Ihr Augen/ die ich lieb und ehr

Hans Aßmann von Abschatz

An ihre Augen

Ihr Augen/ die ich lieb und ehr/1
Ihr meine Lust und süsse Pein/2
Was netzet ihr die trüben Wangen/3
Was sagt mir euer blasser Schein?4
Habt ihr mein Hertze nicht empfangen?5
Was fodert/ was verlangt ihr mehr?6

Ihr Augen/ die ich lieb und ehr/7
Ihr sehet meine Schmertzen an/8
Und kennt die Menge meiner Plagen:9
Wofern ich euch vergnügen kan/10
Will ich mit Lust den Tod ertragen.11
Was fodert/ was verlangt ihr mehr?12

Analyse Verse 1-6

1 Ihr Augen/ die ich lieb und ehr/
Textanalyse:
Die Anrede »Ihr Augen« eröffnet das Gedicht mit einem emphatischen Apostroph. »Lieb und ehr« ist eine Doppelformel, die zugleich innige Zuneigung und respektvolle Distanz markiert. Es handelt sich nicht um eine körperliche, sondern um eine geistig-emotionale Zuwendung, typisch für barocke Liebeslyrik, in der Augen als Spiegel der Seele gelten.
Subtext:
Der Sprecher stellt die Augen als autonome Akteure dar, losgelöst vom ganzen Menschen. Sie werden fast zu eigenen Wesen erhoben, die mit Liebe und Ehre adressiert werden – das weist auf eine hierarchische, fast ritterliche Höfischkeit hin. Zwischen Liebe (emotionaler Hingabe) und Ehrfurcht (distanzierte Verehrung) schwingt ein Spannungsverhältnis: Leidenschaft und moralische Selbstkontrolle.
2 Ihr meine Lust und süsse Pein/
Textanalyse:
Das Oxymoron »süsse Pein« verweist auf die barocke Liebesparadoxie: Liebe ist Freude und Schmerz zugleich. »Lust« steht für das Glück der Anschauung, »Pein« für die Qual der Unerreichbarkeit oder Zurückweisung.
Subtext:
Der Sprecher lebt in einer emotionalen Ambivalenz, die sich fast schon kultiviert anfühlt – als ob der Schmerz nicht nur ertragen, sondern genossen wird. Damit steht er in einer Tradition, die Liebe als edles Leiden begreift. Hier wird das Verhältnis zu den Augen zugleich als ekstatisch wie als marternd dargestellt, was an petrarkistische Liebeskonzeptionen erinnert.
3 Was netzet ihr die trüben Wangen/
Textanalyse:
»Netzen« meint hier: mit Tränen befeuchten. Die »trüben Wangen« deuten Traurigkeit oder körperliche Schwächung an. Es ist unklar, ob es die Wangen der Geliebten oder des lyrischen Ichs sind – die Barockpoetik spielt oft mit dieser Ambivalenz.
Subtext:
Tränen erscheinen hier nicht als rein passives Zeichen von Schmerz, sondern als aktive, fast handelnde Bewegung der Augen. Wenn es die Wangen der Geliebten sind, deutet dies auf ihre eigene Trauer hin; wenn es die des Sprechers sind, haben die Augen (der Geliebten) eine unmittelbare Wirkung auf seinen Körper. In beiden Fällen wirken die Augen wie Pfeile oder Strahlen, die Affekte hervorrufen.
4 Was sagt mir euer blasser Schein?
Textanalyse:
Der »blasse Schein« ist eine visuelle Metapher für Schwäche, Krankheit oder innere Zerrüttung. »Sagt mir« deutet auf eine semiotische Beziehung: Die Augen »sprechen« ohne Worte, sie kommunizieren durch ihr Aussehen.
Subtext:
Hier wird die Sprache der Liebe vollständig auf den Blick verlagert. Der Sprecher ist Leser einer »Augenschrift«. Die Blässe kann Mangel an Lebensfreude, Liebe oder Gesundheit bedeuten. Im Barockkontext könnte sie auch eine vanitas-Note tragen: Schönheit ist vergänglich, Augen verlieren Strahlkraft – was den Liebesdiskurs mit einem Memento mori unterlegt.
5»< span class=“l“>Habt ihr mein Hertze nicht empfangen?«
Textanalyse:
Das Herz ist Sitz der Gefühle. »Empfangen« bedeutet hier: die Hingabe des Sprechers aufnehmen. Die Frage ist rhetorisch, Ausdruck einer verletzten Verwunderung: die Geliebte (oder ihre Augen) hat die Liebe doch wahrgenommen – warum also diese Traurigkeit?
Subtext:
Die Wendung klingt wie eine leise Anklage. Das »Empfangen« kann auch eine religiöse Konnotation tragen – wie die Seele die Gnade empfängt, so sollten die Augen des Geliebten die Liebe aufnehmen. Wird dies nicht getan, entsteht eine Liebesspiritualität mit soteriologischen Untertönen: Liebe als Heil, das abgelehnt werden kann.
6 Was fodert/ was verlangt ihr mehr?
Textanalyse:
Die doppelte Frageform (»fodert« / »verlangt«) verstärkt die Dringlichkeit. Der Sprecher sieht seine Liebe bereits als vollständig dargebracht und versteht nicht, was noch aussteht.
Subtext:
Die Augen erscheinen hier als fordernde Instanz – nicht passiv und schön, sondern aktiv und beinahe herrschaftlich. Der Subtext legt nahe: Liebe ist nicht rein Geschenk, sondern in einem Machtgefüge gefangen, in dem der Geliebte sich dem unstillbaren Verlangen einer überlegenen Schönheit ausgesetzt sieht.
Philosophische Tiefendimension
1. Liebe als Dialektik von Lust und Leid
Der barocke Liebesbegriff lebt vom Spannungsfeld zwischen Erfüllung und Entzug, ähnlich der augustinischen Vorstellung, dass irdische Liebe immer unvollkommen bleibt und daher auch Schmerz mit sich bringt.
2. Blick als Erkenntnis- und Machtinstrument
Die Augen fungieren als Medium einer nonverbalen Kommunikation, deren Deutung Machtverhältnisse offenlegt: Wer den Blick lenkt, kontrolliert das emotionale Geschehen.
3. Semiotik der Emotion
Der Sprecher liest Zeichen (Blässe, Tränen) und deutet sie wie ein hermeneutischer Akt. Liebe wird hier als interpretativer Prozess dargestellt, der nie vollständig gesichert ist.
4. Vanitas und Vergänglichkeit
Die »Blässe« lässt den Schatten des Todes und der Vergänglichkeit auf der Liebesszene liegen. Schönheit ist flüchtig, Leid konstant.
5. Theologisch-mystischer Unterton
Die Rede vom »Empfangen« des Herzens hat eine fast eucharistische Konnotation: Liebe wird als Opfergabe verstanden, die angenommen werden muss, um Heil zu bewirken. Wird sie verweigert, kippt die Szene ins Drama der unerwiderten Gnade.
6. Aktive und passive Rollen in der Liebe
Die Augen erscheinen einmal als passiv erleidende Organe, ein anderes Mal als fordernde, fast herrische Akteure. Liebe ist hier nicht symmetrisch, sondern geprägt von Rollenschwankungen zwischen Geben und Empfangen.
Psychologische Tiefendimension
Die sechs Verse eröffnen das Gedicht mit einer Mischung aus zärtlicher Verehrung und unterschwelliger Klage.
Die Augen der Angesprochenen fungieren hier nicht nur als sinnliches Schönheitsmerkmal, sondern als Spiegel innerer Regungen. Die direkte Anrede (»Ihr Augen, die ich lieb und ehr«) etabliert eine intime, beinahe devotionsartige Beziehung, in der das lyrische Ich sich als Liebender und Verehrer zugleich präsentiert.
Psychologisch lässt sich eine ambivalente Spannung erkennen:
Zuwendung und Anbetung:
Der Sprecher bezeichnet die Augen als »meine Lust und süsse Pein«. Diese Doppelung spiegelt den paradoxen Charakter der Liebeserfahrung – Lust und Schmerz verschmelzen zu einer untrennbaren Einheit.
Unruhe und Besorgnis:
Die Fragen »Was netzet ihr die trüben Wangen? / Was sagt mir euer blasser Schein?« zeigen eine irritierte Reaktion auf den Anblick von Traurigkeit oder Schwermut in den Augen der Geliebten. Das lyrische Ich erkennt eine Veränderung im Ausdruck – vielleicht Krankheit, Kummer oder Enttäuschung – und fühlt sich davon betroffen.
Beziehungsdynamik der Schuld oder Unvollkommenheit:
Mit »Habt ihr mein Hertze nicht empfangen?« klingt unterschwellig der Vorwurf an, dass trotz der Hingabe des Ichs etwas fehlt. Die letzte Frage »Was fodert / was verlangt ihr mehr?« deutet auf eine psychologische Unsicherheit, ja leichte Verzweiflung hin: Das Ich empfindet, bereits alles gegeben zu haben, und versteht nicht, warum dies nicht genügt.
Insgesamt entsteht ein seelisches Bild von Verletzlichkeit, in dem Liebe, Bewunderung, Selbstzweifel und die Angst vor Zurückweisung verschränkt sind.
Sprachlich-stilistische Analyse
Die Sprache ist typisch für den barocken Liebesdiskurs: feierlich, zugleich emotional aufgeladen und rhetorisch kunstvoll gebaut.
Direkte Anrede:
Durch das wiederholte »Ihr« werden die Augen personifiziert und zu autonomen Akteuren. Das steigert die Intensität und verleiht ihnen eine fast übernatürliche Wirkungsmacht.
Antithetik und Oxymoron:
»meine Lust und süsse Pein« verdichtet das barocke Ideal der concors discordia – die Vereinigung von Gegensätzen, hier als Ausdruck leidenschaftlicher Liebe.
Rhetorische Fragen:
Ab Vers 3 setzt eine Serie von Fragen ein, die einerseits innere Unruhe spiegeln, andererseits den Dialogcharakter betonen. Die Fragen sind nicht auf Antworten angelegt, sondern dienen als Ausdrucksmittel für emotionale Ratlosigkeit.
Sinnliche Bildlichkeit:
»netzet … die trüben Wangen« evoziert den Anblick von Tränen, während »blasser Schein« den Verlust von Lebenskraft oder Freude andeutet.
Steigerung in der Struktur:
Die erste Strophe (Verse 1–2) ist ein Bekenntnis; die zweite (3–4) zeigt Beobachtung und Besorgnis; die dritte (5–6) mündet in eine leicht vorwurfsvolle, verzweifelte Frage. Das Gedicht entwickelt sich somit von Zuneigung über Sorge zu emotionaler Konfrontation.
Orthographie und Lexik des 17. Jahrhunderts: Formen wie »Hertze«, »fodert« und »süs« verorten das Gedicht in seiner Zeit und verleihen ihm zusätzlich eine historische Patina.

Analyse Verse 7-12

7 Ihr Augen/ die ich lieb und ehr/
Textanalyse:
Der Sprecher wendet sich in einer direkten Apostrophe an die Augen der Geliebten. »Lieb« und »ehr« bilden eine Zwillingsformel, die zugleich Emotionalität (Liebe) und Wertschätzung (Ehre) ausdrückt. Die Personalisierung der Augen als eigenständige Adressaten intensiviert die emotionale Bindung.
Subtext:
Die Augen sind hier nicht bloß Körperteile, sondern Spiegel der Seele, Träger des »inneren Blicks«. Im Barock ist der Blick oft ein Medium der Liebesübertragung, aber auch eine Instanz des Urteils. Indem er die Augen liebt und ehrt, stellt der Sprecher nicht nur Sinnlichkeit, sondern auch eine moralische Anerkennung ins Zentrum.
8 Ihr sehet meine Schmertzen an/
Textanalyse:
Die Augen der Geliebten werden als wissend und wahrnehmend dargestellt: Sie erkennen das Leid des Sprechers. Das Verb »ansehen« impliziert sowohl visuelle Wahrnehmung als auch emotionale Anteilnahme.
Subtext:
Im Kontext barocker Liebeslyrik ist dies ein doppelter Spiegel: Die Geliebte sieht den Schmerz, und der Sprecher fühlt sich durch diesen Blick entblößt. Schmerz wird hier zum Kommunikationsmittel – er ist nicht verborgen, sondern bewusst gezeigt, ja vielleicht inszeniert, um Mitleid oder Zuneigung hervorzurufen.
9 Und kennt die Menge meiner Plagen:
Textanalyse:
Der Satz steigert den vorherigen Vers: Die Geliebte sieht nicht nur, sie »kennt« auch. Das ist eine tiefere, wissende Erkenntnis – eine Art innerer Besitz am Leiden des Sprechers. Die »Menge« der Plagen weist auf Überfülle, fast eine barocke Hyperbel, hin.
Subtext:
Hier zeigt sich eine paradoxe Nähe: Das Erkennen des Leids durch die Geliebte könnte Trost bringen, doch zugleich verstärkt es den Schmerz, weil es keine Heilung gibt. Die Plagen werden nicht verborgen – die Beziehung scheint auf einem stillschweigenden Pakt des gegenseitigen Wissens um das Leid zu beruhen.
10 Wofern ich euch vergnügen kan/
Textanalyse:
»Wofern« leitet eine Bedingung ein: Wenn er in der Lage ist, den Augen (und damit der Geliebten) Freude zu bereiten, geschieht etwas Entscheidendes. »Vergnügen« steht im Gegensatz zu den »Plagen« zuvor – hier deutet sich eine Wendung von Leid zu Lust an.
Subtext:
Diese Formulierung trägt einen Zug von höfischer Unterwerfung: Das eigene Glück und sogar die Lebensperspektive hängen ausschließlich vom Wohlgefallen der Geliebten ab. Die Augen werden zum Maßstab für Wert und Sinn des Sprechers.
11 Will ich mit Lust den Tod ertragen.
Textanalyse:
Eine barocke Antithese zwischen »Lust« und »Tod«. Das Paradoxon bringt ein zentrales Motiv barocker Liebespoesie: den »liebestod«, in dem Leid und Freude ineinanderfallen. Die Formulierung »will ich« betont freiwillige Hingabe, fast als Opfer.
Subtext:
Das ist nicht nur pathetische Liebesrede – es hat einen impliziten metaphysischen Beiklang: Das »Sterben« kann auch als völlige Selbstaufgabe im Anblick der Geliebten gelesen werden, ein »mystisches« Einswerden, das Lust und Ende in eins setzt. Hier klingt die spätmittelalterliche und frühbarocke Tradition an, in der Liebe oft als geistig-körperliche Ganzhingabe verstanden wird.
12
Was fodert/ was verlangt ihr mehr?
Textanalyse:
Eine rhetorische Frage, die zugleich Selbstrechtfertigung und Vorwurf enthält. Der Sprecher hat sein maximales Opfer angeboten – Freude bereiten und dafür sogar den Tod ertragen.
Subtext:
Die Zeile entlarvt eine Spannung: Der Sprecher spielt die totale Selbsthingabe als Trumpfkarte aus. Zwischen zärtlicher Unterwerfung und implizitem Tadel (»mehr als mein Leben kann ich nicht geben«) entsteht eine latente Machtverschiebung: Die Geliebte wird zur Richterin über sein Schicksal, doch er beansprucht moralische Erfüllung seiner Pflichten.
Philosophische Tiefendimension
1. Barockes Memento-Mori und Liebestod-Motiv:
Der Tod ist hier nicht nur eine biologische Endstation, sondern Teil eines paradoxen Lustprinzips. Die Bereitschaft, »mit Lust den Tod zu ertragen«, reflektiert den barocken Gedanken, dass alles Irdische vergänglich ist und Liebe gerade im Angesicht dieser Vergänglichkeit ihre höchste Intensität gewinnt.
2. Subjektive Selbstaufgabe als Liebesethos:
Die Verse inszenieren ein radikales Altruismus-Ideal: Das Selbst existiert nur in Bezug auf den anderen, der Blick der Geliebten wird zum alleinigen Sinnstifter. Philosophisch berührt dies den Gedanken des alter ego bei Montaigne oder der späteren Existenzphilosophie: Die Identität formt sich im Spiegel des anderen.
3. Auge als Spiegel der Seele und metaphysische Instanz:
Im Subtext erscheinen die Augen als fast göttliche Instanz: Sie sehen, erkennen, urteilen. Das entspricht einer platonischen Linie (Schönheit als sinnlich erlebbarer Weg zum Göttlichen) und zugleich der mystischen Tradition, in der der Blick die Seele durchdringt und transformiert.
4. Dialektik von Leid und Freude:
Der Text spielt mit der barocken Spannung zwischen dolor und voluptas, zwischen Passionspathos und ekstatischer Hingabe. Diese dialektische Verbindung verweist auf die theologische Grundfigur des Leidens als Weg zur Erhöhung – ähnlich der christlichen Passionserzählung, wo das Leiden den Weg zur Erlösung öffnet.
5. Rhetorik der bedingungslosen Hingabe als Machtspiel:
Philosophisch interessant ist die rhetorische Struktur: Der Sprecher behauptet, nichts mehr geben zu können als sein Leben. Das ist einerseits die maximale Unterwerfung, andererseits setzt es die Geliebte in eine moralische Zwangsposition – jede weitere Forderung wäre unrechtmäßig.
Psychologische Tiefendimension
In diesen letzten sechs Versen kulminiert das lyrische Ich in einer Mischung aus Unterwerfung, Hingabe und latenter Verzweiflung.
1. Emotionaler Spiegel
Die Augen der Angesprochenen sind nicht nur äußere Schönheitsmerkmale, sondern fungieren als Spiegel und Zeugen der inneren Lage des lyrischen Ichs. Indem sie »meine Schmertzen an« sehen (V. 8), entsteht ein Gefühl von Durchschautsein, das sowohl Trost als auch Bedrohung birgt: Trost, weil die Plagen erkannt werden, Bedrohung, weil diese Erkenntnis Macht über den Sprecher verleiht.
2. Machtasymmetrie
Die Geliebte hat eine souveräne Position: Sie »kennt die Menge« der Leiden (V. 9), während das lyrische Ich völlig exponiert ist. Das Wissen der Geliebten ist hier nicht neutral – es ist ein Machtfaktor, da die Kenntnis der Plagen die Abhängigkeit vertieft.
3. Konditionale Hingabe
Die Wendung »Wofern ich euch vergnügen kan« (V. 10) stellt eine klare Bedingung auf: Das gesamte Handeln und Leiden des Ichs zielt auf die Befriedigung der Geliebten. Diese Haltung hat Züge eines Selbstopfers, in dem die Selbstachtung dem Wunsch nach Anerkennung untergeordnet wird.
4. Freudige Todesbereitschaft
Der Satz »Will ich mit Lust den Tod ertragen« (V. 11) steigert die Unterwerfung zur extremen Pointe: Selbst der Tod wird nicht nur akzeptiert, sondern lustvoll ertragen, wenn er im Dienste des Wohlgefallens der Geliebten steht. Psychologisch spricht dies für eine stark idealisierte Projektion, bei der eigene Grenzen aufgehoben werden.
5. Rhetorische Herausforderung
Der Schlussvers »Was fodert/ was verlangt ihr mehr?« (V. 12) kann doppeldeutig gelesen werden: als demütige Frage, ob noch mehr verlangt wird – oder als unterschwellige Anklage, dass bereits das Äußerste geboten wurde. Diese Ambivalenz verstärkt die psychologische Spannung zwischen Hingabe und latenter Erschöpfung.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Direkte Anrede
Die wiederholte Anrufung »Ihr Augen« (V. 7) personifiziert das Sehorgan und löst es aus dem Gesamtbild der Geliebten heraus. Die Augen werden zum zentralen Symbol – sie sind Erkenntnisinstrument, Schönheitszeichen und Machtquelle.
2. Parallelismus und Symmetrie
»Ihr Augen, die ich lieb und ehr / Ihr sehet meine Schmertzen an« – die syntaktische Parallelstruktur gibt dem Beginn eine feierlich-erhöhte Form und unterstreicht die Fixierung des Ichs auf die Augen als Leitmotiv.
3. Steigerung in der Wahrnehmung
Von »sehen« (V. 8) zu »kennen« (V. 9) erfolgt eine semantische Intensivierung: Nicht nur die äußeren Zeichen des Schmerzes werden wahrgenommen, sondern sein Ausmaß wird erkannt. Diese Steigerung baut dramaturgische Spannung auf.
4. Konditionaler Satzbau
Der Einsatz von »Wofern« (V. 10) wirkt höflich und formal, zugleich barock-pathetisch. Er ordnet das gesamte Selbstbild des Ichs der Möglichkeit unter, der Geliebten Freude zu bereiten.
5. Antithetik von Lust und Tod
Die Formulierung »mit Lust den Tod ertragen« (V. 11) verbindet widersprüchliche Konzepte in einer barocken Metapher. Diese Lust am eigenen Untergang ist typisch für die barocke Liebeslyrik, die Extreme und Paradoxien liebt.
6. Schlussinterrogativ als Pointe
Der abschließende Fragesatz (V. 12) ist rhythmisch und inhaltlich eine Klammer: Er wirkt wie eine Zäsur, die das zuvor Gesagte bilanziert. Gleichzeitig öffnet er den Raum für Mehrdeutigkeit – zwischen devoter Frage und ironisch-resignierter Bemerkung.

Gesamtaufbau

Das Gedicht gliedert sich formal und inhaltlich in drei sich spiegelnde Abschnitte:
1. Anruf und emotionale Ausgangslage (Verse 1–4)
Die Augen der Geliebten werden direkt apostrophiert (»Ihr Augen, die ich lieb und ehr«).
Kontrast von Lust und süßer Pein (V. 2) → typisch barocke Antithetik.
Beobachtung einer Veränderung: Die Augen sind blass, die Wangen des lyrischen Ichs sind »trüb« und von Tränen benetzt (V. 3–4).
Erste Frage nach der Ursache (V. 4): rhetorisch und klagend.
2. Erste Fragensequenz und Vorwurf (Verse 5–6)
Erinnerung: Die Augen haben das Herz des lyrischen Ichs »empfangen« (V. 5) → Liebeshingabe.
Forderungsklage: »Was fordert, was verlangt ihr mehr?« (V. 6) → Refrain-Charakter.
3. Spiegelung und Steigerung (Verse 7–12)
Wiederaufnahme der Anrede (V. 7) → Kreisstruktur.
Betonung des mitleidenden Sehens der Geliebten (V. 8–9).
Bereitschaft zum äußersten Liebesopfer: »mit Lust den Tod ertragen« (V. 10–11).
Abschluss mit Wiederholung der Frage aus V. 6 (V. 12).

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