Die Sonne kommt heran

Angelus Silesius

Sie verlangt ihn bei Aufgang der Sonnen

Die Sonne kommt heran 1
In unsern Himmelsplan! 2
Ich seh schon ihre Strahlen 3
Auf allen Höhen prahlen. 4
Wo bleibt denn meine Sonne, 5
Mein allerliebstes Licht? 6
Mein Jesus, meine Wonne, 7
Daß ich ihn sehe nicht. 8

Was hilft mich Sonn und Tag, 9
Wenn ich nicht sehen mag 10
In meines Leibes Höhle 11
Die Sonne meiner Seele? 12
Mein Himmel bleibt doch trübe, 13
Wenn das wahrhafte Licht 14
Der Sonnen, die ich liebe, 15
In ihm nicht auch anbricht. 16

Wie fröhlich würd ich sein, 17
Wenn der geliebte Schein 18
Nach so viel dunkler Nächte 19
Mir meinen Tag herbrächte! 20
Nun aber muß ich leben 21
Wie einer, dem sein Licht, 22
Das ihm soll Freude geben, 23
Noch fehlet und gebricht. 24

Ei, brich doch auch herein, 25
Mein liebster Sonnenschein! 26
Vertreibe meinem Herzen 27
Die Finsternis und Schmerzen. 28
Laß deine güldnen Strahlen 29
Mich deine ganze Welt 30
Erfreun und schöne malen: 31
Komm, komm, du Himmelsheld. 32

Analyse – Strophe I – Verse 1-8

1 Die Sonne kommt heran
Die aufsteigende Sonne ist hier zunächst ein kosmisches Phänomen: der Übergang von der Nacht zum Tag. Mystisch gedeutet steht die Sonne seit jeher für das göttliche Licht, für Christus selbst (»Sol iustitiae«, die »Sonne der Gerechtigkeit« in Mal 3,20). Doch auffällig ist: die Sonne »kommt heran«, d. h. sie ist zwar sichtbar, aber noch nicht im Zenit. Es geht also um ein Werden, um eine Annäherung des Lichts, nicht um seine volle Enthüllung. Der Sprecher steht in Erwartung, er ahnt die Epiphanie des Göttlichen, doch sie ist noch nicht erfüllt. Philosophisch verweist dies auf das Verhältnis zwischen Erscheinung und Wesen: Die sichtbare Sonne ist Zeichen des Unsichtbaren, aber nicht das, was die Seele eigentlich sucht.
Hier erscheint die äußere Natur als Spiegel des inneren Seelenzustands. Psychologisch wirkt der Vers wie ein Auftakt voller Erwartung: die Sonne, Sinnbild des Lebens, des Trostes und der geistigen Erhellung, tritt auf die Bühne. Ästhetisch ist die Bewegung (»kommt heran«) nicht statisch, sondern dynamisch – etwas nähert sich, ein Versprechen kündigt sich an. Zugleich klingt darin eine ungeduldige Hoffnung: Das lyrische Ich registriert den kosmischen Tagesbeginn, doch es wartet eigentlich auf etwas anderes, Tieferes.
2 In unsern Himmelsplan!
Der Kosmos ist nicht nur äußerlich, sondern ein »Plan« – ein geistiger Ordnungsraum. Die Sonne wird in diesen Plan eingefügt, sie tritt ein in eine Ordnung, die nicht nur astronomisch, sondern theologisch verstanden ist. Der »Himmelsplan« ist das Ganze der Schöpfung, die göttliche Harmonie, in die sich das Licht fügt. Zugleich klingt hier das neuzeitliche Weltbild an: der Kosmos als Struktur, in der Gestirne ihre Bahnen ziehen. Doch mystisch gelesen ist dies der »innere Himmel« der Seele, in die das göttliche Licht eintritt. Damit wird die Sonne nicht nur als äußeres Naturereignis, sondern als inneres, geistliches Ereignis verstanden.
Die Sonne tritt in den »Plan« – also den großen Kreis, den Kosmos, die Ordnung der Himmelsläufe. Psychologisch deutet sich hier die Dimension der Allgemeinheit an: Die Natur folgt ihrem geregelten Lauf, sie schenkt allen Menschen gleichermaßen Licht und Wärme. Für das Ich entsteht daraus aber ein schmerzhafter Kontrast: Was allen gilt, reicht ihm persönlich nicht. Ästhetisch gibt der Vers durch den Ausruf ein Pathos des Staunens, das jedoch rasch in eine Leerstelle führt: das kosmische Geschehen hat eine majestätische, aber zugleich fremde Größe.
3 Ich seh schon ihre Strahlen
Das Subjekt tritt jetzt als Sehender hervor. Die Strahlen der Sonne werden wahrgenommen – noch nicht das Zentrum, sondern ihre Ausstrahlung. Mystisch ist dies entscheidend: der Mensch sieht nicht Gott selbst (dessen Wesen unsichtbar bleibt), sondern seine Energien, seine Wirkungen, seine »Strahlen«. In der Tradition Dionysius Areopagitas ist dies die Theophanie: Gott bleibt verborgen in seinem Sein, aber er »strahlt« in die Welt hinaus. Philosophisch bedeutet dies, dass wir das Absolute nur in seinen Erscheinungen erkennen – in Analogien, in Spiegelungen.
Das lyrische Ich nimmt aktiv wahr: Es »sieht« – die Sinne sind offen, die Erfahrung ist gegenwärtig. Psychologisch aber steckt in diesem Sehen schon ein Unterton der Enttäuschung: Es nimmt Strahlen wahr, aber nicht das, wonach das Herz verlangt. Ästhetisch liegt in »Strahlen« eine zarte Mehrdeutigkeit: Glanz, Wärme, Licht – Zeichen von Leben, aber auch eine Distanz, da Strahlen zwar gesehen, nicht aber berührt werden können.
4 Auf allen Höhen prahlen.
Die Strahlen prangen auf den Bergen, den Höhen der Erde. Symbolisch sind die Höhen Orte der Nähe zum Himmel, Orte der Gottesoffenbarung (Sinai, Tabor). Dass das Licht gerade dort prahlt, verweist darauf, dass die Erhöhung des Menschen (im Aufstieg des Geistes, in der Kontemplation) ihn näher zum Licht bringt. Doch auch hier gilt: es ist ein äußerlicher Glanz. Das »Prahlen« deutet auf äußere Majestät, die den Sinnen sichtbar ist, aber nicht das Innerste der göttlichen Wirklichkeit. Silesius’ Stimme bleibt sehnsüchtig: Er sieht den äußeren Glanz, aber er sucht das innere Licht.
Die Strahlen der Sonne »prahlen« – ein fast ironischer Ausdruck. Psychologisch bedeutet dies: Das lyrische Ich registriert die Fülle der Natur, die auf den Bergen, den Höhen, zur Schau gestellt wird, und empfindet es als schmerzhaftes Zurschaustellen. Die Welt ist reich, prunkvoll, glänzend – aber diese Fülle verstärkt das Gefühl des eigenen Mangels. Ästhetisch bringt das Wort »prahlen« eine Brechung ins Gedicht: aus der reinen Schönheit wird ein Anflug von Eitelkeit, ja ein Übermaß, das dem Ich eher fremd als wohltuend erscheint.
5 Wo bleibt denn meine Sonne,
Hier beginnt die entscheidende Wende. Trotz der sichtbaren Sonne ist die Seele nicht zufrieden. Sie wendet sich vom äußeren Gestirn zum inneren, zum geistigen. »Meine Sonne« ist Christus selbst, das innere Licht, das weit über das Naturphänomen hinausgeht. Mystisch gesehen macht sich die Diskrepanz bemerkbar: die sichtbare Welt ist nur Symbol, doch das Herz verlangt nach der Wirklichkeit, die jenseits der Symbole ist. Philosophisch ist dies die Spannung zwischen Phänomen und Noumenon, zwischen Erscheinung und Wesen.
Hier tritt der innere Konflikt offen hervor: Die sichtbare Sonne reicht nicht, sie ist nur Vorzeichen oder Schatten. Psychologisch spricht der Vers die Sehnsucht nach der inneren Sonne an – nach Christus, dem inneren Licht. Die Frageform deutet auf Ungeduld und innere Not: Alles um das Ich herum ist erleuchtet, nur seine eigentliche Erwartung bleibt unerfüllt. Ästhetisch entsteht hier eine scharfe Zäsur: Von der Naturbeobachtung hin zum Herzensruf.
6 Mein allerliebstes Licht?
Das innere Licht wird als das »allerliebste« bezeichnet – die Sprache der Mystik wird personal, erotisch, bräutlich. Hier spricht nicht ein neutraler Philosoph, sondern eine Seele, die liebt. »Licht« ist nun kein abstraktes Prinzip, sondern das Geliebte selbst. Es verweist auf die johanneische Tradition (»Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm«, 1 Joh 1,5). Der Ausdruck »allerliebst« zeigt zugleich die Nähe zu mittelalterlicher Minne-Mystik: das Göttliche wird im Sprachfeld der Liebeslyrik erfasst.
Das lyrische Ich konkretisiert: Nicht irgendein Licht wird gesucht, sondern das innerste, zärtlichste, ganz persönliche. Psychologisch spiegelt sich darin die Dimension einer mystischen Liebe: Das Göttliche ist nicht fern-abstrakt, sondern das »allerliebste Licht«, eine intime Beziehung. Ästhetisch wirkt der Vers wie eine Verfeinerung: Während »Sonne« noch kosmisch-universal war, wird »Licht« hier personalisiert und emotional aufgeladen.
7 Mein Jesus, meine Wonne,
Die Sonne wird endgültig identifiziert: es ist Jesus Christus selbst. Damit tritt die Inkarnation in das Bild: nicht mehr nur kosmisches Licht, sondern das konkrete, personale Licht des Heilands. »Meine Wonne« zeigt die unmittelbare mystische Vereinigung: Christus ist nicht nur ferne Sonne, sondern innerste Seligkeit, Freude, süßer Geschmack. Hier klingt die Sprache des Hohenliedes an, das die Mystik oft auf Christus bezieht. Philosophisch: das Absolute wird hier nicht mehr in kosmischen Symbolen gefasst, sondern in der persönlichen Liebe, die den Menschen innerlich verwandelt.
Die Sehnsucht verdichtet sich: Das »Licht« wird beim Namen genannt – Jesus. Psychologisch offenbart sich hier das Zentrum mystischer Erfahrung: die Bindung an Christus als personaler, zugleich transzendenter Geliebter. Das Wort »Wonne« trägt den Charakter einer ekstatischen Zuneigung. Ästhetisch erhält der Vers eine Intensität der Liebeslyrik – vergleichbar mit dem Hohelied: göttliche Erfahrung in der Sprache menschlicher Liebesbindung.
8 Daß ich ihn sehe nicht.
Der Schrei der Seele: trotz aller äußeren Sonne bleibt die innere unsichtbar. Dies ist das Paradox mystischer Erfahrung: Gott ist präsent und dennoch verborgen. Die Seele sieht die Welt im Glanz des Lichts, doch ihr eigentliches Ziel bleibt verhüllt. Theologisch ist dies die Erfahrung der »Deus absconditus«, des verborgenen Gottes. Philosophisch zeigt sich hier die Dialektik von Erscheinung und Entzug: gerade im Nicht-Sehen ist die Sehnsucht am größten, und die Erkenntnis, dass Gott nicht im äußeren Sinn, sondern nur im innersten Herzen geschaut werden kann.
Der Strophenschluss bringt die Spannung zur vollen Schärfe: Trotz aller Fülle der Natur, trotz des Aufgangs der Sonne, bleibt die eigentliche Sonne verborgen. Psychologisch ist dies das Grundgefühl der mystischen Seele: das Leiden an der Abwesenheit Gottes. Der Vers wirkt klagend, seufzend, fast resigniert – ein inneres »Dennoch«, das aber zugleich Ausdruck einer glühenden Sehnsucht ist. Ästhetisch bildet der Kontrast von »sehen« und »nicht« einen scharfen Schluß, der das Ungelöste betont.
Fazit
Die erste Strophe entfaltet die Spannung zwischen äußerer Sonne und innerem Christus-Licht. Sie zeigt den Übergang vom natürlichen Phänomen (die Sonne am Himmel) zur mystischen Realität (Christus als Licht der Seele). Zugleich artikuliert sie die mystische Erfahrung von Sehnsucht, Entzug und Liebe: die Seele sieht zwar die Strahlen in der Welt, aber sie bleibt unruhig, bis sie Christus selbst schaut. Philosophisch wird das Verhältnis von Erscheinung und Wesen, Symbol und Wirklichkeit, Erfahrung und Verlangen thematisiert.
Die erste Strophe stellt eine klassische mystische Dialektik dar: Die äußere Natur zeigt in überwältigender Schönheit und Ordnung den Sonnenaufgang – doch für die Seele ist dies nur ein Abglanz. Die sichtbare Sonne genügt nicht, sondern wird geradezu zur Erinnerung an die Abwesenheit der eigentlichen Sonne, des göttlichen Geliebten. Die poetische Bewegung der Strophe läuft von der äußeren Wahrnehmung (Sonne, Strahlen, Höhen) über die wachsende innere Spannung (»Wo bleibt denn…?«) hin zu einer persönlichen, fast leidenschaftlichen Anrufung (»Mein Jesus, meine Wonne«). Am Ende bleibt die Leerstelle: das ersehnte Sehen ist verwehrt.
Psychologisch spiegelt die Strophe die Situation des Mystikers wider, der mitten in der Schönheit der Schöpfung dennoch ein tiefes Gefühl der Entbehrung erfährt: Alles ist da, und doch fehlt das Entscheidende. Ästhetisch lebt die Strophe vom Kontrast zwischen kosmischer Fülle und persönlicher Leere – ein Spannungsbogen, der die Lesenden unmittelbar in die existentielle Erfahrung der Sehnsucht hineinzieht.
Literarische Einordnung der Strophe
Die Strophe entfaltet sich aus einer doppelten Bewegung: einerseits aus der Erfahrung des Naturereignisses – dem Aufgang der Sonne – und andererseits aus dem inneren Mangel des lyrischen Ichs, das den eigentlichen »Sonnenaufgang« nicht in der sichtbaren Natur, sondern allein in der Begegnung mit Christus erkennt. Schon der eröffnende Vers »Die Sonne kommt heran« verweist auf eine konkrete, fast naturlyrische Beobachtung. Doch unmittelbar wird diese Erscheinung in eine geistlich-symbolische Perspektive überführt »In unsern Himmelsplan!« Die Natur wird hier nicht um ihrer selbst willen beschrieben, sondern sie ist Spiegel oder Gleichnis für die göttliche Realität.
In den Versen 3 und 4 (»Ich seh schon ihre Strahlen / Auf allen Höhen prahlen«) zeigt sich ein barocker Sinn für Bildhaftigkeit, gesteigert durch Alliteration und Binnenreim. Doch statt eines Naturgenusses tritt sofort die Erfahrung der Leerstelle: Das »allerliebste Licht« ist nicht die physische Sonne, sondern Christus. Damit kommt ein zentrales Motiv der barocken Mystik zum Ausdruck: die Unzulänglichkeit der sinnlichen Welt gegenüber der geistigen Wirklichkeit.
Die Verse 5–8 (»Wo bleibt denn meine Sonne, / Mein allerliebstes Licht? / Mein Jesus, meine Wonne, / Daß ich ihn sehe nicht«) machen die allegorische Ebene explizit. Christus ist die wahre Sonne, deren Aufgang ersehnt wird, und das lyrische Ich steht im Modus des heiligen Begehrens (amor divinus). Die Spannung zwischen äußerer Naturerscheinung und innerer Abwesenheit Christi ist nicht nur Ausdruck religiöser Sehnsucht, sondern auch ein poetisches Verfahren, das typisch für die barocke Mystik ist: die Verwandlung kosmischer Bilder in Ausdrucksträger der Gottesliebe.
Literaturgeschichtliche Einordnung
Die Strophe steht in der Tradition barocker mystisch-erotischer Dichtung. Angelus Silesius (Johann Scheffler, 1624–1677), zunächst evangelisch-lutherisch, später katholischer Mystiker, ist einer der markantesten Vertreter jener Sprachgestalt, in der die Erfahrungswelt symbolisch auf Transzendenz hin gedeutet wird. Sein Werk, insbesondere der Cherubinische Wandersmann, ist stark geprägt von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Jakob Böhme, zugleich aber durch die katholische Mystik (etwa Johannes vom Kreuz) inspiriert.
Die Bildlichkeit der Sonne als Christus ist fest in der christlichen Tradition verwurzelt: Schon die Kirchenväter deuten Christus als »sol iustitiae« (Sonne der Gerechtigkeit, nach Mal 3,20). Silesius übernimmt diese Tradition, aber im barocken Gestus der Affektsteigerung: Er spricht nicht in nüchterner theologischer Begrifflichkeit, sondern in einer emotionalisierten, fast hymnischen Sprache, die unmittelbare Nähe und sinnliche Intensität herstellt.
Auch formal ist die Strophe typisch barock: ein durchgehend klingender Kreuzreim, klare Parallelismen (»Die Sonne kommt heran / In unsern Himmelsplan!«), sowie die Tendenz zur rhetorischen Frage (»Wo bleibt denn meine Sonne?«). Diese Mittel dienen dazu, das existentielle Verlangen des lyrischen Ichs zu steigern.
Somit ist die Strophe ein exemplarisches Beispiel für barocke Mystikdichtung, die Naturbilder aufgreift, um sie auf Christus hin zu transzendieren, und die poetisch den Zustand des »noch nicht erfüllten Sehens« (Sehnsucht nach der unio mystica) gestaltet.

Analyse – Strophe II – Verse 9-16

9 Was hilft mich Sonn und Tag,
Hier eröffnet Silesius mit einer Infragestellung der äußeren Weltordnung: Sonne und Tag sind an sich Symbole des Lebens, der Zeit und der natürlichen Ordnung. Doch er stellt ihre bloße physische Erscheinung in Frage. Philosophisch ist das die Abwertung des empirischen Lichts gegenüber dem inneren, geistigen Licht. Theologisch gedacht: Die sichtbare Sonne kann den Menschen nicht zum Heil führen, wenn ihm die innere Erkenntnis des Göttlichen fehlt. Die Linie erinnert an Augustinus, der betont, dass die äußeren Dinge zwar Zeichen sein können, aber das Heil nur in der inneren Erleuchtung durch Christus erfahren wird.
Psychologisch gesehen eröffnet der Vers mit einer skeptischen Wendung: Die äußere Welt, Symbol von Klarheit, Dauer, Zeit und Naturordnung, wird hier in Frage gestellt. »Sonn und Tag« sind kulturell und sinnlich positiv besetzt – sie stehen für Leben, Orientierung, Rhythmus. Doch die Frage »was hilft mich« unterläuft diese Selbstverständlichkeit: Der Sprecher entzieht sich der naiven Freude am äußeren Licht. Ästhetisch klingt eine kühle Ernüchterung mit, als ob der Anblick der Sonne, sonst das Schönste, leer bleibt, solange das Innere nicht in Resonanz tritt.
10 Wenn ich nicht sehen mag
Hier verdichtet sich das Problem: Nicht die Sonne ist es, die ungenügend wäre, sondern das Sehvermögen des Menschen ist entscheidend. Der Mensch mag mitten im hellen Tag stehen – doch wenn sein geistiges Auge blind ist, bleibt er in Finsternis. Das verweist auf die Mystik des »inneren Auges« (Augustinus spricht von oculus cordis, Meister Eckhart vom »Seelenfünklein«). Theologisch heißt dies: Die Fähigkeit, das Göttliche zu schauen, liegt nicht im äußeren Sinn, sondern im inneren. Philosophie und Mystik treffen sich darin, dass wahre Erkenntnis nicht empirisch, sondern transzendental ist.
Hier verdichtet sich das Problem: Die Fähigkeit des Sehens – sowohl körperlich als auch geistig – ist blockiert. »Sehen mögen« bedeutet nicht bloß optische Wahrnehmung, sondern Bereitschaft und innere Offenheit. Psychologisch lässt sich dies als eine Erfahrung von Blindheit oder innerem Widerstand deuten: der Mensch ist zwar von Licht umgeben, aber in sich selbst verschlossen. Ästhetisch wirkt die Kürze des Verses wie ein Abbruch, ein abruptes Innehalten – das Sehen ist nicht selbstverständlich, sondern ein Akt der Gnade oder inneren Zustimmung.
11 In meines Leibes Höhle
Der Körper wird hier als Höhle bezeichnet, also als dunkler, begrenzter Raum, der das innere Sehen erschwert. Das ist ein stark platonisches Bild: Schon in Platons Höhlengleichnis ist die Höhle Symbol für Beschränkung und Schattenexistenz. Für Silesius ist der Leib nicht unbedingt schlecht, aber er ist Hülle, Begrenzung und Dunkelkammer. Theologisch lässt sich dies in paulinischer Diktion deuten: Der »äußere Mensch« ist vergänglich, nur der »innere Mensch« kann das Ewige erblicken (vgl. 2 Kor 4,16). Damit wird klar: Wer in der Leibeshöhle eingeschlossen bleibt, erblickt niemals das wahre Licht.
Eine starke Bildlichkeit: Der Körper wird als »Höhle« erfahren – dunkel, abgeschlossen, wie eine Grotte. Psychologisch öffnet sich hier eine existentielle Selbstwahrnehmung: das Leibliche ist nicht Ort von Glanz, sondern von Umhüllung, Begrenzung, ja Gefangenschaft. Ästhetisch ruft »Höhle« Bilder des Archaischen hervor, einen Raum, der sowohl Schutz als auch Enge bedeutet. Der Kontrast zur Sonne ist drastisch: äußerlich strahlt sie, innerlich bleibt der Mensch eine dumpfe Kammer.
12 Die Sonne meiner Seele?
Hier schimmert das eigentliche Ziel auf: die Seele trägt ihre eigene Sonne in sich – das göttliche Licht, das ungeschaffen ist und aus Gott selbst stammt. Das erinnert an Meister Eckharts Lehre vom »Seelenfünklein«, das in seiner Tiefe Gott selbst ist. Philosophisch bedeutet es: Die Seele ist nicht bloß ein Geschöpf, sondern hat Anteil am Göttlichen, und dieser Anteil ist wie eine Sonne, die nur darauf wartet, aufzugehen. Theologisch lässt sich Christus in diesem Bild wiederfinden: Er ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet (Joh 1,9). Also: Es reicht nicht, das äußere Licht zu sehen; die Seele muss ihre eigene Sonne, ihr eigenes göttliches Prinzip, in sich selbst entzünden.
Der Vers ist die Gegenwendung, die »Antwort« auf die Dunkelheit: Es gibt eine innere Sonne, ein Licht, das im Menschen selbst erstrahlen soll. Psychologisch entspricht dies einer tiefen mystischen Intuition: das Eigentliche, das Heilende, das Wärmende, ist nicht außen, sondern innen. Es verweist auf eine spirituelle Sehnsucht nach Selbsttransparenz, nach dem Göttlichen im Inneren. Ästhetisch steigert sich die Metapher: aus der Höhle soll die Sonne geboren werden – ein paradoxes, doch poetisch hoch aufgeladenes Bild.
13 Mein Himmel bleibt doch trübe,
Der Dichter beklagt: Auch wenn äußerlich Tag und Sonne scheinen, bleibt der eigene »Himmel« trüb. Mit »Himmel« ist hier das Innere gemeint, das eigentlich ein Abbild des göttlichen Himmels sein könnte. Solange aber das innere Licht nicht aufgeht, bleibt das Dasein verdunkelt. Das ist eine radikale Mystik: äußere Heiterkeit nützt nichts, wenn der innere Himmel nicht erleuchtet wird. Philosophisch ist dies ein Vorwurf an rein rationalistische, äußerliche Welterfassung: Ohne innere Wahrheit bleibt Erkenntnis nur Schatten.
Hier erscheint die Konsequenz: solange die innere Sonne nicht aufgeht, bleibt auch der »Himmel« des Menschen verdunkelt. Psychologisch drückt das eine Stimmung der Melancholie, der inneren Bewölkung aus: auch wenn der äußere Himmel heiter ist, bleibt das innere Empfinden getrübt. Ästhetisch schafft der Klang von »trübe« eine matte, fast dumpfe Atmosphäre, ein feines Gegengewicht zur strahlenden Sonne.
14 Wenn das wahrhafte Licht
Nun kommt die Pointe: Es gibt ein »wahrhaftes Licht«. Damit grenzt Silesius ab zwischen dem sinnlich-zeitlichen Licht (Sonne, Tag) und dem ewigen, absoluten Licht. Theologisch ist dieses »wahrhafte Licht« Christus selbst (Joh 8,12 »Ich bin das Licht der Welt«). Philosophisch entspricht es der Wahrheit an sich, die nicht von äußeren Erscheinungen abhängt, sondern als absolutes Sein das Dunkel
Jetzt wird eine entscheidende Unterscheidung eingeführt: Das »wahrhafte« Licht ist nicht das physische Sonnenlicht, sondern ein metaphysisches, geistiges. Psychologisch zeigt sich ein Drang, das Authentische vom bloß Sinnlichen zu unterscheiden. Ästhetisch wirkt das Adjektiv »wahrhaft« wie eine Durchdringung des bisher Gesagten, es verleiht den folgenden Versen Gewicht und Ernst.
15 Der Sonnen, die ich liebe,
Hier spricht er von einer Sonne im Plural? – grammatisch ist »der Sonnen« Genitiv, also »des Lichtes der Sonne, die ich liebe«. Damit bekennt er: Er liebt nicht die äußere Sonne als Naturgestirn, sondern das göttliche Licht, das sich in allem widerspiegelt. Seine Liebe ist auf das Ewige gerichtet, nicht auf das Vergängliche. Mystisch gesehen bedeutet dies: Die Seele ist »amoris capax«, sie ist geschaffen, um sich nach dem göttlichen Licht zu sehnen.
Die innere Zuneigung gilt also nicht der sichtbaren Sonne, sondern jener »Sonnen«, die im spirituellen Sinn zu verstehen sind – vermutlich Christus, oder Gott selbst, der als vielfache Sonne im Mystikerleben erscheint. Psychologisch wird die Projektion der Liebe vom Außen auf das Innere gelenkt: das, was das Herz wirklich begehrt, ist das göttliche Licht. Ästhetisch liegt hier ein Moment zarter Intimität »die ich liebe« bricht die Reflexion mit persönlicher Hingabe auf.
16 In ihm nicht auch anbricht.
Der Schluss fasst alles zusammen: Solange das wahre Licht nicht im Inneren anbricht, bleibt alles andere nutzlos. Hier liegt der entscheidende mystische Gedanke: Die Sonne Christi, das göttliche Licht, muss im Herzen, im Inneren des Menschen aufgehen – sonst bleibt auch die schönste äußere Sonne bloß ein leerer Schein. Philosophisch ist dies die Aufforderung zur inneren Metanoia: Wahrheit muss erfahren, nicht bloß gesehen werden. Theologisch ist es das Mysterium der Inkarnation ins Herz: Christus muss im Menschen geboren werden, sonst bleibt die Erlösung äußerlich.
Der Schlussvers schließt den Kreis: Wenn das göttliche Licht nicht auch im Inneren aufgeht, bleibt das ganze äußere Licht ungenügend. Psychologisch ist das eine radikale Umkehr: Die Wirklichkeit wird vom Inneren her bestimmt. Ästhetisch ist der Ausdruck »anbricht« kraftvoll: er ruft das Bild des Morgenrots hervor, den Beginn eines neuen Tages – diesmal aber als inneres, mystisches Ereignis.
Fazit
Die zweite Strophe kreist um die Spannung von äußerem Licht (Sonne, Tag, Leib) und innerem Licht (Seele, Christus, Gottfunke). Sie zeigt: Ohne innere Erleuchtung bleibt die Welt dunkel, selbst wenn sie in Sonne getaucht ist. Angelus Silesius bewegt sich damit im Spannungsfeld von Platonischer Ideenlehre, johanneischer Theologie und mystischer Innerlichkeit (Eckhart, Tauler, Johannes vom Kreuz).
Die Strophe entfaltet ein dramatisches Spannungsfeld zwischen äußerem und innerem Licht. Die Sonne, die dem natürlichen Leben Rhythmus und Wärme schenkt, verliert für das mystische Subjekt ihre Bedeutung, solange sie nicht im Inneren widerstrahlt. Der Körper erscheint als dunkle Höhle, unfähig, das Licht zu empfangen, es sei denn, die »Sonne der Seele« geht auf. Diese Sonne ist das »wahrhafte Licht«, also das göttliche Licht, das erst die Welt verklärt und den Himmel des Menschen erhellt.
Psychologisch gesehen spricht Silesius eine existentielle Erfahrung an: äußere Freude, Schönheit und Naturgenuss genügen nicht, wenn das Innere von Leere und Trübe erfüllt bleibt. Nur wenn das Göttliche ins Innere einbricht, wird auch die äußere Welt sinnvoll. Ästhetisch lebt die Strophe vom Wechsel dunkler und heller Bilder: Höhle – Sonne, trübe – wahrhaftes Licht, Tag – Anbruch. Dieser Kontrast macht die Dramatik der mystischen Erfahrung sichtbar: ohne inneres Erwachen bleibt der Mensch selbst bei größtem Glanz der Natur unerlöst.
Literarischer Befund
Die Strophe entfaltet ein für die barocke Mystik typisches Motiv: der Gegensatz von äußerer und innerer Sonne.
Die äußere Sonne (V. 9–10 »Sonn und Tag«) steht für das natürliche, physische Licht und zugleich für die sichtbare Welt, die dem Menschen sinnlich zugänglich ist.
Dem gegenüber tritt die »Sonne meiner Seele« (V. 12), die in der mystischen Tradition eindeutig als Christus bzw. das göttliche Licht verstanden wird. Hier klingt die platonisch-neuplatonische Unterscheidung zwischen lux (natürliches Licht) und lumen bzw. verum lumen (wahres Licht) an, wie sie Augustinus stark gemacht hatte.
Der Sprecher beklagt, dass das äußere Licht ihm nichts nützt, wenn die innere Erleuchtung durch Christus fehlt »Was hilft mich Sonn und Tag, / Wenn ich nicht sehen mag…« (V. 9–10). Diese rhetorische Figur der Frage betont die Nichtigkeit des bloß äußeren Scheins.
Formal ist die Strophe in Kreuzreimen gebaut (abab cdcd), was ihr eine klare, fast didaktische Struktur gibt. Auffällig ist die Bildhaftigkeit der Sprache »Leibes Höhle« (V. 11) evoziert das biblische Motiv des Menschen als Gefäß oder Tempel, zugleich aber auch ein platonisches Bild der Körperlichkeit als Dunkelraum.
Literaturgeschichtlicher Kontext
Die Strophe steht im geistigen Klima des deutschen Barock (17. Jh.), geprägt von der Spannung zwischen Weltvergänglichkeit und Transzendenz. Angelus Silesius (1624–1677), ursprünglich lutherischer Arzt, später katholischer Mystiker und Priester, greift in seinem Werk die Tradition der christlichen Mystik auf – Meister Eckhart, Johannes Tauler und die flämischen Mystiker sind hier deutliche Vorläufer.
Das Bild der »Sonne der Seele« ist tief in der biblischen Symbolik verwurzelt: Christus wird in Johannes 8,12 als »Licht der Welt« bezeichnet. Ebenso finden sich Parallelen bei Johannes vom Kreuz, der im Cántico espiritual die innere Erleuchtung durch die »wahre Sonne« gegen die äußere Nacht stellt. Silesius übersetzt diese Erfahrung ins dichterisch-pointierte Deutsch des Barock.
Die zweite Strophe bringt so den Kern barocker Mystik zum Ausdruck: Die sichtbare Welt hat keinen bleibenden Wert, solange sie nicht auf das unsichtbare Göttliche verweist. Typisch für die Epoche ist auch die antithetische Grundstruktur: äußeres vs. inneres Licht, trüber Himmel vs. wahrhaftiges Licht, Leibeshöhle vs. Seele. Diese Antithetik ist nicht rein rhetorisch, sondern theologisch begründet: Sie zeigt die Spannung zwischen »Diesseits« und »Jenseits«, die durch mystische Vereinigung aufgehoben werden soll.
Die Strophe kann als meditative Klage gelesen werden: selbst wenn die Sonne aufgeht und der Tag hell wird, bleibt der Sprecher innerlich in Finsternis, solange er nicht von Gott erleuchtet wird. Das »wahrhafte Licht« (V. 14) ist kein Naturphänomen, sondern eine gnadenhafte Einwohnung Christi in der Seele. Damit steht die Strophe im Zentrum der mystischen Erfahrung des 17. Jahrhunderts: Nicht die äußere Welt, sondern die innere Gottesgeburt ist entscheidend für Heil und Glück.

Analyse – Strophe III – Verse 17-24

17 Wie fröhlich würd ich sein,
Hier klingt die tiefe Sehnsucht des mystischen Ichs an. Die Freude, die es erwartet, ist nicht eine gewöhnliche, sinnliche Freude, sondern die Seligkeit, die sich im Erblicken des Göttlichen erfüllt. »Fröhlich sein« ist hier kein oberflächliches Vergnügen, sondern die Teilhabe an der göttlichen Freude, die Augustinus als gaudium aeternum bezeichnet. Der Vers steht im Modus des Konjunktivs (»würde«), also als ein Noch-Nicht, ein Entwurf: das Subjekt ist in Erwartung, in der Schwebe, nicht im Besitz des Ersehnten.
Der Vers eröffnet mit einem Konjunktiv: würde. Es ist ein Ausdruck der Sehnsucht, nicht der Realität. Psychologisch klingt hier ein Mangel an, eine Situation der Erwartung. Die Sprecherin (oder die Seele) ahnt ein mögliches Glück, doch dieses bleibt hypothetisch. Ästhetisch entsteht durch das »Wie« ein Vexierspiel zwischen Vision und Wirklichkeit – der Vers ist mehr Wunschbild als Erfahrung.
18 Wenn der geliebte Schein
Der »geliebte Schein« ist ein Bild für Christus als »Licht der Welt« (Joh 8,12), aber auch für die ungeschaffene Gottheit selbst, die als »Licht von Licht« im Credo bekannt wird. Dass er »geliebt« ist, deutet an, dass es sich nicht um ein neutrales Licht handelt, sondern um eine personale, liebende Gegenwart. Das Licht ist nicht nur Objekt der Betrachtung, sondern zugleich Geliebter. Mystisch gesprochen: Die Seele erfährt den göttlichen Schein als ihr eigenes Ziel und innerstes Du.
Der »geliebte Schein« ist doppeldeutig: er meint das Sonnenlicht, aber auch den göttlichen Glanz, den die Mystikerin ersehnt. Psychologisch offenbart sich darin die Personifizierung des Lichts: es ist nicht nur physische Helligkeit, sondern eine geliebte Gestalt, ein Du, zu dem man in Beziehung tritt. Ästhetisch wirkt der Vers sanft und innig »geliebt« mildert die Strahlkraft des »Scheins« und macht ihn zu etwas Innerlich-Vertrautem.
19 Nach so viel dunkler Nächte
Die »dunklen Nächte« erinnern an Johannes vom Kreuz und die noche oscura, in der die Seele durch Leiden, Entbehrung, Gottesferne und innere Leere hindurchgehen muss. Sie sind notwendig, damit alles bloß Geschaffene und Endliche zurückbleibt. Das lyrische Ich klagt also nicht nur über äußere Dunkelheit, sondern über jene geistliche Nacht, in der Gott schweigt und die Seele sich verlassen fühlt. Zugleich ist diese Nacht Voraussetzung dafür, dass das wahre Licht umso heller erfahren werden kann.
Hier bricht das Leiden durch. Die Nacht ist traditionell Metapher für Entbehrung, Trostlosigkeit, geistige Ferne von Gott. Psychologisch ist das Bild der »dunklen Nächte« nicht nur äußere Dunkelheit, sondern die Nacht der Seele: Erfahrung der Leere, Verlassenheit, des fehlenden Sinns. Ästhetisch verstärkt die Alliteration (so – viel – dunkler) die Schwere und Last, die die Zeit der Nacht ausmacht.
20 Mir meinen Tag herbrächte!
Der »Tag« ist hier die Symbolik des erfüllten Lebens im Licht Gottes. Tag bedeutet Offenbarung, Klarheit, Wahrheit – also den Zustand, in dem das Dunkel der Unwissenheit und der Entbehrung überwunden ist. Mystisch betrachtet steht er für die vollendete Vereinigung mit Gott, die nach der »Nacht« des Kreuzes und der Läuterung eintritt. Philosophisch können wir sagen: Der Tag ist die Erhellung des Seins, die Heidegger später als Lichtung beschreibt – die Seele tritt in den Raum, in dem das Sein selbst aufscheint.
Die Erwartung des »Tages« ist die Sehnsucht nach Erlösung, Klarheit, Präsenz. Der »Tag« bedeutet hier mehr als bloß Helligkeit – er ist inneres Erwachen, mystische Vereinigung. Psychologisch steht hier der Umschlagspunkt: aus dem bedrückenden Zustand der Dunkelheit könnte mit dem Erscheinen des Lichtes eine existentielle Wende werden. Ästhetisch lebt der Vers vom Klangwert der Bewegung »herbrächte« bringt eine Dynamik ins Bild, als wäre das Licht eine Gabe, die zugetragen wird.
21 Nun aber muß ich leben
Dieser Vers markiert den Bruch zwischen der ersehnten Freude und der aktuellen Realität. Das »Nun« bringt die existentielle Schwere zum Ausdruck: die Gegenwart ist nicht erfüllt, sondern geprägt von Mangel und Entbehrung. Mystisch ist dies die Spannung zwischen status viatoris (dem Zustand des Unterwegsseins) und status comprehensoris (dem Zustand der Vollendung). Der Mensch ist Pilger, nicht Besitzer.
Der Kontrast tritt deutlich hervor: nun aber. Die Realität weicht dem Wunschbild. Psychologisch ist dies der Moment des resignativen Bewusstseins: man muss ertragen, man muss »leben« – nicht in Erfüllung, sondern im Mangel. Der Ausdruck »muß« ist von Notwendigkeit geprägt, nicht von Freiheit. Ästhetisch liegt hier die Schwere der Faktizität.
22 Wie einer, dem sein Licht,
Hier vertieft sich die Klage: der Sprecher vergleicht sich mit jemandem, der sein Licht – sein innerstes Ziel, seine Orientierung, seine Lebensquelle – entbehren muss. »Sein Licht« ist nicht nur ein äußerer Schein, sondern das eigene, zugehörige Licht, das dem Menschen eigentlich zukommt. In der Mystik ist dies die Idee, dass die Seele von Natur auf Gott hingeordnet ist; ohne Gott fehlt ihr das Eigentliche, das Eigene.
Die Seele beschreibt ihr Dasein im Vergleich: wie einer, dem etwas fehlt. »Sein Licht« verweist auf etwas zutiefst Eigenes – jeder Mensch hat sein ihm bestimmtes Licht, seine Bestimmung, seine innere Sonne. Psychologisch drückt es eine existentielle Notlage aus: als ob man von seiner Lebensquelle abgeschnitten wäre. Ästhetisch ist der Vers offen, er endet nicht abgeschlossen, sondern lädt auf die Fortführung.
23 Das ihm soll Freude geben,
Das Licht ist hier klar definiert als Ursprung und Quelle der Freude. Freude ist nicht mehr etwas Nebenprodukt, sondern das eigentliche Wesen des Lichts. Thomas von Aquin sagt: beatitudo est fruitio Dei – die Glückseligkeit ist die Schau und Freude an Gott selbst. Das Subjekt empfindet Schmerz, weil es dessen beraubt ist, was ihm eigentlich gegeben ist: die Freude als Teilhabe am göttlichen Leben.
Hier zeigt sich die paradoxe Situation: das, was eigentlich als Lebens- und Freudespender bestimmt ist, bleibt entzogen. Psychologisch verstärkt das die Frustration: man weiß, dass ein Heilmittel existiert, aber es bleibt außer Reichweite. Ästhetisch zeigt sich die Spannung zwischen »soll« (Bestimmung) und dem »noch fehlet« (aktuelle Abwesenheit).
24 Noch fehlet und gebricht.
Dieser abschließende Vers betont den Zustand des Mangels in doppelter Weise »fehlen« meint das objektive Nicht-Haben, »gebrechen« das innere Leiden darunter. Es ist nicht nur Abwesenheit, sondern auch Bedürftigkeit, ein Seufzen der Kreatur nach ihrer Vollendung. Theologisch ist dies das Sehnen der creatura nach dem summum bonum, das im Pilgerstand immer »noch« fehlt. Zugleich klingt hier die barocke Vanitas-Erfahrung mit: Alles Irdische gebricht, nur Gott allein ist wahrhaft genug. Mystisch ist es die Erfahrung, dass die Seele erst in der endgültigen Vereinigung im Licht Gottes vollendet und heil wird.
Der letzte Vers fällt in eine doppelte Negation »fehlet« und »gebricht« verstärken die Erfahrung des Mangels. Psychologisch ist dies die Sprache einer Seele in Trockenheit und Entzug, einer spirituellen ariditas, wie sie auch Johannes vom Kreuz beschreibt. Ästhetisch ist die Verdopplung ein Klangbild der Leere: das Nichts wird zweimal benannt, so dass es unausweichlich wird.
Fazit
Die dritte Strophe zeichnet ein Spannungsfeld: das glühende Verlangen nach dem göttlichen Licht und die schmerzliche Erfahrung seiner Abwesenheit. Jeder Vers steigert dieses Drama: Freude in Aussicht, Licht ersehnt, Nacht durchlitten, Tag verheißen – und doch: im »Nun« bleibt alles Entbehrung, Mangel, Dunkel. Philosophisch gesprochen ist dies die existentielle Dialektik von Potenz und Akt, von Möglichkeit und Erfüllung. Theologisch gesehen spiegelt sich hier das Wesen des christlichen Pilgerdaseins: eine Freude, die schon erahnt, aber noch nicht besessen ist – die fröhliche Traurigkeit der Mystik, die Hoffnung und Klage vereint.
Die dritte Strophe ist ein poetischer Ausdruck der »dunklen Nacht der Seele«: ein Zustand zwischen Wissen und Nichthaben, zwischen Erwartung und Mangel. Die Sprecherin erkennt, wie fröhlich sie wäre, wenn der göttliche Schein sie endlich durchdringen würde, doch sie muss erfahren, dass er noch ausbleibt. Psychologisch beschreibt Silesius hier eine Spannung zwischen Hoffnung und Resignation: die Seele weiß um das Licht, sie sehnt sich nach ihm, aber sie ist noch in der Finsternis gefangen. Ästhetisch wirkt die Strophe durch ihre klare Kontraststruktur: Vision (V. 17–20) und ernüchternde Realität (V. 21–24). Die Sprache oszilliert zwischen zarter Innigkeit (geliebter Schein, Freude) und harten Mangelwörtern (muß, fehlet, gebricht).
Die Strophe wird so zum Zeugnis mystischer Liebespoesie: Die Seele als Braut sehnt sich nach dem himmlischen Bräutigam (Christus, das göttliche Licht). Doch statt der Vereinigung herrscht Trennung, statt des Tages die Nacht. Gerade dieses Noch-nicht, dieser Schmerz der Entbehrung, ist Teil des mystischen Weges: Die Erfahrung der Gottesferne wird zur Bedingung des umso brennenderen Verlangens.
1. Literarische Struktur und Bildlichkeit
Die Strophe ist in der Form eines innigen Seufzers gestaltet: Das lyrische Ich imaginiert die Freude, die es empfinden würde, wenn der »geliebte Schein« nach »so viel dunkler Nächte« endlich den Tag bringt. Das zentrale Bild ist die Metapher von Licht und Finsternis, die in der Mystik für göttliche Gegenwart und Abwesenheit steht. Das Licht erscheint als verheißungsvoller »geliebter Schein«, der mit Erlösung, Erkenntnis und Gottesnähe identifiziert werden kann. Die Finsternis dagegen symbolisiert die Phase der Gottesferne, der inneren Dürre oder der Nacht der Seele.
Die Verse 21–24 intensivieren dieses Bild, indem sie das Dasein des lyrischen Ichs einem Zustand des Mangels vergleichen: wie einer, dem das lebensnotwendige Licht fehlt. Durch die Doppelung »noch fehlet und gebricht« wird die existentielle Dringlichkeit unterstrichen.
2. Mystische Tradition
Silesius steht hier in einer langen mystischen Tradition, die den Gegensatz von Licht und Dunkel als Chiffre der Gotteserfahrung verwendet:
Meister Eckhart und Johannes Tauler beschreiben die Erfahrung der »geistlichen Nacht« als notwendige Voraussetzung für die Durchdringung mit göttlichem Licht.
Johannes vom Kreuz prägt im 16. Jahrhundert die Vorstellung der noche oscura (dunkle Nacht der Seele), die der Vereinigung mit Gott vorausgeht.
In dieser Tradition ist das lyrische Ich zugleich in Klage und Hoffnung verankert: es leidet am gegenwärtigen Mangel, sehnt sich aber nach dem Durchbruch des Göttlichen.
3. Literaturgeschichtliche Einordnung
Das Gedicht entstand im Barock, einer Epoche, die von starken Gegensätzen geprägt ist: Licht und Schatten, Leben und Tod, Diesseits und Jenseits. Der barocke Dualismus erscheint hier spirituell transformiert. Silesius verbindet die barocke Rhetorik – Antithese, Emphase, Wiederholung – mit mystischer Innerlichkeit. Die Bildsprache bleibt einfach und volksliedhaft, was typisch für viele seiner Gedichte ist: kurze, klare Verse, musikalischer Rhythmus, sprechnahe Form.
Gleichzeitig spiegelt die Strophe die existenziellen Grundfragen des Barock: die Vergänglichkeit alles Irdischen und die Ausrichtung auf das Göttliche. Silesius’ Dichtung zielt nicht auf abstrakte Theologie, sondern auf eine Erfahrungsdimension, die zwischen Klage und ekstatischer Hoffnung oszilliert.
4. Bedeutung innerhalb des Gedichts
Die dritte Strophe steht als Klimax der inneren Spannung: Sie stellt nicht nur das Fehlen des Lichts dar, sondern die Sehnsucht nach dessen Kommen. Im Ganzen des Gedichts erscheint sie als Wendepunkt: vom bloßen Warten und Klagen hin zu einem fast prophetischen Ton, der das ersehnte Licht antizipiert und dadurch den inneren Mangel noch stärker fühlbar macht.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Die dritte Strophe verdichtet die mystische Erfahrung von Gottesferne und -sehnsucht in barocker Bildlichkeit. Sie verknüpft die Tradition der dunklen Nacht der Seele mit der barocken Rhetorik von Antithese und Emphase und stellt damit ein Beispiel für die poetische Transformation mystischer Theologie in eine allgemein zugängliche lyrische Form dar.

Analyse – Strophe IV – Verse 25-32

25 Ei, brich doch auch herein,
Das »Hereinbrechen« ist mehr als ein poetisches Bild für den Sonnenaufgang: es ist ein mystisches Durchdringen. Die göttliche Sonne – Christus oder auch das innere Licht der Gottheit – soll nicht nur am Himmel erscheinen, sondern in die Seele des Betenden »einbrechen«. Der Ausdruck »Ei« betont ein inniges, fast sehnsüchtiges Aufmerken. Philosophisch geht es hier um die Durchdringung des Endlichen durch das Unendliche: die Seele wartet nicht auf äußere Erscheinungen, sondern auf die unmittelbare Präsenz des Göttlichen, das die Grenzen von Innen und Außen auflöst.
Das »Ei« ist ein Ausruf der Sehnsucht, beinahe ein Seufzer, der einer inneren Dringlichkeit Ausdruck verleiht. Psychologisch wirkt er wie ein Ausbruch aus der Erwartungsspannung, die sich über das ganze Gedicht aufgebaut hat: Der Sprecher kann das ersehnte Licht nicht länger außen lassen, er möchte, dass es in sein Innerstes »hereinbricht«. Das Verb »brechen« trägt eine doppelte Konnotation: einerseits die Gewalt des plötzlichen Durchbruchs, andererseits das Heilsame, das »Hereinbrechen« des Lichts in eine verschlossene oder verdunkelte Seele. Ästhetisch ist es ein Moment der Dramatik: ein Riss geht durch die Finsternis, der Einbruch des Göttlichen kündigt sich an.
26 Mein liebster Sonnenschein!
Die Sonne ist in der mystischen Sprache Silesius’ mehr als ein kosmisches Gestirn: sie ist Bild für Christus, aber auch für die ewige Gottheit selbst. »Sonnenschein« verweist auf die Ausstrahlung, das Hervorgehen des Lichtes, und im christlichen Trinitätsdenken ist dies vergleichbar mit der ewigen Zeugung des Sohnes aus dem Vater. Indem der Dichter das Licht »mein liebster« nennt, wird die Beziehung personalisiert und erotisiert: die Seele liebt Gott wie den Geliebten. Theologisch zeigt sich hier die Nähe zur Brautmystik des Hohenliedes: der Sonnenschein ist nicht nur kosmisches Phänomen, sondern personale Selbstmitteilung Gottes an das Ich.
Hier verdichtet sich die ganze Projektion der Liebe: Das Licht wird personifiziert als »liebster«. Das Psychologische ist dabei die innigste Bindung, eine fast erotische Zärtlichkeit, die den göttlichen Ursprung nicht auf Distanz hält, sondern ins Herz hineinzieht. Der »Sonnenschein« ist zugleich äußeres Naturphänomen und inneres Symbol des göttlichen Selbst. Ästhetisch liegt hier ein klassisches barockes Bild vor: die Sonne als Bild Christi oder des göttlichen Lichts, das im Herzen als wärmender Strahl wirksam wird.
27 Vertreibe meinem Herzen
Das Herz ist im mystischen Sprachgebrauch nicht nur das Zentrum der Emotionen, sondern der Ort der Einheit mit Gott. Es ist die Mitte der Person, dort, wo sich Schöpfung und Schöpfer begegnen. Dass der Beter bittet, Gott möge etwas aus dem Herzen »vertreiben«, verweist auf die Erfahrung, dass das Herz durch Fremdes, Dunkles, durch Sünde, Trauer, Getrenntheit verfinstert sein kann. Philosophisch wird hier der Gedanke der »Katharsis« spürbar: die Seele muss gereinigt, von Fesseln befreit werden, damit sie das göttliche Licht aufnehmen kann.
Die Bitte erhält eine fast therapeutische Note: das Herz ist Schauplatz von Dunkel, Schwermut, Schmerz. »Vertreiben« deutet auf einen Akt der Reinigung und Befreiung, der nur durch das Einwirken von außen (oder oben) möglich ist. Psychologisch: Das Ich erlebt sich als nicht selbstmächtig in der Heilung, sondern angewiesen auf ein »Gegenüber«, das die verdrängten Schattenkräfte auflöst. Ästhetisch: Die Sprache ist einfach, aber in ihrer Dringlichkeit von großer Dichte: ein imperativisches Rufen nach Rettung.
28 Die Finsternis und Schmerzen.
Hier wird die Bitte konkret: das Herz ist belastet durch Dunkelheit und Leiden. »Finsternis« meint nicht nur Trauer oder Sünde, sondern den Zustand der creatura in ihrer Getrenntheit vom Ursprung. »Schmerzen« sind Folge dieser Distanz: der Mensch erfährt sich als mangelhaft, unfertig, sehnsüchtig. Mystisch gesprochen: solange das Licht Gottes nicht durchscheint, bleibt die Seele in der Nacht der Abwesenheit. Theologisch erinnert dies an Johannes 1 »Das Licht scheint in der Finsternis« – Christus als ewiges Licht, das den Schmerz der Trennung aufhebt.
Die dunklen Gegensätze zum ersehnten Licht werden benannt. Psychologisch: Hier artikuliert sich das Leiden an der eigenen Existenz, an innerer Verlorenheit, an der Erfahrung von Leere und Trauer. Die Worte »Finsternis« und »Schmerzen« wirken wie existentielle Grundchiffren, die nicht nur individuelles Leid, sondern das allgemeine menschliche Daseinsgefühl beschreiben. Ästhetisch ist die Dunkelheit nicht nur Abwesenheit von Licht, sondern fast ein dichter Stoff, der durchdrungen und vertrieben werden muss.
29 Laß deine güldnen Strahlen
Das Bild der »goldenen Strahlen« verbindet das Irdische mit dem Himmlischen: Gold als Symbol der Unvergänglichkeit, Reinheit und Herrlichkeit. Philosophisch ist hier auch die platonische Tradition präsent: das Licht als Emanation des Einen, das alle Dinge durchstrahlt. Theologisch sind die Strahlen zugleich Gnade: nicht die Sonne selbst wird vollständig ergriffen, sondern ihre Ausstrahlungen – die Gaben, die Gnadenwirkungen Gottes. Die Bitte bedeutet: möge das Göttliche sich im Erfahrbaren mitteilen.
Die »güldnen Strahlen« bringen eine Dimension von Kostbarkeit und Herrlichkeit. »Gold« verweist auf Transzendenz, Unvergänglichkeit, das Göttliche. Psychologisch: Es geht nicht nur um Trost, sondern um Verklärung – das Licht soll nicht bloß heilen, sondern auch adeln, veredeln. Das Bild legt nahe, dass das Ich an der Schönheit des Lichtes teilhaben möchte, um selbst verwandelt zu werden.
30 Mich deine ganze Welt
Hier öffnet sich der Blick über das Private hinaus: nicht nur das Herz soll erleuchtet werden, sondern »deine ganze Welt« soll dem Betenden erfahrbar werden. Das göttliche Licht ist nicht exklusiv, sondern universal. Philosophisch erinnert dies an die Einheit von Makrokosmos und Mikrokosmos: wer im eigenen Herzen erleuchtet wird, sieht auch die Welt in göttlichem Licht. Theologisch bedeutet es: Christus erhellt nicht nur den Einzelnen, sondern die gesamte Schöpfung. Die Welt ist »deine«, also Gottes Eigentum – durch die Strahlen kann der Mensch sie in ihrem eigentlichen Grund erkennen.
Die Perspektive weitet sich: Das erbetene Licht soll nicht nur das Innere erhellen, sondern das gesamte Sein, die ganze Welt des lyrischen Ichs. Psychologisch: Es handelt sich um ein umfassendes Bedürfnis nach Integration – die Welt soll nicht mehr fremd, kalt oder zerrissen sein, sondern im Lichte des Göttlichen durchstrahlt und bewohnbar werden.
31 Erfreun und schöne malen:
Das Licht soll nicht nur vertreiben, sondern »erfreuen« und »malen«. »Malen« ist ein poetisches Bild für die imaginative Kraft des Lichts: es gestaltet, verleiht Farbe, Sinn, Schönheit. Philosophisch ist das eine Ästhetisierung des Seins: die Welt erscheint nicht neutral, sondern verklärt, wenn sie im göttlichen Licht gesehen wird. Mystisch heißt das: die Seele sieht alles »in Deo« – nicht mehr im Modus der Endlichkeit, sondern als Ausdruck der göttlichen Schönheit. Freude ist hier nicht oberflächlich, sondern die Freude des mystischen Schauens, die bei Meister Eckhart »Gelassenheit« heißt: die Welt ist Bild des Lichts, nicht Last der Finsternis.
Hier tritt die ästhetische Dimension ausdrücklich hervor: Das Licht soll die Welt nicht nur erhellen, sondern sie »schön malen«. Das ist eine Projektion des künstlerischen, gestaltenden Blicks: die Realität wird durch das göttliche Licht nicht verändert, aber in einem neuen Glanz, in einer verklärten Schönheit sichtbar gemacht. Psychologisch deutet dies auf das Bedürfnis nach Sinngebung: das, was zunächst trostlos erscheint, gewinnt Schönheit, wenn es im richtigen Licht gesehen wird.
32 Komm, komm, du Himmelsheld.
Der Schlussruf steigert sich in eine doppelte Anrufung »komm, komm«. Dies ist nicht nur Bitte, sondern fast Beschwörung. »Himmelsheld« ist eine ungewöhnliche Christusmetapher: sie vereint das Ritterlich-Machtvolle mit der Souveränität des Göttlichen. Christus ist nicht nur Licht und Geliebter, sondern auch Kämpfer, Überwinder der Nacht. Philosophisch verweist dies auf die dynamische Kraft des Guten, das das Böse vertreibt. Theologisch schließt sich der Kreis: der Sonnenschein ist der Auferstandene, der Sieger über Tod, Hölle und Sünde. »Held« betont, dass die Finsternis nicht einfach vergeht, sondern besiegt wird – durch das göttliche Licht, das in die Seele bricht.
Die Strophe schließt mit einem emphatischen Ruf. Das Doppelte »Komm, komm« unterstreicht die Intensität des Verlangens, die Dringlichkeit des Herzens. »Himmelsheld« ist ein barockes Epitheton für Christus oder die Sonne, die als göttlicher Kämpfer gegen Finsternis und Tod erscheint. Psychologisch liegt hier die Projektion einer rettenden Kraft, die übermächtig und zugleich innig ersehnt ist. Ästhetisch wird durch die martialische Metapher (»Held«) eine Dynamik aufgebaut: nicht nur Wärme, sondern Kampf, Sieg, Durchbruch gegen das Dunkel.
Fazit
Die vierte Strophe ist eine innige Sehnsuchtsbitte der Seele nach dem Einbruch des göttlichen Lichtes. Jeder Vers steigert die Bewegung: vom Hereinbrechen des Lichtes (25) über die intime Anrede des Geliebten (26), die Bitte um Heilung des Herzens (27–28), bis zur kosmischen Dimension des Erleuchtens der ganzen Welt (29–31) und zur triumphalen Anrufung Christi als Himmelsheld (32). Philosophisch verbindet Silesius platonische Lichtmetaphysik mit christlicher Gnadenlehre; mystisch klingt Eckhart und Johannes vom Kreuz nach; poetisch schwingt das Hohelied als Urtext der göttlichen Liebesmetaphorik mit.
Die vierte Strophe ist der emotionale Höhepunkt des Gedichts: Das lyrische Ich wendet sich mit aller Kraft an das ersehnte göttliche Licht. Die Strophe bündelt Sehnsucht, Verzweiflung und Vertrauen. Psychologisch gesehen offenbart sich hier der Zustand eines Menschen, der in innerer Finsternis lebt und sich nach einer durchdringenden, heilenden Begegnung mit dem Transzendenten sehnt. Das Bild der Sonne wird zu einer umfassenden Metapher für Liebe, Erlösung, Schönheit und Sinn.
Ästhetisch arbeitet Angelus Silesius mit einer Steigerung: vom Einbruch des Lichtes ins Herz (V. 25–28) über die Strahlen, die die ganze Welt erhellen (V. 29–31), bis hin zur Anrufung des göttlichen Helden (V. 32). Es ist ein Crescendo, das in einem fast ekstatischen Ausruf endet.
Insgesamt zeigt die Strophe, wie sich die Mystik des Barock im poetischen Bild auslebt: das Sehnen nach unmittelbarer Vereinigung mit Gott, das als innerer Kampf, als Heilung von Dunkelheit, und als ästhetische Verklärung erfahren wird. Es geht um mehr als Trost – es geht um die Verwandlung der gesamten Wahrnehmung der Welt im Licht des Göttlichen.
Literaturwissenschaftliche Einordnung
Die Strophe schließt den hymnischen Aufbau des Gedichts ab. Formal folgt sie dem barocken Liedstil mit Paarreimen und regelmäßigen Versmaßen, die die Andacht und Inbrunst des lyrischen Ichs unterstreichen. Inhaltlich richtet sich die Bitte direkt an Christus, der hier als »liebster Sonnenschein« und »Himmelsheld« angesprochen wird. Die allegorische Verbindung zwischen Sonne und Christus ist eine uralte Tradition der christlichen Dichtung: Christus als »Sol iustitiae« (Mal 4,2 – die »Sonne der Gerechtigkeit«) gehört zu den festen Symbolen der Patristik und wurde in der mittelalterlichen wie barocken Mystik besonders intensiv gepflegt.
Die Strophe zeigt eine klare Dynamik: Zunächst ruft das Ich den Geliebten auf, hereinzubrechen (V. 25–26) – ein geradezu gewaltsames, doch liebevoll flehendes Bild für das Eintreten der göttlichen Gnade. Dann folgt die Bitte um Verwandlung (V. 27–28): Die Dunkelheit und das Leid des Herzens sollen vertrieben werden. Der dritte Teil (V. 29–31) weitet den Blick von der individuellen Seele auf die gesamte Welt: Gottes Strahlen sollen nicht nur trösten, sondern die ganze Schöpfung verklären und »schöne malen« – eine ästhetische, fast künstlerische Formulierung, die das Schöpfungsgeschehen als göttliche Malerei beschreibt. Der Schlussruf (V. 32) »Komm, komm, du Himmelsheld« steigert die Dringlichkeit in eine innige Anrufung, die zugleich an die biblische Maranatha-Tradition erinnert.
Literaturgeschichtliche Einordnung
Diese Strophe ist typisch für die barocke Mystik, wie sie Silesius in seinem »Cherubinischen Wandersmann« (1675) und in seinen Liedern entfaltet hat. Während der protestantische Pietismus der Zeit stärker auf innere Buße und persönliche Heilsgewissheit fokussierte, betont Silesius – als Konvertit zum Katholizismus – die Einheit mit Christus in mystischer und poetischer Sprache. Seine Lyrik bewegt sich an der Schnittstelle von barocker Emblematik (Sonne = Christus, Dunkelheit = Sünde/Trauer) und mystischer Unio (die innige Verbindung zwischen Seele und Gott).
Das »Hereinbrechen« des göttlichen Lichts erinnert stark an die Bildwelt Johannes Taulers und Meister Eckharts, deren Schriften Silesius kannte. Zugleich findet man in der Formulierung »Himmelsheld« eine barocke Tendenz, Christus mit heroisch-triumphalen Begriffen zu ehren, die zugleich an die katholische Gegenreformation und ihre Triumphsymbolik anschließt.
Insgesamt ist diese Strophe ein Musterbeispiel für den barocken mystischen Liebesdialog: Sie vereint das Pathos der Sehnsucht mit allegorischer Klarheit und poetischer Zier. Sie zeigt, wie Silesius die alte christliche Bildwelt (Christus als Sonne, als Sieger über die Finsternis) in eine lyrisch verdichtete, intime Bitte verwandelt – und damit eine Brücke schlägt zwischen barocker Dichtungstradition, Mystik und liturgischer Bildsprache.

Gesamtanalyse

Erste Strophe (V. 1–8)
Die Sonne geht im Naturhimmel auf. Ihre Strahlen prangen auf den Höhen, und die Welt ist erfüllt von Helligkeit und Glanz. Doch der Sprecher fühlt eine Lücke: Während die sichtbare Sonne scheint, bleibt ihm das wahre Licht verborgen – Christus selbst. Die Spannung zwischen äußerem kosmischem Licht und innerem geistlichem Licht wird hier zum ersten Mal entfaltet. Theologisch gesprochen: die geschaffene Sonne ist nur ein Abglanz, eine vestigia Dei, sie weist hin, genügt aber nicht. Der Gläubige verlangt nach dem sol iustitiae, der Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20).
Zweite Strophe (V. 9–16)
Die Reflexion vertieft sich: Das natürliche Licht der Sonne ist nutzlos, wenn es das innere Auge, die Seele, nicht erhellt. Der Körper kann sich zwar am Tag orientieren, doch bleibt der »Himmel« des Innern trübe, wenn Christus, das wahre Licht, in ihm nicht aufgeht. Hier wird die anthropologische und mystische Dimension sichtbar: Es gibt ein doppeltes Sehen – das leibliche und das geistige. Der Mensch trägt eine »Höhle« in sich, die nur vom göttlichen Licht durchstrahlt werden kann. Philosophisch klingt hier eine Unterscheidung an, die schon bei Augustinus und den Neuplatonikern anklingt: äußere Erscheinung versus inneres Sein, Sinneslicht versus intelligibles Licht.
Dritte Strophe (V. 17–24)
Der Sprecher steigert den Ton zur sehnsuchtsvollen Hoffnung. Er imaginiert die Freude, die entstünde, wenn endlich der »geliebte Schein« in ihm aufginge. Nach so viel »dunkler Nächte« wäre dies die ersehnte Wende. Doch die Gegenwart bleibt gekennzeichnet von Mangel: er muss leben wie jemand, dem das Licht, das doch eigentlich Freude spenden sollte, vorenthalten bleibt. Auf dieser Ebene zeigt sich die existentielle Spannung des Christen im status viatoris: das Leben im Noch-nicht, die eschatologische Erwartung. Hier schwingt eine dunkle Nacht im Sinne mystischer Erfahrung mit: das Ertragen der Abwesenheit Gottes, das aber selbst zur Läuterung dient.
Vierte Strophe (V. 25–32)
Die Schlussstrophe ist ein drängendes Gebet. Der Sprecher ruft Christus an »Ei, brich doch auch herein, mein liebster Sonnenschein!« Die Bitte ist performativ, sie will den göttlichen Einbruch herbeirufen. Das Ziel: das Herz von Finsternis und Schmerzen zu befreien. Die »güldnen Strahlen« sollen nicht nur innerlich erleuchten, sondern die gesamte Schöpfung verklären und als »schöne Welt« sichtbar machen. Am Ende steht der direkte Ruf »Komm, komm, du Himmelsheld.« Damit wird Christus in seiner kosmischen und siegreichen Dimension angesprochen: er ist nicht bloß inneres Licht, sondern der transzendente Sieger, der zugleich den Einzelnen wie die Welt verklärt.
Theologisch-philosophische Gesamtschau
Das Gedicht entfaltet ein klassisches mystisches Spannungsfeld: Natur versus Gnade, äußere Sonne versus inneres Licht, Anbruch des Tages versus eschatologischer Aufgang Christi.
Struktur: Die vier Strophen bilden eine Bewegung von Beobachtung (äußere Sonne) über Reflexion (innere Sonne fehlt), über Sehnsucht (was wäre, wenn sie endlich erschiene) bis hin zum dringenden Gebet (flehentliche Anrufung des göttlichen Einbruchs). Es ist eine via mystica in Miniaturform: von der äußeren Welt zur inneren Not, von der Not zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Gebetsverklammerung.
Inhalt: Christus wird konsequent als wahre Sonne dargestellt. Das natürliche Licht hat seinen Wert nur als Hinweis, nicht als Erfüllung. Die Seele verlangt nach unmittelbarer Gegenwart Christi, ohne die auch die schönste Natur eine innere Leere lässt.
Metaebene: Silesius arbeitet mit einer barocken Bildsprache, die kosmische Metaphern mit existenzieller Frömmigkeit verbindet. Auf der tieferen Ebene ist es ein Gedicht über die Unzulänglichkeit der Welt im Vergleich zur unmittelbaren Gottesschau. Philosophisch lässt sich dies als Spannung zwischen Phänomen und Noumenon, Zeichen und Erfüllung, Sinneserscheinung und metaphysischem Sein deuten. Theologisch ist es Ausdruck der augustinischen Grundhaltung »Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.«
So erscheint das Gedicht in seiner Vierstrophigkeit als kleine geistliche via purgativa – via illuminativa – via unitiva: Von der Erfahrung der Dunkelheit über die Sehnsucht nach Licht zur Bitte um unmittelbare Vereinigung mit Christus, der wahren Sonne.

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