Hans Aßmann von Abschatz
An seine Augen
1 Ihr Augen/ höret auff Silvinden zu beschauen!
2 Mein Hertze/ welches sie kennt besser weder ihr/
3 Sagt mir/ daß eure Lust wird sein mein Ungelücke.
4 Es zwinget die Begier/
5 Halt eure Stralen auch zurücke/
6 Und höret auff Silvinden zu beschauen?
Analyse
1 Ihr Augen/ höret auff Silvinden zu beschauen!
Das Gedicht beginnt mit einem Imperativ: Die Augen sollen aufhören, Silvinde zu betrachten.
Die Personifikation der Augen – als eigenständig agierende Wesen – verstärkt den inneren Konflikt zwischen sinnlicher Begierde und moralischer Einsicht.
Das lyrische Ich versucht, sich selbst zur Mäßigung zu erziehen, was typisch für barocke Selbstreflexion ist.
Subtext
Die Augen folgen ihrer eigenen Lust, als seien sie nicht dem Willen des Ichs unterworfen – ein Hinweis auf das Auseinanderfallen von Körper und Geist.
2 Mein Hertze/ welches sie kennt besser weder ihr,
Das Herz wird hier im Gegensatz zu den Augen gestellt – es kennt »sie« (Silvinde) besser.
Der Innenraum des Gefühls, das Herz, wird als tiefere Erkenntnisquelle dargestellt als die oberflächlichen, sinnlichen Augen.
Die Formulierung »besser weder ihr« verweist auf eine ältere Grammatikform (»weder« = als), die zeigt, dass es sich um ein barockes Gedicht handelt.
Subtext
Erkenntnis kommt nicht durch äußeres Sehen, sondern durch inneres Spüren – ein Grundmotiv mystischer und stoischer Tradition.
3 Sagt mir/ daß eure Lust wird sein mein Ungelücke.
Das Herz spricht zum Ich: Die Lust der Augen wird dem Ich zum Unglück.
Hier liegt ein barockes Vanitas-Motiv: Die Freude an der Schönheit ist nicht harmlos, sondern gefährlich.
Subtext
Sinneslust führt zu seelischem Schaden; eine kritische Reflexion über das Spannungsverhältnis zwischen erotischer Anziehung und moralischer Selbstkontrolle.
4 Es zwinget die Begier.
Ein kurzer, fast spröder Satz: Die Begierde zwingt.
Dieser Vers steht isoliert da – formal wie inhaltlich. Das unterstreicht seine drastische Bedeutung: Der Mensch wird von der Begierde dominiert.
Subtext
Die anthropologische Grundkonflikt des Barock: Der Mensch ist ein schwankendes Wesen zwischen göttlicher Ordnung und fleischlicher Versuchung.
5 Halt eure Stralen auch zurücke,
Wieder ein Imperativ: Die »Strahlen« der Augen – eine Metapher für begehrliches Sehen – sollen zurückgehalten werden.
Lichtstrahlen galten in der barocken Optik als aktiv – Sehen war ein Akt des »Aussendens«.
Subtext
Die Augen sind nicht passiv, sondern aktiv an der Sünde beteiligt. Ihre Strahlen durchbohren das Objekt der Begierde, und der Akt des Sehens ist bereits ein ethisch relevantes Handeln.
6 Und höret auff Silvinden zu beschauen?
Der Anfangsvers wird fast wörtlich wiederholt – in Form einer Frage.
Diese Wiederholung wirkt wie eine gebrochene Entschlossenheit: Das Ich bleibt innerlich zerrissen zwischen dem Gebot zur Enthaltsamkeit und dem Sog der Schönheit.
Subtext
Die Rhetorik der Mahnung schlägt ins Fragende um – der Wille ist unsicher, die Begierde bleibt mächtig.
Philosophische Tiefendimension
1. Dualismus von Vernunft und Sinnlichkeit
Das Gedicht thematisiert einen zentralen barocken Zwiespalt: Die Trennung zwischen dem sehenden, begehrenden Körper (Auge) und dem fühlenden, erkennenden Inneren (Herz). Der Mensch steht im Kampf zwischen fleischlicher Begierde und geistiger Einsicht.
2. Die Macht der Begierde
Die Begierde wird als zwingende, übermächtige Kraft dargestellt. Der freie Wille des Subjekts scheint durch die Sinnlichkeit infrage gestellt – ein Thema, das im Barock oft theologisch oder stoisch gedeutet wird.
3. Selbstdistanz und Selbstgespräch
Das lyrische Ich spaltet sich in mehrere Instanzen auf: Auge, Herz, Verstand. Dadurch wird eine innere Bühne der moralischen Auseinandersetzung geschaffen. Diese Selbstreflexion ist ein Akt ethischer Selbstformung.
4. Barocke Skepsis gegenüber Schönheit
Die schöne Frau (Silvinde) ist keine aktive Verführerin, sondern ein bloßes Objekt – doch sie ist gefährlich durch ihre Wirkung. Dies spiegelt die barocke Auffassung, dass äußere Schönheit die Seele in Gefahr bringt, wenn sie nicht durch Maß und Einsicht gebändigt wird.
5. Vanitas-Motiv und Lebensordnung
Lust führt zu Unglück – das ist die pessimistische, aber für den Barock typische Botschaft. Der Mensch ist zur Mäßigung aufgerufen, da weltliche Lust vergänglich und trügerisch ist.
Psychologische Tiefendimension
Das Gedicht offenbart einen inneren Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen sinnlicher Begierde und emotionaler Selbsterkenntnis. Im Zentrum steht die Anrede an die eigenen Augen – ein klassisches Mittel der barocken Affektkontrolle –, mit der das lyrische Ich versucht, sich von einer gefährlichen Leidenschaft abzuwenden. Der innere Monolog offenbart folgende psychologische Schichten:
1. Spaltung zwischen Blick und Herz:
Die Augen sind als autonome Akteure dargestellt, die sich einem äußeren Reiz (Silvinden – mutmaßlich ein Frauenname oder eine Allegorie der Schönheit) hingeben. Im Gegensatz dazu steht das Herz als Ort tieferer Erkenntnis und emotionaler Wahrheit. Es weiß, dass das, was die Augen begehren, ins Unglück führt.
2. Selbstzucht und affektive Disziplin:
Das Ich ringt mit sich selbst: Die Augen sollen sich »zurückhalten«, die »Stralen« (Lichtstrahlen = Blicke) nicht weiter auf Silvinde richten. Diese Aufforderung zur Enthaltsamkeit verweist auf die barocke Ethik der Selbstbeherrschung und der inneren Ordnung gegen die »zwingende Begier«.
3. Erkenntnis der destruktiven Leidenschaft:
Die Begierde wird als zwanghafte Kraft erfahren, gegen die sich das Subjekt jedoch mit Hilfe der Einsicht des Herzens zur Wehr setzt. Der psychologische Schmerz liegt in der Ohnmacht gegenüber der eigenen Sehnsucht – die Augen schauen, obwohl das Herz schon das Unglück voraussagt.
4. Metareflexion des Begehrens:
Die Wiederholung des ersten Verses im letzten (»höret auff Silvinden zu beschauen«) zeigt die verzweifelte Hoffnung auf Selbsterlösung: Das Ich spricht sich selbst an und verhandelt öffentlich seine seelische Zerrissenheit. Der Appell bleibt ambivalent: Ob die Augen tatsächlich aufhören werden, bleibt offen – die Begierde ist stärker als der Wille zur Vernunft.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Rhetorische Struktur – Apostrophe und Imperativ:
Das Gedicht ist durchgehend in der zweiten Person Plural (»Ihr Augen«) verfasst – eine direkte Anrede, ein innerer Monolog in dialogischer Form. Die imperativischen Formen (»höret auff«, »halt zurücke«) verstärken den Versuch der Selbstbeherrschung, sie verleihen der Rede zugleich Dringlichkeit und affektive Spannung.
2. Enallage zwischen Subjekt und Körperteilen:
Die Augen werden personifiziert, ihnen wird Handlungsmacht zugewiesen. Der Mensch wird dadurch als ein innerlich zerrissener dargestellt – die Sinne folgen der Begierde, das Herz kennt das Leiden. Diese Dichotomie verweist auf die barocke Anthropologie vom »homo duplex«, dem doppelten Menschen zwischen Trieb und Vernunft.
3. Wortwahl – barocke Emotionalität:
Vokabeln wie »Lust«, »Ungelücke«, »Begier«, »Stralen«, »zurücke halten« sprechen die Affekte an, und zeigen zugleich eine distanzierende Haltung. Die Sprache changiert zwischen Sinnlichkeit (Silvinden, Stralen) und asketischer Moral (zurückhalten, auffhören).
4. Klangliche Gestaltung und Wiederholung:
Die Wiederholung des ersten Verses im sechsten schafft einen Ring – eine Umklammerung, die das Thema einkreist und keinen Ausweg bietet. Das Gedicht kreist um ein zentrales Problem: das Begehren, das sich nicht kontrollieren lässt. Die klangliche Struktur unterstützt diesen Eindruck durch den Reimfluss (nicht exakt metrisch, aber klanglich verbunden) und die Alliteration (»halt… zurücke«).
5. Syntax und Inversion:
Die Syntax ist stellenweise umgestellt (»Mein Hertze/ welches sie kennt besser weder ihr«), was dem Gedicht eine emphatische, fast predigtartige Form verleiht. Diese Inversionen sind typisch für die barocke Rhetorik und verstärken den Eindruck von Innerlichkeit und affektiver Reflexion.
Fazit
Hans Aßmann von Abschatz gestaltet in diesem kurzen Gedicht ein eindrückliches psychologisches Drama des barocken Subjekts: Die Sinne verfallen dem Anblick der Geliebten, obwohl das Herz das daraus resultierende Unglück längst kennt. Sprachlich stilisiert der Dichter diesen Konflikt mit rhetorischer Kunstfertigkeit, syntaktischer Verfremdung und innerer Spannung – ein Meisterstück barocker Seelenschau.