Hans Aßmann von Abschatz
Die Kuß-Scheue
Du stellest dich so wilde1
Wenn ich dich küssen will:2
Wilt du dich nennen milde/3
So weigre dich nicht viel.4
–
Allmosen bald empfangen5
Ist einstens noch so lieb/6
Als was man muß erlangen7
Durch langen Bittens Trieb.8
–
Verziehestu zu geben/9
Was du doch loß wilt seyn?10
Ich wills mit Wucher heben11
Und doppelt bringen ein.12
–
Du würdest meiner spotten13
Ließ ich dich gehn vorbey/14
Und sagen/ daß zum Gutten15
Ich viel zu furchtsam sey.16
–
Drum Cloris laß dich küssen;17
Und soltest du zum Schein18
Dich widersetzen müssen:19
Es muß geküsset seyn.20
Strophe I – Verse 1-4
1 Du stellest dich so wilde
Textanalyse
Der Sprecher beschreibt das Verhalten der angesprochenen Person – vermutlich eine Frau – als »wild«. Das Adjektiv verweist hier nicht auf ungezähmte Natur im modernen Sinn, sondern auf ein widersetzliches, ungestümes Benehmen. »Sich stellen« im Barockdeutsch bedeutet »sich geben, sich verhalten«.
Subtext
Der Ausdruck »stellest dich so wilde« deutet auf gespielte Abwehr oder Koketterie. Es klingt an, dass die Ablehnung nicht zwingend ernst gemeint ist, sondern ein ritualisiertes Spiel im Werbungs- oder Flirtszenario.
Metaebene
In der höfischen und galanten Lyrik des 17. Jahrhunderts ist »Wildheit« der Dame oft Teil des Liebesdiskurses: Zur Werbekunst gehört, dass sich die Dame zunächst verweigert, um die Begierde zu steigern. Das »Wildsein« ist also Teil eines kulturellen Codes.
2 Wenn ich dich küssen will:
Textanalyse
Der Sprecher formuliert eine direkte Bedingung: die Abwehr tritt in dem Moment auf, in dem er einen Kuss anstrebt. »Küssen« ist hier wörtlich gemeint, kann im galanten Sprachgebrauch aber zugleich eine Metapher für körperliche Nähe allgemein sein.
Subtext
Die Aussage legt nahe, dass die Küssensituation bereits mehrfach vorgekommen ist und Teil eines bekannten Rollenmusters ist. Die Dame weiß um seine Absicht, er wiederum kennt ihre Reaktion – die Spannung entsteht im wiederholten Spiel.
Metaebene
Die Betonung des Moments »wenn ich dich küssen will« rückt das Gedicht in den Kontext barocker Minitraturen, die nicht die Liebe an sich, sondern die soziale Choreografie des Liebesspiels beschreiben.
3 Wilt du dich nennen milde/
Textanalyse
»Milde« bedeutet hier »sanftmütig, nachsichtig, freundlich«. Der Sprecher formuliert eine Bedingung oder ein Argument: Wenn die Angesprochene als milde gelten will, müsse sie sich anders verhalten.
Subtext
Der Sprecher setzt ein sanftes rhetorisches Druckmittel ein: Er knüpft ihr gesellschaftliches Selbstbild (»milde«) an die Bereitschaft, seine Annäherung zuzulassen. Damit wird Abwehr indirekt als unpassend oder widersprüchlich dargestellt.
Metaebene
Der Vers spiegelt ein galantes, aber patriarchales Redeideal wider, bei dem das Bild der tugendhaften, freundlichen Dame durch die Zuschreibung des Mannes definiert wird. Der Werber nutzt sprachliche Eleganz, um sein Ziel zu legitimieren.
4 So weigre dich nicht viel.
Textanalyse
Die Aussage ist eine Aufforderung, die Widerstände zu reduzieren oder aufzugeben. »Nicht viel« deutet darauf, dass ein Rest von Zieren oder Abwehr akzeptiert wird, solange er nicht überhandnimmt.
Subtext
Der Sprecher akzeptiert die Spielregel der anfänglichen Ablehnung, möchte sie aber verkürzen. Das signalisiert Geduld, aber auch das Ziel, den »Höhepunkt« des Spiels schneller zu erreichen.
Metaebene
In der galanten Dichtung ist diese Art von Aufforderung ein Balanceakt zwischen höflicher Werbung und unterschwelligem Drängen. Sie reflektiert das barocke Liebesideal, bei dem Anmut und Zurückhaltung als erotische Würze gelten, jedoch stets auf eine »auflösende« Geste zusteuern.
Strophe II – Verse 5-8
5 Allmosen bald empfangen
Textebene
Ein Almosen, also eine Gabe aus Mildtätigkeit, die man rasch erhält, steht hier als Vergleichsbild. Es bezeichnet eine Zuwendung, die ohne langes Zögern oder Bitten gegeben wird.
Subtextebene
Die Metapher verschiebt das Bild von materieller Wohltätigkeit in den Bereich zwischenmenschlicher Zuwendung, vermutlich der Liebe oder erotischen Gunst. »Bald empfangen« deutet auf etwas, das ohne große Verzögerung gewährt wird – vielleicht als Zeichen spontaner Zuneigung. Gleichzeitig schwingt eine leise Herabsetzung mit: Ein Almosen ist ein Akt einseitiger Großzügigkeit und kein Tausch auf Augenhöhe. Damit wird angedeutet, dass ein zu leicht gewährter Kuss oder Liebesbeweis weniger Wert hat.
Metaebene
Rhetorisch eröffnet der Vers ein Gleichnis, das einen ökonomisch-sozialen Begriff (Almosen) in den erotischen Diskurs einbindet. In der barocken Liebespoetik sind solche moralisch gefärbten Vergleiche üblich, um das Verhältnis von Geben und Begehren zu strukturieren.
6 Ist einstens noch so lieb/
Textebene
Der Sprecher konstatiert, dass solch ein bald empfangenes »Almosen« (also eine leicht erlangte Zuwendung) einstens, zu einem bestimmten Zeitpunkt, ebenso angenehm oder erfreulich sein kann. »Einstens« kann sowohl »früher« als auch »in einem bestimmten Augenblick« bedeuten.
Subtextebene
Der Tonfall deutet eine Einschränkung an: Auch wenn eine leicht gewährte Gunst im Moment süß erscheinen mag, schwingt ein »aber« im Subtext – sie ist nicht unbedingt von bleibendem Wert. Damit etabliert sich eine Spannung zwischen momentaner Lust und langfristiger Wertschätzung.
Metaebene
Der Vers fungiert als Drehpunkt der Argumentation: Er anerkennt kurz den Reiz der schnellen Gabe, um diesen im folgenden Vergleich zu relativieren. Diese rhetorische Struktur – erst Zustimmung, dann Kontrast – ist typisch für barocke Antithesenbildung.
7 Als was man muß erlangen
Textebene
Hier wird die Vergleichshälfte eingeführt: etwas, das man erst erlangen muss, ist der Maßstab. Das lyrische Ich stellt eine bewusste Anstrengung, ein »Erlangen«, gegen das sofortige Empfangen.
Subtextebene
Im Kontext der »Kuß-Scheue« ist klar, dass es um den Wert von Zuneigung geht, die nicht sofort, sondern erst nach einem Prozess des Werbens und Bittens gewährt wird. Das impliziert, dass erkämpfte Liebe intensiver geschätzt wird, weil sie nicht aus bloßer Mildtätigkeit entsteht, sondern aus erwiderter Zuneigung oder Überzeugung.
Metaebene
Das Verb »müssen« verleiht dem Erwerb einen aktiven, fast kämpferischen Charakter. Damit wird das barocke Konzept von Liebe als ritterlicher Dienst und moralischer Bewährung bedient, das stark in höfischer Galanterie verwurzelt ist.
8 Durch langen Bittens Trieb.
Textebene
Der »lange Bittens Trieb« beschreibt den Prozess des wiederholten, geduldigen Werbens. »Trieb« bezeichnet hier sowohl den inneren Drang des Bittenden als auch die kontinuierliche Handlung des Bittens.
Subtextebene
Der Ausdruck legt nahe, dass die Mühe und das Warten selbst einen Wert schaffen. Je länger und beharrlicher man um einen Kuss wirbt, desto mehr wird er als kostbare Errungenschaft empfunden. Gleichzeitig offenbart sich ein Geschlechter- und Machtspiel: Die Zurückhaltung der »Kuß-Scheuen« erhöht ihren »Marktwert« im Spiel der höfischen Liebe.
Metaebene
Der Vers rundet das Gleichnis ab und legt den moralischen Kern frei: wahre Wertschätzung entsteht durch Anstrengung und Selbstdisziplin. Auf der formalen Ebene ist »langen Bittens Trieb« eine typische barocke Verdichtung, die innere Regung (»Trieb«) und äußere Handlung (»Bitten«) in einer kompakten Formel vereint.
Fazit
In diesen vier Versen entwickelt der Sprecher ein klassisches barockes Liebesparadox: Die sofort gewährte Gunst (metaphorisch als Almosen) mag im Augenblick erfreulich sein, doch die mühsam errungene Zuwendung hat einen bleibenderen und tieferen Wert. Hinter der höfischen Liebesrhetorik verbirgt sich eine Werttheorie des Begehrens: Verknappung steigert Wert, Widerstand steigert Lust. Gleichzeitig verweist der Vergleich auf eine subtile Machtdynamik zwischen Gebender und Bittendem – und enthüllt, dass im höfischen Liebesspiel Zuneigung oft in ökonomischen Kategorien (Gabe, Erlangen, Wert) gedacht wird.
Strophe III – Verse 9-12
9 Verziehestu zu geben
Textebene
Der Sprecher fragt, warum die angesprochene Person (vermutlich eine Geliebte) zögert, etwas zu geben – gemeint ist der Kuss, auf den der Sprecher bereits in den vorigen Strophen angespielt hat. »Verziehestu« ist hier im Sinne von »zögerst du« bzw. »schiebst du hinaus« zu verstehen.
Subtext
Das »Geben« ist nicht nur ein einfacher physischer Akt; es steht als Chiffre für Zuneigung, Nähe, vielleicht auch für die Bereitschaft zur körperlichen oder emotionalen Intimität. Das Zögern wird vom Sprecher als leicht unlogisch oder gar kokettierend dargestellt: Er unterstellt, dass es keinen triftigen Grund zum Zurückhalten gibt.
Metaebene
Barocke Liebesdichtung greift oft auf ökonomische und vertragliche Metaphern zurück. Schon das »Geben« evoziert hier eine Transaktionslogik, bei der Liebesgesten als »Ware« erscheinen, die verhandelt wird. Zudem spielt der Vers mit dem gesellschaftlichen Code des »Werbens«, in dem die Frau durch Zögern den Wert ihrer Gunst steigert – ein damals sozial akzeptiertes Ritual.
10 Was du doch loß wilt seyn?
Textebene
Der Sprecher wundert sich: Warum zögerst du, etwas zu geben, das du doch ohnehin loswerden möchtest? Das »loß« signalisiert, dass die Gunst (der Kuss) aus Sicht des Sprechers bereits als zum Verzicht bestimmt gilt – er geht davon aus, dass sie sowieso zustimmen wird.
Subtext
Hier steckt ein gewisser erotischer Druck: Der Sprecher behauptet, er wisse besser als die Frau selbst, dass sie diesen Kuss geben möchte. Das ist rhetorisch eine Form der »Umkehrung« – er dreht ihr Zögern in eine Art Einverständnis um.
Metaebene
Diese Wendung hat eine ironisch-galante Spitze. Im Kontext barocker Liebeslyrik ist das zugleich Schmeichelei und Provokation: Das angebliche »Wissen« um ihre Bereitschaft ist ein rhetorisches Mittel, um die Verhandlungsposition zu beeinflussen. Gesellschaftlich spiegelt es ein patriarchales Werbemuster wider, in dem der Mann als Deuter weiblicher Signale auftritt.
11 Ich wills mit Wucher heben
Textebene
Der Sprecher verspricht, das Gegebene (den Kuss) mit »Wucher« zu »heben«, also seinen Wert zu steigern und in größerer Form zurückzugeben. »Mit Wucher heben« meint, eine Investition mit hohem Gewinn verzinsen.
Subtext
Hier wird die Ökonomiemetapher explizit: Der Kuss wird zu einer Kapitalanlage, die durch die »Rendite« des Sprechers noch mehr Freude bringen soll. Damit suggeriert er, dass er nicht nur empfangen, sondern auch überreich zurückgeben werde.
Metaebene
Der Vers spiegelt eine barocke Lust an spielerischem Umgang mit Handels- und Finanzsprache in der Liebesdichtung. Der Einsatz solcher Metaphern stellt die Liebe in den Rahmen von Tausch, Profit und Gewinnmaximierung – eine rhetorische Strategie, die zugleich charmant wirken und das erotische Begehren als ökonomisches »Geschäft« tarnen soll.
12 Und doppelt bringen ein.
Textebene
Der Sprecher verspricht, den erhaltenen »Wert« (den Kuss) doppelt zurückzubringen. Der Ausdruck »einbringen« meint hier »einzahlen« oder »zurückgeben« mit Zinsen.
Subtext
Das ist ein koketter Überbietungseffekt – der Kuss wird nicht nur erwidert, sondern in Quantität oder Qualität übertroffen. So entsteht das Bild einer spielerischen Liebesökonomie, bei der beide Seiten durch »Übererfüllung« profitieren.
Metaebene
Hier schließt sich der Bogen der barocken Galanterie: Der Mann stilisiert sich als großzügiger Liebesinvestor, der »über das Maß« zurückgibt. Gleichzeitig hat die Überbietung einen performativen Aspekt – sie ist ein Versprechen, das Lust erweckt, indem es Fantasie und Erwartung steigert. Das »Doppelte« verweist nicht nur auf Quantität, sondern auch auf Intensität.
Strophe IV – Verse 13-16
13 Du würdest meiner spotten
Textanalyse
Das lyrische Ich äußert die Befürchtung, die angesprochene Person (vermutlich eine Frau) würde ihn auslachen oder verächtlich behandeln.
Subtextanalyse
Hinter dieser Formulierung steckt ein ambivalentes Spiel mit Scham und Eitelkeit. Der Sprecher zeigt einerseits Unsicherheit, andererseits unterstellt er der Adressatin, über sein Verhalten zu urteilen, was eine psychologische Machtdynamik aufzeigt.
Metaebene
In der höfischen Barockkultur bedeutete »spotten« nicht nur Spott im heutigen Sinne, sondern auch eine Infragestellung von Stand und Männlichkeit. Das männliche Ehrgefühl war an Mut, Entschlossenheit und auch an galantes Verhalten gegenüber Frauen gekoppelt. Hier spiegelt sich die barocke Vorstellung, dass der Mann in Liebesdingen aktiv zu handeln habe.
14 Ließ ich dich gehn vorbey/
Textanalyse
Er stellt ein hypothetisches Szenario auf: Die Frau ginge vorbei, ohne dass er gehandelt hätte.
Subtextanalyse
Das Vorbeigehen steht sinnbildlich für eine verpasste Gelegenheit in der Liebe oder im höfischen Flirtspiel. Der Sprecher deutet damit an, dass Untätigkeit im sozialen und erotischen Spiel einem Verlust gleichkommt.
Metaebene
In der höfischen Dichtung des 17. Jahrhunderts war das »Vorübergehen« ein geläufiges Bild für unerwiderte oder ungenutzte Chancen. Hier klingt zugleich ein carpe-diem-Motiv an: Wer den Augenblick nicht nutzt, verliert ihn unwiederbringlich.
15 Und sagen/ daß zum Gutten
Textanalyse
Der hypothetische Spott würde den Vorwurf enthalten, dass er für »das Gute« nicht mutig genug sei. »Das Gute« kann in diesem Kontext als der Kuss oder die erotische Annäherung gelesen werden.
Subtextanalyse
»Das Gute« ist hier euphemistisch verschleiert; es deutet auf eine körperliche oder zumindest gefühlsmäßige Zuwendung. Der Sprecher verwendet einen diskreten Begriff, um in den Konventionen höfischer Zurückhaltung zu bleiben, zugleich aber eine körperliche Komponente zu suggerieren.
Metaebene
In barocker Lyrik wurde das erotische Ziel oft verhüllt ausgesprochen. Dies folgte nicht nur der gesellschaftlichen Sitte, sondern erzeugte auch den Reiz des doppeldeutigen Spiels. Die Verschleierung ist selbst Teil des »galanten Codes« jener Zeit.
16 Ich viel zu furchtsam sey.
Textanalyse
Er beendet die Hypothese mit der Selbsteinschätzung, dass man ihm Feigheit vorwerfen würde.
Subtextanalyse
Die Furchtsamkeit ist ein Schlüsselwort: Sie enthält den Selbstvorwurf, im entscheidenden Moment nicht gehandelt zu haben. Zugleich kokettiert das lyrische Ich mit dieser vermeintlichen Schwäche, um die Adressatin zur Entkräftung des Vorwurfs zu bewegen (indirekte Aufforderung).
Metaebene
In der Liebesdichtung des Barock ist die Selbstabwertung des männlichen Ichs häufig Teil einer rhetorischen Strategie: Die vorgespielte Unsicherheit soll Mitleid, Entgegenkommen oder sogar einen »rettenden« Schritt von Seiten der Frau provozieren. Hier begegnet uns das Spiel zwischen männlicher Initiativepflicht und dem charmanten Rollenwechsel in den Bereich der weiblichen Entscheidung.
Strophe V – Verse 17-20
17 Drum Cloris laß dich küssen;
Textanalyse
Die Strophe beginnt mit einem kausalen »Drum« (»darum«), das auf die vorangegangenen Argumente und Überredungsversuche verweist. »Cloris« ist eine galante Anrede, entlehnt aus der bukolischen Dichtung und Schäferlyrik, traditionell Name einer Hirtin oder idealisierten Geliebten. Das lyrische Ich fordert sie direkt und unmissverständlich auf, den Kuss zuzulassen.
Subtextanalyse
Der Sprecher inszeniert sich als selbstbewusster Verführer, der davon ausgeht, dass seine Argumentation bereits überzeugend war. Der Name »Cloris« hat zugleich den Effekt der Stilisierung – die Frau wird in eine pastorale, fast mythische Rolle gedrängt, wodurch individuelle Autonomie zugunsten eines literarischen Rollenklischees in den Hintergrund tritt.
Metaebene
In der höfischen Lyrik des 17. Jahrhunderts – besonders im Barock und Frühaufklärung – ist es üblich, Frauenfiguren als literarische Topoi zu gestalten. Der Imperativ »laß dich küssen« spiegelt die damals akzeptierte männliche Initiative im Liebesdiskurs wider, eingebettet in ein Spiel aus Werben, Widerstand und (scheinbarer) Kapitulation.
18 Und soltest du zum Schein
Textanalyse
»Zum Schein« bedeutet hier »nur dem Anschein nach«. Der Vers leitet eine konditionale Nebenbedingung ein: selbst wenn Cloris äußerlich den Anschein erwecken sollte, gegen den Kuss zu sein.
Subtextanalyse
Der Sprecher erkennt an, dass es ein gesellschaftliches Ritual geben könnte, das von Frauen Zurückhaltung oder Ablehnung verlangt – nicht aus echtem Unwillen, sondern als Konvention. Damit entlarvt er das »Nein« als potentiell strategisches »Nein«.
Metaebene
Dieses »zum Schein« verweist auf das galante Liebesspiel der Barockzeit, in dem kokette Zurückweisung Teil des Codes ist. Zugleich offenbart es ein problematisches Verständnis von Einverständnis, das in damaligen literarischen Diskursen oft nicht zwischen tatsächlichem und gespieltem Widerstand unterschied.
19 Dich widersetzen müssen:
Textanalyse
Das »müssen« betont den sozialen Zwang: Cloris könnte gezwungen sein, Widerstand zu zeigen, um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen. Der Vers schließt den Konditionalsatz aus Vers 18 ab.
Subtextanalyse
Hier wird der Widerstand nicht als echte persönliche Entscheidung, sondern als gesellschaftlich auferlegtes Rollenverhalten interpretiert. Für den Sprecher ist das »Nein« nicht bindend, sondern Bestandteil eines codierten Spiels.
Metaebene
Die Vorstellung, dass Frauen aus Pflichtgefühl »Nein« sagen müssten, selbst wenn sie »Ja« meinen, ist tief verankert in der höfischen Liebesdichtung. Das Gedicht spielt mit diesem Topos, reproduziert ihn aber auch unkritisch. Heute würde man diese Haltung als Ausdruck patriarchaler Normen und problematischer Einverständniskonzepte analysieren.
20 Es muß geküsset seyn.
Textanalyse
Abschließende, kategorische Feststellung: der Kuss ist unvermeidlich, beinahe schicksalhaft. Das »muß« deutet auf eine Notwendigkeit, nicht auf ein bloßes Wollen.
Subtextanalyse
Das lyrische Ich setzt seine eigene Interpretation der Situation als Norm: egal ob Widerstand gespielt oder nicht, der Kuss wird geschehen. Damit wird das galante Werben in einen performativen Akt umgedeutet, dessen Ausgang feststeht.
Metaebene
Dieser Vers verleiht der Strophe einen apodiktischen Schluss, typisch für barocke Pointen: Das rhetorische Ziel des Gedichts – Überzeugung der Geliebten – wird in einer finalen Maxime verdichtet. Gleichzeitig lässt sich dies als Verdichtung der Machtasymmetrie lesen, die in der literarischen Tradition verankert ist: der männliche Sprecher definiert den Handlungsrahmen und erklärt den Kuss zur unabwendbaren Folge.
Gesamtkomposition und Tiefenstruktur
Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen, metrisch regelmäßig gebaut und in durchgängigem Kreuzreim gehalten. Die Form ist straff und klar, was den Eindruck einer argumentativen Rede verstärkt. Inhaltlich entfaltet sich ein rhetorisch gesteigerter Annäherungsversuch: Der Sprecher beginnt mit der Feststellung des Widerstands (»Du stellest dich so wilde«), steigert sich über ökonomische und moralische Argumente bis hin zum spielerischen Imperativ im Schluss.
Die Tiefenstruktur ist ein Progressionsbogen:
Strophe 1: Beschreibung des Verhaltens der Geliebten und erster Appell, Milde zu zeigen.
Strophe 2: Vergleich zwischen rasch gewährter und mühsam erlangter Gabe – beide seien letztlich wertvoll, mit subtiler Aufwertung des schnellen Entgegenkommens.
Strophe 3: Logische Zuspitzung: Wenn die Gabe ohnehin gewährt werden soll, warum zögern? Verstärkung durch das Motiv des »Wuchers« (Steigerung des Gewinns).
Strophe 4: Drohende Wendung – nicht zu küssen würde den Sprecher der Lächerlichkeit preisgeben. Hier tritt das soziale Gesicht in den Vordergrund.
Strophe 5: Endgültiger Imperativ, kombiniert mit der galanten Konzession, dass Widerstand zum Schein erlaubt sei, aber das Ziel unabdingbar bleibt.
Die Komposition folgt damit einem Muster höfischer Liebesrede, das zugleich vom barocken Wortwitz durchzogen ist: die spielerische Verhandlung eines körperlichen Begehrens in logischer Form.
Symbolische und moralphilosophische Tiefenschicht
Das Gedicht bewegt sich zwischen der Metaphorik des Gebens (Allmosen, Gabe, Wucher) und der Metaphorik der Eroberung (Bitten, Widerstand, Vollzug). Die Kussverweigerung wird nicht als endgültige Ablehnung, sondern als kalkulierte Verzögerung interpretiert.
Symbolisch ist der Kuss hier nicht nur ein körperlicher Akt, sondern eine soziale Transaktion:
»Allmosen« verweist auf Barmherzigkeit und Großmut, die im Liebesdiskurs als Tugenden gelesen werden.
»Wucher« steht für gesteigerte Gegengabe, also die Idee, dass eine kleine Gunst eine große Erwiderung nach sich zieht.
Der Zögernde wird als jemand gezeichnet, der eine bereits beschlossene Großzügigkeit unnötig hinauszögert.
Moralphilosophisch ist dies ambivalent: einerseits eine Galanterie, die auf Gegenseitigkeit zielt, andererseits eine Reduktion der zwischenmenschlichen Begegnung auf Tauschlogik. Die barocke Weltauffassung, in der auch Liebe oft als ökonomischer, symbolisch aufgeladener Akt gesehen wurde, klingt hier durch.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
Der Sprecher arbeitet mit einer strategischen Rhetorik der Annäherung:
1. Einstieg mit mildem Tadel: Er benennt das Verhalten der Geliebten (Wildheit, Zurückhaltung) in einem Ton, der eher neckt als vorwirft.
2. Argumentation durch Nutzenvergleich: Schnelle Gunst wird nicht geringer geschätzt als mühsam erlangte – hier wird das Zögern sanft entwertet.
3. Pragmatisches Argument: Wenn der Kuss sowieso gegeben wird, ist Verzögerung unlogisch. Der »Wucher«-Gedanke bringt humorvolle Selbstüberhöhung ein.
4. Appell an das soziale Image: Ablehnung würde den Sprecher vor anderen lächerlich machen – ein subtiler Hinweis, dass auch Cloris’ Ruf auf dem Spiel steht.
5. Schluss mit charmantem Befehl: Der Imperativ »laß dich küssen« wird durch das Angebot eines »scheinbaren Widerstands« entschärft, was den höfischen Flirt codiert.
Psychologisch zeigt sich eine Mischung aus Beharrlichkeit, spielerischer Koketterie und kalkulierter Argumentationsführung, wie sie im barocken Liebesdiskurs typisch war.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch lässt sich das Gedicht im Kontext der barocken Galanterie und der Schäferdichtung lesen: »Cloris« ist eine übliche bukolische Kunstfigur, die für die Geliebte steht und den pastoralen, idyllischen Rahmen markiert.
Die Bildwelt knüpft an zwei ikonische Sphären an:
Ökonomische Ikonologie: Die Rede von »Allmosen«, »Wucher« und »Ertrag« spiegelt nicht nur ökonomisches Denken der Epoche, sondern symbolisiert auch den Liebesakt als Gabe-und-Gegengabe-Spiel.
Theatralische Ikonologie: Die Vorstellung des »zum Schein widersetzens« ist dem höfischen Tanz, dem Maskenspiel und dem Rollenspiel entlehnt – Liebe wird als Inszenierung verstanden, bei der Widerstand und Hingabe Teil derselben Choreographie sind.
In dieser Perspektive steht das Gedicht für ein barockes Liebesbild, in dem Begehren, Tauschlogik, Ehre und Spiel untrennbar verwoben sind. Der Kuss ist nicht bloß ein spontaner Ausdruck der Leidenschaft, sondern eine Handlung im sozialen und kulturellen Ritual.