Ihr Augen/ deren Licht mit diesem Lichte spielt

Hans Aßmann von Abschatz

An seine Augen

Ihr Augen/ deren Licht mit diesem Lichte spielt/1
Das eure Stralen dunkel macht/2
Gebt wohl auff eure Sachen acht/3
Seht/ wie mein Feind bereits auff unser Unglück zielet.4

Ich kan den Angelstern in mein Gemütte schlüssen5
Der in gewünschten Hafen führt;6
Ihr aber/ Augen/ ihr verliert7
Das Licht/ ohn das ihr irrt in trüben Finsternissen.8

Seht/ weil ihr sehen könt/ eh Nacht und Regen kommen/9
Schöpfft kurtzen Trost vor lange Pein10
Von diesen süssen Augen ein/11
Eh euch Gelegenheit durchs Scheiden wird benommen.12

Analyse Strophe I Verse 1-4

1 Ihr Augen/ deren Licht mit diesem Lichte spielt/
Textanalyse
Das lyrische Ich spricht seine eigenen Augen direkt an. Der Ausdruck »deren Licht mit diesem Lichte spielt« weist auf eine Wechselwirkung zwischen dem inneren, subjektiven Licht der Augen (als Spiegel der Seele) und einem äußeren Licht hin. Dieses äußere Licht könnte metaphorisch für die Sonne, den Blick eines anderen Menschen oder eine übergeordnete Wahrheit stehen.
Subtextanalyse
Hier wird das Selbst (die Augen als pars pro toto für die ganze Person) in eine dialogische Beziehung mit einer äußeren, vielleicht bedrohlichen oder verführerischen Erscheinung gesetzt. Das »Spielen« kann doppeldeutig sein – als harmloses Wechselspiel oder als gefährliches Flirten mit einer Macht, die das Ich überwältigen könnte.
Metaebene
In der barocken Lyrik sind die Augen oft ein zentrales Sinnbild für Erkenntnis, Begehren und Verletzlichkeit. Abschatz bewegt sich im rhetorischen Feld der Apostrophe (direkte Anrede) und der Metapher des Lichts, die seit der Renaissance sowohl sinnlich-erotisch als auch geistlich-theologisch codiert ist. »Dieses Licht« könnte zugleich ein höfischer Code für eine geliebte Dame sein, deren Ausstrahlung das eigene Leben bestimmt.
2 Das eure Stralen dunkel macht/
Textanalyse
Das »äußere« Licht (aus Vers 1) hat die Macht, das Strahlen der Augen zu verdunkeln – also ihre natürliche Leuchtkraft zu mindern oder zu überstrahlen.
Subtextanalyse
Es liegt eine Machthierarchie vor: das fremde Licht dominiert das eigene. Dies könnte als Warnung vor einer Leidenschaft gelesen werden, die das Selbst verdunkelt oder entmachtet. Im Liebeskontext: die Anziehung zu einer Person, die das Ich seiner Klarheit beraubt.
Metaebene
Barockdichtung liebt solche Licht-Schatten-Kontraste als Vanitas-Signale: Nichts Irdisches bleibt ungetrübt, jede Schönheit kann von einer größeren Macht verdunkelt werden. Das »dunkel machen« erinnert an Petrarkistische Topoi, wo das übermächtige Licht der Geliebten den Liebenden blendet und zugleich entkräftet.
3 Gebt wohl auff eure Sachen acht/
Textanalyse
Eine direkte Aufforderung an die eigenen Augen, wachsam zu sein und nicht unbedacht zu handeln.
Subtextanalyse
Der Sprecher erkennt eine Gefahr und ruft zu Selbstbeherrschung auf – in Wahrheit ein Appell an die innere Disziplin gegen emotionale oder sinnliche Verlockung. Das »eure Sachen« meint nicht nur den Blick selbst, sondern die gesamte innere Ausrichtung des Begehrens.
Metaebene
Hier mischt sich der barocke Moraldiskurs ein: Augen sind in der Tradition nicht nur Organe des Sehens, sondern auch Tore der Seele (oculi sunt specula animae). Die Aufforderung, »achtzugeben«, hat eine stoische wie auch religiöse Färbung – Wachsamkeit gegen Sünde oder moralischen Fehltritt.
4 Seht/ wie mein Feind bereits auff unser Unglück zielet.
Textanalyse
Der Sprecher verweist auf einen klar erkannten »Feind«, der aktiv und gezielt auf das »Unglück« des lyrischen Ichs hinarbeitet. Das »unser« verbindet Augen und Sprecher als ein gemeinsames Subjekt.
Subtextanalyse
Der »Feind« kann real (ein Rivale) oder metaphorisch (Leidenschaft, Tod, Sünde) sein. Das Unglück ist vorweggenommen – es liegt eine Vorahnung oder Prophezeiung im Satz. Der Appell an die Augen ist damit nicht nur Vorsichtsmaßnahme, sondern fast flehentliche Warnung.
Metaebene
Der »Feind« ist in barocker Liebesdichtung oft eine Chiffre: er kann der Nebenbuhler, Amor selbst oder gar das Schicksal sein. Die Verbindung von »Feind« und »Unglück« trägt den dramatischen Zug der Zeit: das Leben ist Kampf, das Herz ist Schlachtfeld. Rhetorisch ist dies eine Klimax – von der Selbstbetrachtung über die Warnung bis zur Benennung der Bedrohung.

Analyse Strophe II Verse 5-8

5 Ich kan den Angelstern in mein Gemütte schlüssen
Textanalyse
Der Sprecher behauptet, den »Angelstern« in sein Gemüt einschließen zu können. »Angelstern« ist im barocken Sprachgebrauch der Leitstern, meist der Polarstern, der als sichere Orientierung dient. Das Verb »schlüssen« (schließen) bedeutet hier nicht nur verschließen, sondern auch »einschließen« im Sinne von fest verinnerlichen.
Subtextanalyse
Das lyrische Ich besitzt die Fähigkeit, geistige oder seelische Orientierung in sich selbst zu verankern. Dies ist eine Art Selbstbehauptung: Auch wenn die Augen (gleich angesprochen) versagen, kann der innere Kompass bestehen bleiben.
Metaebene
Typisch barock ist die Metaphorik der Schifffahrt und des Sterns als Sinnbild göttlicher Führung oder moralischer Festigkeit. Der »Angelstern« kann als Bild für Gott, Christus oder eine unverrückbare Wahrheit gelesen werden – er steht jenseits der Sinnenwelt und ist daher nicht abhängig von körperlichen Organen wie den Augen.
6 Der in gewünschten Hafen führt;
Textanalyse
Der Angelstern ist derjenige, der das Schiff des Lebens in den »gewünschten Hafen« lenkt. Das Bildfeld der nautischen Metapher wird konsequent fortgeführt: Stern – Navigation – Hafen. Der »gewünschte Hafen« ist Zielpunkt und Ruheort.
Subtextanalyse
Der Hafen kann sowohl für ein irdisches Ziel (Geliebte, Heimat, Erfüllung eines Wunsches) als auch für das jenseitige Heil stehen. Da wir uns im barocken Kontext bewegen, ist eine doppelte Lesart wahrscheinlich: weltliche Liebe und transzendente Erlösung.
Metaebene
Der Hafen ist im barocken Emblemdiskurs oft der Tod, allerdings in positivem Sinn als Ende der Lebensfahrt. Der Vers trägt also potenziell die Memento-mori-Komponente: Wer den »Angelstern« hat, steuert sicher durch die Stürme der Welt ins ewige Ziel.
7 Ihr aber/ Augen/ ihr verliert
Textanalyse
Direkte Apostrophe an die Augen. Der Sprecher wendet sich abrupt von der Selbstbehauptung (»Ich kan«) zum Vorwurf oder zur Feststellung einer Schwäche. Das Personalpronomen »ihr« isoliert die Augen als eigene Instanz.
Subtextanalyse
Die Augen werden personifiziert und als unzuverlässig dargestellt. Es entsteht ein Gegensatz zwischen innerer Gewissheit (Vers 5–6) und äußerer Sinneswahrnehmung (Vers 7–8). Der Ton enthält sanften Tadel – möglicherweise auch Trauer darüber, dass die Sinne versagen.
Metaebene
In der barocken Erkenntnistheorie (u. a. beeinflusst von Descartes) gilt der Geist als sicherer als die Sinne, die trügen können. Die Distanzierung des Geistes vom Körper ist hier poetisch inszeniert.
8 Das Licht/ ohn das ihr irrt in trüben Finsternissen.
Textanalyse
Den Augen fehlt »das Licht« – das kann wörtlich Sonnen- oder Sternenlicht sein, aber auch übertragen das Licht der Wahrheit oder Erkenntnis. Ohne dieses Licht verirren sie sich in »trüben Finsternissen«. »Trüb« verstärkt die Düsternis, indem es zusätzlich Unreinheit und Unklarheit impliziert.
Subtextanalyse
Das Bild zeigt, dass der menschliche Sinn ohne geistige Orientierung (ohne »Angelstern«) hilflos ist. Es wird eine Abhängigkeit der Sinne vom höheren Prinzip angedeutet. Es könnte auch eine biographische Ebene haben (Sehschwäche, Verlust der Sicht), wird aber zum moralisch-geistigen Bild erweitert.
Metaebene
Licht–Finsternis ist eine zentrale Allegorie der Barockliteratur, oft im Sinne der Gegenüberstellung von göttlicher Wahrheit und irdischer Täuschung. Der Vers verknüpft epistemologische Skepsis (die Sinne sind fehlbar) mit einer theologischen Grundhaltung (nur das überirdische Licht führt zur Wahrheit).

Analyse Strophe III Verse 9-12

9 Seht/ weil ihr sehen könt/ eh Nacht und Regen kommen/
Textanalyse
Der Sprecher appelliert direkt an seine Augen – in barocker Manier als personifizierte Akteure – und fordert sie auf, jetzt zu schauen, solange es noch möglich ist. »Nacht« und »Regen« stehen metaphorisch für bevorstehende Trübung oder Einschränkung der Sicht, womöglich auch für den Verlust des Blickkontakts zu einer geliebten Person.
Subtextanalyse
Der Vers enthält eine Dringlichkeit des Moments, ein carpe diem-Motiv. »Nacht« kann für den Tod, »Regen« für Tränen und Leid stehen. Das Auge wird nicht nur als Sinnesorgan, sondern als Träger der Seele angesprochen – es soll sich sattsehen, bevor Dunkelheit (Ende des Lebens oder Trennung) eintritt.
Metaebene
Der Vers ist barocktypisch doppeldeutig zwischen sinnlicher und transzendenter Lesart. Einerseits geht es um sinnliche Erfahrung, andererseits um Vanitas – die Vergänglichkeit alles Sichtbaren. Das Imperativische (»Seht«) wirkt wie eine Predigt an sich selbst, verknüpft die eigene Endlichkeit mit einer biblischen Wachsamkeits-Metaphorikwachet, denn ihr wisset nicht, wann der Herr kommt«).
10 Schöpfft kurtzen Trost vor lange Pein
Textanalyse
Die Augen sollen in der Gegenwart Trost sammeln, um sich gegen eine lange bevorstehende Zeit des Leidens zu wappnen. Das Adjektiv »kurtzen« betont die Kürze des Trostes im Kontrast zur Länge der »Pein«.
Subtextanalyse
Hier klingt das barocke Bewusstsein der Unausweichlichkeit von Schmerz und Trennung an. Trost ist nur temporär und brüchig; er ist nicht imstande, die Dauer der Pein aufzuheben, wohl aber sie erträglicher zu machen.
Metaebene
Der Vers verknüpft stoische Leidbewältigung mit barocker Emotionsökonomie: Freude und Trost sind knappe Güter, die bewusst »eingelagert« werden müssen, um später im Leid davon zu zehren. Es ist ein poetisches Spiegelbild frühneuzeitlicher Lebenshaltung: das »Memento mori« verschränkt mit dem »Carpe diem«.
11 Von diesen süssen Augen ein/
Textanalyse
Die Quelle des Trostes wird konkretisiert: Es sind die »süssen Augen« einer anderen Person, wohl der Geliebten. »Süss« ist ein barockes Adjektiv, das sowohl körperliche Schönheit als auch seelische Anmut umfasst.
Subtextanalyse
Die Augen der Geliebten sind hier mehr als bloße Sinnesobjekte – sie sind Speicher von Wärme, Zuneigung, vielleicht auch Spiegelungen der Seele. In der barocken Liebeslyrik fungieren die Augen häufig als medium amoris, als Kanal, durch den Liebesempfindung übertragen wird.
Metaebene
Dieser Vers offenbart den doppelten Adressatenkreis: Die »eigenen Augen« (Vers 9) werden aufgefordert, sich an den »fremden Augen« der Geliebten zu nähren. Dies schafft eine Spiegelstruktur: Sehen und Gesehenwerden verschränken sich. Auf der poetischen Metaebene wird damit die visuelle Wahrnehmung zu einer wechselseitigen Bindung, fast einer sakralen Kommunion.
12 Eh euch Gelegenheit durchs Scheiden wird benommen.
Textanalyse
Der Sprecher mahnt zur Eile: Die Chance, die Geliebte zu sehen, wird bald durch »Scheiden« (Trennung) genommen sein.
Subtextanalyse
Das »Scheiden« ist doppeldeutig: Es kann eine räumliche Trennung bedeuten (Abreise, Abschied), aber auch den Tod. Die »Gelegenheit« ist ein knappes Zeitfenster – barocke Lyrik liebt die Vorstellung, dass der Augenblick unrettbar vergeht, wenn er nicht genutzt wird.
Metaebene
Der Vers verankert die gesamte Strophe im Vanitas-Denken: Jede Schönheit, jedes Glück, jede Begegnung ist durch Endlichkeit bedroht. Philosophisch betrachtet erinnert das an die antike Lehre von kairos – den rechten Augenblick –, den man ergreifen muss, bevor er unwiederbringlich verloren ist. Gleichzeitig wird das Verhältnis von Subjekt und Objekt der Liebe unter ein Zeitdiktat gestellt, das keine Vertröstung auf eine ferne Zukunft erlaubt.
Fazit
Die dritte Strophe verdichtet das barocke Spannungsfeld zwischen carpe diem und memento mori. Die Augen sind sowohl handelndes Subjekt als auch verletzliches Organ, das vor dem Verlust noch einmal intensiv genießen soll. Auf der subtextuellen Ebene verschränken sich erotisch-sinnliche Erfahrung (Blick in die »süssen Augen«) mit existenzieller Endlichkeit (Nacht, Regen, Scheiden). Auf der Metaebene formuliert Aßmann von Abschatz eine Lebenshaltung, die Schönheit als kurzlebigen Vorrat begreift, den man sammeln muss, um die unvermeidliche Pein zu überstehen – ein poetisches Modell barocker Resilienz.

Gesamtkomposition und Tiefenstruktur

Das Gedicht entfaltet sich als ein in drei Strophen gegliederter Appell an das eigene Wahrnehmungsorgan – die Augen – und zugleich als ein innerer Monolog, der Selbstmahnung und rhetorische Überredung verbindet.
Strophe 1 (Verse 1–4) stellt die Augen in ein paradoxes Verhältnis zu einem »anderen Licht«. Dieses fremde Licht, mit dem das eigene »Licht« spielt, verdunkelt sie zugleich. Die Strophe hat eine spannungsvolle Doppelbewegung: einerseits Faszination (das andere Licht zieht an), andererseits Warnung vor dessen Gefährlichkeit (der »Feind« zielt auf das Unglück). Die Augen werden als eigenständige Akteure behandelt – sie »haben ihre Sachen«, müssen also selbst »achtgeben«.
Strophe 2 (Verse 5–8) bringt eine innere Alternative ins Spiel: Das lyrische Ich besitzt die Fähigkeit, den »Angelstern« (eine nautische Metapher für den Leitstern) im Gemüt festzuhalten, der zum »gewünschten Hafen« führt – eine Metapher für Sicherheit, Ziel, vielleicht auch moralische Integrität. Im Gegensatz dazu verlieren die Augen ihr Licht und geraten »in trübe Finsternissen«. Die Strophe kontrastiert innere Führungskraft (Herz/Gemüt) und äußere Sinnesverführung (Augen).
Strophe 3 (Verse 9–12) formuliert einen letzten Aufruf zur aktiven Wahrnehmung: Solange »Tag« ist und die Sinne ungetrübt funktionieren, soll man den »kurzen Trost« einer gegenwärtigen Schönheit schöpfen, bevor Nacht, Regen oder Scheiden (Trennung, Verlust) dies unmöglich machen. Die Strophe hat eine Abschieds- und Dringlichkeitsstruktur: Jetzt sehen, jetzt genießen – danach ist es zu spät.
Die Tiefenstruktur folgt damit einer klassischen Dreischritt-Dramaturgie:
1. Warnung vor Täuschung und Gefahr.
2. Kontrast von innerem Ziel und äußerem Irrweg.
3. Mahnung zur Nutzung der gegenwärtigen Gelegenheit.
Symbolische und philosophische Tiefenschicht
Licht und Dunkel: Licht ist einerseits das natürliche Sehen, andererseits Sinnbild für Erkenntnis, Wahrheit, moralische Klarheit. Dunkelheit steht für Irrtum, Täuschung und moralische Gefährdung. Das Spiel mit einem anderen Licht, das das eigene Licht »dunkel macht«, ist eine komplexe Allegorie für die Verführungskraft des Schönen oder Begehrten, das die eigene Urteilskraft trübt.
Angelstern: Der nautische Leitstern ist Symbol für Orientierung, Zielgerichtetheit und inneres Navigieren. Philosophisch erinnert er an die stoische oder christliche Idee, dass der wahre Weg durch innere Prinzipien bestimmt wird, nicht durch äußere Reize.
Gewünschter Hafen: Klassisches Bild für Erfüllung, Rettung, Frieden. In der barocken Emblematik oft gleichgesetzt mit der himmlischen Seligkeit oder der moralischen Vollendung.
Nacht und Regen: Bilder für kommende Widrigkeit, Leiden, Unkenntnis. Philosophisch deutbar als die Unausweichlichkeit von Vergänglichkeit und Tod.
Süße Augen: Sinnbild für Schönheit, Liebe, Inspiration, aber auch für Verführbarkeit.
Fazit
Insgesamt verhandelt das Gedicht die barocke Grundspannung zwischen voluptas (Sinnenlust) und virtus (Tugend), eingebettet in die Memento-mori-Dramaturgie: Das Jetzt ist vergänglich, und der rechte Blick will gelenkt sein.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
Personifizierung der Augen: Das lyrische Ich spricht nicht zur geliebten Person, sondern zu seinen eigenen Augen, wodurch ein innerer Dialog entsteht. Diese rhetorische Strategie verschiebt den Fokus vom äußeren Objekt der Begierde auf den inneren Kampf um Kontrolle.
Warnung → Selbstvergewisserung → Dringlichkeitsappell: Die Rede entwickelt sich von der Warnung vor einer Gefahr über die Selbstbehauptung (»Ich kann…«) hin zu einer Mahnung, den Moment zu nutzen. Psychologisch ist das eine Spannung zwischen Askese und Carpe-diem-Impuls.
Feind-Metaphorik: Die Verführung wird als »Feind« imaginiert – ein klassisches barockes Stilmittel, das Leidenschaft in den Kontext von Krieg und Belagerung setzt.
Affektwechsel: Die Tonlage wechselt von misstrauischer Abwehr (Strophe 1) zu stolzer Selbstbehauptung (Strophe 2) und schließlich zu einem bittersüßen Zugeständnis an die Gegenwartsfreude (Strophe 3).
Ikonologische Deutung
Ikonologisch lässt sich das Gedicht in der barocken Sinnbildtradition verorten, in der Licht, Sehen, Stern, Hafen und Nacht klar codierte Embleme sind:
Lichtmetaphorik entspricht in der christlich-barocken Ikonologie dem göttlichen Wahrheitslicht, aber auch der Blendung durch falsches Glänzen (lux vs. lumen). Das »Licht, das verdunkelt«, könnte ikonologisch als »ignis fatuus« (Irrlicht) gelesen werden.
Angelstern verweist auf die »Stella maris« (Maria als Meerstern) oder den christlichen Glauben als Navigationshilfe.
Hafen steht im emblematischen Lexikon für die ewige Ruhe der Seele oder die Erfüllung des Lebensziels.
Nacht und Regen kodieren Vergänglichkeit, Leid, Prüfungen – ikonologisch oft in Vanitas-Zusammenhängen zu finden.
Süße Augen als Emblemfigur können sowohl für die Schönheit einer Geliebten als auch für das göttliche Gnadenlicht stehen, was eine doppelte Lesart zulässt: profane Liebeslyrik oder geistliche Allegorie.
Das Gedicht steht somit zwischen erotischer Minneansprache und moralischer Paränese – ein typisch barocker Hybrid aus Sinnengenuss und Mahnung zur geistigen Orientierung.

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