Hans Aßmann von Abschatz
Die fremde Regung
1Im Mittel aller Lust/ die Glück und Zeit mir geben/
2Kan ich ohn Silvien nicht frölich leben;
3Und wenn ich bey ihr bin/ so spielet um mein Hertz
4Ein angenehmer Schmertz.
5Mein Sinn fühlt sich gereizt von unbekandtem Triebe/
6Ich such/ und treffe sie doch ohne Furcht nicht an.
7Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan/
8So glaub ich/ daß ich liebe.
Analyse Strophe 1
1 Im Mittel aller Lust/ die Glück und Zeit mir geben
Das lyrische Ich befindet sich »im Mittel aller Lust«, also mitten im höchsten Glückszustand, den ihm sowohl »Glück« (möglicherweise als Fortuna oder Schicksalspersonifikation) als auch »Zeit« (als irdische Lebensspanne oder Kairos/Chronos verstanden) gewähren.
Die Dopplung von »Glück und Zeit« betont die äußeren Lebensumstände: günstige Schicksalsfügungen, Reichtum, Gesundheit, soziale Stellung, aber auch das Geschenk der Lebenszeit.
Selbst in dieser idealen Lebenslage bleibt ein innerer Mangel. Das »Ich« erlebt seine äußere Fülle als unvollständig. Das verweist auf ein zentrales barockes Motiv: die innere Leere trotz äußerem Glanz. Es steht auch für die frühneuzeitliche Erkenntnis, dass das Diesseits allein keine Erfüllung garantiert.
2 Kan ich ohn Silvien nicht frölich leben;
Hier wird die Bedingung der wahren Freude genannt: die Gegenwart Silviens, einer idealisierten Frauengestalt.
Die Negation »nicht frölich leben« verdeutlicht den existenziellen Charakter ihrer Bedeutung für das Ich.
Silvien ist nicht nur Geliebte, sondern wird hier symbolisch zum Inbegriff des emotionalen Lebenssinns. Der Vers betont die Abhängigkeit des Inneren vom Anderen – ein Topos, der sowohl barocke Liebeslyrik als auch mystische Sehnsucht widerspiegelt.
Ihre Abwesenheit macht alle andere Freude nichtig – das Ich definiert seine Lebendigkeit durch sie.
3 Und wenn ich bey ihr bin/ so spielet um mein Hertz
Hier tritt ein Widerspruch auf: Obwohl Silvien anwesend ist, wird das Herz nicht ruhig oder zufrieden, sondern »bespielt«.
Der Ausdruck »spielet um mein Hertz« lässt eine Mischung aus innerer Bewegung, Unruhe, aber auch Verzückung vermuten.
Dies ist ein zentrales Motiv barocker Liebesdichtung: die Ambivalenz der Liebe. Nähe erzeugt nicht Frieden, sondern Beunruhigung – ein Wechselspiel aus Verlangen, Erfüllung und Angst vor Verlust.
Der Begriff »spielen« verweist auch auf die theatralische Selbstinszenierung barocker Subjektivität – das Herz als Bühne innerer Affekte.
4 Ein angenehmer Schmertz.
Die Oxymoronkonstruktion (»angenehmer Schmertz«) bringt die barocke Dialektik zum Ausdruck: Lust und Leid, Nähe und Trennung, Sehnsucht und Gegenwart sind untrennbar miteinander verbunden.
Das Wort »angenehm« nimmt dem Schmerz seine rein negative Konnotation – es handelt sich um ein bittersüßes Gefühl.
Der Liebesschmerz ist nicht destruktiv, sondern konstitutiv für das emotionale Erleben. Ohne Schmerz keine Liebe, ohne Ambivalenz keine Tiefe – so scheint die Logik dieser Empfindung. Der Vers kann auch auf eine spirituelle Lesart hindeuten: Der »angenehme Schmerz« ist ein Zustand ekstatischer Überwältigung, wie er in der christlichen Mystik etwa bei Teresa von Ávila oder Johannes vom Kreuz auftaucht.
Philosophische Tiefendimension der Strophe
1. Ambivalenz von Lust und Unerfülltheit
Die Strophe eröffnet mit dem Bekenntnis: »Im Mittel aller Lust/ die Glück und Zeit mir geben«. Das lyrische Ich befindet sich mitten im Glück, ist aber dennoch nicht erfüllt. Diese Diskrepanz verweist auf eine barocke Grunderfahrung:
→ Diesseitsfreude ist fragmentarisch und ohne das geliebte Du unvollständig.
2. Abhängigkeit des Glücks vom Anderen
Die Aussage »Kann ich ohn Silvien nicht fröhlich leben« impliziert eine radikale Bindung des Subjekts an ein Gegenüber.
→ Dies widerspricht der stoischen oder christlichen Autarkievorstellung, nach der das wahre Glück aus der Innerlichkeit kommt.
Abschatz thematisiert damit den Widerspruch zwischen Ich-Autonomie und Du-Bindung – eine auch philosophisch relevante Frage, z. B. bei Augustinus oder später bei Kierkegaard.
3. Einheit von Lust und Schmerz
Der letzte Vers »Ein angenehmer Schmertz« enthält einen Oxymoron. Schmerz wird als angenehm empfunden – ein paradoxer Zustand, der in der Barockzeit oft als Ausdruck der unaufhebbaren Dialektik des Daseins verstanden wurde.
→ In barocker Tradition ist dies die Verschränkung von Eros und Leid, Erfüllung und Verzehrung.
4. Zeitlichkeit und Vergänglichkeit
Die Formulierung »Glück und Zeit mir geben« reflektiert eine weitere Grundhaltung des Barock: Alles Glück ist geborgt, ist zeitlich und damit vergänglich (vanitas). Das Glück ist nicht »in mir«, sondern ein Geschenk, das an Bedingungen geknüpft ist.
Psychologische Tiefendimensionen der Strophe
1. Emotionale Fixierung
Das Ich ist emotional vollständig auf Silvie ausgerichtet. Die psychische Konstitution des Ich ist nicht autonom, sondern abhängig – ein Zustand, der psychologisch als Liebesabhängigkeit oder symbiotische Bindung interpretiert werden kann.
2. Ambivalenz der Gefühle
Der Begriff »angenehmer Schmerz« weist auf ambivalente Affekte hin: Freude und Leid verschränken sich. Dies kann als Ausdruck einer inneren Zerrissenheit, aber auch als intensiviertes Erleben verstanden werden.
→ Solche Ambivalenzen sind typisch für liebende Personen, die in Nähe zugleich Glück und Angst empfinden.
3. Idealisierung und Projektion
Die Vorstellung, nur mit Silvien wirklich leben zu können, zeigt eine starke Idealisierung des Gegenübers. Psychologisch betrachtet liegt hierin die Gefahr der Selbstentäußerung: Das eigene Glück wird vollständig an einen anderen Menschen delegiert.
4. Erhöhtes Selbstbewusstsein durch Leiden
Der angenehme Schmerz lässt sich auch als ein psychologisch komplexer Zustand verstehen, in dem das Ich durch die Intensität des Erlebens zu einem Höchstmaß an Subjektivität gelangt: Das Leiden wird zum Medium der Selbstintensivierung.
Fazit: Inhalt und Bedeutung der Strophe
Die Strophe bringt mit barocker Präzision die Zerrissenheit des empfindsamen Ichs zum Ausdruck. Trotz äußerer Lust und zeitlichem Glück bleibt das Subjekt unvollständig, solange die geliebte Silvie fehlt. Ist sie anwesend, entsteht zwar Freude, aber auch ein paradoxer Schmerz, der das Glück mit Leiden durchdringt. Dieses Spannungsgefüge von Lust und Schmerz, Nähe und Abhängigkeit, Autonomie und Hingabe verweist auf tiefere existentielle wie psychologische Dynamiken:
Abschatz zeigt in dichterischer Kompression, dass wahres Glück nicht isoliert existiert, sondern immer relational ist – und dass im Zentrum jeder erfüllten Liebe ein Moment der Sehnsucht, des Mangels und der Überintensität bleibt.
Die Strophe ist damit ein verdichteter Ausdruck barocker Liebesdialektik – ein emotional-philosophisches Miniaturbild existenzieller Erfahrung.
Analyse Strophe 2
5 Mein Sinn fühlt sich gereizt von unbekandtem Triebe,
Das lyrische Ich beschreibt eine innere Unruhe, eine emotionale oder geistige Bewegung (»Sinn« als Sitz der Empfindung), die durch einen »unbekannten Trieb« ausgelöst wird. Der Ausdruck »gereizt« bedeutet hier nicht Ärger, sondern »geregt«, also angestoßen oder erweckt. Der »Trieb« ist nicht körperlich im engeren Sinne, sondern Ausdruck einer inneren, vielleicht seelischen oder geistigen Bewegung. Dass er »unbekandt« ist, zeigt: Das lyrische Ich versteht sich selbst in diesem Moment nicht vollständig; es ist überfordert, überrascht, vielleicht sogar irritiert von der eigenen Regung.
Abschatz bewegt sich hier im Spannungsfeld von Gefühl und Erkenntnis: Der Mensch erlebt etwas in sich, das nicht benennbar, aber doch wirksam ist – eine typische Konstellation der frühbarocken Seelenlyrik. Der »Trieb« könnte auf das Erwachen der Liebe oder auf ein metaphysisches Verlangen hindeuten, vielleicht auch eine Vorstufe des Begehrens, das noch keine Richtung kennt. Die Unbekanntheit des Triebes betont die Fremdheit, das Unerklärliche der Empfindung – ein Gefühl, das sich der Ratio entzieht.
6 Ich such/ und treffe sie doch ohne Furcht nicht an.
Die Suche nach der Quelle des Triebs konkretisiert sich: das »Ich« sucht »sie« – möglicherweise eine Frau, ein Gegenstand der Liebe, oder sogar die Liebe selbst als abstraktes Prinzip. Doch das Treffen mit ihr ist nicht frei von Angst. Das »doch ohne Furcht nicht« betont: Die Begegnung ist von Scheu, vielleicht Ehrfurcht, Unsicherheit oder existenzieller Angst geprägt.
Die Ambivalenz der Liebe wird hier greifbar: Sie zieht an, zwingt zur Suche, aber sie erschreckt auch. Die Furcht könnte auf das Unbekannte zurückgehen, das das Ich noch nicht begreift. Möglich ist auch, dass sich hier eine frühbarocke Skepsis gegenüber der Leidenschaft äußert – dass das Ich um die Macht und Gefährlichkeit der Liebe weiß. Die Bewegung von Innenregung zur äußeren Begegnung (Suchen – Treffen – Fürchten) verdeutlicht die tiefenpsychologische Dynamik des Erkennens: Der Mensch findet das, was ihn bewegt, und erschrickt darüber.
7 Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan,
Der Konjunktiv und die temporale Einleitung (»wofern … iemahls«) öffnen einen hypothetischen Raum: Gibt es überhaupt so etwas wie »unwissende Liebe«? Kann ein Mensch lieben, ohne zu wissen, dass oder wen oder warum er liebt? Diese Frage stellt das Ich sich selbst – ein Ausdruck der tiefen Unsicherheit, die aus den vorherigen Versen erwächst.
Hier kommt eine Reflexion über das Wesen der Liebe selbst ins Spiel. Ist Liebe rational erklärbar? Oder geschieht sie im Zustand der Unwissenheit? Der Vers steht ganz im Zeichen barocker Anthropologie: Der Mensch ist ein zwiespältiges Wesen zwischen Erkenntnisdrang und Gefühlsverstrickung, zwischen Ratio und Passio. Abschatz gibt hier einen Fingerzeig auf die Unverfügbarkeit der Liebe: Sie geschieht – auch ohne Wissen, vielleicht sogar gegen das Wissen.
8 So glaub ich/ daß ich liebe.
Dieser Vers bringt die persönliche Erkenntnis des Ichs – und doch bleibt sie vorsichtig formuliert: »Ich glaube« ist kein sicherer Ausdruck, sondern ein tastender. Das Ich ist nicht gewiss, aber es vermutet, dass das, was es fühlt, Liebe ist.
Hier kulminiert die Strophe: Nach Irritation, Suche, Angst und Reflexion kommt das Ich zu einem vorläufigen Schluss. Dieser Schluss ist keine dogmatische Erkenntnis, sondern eine demütige Annäherung: Glaube statt Wissen. Liebe als fremde Regung bleibt ein Geheimnis, das sich dem menschlichen Geist nur in Annäherung erschließt. Auch theologisch gelesen (im Kontext barocker Frömmigkeit): Liebe als Gnade ist nicht Ergebnis des Erkennens, sondern begegnet dem Menschen als etwas, das er glaubt, aber nicht vollständig durchdringen kann.
Philosophische Tiefendimension der Strophe
Die Strophe ist durchzogen von einem Spannungsverhältnis zwischen Erkenntnis und Gefühl, Bewusstsein und Unbewusstem. Zentrale philosophische Tiefenschichten:
a) Anthropologische Fragestellung: Was ist der Mensch?
Der Sprecher spürt einen »unbekannten Trieb«, also eine Bewegung des Innern, die ihm nicht rational zugänglich ist. Dies weist auf ein Menschenbild hin, in dem das Subjekt nicht gänzlich Herr seiner selbst ist – ein Gedanke, der dem Cartesianischen Rationalismus widerspricht und dem frühaufklärerischen Zweifel an der Allmacht der Vernunft entspricht.
b) Liebesbegriff als transrationales Phänomen
Die letzte Zeile – »Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan, / So glaub ich, daß ich liebe.« – enthält ein zentrales Paradox: Liebe als Gefühl ohne Wissen. Hier wird ein prä-kantianisches, vielleicht sogar mystisches Verständnis von Liebe angedeutet: Sie entzieht sich der klaren Erkenntnis, ist irrational, tiefgründig, ja vielleicht göttlich vermittelt (im Sinne der Amor Dei oder caritas mystica).
c) Epistemologische Dimension
Die Frage, ob ein Mensch »unwissend lieben kann«, ist erkenntnistheoretisch aufgeladen. Kann Liebe existieren, ohne dass ihr Objekt erkannt, gewusst, benannt ist? Die Strophe spielt mit der Grenze zwischen Gewissheit und Ahnung – einem zentralen Thema frühneuzeitlicher Philosophie, etwa bei Pascal oder Spinoza.
Psychologische Tiefendimension der Strophe
Psychologisch betrachtet reflektiert die Strophe eine existenzielle Selbstbefragung des Ichs im Spannungsfeld von Begierde, Unsicherheit und emotionaler Wahrhaftigkeit.
a) Regung und Trieb – Frühform unbewusster Impulse
Die »fremde Regung« ist ein sehr feines psychologisches Bild für das, was später als »Unbewusstes« in der Tiefenpsychologie thematisiert wird (z. B. bei Freud oder Jung). Der Trieb ist »unbekannt«, das Ich fühlt sich »gereizt«, also emotional affiziert – ohne dass eine klare Ursache benannt werden kann. Dies ist ein Vorgriff auf spätere Konzepte innerpsychischer Dynamik.
b) Angst und Unsicherheit als Teil des Begehrens
Der Sprecher »sucht« und »trifft sie doch ohne Furcht nicht an« – hier zeigt sich eine Ambivalenz gegenüber dem Objekt des Begehrens. Das Ich will sich annähern, doch es fürchtet zugleich das, was es finden könnte. Psychologisch verweist dies auf eine tiefe Verunsicherung in der Begegnung mit dem Anderen (z. B. in einer frühen Form von Bindungsangst oder Projektion).
c) Unbewusste Liebe und deren Selbstzweifel
Die letzte Zeile könnte man fast als psychologische Selbsterkenntnis deuten: Der Sprecher erkennt rückblickend, dass das, was er fühlt, Liebe ist – obwohl ihm dies zunächst nicht bewusst war. Damit ist ein klassischer Topos der Selbstentdeckung verbunden, wie man ihn später in der Romantik, aber auch in psychotherapeutischer Selbsterfahrung findet.
Fazit: Inhalt und Bedeutung der Strophe
Inhaltlich beschreibt die Strophe einen innerlich bewegten Sprecher, der von einem unklaren, aber machtvollen Impuls erfasst wird, der ihn zur Suche treibt – vermutlich nach einem geliebten Menschen. Doch diese Begegnung ist angstbesetzt, unsicher, voller innerer Spannung. Erst am Ende gesteht er sich ein: Wenn es möglich ist, unbewusst zu lieben – dann tue ich es gerade jetzt.
Bedeutung und Interpretation:
Die Strophe entfaltet ein sehr frühes, geradezu modern anmutendes Modell des innerlich zerrissenen Subjekts. Zwischen Gefühl und Ungewissheit, Trieb und Erkenntnis, Furcht und Begehren entsteht ein inneres Drama der Annäherung an sich selbst – über den Weg der Liebe. Dabei bleibt offen, ob diese Liebe real oder bloße Projektion ist. In diesem Schwebezustand liegt ihre eigentliche poetische und existenzielle Kraft.
Einleitung zur Gedichtanalyse
Autor, Titel, Erscheinungsjahr (sofern bekannt)
Das Gedicht »Die fremde Regung« stammt von Hans Aßmann Freiherr von Abschatz (1646–1699), einem frühen Vertreter des Barock und Mitglied des zweiten schlesischen Dichterkreises. Abschatz war nicht nur Dichter, sondern auch Diplomat und Politiker. Das Gedicht erschien vermutlich um 1692, im Rahmen seiner posthum veröffentlichten Gedichte oder bereits zu Lebzeiten in kleineren Sammlungen. Ein genaues Erscheinungsjahr ist schwer zu bestimmen, da die Überlieferungslage für viele barocke Gedichte lückenhaft ist.
Thema
Das Gedicht thematisiert das ambivalente Erleben der Liebe, das den Sprecher zwischen Beglückung und innerer Unruhe schwanken lässt. Im Zentrum steht die Erfahrung einer »fremden Regung« – ein Gefühl, das neu, überwältigend und schwer einzuordnen ist. Diese fremde Bewegung im Innersten des lyrischen Ichs wird als unerklärlicher, zugleich schmerzlicher und angenehmer Liebestrieb empfunden.
Deutungshypothese
Abschatz thematisiert in diesem Gedicht die Macht der Liebe als ein irrationales, unkontrollierbares Gefühl, das den Menschen auch gegen seinen bewussten Willen in Besitz nimmt. Die Liebeserfahrung wird nicht als idealisierte Erfüllung dargestellt, sondern als zwiespältige, fast verstörende Seelenbewegung, die mit Unsicherheit und innerer Erregung einhergeht. Das Gedicht stellt somit eine frühe psychologische Auseinandersetzung mit der Subjektivität des Liebenden dar, in der das Gefühl als etwas Fremdes und Unverfügbares erscheint.
Inhaltliche Analyse
Das Gedicht thematisiert das ambivalente, von Gegensätzen geprägte Erleben der Liebe – zwischen Lust und Schmerz, Nähe und Fremdheit, Gewissheit und Unwissenheit. Der Sprecher beschreibt eine tiefe emotionale Bewegung, die er selbst kaum zu fassen oder zu verstehen vermag – die »fremde Regung«, die titelgebend ist.
Zentrales Moment ist dabei das Staunen über ein inneres Bewegtsein, das sich nicht durch äußere Vernunft oder Erfahrung erklären lässt: ein »unbekandter Trieb«, eine Regung, die zwischen Begehren und Scheu oszilliert. Der Sprecher deutet an, dass diese Empfindung vielleicht Liebe sei – doch er äußert dies als vorsichtige Vermutung, als Hypothese: »So glaub ich/ daß ich liebe.« Damit verweist das Gedicht auf ein für den Barock typisches Spannungsfeld zwischen Gefühl und Reflexion, zwischen Leib und Geist.
Themen und Motive
1. Liebe und Begehren
Im Mittelpunkt steht eine Form der Zuneigung zu »Silvien«, die gleichzeitig beglückend und schmerzhaft ist.
Das Motiv der unerkannten Liebe: Der Sprecher weiß nicht sicher, ob es wirklich Liebe ist, die ihn bewegt – »Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan«.
2. Ambivalenz
Lust und Schmerz treten gemeinsam auf: »Ein angenehmer Schmertz«. Diese paradoxe Formulierung verweist auf die bittersüße Erfahrung der Liebe.
Auch die Nähe zu Silvien ist nicht rein beglückend: »Ich such/ und treffe sie doch ohne Furcht nicht an.«
3. Selbstbeobachtung / Innenschau
Die Reflexion über eigene Gefühle ist zentral. Der Sprecher analysiert sein Inneres fast wie ein frühaufklärerischer Psychologe.
Das Motiv des Unwissens gegenüber der eigenen Gefühlslage ist ein subtiler Vorgriff auf moderne Subjektivität.
4. Zeit und Vergänglichkeit
Bereits in der ersten Zeile taucht das barocke Motiv der Zeitlichkeit auf: »Im Mittel aller Lust/ die Glück und Zeit mir geben«. Glück und Lust sind nur temporär – das verweist auf barocke Vanitas-Erfahrung.
Sprecher / Sprechsituation
Der Sprecher ist eine empfindsame, nachdenkliche Figur, die sich über ihre innersten Gefühle bewusst wird – oder vielmehr: deren Unklarheit reflektiert.
Er spricht in einem Ton zurückhaltender Melancholie, mit leiser Unsicherheit.
Der Text ist eindeutig ein Ich-Gedicht – ein subjektives inneres Bekenntnis.
Adressatin scheint die Leserschaft zu sein, nicht Silvie selbst – es handelt sich um eine Selbstoffenbarung, keine Liebeserklärung.
Die Situation ist introspektiv: Der Sprecher befindet sich offenbar in einem Zustand des emotionalen Nachsinnens, vielleicht nach einem Treffen mit Silvie oder in einem Moment der Einsamkeit.
Inhaltlicher Aufbau
Das Gedicht besteht aus zwei Vierzeilern, also zwei Quartetten, mit kreuzweise gereimten Versen (abab / cdcd) und einem regelmäßigen Jambus mit vier Hebungen (klassisches Barockmaß).
1. Strophe 1 – Die Abhängigkeit von Silvie und das ambivalente Gefühl
Trotz äußerem Glück (»im Mittel aller Lust«) bleibt Freude ohne Silvie unvollständig.
Ihre Anwesenheit bringt jedoch keinen ungetrübten Genuss, sondern einen »angenehmen Schmertz« – eine gefühlsmäßige Spannung, ein bittersüßes Empfinden.
2. Strophe 2 – Die »fremde Regung« und das Unwissen über die Liebe
Der Sprecher fühlt sich durch einen »unbekandten Trieb« gereizt.
Zwar sucht er Silvie, aber Angst oder Unsicherheit begleiten das Treffen.
Am Ende steht eine vorsichtige Selbstdiagnose: »So glaub ich/ daß ich liebe.« – Liebe zeigt sich hier als Gefühl, das sich der klaren Erkennung und rationalen Benennung entzieht.
Fazit: Poetische Psychologie der Liebe
Das Gedicht »Die fremde Regung« ist ein Beispiel für die feinsinnige Selbstbeobachtung des barocken Ichs im Spannungsfeld zwischen Gefühl und Unwissen. Es zeigt Liebe als ein Phänomen, das den Menschen überwältigt, aber auch verunsichert – eine Macht, die fremd bleibt, selbst wenn sie zutiefst persönlich erlebt wird. Abschatz verbindet hier barocke Motive (Zeitlichkeit, Ambivalenz, Seelenbewegung) mit einer frühaufklärerischen Tiefenpsychologie.
Formale Analyse
1. Strophenform
Das Gedicht besteht aus einer einzigen Strophe mit zwei Paarversgruppen (also insgesamt acht Verse in zwei Quatrains). Die Struktur wirkt geschlossen und symmetrisch, was der klassizistischen Orientierung Abschatz’ entspricht. Die Verse sind inhaltlich eng verbunden, was eine kompakte lyrische Form erzeugt.
2. Versmaß / Verslänge
Alle Verse bestehen aus sechs Hebungen (Hexameter-ähnlich), wobei jedoch kein antikes Versmaß im strengen Sinne verwendet wird. Die Silbenzahl pro Vers variiert leicht, doch alle Verse sind deutlich metrisch strukturiert. Man kann also von einer regelmäßigen Verslänge sprechen, typisch für barocke Lyrik.
3. Metrum
Das dominierende Metrum ist der Jambus (unbetont – betont: ◡):
Beispiel (Vers 1):
Im Mit|tel al|ler Lust/| die Glück und | Zeit mir | geben
(— | ◡ — | ◡ — | ◡ — | ◡ — | ◡ — | ◡ —)
Der jambische Rhythmus spiegelt die emotional bewegte, aber kontrollierte Haltung des lyrischen Ichs. Das Metrum unterstützt die Spannung zwischen »Lust« und »Schmerz«.
4. Reimschema
Das Reimschema lautet:
aabb ccdd
Es handelt sich also um Paarreime. Diese sind typisch für das Barock, da sie Ordnung und Symmetrie ausdrücken – ein zentrales poetisches Prinzip jener Zeit.
5. Kadenz
Die Kadenzen sind gemischt, aber stark auf die männliche Kadenz fokussiert:
männliche Kadenz: Vers endet auf einer betonten Silbe → stumpfer Vers
weibliche Kadenz: Vers endet auf einer unbetonten Silbe → klingender Vers
Beispiele:
geben → weiblich
leben → weiblich
Hertz → männlich
Schmertz → männlich
Triebe → weiblich
an → männlich
kan → männlich
liebe → weiblich
Verteilung: 4 männlich / 4 weiblich → ausgewogene Kadenzverteilung, was zur Ambivalenz des »angenehmen Schmerzes« und der »unwissenden Liebe« passt.
6. Rhythmus
Der Rhythmus ist fließend und musikalisch, durch den Jambus gleichmäßig getragen. Die regelmäßigen Paarreime und der symmetrische Bau führen zu einem harmonischen Gesamteindruck, was aber durch den emotional ambivalenten Inhalt (Freude/Schmerz, Nähe/Furcht) konterkariert wird.
7. Enjambements
Das Gedicht enthält nur sehr zurückhaltend eingesetzte Enjambements. Die Sätze enden meist am Versende, was die Strukturierung unterstreicht:
Vers 3–4 ist ein leichtes Enjambement:
Und wenn ich bey ihr bin/ so spielet um mein Hertz /
Ein angenehmer Schmertz.
→ Das Verb »spielet« wirkt noch in Vers 3, das Objekt folgt in Vers 4 → syntaktische Verschiebung, aber kein starker Bruch.
→ Diese Zurückhaltung betont den kontrollierten Affekt des lyrischen Ichs.
Fazit
Das Gedicht ist formal streng gebaut – in Paarreimen, jambischem Metrum, mit regelmäßiger Verslänge und ausgewogener Kadenzverteilung. Die wenigen rhythmischen Brechungen (z. B. durch ein leichtes Enjambement oder Wechsel der Kadenz) spiegeln die innere Spannung des Sprechers wider: zwischen Liebe und Unsicherheit, Lust und Schmerz. Ganz im Stil der Barocklyrik verbindet sich dabei Gefühlsausdruck mit formaler Strenge.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Sprachstil
Der Sprachstil ist elegant, zurückhaltend leidenschaftlich und empfindsam, typisch für die Frühphase des Barock, aber bereits mit Vorläufern des empfindsamen Stils späterer Zeiten. Die Sprache wirkt kultiviert und reflektiert:
Der Stil ist lyrisch, aber ohne überbordende Emphase.
Emotionalität wird in kontrollierter, kunstvoller Form geäußert, ohne in Exaltation zu verfallen.
Der Stil steht zwischen höfischer Konvention und frühaufklärerischer Innenschau.
2. Wortwahl / Wortfelder
Lust / Freude / Liebe:
»Lust«, »frölich«, »liebe«, »angenehmer Schmertz« – emotional-positiv konnotierte Begriffe.
Gefühl / inneres Bewegtsein:
»Regung«, »Mein Sinn fühlt sich gereizt«, »unbekandter Trieb« – betonen die psychologische Tiefe.
Zeit / Begegnung:
»Glück und Zeit«, »ich such und treffe sie« – thematisieren Vergänglichkeit und Sehnsucht.
Unwissenheit / Unsicherheit:
»unwissend«, »ohne Furcht nicht« – zeigen das fragile Fundament der Empfindung.
Charakteristika der Wortwahl:
Wortwahl bewegt sich zwischen Abstraktem (»Glück«, »Trieb«, »Liebe«) und Sinnlich-Konkretem (»Hertz«, »Schmertz«).
Es finden sich gelehrte bzw. lateinisch beeinflusste Begriffe wie »Regung« oder »Trieb«, die auf einen intellektuell geprägten Ausdruck hinweisen.
Die Wortwahl betont die Ambivalenz der Liebe: Freude und Schmerz, Nähe und Furcht.
3. Rhetorische Mittel
Oxymoron / Paradoxon:
»angenehmer Schmertz« – klassische barocke Antithese, Ausdruck der Liebesambivalenz.
Anapher / Parallelismus:
»Ich such/ und treffe sie doch ohne Furcht nicht an« – rhythmisch balancierte Struktur mit Wiederaufnahme des Ichs.
»Und wenn ich bey ihr bin / so spielet …« – ähnliche Struktur wie Zeile 1: »Im Mittel aller Lust …«
Alliteration:
»Spielet … Schmertz« (Klangfiguren verstärken die Musikalität der Sprache).
Metapher:
»Ein angenehmer Schmertz spielt um mein Hertz« – Personifikation des Schmerzes, der sich tänzerisch bewegt.
»Unbekandter Trieb« – psychologisierende Metapher für das diffuse Gefühl der Liebe.
Hyperbaton (Umstellung):
»Dir wird gewiß einmal bey deiner Gottähnlichkeit bange!« – Satzstruktur ist komplex und verschachtelt (barocke Syntax), jedoch hier nur am Rande sichtbar.
4. Satzbau / Syntax
Insgesamt ist die Syntax klar, aber kunstvoll gebaut.
Satzlängen sind mäßig komplex – typisch für die Barockzeit, aber noch nicht manieristisch überfrachtet.
Verwendung von Hypotaxen:
»Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan / So glaub ich …« – Bedingungssatz mit Reflexion.
Inversionen:
»Kan ich ohn Silvien nicht frölich leben« – betonte Umstellung, wodurch der Subjektsbezug („ich“) emotional aufgeladen wird.
Zusammenfassung
Das Gedicht ist ein fein gearbeiteter Ausdruck innerer Zerrissenheit zwischen Lust und Schmerz, Nähe und Distanz, Unwissenheit und Gewissheit in der Liebe. Sprachlich zeigt sich ein gemäßigter barocker Stil mit hohem Maß an psychologischer Feinsinnigkeit. Die Sprache ist geprägt durch:
Eine erlesene, sinnlich-abstrakte Wortwahl
Die Verwendung klassischer barocker Stilmittel (Oxymoron, Metapher, Antithese)
Einen syntaktisch ruhigen, aber kunstvollen Aufbau
Deutung und Interpretation
Das Gedicht handelt von einer unerklärlichen, aber tief empfundenen Regung der Liebe, die den Sprecher sowohl beglückt als auch beunruhigt. Der Titel »Die fremde Regung« verweist auf ein inneres Gefühl, das ihm selbst unbekannt oder fremd ist – also etwas, das außerhalb seines rationalen Zugriffs liegt.
Strophe 1 beschreibt das Paradox: Inmitten aller weltlichen Freuden (Lust, Glück, Zeit) kann der Sprecher ohne Silvie keine wahre Freude empfinden. Selbst wenn er bei ihr ist, spürt er »angenehmen Schmerz« – ein Oxymoron, das die bittersüße Ambivalenz der Liebe charakterisiert.
Strophe 2 hebt das Unverständliche, Triebhafte der Liebe hervor: Der Sprecher fühlt sich gereizt von einem unbekannten Trieb, also einem Gefühl, das außerhalb seiner bewussten Steuerung liegt. Er sucht Silvie, aber begegnet ihr nicht ohne Furcht – ein Hinweis auf die Angst vor Zurückweisung oder vor der eigenen Überwältigung durch die Liebe.
Die Schlusszeile enthält die zentrale Reflexion: »Wofern ein Mensch iemahls unwissend lieben kan / So glaub ich, daß ich liebe.« – Das lyrische Ich gesteht, dass es liebt, ohne genau zu wissen, warum oder wie. Dies ist ein Bekenntnis zur existenziellen Macht der Liebe, die sich der Vernunft entzieht.
Verbindung von Inhalt und Form
Das Gedicht besteht aus zwei vierzeiligen Strophen (Quartetten) mit regelmäßigem Kreuzreim (aabb / ccdd) und durchgehendem jambischen Rhythmus, was eine gewisse Sanftheit und Musikalität erzeugt.
Die formale Ordnung (Reimschema, Metrik) steht dabei im Kontrast zum thematisierten inneren Chaos des lyrischen Ichs: Die geordnete Form spiegelt die barocke Tendenz, Affekte durch Kunst zu bändigen – der Versuch, ein »wildes« Gefühl wie Liebe durch Poesie fassbar zu machen.
Der Bruch zwischen äußeren Freuden (»Lust«, »Glück«, »Zeit«) und innerer Zerrissenheit wird auch durch die Kontraste innerhalb einzelner Verse erzeugt: etwa im Paradoxon »angenehmer Schmerz«.
Symbolik und Tiefendimension
»Silvien« steht nicht nur für eine konkrete Geliebte, sondern kann allegorisch als Ideal, als Projektionsfläche für Liebe, Sehnsucht oder sogar göttliche Gnade gelesen werden.
»Angenehmer Schmerz« ist ein barockes Motiv der erotischen wie auch der spirituellen Leidenschaft (vgl. mystische Literatur): Das Leiden wird Teil des Liebeserlebnisses – ein Zustand, in dem das Ich sich selbst transzendiert.
Die »fremde Regung« verweist auf die barocke Erfahrung der Ohnmacht des Menschen gegenüber übermächtigen Kräften (Trieb, Liebe, Gnade, Schicksal). Liebe erscheint hier als metaphysischer Zustand, der sich rationaler Erklärung entzieht – ein Gefühl, das die Grenzen des Subjekts überschreitet.
In diesem Sinne spiegelt das Gedicht auch die anthropologische Unsicherheit des Barock: Der Mensch ist hin- und hergerissen zwischen Geist und Trieb, Bewusstsein und Instinkt, Ordnung und Chaos.
Bezug zur Epoche / zum Autor
Hans Aßmann von Abschatz (1646–1699) war ein Vertreter der zweiten Phase des Barock und Teil des aufkommenden höfischen Literaturideals, das auf Maß, Eleganz und geistreiche Affektgestaltung setzte.
Barocke Dichtung ist geprägt vom Spannungsfeld zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Carpe diem und Memento mori. Auch in diesem Gedicht zeigt sich dieses Spannungsfeld: Die Liebe ist sinnlich, aber auch beunruhigend; sie verheißt Glück, aber birgt auch Gefahr und Unsicherheit.
Die Unsicherheit des Ichs angesichts seiner eigenen Gefühle ist typisch barock: Das Subjekt wird nicht als autonom, sondern als durch äußere und innere Mächte begrenzt und erschüttert dargestellt.
Relevanz / Aktualität
Die Ambivalenz der Liebe – zwischen Begehren, Furcht, Lust und Schmerz – ist eine zeitlose menschliche Erfahrung.
Besonders aktuell ist das Motiv der Selbstentfremdung durch Gefühle: Die Unfähigkeit, das eigene innere Erleben vollständig zu begreifen, ist auch im Zeitalter psychologischer Aufklärung noch präsent.
In einer Zeit, in der emotionale Unsicherheiten, Bindungsfragen und Identitätsprobleme stark thematisiert werden, hat das Gedicht auch heute noch eine hohe Resonanz. Es zeigt, wie Liebe ein Zustand ist, der Menschen aus ihren Routinen herausreißt, sie verunsichert und transformiert – etwas, das damals wie heute zutrifft.
Fazit
»Die fremde Regung« ist ein fein gearbeiteter lyrischer Ausdruck der barocken Gefühlswelt: Ein Mensch erlebt Liebe als Macht, der er nicht gewachsen ist, die aber zugleich sein innerstes Wesen bewegt. Die scheinbare Einfachheit der Sprache verbirgt eine tiefgreifende Reflexion über das Wesen des Begehrens, die Grenzen des Ichs – und die große Fremdheit, die uns mitunter in uns selbst begegnet.