern. Regionale Darstellungen berichten von Aalkräutern beziehungsweise Oolkruut-Bunden, die insbesondere aus den gartenbaulich intensiv genutzten Gebieten der Lüneburger Heide und der Vierlande nach Hamburg gelangten. Damit war Aalkraut nicht nur ein Rezeptbegriff, sondern teilweise auch eine handelbare Küchenware.
Die traditionelle Kräutermischung erfüllte zugleich eine sensorische Funktion. Aalsuppe ist ein reichhaltiges Gericht mit Fleischbrühe, Schinkenknochen, Aal, Gemüse, häufig Backobst und weiteren Zutaten. Aromatische Kräuter geben der süß-säuerlichen und fettreichen Suppe eine kräftige würzige Komponente und bilden einen geschmacklichen Gegenpol zu Fischfett, Fleischbrühe und Süße.
Unter den häufigen Bestandteilen besitzt Bohnenkraut eine besonders enge Beziehung zum Wort Aalkraut. Moderne Kräuter- und Phytotherapienachschlagewerke führen Aalkraut ausdrücklich als volkstümlichen Namen des Sommer-Bohnenkrauts Satureja hortensis. Auch gastronomische Wörterbücher setzen Aalkraut in einer Bedeutung mit Bohnenkraut gleich und unterscheiden daneben die Bedeutung „Kräutermischung“.
Damit besitzt das Wort eine lexikalische Doppelstruktur: Aalkraut kann sowohl ein einzelnes Kraut – besonders Bohnenkraut – als auch eine Mischung mehrerer Kräuter bezeichnen. Welche Bedeutung gemeint ist, muss dem jeweiligen Kontext entnommen werden.
Das Sommer-Bohnenkraut Satureja hortensis gehört zur Familie der Lippenblütler, den Lamiaceae. Nach der aktuellen botanischen Referenz Plants of the World Online ist Satureja hortensis eine anerkannte Art; ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet reicht von Südosteuropa bis nach Kasachstan und in den nordwestlichen Iran. Die einjährige aromatische Pflanze wird seit langer Zeit als Gewürzkraut kultiviert.
Bohnenkraut besitzt einen kräftigen, würzigen, leicht pfeffrigen Geschmack. Zu seinen aromatischen Bestandteilen gehören unter anderem ätherische Öle mit Carvacrol und weiteren Terpenverbindungen. Gerade diese intensive Würze erklärt, weshalb das Kraut nicht nur zu Bohnen, sondern auch zu Fleisch, Wurst und Fischgerichten verwendet wurde und Namen wie Pfefferkraut, Wurstkraut und eben Aalkraut erhalten konnte.
Der Pflanzenname Aalkraut ist deshalb bei Satureja hortensis ein typisches Beispiel für einen verwendungsbezogenen Volksnamen. Die Pflanze heißt nicht so, weil sie biologisch mit dem Aal verbunden wäre, sondern weil sie traditionell beim Würzen von Aal beziehungsweise Aalsuppe eingesetzt wurde.
Eine ältere pharmazeutische Synonymensammlung führt Aalkraut entsprechend unter anderem als Bezeichnung für Herba Saturejae, also Bohnenkraut. Dass daneben weitere Pflanzendrogen unter dem Namen erscheinen können, zeigt erneut, dass historische Volksnamen nicht die Eindeutigkeit moderner botanischer Nomenklatur besitzen.
Auch Ysop wurde in einzelnen Quellen mit Aalkraut in Verbindung gebracht. Eine historische Untersuchung der Hamburger Aalsuppenküche stellt fest, dass Ysop in älterer Literatur unter „Aalkraut“ subsumiert wurde beziehungsweise als Bestandteil der Aalsuppe genannt werden konnte, obwohl er in der dort untersuchten Rezeptserie nicht als häufiges selbständiges Aalsuppenkraut auftrat.
Dies zeigt ein allgemeines Problem volksbotanischer Namen: Ein Name kann in einer Region eine bestimmte Pflanzenart, in einer anderen einen funktionellen Sammelbegriff und in einer dritten eine anders zusammengesetzte Kräutermischung bezeichnen. Aalkraut sollte daher niemals ohne Quellenkontext automatisch in einen einzigen wissenschaftlichen Pflanzennamen übersetzt werden.
Auch moderne populäre Pflanzenquellen verwenden den Namen gelegentlich für weitere Lippenblütler. So wird Wasserminze (Mentha aquatica) vereinzelt als Aalkraut bezeichnet und mit der Verwendung beim Würzen beziehungsweise Räuchern von Aal erklärt. Andere populäre Quellen nennen sogar Oregano. Solche Benennungen sind als regionale oder volkstümliche Verwendungen zu behandeln, nicht als allgemeinverbindliche botanische Synonyme.
Mentha aquatica selbst ist eine klar definierte botanische Art der Lamiaceae. Plants of the World Online führt sie als anerkannte mehrjährige Art mit natürlichem Verbreitungsgebiet von Afrika und Europa bis nach Westasien und Zentral-Sibirien. Die Tatsache, dass sie gelegentlich volkstümlich Aalkraut genannt wird, verändert ihre botanische Identität selbstverständlich nicht.
Die zweite große Bedeutungsgruppe von Aalkraut hat dagegen mit Küche und Gewürzen zunächst nichts zu tun. In nord- und westdeutschen Regionalwörterbüchern bezeichnet Aalkraut auch Wasserpflanzen, zwischen beziehungsweise bei denen sich Aale aufhalten.
Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen nennt hierfür insbesondere Schwimmendes Laichkraut beziehungsweise Pflanzen der Gattung Potamogeton und verweist auf entsprechende westfälische, niedersächsische und lüneburgische Wörterbuchbelege. In einzelnen historischen Glossaren begegnet daneben die Bezeichnung „Wasserpest“, wobei diese historische volkstümliche Benennung nicht ohne weiteres mit einer bestimmten modernen Art der Gattung Elodea gleichgesetzt werden darf.
Die Motivation dieses Wasserpflanzennamens unterscheidet sich grundsätzlich von der kulinarischen Bedeutung. Hier heißt die Pflanze Aalkraut, weil der Aal in beziehungsweise bei ihrem Bestand vorkommt. Das Bestimmungswort Aal bezeichnet also nicht den Verwendungszweck, sondern eine ökologische beziehungsweise fischereilich wahrgenommene Beziehung.
Historische Fischer beobachteten Aale besonders in strukturreichen Ufer- und Pflanzenzonen. Dichte Wasserpflanzen bieten Deckung, Nahrungshabitate und einen komplex gegliederten Lebensraum. Dass bestimmte Pflanzenbestände im volkstümlichen Fischereiwortschatz nach dem Aal benannt wurden, ist deshalb ökologisch nachvollziehbar.
Zu den Pflanzen, auf die solche Bezeichnungen bezogen werden konnten, gehören insbesondere Laichkräuter der Gattung Potamogeton. Diese Gattung umfasst zahlreiche echte Wasserpflanzen. Potamogeton natans, das Schwimmende Laichkraut, ist beispielsweise eine anerkannte Art der Familie Potamogetonaceae und in großen Teilen der gemäßigten und subtropischen Nordhalbkugel verbreitet.
Schwimmendes Laichkraut wurzelt im Gewässergrund und bildet charakteristische Schwimmblätter an der Wasseroberfläche. Solche Bestände strukturieren flache Gewässerbereiche und können Fischen, Wirbellosen und anderen Wasserorganismen Deckung und Lebensraum bieten. Der historische Name Aalkraut bezeichnet dabei weniger die botanische Art als die fischereiliche Wahrnehmung des Pflanzenbestandes.
Eine Hamburger Zeitungsquelle aus dem Jahr 1867 erwähnt ebenfalls ein älteres, von Schiffern „Aalkraut“ genanntes Gewächs der Alster. Der Bericht unterscheidet dieses ältere Aalkraut von einem damals auffälligen, stark wuchernden neuen Wassergewächs. Solche Zeugnisse belegen, dass Aalkraut in Norddeutschland tatsächlich als Wasserpflanzenname im lebendigen lokalen Wortschatz vorkam.
Die Wasserpflanzenbedeutung ist vermutlich älter und stärker naturraumbezogen als die heute bekanntere gastronomische Verwendung. Bereits mittelalterliche beziehungsweise mittelniederdeutsche Wortformen stehen nach etymologischer Forschung möglicherweise in derselben Bedeutungsfamilie. Das Etymologische Wörterbuch vergleicht insbesondere das selten überlieferte âlwurz beziehungsweise niederdeutsche ālwort mit dem viel besser belegten Aalkraut.
Das mittelhochdeutsche âlwurz ist allerdings textgeschichtlich schwierig. Es ist nur äußerst selten belegt und wurde in mittelalterlichen Glossaren verschiedenen lateinischen Pflanzennamen zugeordnet. Eine einfache Gleichsetzung dieses einzelnen mittelalterlichen Belegs mit einer modernen Pflanzenart wäre deshalb nicht gerechtfertigt.
Die etymologische Forschung sieht dennoch eine semantische Nähe zu dem später gut dokumentierten norddeutschen Aalkraut: einer Pflanze, die entweder mit dem Lebensraum des Aals verbunden oder für dessen kulinarische Zubereitung genutzt wird. Damit gehört Aalkraut zu einem sehr alten Typ volkskundlicher Pflanzennamen, bei dem Tiere als Bestimmungswörter auftreten.
Solche Tier-Pflanzen-Komposita können sehr unterschiedliche Beziehungen ausdrücken. Ein Tiername kann anzeigen, dass eine Pflanze von dem Tier gefressen wird, dass es sich dort versteckt, dass die Pflanze äußerlich an das Tier erinnert, dass sie zur Behandlung eines Tierleidens benutzt wurde oder dass sie bei der Zubereitung des Tieres Verwendung findet. Bei Aalkraut sind mindestens zwei dieser Beziehungstypen tatsächlich historisch belegt.
Deshalb wäre die pauschale Erklärung „Aalkraut heißt so, weil Aale darin leben“ ebenso unvollständig wie die Erklärung „Aalkraut ist Bohnenkraut“. Beide Aussagen können in bestimmten Quellen richtig sein, erfassen jedoch nicht das gesamte historische Bedeutungsspektrum.
Für die norddeutsche Küchengeschichte ist besonders die Form Aalkruut wichtig. Sie gehört zum niederdeutschen Wortschatz und erscheint bis heute in Darstellungen und Rezepten der Hamburger Aalsuppe. Dabei wird häufig ausdrücklich eine Mischung mehrerer frischer Kräuter gemeint.
Eine typische moderne Zusammenstellung kann etwa Thymian, Majoran, Petersilie, Salbei und Bohnenkraut enthalten. Andere Rezepttraditionen ergänzen Basilikum, Estragon oder Dill. Ein unveränderliches „Originalrezept“ lässt sich aus der historischen Überlieferung nicht ableiten.
Die Untersuchung des Botanischen Vereins zu Hamburg macht die Variabilität besonders deutlich. In den ausgewerteten Rezepten von 1788 bis 1997 wurde Thymian am häufigsten genannt, gefolgt von Majoran und Petersilie; Salbei und Bohnenkraut waren ebenfalls sehr verbreitet. Basilikum, Estragon und Portulak kamen etwas seltener vor, daneben zahlreiche weitere Einzelkräuter.
Dadurch unterscheidet sich Aalkraut beispielsweise von einer streng standardisierten Gewürzmischung mit vorgeschriebenen Mengenverhältnissen. Historisches Aalkruut war eher eine traditionell definierte Kategorie aromatischer Kräuter, aus der entsprechend der verfügbaren Pflanzen ausgewählt wurde.
Das erklärt auch, warum manche Wörterbücher den Singular Aalkraut verwenden, obwohl mehrere Pflanzen gemeinsam gemeint sein können. Das Grundwort Kraut kann kollektiv verwendet werden; ähnlich bezeichnet Grünzeug eine Menge verschiedener pflanzlicher Bestandteile.
Daneben ist der Plural Aalkräuter besonders geeignet, wenn die einzelnen Gewürzpflanzen hervorgehoben werden. Moderne kulturhistorische Texte sprechen entsprechend von „Aalkräutern“, wenn Thymian, Majoran, Salbei, Petersilie, Bohnenkraut und weitere Arten gemeinsam behandelt werden.
Die enge Verbindung zur Aalsuppe erklärt zugleich, warum das Wort außerhalb Norddeutschlands wesentlich weniger bekannt ist. Die Hamburger beziehungsweise holsteinische Aalsuppentradition bildet den kulturellen Kern seiner kulinarischen Verwendung. In Regionen ohne entsprechende Suppen- und Fischereitradition bestand weniger Bedarf für eine solche besondere Kräuterbezeichnung.
Die Hamburger Aalsuppe besitzt selbst eine komplexe Rezeptgeschichte. Bereits aus dem 18. Jahrhundert sind schriftliche Belege bekannt. Entgegen einer verbreiteten modernen Legende ist der Name nicht überzeugend aus niederdeutsch allens rinkümmt „alles kommt hinein“ abzuleiten; historische Aalsuppen enthielten tatsächlich Aal. Das Aalkruut gehört zu den für dieses Gericht besonders charakteristischen Bestandteilen.
Aalkraut kann dabei sowohl während des Kochens zugesetzt als auch als aromatischer Kräuterbestandteil gegen Ende der Zubereitung verwendet werden. Historische Rezepte unterscheiden sich erheblich in der Behandlung der Kräuter. Manche kochen einen Teil als Bund mit, andere hacken frische Kräuter fein und geben sie später in die Suppe.
Eine historische Rezeptsammlung nennt beispielsweise neben einem „Bund Aalkraut“ später nochmals fein gehackte Petersilie, Majoran, Estragon und Sellerieblätter. Dies zeigt, dass Aalkraut im konkreten historischen Rezept möglicherweise selbst eine bereits bekannte, nicht weiter aufgeschlüsselte Kräutermischung bezeichnete, zu der zusätzlich weitere aromatische Pflanzen kommen konnten.
Die Gleichsetzung Aalkraut = Bohnenkraut ist daher nur eine der überlieferten Bedeutungen. Sie ist besonders in Kräuter-, Küchen- und pharmazeutischen Nachschlagewerken belegt. Für ein historisches Hamburger Rezept darf jedoch nicht automatisch angenommen werden, dass mit „ein Bund Aalkraut“ ausschließlich Satureja hortensis gemeint sei.
Ebenso problematisch wäre es, aus einem botanischen Regionalwörterbuch die Wasserpflanzenbedeutung auf ein Kochbuch zu übertragen. Ein Kochrezept fordert selbstverständlich kein Schwimmendes Laichkraut aus einem Teich, nur weil dieselbe Wortform in einer anderen Landschaft einen Wasserpflanzenbestand bezeichnet.
Aalkraut ist damit ein besonders anschauliches Beispiel für Polysemie innerhalb des volkstümlichen Pflanzenwortschatzes. Dieselbe Laut- und Schriftform bezeichnet mehrere durch den Aal motivierte Pflanzenkonzepte, die sachlich deutlich voneinander getrennt werden müssen.
Für botanische Bestimmungsarbeiten ist der Name deshalb ungeeignet. Wer eine als „Aalkraut“ bezeichnete historische Pflanze wissenschaftlich identifizieren möchte, muss mindestens Region, Zeit, Quelle und Verwendung kennen. Ein norddeutsches Kochbuch, ein westfälisches Pflanzenwörterbuch und eine historische Hamburger Gewässerbeschreibung können mit demselben Namen Verschiedenes meinen.
Dies entspricht einem allgemeinen Grundsatz der Ethnobotanik: Volksnamen sind keine wissenschaftlichen Taxonnamen. Sie entstehen aus Nutzung, Aussehen, Lebensraum, Kulturgeschichte und Dialekt und können sich überlappen. Die binäre botanische Nomenklatur versucht dagegen gerade, jeder Art einen international eindeutigen wissenschaftlichen Namen zuzuweisen.
So ist Satureja hortensis botanisch eindeutig Sommer-Bohnenkraut, unabhängig davon, ob es regional zusätzlich Aalkraut, Pfefferkraut oder Wurstkraut heißt. Mentha aquatica bleibt Wasserminze, auch wenn einzelne populäre Quellen sie Aalkraut nennen. Und Potamogeton natans bleibt Schwimmendes Laichkraut, selbst wenn historische Fischer für entsprechende Wasserpflanzenbestände denselben Volksnamen verwendeten.
Auch bei Übersetzungen ist deshalb Vorsicht erforderlich. Das englische Wort eelgrass darf nicht als pauschale Übersetzung von Aalkraut verwendet werden. Eelgrass bezeichnet im modernen Englischen vor allem Seegräser der Gattung Zostera, insbesondere Zostera marina. Diese marine Pflanze ist mit dem historischen deutschen Aalkraut nicht automatisch identisch.
Eine Übersetzung muss stattdessen nach Bedeutung differenzieren: Für das norddeutsche Küchenwort sind Ausdrücke wie eel-soup herbs oder mixed herbs for eel soup sachgerecht; für die spezielle Bedeutung Bohnenkraut summer savory; für eine als Aalkraut bezeichnete Potamogeton-Art pondweed. Das deutsche Polysem lässt sich daher nicht durch ein einziges englisches Wort decken.
In der heutigen Standardsprache ist Aalkraut insgesamt selten. Das Wort lebt vor allem in regionaler Küchensprache, gastronomischer Literatur, Dialektwörterbüchern, historischen Pflanzenwörterbüchern und der Kulturgeschichte Norddeutschlands fort. In gewöhnlichen botanischen Texten werden stattdessen die eindeutigen Pflanzennamen verwendet.
Die kulinarische Bedeutung besitzt dabei heute die größte öffentliche Sichtbarkeit. Wer gegenwärtig in Hamburg oder Norddeutschland von Aalkruut spricht, meint in der Regel eher die Kräuter für Aalsuppe als eine Wasserpflanze. Die historische Wasserpflanzenbedeutung ist dagegen vor allem lexikographisch und dialektologisch interessant.
Die Wortgeschichte lässt sich deshalb als Verbindung zweier norddeutscher Lebensbereiche verstehen: Fischerei und Küche. Im Gewässer konnte das Aalkraut ein Pflanzenbestand sein, bei dem Fischer Aale erwarteten; in der Küche konnte Aalkraut jene Pflanzen bezeichnen, mit denen der gefangene Aal beziehungsweise seine Suppe gewürzt wurde.
Gerade diese doppelte Beziehung macht das Wort kulturgeschichtlich bemerkenswert. Es zeigt, wie eng traditionelle Pflanzenbezeichnungen mit alltäglicher Naturbeobachtung und regionaler Ernährung verbunden sein können. Ein moderner wissenschaftlicher Pflanzenname beschreibt taxonomische Zugehörigkeit; Aalkraut beschreibt dagegen eine menschlich wahrgenommene Beziehung zwischen Pflanze und Aal.
Eine präzise moderne Lexikondefinition lautet daher: Aalkraut ist eine vor allem norddeutsche und historische Bezeichnung für Kräuter zum Würzen von Aal beziehungsweise Aalsuppe, insbesondere auch für Bohnenkraut und regional für wechselnde Kräutermischungen; daneben bezeichnet das Wort regional Wasserpflanzen, insbesondere Laichkräuter, in deren Beständen sich Aale aufhalten. Es handelt sich nicht um einen eindeutigen botanischen Artnamen.
Übersetzungen
Englisch: je nach Bedeutung eel-soup herbs beziehungsweise mixed herbs for eel soup – Aalkraut als Kräutermischung; summer savory – Aalkraut im Sinn von Satureja hortensis; pondweed – bei historischen Belegen für Potamogeton. Eelgrass ist keine allgemeine Übersetzung, da dieses Wort gewöhnlich Arten der Gattung Zostera bezeichnet.
Französisch: herbes pour soupe à l’anguille – Kräutermischung für Aalsuppe; sarriette annuelle beziehungsweise sarriette des jardins – Sommer-Bohnenkraut; potamot – Laichkraut bei der wasserbotanischen Bedeutung.
Italienisch: erbe per la zuppa d’anguilla – Kräuter für Aalsuppe; santoreggia estiva beziehungsweise santoreggia annuale – Sommer-Bohnenkraut; potamogeto – Laichkraut.
Spanisch: hierbas para sopa de anguila – Kräuter für Aalsuppe; ajedrea de jardín beziehungsweise ajedrea anual – Sommer-Bohnenkraut; potamogeton beziehungsweise eine entsprechende Bezeichnung für Laichkraut bei der Wasserpflanzenbedeutung.
Portugiesisch: ervas para sopa de enguia – Kräuter für Aalsuppe; segurelha – Bohnenkraut; für Potamogeton ist eine botanische, artspezifische Übersetzung vorzuziehen.
Niederländisch: kruiden voor palingsoep beziehungsweise kruidenmengsel voor palingsoep – Aalsuppenkräuter; bonenkruid – Bohnenkraut; fonteinkruid – Laichkraut beziehungsweise Potamogeton.
Dänisch: krydderurter til ålesuppe – Kräuter für Aalsuppe; sommer-sar – Sommer-Bohnenkraut; bei Potamogeton entsprechend die dänische Bezeichnung für Vandaks.
Schwedisch: örter till ålsoppa – Kräuter für Aalsuppe; sommarkyndel – Sommer-Bohnenkraut; nate – verschiedene Laichkräuter der Gattung Potamogeton.
Norwegisch Bokmål: urter til ålesuppe – Kräuter für Aalsuppe; sommer-sar beziehungsweise eine entsprechende Bezeichnung für Bohnenkraut; für die wasserbotanische Bedeutung ist der konkrete Pflanzenname zu übersetzen.
Polnisch: zioła do zupy z węgorza – Kräuter für Aalsuppe; cząber ogrodowy – Sommer-Bohnenkraut; rdestnica – Laichkraut beziehungsweise Arten der Gattung Potamogeton.
Ungarisch: angolnaleveshez való fűszernövények – Kräuter für Aalsuppe; borsikafű – Bohnenkraut; bei der Wasserpflanzenbedeutung ist die konkrete Potamogeton-Art zu bestimmen.
Tschechisch: bylinky do úhoří polévky – Kräuter für Aalsuppe; saturejka zahradní – Sommer-Bohnenkraut; rdest – Laichkraut.
Lateinisch: wegen der unterschiedlichen Bedeutungen kein einheitliches Äquivalent. Für Bohnenkraut ist botanisch Satureja hortensis eindeutig; für Laichkräuter Potamogeton. Die kulinarische Sammelbedeutung müsste beschreibend etwa als herbae ad ius anguillarum condiendum „Kräuter zum Würzen einer Aalsuppe“ wiedergegeben werden.
Altgriechisch: kein einheitliches historisches Äquivalent, da das deutsche Wort mehrere botanisch verschiedene Pflanzen und eine regionale Kräutermischung bezeichnet. Eine Übersetzung muss nach dem jeweiligen Sachbezug erfolgen.
Bei Übersetzungen ist daher immer zuerst festzustellen, welche Bedeutung gemeint ist. Aalkraut als Gewürzmischung, Aalkraut als Bohnenkraut und Aalkraut als Wasserpflanze erfordern unterschiedliche fremdsprachige Entsprechungen.
Web-links
Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – âlwurz und Aalkraut – zentrale sprachgeschichtliche Quelle zu den beiden Hauptbedeutungen von Aalkraut: Wasserpflanze beim Aufenthaltsraum des Aals und Kraut zum Würzen der Aalsuppe.
Botanischer Verein zu Hamburg – Zur Pflanzenwelt der Hamburger Küche – ausführliche Untersuchung historischer Hamburger Aalsuppenrezepte und der wechselnden Zusammensetzung von Aalkruut mit Thymian, Majoran, Petersilie, Salbei, Bohnenkraut und zahlreichen weiteren Kräutern.
ZOBODAT – Berichte des Botanischen Vereins zu Hamburg, Band 19 – alternative digitale Fassung der Untersuchung zur Kräutergeschichte der Hamburger Aalsuppe.
Altmeyers Enzyklopädie – Bohnenkraut – führt Aalkraut als volkstümliches Synonym des Sommer-Bohnenkrauts Satureja hortensis und beschreibt Pflanze und Inhaltsstoffe.
Plants of the World Online – Satureja hortensis – aktuelle taxonomische Referenz für das Sommer-Bohnenkraut, das in einer Bedeutung Aalkraut genannt wird.
Plants of the World Online – Potamogeton natans – aktuelle botanische Referenz zum Schwimmenden Laichkraut, das zum historischen wasserbotanischen Bedeutungsfeld von Aalkraut gehört.
Plants of the World Online – Mentha aquatica – aktuelle taxonomische Referenz zur Wasserminze, die in einzelnen modernen volkstümlichen Quellen ebenfalls Aalkraut genannt wird.
Plattdeutsch-Hochdeutsch – Aalkruut – Hamburger Regionalbeleg für Aalkruut als Kräuter zum Würzen der Aalsuppe.
Fisch Kathmann – Hamburger Aalsuppe – Rezeptbeispiel mit Aalkruut als variabler Mischung zahlreicher aromatischer Kräuter.
Lechfischereiverein Augsburg – Fischküche – Rezeptbeispiel einer Hamburger Aalsuppe mit Basilikum, Estragon, Majoran, Thymian, Salbei und Petersilie als Aalkraut.
Amt Marne-Nordsee – Historische Rezeptsammlung – enthält ein überliefertes Rezept für Hamburger Aalsuppe mit „Bund Aalkraut“ und zusätzlichen Kräutern und dokumentiert damit die ältere kulinarische Verwendung.
NOAA Fisheries – Eelgrass – botanische Abgrenzung des englischen Wortes eelgrass, das überwiegend Seegräser der Gattung Zostera bezeichnet und daher keine pauschale Übersetzung des deutschen Aalkraut ist.