Hans Aßmann von Abschatz
Die weiße Fillis
Lasst die bunten Tulpen weisen1
Ihrer hohen Farbe Zier/2
Lasst die edle Rose preisen/3
Zeig! Narciß und Nägeln für:4
Liljen/ die bey Fillis stehn/5
Sind für allen Blumen schön.6
–
Zephyr mit verliebten Küssen7
Spielt um ihren zarten Mund/8
Lässt die stoltze Flora wissen/9
Macht mit lindem Rauschen kund/10
Liljen/ die bey Fillis stehn/11
Sind für allen Blumen schön.12
–
Milch und Schnee kan nicht erreichen13
Ihrer reinen Weisse Pracht/14
Die Narcissen sind ingleichen15
Gegen ihrem Tage Nacht;16
Liljen/ die bey Fillis stehn/17
Sind für allen Blumen schön.18
–
Amor selbst hat/ sie zu pflegen/19
Mich zum Gärtner eingesezt.20
Meine Thränen sind der Regen21
Der sie nach und nach benezt/22
Biß mir Fillis mit der Zeit23
Sie zu brechen Gunst verleiht.24
Analyse – Strophe I – Verse 1-6
1 Lasst die bunten Tulpen weisen
Textebene
Der Sprecher fordert auf, den farbigen Tulpen ihren Glanz und ihre auffällige Farbigkeit zu lassen.
Subtextebene
Tulpen stehen im Barock oft für exotische, kostbare, aber auch vergängliche Schönheit. Die Aufforderung »lasst …« deutet eine Abgrenzung an: Man erkennt ihre Schönheit an, doch sie stehen nicht im Zentrum der poetischen Aufmerksamkeit.
Metaebene
Der Vers etabliert gleich zu Beginn den Vergleichsrahmen, in dem Blumen als Schönheitsmetaphern dienen. Die Tulpe, im 17. Jahrhundert Symbol der Luxusmode und der »Tulpenmanie« in Holland, wird hier als Maßstab genannt, um sie im Folgenden zu übertreffen.
2 Ihrer hohen Farbe Zier/
Textebene
Fortsetzung des Lobes der Tulpen – sie besitzen eine »hohe Farbe«, also ein intensives, prachtvolles Kolorit, das ihnen zur Zierde gereicht.
Subtextebene
Die Schönheit wird zwar anerkannt, doch der Sprecher bereitet rhetorisch vor, dass selbst diese Farbenpracht übertroffen werden kann. »Hohe Farbe« kann zugleich auch gesellschaftliche Konnotationen haben: vornehme Erscheinung, Stand, Würde.
Metaebene
Hier wird die barocke Vorliebe für visuelle Opulenz und Hierarchisierung spürbar: Schönheit wird nach »Grad« und »Rang« geordnet. Dies spiegelt zugleich höfische Werte wider, in denen Schönheit oft Statussymbol ist.
3 Lasst die edle Rose preisen/
Textebene
Auch die Rose, traditionell als Königin der Blumen verehrt, soll ihr Lob erhalten.
Subtextebene
Der Sprecher anerkennt den traditionellen Rang der Rose als Symbol für Liebe und Anmut, impliziert aber: Selbst diese Königin ist nicht konkurrenzlos.
Metaebene
Die Rose ist in der europäischen Lyrik ein konventionalisiertes Sinnbild für höchste Schönheit und Liebe, oft mit Marien- oder Venusassoziationen. Abschatz stellt sie hier in eine Reihe, um gleich eine Steigerung zu setzen.
4 Zeig! Narciß und Nägeln für:
Textebene
Auch Narzissen (»Narciß«) und Nelken (»Nägeln«) sollen vorgestellt oder präsentiert werden. »Zeig!« hat den Charakter einer theatralischen Aufforderung.
Subtextebene
Narzisse als Symbol der Selbstliebe, Nelke als Sinnbild von Zuneigung oder leidenschaftlicher Liebe – hier wird die Blumenliste um weitere Bedeutungsnuancen erweitert, sodass ein ganzes Spektrum sinnlicher und moralischer Qualitäten aufgerufen wird.
Metaebene
Der Vers zeigt barocke Rhetorik: Häufung und Aufzählung, um Fülle und Pracht zu inszenieren, bevor ein kontrastierendes, überbietendes Motiv eingeführt wird. Auch der Imperativ »Zeig!« ruft einen performativen Akt des Präsentierens auf, wie in einem höfischen Fest.
5 Liljen/ die bey Fillis stehn/
Textebene
Die Lilien, die bei »Fillis« stehen, sind die zentralen Blumen. »Fillis« ist vermutlich die allegorische oder lyrische Dame, deren Schönheit hier beschrieben wird.
Subtextebene
Lilien symbolisieren Reinheit, Unschuld, oft auch keusche Liebe. Dass sie »bei Fillis« stehen, suggeriert, dass diese Eigenschaften die Dame umgeben oder ihr zugeschrieben werden.
Metaebene
Die Lilie wird in christlicher Symbolik mit Maria assoziiert, was die Figur der Fillis subtil aufwertet – von einer höfischen Geliebten zu einer idealisierten, fast marianischen Figur. Hier verschmilzt weltliche Galanterie mit religiös geprägter Bildsprache, typisch für das Barock.
6 Sind für allen Blumen schön.
Textebene
Die Lilien bei Fillis werden als die schönsten aller Blumen bezeichnet.
Subtextebene
Der Höhepunkt der Steigerung: Die Schönheit der Fillis (und ihrer Lilien) übertrifft die bisher aufgezählten floralen Schönheiten. Dies ist ein galanter Topos, der die Geliebte in einen exklusiven Rang erhebt.
Metaebene
Das barocke Prinzip der gradatio (Steigerung) findet hier seinen Abschluss in der Hyperbel. Die Schönheit der Geliebten wird nicht nur in Relation zu anderen, sondern als absolute Vollendung dargestellt. Gleichzeitig wird die »weiße« Lilie als Leitmotiv für Reinheit und Seltenheit verankert, was auf den Gedichttitel »Die weiße Fillis« verweist.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
Die erste Strophe von Hans Aßmann von Abschatz’ Die weiße Fillis entfaltet ein poetisches Panoramabild der Blumenwelt, um die unvergleichliche Schönheit einer Frau — der »weißen Fillis« — hervorzuheben. Die Tulpe mit ihrer auffälligen Färbung, die edle Rose mit ihrem Rang, der Narziss (als mythologisches Sinnbild der Selbstbewunderung) und die »Nägeln« (Nelken) werden zwar benannt, aber gleichsam in den Schatten gestellt. Der Höhepunkt liegt in den »Liljen«, die »bey Fillis stehn« — eine klassische Metapher für Reinheit, Unschuld und strahlendes Weiß. Die gesamte Bildsprache ist auf eine ästhetische Überbietung angelegt: Die Blumen sind nicht Selbstzweck, sondern Maßstab, an dem Fillis’ Schönheit alle anderen übertrifft. Abschatz verwendet hier die rhetorische Figur der Enumeratio, um die Wertsteigerung zu steigern und in der finalen Pointe (»schön für allen Blumen«) kulminieren zu lassen.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Die Lilie ist in der christlichen Symbolik nicht nur ein Sinnbild für Reinheit, sondern auch für die imago Mariae, die Verkörperung der unbefleckten Empfängnis und der geistigen Vollkommenheit. Indem Fillis durch Lilien überboten wird, tritt sie in einen Bereich quasi-heiliger Schönheit ein — ein Motiv, das im Barock oft an der Schnittstelle zwischen profaner Liebe und spiritueller Idealisierung verläuft. Die Aufzählung der Blumen erinnert an die hortus conclusus-Tradition, den umfriedeten Garten Mariens, was eine sakrale Rahmung der Liebesbeschreibung andeutet. Philosophisch liegt darin eine Platonische Idee: die sichtbare Schönheit als Spiegel einer unsichtbaren, vollkommenen Form, die den Betrachter zu einer höheren Sphäre des Seins hinzieht.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch betrachtet offenbart sich in der Strophe eine Projektion der idealisierten Geliebten auf ein perfektes, reines Naturbild. Die wiederholte Abwertung aller anderen Blumen zeigt, wie sehr der Sprecher sein eigenes Begehren an der Überhöhung des Gegenübers festmacht. Fillis’ Schönheit wird nicht nur beschrieben, sondern zum Monopol auf ästhetische Vollkommenheit erklärt — was einen absolutistischen Liebesblick verrät, der keine Relativierung duldet. Der Einsatz von Blumensymbolen dient nicht allein der Zierde, sondern als emotionaler Filter: Die Wahrnehmung der realen Frau verschmilzt mit einem Idealbild, das jede empirische Nuance überblendet. Das kann sowohl Ausdruck inniger Verehrung sein als auch — unterschwellig — eine Distanz zur tatsächlichen Person, da sie hier eher als Bildgestalt denn als handelndes Subjekt erscheint.
Analyse – Strophe II – Verse 7-12
7 Zephyr mit verliebten Küssen
Textebene
Der Westwind (Zephyr), personifiziert als sanfter, lieblicher Frühlingswind, küsst zärtlich.
Subtextebene
Zephyr ist ein klassisches Sinnbild für jugendliche Liebe, Frühling, Aufblühen. Die »verliebten Küsse« übertragen Naturvorgänge auf menschliche Zärtlichkeit – eine erotische Unterströmung wird sanft eingeführt.
Metaebene
Hier findet eine Verschmelzung von barocker Mythologie-Referenz und galantem Liebesdiskurs statt: Naturphänomene werden in den höfischen Liebescode übersetzt, was den poetischen Anspruch des Barock adelt und die Anspielung auf antike Dichtung (Ovid, Theokrit) deutlich macht.
8 Spielt um ihren zarten Mund
Textebene
Der Wind umspielt zärtlich den Mund von Fillis.
Subtextebene
»Zarter Mund« ist ein traditionelles Attribut weiblicher Schönheit, zugleich ein erotischer Fokuspunkt. Das »Spielen« des Windes hat eine doppelte Bedeutung: unschuldig-heitere Bewegung und zugleich ein Hauch körperlicher Intimität, die den direkten Kuss ersetzt.
Metaebene
Es zeigt sich die barocke Kunst der mediatio amoris: Die Leidenschaft wird durch poetische Umwege und Naturbilder vermittelt, um den Anstand zu wahren und dennoch sinnliche Intensität zu erzeugen.
9 Lässt die stoltze Flora wissen
Textebene
Zephyr teilt Flora, der Göttin der Blumen, etwas mit.
Subtextebene
Die »stolze Flora« steht für die übergeordnete Herrin des Frühlings und der Blüten. Hier deutet sich ein Vergleich an: Fillis’ Schönheit wird in einen Wettstreit mit der Flora gesetzt. »Stolz« kann ironisch mitschwingen – Flora muss sich hier einer Konkurrentin beugen.
Metaebene
Es ist ein klassischer Topos der höfischen Liebeslyrik, dass die Geliebte die Natur selbst übertrifft. Der Mythos wird poetologisch funktionalisiert, um die Überlegenheit der Dichtung über die Natur festzuschreiben – ein Selbstbewusstsein des Dichters.
10 Macht mit lindem Rauschen kund
Textebene
Der Wind teilt durch sanftes Wehen (Rauschen) die Botschaft mit.
Subtextebene
Das »linde Rauschen« kann als Liebesgeflüster gelesen werden, in dem der Wind als Bote fungiert. Die Kommunikation bleibt naturhaft, poetisch verschlüsselt.
Metaebene
Hier zeigt sich das barocke Ideal der sprezzatura: Botschaften, selbst in Liebesangelegenheiten, erscheinen leicht, kunstlos, »wie nebenbei« vermittelt – obwohl sie hochartifiziell in Versform gesetzt sind.
11 Liljen/ die bey Fillis stehn
Textebene
Neben Fillis stehen Lilien.
Subtextebene
Die Lilie ist traditionell ein Symbol für Reinheit, Unschuld und zugleich für erhabene Schönheit. Dass diese Blumen Fillis umgeben, steigert ihre Aura, aber auch den Vergleichsmaßstab: selbst die Blume der Reinheit wird mit ihr gemessen.
Metaebene
Die Lilie als Emblem verbindet galanten Liebesdiskurs mit emblematischer Dichtungspraxis des Barock. Die Präsenz dieser Symbolpflanze signalisiert, dass wir uns in einer durchcodierten Bildwelt bewegen, die dem gebildeten Lesepublikum vertraut war.
12 Sind für allen Blumen schön.
Textebene
Die Lilien gelten als die schönsten unter allen Blumen.
Subtextebene
Diese Feststellung bereitet die Hyperbel vor: Wenn schon die schönsten Blumen in Fillis’ Nähe stehen, wird suggeriert, dass selbst diese im Vergleich zu ihr verblassen. Die Aussage dient der Steigerung, nicht der floristischen Präzision.
Metaebene
Es zeigt sich das barocke Prinzip der amplificatio – Schönheit wird gesteigert durch Vergleich mit dem Höchstmaß des Vorstellbaren. Gleichzeitig ist es ein poetologischer Selbstkommentar: Die Kunst des Dichters besteht darin, durch wohlgesetzte Vergleiche das Unvergleichliche anzudeuten.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
In dieser zweiten Strophe von Die weiße Fillis tritt ein klassisch-barocker Natur- und Liebesbildentwurf hervor, der zugleich in einem allegorischen Code verankert ist. Der Zephyr – der sanfte Westwind der antiken Mythologie, häufig Symbol des Frühlings und der Liebe – umspielt mit »verliebten Küssen« den »zarten Mund« der Fillis. Diese Personifizierung des Windes verleiht der Szene ein erotisch-sinnliches Moment, das jedoch in der höfischen Dichtung in einen ästhetisch gezügelten Rahmen eingebettet ist. Zephyr wird zum Mittler zwischen Fillis und Flora, der Göttin der Blumen, und fungiert damit als Bote der Schönheit: Er »lässt wissen« und »macht kund«, dass die Lilien, die neben Fillis stehen, alle anderen Blumen an Schönheit übertreffen. Die Lilie ist im europäischen Symbolvokabular mehrdeutig – einerseits steht sie für Reinheit, Unschuld und Jungfräulichkeit, andererseits kann sie im Kontext galanter Poesie auch auf begehrenswerte Vollkommenheit verweisen. Das Bild ist somit doppelt kodiert: Naturmetaphorik dient nicht nur der Beschreibung, sondern ist ein galantes Kompliment, das Fillis in den Rang einer mythologisch überhöhten Idealgestalt erhebt.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Philosophisch betrachtet bewegt sich diese Strophe im Spannungsfeld zwischen Platonischer Ideenlehre und barocker Vanitas-Sensibilität. Die Schönheit der Lilien ist nicht nur ein ästhetischer, sondern ein metaphysischer Hinweis: Die vollkommene Form (Idea) der Schönheit wird in Fillis exemplarisch sichtbar. Der Zephyr als unsichtbarer, doch spürbarer Bote erinnert an den platonischen Eros – ein vermittelndes Prinzip zwischen Sinnlichem und Geistigem. Theologisch ist die Lilie traditionell ein Marienattribut, Symbol der unbefleckten Reinheit. In einem christlichen Deutungsrahmen könnte Fillis so – wenn auch in galanter Brechung – als eine Art irdische Spiegelung einer himmlischen Schönheit gedeutet werden. Zugleich schwingt im Barock stets das Bewusstsein mit, dass diese Schönheit vergänglich ist: Die Lilien welken, der Zephyr verweht, und alles Irdische ist dem Wandel unterworfen. Die Strophe steht daher subtil auch unter dem Zeichen der Vergänglichkeit, wenngleich dies nicht direkt ausgesprochen wird.
Psychologische Tiefenschicht
Psychologisch ist der Zephyr hier mehr als nur ein mythologisches Element: Er fungiert als Projektion des Liebeswunsches. Der »verliebte Kuss« ist kein direkter menschlicher Kontakt, sondern kommt in Gestalt eines Naturphänomens – ein Umweg, der die höfische Distanz wahrt und zugleich eine zarte Erotik erlaubt. Die Mitteilung an Flora kann als externalisierte Selbstbestätigung gelesen werden: Das Ich (implizit der Sprecher) nutzt die mythische Instanz, um die Geliebte öffentlich zu preisen, ohne sie direkt zu konfrontieren. Die Lilien fungieren als psychologisches Spiegelobjekt – sie stehen für die Reinheit und Vollkommenheit, die der Sprecher in Fillis zu sehen glaubt. Diese Projektion idealisiert und entrückt Fillis, entfernt sie aus der Alltagsrealität und platziert sie in eine ästhetische, fast unnahbare Sphäre. Das spricht für ein Liebesverhältnis, das mehr von idealistischer Schwärmerei und sublimierter Anziehung als von unmittelbarer Erfüllung getragen ist.
Analyse – Strophe III – Verse 13-18
13 Milch und Schnee kan nicht erreichen
Textebene
Der Sprecher vergleicht die Farbe von Milch und Schnee mit der Haut oder Erscheinung von Fillis und erklärt, dass selbst diese beiden Inbegriffe von Weißheit nicht an sie heranreichen.
Subtextebene
Milch steht hier für Reinheit und Nährhaftigkeit, Schnee für Unberührtheit und Naturfrische. Die Aussage übertrifft diese Naturbilder, um Fillis’ Schönheit zu überhöhen. Das impliziert zugleich, dass Fillis nicht nur natürlich rein ist, sondern eine übernatürliche Qualität besitzt.
Metaebene
Es wird ein traditionelles barockes Schönheitsideal verhandelt: Überbietung der Natur durch die Kunst (hier: dichterische Sprache). Der Dichter erhebt seine Muse über jede irdische Vergleichsgröße, was auch das rhetorische Spiel der imitatio naturae übersteigt.
14 Ihrer reinen Weisse Pracht
Textebene
Die »reine weiße Pracht« bezeichnet das strahlende, makellose Aussehen von Fillis, vermutlich ihre Haut oder ihre Kleidung.
Subtextebene
Reinheit wird hier sowohl körperlich (makellose Hautfarbe) als auch moralisch (unschuldige Tugend) kodiert. »Pracht« deutet auf einen festlichen, erhabenen Glanz hin – nicht bloß Farbe, sondern Ausstrahlung.
Metaebene
In der barocken Poetik ist »Pracht« Teil der decoratio, des überhöhten Schmuckes. Sie zeigt, wie Dichtung Schönheit nicht nur beschreibt, sondern ins Monumentale steigert. Die »Reinheit« verschränkt moralische und ästhetische Kategorien.
15 Die Narcissen sind ingleichen
Textebene
Der Dichter vergleicht Fillis mit Narzissen, einer weißen Blume, und stellt fest, dass auch sie in diesem Vergleich zurückstehen.
Subtextebene
Narzissen tragen mythologische Untertöne: In der Antike mit Schönheit, Selbstliebe und Frühlingsanfang assoziiert. Die implizite Botschaft: Selbst diese Blumen, die sprichwörtlich schön sind, verblassen neben Fillis.
Metaebene
Die Verwendung klassischer Mythologie verweist auf die Bildungstradition des Autors und auf die barocke Vorliebe, Naturphänomene mit literarisch codierten Bildern zu überhöhen. Zugleich wird Schönheit als etwas ins Unvergleichbare entrückt.
16 Gegen ihrem Tage Nacht;
Textebene
Die Narzissen sind im Vergleich zu Fillis wie Nacht gegenüber Tag – ein radikaler Gegensatz, der Fillis’ Überlegenheit betont.
Subtextebene
Die Metapher »Tag vs. Nacht« verstärkt den Eindruck absoluter Dominanz ihrer Schönheit; Nacht wirkt im barocken Kontext oft als Metapher für Abwesenheit von Glanz, für Kälte oder Tod, während Tag für Leben und Offenbarung steht.
Metaebene
Dieses Schwarz-Weiß-Schema zeigt den barocken Hang zur antithetischen Zuspitzung. Es wird nicht ein gradueller, sondern ein ontologischer Unterschied behauptet – Fillis ist das Prinzip des Lichts selbst, nicht nur ein schöner Mensch.
17 Liljen/ die bey Fillis stehn/
Textebene
Lilien, traditionell für ihre weiße Farbe und Schönheit bekannt, stehen neben Fillis.
Subtextebene
Lilien haben biblische und marianische Konnotationen – sie symbolisieren Reinheit, Keuschheit, manchmal auch königliche Würde. Dass sie »bei Fillis« stehen, impliziert eine Szene, in der Natur und Person zusammentreffen, aber Fillis bleibt der Fokuspunkt.
Metaebene
Die Anordnung »Lilien bei Fillis« hat fast eine Bildkomposition: Die Muse inmitten ihrer floralen Entsprechungen. Hier schwingt die barocke Kunstidee der emblematica mit – Bild (Lilie) und Person verschmelzen zur Allegorie der Tugend.
18 Sind für allen Blumen schön.
Textebene
Lilien sind zwar die schönsten aller Blumen, doch der Kontext impliziert, dass selbst diese Schönheit im Vergleich zu Fillis übertroffen wird.
Subtextebene
Das Lob ist zweifach: Es bestätigt die Sonderstellung der Lilie in der Blumensymbolik, steigert aber zugleich Fillis darüber hinaus. Schönheit wird hier als Hierarchie verstanden, an deren Spitze Fillis steht.
Metaebene
Der Vers bündelt das barocke Kompliment in einer Steigerungslogik: Selbst die Spitze der natürlichen Schönheit ist nur die Stufe, von der aus der Dichter seine Muse noch höher erhebt. Dies verweist auch auf das barocke Bestreben, den Gegenstand des Gedichts durch rhetorische Gradation ins Überirdische zu heben.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
Diese Strophe ist ein Paradebeispiel barocker Schönheitsbeschreibung in der Tradition der petrarkistischen Liebeslyrik. Die »weiße Fillis« wird hier in ihrer Reinheit und strahlenden Helligkeit über jede natürliche Referenz hinaus erhoben. Weder »Milch und Schnee« – beides klassische Metaphern für vollkommene Weiße – noch die lichthellen Narzissen oder Lilien erreichen den Glanz ihrer Haut und Ausstrahlung. Die Natur, oft die oberste Referenz für Schönheit, wird hier nicht nur als Vergleich, sondern als unterlegen dargestellt: Der Tag der Narzissen ist Nacht im Angesicht von Fillis.
Die Strophe steigert so den Topos der Unvergleichbarkeit der Geliebten, indem jedes Bild nicht nur als Gleichnis, sondern als Überbietung angelegt ist: Die Schönheit Fillis’ ist ein Maßstab, an dem selbst das reinste Weiß verblasst.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
In barocker Denkweise steht »Weiß« nicht nur für sinnliche Schönheit, sondern für Reinheit, Unschuld, Gnade – Begriffe, die im christlichen Kontext eine eschatologische Dimension haben. Das Weiß der Lilien ist in der Bibel oft mit der Reinheit Mariens oder der Auferstehungskleider der Seligen assoziiert (vgl. Matthäus 28,3; Offenbarung 7,14).
Indem die Schönheit Fillis’ über diese Symbole hinausgeht, entsteht eine doppelte Lesart:
Idealisch-metaphysisch: Fillis wird in einen übernatürlichen Status erhoben, fast wie ein Engel oder eine Heilige.
Eros und Transzendenz: Der Text bewegt sich an der Grenze zwischen sakraler Reinheit und profanem Liebesbegehren – ein klassisches Spannungsfeld der Barockzeit, in dem das Sinnliche als Spiegel des Göttlichen gesehen, aber auch als Gefahr der Vergötzung interpretiert wird.
Das »Licht/Nacht«-Motiv zwischen Vers 15 und 16 hat ebenfalls eine christlich-philosophische Tiefe: Licht ist Wahrheit und Gott (Joh 1,5), Nacht ist Mangel daran – doch hier wird die Natur selbst »Nacht«, weil sie nicht an die Fülle von Fillis’ Licht heranreicht.
Psychologische Tiefenschicht
Auf psychologischer Ebene wirkt die Strophe wie eine Projektion idealisierender Verliebtheit. Der Sprecher steigert seine Wahrnehmung so, dass die Realität völlig überstrahlt wird – das Bild Fillis’ wird absolut und unerreichbar. Diese Überhöhung kann als Ausdruck einer erotischen Fixierung gedeutet werden, die kaum noch Raum für Realität lässt.
Es schwingt auch eine subtile Selbstentmächtigung des lyrischen Ichs mit: Indem er Fillis so weit über jede Vergleichsgröße erhebt, stellt er sich in eine Position der Anbetung und Unterordnung. Das entspricht der barocken Liebeskonvention, in der der Verehrer den Rang eines »Dieners« der angebeteten Dame einnimmt, aber psychologisch ist es auch ein Mechanismus, der die Unerreichbarkeit und Distanz verstärkt.
Analyse – Strophe IV – Verse 19-24
19 Amor selbst hat/ sie zu pflegen
Textebene
Der Sprecher berichtet, dass Amor (der Liebesgott) persönlich die Aufgabe hat, die weiße Fillis zu pflegen. Das Bild ist pastorale Liebespoesie: Amor wird als sorgender Gärtner oder Hüter vorgestellt.
Subtextebene
Amor steht hier für die göttliche oder schicksalhafte Bestimmung der Liebe – nicht der Sprecher allein ist für Fillis’ Erblühen verantwortlich, sondern eine höhere Macht, die Liebe selbst. Dies verleiht der Situation eine Aura von Unausweichlichkeit: Liebe ist nicht bloß ein privates Gefühl, sondern kosmisch legitimiert.
Metaebene
In der barocken Liebeslyrik ist die Berufung auf Amor ein rhetorisches Topos, das sowohl Mythologie als auch poetische Selbstverortung nutzt. Die Erwähnung Amors deutet auf den bewussten Einsatz literarischer Tradition hin, in der Liebesbeziehungen durch mythologische Instanzen geadelt und legitimiert werden.
20 Mich zum Gärtner eingesezt.
Textebene
Der Sprecher wurde selbst von Amor zum Gärtner bestimmt. Er ist also derjenige, der konkret die Pflegearbeit ausführt, unter Amors Auftrag.
Subtextebene
Das Bild des Gärtners ist doppeldeutig – einerseits ist es ein zärtlich-pflegender Dienst, andererseits impliziert es Geduld, langfristige Hingabe und ein Warten auf die »Ernte«. Damit wird das Liebeswerben als kultivierende, fast ritualisierte Tätigkeit dargestellt.
Metaebene
Das Gärtner-Motiv gehört zu den barocken Allegorien der Liebe, bei denen die Frau als zarte Pflanze oder Blume erscheint. Der Sprecher positioniert sich als literarische Figur im Rahmen einer etablierten Metapher, die kulturell den männlichen Werber als aktiven Pfleger und die Geliebte als passiv-empfangende Natur darstellt.
21 Meine Thränen sind der Regen
Textebene
Die Tränen des Sprechers werden metaphorisch mit Regen gleichgesetzt, der die Pflanze (Fillis) nährt.
Subtextebene
Tränen stehen hier für Liebesleid und Sehnsucht, die – paradoxerweise – zugleich schmerzhaft und lebensspendend sind. Sein Kummer dient der »Ernährung« ihrer Schönheit oder Zuneigung.
Metaebene
Das Motiv der Tränen als Regen ist ein fester Bestandteil der Emblematik und Liebespoesie des 17. Jahrhunderts. Hier spiegelt sich die barocke Dialektik von Freude und Schmerz in der Liebe: Der Liebende erleidet und erzeugt zugleich die Bedingungen für das Gedeihen der Liebe.
22 Der sie nach und nach benezt
Textebene
Die Tränen/Regen befeuchten nach und nach die Pflanze (Fillis).
Subtextebene
Das langsame, stetige Benetzen verweist auf Geduld und Dauer des Werbens. Es geht nicht um sofortige Erfüllung, sondern um einen Prozess, der in kleinen, wiederholten Gesten wächst.
Metaebene
»Nach und nach« ist eine rhetorische Verdichtung des barocken Vanitas-Bewusstseins: Alles reift im Zeitverlauf, und die Geduld des Werbens steht im Spannungsfeld zwischen Liebesideal und der Vergänglichkeit menschlicher Gefühle.
23 Biß mir Fillis mit der Zeit
Textebene
Der Sprecher hofft darauf, dass Fillis ihm irgendwann Zuneigung schenkt oder eine Gunst erweist.
Subtextebene
Das »mit der Zeit« unterstreicht die Hoffnung, dass die beständige Hingabe Früchte tragen wird. Gleichzeitig schwingt hier die Ungewissheit mit, ob diese Geduld belohnt wird.
Metaebene
Zeit ist im Barock ein zentrales Thema: Geduld als Tugend des Liebenden ist ein literarisches Motiv, das auch der höfischen Werbekultur entspricht, in der Geduld als Prüfstein wahrer Liebe gilt.
24 Sie zu brechen Gunst verleiht.
Textebene
Die »weiße Fillis« wird ihm – so hofft er – schließlich die Erlaubnis geben, sie »zu brechen«, also die Blume zu pflücken. Dies ist im Kontext der Liebespoesie ein metaphorischer Ausdruck für das Erlangen ihrer Liebe (oder möglicherweise ihrer körperlichen Hingabe).
Subtextebene
Der Ausdruck »brechen« trägt eine ambivalente Spannung: Er kann einerseits die Vollendung des Werbens bedeuten, andererseits das Ende der Unversehrtheit und damit auch der idealisierten Distanz.
Metaebene
In der barocken Symbolsprache ist das »Brechen« einer Blume ein vielschichtiger Topos: es kann für Besitzergreifung, sexuelle Erfüllung, aber auch für das Ende der Blüte und damit für Vergänglichkeit stehen. Damit endet das Gedicht auf einer doppelten Note von Erfüllung und Verlust – typisch für die barocke Liebessemantik.
Gesamtstrophische Tiefeninterpretation
Die vierte Strophe von Die weiße Fillis knüpft in der Bildwelt an die vorherigen Metaphern des Gedichts an, steigert sie jedoch zu einer pointierten, geradezu emblematischen Liebesallegorie. Amor, die Personifikation der Liebeskraft, wird als eigentlicher Herr des Gartens vorgestellt, der die »weiße Fillis« zu pflegen hat – ein Hinweis auf die Überordnung der Liebe als universale, göttlich legitimierte Macht. Das lyrische Ich selbst tritt als von Amor »eingesetzter« Gärtner auf: ein dienender, aber zugleich privilegierter Hüter der Schönheit und Reinheit der Geliebten. Die »Tränen« fungieren als Regen, der die Pflanze nährt – das Leiden, die Sehnsucht und der Liebesschmerz sind hier nicht destruktiv, sondern wachstumsfördernd, ein paradoxes Bild, das die Ambivalenz der Leidenschaft poetisch verdichtet.
Die letzte Versgruppe führt zu einem kulminierenden Moment: Erst »mit der Zeit« wird Fillis die »Gunst« verleihen, die Blume zu »brechen«. Das »Brechen« kann erotisch gedeutet werden – als körperliche Erfüllung – oder symbolisch als Gewinn der Liebe und Hingabe. Die zeitliche Verzögerung betont den Aspekt der Geduld, des Reifens und des verdienten Zugangs, sodass der Schlusspunkt zugleich die Hoffnung wie auch die geduldige Unterwerfung des Ichs unter den Rhythmus der Geliebten darstellt.
Philosophisch-theologische Tiefendimension
Philosophisch deutet die Strophe auf eine frühneuzeitliche Allegorie von Naturordnung, Liebe und Tugend. Amor ist hier nicht bloß mythologische Figur, sondern ein Prinzip der Weltordnung, das die Rollen verteilt: der Liebende ist nicht autonomer Eroberer, sondern ein vom höchsten Liebesprinzip bestellter Pfleger. Das Gedicht reflektiert damit eine kosmische Hierarchie, in der Liebesbegehren eingebettet ist in einen größeren, göttlich legitimierten Plan. Die Tränen als »Regen« verweisen auf eine Dialektik von Schmerz und Fruchtbarkeit – im Sinne stoischer oder christlicher Liebesethik kann Leiden als reinigendes und lebensspendendes Element verstanden werden.
Theologisch ließe sich die Szene in der Tradition des Hohelieds lesen: Die Geliebte (Fillis) ist die hortus conclusus, der umfriedete Garten, Sinnbild der Reinheit, in den der Bräutigam nur mit Erlaubnis eintreten darf. Amor ersetzt hier den göttlichen Bräutigam, doch die Struktur bleibt: Zugang wird nur durch Gnade (»Gunst«) gewährt. Das »Brechen« der Blume kann in dieser Perspektive als Vereinigung in Liebe gedeutet werden, die erst nach Reifung und Prüfung erfolgt. Damit wird das Begehren sublimiert und in einen Weg der Geduld, Pflege und Opferbereitschaft transformiert, der an mystische Liebeskonzepte anschließt.
Wenn du möchtest, könnte ich dir im nächsten Schritt auch die vorangehenden drei Strophen im selben interpretativen Duktus erschließen, damit sich die Gesamtkomposition des Gedichts erschließt.
Psychologische Tiefenschicht
Diese Strophe entwirft eine subtil verschlüsselte Innenschau des lyrischen Ichs, dessen Liebesbegehren als horticultureller Dienst an einer mythisch aufgeladenen Frauengestalt (»Fillis«) stilisiert wird. Die Konstruktion »Amor selbst … mich zum Gärtner eingesetzt« ist mehr als ein poetisches Bild: Sie deutet ein stark externalisiertes Selbstverständnis an – das Ich sieht sich nicht als autonom Handelnder, sondern als von einer höheren Instanz (Amor) bestimmt und in eine Rolle gedrängt.
Die »Thränen« als »Regen« stellen eine klassische barocke Metapher für Liebesschmerz dar, hier aber zugleich eine Form psychischer Selbsterhaltung: Der Schmerz wird in ein produktives Element umgedeutet, das den Geliebten (die Pflanze) am Leben erhält. Die Funktion des Ichs reduziert sich auf Pflege und Hingabe, während die Entscheidung über »das Brechen« der Blume (als Chiffre für Erfüllung des Liebesbegehrens) ganz bei Fillis liegt. Psychologisch spiegelt das eine Mischung aus masochistischer Demut, geduldiger Hoffnung und der Akzeptanz eines Machtgefälles, das typisch ist für den höfisch-galanten Liebesdiskurs.
Barocker rhetorischer Aufbau der gesamten Strophe
Die Strophe ist klar in drei semantisch-rhetorische Bewegungen gegliedert, die dem barocken Prinzip des climax amoris entsprechen:
1. Autorität und Beauftragung (V. 19–20)
Der Beginn stellt eine mythische Autorität voran (»Amor selbst«), gefolgt von einer passivischen Zuweisung (»eingesetzt«). Diese Kombination von mythologischem Autoritätsverweis und passivischer Rollenannahme ist ein klassisches barockes Autoritätsargument (auctoritas), das das eigene Handeln legitimiert.
2. Metaphorische Konkretisierung (V. 21–22)
Das Ich bringt sein inneres Erleben in eine bildhafte Gleichung: »Tränen« = »Regen«. Hier greift eine allegoria continuata, da das Pflanzengleichnis aus den vorherigen Strophen weitergeführt wird. Die Personifikation der Tränen als Naturphänomen gehört zur typischen barocken Rhetorik der emblemata amoris.
3. Ziel und Hoffnung (V. 23–24)
Der Schluss bringt die teleologische Wendung: Das Pflegen dient nicht dem Selbstzweck, sondern der Vorbereitung auf den Augenblick, da Fillis »Gunst verleiht«. Der Vers »Biß mir Fillis mit der Zeit / Sie zu brechen Gunst verleiht« ist syntaktisch auf ein künftiges, vom Willen der Geliebten abhängiges Ereignis hin gebaut – ein barockes Beispiel für suspensio, bei dem die Spannung bis zur letzten Silbe gehalten wird.
Formal verdichtet die Strophe in sechs Versen ein barockes Liebesprogramm: Einleitende Autorität, bildhafte Durchführung, hoffnungsvoll-offenes Ende. Diese Architektur ist nicht zufällig, sondern entspricht der höfisch-galanten Erwartungshaltung und der emblematischen Trias »Instanz – Dienst – Belohnung«.
Gesamtaufbau und Tiefenstruktur
Hans Aßmann von Abschatz’ Die weiße Fillis ist formal klar gegliedert: vier Strophen zu je sechs Versen, wobei in jeder Strophe der Refrain »Liljen/ die bey Fillis stehn/ sind für allen Blumen schön« (V. 5–6, 11–12, 17–18) erscheint. Diese Wiederholung schafft eine musikalische und zugleich emphatische Struktur, die das zentrale poetische Motiv – die Überhöhung der Geliebten durch florale Metaphorik – einrahmt.
Die erste Strophe kontrastiert Fillis’ Schönheit mit klassischen Florasymbolen der europäischen Dichtung: Tulpe, Rose, Narzisse, Nelke – jede dieser Blumen steht traditionell für bestimmte Tugenden oder Leidenschaften (Tulpe für Eleganz und Fremdländisches, Rose für Liebe und Erhabenheit, Nelke für Treue, Narzisse für Selbstverliebtheit). Doch all diese verlieren vor der »Lilje« an Strahlkraft, wenn sie »bey Fillis« steht. Die Lilie fungiert hier als Leitmetapher für Reinheit, Unschuld und zugleich erlesene Schönheit.
Die zweite Strophe bringt den mythologischen Frühlingsträger Zephyr ins Spiel, der mit »verliebten Küssen« um Fillis’ Mund spielt und der »stoltzen Flora« – also der Blumen- und Frühlingsgöttin – verkündet, dass die Lilien bei Fillis schöner sind als alle anderen Blumen. Damit verschiebt sich die Bildwelt vom rein botanischen Vergleich hin zu einer kosmologisch-mythologischen Hierarchie, in der selbst göttliche Naturgestalten Fillis’ Schönheit anerkennen müssen.
In der dritten Strophe intensiviert sich der Farbkontrast: »Milch und Schnee« gelten traditionell als höchste Maßstäbe für Reinheit und Helligkeit, werden aber als unzureichend beschrieben gegenüber Fillis’ »reiner Weisse Pracht«. Die Narzissen, bekannt für ihr leuchtendes Gelb, werden in eine Hell-Dunkel-Metaphorik gestellt: »Gegen ihrem Tage Nacht« – die Geliebte überstrahlt jede andere Lichtquelle.
Die vierte Strophe wechselt ins Subjektive und persönliche Register. Amor selbst habe den Sprecher als Gärtner eingesetzt, um Fillis zu pflegen. Seine Tränen dienen als »Regen«, der die Lilien nährt – eine Metapher für die leidenschaftliche, vielleicht auch leidvolle Hingabe des lyrischen Ichs. Der Schlussgedanke – dass Fillis ihm »mit der Zeit« die »Gunst« verleihe, diese Lilien »zu brechen« – spielt doppeldeutig auf ein erotisches Erfülltwerden an: das Pflücken als Akt der Vollendung und Besitznahme, aber auch als Ende des reinen, unberührten Zustands.
Die Tiefenstruktur ist also ein Wechselspiel aus:
Vergleich und Überbietung (klassische Floralsymbole → Lilie → Lilie bei Fillis → Fillis selbst)
Mythologisierung (Zephyr, Flora, Amor als poetische Zeugen und Vermittler)
Farb- und Lichtmetaphorik (Weiß als Reinheit, Überstrahlung von Nacht)
Emotionaler Selbstinszenierung (Sprecher als pflegender, leidender und hoffender Gärtner)
Zusammenfassende poetische Tiefeninterpretation
Die weiße Fillis ist nicht bloß ein barockes Galantgedicht, sondern eine kunstvolle Stufensteigerung von der höfischen Komplimentformel hin zu einer fast sakral anmutenden Liebesverehrung. Die Lilie fungiert als Spiegelmetapher: Sie ist nicht bloß ein schönes Beiwerk, sondern erhält ihre höchste Vollendung nur »bey Fillis«. Damit unterläuft Abschatz das übliche Schema des Blumenlobs, indem er Schönheit relational denkt: Die Natur ist nicht Maßstab für die Geliebte, sondern die Geliebte wird Maßstab für die Natur.
Die mythologischen Anspielungen (Zephyr, Flora, Amor) dienen weniger als ornamentale Dekoration, sondern als poetische Beweiskette: selbst die personifizierte Natur beugt sich vor der Einzigartigkeit von Fillis. Durch die Lichtmetaphorik (»Milch und Schnee«, »Tage Nacht«) entsteht ein Bild absoluter Überstrahlung, das die Geliebte über jede sinnlich fassbare Vergleichsgröße erhebt.
Der Sprecher inszeniert sich selbst als demütigen, fast kultischen Hüter dieser Schönheit: Amor beauftragt ihn, Tränen werden zu lebensspendendem Regen, und das Pflücken der Lilien – in erotischer Konnotation – ist ein Gnadenakt, den allein Fillis gewähren kann. Die Tiefe des Gedichts liegt in dieser Verbindung von höfischer Galanterie, mythopoetischer Überhöhung und subtil erotischer Spannung, die zwischen Pflege, Hingabe und Erfüllung oszilliert.