Kind/ deine Freundligkeit

Hans Aßmann von Abschatz

Die bitter-süsse Dulcinde

Kind/ deine Freundligkeit1
Kan Freud und Lust erwecken/2
Wo Trauren/ Sorg und Leyd3
Im innern Hertzen stecken:4
Man sieht auff deinen Wangen5
Narciß‘ und Rose prangen.6
Doch will ich was darvon7
Mit süssem Zwange brechen/8
So pfleget mich zum Lohn9
Ein scharffer Dorn zu stechen.10
Ich darff nicht frey bekennen11
Wie Hertz und Seele brennen.12
Wilt du mit gutem Recht13
Dulcindens Nahmen führen/14
Laß deinen treuen Knecht15
Genad und Gunst verspüren.16
Den Honig auff dem Munde17
Verderbt die Gall im Grunde.18

Analyse Verse 1-6

1 Kind/ deine Freundligkeit
Textanalyse
Der Sprecher wendet sich in einer direkten Anrede (»Kind«) an die titelgebende Dulcinde. Das »Kind« ist nicht notwendig ein tatsächliches Kind, sondern im barocken Liebesdiskurs eine Anredeform für eine Geliebte, die Jugend, Unschuld und Anmut signalisiert. »Freundligkeit« ist hier mehr als bloße Höflichkeit — es meint eine liebenswürdige, einnehmende Art, die den Charakter wie auch das Äußere umfasst.
Subtext
Schon in der Anrede schwingt ein hierarchisches Gefälle mit: Der Sprecher ist in der Position des Erfahrenen, der das »Kind« beschreibt und beurteilt. Gleichzeitig markiert der Ausdruck »Freundligkeit« eine Mischung aus Zuneigung und moralischem Lob. Hier wird die Geliebte nicht als leidenschaftlich Verführende, sondern als freundliche, beinahe tugendhafte Gestalt eingeführt.
2 Kan Freud und Lust erwecken/
Textanalyse
Die Freundlichkeit dieser Dulcinde hat die Kraft, Freude und Lust auszulösen. »Freud« ist im barocken Kontext oft mit geistiger oder moralischer Erhebung verbunden, »Lust« hingegen kann sowohl sinnliche als auch geistige Erfüllung meinen. Die Kombination zeigt die Doppelwirkung der Geliebten.
Subtext
Hier wird der Übergang von seelischer zu körperlicher Erregung angedeutet, jedoch im höfisch-zurückhaltenden Stil. Abschatz nutzt ein Vokabular, das der Zensur der Zeit standhält, ohne die erotische Komponente zu leugnen.
3 Wo Trauren/ Sorg und Leyd
Textanalyse
Das »wo« leitet eine Situation ein, in der Freude und Lust besonders wirksam erscheinen: nämlich dort, wo Traurigkeit, Sorge und Leid herrschen. Die Dreierreihe (»Trauren/ Sorg und Leyd«) ist eine typische barocke Häufung, die emotionale Schwere verdichtet.
Subtext
Die Geliebte wird nicht nur als Quelle positiver Gefühle beschrieben, sondern als ein fast therapeutischer Gegenpol zu den negativen Affekten, die im Barock oft als unvermeidlich gelten. In der untergründigen Logik des Liebesgedichts wird die Frau so zu einer Heilquelle gegen die Melancholie des Dichters.
4 Im innern Hertzen stecken:
Textanalyse
Hier wird präzisiert, wo diese negativen Gefühle existieren: tief im Inneren, im »Herzen«. Das Herz gilt im 17. Jahrhundert als Zentrum von Emotion und Moralität, nicht nur als Ort der Zuneigung, sondern auch als Speicher des Schmerzes.
Subtext
Diese Wendung legt nahe, dass der Sprecher selbst oder ein imaginierter Adressat von innerem Kummer befallen ist — und dass Dulcinde die Macht hat, bis in diese innerste Schicht vorzudringen. Der Liebesdiskurs gewinnt dadurch eine beinahe religiöse Tiefe: sie wirkt wie eine Heilsgestalt.
5 Man sieht auff deinen Wangen
Textanalyse
Der Blick wird nun vom Inneren auf das Äußere gelenkt: auf die Wangen. »Man« ist unbestimmt und kann sowohl für den Sprecher als auch für die Allgemeinheit stehen, wodurch die Schönheit Dulcindes objektiviert wird.
Subtext
Die Wangen sind im Liebespoetischen häufig ein Ort, an dem sich die Lebenskraft und Jugend spiegeln — ihr Anblick wirkt wie ein Zeichen innerer Tugend. Der Übergang vom »Herzen« zu den »Wangen« verweist auf die barocke Einheit von innerem Wert und äußerer Schönheit.
6 Narciß‘ und Rose prangen.
Textanalyse
Ein dichterischer Vergleich: Auf Dulcindes Wangen »prangen« Narziss und Rose. Die Rose ist traditionell Symbol für Schönheit, Liebe und oft auch Vergänglichkeit. Narziss hingegen verweist auf den mythischen Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und so zugrunde geht.
Subtext
In dieser Verbindung schwingen zwei Bedeutungen: einerseits die Blüte der Jugend (Rose), andererseits die Gefahr selbstverliebter Schönheit (Narziss). Damit wird subtil angedeutet, dass Dulcindes Reiz sowohl segensreich als auch gefährlich sein kann — passend zum Titel »bitter-süß«.
Philosophische Tiefendimension
Abschatz’ Anfangsstrophe bewegt sich auf der Schnittstelle zwischen höfischer Liebespoesie und barocker Vanitas-Philosophie.
Drei Ebenen sind erkennbar:
1. Die ambivalente Macht der Schönheit
Schönheit ist im Text nicht nur Freude spendend, sondern auch von einer stillen Gefahr begleitet (Symbolik des Narziss). Diese Doppeldeutigkeit entspricht der barocken Erkenntnis, dass das Angenehme (»Lust«) und das Vergängliche oder Gefährliche oft untrennbar verbunden sind.
2. Die heilende und tröstende Funktion der Liebe
Inmitten von »Trauren, Sorg und Leid« wird die Geliebte zum Gegenbild des Weltschmerzes. Diese Funktion erinnert an die frühneuzeitliche Vorstellung, dass Liebesempfindungen die Seele aus der Melancholie heben können. Gleichzeitig wird sie wie eine quasi-sakramentale Figur inszeniert, die nicht nur Emotionen, sondern existenzielle Zustände verwandeln kann.
3. Das Ineinandergreifen von Innerem und Äußerem
Die Bewegung vom »innern Hertzen« zu den »Wangen« spiegelt die barocke Idee wider, dass innere Tugend sich im Äußeren zeigt und umgekehrt äußere Schönheit ein Zeichen von Harmonie und Ordnung sein kann. Diese Harmonie ist allerdings nur temporär — eine Anspielung auf das Vanitas-Motiv, das später im Gedicht vermutlich noch deutlicher werden wird.
Psychologische Tiefendimension
Diese Anfangsverse entfalten ein Spannungsfeld zwischen äußerer Schönheit und innerer Befindlichkeit. Die »Freundligkeit« des angesprochenen »Kindes« hat eine stark auf andere Menschen wirkende Kraft: Sie »kan Freud und Lust erwecken«, selbst dort, »wo Trauren, Sorg und Leyd / Im innern Hertzen stecken«. Psychologisch verweist dies auf den Mechanismus der emotionalen Ansteckung und den hohen Stellenwert sozialer Resonanz. Das lyrische Ich erlebt die Begegnung mit Dulcinde als eine fast therapeutische Erfahrung – ihr Anblick und ihr Wesen können seelische Blockaden lösen oder zumindest überdecken.
Gleichzeitig schwingt in dieser Darstellung eine subtile Ambivalenz mit: Die Schönheit wirkt zwar tröstlich und erheiternd, aber sie berührt ein Herz, in dem das Leiden weiter besteht. Hier liegt eine Dialektik zwischen Trost und Melancholie: Das Erleben der Schönheit kann die Schattenseiten der Seele mildern, ohne sie gänzlich aufzuheben.
Die in Vers 5–6 genannten floralen Bilder – Narziss und Rose – vertiefen diese psychologische Spannung. Der Narziss steht traditionell für Selbstverliebtheit und unerfüllbare Sehnsucht, die Rose für Liebe, Vergänglichkeit und auch Schmerz (durch die Dornen). Damit wird bereits in der ersten Strophe angedeutet, dass das Idealbild Dulcindes nicht nur Wohltat, sondern auch Gefahr in sich birgt: Schönheit kann ebenso verführen wie heilen.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Anredeform
Die direkte Ansprache »Kind« ist im 17. Jahrhundert nicht nur ein Ausdruck für ein junges Mädchen, sondern auch ein zärtlicher, leicht patronisierender Kosenamen. Sie schafft sofort Nähe und einen persönlichen Ton.
2. Lautstruktur
»Kind / deine Freundligkeit« eröffnet mit hellen Vokalen (»i«, »ei«) und flüssigen Konsonanten, was den Eindruck von Wärme und Milde unterstützt.
3. Semantische Parallelität
In den Versen 2–4 wird ein Kontrastpaar aufgebaut: »Freud und Lust« ↔ »Trauren, Sorg und Leyd«. Das wirkt wie ein antithetischer Rahmen, der den Effekt der angesprochenen Person umso stärker herausstellt.
4. Alliteration und Binnenklang
»Sorg und Leyd« ist eine klangliche Paarung, die das Gewicht des negativen Pols verdichtet. »Trauren« verstärkt den melancholischen Unterton durch die gedehnte erste Silbe.
5. Bildsprache:
Narziss verweist auf die mythologische Figur, die sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte – ein Symbol für Schönheit, aber auch für Gefahr der Selbstbezogenheit und für Unerreichbarkeit.
Rose steht für klassische Liebessymbolik, zugleich für sinnliche Anmut und Vergänglichkeit.
Die Kombination beider Pflanzen evoziert eine Doppeldeutigkeit: Reinheit und Sehnsucht auf der einen Seite, Verführung und Schmerz auf der anderen.
6. Barocke Stilmerkmale
Die Verbindung von Naturbild und moralisch-psychologischer Aussage entspricht der emblematischen Dichtungstradition des Barock, bei der äußere Erscheinung stets als Spiegel innerer oder allgemeiner Wahrheiten fungiert.

Analyse Verse 7-12

7 Doch will ich was darvon
Textanalyse
Der Sprecher kündigt an, dass er dennoch einen Teil »davon« haben will – gemeint ist vermutlich ein Stück der Liebe, Zuneigung oder vielleicht körperlicher Nähe, die im vorherigen Kontext als bittersüß beschrieben wurde. Das »Doch« signalisiert eine bewusste Trotzreaktion gegen Gefahr, Schmerz oder moralische Bedenken.
Subtext
Hier schwingt die Haltung eines Menschen mit, der den Preis kennt, ihn aber ignoriert. Eine gewisse Selbstüberlistung und der Impuls, Lust über Vernunft zu stellen, sind spürbar.
8 Mit süssem Zwange brechen/
Textanalyse
»Süßer Zwang« ist eine paradoxe Formulierung: Zwang ist eigentlich negativ, süß aber positiv konnotiert. Gemeint ist das unwiderstehliche Verlangen, etwas zu nehmen oder zu erlangen, obwohl es sich um eine Art erzwungene Handlung handelt. »Brechen« könnte hier sowohl im Sinne von »pflücken« (etwas von einem Baum, einer Blume) als auch im übertragenen Sinne »eine Grenze überschreiten« bedeuten.
Subtext
Die Lust wird als sanft zwingend dargestellt – das deutet auf erotische Versuchung hin. Gleichzeitig bleibt der Zwang ambivalent: Ist es ein innerer Drang oder ein äußerer Reiz, der die Handlung bestimmt?
9 So pfleget mich zum Lohn
Textanalyse
Der Sprecher sagt, dass er gewöhnlich (»pfleget«) als »Lohn« für dieses Brechen etwas Bestimmtes erhält. »Lohn« ist hier ironisch gemeint, da es sich nicht um eine Belohnung handelt, sondern um etwas Schmerzhaftes.
Subtext
Diese Wendung greift das barocke Spiel mit Ironie und Antithese auf: Der Lohn ist kein Vorteil, sondern ein Nachteil – doch der Sprecher akzeptiert ihn als unvermeidlichen Bestandteil der Erfahrung.
10 Ein scharffer Dorn zu stechen.
Textanalyse
Der »scharffe Dorn« steht hier als klassisches Sinnbild für Schmerz, Gefahr und Verletzung, die mit der Liebe einhergehen. Das Bild entstammt dem barocken Motiv der Rose: Schönheit und Duft (Liebe) sind untrennbar mit Dornen (Schmerz, Eifersucht, Gefahr) verbunden.
Subtext
Der Dorn könnte zugleich auf gesellschaftliche Risiken (Skandal, Ehrverlust) oder moralische Gewissensbisse verweisen. Auch körperliche Verletzlichkeit – im erotischen wie seelischen Sinn – wird mitgedacht.
11 Ich darff nicht frey bekennen
Textanalyse
Der Sprecher gesteht, dass er seine wahren Gefühle oder Taten nicht offen zugeben darf. »Darff nicht frey« verweist auf gesellschaftliche oder moralische Schranken, vielleicht auch auf das Risiko einer Bestrafung.
Subtext
Hier offenbart sich eine Spannung zwischen innerer Leidenschaft und äußerem Schweigen. Heimlichkeit steigert den Reiz, macht das Begehren aber auch zu einer verbotenen Frucht.
12 Wie Hertz und Seele brennen.
Textanalyse
Das Bild vom Brennen von Herz und Seele ist ein klassisches barockes Liebesmetaphernschema: Leidenschaft wird als Feuer dargestellt, das sowohl anziehend als auch zerstörerisch ist.
Subtext
Brennen ist nicht nur Lust, sondern auch Qual. In Verbindung mit dem vorherigen Schweigen (Vers 11) entsteht der Eindruck einer unterdrückten, sich selbst verzehrenden Liebe – eine Mischung aus Hingabe und Selbstzerstörung.
Philosophische Tiefendimension
Diese Verse fassen eine zentrale barocke Erfahrung zusammen: Die Liebe – und insbesondere die erotische Liebe – ist ein paradoxes Zusammenspiel aus Lust und Leid, Zwang und Freiheit, Offenbarung und Geheimhaltung. Philosophisch lassen sich mehrere Ebenen erkennen:
1. Das Paradox der Lust
Der »süße Zwang« verweist auf das aristotelisch-scholastische Problem der voluntas mixta: ein Wille, der frei erscheint, aber von der eigenen Begierde so beherrscht ist, dass er faktisch unfrei wird. In moderner Terminologie: Die Freiheit wird im Augenblick der Versuchung zur freiwilligen Unfreiheit.
2. Eros als Selbstgefährdung
Die Dornmetapher steht für das unvermeidliche Leiden, das mit tiefer Leidenschaft verbunden ist. In platonischer Lesart könnte der Dorn das Stachelhafte der Sinnlichkeit symbolisieren, das den Aufstieg zur reinen Idee der Schönheit hemmt, aber zugleich den Impuls dazu gibt.
3. Heimlichkeit und die Dialektik des Verbotenen
Das Nicht-bekennen-Dürfen verweist auf die soziale Dimension von Liebe: Gesellschaftliche Normen und Ehrvorstellungen zwingen zu Verschwiegenheit, wodurch die Leidenschaft verstärkt wird. Hier liegt eine Nähe zu Augustinus’ Beobachtung, dass das Begehren nach dem Verbotenen durch das Verbot selbst gesteigert wird.
4. Liebe als brennendes Feuer
Das Bild des Brennens knüpft an mystische und religiöse Traditionen an, in denen die Vereinigung mit dem Geliebten (sei er menschlich oder göttlich) als verzehrendes Feuer erscheint. Die Doppelbedeutung – Läuterung und Vernichtung – verweist auf den barocken Vanitas-Gedanken: Alles Irdische ist vergänglich und birgt zugleich den Keim des Untergangs in sich.
5. Anthropologische Grundspannung
Die Verse zeigen, wie der Mensch zwischen sinnlicher Erfüllung und moralischer Selbstbeherrschung hin- und hergerissen ist. In dieser Spannung liegt eine grundlegende Tragik, die Abschatz barocktypisch nicht auflöst, sondern in ihrer Ambivalenz ausstellt.
Psychologische Tiefendimension
In diesen Versen tritt eine innere Ambivalenz zutage, die typisch für barocke Liebeslyrik ist, aber hier besonders intensiv inszeniert wird. Das lyrische Ich weiß um die Gefährlichkeit seiner Leidenschaft, will sich aber dennoch der Anziehungskraft hingeben (»mit süssem Zwange brechen«). Psychologisch zeigt sich ein Mechanismus, der an das barocke amor mixtus-Motiv erinnert: Liebe ist zugleich verführerisch-süß und verletzend-schmerzhaft. Der »süsse Zwang« deutet auf eine freiwillig angenommene Unfreiheit hin, ein Lustgefühl, das gerade aus der Selbstunterwerfung unter die Macht der Geliebten entsteht.
Das »brechende« Moment kann hier doppelbödig gelesen werden: einerseits als Pflücken einer verbotenen Frucht (Eros als Sünde im moralischen Kontext), andererseits als Durchbrechen eigener Vorsätze oder moralischer Schranken. Diese Selbstüberschreitung führt unweigerlich zu Strafe (»ein scharffer Dorn zu stechen«) – eine psychologische Verknüpfung von Genuss und Schmerz, die in Richtung masochistischer Erlebnisstrukturen weist, jedoch in der barocken Moralpoetik eingebettet bleibt.
Die letzten beiden Verse (»Ich darff nicht frey bekennen / Wie Hertz und Seele brennen«) zeigen eine innere Hemmung, die weniger aus Scham als aus sozialem Zwang entspringt: In der barocken Gesellschaft ist das öffentliche Bekenntnis zu erotischer Leidenschaft gefährlich. Das lyrische Ich steht also in einem Spannungsfeld zwischen innerem Übermaß und äußerer Selbstzensur – ein klassischer Konflikt zwischen privater Leidenschaft und öffentlicher Konvention.
Sprachlich-stilistische Analyse
Die Sprache folgt dem barocken Schmuckstil, der zwischen antithetischen Bildern und sinnlich-konkreten Metaphern oszilliert. Der »süsse Zwang« ist ein Oxymoron: Zwang impliziert Unfreiheit und Härte, Süße dagegen Genuss und Anziehung. Diese rhetorische Figur steigert die Ambivalenz der Empfindung.
Das Verb »brechen« entfaltet in der Metaphorik eine erotische Konnotation: das Pflücken einer Blüte oder Frucht als Symbol für das Ergreifen des Liebesgenusses. Der anschließende »scharffe Dorn« verweist auf die vanitas-Erfahrung – inmitten der Schönheit lauert Schmerz und Vergänglichkeit. Hier arbeitet Abschatz mit einer Naturmetapher, die sowohl körperlich fühlbar als auch moralisch deutbar ist.
Die Reimstruktur (brechen – stechen / bekennen – brennen) bindet semantisch verwandte Felder aneinander: Aktion und Reaktion, Geständnis und inneres Feuer. Das Paar »Hertz und Seele« ist ein barockes Zwillingsmotiv, das die Totalität der Ergriffenheit ausdrückt.
Bemerkenswert ist auch die captatio benevolentiae im Unterton: Das Nicht-Bekennen wird paradox zu einem besonders deutlichen Bekenntnis. Die Verweigerung der Offenheit steigert die Intensität der Aussage – ein kunstvoller barocker Rhetoriktrick, der dem Leser gerade durch die Andeutung ein klareres Bild der Leidenschaft vermittelt.

Analyse Verse 13-18

13 Wilt du mit gutem Recht
Textanalyse
Der Sprecher wendet sich direkt an »Dulcinde« und stellt eine Bedingung: Soll sie mit gutem Recht (also rechtmäßig, legitim, gerechtfertigt) den Namen führen, den sie trägt. »Mit gutem Recht« verweist auf moralische und soziale Legitimität, nicht bloß auf Besitzrecht.
Subtextanalyse
Hier steckt eine subtile Prüfung: Der Name »Dulcinde« ist ein idealisierter, wohlklingender Name, der »Süßigkeit« oder »Lieblichkeit« suggeriert (ähnlich wie bei »Dulcinea« bei Cervantes). Der Sprecher fragt: Verdient sie diese Zuschreibung überhaupt, oder ist sie nur Fassade?
14 Dulcindens Nahmen führen/
Textanalyse
Wiederholung und Hervorhebung: Es geht um das Führen dieses Namens wie um einen Ehrentitel. Im Barock war das »Führen« eines Namens in der Liebeslyrik oft gleichbedeutend mit dem Tragen eines poetischen Ideals.
Subtextanalyse
»Dulcinde« ist hier nicht nur ein Eigenname, sondern ein Programm: süß im Wesen, gütig, angenehm. Der Sprecher deutet an: Ein solcher Name verpflichtet – er ist nicht nur Zierde, sondern moralischer Anspruch.
15 Laß deinen treuen Knecht
Textanalyse
Der Sprecher bezeichnet sich selbst als »treuen Knecht«. Das ist ein typischer Topos höfischer Liebesrede: Unterwerfung des Liebenden unter die Geliebte. »Treu« betont die Beständigkeit in der Liebe.
Subtextanalyse
Das Knechtsverhältnis ist rhetorisch überhöht – nicht wörtlich gemeint, sondern ein Ausdruck bedingungsloser Hingabe. Aber es ist auch ein Machtspiel: Indem er sich »Knecht« nennt, inszeniert er Demut, um zugleich moralischen Anspruch zu erheben – die Treue will entlohnt werden.
16 Genad und Gunst verspüren.
Textanalyse
Er bittet um »Gnade« und »Gunst«, beides Begriffe aus dem höfischen und religiösen Kontext. »Gnade« meint unverdiente Zuwendung, »Gunst« eher bewusst gewährte Zuneigung oder Bevorzugung.
Subtextanalyse
Die Kombination rückt Dulcinde in eine quasi-souveräne Position: Sie ist Richterin und Herrscherin über seine emotionale Lage. Gleichzeitig verrät es, dass ihre Süße für ihn nur real ist, wenn sie sich auch im Handeln zeigt.
17 Den Honig auff dem Munde
Textanalyse
Bildliche Sprache: Honig auf dem Mund steht für süße, verlockende Worte oder Küsse.
Subtextanalyse
Dies kann doppeldeutig gelesen werden – zum einen als Metapher für charmante Rede, zum anderen als körperliche Anspielung auf erotische Nähe. Es ist die barocke Form des süßen Scheins: äußerlich lieblich.
18 Verderbt die Gall im Grunde.
Textanalyse
Galligkeit im Inneren steht für Bitterkeit, Härte, Ablehnung. Das Bild spielt mit der Gegensätzlichkeit zwischen äußerer Süße und innerer Bitterkeit.
Subtextanalyse
Der Sprecher wirft Dulcinde implizit vor, dass ihre äußere Anmut nicht mit ihrem inneren Wesen übereinstimmt. Es ist ein moralischer Appell: wahre Lieblichkeit muss von innen kommen, nicht nur von Zunge oder Lippen.
Philosophische Tiefendimension
1. Barocke Dialektik von Schein und Sein
Der Gegensatz »Honig« vs. »Gall« greift ein zentrales barockes Motiv auf: die Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und innerem Wesen. Moralische Schönheit erfordert Einheit beider Sphären; bloße äußere Süße ist Täuschung.
2. Namensethik und performative Identität
Der Name »Dulcinde« verpflichtet: Wer eine Rolle oder einen Ehrentitel trägt, muss deren Inhalt verkörpern. Hier schwingt eine proto-aufklärerische Idee mit, dass soziale oder poetische Zuschreibungen moralisch eingelöst werden müssen.
3. Macht- und Gnadenbegriff
Die Bitte um »Genad und Gunst« zeigt, dass Liebesbeziehungen in der höfischen Lyrik als asymmetrisch gedacht werden: eine Partei verfügt über Zuwendung wie ein Fürst über Untertanen. Die moralische Dimension besteht darin, Macht mit Milde auszuüben.
4. Authentizität in der Liebe
Die Verse fordern ein Einklang von äußerer Zärtlichkeit und innerer Haltung. Süße Worte, die nicht von echter Zuneigung getragen werden, sind moralisch wertlos und führen zu Enttäuschung.
5. Anthropologische Skepsis
Das Bild der »Gall im Grunde« verweist auf eine barocke Menschenkenntnis: Der Mensch kann sich in Worten lieblich zeigen und dennoch in der Tiefe bitter sein. Dies spiegelt eine skeptische Haltung gegenüber menschlicher Selbstdarstellung.
Psychologische Tiefendimension
In diesen Schlussversen verdichtet sich eine ambivalente seelische Haltung, die typisch für den galanten und zugleich barock-melancholischen Liebesdiskurs ist.
Der Sprecher steht zwischen devoter Hingabe und einem klaren Bewusstsein der seelischen Verletzbarkeit:
Sehnsucht nach Anerkennung und Nähe
Die Bitte »Wilt du mit gutem Recht Dulcindens Nahmen führen« zeigt, dass der Geliebte den Besitz oder zumindest den ehrbaren Anspruch auf den Namen »Dulcinde« nur dann zu Recht tragen kann, wenn er der Dame Wohlgefallen verschafft. Das »gute Recht« ist hier nicht juristisch, sondern emotional-moralisch gemeint – es bezieht sich auf Legitimität durch Verdienste in der Liebe.
Dahinter steckt eine psychologische Bedürftigkeit: Der Sprecher sehnt sich nach der formalen und inneren Bestätigung, dass seine Treue nicht nur bemerkt, sondern auch wertgeschätzt wird.
Abhängigkeit und Unterordnung
Mit »Laß deinen treuen Knecht Genad und Gunst verspüren« stellt er sich bewusst in die Rolle des untergeordneten Dieners. Das ist mehr als höfische Konvention – es ist ein psychologisches Machtgefälle, das den Reiz der Beziehung zugleich steigern und schmerzhaft machen kann. Der Liebende sucht nicht Gleichrangigkeit, sondern ein Gnadenverhältnis.
Ambivalente Lust am Schmerz
Die Metapher »Den Honig auf dem Munde verderbt die Gall im Grunde« spiegelt die innere Zerrissenheit: Süße Zuwendung (Honig) wird durch tiefer liegende Bitterkeit (Galle) vergiftet. Das ist psychologisch ein ambivalenter Genuss: Der Liebende nimmt selbst das Bittere als Teil der Intensität des Erlebens an. Es liegt eine fast masochistische Komponente darin, dass der Schmerz nicht nur hingenommen, sondern als integraler Teil der Liebe empfunden wird.
Barocke Liebesdialektik
Die Psyche oszilliert zwischen ekstatischer Hoffnung und abgründiger Desillusion. Dieses Ineinander von Lust und Leid ist nicht zufällig, sondern wird vom Sprecher als Wesensmerkmal der Liebe begriffen – sie ist bitter-süß, wie der Titel programmatisch vorgibt.
Sprachlich-stilistische Analyse
Anredeform und Dialogcharakter
Das Gedicht bleibt bis zuletzt in direkter Anrede an Dulcinde. Das schafft Unmittelbarkeit und bindet den Leser als Zeugen einer sehr persönlichen, ja intimen Bitte.
Barocke Rollenmetaphorik
Der Ausdruck »treuer Knecht« knüpft an die Tradition der servitium amoris an, der ritterlich-höfischen Selbsterniedrigung vor der Dame. Das ist nicht ironisch gebrochen, sondern im galanten Barockton ernst gemeint.
Klanggestaltung
Die Reimpaare »führen / verspüren« und »Munde / Grunde« sind wohlklingend und schließen den Text harmonisch ab. Dieser formale Wohlklang kontrastiert inhaltlich mit der bitteren Erfahrung, die im Bild der Galle steckt.
Bildsprache der Gegensätze
Die Antithese »Honig« – »Gall« ist ein klassisches barockes contrapunctum. Sie verbindet sinnlich-konkrete Geschmackserfahrung mit emotionaler Wertung. Der Honig steht für sinnliche Süße, Lust, Gunst; die Galle für innere Bitterkeit, Kränkung, Eifersucht.
Bemerkenswert ist die topographische Metaphorik:
»auf dem Munde« (äußerlich, unmittelbar wahrnehmbar) vs. »im Grunde« (im Innersten verborgen, tief sitzend). Damit wird die psychische Doppelschicht von Fassade und innerem Erleben sprachlich gespiegelt.
Moralische Konnotation
Das »gute Recht« im ersten Vers des Ausschnitts verleiht der Bitte einen fast rechtlichen Anstrich. Das Liebesverhältnis wird so subtil in eine Ordnung von Schuld und Verdienst eingebettet – typisch für den frühneuzeitlichen Moraldiskurs.

Gesamtkomposition und Tiefenstruktur

Hans Aßmann von Abschatz’ Gedicht »Die bitter-süsse Dulcinde« ist formal ein 18-zeiliger, strophenlos durchlaufender Text, der sich dennoch inhaltlich klar in drei Sinnabschnitte gliedert:
1. Verse 1–6 – Die idealisierte Erscheinung Dulcindes:
Der Sprecher beginnt mit einem Lobpreis der Geliebten, deren »Freundligkeit« (damals im Sinne von liebenswürdiger Anmut) die Kraft besitzt, Freude zu erwecken, selbst wo innerlich noch »Trauren, Sorg und Leyd« wohnen. Das Bild der Wangen mit »Narciß’ und Rose« verknüpft mythologische und botanische Symbolik: Narziß steht für Schönheit, Selbstbezogenheit und zugleich Vergänglichkeit; die Rose für Liebe, Anmut, aber auch Dornengefahr.
2. Verse 7–12 – Der bittersüße Gegensatz:
Hier tritt das zentrale Spannungsverhältnis ein. »Mit süssem Zwange« will der Sprecher einen Teil der Schönheit für sich »brechen« (Pflücken als Besitzergreifung). Doch die Freude wird sofort von Schmerz begleitet: »Ein scharffer Dorn« sticht als Lohn. In der Folge wird das innere Verlangen (»Hertz und Seele brennen«) zwar benannt, aber nicht »freÿ« bekannt – was auf gesellschaftliche Konventionen, standesbedingte Hemmungen oder persönliche Scham verweist.
3. Verse 13–18 – Appell und Resümee:
Die Geliebte wird direkt angesprochen: Will sie den Namen »Dulcinde« (aus dem Lateinischen dulcis = süß) zu Recht tragen, muss sie ihrem »treuen Knecht« (minnedienstlicher Ausdruck für den Liebenden) auch »Genad und Gunst« gewähren. Das Schlussdistichon bringt die titelgebende Antithese auf den Punkt: Der »Honig auf dem Munde« (die Süße äußerer Zuwendung) wird durch die »Gall im Grunde« (innere Härte, Zurückweisung, Bitterkeit) verdorben.
In der Tiefenstruktur läuft das Gedicht auf eine Rhetorik der Ambivalenz hinaus: Schönheit und Grausamkeit, Süße und Bitterkeit, Zuwendung und Zurückweisung erscheinen untrennbar verschränkt. Die poetische Bewegung ist kreisförmig: vom Lob der Schönheit über die Erfahrung des Schmerzes zurück zu einer moralisch aufgeladenen Bitte.

Symbolische und moralphilosophische Tiefenschicht

1. Rose und Dorn
Die klassische Allegorie der Liebe als Mischung aus Lust und Schmerz wird hier nicht nur dekorativ, sondern kausal gedacht: Wer die Blüte will, muss den Dorn ertragen. Moralisch schwingt eine Warnung vor unbedachter Leidenschaft mit.
2. Narziß-Motiv
Neben der reinen Schönheit evoziert Narziß die Selbstgenügsamkeit der Geliebten. Dies deutet auf eine moralische Spannung: Liebe, die nur sich selbst gefällt, verweigert sich dem Anderen. Der Sprecher erlebt dies als Ungerechtigkeit.
3. Honig und Galle
Biblische und antike Konnotationen: Honig steht für Freude, Galle für Bitterkeit, Gift oder Zorn. In der Moraltheologie der Barockzeit verweist die Kombination auf die Vergänglichkeit sinnlicher Lust, die oft von Reue und Schmerz gefolgt wird.
4. Dienst und Gnade
Der Ausdruck »treuer Knecht« verweist auf die Tradition des servitium amoris, der höfischen Liebe, in der der Liebende sich in den Dienst der Geliebten stellt. Moralisch ist hier impliziert: Macht (der Geliebten) verpflichtet. Wer Herrschaft über ein Herz hat, soll sie nicht grausam ausnutzen.
5. Bitter-süß als Erkenntnismodus
Der Titel Die bitter-süsse Dulcinde ist nicht nur Beschreibung einer Frau, sondern einer existentiellen Erfahrung: Glück und Schmerz sind im menschlichen Begehren unauflöslich ineinander verschlungen. Philosophisch erinnert dies an die stoische und christliche Mahnung, dass irdische Freude immer brüchig ist und ohne Maß zum Verderben führen kann.
Das Gedicht ist somit kein bloßes Liebeslied, sondern ein barockes Miniaturdrama der Leidenschaft: Schönheit ruft Begehren hervor, Begehren bringt Schmerz, und dieser Schmerz sucht sich in moralischer Anrede zu verwandeln – doch die letzte Pointe bleibt die Unüberwindbarkeit der Ambivalenz.

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