Aalbastard
Lexikon
Aalbastard ist eine historische deutsche Bezeichnung für einen Schlangenfisch, insbesondere für einen aalähnlich langgestreckten Meeresfisch aus der Verwandtschaft der heutigen Familie Ophidiidae. In älteren Wörterbüchern wird Aalbastard unmittelbar mit Schlangenfisch gleichgesetzt; eine spätere sprachwissenschaftliche Quelle stellt das Wort außerdem neben Bartmännchen. Im engeren Zusammenhang ist damit besonders Ophidion barbatum gemeint, eine im östlichen Atlantik und im Mittelmeer vorkommende Art der Gattung Ophidion. Die Bezeichnung ist heute weitgehend veraltet und gehört vor allem in die Geschichte deutscher Tiernamen und zoologischer Terminologie.
Entscheidend ist zunächst eine Abgrenzung, die sich aus dem modernen Verständnis des Wortes Bastard nicht von selbst ergibt: Ein Aalbastard ist kein biologischer Bastard aus zwei Aalarten und überhaupt kein nachgewiesener Hybrid. Das Hinterglied Bastard wurde in älteren Tiernamen nicht ausschließlich für tatsächlich durch Kreuzung entstandene Individuen verwendet. Es konnte auch ein Tier bezeichnen, das einem bekannten Tier äußerlich ähnelt, ihm aber nach damaligem Verständnis nicht vollständig entspricht beziehungsweise gewissermaßen als „unechter“ Vertreter dieses Erscheinungstyps aufgefasst wurde. Beim Aalbastard bezieht sich die Benennung auf die auffällige äußere Ähnlichkeit mit einem Aal: langgestreckter Körper, schlangenartige Gesamtgestalt und eine schwimmende beziehungsweise schlängelnde Fortbewegungsform. Zoologisch handelt es sich jedoch nicht um einen echten Aal im engeren systematischen Sinn.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil der Name sonst zu einer falschen biologischen Schlussfolgerung verleitet. Das Wort könnte synchron als „Bastard eines Aals“ interpretiert werden und damit den Eindruck erwecken, der Fisch sei aus einer Kreuzung des Aals mit einer anderen Art hervorgegangen. Für die historische lexikalisierte Bedeutung gibt es dafür keinen Anhaltspunkt. Aalbastard ist vielmehr ein Trivialname beziehungsweise volkssprachlich-zoologischer Name nach äußerer Ähnlichkeit.
Ein eindeutiger Wörterbuchbeleg liegt für 1857 vor. Pierers Universal-Lexikon erklärt knapp: „Aalbastard, so v. w. Schlangenfisch.“ Die Abkürzung bedeutet „so viel wie“; Aalbastard wird dort also unmittelbar als Synonym von Schlangenfisch behandelt. Der Beleg ist lexikographisch besonders wertvoll, weil er keinen hypothetischen Kreuzungscharakter erwähnt, sondern das Wort direkt einer bestimmten historischen Fischbezeichnung zuordnet.
Was Pierer unter Schlangenfischen verstand, lässt sich aus demselben Lexikon näher bestimmen. Die damalige zoologische Gruppe wurde unter der Bezeichnung Ophioïdes behandelt und umfasste mehrere langgestreckte Fischformen. Innerhalb dieser Gruppe wurde die Gattung Ophidium als eigentlicher Schlangenfisch beschrieben. Kennzeichnend waren ein langgestreckter, seitlich zusammengedrückter Körper und Flossenverhältnisse, die dem Tier einen aalartigen Gesamteindruck verliehen.
Als konkrete Art nennt Pierer den bärtigen Schlangenfisch Ophidium barbatum, für den zugleich die deutschen beziehungsweise europäischen Namen Bartmännchen und Donzelle angegeben werden. Die heutige wissenschaftliche Bezeichnung lautet Ophidion barbatum Linnaeus, 1758. Damit lässt sich die historische Bezeichnung Aalbastard zumindest in einem wesentlichen Teil ihrer Verwendung mit dieser Art beziehungsweise mit der näheren Ophidion-Verwandtschaft verbinden.
Eine Quelle von 1939 bestätigt diese Verbindung aus sprachwissenschaftlicher Perspektive. In einer Untersuchung zur galloromanischen Wortfamilie um domnicella beziehungsweise donzelle werden nebeneinander die Bezeichnungen don'cella, Aalbastard, Schlangenfisch, Bartmännchen aufgeführt. Die historische deutsche Bezeichnung Aalbastard steht damit ausdrücklich in einem Namensfeld, das zu dem Fisch führt, der heute als Bartmännchen beziehungsweise wissenschaftlich als Ophidion barbatum bezeichnet wird.
Dennoch sollte Aalbastard nicht vorschnell ausschließlich mit einer einzigen modernen Art gleichgesetzt werden. Der ältere Ausdruck Schlangenfisch war taxonomisch weniger scharf umrissen als eine heutige wissenschaftliche Artbezeichnung. Die zoologischen Klassifikationen des 19. Jahrhunderts unterschieden und gruppierten langgestreckte Fische teilweise anders als die heutige Systematik. Wenn eine historische Quelle lediglich Aalbastard = Schlangenfisch angibt, ist deshalb zunächst die historische Gruppe gemeint; nur in einem enger spezifizierten Kontext lässt sich sicher Ophidion barbatum bestimmen.
Nach heutiger Systematik gehört Ophidion barbatum zur Ordnung Ophidiiformes und innerhalb dieser zur Familie Ophidiidae. Die deutsche Familienbezeichnung Bartmännchen wird ebenfalls verwendet. Innerhalb der Familie gehört die Art zur Unterfamilie Ophidiinae und zur Gattung Ophidion.
Die vereinfachte moderne systematische Stellung lautet:
Knochenfische → Teleostei → Ophidiiformes → Ophidiidae → Ophidion → Ophidion barbatum.
Damit gehört der historische Aalbastard ausdrücklich nicht zu den eigentlichen Aalen der Ordnung Anguilliformes. Zu diesen gehören unter anderem der Europäische Aal (Anguilla anguilla), andere Arten der Gattung Anguilla, Meeraale, Muränen und weitere echte aalartige Fische.
Die Ähnlichkeit zwischen einem Ophidion und einem echten Aal ist daher ein Beispiel für äußerliche beziehungsweise funktionale Ähnlichkeit bei zoologisch verschiedenen Gruppen. Ein langgestreckter, schlangenähnlicher Körper ist im Fischreich mehrfach unabhängig entstanden. Eine solche Körpergestalt kann für das Leben nahe am Boden, das Eindringen in Spalten oder lockeres Sediment und eine anguilliforme beziehungsweise schlängelnde Fortbewegung vorteilhaft sein.
Der historische Name Aalbastard gehört damit in dasselbe große Benennungsmuster wie zahlreiche andere Tiernamen mit dem Vorderglied Aal-, bei denen nicht tatsächlich ein Vertreter der Gattung Anguilla gemeint ist. Beispiele sind Aalkrähe, Aalquappe, Aalraupe, Aalmutter, Aaltierchen und historisch verschiedene andere Bildungen. Das Erstglied Aal- kann dabei auf Gestalt, Lebensweise, Nahrung, Fangbeziehung oder bloße volkstümliche Ähnlichkeit verweisen.
Beim Aalbastard ist die Gestalt als Benennungsmotiv besonders naheliegend. Ophidion barbatum besitzt einen deutlich verlängerten, seitlich zusammengedrückten Körper. Rücken- und Afterflosse sind sehr lang und gehen nach hinten in den Bereich der Schwanzflosse über, wodurch die Körperkontur noch stärker den Eindruck eines kontinuierlich verlängerten Fischkörpers vermittelt. Gerade aus der Sicht eines Beobachters ohne moderne systematische Kenntnisse liegt deshalb der Vergleich mit einem Aal nahe.
Die Art erreicht nur eine verhältnismäßig geringe Körpergröße. Für Ophidion barbatum werden Längen von ungefähr 20 bis 25 Zentimetern als charakteristisch angegeben; maximal sind etwas über 25 Zentimeter dokumentiert. Damit unterscheidet sich der Fisch erheblich vom Europäischen Aal, dessen Weibchen deutlich größere Körperlängen erreichen können.
Der Körper des Bartmännchens ist grau- bis beigefarben beziehungsweise silbrig und zur Bauchseite heller. Die langgestreckte Form ist seitlich zusammengedrückt. Auffällig sind relativ große Augen und ein vergleichsweise großes Maul. Diese Merkmale passen zu einer Lebensweise, bei der der Fisch besonders während der Dunkelheit beziehungsweise in schwach beleuchteten Bereichen aktiv ist.
Ein besonders kennzeichnendes Merkmal sind die stark reduzierten Bauchflossen. Sie liegen ungewöhnlich weit vorn im Bereich unter der Kehle und erscheinen als dünne fadenartige Strukturen. Gerade diese Filamente erklären die deutsche Bezeichnung Bartmännchen: Die nach vorn beziehungsweise unten gerichteten Flossenstrahlen wirken äußerlich wie kleine Bartfäden.
Diese sogenannten „Bartfäden“ sind also keine echten Barteln im anatomischen Sinn, wie sie beispielsweise bei manchen Welsen auftreten. Sie sind umgebildete paarige Bauchflossen. Äußerlich können sie jedoch eine bartähnliche Wirkung erzeugen und wurden deshalb namensgebend.
Der Fisch lebt demersal, also in enger Beziehung zum Meeresboden. Besonders typisch sind sandige und schlammige Böden. Bei Gefahr kann sich Ophidion barbatum in lockeres Sediment zurückziehen beziehungsweise darin eingraben. Das Tier wird deshalb von Tauchern vergleichsweise selten beobachtet.
Die Art ist überwiegend nachtaktiv. Während des Tages kann sie im beziehungsweise nahe am Sediment verborgen bleiben; nachts bewegt sie sich über dem Boden und sucht Nahrung. Große Augen sind für eine solche Lebensweise funktional günstig, weil sie die Wahrnehmung bei geringer Lichtintensität verbessern.
Zum Nahrungsspektrum gehören kleine bodenlebende beziehungsweise bodennahe Tiere. Der historische Aalbastard ist daher ein kleiner mariner Räuber, nicht ein Pflanzenfresser und auch kein parasitisch lebender Organismus. Die genaue Zusammensetzung der Nahrung kann nach Lebensraum, Größe und lokalem Angebot variieren.
Das natürliche Verbreitungsgebiet von Ophidion barbatum liegt im östlichen Atlantik und im Mittelmeer. Nach modernen Fischdatenbanken reicht die bekannte atlantische Verbreitung ungefähr von Südengland nach Süden bis Senegal; hinzu kommt das nördliche beziehungsweise große Teile des mediterranen Verbreitungsgebiets.
Damit unterscheidet sich der Lebensraum wesentlich von dem des typischen mitteleuropäischen Aals. Der Europäische Aal nutzt im Verlauf seines Lebens sowohl marine als auch küstennahe, brackige und häufig süße Gewässer. Das Bartmännchen ist dagegen ein Meeresfisch und verbringt seinen Lebenszyklus nicht als katadromer Wanderfisch zwischen europäischen Binnengewässern und einem weit entfernten ozeanischen Laichgebiet.
Auch die Fortpflanzungsbiologie unterscheidet sich grundlegend. Ophidion barbatum ist ovipar, legt also Eier. Für die Art werden ovale pelagische Eier beschrieben, die in einer gallertartigen Masse im freien Wasser schweben können. Damit fehlt das für Anguilla-Aale charakteristische komplexe System aus ozeanischer Fortpflanzungswanderung, Leptocephaluslarve, Glasaal, Gelb- und Silberaal.
Der Name Aalbastard beruht somit nicht auf einer wirklichen biologischen Zwischenstellung zwischen Aal und einem anderen Fisch. Moderne Systematik zeigt vielmehr zwei eigenständige Entwicklungslinien. Die aalähnliche Körperform ist für die Benennung entscheidender als die Abstammungsverwandtschaft.
Das historische Wort Schlangenfisch folgt einem ähnlichen Benennungsmotiv. Auch hier wird der langgestreckte Fischkörper mit einem anderen Tier verglichen, diesmal mit einer Schlange. Die beiden Namen Aalbastard und Schlangenfisch beschreiben also denselben auffälligen Habitus aus verschiedenen Perspektiven.
Der wissenschaftliche Gattungsname Ophidion enthält interessanterweise dasselbe Bild. Er geht auf griechisch óphis „Schlange“ zurück; Ophidion ist eine verkleinernde beziehungsweise daraus abgeleitete Bildung mit ungefähr der Bedeutung „Schlänglein“ oder „kleines schlangenartiges Tier“. Deutscher Schlangenfisch und wissenschaftliches Ophidion beruhen damit auf demselben anschaulichen Merkmal der Körperform.
Die deutsche Benennung Bartmännchen konzentriert sich dagegen auf ein anderes Merkmal. Sie beschreibt nicht die gesamte Körpergestalt, sondern die fadenartigen Bauchflossen im Kopfbereich. Damit existieren für denselben beziehungsweise eng verwandten Fisch unterschiedliche historische Benennungsmotive:
Aalbastard – aalähnlicher, aber nicht als eigentlicher Aal aufgefasster Fisch;
Schlangenfisch – schlangenartig langgestreckter Fisch;
Bartmännchen – Fisch mit auffälligen bartähnlichen Flossenfäden.
Diese Mehrfachbenennung ist für ältere zoologische Literatur typisch. Bevor internationale wissenschaftliche Nomenklatur und moderne systematische Konzepte weitgehend vereinheitlicht waren, konnten dieselben Tiere regional, fachsprachlich und volkstümlich zahlreiche Namen besitzen. Ein Wörterbuch musste deshalb häufig mehrere Bezeichnungen nebeneinanderstellen.
Besonders problematisch ist die ältere systematische Bezeichnung Schlangenfische, weil sie nicht mit dem heute verwendeten Namen Schlangenaal verwechselt werden darf. Moderne Schlangenaale gehören zur Familie Ophichthidae innerhalb der echten Aalartigen. Das Bartmännchen beziehungsweise der historische Aalbastard gehört dagegen zur Familie Ophidiidae innerhalb der Ophidiiformes.
Die ähnlich klingenden wissenschaftlichen Namen Ophidiidae und Ophichthidae erhöhen die Verwechslungsgefahr zusätzlich. Beide enthalten griechische Wortbestandteile aus dem Bedeutungsfeld „Schlange“, bezeichnen aber verschiedene Fischfamilien.
Die systematische Abgrenzung lässt sich vereinfacht folgendermaßen darstellen:
Aalbastard/Bartmännchen → Ophidiidae → Ophidiiformes.
Schlangenaal → Ophichthidae → Anguilliformes.
Europäischer Aal → Anguillidae → Anguilliformes.
Der erste gehört also nicht zur selben Ordnung wie die beiden letztgenannten Gruppen.
In älteren Lexika war diese moderne Trennung noch nicht in derselben Weise verfügbar. Pierer ordnete die sogenannten Schlangenfische einer historischen Gruppe „Kahlbäuche“ zu und fasste dort Formen zusammen, die nach heutiger Systematik teilweise weit voneinander entfernt stehen. Beispielsweise wurden neben Ophidium auch Sandaale genannt. Diese gehören heute zur Familie Ammodytidae und nicht zu den Ophidiidae.
Damit ist Aalbastard zugleich ein Beispiel für die Probleme, die bei der Übertragung alter Tiernamen in moderne Systematik entstehen. Ein historischer Name bezeichnet nicht automatisch exakt dasselbe taxonomische Konzept wie ein heutiger Familien- oder Gattungsname. Bei der Interpretation muss deshalb zwischen Wortgeschichte und Taxonomie unterschieden werden.
Aus lexikographischer Sicht ist die sichere Kernbedeutung:
Aalbastard = historische Bezeichnung für einen aalartig langgestreckten Schlangenfisch, insbesondere aus der Ophidion- beziehungsweise Bartmännchen-Verwandtschaft.
Eine Definition als „Kreuzung aus Aal und anderer Fischart“ wäre dagegen sachlich falsch.
Auch die ältere Formulierung „Barschverwandter“ ist mit Vorsicht zu behandeln. In weit gefassten modernen Stammbäumen werden die Ophidiiformes innerhalb höherer Gruppen der modernen Knochenfische eingeordnet, die mit zahlreichen sogenannten barschverwandten Linien zusammenhängen. Für eine genaue Bestimmung ist jedoch die unmittelbare Zuordnung zu Ophidiiformes und Ophidiidae wesentlich informativer als das sehr breite Etikett „Barschverwandter“.
Das historische Wort besitzt heute keine größere Bedeutung in Fischerei oder Lebensmittelhandel. Ophidion barbatum ist zwar ein essbarer Meeresfisch und wurde in älteren Darstellungen als wohlschmeckend bezeichnet, doch der deutsche Name Aalbastard ist im modernen Handel keine übliche Warenbezeichnung. International und in modernen zoologischen Verzeichnissen werden andere Trivialnamen beziehungsweise unmittelbar der wissenschaftliche Artname verwendet.
Für Ophidion barbatum ist im heutigen Deutschen insbesondere Bartmännchen gebräuchlich. In englischsprachigen Quellen erscheinen Namen wie snake blenny und cusk eel; französisch wird die Art unter anderem als donzelle à nageoire noire bezeichnet, spanisch als doncella barbada. Gerade die englische Bezeichnung cusk eel zeigt, dass auch andere Sprachen die äußerliche Aalähnlichkeit weiterhin in Trivialnamen ausdrücken können, ohne damit eine systematische Zugehörigkeit zu den echten Aalen zu behaupten.
Auch die französische und romanische Bezeichnung donzelle beziehungsweise doncella gehört zur interessanten Namensgeschichte des Fisches. Sie hängt sprachgeschichtlich mit Bezeichnungen für ein junges Mädchen beziehungsweise Fräulein zusammen. Der zoologische Gebrauch stellt damit eine weitere metaphorische Benennung dar, die mit der deutschen Bildung Aalbastard etymologisch nicht verwandt ist.
Die Gleichsetzung verschiedener Trivialnamen in älteren mehrsprachigen Wörterbüchern erklärt, weshalb Aalbastard gelegentlich gerade in sprachwissenschaftlichen und lexikographischen Quellen über romanische Fischbezeichnungen erscheint. Das deutsche Wort diente dort als Übersetzungsäquivalent für einen Fisch, der heute genauer zoologisch bestimmt werden kann.
Zu vermeiden ist außerdem eine Verwechslung mit Aalmutter. Die Aalmutter (Zoarces viviparus) ist ebenfalls ein langgestreckter Meeresfisch, gehört aber zu einer anderen Familie und besitzt eine auffällige lebendgebärende Fortpflanzungsweise. Dass beide deutschen Namen mit Aal- beginnen, erklärt sich aus der Körpergestalt und nicht aus enger Verwandtschaft.
Ebenso unterscheidet sich der Aalbastard von der Aalquappe beziehungsweise Aalraupe. Diese Namen wurden historisch für andere langgestreckte Fische verwendet. Das deutsche Tiernamensystem mit Aal- zeigt damit besonders deutlich, wie häufig auffällige Körperähnlichkeit zur Bildung volkstümlicher Namen führte.
Auch Sandaal ist trotz seines Namens kein Aal der Gattung Anguilla. Sandaale gehören heute zur Familie Ammodytidae. Die Bezeichnung beruht auf dem langgestreckten Körper und der Lebensweise im sandigen Meeresboden. Historisch wurden Sandaale und Schlangenfische teilweise sogar enger nebeneinandergestellt, als es die moderne Systematik rechtfertigt.
Der Aalbastard ist deshalb ein besonders anschauliches Beispiel für die Differenz zwischen Trivialnamen und wissenschaftlichen Namen. Ein Trivialname kann Merkmale, Ähnlichkeiten oder traditionelle Vorstellungen ausdrücken, ohne die tatsächliche evolutionäre Verwandtschaft exakt abzubilden.
Das gilt besonders für zusammengesetzte Tiernamen mit Bestandteilen wie Aal-, Hai-, Schlangen-, Maus-, Wolf- oder Fuchs-. Solche Vorderglieder können metaphorisch oder vergleichend gebraucht werden. Erst die taxonomische Zuordnung entscheidet, ob eine tatsächliche zoologische Verwandtschaft besteht.
Beim Wort Aalbastard kommt eine zweite historische Benennungsstrategie hinzu: das Grundwort Bastard. Während Aal- auf Ähnlichkeit mit dem Aal verweist, markiert -bastard zugleich eine Abweichung: Der Fisch sieht aalartig aus, gilt aber nicht als „richtiger“ beziehungsweise echter Aal. Das Wort enthält damit gewissermaßen gleichzeitig Vergleich und Abgrenzung.
Eine solche Interpretation passt zur älteren erweiterten Bedeutung von Bastard als Bezeichnung einer unechten, gemischten, abweichenden beziehungsweise nicht vollständig dem namensgebenden Typ entsprechenden Form. Der Wortbestandteil muss daher nicht auf eine genetisch reale Kreuzung bezogen werden.
Die genaue Motivation des historischen Tiernamens ist in den kurzen Wörterbuchbelegen allerdings nicht ausdrücklich erklärt. Man sollte deshalb nicht behaupten, ein bestimmter Naturforscher habe den Fisch nachweislich deshalb Aalbastard genannt, weil er ihn für einen „falschen Aal“ hielt. Sicher ist die lexikalische Struktur; die detaillierte ursprüngliche Benennungsabsicht bleibt mangels eines erklärenden Erstbelegs teilweise erschlossen.
Der älteste hier sicher nachgewiesene Beleg stammt aus 1857. Das bedeutet nicht, dass der Name in diesem Jahr geschaffen wurde. Pierers knappe Gleichsetzung setzt vielmehr voraus, dass Aalbastard bereits als verständliche Fischbezeichnung existierte. Ein Wörterbuchbeleg dokumentiert zunächst den Gebrauch; er ist nicht automatisch ein Entstehungsbeleg.
Die Aufnahme in spätere Tiernamensammlungen und sprachwissenschaftliche Literatur zeigt, dass das Wort wenigstens bis ins 20. Jahrhundert lexikographisch tradiert wurde. Es entwickelte sich jedoch nicht zu einem dominierenden modernen deutschen Standardnamen. Bartmännchen und wissenschaftliche Bezeichnungen verdrängten beziehungsweise überlagerten die ältere Form.
Heute ist Aalbastard daher als historischer Tiername zu behandeln. Wer ihn in einer Quelle des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts findet, sollte ihn nicht nach der heutigen biologischen Bedeutung von Bastard = Hybrid umdeuten, sondern anhand des historischen zoologischen Kontextes identifizieren.
Lexikographisch lässt sich Aalbastard am sichersten definieren als historische Bezeichnung für einen aalähnlichen Schlangenfisch beziehungsweise ein Bartmännchen aus der Ophidiiden-Verwandtschaft; insbesondere für Ophidion barbatum. Der Name bezeichnet keinen Aalhybriden.
Etymologie
| Lemma | Aalbastard |
|---|---|
| Wortbildung | Aal + Bastard |
| Wortart | Substantiv |
| Genus | Maskulinum |
| Singular | der Aalbastard |
| Genitiv | des Aalbastards, des Aalbastardes |
| Plural | die Aalbastarde |
| Bestimmungswort | Aal |
| Grundwort | Bastard |
| Fugenelement | kein Fugenelement |
| Bildungstyp | substantivisches Determinativkompositum |
| Historische Bedeutung | aalähnlicher Schlangenfisch; Bartmännchen |
| Biologischer Hybrid | nein |
| Frühester hier sicher nachgewiesener Beleg | 1857 |
Die formale Wortbildungsstruktur lautet:
Aalbastard ist ein substantivisches Determinativkompositum. Das Grundwort Bastard bestimmt Genus und Flexion; das Bestimmungswort Aal spezifiziert, mit welchem Tier der bezeichnete Fisch verglichen beziehungsweise in Beziehung gesetzt wird.
Es heißt entsprechend der Aalbastard, Genitiv des Aalbastards beziehungsweise des Aalbastardes und Plural die Aalbastarde. Da das Wort heute historisch und äußerst selten ist, kommen die flektierten Formen im aktuellen Sprachgebrauch nur selten vor.
Zwischen den Bestandteilen steht kein Fugenelement:
Aal + Bastard → Aalbastard.
Formen wie *Aalsbastard, *Aalenbastard oder *Aalesbastard gehören nicht zur dokumentierten Wortbildung.
Das Erstglied Aal gehört zum alten germanischen Fischwortschatz. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch ist āl belegt. Verwandte Formen finden sich unter anderem in niederländisch aal, englisch eel, dänisch und schwedisch ål. Die weiter zurückreichende Herkunft des Fischnamens gilt als nicht abschließend geklärt.
Im Kompositum Aalbastard bezeichnet Aal jedoch nicht die tatsächliche zoologische Artzugehörigkeit. Das Vorderglied funktioniert vielmehr als Vergleichsbezeichnung: Der bezeichnete Fisch ist aalähnlich.
Diese Funktion des Erstgliedes lässt sich ungefähr paraphrasieren als:
ein dem Aal ähnlicher Fisch, der kein eigentlicher Aal ist.
Das Grundwort Bastard besitzt eine komplexe Wortgeschichte. Das deutsche Wort ist bereits mittelhochdeutsch als bast(h)art belegt und wurde aus altfranzösisch bastard übernommen. Dort bezeichnete es zunächst insbesondere den rechtlich anerkannten außerehelichen Sohn eines Adligen.
Die weiter zurückreichende Herkunft des romanischen Wortes gilt nicht als vollständig gesichert. Ältere volksetymologische beziehungsweise etymologische Erklärungen verbanden es mit einem Wort für Packsattel und deuteten den ursprünglichen Ausdruck sinngemäß als ein nicht im Ehebett gezeugtes Kind. Moderne etymologische Wörterbücher behandeln die letztliche Herkunft jedoch zurückhaltend beziehungsweise als ungeklärt.
Vom personenrechtlichen beziehungsweise genealogischen Gebrauch entwickelte Bastard bereits früh erweiterte Bedeutungen. In Zoologie und Botanik konnte das Wort ein durch Kreuzung unterschiedlicher Arten, Rassen oder Formen entstandenes Individuum bezeichnen. Der moderne biologische Fachausdruck hierfür ist Hybrid.
Daneben entstanden übertragene Bedeutungen wie „Mischform“, „nicht rein ausgeprägte Form“, „unechter Vertreter“ oder „etwas, das zwischen beziehungsweise neben etablierten Typen steht“. Gerade diese erweiterten älteren Bedeutungen sind bei historischen Tier- und Pflanzennamen zu berücksichtigen.
Für Aalbastard ist deshalb die heute sofort naheliegende Interpretation
Aal + Bastard = durch Kreuzung mit einem Aal entstandener Hybrid
nicht zutreffend.
Die historische Lexikographie liefert keine Abstammungsformel und keine Elternarten. Stattdessen setzt Pierer das Gesamtwort 1857 schlicht mit Schlangenfisch gleich. Damit funktioniert Bastard im Namen offenbar typologisch beziehungsweise vergleichend und nicht im engen genetischen Sinn.
Semantisch lässt sich die Bildung daher am ehesten folgendermaßen verstehen:
Aal „Vergleichstier“ + Bastard „unechter beziehungsweise abweichender Vertreter“ → Aalbastard „aalähnlicher, aber nicht eigentlicher Aal“.
Diese Paraphrase beschreibt die Wortbildungslogik, ohne zu behaupten, dass ein historischer Erstbenenner sie ausdrücklich in genau dieser Form formuliert hätte. Der genaue ursprüngliche Benennungsakt ist nicht dokumentiert.
Der Gebrauch von Bastard in Tiernamen muss zudem vor dem Hintergrund älterer zoologischer Systematik gesehen werden. Naturforscher verfügten nicht über moderne Phylogenetik, molekulargenetische Verfahren oder heutige Konzepte von Art und Abstammung. Tiere wurden stark nach äußerer Gestalt, innerer Anatomie und sichtbaren Übergangsmerkmalen gruppiert.
Ein langgestreckter Fisch, der wie ein Aal aussah, aber bestimmte Merkmale eines „echten“ Aals nicht besaß, konnte daher sprachlich leicht als eine Art unechter beziehungsweise bastardartiger Aal charakterisiert werden. Der Name transportiert damit eine ältere typologische Wahrnehmungsweise.
Die moderne systematische Erkenntnis bestätigt zwar die Abgrenzung vom eigentlichen Aal, aber nicht die im Wort Bastard scheinbar anklingende Mischabstammung. Ophidion barbatum ist eine reguläre eigenständige Art und kein Kreuzungsprodukt.
Der moderne wissenschaftliche Name Ophidion barbatum besitzt seinerseits eine anschauliche Etymologie. Der Gattungsname Ophidion hängt mit altgriechisch óphis „Schlange“ zusammen. Er verweist auf die schlangenartige Körperform.
Das Artepitheton barbatum gehört zu lateinisch barbatus „bärtig, mit einem Bart versehen“, zu barba „Bart“. Es verweist auf die auffälligen fadenartigen Strukturen im vorderen Körperbereich beziehungsweise auf die als Bart wirkenden Bauchflossen.
Damit ergeben sich in verschiedenen Sprachen und Benennungssystemen zwei wiederkehrende Bildfelder:
Schlangengestalt: Ophidion, Schlangenfisch, englisch snake blenny;
Bartstruktur: barbatum, Bartmännchen, spanisch doncella barbada.
Der Name Aalbastard bildet daneben ein drittes Muster:
Aalähnlichkeit bei gleichzeitiger Abgrenzung vom eigentlichen Aal.
Die Vielfalt dieser Namen zeigt, wie unterschiedliche Beobachter verschiedene Merkmale desselben Fisches zur Benennung auswählen konnten.
Der historische Beleg von 1857 ist zugleich ein wichtiger terminus ante quem für die Wortbildung. Pierer musste Aalbastard nicht erklären, sondern konnte es durch den Verweis auf Schlangenfisch auflösen. Das Wort war daher spätestens zu diesem Zeitpunkt lexikographisch vorhanden.
Eine spätere Bestätigung liefert die Quelle von 1939, in der Aalbastard gemeinsam mit Schlangenfisch und Bartmännchen als Benennung im Umfeld von doncella erscheint. Über mindestens mehrere Jahrzehnte blieb der Name somit in Wörterbüchern beziehungsweise sprachwissenschaftlicher Fachliteratur bekannt.
Dass er anschließend weitgehend verschwand, lässt sich durch die zunehmende Standardisierung der zoologischen Terminologie erklären. Je genauer Familien, Gattungen und Arten wissenschaftlich abgegrenzt wurden, desto weniger nützlich waren mehrdeutige volkstümliche Namen wie Aalbastard.
Hinzu kommt der Bedeutungswandel beziehungsweise die heutige starke Assoziation von Bastard mit Hybrid. Ein moderner zoologischer Name Aalbastard würde ohne historische Erklärung regelmäßig missverstanden werden. Die Bezeichnung Bartmännchen beziehungsweise der wissenschaftliche Name Ophidion barbatum ist deshalb wesentlich eindeutiger.
Wortgeschichtlich gehört Aalbastard somit zu einer älteren Schicht beschreibender Tiernamen, in der auffällige Ähnlichkeit mit einem vertrauten Tier durch ein Bestimmungswort bezeichnet und zugleich durch das Grundwort relativiert wurde.
Die semantische Entwicklung kann vorsichtig folgendermaßen rekonstruiert werden:
Aal als Vergleich aufgrund des langgestreckten Körpers + Bastard in älterer Bedeutung „unechte, abweichende beziehungsweise nicht voll dem Typ entsprechende Form“ → Aalbastard als Name eines aalähnlichen Schlangenfisches.
Nicht anzusetzen ist dagegen:
Aal + Bastard im genetischen Sinn → Hybrid eines Aals.
Diese zweite Analyse widerspricht der historischen Wörterbuchbedeutung und der modernen zoologischen Einordnung.
Die etymologische Gesamtentwicklung lässt sich damit zusammenfassen:
Aal, althochdeutsch und mittelhochdeutsch āl + Bastard, mittelhochdeutsch bast(h)art, aus altfranzösisch bastard → Aalbastard „aalähnlicher, aber nicht zu den eigentlichen Aalen gerechneter Fisch; historisch Schlangenfisch beziehungsweise Bartmännchen“, spätestens 1857 sicher belegt.