Aa
Grundbedeutung
Aa ist eine vergleichsweise selten belegte altägyptische Gottheit und gehört zur besonderen Schöpfungstheologie des Horus-Tempels von Edfu. Sein ägyptischer Name wird gewöhnlich als ꜥꜣ, in älterer ägyptologischer Umschrift ˁ3, wiedergegeben und bedeutet „der Große“. Aa erscheint gemeinsam mit Wai, „dem Fernen“, im Kreis der sogenannten Schebtiu, göttlicher Schöpferkräfte, die in den kosmogonischen Texten von Edfu an der Hervorbringung und Ordnung der urzeitlichen Welt beteiligt sind.
Aa und Wai bilden innerhalb dieser Überlieferung ein eng aufeinander bezogenes Paar. Im Schöpfungsgeschehen treten sie in einem zunächst von Wasser bestimmten Urzustand auf. Das erste Schilf wird hervorgebracht beziehungsweise befestigt, Wasser und Land werden voneinander unterschieden, und dadurch entsteht ein erster geordneter Raum, auf dem sich das weitere kosmische Geschehen entfalten kann. Aa verkörpert dabei als „der Große“ eine schöpferische beziehungsweise ordnende Kraft; Wai trägt den korrespondierenden Namen „der Ferne“.
Die Gottheit ist nicht mit den großen reichsweit verehrten Göttern wie Re, Osiris, Isis, Amun oder Horus vergleichbar. Für Aa ist kein eigenständiger überregionaler Kult mit Tempelnetz, Priesterschaft, Festkalender und umfangreicher individueller Mythologie bekannt. Seine Bedeutung liegt vielmehr innerhalb einer hoch entwickelten lokalen kosmologischen und tempeltheologischen Tradition von Edfu.
In bildlich-textlichen Darstellungen der Tempelgenese erscheinen Aa und Wai als die beiden führenden Schebtiu-Schöpfergötter, die das urzeitliche Schilf mit ihren Händen stützen. Diese Handlung verbindet die Erschaffung des ersten geordneten Kosmos mit der symbolischen Entstehung des Tempels: Der Tempel wird zum Abbild des geschaffenen Kosmos, während seine Errichtung rituell eine Wiederholung des ersten Schöpfungsaktes darstellt.
Wortart
Aa ist in der hier behandelten Bedeutung ein Eigenname, genauer ein Theonym, also der Name beziehungsweise die benennende Bezeichnung einer Gottheit.
Sprachgeschichtlich liegt dem Theonym das altägyptische Wort ꜥꜣ „groß“ zugrunde. Die Form kann daher zugleich als substantiviertes beziehungsweise nominal verwendetes Adjektiv verstanden werden: „der Große“. Der Übergang zwischen Eigennamen und göttlichem Epitheton ist in der altägyptischen Religion grundsätzlich fließend, weil zahlreiche Gottheiten durch Eigenschaften, Funktionen und Epitheta bezeichnet werden können, die im jeweiligen theologischen Kontext beinahe namensartigen Charakter annehmen.
Im Deutschen wird Aa als männlicher Göttername behandelt: der Gott Aa, Aa und Wai, Aas Rolle in der Edfuer Kosmogonie. Die ägyptische Sprache selbst besitzt andere grammatische Strukturen und darf nicht unmittelbar nach modernen deutschen Kategorien beurteilt werden.
Aussprache
Die ursprüngliche altägyptische Aussprache von ꜥꜣ ist nicht vollständig rekonstruierbar. Die hieroglyphische Schrift notiert die Konsonantenstruktur wesentlich zuverlässiger als die Vokale, sodass die moderne Schreibform Aa keine authentische phonetische Wiedergabe des altägyptischen Götternamens darstellt.
In deutschsprachigen Texten kann die vereinfachte Form Aa konventionell ungefähr als [aː] gelesen werden. Diese Aussprache ist jedoch ausschließlich eine moderne Lesekonvention und darf nicht mit der historischen Aussprache gleichgesetzt werden.
Die wissenschaftliche Transliteration ꜥꜣ enthält zwei Zeichen, die ursprünglich Konsonantenwerte repräsentieren. ꜥ entspricht dem traditionell als „Ain“ beziehungsweise pharyngaler Laut beschriebenen ägyptologischen Zeichen; ꜣ, das in älteren Publikationen häufig durch die Ziffer 3 wiedergegeben wurde, bezeichnet ebenfalls keinen deutschen Vokal a.
Die ältere Transkriptionsform ˁ3 ist deshalb nicht „A-drei“ auszusprechen. Sie ist lediglich eine typographische Notation für dieselbe altägyptische Konsonantenfolge, die heute meist mit ꜥꜣ dargestellt wird.
Grammatik
| Lemma | Aa |
|---|---|
| Wortart | Eigenname; Theonym |
| Bezeichnete Wesenheit | männlich aufgefasste altägyptische Gottheit |
| Moderne Transliteration | ꜥꜣ |
| Ältere Transliteration | ˁ3 |
| Grundbedeutung | der Große |
| Hieroglyphische Zeichenfolge | O29:D36-G1-M17-A40 |
| Deutscher Nominativ | Aa |
| Deutscher Genitiv | Aas; stilistisch häufig eindeutiger: von Aa |
| Deutscher Dativ | Aa |
| Deutscher Akkusativ | Aa |
| Artikel | gewöhnlich artikellos als Eigenname; erklärend: der Gott Aa |
| Plural | kein regulärer Plural als individueller Göttername |
| Göttliche Gruppenzugehörigkeit | Schebtiu-Schöpfergötter |
| Eng verbundene Gottheit | Wai „der Ferne“ |
Der deutsche Genitiv Aas ist formal korrekt, kann aber wegen der Übereinstimmung mit dem deutschen Substantiv Aas missverständlich wirken. In wissenschaftlicher Prosa empfiehlt sich deshalb häufig eine analytische Konstruktion wie die Funktion von Aa, der Name des Gottes Aa oder die Darstellung von Aa.
Die grammatische Grundform ꜥꜣ ist im Ägyptischen zugleich ein Wort aus dem Bedeutungsbereich „groß“. In einem rein sprachlichen Zusammenhang muss deshalb zwischen ꜥꜣ als Adjektiv und Aa als theonymisch verwendeter göttlicher Bezeichnung unterschieden werden.
Orthographie
Die vereinfachte deutschsprachige Schreibweise lautet Aa. Sie ist eine konventionelle Wiedergabe des altägyptischen Namens beziehungsweise Epithetons und darf nicht als originale altägyptische Alphabetschreibung verstanden werden.
In moderner wissenschaftlicher Transliteration wird der Name als ꜥꜣ wiedergegeben. Ältere ägyptologische Literatur verwendet häufig ˁ3. Das Zeichen 3 fungiert dort als typographischer Ersatz für denjenigen ägyptischen Lautwert, der heute mit ꜣ transkribiert wird.
Für die hieroglyphische Schreibung wird in modernen digitalen Kodierungen die Zeichenfolge O29:D36-G1-M17-A40 angegeben. Das abschließende Zeichen A40 dient als Gottesdeterminativ beziehungsweise Klassifikator und macht deutlich, dass die betreffende Zeichenfolge als göttliche Benennung verstanden wird.
Die Schreibweise AA vollständig in Großbuchstaben ist kein eigener historischer Name, sondern kann typographisch oder in Datenbanken auftreten. Die Form Aa ist für einen deutschsprachigen Lexikoneintrag vorzuziehen.
Von Aah beziehungsweise Iah ist Aa orthographisch sorgfältig zu unterscheiden. Iah ist ein ägyptischer Mondgott mit einer anderen ägyptischen Namensform. Ältere Transkriptionssysteme können allerdings gelegentlich auch für Iah Formen wie Aa oder Aah erzeugen, was in älterer Literatur zu Verwechslungen führen kann.
Gebrauch
Aa ist heute nahezu ausschließlich ein ägyptologischer beziehungsweise religionsgeschichtlicher Fachbegriff. Der Name begegnet in Darstellungen ägyptischer Gottheiten, Untersuchungen zur Edfuer Tempeltheologie, Übersetzungen der Edfu-Inschriften und Arbeiten zur altägyptischen Kosmogonie und Tempelgenese.
In populären Götterlisten wird Aa häufig knapp als Schöpfergott oder Schebtiu-Schöpfergott bezeichnet. Diese Charakterisierung ist grundsätzlich zutreffend, kann aber den Eindruck einer selbständigen, über ganz Ägypten verbreiteten Schöpfergottheit erwecken. Präziser ist die Bezeichnung Schöpfergott beziehungsweise personifizierte Schöpferkraft der Edfuer Tempeltheologie.
Der Beiname beziehungsweise Name „der Große“ sollte ebenfalls nicht isoliert betrachtet werden. Groß ist ein ausgesprochen häufiges Element ägyptischer Epitheta. Erst der konkrete Textzusammenhang mit Wai und den Schebtiu macht klar, dass hier eine bestimmte göttliche Gestalt beziehungsweise Funktion angesprochen wird.
Bedeutungsbereich
Der erste Bedeutungsbereich ist die ägyptische Religion. Aa ist eine göttliche Gestalt beziehungsweise personifizierte Schöpferkraft.
Der zweite Bereich ist die Kosmogonie. Aa wirkt am Übergang vom ungeordneten, wasserbestimmten Urzustand zur strukturierten Welt mit.
Ein dritter Bereich ist die Tempeltheologie von Edfu. Der Schöpfungsvorgang wird dort eng mit der Entstehung des Tempels und seinem Anspruch verbunden, eine Wiederholung beziehungsweise Verkörperung des ursprünglichen Kosmos zu sein.
Ein vierter Bereich ist das Tempelbauritual. Aa und Wai erscheinen in einer Darstellung der Tempelgenese mit dem urzeitlichen Schilf und stehen dadurch zwischen kosmischer Welterschaffung und kultischer Tempelgründung.
Ein fünfter Bereich ist die ägyptologische Philologie. Die genaue Interpretation von Bezeichnungen wie Schebtiu, die Übersetzung der Edfuer Texte und die Rekonstruktion des komplexen Schöpfungsmythos sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Ein sechster Bereich ist die Religionsikonographie. Aa ist nicht nur durch Text, sondern innerhalb des Edfuer Bild-Text-Programms als Teil einer Schöpfergruppe fassbar.
Lexikon
Aa gehört zu den zahlreichen hochspezialisierten Gottheiten der altägyptischen Religion, deren Bedeutung erst durch die umfangreichen Tempelinschriften der griechisch-römischen Zeit klarer erkennbar wird. Anders als Re, Horus, Isis oder Osiris besitzt Aa keine weit gespannte, über Jahrtausende kontinuierlich dokumentierte Kultgeschichte. Seine greifbare mythologische Funktion konzentriert sich vielmehr auf die Schöpfungs- und Tempeltheologie von Edfu.
Edfu liegt in Oberägypten am westlichen Nilufer. Der große dort erhaltene Tempel war Horus von Edfu, dem Horus Behedeti, geweiht. Der heute erhaltene Tempel wurde in der Ptolemäerzeit errichtet. Der Bau begann 237 v. Chr. unter Ptolemaios III.; nach zahlreichen Bau- und Dekorationsphasen wurde die Anlage im 1. Jahrhundert v. Chr. vollendet.
Die besondere Bedeutung des Tempels für die Religionsgeschichte liegt nicht allein in seiner Architektur, sondern in der außerordentlichen Fülle seiner hieroglyphischen Inschriften. Mehrere tausend publizierte Textseiten dokumentieren Rituale, Feste, lokale Theologie, Priesterdienst, Tempelgeographie, Mythologie und Vorstellungen von der Entstehung des Heiligtums.
Die wissenschaftliche Erschließung dieses Materials wurde insbesondere durch das von Dieter Kurth gegründete Edfu-Projekt vorangetrieben. Die systematische Übersetzung und Kommentierung der Texte hat deutlich gemacht, dass die Edfuer Inschriften nicht lediglich ritualisierte Wiederholungen bekannter ägyptischer Mythen darstellen, sondern eine außerordentlich komplexe lokale Theologie besitzen.
Zu diesem theologischen System gehört die Vorstellung einer ersten Urzeit, in der die geordnete Welt und der erste heilige Ort entstehen. Der Tempel erscheint in diesen Texten nicht nur als ein viel später errichtetes menschliches Gebäude, sondern als irdische Wiederverkörperung eines bereits in der Urzeit vorhandenen göttlichen Heiligtums.
Innerhalb dieser Kosmogonie begegnen die Schebtiu. Dagmar Budde charakterisiert sie als Personifikationen kreativer Schöpferkräfte. Sie gehören zu mehreren Gruppen urzeitlicher Gottheiten, die in Edfu an der Entstehung des Tempels und des Kosmos beteiligt werden.
Unter den Schebtiu besitzen Aa „der Große“ und Wai „der Ferne“ eine hervorgehobene Stellung. In einer Darstellung der Tempelgenese werden sie ausdrücklich als die beiden Anführer der Schebtiu-Schöpfergötter bezeichnet.
Diese Differenzierung ist wichtig: Aa und Wai sind nicht einfach ein isoliertes Götterpaar außerhalb eines größeren Systems, sondern führende Gestalten innerhalb einer umfassenderen Gruppe kreativer Gottheiten.
Im zusammenhängenden Schöpfungstext der inneren nördlichen Umfassungsmauer des Horustempels wird der Beginn der Schebtiu mit den beiden Wesen „der Ferne“ und „der Große“ verbunden. Die beiden stehen zunächst in einem urzeitlichen, weitgehend von Wasser bestimmten Raum.
Die moderne Forschung beschreibt den Ausgangszustand als eine überflutete oder wasserbedeckte Urlandschaft. Der Text verwendet dafür eine komplexe lokale Topographie aus Inseln, Wasserbereichen und mythologischen Ortsnamen. Eine vorschnelle Gleichsetzung jedes Gewässers mit dem allgemein bekannten Urwasser Nun würde die besondere Edfuer Terminologie vereinfachen.
Der Schöpfungsvorgang beginnt nicht sofort mit einem fertigen Festland. Vielmehr entsteht Ordnung schrittweise. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Schilf.
In der betreffenden Passage wird ein nbjt-Schilf vorgestellt beziehungsweise hervorgebracht. Wai, der Ferne, wird im Zusammenhang mit diesem Vorgang genannt; Aa, der Große, schreitet beziehungsweise tritt an den entstehenden Ort.
Der Text beschreibt eine Grenze zwischen Land und Wasser. Das Schilf markiert beziehungsweise stabilisiert diese Grenzzone. Gemeinsam befestigen die beiden urzeitlichen Mächte Schilf im Wasser.
In vereinfachter mythologischer Darstellung wird deshalb gesagt, Aa und Wai hätten das erste Schilf geschaffen und das erste Land gewonnen. Diese Formulierung trifft den kosmogonischen Kern, sollte aber als Zusammenfassung eines sprachlich und theologisch wesentlich komplizierteren Edfuer Textes verstanden werden.
Das Schilf besitzt eine doppelte Funktion. Einerseits ist es ein reales Element der Nillandschaft und damit eine plausible Pflanze an der Grenze zwischen Wasser und festem Boden. Andererseits wird es zum kosmologischen Bauelement, durch das aus dem noch ungeordneten Wasserraum eine strukturierte Welt entsteht.
Auf beziehungsweise bei diesem Schilf kann im weiteren Verlauf der Schöpfung der göttliche Falke beziehungsweise Horus Platz nehmen. Dadurch wird das erste Schilfdickicht zugleich zu einem Vorbild des heiligen Ortes.
Der Zusammenhang mit Horus ist für Edfu zentral. Horus Behedeti ist der Hauptgott des Tempels. Die kosmogonische Erzählung läuft daher darauf hinaus, nicht irgendeine abstrakte Welt zu erschaffen, sondern eine Welt, in der der göttliche Herr von Edfu einen legitimen Sitz erhält.
Damit erklärt der Mythos zugleich die besondere Heiligkeit des Tempelortes. Edfu existiert theologisch bereits in der ersten Zeit der Welt; der historische Tempel ist eine spätere materielle Realisierung dieses urzeitlichen göttlichen Modells.
Aa und Wai stehen somit am Anfang einer Entwicklung von Wasser → Schilf → abgegrenztem Land → göttlichem Sitz → Tempel. Ihre Handlung besitzt kosmogonische und architektonische Bedeutung zugleich.
Eine verwandte Darstellung findet sich innerhalb des Bildprogramms zur Genese des Tempels. Dort werden zahlreiche Gottheiten versammelt, die an Planung, Erschaffung und Sicherung des Heiligtums beteiligt sind.
Dagmar Budde hat diese Szene als Darstellung von insgesamt dreißig Göttern der Tempelgenese analysiert. In ihr erscheinen verschiedene Gruppen von Bau-, Ur- und Schöpfergöttern, darunter die Schebtiu.
Aa und Wai werden dort als die beiden führenden Schebtiu dargestellt, die das Schilf mit ihren Händen stützen. Ihre Körperhaltung selbst wird als Ausdruck eines Schöpfungsvorganges interpretiert.
Die Bildaussage verbindet Schöpfung und Architektur außerordentlich eng. Das erste Schilf ist nicht nur Vegetation, sondern eine Art kosmische Urstruktur. Indem Aa und Wai es halten, sichern sie symbolisch den Raum, aus dem der Tempel hervorgeht.
Der Tempelbau erscheint damit als Wiederholung der Weltschöpfung. Die Festlegung des Bauplatzes, der Achsen und des Grundrisses wird in der religiösen Vorstellung nicht als rein technische Tätigkeit behandelt, sondern als erneute Herstellung kosmischer Ordnung.
Aa ist innerhalb dieses Systems keine Gottheit eines einzelnen menschlichen Lebensbereichs wie Liebe, Geburt, Schrift oder Krieg. Seine Funktion ist wesentlich abstrakter: Er gehört zu den göttlichen Kräften, durch die Raum, Festigkeit, Grenze und geordnete Existenz überhaupt möglich werden.
Die Bezeichnung „der Große“ passt in diesen Zusammenhang, darf aber nicht zwangsläufig als Beschreibung körperlicher Größe verstanden werden. Ägyptisch ꜥꜣ kann Größe, Rang, Wirksamkeit, Bedeutung oder Vorrang ausdrücken.
Sein Partner Wai trägt die Bezeichnung „der Ferne“. Das Paar „Ferne – Große“ beziehungsweise „der Ferne – der Große“ bildet im Edfuer Text eine semantisch auffällige Gegenüberstellung.
Neuere Interpretationen des Schöpfungstextes versuchen diese beiden Gestalten teilweise noch abstrakter als komplementäre kreative Fähigkeiten zu verstehen. Danach könnte Wai mit Distanz, Vorstellung oder dem zunächst entfernten Gegenstand einer schöpferischen Wahrnehmung verbunden sein, während Aa die fokussierte beziehungsweise konkretisierte Gestalt des Geschaffenen repräsentiert.
Solche weitergehenden Deutungen sind jedoch Interpretationen eines außerordentlich schwierigen Textes und sollten nicht auf dieselbe Ebene gestellt werden wie der sichere Befund, dass die beiden als Schebtiu bezeichnet beziehungsweise diesem Schöpferkreis zugeordnet und mit der Entstehung des urzeitlichen Schilfs verbunden werden.
Der Schöpfungstext selbst ist ptolemäerzeitlich überliefert. Er steht auf der Innenseite der nördlichen Umfassungsmauer des Edfu-Tempels, im oberen Register des westlichen Abschnitts. Die unmittelbar angrenzenden Darstellungen und Inschriften gehören in den Herrschaftskontext Ptolemaios' X. Alexander I..
Die späte Niederschrift bedeutet jedoch nicht automatisch, dass alle darin enthaltenen Vorstellungen erst in der Ptolemäerzeit geschaffen wurden. Ägyptische Tempeltexte der griechisch-römischen Epoche greifen vielfach ältere Sprachformen, Mythen, Ritualtraditionen und theologische Konzepte auf.
Der Edfuer Schöpfungstext gibt sich selbst sogar als Abschrift beziehungsweise Weitergabe uralter göttlicher Überlieferung aus. Solche Eigenangaben sind religiöse Legitimationsstrategien und kein moderner Beweis dafür, dass der vollständige Text tatsächlich bereits Jahrtausende früher in derselben Form existierte.
Für Aa lässt sich deshalb methodisch sicher sagen: Die erhaltene ausführliche Überlieferung ist ptolemäerzeitlich; die Texte inszenieren ihre Inhalte als uralte Tradition; das genaue Alter der einzelnen theologischen Motive kann nicht für jedes Element bestimmt werden.
Aa besaß nach dem gegenwärtig zugänglichen Quellenstand keinen bekannten eigenständigen Hauptkultort außerhalb dieses theologischen Systems. Es ist keine große Tempelanlage bekannt, die ausschließlich ihm geweiht gewesen wäre.
Ebenso fehlen Hinweise auf eine bedeutende eigenständige Priesterschaft, einen weithin gefeierten persönlichen Festtag oder eine umfangreiche persönliche Mythologie mit Geburt, Familie, Kämpfen und Kultlegenden.
Auch eine fest definierte individuelle Ikonographie wie bei Horus, Anubis oder Sachmet ist für Aa nicht in vergleichbarer Weise herausgebildet. Seine bildliche Identität ergibt sich im Edfuer Kontext wesentlich aus seiner Stellung innerhalb der Schöpfergruppe und aus den begleitenden Inschriften.
Gerade hierin zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft der ägyptischen Götterwelt. Sie bestand nicht nur aus einer begrenzten Zahl allgemein bekannter „Hauptgötter“, sondern aus Hunderten von lokalen, funktionalen, temporären und personifizierten göttlichen Wesen.
Solche Gottheiten konnten einen sehr präzisen kosmischen Vorgang verkörpern, ohne jemals eine populäre persönliche Kultfigur zu werden. Aa gehört genau in diese Kategorie.
Die Bezeichnung Schöpfergott ist deshalb sachgerecht, sofern sie nicht mit der Vorstellung verwechselt wird, Aa sei alleiniger Weltschöpfer gewesen. Die ägyptische Religion kennt zahlreiche parallele Schöpfungstheologien und eine Vielzahl schöpferischer Gottheiten.
Atum spielt eine zentrale Rolle in der heliopolitanischen Kosmogonie; Ptah in der memphitischen Theologie; Chnum erscheint als formender Schöpfer; die Ogdoaden von Hermopolis verkörpern urzeitliche Zustände. Aa gehört dagegen zur besonderen kosmogonischen Struktur von Edfu.
Diese unterschiedlichen Systeme wurden in Ägypten nicht zwingend als einander ausschließende „Religionen“ aufgefasst. Tempeltheologien konnten ältere und fremde Traditionen aufnehmen, neu kombinieren und auf den eigenen Kultort beziehen.
Auch die Edfuer Texte integrieren zahlreiche Gottheiten und Vorstellungen aus anderen theologischen Zentren. Thot, Ptah, Tatenen, Horus und weitere Mächte werden in eine lokale Gesamtkosmologie eingebunden.
In diesem Netzwerk besitzt Aa eine spezifische, aber fundamentale Funktion: Er gehört zu jenen Kräften, welche die noch instabile Urwelt so strukturieren, dass aus Wasser ein abgegrenzter, befestigter und kultisch bewohnbarer Raum entstehen kann.
Damit gehört Aa zu den besten Beispielen dafür, wie eng in der spätzeitlichen ägyptischen Religion Kosmologie, Landschaft, Architektur und Ritual miteinander verbunden werden konnten. Der Tempel ist nicht bloß ein Haus für den Gott; er ist eine Miniatur beziehungsweise Wiederholung des Kosmos.
Die Handlung Aas besitzt daher zugleich eine mythische, räumliche und baurituale Dimension. Das Halten beziehungsweise Stabilisieren des Schilfs ist Schöpfungsakt, Grenzziehung und symbolische Gründung eines Heiligtums.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Aa hängt deshalb wesentlich von der genauen philologischen und ikonographischen Analyse der Edfu-Inschriften ab. Außerhalb dieses Kontextes lässt sich seine Gottheit kaum sinnvoll rekonstruieren.
Ein moderner Lexikonartikel sollte Aa folglich weder zu einer großen pantheonweiten Hauptgottheit aufwerten noch ihn aufgrund seiner geringen Bekanntheit als bedeutungslos behandeln. Innerhalb der Edfuer Vorstellung von der Genese des Kosmos und des Tempels erfüllt er eine klar definierte und theologisch wichtige Aufgabe.
Etymologie
| Lemma | Aa |
|---|---|
| Altägyptisch | ꜥꜣ |
| Ältere Transliteration | ˁ3 |
| Hieroglyphische Kodierung | O29:D36-G1-M17-A40 |
| Lexikalische Grundbedeutung | groß |
| Theonymische Bedeutung | der Große |
| Wortart der Grundlage | Adjektiv beziehungsweise substantiviertes Adjektiv |
| Semantischer Bereich | Größe, Bedeutung, Rang, Wirksamkeit |
| Göttlicher Klassifikator | Gottesdeterminativ A40 |
| Eng verbundenes Gegenstück | Wai „der Ferne“ |
Der Name Aa geht auf altägyptisch ꜥꜣ zurück, dessen grundlegende Bedeutung „groß“ ist. Das Wort gehört zum elementaren ägyptischen Eigenschaftswortschatz und kann in zahlreichen Titeln, Epitheta und Nominalverbindungen erscheinen.
Als Götterbezeichnung wird das Adjektiv substantivisch aufgefasst: „der Große“. Ein solcher Übergang von Eigenschaft zu göttlicher Personenbezeichnung ist für die ägyptische Religion keineswegs ungewöhnlich. Götter können durch charakteristische Tätigkeiten, Eigenschaften oder räumliche Funktionen benannt werden.
„Groß“ bedeutet dabei nicht notwendig körperlich groß. Das semantische Spektrum umfasst ebenso bedeutend, mächtig, vorzüglich, hochrangig oder in besonderem Maße wirksam.
Die deutsche Schreibform Aa ist lediglich eine vereinfachte konventionelle Übertragung. Sie darf nicht etymologisch in zwei moderne Buchstaben A + a zerlegt werden.
Besonders aufschlussreich ist die Paarung mit Wai „dem Fernen“. Während Aas Name eine Dimension von Größe beziehungsweise hervorgehobener Wirksamkeit benennt, verweist Wais Name auf Entfernung beziehungsweise Ferne. Die genaue theologische Bedeutung dieser semantischen Paarung wird unterschiedlich interpretiert.
Eine etymologische Verbindung mit dem Mondgott Iah besteht nicht. Dessen Name lautet ägyptisch jꜥḥ und bedeutet „Mond“. Die äußerlich ähnliche moderne Wiedergabe Aa/Aah in manchen älteren Publikationen beruht auf Transkriptionskonventionen.
Wortgeschichte
Das ägyptische Wort ꜥꜣ ist wesentlich älter als die ptolemäerzeitliche Edfuer Tempelanlage und gehört zum allgemeinen altägyptischen Wortschatz. Die spezielle theonymische Verwendung als Name beziehungsweise Bezeichnung des Schebtiu-Schöpfergottes Aa ist jedoch vor allem im Edfuer Quellenzusammenhang greifbar.
In der altägyptischen Schrift wurde der Name hieroglyphisch geschrieben und durch ein Gottesdeterminativ als göttliche Bezeichnung gekennzeichnet. Eine alphabetische Form Aa existierte im pharaonischen Ägypten nicht.
Mit der Entzifferung der Hieroglyphen im 19. Jahrhundert entwickelten Ägyptologen verschiedene Systeme zur Wiedergabe ägyptischer Konsonanten. Daraus entstand zunächst die wissenschaftliche Form ˁ3.
Die Verwendung der Ziffer 3 war eine typographische Konvention. Moderne Unicode-Transliteration ermöglicht die genauere Darstellung ꜥꜣ.
Für allgemeinverständliche Götterlexika wurde daraus die lesbare Kurzform Aa. Sie ist daher wissenschaftsgeschichtlich jünger als das eigentliche altägyptische Theonym.
Die heutige Form „Aa – der Große“ ist somit das Ergebnis dreier Ebenen: der altägyptischen hieroglyphischen Schreibung, der ägyptologischen Transliteration und einer modernen lesefreundlichen Namenskonvention.
Historische Einordnung
Der sicher greifbare Aa gehört in den theologischen Kontext des ptolemäerzeitlichen Horustempels von Edfu. Der erhaltene Tempel wurde zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. errichtet und dekoriert.
Die betreffende Schöpfungsüberlieferung ist auf der inneren Seite der nördlichen Umfassungsmauer erhalten. Das unmittelbar zugehörige Bild- und Textprogramm gehört in die Zeit der ptolemäischen Herrschaft.
Dies macht Aa quellenhistorisch zu einer besonders gut in der griechisch-römischen ägyptischen Tempelreligion fassbaren Gottheit. Die mythologische Handlung selbst wird jedoch als Geschehen der allerersten Urzeit präsentiert.
Die Ägypter der Ptolemäerzeit verstanden ihre Tempelreligion nicht als neu erfundene Religion. Gerade die späten Tempelinschriften inszenieren sich regelmäßig als Bewahrung sehr alter göttlicher Wissensbestände.
Aus moderner historischer Sicht muss zwischen dieser antiken Behauptung eines uralten Ursprungs und dem tatsächlichen Datum der erhaltenen Inschrift unterschieden werden. Dass ein ptolemäerzeitlicher Text eine Vorstellung in die Urzeit versetzt, beweist nicht automatisch eine lückenlose Überlieferung seit dem Alten Reich.
Gleichzeitig enthalten die Edfu-Texte zweifellos zahlreiche sehr alte religiöse Elemente. Aa steht deshalb innerhalb einer spät schriftlich fixierten, aber aus vielen älteren ägyptischen Traditionen zusammengesetzten Theologie.
Antonyme
Als individueller Göttername besitzt Aa kein echtes lexikalisches Antonym.
Das zugrunde liegende Adjektiv ꜥꜣ „groß“ kann sprachlich einem Ausdruck für „klein“ gegenübergestellt werden. Ein solcher lexikalischer Gegensatz betrifft jedoch das Adjektiv und nicht die Gottheit selbst.
Wai „der Ferne“ ist ebenfalls kein Antonym von Aa. Beide bilden vielmehr ein komplementäres Schöpferpaar innerhalb derselben kosmogonischen Handlung.
Auch Chaos, Wasser oder Nichtsein sind keine eigentlichen Antonyme Aas. Sie können dem von den Schebtiu erzeugten geordneten Raum begrifflich gegenübergestellt werden, bilden aber keine lexikalischen Gegenwörter zum Theonym.
Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke
der Große – wörtliche deutsche Bedeutungswiedergabe des Theonyms ꜥꜣ.
Schebtiu – Gruppe beziehungsweise Kategorie kreativer Schöpfergottheiten, zu deren führenden Gestalten Aa gehört.
Schöpfergott – funktionaler Ober- und Bedeutungsverwandter Begriff.
Urgott – weiter gefasste Bezeichnung für eine Gottheit der kosmogonischen Urzeit; nicht vollständig synonym.
Wai – „der Ferne“; engster göttlicher Partner Aas innerhalb des Edfuer Schöpfungsgeschehens.
Schöpferkraft – abstrakte Beschreibung der Funktion, welche die Schebtiu personifizieren.
Tempelgenese – theologischer Handlungszusammenhang, in dem Aa eine wichtige Rolle spielt.
erste Urzeit – mythische Zeitdimension, in der Aa tätig wird.
Edfuer Kosmogonie – theologisches System, in dem Aa am deutlichsten belegt ist.
Abgrenzung
Aa ist zunächst ausdrücklich vom Mondgott Iah zu unterscheiden. Iah, auch Jah, Yah oder in älteren Transkriptionssystemen gelegentlich Aah beziehungsweise Aa geschrieben, ist die Personifikation des Mondes. Sein ägyptischer Name lautet jꜥḥ und ist sprachlich ein anderes Wort.
Aa ist außerdem vom altägyptischen Amtsträger Aa beziehungsweise AaAa zu unterscheiden. Dieser war ein menschlicher Vorsteher von Bauleuten beziehungsweise Bauhandwerkern des Mittleren Reiches und keine Gottheit.
Auch das estnische Dorf Aa, verschiedene Flüsse namens Aa und die botanische Orchideengattung Aa sind vollständig unabhängige Homonyme.
Innerhalb der ägyptischen Götterwelt ist Aa von Atum, Ptah, Chnum und anderen Schöpfergöttern zu unterscheiden. Diese Gottheiten besitzen jeweils eigene Mythologien und Kulttraditionen.
Die Schebtiu wiederum dürfen nicht mit den acht Urgöttern von Hermopolis gleichgesetzt werden. Beide Gruppen können innerhalb spätzeitlicher Tempeltheologien nebeneinander beziehungsweise miteinander verbunden auftreten, bleiben aber begrifflich unterschiedliche göttliche Gruppen.
Auch mit den Djaisu, einer weiteren Gruppe schöpferischer Wesen beziehungsweise personifizierter Schöpfungsworte in der Edfuer Kosmogonie, sind die Schebtiu nicht identisch.
Kontext
Zum unmittelbarsten mythologischen Kontext gehören Wai, Schebtiu, Schöpfung, Urzeit, Schilf, Wasser, Land, Grenze, Horus und Edfu.
Im theologischen Kontext stehen Horus Behedeti, Ptah, Tatenen, Thot, Djaisu, Ogdoade, Ka, Urhügel und Tempelgenese.
Im architektonisch-rituellen Kontext gehören Tempelbau, Bauplatz, Grundriss, Tempelachse, Gründungsritual, Kosmos, Heiligtum und Schilfdickicht dazu.
Quellenkundlich stehen Horus-Tempel von Edfu, ptolemäische Tempelinschriften, Edfu-Projekt, Dieter Kurth, Dagmar Budde und Émile Chassinat im unmittelbaren Forschungsumfeld.
Religionsgeschichtlich gehören ägyptische Kosmogonie, lokale Tempeltheologie, Personifikation, Schöpferkräfte und erste Urzeit zum Bedeutungsfeld.
Kollokationen und Kookkurrenzen
Aa und Wai – wichtigste Namenspaarung in den einschlägigen Edfuer Texten.
Aa, der Große – erklärende deutsche Wiedergabe des Theonyms.
Aa als Schebtiu-Schöpfergott – fachlich zentrale Klassifikation.
Aa im Horustempel von Edfu – wichtigste Quellenlokalisierung.
Aa und das erste Schilf – kosmogonischer Zusammenhang.
Aa und das erste Land – vereinfachende Beschreibung seiner Rolle bei der Entstehung festen beziehungsweise abgegrenzten Raumes.
Aa und die Tempelgenese – Verbindung von Kosmogonie und Tempelgründung.
der Große und der Ferne – deutsche Wiedergabe des göttlichen Paares Aa und Wai.
Schebtiu-Schöpfergötter – wichtigste Gruppenbezeichnung.
Schilf stützen – ikonographische Handlung der beiden führenden Schebtiu.
Oberbegriff
Religionsgeschichtlich lautet die Hierarchie: übernatürliches Wesen → Gottheit → altägyptische Gottheit → Schöpfungsgottheit → Schebtiu-Schöpfergottheit → Aa.
Funktional kann gegliedert werden: Gottheit → kosmogonische Gottheit → personifizierte kreative Schöpferkraft → an der Entstehung von Land und heiligem Raum beteiligte Gottheit → Aa.
Nach dem theologischen System lautet die Hierarchie: ägyptische Religion → lokale Tempeltheologie → Edfuer Tempeltheologie → Edfuer Kosmogonie → Schebtiu → Aa.
Quellenkundlich ergibt sich: altägyptische Mythologie → ptolemäische Tempelüberlieferung → Horustempel von Edfu → Schöpfungs- und Tempelgenese-Texte → Aa.
Namenkundlich lautet die Hierarchie: Eigenname → Göttername/Theonym → aus einem Epitheton gebildete göttliche Bezeichnung → Aa „der Große“.
Unterbegriffe
Als individuelle Gottheit besitzt Aa keine eigentlichen lexikalischen Unterbegriffe. Es sind keine verschiedenen allgemein anerkannten Formen wie „Aa von Ort X“ oder „Aa in Gestalt Y“ bekannt, die ein systematisches Unterbegriffssystem bilden würden.
Auch Aa und Wai bilden keine Ober- und Unterbegriffsbeziehung. Beide stehen auf derselben Ebene und fungieren als komplementäre führende Gestalten der Schebtiu.
Die verschiedenen Handlungen Aas – Mitwirkung an der Schilfbildung, Grenzbildung zwischen Wasser und Land und Unterstützung der Tempelgenese – sind Funktionen derselben Gottheit und keine Unterformen.
Innerhalb des umfassenderen Oberbegriffs Schebtiu können Aa, Wai und weitere Schebtiu als einzelne Mitglieder beziehungsweise Gestalten behandelt werden.
Wortfamilie
Im engeren deutschen Sinn besitzt der Eigenname Aa keine produktive Wortfamilie. Sprachhistorisch gehört er jedoch zum altägyptischen Wortfeld von ꜥꜣ „groß“.
ꜥꜣ – altägyptisches Adjektiv „groß, bedeutend“.
Größe – abstrakter Bedeutungsbereich des zugrunde liegenden Wortes.
großer Gott – häufige ägyptische Epithetenstruktur, unabhängig von der konkreten Gottheit Aa.
Wai – kein sprachliches Familienwort, aber der engste theologische Partnername.
Schebtiu – Gruppenbezeichnung, innerhalb der Aa funktional eingeordnet ist.
Wortbildung
Aa ist keine deutsche Wortbildung. Die Form geht auf die moderne Lesbarmachung eines altägyptischen Wortes beziehungsweise Theonyms zurück.
Das zugrunde liegende ꜥꜣ ist ein altägyptisches Adjektiv. Durch substantivische beziehungsweise theonymische Verwendung entsteht daraus die Bezeichnung „der Große“.
Der Vorgang kann semantisch als Eigenschaft → Epitheton → göttliche Personenbezeichnung beschrieben werden. Solche Übergänge sind für die ägyptische Götternomenklatur charakteristisch.
Die moderne Form Aa stellt dagegen keine morphologische Analyse dar. Insbesondere besteht sie nicht aus zwei selbständigen deutschen Elementen A und a.
Polysemie
Das ägyptische ꜥꜣ ist polyfunktional. Es kann als gewöhnliches Adjektiv „groß“, als Bestandteil von Titeln und Epitheta sowie in Eigennamen beziehungsweise Götterbezeichnungen auftreten.
In der Edfuer Schöpfungstheologie ist Aa die substantivierte göttliche Gestalt „der Große“. Die gewöhnliche Adjektivbedeutung wird dadurch personifiziert.
Die moderne Schriftfolge Aa besitzt sprachübergreifend sehr viele weitere Bedeutungen. Dabei handelt es sich jedoch überwiegend nicht um Polysemie eines gemeinsamen historischen Wortes, sondern um zufällige Homographie.
Auch innerhalb der ägyptologischen Literatur muss unterschieden werden zwischen Aa als Schebtiu-Gott und Aa/Aah als gelegentlicher älterer Umschrift des Mondgottes Iah.
Homonyme und Homographe
Aa besitzt besonders zahlreiche Homonyme und Homographe. Dazu gehört zunächst der bereits behandelte altägyptische Aa beziehungsweise AaAa, ein menschlicher Amtsträger beziehungsweise Vorsteher von Bauleuten des Mittleren Reiches.
Ein weiteres Homograph ist das estnische Dorf Aa in Ida-Virumaa.
Mehrere Flüsse und Bäche in Europa tragen den Namen Aa. Besonders im niederländischen, niederdeutschen und schweizerischen Raum ist Aa als alter Gewässername verbreitet.
Aa ist außerdem der wissenschaftliche Gattungsname einer südamerikanischen Orchideengattung.
Der Mondgott Iah wird in älteren beziehungsweise populären Umschriften gelegentlich Aa oder Aah geschrieben. Diese Ähnlichkeit ist für die Ägyptologie besonders problematisch, weil dadurch zwei verschiedene ägyptische Gottheiten unter derselben modernen Buchstabenfolge erscheinen können.
Auch Amu-Aa und andere zusammengesetzte Götternamen mit einem Element Aa sind nicht mit dem Schebtiu-Gott Aa gleichzusetzen. Die jeweilige altägyptische Schreibung und der Textzusammenhang müssen überprüft werden.
Schließlich besitzt die Abkürzung AA in modernen Sprachen zahlreiche technische, institutionelle und wissenschaftliche Bedeutungen, die mit der ägyptischen Gottheit vollständig unverwandt sind.
Redewendungen und Sprichwörter
Mit der Gottheit Aa sind keine allgemein bekannten altägyptischen oder modernen Redewendungen und Sprichwörter verbunden.
Die erhaltenen Belege gehören zum hoch formalisierten Tempeldiskurs von Edfu und nicht zur dokumentierten Alltagssprache. Aus ihnen lassen sich keine volkstümlichen Sprichwörter über Aa rekonstruieren.
Auch die Übersetzung „der Große“ darf nicht automatisch mit modernen Redewendungen um „Größe“ verbunden werden. Sie ist zunächst eine lexikalische und theologische Namensbedeutung.
Metaphern
Aas mythologische Funktion ist reich an symbolischer und metaphorischer Bedeutung. Das Schilf, das gemeinsam mit Wai stabilisiert beziehungsweise hervorgebracht wird, steht nicht nur für eine Pflanze, sondern für den Übergang aus dem unbestimmten Wasserraum zu einer gegliederten Welt.
Die Entstehung von Land aus Wasser kann als kosmologische Darstellung von Ordnung aus Unbestimmtheit verstanden werden. Dieses Muster entspricht grundlegenden altägyptischen Erfahrungen mit der Nilüberschwemmung, nach deren Rückgang wieder fruchtbarer Boden sichtbar wird, ohne dass der Edfuer Mythos einfach als naturkundliche Beschreibung der jährlichen Nilflut reduziert werden darf.
Das Stützen des Schilfs wird außerdem zum Bild für Stabilisierung und Gründung. Durch die göttliche Handlung entsteht eine tragfähige Ordnung.
Der Tempel selbst wird metaphorisch und theologisch zum Kosmos im Kleinen. Aas schöpferische Handlung gehört damit zugleich zur Entstehung der Welt und zur symbolischen Entstehung des Heiligtums.
Metonymie
Der Name Aa „der Große“ beruht bereits auf einer Form der Personifikation: Eine abstrakte Eigenschaft beziehungsweise schöpferische Qualität wird als handelnde Gottheit dargestellt.
Im Tempeltext kann der Name dadurch metonymisch für eine bestimmte Schöpfungsfunktion stehen. Die Gottheit verkörpert nicht lediglich eine individuelle mythologische Person, sondern eine wirksame kosmische Kraft.
Das Schilf wiederum kann metonymisch für den entstehenden heiligen Ort beziehungsweise den ersten strukturierten Lebensraum stehen.
Die Tätigkeit Aas und Wais bei der urzeitlichen Schilfstruktur kann schließlich auf den historischen Tempelbau übertragen werden. Der mythologische Schöpfungsakt steht dann für die rituelle und architektonische Gründung des Tempels.
Register und Sprachstufe
Aa ist in dieser Bedeutung ein ausgeprägt fachwissenschaftlicher Name. Er gehört zur Ägyptologie, Religionswissenschaft, Mythologie- und Tempelforschung.
Die Form ꜥꜣ gehört zur wissenschaftlichen Transliteration. Sie ist in allgemeinsprachlichen Texten weniger gebräuchlich, aber für philologisch präzise Arbeiten vorzuziehen.
ˁ3 ist eine ältere wissenschaftliche Transkriptionsform. Sie begegnet besonders in älterer Literatur und digitalisierten historischen Publikationen.
„der Große“ ist die deutsche Bedeutungsübersetzung beziehungsweise Glossierung, kein Ersatzname, der unabhängig vom historischen Kontext frei verwendet werden sollte.
Die Klassifikation Schöpfergott ist allgemein verständlich; Schebtiu-Schöpfergott beziehungsweise personifizierte kreative Schöpferkraft der Edfuer Tempeltheologie ist fachlich genauer.
Regionale Varianten
Eine regionale Dialektvariante des Namens Aa ist nicht gesichert überliefert. Die Gottheit wird vor allem aus der theologischen Tradition von Edfu erschlossen.
Die stärkste Variation liegt deshalb nicht in altägyptischen regionalen Ausspracheformen, sondern in der modernen Transliteration: ꜥꜣ, ˁ3 und vereinfachend Aa.
Französische, englische und deutsche ägyptologische Literatur können aufgrund unterschiedlicher älterer Transkriptionskonventionen geringfügig voneinander abweichende graphische Formen verwenden.
Da Aa eine stark lokal an Edfu gebundene Gottheit ist, besteht zugleich eine regionale theologische Besonderheit: Seine prominenteste bekannte Funktion gehört nicht zum allgemeinen ägyptischen Pantheon in gleicher Ausprägung, sondern zur Edfuer lokalen Kosmogonie.
Aktuelle Statistik
| Lemma | Aa |
|---|---|
| Altägyptische Form | ꜥꜣ |
| Ältere Umschrift | ˁ3 |
| Namensbedeutung | der Große |
| Religionsgeschlechtliche Einordnung | altägyptische Schöpfungsgottheit |
| Gruppe | Schebtiu-Schöpfergötter |
| Funktion innerhalb der Gruppe | einer der führenden beziehungsweise anführenden Schebtiu |
| Engster Partner | Wai „der Ferne“ |
| Zentraler Kult- und Textort | Horus-Tempel von Edfu |
| Erhaltener Hauptquellenkontext | ptolemäerzeitliche Tempelinschriften und zugehörige Reliefprogramme |
| Schöpfungsfunktion | Mitwirkung an der Entstehung beziehungsweise Stabilisierung des ersten Schilfs und der Grenze von Land und Wasser |
| Ikonographische Funktion | mit Wai beim Stützen des Schilfs innerhalb der Tempelgenese |
| Zahl der eng verbundenen führenden Schebtiu | 2: Aa und Wai |
| Götterzahl der von Budde untersuchten Tempelgenese-Szene | 30 Gottheiten insgesamt |
| Eigenständiger überregionaler Hauptkult | nicht nachgewiesen |
| Eigenständiger Tempel | nicht nachgewiesen |
| Eigenständige umfangreiche Mythensammlung | nicht überliefert |
| Forschungsstand | stark vom Edfuer Text- und Bildkorpus abhängig |
| Stand | September 2026 |
Eine moderne „Statistik“ über Aa kann naturgemäß nicht wie bei einer Bevölkerung, Tierart oder lebenden Religionsgemeinschaft erstellt werden. Sinnvoll sind stattdessen Angaben zur Quellen- und Funktionsstruktur.
Besonders kennzeichnend ist die Konzentration der aussagekräftigen Belege auf den Edfuer Tempelkomplex. Dadurch gehört Aa zu den Gottheiten, deren moderne Kenntnis wesentlich von einem einzigen außergewöhnlich umfangreichen lokalen Textkorpus abhängt.
Die Zahl 30 bezieht sich nicht auf „30 Erscheinungen Aas“, sondern auf die von Dagmar Budde analysierte Gruppe von dreißig göttlichen Gestalten in einer Szene zur Genese des Tempels. Aa und Wai bilden innerhalb dieser komplexen Komposition ein besonders hervorgehobenes Paar.
Häufigkeit und Statistik
| Lemma | Aa |
|---|---|
| Häufigkeit im allgemeinen deutschen Wortschatz | extrem selten |
| Häufigkeit in populären Ägyptenlexika | selten; meist als kurze Randgottheit aufgeführt |
| Häufigkeit in der Edfu-Forschung | fachlich relevant im Zusammenhang mit Schebtiu, Kosmogonie und Tempelgenese |
| Überregionaler Kultstatus | nicht als bedeutende reichsweite Kultgottheit belegt |
| Hauptbelegzeit | Ptolemäerzeit |
| Hauptbelegort | Edfu |
| Zentrale Namenspaarung | Aa und Wai |
| Universeller Textfrequenzwert | nicht sinnvoll ohne klar abgegrenztes ägyptologisches Korpus und Disambiguierung zahlreicher Homonyme |
Eine automatische Suche nach Aa ist besonders fehleranfällig. Dieselbe Zeichenfolge bezeichnet Flüsse, Orte, Personen, botanische Taxa, Abkürzungen und andere ägyptologische Namen.
Für eine wissenschaftliche Frequenzuntersuchung müsste deshalb mit Kombinationen wie ꜥꜣ, Schebtiu, Wai, Edfu und den konkreten hieroglyphischen beziehungsweise publizierten Textstellen gearbeitet werden.
Die Seltenheit des Namens in moderner Literatur sagt zudem wenig über seine Bedeutung innerhalb des konkreten Edfuer Textes aus. Eine lokal spezialisierte Gottheit kann in einer bestimmten theologischen Szene eine zentrale Funktion besitzen, obwohl sie im übrigen ägyptischen Quellenmaterial kaum hervortritt.
Wortbildung als Erstglied
Aa- ist im Deutschen als Bezeichnung dieser Gottheit kein produktives Wortbildungselement. Möglich sind lediglich transparente fachsprachliche Gelegenheitsbildungen wie Aa-Darstellung, Aa-Beleg, Aa-Inschrift, Aa-Funktion oder Aa-Wai-Paar.
Solche Bildungen dienen der wissenschaftlichen Beschreibung und sind keine fest lexikalisierten Wörter.
Das altägyptische ꜥꜣ selbst ist dagegen als Wort „groß“ in sehr zahlreichen ägyptischen Titeln und Epitheta produktiv. Diese anderen Vorkommen dürfen nicht automatisch auf die Gottheit Aa bezogen werden.
Wortbildung als Letztglied
-Aa ist im Deutschen kein produktives Wortbildungssuffix.
In modernen Fachbezeichnungen kann der Göttername als zweites Glied einer beschreibenden Verbindung auftreten, etwa Schebtiu-Gott Aa oder Schöpfergott Aa. Dies sind jedoch syntaktische Benennungen und keine eigentlichen morphologischen Bildungen.
In ägyptischen zusammengesetzten Namen können Zeichenfolgen, die modern als Aa wiedergegeben werden, unterschiedliche Wörter repräsentieren. Deshalb darf nicht jedes -Aa in einer vereinfachten Transkription etymologisch mit dem hier behandelten Theonym gleichgesetzt werden.
Übersetzungen
| Lemma | Aa |
|---|---|
| Altägyptisch | ꜥꜣ; ältere Transliteration ˁ3 |
| Wörtliche deutsche Bedeutung | der Große |
| Altgriechisch | keine überlieferte griechische Eigenform; sinngemäße Bedeutungsübersetzung ὁ μέγας „der Große“ |
| Lateinisch | keine überlieferte feste lateinische Eigenform; sinngemäß Magnus „der Große“ |
| Italienisch | Aa; sinngemäß il Grande |
| Französisch | Aa; sinngemäß le Grand |
| Spanisch | Aa; sinngemäß el Grande |
| Englisch | Aa; the Great |
Als Eigenname beziehungsweise theonymische Bezeichnung wird Aa in modernen Sprachen grundsätzlich nicht übersetzt. Die Formen der Große, the Great, le Grand, il Grande und el Grande sind Bedeutungsangaben des altägyptischen Wortes ꜥꜣ, keine historisch belegten fremdsprachigen Namen der Gottheit.
Für Altgriechisch ist keine sicher überlieferte eigenständige Interpretatio Graeca dieser speziellen Edfuer Gottheit bekannt. ὁ μέγας wäre lediglich eine moderne semantische Übersetzung der Bedeutung „der Große“.
Dasselbe gilt für lateinisch Magnus. Die Form erläutert die Namensbedeutung, belegt aber keinen eigenständigen antiken lateinischen Kultnamen.
In einem wissenschaftlichen Text empfiehlt sich deshalb die Form Aa (ägyptisch ꜥꜣ „der Große“). Dadurch bleiben Eigenname, Transliteration und Bedeutungsübersetzung klar voneinander getrennt.