Du hörest/ wie von mir manch stiller Seufftzer geht

Hans Aßmann von Abschatz

Wo gieng dieser hin?

1 Du hörest/ wie von mir manch stiller Seufftzer geht:
2 Ach Fillis/ frage nicht/ wohin die Reise steht.
3 Der Weg ist kurtz: dir steht zu rathen frey/
4 Ob er vielleicht an dich gerichtet sey.

Analyse

1 Du hörest, wie von mir manch stiller Seufftzer geht:
Der Sprecher richtet sich direkt an eine Person – Fillis –, vermutlich eine Geliebte oder verehrte Frau. Die stillen Seufzer deuten auf inneren Schmerz, Liebesqual oder tiefe seelische Unruhe hin. Das »hörst« verweist auf eine Nähe: Die Seufzer sind zwar »still«, aber dennoch vernehmbar – ein poetischer Widerspruch, der auf die Intensität des Gefühls hinweist. Gleichzeitig enthält der Vers ein Moment diskreter Klage, als wolle der Sprecher nicht laut klagen, sondern sich leise mitteilen und verstanden werden.
Subtextuell offenbart sich hier ein emotionaler Zustand des Sprechers, der an die Grenze zum Nicht-Sagbaren stößt: Die Seufzer ersetzen die Sprache, werden zur einzigen Ausdrucksform eines unausgesprochenen Schmerzes. Sie sind Hinweise auf ein seelisches Leiden, das mit Würde getragen wird – typisch für den barocken Topos des decente Leidens.
2 Ach Fillis, frage nicht, wohin die Reise steht.
Die Interjektion »Ach« unterstreicht die Tiefe des Empfindens – ein Ausruf existenzieller Erschütterung. »Frage nicht« ist doppeldeutig: Einerseits verweist es auf die Unergründlichkeit oder Unsagbarkeit des Reiseziels, andererseits kann es als Abwehr gelesen werden – die Geliebte soll ihn nicht aufhalten oder zur Rechenschaft ziehen.
»Die Reise« ist metaphorisch zu verstehen: Sie steht nicht für eine physische Bewegung, sondern für einen inneren Wandel oder gar den Tod – im Barock ein häufiges Bild für das Verlassen der Welt (memento mori, transitus).
Im Subtext verschmelzen Liebessehnsucht und Todesahnung. Die Reise ist eine Flucht, vielleicht auch ein Abschied vom Leben, bedingt durch nicht erfüllte Liebe oder durch den Schmerz des Getrenntseins. Der Sprecher gibt das Ziel nicht preis – das Schweigen darüber erzeugt eine Aura von Rätsel, Melancholie und Selbstentfremdung.
3 Der Weg ist kurtz: dir steht zu rathen frey,
Mit »Der Weg ist kurz« wird das Ende der Reise – also das Lebensende – angedeutet. In der barocken Vorstellungswelt ist das Leben als »kurzer Weg« ein zentrales Motiv: Die Vergänglichkeit des Irdischen und die Nähe zum Tod sind unausweichlich. Die Aussage wirkt resigniert, aber auch abgeklärt.
»Dir steht zu rathen frey« ist eine höflich formulierte Herausforderung: Fillis darf vermuten, wohin der Sprecher geht – aber er selbst gibt keine Auskunft. Diese Öffnung ins Rätselhafte entzieht sich jeder Festlegung und überlässt die Interpretation dem Gegenüber.
Subtextuell liegt hier eine raffinierte Umkehrung von Nähe und Distanz: Der Sprecher stellt sich ausweichend, gleichzeitig aber lädt er die Adressatin zur Deutung ein – ein Spiel mit Erkenntnis und Verschleierung, mit Offenbarung und Geheimhaltung.
4 Ob er vielleicht an dich gerichtet sey.
Der Vers schlägt eine dramatische Wende: Der Weg – also die Reise, vielleicht in den Tod – sei möglicherweise »an dich gerichtet«. Das ist hoch ambivalent: Meint der Sprecher, dass sein seelischer Zustand durch sie verursacht wurde? Dass er ihretwegen geht? Oder dass die Liebe zu ihr ihn zu einem neuen Zustand (vielleicht der Ewigkeit?) führt?
Im Subtext offenbart sich hier ein schmerzhaftes Spannungsfeld: Die Geliebte ist sowohl Ziel als auch Ursache der Reise. Damit bekommt die Liebe eine fast metaphysische Dimension: Sie wird zu einem Schicksalsweg, der nicht nur emotional, sondern ontologisch – im Sein selbst – begründet ist. Es könnte auch bedeuten, dass die Reise zu ihr hinführt, aber auf einem Weg, der durch Trennung, Leiden oder Tod geht – ein typisch barocker Paradox.

Philosophische Tiefendimension

1. Barockes memento mori-Motiv
Die Reise steht symbolisch für das Ende des Lebens. Die Kürze des Weges verweist auf die vanitas-Vorstellung: Alles Irdische ist vergänglich, der Tod allgegenwärtig. Die leisen Seufzer, die Weigerung, das Ziel zu nennen, und die doppeldeutige Adressierung der Reise machen den Tod zu einem poetisch verschlüsselten Ziel – vielleicht als letzte Konsequenz der unerwiderten oder unerfüllbaren Liebe.
2. Liebe als existenzieller Ernstfall
Die Figur der Fillis ist nicht nur Objekt der Sehnsucht, sondern auch Katalysator eines inneren Umbruchs. Ihre bloße Anwesenheit, ihr Schweigen oder ihr Handeln scheinen Einfluss auf den seelischen Zustand des Sprechers zu haben. Die Liebe wird nicht romantisch verklärt, sondern als tragische Kraft gezeigt, die existentielle Fragen berührt – bis hin zur Selbstaufgabe oder Todesnähe.
3. Rätsel als Form des metaphysischen Sprechens
Das Gedicht spielt mit der Unaussprechlichkeit der inneren Bewegung: Es wird nicht erklärt, sondern angedeutet, verschleiert, angespielt. Diese poetische Strategie entspricht einer barocken Erkenntnistheorie, die anerkennt, dass die großen Fragen – Liebe, Tod, Sinn – nicht direkt gesagt, sondern nur umkreist werden können. Fillis wird so zur Deuterin wie der Leser selbst.
4. Spannung zwischen Nähe und Unerreichbarkeit
Obwohl Fillis direkt angesprochen wird, bleibt sie unerreichbar. Die Seufzer zeigen die Sehnsucht nach Nähe, aber der Sprecher entzieht sich im selben Moment durch die Ankündigung der »Reise«. Dieses Oszillieren ist typisch für barocke Liebeslyrik: Das Ideal der Liebe steht der Realität der Trennung, des Leidens, des Todes entgegen.
5. Souveränität im Leiden
Der Sprecher klagt nicht offen, sondern seufzt still. Diese Form des zurückhaltenden Ausdrucks verweist auf eine Haltung der Würde im Schmerz, die im Barock als ethisch hochstehend galt. Er trägt das Leid der Liebe mit innerer Größe, spricht es an, aber ohne sich zu entblößen. In dieser Zurückhaltung liegt eine stille Majestät.

Psychologische Tiefendimensionen

1. Verdrängte Sehnsucht:
Die Seufzer sind »still«, nicht offen ausgesprochen – ein Zeichen unterdrückter oder aus Scham verborgener Gefühle. Das Ich gesteht sein inneres Leid nur indirekt ein, was auf emotionale Ambivalenz oder ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Bedürftigkeit hinweist.
2. Affektive Ambivalenz:
Das Ich schwankt zwischen Mitteilungsdrang und Rückzug. Einerseits seufzt es hörbar, andererseits wehrt es die Frage nach dem Reiseziel ab. Es möchte offenbar, dass Fillis merkt, dass etwas im Inneren des Ichs vorgeht, aber es scheut davor zurück, dies klar auszusprechen. Diese Ambivalenz deutet auf emotionale Unsicherheit, auf Scham oder Angst vor Zurückweisung.
3. Todesnähe und Projektion:
Die Metapher des »kurzen Weges« legt eine Nähe zum Tod nahe. Diese Andeutung bringt existenzielle Fragen ins Spiel: Ist die emotionale Last so groß, dass das Ich sich aus dem Leben zurückziehen möchte? Oder handelt es sich um eine bewusst stilisierte Überhöhung der Sehnsucht? Fillis wird als mögliche Ursache des Rückzugs (bzw. des „Todes“) ins Spiel gebracht – das Ich überträgt also seine seelische Bewegung auf ein äußeres Gegenüber. Diese Projektion lässt sich als ein unbewusstes Ringen mit Schuld, Liebe und Ohnmacht deuten.
4. Verunsicherte Kommunikation:
Das Ich spricht Fillis direkt an, doch es überlässt ihr die Deutungshoheit: »dir steht zu rathen frey«. Diese Offenheit ist kein Vertrauen, sondern Ausdruck von Unsicherheit. Es fürchtet sich möglicherweise vor der Antwort, wagt aber auch nicht, die Wahrheit zu sagen. Dieses Verhalten zeigt eine tiefe psychologische Spannung zwischen Nähebedürfnis und Angst vor Entblößung.

Inhalt und Bedeutung

Das lyrische Ich äußert sich in einem Zustand innerer Bewegung und leiser Trauer. Es seufzt »still«, also ohne große Geste, doch hörbar – was auf eine subtile Form der Klage oder des stillen Kummers hindeutet. Der Adressat ist »Fillis«, ein typischer Frauenname der barocken Schäferdichtung, die oft allegorisch verwendet wird.
Inhaltlich geht es um eine Reise, deren Ziel offenbleibt. Das Ich bittet darum, nicht weiter nachzufragen, was diese Reise bedeutet oder wohin sie führt. Die Formulierung „Der Weg ist kurtz“ deutet auf den Tod hin – ein geläufiges barockes Bild für das Lebensende oder die plötzliche Wendung zum Sterben. Das letzte Verspaar lenkt die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit, dass die Reise (und vielleicht das Seufzen) Fillis selbst gilt – als Zielpunkt emotionaler Bewegung oder gar Ursache des Leids.

Fazit

Die Verse des Gedichts sind von einer melancholischen, ambivalenten Grundstimmung durchzogen. Das lyrische Ich zeigt sich seelisch bewegt, aber gleichzeitig verschlossen. Es leidet unter einer inneren Reise – vielleicht zu sich selbst, vielleicht in die Tiefe der Liebe, vielleicht in den Tod –, und lässt Fillis wie den Leser in einer Schwebe zwischen Hoffnung, Mitleid und Rätselhaftigkeit zurück. Die psychologische Tiefe liegt gerade im Nicht-Gesagten, im bewusst offen gelassenen Sinn, der uns zwingt, auf die Zwischentöne zu hören.
Sie kreisen um Leidenschaft, Sehnsucht, und möglicherweise Todesnähe, wobei das lyrische Ich bewusst eine gewisse Doppeldeutigkeit aufrechterhält. Die Reise könnte metaphorisch für ein Rückzugs- oder Sterbenwollen stehen – oder aber eine seelische Bewegung hin zur Geliebten. Das Unausgesprochene, das Uneindeutige ist dabei zentral: Fillis wird eingeladen, selbst zu deuten, ob sie der Grund für diesen inneren Aufbruch ist.

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