Hans Aßmann von Abschatz
Ach!
1 Du fragst/ was sagen will diß Ach!
2 Das ich bey deiner Ankunfft sprach?
3 Es sprach: Ach! seht die holden Wangen/
4 Seht die beliebte Fillis an;
5 Da kommt auff Rosen-voller Bahn
6 Mein Tod/ mein süsser Tod/ gegangen.
Analyse
1 Du fragst/ was sagen will diß Ach!
Der Vers eröffnet in medias res mit einem direkten Anruf: »Du fragst«. Der Sprecher reagiert auf eine Nachfrage – womöglich der geliebten Person oder eines vertrauten Beobachters.
Das »Ach!« erscheint zunächst rätselhaft – ein spontaner Ausruf, der nun jedoch gedeutet werden will. Es steht nicht für sich, sondern bedarf Erklärung.
Subtext: Das »Ach!« ist ein Seufzer der Seele, ein Ausdruck des Überschwangs oder der inneren Zerrissenheit, ein lautgewordener Moment zwischen Ekstase und Schmerz. Der Liebende fühlt sich gezwungen, dieses flüchtige Gefühl mit Sprache zu fassen – eine klassische barocke Tendenz, Affekte zu rationalisieren.
2 Das ich bey deiner Ankunfft sprach?
Das »Ach!« wurde also im Moment der Ankunft der Geliebten geäußert – spontan, unkontrolliert, affektiv.
Subtext: Die bloße Erscheinung der Geliebten ruft einen seelischen Erschütterungszustand hervor, der sich nur in einem Ausruf mitteilen lässt. Das Sehen ist ein Ereignis, das den Sprecher transformiert. Es ist mehr als Beobachtung – es ist eine existentielle Erfahrung.
3 Es sprach: Ach! seht die holden Wangen/
Das »Ach!« wird nun gleichsam entpackt – es ist nicht nur ein Ausdruck, sondern enthält einen inneren Monolog oder ein Aufblitzen des inneren Blicks.
Die »holden Wangen« stehen für Schönheit, Jugend, Blüte. In der barocken Metaphorik sind sie Teil der idealisierten physischen Erscheinung.
Subtext: Die Sprache des Sprechers wird von einem inneren Drang durchbrochen: der Blick auf die Geliebte offenbart ein Idealbild, das körperlich und metaphysisch zugleich ist – eine Erscheinung, die mehr ist als nur äußerlich.
4 Seht die beliebte Fillis an;
Der Name »Fillis« ist typisch für die barocke Schäferdichtung – eine konventionelle Chiffre für die Geliebte, die das Subjekt zugleich erhöht und entrückt.
Subtext: Die doppelte Aufforderung »Seht… Seht…« wirkt wie ein ekstatischer Ruf. Der Sprecher ruft sich selbst und vielleicht auch andere als Zeugen an: Das Sehen wird zum Akt der Bewunderung und Anbetung, beinahe wie in einer religiösen Epiphanie.
5 Da kommt auff Rosen-voller Bahn
Die Bewegung der Geliebten wird poetisch überhöht – sie kommt auf einem Weg, der mit Rosen bedeckt ist. Rosen stehen für Liebe, aber auch für Schmerz (Dornen), für Schönheit wie auch für Vergänglichkeit.
Subtext: Die Erscheinung der Geliebten ist inszeniert wie ein sakrales Erscheinen oder ein Einzug in eine mythopoetische Welt – die Liebeswahrnehmung wird ästhetisiert, der Raum wird zum Liebesraum, der Gang zur heiligen Handlung.
6 Mein Tod/ mein süsser Tod/ gegangen.
Der Höhepunkt des Gedichtes: die paradoxe Wendung der Liebe in den Tod. Der Sprecher identifiziert in der Geliebten seinen süßen Tod.
Das ist keine Klage, sondern eine Mischung aus Hingabe, Überwältigung und Selbstaufgabe. Die Geliebte wird zur Todesbotin – nicht im Sinne von Zerstörung, sondern von Erlösung im höchsten Gefühl.
Subtext: Der Tod ist hier ekstatisch, gewollt, ja ersehnt. Es ist ein Topos der barocken Liebeslyrik: die Liebe als »süßer Tod«, als höchste Form der Selbstauflösung im Anderen. Gleichzeitig klingt das Memento mori mit – das Schönste ist zugleich das Ende.
Philosophische Tiefendimension
1. Barockes Vanitas-Motiv:
Das Gedicht ist durchzogen von der für den Barock typischen Gleichzeitigkeit von Schönheit und Vergänglichkeit. Das Erleben des Schönen (»holden Wangen«) ist nicht zu trennen von der Ahnung des Vergehens – das »Ach!« ist Ausdruck dieser Spannung.
2. Eros und Thanatos:
Die Geliebte erscheint auf einer »Rosen-vollen Bahn«, doch sie bringt den »süßen Tod«. Der Eros ist nicht bloß vital, sondern auch destruktiv – oder besser: er hebt die Grenze zwischen Leben und Tod auf. Das Subjekt will in der Liebe nicht leben, sondern vergehen, sich verlieren.
3. Subjektive Ekstase als Grenzerfahrung:
Der Affekt des Sprechers kann nicht durch rationale Sprache ausgedrückt werden – das »Ach!« verweist auf eine tiefere Schicht des Erlebens, die jenseits des Sagbaren liegt. Die Philosophie des Barock sucht solche Grenzerfahrungen oft im Spannungsfeld von Körper und Seele.
4. Liebe als metaphysisches Ereignis:
Der Auftritt der Geliebten wird als ein »Erscheinen« inszeniert – fast religiös, sakral. Der Tod, der sie bringt, ist kein physischer, sondern ein Aufgehen im Ideal. Der Mensch wird in der Liebe zum Seher des Absoluten – und darin zugleich vernichtet.
5. Paradoxe Erlösung:
Der »süße Tod« ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer Erlösungssehnsucht: das Selbst wird in der ekstatischen Anschauung des Anderen transzendiert. Dieses Motiv berührt mystische Strömungen (vor allem in der neuplatonischen Tradition), in denen Liebe zur Auflösung des Ichs in etwas Höheres führt.
Psychologische Tiefendimension
1. Ambivalenz des Gefühls:
Das zentrale »Ach!« bündelt gegensätzliche Empfindungen: Bewunderung, Begehren, Freude an der Erscheinung der Geliebten – aber auch Schmerz, Verzweiflung, Vorahnung. Das »Ach!« ist Seufzer, Staunen, Klage und stille Ekstase zugleich. Die Ambivalenz liegt in der Verschmelzung von Lust und Leid, von Leben und Tod, von Hingabe und Auslöschung. Schon in dieser ersten Strophe wird angedeutet, dass Liebe hier nicht als heitere Idylle erscheint, sondern als existenzielle Erfahrung, die den ganzen Menschen erfasst – bis hin zu seiner Selbstauflösung.
2. Objektivierung des Begehrens:
Die Geliebte, »Fillis«, wird nicht als reale Person dargestellt, sondern als ästhetisiertes Objekt: »die holden Wangen«, »beliebte Fillis«. Die Wahrnehmung reduziert sich auf äußere Schönheit und die Wirkung auf das Subjekt. Das lyrische Ich verliert sich im Anblick, wird überflutet von Affekten, denen es keinen rationalen Widerstand entgegensetzt. Diese Objektivierung dient nicht der Entwertung, sondern zeigt vielmehr, wie sehr das Ich von der Erscheinung überwältigt wird – bis hin zur Todessehnsucht.
3. Todesmetaphorik als ekstatische Überhöhung:
Mit der paradoxen Wendung »Mein Tod, mein süßer Tod« kulminiert das emotionale Erleben in einem Moment völliger Selbsthingabe. Die Geliebte wird nicht nur als Ursache für das Seufzen wahrgenommen, sondern als Personifikation eines süßen Todes, der sich auf einer »Rosen-voller Bahn« nähert – ein Bild höchster Ambivalenz zwischen Schönheit und Vernichtung. Der Tod erscheint nicht furchteinflößend, sondern als verheißungsvoll, fast triumphal. Psychologisch zeigt sich hier die Nähe von erotischem Verlangen und Todestrieb (Freud: Eros und Thanatos), wie sie in der Barockdichtung vielfach thematisiert wird.
4. Sprachbewusstsein und rhetorische Distanz:
Indem das Gedicht mit einer Frage beginnt – »Du fragst, was sagen will diß Ach?« – wird das eigene affektive Erleben aus der Distanz betrachtet. Das Ich reflektiert seinen Ausdruck, deutet ihn, analysiert sich selbst. Dieses Moment der Selbstbeobachtung ist typisch für das barocke Lebensgefühl, das zwischen Affekt und Rationalität, Sinnlichkeit und Ordnung schwankt. Der Seufzer »Ach!« wird nicht nur gefühlt, sondern zugleich gedeutet – ein Zeichen hoher poetischer Bewusstheit und innerer Spannung.
Fazit
Das Gedicht verdichtet in wenigen Versen ein ganzes Spektrum menschlicher Gefühlslagen: Liebe, Bewunderung, Ekstase, Schmerz, Todesahnung. Der Ausruf »Ach!« wird dabei zur Chiffre einer existenziellen Erschütterung, ausgelöst durch die Erscheinung der Geliebten. Diese erscheint wie eine mythische Figur – schön, überwältigend, aber auch tödlich. Der »süße Tod« deutet auf ein Verschmelzungsbedürfnis hin, das im barocken Kontext oft religiöse, erotische und metaphysische Dimensionen vereint.
Es zeigt somit nicht nur ein individuelles Liebeserlebnis, sondern spiegelt ein barockes Weltgefühl, in dem Schönheit und Vergänglichkeit, Eros und Thanatos, Gefühl und Reflexion unauflöslich miteinander verschränkt sind. Das »Ach!« ist keine bloße Interjektion, sondern ein poetisches Brennglas für die Tiefe der menschlichen Seele.